35 Jahre Vorschau und Rückblick

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,
mitten zwischen die beiden großen deutschlandweiten 35er Jubiläen – gedenkend der friedlichen Revolution im Herbst 1989 sowie der deutschen Wiedervereinigung am 03.10.1990 – fällt für Radebeul ein weiteres 35-jähriges Jubiläum: Das erstmalige Erscheinen von „Vorschau und Rückblick“, einem Kind der neu gewonnenen Freiheit vor 35 Jahren.
Ein solches Jubiläum des Bestehens einer kleinen Zeitschrift ist in den heutigen Zeiten, da selbst die etablierten Zeitungen und Zeitschriften mit sinkenden Verkaufs- bzw. Abonnentenzahlen zu kämpfen haben und ein großer Teil der Menschen „im Digitalen“ liest, eine tolle Leistung!
Das Heer der Enthusiasten der Autoren und Herausgeber, die das Radebeuler Kultur-, Kunst- und Geschichtsleben redaktionell begleiten und es immer wieder schaffen, monatlich ein anspruchsvolles Heft herauszubringen, hat sich im Lauf der Zeit geändert, dennoch sind sogar einige Gründungsmitglieder noch aktiv.
In den zahlreichen Ablagestellen in unserer Stadt wird am Monatsanfang geschaut, ob die „Vorschau“ schon da ist. Dies zeigt, dass diese Zeitschrift ihren Leserkreis in Radebeul gefunden und bewahrt hat.
Wie hieß es doch in der letzten Glosse: „Jeder kann heutzutage zu allem seinen Senf abgeben, was ja zweifelsfrei von dem so hochgehaltenen Begriff der >Freiheit< gedeckt scheint.“ Möge zum einen die Freiheit in unserer Gesellschaft nicht nur als Begriff hochgehalten werden, sondern vor allem verantwortungsvoll gelebt werden. Und möge die Vorschau immer wieder die Kraft finden, den Verlockungen des „Stammtischgeplappers“ zu widerstehen und stattdessen der „fachlich fundierten Aussage“ Raum zu geben und diese zu verteidigen.
In diesem Sinne sende ich einen herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Ich verbinde dies zugleich mit dem Wunsch nach einem stets breiten Fundus an spannenden Themen als Basis für zahlreiche weitere Ausgaben der Radebeuler „Vorschau & Rückblick“.
Ihr Oberbürgermeister Bert Wendsche

Editorial 05-2025

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dieser Ausgabe von „Vorschau & Rückblick“ halten Sie erneut ein Jubiläumsheft in den Händen!
35 Jahre! – Wer hätte das gedacht? Aus der Anfangseuphorie der Gründungsmitglieder in den Tagen der Wendezeit ist ein beständiger und im Radebeuler Kulturleben kaum wegzudenkender Anker geworden. Zum festlichen Anlass haben wir weder Kosten noch Mühen gescheut und acht Seiten als eine Art Sonderbonus draufgeschlagen.
Auch unsere Geburtstagsstatistik ist bemerkenswert. Einige durchaus erstaunliche statistische Zahlen seien hier genannt: Bisher wurden insgesamt 420 Hefte veröffentlicht. Mit einer monatlichen Auflagenhöhe von ca. 3.000 Exemplaren wurden somit etwa sage und schreibe 1,26 Mill. Hefte verteilt! (Also durchaus ein Blatt mit Millionenauflage!) Dies entspricht mit über 15.000 Seiten und fast 5.000 Beiträgen einer nahezu unüberschaubaren Redaktionsarbeit, die mit blanken Zahlen kaum zu ermessen ist!
Unser besonderer Dank gilt der Lößnitz Druck GmbH, die von erster Stunde an mit der Herstellung aller Ausgaben betraut ist. Zudem ist an dieser Stelle auch Antje Herrmann zu nennen, die extern seit fast drei Jahrzehnten im drucktechnischen (Layout) und ab Herbst 2009 zudem für den kaufmännischen Bereich des Anzeigengeschäftes verantwortlich zeichnet.
Was ist nach all den Jahren zu konstatieren? – Neben dem ständigen Wandel zeigt „Vorschau & Rückblick“ bis heute eine bemerkenswerte Kontinuität.
Helfen Sie uns, dass es so bleibt! Unterstützen Sie den Fortbestand mit einer Spende, einer Mitgliedschaft oder noch besser: Bringen Sie sich aktiv ein und gestalten Sie das inhaltliche Profil dieses kulturellen Monatsheftes mit!
In welcher Funktion auch immer – bleiben Sie uns gewogen!

