Fantasie ist unser Kapital

Oder: Geld allein, macht auch in Radebeul nicht glücklich

Die Frage, weshalb das kulturelle Monatsheft „Vorschau und Rückblick“ selbst nach über dreißig Jahren mit Beiträgen immer wieder gut gefüllt ist, obwohl dafür keine Honorare gezahlt werden, würde wohl jeder Autor anders beantworten. Unbestritten ist es auch die Resonanz der Leserschaft, die zum Schreiben animiert. Oft hören wir: Gut, dass es euch gibt, haltet durch, was ihr schreibt interessiert uns. Naja, manchmal ist es auch der Stachel im Fleisch, der löckt und uns Themen aufgreifen lässt, die einige spannend, andere wiederum unmöglich finden. Über Gelungenes und weniger Gelungenes, über Vergangenes und Künftiges ohne Schere im Kopf schreiben zu dürfen, macht immer wieder große Freude.

Als gebürtige und bekennende Radebeulerin reizt es mich seit jeher, die Eigenheiten der Lößnitzstadt zu ergründen. Dabei kommen mir so mancherlei Fragen in den Sinn: Ist Radebeul nur eine fette Made im Speckgürtel von Dresden oder ein Konglomerat, dass sich weder in eine Wein-, Garten-, Industrie-, Tourismus-, Schlaf-, Kultur-, Genuss- oder gar Karl-May-Stadt-Schublade pressen lässt? Was sind das für Menschen, die hier leben, zwischen Elbe und Hang, zwischen Stolpersteinen und Kriegerdenkmalen, zwischen Bismarckturm und Friedensburg, zwischen Tag und Nacht, zwischen erstem, zweitem und drittem Ort, zwischen Gestern, Heute und Morgen?
Unlängst fragte ich mich, ob es Zufall oder Absicht ist, dass in Radebeul die einen Jubiläen gefeiert werden und die anderen wiederum nicht? So hatte Kötzschenbroda im Jahr 2021 seinen 750. Geburtstag. Auf den dezenten Hinweis von „Vorschau und Rückblick“ im Januarheft des vergangenen Jahres erfolgte keine Reaktion. So gab es keinerlei offizielle Feierlichkeiten, aber auch sonst ist definitiv nicht viel passiert, sieht man einmal von der postumen Veröffentlichung der Lebenserinnerungen des Kötzschenbrodaer Urgesteins Karl Reiche (1920–2017) oder der Grenzüberschreitung zwischen Kötzschenbroda und Niederlößnitz ab.
Erinnern erfolgt meines Erachtens über konkretes Erleben. Wenn aber ein derartiges Jubiläum einfach ignoriert wird, wie soll sich dann eine Identifikation mit der Heimatstadt entwickeln? Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht verspürt einmal „irgendjemand“ das Bedürfnis, den 755., 775. oder 777. Geburtstag dieser nicht unbedeutenden Radebeuler Ursprungsgemeinde zu organisieren. Im Jahr 2024 böte sich sogar die Möglichkeit, ein Doppeljubiläum zu feiern, denn die Gemeinden Radebeul und Kötzschenbroda bekamen 1924 das Stadtrecht verliehen. Gleichzeitig könnte das dann auch schon die Generalprobe für ein weiteres bedeutendes Stadtjubiläum sein.
Einen positiven Nebeneffekt hatte die ausgefallene Geburtstagsfeier allerdings auch. Immerhin fühlte ich mich dadurch animiert, einen Blick auf das Kapitel der Radebeuler Fest- und Traditionsgeschichte zu werfen. Wann, wer, wie und wo Ortsgründungsjubiläen nach 1945 gefeiert hat, ist sehr aufschlussreich. Während die Gründungsjubiläen in den dörflichen Ursprungsgemeinden zumeist von den dort über Generationen ansässigen Bewohnern angeregt wurden und innerhalb des Territoriums stattgefunden haben, bezogen sich die gesamtstädtischen Jubiläen im Jahr 1949 und 1999 auf die urkundliche Erwähnung der namensgebenden Ursprungsgemeinde Radebeul, obwohl diese weder die älteste noch die bedeutendste war.

Aufführung des Bühnenspektakels »Die (Zwangs)Hochzeit…« am 18. Juni 2010 in Naundorf Foto: K. (Gerhardt) Baum

Großer Andrang zur Eröffnung der Ausstellung »100 Jahre (Vor)Stadtgeschichte« im Museumsdepot am 8. Januar 2010 Foto: K. (Gerhardt) Baum

Festbroschüren und Programmbeilagen geben Einblick in das Geschehen. Darüber hinaus existiert im Stadtarchiv umfangreiches Bild-, Text- und Tonmaterial. Einige dieser Festlichkeiten wurden sogar in Form von bewegten Bildern für die Nachwelt dokumentiert.
Besonders beeindruckt hat mich, mit welchem feierlichen Pathos der 600. Stadtgeburtstag im Jahr 1949 begangen wurde. Im Unterschied zu Dresden war in Radebeul kaum etwas zerstört. Dafür lebten hier viele Ausgebombte und Umsiedler. Nach all den Schrecken des Krieges wollte man zuversichtlich in die Zukunft blicken, hoffte zu jener Zeit noch auf ein vereintes Deutschland und vertraute auf die schöpferische Kraft der Kultur.
An das erste Ortsjubiläum, welches ich selbst miterlebt habe, kann ich mich noch gut erinnern. Das war 1987 in Lindenau. Erst fünfundzwanzig Jahre später gab es eine Fortsetzung. Nach dem gesellschaftlichen Umbruch war Naundorf die erste Ursprungsgemeinde, die 1994 ein Ortsgründungsjubiläum feierte. Im Jahr 1999 folgten die Radebeuler, 2000 die Wahnsdorfer, 2012 die Lindenauer, 2015 die Serkowitzer und 2016 die Zitzschewiger. Einmal auf den Geschmack gekommen, fanden die Wahnsdorfer 2016 schon wieder einen Grund zum Feiern und begingen ihren 666. Geburtstag.

Das vom Dresdner Grafiker Gerald Risch gestaltete Jubiläumsplakat zum 75. Stadtgeburtstag Repro K. (Gerhardt) Baum

