Poesie an Hauswänden

Villa Meißner Str. 150 Foto: D. Lohse

Schmückende Medaillons aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhundert in Radebeul

Meißner Str. 150, Foto: D. Lohse

Voranstellen möchte ich die Vermutung, dass sich beim Betrachten dieser Stuckarbeiten die Meinung der Leserschaft teilen könnte – solche, die sagen werden, das ist Kitsch, das erzeugt Schwingungen wie sie z.B. beim Betrachten eines Poesiealbums einer Klassenkameradin auftreten – oder, so war der Zeitgeschmack vom Ende des 19. Jh. eben, das gehört zu diesen Häusern aus der Gründerzeit dazu.

Meißner Str. 150, Foto: D. Lohse

Das ist die Krux, wenn man aus einem scheinbar „modernen Zeitalter“ (2026) auf die Häuser einer etwa 150 Jahre zurückliegenden Zeit blickt. Ich erinnere mich auch noch an Zeiten, als um 1970 die Gründerjahre von den Kunstgeschichtlern und Denkmalschützern noch kaum einer Betrachtung wert gewesen waren – Kunstgeschichte und Denkmalpflege eilen der Geschichte hinterher. Nicht erst seit heute beginnt man sich auch um diese Zeit und ihre baulichen Zeugnisse zu kümmern. Als ehemaliger Denkmalschützer möchte ich, nachdem ich schon einige Baugruppen aus dieser Zeit in den Vorschauheften vorgestellt hatte, nun ein paar klärende Worte zu den hübschen Medaillons finden.

Schweizer Str. 17Foto: D. Lohse

Wenn um 1880 ein Baumeister (er könnte Ziller oder Große geheißen haben) für seinen Auftraggeber das gewünschte Landhaus in Niederlößnitz fast fertiggestellt hatte, könnte er diese gefragt haben, ob außer den zum Gebrauch des Hauses unbedingt nötigen Eigenschaften, wie Statik, Wohnkomfort und Wärmedämmung vielleicht noch ein oder zwei gestalterische Akzente

Hoflößnitzstr. 2, Foto: D. Lohse

das Eigenheim bereichern sollten. Wenn das dem Bauherrn gefiel und für ihn der Aufpreis zu stemmen war, dann bekam er die zwei Medaillons mit geflügelten Musikanten. Sozusagen ein Sahnehäubchen für das schlichte Landhaus. Aber das war kein „Muß“, denn nicht an jedem Haus dieser Zeit finden wir Medaillons. Manchmal waren sie aber bereits Bestandteil des Projektes, wenn der Architekt sonst eine gestalterische Lücke an der Fassade hätte hinnehmen müssen. Bei den Medaillons handelte es sich meist um Katalogware einer kleinen Manufaktur (wie die Firma Lehmann in Kötzschenbroda), von den Radebeuler Beispielen dürfte keins als Einzelstück von einem Stuckateur vor Ort geschaffen worden sein. Es spricht auch für Katalogware, weil man in Radebeul das gleiche Motiv wie den Engel mit Triangel und Glöckchen mehrmals finden kann. Was für Motive habe ich außer dem Triangelspieler in Radebeul noch für leicht bekleidete, geflügelte Wesen angetroffen?

Schuchstr. 6, Foto: D. Lohse

Eine Figur spielt auf einer Lyra, eine andere benutzt ein Blasinstrument (ähnlich einer Trompete) und wieder andere scheinen zu singen oder uns mit einem Kelch zuzuprosten. Auch wenn ein Engel schließlich ein Symbol aus der religiösen Welt ist, sind die Gebäude mit derartigen Medaillons ganz normale Wohnhäuser – das Religiöse schwingt ganz

Kötzschenbrodaer Str. 16, Foto: D. Lohse

leise und nur im Hintergrund mit. Die Wesen zwischen Himmel und Erde sind nett anzuschauen und sprechen die Gefühle an, sind aber schon knapp neben Kitsch angesiedelt – so mein Bauchgefühl. Diese neckischen Figuren befinden sich in einem wulstartigen Stuckring, auch als Doppelring vorkommend und manchmal hat der Ring auch noch vier Blattspitzen je eine auf Position 3, 6, 9 und 12 (nach der Uhr).
Das Material besteht in der Regel aus einer Mixtur aus Lehm, Gips oder auch Zement. Diese Rezeptur, die im fertigen Zustand (dazu gehört auch ein Brennprozeß) möglichst witterungsbeständig sein sollte, war ein Betriebsgeheimnis. Die in Radebeul gefundenen Figuren haben sich über die 150 Jahre auch recht gut gehalten, es gibt kaum Brüche oder Auswaschungen. Allerdings hat die Taktstraße der 60- und 70-er Jahre sicher auch in dieser Gruppe von Stuckerzeugnissen zu Verlusten geführt als die sozialistischen Reparaturbrigaden rasche Erfolge vorweisen und sich nicht mit „Klein-klein“ aufhalten wollten. Mit den noch vorhandenen Medaillons sollten wir heute bei Haussanierungen auf jeden Fall sorgsamer umgehen, im Falle eines Kulturdenkmals sowieso. Außer den kleinen Medaillons (Durchmesser ca. reichlich 50cm) aus Stuck gehören noch die verzierten, runden Lüftungsöffnungen – sh. V&R 04/ 22 – und die „Bilder in dreieckigen Rahmen“ – sh. V&R 08/24. Die vorgestellten Medaillons wurden üblicherweise auf der Schauseite der Häuser, manchmal auch an den Flanken zu den Nachbarn angebracht; man wollte zeigen, dass man Sinn für alles Schöne hat! Farblich sollten diese Medaillons nur eine Nuance heller gehalten sein als die Putzflächen, z.B. Weiß vor Hellocker. In einem Fall (kein Denkmal) wurde der Kontrast voll ausgereizt, weißes Medaillon vor roter Putzfarbe. In anderen Fällen konnten Medaillons den Farbton eines hellen Sandsteins haben, waren aber kein Sandstein.
Sollte der Artikel seinen Weg ins Märzheft finden, könnten die schwebenden Wesen für manchen Betrachter auch schon ein wenig den Frühling einläuten. Am Anfang dachte ich daran, diese Musikanten als eine Art Bigband vorstellen zu können. Dazu hat die Masse der aufgefundenen Musikanten leider nicht gereicht. Was bleibt ist also Kammermusik.

Dietrich Lohse

21. Thematischer Filmclubabend

Das Wanderkino Filmclub mobil macht im Monat März Station im Kunststall Naundorf. Gezeigt wird der DEFA-Film „Bankett für Achilles“ aus dem Jahre 1975. Das Drehbuch stammt von Martin Stephan (* 1945), der selbst einige Jahre als Stahl- und Transportarbeiter in der chemischen Industrie von Wolfen und Leuna tätig war. Gedreht wurde in der Umgebung von Bitterfeld. Trotz mehrfacher Überarbeitung des Szenariums wurde der Rohschnitt des Films zunächst nicht abgenommen und erst nach ausdrücklicher Fürsprache des Kulturministeriums zur Aufführung freigegeben. Hatte man die Grundstimmung des Films zunächst als zu negativ eingeschätzt, erfuhr dieser feinfühlige Film rückblickend sehr viel Lob für die authentische Darstellung der arbeitenden Menschen in der DDR.

