Alter Knochen?

Interview mit einem Achtzigjährigen

Am 30. Dezember 2024 wurde der Wahlradebeuler Karl Uwe Baum in trauter Runde achtzig Jahre alt. In den letzen 30 Jahren zog er zwar seine Kreise in der Lößnitzstadt, aber den größten Teil seines Lebens hat er woanders verbracht. Einige Bewohner durfte er kennenlernen. Den Meisten aber ist er bisher nicht begegnet. Und weil er nun zu den 2,9 Prozent der Einwohner der Bundesrepublik gehört, die diese Altersgrenze übersprungen haben, will die Redaktion von Vorschau & Rückblick ihm heute etwas mehr auf den Zahn fühlen als sonst.

Apropos, wie fühlt man sich mit Achtzig?
Mit Achtzig soll man ja zum „alten Eisen“ gehören, oder doch zumindest zu dieser „seltenen Rasse“ in der Bundesrepublik, wie gerade erwähnt. Diese abstrakte Zahl aber fühlt sich überhaupt nicht an.

Aber Du bist doch zweifelsfrei kein „Spring-ins-Feld“ mehr, wie mit 18 Jahren?
Natürlich nicht! Es zwickt und zwackt hinten und vorn. Aber das hatte es auch schon früher. Es ist nicht gelogen, wenn ich sage, dass ich bisher sieben Mal von der berühmten „Schippe“ gesprungen bin. Das fing gleich am Ende des ersten Jahres nach meiner Geburt an und das vorläufig letzte Mal glückte mir die Nummer 2008. Seitdem warte ich auf den Abruf. Man lässt sich Zeit. Ich habe nichts dagegen.

Karl Uwe Baum noch unbeleckt vom wirklichen Leben

Das Auffälligste an Dir ist deine schwarze Kleidung. Hat das was zu bedeuten?
Danke! Ich hoffe, dass ich noch mehr zu bieten habe. Aber das muss mein Gegenüber schon selbst herausfinden. Stimmt schon, in dieser Sache werde ich immer mal schief angeschaut. Die einfache Erklärung ist: alle Teile passen wunderbar zusammen. Die „bunte Knete“ wird im Hirnkasten versteckt und nur gelegentlich herausgelassen, beispielsweise, wenn ich mal wieder einen Betrag für Vorschau & Rückblick schreiben darf.

Und nun kommt die philosophische Erklärung: angeregt dazu hat mich 1995 Heiner Müller. Da habe ich erstmals über das Wesentliche im Leben nachgedacht. Was man braucht, um zum Grund der Dinge vorzustoßen. Seit dem versuche ich mich vom Ballast der Industrie- und Konsumgesellschaft zu befreien. Es gelingt mir leider nur ungenügend.

Du lebst also spartanisch?
Was ist denn das?! Müller hat für sein Dasein immer eine Flasche Whisky gebraucht. Insofern lebe ich spartanisch. Ich besitze aber zum Beispiel ein Auto und auf dem Boden stapeln sich Kisten aus meinem vorherigen Leben. Das mag auch mit dem Geburtsjahr zusammenhängen. Die Älteren werden es kennen. Diese Jahrgänge haben eine Ehrfurcht vor den Dingen. Sie werfen nicht gern etwas weg, was man noch gebrauchen könnte. Zum Beispiel Holz. Da habe ich noch Material aus den 1970er, 1980er Jahren. Sicher, so eine Haltung passt nicht in die heutige Zeit. Das aber ist mir reichlich schnuppe.

Du hast angedeutet, dass du nicht schon immer in Radebeul lebst?
Ja ich weiß schon, um Radebeuler zu sein, muss man hier geschlüpft sein. Damit ist in Bälde sowieso Schluss. Die wenigen Hausgeburten retten die Stadt auch nicht mehr. In einigen Jahren kann der Ort getrost in die Landeshauptstadt eingemeindet werden, denn dann wohnen hier mehr in Dresden Geborene als echte Radebeuler.