Ein recht umstrittenes Gründungsjubiläum wurde 2010 gefeiert. Erstmals bezog sich die Stadt Radebeul auf das Jahr 1935. Seitdem gibt es die Lößnitzstadt in den Grenzen, wie wir sie heute kennen. Doch die Vereinigung der Städte Radebeul und Kötzschenbroda erfolgte gewissermaßen unter Zwang. Das Tagebuch von Dr. Wilhelm Brunner (1899-1944), dem letzten Bürgermeister von Kötzschenbroda, gibt hierüber detailreichen Aufschluss.
Sowohl der zeitliche Vorlauf als auch das Budget zur Durchführung eines Festjahres aus Anlass des 75. Stadtgeburtstages waren recht knapp bemessen. Stattdessen übertrafen sich die Beteiligten mit Ideen und Spontanität. Die originelle Festbroschüre im Westentaschenformat konnte sich durchaus sehen lassen.
Zum Auftakt des Festjahres wurde am 8. Januar 2010 im Museumsdepot auf der Wasastraße die Ausstellung „100 Jahre (Vor)Stadtgeschichte“ eröffnet. Ein humorvoller Höhepunkt war das von den Naundorfern selbst verfasste und aufgeführte Bühnenspektakel „Die (Zwangs)hochzeit von Herrn Radebeul und Frau Kötzschenbroda“. Der dichte Veranstaltungsreigen endete am 30. Dezember mit einem Festmahl für Gourmets. Die Stadt zum Genießen wurde dabei schlichtweg aufgegessen. Danach folgte noch eine Festnachlese mit der Verleihung der „Goldenen Radebeilchen“ an besonders engagierte Festakteure. Der Plan des Sachgebietes Kunst- und Kulturförderung, dieses Jubiläum aller fünf Jahre bis zum 100. Stadtgeburtstag zu wiederholen, musste wegen fehlender Kapazitäten scheitern. Schade, es wäre zu schön gewesen…
Ein Heimat- oder Stadtmuseum ist eigentlich prädestiniert dafür, dass dort alle stadtgeschichtlichen Fäden zusammenlaufen. Doch von höchster Stelle wird die unerschütterliche Auffassung vertreten, dass Radebeul seine Steuergelder nicht mit einem solchen Museum „verfrühstücken“ kann. Allerdings ergibt sich daraus für uns Bürger ein Problem. Durch die sehr spezielle Profilierung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz, des Karl-May-Museums, der Stadtgalerie und der Volkssternwarte, steht deren Fachpersonal weder für die Erforschung noch die museumspädagogische Aufbereitung anderweitiger stadtgeschichtlich relevanter Themen, geschweige denn als Initiatoren von Stadtjubiläen zur Verfügung.
Stattdessen möchte die Stadt Radebeul als „Treuhänder“ der anvertrauten Steuergelder die Radebeuler Bürgerschaft als „Treugeber“ mit Augenzwinkern auf die Bezuschussung der städtischen Kultureinrichtungen aufmerksam machen. Anhand von konkreten Beispielen, präsentiert die vom Radebeuler Cartoonisten Lutz Richter gestaltete „Frau Radebeul“ in einer Sprechblase das Ergebnis der Berechnungen.
Eine (ebenfalls augenzwinkernde) Interpretation dieser Comic-Aktion aus Bürgerinnensicht sei an dieser Stelle erlaubt: Wenn Männer denken, was Frauen denken könnten, dann denken sie sich Karikaturen aus. Wenn Radebeuler Männer träumen, träumen sie natürlich von „Frau Radebeul“. Die „Traumfrau“ serviert ihnen alles auf einem silbernen Tablett, schließlich wird sie dafür bezahlt. Allerdings bekommt sie nur so viel Geld in die Hand, wie unbedingt notwendig ist, denn die „Schwäbische Hausfrau“ ist das angestrebte Ideal. Und das Beste an „Frau Radebeul“ – sie ist blond! Allerdings, wenn Männer wüssten, was real existierende Frauen denken, beim Anblick der blonden Rechenkünstlerin mit dem Kulturtablett, würden sie vielleicht ein wenig vor diesen Frauen erschrecken.

Comicartige Hinweistafel neben dem Eingang der Sternwarte mit »Frau Radebeul« vom    Radebeuler Cartoonisten Lutz Richter (RIL) Repro K. (Gerhardt) Baum

 

Wie sich zu kurz gedachte Sparsamkeit in ihr Gegenteil verkehrt, konnten wir beim zögerlichen Erwerb des Bahnhofs in Radebeul-Ost erleben. Nahezu Blaupausenartiges ereignete sich beim beabsichtigten und letztlich gescheiterten Erwerb des Bahnhofs in Radebeul-West. Wir alle – ob Frauen oder Männer – sind nun zum Zuschauen verdammt, wie der einstige Bürgerstolz verfällt! Nachhaltiges Wirtschaften sieht anders aus.
Dass die Lößnitzstadt großen Wert auf kulturelle Kontinuität legt, beweist im Jahr 2022 das Dreifachjubiläum der Radebeuler Stadtgalerie: 40 Jahre Stadtgalerie, 30 Jahre Städtische Kunstsammlung und 25 Jahre Stadtgalerie am neuen Standort in Altkötzschenbroda. Damit bietet sich auch eine gute Gelegenheit, um endlich wieder einmal über den Stellenwert von Kunst- und Kultur in der Radebeuler Stadtgesellschaft zu diskutieren. So wie sich die Stadt Radebeul als einzige Stadt im Landkreis ein Kulturamt „leistet“, leistet sie sich als eine der wenigen Städte in Sachsen eine städtische Galerie. Auch diese kulturelle Einrichtung wird mit Steuergeldern finanziert, sogar vollumfänglich, denn der Eintritt ist frei. Trotzdem ist die Rechnung komplizierter als vordergründig gedacht. Zwar finanziert die Stadt mit Steuergeldern die räumliche Hülle, anfallende Sachkosten und das dienstleistende Personal, doch die Künstler erschaffen die Kunstwerke und füllen die Räume mit jenen Inhalten, die das Publikum zur Auseinandersetzung anregen sollen. Den Geldwert gegeneinander abzuwägen, wäre wohl selbst für „Frau Radebeul“, eine kaum zu lösende Rechenaufgabe.
Nein, Geld allein, macht auch in Radebeul nicht glücklich. Und nicht nur ich frage mich, woran es wohl liegen mag, dass trotz der vielen Vorzüge, die die Lößnitzstadt zu bieten hat, Petitionen gestartet werden, Protestbanner im Straßenraum hängen oder offene Briefe geschrieben werden? Könnte es vielleicht sein, dass da „irgendjemand“ auf der Kommunikationsleitung zwischen Stadt und Bürgern steht? Könnte es vielleicht sein, dass dadurch sehr viel Energie verloren geht? Könnte es vielleicht sein, dass …

(Eine Fortsetzung folgt auf jeden Fall!)

Karin (Gerhardt) Baum

 

 

Editorial-01-22

Der Übergang zum neuen Jahr hinterlässt wieder viele Baustellen, auch in Radebeul!
Es soll hier keineswegs in gärende gesellschaftliche Debatten abgedrifftet werden. Wir bleiben tatsächlich auf dem baulichen Boden der Tatsachen. Denn das vorliegende Heft nähert sich nun gleich an mehreren Stellen der Problematik, welche Bautätigkeiten dem historisch gewachsenen Stadtgepräge zur Ehre gereichen. Manchmal geht es um die strittige Kubatur eines einzelnen Neubaus im Umfeld der Altbebauung, manchmal gar um großflächige Wohnparks. Das ehrgeizige Projekt auf dem ehemaligen Glasinvest-Gelände ist nun bald vollendet und misst sich kaum am kleinstädtischen Charakter.
Nun gerät wiederholt die noch ausstehende Neubebauung des Wasa-Parks mit kritischen Wortmeldungen in den Fokus. Immer wieder dieselbe Frage: Wie groß darf oder kann gebaut werden? Gibt es gar Raum für Interpretationen der Bauordnung?
Der geplante Abriss eines kleinen Einfamilienhauses in der Fritz-Schulze-Straße 11 zugunsten eines Mehrfamilienhauses erhitzt an anderer Stelle die Gemüter.
Der verein für denkmalpflege und neues bauen e.V. hatte bereits vor längerer Zeit in den Kulturbahnhof zur Podiumsdiskussion eingeladen.
Es zeigt sich daher wieder: die Menschen sollten, und vielleicht heutzutage mehr als sonst, im konstruktiven Austausch bleiben.
Das sollte gar für Baustellen aller Art gelten.

