Bauen und Streiten in Radebeul 2020

v.l.n.r.: Jan Pötschke, Dr. Jens Baumann, Helge Harzdorf, Dr. Grit Heinrich, Sixten Menger, Jens Beck Foto: J. Baumann

Anfang 2017 veröffentlichte ich hier einen Artikel mit der Fragestellung: „Relevant oder alles erledigt? Denkmalschutz und Neues Bauen“. Nun sind wir schon 28 Jahre, haben den 18. Bauherrenpreis verliehen, mit der Schmincke-Allee, dem Bilzplatz und dem Bismarckturm dauerhafte Spuren hinterlassen. Und doch stehen diese Frage nach wie vor: Alles richtig? Noch wichtig? Ehrenvoll aufhören? Mal was Neues oder wenigstens vieles anders machen?

In diesem Jahr bieten wir wieder ein vielfältiges Programm. Bereits im dritten Jahr hintereinander werden wir am 6. November mit Schülern der Geschichte und Zukunft des Bauens in Radebeul nachgehen, diesmal am Beispiel des Luisenstifts, wo unsere Vorfahren mit der großzügigen Grundstückszuordnung eine beispielgebende Entscheidung getroffen haben. Am 13. September ist der Tag des offenen Denkmals, am 26. Juni unsere Wanderung zu ausgewählten Objekten vergangener Bauherrenpreisträger, am 29. Mai öffnet wieder ein sonst verschlossenes Haus unter dem Thema „Radebeuler Häuser und ihre Bauherren“, am 24. April geht es konkret um die zukünftigen Erhaltungssatzungen in der Ober- und Niederlößnitz und am 27.März um das Gebäudeensemble Rathaus. Geschichte ist dann schon der Termin am 28. Februar zur Dämmung von Bauwerken. Mitte des Jahres streben wir, mit allen kulturaffinen Vereinen der Stadt, einen gemeinsamen lockeren Abend im Kulturbahnhof an, zum gemeinsamen Austausch und Fortschreiben gemeinsamer Ziele. Es ist wichtig, dass es nicht nur bei Gesprächen bleibt, sondern auch zu Taten kommt, denn – Machen ist wie Wollen, nur krasser.

Dass der Verein aber keineswegs sich und seine Aufgaben überlebt hat, zeigte sein Jahresempfang am 6. Februar in der mit über 150 Besuchern vollgefüllten Halle des Kulturbahnhofes. Vorausgegangen war dem die seit mehreren Monaten laufende Diskussion (und auch Aktionen) um das Bauen in Radebeul, weil die Entwicklung von Neubauten an Altstandorten die Einwohner der Stadt zunehmend unzufrieden sein lässt. Unter Moderation von Peter Redlich von der Sächsische Zeitung führten wir eine interessante und lebhafte anderthalbstündige Podiumsdiskussion durch. Als Diskutanten standen Jens Beck (Immobilienbranche), Helge Harzdorf (bauhauf GmbH), die Amtsleiter Bau und Stadtplanung Jan Pötschke und Sixten Menger (Stadtverwaltung Radebeul) sowie Dr. Grit Heinrich (Landschaftsarchitektin und stellv. Vereinsvorsitzende) und der Verfasser zur Verfügung. Insbesondere ging es um Chancen und Möglichkeiten einer ortsbildgerechten baulichen Weiterentwicklung Radebeuls.

Das Vereinsziel war und ist „Die Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul zu fördern“. Eine Definition dieses in Anspruch genommenen „besonderen Charakters“ haben wir auch nach 24 Jahren nicht, aber auch nicht ernsthaft versucht. Ich hatte dies einmal als auch sinnvoll eingeschätzt, weil sich ja mit der Zeit die Funktionen, das Image und damit auch das Erscheinungsbild als auch der Charakter einer Stadt verändern. Starres Festhalten an einem imaginären historischen Erscheinungsbild darf nicht der Anspruch sein, wohl aber das beständige Ausloten, was baulich der Stadt entspricht (dazu gehören auch Neubauten, die sich in die Umgebung einfügen ohne sie dominieren zu wollen) und was ihr dauerhaft zuwiderläuft.

Der „Baustreit“ und die vielfachen Wortmeldungen sowie Statements zeigen jedoch, dass die Bürger vor allem eine zunehmende Beliebigkeit im Bauen sehen, dass – so auch eine Fragestellung – mit jedem unpassendem Neubau sich der Zuziehende auch den Wert der Lage „wegbaut“, dass immer größere Bauten vor allem in der Ober- und Niederlößnitz maßstabssetzend für Nachfolgebauten werden. Klar wurde, dass die steigenden Immobilienpreise nicht nur ein Segen, selbst für diese Branche, sind. Veränderung fängt aber schon beim Verkäufer (hohe Preiserzielungsabsicht) und beim Käufer (der ja bestimmt, was wie gebaut wird) an; der Makler ist nur der Mittler, natürlich mit Eigeninteressen wie jede Firma, jeder Käufer/Verkäufer auch. Die Baubranche als das letzte Glied in der Kette kann dann nur noch durch hochwertiges Bauen auf Qualität achten. Als Vereinsvorsitzender wies ich einmal mehr auf die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen im Alltag hin, denn ein freiwilliges Zurücktreten hinter eigene Ansprüche (und das fängt bereits beim täglichen Kindertransport vor die Schulen an, wo nicht die Regeln sondern nur das eigene Absetzen und Vorankommen zählen) ist, charmant formuliert, selten.

Doch zurück zum Bauen. Gerade weil die Selbstbegrenzung eben vielfach nicht mehr vorhanden ist, alle Wünsche nicht nur zu Lebzeiten sondern sofort erfüllt werden müssen, Geschmack hinter Gewinn verschwindet, braucht es Regeln (an die sich dann aber alle halten müssen). Dies ist der Verantwortungsbereich der Verwaltung, die sehr anschaulich deutlich machte, dass vieles von dem, was beantragt wird – gar nicht gebaut wird, weil es unzulässig ist. Das fehlt natürlich im öffentlichen Bewusstsein, weil es schlichtweg solche Veröffentlichungen nicht gibt und geben kann. An einigen Beispielen – Augustusweg – wurde seitens der Vertreter der Stadtverwaltung auch deutlich gemacht, welch immenser Abwägungsprozeß der Baugenehmigung vorausgeht, dass also durchaus gesetzliche Regelungen eingehalten werden – aber eben auch grundsätzlich erst einmal ein Anspruch auf das Bauen, hergeleitet aus dem Schutz des Eigentums, besteht.

