Glosse

Finstere Zeiten

Es war der 2. Sohn von Dschingis Khan, Gründer des Mongolenreiches, Ögedei Khan, der 1235 auf dem „Schwarzen Fels“ die Kuriltai (Fürstenversammlung) einberufen ließ, die dann den in die Geschichte eingehenden Feldzug gen Westen beschließen sollte, in dessen Folge das bis dahin größte Reich auf dem Planeten entstand. Es erstreckte sich vom Stillen Ozean bis nach Osteuropa, vom Balkansee bis Estland, dem Vorderen Orient und bis zur chinesischen Insel Hainan. Der „Schwarze Fels“ wurde unter diesem Herrscher maßgeblich zur Hauptstadt des Reiches ausgebaut.

Dort aber, wo zur Blütezeit des Mongolenreiches dessen gigantische Heerscharen mit ihren 150.000 „Reitern des Teufels“ auftauchten, verdunkelte sich der Himmel. Auf ihrem nahezu geraden Weg nach Westen hinterließen sie eine Spur der Verwüstung, auch ohne Kampfbomber und Raketen. Dieser „Mongolensturm“, geführt von Batun Khan aus der Sippe von Dschingis Khan, fegte über Kleinasien hinweg, eroberte die Wolgabulgaren, machte Wladimir, Moskau, Kiew und andere Orte dem Boden gleich – so manchen würde es heute freuen –, besiegte das polnisch-deutsche Ritterheer und den ungarischen König Béla IV. Und beinah, beinah wäre auch das sich gerade vom Herzogtum Bayern „gelöste“ Österreich in die Hände der Mongolen gefallen, die noch bei der Wiener Neustadt unschlüssig herumstanden.

Und wie so häufig in der Geschichte, wendete ein Glücksumstand – in unserem Fall der Tod des Großkhans Ögedei – die Zerstörung von Wien, der Hauptstadt des nunmehrigen Herzogtums Österreichs, ab. Die Mongolen trabten nach Hause, denn dort wurde Batun Khan dringend erwartet: Ein neuer Großkhan musste gewählt werden.

In unseren Zeiten braucht man seinen „Sitz“ nicht mehr verlassen, um ein fremdes Land zu „erobern“. Das geht bequem von der eigenen Wohnstube aus, beispielsweise in Ramstein, mit Hilfe von Maschinen – auch dank der Künstlichen Intelligenz. Ob aber das der richtige Namen für ein System ist, welches keine humanen Werte kennt, kann in diesem Fall dahingestellt bleiben. Wann ist bei aller Friedensrhetorik, ein Krieg human? Ist es überhaupt noch denkbar, dass zur nächsten Wahl das Blatt noch gewendet werden kann?

Freilich, auch die Mongolen waren damals nicht zimperlich. Deren Kriegsführung war beweglich, setzte nicht wie bisher auf stammeszugehörig, sondern auf eine straffe militärische Führung mit Belohnung nach Leistung. Auch wurde mitunter die gesamte Einwohnerschaft eines Ortes um die Ecke gebracht. So konnte es aber auch geschehen, dass sie einfach weiterzogen, wenn eine Stadt sich partout nicht erobern lassen wollte. Was soll’s!

Damals war eben die Welt noch ganz anders. Haben die Mongolen die lange „Reise“ doch nicht ausschließlich unternommen, um die Ländereien zu besitzen, wie etwa die Römer. Vielmehr waren sie meist auf Beute aus. Freilich gab es auch in der Zeit der Mongolenherrschaft so was wie einen „Mongolischen Frieden“ (Wortschöpfung westlicher Historiker), um im Inneren des Reiches stabile soziale, kulturelle und wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen. Ihre Beweglichkeit war eben ihre eigentliche Stärke.

Um 1279 erreichte das Reich seine größte Ausdehnung und fiel nach 1307 in die Bedeutungslosigkeit. Nach 117 Jahren war der ganze „Mongolenspuk“ vorbei. Die wiedererstarkten Chinesen zerstörten schließlich 1388 den Sitz des Mongolenreiches Kakakorum und die Bewohner flohen in die nördliche Steppe. Heute kann man die nunmehrige Ruinenstätte dort besichtigen, weiß

Euer Motzi

22. Thematischer Filmclubabend


Das Wanderkino Filmclub mobil macht im Monat April Station im Bunker Oberlößnitz. Gezeigt wird der DEFA-Film „Das Beil von Wandsbek“ aus dem Jahre 1951. Die literarische Vorlage bot hierfür der gleichnamige Roman von Arnold Zweig (1887-1968). Dem im Exil lebenden Schriftsteller war im Jahr 1938 die Zeitungsnotiz „Selbstmord eines Henkers“ aufgefallen, was ihn zum Schreiben des Romans veranlasste. Darüber hinaus verknüpfte Zweig die Handlung mit den Geschehnissen um den „Altonaer Blutsonntag“, der am 17. Juli 1932 eskalierte. Es fielen tödliche Schüsse und die Nazischergen nutzten das für ihre Zwecke. Obwohl die vier, von einem Sondergericht verurteilten Kommunisten unschuldig waren, wurden sie hingerichtet.