Für Roland Gräf (1934–2017) war es der zweite Film, bei welchem er Regie führte. Es sollten acht weitere folgen. Mit dem Kameramann Jürgen Lenz (1942–2025) und dem Filmkomponisten Gerhard Rosenfeld (1931–2003) standen ihm zwei ambitionierte Fachleute zur Seite. Auch die Zusammensetzung des Schauspielerensembles war bemerkenswert. Erfahrene Darsteller der älteren Generation wie Erwin Geschoneck (1906–2008), Elsa Grube-Deister (1926–2001) und Fred Delmare (1922–2009) balancierten zwischen Komödie und Tragödie mit spielerischer Leichtigkeit. In ihrer nahezu textfreien Rolle wirkte, die junge Absolventin der Schauspielschule Ute Lubosch (* 1953) nicht weniger überzeugend. Verschiedene Handlungsstränge sind sensibel miteinander verwoben. Die Tristesse der Industrielandschaft und die stark geschädigte Umwelt stehen im Kontrast zum Stolz der arbeitenden Menschen auf das Geschaffene.

Der technische Fortschritt bringt Gewinner und Verlierer mit sich. Das Bewusstsein für Umweltschutz ist zunächst nur schwach ausgeprägt. Und so scheint es auch kein Widerspruch zu sein, dass dicker gelber Qualm aus den Schloten steigt und in der nahe gelegenen Kleingartensparte geerntet und gefeiert wird. Missstände werden mit Schönfärberei übertüncht. Die Alten kollidieren mit den Jungen. Die Jungen kollidieren mit den Alten. Und das Wunschdenken kollidiert mit der Realität.
In einem Interview äußert Roland Gräf: „Wir wollten keine Kunstfilme machen, wir wollten mit unseren Filmen helfen, etwas zu verändern.“ Mit der Einheit Deutschlands trennte sich der mehrfach preisgekrönte Regisseur vom Medium Film. Er wendete sich der Fotografie zu, arbeitete als Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen und engagierte sich in der DEFA-Filmstiftung.

DEFA-Film „Bankett für Achilles“
1975, DDR, 84 Minuten, FSK 0

Regie: Roland Gräf; Drehbuch: Martin Stephan; Musik: Gerhard Rosenfeld, Günther Fischer; Kamera: Jürgen Lenz; Besetzung: Erwin Geschonnneck (Karl Achilles, Chemiemeister), Elsa Grube-Deister (Marga, Ehefrau von Achilles), Gert Gütschow (Walura, Betriebsdirektor), Jutta Wachowiak (Ursel, Tochter von Achilles), Fred Delmare (Kanarienvogel, Arbeitskollege), Ute Lubosch (Beate, Pflegetochter von Achilles), Carl-Heinz Choynski (Bare, Nachfolger von Achilles), Walter Bechstein (Wollschläger, Trauergast) u. a.

Handlung: Die Kamera ruht auf einer Industrielandschaft. Dumpfe bedrohliche Geräusche wechseln mit heiteren Dixiklängen. Ein Wecker klingelt unerbittlich schrill. Es ist der letzte Arbeitstag des Chemiemeisters Karl Achilles. Wie immer will er mit dem Rad zur Arbeit fahren, doch schon hier beginnen sich seine wohlmeinenden Kollegen einzumischen. Achilles soll ins Betriebsauto umsteigen, was er brüsk ablehnt. Das Abschiednehmen macht er sich selbst und machen ihm die Kollegen nicht leicht.

Als er in sein Arbeitszimmer kommt, sitzt der Nachfolger, ein junger Ingenieur, bereits auf seinem Platz. Das „Probesitzen“ kommt bei Achilles allerdings nicht gut an, denn er ist sehr dünnhäutig an diesem Tag. Mittags gibt es dann eine Feierstunde in der Betriebskantine. Es werden pathetische Reden gehalten und die Gewerkschafterin überreicht eine Wärmedecke und einen dicken Umschlag. Sie wünscht Achilles einen frohen und geruhsamen Lebensabend, den er sich als „Aktivist der ersten Stunde“ wohlverdient habe. Die Übertreibungen stimmen ihn misstrauisch. Danach geht es wieder an die Arbeit. Doch von Ruhe keine Spur. Mal gibt es eine Havarie, dann erscheint eine Delegation. Sein Abschiednehmen vom Betrieb zögert Achilles noch ein wenig hinaus.

Am Abend geben die Kollegen in der Schrebergartenkneipe für Achilles ein Fest. Wieder werden Reden gehalten und Geschenke überreicht. Zwei Jugendliche wollen Achilles mit einem selbstgedrehten „lustigen“ Film über seine Lebensstationen überraschen, was gründlich misslingt. Ein Disput zwischen Achilles und dem Betriebsleiter eskaliert in gegenseitigen Vorwürfen. Seit langem schwelende Konflikte brechen auf und keiner hatte bis dahin den Mut gehabt, klar auszusprechen, dass Achilles den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen war.
Achilles ist wütend und verlässt die Feier. Seine Frau Marga weint. Doch die Tränen trocknen schnell und die Feier geht weiter. Achilles wiederum versucht zu sich selbst zu kommen. Seinem Nachfolger rät er, auch mal mit dem Kopf durch die Wand zu stoßen. Aber was will Achilles? Sein Familienleben kam in all den Jahren zu kurz. Nun hätte er endlich Zeit für die Kinder, die Frau und ab und zu eine schöne Reise. Aber ist es wirklich das, was er will? Hatte er nicht immer davon geträumt, resistente Pflanzen zu züchten, eine Kreuzung aus Wegwarte und Kornblume, die die Halden von März bis Oktober mit leuchtendem Blau überziehen? Aber auch Pflegetochter, Tochter und Enkeltochter tun ihm gut, und die Angst vorm Alter beginnt sich aufzulösen.

Der erste Tag als Rentner beginnt. Der Wecker klingelt, die Aktentasche wird gepackt, Achilles setzt sich aufs Rad und fährt zu seinem am Vortag zerstörtem Versuchsbeet, dass er wieder neu anlegt. Die Beine will er nun doch noch nicht untern Tisch stecken.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.


Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen
Wann und wo: am 26. März 2026, um 19 Uhr
im Kunststall Naundorf, 01445 Radebeul, Altnaundorf 6,
Reservierungen ab sofort über 0160-1038663

 

 

Kneipp-Verein Radebeul e.V.

Am 22.10.2025 feierte der Kneipp-Verein Radebeul e.V. sein 35-jähriges Bestehen im „Goldenen Anker „ zu Altkötzschenbroda.