Im Namen der Redaktion
Sascha Graedtke

 

Mit Michael Wüstefeld poetisch durch das Jahr

ZUR TITELBILDSERIE

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Winzerhäuser

Unter der Adresse Weinbergstraße 28 finden wir „Haus Lorenz“, ein ehemaliges Weingut. Das Haus ist in eine Begrenzungs- und Stützmauer aus Sandstein längs der Weinbergstraße eingefügt, lässt aber noch Platz für einen schmalen Vorgarten mit Weinspalieren. An der westlichen Einfahrt stehen zwei Sandsteinschäfte mit Kugelaufsätzen. Der um 1680 errichtete Bau ist langgestreckt, zweigeschossig und hat ein hohes, ziegelgedecktes Walmdach mit zwei Fledermausgaupen. Ursprünglich war hier Fachwerk in zwei Geschossen vorhanden, nach und nach wurden Zweidrittel des EG massiv ausgeführt. Bis 1998 trug das OG eine dunkle Verbretterung, die für die Instandsetzung durch Familie Hammermüller abgenommen werden musste. Für alle überraschend traten jetzt die historischen Ausmalungen der Gefache zutage. Der planende Architekt Tilo Kempe schlug eine restauratorische Aufarbeitung der Bemalung vor, der der Denkmalschutz zustimmen konnte – heute der Blickpunkt für Wanderer auf der Weinbergstraße. Der westliche Teil des EG war früher Stall und wurde 1998 zu Wohnraum umgebaut. Nach dem Hof schließt sich nördlich ein Weinberg an, der verpachtet ist . Der in Radebeul geläufige Name „Haus Lorenz“ geht auf eine hier von 1891 – 1939 lebende Familie Lorenz zurück, die nach der Reblauskatastrophe eine Gärtnerei betrieb. Die heutigen Eigentümer sind die Ärzte Dr. Ulrike und Dr. Uwe Hammermüller. In Anerkennung ihrer Leistungen erhielt Familie Hammermüller 2010 den Radebeuler Bauherrenpreis.

Dietrich Lohse

Radebeuler Miniaturen

Verrechnet?

(ein Beitrag zum Weltlügentag)

Sätze die die Welt zerstören (oder wenigstens das, was schön ist an ihr).

Ich rechne mich nicht. Du rechnest dich nicht. Er, sie rechnet sich nicht. ES rechnet sich gleich gar nicht.

Da erübrigt sich jedes weitere Wort. Der Verwalter der offiziell leeren Kassen hat das letzte Wort: Es rechnet sich nicht.

An einem der wenigen schönen Tage eines der letzten Jahre begegnete mir anläßlich eines der mit der Zeit immer unvermeidbarer werdenden „Ehemaligentreffen“ eine Freundin längst verflossener Jahre: Miriam. Wir haben uns sofort wiedererkannt und schnell bemerkt, daß wir doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten hatten, die per Postkarte zu pflegen, wir uns nun gegenseitig in die Hand versprachen.

In der Folge erhielt (und schrieb) ich pro Woche vielleicht drei Postkarten heiteren oder auch mal nachdenklichen Inhalts. Mal war es eine besonders originelle Karte („die wird dir gefallen“), mal ein bemerkenswerter Gedanke („wie findest du das?“), der die sofortige Mit-Teilung rechtfertigte. Auf diese Weise verdiente die Post allein an unserem Kartenwechsel im Jahr runde 220 €uro, ohne dabei mehr Aufwand als vorher auch treiben zu müssen.

Da aber gefiel es den zuständigen Stellen, das Porto der offenen Karte an das des geschlossenen Briefes anzugleichen und beide empfindlich zu erhöhen. Daraufhin blieben die Karten aus. Auf einer letzten stand der Satz, „das geht zu weit, ich denk mir etwas anderes aus …“.

Nun, am Ende des Quartals, kam eine größere Sendung (bis 500g 1,80) mit sechsunddreißig wie bisher beschriebenen Karten. Miriam spart auf diese Weise knapp acht €uro im Monat (die dank der Tariferhöhung der Post verloren gehen – und wir sind ja nicht die einzigen, die bis vor kurzem Karten schrieben…). Wer hat sich da verrechnet?

Zunächst haben wir uns ins Fäustchen gelacht, den gierigen Geier ausgetrickst zu haben, aber eigentlich war das direkte Hin und Her, war Aktion und Reaktion doch schöner. Das aber ist das Schlechte am Schönen: Es rechnet sich nicht – wie die Post …

Thomas Gerlach

17. Thematischer Filmclubabend

Das Radebeuler Wanderkino „Film Club Mobil“ zeigt im Monat April den Spielfilm „Le Temps d`aimer“, welcher im puritanischen Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt. Verstörende Dokumentaraufnahmen aus dem Jahr 1947, die dem Filmdrama vorangestellt wurden, konfrontieren den Betrachter mit den widersprüchlichen Reaktionen der Franzosen. Wenngleich die überwältigende Freude über die Befreiung von den deutschen Besatzern dominiert, schwingen da auch Gefühle wie Hass, Niedertracht, Scham und Verzweiflung mit. Die französisch/belgische Koproduktion kam 2023 in die Kinos und spannt einen weiten Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Obwohl der zweite Weltkrieg vor achtzig Jahren endete, stoßen wir noch heute in Radebeul auf Spuren aus dieser Zeit. Ein zweites Mal hat sich die Cineastengruppe als Veranstaltungsort den ehemaligen Luftschutzbunker Oberlößnitz ausgewählt, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von russischen Kriegsgefangenen in den Weinberg getrieben wurde.

Französische Kriegsgefangene hingegen kamen in Radebeul bereits während des ersten Weltkrieges beim Bau des Wasserturmes (im Volksmund Franzosenturm genannt) zum Einsatz. Während des zweiten Weltkrieges hatte man sie für Rodungsarbeiten und das Aufsetzen von Trockenmauern im Weinbau eingesetzt. Zahlreiche Dokumente, Zeitzeugenberichte und Fotografien befinden sich hierüber im Radebeuler Stadtarchiv.

