-
Themen
-
Monatsarchiv
-
Links
-
Views
- Gedanken zu „Bittere Fragen – Villa Heimburg“, Borstrasse 15 - 44.126 Aufrufe
- Was uns Häusernamen sagen können (Teil 1) - 23.768 Aufrufe
- Im Archiv gestöbert: Von Ratibor nach Radebeul – Theodor Lobe - 20.530 Aufrufe
- Karl Kröner zum 125. Geburtstag - 19.941 Aufrufe
- Sommerabend in der »Villa Sommer« – ein Rückblick - 19.894 Aufrufe
- Das Weingut »Hofmannsberg« - 18.303 Aufrufe
- Das historische Porträt: Johann Peter Hundeiker (1751-1836) - 17.282 Aufrufe
- Im Archiv gestöbert: Das Landhaus Kolbe in Radebeul - 16.858 Aufrufe
- Laudationes - 15.990 Aufrufe
- Kein »helles Schlaglicht«. Zur neuen Sonderausstellung der Hoflößnitz - 15.528 Aufrufe
Nachruf auf Herbert Graedtke (09.12.1941 – 18.09.2024)
Fr., 1. Nov.. 2024 – 00:03
Gegangen, um in Erinnerung zu bleiben
Fr., 1. Nov.. 2024 – 00:02
Ein sehr persönlicher Nachruf auf Herbert Graedtke (*9.12.1941, +18.9.2024)
Im Sommer 1994 hatte mich Dietrich Lohse, Vater eines meiner engsten Schulfreunde, angesprochen und mich gefragt, ob ich denn nicht Interesse hätte, für „Vorschau & Rückblick“ zu schreiben. Schließlich sei ich als Student der Germanistik ja prädestiniert dafür. Bei meinem ersten Besuch in der Redaktion im September stellte ich der Runde aus erfahrenen Schreibern – darunter Wolfgang Zimmermann und Dieter Malschewski – die Frage, worüber ich denn überhaupt schreiben sollte? Wie denn ein Thema zum Schreiber käme – oder müsste dieser sich ein Thema etwa suchen? Ich kann den genauen Ablauf natürlich nicht mehr rekapitulieren, aber eines weiß ich: Dieter Malschewski hatte schließlich festgelegt, dass ich im Herbst einmal über eine Premiere an den Landesbühnen Sachsen schreiben sollte, ich möge doch bis zur nächsten Redaktionssitzung mal schauen, was mich anspräche. Mit diesem Auftrag versehen widmete ich mich dem Spielplan und stellte fest, dass im November die Premiere von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ anstünde. Von diesem Stück hatte ich schon gehört. Ich fand auch heraus, dass die Hauptrolle des Willy Loman Herbert Graedtke spielen würde, was mich sofort elektrisierte, denn dieser Schauspieler war nun wiederum der Vater eines weiteren sehr guten Freundes, Sascha Graedtke (der einige Jahre nach mir auch zur „Vorschau“ stoßen sollte und inzwischen verantwortlicher Redakteur ist). Ich hatte Herbert Graedtke in den Jahren zuvor das eine oder andere Mal getroffen, war als ein Freund seines Sohnes mit ihm bekannt gemacht worden. Manches Mal hatten Sascha, weitere Freunde und ich nach einer Aufführung an den Landesbühnen noch in der Theaterkneipe oder der „Goldenen Weintraube“ gesessen und über das gesehene Stück gesprochen, gelegentlich kam Herbert Graedtke dann zu uns jungen Leuten dazu und bereicherte die Runde mit Anekdoten und Kommentaren. Bei der Redaktionssitzung im Oktober 1994 schlug ich Dieter Malschewski deshalb vor, dass ich begleitend zur Premiere ja auch den Protagonisten interviewen und ein Porträt für das November-Heft 1994 verfassen könnte. Dieser Vorschlag wurde gelobt und so vermittelte mir mein Freund Sascha einen Besuchstermin bei seinem Vater. Am 12. Oktober 1994 betrat ich also aufgeregt das Haus des Schauspielers in der Niederlößnitz, was die Voraussetzung für meinen allerersten Artikel in „Vorschau & Rückblick“ war, der im Heft 11/94 unter dem Titel „Tod eines Handlungsreisenden oder das Leben eines Schauspielers“ erschien. In diesem Beitrag schlug ich einen biografischen Bogen und berichtete von Graedtkes Werdegang von den Anfängen im Berlin der Nachkriegsjahre, seinem Studium an der Filmhochschule Babelsberg ab 1960, seinen ersten Rollen in Zeitz und dann ab 1965/66 in Radebeul, seinen Ausflügen in den Film und wie er sich auf die bevorstehende Premiere vorbereitete.1
