Über den Tellerrand geblickt

Besuch eines technischen Denkmals der sächsischen Eisenbahngeschichte in Oberau

Bild: Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Companie, Transpress-Verlag Berlin, 1981


Der Begriff Tellerrand ist hier bezogen auf den Wirkungskreis unserer Vorschau, also die Orte Moritzburg, Radebeul, Cossebaude und Coswig, gelegentlich noch Radeburg und Weinböhla, Orte, wo die Vorschau ausgelegt und gelesen wird, bzw. wo unsere Themen angesiedelt sind. Wird das über-den-Tellerrand-Schauen eine Ausnahme bleiben, wenn ich Oberau besuche, das drei Dörfer hinter Weinböhla liegt? Vielleicht wäre auch ein Blick auf das Wasserschloss Oberau interessant gewesen, aber dieses Thema kann man besser darstellen, wenn es etwas Neues zur Sanierung desselben zu berichten gibt.

Bild: D. Lohse


An Oberau vorbei führen die wichtigen Eisenbahnstrecken Dresden – Leipzig und Dresden – Berlin ein paar Kilometer als parallele Linien mit wenig Abstand bis sie sich dann trennen. Die ältere Leipziger Strecke wurde 1839 fertiggestellt und war damit die erste deutsche Fernbahnstrecke – die allererste Strecke Nürnberg – Fürth (1835) war ja nur wenige Kilometer lang. Ob einen Tunnel zwischen Oberau und Gröbern zu bauen, ein Wunsch des sächsischen Königs Friedrich August II war, oder ob die Ingenieure der Leipziger Strecke einen besonderen technischen Kick verleihen wollten, wage ich nicht zu entscheiden. Der 1838 begonnene Tunnel durch einen eher unspektakulären Hügel wurde schließlich 513m lang. Die wesentliche Arbeit verrichteten über 600 Bergleute aus Freiberg, indem auf der Tunnelachse zunächst vier senkrechte Schächte abgetäuft wurden, von denen dann in der Tiefe waagerechte Strecken vorgetrieben wurden, bis der Tunnel durchgängig war. Anschließend wurde die Tunnelwölbung mit Sandsteinquadern ausgekleidet. Die beiden Tunnelöffnungen erhielten gestaltete Portale, jedes mit zwei auf gesetzten Pylonen. Am 7. April 1839 wurde die zunächst eingleisige Strecke (Platz für das 2. Gleis wurde vorbereitet und 1840 realisiert) der Leipzig-Dresdner-Eisenbahngesellschaft, einem Privatunternehmen, feierlich mit der dampfbetriebenen Lok „Saxonia“ und teils offenen und geschlossenen Wagen eröffnet. Zunächst bestand auf der Ostseite des Tunnels sogar ein Bahnhof, der Bahnhof Oberau. Er lag auf der Böschung und hatte Treppen bis zu den Gleisen. Diese ungünstige Lage führte aber schon bald zur Aufgabe dieses Bahnhofs. Aus heutiger Sicht würde man an der Stelle sicherlich keinen Tunnel bauen, für damalige Verhältnisse aber sollte man im Tunnelbau eine beachtliche technische Leistung, wenn nicht gar eine Sensation erkennen. Die Züge zwischen Dresden und Leipzig und umgekehrt rollten fast 100 Jahre nach Fahrplan durch den Oberauer Tunnel. Dann traten erste Probleme auf, als sich einzelne Steine aus der inneren Ausmauerung lösten, die Loks und Wagen größer geworden waren und deshalb neue Bauvorschriften zum Lichtraumprofil für Eisenbahntunnel beschlossen wurden, nach denen der Oberauer Tunnel nun zu eng wäre. Ab 1933 wurde die Durchfahrt gesperrt und der Tunnel abgebaut, wobei 360 000m³ Gestein zu bewegen waren.

Die Jahreszahl 1933 klingt nach einem politischen Zusammenhang, was aber durch die og. sachlichen Gründe ausgeschlossen werden kann. Ab Oktober 1934 fuhren die Eisenbahnzüge wieder planmäßig, jedoch nun in einem Geländedurchstich unter freiem Himmel. Nach 1945 musste dann eine Spur der Bahnstrecke im Zuge von Reparationsleistungen gegenüber der damaligen Sowjetunion abgebaut werden. Die volle Zweispurigkeit der Strecke konnte erst in den späten 60er Jahren wiederhergestellt werden. Seit 1970 bestand dann die Möglichkeit die Bahnstrecke Dresden-Leipzig mit von Elektro-Loks gezogenen Zügen zu befahren. Immer wenn ich mit einem Zug auf dieser Strecke durch den Einschnitt gefahren war, dachte ich an die Geschichte des verschwundenen Oberauer Tunnels und hatte mir vorgenommen, einmal den ehemaligen Tunnel zu besuchen, also als Fußgänger über die Brücke (Straße von Gröbern nach Radeburg) zu laufen und das Tunneldenkmal genauer anzuschauen. Ja, auf der Nordböschung des Einschnitts steht etwa in der Mitte der Tunnellänge ein beim Abbruch des Tunnels geborgener alter Pylon von einer der Einfahrten. Das Denkmal (in der Denkmalliste des Landkreises Meißen verzeichnet) mit von der Bahn aus sichtbarem großen Sachsenwappen im Sockel, was ich erstmals am Ostersonnabend sah, erinnert sowohl an den ursprünglichen Tunnel als auch an den Abbruch desselben 1933/34. Wer sich für sächsische Eisenbahngeschichte interessiert, kennt die Fakten und Hintergründe des Oberauer Tunnels natürlich, dem Rest der Radebeuler sei der geschilderte Ausflug nach Oberau durchaus empfohlen. Auf der besagten Brücke über dem Einschnitt stehend, wird man aber leider vergebens auf die Durchfahrt der alten Lok „Saxonia“ von Andreas Schubert warten!