Zur Belebung des interkulturellen Dialoges zwischen Frankreich und Deutschland leistet das vielfältig vernetzte Institut français einen wesentlichen Beitrag. Die Anregung zur Kooperation mit der in Dresden ansässigen Zweigstelle ging von der französischen Künstlerin Sophie Cau aus, die seit 1997 in Radebeul lebt und freischaffend tätig ist. Sie knüpfte auch den Kontakt zu dem französischen Dokumentarfilmer Julien Deschamps, welcher in den Spielfilm „Le Temps d`aimer“ einführen wird.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.
Vive la France! Es lebe Frankreich!

 

„Le Temps d’aimer“ (Zeit für Liebe)

2023, Spielfilm, Frankreich/Belgien, 125 Minuten, FSK 16
Regie: Katell Quillévéré
Drehbuch: Katell Quillévéré und Gilles Taurand
Musik: Amine Bouhafa
Darsteller: Anaïs Demoustier, Vincent Lacoste, Morgan Bailey, Hélios Karyo, Josse Capet

Filmbeschreibung:
„Le Temps d’aimer“ erzählt die Geschichte von Madeleine, einer französischen Frau, die während des Zweiten Weltkriegs eine kurze Romanze mit einem deutschen Offizier hatte, bevor er an der Front verschwand. Aus dieser flüchtigen Liebe ging ein Sohn hervor, den sie allein und ohne familiäre Unterstützung aufzog, wobei sie ihr Geheimnis und die schreckliche Schande für sich behielt, die sie bei der Befreiung Frankreichs erleiden musste, als sie Opfer öffentlicher Demütigungen wurde, wie viele andere Frauen, die von der Volksjustiz beschuldigt wurden, mit dem Feind „herumgemacht“ zu haben. Der Film beginnt mit schwierigen Archivaufnahmen dieser Ereignisse, die Frankreich nicht zur Ehre gereichen und deren Grausamkeit und symbolische Gewalt lange Zeit unterschätzt wurde. Die Zeiten ändern sich glücklicherweise.

Die Last dieser ungerechten Schande wird Madeleine viele Jahre lang tragen und bezahlen, insbesondere in ihrer sehr komplizierten Beziehung zu ihrem Sohn. Ihre Liebesbegegnung mit François bietet die Gelegenheit, andere Dimensionen der schmerzhaften Geheimnisse anzusprechen, die der Mensch aufgrund der Intoleranz der damaligen Gesellschaften zu verbergen gezwungen war. Das Schicksal dieser leidenschaftlichen Protagonisten wird sich mit der gesamten Vorstellungswelt des Nachkriegslebens in Frankreich vermischen, das von der amerikanischen Populärkultur geprägt ist. Diese optimistischen Sittenwechsel werden jedoch nicht ohne einen kritischen Blick des Films auf die angebliche Sorglosigkeit und Gutmütigkeit der amerikanischen Retter gelassen.

Während dieser zwei Stunden lässt uns „Le Temps d’aimer“, der von Anaïs Demoustier und Vincent Lacoste grandios verkörpert wird, intensive und kontrastreiche emotionale Abenteuer erleben. Er zerlegt auf subtile Weise die Intimität eines Paares und einer Familie und projiziert gleichzeitig, ohne zu täuschen, die Symbole und das Schicksal der Geschichte in diese. Die Regisseurin Katell Quillévéré hat sich von ihrer Familiengeschichte inspirieren lassen und daraus ein tragisches, schönes und bewegendes Romanwerk geschaffen, das zutiefst humanistisch ist.

Julien Deschamps
fairfilms.de

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Am 10. April 2025, um 19 Uhr, im Alten Bunker Oberlößnitz, Hoflößnitzstraße 82, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

„Warum der Krug nicht brechen soll…“

Zur Kontroverse mit dem Lügenmuseum

Unzählige Briefe aus Nah und Fern haben ihr Bedauern, ihr Unverständnis, ihre Empörung über die Kündigung des Mietvertrags durch die Stadtverwaltung Radebeul zum Ausdruck gebracht. Einer davon soll hier in Auszügen veröffentlicht werden, da er viele Fakten und Hintergrundinformationen liefert, die der Autor über einen größeren Zeitraum zusammengetragen hat.

Der Brief ist vollständig auf der Homepage des Lügenmuseums unter „Briefe an Oberbürgermeister“ veröffentlicht.

Sehr geehrter Herr Präsident des Sächsischen Städte- und Gemeindetages,
sehr geehrter Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Radebeul,
sehr geehrter Herr Wendsche,

Im Vorjahr wurden Sie 60, und die Sächsische Zeitung titelte: „Zum Geburtstag: Bert Wendsche – Der Sanierer, nicht nur der Finanzen“. Vor dem Hintergrund Ihrer angekündigten Räumungsklage gegen das im Kulturkonzept Radebeuls verankerte Lügenmuseum bekommt das einen merkwürdigen Beigeschmack.

Der Gasthof Serkowitz, den die Stadt 2008 erwarb, um ihn vor unerwünschtem Zugriff zu sichern, ist laut Gutachten heute nichts mehr wert. Alle bisherigen Verkaufsversuche sind gescheitert. „Im Interesse des langfristigen Erhalts des Gebäudes führt daher leider kein Weg an einer Kündigung des Mietverhältnisses vorbei. Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht“ – so betonten Sie am 23.05.2024.