Damals, Mitte der 1990er Jahre, war Herbert Graedtke unter allen Schauspielern der Landesbühnen Sachsen derjenige, der am sichtbarsten in die Stadtgesellschaft Radebeuls ausstrahlte und mit seiner Lebens- und Gestaltungsfreude Menschen für Ideen begeisterte. Er war Mitbegründer des Fördervereins des Internationalen Wandertheaterfestival Radebeul und sein langjähriger Vereinsvorsitzender, das seit 1996 mit dem Herbst- und Weinfest in Kötzschenbroda eine harmonische Allianz eingegangen ist und dem Herbert Graedtke mehr als zwei Jahrzehnte als volksnaher Bacchus mit den Weinköniginnen an der Seite seinen Stempel aufdrückte. Einige Jahre zuvor, 1992, hatte er die Karl-May-Festtage mitbegründet und den berühmt gewordenen Sternritt initiiert, wobei ihm seine Verbindungen in die Karl-May-Fanszene zupass kamen, schließlich hatte Graedtke damals schon einige Jahre auf der Felsenbühne Rathen sowohl als Old Shatterhand agiert als auch ab 1987 Regie geführt. Auch das Karl-May-Fest überdauerte die Nachwendeeuphorie und ist inzwischen ein fester Bestandteil des Veranstaltungskalenders in Radebeul und Pflichttermin für die zahlreichen Karl-May-Fans aus Deutschland und darüber hinaus. Kein Wunder, dass Graedtke dann 2006 für sein umfangreiches Engagement mit dem Kunstpreis der Stadt Radebeul geehrt wurde, bevor er im Sommer 2007 aus dem Ensemble der Landesbühnen ausschied und in den nächsten Jahren zahlreiche Engagements in der Theaterlandschaft Dresdens annahm, so u.a. an der Comödie Dresden und als Märchenerzähler in der Yenidze. Das letzte Mal, als ich Herbert Graedtke auf der Bühne erlebte, war im Juni 2019 in einer Inszenierung der „Lustigen Witwe“ an der damals gerade neueröffneten Staatsoperette Dresden im Kraftwerk Mitte. Ich merkte Herbert – längst duzten wir uns – an, dass er körperlich schon nicht mehr ganz der Alte war, ich wusste von gesundheitlichen Beschwerden. Meines Wissens markiert das Engagement als Gast an der Staatsoperette das Ende seiner fast 60 Jahre währenden Bühnenkarriere. Zwei Jahre später, Ende Mai 2021, hatte Herbert seinen wahrscheinlich letzten Auftritt vor großem Publikum, als ihn der Intendant der Landesbühnen, Manuel Schöbel, vor einer Neuinszenierung des „Winnetou“ auf der Interimsspielstätte im Lößnitzgrund für seine Verdienste als Mitwirkender bei Karl-May-Inszenierungen ehrte (siehe dazu auch mein Interview im Heft 7/2021).
Ich weiß nicht, wie ich damals vor 30 Jahren als junger Mann auf den weltgewandten, etablierten und renommierten Schauspieler gewirkt hatte. Danach hatte ich ihn nie befragt. Meinen Artikel musste ich vor Drucklegung Korrektur lesen lassen, das hatten wir so ausgemacht und das war mir als Neuling auch sehr angenehm. Schließlich wollte ich mich ja nicht blamieren! Unserem Treffen sollten noch etliche mehr im Laufe der nächsten 25 Jahre folgen, die allesamt im privaten Raum stattfanden, anlässlich von Familienfeiern oder aber auch zur gemeinsamen Weinlese. Immer erlebte ich Herbert als einen unterhaltsamen Gesprächspartner, der bereitwillig über sich und seine gerade einstudierten Rollen Auskunft gab. Sein leicht schnoddriger, berlinerisch gefärbter Dialekt kam in einem wunderbar weichen Timbre daher, mit seiner Stimme nahm Herbert Zuhörer für sich ein. Herrlich, mit wieviel Liebe er auch über seine Tiere sprach, jahrelang ließ er nahe des Bahndamms der Schmalspurbahn Schafe weiden, hatte er auch Tiere um sich zu Hause. Bewundernswert, wie er sich später im Unruhestand auch politisch engagierte und für die SPD im Stadtrat saß. Gesellschaftlich-politische Missstände wollte er verändern helfen, auch gegen Widerstände.
Herbert Graedtke hat also viele Spuren hinterlassen und unserer Stadt und seinen Bewohnern über Jahrzehnte mit seiner Ausstrahlung gedient und sein Publikum begeistert. Die Trauergemeinde anlässlich seiner Beisetzung am 23. Oktober auf dem Friedhof Radebeul-Ost war deshalb groß und ein Ausdruck des Respektes, den dieser verdienstvolle Mitbürger genießt. Neben ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, Lokalpolitikern und Künstlern war auch die Radebeuler Bürgerschaft insgesamt vertreten. Viele davon trugen ihre ganz persönlichen Gedanken an den Schauspieler, engagierten Mitbürger und Freund mit sich und verabschiedeten sich von einem Menschen, an dem man sich nur mit Dankbarkeit und einem Lächeln erinnern kann. Danke, Herbert, für deine Kunst und Menschenfreundlichkeit.