Sascha Graedtke

Mit Bernhard Theilmann poetisch durch das Jahr

Titelbilder Bauernhäuser in Radebeul Dezember 2021

Altkötzschenbroda 21

Dieses Gehöft hat im Laufe seiner Geschichte schon viele Funktionen beherbergt. Natürlich war es die längste Zeit ein Bauernhof gewesen, wie 1841 unter Johann Gottlob Reichelt. Nach 1873 arbeitete hier der Tierarzt Carl Friedrich Große. Ernst Paul Große, sein Sohn, richtete in AK 21 eine Schmiede ein, die wiederum dessen Sohn Karl Große noch bis 1972 betrieb. Bauernwirtschaft und Schmiede dürften eine Zeit lang auch parallel bestanden haben. Der Abbau der Scheune könnte mit der um 1900 beginnenden Verstädterung Kötzschenbrodas zusammenhängen.

Nach dem Leerstand erwarb die Stadt Radebeul in den neunziger Jahren das Anwesen und entwickelte es im Rahmen des Sanierungsgebietes zum Sitz des Kulturamtes, kurz „Kulturschmiede“ genannt. Das Auszugshaus von AK 21 wurde zuerst fertiggestellt und soll durch die belassene Kleinteiligkeit, geringe Raumhöhen und kleinen Fenstern fortan zeigen, wie einfach man früher auf dem Dorf legte. Es folgte die Fertigstellung des Hauptgebäudes mit Büros und Ausstellungsraum des Kulturamtes und der Gaststätte in der Art eines irischen Pubs im EG und Keller. Das Projekt lag in den Händen des Radebeuler Architekturbüros Clausnitzer.

AK 21 ist heute der Dreh- und Angelpunkt beim Herbst- und Weinfest sowie anderen Festen. Damit endet der Bogen von ehemaligen oder noch aktiven Radebeuler Bauernhäusern.

Dietrich Lohse

Radebeuler Miniaturen

Wesentliches im Advent

Ein milder Frühwintertag (oder besser: ein kühler Spätsommer): Solche Dezember gab es ja früher schon, auch vor dem Klimawandel, die wollten einfach nicht kalt werden. So sitzen wir in der Sonne beim „Kaffee“, und Ulrike sagt so ganz ohne Vorwarnung, es ist Advent.

Ich weiß, sag ich, da kommt was auf uns zu.

Eben, sagt Ulrike, und genau das will ich mit dir besprechen. (Oh, denk ich, jetzt wird’s ernst.) Weißt du, sagt Ulrike, ich denke, es wird langsam Zeit für uns, die Botschaft ernst zu nehmen und uns aufs Wesentliche zu beschränken.

Aha, die Botschaft des Schlesischen Engels, werfe ich unvorsichtig ein.

Ulrike wird unwillig: Red kein Blech dazwischen!

Was heißt hier Blech?! „Mensch werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.“ Angelus Silesius – Du siehst, ich war ganz nah am Thema.

Ich meine, antwortet Ulrike etwas stiller, wir sollten die Gunst der Stunde nutzen, uns beschränken und auf alles verzichten, was wir nicht brauchen. Genau das wird seit zweitausend Jahren von uns erwartet.

Na, sag ich, dann bestelle nur schon mal zwei Container, einen davon für deine Schuhe – aber das sage ich dir: meine Bücher sind wesentlich, und zwar alle! Und ich sehe mir auch jeden Tag alle an!

Aber Ulrike ist schon aufgesprungen. Hier sagt sie, ist der Stapelplatz, hier stellst du alles ab, was du rausträgst, hier wird der Containerplatz, da werfe ich alles hin, was wegkann, und hier steht dann das, was du wieder reintragen darfst. Also los gehts: Was du tun mußt, tu bald!

Keine Osterzitate zu Weihnachten rufe ich noch, aber dann beginne ich zu laufen, bis mir der Schweiß in Strömen und heiß von der Stirne läuft, ganz wie der Dichter es von mir erwartet.

Zimmer für Zimmer räume ich leer, fege alle Ecken aus (manche von ihnen kichern, weil sie das seit zwanzig und mehr Jahren nicht mehr erlebt haben), trage, was vor Ulrikes Augen Gnade findet, wieder hinein (räume heimlich auch den Containerplatz wieder leer „kann man alles noch gebrauchen!“), und am Ende des Tages steht alles wieder an seinem Platz. Erstaunlich, was wir alles gefunden haben: Marmelade von 1988, selbst eingekocht damals noch, vorwendlichen Kirschsaft, selbst gepreßt und noch für trinkbar befunden, stapelweise selbstgemalte Bilder von den Kindern, die sich immer wieder als hohes Gut erweisen, in verstaubten Brettern Astlochgesichter, die auf keinen Fall verbrannt werden dürfen (hier ist es Ulrike, die bremst). Und wie ich mir schon mein Feierabendbier aufmache, sagt Ulrike plötzlich, wieso ist eigentlich der Containerplatz leer?

Kaum hat sies gesprochen, schwimmt sie auch schon in Tränen: die ganze Arbeit umsonst!! Ich denke, ich kriege endlich mal Luft in diesem Haus und was machst du?!

Ich nehme sie sanft in den Arm. Nichts ist umsonst, sage ich leise, alles ist sauber, alles ist neu. Und siehs mal so: Ich bin einfach noch nicht reif fürs Himmelreich …

Und wie sie sich noch verstohlen die Tränen aus den Augen wischt, kräht irgendwo ein Hahn. Dreimal.

Thomas Gerlach

Buchempfehlung

Welch ein Reichtum!