Bisher war ich in ganz unterschiedlichen Milieus zu Hause. Im Wald hatten wir einen Kramerladen, wo die Butter neben den Kohlenanzünder lag. Sonst, außer frische Lust, nichts. Der Umzug in die Wallstraße in Dresden, nahe dem Postplatz, war für mich natürlich ein gewaltiger Zivilisationsschock. Mit der Beschaulichkeit war es da erst mal vorbei. Als ich schließlich 1998 nach Radebeul wechselte, ahnte ich nicht, dass ich wieder in der Provinz landen würde. Die Stadt wirkte damals auf mich wie eine Auster. Wenn ich da nicht schon meine Partnerin gehabt hätte, wäre ich vielleicht noch heute ein Außenstehender. Karin war für mich wie ein Türöffner.

Der Jubilar im gereiften Alter

Eigentlich kennen wir Dich nur als Rentner. Hast du auch mal was anders gemacht?
Doch, ich war mal Säugling und Schüler von der 1. bis zur 8. Klasse! Dann wurde mir das zu dumm – oder anders herum? – und ich bin zum Bau gegangen. Habs da aber nicht lange ausgehalten. Immerhin hatte dann die Kanonierslaufbahn, die sich daran anschloss, mir mein bisher höchstes Körpergewicht beschert. Leider beendete später ein Krankenhausdirektor meine so hoffnungsvoll begonnene Kraftfahrerkariere 1967 schon nach wenigen Monaten. Aber trotzdem bin ich in der Branche hängen geblieben. Zu Direktoren habe ich allerdings von da an ein gestörtes Verhältnis. Aber Rentner war bisher der beste Job, den ich je angenommen habe.

Gescheiterte Existenz oder kommt da noch mal was?
Eigentlich nicht. Als Mauerer, Krankenpfleger und Stationsleiter habe ich staatliche Abschlüsse und mit dem Ökulei (Ökonomisch-kultureller Leistungsvergleich) Ende der 1960er Jahre bin ich auch in die kulturelle Freizeitbeschäftigung eingeschwenkt und habe mich ab 1976 in verschiedenen Theatergruppen ausprobiert. In Leipzig an der Spezialschule für Leiter des künstlerischen Volkskunstschaffens, qualifizierte ich mich dann 1988 in einem zweijährigen Studium im Fach „Amateurtheater“ zum Leiter von Theatergruppen. Als schließlich alles ganz anders wurde und ein Landesverband gebraucht wurde, habe ich mit anderen Enthusiasten die Organisation aufgebaut und geleitet.

Wie war das mit der Vermehrung?
Du willst doch jetzt nicht etwa Details wissen? Auch braucht sich keiner einbilden, dass ich mein Bankgeheimnis in Vorschau & Rückblick abdrucken lasse. Nachwuchs, ja den gibt es, aber nicht in Radebeul. Alles muss nicht in die Welt posaunt werden.

Man sieht dich immer mit einer schwarz gekleideten Frau…
Das habe ich gewusst! Da hat mich schon einmal ein hiesiger Direktor (!) angemacht, als ob ich nicht frei laufen könnte. Ich darf ganz alleine bis nach Berlin fahren – manchmal.

In Altkö-Kreisen hat man uns gar einen Spitznamen verpasst. Den lasse ich aber jetzt nicht gucken.

Stimmt, über Beziehungen haben wir ja noch gar nicht gesprochen. Es sind nun schon fasst 30 Jahre her, als eine mitleidige Person aus Radebeul mich und den Inhalt eines Möbelwagens aufnahm. Die Müllerschen Erkenntnisse waren damals bei mir noch nicht zur vollen Reife gelangt. Auch so ein Zufall, der meinem Leben eine jähe Wende gab. Ich finde es als sehr angenehm, wenn sich die Interessen der Partner auf vielen Gebieten decken. Man entwickelt so ein größeres Verständnis füreinander.