Bertram Kazmirowski
100 Jahre Museum Hoflößnitz, Teil 11
Fr., 1. Nov.. 2024 – 00:01
Das »Churfürstliche Weinbergfest« vom 3. bis 6. Oktober hat in diesem Jahr einmal mehr tausende Besucher begeistert, und ein Grund für den besonders großen Andrang am Sonntag war zweifellos der mit 150 kostümierten Teilnehmern (gar nicht so) kleine Winzerzug vom Hörningplatz zur Hoflößnitz, dessen Strecke von einem dichten Spalier schaulustiger Weinfreunde gesäumt war. Im Jubiläumsjahr durfte eine solche Parade nicht fehlen, denn fast auf den Tag genau 100 Jahre vorher, wir hatten es in Teil 7 erwähnt, war, organisiert durch den Vorstand des jungen Museums, der erste große neuzeitliche Winzerzug durch die Straßen der Lößnitz marschiert, beim damals ebenfalls von 3. bis 6. Oktober veranstalteten Winzerfest der Lößnitz 1924, dem hier ein kleiner Exkurs gewidmet sei. Die ›Dresdner Neuesten Nachrichten‹ nannten es tags darauf
»Ein Fest der Hunderttausend«
Wie der edel gestalteten Festschrift zu entnehmen ist, ging die erste Initiative dazu von Ewald Bilz, Mitinhaber des Bilzsanatoriums, aus, den an einem schönen Maienmorgen 1924 beim Rundblick vom anstaltseigenen »Mäuseturm« folgende Vision anwandelte: »Wie Nizza seinen alljährlichen berühmten Karneval hat, zu welchem aus aller Welt die Besucher herbeiströmen, so wird auch unsere Lößnitz in Zukunft ein alljährlich wiederkehrendes großes Heimatfest feiern, in dem die prunkvollen Winzerfeste zur Zeit August des Starken ihre Wiederauferstehung erfahren sollen.« Am 22. Juli trug Bilz die Idee im Oberlößnitzer Kurausschuss vor, der beschloss, »der Lößnitz ein altes sinniges, durchaus bodenständiges Volksfest wiederzugeben, in dessen Mittelpunkt das Heimathaus Hoflößnitz stehen sollte«. Die künstlerische Leitung wurde Museumsvorstand Dr.-Ing. Alfred Tischer übertragen. Die erste Vorbesprechung, zu der alle Vereine der Gegend eingeladen waren, fand am 1. August in der »Goldenen Weintraube« statt. Dr. Tischers Appell, dass gerade der Ernst der von politischer und wirtschaftlicher Not geprägten Zeit erfordere »darüber nachzudenken, mit welchen Mitteln es möglich ist, der Volksseele einige Tage der Erfrischung und Erbauung in dem trüben Grau des Alltags zu bieten«, fand dort breiten Anklang. Gut 60 Vereine erklärten sich zur Mitwirkung bereit, und die Übersicht der für die Festvorbereitung gebildeten Ausschüsse liest sich wie das Who-is-Who der Lößnitz.
Dass wir uns heute noch ein lebendiges Bild vom Höhepunkt des Festes, dem Winzerzug am 5. Oktober von der Hoflößnitz über Radebeul nach Kötzschenbroda, machen können, liegt daran, dass die Organisatoren die »Heimatfilm-Gesellschaft Dresden« ins Boot holten, um das Ereignis mit dem »Zaubermittel« der Kinematographie zu verewigen. 2015 hat das Stadtarchiv Radebeul dieses Zeitdokument mit einer von Manfred Kugler gestalteten musikalischen Tonspur auf DVD herausgegeben (»Winzerfest der Lössnitz [!], ca. 40 min). Es zeigt, was der DNN-Reporter so schildert:
»Was alte Bilder nur zeigen konnten, was Phantasie des einzelnen sich ausgedacht, das zog mit zahllosen Wagen, Reitern, zu Fuß und in jeder Kostümierung vorüber. Winzer in alten Trachten. Musikkapellen in Uniformen vor 80 Jahren. Ein prächtiger Festwagen des Herbstes, Allegorie aus dem Barock, mit allen Genien und Geistern, die dazu gehören. Bacchus im Siegeswagen, Bacchantinnen und Bacchanten. Ein Amor auf der Tonne mit seinem Gefolge. Nach dem mythologischen ein historischer Teil, Gardisten, Kapellen, Barockuniformen. Kostbare alte Wagen aus kurfürstlicher Zeit. Herren und Damen in alter Tracht, aus den alten Postkutschen grüßend. Der dritte Teil des Festzuges ist dem Weinbau und der Weinbereitung gewidmet. Der Kapelle zu Fuß folgt der Bergvogt und Bergmeister zu Pferde. Der berühmte Winzer des Barock, Paul Knoll, ist mit dabei. Und der älteste Winzer der Lößnitzorte, ein 90jähriger, fährt mit. Biedermeier-Gestalten, Bürger und Bürgerinnen, Winzer und Winzerinnen, allerhand Volk. Weinbutten und Riesentraube. Preßbeilträger und Pritschenleute. Wagen des Weinbaues, der Kelterei, der Böttcherei, auch ein heiteres Weinpantscherbild, die Sektbereitung, der Flaschenabzug, Ausschank und vieles andre. Und zum Schluß Obstbau und Landwirtschaft. Die Üppigkeit der Lößnitz-Früchte und Blumen feiert hier Triumphe! Endlos der Zug. Großartig die Zuschauermasse, die seit dem Vormittag mit der Eisenbahn, der Straßenbahn, im Auto, Wagen, zu Rad und zu Fuß hinausgeströmt war in die Lößnitz. Hunderttausend Menschen und mehr haben sich an diesem bunten Zug gefreut.«
Die Presse urteilte einhellig: Das Fest und der 1400 Mitwirkende umfassende Festzug seien »ein gewaltiger Erfolg« (›Dresdner Nachrichten‹) gewesen, und: »Es wird gewiß nicht wieder 84 Jahre [wie seit dem Winzerfest von 1840] dauern, bis das nächste folgt.« (DNN) Tatsächlich sollten bis zu einem vergleichbaren Winzerfestzug durch ganz Radebeul sogar noch ein paar Jährchen mehr vergehen, bis 2015, womit wir wieder bei der jüngeren Geschichte der Hoflößnitz angelangt sind. (Schluss folgt.)