Ein Streifzug durch die Industriegeschichte von Radebeul

Radebeul hat eine reiche industrielle Vergangenheit! Es wurde Zeit, sich dieser Vergangenheit halbwegs umfassend anzunehmen. Als der Radebeuler und ehemalige Unternehmer und Dozent Hartmut Pfeil begann, im Stadtarchiv nach Zeugnissen der Radebeuler Industriegeschichte zu suchen, dachte er noch nicht an ein Buch. Aber dann tat sich ein solcher Reichtum auf, so dass sich mehr und immer mehr Stoff ansammelte. Und irgendwann war klar, allein für Hobby-Forschung konnte er die Mitarbeiterinnen im Stadtarchiv nicht in Anspruch nehmen. Außerdem merkte er bald, wie wenig die Tradition der Radebeuler Industrie im Bewusstsein der Stadtgesellschaft verwurzelt ist. So kam ein gewisser Ehrgeiz dazu, diesem Mangel etwas entgegen zu setzen. Mit der Zeit wuchs förmlich von selbst die Struktur eines Buches. Drei längere Kapitel tragen es, die von ergänzenden kürzeren begleitet werden. Alle sind so geschrieben, dass sie unabhängig voneinander gelesen werden können. Eines der längeren gibt in aller Kürze einen Abriss der gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Im zweiten Kapitel wird die Entwicklung der Industrie in der Lößnitz, bzw. dem späteren Radebeul, an Hand von 33 Industriebetrieben von 1851 an bis heute dargestellt. Nicht in lexikalischer Manier wird chronologisch aneinandergereiht, wie etwas geschah, sondern gleitend auf dem Strom der Zeit treten Geschichten hervor, die erzählen, warum etwas geschah, wer es veranlasste und welche Siege und Tragödien es gab, seit das erste Unternehmen in der Lößnitz gegründet wurde. Schließlich werden im dritten der längeren Kapitel elf besondere Geschichten erzählt: prägende für die Wirtschaft mit zuweilen sogar witzigem Unterton, aber auch tragische und eine Geschichte des Scheiterns. Das klingt nach einem Lesebuch, doch hat Hartmut Pfeil die nüchternen Fakten in mehreren Anhängen akribisch aufgelistet. Damit der Text nicht in Zahlen und Aufzählungen erstickt, kann man hinten nachschlagen, welchem Wandel Radebeuler Industriebetriebe unterworfen waren. Das anschaulich bebilderte Buch soll ein Anstoß sein, sich der reichen Tradition der Radebeuler Industrie bewusster zu werden und sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Notschriften-Verlag

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Hardcover, 26 x 21 cm, 128 Seiten, durchgehend farbig ISBN 978-3-948935-21-4
24,90 €

Ich – glossiert

Das Erste, was ich in dem gedrehten Staat nach dem 3. Oktober 1990 begreifen musste, war die nun geltende absolute Priorität des ICHs, also symbolisch gesprochen. Wobei ich zugeben muss, dass es solche und solche ICHs gibt, also es mit dem Absoluten eben relativ ist. Hier zwei Beispiele, die sicher jeder schon zur Genüge auskosten konnte: Schreibe ich aus irgendeinem Grund an eine x-beliebige Behörde, so muss diese auf meinen Brief noch lange nicht antworten. Sendet aber ein Mitarbeiter der Gemeinde oder gar des Finanzamtes eine Anfrage an mich, habe ich diese bis zu einem bestimmten Termin zu beantworten. Komme ich dieser Aufforderung nicht nach, muss ich meist eine Strafgebühr entrichten. Irgendwie doch ungerecht? Warum eigentlich kann ich nicht auch gegen den säumigen Mitarbeiter einer Einrichtung eine Strafgebühr verhängen? Fünfundzwanzig Euro wären durchaus angemessen! Wo doch heutzutage alles ökonomisiert wird und ständig mit dem Begriff „Konzern Stadt“ hantiert wird? Schließlich kostet mich die Anfertigung des Schreibens auch Zeit und Geld, von Nerven mal ganz abgesehen. Dabei ist mein Stundensatz mit 35,00 € noch niedrig. Aber so ist das eben mit der Gerechtigkeit im Rechtsstaat. Nix ist absolut.

Mit diesem ICH haben sich ja schon ganz andere Leute als unsereins herumgeschlagen Von einem gewissen René Descartes ist der Satz überliefert „Ich denke, also bin ich.“. Nun ist das auch schon über 370 Jahre her, als der gute René diesen Gedanken hatte. Aber ganz zu Ende hat er ihn offensichtlich auch nicht gedacht. Denn jeder kennt doch den weisen Volksspruch „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Mit dem Lenken scheint‘s aber heutzutage auch nicht mehr weit her zu sein. Die „Schäfchen“ fallen ja reihenweise von der „himmlischen Herde“ ab.

Ein Anderer wiederum hat sich gleich ganz in sein ICH versenkt und am Ende gar nicht mehr herausgefunden. Schließlich kam er 1923 zu der Erkenntnis, dass er mit seinem ICH nicht allein ist, es noch ein ES und gar ein Über-ICH geben soll. Sie ahnen, wen ich meine: Siegmund Freud! Seither ist der Erfinder der Psychoanalyse der umstrittenste Forscher aller Zeiten und hat die Welt in zwei Lager gespalten – in Freunde und Kritiker. Letztere gehen sogar soweit, ihn als „Scharlatan“ zu verunglimpfen. Nun ist es freilich unumstritten, dass Freud am meisten mit sich selber zu kämpfen hatte, dem Kokain und übermäßigen Tabakgenuss zugeneigt war und es mit der Wahrhaftigkeit seiner Forschung nicht so genau nahm. Ist halt alles Ansichtssache. Aber irgendwie reifte dem praktizierenden Nervenarzt dann doch eine nachvollziehbare Erkenntnis, als er formulierte „[d]er Hauptpatient, der bin ich selbst“.

Dieser Satz hat sich leider bisher noch nicht genug herumgesprochen, sonst würden sicher nicht so viele Egomanen auf der Straße herumlaufen, Menschen, die hauptsächlich nur an sich selbst denken. Manche von ihnen liegen jetzt freilich auf den Intensivstationen. Wenn das dortige Personal genauso denken würde, sähen sie ganz schön alt aus… Ist eben alles relativ.

Nach Freud liegt derartiges Verhalten an dem dominanten Über-ICH, oder anders formuliert, am eignen Lustprinzip, welches auf Realisierung drängt. Hier gerät das ICH offensichtlich in Bedrängnis und bekommt sich nicht mehr in den Griff. Deshalb die vielen „hochroten Köpfe“, auch bei „hoch gestellten Persönlichkeiten“. Mit dem gesellschaftlichen System hat das natürlich dank Freud nichts zu tun. Hier wußte der Meister sicher wovon er sprach. „Wer‘s glaubt wird selig, wer nicht, kommt auch in den Himmel“, würde da meine Mutter anmerkten.