Aber vorher, da muss doch auch etwas gewesen sein.
Muss es?! – Ja sicher, da gab es große und kleine Geschichten. Man hat Fehler gemacht und manchmal auch keine. Da wechselten die Orte und Personen. Einmal verlief das Leben wie in einer Einsiedelei, und ein andermal quietschte die Straßenbahn noch nachts um Halbzwei vor der Haustür. All das liegt 40 Jahre zurück. Es muss nicht mehr hervorgeholt werden. Ich bin kein Freudianer. Sicher muss man auch einmal zurückschauen. Aber morgen, morgen ist auch noch ein Tag…

Das greife ich doch gern am Schluss noch auf. Was willst du morgen anstellen?
Das weiß ich doch heute noch nicht. Eventuell mal das machen, was meine Frau sagt. Aber sonst besitze ich schon noch die Hoheit über mich selbst. Aber vielleicht sollte ich mal was für die Meinen tun: Lebensgeschichte aufschreiben für Tochter und Gattin. Die kennen mich ja nur zur Hälfte.

Nun, da hast du sicher viel zu tun. Da will ich dich nicht davon abhalten. Vielen Dank.

Das Gespräch für die Vorschau & Rückblick führte Sascha Graedtke.

Eine Zeitzeugin erinnert sich – 13. Februar 1945

Warum blitzt es am Himmel?

Gespenstig fand ich jene Nacht, als unsere Mutter mich im Februar 1945 auf ihr Fahrrad setzte und uns Kindern hastig mitteilte, wir müssen schnell zu den Großeltern, fragt nicht so viel. Ich hielt mich krampfhaft am eiskalten Fahrradsattel fest, derweil Mutter mit verrutschten Kopftuch und meine Schwester Traudl schnell auf dem Bischofsweg nebenher liefen.

Mit knapp fünf Jahren war ich erstaunt über die Feuerblitze, die wie Christbäume aussahen. Es waren die unzähligen Bomben, die Dresden, die Kunststadt Europas in Schutt und Asche legten.

Die Autorin 1945

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar erfolgte auf das rund 630 000 Einwohner zählende Dresden einer der verheerenden Luftangriffe auf Dresden.

Wir strebten zügig dem Haus in Zitzschewig unterhalb der Weinberge zu. Meine ältere Schwester Traudl schluchzte und fragte immer wieder nach unserem Vater, aber der war, wie eben alle Männer im Krieg, weit weg. Wiedergesehen habe wir ihn nicht mehr. Er wurde am 3. März 1945 beim Rückzug unweit des Westwalles von einem amerikanischen Tiefflieger getroffen und verblutete in einer kleinen Eifler Dorfschule. Die Sanitäter waren einen Tag vor her abgezogen wurden.

Die Großeltern beherbergten an diesem Abend mehrere Töchter mit ihren Kindern. Großvater hatte auf einem Leiterwagen Decken und Proviant gepackt. Die kleinsten Enkelkinder, so auch ich, wurden obenauf gesetzt.

Schweigend verließen wir das Grundstück. Unsere Großmutter ließ keine Sentimentalitäten aufkommen und mahnte uns still zu sein. Eilig ging es in die nahe gelegene Johanneskapelle, wo unser Großvater, Oswald Keller, über Jahre hinweg in kirchlichen Diensten stand. Stille umgab uns, doch warteten schon andere, ebenso ängstlich gestimmte Menschen auf uns. Darunter Frauen, Kinder und ältere Männer. Unser Großvater teilte alle in die Bänke ein und fing mehrmals an zu beten und viele schlossen sich dem an. Er versuchte besonders die Kinder mit exakt formulierten Anweisungen in der Dunkelheit ruhig zu halten.

Bei Besuchen in meiner alten Heimat erinnerte ich mich mehrmals daran beim Anblick der großen Kirchenfenster, die in der Schicksalsnacht innen mit Holzplatten verdunkelt waren. Unsere liebe Mutter nahm uns etwas von der Angst, wenn das Grollen und Zischen zu stark wurde und uns Schwestern, neun und nahezu fünf Jahre alt, fest an sich drückte. Irgendwann muss ich in dieser langen Nacht eingeschlafen sein. Der Proviant, wie Mutter Jahre später erzählte, wurde nicht angerührt.