An dieser Stelle setzt dann die Gestaltungskraft von Bürgerinitiativen (z. B. an Hand des Flyers „Schützt unsere Gartenstadt“ sichtbar, natürlich ist auch der Verein als eine solche dauerhafte Initiative zu verstehen) ein – und die des Stadtrates. Denn um zu maßvollen und stadtverträglichen Bauten zu gelangen, gilt es die Instrumente des Baugesetzbuches und der Stadt Radebeul zu nutzen – Bebauungspläne, Denkmalschutzsatzungen, Gestaltungssatzungen, Erhaltungssatzungen usw. Es ist natürlich klar, dass hier stets widerstreitende Interessen auftreten und auch eine Satzung, die Verbindliches regeln kann, entsprechende Stellen oder Finanzmittel in der Verwaltung voraussetzt wie auch gerichtlichen Überprüfungen standhalten muss, d.h., nicht jeder Gestaltungswunsch (Fassadenvorgaben) ist rechtlich umsetzbar, sondern höchstens dann, wenn er eine „über“-mehrheitliche Umgebungsbebauung aufnimmt.

Für den Verein und sein Wirken in diesem Jahr ergaben sich damit konkrete Vorhaben, zu denen wir einladen, diese umzusetzen:
1. Der Verein muss stärker und breiter Meinungen einsammeln, diskutieren und gebündelt vortragen. Er ist ein ernstgenommener Faktor in Radebeul und muss dies nutzen.
2. Wenn wir mitgestalten wollen, braucht es Maßstäbe. Diese ergeben sich auch aus dem Vorhandenen, ohne das Neues unmöglich gemacht wird. Drängend erscheint es daher, nicht nur zu sagen was nicht gefällt, sondern zu sagen was Radebeul ausmacht, wie in Radebeul weiterhin gebaut werden kann (sozialer Wohnungsbau, Wohnungsbau in den Villengebieten, Industriebau) und wie dies, eben unter den geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen, auch tatsächlich erreicht werden kann. Es gilt, den „besonderen Charakter“ zu identifizieren“.
3. Um nicht nur in den Worthülsen „man müsste“ / „wir brauchen“ zu verbleiben, bedarf es einer breiten Kenntnis, was geht und wie es erreicht werden kann. Wir haben die Verwaltung gebeten, im Amtsblatt in einer Reihe einmal das baurechtliche Instrumentarium (vgl. oben) vorzustellen und wofür einzelne Maßnahmen wie z. B. eine Erhaltungssatzung geeignet sind und was sie nicht vermögen.
4. Der Verein hat ebenso die Verwaltung gebeten, die stundenweise Einrichtung einer Zweigstelle des Denkmalschutzamtes des Landkreises in Radebeul zu prüfen. Vorortkenntnis wirkt manchmal Wunder.

Dr. Jens Baumann

30 Jahre „Fami“ in Radebeul – eine Chronik (1. Teil)

„Es kommt immer auf die Haltung zu den Dingen an. Der Garten und die Kultur hier in Radebeul sind wunderbar. Ich bin froh, dass wir auch neue Bekannte haben, durch die Galerie und durch die Gemeinde und uns nicht abkapseln”, so mein Tagebuch von 1986. Wir wohnten als Familie in zwei Zimmern mit Ofenheizung unter dem Dach, Bad und Küchenbenutzung gab es gemeinsam mit der mit der über 80-jährigen Tante im Erdgeschoss. Ich wollte nicht zu „den kleinen Muttis mit den großen Kaltwellen“ gehören, wie mir 1987 beim Konzert „Vorsicht Frau“ mit Barbara Thalheim in Meißen klar wurde. Unsere Feste waren legendär, es gab Dreitagesfeste in den Gärten mit Nachbarn und allen Kindern. Im Sommer war dies kein Problem, nur auf Regen waren wir nicht eingestellt. So musste schon mal der Dachboden mit Matratzen ausgelegt werden, Blumen kamen in die Mitte und alle hatten Platz. Puppenspiele, viele Kerzen und Musik machten die Abende unterhaltsam, auch Familienfeste, Taufen und Geburtstage. Schwieriger waren die Winter. Wenn mich meine Nachbarinnen besuchten, waren wir drei Mütter und 9 Kinder, die sich in einem kleinen, mit Kanonenofen beheizten Zimmer, trafen. Die Unzufriedenheit mit dem Stillstand, dem Verfall und der Lethargie wuchs.