Frank Andert
Editorial
Fr., 1. Nov.. 2024 – 00:00
Und schon wieder neigt sich ein überaus ereignisreiches Jahr dem Ende zu!
Die Natur zeigt sich dieser Tage nochmals mit großer Kraft und vollster Farbenpracht, bevor der November im üblich düsteren Grau versinkt.
Was für ein Jahr für Radebeul?! Die Festivitäten und Veranstaltungen zu „3 x 100“, 100 Jahre Stadtrecht Radebeul, Stadtrecht Kötzschenbroda und Weinbaumuseum Hoflößnitz finden ihren Abschluss.
Der traurige Anblick aller Weinberge nach dem verheerenden Spätfrost im Frühjahr wich einem gewissen Trost im Herbst, wo die Winzer in Abhängigkeit ihrer Lagen doch noch den einen oder anderen hoffnungsvollen Tropfen in die Fässer brachten.
Mit den fallenden Blättern schließen nun leider auch die herrlichen Straußwirtschaften, mal versteckt, mal gipfelthronend, immer wieder zu ausgedehnten Spaziergängen zwischen den Weinbergen einladend.
Wer alsbald ein gemütliches Plätzchen mit regional-kulinarischen Freuden sucht, dem sei die in diesem Jahr neueröffnete Lößnitzbar auf dem Gelände des Lößnitzbades empfohlen. Mit Stil und Leidenschaft wurde der einst öde Gastraum zum gern Verweilen hergerichtet, und bietet mit Ausstellungen, Livemusik oder Lesungen ein überaus buntes kulturelles Angebot. Lassen Sie sich überraschen!
Ein anderer Gasthof, seit Jahren in Gestalt des Lügenmuseums erlebbar gewesen, wird wohl hingegen (für immer?) verschlossen bleiben.
Aber vielleicht ist das auch nur eine Lüge…
Sascha Graedtke
Zum Titelbild
Di., 1. Okt.. 2024 – 00:11
Und dann steht alles plötzlich auf Abschied: Die farblich so schön gefaßten Wälder werden nach und nach kahl und über die trostlos stoppelig grauen Felder bläst ein steter rauer Wind und läßt erkennen, daß er bald auch anders kann. Wer jung ist, oder jung geblieben, hat sich in aller Heimlichkeit jedoch schon genau darauf gefreut: endlich wieder Drachen steigen lassen und so ein paar „Himmlische Augenblicke“ ganz eigener Prägung schaffen zu können.
Das Blatt für den Oktobermond stammt – anders als die bisherigen Titelgrafiken – aus dem Jahr 1998. Da war der Künstler selbst noch ein gutes Vierteljahrhundert vom eigenen Herbst entfernt und vielleicht sogar noch nah genug an eigenen „Drachenerlebnissen“.
In der für seine Flächenholzschnitte typischen knappen Zeichnung wird wieder eine ganze Welt lebendig: karge graue Stoppelfelder, eine mit Haus und Turm an den Hang geschmiegte Stadt, ein weiter, von einzelnen Wolkenspielen bevölkerte Himmel und schließlich die beiden Menschenkinder mit ihrem Drachen sind wirkungsvoll in Szene gesetzt.
Noch als Betrachter spüre ich den frischen Wind, und gleich fühle ich mich zurückgesetzt in die Freude an der „Drachenpost“, die wir nicht müde wurden, dem frohen Flieger an der langen Leine zuzusenden.
Lebhaft erinnere ich mich, wie immer einer von uns zum Markt fahren mußte, neue Drachenschnur zu kaufen, denn „Unserer“ wollte, wie wir selber späterauch, immer weiter und weiter weg.
Nun holt Michael Hofmann mit einem Holzschnitt „himmlische Augenblicke“ einer vergessen geglaubten Welt in den Herbst des eigenen Lebens zurück.
Thomas Gerlach
Radebeuler Miniaturen
Di., 1. Okt.. 2024 – 00:10
Nur-Kurz
Noch wird gelacht am runden Tisch, aber dem Lachen fehlt die Freiheit: Die Heiterkeit ist brüchig.