Die Kunde hatte auch den „Wasserdoktor“ Sebastian Kneipp in Bad Wörishofen erreicht – gespielt von der Laienschauspielerin Sibylle Wagner.Kneipp machte sich sofort aus der Vergangenheit nach Radebeul auf, um unseren Verein zu seinem Jubiläum zu gratulieren.
Gegen 18 Uhr traf er in Radebeul im „Goldenen Anker“ ein und wurde herzlich von der Vorsitzenden Manuela Hamann, ihrer Stellvertreterin Steffi Hanke, den Vereinsmitgliedern und allen Anwesenden begrüßt.
Wir fragten Monsignore Kneipp wie er zu uns gefunden hat: Natürlich habe ich zu Fuß hierher gefunden und bin auch weite Strecken barfuß gelaufen. Es war ein sehr weiter, sehr beschwerlicher, aber auch sehr schöner Weg von Bad Wörishofen bis nach Radebeul, ungefähr 500 km. Vorbei an Nürnberg, über das Fichtelgebirge, durch das Erzgebirge mit seinen prächtigen Bäumen und saftigen Wiesen. Ich habe mich an den üppigen Kräutern, an der Fülle von Obst und Beeren gelabt. Ich traf wandernde Menschen, alle haben mich herzlich aufgenommen und mir ein Bett bereitet, obwohl ich doch auch gern im Heu oder Stroh geschlafen hätte.
Ich kam an einigen Barfußpfaden und Wassertretbecken vorbei, ganz so wie ich es anno dazumal den Menschen gezeigt habe. Das hat mich sehr gefreut.
Am Abend gingen helle Lichter an. Die Menschen sagten mir, das ist die Elektrizität.
Auch sah ich viele Menschen und erstaunlicherweise auch Kinder, die mit leuchtenden technischen Geräten vor dem Gesicht herumliefen und mich gar nicht bemerkten.
Ich konnte den Blick in das Elbtal genießen und durch die saftigen Elbauen streifen.
Beim Baden in dem wunderschönen Elbestrom konnte ich die Heilkraft des Wassers spüren. Das allgemeine Heilmittel, das uns gesund erhält, ist und bleibt das Wasser.
Der Anfang zur Abhärtung bleibt aber immer das Barfußgehen.

Ja, Vorbeugen ist besser als Heilen.

Gegen 20 Uhr verabschiedeten wir Monsignore Kneipp mit den besten Wünschen nach Bad Wörishofen.

Steffi Hanke

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Kneipp – Verein Radebeul e.V.
Vereinshaus Radebeul, Dr.-Külz-Str. 4a
Handynummer: 0151 500 12 888
e-mail: steffi.hanke61@gmail.com

Ein Dackel mit vielen Herrchen und Pfeifen

Foto: A. Kubisch

Als Hundebesitzer kommt man bekanntlich ganz schön rum, denn das Tier muss raus an die frische Luft. Und auch unser Hund läuft mit uns seine Runden seit über 5 Jahren in und um Radebeul.
Immer wieder begegnen wir verschiedenen Herrchen und Frauchen mit großen und kleinen Vierbeinern und beobachten während dessen einen Dackel, der 10 verschiedene Herrchen und auch Pfeif-Signale hat.

Sind Sie ihm auch schon begegnet?

Foto: A. Kubisch

Die Rede ist vom Lößnitz-Dackel! Ganz offiziell ist es die Lößnitzgrundbahn.
Am 18. August 2025 um 8 Uhr verabredeten wir uns hinter dem Bahnhofsgelände in Radebeul-Ost und sprachen mit den Lokführern Christian Schubert und Maximilian Häslich, der an diesem Tag als Heizer fährt. Sie sind zwei der 10 „Herrchen“ des Dackels. Das Team ist mit ihrer Zugbegleiterin komplett, die ja auch noch eine Pfeife hat! Bevor es losgeht, gibt es jeden Morgen ein gemeinsames Frühstück.
Uns ist aufgefallen, dass das Pfeifsignal ganz unterschiedlich ausfällt, je nachdem welcher Lokführer Dienst hat und an den P-Zeichen von Radebeul über Moritzburg nach Radeburg mit seinem Pfiff zu hören ist.
„Da gab’s früher die Rio Grande Filme, wenn die berühmten Lokomotiven durch die Gegend fuhren. Die haben immer einen ganz markanten Pfiff gehabt, von uralten Lokführern. Und das hat man sich ein bisschen abgeguckt. Und der Moment, wenn man es selber machen darf, so zu pfeifen, wie man es damals in den Filmen gesehen hat, ist natürlich cool. Wenn man so seine eigene Nuance reinlegt, dann fetzt das schon.“, erzählt uns Max.

Foto: A. Kubisch

Natürlich sind die Pfiffe Warnhinweise für Autofahrer und Fußgänger, dass da etwas Großes kommt, doch nicht nur, weiß Chris:

Foto: A. Kubisch

„Früher, als der Alkoholkonsum bei der Eisenbahn noch viel höher war, also auf Schmalspurbahnen, was man so erzählt, wir haben das ja nicht erlebt, da hat man zum Beispiel, als es überall noch Bahnhofskneipen gab, mittels der Anzahl der Pfiffe angesagt, wieviel Bier bereitzustellen seien. Das ist natürlich heute nicht mehr der Fall.“
Schade eigentlich! Wir winken den Lokführern und Heizern seither immer begeistert zu, mit und ohne Hund und werden manchmal mit einem freundlichen „Tut-Tut“-Pfiff gegrüßt.

Jens Albrecht und Astrid Kubisch

In Allem schwingt ein Ton

Foto: M. Reichel

Im 14-tägigen Rhythmus kündet mittwochs in der Bahnhofstraße 19 eiliges Fußgetrappel auf der Außentreppe zum „Musik-Salon impulssein“ hinauf von reger Teilnahme und großer Vorfreude auf die folgenden zwei Stunden.
Ganz gleich, wie anstrengend oder lang der Tag war – niemand möchte die Chorprobe missen. Jeder freut sich auf den Genuss von lebendiger Fülle – in Gemeinschaft und gleichzeitig in großer Aufmerksamkeit für sich selbst.
chorus resonia ist ein freier, gemischter Chor, der sich, unter der Leitung von Edith Maria Breuer, mit Leidenschaft dem Entwickeln des eigenen und gemeinsamen Klangs widmet.
Jedes gemeinsame Proben ist ein kreatives Aufblühen mit der Hingabe in den Moment.
In dem Zulassen auf das Hinhören und Zwischenhören finden wir Tiefe und Ruhe, die den Raum für Entfaltung und Wahrheit ermöglichen.
Die Schönheit der Musik lebt von den Pausen. Die Stille zwischen den Tönen, die Zeit des Atmens sind wesentlich beim Singen. Der Atem ist unsere wichtigste Brücke; hinüber zum nächsten Ton, nah heran an die Mitsängerinnen und Mitsänger an unserer Seite und intensiver in jeden selbst.
Einhergehend mit der großen Freude an dem Miteinander-Singen entwickelt der Chor (s)einen unverwechselbaren und berührenden Gesamtklang. Von diesem kann man sich gern verzaubern lassen.