Im Sommer desselben Jahres lud ein Tante in Blasewitz ihre Schwester und uns zur Hühnersuppe ein. Wir kamen nach mehrmaligen Umsteigen und zeitweiligen Laufen, verspätet an. Tante Marie musste uns allen erstmal Kräutertee kochen. Uns war es übel, wovon wussten wir Kinder nicht, wohl die Erwachsenen und die schwiegen auf unsere Fragen nach dem süßlichen, unbekannten Geruch. Noch heute, nach 80 Jahren sind diese Kindheitserlebnisse in den bewussten Februartagen des Jahres 1945 besonders lebendig.

Felicitas Schulz

Editorial

Unser Heft schickt sich von jeher an, neben den kulturellen Ereignissen in Radebeul auch Orte in der näheren Umgebung im Blick zu haben.

Diesmal richtet sich unser Interesse auf Schloss Burgk, ein Kleinod am Fuße des Windberges der Stadt Freital. Der aus dem 14. Jh. stammende Herrensitz ist regionaltypisch mit dem dortig ansäßigen Montanwesen verwoben, was in mehreren Ausstellungen anschaulich repräsentiert wird.

Ein zweiter, überaus bedeutender Schwerpunkt gilt, hier fast unvermutet, zwei hochkarätigen Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Neben der Städtischen Sammlung, die 2024 ihren 100. Geburtstag feierte, kam 1993 mit der Übernahme der privaten Sammlung des Dresdners Friedrich Pappermann der überaus glückliche Umstand hinzu, die Entwicklung der Dresdner Kunst von der Gründung der Königlichen Kunstakademie im Jahre 1764 bis zur unmittelbaren Gegenwart zeigen zu können. Besondere Höhepunkte der Stiftung bilden Werke von Meistern der ersten und zweiten Romantikergeneration, wie Johan Christian Clausen Dahl, Carl Gustav Carus, Johann Anton Castell, Victor Paul Mohn oder Karl Robert Kummer.

Die Konzentration von Künstlern der „Dresdner Schule“ über Generationen in beiden Expositionen ist bemerkenswert. Als Glanzpunkte gelten Werke von Otto Dix sowie sein gesamter Umkreis u.a. Wilhelm Lachnit, Pol Cassel, Conrad Felixmüller, Otto Lange oder Curt Querner.

Und schließlich, um den Bogen in die Heimatstadt zu schlagen, sind mit Bildern von Paul Wilhelm mit einer Lößnitzlandschaft, Claus Weidensdorfer und Günter Schmitz auch Radebeuler Künstler in der Sammlung vertreten.

Sascha Graedtke

Radebeuler Jahreshöhepunkte 2025

01.01.-31.12. 90 Jahre Radebeul
17.03.-15.04. Radebeul liest
29.03.-30.03. Whiskyfestival
01.04.-30.04. Radebeul liest
04.04. Auktion „Kunst & Kuriositäten“
13.04. Radebeuler KulTourBörse
30.05.-01.06. Karl-May-Festtage
01.06. Kindertag
14.06.-15.06. Tage des Offenen Weinberges
21.06. Fete de la musique
21.06.-22.06. Kasperiade
28.06.-29.06. Kunst geht in Gärten
22.08.-24.08. 675 Jahre Wahnsdorf
29.08. Künstlerfest
30.08.-31.08. Tage des Offenen Weingutes
14.09. Tag des Offenen Denkmals
19.09.-21.09. Herbst- und Weinfest
04.10.-05.10. Weinbergfest in der Hoflößnitz
02.11. Grafikmarkt
01.12.-24.12. Radebeul gemeinsam
1.,2.,3. Adv. Weihnachtsmarkt
21.12. Kurzfilmnacht

Alle Termine unter Vorbehalt!