Altkötzschenbroda 20, 1991 Foto: Archiv Fami

„Man sagt oft zu wenig, mit der Zeit verliert man auch die Angst, sich über etwas zu beschweren.“ Es reichte auch nicht mehr, sich nur ins Private zurückzuziehen. „Ich habe Angst vor Krieg und völliger Umweltzerstörung und dass ich meine Kinder nicht schützen kann, das ist der wundeste Punkt…“, so im Januar 1989, die Zuspitzung kam im Sommer: „Es gehört viel Energie dazu in der DDR zu leben. Viele sind resigniert und lassen ihre Wut am Nächsten aus, manche lügen mit und schimpfen zu Hause. Manche hoffen auf den Zusammenbruch, viele gehen weg.“ „Wo führt das alle hin? Ich höre Gospels, draußen schreit ein Käuzchen und die Musik lässt mich seit langem wieder an Gott denken und Frieden kehrt in mir trotz der ganzen Zustände ein.“ 25.8. 89: „Wie lange soll man warten? Wie lange warteten unsere Eltern? Wie lange lebt der Mensch? Wie lange stirbt ein Staat?“ 4.9. 89:„Meine Kraft und mein Frohsinn blättern ab wie alte Farbe.“ 8.10.89: „Die Grenzen sind zu, alle.“ 4. 11.89:„‘Stell dir vor es ist Sozialismus und keiner geht weg ‘, so hörte ich Christa Wolf bei der großen Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz. Es ist eine Zeit wie nie zuvor. Nichts ist veralteter als die Zeitungen von gestern. Kerzen über Kerzen vor den vergitterten Fenstern des Polizeipräsidiums. Gesetz über Reisefreiheit, Gesetz über zivilen Ersatzdienst, neues Bildungs- und neues Justizgesetz in Arbeit. Seit heute Baustopp für das umstrittene Siliziumwerk in Dresden verfügt. Viel Angst-, viel Hoffnung – große Bewegungen.“ 6.11. 89: „Es lebe die Oktoberrevolution 1989!“, war gestern in einem Schaufenster auf unserer Geschäftsstraße (Wilhelm-Pieck-Straße, heute Hauptstraße) zu lesen. Am Tag davor waren wir zu Demonstration gegen das Siliziumwerk in Gittersee in Dresden. Die Demonstration lief unter dem Leitgedanken. ‚Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung‘. Die Lieder einten uns: ‚ We shall overcome‘ oder ‚Wir fassen uns ein Herz und kommen euch entgegen, fürchte dich nicht, wir kommen im Segen‘. Heute standen zum ersten Mal die SO2-Werte der Luft in der Zeitung, sozusagen als ein neues Signal.“ 11.11. 89: „Seit zwei Tagen sind die Grenzen offen. Es ist unbeschreiblich, was sich da abspielt. ‚Bitte nicht auf die Mauer setzen!‘, so klang es heute aus dem Radio vom DDR-Jugendradio. Niemand will es recht glauben, deshalb nutzen die Leute die Chance, im Radio immer wieder die Beteuerung, dass es eine endgültige Lösung sei, Panik im Lande, großes Misstrauen überall… Was für Fesseln fallen von uns ab, was für Tabus werden ausgesprochen…“
27.11.89:“Große Hilflosigkeit, Diffamierungen gegen Künstler. Alle wissen was sie nicht wollen, aber niemand hat ein Konzept für einen Neuanfang.“
17.12. 89:„Langsam beginnt mir der Boden unter den Füßen wegzurutschen. Was man früher flüsterte wurde besser gehört, als wenn man jetzt schreit, es geht unter im allgemeinen Gelärm. So stelle ich mir Schiffbruch vor. Es wird das Leck verheimlicht, ein paar Matrosen stopfen mit Sandsäcken und wer redet wird streng bestraft, angeblich um Panik und Unruhe zu verhindern. Und zum Schluss, wenn das Wasser bis zum Hals steht, rennen alle an Deck und brüllen. Viele sind schon mit den Rettungsboten fort und der Rest versucht zu retten und alles ist ungewiss. Nur sind auf dem Schiff größtenteils die Alten, Kranken, Frauen und Kinder geblieben.“
Ich war damals 26 Jahre alt, hatte drei Kinder und war mit der jüngsten Tochter noch im Erziehungsurlaub, wie es damals hieß, Arbeitslosigkeit drohte.
Bei einer Veranstaltung in der Friedenskirche Radebeul wurde zu Arbeitsgruppen des Neuen Forums aufgerufen. Mir sind Pfarrer Salzmann und Pfarrer Gehrt als mutige Pfarrer in den Zeiten des Umbruchs im Gedächtnis geblieben. Elisabeth Kurth rief zu einer Gruppe des Neuen Forums AG Bildung-Gruppe Baby-auf. Wir trafen uns in verschiedenen Wohnungen und Gärten und überlegten, wie wir unser Ideen umsetzen können.
Im Februar 1990 startete ich einen Aufruf im „Informationsdienst Neues Forum Radebeul“: „Wer hilft beim Aufbau eines Öko-Cafe’s?“, „Familien mit kleinen Kindern, Rentner, Ausländer, alleinerziehende Eltern, oder Eltern, die ihre Kinder in den ersten Lebensjahren zu Hause betreuen möchten, werden in verstärktem Maße die sich weiter zuspitzenden sozialen Spannungen zu spüren haben. Um dem zu begegnen planen wir den Aufbau eine Öko-Cafe’s, welches helfen soll in informativer, beratender und praktischer Funktion diesen Problemen beizukommen.“
Drei Punkte stellten wir uns vor: 1. Ein Familienkaffee, wo Kinder nicht stören. „Es wäre vielleicht die einzige Gaststätte in Radebeul mit Kinderspielplatz und ohne Konsumzwang.“
2. Eine Bibliothek und Vorträge, sowie die Möglichkeit für kreative Arbeit und 3. einen Laden, in dem die Theorie in die Praxis umgesetzt werden kann, indem “ gesunde Nahrung, handgefertigte Bekleidung, sinnvolles Spielzeug, Bücher usw.“ verkauft werden können.

Gründungsmitglieder mit Familien, 1999 Foto: Archiv Fami

Es hieß, wir müssten einen Verein gründen, sonst kämen wir zu gar nichts. Uns war das fremd und von zwangsweisen Gruppen hatten wir eigentlich genug. Schließlich beschlossen wir genau dies am 8. März 1990 in unserer Wohnung. Es war der Internationalen Frauentag, was uns damals nicht bewusst war. Mitglieder der „Sozialinitiative“ waren Barbara Plänitz, Kathrin Wallrabe, Ulrike Tietze, Elisabeth Kurth, Ines Kluge, Gabi Hoppe, Christine Wagner, Dorothee Altus, Regina Riedel, Barbara Zehme, Renate Lempe, Alexandra Söhnel, Jana Graedtke, Kerstin Engler , Roland und Evi Hennig. Im Landkreis wurden wir als Verein Nr. 26 eingetragen und waren damit einer der ersten Vereine, die offizielle Gründung wurde auf den 2. April 1990 gelegt. Einige kannten sich bereits aus der Stillgruppe um Barbara Plänitz und aus dem Friedenskreis.
Zunächst trafen wir uns in den Räumen des Neuen Forums auf der Eduard-Bilz-Straße 7, richteten dort Büro und Spielkreis ein, beantragten Gelder für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und Sachmittel, luden zum Spielkreis ein und boten Vorträge in der Kleinen Galerie an. Wir kauften Bücher für unsere Bibliothek von „Ronja Räubertochter“ bis „ Love and Sex“, war alles dabei. Es wurde zu eng und zu laut für die Mitnutzer der Büros, also zogen wir mit dem Spielkreis in den Hort auf die Marienstraße. Auch dort passten wir nicht ins Konzept und wurden von der Friedenskirchgemeinde Radebeul aufgenommen. Wir suchten dringend eine eigene Bleibe. Karin Gerhard, Leiterin der Stadtgalerie, gab mir den Tipp, dass im Sanierungsgebiet Altkötzschenbroda noch das Haus Nr. 20 zum Verkauf stünde, eine Ruine mit Außenklo. Wir waren begeistert. Doch bald stellte sich heraus, dass das Haus sowohl uns, als auch den katholischen Frauen zur Errichtung eines Frauenschutzhauses, angeboten worden war. Nach etlichen Verhandlungen wurde uns das Haus von der Stadt zum Kauf angeboten. Wir hatten viel Mut, aber kein Geld. Am 18.04.1991 stellten wir den Kaufantrag bei der Stadt, die uns das Grundstück zu einem Vorzugspreis verkaufen wollte, was damals 15 DM pro Quadratmeter bedeutete. Regina Riedel, Ines Jurak und ich konnten diese Konditionen mit Herrn Freudental aushandeln (21. 10. 91). Das Landratsamt widersprach dem und verlangte den Verkehrswert, die Stadt einigte sich nach energischer Intervention unsererseits mit dem Landratsamt und das Grundstück wurde uns verkauft (17.02.1992/Notartermin) und später in das Sanierungsgebiet Altkötzschenbroda integriert (Nr. 7 in AK).

Kathrin Wallrabe

(Fortsetzung im nächsten Heft)

Vorn die Ostsee, hinten die Meißner Straße

„ … Etwas ist immer.
Tröste dich.
Jedes Glück hat einen kleinen Stich.