Dafür gäbe es schon bald ein paar Möglichkeiten:
Im Rahmen von „Kunst geht in Gärten“ in Radebeul am 20. Juni 2026 und beim Adventskonzert in der Johanneskapelle am 12. Dezember 2026 um 16 Uhr wird chorus resonia zu erleben sein.
Als Radebeuler Chor freut sich chorus resonia besonders über heimische Auftritte. Stolz ist der Chor aber auch auf das anstehende Gastkonzert in der wunderschönen Schlosskirche Jahnishausen bei Riesa am 10. Mai 2026 um 16 Uhr unter dem Titel „Mit Leib und Seele“.
Dieses Konzert werden wir zusammen mit dem Chor „vocalis“ (auch unter der Leitung von Edith Maria Breuer) als ein erstes gemeinsames Projekt unter dem neuen Chornamen „chorusvocalis“ gestalten.
Herzliche Einladung zu den Konzerten oder auch zu einer der Chorproben!
Wir freuen uns auf Sie!

M. Zacharias
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Infos unter: www.impulssein.com

Radebeul liest…

Im März ist wieder Lesezeit in Radebeul. Gewerbetreibende, Händler und Gastronomen laden ein zu einer großartigen Lese-Tour quer durch die Stadt. Einen Monat lang gibt es zahlreiche kleine, feine Lesungen sowohl für große als auch kleine Leute. Das Besondere daran sind die vielen verschiedenartigen, mitunter recht ungewöhnlichen Lese-Orte im gesamten Stadtgebiet.

Sonntag, 1. März, 16 Uhr, Weingewölbe, Hoflößnitzstr. 82

Zum Auftakt geht´s an einen ungewöhnlichen Ort: einen ehemaligen Bunker im Weinberg. „RADEBEUL Ein Lese Buch“ aus dem Notschriftenverlag verrät, was es damit auf sich hat. Thomas Gerlach und Jürgen Stegmann lesen Geschichten und Gedichte aus und über Radebeul. Den passenden Wein dazu sowie einen kleinen Imbiss hält Winzer Thomas Teubert parat.

Montag, 2. März, 17.30 Uhr, Stadtbibliothek Ost, Sidonienstr. 1c

Der Kulturverein der Stadtbibliothek lädt zum Gespräch über Literatur. „Nikolai Karasim: Briefe eines russischen Reisenden“. Ein junger russischer Adliger unternimmt Ende des 19. Jhd. eine Reise durch Westeuropa und kommt in Paris mit der französischen Revolution in Berührung.

Dienstag, 3. März, 19 Uhr, Gartenzimmer im Lutherhaus der Friedenskirche, Altkö 40

Frauen & Männer – Männer & Frauen“ . Der Dresdner Autor und Pfarrer i.R. Hans-Jörg Dost erzählt vom tatsächlichen Leben. Musikalisch wird er von Norbert Arendt am Flügel begleitet. In jeder Geschichte sind Frauen und Männer, Männer und Frauen für einander von unübersehbarer Bedeutung – in ihrer Verfehlung wie auch zu ihrem Glück.

Donnerstag, 5. März, 19.30 Uhr, Stadtbibliothek Ost, Sidonienstr. 1c

Lesung mit musikalischer Begleitung: Jürgen Stegmann liest aus „Landesbühne“ von Siegfried Lenz. Während einer Theatervorstellung in der JVA verlassen Häftlinge mit dem Bus der Landesbühne das Gelände. Bei einem Volksfest werden sie für die lang erwarteten Schauspieler gehalten. Jetzt müssen sie all ihr Talent einsetzen, damit der Schwindel nicht auffliegt.

Voranmeldung notwendig: Stadtbibliothek Radebeul-Ost, Tel. 0351 8305232 oder bibliothek@radebeul.de

Samstag, 7. März, 14 Uhr bis „open end“, Lößnitzbar – Lokal & Bühne, Fabrikstraße 47 (am Lößnitzbad)

Die „Lößnitzbar“ beendet ihre Winterpause – mit zwei Lesungen am gemütlichen Kamin und Weltmusik am abendlichen Lagerfeuer.

14 Uhr: „Böhmische 21“ heißt der Erzählband von Edward Güldner, aus dem Schauspieler Michael Heuser liest, musikalisch begleitet von Peter „Salbei“ Schlott. Geschichten aus der Dresdner Neustadt – Geschichten aus der wilden und anarchischen Wendezeit.

17 Uhr: Monika Groth erzählt eine Geschichte über Freiheit, Musik und Erwachsenwerden. „Mixtape of an Eastern Girl“ ist ein autofiktionaler Roman über das Aufwachsen in der DDR, weibliche Selbstermächtigung und Musik als existenzielle Überlebenshilfe. Joni Müller wächst auf zwischen Plattenbau und leiser Rebellion, Sehnsucht und Widerspruch. Musik wird ihr Fluchtpunkt.

19 Uhr: Krambambuli spielt Weltenmusikgroovejazz aus Swing-Manouche, Musette, Osteuropa, Tango & mehr… Besetzung: Akkordeon, Kontrabass, Gitarre, Geige, Klarinette, Drums

Montag, 9. März, 16 Uhr – für Kinder, Hairdesign4you, Hauptstr. 13/15

Gabriele Namiss stellt das Kinderbuch „Alle nannten ihn Tomate“ von Ursel Scheffler vor: Man sieht niemandem an der Nase an, was für ein Mensch er ist. Eine anrührende Geschichte, die unter die Haut geht.

Dienstag, 10. März, 19 Uhr, Galerie Oberlicht, Altkö 23

Dresden im Fokus der Wendezeit“. Holger Oertel und Jens Kuhbandner lesen ihre Beiträge zu der im Radebeuler Sonnenblumenverlag erschienenen Anthologie. Sie erinnern sich an die Jahre 1988 bis 1992 in Dresden, an die letzten Momente eines gesellschaftlichen Experiments namens DDR, an die Tage seines Untergangs und die Monate danach, in denen das Neue die alte Ordnung noch nicht ersetzt hatte. Zeit des Vakuums, Zeit ungeahnter Möglichkeiten.

Donnerstag, 12. März, 18 Uhr, SparkassenBeratungsCenter, Hermann-Ilgen-Str. 28

Die Radebeuler Autorin Tessa Maelle stellt uns zwei Bücher vor: »Der Riss im Traumnetz«, ihren Fantasyroman über ein Matriarchat mit uralten Göttinnen, und den Krimi »Plastic Girls«, in dem vier Freundinnen den Ozean vom Plastikmüll befreien wollen. Lese-Ort ist das ehrwürdige Sparkassengebäude in Kötzschenbroda, wo das Geldinstitut bereits seit 90 Jahren sein Domizil hat.