Der Roman erschien 1943 auf Hebräisch und 1947 auf Deutsch. Die DEFA-Verfilmung kam 1951 in die Kinos und wurde nach wenigen Wochen vor allem auf Druck sowjetischer Funktionäre aus dem Verleih genommen. Somit war das „Beil von Wandsbek“ der erste, von über 30 verbotenen DEFA-Filmen. Aus Anlass des 75. Geburtstages von Arnold Zweig wurde der Film ab 1962, allerdings stark gekürzt, für die Aufführung in Kinos wieder zugelassen. Die vollständige Version (110 Minuten!) kam erstmals im Jahr 1981 zur Aufführung.

Obwohl das Regiedebüt von Falk Harnack (1913-1991) aus fachlicher Sicht als eine seiner besten Kinoarbeiten eingeschätzt wird, fiel diese Romanverfilmung der politischen Zensur, zum Opfer. Angeblich sei der Klassenstandpunkt nicht eindeutig herausgearbeitet. Dem Publikum wurde vorsorglich die eigene Urteilsfähigkeit abgesprochen, denn es hätte den Henker, der auch ein überzeugter Nazi war, womöglich bemitleiden können. Weitere Handlungsstränge gewährten differenzierte Einblicke in den Lebensalltag sehr unterschiedlicher sozialer Schichten und deren Verstrickungen in das NS-System.

Harnack wiederum, der selbst aktiven Widerstand gegen das Naziregime geleistet hatte, kehrte der DDR enttäuscht den Rücken. Ab Ende der 1950er Jahre drehte er in Westdeutschland vorwiegend Fernsehfilme und galt als einer der bedeutendsten Filmregisseure der Nachkriegszeit. Für den Schauspieler Erwin Geschonneck (1906-2008) war das Weggehen keine Option und so durchlebte er die widersprüchliche DDR-Kulturpolitik bis zum gesellschaftlichen Umbruch als ein wacher und kritischer Geist. Selbst Arnold Zweig, der 1948 aus dem Exil nach Ostberlin zurückgekehrt war, um beim Aufbau einer neuen fortschrittlichen Gesellschaftsordnung mitzuwirken, geriet als Kunstschaffender mehrfach in Konflikt mit den starren Vorgaben durch die Politik.

„Das Beil von Wandsbek“

1951, DDR, DEFA, 110 Minuten, s/w, FSK 12

Regie: Falk Harnack; Drehbuch: Hans-Robert Bortfeldt, Falk Harnack, Erich Conradi; Musik: Ernst Roters; Kamera: Robert Baberske; Besetzung: Erwin Geschonnneck (Albert Teetjen, Metzgermeister und Henker), Käthe Braun (Stine Teetjen, Ehefrau des Metzgers), Gefion Helmke (Dr. Käthe Neumeier, Amtsärztin), Arthur Schröder (Dr. Koldewey, Gefängnisdirektor), Hermann Stövesand (Timme, einer der vier Verurteilten), Willy A. Kleinau (Footh, Reeder und SS-Standartenführer) u. v. a.

Handlung: Hamburg/Wandsbek 1934. Das Eingangsbild zeigt Kinder, die auf der Straße Himmel und Hölle spielen. Unbekümmert lärmen sie vorm Laden des Metzgermeister Teetjen, der sie immer wieder verjagt. Die Stimmung ist angespannt. Die Geschäfte laufen schlecht. Die Konkurrenz ist groß. Ein Beil vom Großvater ist des Metzgers ganzer Stolz. Deutsche Wertarbeit! Mit seiner Frau Stine träumt er davon, den Laden zu modernisieren. Doch dafür fehlt das Geld.