Kind Of Blue, 2020 Repro: M. Kunze

Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Dass einer alles hat:
das ist selten.“

Wir können uns da in Radebeul doch sehr glücklich schätzen, da das Städtchen, vor allem kulturell einiges zu bieten hat. Seit mittlerweile fünf Jahren sind die kleinen Ausstellungen in (Matthias) „Gräfes Wein & fein“ auf der Hauptstraße in Radebeul Ost eine feste Institution im kulturellen Jahreskalender. Von Beginn an versuchten die Initiatoren jungen und älteren Künstlern eine Plattform zu geben, um ihre Arbeiten im Dialog mit den Interessierten für die Bildende Kunst zu stellen. Ein Glas Wein kann ja durchaus dabei helfen, den Gesprächseinstieg zu erleichtern.

Inspiriert vom Gedicht „Das Ideal“ von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1927, dessen Schlussvers im obigen Zitat zu lesen ist, entlehnt sich der Titel der aktuellen Ausstellung „Vorn die Ostsee, hinten die Meißner Straße“.
Der Architekt Maximilian Kunze, der seit seiner Kindheit zeichnet – inspiriert und ermuntert durch Großvater Günter Schmitz und Vater Dietmar Kunze – zeigt Pastelle und Siebdrucke.

Die Arbeiten lassen sich, wie der Titel der Ausstellung sagt, zwischen seinen Sommeraufenthalten auf Rügen und seinem Lebensmittelpunkt Dresden und Radebeul geografisch einordnen.
Dass das Radebeuler Pendant zur Friedrichstraße im Titel die Meißner Straße und nicht etwa die Weinbergstraße ist, hat etwas mit dem besonderen Blick zu tun, mit dem Maximilian Kunze durch die Städte und Landschaften geht. Motive sind nicht die großen Sehenswürdigkeiten und bekannten Bauten, sondern das alltägliche, anonyme, seien es die Scheunentore an der Ostsee, gewachsene Häusergruppen in Radebeul oder die Anlegestellen der Dampfschiffe an der Elbe. Während sich bei den Siebdrucken (bedingt durch die Technik) die Motive in flächige Kompositionen aufzulösen beginnen, zeigt Maximilian Kunze in seinen Pastellen, trotz ebenfalls abstrahierender Vorgehensweise, eine weichere, romantische Seite seines Schaffens.

Zwei Loggien, 2017 Repro: M. Kunze

Die Eröffnung fand am 23. Januar, zwölf Tage nach Maximilian Kunzes 31. Geburtstag statt. Der Dresdner Gitarrist Eckart Poster und langjähriger Gitarrenlehrer von Maximilian Kunze, begleitete die Eröffnung soulig-musikalisch.
Matthias Gräfe ist zu danken, dass er uns Künstlern eine Möglichkeit der Ausstellung und Begegnung gibt.
Er ist stets ein für die Bildende Kunst aufgeschlossener Hausherr. Dies wurde zur Ausstellungseröffnung mit vielen Gästen und guten Gesprächen bei gutem Wein wieder einmal bestätigt.

Gabriele Reinemer
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Bis zum 15.03.2020 kann man die Arbeiten von Maximilian Kunze bei „Gräfes Wein & fein“ auf der Hauptstraße 19 in Radebeul Ost noch betrachten.

Radebeuler Kultur e.V – ein “Vorstellungsgespräch“

v.l.n.r. hinten: Günter »Baby« Sommer,Anja Wenzel, Björn Reinemer vorn: Heiko Fröhlich, Stephan Leonhardt, Gabriele Reinemer Foto: A. Lindackers

Kultur und Radebeul gehören seit langem zusammen wie das Ying & Yang, wie die Pedale zum Fahrrad, Karl May zu Radebeul oder ein guter Käse zum Rotwein. Die Kultur in der Natur mit den Weinbergen der Lößnitz und den köstlichen Weinfesten, welche nicht nur der Trinkkultur verbunden sind, sondern stets mit Kunst und künstlerischen Aktionen einhergehen, sind Zeugnisse einer hohen Lebensqualität. Zur Hochkultur in Radebeul gehören die Landesbühnen Sachsen ebenso wie die Stadtgalerie und die Auslobung des Kunstpreises der großen Kreisstadt Radebeul.
Wozu braucht es aber bei so viel Kultur noch einen Verein?
Weil es neben der persönlichen Achtsamkeit eines jeden Einwohners unserer Stadt einen Ort geben muss, wo man sich auch einbringen kann mit seinen Ideen. Wo man seine Beobachtungen vortragen und Vorschläge machen kann, wie man diese kulturelle Vielfalt schützen, erhalten und erweitern kann. Die allgemeine, Generationen übergreifende Begeisterung für die kulturelle Vielfalt unserer Stadt möchten wir an einer Stelle bündeln, die benennbar ist und eine Adresse mit ansprechbaren Personen hat.
Mit der Anerkennung unserer Gemeinnützigkeit treten wir nun aus einem Backstagebereich – wie wir Musiker sagen – heraus, und begeben uns ins Rampenlicht der Bühne, wo der Moment der Wahrheit spielt.
Wir haben uns der Förderung von Kunst & Kultur in all ihren Genres verschrieben und beziehen die soziokulturelle Bildung in starkem Maß mit ein. Dies kann man an zwei laufenden Projekten gut ablesen. Es sind die Kostenübernahme für den instrumentalen Musikunterricht eines Kindes aus dem Projekt “Kinderarche Sachsen e.V.“ geltend für ein Jahr und die Vorbereitung eines Konzertes am Gymnasium Luisenstift Radebeul mit Esther Bejarano, einer 95-jährigen Überlebenden des KZ’s Auschwitz-Birkenau. Diese Dame werden wir nicht nur als Sängerin, sondern auch als erzählende Zeitzeugin eines der größten Verbrechen in der deutschen Geschichte erleben.
Des weiteren werden wir das Projekt unterstützen, welches die Keimzelle für die spätere Bildung unseres Kulturvereins war. Es ist das “XJAZZ Festival“ in der Edition Radebeul in seiner nunmehr fünften Ausgabe.
Dieses Festival ist eine Errungenschaft und Neuheit, welche von jungen Leuten in unser Elbtal gebracht wurde, die etwas Unruhe in die Beschaulichkeit des Radebeuler Bildungsbürgertums bringen wollten.
Und es ist ihnen gelungen! Mit dem XJAZZ Festival kamen neue Töne in unser Tal. Orte wie das Weingut Aust, die Lutherkirche in Ost und die Landesbühnen Sachsen wurden um eine Musikgattung bereichert, deretwegen man sich sonst mindestens nach Dresden, wenn nicht gar weiter weg bewegen muss.
Im Absatz 3 des Paragraphen 2 unserer Satzung heißt es:
“ Der Verein ist selbstlos tätig; er verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke“.
Also fließen alle anfallenden Geldbeträge sofort wieder der Unterstützung von Lesungen, musikalischen Veranstaltungen, Workshops, Theaterprojekten, Kursen und anderen kulturellen und soziokulturellen Aktivitäten zu. Durch die Anerkennung der Gemeinnützigkeit sind wir auch in der Lage, Unterstützern und Sponsoren Spendenquittungen auszustellen, welche eine steuerliche Relevanz für die Spender haben.
Weiterhin sagt die Satzung, dass Mitglieder des Vereins keine Zuwendungen von Mitteln des Vereins erhalten. Das macht uns transparent und glaubwürdig. Unsere “Jugend“ schützt uns auch vor einem Abgleiten in die “Vereinsmeierei“. Vorstandssitzungen mit lebendigen Diskussionen über die kulturpolitische Situation in Radebeul und über seine Grenzen hinaus, lassen uns die Felder finden, welche wir in unserem Rahmen fördern und beschleunigen können.
Jeder, der ein echtes Interesse daran hat, die kulturelle Landschaft Radebeuls zu erhalten und zu bereichern, kann bei uns ordentliches Mitglied oder Fördermitglied werden.
Die ausführlichen Punkte unserer Satzung kann man unter www.Radebeuler Kultur e.V. nachlesen.

