Editorial 01-25

Liebe Leserinnen und Leser,

für meine Familie und mich war 2024 ein ganz besonderes Weihnachtsfest- weil es ein ganz besonderes Jahr war.
Im Januar trat ich meinen Dienst als Pfarrer in Radebeul an, im Februar zogen wir um, vom beschaulichen Dorf auf den quirligen Anger.
Der Frühling kam, der Flieder blühte und die Sorge, ob die Kinder gut ankommen, legte sich.
Es wurde Sommer und wir genossen das südlich-lässige Flair zwischen Anker und Oberschänke.
Der August holte gegen Ende nochmal aus und an einem heißen Mittwoch duckte sich ein handtellergroßes Kätzchen im Pfarrhof unter den Postkasten. Wie bestellt! Willkommen Minki!
Der Herbst kam und das große Fest mit ihm – wir staunten und ließen uns gern mitreißen. Ich lernte die Bräuche und Protagonistinnen kennen, zwischen Oberbürgermeister, Bacchus und Weinköniginnen fand ich meinen Platz.
Der trübe November war fast nicht mehr auszuhalten – am Totensonntag stand ich mit den Posaunen auf dem Friedhof – dann kam endlich der Advent.
Die zweite Initiation in die kleine Stadtgesellschaft.
Budenglanz und Lichterzauber?
Wo parke ich? Wann gehe ich einkaufen?
Muss ich jeden Glühweinstand probiert haben?
Ein irres Jahr war das. Alles zum ersten Mal.
So viele Begegnungen, so freundliche Menschen, so offene Arme.
So viel Liebe.
Alles, was ihr tut, das geschehe in Liebe.
Dieses Wort hat uns Christenmenschen als Losung durch das Jahr 2024 begleitet.
Es tröstet, dass es wohl keinen unter uns gibt, der ihm gänzlich gerecht werden konnte.
Und irgendwie will ich es doch auch ins nächste Jahr mitnehmen.
Selbst wenn Sie mit Gott und dem Krippenkind nichts anfangen können, dann halten Sie es einfach mit dem Autor des Kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry: „Sehnsucht nach Liebe ist Liebe. Und siehe, du bist schon gerettet, wenn du versuchst, der Liebe entgegenzuwandern.“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein liebevolles und gesegnetes neues Jahr 2025.

Ihr Pfr. Martin Scheiter

»Paul Wilhelm – im Garten seiner Kunst«

Annerose und Gottfried Klitzsch laden wieder in die Villa Hohe Str. 35 ein

Das Radebeuler Kulturleben ist bekanntermaßen reich- und abwechslungsreich. Und dennoch gibt es gelegentlich Ereignisse, die ihre ganz eigene Note haben und gewissermaßen die Kirsche auf der »kulturellen Torte« darstellen.

Zur Ausstellungseröffnung mit Sammler Gottfried Klitzsch rechts im Bild
Foto: S. Graedtke

So geschehen am 15.11. um 16 Uhr in der privaten Villa Hohe Straße 35 zur Ausstellungseröffnung »Paul Wilhelm – im Garten seiner Kunst«.

Kunstinteressierte Mitbürger erinnern sich bestimmt, dass bereits 2015 und 2016 zwei umfängliche Ausstellungen hier realisiert wurden. Während 2015 aus Anlass seines 50. Todestages des Radebeuler Malers Paul Wilhelm (1886-1965) und dessen Aquarelle Gegenstand der Betrachtung waren, richtete sich das Augenmerk 2016 auf die »Künstlerhäusler« Hermann Glöckner (1889-1987) und Helmut Schmidt-Kirstein (1909-1985). Beleuchtet wurden bisher kaum wahrgenommene Affinitäten ebenso wie Charakteristisches beider Künstler.

Nun, nach längerer Pause, laden Annerose und Gottfried Klitzsch erneut in das Obergeschoss der vorzüglich restaurierten Villa in der Hohen Straße ein. Die Etage ist gänzlich der Kunst geweiht und präsentiert in den gediegenen Räumlichkeiten mit Parkett, Kronleuchtern und antikem Ofen in dichter Hängung über 80 Ölgemälde einen weitgespannten Bogen aus unterschiedlichsten Schaffensperioden des Künstlers. Reisen nach Italien, Frankreich, Österreich und England wirkten nachhaltig in die Arbeiten der 1920er und 30er Jahre ein, insbesonders in den Lößnitzbildern. Der exquisite Umgang mit einer nuancierten Palette fein abgestimmter Erdfarben geben der Handschrift des Künstlers ihr unverwechselbares Gepräge.