Nun wäre Freud nicht Freud, wenn er dafür nicht auch eine Erklärung beziehungsweise einen Schuldigen gefunden hätte: den Ödipuskomplex! Diese Vater- und Mutteridentifikation der Delinquenten muss seither für alles Mögliche herhalten. Selbst in der Kunst hat jenes Phänomen „Karriere“ gemacht. Da sollte ich mir doch schon mal die Psychogramme von Olaf Scholz, meiner Gattin und anderen bedeutende Persönlichkeiten anschauen, damit ich später keine bösen Überraschungen erleben muss, meint

Euer Motzi

Werkbericht zur Werkstattfertigung und Montage des Sgraffito-Putzschnittes

„Rekonstruktion Putzschnitt Turnerweg 1 nach Hermann Glöckner“ 2021

Aufbewahrte Bruchstücke das Glöckner-Originals
Foto: R. Bialek


2019 sind der Besitzer, Herr Herrmann (Firma Ventar Immobilien) des zum Wohnbau umgestalteten AWD Klubhauses und die Architektin Frau Kulke an mich mit dem Anliegen der Lösungssuche für die Wiederherstellung des unter Denkmalschutz stehenden Putzschnittes an mich herangetreten. Um ein schlüssiges Gesamtkonzept zu erstellen, habe ich wie am Gasthof Reichenberg auf die Zusammenarbeit mit den Kunstmalern, Grafikern und Restauratoren Reiner und Ekkehard Tischendorf gesetzt. Da es der Bauherr ablehnte, das neue Werk wieder fest verbunden im Mauerwerk direkt am Ort umzusetzen, haben wir nach einer Lösung für ein „Fertigteil“ suchen müssen. Allein die Größe des Putzschnittes mit 3,7 x 1 m war eine Herausforderung. Gefunden werden musste eine Lösung hinsichtlich der Trägerplatte und der künstlerischen Machbarkeit. Bezüglich der Platte hat sich eine Zusammenarbeit mit der TU Dresden, Institut für Baustoffe angeboten. So konnten wir eine Betonplatte entwickeln, die nur 3 cm dick ist und den umlaufenden Rand mit integriert. Durch diese Randverstärkung in der Optik des alten Putzrahmens und entsprechender Karbonfaserstab-Bewehrung haben wir genug Steifigkeit und damit auch Transportfähigkeit erreichen können. An dieser Stelle sei dem Team von Dr. Butler noch einmal herzlich gedankt!

Betoniervorgang
Foto: R. Bialek


So vergingen über die Vorplanung, den Bau eines universell einsetzbaren Spezial-Schalungstisches und die Verfeinerung des technologischen Ablaufes die Monate. Im April 2021 war es dann soweit und wir konnten die Platte betonieren und nach Wochen der Trocknungszeit und Nachbehandlung in unserer Halle transportieren und zum künstlerischen Teil übergehen. Die Platte wurde nun in Arbeitshöhe senkrecht aufgestellt und gesichert.

Putzaufbau in Freskotechnik
Foto: R. Bialek


Letzte Abstimmungen mit der Unteren Denkmalschutzbehörde in Großenhain konnten im Sinne absoluter Gegenseitigkeit erfolgen.

Schneidvorgang
Foto: R. Bialek


Durch die Dokumentation und Sicherung der „kläglichen Überreste“ des Originals durch die Restauratoren Gruner und Schmidt im Jahr 2010 konnten wir mit einiger Sicherheit in der künstlerischen Umsetzung der Rekonstruktion agieren. Denn so war zumindest der Aufbau der verschiedenfarbigen Putzlagen und der Duktus H. Glöckners nachvollziehbar. Unter anderem angedacht war auch ein zusammenpuzzeln wiederverwendbarer Teile und deren Integration in das neue Werk. Diese Idee musste aber aus Kostengründen verworfen werden. Die Teile hätten einer Entsalzung mit zweifelhaftem Ergebnis unterzogen werden müssen. Auch das erzielbare Gesamtergebnis war nicht klar kalkulierbar und damit nicht vermittelbar.

Pudervorgang durch Lochpause
Foto: R. Bialek


Vier Putzlagen und eine Haftbeschichtung auf dem Beton waren herzustellen. Haftschicht und Kalk-Zement-Unterputz bekamen genug Zeit, um zu abzubinden. Diese wurde in der Hauptsache durch die Herren Tischendorf genutzt, um die zeichnerische Vorlage und die Lochpause auf Spezialkarton anzufertigen. Mit einem weitgehend verzerrungsfreien Bild der deutschen Fotothek konnte die Genauigkeit verfeinert werden. Die nahezu perfekte Lochpausvorlage zu erstellen, wurde zum Geduldsspiel und kostete noch einmal Zeit und Nerven. Putz- und Farbproben wurden erstellt und die Entscheidung fiel für einen Werksmörtel der Firma Baumit.

Verladung
Foto: R. Bialek


Doch dann kam der große Tag und ab 5 Uhr morgens wurden die 3 farbig (Rot, Ocker, Sandfarben) eingestellten Putzlagen von je ca. 1 cm Dicke in freskaler Folge aufgetragen. Absolute Exaktheit in Putzdicke, Ebenheit, Oberfläche und passender Abfolge waren erforderlich und haben Zeit bis zum Mittag in Anspruch genommen. In altdeutscher Reibetechnik mit einem Holzbrett kommt die Oberfläche in ihrer Textur jetzt dem Original fast gleich. Gegen 15 Uhr war die Steifigkeit der Putzlagen groß genug, um die Lochpause auflegen zu können. Ganz traditionell mit Holzkohlepulver im Stoffsäckchen wurden die Konturen der Ornamentik auf den frischen Putz gepudert. Nun erschien schon einmal das Bild in voller Größe. Mit hoher Konzentration konnte nun entlang der Konturen geschnitten werden. Nach Vorlage jeweils bis in die obere oder bis in die mittlere Putzlage. Auf Schrägstellung der Kanten war zu achten und auf gewissenhaftes Abtragen der ausgeschnittenen Putze, sowie auf gleichmäßiges Strukturieren der verbliebenen tiefer in 2 Ebenen liegenden Oberflächen. Zwischendurch immer wieder Abgleich mit der Vorlage und den Originalteilen. Ein grober Fehlschnitt und alle Arbeit war umsonst! So war es dann Mitternacht, als der letzte Handgriff getan war. Reiner und Ekkehard Tischendorf freuten sich mit mir ganz still über das augenscheinlich gelungene Werk!

Am Einsatzort
Foto: R. Bialek


Tage der Nachbehandlung und Abbindezeit vergingen. In dieser Zeit fiel die Abstimmung mit dem Statiker des Bauherren zur Technologie der Befestigung am Objekt. Unser Vorschlag, mit starken Edelstahlwinkeln zu agieren fand Anklang und diese wurden dann vom Edelstahlbau Robert Rudolph gefertigt und gebohrt. Nach dem Gerüstbau am Einsatzort konnten die Stahlteile vormontiert werden. Aber waren die Teile und die Betonplatte wirklich im Gleichklang? Würde die Kranmontage auf Anhieb gelingen? Es wurde also noch einmal spannend. Genau wie der Transport aus unserer Halle in Coswig auf den Turnerweg in Radebeul Ost. Diesen Part hat die Firma Metallbau Große aus Kötzschenbroda übernommen und mit Bravour durchgeführt. Die Kranmontage am 16.07.2021 war ein voller Erfolg. Die Platte mit ihren 530 kg Gesamtgewicht nahm exakt ihren vorgesehenen Platz an historischer Stelle ein. Kleine Nacharbeiten am Betonrahmen und das Gerüst konnte abgebaut werden.

Geschafft!
Foto: R. Bialek


Gemeinsam mit Alexander Lange vom Kulturamt unserer Stadt konnten wir uns nun guten Gewissens ein Glas Sekt genehmigen!