Wenn sich die Radebeuler Bürgerschaft schon erfolgreich ohne Verein gegen das Eindringen von
McDonalds, Kentucky Fried Chicken und die Errichtung einer Sommerrodelbahn in den Weinbergen erwehren konnte, so lässt sich doch erahnen, welch Klang und kulturelle Kraft ein Verein haben mag, der all diese wunderbaren Einzelkämpfer in unserer Stadt zu einem Orchester
vereinen mag!
Bringen Sie sich ein! Das ruft Ihnen / Euch einer zu, der vom Sound und der Kraft einer Big Band was versteht,

Günter Baby Sommer

 

Editorial 3-20

Seit einigen Monaten hat es im sonst so beschaulichen Radebeul in Teilen der Bürgerschaft etwas Unruhe gegeben. Was war passiert?
Es regt sich Widerstand. Gegen den Abriss von historischen Einfriedungen, wie an der Gärtnerei des Hohenhauses oder an wiederholt unpassenden? Neubauten am Augustusweg.
Seit der Nachwendezeit ist eine rege Bautätigkeit zu verzeichnen. Mit dem abrupten Systemwechsel kam es dann naturgemäß zu einer erheblichen Verschiebung der Eigentumsverhältnisse von Grundstücken und Böden. Ein Prozess der noch immer andauert. Zwar galt die Stadt schon damals als dicht bebaut, wofür wir uns heute besonders glücklich schätzen dürfen. Umso erstaunlicher ist es, wie viele Baugenehmigungen seither erteilt worden sind. Freilich, Baulücken gab es immer und auch auf das Bauen in zweiter Reihe wird zunehmend geschielt. Mit dem Dichterviertel an der Waldstraße ist gar ein ganzer Stadtteil entstanden. Seine Lage ist aber so separat, dass es mit dem „alten“ Radebeul kaum in Konkurrenz gerät.
Schwieriger wird es nun mit Neubauten in historischen Lagen. Da schaut der angrenzende Anwohner oder achtsame Bürger schon genauer hin. Und die immer wieder großen Fragen: Was ist schützenswert? Was kann und darf in einer derartig homogenen Wohnlandschaft ergänzt werden? Ein quälender und quasi salomonischer Prozess, den das Radebeuler Bauamt im Widerstreit mit den Wünschen der Bauherren und bewahrender Interessen immer wieder abwägen muss, wie es beim Neujahrsempfang vom „verein für denkmalpflege und neues bauen“ so eindrucksvoll zu erleben war.
Es bleibt also dabei wachsam zu sein! Für mich als ehemaligen Schüler des Luisenstiftes hat zumindest das Grundstück mit dem jüngsten, fast bedrohlich wirkenden Neubau nahezu jegliche Heiterkeit verloren.

Sascha Graedtke

Von Stummfilmkino bis Kurzfilmnacht

Oder: Kino in Radebeul – wen interessiert das noch? (Teil 1)

Die Redaktion von „Vorschau und Rückblick“ ist am 14. und 15. März bereits zum zweiten Male mit einem Stand auf dem Dresdner Geschichtsmarkt vertreten. Das diesjährige Schwerpunktthema „Fotografie, Film und Kino“ bot den willkommenen Anlass, für eine ungewöhnliche Spurensuche. Denn zum Thema Kino herrscht in Radebeul schon seit vielen Jahren eine merkwürdige Sprachlosigkeit.

Eröffnungsanzeige für das Imperial-Welt-Kino in der Kötzschenbrodaer Zeitung von 1908 Repro: Stadtarchiv Radebeul

Man kann es kaum fassen, Radebeul, eine Stadt zwischen Dresden und Meißen mit 34.000 Einwohnern, ist gegenwärtig eine (fast) kinofreie Zone. Das „Großes Kino“ findet woanders statt. Zwar haben die Radebeuler weder eine Geburtenklinik noch ein Kino im herkömmlichen Sinne, doch dafür gibt es hier ein Mehrspartentheater, zwei Museen, eine Sternwarte, eine Stadtgalerie, eine Bibliothek, eine traditionsreiche Festkultur und Vieles mehr. Die Ausgaben für Kultur betrugen 2017 in Radebeul 2,6 Millionen Euro, was etwa 3,7 % des städtischen Gesamthaushaltes entspricht. Man könnte also meinen, dass alles gut ist, so wie es ist. Kino in Radebeul – wen interessiert das noch?
Stillstand ist keine Lösung, sagten sich die Gründungsmitglieder des neuen Radebeuler Kulturvereins und schrieben die „Förderung der künstlerisch, kreativen Szene und Kreativwirtschaft“ auf ihre Fahne. Einer Einladung des Vereins folgend, erlebte ich am 21. Dezember 2019 in der Hohlkehle auf der Meißner Straße 21 eine abwechslungsreiche „Internationale Kurzfilmnacht“. Das Zusammensein mit den filminteressierten jungen Menschen war erfrischend und der Gedanke kam auf, gemeinsam nach alternativen Lösungen zu suchen, wie Radebeuls kinofreie Zone mit neuem Leben gefüllt werden könnte.