Der Gastgeber, Kunstliebhaber und Sammler Gottfried Klitzsch führte zur Ausstellungseröffnung ausführlich in das Werk des Künstlers und seiner Lebenswelt ein. So wurden auch die thematisierten Hauptmotive von Gärten und Blumen, allen voran der Rittersporn oder die zahlreichen geradezu psychologisch durchdrungenen Porträts seiner Frau Marion verständlich. Zudem sind Radebeuler Häuser und Grundstücke zum Teil derart realistisch wiedergegeben, dass einige Bilder ein getreues Abbild der stadtgeschichtlichen Entwicklung repräsentieren.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher, gebundener Katalog (392 S./ 45€) mit Schutzumschlag und einer Fülle privater Fotos aus dem Künstlerleben der Wilhelms erschienen, der vor Ort oder per Zusendung zu erwerben ist.

Im Gedenken an den Künstler ist in Radebeul übrigens der Prof.-Wilhelm-Ring sowie der »Paul-Wilhelm-Flügel« im Luthersaal der Friedenskirche im kulturellen Gedächtnis der Stadt verankert.

Sascha Graedtke

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AUSSTELLUNG DRESDNER KUNST
Hohe Str. 35
01445 Radebeul-West
Öffnungszeiten:
16.11.-15.12.2024 | 4.1.-9.3.2025
geöffnet SA & SO 11-18 Uhr

Mit Stephan Krawczyk poetisch durch das Jahr

Zum Titelbild

„Dich schickt mir der Himmel!“ – Wer von uns allen hätte einen solchen Satz noch nie gesprochen? Wem wäre noch nie die helfende Hand eines „rettenden Engels“ erschienen?

Als Mittler zwischen unserer Wirklichkeit und den uns – wer weiß – umgebenden „Überwirklichkeiten“ sind Engel Boten des Himmels. Mancherorts werden sie ganz als Lichtgestalten betrachtet. Etwa seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert zeigen sie sich in der Kunst als geflügelte Wesen. Als Spender von Trost und unvermuteter Hilfe sind sie nun auch aus dem säkularisierten Alltag nicht mehr wegzudenken.

Im Dezember, dem Monat, in dem die Ankunft des Erlösers ins Haus steht, haben sie besondere Konjunktur: Aus allen Stubenfenstern strahlen Lichterengel und erhellen die Nacht. Es gibt keinen Bäcker, der es sich nehmen ließe, Engelflügel mit Zucker zu überziehen und keine Geschäftsauslage, in der nicht ein oder zwei Engelkapellen musizierten.

Zur Jahrtausendwende hat der Grafiker Michael Hofmann den Engeln eine ganze Serie großformatiger Farbholzschnitte gewidmet. Schon in den Jahren zuvor hatte er sich mit kleineren Arbeiten dem Thema genähert. Besonders mit Blättern wie diesen taucht der Künstler ganz tief ein in die Tradition der Holzschneidekunst.

Die Stadt liegt in tiefem Schlaf. Stille herrscht in allen Straßen und auch die Kirche schweigt unter dem zarten Klang der himmlischen Posaune. Doch so manche der Schläfer hinter den stummen Fenstern werden mit einem frohen Lächeln im Gesicht erwachen, das lange Zeit nicht vergehen wird.

„Ein Engel fliegt über die Stadt“ – besseres kann ihr in diesen Tagen nicht geschehen. (1655)

Thomas Gerlach

Vorschau auf die Titelbilder im Jahr 2025

An dieser Stelle wollen wir einen Blick auf die zu Ende gehende grafische Titelbildserie des Künstlers Michael Hofmann werfen. Es waren kleine Meisterwerke, sie waren auf leise Art witzig, sie hatten Anklänge an die jeweilige Jahreszeit und sie zeigten eine durchgängige grafische Eleganz und Wiedererkennbarkeit. Wir danken herzlich dem frisch gekürten Kunstpreisträger der Stadt Radebeul, Michael Hofmann – Dank auch an den Freund und kongenialen Schreiber der jeweiligen Kurztexte, Thomas Gerlach!

Die Redaktion von Vorschau & Rückblick gab mir für 2025 noch einmal das Vertrauen zur Ideenfindung und Umsetzung von fotografischen Titelbildern. Ich habe mich nun entschlossen, unsere Winzerhäuser auf die Titelseiten zu bringen. Da gibt es keine Sorge, dass ich in Radebeul nicht auf die Zahl 12, wie schon 2021 bei Bauernhäusern, komme. Vielleicht nehme ich aber auch noch ein paar Winzerhäuser aus dem Umfeld unserer Stadt dazu, mal sehen. Kurze Texte mit Angabe von Daten und der Adressen werde ich auch wieder schreiben.