Ein ehemaliger Kriegskamerad könnte helfen. Der Reeder Footh ist zum SS-Standartenführer aufgestiegen, hat Geld und Einfluss. Dieser wiederum wünscht sich, dass der Führer nach Hamburg kommt. Doch da gibt es ein Problem. Schnell sind noch vier Kommunisten hinzurichten. Dass sie unschuldig sein könnten, spielt hierbei keine Rolle. Was fehlt, ist ein Scharfrichter. Da kommt der Metzger gerade recht. Für 2.000 Mark lässt er sich nach kurzer Bedenkzeit darauf ein und übernimmt diese Aufgabe. Allerdings unter der Bedingung, niemand darf etwas davon erfahren. Selbst seine Frau ahnt nicht, woher plötzlich, so viel Geld kommt.

Das kleine Glück im trauten Heim, währt jedoch nur kurze Zeit. Als herauskommt, wer das Beil geschwungen hat, ist die Empörung der scheinheiligen Mitbürger groß und sie meiden die Teetjes und deren Metzgerei. Das Beil macht Stine Angst. Doch Teetjen wird es einfach nicht los. Nur die Nazis feiern den Henker und dessen „vaterländische Tat“. Das Blutbeil erhält in ihrem Vereinslokal einen Ehrenplatz. Aber Stine findet keine innere Ruhe mehr und hängt sich schließlich auf. Nun erst beginnt auch der Metzger zu begreifen, dass er alles verloren hat. Es fällt ein Schuss. Der Metzgerladen ist geschlossen. Die Straße ist dunkel und leer.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen.
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Am Donnerstag, dem 23.4.2026, um 19 Uhr,
im Bunker Oberlößnitz, Hoflößnitzstraße 82, 01445 Radebeul
Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

Radebeul las…und ließ lesen

Ein Interview mit Marie Dreßler, der jüngsten Mitwirkenden

Im reichhaltigen Veranstaltungsprogramm von „Radebeul liest“ entdeckte ich neben vielem anderen auch den Hinweis auf eine Veranstaltung am 14. März in der Kleingartensparte „Elblößnitz“, vis-à-vis vom Kaufland, die mein Interesse spontan weckte. Angekündigt wurde darin eine „preisgekrönte Dresdner Nachwuchsautorin“. Eine Recherche im Internet förderte tatsächlich zutage, dass Marie Dreßler nicht nur insgesamt dreimal den Lessing-Wettbewerb der Stadt Kamenz gewonnen hat, sondern sie sogar mehrfache Preisträgerin des Europäischen Literaturwettbewerbs ist, der alljährlich von der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz für Kinder und Jugendliche aus ganz Europa ausgerichtet wird. Kein Wunder, dass sie inzwischen auch beim Dresdner Emil-Verlag veröffentlicht, auf dessen Website Marie als „außergewöhnliches Schreibtalent“ bezeichnet wird. Freundlicherweise war Marie zu einem kurzen Gespräch im Umfeld der Lesung bereit, damit sie die Leser von „Vorschau & Rückblick“ kennenlernen können.

Foto: privat


Marie, wann hast du angefangen zu schreiben?

Als ich in der 2. Klasse war, ist meine erste Geschichte entstanden. Aber eigentlich war das noch gar nichts „Richtiges“, denn ich habe das Buch, das ich damals las, einfach umgeschrieben und mich zur Protagonistin gemacht. In der 5. Klasse auf dem Gymnasium hatte ich dann später eine Deutschlehrerin, die mich gefördert und mir immer auch mal Zusatzaufgaben beim kreativen Schreiben gegeben hat. Zum Beispiel konnte ich freiwillig Märchen schreiben. Auf diese Weise habe ich das eigene Schreiben immer mehr vertieft.

Hast du Vorbilder, an denen du dein Schreiben ausrichtest, deren Texte dir Orientierung geben?

Ich glaube, ich bin immer davon beeinflusst, was ich gerade selbst auch lese. Wenn ich zum Beispiel ein Buch lese, in dem viele Dialoge vorkommen, dann habe ich auch selbst Lust, Dialoge zu schreiben. Es gibt natürlich einige Autorinnen und Autoren, die ich bewundere, Iris Wolff etwa, die sehr poetisch schreibt. Vieles fließt sicherlich unbewusst mit ein, aber es ist nicht so, dass ich konkret jemandem nacheifere.

Erzähle doch bitte darüber, wie bei dir Texte entstehen. Welche Bedingungen brauchst du dafür?

Wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe, dann trage ich sie eine Weile mit mir herum und denke in unterschiedlichsten Situationen darüber nach, etwa auf dem Weg von der Schule nach Hause oder vor dem Einschlafen. Dabei entsteht so langsam ein Schreibplan. Am produktivsten bin ich in den Dämmerstunden, morgens oder abends. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Ich weiß zwar, dass es Autoren gibt, die sagen, wenn man gut ist, kann man immer schreiben, aber ich warte doch lieber auf einen Inspirationsschub.