Anzeige von Artur Ritter für seine Radebeuler Stummfilmkinos im Jahr 1911 Repro: Stadtarchiv Radebeul

Welche Umstände zur Schließung aller Radebeuler Kinos geführt haben und ob diese Radikalität wirklich so alternativlos war, lässt sich auf die Schnelle nicht eindeutig klären. Baugutachten und Protokolle könnten Auskunft geben. Im Radebeuler Stadtarchiv stößt man auf viele authentische Zeugnisse von den Anfängen des Kinos bis zu den Auswirkungen der Abrissbirnen. Der umfassende Bestand an Tageszeitungen reicht von 1865 bis in die Gegenwart.
Wer vor über einhundert Jahren Aufmerksamkeit erregen wollte, schaltete in der lokalen Presse eine Anzeige. So stößt man zum Beispiel in der “Kötzschenbrodaer Zeitung“ vom 22. August 1908 auf ein spannendes Stück Filmgeschichte. Während Direktor Fey für sein mobiles „Salon-Cinephon-Theater“ auf der Kötzschenbrodaer Vogelwiese wirbt, wird in der gleichen Ausgabe die Eröffnung des „Welt-Imperial-Kinos“ angekündigt, welches nachweislich das erste Kino in Kötzschenbroda mit einem festen Standort auf der Harmonistraße 14 ist. Die Anzeige war allerdings etwas knapp gehalten. Um so wortreicher kündigte Direktor Fey das “leistungsfähigste

Briefkopf vom Palast-Theater aus dem Jahr 1935 Repro: Stadtarchiv Radebeul

Kinematographentheater des Kontinents“ mit „lebender Photographie in Ton und Bild“ sowie „der direkten Kupplung des Auretophons mit dem Kinematograhen“ an. Übertreibung gehörte schon damals zum Geschäft. Dabei lag das Augenmerk vor allem auf den technischen Raffinessen. Gezeigt wurden kurze Filme über Katastrophen oder so sensationelle Ereignisse wie Automobil-Rennen. Auch standen unzählige „Schmachtfetzen“ wie das prachtvoll kolorierte Verwandlungsmärchen „Gretchens Talismann“ oder das ergreifende Drama „Die junge Volksschullehrerin“ auf dem Programm.

Programmankündigung im Monatsheft »Die Vorschau« für die drei Radebeuler Kinos im Jahr 1954 Repro: Stadtarchiv Radebeul

Wann das erste fest stationierte „Alt-Radebeuler Kino- und Tonbildtheater“ auf der Dresdner Straße 10 eröffnet wurde, lies sich bisher nicht ermitteln. Vermutlich könnte es 1909 gewesen sein. Der große Zuspruch wird dessen Besitzer Artur Ritter dazu bewogen haben, in unmittelbarer Nähe auf der Sidonienstraße 1 ein weiteres Kino einzurichten. Die Eröffnung des elegant und technisch modern ausgestatteten „Union-Theaters“ in den Räumen einer ehemaligen Poststelle erfolgte im Jahr 1910. Der Erste Weltkrieg dämpfte allerdings die Expansionspläne der kleinen privat betriebenen Stummfilmkinos. Nachdem Artur Ritter im Krieg gefallen war, hat seine Witwe hat das Kino weitergeführt.
Wie sich im Laufe der Recherchen herausstellte, muss es in Radebeul zwei und in Kötzschenbroda sogar drei Stummfilmkinos gegeben haben. Erwähnt wurde in der „Kötzschenbrodaer Zeitung“ vom 11. April 1911 das „Dedrophon-Theater“ im Ratskeller-Saal, gegenüber dem Gemeindeamt, welches sich auf der Gartenstraße 16 (heute Hermann-Ilgen-Straße) befand und der 85jähige Herbert Bieberstein (1819 – 2009) beschrieb in der Geschichte „Stummfilmzeit in Kötzschenbroda“ das „UT-Lichtspiel-Theater“, welches sein Domizil in einem Hintergebäude auf der Gartenstraße 48 (heute Hermann-Ilgen-Straße) aufgeschlagen hattet. Von jenem „U.T. Universum-Theater“ steht z.B. im Kötzschenbrodaer Generalanzeiger vom 4. Januar 1925 eine Anzeige mit dem aktuellen Programm.
Der erste deutsche Tonfilm mit integrierter Tonspur wurde bereits im September 1922 im Berliner Alhambra-Theater aufgeführt. Den Durchbruch des Verfahrens brachte im Jahr 1928 der Film „Der Jazzsänger“. Bis dahin wurde die Verbreitung des Tonfilms durch die Stummfilmindustrie nahezu verhindert. Doch deren Glanzzeit war unwiederbringlich vorbei. Dem Stummfilm folgte der Tonfilm und diesem wiederum der Farbfilm.
Ehemalige Tanzsäle wurden zu prunkvoll ausgestatteten Lichtspieltheatern umgerüstet. In Kötzschenbroda eröffnete 1921 auf der Bahnhofstraße 7 im großen Saal des Kulmbacher Hofes das „Palast-Theater“ mit ca. 500 Plätzen. Bereits 1926 folgte die Eröffnung des Capitol-Lichtspieltheaters im großen Tanzsaal des ehemaligen Bahnhotels Viktoria auf der Bahnhofstraße 11 mit ca. 550 Plätzen. Hatten sich bereits die Stummfilmkinos Konkurrenz gemacht, so blieb die Rivalität unter den Betreibern der Lichtspieltheater erst recht nicht aus, denn die tägliche Auslastung der bestehenden Kinos soll bei kaum 30 Prozent gelegen haben. Obwohl der Besitzer des „Palast-Theaters“ massiv dagegen interveniert hatte, öffneten 1935 im kleinen Saal der „Goldenen Weintraube“ auf der Meißner Straße 152 die „Lößnitz-Lichtspiele“. Damit gab es in Radebeul ein weiteres Kino mit ca. 300 Plätzen.
Der Zweite Weltkrieg forderten seinen Tribut. Viele Kinogebäude in Dresden waren zerstört. In Radebeul blieben sie unversehrt. Der Spielbetrieb konnte sofort wieder aufgenommen werden. Mit der Überführung der privatwirtschaftlich geführten Kinos in Volkseigentum war auch deren Umbenennung verbunden, was in Radebeul nur eines der drei Kinos betraf. Aus dem „Filmtheater-Capitol“ wurde 1954 das „Filmtheater-Freundschaft“. Der kulturpolitischen Bedeutung des Lichtspielwesens war man sich in der DDR von Anfang an bewusst. Im Monatsheft „Die Vorschau“, welche ab 1954 durch den Rat der Stadt, Abteilung Volksbildung herausgegeben wurde, war das komplette Programm aller drei Radebeuler Filmtheater sowie der mobilen Aufführungsstätte in Wahnsdorf enthalten. Unter der Rubrik „Film des Monats“ verfasste Karlheinz Drechsel (Jazzmusiker, Musikjournalist, Initiator des Dresdner Dixilandfestivals) Filmkritiken, die auch heute noch lesenswert sind.
Dort wo kein Kino war, kam das Kino zu den Menschen. Filmvorführungen fanden in Dorfgasthöfen, Kulturhäusern, Altersheimen, auf Campingplätzen oder in Ferienlagern statt. Gerd Schindler, der hauptberuflich für die Wartung der Filmtechnik im gesamten Kreis Dresden-Land zuständig war, arbeitete zusätzlich als Filmvorführer. Er erinnert sich, dass es neben den drei Kinos in festen Häusern auch noch weitere Spielstätten gab, die zu bespielen waren. Die so genannte „Blechtonne“ im Bilzbad, eine Kinohalle in Leichtbauweise, wurde nur in der Saison genutzt. Die Freilichtbühne „Am Waldrand“ befand sich in der Gartensparte an der Forststraße. Ein Holzbau diente dort als Vorführraum. Die Projektoren waren den Sommer über fest verbaut. Eine stationäre Bildwand aus Blech von acht Metern Breite und einem Anstrich mit reflektierender Farbe, wie man sie für Fahrbahnmarkierungen benutzt, war dauerhaft eingebaut. Als Sitzgelegenheit dienten Holzbänke in bedauernswerten Zustand, aber es gab immerhin 600 Plätze.
Dass sich noch jemand an die Stummfilmzeit erinnert, hätte ich eigentlich gar nicht für möglich gehalten. Umso bewegender war es dann, als Herbert Bieberstein bei einer Lesung des Radebeuler Autorenkreises in der Stadtgalerie seine Geschichte „Stummfilmzeit in Kötzschenbroda“ vorgetragen hat. Auf humorvolle und sehr anschauliche Weise beschreibt er, wie er als sieben- oder achtjähriger Knabe, das Stummfilmkino des Herrn Jokusch erlebte. (Radebeuler Mosaik, Heft 9, 2006). Auch Joachim Richter (1926 – 2013) erinnerte sich mit der Geschichte „Radebeul, die Kinos, meine Oma und ich“ an seine Kinobesuche mit der Großmutter in Kötzschenbroda. Aus der kindlichen Begeisterung wurde eine Kinoleidenschaft fürs ganze Leben. (Radebeuler-Mosaik, Heft 10, 2007)
Ich selbst hatte ebenfalls das Glück noch alle drei Radebeuler Filmtheater kennenzulernen. Während das „Palast“ ein wenig altmodisch, aber urgemütlich wirkte, galt die „Freundschaft“ für damalige Verhältnisse als ausgesprochen modern. Es verfügte über ca. 500 Plätze und diente ja nicht nur als Kino. Hier fanden auch Konzerte statt und es traten Theatergruppen auf. Dass der Hinterausgang in einen – je nach Wetterlage – staubigen oder schlammigen Hof mündete, nahm man notgedrungen in Kauf. Wichtiger war es, möglichst keinen Film zu verpassen. Während ich mir im“ Palast“ vorwiegend Filme aus der Vorkriegszeit, Musik- oder Lustspielfilme anschaute (u. a. „Große Freiheit Nr. 7“ 1944, „Der Sänger von Capri“ 1959, „Pension Schöller“ 1960) waren es in der „Freundschaft“ Filme aus Frankreich, Italien, den USA, der DDR oder der BRD (u. a. „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ 1969, „Die Dinge des Lebens“ 1970, „Goya“ 1971, „Ein besonderer Tag“ 1977, „Die bleierne Zeit“ 1981).