Das Januarheft wird die Reihe mit dem sogenannten „Bennoschlößchen“ eröffnen, so viel kann ich schon verraten.

Dietrich Lohse

Glosse

Die Maske, das neue Gesicht

Heute ist Plenzdorf-Woche an meinem Kalender. Wer ist denn das, wird der Eine oder Andere denken? Dem gelernten DDR-Bürger mag der Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramaturg eventuell noch im Gedächtnis geblieben sein. Mit 38 Jahren hatte er das Kultstück Die Leiden des jungen W. herausgebracht. Hier ging es um einen jungen Mann, der sein Leben nach den Vorstellungen anderer einrichten sollte, was natürlich zu einer Reihe von Konflikten, ja sogar zum Tod der Hauptfigur führte.

So wollte ich auch werden, wie Edgar Wibeau! Mir von niemandem etwas einreden lassen, sondern selbst entscheiden. Gut kann ich mich noch an einen 16-jährigen Gymnasiasten erinnern, der im Jahre 2000 bekannte, wir „wollen Fehler bis zu einem gewissen Grad selbst erfahren, wollen zugleich aber unsere Naivität dazu benutzen, unbefangen Ideen Wirklichkeit werden zu lassen und es jedem teilhaben zu lassen, der es auch erfahren will.“.

Warum also alten Vorbildern nacheifern? Auch ich habe das schon immer gehasst. Was weiß ich denn von den sogenannten großen Vorbildern? Einen Scheißdreck weiß ich! Da werden drei Merkmale in den Vordergrund geschoben und der Rest bleibt im Dunklen. Elon Musk ist der große Macher und erfolgreichste Unternehmer, aber ist er auch als Mensch zu ertragen? Woran misst sich ein Vorbild? Erfolgreich sein, gegen den Strom schwimmen, den Helden spielen? – doch wohl eher an den vermeintlichen Idealen einer Gesellschaft. Aber was sind das für welche, wo findet man wirkliche Vorbilder und welches davon könnte dann meines sein?

Hier springt die Die Zeit in die vermeintliche Lücke und will ganz selbstlos weiterhelfen. Sie bietet 50 deutsche Vorbilder – Menschen, die uns heute fehlen an, ein seit 2010 in Buchform erschienener Ratgeber für schlappe 12,95 Euro, damit keiner etwa nach dem falschen Vorbild greift. Wieso fehlen sie eigentlich, wo doch heute die Welt voll von Größen, Stars und sogenannten Promis ist? Findet sich darunter denn keiner, der vorzeigbar ist? Oder ist nicht mehr genug lenkbares Volk vorhanden, das gehorsam die Fahne in den Wind hängt? Da haben wir die Auswirkungen der bundesdeutschen Bildungskrise, die offensichtlich das selbständige Denken vernachlässigt hat.

Ja, Vorbilder gibt es heutzutage kaum noch, sind sie doch eher zum Entertainment verkommen. Oder sie werden zu „Heldinnen und Helden“ hochstilisiert, zu unerreichbaren Idealtypen. Regelmäßig veröffentlichen Karriereberater*innen beispielsweise im Nachrichtenmagazin Spiegel entsprechende Beiträge. Erst unlängst, im April 2024, stellten Dorothea Assig und Dorothee Echter die Frage: Wo gibt es noch gute Vorbilder? Ja, wo denn? In der Politik kann ich keines ausmachen. Neulich wurden gar Brandbriefen wegen drohender ungewöhnlicher Kollationen versendet. So mancher Politiker zündet lieber die Welt an, als die eigne Meinung zu revidieren, aus Angst davor sein Gesicht zu verlieren! Welches?

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert sind die wirklichen Gesichter doch verschwunden und stattdessen trägt man lieber eine Maske. Das war die Zeit, als die „öffentliche Person“ ans Licht drängte. Das wahre Gesicht wurde nur noch zu Hause gezeigt. Da konnte der vermeintliche Biedermann seine Maske fallen lassen. Seitdem aber das Intime zur öffentlichen Begierde der Allgemeinheit wurde, konnte die Maske auch im Privaten nicht mehr abgelegt werden und sie wurde zwangsläufig das neue Gesicht. Die Performance war jetzt das Bestimmende und nicht das sachbezogene Handeln. Und so labert man heutzutage was das Zeug hält, ist dafür und dagegen in einem Satz, wirft verbriefte Lebensmaxime, wissenschaftliche Erkenntnisse und moralische Grundsätze übern Haufen, nur um den vermeintlichen Gegner niederzudiskutieren. Der Irrsinn ist Methode. Je verwirrter das Volks, desto leichter lässt es sich an der Nase herumführen, so die Überzeugung. Aber, wie die Geschichte lehrt, geht manchmal die Sache auch gewaltig nach hinten los, meint

Euer Motzi

Radebeuler mit Landespreis geehrt!