Die Kündigung ist Ihre ganz persönliche Entscheidung.

Der Stadtrat beschloss den Verkauf des Objekts in der vergangenen Legislatur jedoch ausdrücklich mit dem Primat, dem Lügenmuseum dabei eine Zukunft zu ermöglichen. Das wurde dann mit dem kurz vor der Kommunalwahl beschlossenen Kulturkonzept untermauert. Eine Abwägung zwischen Entsorgung oder Erhalt des Lügenmuseums in der Radebeuler Kulturlandschaft hat es bisher im Stadtrat nicht gegeben.

Auch wenn Sie seit 2022 schon zum vierten Mal oberster Verwaltungsbeamter sind, dürfen Sie nicht eigenmächtig handeln. Sie müssen die Beschlüsse des Stadtrats ernst nehmen – auch die der vorherigen Legislatur. Eigentlich sollte Ihnen das nicht schwerfallen, denn als Vorsitzender des Kulturausschusses haben auch Sie das Kulturkonzept mit beschlossen.

Ja, als Sanierer von Radebeul waren Sie enttäuscht vom Rückzug des potenziellen Gasthofkäufers, der Ihren Vorstellungen entsprochen hätte. Mit Ihrer Kündigung wurde klar: Ihre Priorität ist nicht der Erhalt des Lügenmuseums, sondern der Verkauf des Gasthofs ohne Mietbelastung. „Die Stadt ist sich relativ sicher, dass es hier auch angesichts der Lage in Radebeul in ganz Sachsen Käufer geben wird“ (12.06.2024).

Die AfD im Stadtrat hatte sich beim Verkaufsbeschluss (inkl. Erhalt des Lügenmuseums) 2023 enthalten, „sie hätten gerne dort wieder eine Gaststätte gesehen“. Ja, der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht. Aber er kann auch im Frust vorher zerschlagen werden. Das können Sie doch nicht ernsthaft wollen. Selbst Ihr enttäuschter Käufer würde die Räumung des Lügenmuseums bedauern.

Darum müssen Missverständnisse geklärt werden:
„Das Lügenmuseum als mittlerweile kulturelle Institution“ in der Trägerschaft des gemeinnützigen „Kunst der Lüge e.V.“ wird irrtümlicherweise im Kulturkonzept als private Einrichtung eingeordnet.

Reinhard Zabka, der „Kopf der Bewusstseinserweiterungsmaschine Lügenmuseum“: „Er wird immer als Einzelkünstler dargestellt, es ist aber ein Kulturzentrum, ein Museum“ (12.06.2024). Das wissen Sie schon auch deswegen, weil Sie die vielen Protestbriefe gegen die Kündigung wirklich lesen. […]

Zu Reinhard Zabkas 75. Geburtstag heute erinnere ich Sie an Ihre abschließenden Worte zur Kunstpreisverleihung 2016 der Großen Kreisstadt Radebeul an ihn:

„Erweisen wir ihm die Ehre, sagen wir Danke für seinen unverwechselbaren Beitrag für die Entwicklung unserer Stadt, unserer Region.“ Davon haben Sie auch persönlich profitiert:

Vor fast genau einem Jahr wurden Sie nach Ihrem schönsten Tag in Ihrer langen Amtszeit als OB gefragt. Sie nannten neben Ihren eigenen Wahlerfolgen den immer sehr bewegenden Moment, wenn Sie den Preisträger bei der Abschlussveranstaltung des Herbst- und Weinfestes zum „Feurigen Finale“ bekanntgeben. Alle Jahre wieder standen Sie vor Tausenden Schaulustigen auf der Elbwiese bei Kötzschenbroda. Im Wettstreit mit Meißen um Besucherzahlen hatte Radebeul auf Kultur gesetzt mit Labyrinthen schon vor der Jahrtausendwende. Vor dieser Kulisse waren Wandertheaterpreisträgeransprachen für Sie effizienter als mancher Wahlkampfauftritt.

Das gewaltige Feurige Finale hat Ihren Aufstieg von Legislatur zu Legislatur begleitet – bis zum Präsidentenposten des Sächsischen Städte- und Gemeindetags. In geheimer Wahl mit einstimmigem Ergebnis – es hat sich gelohnt. Für Sie jedenfalls.

Auf der anderen Seite steht Reinhard Zabka. Seinem Museum wurde 2010 in Kyritz schon einmal fristlos von einem „Retter“ gekündigt. Die Stadt half mit einem Zwischenlager, und er konnte durch die Lande fahren, um unter den verschiedensten Angeboten den optimalen Ort für sein Museum zu finden.