Die allgemeine Rede dreht sich um allfällige Wahlen, die damit verbundenen Namen und die daraus und aus den zugehörigen Gesichtern zu ziehenden Schlüsse – hochexplosiv das Gemisch.
Noch gelingt es dem Wirt, durch gelegentliches Verteilen von Biergläsern, die Stimmung etwas zu entkrampfen.
Gänzlich entspannt wird’s mit dem Auftauchen eines echten Adligen am Stammtisch: Ernst-Heinrich von Tiefenbach-Höhenzug. Schon sein erster Satz endet in homerischem Gelächter: Namen – was soll ich dazu sagen … er lacht so dröhnend, als sollten alle Höhenzüge dieser Erde bersten.
Lacht ihr nur, fängt sich Heino Himmel-Reich als erster, du mußt dich zu deinem Namen bekennen, dann bist du schon so gut wie im Paradies. Da lacht Ernst-Heinrich gleich noch viel mehr. Du hast gut Reden …
Wollte ich auch grad sagen, fällt Claire Grube-Fischer ein. Ein solches Bekenntnis ist mir schon immer schwergefallen.
Sag ich doch, ruft Sara-Alice Voller-Ernst dazwischen, Name ist Schicksal und Schicksal will bestanden sein. Es hat keinen Zweck, sich dagegen aufzulehnen. Selbst wenn uns heute alle Möglichkeiten offen stehen, Namen zu ändern, den Stallgeruch wirst du nicht los.
Vielen Dank für den Geruch, flötet Claire dazwischen, doch Ernst-Heinrich meldet sich wortstark und laut zurück: Ein Freund von mir, Wilhelm-August von Kaiser-Friedrich, meint, er habe den Namen verliehen bekommen. Er würde ihn gern zurückgeben, wisse aber nicht, wo. Aber das ist doch jetzt ganz einfach, ruft Cindy-Laureen Hufe-Schmied erregt, gehst aufs Amt, sagst Bescheid, und die Sache ist geritzt.
Geritzt ha, ha, ha, Ernst-Heinrich wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln, geritzt …
Wenn das so einfach ist, lacht Berno Ober-Vogelsang, wird der Name endgültig zum Seelenspiegel – es sei denn, fällt ihm einer ins Wort, der bisher geschwiegen hat, es gelingt dir, dich hinter dem Namen zu verbergen. Seht mich an, sagt er und erhebt sich in ungeahnte Höhen, so groß ich bin, ist doch mein Name nur kurz.
Und wie heißt du?!
Sagte ich das nicht? Nur-Kurz, mit Bindestrich …
Thomas Gerlach
Eine Glosse
Di., 1. Okt.. 2024 – 00:09
Es war einmal…
…ein König in deutschen Landen. Sein Reich war nicht sonderlich bedeutend. Es lag zwischen einem Fluss und einer Bergkette und war nicht viel größer als 125 sächsische Hufe. Auch die Anzahl der Untertanen fiel mit etwa 32.986 so klein aus, dass sich der König kein eigenes stehendes Heer leisten konnte, gab es doch im Reich nach der königlichen Statistik nur annähernd neuntausend wehrfähige Männer, die ja auch noch seinen Reichtum mehren sollten. Und weil der König in allerlei Wissenschaften gebildet war, ließ er Straßen bauen. Nicht etwa in Richtung Osten wie so manch anderer Despot, nein, vielmehr Fluss aufwärts zu dem benachbarten mächtigen Königsreich am Strom, das zwölfmal so groß war als sein Land. Überhaupt war dort alles viel größer und schöner als in seinem Reich. Und weil der kleine König ein weiser Herrscher war, lässt er die Post- und Verbindungswege instandhalten, damit seine Untertanen Geschäfte mit den Nachbarn abschließen können und die dabei gewonnenen Dukaten heim ins Reich tragen. Das erspart dem kleinen Königreich viele Aufwendungen und Anschaffungen. So verzichtete der König gar auf einen modernen Bahnhof für den „Schnellen Pfeil“, wie sich die Weiterentwicklung des Saxonia-Express nannte, die den Untertanen eine unkomplizierte Verbindung in die Welt ermöglicht hätte. Solange die Grenzen der Nachbarreiche noch geöffnet waren, funktioniert die Reisetätigkeit ja auch so.
Der König machte also sich und der königlichen Verwaltung in vielen Dingen nicht nur einen schlanken Fuß, sondern halt auch einen schlanken Haushalt. Hier handelte das Oberhaupt getreu dem Kanzler des Reiches, der für viele Ausgabenposten einen rigiden Sparkurs verordnet hatte, um an anderen Stellen die Dukaten im wahrsten Sinne des Wortes wieder zum Fenster hinauszuwerfen. Damit sei hier nicht auf den schweren Fall vom Kanonenfutter oder auf das tragische Schicksal des Kanzlers Krell verwiesen. Die Zeiten aber ändern sich halt gelegentlich, was eigentlich ja nicht schlecht ist und andererseits aber nicht automatisch bedeutet, dass man sie verstanden hätte – die Zeiten.