Am Freitag, den 15. November, vergab das Staatministerium für Kultus in Kooperation mit dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz e. V. im Klemperer-Saal der SLUB den Landespreis für Heimatforschung 2024. An dem seit 28 Jahre ausgeschriebenen Preis können sich Personen und Gruppen beteiligen, die „nicht in Zusammenhang mit einer das Forschungsfeld betreffenden Ausbildung und / oder beruflichen bzw. geschäftlichen Tätigkeit stehen“. Die möglichen Themengebiete sind vielfältig und weit gefächert. Sie erstrecken sich u. a. auf Orts-, Regional- und Landesgeschichte, Flora und Fauna, Alltagskultur, Archäologie, Denkmalschutz wie auch Kunstgeschichte. Vergeben wurden insgesamt sieben dotierte Preise und acht Anerkennungen.

Mit dem 3. Hauptpreis wurde die Arbeit Die letzte Nummer. Geschichten aus einem Landesverband der Autoren Karl Uwe Baum (Radebeul) und Roland Friedel (Leipzig) geehrt. Den Auszeichnungsakt nahm in Vertretung des Staatsministers für Kultus Christian Piwarz der Abteilungsleiter für Allgemeinbildende Schulen/Kindertagesbetreuung Gerald Heinze vor.

In dieser Schrift berichten die Autoren über ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Landesverband Amateurtheater Sachsen e. V. und die dabei gesammelten Erfahrungen bei dieser kulturpolitischen Arbeit.

In der nächsten Ausgabe von Vorschau & Rückblick folgt darüber ein ausführlicher Beitrag.

Red.

Radebeuler Miniaturen

Hoffnungs-Los

Die Faßsaison ist ja längst vorüber, sitze also am Tresen.

Na, zum Wohl, klingts von nebenan herüber. Dankend und trinkend sag ich, wenns so weitergeht, können wir Weihnachten wieder draußen sitzen.

Hast du Hoffnung?

Hoffnung immer, sag ich.

Da bist du gut dran, sagt er, ich hatte auch mal Hoffnung – ist lange her…

Ich seh noch die Birke, sagt er nach einer Weile.

Mein fragender Blick ermutigt ihn, weiterzureden.

Ich war ja noch nicht in der Schule damals, beginnt er, aber ich erinnere mich an diesen einen Moment ganz genau. Ich seh die Birken vor mir und höre den Gesang der „Elektrischen“ – klingt ganz anders als heute, na, du bist nicht viel jünger als ich, da kennst du ja die alten Kisten.

Großvater, sagt er und redet sich in Fahrt, Großvater behauptete immer, noch Pferdebahnen in Dresden gesehen zu haben. Deshalb fuhren wir mit der „Elektrischen“, wenn wir mit ihm fuhren. Ich denke ja, er kannte die Pferdebahn auch nur noch vom Erzählen, dabei gewesen bin ich natürlich nicht.

Aber ich war dabei, wenn er vom Krieg erzählte, der Großvater, „anno 16“ ist er ausgezogen, „ins Feld“, wie er sagte. Ich hatte ja keine rechte Vorstellung, was das bedeutete, „ins Feld“. Für mich begann das Feld gleich hinterm Zaun. Der Bauer konnte keine einzige Kartoffel ohne meine Hilfe ernten und keine Kornpuppe aufstellen ohne mich. Das Feld war für mich ein Stück Leben.
Großvaters Feld lag irgendwo weit draußen, hinter geheimnisvollen, fremden Namen, die ich mir nicht merken konnte. Mitten in der Nacht seien sie angekommen, erzählte er immer, und gleich in die Gräben geschickt worden, in denen sie kaum laufen konnten, weil überall Leichen rumlagen. Immer zu den Geburtstagen hat er das erzählt, der Großvater, wenn er die Familie bei Kaffee und Kuchen vollständig um sich versammelt wußte.