Sommerfilmtage im Bilzbad mit der Kinohalle im Hintergrund, Ende der 1970er Jahre Foto: E. Wolf/ Stadtarchiv Radebeul

Mit zwei Kinos quasi vor der Haustür, gab es für mich keinen Grund, wegen eines Filmbesuches von Radebeul-West bis nach Radebeul-Ost zu fahren. Das änderte sich erst mit meiner Tätigkeit in der „Kleinen Galerie“, die sich bis 1995 auf der Ernst-Thälmann-Straße 20 befand. In einer Art Kooperation mit dem Filmtheater Union hatten wir mit Radebeuler Künstlern und dem Galerieinteressenkreis die Reihe „Film unserer Wahl“ ins Leben gerufen und konnten bei der damaligen Kinoleiterin Brigitte Beyer unsere Wünsche äußern. Vor allem die systemkritischen Filme aus der Sowjetunion wie „Stalker“ (1978/79, „Das Blaue vom Himmel“ (1983) oder „Briefe eines toten Mannes“ (1986) boten reichlich Stoff zum Diskutieren.
Über Programmgestaltung, Besucherzahlen, Preisgestaltung wurde immer wieder ausführlich debattiert. Der bauliche Zustand der Kinogebäude, die sich noch in privatem Besitz befanden oder durch die Gebäudewirtschaft verwaltet wurden, geriet dabei häufig aus dem Blick. Bereits 1957 hatte man die hygienischen Verhältnisse und die geringe Platzkapazität des Filmtheaters Union (zuletzt 90 Plätze) für unzureichend befunden und den Vorschlag gemacht, stattdessen den Tanzsaal der „Vier Jahreszeiten“ als Kino umzubauen. Der Vorschlag wurde zwar nie umgesetzt, dafür erfolgte die Rekonstruktion des Filmtheaters „Union“. Mit Wiedereröffnung im Jahr 1977 wurde es zum Kinder- und Jugendtheater ernannt. Gebräuchlicher war allerdings der liebevolle Spitzname „Flohkiste“. Die engagierte Kinoleiterin organisierte viele zusätzliche Veranstaltungen. Es gab Ferienprogramme, einen Jugendfilmclub sowie die AGs „Junge Filmvorführer“ und „Junge Rezitatoren“.
Für die Filmfreunde war es ein erster großer Kino-Schock als das Palast-Theater 1968 geschlossen wurde. Nach Kenntnis von Gerd Schindler lag die Schließung darin begründet, dass durch Säulen im Saal nicht die erforderliche Bildbreite erreicht wurde, um Cinemascope-Filme vorführen zu können. Im Filmspiegel von 1969 findet sich unter der Rubrik Meinungen eine Leserzuschrift von Joachim Richter. Als Mitglied des Radebeuler Filmclubs brachte er seine Verärgerung über die Schließung zum Ausdruck. Doch aller Protest hatte nichts bewirkt. Das Kino blieb geschlossen. Ein paar Jahre diente das Gebäude noch als Lagerhalle. Im Jahr 1985 erfolgte der Abriss.
Genau zwanzig Jahre später ereilte das Filmtheater Freundschaft ein ähnliches Schicksal. Es wurde 1988 geschlossen, was wohl durch den damaligen Filmstellenleiters forciert worden ist, um die Rekonstruktion zu erzwingen. Das Dach war undicht und die Toiletten konnten nur noch mit einer Ausnahmegenehmigung betrieben werden. Doch diese Mängel hätten sich wohl auch ohne Schließung beseitigen lassen. Ich erinnere mich noch gut an die Worte der damaligen Stadträtin für Kultur, die konsterniert feststellte: „Wenn wir das Filmtheater Freundschaft jetzt schließen, werden wir es nie wieder öffnen“. Ihre Kassandrarufe verhallten ungehört. Kühne Kino-Ideen (egal ob realistisch oder nicht) zerplatzten in den unruhigen Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs wie buntschillernde Seifenblasen.
Karin (Gerhardt) Baum
(Fortsetzung folgt)