Nun kann man diesem kleinen König wahrlich keine Vetternwirtschaft nachsagen – zumindest ist in dieser Hinsicht nichts bekannt geworden. Aber er war eben auch ein richtiger König, und so manche seiner Bocksprünge konnten die Untertanen nicht nachvollziehen. Zwar mühte er sich redlich, doch ob die damals geplanten und ausgegebenen Gelder für eine riesige Kasper-Arena wirklich sinnvoll angelegt waren, wenn die Zahl der nachkommenden Kinder von Jahr zu Jahr sanken und in fünf Jahren um rund elf Prozent abgenommen hatte, muss bezweifelt werden.
Nun mag es freilich für einen König keine leichte Aufgabe gewesen sein, ein Königreich in die richtige Bahn zu lenken. Aber wozu hatte er seine Untertanen? Damit waren freilich nicht die 32.636 Einwohner gemeint. Die sind allemal wichtig – zum arbeiten und zum Fähnchen schwenken bei festlichen Anlässen. Aber was ist mit den 350 Bediensteten, die für die Kernaufgaben seines Reiches zuständig waren? Bei so viel Wissen und Erfahrung hätte doch das kleine Königreich goldenen Zeiten entgegengehen und nicht mit 13 Millionen Dukaten bei den Geldverleihern, Wucherern und Halsabschneidern in der Kreide stehen müssen? Aber die Bediensteten waren eben nur Befehlsempfänger und ihre guten Ideen haben sie lieber für sich behalten, denn Widerspruch duldete der kleine König nicht.
In dieser Situation hätte sich das Königreich eigentlich keine weiteren Extrawürste leisten können, denkt der normal veranlagte Bewohner eines jedweden Landes. Aber weit gefehlt! Da sollte in den nächsten Jahren ein Palast für 9 Millionen Dukaten entstehen und ein Gebäude für die Preziosen-Sammlung des Königs. Das war zu viel für das kleine Königreich. Auch eine Erhöhung der Pfannenkuchensteuer konnte die königliche Schatulle nicht mehr füllen. Der König musste den reichen und mächtigen Nachbarn um Hilfe bitten. Der zahlte die Schulden und schluckte das kleine Königreich, dessen Bewohner nun für den mächtigen König arbeiten mussten. Dabei waren sie doch einstmals so stolz auf ihr kleines Land.
Diese Geschichte erzählt, nicht nur für die Leser von Vorschau & Rückblick,
Euer Motzi
13. Thematischer Filmclubabend
Di., 1. Okt.. 2024 – 00:08
Das Radebeuler Wanderkino „Film Club Mobil“ zeigt am 17. Oktober 2024 um 19 Uhr im Alchemistenkeller der Alten Apotheke (Altkötzschenbroda 48) den DEFA-Film „Sonnensucher“. Der Film zählt zu den sogenannten Verbotsfilmen der DDR, was aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar ist.
Der Regisseur Konrad Wolf (1925–1982) wurde mit Filmen wie „Der geteilte Himmel“ (1964), „Ich war neunzehn“ (1968) und Solo Sunny (1980) international bekannt und gilt als einer der wichtigsten Regisseure in der DDR. Dass er sich dem komplexen und konfliktreichen Thema des Uranbergbaus der sowjetisch-deutschen Wismut AG auf dem Gebiet der DDR zugewendet hat, mag nicht zuletzt in seiner ungewöhnlichen Biografie begründet liegen. Die Jugend verbrachte er mit der Familie im Moskauer Exil. Sein Vater war der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf (1988–1953). Als Siebzehnjähriger trat er in die Rote Armee ein und gehörte als Neunzehnjähriger zu den Truppen, die 1945 Berlin eingenommen haben. Bis 1954 studierte Konrad Wolf an der Moskauer Filmhochschule und arbeitete danach bei der DEFA. Eine produktive Zusammenarbeit verband ihn über viele Jahre mit dem Kameramann Werner Bergmann (1921–1990), der über reiche Erfahrungen als Fotograf und Dokumentarfilmer verfügte.
Das Filmdrama „Sonnensucher“ ist als eine Art Appell für das Menschliche im Menschen zu verstehen. Wolf wollte zeigen, dass durch die gemeinsame Arbeit aus Hass und Misstrauen Freundschaft werden kann. Doch Wolf geriet zwischen das politische Tauwetter und die starre Borniertheit ängstlicher Funktionäre. Schon während des Entstehens lastete auf dem sehr realistischen Film der Vorwurf des Antisowjetismus. Es wurden Szenen gekürzt, gestrichen und nachgedreht. Als der Film 1958 endlich fertiggestellt war, wurde er schließlich verboten. Erst ab 1972 kam es zu öffentlichen Aufführungen und im Jahr 1975 wurde der Film mit den „Kunstpreis der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ ausgezeichnet.