Eine Weile ist Schweigen. Seit Kindertagen, sagt er dann, sind wir – wenn wir nicht mitm Großvater in der „Elektrischen“ saßen – mit der „8“ gefahren. So hieß damals die Linie, die zu uns rauf fuhr. Es war gar nicht so einfach, für mich als ein Kind, das grade zählen lernt, das auseinanderzuhalten: 8haben, 8geben, in 8nehmen und dann mit der 8 fahren … Ich wußte nie, wem ich die 8 hätte geben sollen, wenn ich eine gehabt hätte, aber ich sollte ja dauernd 8haben! Mein Vater, fährt er nach einer Weile fort, ist als Kind auch schon mit der „8“ gefahren. Aber vom Krieg hat er wenig erzählt, vermutlich wußte er, warum. Schmerzen hat er gehabt, sein Leben lang Schmerzen, und auf die Ärzte hat er geschimpft, sein Leben lang, die nichts gefunden haben, weil nichts zu finden war – das war der Krieg. Naja.

Aber dann, jetzt paß auf, wir fahren landwärts und es gibt so ein aufgeregtes Getuschel im Wagen. Manchmal werden sogar Unmutsbekundungen laut. Das Geraune, ich hab ja mit meinen grade mal fünf Jahren nicht viel verstanden, ging um die beschlossene oder bevorstehende Einführung der „allgemeinen Wehrpflicht“. Begriffen hab ich nichts, ich ahnte aber, daß ich irgendwann Soldat werden sollte. Und da – ich seh noch die Birken, an denen wir gerade vorbeifuhren – da dachte es plötzlich in mir, „BIS ICH SO ALT BIN, IST DAS WIEDER ABGESCHAFFT“.

Es war die größte aller Hoffnungen, die ich je hatte – und sie ist natürlich bitterst enttäuscht worden.

Wenn ich mir freilich was zu Weihnachten wünschen dürfte …

Thomas Gerlach

Leserzuschrift: Ritter Klekih-petra der Mime der Schlaraffia

In den Traueranzeigen hier in Vorschau & Rückblick und auch während der Trauerfeier blieb ein aus meiner Sicht nicht unwichtiger Aspekt im Leben von Herbert Graedtke bisher unerwähnt: Herbert gehörte dem Künstlerbund der Schlaraffen als Ritter Klekih-petra an.

Er fand über den ebenfalls in diesem Jahr verstorbenen allseits bekannten Ritter Old Schätterhänd – René Wagner – den Weg in unseren Bund.

Das schlaraffische Spiel in der damals noch jungen „Colonie“ in Meißen lernte Ritter Klekih-petra bereits 2015 kennen. Nach seiner Zeit als Pilger und Prüfling wurde er 2016 als Knappe 3 des Castellum Misena in Schlaraffia aufgenommen und nur wenige Tage nach seinem 75. Wiegenfest eingekleidet. Nach einer lustigen Zeit an der Junkertafel, erfolgte 2019 sein Ritterschlag.

Seine profane Tätigkeit verband ihn über Jahrzehnte mit den Helden unseres Ehrenschlaraffen „Winnetou“ – Karl May – in schauspielerischer Freundschaft. Seine Fechsungen und Vorträge waren eine große Bereicherung des schlaraffischen Spiels. Dies gilt besonders für die Ausgestaltung des kulturellen Beitrages „Die Schöpfungsgeschichte der Allschlaraffia“ als Regisseur und Mime zu unserer Sanktionsfeier am 4. November 2017 in Lommatzsch.

Unvergessen sind auch seine freien Vorträge – allen voran die als kleine Reihe rezitierten Bubengeschichten von Wilhelm Busch „Max und Moritz“.

Seine Gesundheit erlaubte es ihm in den letzten Jahren nicht mehr mit uns zu sippen. Die im Ausbau befindliche „Burg Saxnwieg“ auf der Dresdner Straße in Meißen-Cölln konnte er leider nicht mehr kennenlernen. Umso dankbarer sind wir für die bereichernden Stunden mit Rt Klekih-petra in unserem Kreise.

Mit wehmütigen Trauer-Lulu verneigen sich die Sassen des Castellum Misena e.V..

Wer oder was sind die Schlaraffen oder ist die Schlaraffia?

Die Schlaraffen sind Mitglieder einer deutschsprachigen, weltweit verbreiteten Männergesellschaft, die als “Schlaraffia” bekannt ist. Gegründet wurde diese Gemeinschaft 1859 in Prag von Theaterschauspielern. Sie verfolgt das Ziel, Freundschaft, Kunst und Humor zu pflegen. Dabei steht vor allem eine spielerische und humorvolle Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Musik im Vordergrund. Die Mitglieder, die sich selbst als Schlaraffen bezeichnen, treffen sich regelmäßig in sogenannten „Sippungen“, die einer Art humorvollem, ritterlichem Ritual folgen.