2012 war die Gelegenheit für Sie, Herr Wendsche, den leerstehenden Gasthof anzubieten und mit der Option eines Erbbaupachtvertrags den Kreator des Grande Finale längerfristig an Radebeul zu binden. […]
Mit Ihrer angedrohten Räumungsklage fiel das Basislager für das Labyrinthaufbauteam weg. Die knappe Förderung reichte so nicht mehr für die Realisierung, und keine Probleme konnten sich in Rauch auflösen…

Da fällt mir doch glatt Udo Lindenberg ein, der mit seiner Zigarre auf der Lok vom Sonderzug nach Pankow sitzen soll. In der Unterführung des Bahnhofs von Kötschenbroda. 250.000 € sollte das kosten, finanziert zu 100 % aus dem ehemaligen Parteivermögen der DDR. Hat sich leider auf 470.000 € erhöht – wegen unvorhersehbarem anderem Baugrund…, muss jetzt aus der Stadtkasse kommen. Ja, der Sonderzug 1983 war irgendwie die Fahrkarte zum Friedenskonzert im Palast der Republik. Udos Brief an den „Oberindianer“ im Arbeiter- und Bauernstaat führte zu einem Deal: Er spielt ohne Gage im Palast, und später gibt es eine DDR-Tournee – schriftlich fixiert, aber nicht eingehalten. Und jetzt, Herr Wendsche, sind Sie der „Oberindianer“ in der Stadt der Millionäre und wollen vom Erbbauvertrag mit Zabka nichts mehr wissen. […]

Sie als Verwaltungsbeamter müssen sich an Recht und Ordnung halten – dafür gibt es dann später eine schöne Pension. Zabka als Künstler darf die Gesetze brechen; im Rahmen der Kunstfreiheit ist da so einiges möglich. Was später daraus wird, steht in den Sternen. Die Öffnung des Museums trotz Kündigung als Akt zivilen Ungehorsams unterstreicht die Lebendigkeit der Kultur Radebeuls.

Herr Wendsche, ich bitte Sie darum, Ihre Rolle nicht mit der von Zabka zu verwechseln.

Halten Sie sich an die Abmachung des Erbbauvertrags, agieren Sie nicht ohne Rückendeckung des Stadtrats, der Ihnen ansonsten früher oder später in den Rücken fallen könnte. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Lügenmuseum als lebendigen Ort neben Karl May und Lindenberg Gedächtnistunnel zu etablieren. Helfen Sie, die Finanzierung der Übernahme des Gasthofs durch den „Kunst der Lüge e.V.“ oder eine aus ihm erwachsene Stiftung durch eine 100%-Finanzierung aus dem DDR-Parteivermögen zu realisieren!

Neben Ihrer „Neuen Kulturellen Mitte Radebeuls“ darf das Lügenmuseum nicht zerschlagen werden – trotz und vor allem wegen der aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche.

Werden Sie wirklich „Der Sanierer, nicht nur der Finanzen“. Nehmen Sie sich Ihren Friedensgürtel der Irokesen von der Wand und gratulieren Sie Reinhard Zabka zum 75. Geburtstag.

Mit freundlichen Grüßen aus dem ehemaligen Heilbad Hohenbüssow

Olaf Spillner

Glosse

Klartext

Wir haben gegenwärtig, so scheint es mir, seit längerer Zeit einen eigentlich unhaltbaren Zustand in der Gesellschaft. Jeder kann heutzutage zu allem seinen Senf abgeben, was ja zweifelsfrei von dem so hochgehaltenen Begriff der „Freiheit“ gedeckt scheint. Dieses „den-Senf-dazugeben“ ist an und für sich nicht das Problem und belebt wohl den Diskurs. Wenn aber dieses Stammtischgeplapper über alles und alle gleichgestellt wird mit einer fachlich fundierten Aussage über eine Fragestellung und zu einer verallgemeinerten Meinung hochstilisiert wird, dann weiß ich wirklich nicht mehr, was ich davon halten soll.

Wer kann heutzutage noch Fake und Fakten auseinanderhalten, wo selbst sogenannte „seriöse“ Medien den Durchblick längst verloren haben. Dabei sei an dieser Stelle nicht erörtert, ob sie in Ahnungslosigkeit gehandelt oder in böswilliger Täuschung das Geschäft der Politik und Wirtschaft betrieben haben.

Woran aber mag es liegen, dass selbst die Vertreter der obersten Spitze in Staat und Gesellschaft glauben, sich nicht mehr an Wahrheit und Klarheit halten zu müssen und dem Volk die Hucke volllügen, wo es doch einzig um ein Handeln im Interesse der gesamten Gesellschaft gehen sollte? Und jene „ehrenwerten“ Damen und Herren an der Spitze, die eigentlich die moralischen Maßstäbe verkörpern, unsere leuchtenden Vorbilder, denen es nachzueifern gilt und Richtschnur unseres Handeln sein sollten, die Geschäfte nicht mehr im Griff haben?

Könnte es sein, dass sie etwas ganz anders im Schilde führen, als das Wohl und Wehe der Gesellschaft? Und wenn ich mir den ganzen Laden genauer ansehe, dann kann man diesen Zustand nicht nur in der obersten Etage feststellen. Solche großen und kleinen Könige, Minister, Hofmarschalle bis hin zu Ortsvorstehern gibt es ja wie Sand am Meer. Sie alle wollen Macht und Recht haben und biegen sich gelegentlich auch gern mal die Realität zurecht und beanspruchen vor allem auch die Meinungshoheit.

Verständlich, dass kaum einer überhaupt noch weiß, was er sagen kann, soll oder gar muss, sind doch die Töne rauer geworden, auch wenn sie sich mitunter hinter „Kleinen Anfragen“ verstecken. Da wird dann auch gleich mal die ganz große Keule rausgeholt. Bisher dachte ich wenigstens, dass dem Kabarett noch eine gewisse Narrenfreiheit zugebilligt wird. Aber damit scheint es offensichtlich auch vorbei zu sein.