Donnerstag, 12. März, 19 Uhr, Lößnitzbar – Lokal & Bühne, Fabrikstraße 47 (am Lößnitzbad)

Sebastian Caspar ist Liedermacher, Autor und Sozialarbeiter. In seinen Texten und Songs geht es nicht um Pose, sondern um Erfahrung – um Absturz, Abhängigkeit, Scham, Verantwortung und den mühsamen Versuch, wieder aufrecht zu leben. Er stellt sein autobiografisch geprägtes Buch „Zone C“ vor.

Freitag, 13. März, 18 Uhr, Münch`s Backstube, Moritzburger Str. 34

Jürgen Stegmann stellt „Die Badende von Moritzburg“ vor, eine Sommernovelle von Ralf Günther.
Die junge Clara befindet sich aufgrund einer Erkrankung im Lahmann-Sanatorium Dresden, wo sie der Arzt Dr. Brandstetter zu einem Ausflug nach Moritzburg einlädt. Dort lernt sie die Brücke-Maler Erich Heckel, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner kennen. Und ein neues Leben beginnt.

Samstag, 14. März, 16 Uhr, Kleingartensparte Elblößnitz, Kötzschenbrodaer Str. 94

Lesung unterm Apfelbaum für Klein und Groß“: Die preisgekrönte Dresdner Nachwuchsautorin Marie Dreßler (18) liest für kleine Zuhörer (ab 4) und ihre Eltern aus ihrem ersten Kinderbuch „Zuhause“. Im Anschluss gibt´s Kurzgeschichten für Erwachsene aus ihrer sechsteiligen Romanerzählung „Spuren“. Den Nachmittag beschließt Tina Bauschke vom EMIL-Verlag Dresden mit dem Buch „Die Wahnsinnsformel – Leben und Sterben eines jungen deutschen Genies“ von Dieter Gruner.

Montag, 16. März, 15 Uhr, Begegnungsstätte der Johanniter/Wohnpark am Spitzhaus, Meißner Str. 80a

Die Schreibenden Senioren aus Radebeul stellen eigene, kurzweilige Texte vor.

Dienstag, 17. März, 18 Uhr, Karl-May-Museum, Villa Nscho-tschi , Karl-May-Str. 5

Karl May hat eine fast unüberschaubare Menge an Texten hinterlassen, doch hat er nicht alles erzählt. Dem nachzuspüren, haben sich Carola Loke-Grießbach, Silvia Krautz und René Grießbach zur Aufgabe gemacht und präsentieren eigene Geschichten aus dem Wilden Westen und lassen auch Karl May selbst zu Wort kommen.

Mittwoch, 18. März, 16 Uhr – für Kinder, Kinderhaus Altkötzschenbroda, Altkö 53a

Annette Richter kommt als Clownette mit dem lustigen Vogel Nick zu den Kindern und erzählt ihnen Unsinn-Geschichten von Werner Färber.

Mittwoch, 18. März, 18 Uhr , Kultur-Bahnhof, Sidonienstr. 1c

Im Rahmen von KULTUR.PUR präsentiert sich im Radebeuler Kultur-Bahnhof das „Theater Heiterer Blick“ mit der „Mitternachtsmaus“ von Ringelnatz.

Donnerstag, 19. März, 19 Uhr, Lößnitzbar, Lokal & Bühne, Fabrikstraße 47 (am Lößnitzbad)

Sprache, Cello und Gesang finden zueinander: Schaupielerin Doreen Kähler und Solocellistin Nina Clarissa Frenzel interpretieren eine Novelle von Stefan Zweig: „Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation“. Ein Antiquar schildert die sonderbarste Episode, die „mir altem Kunstkrämer in den 37 Jahren meiner Tätigkeit begegnet ist“.

Montag, 23. März, 17 Uhr, Soulmat-Matratzenstudio, Meißner Str. 49c

Der Karajan vom Schillerplatz“ – diese und viele andere Biografien von außergewöhnlichen Figuren der Zeitgeschichte stellt uns Prinz Rupi (Ruprecht Frieling) in seinem Buch vor. Unterhaltsam und lehrreich zugleich.

Dienstag, 24. März, 17 Uhr, Gräfes Wein & Fein, Hauptstr. 19

Autor Heinz Kulb stellt sein Buch „Mannsbilder & Weibsbilder“ vor, erschienen im Dresdner EMIL-Verlag. Geschichten mit wahrem Kern aus längst vergangenen Zeiten und doch gar nicht so weit weg vom Heute.

Donnerstag, 26. März, 18 Uhr, Gasthaus „Zu den Linden“, Meißner Str. 64

Ob Elberadweg in Sachsen oder wild-romantische Straße der schottischen Highlands… Cara Catalina Fox & Tabea Weingardtner präsentieren ihre Erlebnisse aus fünf Jahrzehnten Reisen – durchs Leben. Lebendig und humorvoll.

Donnerstag, 26. März, 19 Uhr, Lößnitzbar, Lokal & Bühne, Fabrikstraße 47 (am Lößnitzbad)

Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennnessel unter den Liebesblumen“, Leben und Werke des Münchner Humoristen mit sächsischen Wurzeln Karl Valentin und seiner Partnerin Liesel Karlstadt werden präsentiert von Burkhardt Zscheischler & Helena Raupach.

Freitag, 27. März, 16 Uhr – für Kinder, Buchhandlung Thalia, Hauptstr. 16a

Autor Wolfgang Rögner erzählt „Die phantastischen Abenteuer des Malte Blomberg“, eines 11-jährigen Jungen, der von Abenteuern und fernen Ländern träumt und mit seinen Freunden auf eine spannende Reise geht.

 

Sonntag, 29. März, 16 Uhr, Heimatstube Kötzschenbroda, Altkö 21

Lesestunde auf zwei Ebenen: Christine Strangfeld, Karin und Karl Uwe Baum bringen Wissenswertes, Kurioses, Historisches, Bemerkenswertes, Kritisches, Motivierendes aus Industrie und Handel in Kötzschenbroda zu Gehör. ? Reservierungen erbeten über AG Kötzschenbroda, 0160-1038663, baum@kunsthaus-radebeul.de

Montag, 30. März, 18 Uhr, hairdesign4you, Hauptstr. 13/15

Cara Catalina Fox liest aus ihrem aktuellen Buch „Mein Traum – Schottland“. Ein unterhaltsamer Reisebericht, der in die dramatische Schönheit der nördlichen Highlands entführt: Küsten, Strände und Berge.

Dienstag, 31. März, 18 Uhr, Karl-May-Museum, Villa Bärenfett, Karl-May-Str. 5

Ein Leben im Banne Karl Mays“ – ein exklusiver Abend mit Patty Frank zu seinem 150. Geburtstag. Für ihn wurde vor 100 Jahren die Villa Bärenfett gebaut. Er war Mitbegründer des Karl-May-Museums und verbrachte hier seinen Lebensabend. Wie es dazu kam – das erzählt uns Roland Wichmann alias Patty Frank.