 

 

Mit Michael Wüstefeld poetisch durch das Jahr



Zur Titelbildserie




Historische Winzerhäuser in Radebeul
Den Reigen von Winzerhäusern will ich mit dem sogenannten „Bennoschlösschen“, Bennostraße 35, eröffnen. Ich habe den im Volksmund verhafteten Namen gewählt, obwohl ich die Umschreibung als „Steinernes Haus“ besser fände – den Volksmund verbessern zu wollen, ist nahezu ein Unding. Das wohl älteste Radebeuler Winzerhaus ist um 1580 gebaut worden, Bischof Benno (gest. 1107) kann also das Haus nicht erbaut, besessen oder bewohnt haben. Anders als andere Winzerhäuser finden wir hier kein Fachwerk in den Außenwänden, so trifft es mit „Steinernes Haus“ besser. Markant sind seine Renaissance-Giebel nach vier Seiten. Zu der Zeit soll es weitere, ähnlich gestaltete Häuser in der Lößnitz gegeben haben, so z.B. einen Vorgängerbau des Hauses Albertsberg in der Eduard-Bilz-Straße. Das Bennoschlößchen ist das letzte seiner Art in Radebeul. Auffallend sind bei diesem Winzerhaus die kleinen Fensteröffnungen, bzw. das Verhältnis der Summe der Fensterflächen zu den gemauerten und verputzten Fassaden. Typisch ist die freie Lage des „Bennoschlößchens“ in der Landschaft, umgeben von Wein auf drei Seiten.

Dietrich Lohse

Lyrikseite 2025

Im Dezemberheft 2024 hatte sich der Kreis mit 12 Texten von Stephan Krawczyk geschlossen. Als Höhepunkt durften wir im letzten Sommer den Künstler in einem wunderbaren Konzert am Fuße der Weinberge im Weingut Aust erleben.
Für 2025 konnten wir den Dresdner Schriftsteller und Lyriker Michael Wüstefeld für unsere Lyrikseite gewinnen und freuen uns, dass er mit seinen Gedichten unser Heft bereichert.

Sascha Graedtke


MICHAEL WÜSTEFELD, geboren 1951 in Dresden, absolvierte ein technisches Studium an der TU Dresden, arbeitete bis 1991 in einem Dresdner Ingenieurbu?ro, seither als freiberuflicher Autor und Kritiker. Seit 1996 Mitglied im P.E.N.-Zentrum Deutschland. Zahlreiche Stipendienaufenthalte, u.a. Paris, Künstlerdorf Schöppingen, Amsterdam, Künstlerhaus Edenkoben, Villa Waldberta, Calwer Hesse-Stipendium, Pécs im „Auswärtsspiel“ der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, Stadtschreiber zu Rheinsberg.
Jüngste Veröffentlichungen: „Paris, geschenkt“ (2008), „Fünfkirchen fünf vor zwölf. Ein Pécs-Tagebuch“ (2016), „Kinogeschichten“ (2016), „Gegenwärtige Vergangenheit. Gedichte aus 40 Jahren“ (2020), „NachSchlag“ (2021).


 