Unabhängig von der schwierigen Entstehungsgeschichte des Films „Sonnensucher“, handelt es sich um ein interessantes Zeitdokument des Wismut-Alltages im Erzgebirge aus den frühen Jahren der DDR. Konrad Wolf war es gelungen, ein außerordentliches Ensemble zusammenzustellen mit hervorragenden Schauspielern, welche die widersprüchlichen Charaktere der Akteure überzeugend verkörpert haben. Vor allem Manja Behrens (Emmi) und Erwin Geschonneck (Jupp) beweisen ihr komödiantisches Talent. Die spritzigen Szenen voller (über)lebenskluger Gewitzheit nehmen dem Film seine mitunter ideologisch überfrachtete Schwere. Spannend ist auch, dass Lotte, dargestellt von der bei Drehbeginn 16jährigen Ulrike Germer, durch ihre Beziehungen zu sehr unterschiedlichen Männern nicht zerbricht, sondern reift und an innerer Stärke gewinnt. Der hohe künstlerische und menschliche Anspruch macht diesen frühen DEFA-Film auch heute noch sehenswert.
Sonnensucher
Fertigstellung 1958, im Kino ab 1972, Spielfilm, DDR, DEFA, 111 Min., s/w, FSK 12
Regie: Konrad Wolf; Drehbuch: Paul Wiens, Karl Georg Egel; Musik: Joachim Werzlau; Kamera Werner Bergmann; Schnitt: Christa Wernicke; Besetzung (Auswahl): Ulrike Germer, Günther Simon, Erwin Geschonneck, Manja Behrens, Wiktor Awdjuschko, Willi Schrade
Kurzinhalt: Der Film spielt im Jahr 1950 – ein Jahr nach Gründung der DDR, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und fünf Jahre nach den US-amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Das atomare Wettrüsten hat begonnen und Uran wird als Rohstoff dringend gebraucht.
Die komplexe Gemengelage der großen Weltpolitik hinterlässt Spuren auch im Alltag jedes einzelnen Menschen. Zwei Frauen unterschiedlichen Alters, deren Wege sich mehrfach kreuzen, versuchen sich in der Nachkriegszeit durchs Leben zu schlagen. Die etwas schüchtern wirkende Lotte ist eine Waise und fast noch ein Mädchen. Emmi hingegen, welche früher in einem Zirkus aufgetreten ist, wirkt selbstbewusst und couragiert. Mit Prostitution verdienen sich beide ihr Geld. Bei einer Razzia werden sie aufgegriffen und zur Arbeit im Uranbergbau verpflichtet. Dort treffen die verschiedensten Menschen aufeinander, darunter Idealisten, Abenteurer und Karrieristen, aber auch Huren, Gestrandete und ehemalige NSDAP-Mitglieder. Konflikte zwischen der sowjetischen Betriebsleitung und den deutschen Arbeitern sind an der Tagesordnung. Fachleute sind rar und die Arbeitsunfälle häufen sich. Während Emmi ihrem einstigen Zirkuspartner, dem Kommunisten Jupp wiederbegegnet und die alte Liebe neu entflammt, hat sich Lotte in den ungestümen Bergmann Günter verliebt. Weil der sich jedoch als wenig sensibel erweist, verlässt sie ihn schließlich. Als nun der Obersteiger Franz Beier ernsthaft und ausdauernd um sie wirbt, gibt sie dessen Werben nach und wird seine Frau. Als ihm Lotte gesteht, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwartet, schickt Franz sie nicht weg. Er hat Lotte gern und will dem Kind ein guter Vater sein. Doch kurz darauf stirbt er bei einem Grubenunglück. Lotte lebt nun allein mit ihrem Kind. Ihre große, aber unerfüllte Liebe gilt noch immer dem Ingenieur Sergej, dessen Frau im Krieg von Deutschen ermordet wurde. Erst am Tag seiner endgültigen Rückkehr in die Sowjetunion bekennen sich beide zaghaft zu ihren Gefühlen, wohlwissend, dass ein Zusammenleben niemals eine Chance haben würde. Doch beide sind noch jung. Sie stehen am Anfang ihres Weges. Und so verabschiedet sich Sergej mit den zuversichtlichen Worten: Du wirst glücklich sein und nicht allein… du und dein Kind, lass es lächeln wie du… Das Schlussbild zeigt Lotte mit ihrem zweijährigen Kind an der Hand. Der Weg ist gesäumt von neugebauten Wohnhäusern und am Horizont türmen sich die Abraumkegel des Uranbergbaus…
Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.
Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen.
Information und Reservierung unter: 0160-1038663.
Ein schwarzer Tag!
Di., 1. Okt.. 2024 – 00:07
Lügenmuseum geschlossen
Alle, die noch halbwegs bei Troste waren, haben dem 12. August entgegengefiebert, dem Tag, der über das künftige Wohl und Wehe des Lügenmuseums in Radebeul entscheiden sollte. Man wollte, man konnte sich nicht vorstellen, dass die Verantwortungsträger der Stadt, alle die vielen Bekundungen, die fachlich potenten Einschätzungen und Urteile von anerkannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über die außergewöhnliche kulturelle und künstlerische Einrichtung einfach vom Tisch fegen. Dürfen die vielen Bekundungen nur deshalb nicht recht haben, weil sie nicht ins Kalkül passen und ein Stück Vertragspapier mehr Kraft entfaltet als die gelebte Kultur?