Nachlese

Natalja Böttger – das beistehende Bild war
das Motiv auf der Einladung unseres Kulturvereins der Stadtbibliothek, Foto: N. Böttger

…für eine kleine feine Ausstellung von Natalja Böttger in der Stadtbibliothek Radebeul-Ost – danach im Sozialrathaus gegenüber – die im Februar endete.

Weil die Künstlerin in Großenhain lebt und und hier noch wenig bekannt ist, widme ich ihr eine Grußadresse. Unser Verein hatte sie im vergangenen Jahr eingeladen, in der Stadtbibliothek ihre Bilder zu zeigen. Bei der Vernissage erlebten wir die Überraschung, dass nur die Freunde und die Familie zu Gast kamen. So ist das halt. Es brachte uns aber nicht davon ab, heiter miteinander anzustoßen… und die Besucher der Bibo waren später von der Malerei sehr angetan.
Natalja Böttger ist eine vielseitige Frau und ein Multitalent mit Elan. Ihre Empfehlung:„Wenn  du eine innere Stimme hörst, die Dir sagt Du kannst nicht malen, dann male auf jeden Fall, um diese Stimme zum Schweigen zu bringen.“ (Vincent van Gogh)
Dieser Spruch steht als Untertitel im Raum und spornt auch die Verzagten an. In der benachbarten Volkshochschule können Interessierte tatsächlich von ihr lernen. Geboren und aufgewachsen ist sie im fernen Nord-Kaukasus, am Fluss Kuma, besuchte dort die Kunstakademie und war danach in einem Kulturzentrum angestellt. Später bemalte sie Zierkeramik in einer heimischen Werkstatt.
Nach ihrer Übersiedlung 2002 in die Bundesrepublik, begann wieder das Lernen, erst der Sprache im berufsorientierten Kurs, dann in einer Ausbildung zur Gastronomin mit Abschluss – erstmal ein Umweg. Von 2006 bis 2020 lebte sie mit ihrer Familie in Hessen und erwarb dort weitere Abschlüsse – als Glasmalerin, als Technikerin für Glasgestaltung, schließlich den Meister im Glasveredlungshandwerk. Von den Studios in Taunusstein zog es sie aber wieder zurück nach Sachsen, wo sie in einer renommierten Dresdner Glaswerkstatt für einige Zeit gute Arbeit fand. Wie viele andere Handwerksbetriebe trifft aber die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung vor allem die Spezialisten. So ist sie nun parallel Dozentin für Aquarellmalerei, in der VHS in Riesa und unterdessen auch in der Sidonienstraße in Radebeul.
Sie nahm an zahlreichen Wettbewerben teil, erhielt mehrere Kunstpreise in Hessen und hatte seit 2021 verschiedene Ausstellungen in Großenhain, Riesa und Radebeul. Es gab gemeinsame Projekte und Kooperationen mit berühmten Künstlern (darunter auch mit Markus Lüpertz), überwiegend bei der Gestaltung und Restaurierung von Kirchenräumen.
Ich freue mich, sie kennengelernt zu haben, weil sie heiter ihren Weg geht und voller Ausstrahlung ist. Und natürlich konnten wir uns an ihren Arbeiten erfreuen. Das beistehende Bild war das Motiv auf der Einladung unseres Kulturvereins der Stadtbibliothek.