Zum Titelbild Januar 2020

Titelbildserie 2020

Auch in diesem Jahr wollen wir die Leserschaft mit neuen Titelbildern erfreuen. Unsere Wahl fiel auf die Radebeuler Malerin und Grafikerin Bärbel Kuntsche, die im vergangenen Jahr ihren 80. Geburtstag beging, was man allerdings kaum glauben kann, ist sie doch wie eh und je künstlerisch aktiv.
Bärbel Kuntsche wurde 1939 in Weißenborn bei Freiberg geboren. Der Ausbildung als Porzellanmalerin in Meißen folgte von 1962 bis 1966 das Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Seit 1976 lebt sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Wolf-Eike Kuntsche, in Radebeul. Bärbel Kuntsche gehört zu jenen Künstlerinnen, welche die „Dresdner Sezession 89“ gründeten. Speziell für die hiesige Kasperiade, den Grafikmarkt und die Radebeuler Begegnungen schuf sie zahlreiche Illustrationen und Vignetten. Vor allem die von ihr gestalteten Kasperiade-Plakate sind begehrte Sammelobjekte. Im Jahr 2005 wurde Bärbel Kuntsche für ihr künstlerisches Gesamtwerk mit dem Radebeuler Kunstpreis ausgezeichnet.
Das Motiv des Januar-Heftes trägt den Titel „Maria und Elisabeth“. Es zeigt zwei Frauen, die einander begegnen. Beide sind schwanger, gehen mit offenem Blick und ausgestreckten Armen aufeinander zu. Die schwungvolle Tuschezeichnung entstand 1989, was kein Zufall gewesen sein kann. Denn es war jenes WENDE-Jahr, in dem Gravierendes geschah und das uns mit vielen Fragen aber voller Hoffnung entließ.
Karin (Gerhardt) Baum

Zum Titelbild Februar 2020

Zur Titelbildserie

Das neue Reisegesetz der DDR vom Januar 1990 ermöglichte allen Bürgern endlich zu reisen, wohin sie wollten. Was heute als eine Selbstverständlichkeit empfunden wird, löste damals bei vielen Menschen unbeschreibliche Glücksgefühle aus. Freiheit wurde vor allem auch als Reisefreiheit begriffen.

Das Reisen bildet, wussten schon Generationen vor uns. Italien galt seit Jahrhunderten als Sehnsuchtsland. Allein in Rom sollen zu Beginn des 19. Jahrhunderts über 500 deutsche Maler, Bildhauer und Architekten gelebt haben. Goethes Italien-Reise-Tagebuch stößt noch heute auf großes Interesse.

Auch das Radebeuler Künstlerpaar Bärbel und Wolf-Eike Kuntsche begab sich mit den befreundeten Künstlern Claus Weidensdorfer, Ute und Werner Wittig auf Goethes Spuren. Bärbel Kuntsche erinnert sich, dass sie überwältigt waren von der Kultur, Natur und Architektur, vom Duft der Orangenblüten, der seidigen Luft und dem besonderen Licht. Endlich war es möglich, bedeutende Kunstwerke im Original anzuschauen. Unentwegt wurde gezeichnet und die Skizzenbücher füllten sich. Eindrücke der Italienreisen spiegelten sich auch in ihrem späteren Schaffen.

Die Tuschezeichnung „Römische Landschaft“ entstand im Jahr 2001. Sie ist sparsam angelegt. Zu sehen sind Pinien, Zypressen und ein Gehöft. Der Blick schweift vom Palatin, einem der sieben Hügel Roms, über eine weite Landschaft. Das Forum Romanum ist allerdings nur für des Ortes Kundige als solches zu erahnen.

Karin (Gerhardt) Baum

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

Nachgereicht: Weltweit erste öffentliche Aufführung verschollen geglaubter Werke der Komponistin Prinzessin Amalie von Sachsen

Im wunderbaren Ambiente am Fuße der gründenden Weinberge und wohl eingestimmt mit einem Tropfen erstklassigen frischen Weines begrüßte der Hausherr Prof. Dr. Rainer Beck am Abend des 17. August 2019 seine Gäste mit einer Einladung in die musikalische Welt der Amalie und den längst verflogener Klänge der spätromantischen Musik.

Prinzessin Amalie von Sachsen (1794-1870)


In einem Preview zum 150. Todestag der Prinzessin Amalie von Sachsen am 18. September 2020 präsentierten die vier hochkarätigen Musikerinnen des Dresdner Streichquartetts „Baroccoli“ verschollen geglaubte und nun wiederentdeckte Werke.

Mit einer Fülle an Wissen über die Komponistin, deren Werk mit ihrem Leben verklungen und nicht wieder zu Ruhm gelangt war, führte uns eine Expertin, Frau Petra Andrejewski, behutsam in die Welt der Amalia ein, die nichts mit Anna Amalia in Weimar verwechselt werden darf. Amalie von Sachsen lebte vom 10. August 1794 bis zum 18. September 1870, sie war eine Prinzessin von Sachsen, aber sie arbeitete unter dem Pseudonym A. Serena als Komponistin von Opern und Kantaten und war eine Schülerin Carl Maria von Webers. Unter dem Pseudonym Amalie Heiter verfasste sie zudem zahlreiche Theaterstücke. (Wikipedia)

Die Musikerinnen glänzten durch ein hervorragendes Zusammenspiel und jede auf ihre Weise als virtuose Meisterinnen ihres Fachs. Sie begeisterte das Publikum auf einzigartige Weise mit Werken der Komponistin Amalie die aufhorchen ließen.

In ständigem Wechsel von schnellen und langsamen Tönen, piano, pianissimo oder forte gespielte Partituren konnte der aufmerksame Zuhörer einem Reigen italienisch gleichender Opernklänge folgen, was wundervoll zu den sanften sommerlichen Weinterrassen der Lößnitz entsprach.

Man sollte sich mehrere Namen merken: Das Streichquartett „Baroccolo“, die Autorin und Bewahrerin der Werke Amaliens Frau Petra Andrejewski und nicht zuletzt dem Veranstalter, dem Weingut der „Drei Herren“ und dessen wunderbaren Weinen.

Noch ein Geheimtipp: Wir dürfen gespannt sein, was in der kommenden Zeit an Musik der Amalie von Sachsen zur Aufführung gelangen wird. Unter Vorbehalt angekündigt wurde die Aufführung der Oper „Elvira“ für die Musikfestspiele im nächsten Jahr (2020) im Palais des Großen Gartens in Dresden.

Mit einem große Dankeschön an alle fleißigen Mitgestalter/-innen dieses unvergesslichen Abends hoffe ich, dass es nicht allein bei dieser gelungenen Veranstaltung bleiben wird.

Ina Vogt

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