Schmückende Medaillons aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhundert in Radebeul
Voranstellen möchte ich die Vermutung, dass sich beim Betrachten dieser Stuckarbeiten die Meinung der Leserschaft teilen könnte – solche, die sagen werden, das ist Kitsch, das erzeugt Schwingungen wie sie z.B. beim Betrachten eines Poesiealbums einer Klassenkameradin auftreten – oder, so war der Zeitgeschmack vom Ende des 19. Jh. eben, das gehört zu diesen Häusern aus der Gründerzeit dazu.
Das ist die Krux, wenn man aus einem scheinbar „modernen Zeitalter“ (2026) auf die Häuser einer etwa 150 Jahre zurückliegenden Zeit blickt. Ich erinnere mich auch noch an Zeiten, als um 1970 die Gründerjahre von den Kunstgeschichtlern und Denkmalschützern noch kaum einer Betrachtung wert gewesen waren – Kunstgeschichte und Denkmalpflege eilen der Geschichte hinterher. Nicht erst seit heute beginnt man sich auch um diese Zeit und ihre baulichen Zeugnisse zu kümmern. Als ehemaliger Denkmalschützer möchte ich, nachdem ich schon einige Baugruppen aus dieser Zeit in den Vorschauheften vorgestellt hatte, nun ein paar klärende Worte zu den hübschen Medaillons finden.
Wenn um 1880 ein Baumeister (er könnte Ziller oder Große geheißen haben) für seinen Auftraggeber das gewünschte Landhaus in Niederlößnitz fast fertiggestellt hatte, könnte er diese gefragt haben, ob außer den zum Gebrauch des Hauses unbedingt nötigen Eigenschaften, wie Statik, Wohnkomfort und Wärmedämmung vielleicht noch ein oder zwei gestalterische Akzente
das Eigenheim bereichern sollten. Wenn das dem Bauherrn gefiel und für ihn der Aufpreis zu stemmen war, dann bekam er die zwei Medaillons mit geflügelten Musikanten. Sozusagen ein Sahnehäubchen für das schlichte Landhaus. Aber das war kein „Muß“, denn nicht an jedem Haus dieser Zeit finden wir Medaillons. Manchmal waren sie aber bereits Bestandteil des Projektes, wenn der Architekt sonst eine gestalterische Lücke an der Fassade hätte hinnehmen müssen. Bei den Medaillons handelte es sich meist um Katalogware einer kleinen Manufaktur (wie die Firma Lehmann in Kötzschenbroda), von den Radebeuler Beispielen dürfte keins als Einzelstück von einem Stuckateur vor Ort geschaffen worden sein. Es spricht auch für Katalogware, weil man in Radebeul das gleiche Motiv wie den Engel mit Triangel und Glöckchen mehrmals finden kann. Was für Motive habe ich außer dem Triangelspieler in Radebeul noch für leicht bekleidete, geflügelte Wesen angetroffen?
Eine Figur spielt auf einer Lyra, eine andere benutzt ein Blasinstrument (ähnlich einer Trompete) und wieder andere scheinen zu singen oder uns mit einem Kelch zuzuprosten. Auch wenn ein Engel schließlich ein Symbol aus der religiösen Welt ist, sind die Gebäude mit derartigen Medaillons ganz normale Wohnhäuser – das Religiöse schwingt ganz
leise und nur im Hintergrund mit. Die Wesen zwischen Himmel und Erde sind nett anzuschauen und sprechen die Gefühle an, sind aber schon knapp neben Kitsch angesiedelt – so mein Bauchgefühl. Diese neckischen Figuren befinden sich in einem wulstartigen Stuckring, auch als Doppelring vorkommend und manchmal hat der Ring auch noch vier Blattspitzen je eine auf Position 3, 6, 9 und 12 (nach der Uhr).
Das Material besteht in der Regel aus einer Mixtur aus Lehm, Gips oder auch Zement. Diese Rezeptur, die im fertigen Zustand (dazu gehört auch ein Brennprozeß) möglichst witterungsbeständig sein sollte, war ein Betriebsgeheimnis. Die in Radebeul gefundenen Figuren haben sich über die 150 Jahre auch recht gut gehalten, es gibt kaum Brüche oder Auswaschungen. Allerdings hat die Taktstraße der 60- und 70-er Jahre sicher auch in dieser Gruppe von Stuckerzeugnissen zu Verlusten geführt als die sozialistischen Reparaturbrigaden rasche Erfolge vorweisen und sich nicht mit „Klein-klein“ aufhalten wollten. Mit den noch vorhandenen Medaillons sollten wir heute bei Haussanierungen auf jeden Fall sorgsamer umgehen, im Falle eines Kulturdenkmals sowieso. Außer den kleinen Medaillons (Durchmesser ca. reichlich 50cm) aus Stuck gehören noch die verzierten, runden Lüftungsöffnungen – sh. V&R 04/ 22 – und die „Bilder in dreieckigen Rahmen“ – sh. V&R 08/24. Die vorgestellten Medaillons wurden üblicherweise auf der Schauseite der Häuser, manchmal auch an den Flanken zu den Nachbarn angebracht; man wollte zeigen, dass man Sinn für alles Schöne hat! Farblich sollten diese Medaillons nur eine Nuance heller gehalten sein als die Putzflächen, z.B. Weiß vor Hellocker. In einem Fall (kein Denkmal) wurde der Kontrast voll ausgereizt, weißes Medaillon vor roter Putzfarbe. In anderen Fällen konnten Medaillons den Farbton eines hellen Sandsteins haben, waren aber kein Sandstein.
Sollte der Artikel seinen Weg ins Märzheft finden, könnten die schwebenden Wesen für manchen Betrachter auch schon ein wenig den Frühling einläuten. Am Anfang dachte ich daran, diese Musikanten als eine Art Bigband vorstellen zu können. Dazu hat die Masse der aufgefundenen Musikanten leider nicht gereicht. Was bleibt ist also Kammermusik.
Dietrich Lohse
