Manchmal aber braucht es klare Worte, auch wenn sie nicht jedem gefallen. Selbst die falscheste Behauptung wird nicht wahrer, nur weil sie ständig wiederholt wird, wie man an der Riester-Rente sehen konnte.

Gegenwärtig kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bahnhofstraße trotz aufwendiger Instandsetzung eine einladendene Einkaufsmeile wird, die zum Verweilen anregt, wie hinlänglich kolportiert. Zuviel Leerstand, zu wenig attraktive Geschäfte! Auch vom vormals unverzichtbaren Frischemarkt an diesem Ort will heute keiner mehr etwas wissen.

Als die Kasperiade einst von West nach Ost beordert wurde, musste die Belebung des Einzelhandels als Grund dafür herhalten. Jetzt, wo das Fest um das Karl-May-Museum und die Lutherkirche herum stattfindet, kräht danach kein Hahn mehr. Da könnte ich dutzende andere Beispiele herbeten, wo Begründungen, Rechtfertigungen, Erklärungen sich regelrecht in Luft aufgelöst haben, von denen man nun nichts mehr wissen will, die man noch vor gewisser Zeit vehement verteidigt hatte. Wie oft musste eigentlich das Sozialamt umziehen? Warum ausgerechnet Stadtarchiv und Kunstsammlung sich in den Wasapark einmieten mussten, der einer spanischen Investment-Gesellschaft gehört und jetzt abgerissen werden soll, versteht kein Mensch? Wer dann einige Jahre zurückschaut, wird erstaunt feststellen, dass für diesen Abriss die Initiative vom Bauamt der Stadtverwaltung ausging (s. DNN-Online, 19.11.2018). Und dann noch der ganze Hick-Hack bei der Suche nach einer Zwischenlösung für beide Einrichtungen, weil man sich um eine vernünftige Reglung lange Zeit nicht gekümmert hatte.

Wir Deutschen sind schon ein eigenartiges Völkchen. Entweder obrigkeitshörig oder wir rennen einem anderen Leithammel hinterher. Und Träumer sind wir allemal. Da kann ich mich noch sehr gut an den Spruch der neunziger Jahre erinnern: „Das könn‘ se doch mit uns nich machen!“. Könn‘ se doch, wie man sieht, meint

Euer Motzi

HÄUSER MIT BUGWELLE

Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee… (aus „John Maynard“, Theodor Fontane)

Platz vor »Zu den Linden«
Bild: D. Lohse


Eine heimliche Liebe zur Seefahrt schlummerte wohl schon immer in mir. An die verordnete Reserveübung 1979 bei der Marine denke ich dabei weniger, das war Streß! Doch werfen wir erst mal einen raschen Blick nach Hamburg, wo das klassische „Schiff unter den Häusern“ steht: es ist das sogenannte Chilehaus von Architekt Fritz Höger 1922 entworfen, 1924 fertiggestellt. Ein großer Backsteinbau mit scharfer Spitze wie ein Bug, darin viele Büros. Für ein Bild wollte ich nicht mal rasch nach Hamburg fahren, ich glaube, fast jeder Leser hat schon mal eine Abbildung des Hamburger Chilehauses gesehen. Schauen wir erst mal, dass wir festen Boden unter die Füße kriegen und sehen wir uns dann in Radebeul nach „Schiffen“ um.

Karl-Marx-Str. 1 (Bank)
Bild: D. Lohse


Karl-Marx-Str. 2 (Bäckerei)
Bild: D. Lohse


Wichernstr. 12 (Wohn- u. Geschäftshaus, früher Bäckerei)
Bild: D. Lohse


Zinzendorfstr. 1 (Wohnhaus)
Bild: D. Lohse


Da, wo es in Ober- und Niederlößnitz Straßenzüge gibt, die sich wie in einem Raster rechtwinklig kreuzen, werden wir kaum Häuser mit Bugwelle finden. Aber da, wo dieses schachbrettartige Straßensystem etwa von einer älteren Straße diagonal geschnitten wird, könnten wir auf Häuser mit einer spitzen Ecke, bzw. einer schmalen Front mit schrägen Flanken treffen. Voraussetzung ist also ein spitz zulaufendes, nicht normal rechteckig geschnittenes Grundstück – nicht unbedingt ein Idealfall zur Bebauung. Ein Haus mit Bugwelle könnte auch im Inneren unregelmäßige Grundrisse, also schiefwinklige Räume, zur Folge haben. Solche Räume zu möblieren, ist dann schon eine anspruchsvollere Aufgabe. Wenn in einem Stadtviertel die normal geschnittenen Grundstücke alle bebaut waren, prüften die Bauherren, ob sie mit o.g. Nachteilen zurechtkommen könnten und Investoren bebauten dann schließlich auch diese „Kuchenstücke“. Andere Baumeister ignorierten beim normalen Hausentwurf das spitz zulaufende Grundstück insofern, dass sie das Haus soweit es das Grundstück zuließ, nach hinten versetzten und so nicht in die Spitze kamen und diese nur gärtnerisch gestalteten. Mit guten Entwerfern war es auch möglich, dass auf nicht normal geschnittenen Grundstücken spitze Häuser entstehen konnten, die z.T. sogar stadtbildprägend wirkten und eine gewisse Pracht entfalteten, wie am Platz zwischen August-Bebel-, Karl-Marx- und Einsteinstraße.