Dietrich Lohse

Quellen:
1. Werte unserer Heimat „Lößnitz u. Moritzburger Teichlandschaft“, Bd. 22, Akademie Verlag Berlin, 1973
2. Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Companie, Udo Becher, Transpress-Verlag Berlin, 1981
3. Landkreis Meißen – seine Städte u. Dörfer, Landschaft, Geschichte, Aktuelles, Günter Naumann Kreissparkasse Meißen, 1998

Denkpause vorbei?

Anmerkung zum Beitrag zur Bahnhofstraße vom 23. April

Es sind nun reichliche vierundzwanzig Monate vergangen und somit nicht nur die vorgesehenen sechs, seit die Sächsische Zeitung in ihrer Wochenendausgabe vom 31. März 2018 die „Denkpause zur Bahnhofstraße“ verkündete, welche sich die Stadtverwaltung damals verordnete, nachdem ihre Pläne zur Umgestaltung der Einkaufsstraße auf allgemeines Unverständnis seitens der Bürger gestoßen sind. Vorausgegangen – einige werden sich erinnern – war am 8. Februar eine Versammlung zum Sanierungsgebiet Radebeul West im Bürgertreff, auf der es zu heftigen Kontroversen mit den Vertretern der Stadtverwaltung gekommen war. Das vorgestellte Konzept, insbesondere zur Gestaltung des Bereiches Bahnhofstraße, wurde von ca. 80 Prozent der Anwesenden grundweg abgelehnt.

Seither ist es reichlich still um dieses seit mindestens 2017 heiß diskutierte Sanierungsgebiet geworden. Zwar las man immer wieder mal in dieser Zeitung wie auch in anderen Blättern Beiträge über das Für und Wider dieses Vorhabens, aber so richtig wollte die Sache bisher nicht in Schwung kommen. Nach und nach zogen sich Eigentümer von Grundstücken aus den geplanten Maßnahmen zurück, Entwicklungsvisionen künftiger Leitobjekte (Post, Bahnhof) zerplatzen wie Seifenblasen.

Nun also, so ist zu lesen, geht es endlich los mit der Sanierung! Zwar muss Nina Schirmer, die Autorin des Beitrages vom 23. April in dieser Zeitung und mit ihr vermutlich auch das Bauamt der Stadt Radebeul, eingestehen, dass man nicht so genau weiß, wohin die Reise gehen soll, denn alle Fragen sind noch offen. Dennoch, Baustart wird auf alle Fälle im Herbst sein. Man kann es verstehen, denn die Zeit für die Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen wird langsam knapp.

Und hier sind wir wieder beim Grunddilemma angelangt. Ohne genaue Vorstellungen über den Sinn und die Zielstellung der geplanten Maßnahmen, ohne eine schlüssige Entwicklungskonzeption für das Stadtgebiet verbietet sich eigentlich jede größere bauliche Maßnahme. Alle zur Bürgerversammlung im Februar 2018 aufgeworfenen Sachverhalte konnten bisher noch keiner Lösung zugeführt werden. Wenn wie angekündigt, irgendwann im Sommer den Bürgern vorgestellt werden wird, welche Maßnahmen vier oder acht Wochen später die Bauarbeiter umsetzen werden, reicht wahrlich ein Aushang am Bürgertreff. Dann ist es für jeden Vorschlag, jeden Einwand, jede bürgerliche Mitbestimmung zu spät. Der 8. Februar 2018 soll sich ja nicht wiederholen.

Man kann der Stadtratsfraktion Bürgerforum/Grüne/SPD nur zustimmen, wenn sie den Ausbau der Gehwege von der Gesamtplanung für die Verkehrskonzeption abhängig machen möchte. Die aber ist noch nicht gefunden. Diese Hauruckpolitik, die jede sinnvolle Planung und Einbeziehung aller Betroffenen ausschließt – so muss man vermuten –, scheint System zu haben. Wie anders ist es zu verstehen, wenn Einwohnerversammlungen zu dieser Problematik kurz vor Weihachten oder in der sommerlichen Ferienzeit angesetzt werden, wenn Hinweise von Bürgern in die Pläne nicht eingearbeitet werden (Parkkonzept), wenn in der Planung mit Flächen und Gebäuden operiert wird, auf die die Stadt keinerlei Zugriff hat, wenn auswärtige Unternehmen beauftragt werden, ein Konzept für die Straße zu entwerfen, welches an der eigentlichen Problemstellung vorbeigeht?