Andrea Meinel

Der Efeu des Vergessens

Bild: V. Rönsch

Manchmal ist es gut, wenn Gras über eine Sache wächst.
Wenn schon die bloße Erinnerung daran, die ab und zu herabfällt – in einer Memopause zum Beispiel, zwischen zwei E-Mails – auch einen Mann mit einer Hitzewelle fluten kann. Und gut, wenn nicht ein Kamel kommt, das das Gras wieder runterfrisst. (Hat es keine zwei Höcker, ist es meist ein Hornochse). Am Gras kann man nämlich nicht ziehen, damit es schneller wächst. Obwohl das mit dem Ziehen am Gras nach der Legalisierung der drei Blumentöpfe auch nicht mehr so ganz stimmt.
Hintergrund der Redensart ist aber ein Moment, in dem etwas Peinliches geschehen ist, ein Moment, in dem man mit beiden Beinen bis zu den Knöcheln in einem Fettnapf stand und es zu spät bemerkte. (Das Fettnäpfchen gab es früher tatsächlich, es stand in der Nähe des Ofens oder der Haustür, enthielt eine Mischung aus tierischem Fett und schwarzer Knochenasche und wurde benutzt, um bei matschigem Wetter die Stiefel zu imprägnieren. Blöd, wenn man da versehentlich reingetreten ist. Später hieß es „Bewunderung ein Schuh erregt, der ständig mit Eg-Gü gepflegt!“, denn 1919 begann Egbert Günter in seiner Firma auf der Augsburger Straße in Dresden als erstes Unternehmen weltweit die Schuhcreme in praktischen Bleituben zu produzieren.)
Manchmal wächst aber nicht nur Gras, sondern ein regelrechter Efeu des Vergessens und Verdrängens und dieses Vergessen ist nicht immer nur ein Versehen.
Beginnen wir mit einem Radebeuler Trauerfall: Am 9. September 1912 starb in Niederlößnitz eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit: Wilhelmine Heimburg (Pseudonym für Bertha Behrens). Sie hatte über 40 Romane und Erzählbände veröffentlicht und war eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen der „Gartenlaube“. Damit war sie eine Kollegin von Eugenie John, einer anderen Bestseller-Autorin des 19. Jahrhunderts, heute bekannt unter dem „geschlechtsneutralen“ Namen E. Marlitt. Marlitt – zusammengesetztes Pseudonym aus „Meine arnstädter Litteratur“ – war die populärste Unterhaltungsschriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Ihre Romane erschienen ebenfalls in der Gartenlaube und verkauften sich millionenfach, werden aber inzwischen vom „ernsthaften“ Literaturbetrieb weitgehend ignoriert.
Aber zurück zu Wilhelmine Heimburg. Deren Radebeuler Bezug ist unmittelbar: Sie lebte seit 1881 in der heutigen Hermann-Ilgen-Straße 21, übrigens in der Nachbarschaft Karl Mays. Das Haus nannten sie „Villa Heimburg“. 1910 erwarb sie in Niederlößnitz in der Borstraße 15 die heute denkmalgeschützte Villa, die sie „Haus Heimburg“ nannte.
Hier starb sie auch und wurde auf dem Friedhof Radebeul-West beigesetzt. Ihre Werke wurden millionenfach verkauft. Damals. Das materielle Vergessen spiegelt das literarische: Die Villa „Haus Heimburg“ verfällt seit Jahren, die Baukultur der Erinnerung folgt somit dem Schicksal der Autorin. (Vorschau und Rückblick hat mehrfach Stellung bezogen: 2010, 2011 und 2013)
Erwähnenswert ist auch das Schicksal einer anderen Bert(h)a, der Schriftstellerin Jeanne Berta Semmig (1867–1958). Zunächst als Hauslehrerin in der Familie von Minckwitz tätig, veröffentlichte sie 1897 einen ersten Lyrikband. Seit 1907 führte sie einen intensiven Briefwechsel mit Hermann Hesse, der sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstreckte. Ab 1909 war sie dem Literarischen Verein Dresden verbunden, ebenso dem 1901 gegründeten Wilhelm-Raabe-Kreis. Sie war Präsidentin des Literarischen Bundes deutscher Frauen, bis die Gestapo diese Organisation 1944 auflöste.
Jeanne Berta Semmig arbeitete 40 Jahre lang als Lehrerin in Dresden, bis am 13. Februar 1945 auch ihre Wohnung ausgebombt wurde.
Sie fand Unterkunft bei Freunden und verbrachte ihren Lebensabend im Feierabendheim Altfriedstein in Radebeul – einen Ort, den sie in ihrem Gedicht „Altersheim“ verewigte: „Das Herrenhaus aus längst versunknen Tagen, …“
1947, Berta Semmig war da 80 Jahre alt, widmete ihr Hermann Hesse das Gedicht „Schicksalstage“, das er 1918 gedichtet hatte – eine der sehr persönlichen Gesten in Hesses späten Jahren, in denen er wiederholt Gedichte als poetische Botschaften an vertraute Menschen schickte:
Wenn die trüben Tage grauen, kalt und feindlich blickt die Welt, findet scheu sich dein Vertrauen ganz auf dich allein gestellt. Aber in dich selbst verwiesen aus der alten Freuden Land, siehst du neuen Paradiesen deinen Glauben zugewandt. Als dein Eigenstes erkennst du, was dir fremd und feind erschien, und mit neuem Namen nennst du dein Geschick und nimmst es hin. Was dich zu erdrücken drohte, zeigt sich freundlich, atmet Geist, ist ein Führer, ist ein Bote, der dich hoch und höher weist.
Das Gedicht knüpft an Hesses eigene Poetik des Einverständnisses an, des Annehmens, wie sie später im 1941 entstandenen Gedicht „Stufen“ einen suggestiven Höhepunkt erreichte. Es ist ein Trosttext für eine hochbetagte Freundin, die Krieg, Bombardierung ihrer Heimatstadt, Verlust ihrer Wohnung und den Alltag im Altersheim zu bewältigen hatte.
1957, ein Jahr vor ihrem Tod, schrieb Semmig den Entwurf der Festrede zu Hesses 80. Geburtstag – doch aus gesundheitlichen Gründen konnte sie sie nicht mehr halten. Im März 1958 erhielt sie, die „älteste lebende deutsche Schriftstellerin“, anlässlich des Internationalen Frauentags in Ostberlin die Clara-Zetkin-Medaille als Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Jeanne Berta Semmig starb am 28. Juli 1958 im Alter von 91 Jahren in Radebeul. (siehe auch Vorschau & Rückblick, Heft 7/2012)
Doch trotz ihrer Freundschaft mit dem Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse, trotz ihrer Präsidentschaft im Literarischen Bund, trotz ihrer 50-jährigen Schriftstellerei: Der Literaturbetrieb selbst nahm von ihr kaum Notiz. Ihre eigenen Gedichtbände („Aber es ging leuchtend nieder“, 1910; „Pilgerschaft“, 1926) verschwanden aus den Katalogen. Heute sind auch ihre Novellen Literaturfreunden kaum noch bekannt – ein stilles Zeugnis dafür, wie Kultur Frauen einfach vergessen kann, selbst wenn sie mit den Großen ihrer Zeit befreundet waren.
Der Kunstraum Dresden im 19. Jahrhundert war voll solcher talentierter Frauen, deren Karrieren jedoch systematisch kleingeschrieben oder zumindest ignoriert wurden:
Die Malerin Caroline Bardua (1781–1864): Sie wurde ab 1810 bei Kügelgen in Dresden ausgebildet und wohnte dort im heutigen Kügelgenhaus. Sie war eine gefragte Porträtmalerin und so erfolgreich, dass sie als eine der ersten Malerinnen in Deutschland ein wirtschaftlich unabhängiges Leben führte.
Die Malerin Louise Seidler (1786–1866): Ihre Malerei und ihre Rolle als erste Kustodin einer deutschen Gemäldesammlung (in Weimar, durch Goethes Fürsprache) machten sie zu einer Ausnahmeerscheinung. Auch sie war Schülerin von Gerhard von Kügelgen in Dresden und eine der bedeutendsten Malerinnen der Romantik.
Die Schriftstellerin Nataly von Eschstruth (1843–1920), deren Leben und Wirken eng mit dem Dresdner Umland – insbesondere den Stadtteilen Pillnitz und Blasewitz – verbunden war, gehört zu den erfolgreichsten, aber heute fast vergessenen Autorinnen des wilhelminischen Zeitalters. Ihre sogenannten „Frauenromane“, die im Milieu des Adels und hoher Hofbeamter spielen, verdienen gerade durch die Faszination für historische Details eine Wiederentdeckung.
Sicher, ihr restaurativer didaktischer Anspruch und mitunter sehr klischeehaften Handlungsverläufe mindern aus heutiger Sicht die literarische Qualität. Doch da sie, zum Beispiel im Vergleich mit ihrer Radebeuler Kollegin Wilhelmine Heimburg, ein gleichwertig hohes Veröffentlichungsniveau in Bezug auf die erreichten Auflagen und die Dauer des Erfolgs erreichte, sollte auch sie aus dem literarischen Schatten geholt werden. Zumindest sollte man die Möglichkeit haben, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Auch Louise Otto-Peters (1819–1895) aus Meißen veröffentlichte ihre frühen politischen Schriften getarnt unter dem männlichen Pseudonym „Otto Stern“. Sie gehörte ebenfalls zu den wenigen Frauen, die von ihrer Schriftstellerei leben konnten, aber nur durch den Schachzug des männlichen Pseudonyms konnte sie in der politischen Presse gehört und ernstgenommen werden.
Damit kommen wir zum Thema Camouflage.
Dieses Problem beginnt dort, wo der Mainstream (oder besser der Menstream) festlegt, wer als Künstler(in) anerkannt wird. Dass die männliche Bevorzugung im Kulturbetrieb kein regionales Phänomen war, zeigt schon der Blick auf einige große Namen der Weltliteratur: Mary Ann Evans wurde zu George Eliot, Aurore Dupin wurde zu George Sand, Charlotte Brontë wurde zunächst zu Currer Bell. Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen wurde zu Isak Dinesen. Marie d’Agoult, eine bedeutende französische Musikpädagogin und Denkerin, wurde zu Daniel Stern und veröffentlichte Romane und Memoiren unter diesem Namen – eine zweite, geheime Existenz neben ihrer Musik.
Das wiederkehrende Muster: Talent war vorhanden, Texte waren da, Öffentlichkeit teilweise auch – aber nur selten Akzeptanz als weibliche Künstlerin. Literaturgeschichte nennt das später „große Autoren“. Mitunter schwindet die Anerkennung auch rapide nach der „Enttarnung“. Talent allein reichte nicht. Der Name musste stimmen. Und vor allem das Geschlecht.
Der Mechanismus des Vergessens traf auch die Musik.
Emilie Mayer (1812–1883) aus Mecklenburg komponierte acht Sinfonien, zwölf Konzertouvertüren, Kammermusik, Orchesterwerke – insgesamt ein beachtliches Werk.
Die Etikettierung als „weibliche Beethoven“ ist bezeichnend, war sicher als Kompliment gemeint, zeigt aber das Dilemma: geniale Größe war dann akzeptabel, wenn sie männlich war. Im regionalen Umfeld ist das Schicksal von Clara Schumann (1819–1896) ein solches Beispiel. Sie verbrachte ihre Sommer oft in Maxen, südlich von Dresden. Obwohl sie eine überragende Komponistin war, wurde sie in der Rezeption primär zur Muse und Interpretin des Werkes ihres Mannes Robert reduziert. Ihr eigenes kompositorisches Schaffen wird erst in jüngster Zeit angemessen gewürdigt. Aber wer kennt schon noch die ebenfalls komponierende Halbschwester Marie Wieck? Oder die Gastgeberin der Sommerwochen im Rittergut Maxen, Friederike Serre, die nicht nur Gastgeberin, sondern auch selbst künstlerisch tätig war? Sie malte und dichtete. Zwei ihrer Gedichte – „O du mein Stern“ und „Beim Abschied“ – wurden von Clara Schumann vertont. Zum Kreis der Gäste des Ehepaar Serre gehörten neben Ottilie von Goethe auch die heute eigentlich vergessene Autorin Elfriede von Mühlenfels (1810 – 1884).
Auch in Sichtweite der Reformbewegung der Gartenstadt Hellerau, im angrenzenden Klotzsche, findet sich das Muster wieder: Gertrud Caspari (1873–1948), eine der bedeutendsten Kinderbuchillustratorinnen, deren Malweise den Jugendstil in der Buchillustration mitprägte, wird im Kanon des „ernsthaften“ Jugendstils kaum geführt.
Kultur vergisst durch Unterlassung. Nicht edieren, nicht lehren, nicht spielen, nicht lesen. Was fehlt, gilt als nebensächlich, wird nicht veröffentlicht. Was nicht veröffentlicht wird, verschwindet aus der Wahrnehmung. Was nicht wahrgenommen wird, wird auch nicht nachgefragt, ist somit auch nicht profitabel. Ein perfekter Kreislauf, bis heute. Kultur muss ins Bild passen und sich rentieren.
Es geht nicht um Toleranz. Es geht um die Frage: Wer wird erinnert und wer nicht? Eine Kulturgeschichte, die systematisch oder zumindest fahrlässig Frauen „vergisst“ (weil sie sich auf einem Gebiet verwirklichten, das von Männern dominiert wurde, auch in der Rezension), ist nicht einfach nur lückenhaft.
Sie ist unwahr.
Radebeul, Dresden, Maxen und Hellerau waren Orte, an denen Frauen malten, schrieben, komponierten. Ihre Namen sollten nicht verschwinden. Das Vergessenwerden ist hier die eigentliche Peinlichkeit, funktioniert jedoch so lange, bis wir uns bewusst die Zeit nehmen, hinter den historischen Efeu zu schauen…