Marie Dreßler bei ihrer Lesung in der Kleingartensparte »Elblößnitz«
Foto: B. Kazmirowski


Du schreibst noch mit der Hand?

Ja, dabei kann ich besser auf den Inhalt achten. Wenn man gleich auf dem PC schreibt, dann sieht es immer schon so fertig aus, aber das ist es ja noch gar nicht. Die zweite Fassung schreibe ich natürlich am PC, wobei ich mich da besonders auf den Ausdruck konzentriere, mit Sprache arbeite, was mir immer viel Spaß macht.

Was bedeutet dir das Schreiben an sich, was passiert da mit und in dir?

Ich habe schon sehr früh angefangen Tagebuch zu schreiben. Meine Geschichten sind oft in gewisser Weise verwandelte Tagebucheinträge, in denen ich Erlebnisse verarbeite und im Schreiben Distanz dazu gewinnen, sie verarbeiten kann. Das ist noch mal eine ganz andere Qualität der Auseinandersetzung mit den Dingen, mit denen ich konfrontiert bin. Ich versuche Bilder für etwas zu finden und gehe damit gleichzeitig auf Abstand zu dem, wofür die Bilder stehen. Und das tut mir gut.

Wenn ich das richtig verstehe, bist du 18 Jahre alt und machst gerade Abitur. Welche Rolle soll denn das Schreiben nach der Schulzeit einnehmen?

Das werde ich oft gefragt. Ich möchte es erst einmal so weitermachen wie bisher, also nebenbei schreiben, weil ich nicht den Druck haben möchte, etwas abliefern zu müssen, nur weil irgendetwas gerade im Trend ist. Und dann werde ich mal schauen, was sich daraus ergibt. Zunächst fange ich an zu studieren, Germanistik im Hauptfach und im Nebenfach Klassische Philologie an der TU Dresden. Aber natürlich ist es mein Traum, einmal als freiberufliche Autorin arbeiten zu können, wobei da auch viele glückliche Zufälle mitspielen müssen, damit das klappt.

Aus welchen Büchern liest du heute?

Ich habe zwei sehr unterschiedliche Bücher mitgebracht. Das eine ist schon ein paar Jahre alt und ist ein kleines Kinderbuch, es heißt „Zuhause“. Es bedeutet mir sehr viel, denn es ist mein erstes Buch und hat mir bewusst gemacht, wie komplex die Herstellung eines Buches ist, was es braucht, damit es gut wird. Zum Beispiel bin ich ganz glücklich darüber, dass eine Hamburger Künstlerin den Text so liebevoll illustriert hat. Das andere Buch „Spuren“ ist noch gar nicht veröffentlicht. Es besteht aus sechs einzelnen Erzählungen, die miteinander verwoben sind, nach und nach werden die Beziehungen zwischen den Figuren klar. Einige zentrale Ereignisse verbinden die Geschichten, werden von den einzelnen Protagonisten aber unterschiedlich wahrgenommen. Dieses Einnehmen verschiedener Blickwinkel fasziniert mich beim Schreiben. Zwischen der ersten und der sechsten Geschichte liegen 30 Jahre, aber der Protagonist Johannes ist derselbe.

Nun bist du ja heute hier bei einer Lesung vor gemischtem Publikum. Hast du damit schon Erfahrung?

Nein, noch nicht. Ich habe schon vor Kindergartenkindern und in Grundschulen gelesen, auch bei Schreibwettbewerben vor Gleichaltrigen, aber vor Erwachsenen noch nie. Vorlesen ist für mich grundsätzlich wichtig. Wenn ich etwas fertig habe, lese ich es immer zuerst meinen Meerschweinchen vor, die sehr gute Zuhörer sind (lacht).

Vielen Dank, Marie, für das Gespräch und viel Erfolg beim Abitur!

Bertram Kazmirowski

HELGA ALSCHNER

(7.7.1930 – 23.2.2026) – ein Nachruf

Zur Eröffnung ihrer letzten Ausstellung 2019 bei »Gräfes Wein & fein«
Foto: F. Eisenkrätzer


Eine Radebeuler Künstlerin ist von uns gegangen – eine große Persönlichkeit, die bis zum Tode ihr Leben und ihren Abgang – von der Bühne des Lebens – selbstbestimmt in die Hand genommen hat. Helga Alschner hat auf der Paradiesstrasse gelebt – sie ist da in ihrem Elternhaus groß geworden, hat lange ihre Mutter gepflegt und wollte auf keinen Fall diese Heimat verlassen – weder in ein Pflegeheim oder auch nicht – und zwar auf KEINEN FALL! – in ein Krankenhaus kommen. „ Nu ist es aber auch mal genug!“ hat sie gesagt und sich gegen eine stationäre Behandlung entschieden. Und tapfer mit dem Blick auf die geliebten Lößnitzberge ihre letzten Tage verbracht.