Nun also die Sanierung der Gehwege eines Abschnittes der oberen Bahnhof- wie der Güterhofstraße. Natürlich wird sich auch künftig am Zuschnitt dieses Teils der Straße nichts ändern, nichts ändern können, mit oder ohne Verkehrsplanung. Das Profil ist zumindest für diesen Teil der Bahnhofstraße durch das Gelände vorgegeben. Dass die Gehwege saniert werden müssen, steht außer Frage. Sie sollen wahrscheinlich so wie die im unteren Teil der Bahnhofstraße werden. Nur eine durchgängige Pflasterung ist dort nicht zu erkennen und von „Kopfsteinpflaster“ kann schon gar keine Rede sein, wie der Beitrag vom 23.4. suggeriert. Das hatte man sinnigerweise bei der Sanierung der Gehwege des Angers eingesetzt, vermutlich weil typisch für diesen Ort. Die Gehwegplatten in der unteren Bahnhofsstraße aber sind nicht minder glatt als die Seifensteine. Die aber eigenen sich ebenso vorzüglich für Rollatoren wie die Platten. Und die Streupflicht im Winter will doch hoffentlich die Stadt nicht aufheben? Für eine Beseitigung dieses Belages gibt es also keinen hinreichenden Grund. Schadhafte Steine können ohne Probleme wieder ersetzt werden. Warum soll in Radebeul nicht funktionieren, was in anderen Städten offensichtlich kein Problem darstellt? Da existieren eine Unmenge derartiger Bürgersteige. Ganze Plätze sind beispielsweise in Dresden damit belegt. Und so prägen die Seifensteine teils seit über 100 Jahren das Bild dieser Städte mit. Auch für die Bahnhofstraße tragen sie zu deren Charakter bei. Der, so waren sich im Februar 2018 alle in der damaligen Bürgerversammlung einig, soll aber unbedingt erhalten bleiben. Dass das Bauamt nun etwas anders plant, ist somit nicht zu verstehen. Will man sich einfach wieder über die Köpfe der Bürger hinwegsetzen?

Karl Uwe Baum

»Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün…«

Mit dieser, dem Gedicht ›Der Spaziergang‹ (1795) von Friedrich Schiller entlehnten Umstandsbestimmung ist die aktuelle Sonderausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums im Kavalierhaus der Hoflößnitz überschrieben. Gezeigt werden künstlerische Arbeiten des den Lesern der ›Vorschau‹ wohlbekannten Radebeuler Architekten Dr.-Ing. Dietmar Kunze, der im vergangenen Sommer plötzlich mitten aus dem vollen Leben gerissen wurde, in Groß Zicker, seinem geliebten, langjährigen Feriendomizil, dessen Bauten und Umgebung auch dem Zeichner Dietmar Kunze vielfach als Motive dienten.

Paradiesberg, Pastell, ohne Jahr
Bild: F. Andert

Architekten zeichnen, sie müssen es von Berufs wegen, und sie sollten es deswegen auch können, und nicht nur mit dem Reißzeug. Gerade an der TU Dresden, wo Dietmar Kunze von 1968 bis 1975 studierte, wurde das freihändige Zeichnen nach der Natur seinerzeit großgeschrieben. 1969, also gleich zu Beginn seines Studiums, begann Dietmar Kunze, Skizzenbücher zu führen. Im folgenden, an großen beruflichen Herausforderungen reichen halben Jahrhundert nahm er sie in den oft nur rar bemessenen Stunden der Muße mit und zur Hand, auf Reisen und bei Spaziergängen durch Dresden oder seine geliebte Lößnitz. Am Ende waren 40 Bücher gefüllt mit über 1.300 Skizzen und Zeichnungen, zunächst nur zum Privatvergnügen, um typische und besondere Situationen, Stimmungen, Perspektiven in Stadt und Land einzufangen und festzuhalten.

Blick in die Ausstellung
Bild: F. Andert

Vor 20 Jahren begann er, durch Künstlerfreunde ermutigt, die kleinformatigen Skizzen, in denen Farbe eine immer größere Rolle spielte, als Vorlagen für größere Arbeiten auf Papier zu benutzen, und arbeitete dabei versiert in verschiedenen Techniken: Tusche, Kohle, Pastell, Aquarell. Die Öffentlichkeit lernte den Künstler Dietmar Kunze erst 2009 mit der u.a. gemeinsam mit seinem Kollegen und Nachbarn Thilo Hänsel bestrittenen Ausstellung »frei hand – Architekten zeichnen« in der Radebeuler Stadtgalerie kennen. Für ihn war die allgemein in guter Erinnerung gebliebene Schau zusätzliche Ermunterung zur kreativen Arbeit.

Die gut 40 nun in der Hoflößnitz ausgestellten Blätter, großenteils Lößnitz- und Rügenmotive, fassen dieses letzte Schaffensjahrzehnt eindrucksvoll zusammen. Daneben sind über 30 von Kunzes Skizzenbüchern zu sehen, in denen der Betrachter dem Künstler bei der Arbeit der Motivfindung und Komposition quasi über die Schulter schauen kann. Die Auswahl der aufzuschlagenden Seiten war schwer, in der Zusammenschau werden aber viele Facetten eines großen Talents zumindest angerissen. Nicht nur angesichts der filigranen, aus oft reizvoll ungewohnter Perspektive kitschfrei hingeworfenen Lößnitzpanoramen ist zu bedauern, dass diese Skizzen Skizzen bleiben müssen.