Mein herzlicher Dank gilt all jenen, die an diesem Projekt mitgewirkt oder es auch nur wohlwollend begleitet haben! Besonders gilt der Dank natürlich dem Bauherren, der Architektin und meinen Mitstreitern R. und E. Tischendorf. Aber auch und ganz besonders meiner lieben Frau, die mir wieder einmal den Rücken freigehalten hat und eine unentbehrliche Hilfe war!

Es war uns eine große Ehre, wieder einmal auf den Spuren Hermann Glöckners zu wandeln und die kulturelle Vielfalt Radebeuls um ein weiteres Puzzleteil zu bereichern!

Robert Bialek

Darf ich vorstellen? Der Theatermann Maximus René


Den meisten Radebeulern werden die Namen Clara Salbach oder Ernst Edler von Schuch geläufig sein. Die bekannte Hofschauspielerin und der Generalmusikdirektor bewohnten Anfang des 20. Jahrhunderts Villen in unserem heutigen Radebeul. Es waren aber nicht die einzigen Mitglieder der Königlich Sächsischen Hoftheater, die das milde Elbklima und die Schönheit der Lößnitzorte schätzten. Immer wieder zog es Künstler und Musiker hier heraus. Einen, der es erst seit kurzem wieder ins Radebeuler Gedächtnis, ins neue Stadtlexikon, geschafft hat, ist der königlich sächsische Hofschauspieler Maximus René (bürgerlicher Name: Maximus Ottowa-René).

Geboren in Böhmen, riss René mit 16 Jahren zu Hause aus und schloss sich zum Ärger seiner Eltern einer durch die Dörfer tingelnden Theatergruppe an. Er war talentiert und so folgten schon bald eine kurze Ausbildung und Engagements an verschiedenen Theaterhäusern. Auch die Königlich Sächsischen Hoftheater wurde auf den jungen Mann aufmerksam und holten ihn 1898 nach Dresden. Eine steile Karriere für den 25jährigen, der sich im Schauspielhaus am Albertplatz als Bonvivant in die Herzen der Dresdner Zuschauer spielte. Hofschauspieler zu sein, war mit das größte, was man als darstellender Künstler erreichen konnte. Nicht nur langfristige Engagement-Verträge, hohe Gagen und eine Pension wurden geboten. Auch die Aufführungen selbst waren von höchster Qualität. Dresden konnte sich mit Kulturmetropolen wie Berlin oder Wien messen!

Kgl. Sächsischer Hofschauspieler Maximus René, 1910
Foto: Gebr. Scheizel Dresden


Renè wurde bei den Sachsen bald heimisch und erwarb 1904 mit seiner späteren Frau, der Schauspielerin Franziska Wolbach-Hilpert, ein Zillerhaus in Serkowitz. Ein Platz zum Wohlfühlen und Familie gründen. Das Radebeuler Adressbuch verrät, dass René einer der ersten Einwohner war, der einen Telefonanschluss besaß. Auch ein Privileg der Hofschauspieler. Die Generaldirektion der Hoftheater wollte ihre Künstler rund um die Uhr erreichen. Wie oft das Telefon wohl in Serkowitz schellte? Dann hieß es für René nach Dresden eilen, eine Probe war spontan angesetzt oder ein kranker Kollege musste vertreten werden.

Foto: O. Rothe Dresden


Mit Mitte 30 war René bereits auf der Karriereleiter weit nach oben geklettert. Das Leben hätte so schön sein können, doch dann stellten sich Zweifel ein. Wollte er nur für das betuchte Großstadtpublikum spielen? Eine Idee formte sich in seinem Kopf. Die Idee, solch gutes Theater für das ganze Volk zu machen. Nichts Besonderes, werden Sie jetzt sagen. Damals war der Gedanke jedoch ein Novum. Hochwertiges Theater konnten sich nur betuchte Städter leisten. Für alle anderen blieben Possen und Schwänke, mehr schlecht als recht von mittelmäßigen Schauspielern aufgeführt. Es lag aber nicht nur am schmalen Geldbeutel. Man sprach den einfachen Menschen auch ab, Goethe, Lessing oder Ibsen zu verstehen. Schmierentheater, nannte es René, was man ihnen stattdessen bot.

Er war überzeugt, dass alle Menschen zum Hineinleben in die Kultur ihres Volkes erzogen werden mussten und das von Jugend auf. Er sah das Wissen eines Volkes in Form von Werten, Tugenden und Moral in den Werken der großen Dichter. Hier lernte der Mensch die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, wahr und falsch. René war überzeugt, dass gerade das Theater aufgrund seiner Lebendigkeit, Unmittelbarkeit und Intensität eine herausragende Wirkung erzielte. Das gemeinsame Erleben riss die Theaterzuschauer mit und ein Gemeinschaftsgefühl bildete sich heraus. Im Ergebnis sah er den gebildeten Menschen, der zum politisch mitwirkenden Staatsbürger wird und die Werte seines Volkes mitträgt. Ein interessanter Gedanke, wie ich finde.

Und dann bot sich René die Gelegenheit! Als der König 1909 beschloss, ein neues Schauspielhaus an der Ostra-Allee zu bauen, kündigte René seine Stellung am Hoftheater und verließ Radebeul Richtung Dresden. Mit den Worten „Ich will ein Theater schaffen, das Werke aller deutschen Dichtkunst aller Zeiten als Bildungs-, Belehrungs- und Erholungsmittel bietet und zwar in künstlerisch erstklassigen Darbietungen!“ bewarb sich um die Leitung des freiwerdenden Theaters am Albertplatz. Er überzeugte und eröffnete mit großem Erfolg als Direktor im Oktober 1913 mit Raimunds „Verschwender“. Unter verschiedenen erfolgreichen Aufführungen brachte er mit nachhaltigem Eindruck „Die Weber“ von Hauptmann auf die Bühne. Ein unglücklicher Konflikt mit dem neuen Eigentümer, der Albert-Theater-Aktiengesellschaft, beendete vorzeitig sein Wirken.

Mit Ausbruch des Krieges stellte sich René und seine Frau in den Dienst des Roten Kreuzes und zog mit einem Thespiskarren und einer Handvoll Gleichgesinnter die Frontlinie entlang, gab Soldaten aufmunternde Stücke zum Besten.

Im November 1918 kam René nach Dresden zurück. Armut und Hunger überall, die Kunst lag durch den Krieg am Boden. Dazu die Spanische Grippe, Theater und Schulen mussten kurzzeitig schließen. Eine Zeit, die der Kunst viel abverlangte. Auch uns hat die Pandemie vor kurzem jegliche Kultur genommen. Wir wissen, wie es sich anfühlt, ohne Theater, Konzerte, Ausstellungen oder Lesungen zu leben, wie geistige Impulse fehlen. Viele haben sich mit den Corona-Gewohnheiten arrangiert und gemerkt, wie einfach es durch Streaming-Dienste ist, sich Unterhaltung ins Wohnzimmer zu holen. Nun befürchtet man, dass nach der gegenwärtigen, starken Kulturnachfrage auch eine Flaute kommen könnte, weil die Menschen gelernt haben, auch ohne Kultur auszukommen. 1918 war es so. Der Kriegsalltag und der ständige Kampf ums Überleben bestimmten den Alltag. Die Kunst wieder zu erwecken, dem hatte sich damals der Künstlerhilfsbund verschrieben. Gemeinsam mit den Leitern des Bundes, Otto Schambach und Alfred Waldheim, kam René eine grandiose Idee. Mit einer Wanderbühne wollte er die Provinz Sachsen bereisen und (wie sollte es anders sein) die großen Dichterwerke gut inszeniert ins Land bringen.