Sie kann auf ein langes erfolg- und abenteuerreiches Leben zurückblicken. Statt Tänzerin zu werden nutzte sie ihre andere Begabung – bildnerisch tätig zu sein. Sie studierte an der Hochschule in Berlin Weißensee Bühnen-und Kostümbild bei Heinrich Kilger und schloss 1961 mit einem Diplom ab. Zehn Jahre lang arbeitete sie als Kostümbildnerin am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, am Theater der Bergarbeiter Senftenberg, am Staatstheater Dresden und am Städtischen Theater Leipzig. Seit 1971 war sie freischaffend an verschiedenen Theatern und für Film und Fernsehen der DDR tätig. Aber immer war ihr Lebensmittelpunkt und ihr „Kraftraum“ ihr wunderschön gelegenes Elternhaus.

Auch beteiligte sie sich an verschiedenn Ausstellung – zuletzt hatte sie in Radebeul in ihrem 90. Lebensjahr eine Personalausstellung bei „Wein & fein“, wo man Gelegenheit hatte, die wunderbaren Arbeiten von ihr zu bewundern. Ihre Figurinen waren von großer kunsthistorischer Kenntnis, inszenierungsbezogen und auf die Darsteller eingehend liebevoll bis ins Detail mit Humor und Menschenkenntnis gestaltet. Die Silhouetten, die Farbabstimmungen, die Materialwahl, alles durchdacht und von hoher künstlerischer Qualität, und so gezeichnet und gemalt, dass das Blatt nicht nur eine sehr genaue und nachvollziehbare Vorlage für die Schneiderei war, sondern auch schon ein Kunstwerk an sich.

Helga Alschner mit Anfang 20
Foto: privat


Helga Alschner war nach der Wende überglücklich, endlich die Orte ihrer Sehnsucht besuchen zu können: in die Provence auf den Spuren der Maler des Lichts und der Kunst in der betörenden Landschaft sowie nach Andalusien – Sevilla!

Ebenso wie in der Kunst, konnte sie in der Natur die Wunder der Schönheit bestaunen – strahlend und dankbar. Die Dankbarkeit war ihr ein großes Thema – auch als sie nicht mehr so beweglich war hat sie nie geklagt – sie hat sich gern von Premieren, Ausstellungen und Reisen berichten lassen: „ das kann ich nicht mehr, aber ich habe auch meine schönen Erinnerungen“ sagte sie.

Mit den „modernen Zeiten“, also mit allen nach der Festnetztelefonie entwickelten Kommunikationsmöglichkeiten stand sie auf Kriegsfuß. „Das Internet ist der Beginn des Untergangs der Menschheit“- darauf bestand sie. Genau wie sie die Klassiker der Musik und der Schriftkunst verehrte – ein immer geliebter und nie langweiliger Schiller und als höchstes Vergnügen auch selbst in Gemeinschaft oder allein gesungene Arien und Lieder.

Und auch ohne Internet hatte sie ein großes, gut funktionierendes Netzwerk an Freundinnen und Freunden. Große Verehrung für einige Studienfreunde, Kontakte mit Jugendfreundinnen, Nachbarn und besonders ihre langjährige Haushalts-und Lebenshilfe waren wichtige Kommunikationspartner.

Ihre Lebenserfahrung, ihr bis zuletzt scharfsinniges Beobachten und auch Beurteilen politischer und kultureller Ereignisse machten sie zu einer streitbaren und immer interessierten großen Persönlichkeit.

Sie fehlt.

Ulrike Kunze

Editorial 4-26

Seit nunmehr über 35 Jahren verfolgt „Vorschau & Rückblick“ das unermüdliche Bestreben, für das Radebeuler Kulturleben ein facettenreicher Spiegel zu sein. Dabei finden auch angrenzende oder umliegende Gemeinden wie Coswig, Weinböhla, Moritzburg oder Radeburg Berücksichtigung. Mitunter reicht die Strahlkraft gar bis Meißen, Radeberg oder noch weiter.