Radebeuler Miniaturen

Rückblick auf die Zukunft

Beim Janus – wieder eine Gelegenheit verpaßt!
Janus – du weißt – ist der Gott mit den zwei Gesichtern, der als Hüter des Übergangs galt und der deshalb dem ersten Monat im Jahr seinen Namen gab. Mit Greisengesicht schaut er ins Gestern, während er mit jugendfrischem Antlitz das Morgen begrüßt.
Er könnte, würden wir dessen noch bedürfen, durchaus der Patron von „Vorschau & Rückblick“ sein. Es ist nämlich nicht immer einfach, schon vor Redaktionsschluß zu wissen, was danach noch interessant ist…
Nun ist jedenfalls wieder Januar.
Auf der Agenda fürs Kommende steht, so viel ich weiß, immer noch der Plan, den Aufgang zum Haltepunkt Kötzschenbroda mit der Kopie eines Bildes von Udo Lindenberg optisch etwas aufzuwerten. Er hatte ja seinerzeit den „Zug nach Kötzschenbroda“ umgeleitet, zum „Sonderzug nach Pankow“ gemacht und damit viel Freude ausgelöst. Ein Selbstbild Udos auf der Dampflok soll nun als Kopie den Durchgang zieren. So weit so geplant.
Etwa zeitgleich mit den entsprechenden Planungen begannen die Diskussionen um Karl May und dessen Blick auf indigene Völker.
Nun hatte ja der Panikrocker 1983 in seinem Lied den Genossen Generalsekretär als „Oberindianer“ bezeichnet.
Es sollte, dachte ich damals scherzhaft, einmal geprüft werden, wen der Barde damit beleidigt hat: den Generalsekretär? Die Indianer? Oder gar die Ober?
Aus nicht unbegründeter Sorge, der Scherz könnte ernst genommen und am Ende daraufhin vielleicht gar das Vorhaben abgeblasen werden, habe ich damals davon Abstand genommen, den Gedanken weiter zu verbreiten.
Nun aber lese ich am Ausgang des Jahres 2024 in der wie immer gut informierten realexistierenden „Lügenpresse“, daß anläßlich eines Chorkonzertes in Berlin das in Frage stehende Wort vorsorglich gestrichen worden ist …
Hätte ich damals meine Gedanken öffentlich gemacht, wäre ich der erste gewesen und hätte die Lacher auf meiner Seite gehabt. So rutsche ich – Janus seis geklagt – unversehens in die Rolle des Jammer-Ossis, der überall zu spät kommt.
Das einzig Schöne an der Geschichte ist, daß wir wieder was zu lachen haben – und das mit jugendlichem Antlitz am Anfang des Jahres – Prost!

Thomas Gerlach

Eine Glosse

Die Kronjuwelen…?