Wichernstr. 6b (Wohnhaus)
Bild: D. Lohse


Meißner Str. 86 (Wohn- und Geschäftshaus)
Bild: D. Lohse


Schildenstr. 17 (früher Wohn- u. Geschäftshaus, heute Wohnhaus)
Bild: D. Lohse


Pestalozzistr. 12 (früher Wohn- u. Geschäftshaus)
Bild: D. Lohse


In Paris, erinnere ich mich, stehen an einen geometrischen, runden Platz, in den 6 Straßen einmünden dazwischen jeweils 6 Bughäuser, das schafft Radebeul nicht! Die Gestaltung des Albertplatzes ähnelt der Situation vielleicht, jedoch sind die Schmalseiten hier zu breit, die Spitze fehlt und erinnert kaum noch an Schiffe. In der Betrachtung ausschließen möchte ich auch ein Haus der Diakonie (Obere Bergstr. 3), das zwar eine scharfe Hausecke kleiner 90° hat, aber der riesige Baukörper nicht dem hier behandelten Typus entspricht. Die meisten Bughäuser finden wir an der Meißner Straße, ein paar aber auch noch in den angrenzenden Stadtvierteln. In Radebeul bilden Mehrfamilienhäuser mit einem Turm oft einen städtebaulichen Akzent. Die gleiche Rolle kommt im Stadtbild den Bughäusern zu, die ja auch eine turmartige Spitze haben, sie eröffnen meist einen Straßenzug und führen in die Tiefe. Ich betrachte hier eine Häuserart, die m.E. in keinem Lehrbuch erscheint, nicht mit tierischem Ernst, eher mit einem Schmunzeln. So sehe ich darunter Jachten (Zinzendorfstr. 1), Elbdampfer (Meißner Str. 154), Kreuzfahrtschiffe (Schildenstr. 17) und Tanker (Augustusweg 13a). Die meisten der Schiffshäuser sind Denkmalobjekte, es gibt aber auch solche, die nicht unter Denkmalschutz gestellt wurden. Warum davon mehrere als Bäckerläden genutzt wurden und noch werden, wüsste ich auch gern.

Meißner Str. 112 (Wohn- und Geschäftshaus, u.a. Frisör)
Bild: D. Lohse


Augustusweg 13a (Wohnhaus)
Bild: D. Lohse


Meißner Str. 154 (Wohn- und Geschäfthaus, Bäcker)
Bild: D. Lohse


Diese städtebauliche Sonderform von Bughäusern ist an keinen Baustil gebunden. Sie tritt in unserer Region aber in der Zeit wirtschaftlicher Expansion, der Gründerzeit und dem Jugendstil von 1870 bis 1910 gehäuft auf. Gegenüber der Masse der Radebeuler Häuser könnte man bei dieser Bauart von Häusern mit einem hohen Wiedererkennungswert sprechen. Es ist zu erkennen, dass zwei Drittel dieser Häuser in Radebeul Ost (näher an der Landeshauptstadt?) zu finden sind und etwa nur ein Drittel in West.

Humboldtstr. 2 (Wohn- Geschäftshaus, Bäcker)
Bild: D. Lohse


Borstr. 61
Bild: D. Lohse


Neue Str. 20 (Wohn- u. Geschäftshaus gen. »Fürstenhof«, 2009 abgerissen)
Bild: D. Lohse


Für die von mir gefundenen Schiffshäuser kann ich für eine 100%ige Erfassung nicht garantieren.

Viel Spaß beim frühlingshaften Schiffshäuserbummel durch Radebeul!

Dietrich Lohse

Eine Inschrift und viele Fragen

Spurensuche zu englischen Kriegsgefangenen in Radebeul

Eigentlich schon aussortiert und fast im Schrottcontainer gelandet, rettet ein Bauarbeiter im Jahr 2010 bei Sanierungsarbeiten im »Gewerbehof Alte Radebeuler Schuhfabrik«, Gartenstraße 70/72a, ein Fensterbankblech mit einer Inschrift. »J. T. Convery« ist dort eingeritzt, offenbar ein Name, dazu »Aylesbury?Bucks«, womit die Stadt Aylesbury in Buckinghamshire in Mittelengland gemeint sein dürfte, und schließlich die Abkürzung »P.O.W.« 10 Jahre liegt das verwitterte Stück Blech im Büro einer Baufirma, bevor es zum Gesprächsthema zwischen Großvater und Enkeltochter wird. Aus dem regen Austausch der Generationen entwickelt sich die Idee für eine Schülerarbeit am Lößnitzgymnasium, die 2024 als Besondere Lernleistung im Fach Geschichte bearbeitet wurde.  

Fensterbankblech mit Inschriften
Bild: J. Funke


Im Kontext der gemeinsamen Recherche erinnert sich der Großvater an ein englisches Buch aus der Reihe »The Shoe Repairer’s Handbooks«, welches er ebenfalls in der Radebeuler Schuhfabrik gefunden hatte. Bei näherer Betrachtung fallen darin mehrere Stempel auf. Einer dokumentiert, dass es mal dem britischen Roten Kreuz gehörte, genauer der »British Red Cross Educational Books Section OXFORD«. Ein weiterer Stempel belegt, dass das Buch Kriegsgefangenen zu Ausbildungszwecken zur Verfügung gestellt wurde: »International Bureau of Education Geneva – Service of Intellectual Assistance to Prisoners of War«. Ein dritter, deutscher Stempel lautet »Geprüft, 28, Stalag IV A«. Die Abkürzung Stalag steht dabei für Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager, die römische Zahl IV für den Wehrkreis Sachsen. Dieses von der Wehrmacht verwaltete »Stalag IV A« befand sich in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. Stehen also Inschrift und Schuhmacherhandbuch in einem Zusammenhang? Und wenn ja, wer war nun dieser J. T. Convery?  