Die Schlaraffia ist von satirischen und humoristischen Ansätzen geprägt. Die Schlaraffen pflegen eine fiktive, mittelalterlich inspirierte Welt mit eigenen Regeln, Rangtiteln und Ritualen, wobei sie gesellschaftliche Normen und politische Diskussionen bewusst außen vor lassen. Ihr Motto ist “In arte voluptas” (dt.: „In der Kunst liegt das Vergnügen“). Dadurch bleibt das Schlaraffentum apolitisch und bietet seinen Mitgliedern eine Möglichkeit, sich für ein paar Stunden der Realität zu entziehen und in eine spielerische, kreative Welt einzutauchen.

Die Schlaraffia hat sich seit ihrer Gründung in viele Länder weltweit verbreitet und ist besonders in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Teilen der USA aktiv. Die lokalen Gruppen werden „Reyche“ genannt und jede hat ihre eigenen Traditionen und Veranstaltungen. Mitglied werden kann in der Regel nur, wer von einem bestehenden Schlaraffen eingeladen wird.

Zusammengefasst sind die Schlaraffen also eine Gemeinschaft, die sich humorvoll und spielerisch der Pflege von Freundschaft und Kunst widmet. Ihr Ziel ist es, einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen in einer satirischen, ritualisierten Welt treffen und eine Auszeit vom Alltag finden können.

Dirk Kloppisch
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Kontakt: dirk.kloppisch@gmx.de / 0172-2025417

Der Gasthof Serkowitz aus einem anderen Blickwinkel

Er müsste eigentlich als ehemaliger Gasthof bezeichnet werden, denn er ist seit etwa 2005 nicht mehr bewirtschaftet. Mit einer ersten Erwähnung von 1337 als frühere Erbschänke dürfte es sich, zumindest in Teilen, um den ältesten Gasthof Radebeuls handeln. Fast allen Zeitungsberichten der letzten Jahre war der Gasthof aber nur der Verdacht eines möglichen Treffs rechter Gruppen und dem Verhindern derartiger Treffen, bzw. dem „Lügenmuseum“ und seinem Verbleib an der Stelle wichtig gewesen. Meine Intention aber war, und da kommt der andere Blickwinkel ins Spiel, die lange und wechselvolle Geschichte dieses Gasthofs und die denkmalpflegerischen Werte des Hauses darzustellen.

Gasthof Serkowitz um 1900
Foto: Archiv D. Lohse

1. Bau- und Nutzungsgeschichte

Solange nicht andere Erkenntnisse genannt werden können, sagt die erste Erwähnung aus dem Jahr 1337 aus, dass es sich hier um den ältesten Profanbau in der Lößnitz handeln dürfte. Zum Vergleich: das „steinerne Haus“ (sogen. Bennoschlößchen), Bennostraße 35, wurde um 1580 errichtet. Der barock anmutende Schlussstein über dem Haupteingang des Gasthofs, der auch die Jahreszahl 1337 zeigt, ist viel jünger und erinnert nur an die mittelalterliche Zahl. Mit den Buchstaben – M H M – im Schlussstein wird klar, dass er sich auf die Übernahme des Gasthofs durch Familie Huhle, die hier längere Zeit die Wirtschaft führte, bezieht. Die Erbschänke aus dem 14. Jh. war sicherlich viel kleiner gewesen als der uns bekannte Gasthof Serkowitz, leider sind uns keine bildlichen Darstellungen der Erbschänke bekannt. Über die Jahrhunderte wurde viel um- und angebaut, möglicherweise hatte auch der 30-jährige Krieg Spuren am Gasthof hinterlassen. Wir unterscheiden den eigentlichen Gasthof und den angefügten Saalbau von 1877. Der Gasthof hat eine spätbarocke Form mit Mansarddach, einem schlichten Portal und der regelmäßigen Fensteranordnung nach den Straßen. Er ist heute der Kötzschenbrodaer Straße 39 zugeordnet. An dem unsanierten Haus stören auf den ersten Blick die zu großen Schleppgaupen (die früheren, kleineren Gaupen mit Satteldächern entsprachen mehr dem barocken Charakter), wohl durch Arch. Max Czopka um 1960 errichtet, und die alte Pappschindeldeckung. Aber ich will meinen Kollegen und Kolleginnen der Denkmalschutzbehörde in Großenhain nicht vorgreifen, sie müssten ja einem noch nicht vorliegenden Antrag zustimmen oder ihn genehmigen und dazu ggf. Auflagen erteilen.