Die Kronenjuwelen des britischen Königshauses sollen ja das Kostbarste sein, was man auf dieser Welt besitzen kann. Ihren Wert schätzt man auf über 20 Billionen Pfund! Gewissermaßen ein Schatz der Superlative. Um die Klunkern zu schützen, bewahrt man sie seit einer kleinen Ewigkeit in einer beeindruckenden Festung auf, dem Tower of London. Der war nicht nur Schatzkammer des Königreiches, sondern zeitweise auch Waffenkammer, Hinrichtungsstätte, Zoo und Königspalast. Verständlich, dass die Herrscherfamilie ihr Wertvollstes und Liebstes natürlich ständig um sich haben wollte. Allein die St.-Edward-Krone beziffert man heute auf 39 Millionen Dollar. Das lässt man nicht gern allein. Auch will man natürlich die Edelsteine hin und wieder mal in der Hand fühlen. Wozu hat man sie denn sonst?
Natürlich verlief die Geschichte des Kronenschatzes nicht so glatt, wie man meint. Nicht immer ist man am Laufband an diesem „vorbeigeschwebt“. Erst seit 1967 ist dieser im Waterloo Barracks im Tower of London untergebracht. Ganz am Anfang wurden er in der Westminster Abbey, dem Krönungsort des Oberhauptes, aufbewahrt. Sicher war es da allerdings auch nicht, meldete doch die Chronik 1303 einen Diebstahl. Überhaupt sind die Herrscher lange Zeit ziemlich nachlässig mit ihrem Schatz umgegangen. Eduard III. hatte die Kronjuwelen sogar mal verborgt, um den Hundertjährigen Krieg (1337–1453) zu finanzieren.
Andere bewahren ihre „Kronjuwelen“ in Strumpf oder in der Matratze auf, wie neulich in Italien. Die böhmischen Kronjuwelen beispielsweise werden an drei verschiedenen Orten gelagert. Die Preußischen wurden gar im Zweiten Weltkrieg vor der heranrückenden Roten Armee im Thüringer Bergwerk Bernterode versteckt, um sie später den Nachfahren zu übergeben. Einiges ist aber auch abhanden gekommen. Das alte Sprichwort „Dreimal umgezogen, ist wie einmal abgebrannt.“, bewahrheitet sich halt immer wieder.
Die „Kronjuwelen“ von Radebeul werden in Bälde zum dritten Mal umziehen. Wohin weiß nur der Kuckuck allein. Da kann man nur hoffen, dass sie nicht auch nach Trier kommen, wie seinerzeit 1339, als Eduard III die englischen Kronjuwelen dem Kurfürst Balduin von Luxemburg geliehen hatte, weil der mal wieder knapp bei Kasse war.
Das freilich könnte der Großen Kreisstadt in den nächsten Jahren auch passieren. Die neusten Prognosen des Arbeitskreises „Steuerschätzungen“ sagen einen Rückgang von 10,2 Prozent voraus. Die Baukosten für geplante Vorhaben wie die Erweiterung des Karl-May-Museums, des Schul-Campus, des Objektes für Kunstsammlung und Stadtarchiv, der Sicherung der Kolbe-Villa und des Straßenbaus werden steigen. In die Hoflößnitz sollen auch demnächst die Handwerker einziehen. Die Inflationsrate hat mit +2 Prozent wieder angezogen. Welches Tafelsilber kann hier die Stadt eigentlich auf die Waagschale legen, wenn die Nummern schief gehen? Ob das Karl-May-Fest und das Herbst- und Weinfest das eingespielt haben, was man sich erhoffte, ist ohnehin fraglich. Und wie man hört, wird auch mit dem Vereinshaus jongliert und am Rosenhof sei man ebenfalls interessiert. Klingt alles verdächtig nach Monopoly.
Freilich hat Eduard III. sich Zeit gelassen mit dem Rückholen der Juwelen, aber 1343 konnte er dann die 50.000 Gulden auf den Tisch legen – nebst Zinsen versteht sich. Später beschloss man, dass der Schatz England nie mehr verlassen darf. Vermutlich hat man, als die Lage während des Zweiten Weltkrieges besonders brenzlig wurde, veranlasst, zwei Kopien der Kronjuwelen anzufertigen. Die durften dann auch mal auf Reisen gehen.
Für den Radebeuler Schatz kommt diese Lösung natürlich nicht in Frage. Hier ist die Lage eine ganz andere – den will niemand stehlen und ein Angriffskrieg ist auch nicht zu erwarten. Die Situation ist entstanden, weil einfach der Mietvertrag planmäßig ausgelaufen ist. Das konnte man ja nicht wissen. Der englischen Krone kann das nicht passieren. Da hatte sie schon 1086 vorgesorgt. Will aber gegenwärtig ein Radebeuler etwas aus dem Archiv ausleihen oder sich nur ansehen, muss man das bei einer Interimsstelle anmelden. Verständlich, dass man nicht wegen jedem Blatt einen Transport bestellt. Es muss sich ja lohnen, sich nach dem 14 Kilometer entferntem Ort aufzumachen. Wie es mit der Kunstsammlung überhaupt weiter geht, steht gegenwärtig noch in den Sternen.
Na gut, man kann halt nicht alles haben. Vielleicht ist der eine oder andere Bürger interessiert. Vielleicht sollten wir den Vorschlag des einstigen Oberbürgermeisters von Löbau aufgreifen und den Mitarbeitern und Bürgern einige Blätter und Kunstwerke einfach in die Hand drücken. Die würden sich freuen, und die teuren Unterbringungskosten könnten auch gespart werden, meint

Euer Motzi

 

Radebeuler Ansichtskarten – Wie sich Bilder ändern lassen

Sowohl für die alteingesessenen wie die neuen Radebeuler hat die Stadt zahlreiche Aspekte, die von Interesse sind: Bauwerke, Geschichte, Ereignisse… Eine Widerspiegelung dieser Dinge findet sich in einer besonderen Kunstform, den vielfältigen Ansichtskarten die von Radebeul und den Ortsteilen seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts

Abb. 1

herausgegeben wurden. Dieses besondere Format der historischen Zeugnisse hat eine wachsende Zahl von Interessenten. Legendär sind die Sammlungen von Gottfried Thiele, der in den Reihen „Archivbilder“ und „Bilder aus der DDR“ des Sutton Verlags Erfurt Teile seiner Sammlung veröffentlichte und von Gert Morzinek, der in mehreren Bänden des Verlags M. Lange die Stadt Radebeul und seine Ursprungsgemeinden in alten Ansichtskarten darstellte. Natürlich dürfen die beiden Bände von Frau Lieselotte Schließer „Radebeul in alten Ansichten“, herausgegeben von der Europäischen Bibliothek Zaltbommel/Niederlande, in dieser Aufzählung nicht fehlen. Die letzte Publikation dieser Art aus dem Jahr 2018 hat Michael Schmidt unter dem Titel „Grüße aus der Karl-May- und Eduard-Bilz-Stadt Radebeul in historischen Ansichtskarten“ geschaffen und im Sonnenblumen-Verlag Dresden veröffentlicht.

Abb. 2

Die Verlage, die diese Post- und Ansichtskarten vom jetzigen Radebeul anboten sind vielfältig: Der bedeutendste ist sicher Brück und Sohn, Meißen, aber auch Carl Pittius, dessen Nachfahren ein Schreibwarengeschäft in Radebeul-West betrieben, das den älteren Radebeulern noch in guter Erinnerung sein dürfte, hat viele Ansichtskarten herausgegeben. Daneben gibt es eine Reihe Dresdner und kleinerer Radebeuler Verlage.

Abb. 3

Befördert wurde der Verkauf von Ansichtskarten durch die zunehmende Beliebtheit der Lößnitz als Ausflugsort

Abb. 4

der Dresdner. Besonders für Ausflugsziele wie Friedensburg, Meierei, Bilzbad oder Spitzhaus gab es Ansichtskarten in großer Vielfalt von den verschiedensten Verlagen. Veränderungen im Stadtbild waren für diese Verlage eine Herausforderung. So wurde die schöne Ansicht der Friedensburg mit der Niederlößnitz durch den Bau des Wasserturms 1914 plötzlich unmodern. Veraltete Ansichtskarten ohne den neuen Turm zu verkaufen, schien problematisch zu sein. Also fügte man dieses Bauwerk im Druckstock manuell hinzu, wie es die Ansichtskarten des Verlags Albert Ernst aus Dresden erkennen lassen. Von diesem Verlag gab es viele Ansichtskarten mit Bildern aus den ehemaligen Radebeuler Orten. Den eingefügten Wasserturm kann man trotz des Versuchs durch eine gleichzeitige Änderung der Handkolorierung von einem Sommerbild zu einem Frühjahrsaspekt deutlich als Fälschung erkennen (Abb. 1 und Abb. 2).
Die Ansichten auf den Karten sollten ja besonders schön sein. Manchmal fanden die Ansichtskarten-Produzenten offenbar Strommasten als störend für die Harmonie des Bildes und retuschierten sie in der Nachauflage einfach weg.

Abb. 5

Das kann man an Beispielen aus den 50er Jahren sehen. Aus dem Verlag Brück und Sohn, Meißen, stammt die Karte von der Bahnhofstraße (Abb.3) und aus dem Verlag A. & R. Adam, Dresden, die Karte, die die Straße „An der Jägermühle“ abbildet (Abb.4). Der gewissenhafte Historiker muss also bei Ansichtskarten vorsichtig sein und mit geschönten Darstellungen rechnen.
Kurios sind dagegen die Karten aus dem Verlag von Carl Pittius, die die Häuser Lößnitzgrundstraße 38 zeigen, über die Dietrich Lohse in Vorschau und Rückblick im Heft 06/2017 berichtete. Postalisch gelaufen sind sie 1915 und 1917. Warum wohl haben die beiden Damen vor dem Grundstück den Verleger gestört (Abb.5)? Sollten sie vielleicht nicht von der imposanten Stromtrasse des gerade in Betrieb gegangenen Elektrizitätswerks in der ehemaligen Pönitzschmühle ablenken, die Radebeul mit Strom versorgte?
Nun sind diese Beispiele Zufallsfunde. Bei der großen Zahl von hergestellten Ansichtskarten ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man noch mehr solcher Bearbeitungen finden kann.

Wilfried Rattke

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