Nach dem Gespräch war dennoch Entspannung angesagt. Man hatte einen Kompromiss gefunden, der zwar nicht zu einem besseren Vertrag führte und damit nicht zur Sicherung des Museums für Radebeul, aber Zeit gewann: Schließung des Museums per 1. September 2024, aber Asyl bis 31. März 2025!
Jetzt war die Möglichkeit gegeben, in Ruhe über eine Lösung im Interesse der Bürger, der Touristen der Pensions- und Hotelbesitzer, der Stadtverwaltung und des Künstlerehepaares Zabka nachzudenken. Ein Verlust des ältesten Gasthofes der Stadt oder gar des Museum selbst, welches der bekannte Schauspieler Martin Brambach als „weltweit einzigartig“ bezeichnet – so denkt man –, kann doch auch der Oberbürgermeister Bert Wendsche nicht wollen.
Am 16. August wusste die Sächsische Zeitung Online von dieser Übereinkunft zu berichten und von einer nochmaligen Ausschreibung des Objektes in diesem Jahr. Auch ein Interessent sei vorhanden. Bereits für die Septemberausgabe hatte ich deshalb einen hoffnungsfrohen Beitrag zum Lügenmuseum verfasst, den ich aber kurzfristig zurückziehen musste, weil sich erneut die Situation zugespitzt hatte, aber der Redaktionsschluss bereits überschritten war. Nach einigem weiteren Mailverkehr zwischen Stadt und Lügenmuseum war dann offensichtlich die Geduld bei der Stadtverwaltung aufgebraucht. Sie bestand nun auf ein schriftliches Übereinkommen für ein Übergangsmietvertrag und die unbedingte Einhaltung der darin aufgeführten Punkte. Eine geplante Schlüsselübergabe kam nicht zustande.
Die Stadt sieht sich rein formal auf einer rechtlich, juristisch sicheren Position. Selbstverständlich ist es ihre freie Entscheidung, mit ihrem Eigentum nach eigenem Gutdünken umzugehen. Ob sie sich dabei aber auch auf sicheren moralischen Grund bewegt, muss angezweifelt werden. Sie kann natürlich ihre Vorstellungen von der Vertragsgestaltung durchsetzen. Aber handelt sie dann noch im Interesse aller ihrer Bürger und ihrer Aufgabe, alles für eine allseits entwickelte Kultur in ihrer Stadt zu tun, wenn auch dieses Museum den Ort verlassen muss?
Kommt es soweit – und die gegenwärtige Entwicklung lässt dies befürchten – wird Radebeul mit Gewissheit in die Geschichte eingehen, aber als eine Stadt, die sich in kurzer Zeit von einer Stätte der Künste zu einem Ort des Verlustes von Kulturgut entwickelt hat. Diese Einschätzung braucht man nicht ausschließlich am Umgang mit dem Lügenmuseum festzumachen. Die kulturelle Talfahrt ist seit langem sichtbar und hat nicht erst mit der Schließung des Zeitreisemuseums begonnen. Jeder kulturinteressierte Bürger aus Radebeul und Umgebung kann die Verluste selbst an den Fingern abzählen. Zwei Hände reichen nicht! Die Stadt hat alle Chancen in die Negativliste des „Deutschen Zentrums [für] Kulturgutverluste“ aufgenommen zu werden. Von überalterter Künstlerschaft, fehlenden preisgünstigen Atelierräumen, von den verkauften, verpachteten, vermieteten oder abgerissenen Gebäuden, die einer anderweitigen Nutzung hätten zugeführt werden können oder von den Ungereimtheiten der bisherigen kulturellen Entwicklung ganz zu schweigen.
Das Kulturentwicklungskonzept der Stadt Radebeul – kaum beschlossen – hat bereits einige „blinde Flecke“. Mag das Verhalten von Herrn Zabka kritikwürdig sein. Seine künstlerischen, bildenden und kulturpolitischen Leistungen sind unumstritten.
Das Signal, welches die Stadt aussendet, ist jedoch verheerend: Engagement wird scheinbar nicht gebraucht! Denn wir wissen allein, was richtig und wichtig ist. Alternativen wurden nicht diskutiert, die Stadtgesellschaft nicht mit einbezogen. Eine städtische Kultur sollte sich durch Vielseitigkeit auszeichnen und nicht allein durch Tradiertes. Aber dieser 1. September 2024 wird als ein „schwarzer Tag“ für die Bürger eingehen. Stadtverwaltung und Stadtrat bestimmten, was für eine Kultur, für eine Kunst, der Bevölkerung zugemutet werden kann! Wenn das die große Freiheit ist, dann will ich gern verzichten.
Am Anfang jeder Barbarei steht immer auch der Angriff auf die Kultur. Oder mit Peter Hacks gesprochen: „Erst vergammeln die Zwecke, dann die Mittel.“
Karl Uwe Baum