Für den abwechslungsreichen Inhalt zeichnen seit mehreren Jahrzehnten weitgehend noch immer unsere treuen, langjährigen Redaktionsmitglieder verantwortlich, die je nach Interessenlage eine Rubrik zielsicher repräsentieren.

Zudem sind wir dankbar für die Zuarbeit einer Vielzahl von Gastautoren sowie von Leserzuschriften, die über all die Jahre mit weiteren thematischen Nuancen die Vielfalt unseres Heftes bereichert haben und noch immer bereichern.

Nur gemeinschaftlich können wir auch künftig diese Herausforderungen meistern!

Ein wichtiger Bestandteil seit Anbeginn ist die monatliche Bündelung aller relevanten Veranstaltungs- und Kulturtermine auf den letzten Seiten. – An dieser Stelle möchten wir die Frage an Sie stellen: Ist die Zusammenstellung für Sie hilfreich? Ist der Abdruck in Konkurrenz zu digitalen Medien überhaupt noch „zeitgemäß“? Welche Veränderungen oder Verbesserungen wünschen Sie sich?
Über Ihre Gedanken, Meinungen und Vorschläge würden wir uns sehr freuen. Schreiben Sie uns, digital oder ganz klassisch per Hand.

Sascha Graedtke

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Zur Titelbildserie



Aus meinen grafischen Tagebüchern
Bei Spaziergängen oder Wanderungen beobachte ich sehr Aufmerksam meine Umgebung und entdecke häufig Strukturen, Oberflächen u.ä. die meinen grafischen Intensionen nahe kommen und die ich deshalb fotografisch festhalte.
Das Titelfoto, mehr oder weniger zufällig aufgenommen im Inneren des Radebeuler Bismarckturms beeindruckte mich mit seinem grafisch wirkenden Schattenwurf. Das Sonnenlicht fiel durch die obere Gitterplattform des Turms und projizierte kreisförmige, radiale Muster aus hellen und dunklen Flächen an Turmwand, Geländer und Wendeltreppe. Die entstandenen Lichtsegmente die mich an Speichen oder Blütenblätter erinnertem und die für mich zu einem spannenden, abstrakten Motiv wurden.
Linien, Bögen und geometrische Formen überlagerten sich und erzeugten eine ruhige aber zugleich auch dynamisch wirkende Szenerie. Wie eine abstrakte Schwarzweiß-Komposition in der Architektur, verschmelzen Licht und Schatten miteinander. Grafisch besonders überzeugend der starke Kontrast der Strukturen zur dunklen, rauen Wandoberfläche.Übrigens durfte ich für den „verein für denkmalpflege und neues bauen e.V.“ in der Phase des Umbaues des Bismarckturmes zum Aussichtsturm eine Bildmarke für das Marketing entwickeln.

Matthias Kratschmer

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

1973, erinnern wir uns, gerade waren die Verträge zwischen beiden deutschen Staaten und Berlin-W unter Dach und Fach, gründete sich in der DDR eine Band namens TRANSIT. Lyrischer Rock, norddeutsche Texte in einer Poesie, die aus allem Alltag wie von selber kommt. Während ich das schreibe, sitze ich in der Riff Lounge an der Steilküste von Koserow auf Usedom, vielleicht 250m Meter östlich der futuristisch-wellenförmigen Seebrücke. Kaminofen drin, Feuerschalen an Strandkörben draußen. Frank serviert Sanddornglühwein, der Strand ist verschneit, die Ostsee weithinein zugefroren, irgendwo, wo die Unendlichkeit endet, liegt Schweden. Und jetzt im Radio „Transit –Winter an der See“. Seelenlage im Bilderkriegen. „Wenn das Eis am Horizont mit Getöse kracht…“
Die Usedomer Bäderbahn hatte mich mit „Verzeitigung“ hier absetzen können, weil die DB vorher mein Deutschlandticket durch eine Umleitung zum Überspringen gebracht hatte. Verabredet bin ich mit den Malern Otto Niemeyer-Holstein (1896 – 1984) am Forsthaus Damerow und in der Altstadt von Wolgast mit Philipp Otto Runge (1777 – 1810). In Swinemünde/?winouj?cie mag ich Fähre fahren über den größten Mündungsarm der aus Mährens Gebirgen kommenden breslauküssenden Oder, ein Skandinavienschiff gucken, das edle Kurviertel genießen und im Schurf des Bombardements vom 12. März 1945 lesen. Dort verlieren sich Biografien ganzer Familien. Ungezählt. Es hat gut 70 Jahre gebraucht, bis die Usedomer Bäderbahn die wenigen Meter von Ahlbeck nach Swinemünde wieder hineinfahren konnte. An den anderen Enden der Ostsee gibt es z.B. Birken am Strand, grollende Steine, Scharen von Mücken und Quallenteppiche. Die Kurverwaltung von Koserow lässt Vineta läuten. Frank Schöbel hatte 1978 einen Hit mit „Tief im dunklen Meer“ gelandet. Könnte hier gewesen sein…