Als Retrospektive zu Dietmar Kunzes 70. Geburtstag am 10. April geplant, hat die durch großzügige Leihgaben der Familie ermöglichte Ausstellung pandemiebedingt erst mit siebenwöchiger Verspätung und leider ohne Vernissage eröffnet werden können. Sie ist noch bis zum 12. Juli 2020 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr in der Hoflößnitz, Knohllweg 37, in Radebeul zu besichtigen und soll, wenn der Virus will, Anfang Juli noch eine würdige Finissage erhalten.

Frank Andert

Ein Archivar, wie er im Buche steht

Wer ihn je kannte, wird ihn nicht vergessen und auf jeweils eigene Weise in Erinnerung behalten: die imposante Gestalt in der blauen Walkjacke, der wohlwollend-kritisch fragende Blick, die bedachtsame Rede, denn „leichtfertig ist (nur) die Jugend mit dem Wort“, die zunehmend bedachtsamer werdenden Schritte: Gottfried Sauermann war eine feste Größe im Stadtbild und unter den Liebhabern und Sammlern guter Bücher und wertvoller Stiche weit über die Grenzen Sachsens hinaus eine Instanz.

Bild: U. Langer

Gesunde Bodenständigkeit zeichnete ihn aus, die freilich weit entfernt war von jeglichem Provinzialismus. Die Liebe zum Buch, zum „gediegenen“ Buch, zur bibliophilen Kostbarkeit ging einher mit der Liebe zum Wein, der, natürlich bedachtsam genossen, nicht unbedingt aus dem eigenen Weinberg stammen, aber unbedingt trocken sein mußte. Darin speziell, aber auch mit dem charakteristischen Klang seiner wohltönenden Rede, gab er sich als waschechter Radebeuler zu erkennen.

Hier nämlich, in Radebeul, war er, ganz frisch auf der Welt, 1942 in sein Elternhaus in der Winzerstraße eingezogen, das ihm zum Lebensmittelpunkt bestimmt war, zum Basislager für seine lebenslange Reise durch die Welt der Bücher. Als Spätgeborener hat er seine älteren Geschwister, von denen zwei sehr früh verstorben sind, kaum mehr zu Hause erlebt. So war er als fünftes seiner Eltern doch wieder ein Einzelkind. Wie nach ihm auch Tochter Ute und die Enkel hatte er einen denkbar kurzen Schulweg. Wenn er zum ersten Klingeln loslief, kam er immer noch zurecht. Ute bekam dann sogar noch die gleiche Lehrerin, die zwar die Tochter des angesehenen Buchhändlers hofierte (gute Bücher waren damals „Bückware“), dem einstmals in ihren Augen „nichtsnutzigen Bengel bürgerlicher Eltern“ jedoch das Leben ordentlich schwer gemacht hatte. Haus und Garten hat er hier gepflegt, und unter tätiger Hilfe seiner mit „grünen Daumen“ gesegneten Frau Inge in ein Paradies verwandelt. Das bietet heute nicht nur den Enkeln bestmöglichen Spiel-Raum, sondern auch den Augen stillen Trost und diversen Vogelpaaren beste Nistgelegenheiten. In einer kleinen alten Blechgießkanne, er hatte sie auf einem Flohmarkt erworben und über seinen Gartensessel gehängt, brütet schon im zweiten Jahr ein Blaumeisenpaar – Sauermanns Garten ist Lebensraum im besten Sinne.

Die von Vater Heinrich Sauermann 1922 in Leipzig gegründete und 1928 in Radebeul etablierte Versand-Buchhandlung war zunächst auf Gärtnerisches spezialisiert. Dementsprechend begann Gottfried eine Gärtnerlehre, denn es wird von einem Buchhändler erwartet, daß er weiß, worum es in seinen Büchern geht. Er konnte die Lehre nicht abschließen, da er nach dem frühen Tod des Vaters im Geschäft gebraucht wurde. Er absolvierte eine Buchhändlerlehre und machte einen Abschluß als Archivar. In der DDR war das erstaunlicherweise noch ein anerkannter Beruf.

Unter seiner Regie erwarb sich das „Antiquariat Sauermann“ rasch einen klangvollen Namen weit über Radebeul hinaus. Bestens bewandert in Regionalgeschichte war der Antiquar Gottfried Sauermann auch in der Pirckheimer Gesellschaft gern gesehen. Hier kamen die Spezialisten zusammen, die wirklichen Kenner und Liebhaber. Hier gab es tiefgründigen Austausch, der allen gut tat, auch dem Geschäft. So gelang es ihm sehr leicht, den guten Ruf selbst dann noch zu wahren, als er nach dem „sozialistischen Frühling“ nur noch Kommissionshändler des Volksbuchhandels sein durfte.

Bedachtsam aber mutig und mit gehörigem Unternehmergeist trat er gemeinsam mit seiner Frau nach 1990 in die alten Rechte wieder ein. Es gelang ihm, das Haus an der Meißner Straße zu erwerben, wo er seine Vorstellungen von Verkaufskultur und Lebensstil mit Buchhandlung im Erdgeschoß, Antiquariat im Obergeschoß und Vinothek im Gewölbekeller umsetzen konnte. Die Liebe zum Buch ergänzt sich mit der Liebe zum Wein, beides braucht die geeignete Umgebung.