So war sie geboren, die Sächsische Landesbühne. Ja, lieber Leser, Sie lesen richtig: Maximus René gründete die Sächsische Landesbühne! Welche Namensähnlichkeit zu unserer Landesbühne Sachsen! Und auch darüber hinaus weisen die Theater Ähnlichkeiten auf, obwohl sie nicht aufeinander aufbauen.

Am 19. Februar 1919 startete Renés Reiseunternehmen. Unterstützt von den Kommunen tourte das Reisetheater per Eisenbahn und später per sonderangefertigtem Daimler-Benz- Kraftwagenzug durch die Kleinstädte Sachsens, wie Bad Elster, Großenhain oder Riesa. Der kettenrauchende René wählte die Stücke aus, führte Regie, hielt seine Künstlertruppe väterlich zusammen und spielte selbst mit. Viele belächelten ihn. Er würde keinen Erfolg haben, sagten sie. Die Provinzbevölkerung würde klassische Werke der Weltliteratur nicht wertschätzen. Doch weit gefehlt: Faust, Minna von Barnhelm, Sappho, Othello, Die lustigen Weiber von Windsor, Don Carlos, Raub der Sabinerinnen – Dramen, Tragödien, Schauspiele, Lustspiele, Komödien standen auf seinem Spielplan. Dreistündige Vorführungen von „Nathan der Weise“ verzauberten Kinder und Erwachsene und ernteten reichlich Applaus. René war am Ziel seiner Träume.

Ein Nomadenleben war der Preis. Das ganze Jahr unterwegs, nur im Sommer ein paar Wochen im Quartier in Olbernhau. Aber auch da hieß es arbeiten, die neue Saison musste vorbereitet werden. So kann nur ein Idealist leben. Was für ein Glück, dass er in seiner Frau eine Seelengefährtin fand.

Der Kulturkritiker Dr. Felix Zimmermann brachte Renés Lebenswerk schon 1926 in der Zeitschrift „Die deutsche Bühne“ ziemlich gut auf den Punkt: „… René hat dem Land Sachsen das Theater für alle gegeben, er hat der Schmiere den Todesstoß versetzt und die künstlerische Wanderbühne geschaffen. … Er technisierte den Thespiskarren, machte die moderne Bühne transportabel, errichtete Tempel der Dichter, verbannte den Gelegenheitsmimen durch den vollwertigen, fachbegabten Berufskünstler.“ Zimmermann zweifelte damals nicht daran, dass diese „Kulturleistung ersten Ranges“ durch den Staat anerkannt und unterstützt werden würde. Denn auch damals schon, kam gutes Theater ohne finanzielle Unterstützung nicht aus. Doch er sollte sich irren. Während das Land Sachsen Millionen in die Staatstheater fließen ließ, überließ man es den Kommunen, sich um ihre Sächsische Landesbühne zu kümmern. Vor dem Hintergrund von Inflation und Wirtschaftskrisen ein aussichtsloses Unterfangen. So schloss die Sächsische Landesbühne schließlich 1931 ihre Türen. Doch ihr Spirit „gutes Theater für alle“ lebt in der Landesbühne Sachsen und vielen anderen großen und kleinen Theatern fort.

Anja Hellfritzsch

Haben Sie Lust, die Renés noch besser kennenzulernen und sie auch in der Radebeuler Zeit zu begleiten? Wollen Sie erfahren, wie René schon 1906 für das Grün in der Garten- und Villenstadt kämpfte? Fragen Sie sich auch, wie seine Frau seine Lebensentscheidungen mittrug? Harmonisch ging es jedenfalls nicht immer zu. Im Ränkespiel von Intrigen, Krieg und Inflation versuchte René seinen Traum zu leben und mischte dabei Dresden und die sächsische Provinz gehörig auf. Mehr erfahren Sie in meinem Roman „Der Theatermann“. Das Buch beruht auf wahren Ereignissen.

Der Theatermann
Anja Hellfritzsch
DDV Edition
ISBN 978-3-943444-90-2

Foto Maxime René
Kgl. Sächsischer Hofschauspieler Maximus René, 1910
Quelle: Autogrammkarte, Gebr. Scheizel Dresden

Foto Haus
Foto: Radebeuler Landhaus in der Friedlandstraße, dass René ab 1904 bewohnte
Fotograf: Oscar Rothe Dresden

Ein neues Kapitel in der Geschichte eines ehrwürdigen Hauses

Historische Ansicht
Foto: O.Schlenk: „1874 – 1934: Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten“, S. 57.

Wer von Radebeul nach Dresden fährt, konnte seit dem letzten Jahr beobachten, wie ein altes Gebäude im Gelände des ehemaligen Hauptwerks des Arzneimittelwerk Dresden, wo jetzt die Arevipharma GmbH ihren Sitz hat, eine erstaunliche Veränderung erfuhr. Aus dem grauen Gebäude mit leichten Verfallserscheinungen ist ein beeindruckendes Bauwerk entstanden. Die zahlreichen Radebeuler mit Bezug zum ehemaligen AWD wissen, dass es sich um das altehrwürdige Forschungsgebäude handelt. Um 1910 in der jetzigen Form errichtet, wurden darin von engagierten Chemikern zahlreiche chemische Verbindungen synthetisiert und mit Hilfe von Pharmakologen zu Arzneimitteln, aber auch anderen wichtigen chemischen Produkten entwickelt. 1995 wurde das unter Denkmalschutz stehende Laborgebäude von der AWD GmbH geschlossen, da weder die technisch-baulichen noch die für die Sicherheit der Mitarbeiter notwendigen Voraussetzungen einen weiteren Laborbetrieb zuließen. Die Jahre vergingen, und ein sinnvoller Verwendungszweck wurde weder durch die AWD GmbH noch die Nachfolgeunternehmen, die meist unter schwierigen Bedingungen ums Überleben zu kämpfen hatten, gesehen. Aber es gibt offenbar noch Investoren, die den richtigen Blick für solche besonderen Denkmale haben. Sie bewiesen dies schon mit dem Gebäude-Ensemble Deutsche Werkstätten Hellerau. Büros in historischen Fabrikgebäuden ist offenbar eine Spezialität der BIV Beteiligung für innovative Vermögensanlagen GmbH und der Dr. Thiele Vermögenstreuhand GmbH.