Tobias Märksch

Radebeuler Miniaturen

Schatten-Spiele
Ein fast Nacht-Deal

Gute Vorsätze gehören zum Jahreswechsel wie Spekulatius zum Weihnachtsfest, schon, weil sie immer auch spekulativ bleiben.
In diesem Jahr nun will ich versuchen, den zur Weihnacht traditionell kurzzeitig in den Vordergrund rückenden Gedanken der Nächstenliebe in den Prozeß der Vorsätzlichkeiten einzubeziehen und ihm so ein wenig Dauer zu verleihen. Das erfordert in erster Linie, fremdes Gedankengut nicht gleich abzulehnen, sondern jedem Menschen eine eigene Meinung zuzugestehen. Freilich kann das zu einer erheblichen Erweiterung der eigenen Toleranzgrenzen führen. Dies umso mehr, als seit ein paar Jahren eine Auffassung über den großen Teich schwappt, die Lügen als „alternative Tatsachen“ sieht, denen es ins Auge zu blicken gilt.
Der beste Ort für mich, Toleranzgrenzen auszutesten, ist das Wirtshaus meines Vertrauens. Dort, am Tresen, oder, wenns endlich wieder warm werden sollte, am Faß, wo der Geist über den Gläsern schwebt, finde ich die geeignete Atmosphäre. Vor allem hab ich einen neutralen Grund, die so geliebte Lokalität aufzusuchen.
Und richtig, kaum sitz ich aufm Hocker, kaum brennt die Kerze, kaum hab ichs Glas in der Hand, sitzt Georg neben mir.
Da kommt was auf uns zu, sagt er.
Mach langsam, sag ich, jetzt kommt erstmal ein Bier – und das kommt nicht nur, das be-kommt auch.
Lach nicht, sagt er, der Sturm kommende Nacht wird heftig.
Ja, die Extreme nehmen zu, falle ich wissend ein, liegt wohl am Klima und am CO² –
Quatsch nicht so grün daher, fällt nun er mir ins Wort, mit dem Klima hat das nichts zu tun.
In mir leuchtets auf: Toleranzgrenze, Toleranzgrenze – schon beginnt sie sich zu weiten (ich hoffe nur, Georg sieht mir meine Begeisterung nicht an).
Na ja, sag ich versöhnlich, der alte Erdball hat schon ganz andre Dinge überstanden; aber bis er richtig rund geschliffen ist und kein Berg mehr Schatten wirft, das kann noch dauern.
Ball ist gut, beginnt Georg –
Ich weiß, rede ich rasch dazwischen, die Form scheint nicht so ganz gelungen. So eiert das Ganze ein bißchen, das kommt von der Toleranz. Trotzdem kann schon noch von „Ball“ gesprochen werden…
Und wer hat dir gesagt, daß die Erde ein Ball ist?
Das ist Allgemeingut, sag ich, schon die alten Ägypter haben den Erdumfang bestimmt.
Bestimmt bestimmt, lacht Georg. Denkst du ich kenne die Mär von Eratosthenes und seinen Schatten-Spielchen nicht? Aber: Warst du dabei, als er seine Stäbchen setzte? Kannst du dich für die Rechnung verbürgen?
Lassen wirs gut sein, sag ich. Du läßt mir meinen Ball und ich laß dir deine Zweifel – prost. Paß aber auf, daß du nicht von der Platte geweht wirst, wenn demnächst der Sturm kommt.
Georg wird ernst.
Das wollte ich mit dir bereden, sagt er drauf. Die Leute haben Angst. Es gibt zu wenig Schutz vor Sturm, die reale Gefahr, verweht zu werden, nimmt stetig zu – und die Regierung unternimmt nichts, gar nichts. Er hält mir einen Zettel hin. Aufruf, lese ich und staune. Es geht darin tatsächlich um die „Notwendigkeit umfassender Maßnahmen zur Absicherung der Bevölkerung vor Sturmereignissen“. Unterschreib mal hier, sagt Georg.
Ich blicke tief ins Glas. Am Boden formen sich die Buchstaben D E A L. Ich kenne das Wort bisher nur im Zusammenhang mit kriminellen Machenschaften, aber zunehmend wirft der Begriff seine Schatten auch auf die große Politik … warum also nicht …
In Ordnung, sag ich – ich unterschreibe hier, und du hilfst mir im Gegenzug beim Klima …

Thomas Gerlach

Glosse

Nach hinten geschossen!