Wie in vielen anderen sächsischen Gasthöfen wurde einst auch hier Gericht gehalten. Über die Jahrhunderte war mit dem Gasthof wiederholt Bierstreit vorgekommen. Für den Gasthof an der alten Handels-, Post- und Heerstraße in der Nähe der Stadt Dresden war vorgeschrieben, dass da nur Dresdner Bier ausgeschenkt werden durfte. Aber die Wirte schenkten gelegentlich auch Bier aus Meißen oder Radeberg aus. Da machte die Residenzstadt dann regelmäßig Ärger! Bis ins späte 18. Jh. gehörte zu den Aufgaben dieses Gasthofs außer der Beköstigung der Reisenden auch die Unterkunft und der Pferdewechsel. Ab 1612 kam der Gasthof für kurze Zeit in adlige Hände: Otto von Starschedel, dem Graf Reinhold von Taube folgte. Im Jahr 1784 konnte ein tragischer Unfall bei Hochwasser und Unterspülung der Straße nahe beim Serkowitzer Gasthof verhindert werden. Zwei Kutschen des Hauses Wettin mit Kurfürst Friedrich August dem Gerechten und Prinz Anton hatten es eilig und wären bei Hochwasser und schlechtem Wetter sicherlich über die Abbruchkante der Straße in die Elbe gestürzt, wenn nicht zwei couragierte Kötzschenbrodaer Marktweiber die Expresskutsche zum Stehen gebracht und damit die hohe Reisegesellschaft vorm Ertrinken gerettet hätten. Komisch, die Namen der Adligen weiß man heute noch, die der tüchtigen Marktweiber dagegen nicht. 100 Jahre später wurde ein Gedenkstein an der Stelle errichtet, der an die Rettungstat erinnern sollte. Der Sandsteinblock steht heute 120m westlich vom Gasthof an neuem Standort auf der nördlichen Seite der Kötzschenbrodaer Straße. Nach diesem Geschehen verlegte man die Poststraße weiter weg von der Elbe in die Linie der heutigen Meißner Straße. Seit 1788 übernahm dann das „Weiße Roß“ (Meißner Straße 148) ein paar Aufgaben des Serkowitzer Gasthofs, der sich nun über ausbleibende Kundschaft beklagen musste. Als Friedrich August Huhle 1862 den Gasthof übernahm, ging es wirtschaftlich bald wieder bergauf. Zunächst ließ er die Bausubstanz überprüfen und dann einen teilweisen Abbruch und Neubau ausführen. Die Keller, Teile des EG und wohl auch des Dachstuhls (eine dendrochronologische Untersuchung ergäbe hier Erkenntnisse) blieben, aber das Fachwerk- OG wurde durch massive Wände ersetzt. 1877 kam der neue Tanzsaal, der dann 1899 erweitert wurde, hinzu. Familie Huhle führte den Gasthof, der dann auch Huhles Gasthof genannt wurde, und auch die Fleischerei fast 100 Jahre. Der Tod von Margarethe Huhle in den 60er Jahren bedeutete das vorläufige Ende der Gastwirtschaft. Es folgte dann eine artfremde Nutzung durch VEB Novitas als Schneiderbetrieb. 1973 übernahm dann die GPG Frühgemüsezentrum Kaditz den Gasthof. Familie Hildmann waren engagierte Wirtsleute und der Gasthof Serkowitz lief wieder gut. Davon konnte ich mich bei gelegentlichen Besuchen selbst überzeugen und ein guter Bekannter aus Dinkelsbühl, der in den 50er Jahren als Kind die DDR verlassen hatte, erinnert sich, dass er bei späteren Besuchen in Radebeul gern hier einkehrte und das Angebot recht gut war. 1987 wurde das 650-jährige Jubiläum des alten Gasthofs in den Räumen feierlich begangen.