 

Volker Rönsch

Editorial

Radebeul ist aufgrund seiner exponierten Lage zwischen Elbauen und Weinbergen gelegen, als Wohnort selbstredend überaus reizvoll. Die besondere topographische Situation macht jedoch die wenigen Durchgangsstraßen seit jeher unweigerlich zu Nadelöhren. Werden dann grundständige Straßensanierungen angekündigt, verheißt dies für Autofahrer Sperrungen und Umleitungen über endlose Zeiträume.

Dies betraf bislang in mehreren Bauabschnitten die Meißner Straße als Hauptverkehrsader oder – wie derzeit – einen Abschnitt der verkehrstechnisch bedeutsamen Kötzschenbrodaer Straße im Umfeld des Lößnitzbachs. Anwohner im nordöstlichen Teil der Stadt konnten bei den langwierigen Baumaßnahmen am Augustusweg ein Lied davon singen. Ab Februar 2026 bleibt zudem die Waldstraße als wichtiger Zubringer nach Dresden und zur Autobahn für ein ganzes Jahr gesperrt.
Wie sehr sich der Aufwand aber im Detail lohnt, zeigt sich oft erst im Nachhinein. So kann bspw. der Kreuzungsbereich August-Bebel-Straße / Meißner Straße auch in gestalterischer Hinsicht als überaus gelungen gelten.
Gegraben wird in Radebeul derzeit im Übrigen auch an anderer Stelle – nämlich im Zuge des Glasfaserausbaus. (Über 800km!) Kürzlich stand frühmorgens eine Armada gelbbewesteter Bauleute mit Schaufeln und allerlei Gerät in unserer Straße. Gegen Mittag war nach getaner Arbeit der Gehweg bereits wieder verschlossen. So schnell kann es gehen.
Vielleicht auch ein Anreiz für andere Baustellen?

Sascha Graedtke

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Aus meinen grafischen Tagebüchern

Plötzlich war er da!

Fast wie jeden Abend, wenn ich mir meine Arbeitsutensilien zurecht lege und vor einem leeren weißen, seltener einem schwarzen Blatt Papier sitze , folge ich bei meiner zeichnerischen Arbeit häufig der Linie die vermutlich die Spur eines inneren Zustandes ist.

Schwarze Linien tasten sich vor, kreuzen, verdichten sich und verlieren sich wieder, einem inneren Rhythmus folgend. Ich beginne intuitiv, lasse die Verdichtungen und Brüche zu und bewege mich dann aber bewusst zwischen Kontrolle, erlernten Gestaltungsregeln und auch wieder dem Verlust derselben entlang der zufälligen Formen. Wenn dann etwas auftaucht, ein Körper ein Gesicht etwa, entwickelt sich alles Weitere. Die Überlagerungen und Schraffuren entstehen dann aus einem Bedürfnis heraus, Komplexität sichtbar zu machen.

Das Bild ist eine kartografische Spur innerer Landschaften und Figuren – ein Wechselspiel aus Kontrolle und Loslassen und sich im Linienfluss treiben zu lassen.

Mich interessiert der Moment, in dem Formen kippen, zu etwas ganz eigenem werden und sich zwischen Körper, Raum und Erinnerung nicht mehr eindeutig unterscheiden lassen.

Die Zeichnung wird für mich zu einem Ort des Suchens und Findens, nicht des Festschreibens.“

Meist laden meine grafischen Arbeiten dazu ein, nicht unbedingt erkennen zu wollen, sondern zu empfinden, sich am Ergebnis zu freuen oder zu „reiben“!

Matthias Kratschmer

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