Nach vollendeter Sanierung, 2021
Foto: W. Rattke, S.16 DDV Edition

Aber da ist noch ein weiterer Aspekt: Es gab Informationen, dass die Investoren Interesse daran haben, nicht nur das Ambiente der Labore als Büroräume zu nutzen, sondern auch im Gebäude darzustellen, welche Wissenschaftler dort erfolgreich tätig waren und welche Produkte erfunden wurden. Das führte dazu, dass eine kleine Arbeitsgruppe ehemaliger in diesem Gebäude beschäftigter Forscher Kontakt zu den Investoren aufnahm und trotz der pandemiebedingten Schwierigkeiten mehrere Treffen mit Herrn Rechtsanwalt Voigt als Vertreter der Investoren stattfanden. Ein Austausch der Ideen und Vorstellungen, wie die Gestaltung aussehen könnte, erfolgte: Wer waren die Chemiker, denen in diesem Forschungsgebäude bedeutende Erfindungen gelangen? Welche Produkte und Arzneimittel waren das?

Haupteingang
Foto: W. Rattke, S.16 DDV Edition

Die Namen Dr. Friedrich von Heyden, Prof. Hermann Kolbe und Prof. Schmitt sind untrennbar mit der Historie des Werkes verbunden. Die Erfindung der technischen Herstellung der Salicylsäure führte zum weltweit ersten industriell hergestellten Arzneimittel und die erfolgreiche Produktion lief bereits seit 1875 in Radebeul. Die Arbeitsgruppe kam überein, dass von den im Forschungsgebäude tätigen Wissenschaftler fünf besonders hervorgehoben werden sollten. Ihre Verdienste zur Entwicklung der Chemischen Fabrik von Heyden und der nachfolgenden Unternehmen bis zum Arzneimittelwerk Dresden waren von großer Bedeutung.

Orginalgetreu wiederhergestellte Einfriedung
Foto: W. Rattke, S.16 DDV Edition

1. Prof. Dr. Richard Seifert (1861 – 1919) wurde 1885 als wissenschaftlicher Chemiker eingestellt, 1899 technischer Direktor und später wissenschaftlicher Leiter der Firma. 1892 erfolgte die Ausarbeitung der Rezeptur von Odol Mundwasser für seinen Freund Karl August Lingner. Neben den zahlreichen weiteren therapeutisch wirksamen Derivaten der Salicylsäure waren die Farbstofftechnik und die Süßstoff-Produktion seine wichtigsten Arbeitsgebiete. 1918 musste er aus gesundheitlichen Gründen von seiner Tätigkeit in der Chemischen Fabrik von Heyden zurücktreten.

Das alte Werktor, restauriert
Foto: W. Rattke, S.16 DDV Edition

2. Prof. Dr. Richard Müller (1903 – 1999) wurde 1933 als Laborleiter eingestellt und arbeitete zunächst mit kolloidchemischen Präparaten. 1941 gelang ihm die technische Herstellung von Silikonen. Dafür erhielt er 1951 den Nationalpreis der DDR. Ab 1946 war er Leiter des Laboratoriums für organische Siliziumverbindungen. Daneben war Dr. Müller bis 1953 wissenschaftlicher Leiter verschiedener Forschungs- und Entwicklungsbereiche. Von 1953 an war er bis 1972 Leiter des 1952 aus der Chemischen Fabrik von Heyden ausgegliederten VEB Silikonchemie, später des Instituts für Silikon- und Fluorcarbonchemie. Parallel lehrte er seit 1954 an der TU Dresden (vgl. auch die dreiteilige Serie zu R. Müller in V&R 7-9/2004).

3. Dr. Erich Haack (1904 – 1968), in den 1930er Jahren eingestellt, arbeitete vor allem auf dem Gebiet der Antidiabetika, seit den 1940er Jahren leitete er die Forschung. Dieses ganz neue Therapieprinzip bei der Behandlung der Zuckerkrankheit führte anfänglich zu starken Nebenwirkungen. Wegen des Verbots der weiteren Arbeiten am Sulfonamidpräparat Loranil durch das damalige Ministerium für Gesundheitswesen gab er die Funktion 1952 auf und verließ die DDR, um die Arbeiten bei der Fa. C.F. Boehringer & Söhne GmbH in Mannheim mit Erfolg fortzusetzen

4. Dr. Ernst Carstens (1915 – 1986) begann 1947 seine Tätigkeit als Mitarbeiter von Dr. Haack, wurde ab 1952 Gruppenleiter und ab 1953 Leiter des Forschungs- und Entwicklungsbereichs. Neben der ebenfalls erfolgreichen Fortführung der Arbeiten an den synthetischen Antidiabetika waren es besonders neue Herz-Kreislaufmittel die zu wichtigen Präparaten wurden. Dafür wurde Dr. Carstens 1961 und 1980 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Unter seiner Leitung wurden außerdem 40 Syntheseverfahren für generische Wirkstoffe entwickelt.

5. Dr. Klaus Femmer war Leiter der Pharmakologie im AWD und an einer Vielzahl von Entwicklungen beteiligt. Die Pharmakologie war teilweise im Forschungsgebäude untergebracht.

Natürlich sind herausragende Leistungen nur durch eine große Zahl engagierter Mitarbeiter zu erreichen. Über die vielen Chemikerinnen und Chemiker, Laborantinnen und Laboranten, die Jahrzehnte engagiert dazu beitrugen, ist in den Patenten, Publikationen, Forschungsberichten und Laborbüchern nachzulesen. Die Gestaltung der Information über die historischen Persönlichkeiten und der Auswahl aus den zahlreichen Produkten ist noch nicht abgeschlossen, könnte aber in Kürze erfolgen. An dem hergerichteten ehemaligen Forschungsgebäude (von Insidern auch als „Lokal 59“ bezeichnet“) soll auch ersichtlich sein, dass die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) den Standort mit dem Programm „Historische Stätten der Chemie“ würdigte. Das erfolgte am 1. Oktober 2012. Eine Gedenktafel ist im Eingang zur Arevipharma GmbH angebracht (vgl. auch V&R Heft 2/2013).

Die Rücksprache mit der GDCh zu den Möglichkeiten, auch das nun ausgegliederte ehemalige Forschungsgebäude in die Verleihung des Titels „Historische Stätten der Chemie“ einzubeziehen, zeigte deren großes Interesse an der in Radebeul realisierten Idee, Büros in einer ehemaligen chemischen Fabrik zu errichten. Das Haus ist jetzt fertig gestellt und wohl überwiegend vermietet. Der Eingangsbereich ist attraktiv geworden und nicht mehr wie seit Jahrzehnten hinter dem Werkszaun versteckt. Der Zaun wurde übrigens originalgetreu restauriert und selbst das alte Werktor wieder eingebaut. Die Investoren planen, einen „Tag der offenen Tür“ durchzuführen, an dem man zumindest teilweise das Gebäude in Augenschein nehmen kann. Ein Termin steht bisher aber nicht fest. Es ist aber zu erwarten, dass das Interesse groß ist, einen Blick hinter die Fassade zu werfen.

Die GDCh wünscht sich, dass die Arbeitsgruppe über den weiteren Fortgang informiert.

Wilfried Rattke

Quellenangabe: Die historische Ansicht ist entnommen aus: O.Schlenk: „1874 – 1934: Erinnerungsblätter aus 6 Jahrzehnten“, S. 57.

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