Nach der Übergabe des Geschäftes an Tochter Ute blieb Gottfried Sauermann im Laden präsent und immer ansprechbar. Er wußte nun sein Lebenswerk in guten Händen, und konnte sich nach und nach aus dem „aktiven Dienst“ zurückziehen. Am liebsten stieg er die Wendeltreppe hinauf in sein Antiquariat. Dort fühlte er sich stets am wohlsten – es sei denn, über seinem Sessel brüteten Meisen. Oder aber – und das geschah in den letzten Jahren immer öfter – er ließ sich von Frau Inge zu einer Kaffeefahrt durch das schöne Elbtal einladen, das rechtselbisch besonders zwischen Meißen und Seußlitz unvergleichlich reizvoll ist. Er hat es verstanden, das zu genießen, auch und besonders, als die eigene Beweglichkeit nachzulassen begann. Am 15. April 2020 hat der Archivar Gottfried Sauermann, einer der letzten seiner Gilde, das Buch für immer zugeschlagen. Im Beisein seiner Lieben hat sich sein Lebenskreis in dem Haus vollendet, in dem er vor 78 Jahren hoffnungsvoll begonnen hatte.

Thomas Gerlach

3. Bauherrenpreiswanderung

Von den Landesbühnen bis zum Fuß der Weinberge an der Winzerstraße

Nun schon das dritte Jahr in Folge lädt Sie der Verein für Denkmalpflege und neues Bauen zur einer Bauherrenpreiswanderung ein (siehe V&R 06/18, 06/19). 2018 spazierten wir am Stadtpark beginnend an über 10 Bauherren-Preisträgern in der Niederlößnitz vorbei. 2019 starteten wir am Alvslebenplatz in der Oberlößnitz, der übrigens dieses Jahr in Aufwertung eine schöne Frühjahrsbeplanzung erhalten hat. Dann verweilten wir später, weil es sehr interessant und gastfreundlich war, länger als gedacht im Garten der Eduard-Bilz-Straße 35 bei Familie Hentsch und im Grundstück der Bennostraße 29 bei Familie Bolza-Schünemann und endeten nach ungeplanten zwei und einer halben Stunde nach acht Bauherrenpreisträgern am Haus Jordan auf der Weinbergstraße. Dabei hatte ich eigentlich noch am Retzschgut (Bauherrenpreisträger 2009), dem Meinholdschen Turmhaus (Bauherrenpreisträger 2007), dem Wohngebäude Weinbergstraße 1a/b (Bauherrenpreisträger 2002) und dem ehemalige Armenhaus am Lößnitzbach (Bauherrenpreisträger 1998) vorbeigehen wollen. Aber man sieht wieder einmal, den Genuss steigert oft nicht die Menge des Besonderen, sondern die Intensität der Begegnung damit. Hat man erst einmal angefangen die Atmosphäre aufzunehmen, sich Details zu betrachten, intensiv zu schauen und sich darüber auszutauschen, fällt das Weitergehen schwer und die Zeit vergeht im Fluge.

Bennostraße 29
Bild: Archiv – Verein für Denkmalpflege und neues Bauen

Die zahlreichen Teilnehmer der Wanderungen der vergangenen Jahre, das positive Echo, aber auch die Sorge um Verunstaltungen unserer Stadt, die aus unangemessener Proportionierung und Gestaltung von Bauten aus jüngster Vergangenheit herrühren, bewogen uns, die Idee der Bauherrenpreiswanderung 2020 auch ein drittes Mal fortzuführen.

Keiner ahnte in den Planungsrunden des Vereins, dass uns jetzt die Frage bewegen würde, ob es möglich sein wird, Ende Juni mit ca. 30 Leuten so eine gemeinsame Stadtwanderung durchzuführen. Aber wir denken, Leute mit Interesse für das baulich Schöne in unserer Stadt sind Optimisten. Darum wollen wir die Wanderung so vorbereiten, dass diese stattfinden könnte. Ob dies zum angedachten Zeitpunkt möglich sein wird, wissen wir jetzt noch nicht. Darum laden wir heute herzlich ein und bitten Sie, sich kurz vorher auf unserer Vereinsseite (www.denkmalneuanradebeul.de) oder in der Presse zu informieren, ob doch abgesagt werden muss.

Für alle, die von unserer Bauherrenpreiswanderung noch nichts gehört haben, sei die Idee nochmals kurz umrissen:
In Zeiten des sich schnell entwickelnden, pulsierenden Baugeschehens in Radebeul wurde der Radebeuler Bauherrenpreis vom Verein für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul e.V. gemeinsam mit der Stadt Radebeul ins Leben gerufen. Von 1997 bis 2011 wurde der Preis jährlich für Neubau, Denkmalpflege und Außenanlagen verliehen. Mittlerweile ist die Intensität des Bauens in der Stadt zurückgegangen und der Preis wird alle 3 Jahre vergeben, u.a. auch wieder 2019 (siehe V&R 12/19).

Dieser Preis soll ein Element sein, um die Diskussion zu Auffassungen zur Baukultur in Radebeul zu fördern und öffentlichkeitswirksam zu machen. Er ist auch von der Hoffnung getragen, Bauherren und Investoren zu erreichen und anzuregen, im Vorfeld über die Wirkung ihrer geplanten Bauwerke in der Stadt nachzudenken. In der Satzung unseres Vereins geht es um den Erhalt des „besonderen Charakters von Radebeul“. Was das ist, diese Diskussion ist nie abgeschlossen. Nur die aktive, stetige Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Stadtgesellschaft wird uns diesen ahnen, bewahren und gestalten lassen.