Diesen Fragen gingen wir nach und gelangten durch frei zugängliche Onlinedatenbanken auf erste Hinweise. So fanden wir im britischen Nationalarchiv und später auch in den Akten des britischen »War Office« einen J. T. Convery, geboren am 24. Juni 1916 in Glasgow, der ab 1944 im Stammlager IV A Hohnstein registriert war.  Die mittelalterliche Burg Hohnstein, seit 1543 im Besitz der sächsischen Kurfürsten, war Jahrhunderte lang auch oder hauptsächlich Gefängnis gewesen, bevor hier 1926 die damals größte deutsche Jugendherberge eröffnet wurde. 1933/34 nutzten die Nationalsozialisten die Burg als frühes Konzentrationslager. 1939 wurde sie zum Lager für kriegsgefangene polnische Offiziere (Oflag IV A) und ab 1941 dann zum Stammlager IV A ausgebaut. Dieses diente zum einen als Lager für kriegsgefangene Mannschaftsdienstgrade aus verschiedenen Nationen. Zum anderen war es die Verwaltungszentrale für zahlreiche Arbeitskommandos (AK) im Raum Dresden, sodass die Registrierung eines Gefangenen wie J. T. Convery nicht zwingend bedeutet, dass er auch in Hohenstein untergebracht war. 

Weitere Recherchen im Internet zum Stammlager IV A führten zu einem englischen Blog (stalagiva.blogspot.com), in welchem sich eine Auflistung einiger AK befindet, die dem Lager Hohnstein administrativ zugeordnet waren. Die Forscherfreude war groß, als wir in der Liste auch ein gewisses »Arbeitskommando 1182« in der Schuhfabrik Fritz Keyl in Radebeul entdeckten. Plötzlich schienen mehrere Puzzleteile zusammenzupassen. 

Die Kontaktaufnahme mit dem Autor des Blogs, Dr. Peter R. Gregory, der binnen eines Tages antwortete, führte zu weiteren Ergebnissen. Es stellte sich heraus, dass sein Vater selbst Kriegsgefangener in Dresden-Übigau gewesen war und seinen Alltag in einem Tagebuch festgehalten hatte. Auch sein Arbeitskommando gehörte zum Stalag IV A. Über die nächsten Monate entstand ein reger Austausch mit Dr. Gregory. Unter anderem stellte er uns zusätzliche Dokumente zur Verfügung, die es ermöglichten, den Arbeitsalltag und die Haftbedingungen der P.O.W.s teilweise zu rekonstruieren. Es handelt sich zum Beispiel um Berichte des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes mit Sitz in Genf, das während des Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangenenlager aufsuchte und über die Verhältnisse berichtete. Darunter fand sich auch ein Bericht über das AK 1182 in der Schuhfabrik Keyl in Radebeul vom 2. Mai 1944. Aus diesem Bericht geht hervor, dass in diesem am 20.10.1943 eröffneten Kommando damals 127 britische Kriegsgefangene arbeiteten und in die Schuhproduktion involviert waren. Somit liegt es sehr nahe, dass J. T. Convery einer von ihnen war.  
Wie kam er nach Radebeul? Dokumente des britischen »War Office« ergaben, dass J. T. Convery erst in Nordafrika im Kampfeinsatz war, dort gefangengenommen und dann über Italien nach Deutschland verschleppt wurde. In Radebeul verbrachte er das letzte Kriegsjahr. Die Frage, ob J. T. Convery nach England zurückgekehrt ist, lag auf der Hand. Unsere Versuche, weitere Dokumente oder einen Kontakt zu seiner Familie zu bekommen, waren leider nicht von Erfolg gekrönt. Fest steht jedoch, dass ein J. T. Convery mit genau demselben Geburtstag (24.06.1916) am 9. April 1975 in Buckinghamshire gestorben ist.  

Jedes gefundene Puzzleteil führte uns zu neuen Fragen: Wie kam J. T. Convery zurück nach England? Wie hat seine Gefangenschaft sein weiteres Leben geprägt? Gab es weitere Firmen in Radebeul, in denen britische Kriegsgefangene eingesetzt waren? Wie steht es um die Erinnerungskultur zur NS-Kriegsgefangenschaft heute? Die Recherchen ergaben, dass speziell über britische Kriegsgefangene in Radebeul bislang wenig bekannt ist. Das eher zufällig gefundene Zeugnis der örtlichen NS-Geschichte und die in unserem Projekt gewonnenen Erkenntnisse tragen dazu bei, diese Lücke ein Stück weit zu schließen. Auch wenn direkte Zeitzeugen kaum noch gefragt werden können, gibt es noch Quellen zu entdecken, die die historischen Vorgänge erhellen können. Weiterhin steht fest, dass sich der Austausch zwischen den Generationen lohnt! Beide Seiten können enorm gewinnen und dazulernen.

Julia Steimann und Joachim Funke

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