Der ehemalige Gasthof, 2024
Foto: D. Lohse

2. Das Innere des Gasthofs

Im Hausflur finden wir Sgraffitoarbeiten des Dresdner Künstlers Hermann Glöckner (1889 – 1987). Es zeigt in einer landkartenähnlichen Darstellung das Elbtal zwischen Dresden und Meißen mit Stadtsilhouetten und Wappen. Im Gastraum befinden sich an den Wänden figürliche Sgraffitos mit altertümlichen Zechern. Im zweiten Gastraum erkennen wir schließlich auf einem großen, gemalten Wandbild die Schenkung des Dorfes Serkowitz von 1337 vom Burggraf zu Meißen an die Domkirche Meißen. Glöckner schuf die Arbeiten zwischen 1935 und 40. Ob sich alle Arbeiten neben dem derzeitigen Museumsbetrieb erhalten haben, ist mir nicht bekannt. Diese inneren Sgraffitoarbeiten sind deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie gegenüber Sgraffitos im Außenbereich (Ladenwerbung, Schmuckformen u. Sonnenuhren) in Glöckners Schaffen eher selten sind. Ob Herr Zabka, der bisherige Mieter, die Arbeiten Glöckners wahrgenommen und geschätzt hat, kann ich mir schwer vorstellen.
Der große Saal aus der Gründerzeit wird von einer Stuckdecke mit Jugendstilmotiven abgeschlossen, eine interessante Mischung! Radebeul hatte 1990 noch etwa zehn Gasthofsäle, nicht alle in gutem Zustand aber noch da. In der Zeit danach verschwand einer nach dem anderen aus unterschiedlichsten Gründen – heute sind es noch zwei: der Saal des Goldenen Ankers in Kötzschenbroda und der Serkowitzer Saal. So viele Säle sollte eine Stadt von über 30 000 Einwohnern schon brauchen für Musik und Tanz, für Versammlungen und Kulturveranstaltungen. Deshalb ist der Serkowitzer Saal wichtig und sollte auch nicht zu Wohnzwecken (ich weiß nicht, ob diese Idee noch aktuell ist) geopfert werden.

Sgrafitto von H. Glöckner im Vorraum
Foto: D. Lohse

3. Zum z.Z. noch da befindlichen Lügenmuseum

In der Tat, es gibt nicht wenige Menschen – Radebeuler und auswärtige Besucher – die das Lügenmuseum mögen. In diesem Heft haben sich in letzter Zeit einige für den Erhalt, bzw. für den Verbleib in Radebeul ausgesprochen. Zum Lügenmuseum und dem Erfinder desselben habe ich aber eine andere Meinung; vielleicht muss ich damit leben, ein Außenseiter zu sein! Es fängt schon beim Namen an, warum Lüge, warum Museum? Der Künstlername von Herrn Zabka „Gigantikow“ fällt auch nicht gerade bescheiden aus und passt ein russisch klingender Name gerade jetzt nicht so gut. Seine z.T. räumlichen Gebilde aus Schrott, Abfällen und anderen Materialien mögen von Fantasie, Witz und auch handwerklichem Geschick zeugen, aber muss man es gleich Kunst nennen? Jeder Mensch zieht die Grenze, was er persönlich für Kunst hält, oder was nicht, sicherlich etwas anders – das ist normal. Auch ich war, als es neu war, schon im Lügenmuseum gewesen, ich habe an manchem Exponat gestaunt oder auch geschmunzelt, mich aber nicht in einem Kunstmuseum gefühlt. Mit einem Kulturdenkmal, was der Serkowitzer Gasthof ist, sollte man auch als Mieter anders, respektvoller umgehen. Die Art der Werbung oder das massenhafte Ankleben von Witzen, Parolen und Sprüchen an die Fassade passt eher nicht an ein Kulturdenkmal. Die Denkmalschutzbehörde, die leider nicht mehr in Radebeul sitzt, kann so was höchstens temporär dulden, muss aber darauf achten, dass das Denkmal, auch wenn die Sanierung noch nicht ansteht, nicht beschädigt oder gar zerstört wird. Teile des Vorplatzes wurden auch im Sinne des Museums gestaltet. Da der Vertrag mit der Stadt nicht verlängert werden wird, bedeutet das das Ende des Museums an dieser Stelle, so zu lesen in der Tagespresse. Eine denkmalgerechte Behandlung wird, abgesehen von Notsicherungen, erst mit einer neuen Nutzung des Gasthofs zu erwarten sein. Und diese künftige Nutzung ist z.Z. nicht greifbar. Der Artikel war von mir nicht als „Wünsch dir was – Beitrag“ gedacht, eine Lösung sehe ich aber weder in der Verlängerung des Lügenmuseum noch in der mal angedachten Einrichtung vieler Wohnungen auch im Saal. Vielleicht braucht es etwas Zeit, ehe die geeignete Idee für den Gasthof gefunden ist. Die Zeiten zum Betreiben von Gastronomie könnten sich auch wieder bessern, man sollte mit etwas Geschick einen interessierten Wirt finden (Eigentümer und Wirt muss ja nicht die gleiche Person sein, aber kann …) und dann könnte der Gasthof Serkowitz vielleicht noch einmal aufblühen.

Dietrich Lohse

Quellen:
1. Radebeul, Stadtführer durch Vergangenheit und Gegenwart, Liselotte Schließer, Edition Reintzsch, 1996
2. Stadtlexikon Radebeul, Anette Karnatz und Mitarbeiter, Große Kreisstadt Radebeul, 2021

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