Daraus ist im Verein auch die Idee entstanden, mit einer Bauherrenpreiswanderung, sich die Preisträger vergangener Jahre wieder mal ins Bewusstsein zu rufen und diese erneut zu Fuß in Ruhe und mit offenem Blick zu betrachten und sich darüber auszutauschen.

Obwohl auch die Gebiete westlich der Moritzburger Straße, oder östlich des Stadtzentrums von Radebeul Ost bezüglich Bauherrenpreisen auch noch lohnende Ziele bieten, soll es diesmal durch die Mitte Radebeuls gehen.

Damit es nicht zu lang wird, bleibt der 1997 prämierte Schulergänzungsbau Ecke Steinbachstraße/ Pestalozzistraße in der Wanderung leider ausgespart. Darum soll dieser hier eine schriftliche Referenz erhalten. Schauen Sie sich diesen Bau gelungener Leichtigkeit einfach mal fakultativ an. Dem Bauherren Berufliches Schulzentrum Radebeul ist es mit dem Architekten Ulf Zimmermann aus Dresden an einer Nahtstelle zwischen Villenbauten und einer freien Blick gewährenden Kleingartenanlage bestens gelungen, einen einer Gartenstadt angemessenen Baukörper einzufügen. Man kann sich vorstellen, dass die Leichtigkeit des Gebäudes, der Blick und das Licht auch die Lernenden beflügeln müssten. Im Gegensatz zu manch anderen Neubauten sieht man hier, dass Gebäude, deren Nutzung die Errichtung größerer baulicher Flächen erfordern, in ihrer Umgebung kein Ungleichgewicht erzeugen müssen.

Radebeul, Berufsschulzentrum Neubau
Bild: Archiv – Verein für Denkmalpflege und neues Bauen

Wir beginnen unsere Bauherrenpreiswanderung am Haupteingang der Landesbühnen Sachsen, um von außen zu sehen, mit welchen Gestaltungsmitteln aus einem alten Gasthof ein modernes ansprechendes Theater wurde. Von hier, nach der Wende als drittes Zentrum der Stadt angedacht, sieht man beim Blick nach Süden auch offene Fragen zukünftiger Stadtentwicklung. Soll das einmal eine angedachte grüne Achse werden oder welche Bebauung ergäbe ein stimmiges Pendant für diesen Ort?

Radebeul Mitte hat einige Bauherrenpreisträger aufzuweisen, die wir gar nicht alle aufsuchen können. Sind Sie dort zu Fuß schon einmal auf der Suche nach diesen unterwegs gewesen?

An welchen wir vorbeiwandern, möchte ich jetzt noch nicht verraten.

Wie bei den letzten Wanderungen gibt es auch diesmal wieder sonst aus dem öffentlichen Straßenraum nicht mögliche Einblicke. Ich erinnere mich noch gern daran, zu welcher Überraschung und Freude 2018 der durch Frau Osterkamp ermöglichte Einblick in ihr Grundstück Winzerstraße 67 bei den Teilnehmern führte. Seien Sie also gespannt!

Endpunkt wird die Winzerstraße 46 sein, wo wir bei schönem Wetter nach der Wanderung auch noch etwas im Grundstück verweilen und uns austauschen können.

Wir treffen uns am Freitag 26. Juni 2020, 18.00 Uhr an den Landesbühnen.

Alle sind herzlich eingeladen (besonders auch Leute, die Bauherren sind oder werden wollen). Schon um des Erlebens und des Austauschs willen wird die ca. zwei stündige Wanderung eher gemächlich verlaufen und ist von der Strecke nicht weit.

P.S. Anregung: Über die Losen-Blatt-Sammlung oder die Internetseite des Vereins (www.denkmalneuanradebeul.de) findet man die Bauherren-Preisträger und kann sich, wenn man Lust hat, auch mal selbst eine Bauherrenpreiswanderung für einen Sonntagsspaziergang zusammenstellen.

Michael Mitzschke

Editorial 6-20

Nach den wochenlangen zehrenden Lähmungen im Rahmen der Allgemeinverfügung, kehrt nun behutsam das Leben in die Stadt zurück. Wie ein verspäteter Osterspaziergang drangen nach den erlassenen Lockerungsmaßnahmen die Menschen in Heerscharen aus allen Winkeln der Gemeinde. Geradezu „coronavergessen“ wimmelte es in den Stadtteilzentren und insbesondere auf dem Dorfanger zu Altkötzschenbroda. Und doch, irgendwas ist anders. Ein neues und seit Wochen doch nun wohlvertrautes Accessoires ist mit dem Mund- und Nasenschutz zum festen Bestandteil der Mode geworden. Im Freien lässig herunterhängend, entfaltet sich die Kreativität der SchneiderInnen erst in abgeschlossenen Räumen zur ungeahnten Zierde der gegenüberstehenden Maskierten.

Während sich die Wogen hinsichtlich der Einschränkungen des Gemeinwesens nun wohltuend glätten, tun sich in kulturellen Institutionen wohl kurz- und mittelfristig schwere Fahrwasser auf.

Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, kündigte Christian Wacker nach nur zwei Jahren seinen Posten als ambitionierter Direktor des Karl-May-Museums auf. Die Gründe und das Für und Wider sollen hier nicht dargestellt werden, aber die Tatsache an sich wirft kein gutes Licht auf die überregionale Strahlkraft dieser bedeutsamen Einrichtung, die immer noch den meistgelesenen deutschen Schriftsteller vertritt.

Kurz vor Drucklegung wurde überdies bekannt, dass der Radebeuler Stadtrat über die viele Monate vakante Position des Kulturamtsleiters schlussendlich abstimmte. Nach Mehrheitswillen von CDU und AFD soll nun der Schriftsteller Jörg Bernig künftig als Kulturamtsleiter die kulturellen Geschicke der Stadt lenken und für die konzeptionelle Neuausrichtung verantwortlich zeichnen.

Man darf gespannt sein, wie diese Personalie, die umgehend und ungewohnt heftig von unterschiedlichsten Medien deutschlandweit kommentiert wurde, gegenüber dem überaus liberalen Geist der Radebeuler Bürger- und Künstlerschaft bestehen will.

Sascha Graedtke

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

Hat Radebeul noch einen „Kaiser“?

Holzzierrat an Dachkanten von bestimmten historischen Häusern

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

Mir war schon klar, dass, wenn ich mich einer größeren chirurgischen Operation unterziehe, meine Arbeit in der Redaktion von V+R und auch an eigenen Artikeln für das Heft für mindestens ein Viertel Jahr ruhen müsse. So geschehen im Januar 2020 (Gruß und Dank an meinen Operateur, einem Vorschauleser) bin ich jetzt auf dem Wege der Besserung. Noch während ich an Stöcken ging, überlegte ich, mit welchem Thema ich den Wiedereinstieg bei V+R beginnen könnte. Doch dann kam auch in unserem Land die Corona-Pandemie an mit all ihren Einschränkungen, Vorschriften und Verboten und nichts ging mehr – kein Besuch im Stadtarchiv, kein Kontakt zu Hauseigentümern möglich und schließlich war auch meine Bewegung zum Fotografieren innerhalb Radebeuls eingeschränkt. Alles in allem schlechte Bedingungen für einen Neustart, aber Lust hatte ich schon!
Mein Thema, was ich unter diesen Bedingungen bearbeiten wollte, war Holzzierrat (außer Fachwerk) an vorwiegend Niederlößnitzer Häusern, Denkmalen und Nichtdenkmalen gleichermaßen, also Schmuckformen an Trauf- und Giebelseiten sowie den Firsten. Dabei wollte und konnte ich hier keine Vollständigkeit anstreben. In gewisser Weise handelt es sich um die thematische Vertiefung meines Aufsatzes über Schweizerhäuser (sh. V+R 04/18).

Foto: D. Lohse

In dieser Bauepoche (1860-1900) wurde von geschickten Zimmerleuten auffallend viel derartiger, sehenswerter Holzzierrat an Schweizerhäuser und denen, die diesen ähneln sowie an Villen und Mietvillen angebracht. Man muss leider in der Vergangenheit sprechen, denn Vieles davon ging über die Jahre bei Dachreparaturen oder Modernisierungen der Häuser verloren. Da, wo sich hölzerner Zierrat noch original erhalten hat, steckt meist ein kulturbewusster Bauherr oder Bauherrin dahinter, die den Wert erkannt haben und sagen: nur damit ist es „mein Haus“! Aus anderem Blickwinkel könnte die Frage kommen, braucht ein Haus solchen Zierrat überhaupt. Die Antwort wäre „nein“, denn das Dach sollte auch ohne Zierrat dicht und das Haus nutzbar sein. Nur ein Haus dieser Bauepoche hatte einen gestalterischen Anspruch auf solchen Zierrat oder Luxus, wenn man es so bezeichnen wollte. Eine Voraussetzung für diese Zierelemente, die ich nachfolgend in drei Gruppen gliedern möchte, ist ein weiter Dachüberstand (0,50m oder mehr) an allen Dachkanten eines Satteldaches. Mein Hinweis an die Leserschaft: Augen auf beim nächsten Spaziergang, dann werden sie sicherlich Beispiele dieses hölzernen Zierrates finden können.

1. Hängende hölzerne Dachzier

Seltener, aber besonders auffallend sind die längeren (0,30 – 0,50m) zugespitzten und / oder mit Löchern versehenen, an Eiszapfen erinnernden Elemente unter den Traufen und an den Giebelkanten von Schweizerhäusern. Sie können in Reihe dicht aufeinander folgend oder auch mit größeren, gleichmäßigen Abständen angeordnet sein – Beispiele finden wir u.a. in der Wilhelm-, Schweizer – oder der Schuchstraße. In der Regel

Foto: D. Lohse

haben sie einen dunklen, meist braunen Anstrich wie die sichtbaren Teile des Dachstuhls, seltener sah ich auch helle Farben. An Stellen wie oben finden wir Brettlängen, die an der Unterkante Zacken und Formen zeigen, die an Laubsägearbeiten oder eine textile Bordüre erinnern, jedoch vom Zimmermann gesägt wurden. Es sind filigrane Arbeiten dieses Gewerks, die bei entsprechendem Sonnenstand ein hübsches Schattenbild auf der Wand erzeugen können. Solche kleinere hängende Dachzier finden wir an Niederlößnitzer Landhäusern noch öfter, sogar an Dachkanten bestimmter Gaupen.