Es ist dieses Jahr wie verhext: Das Thema Weihnachten, explizit das des Beschenkens, will mich einfach nicht loslassen. Einen diesbezüglich bereits im vergangenen Jahr verfassten Beitrag schiebe ich nun schon von einem zum anderen Mal auf die lange Bank. Immer kommt etwas Unaufschiebbares, gewissermaßen Alternativloses dazwischen. Aber man kann natürlich die ganze Sache auch positiv sehen, denn beschenkt wird man ja das ganze Jahr über. Ob man allerdings die Gaben haben will oder nicht, beispielsweise einen engeren Gürtel von Onkel Merz, an dem man dann bequem die Patronentasche sicher befestigen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber vielleicht sollte man es wie der Karikaturist halten, der auf seiner Zeichnung – zu sehen in der gegenwärtigen Ausstellung in Radeburg – an der Front lieber nach hinten schießt.
Freilich wird hier ein Witz auf Kosten eines nicht mehr existierenden Landes gerissen, aber wenn man tief in der eigenen Sch… steckt, muss das schon mal erlaubt sein. Und vielleicht hat doch die Berliner Zeitung recht, wenn sie neulich in einer Unterzeile titelt „Was der Westen jetzt vom Osten lernen kann.“.

Nun will ich hier wahrlich nicht zur Kriegsdienstverweigerung aufrufen, zumal die Glocke noch nicht geschlagen hat und unser aller Trump, Gott lob, zurück gerudert ist. Also, ist doch hinten vorn?

Mancher aber scheint etwas die Orientierung verloren zu haben in diesen wirren Zeiten oder es geht ihm noch nicht „steirisch“ genug zu und er erklettert mal ebenso einem 500 Meter hohen Wolkenkratzer. Andere wiederum sehen am hellerlichten Tag die Stadtlichter strahlen, aber die Golddukaten auf der Straße nicht. Und wie das so ist, in „steirischen“ Zeiten, wird der Ruf nach Helden immer lauter. Ich kann gar nicht alle aufzählen, wo es heutzutage wieder Helden gibt: im Gesundheitswesen, beim Nahverkehr, beim Tourismus, bei den Briefträgern, bei der Feuerwehr sowieso. Aber von den Helden in der Landwirtschaft habe ich in der Neuzeit noch nichts gehört. Das liegt freilich lange zurück als wir noch ganze „Ernteschlachten“ geschlagen haben. Man stolpert gegenwärtig wo man geht und steht förmlich über Helden. Nur die Jugend will nicht so recht in die khaki-grünen Modeanzüge steigen, da helfen offensichtlich auch keine 3.000 Euro und kostenlose Bahnfahrten.

Wenn Helden gebraucht werden, ist die Karre schon gehörig vom Weg abgekommen, vermutlich weil einfach die Kutscher zu häufig wechseln. Wie sagte da meine Mutter immer, wenn ihr einer nicht so richtig in den Kram passte: „Den könnt ich auf den Mond schießen!“ Das scheint mir heutzutage aber auch nicht mehr die richtige Methode zu sein, seit die Amis dort schon 1969 den Staub aufgewirbelt haben. Wo die nicht schon überall waren… Da will ich jetzt gar nicht auf deren neuste Weltraumaktivitäten anspielen.

Aber lassen wir das, sonst wird die Glosse noch politisch. Da setze ich mich lieber in eine Ecke, trinke Tee und warte ab. Irgendetwas wird schon passieren. Und wenn einem nichts mehr einfällt, kann man ja auch mal ein Schlagwort aus ganz vergangenen Zeiten wieder zum Leben erwecken. Das aber ausgerechnet der alte Slogan „Vom Ich zum Wir“, der die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft der DDR in den 1960er Jahren beflügeln sollte, wieder zu Ehren kommt, wäre selbst mir nicht in den Sinn gekommen. Da kann man nur hoffen, dass der jüngst erschallte „Mahnruf“ nach dem Wir nicht so nach hinten losgeht, wie die Werbekampane „Wir-Berlin“ aus dem Jahr 2009, als der ganze Spaß die Hauptstadt der Republik 1,5 Millionen Steuergelder gekostet hatte, meint

Euer Motzi.

 

 

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