2. Luftige Giebelzier aus Balken

Diese finden wir außer an Schweizerhäusern auch an verschiedenen Radebeuler Villen. Balken, wie Pfetten oder Sparren, sieht man normalerweise bis auf die z.T. auch verzierten Köpfe unter der Traufe nur im Bodenraum der Häuser. Eine Ausnahme bilden die sogenannten „Flugpfetten“ oder „Flugsparren“, je nach Grundprinzip der Dachkonstruktion (es werden noch ein paar Fachausdrücke, z.T. sinnbildliche Ausdrücke der Zimmermannssprache, folgen, die ich mit Anführungszeichen versehen will), die so heißen, weil sie nicht direkt auf Mauerwerk aufliegen und in Gänze sichtbar sind. Zu den „Flugpfetten“ gesellt sich in manchen Fällen noch ein von außen sichtbarer Kehlbalken, als horizontaler Balken zwischen den Pfetten. Manchmal ist unter dem Kehlbalken noch ein halbkreisförmig gebogener oder aus Stücken zusammengesetzter Balken eingebaut, der auf Stützkonsolen vor der Giebelwand befestigt ist. Das Ganze wird auch als „Gesprenge“

Foto: D. Lohse

bezeichnet, ist aber nicht explosiv! Natürlich haben auch diese Balken, je nach Sonnenstand, ein interessantes Schattenspiel, quasi eine optische Verdopplung des „Gesprenges“. Der Bogen bleibt immer offen, weil dahinter ein oder zwei Fenster in der Giebelwand des Dachgeschosses liegen, die Zwickel jedoch sind von Fall zu Fall auch verkleidet. Das erfolgte entweder durch senkrechte Brettverkleidung oder durch Holztafeln mit kunstvollen Aussparungen als geometrische Gebilde, als Blütenformen oder Fabelwesen – gut anzuschauen an der Kreuzung von Karl-Liebknecht-Str. / Ledenweg. Eine statische Funktion haben diese „Gesprenge“ nicht, sie müssen sich nur selber tragen. In diesem Bereich finden wir gelegentlich auch ein in der 1. Gruppe vorgestelltes Zierelement wieder: zapfenartige Gehänge, die die aus dem Mauerwerk herausragenden Kopfhölzer frontal abdecken.

3. Aufragender hölzerner Dachschmuck

Von dieser Gruppe haben die wenigsten Zierformen die etwa 150-jährige Standzeit der Häuser überdauert. Wahrscheinlich, weil sie am höchsten Punkt der Häuser dem stärksten Wind und Wetter ausgesetzt und am schnellsten verschlissen waren. Hinzu kam, dass bei Dachreparaturen die Handwerker diesen Schmuckformen kaum Beachtung schenkten und Bauherren an der Stelle gerne Geld sparten. Als Kind habe ich um 1960 eine Diskussion erlebt, als mein Elternhaus in der Einsteinstraße in der Folge gleich drei „Kaiser“ von den Dachfirsten verlor. Der im Fachjargon übliche Name „Kaiser“ ist wohl dadurch entstanden, dass es sich um eine Zierde ganz oben auf dem Haus handelte, ebenso wie man sich einen lebendigen Kaiser als Obersten im Staat vorstellte.

Foto: D. Lohse

Ich habe auch solche „Kaiser“ gesehen, die entweder auf der Firstspitze saßen oder den Firstpunkt durchdrungen haben und im Kehlbalken verankert waren. Der ca. 1m hohe Pfahl über dem Dach verjüngt sich nach oben zu einer Spitze und trägt etwa in der Mitte eine horizontale, quadratische Holzplatte mit flacher Verdachung. An Stelle der „Kaiser“ gibt es gelegentlich auch andere Bekrönungen in Form von durchbrochenen, spitz zulaufenden Holzplatten oder „Ohren“ die aus stilisierten Akanthusblättern entwickelt wurden (siehe mittlere Eduard-Bilz-Str.). Meines Wissens gibt es in Radebeul nur noch zwei richtige „Kaiser“ an der Villa „Perle“ neben dem Paulsberg und auf der Mittleren Bergstraße 49.
Der erstgenannte „Kaiser“ wurde aber durch untypische Elemente „bereichert“ – eine aufgesetzte Wetterfahne und sich über dem First kreuzende „Flugsparren“, wohl eine stilistische Anleihe aus dem deutschen Norden. An einer anderen Villa in der Weintraubenstraße finden wir noch die Reste von mehreren „Kaisern“, wo die horizontalen Platten seit Langem fehlen. Die Antwort auf die in der Überschrift geäußerte Frage lautet also: ja, es gibt noch zwei richtige „Kaiser“ in Radebeul, diese aber scheinen in unserer Demokratie die Letzten zu sein.

Dietrich Lohse

Radebeuler Kultur in Zeiten der Isolation – Das RadebeulKulturNetz

Radebeuler Kultur in Zeiten der Isolation – Das RadebeulKulturNetz
Kultur verbindet die Menschen seit alters her. Sie überwindet Grenzen, baut Brücken und erschafft eine universelle Form der Kommunikation, ohne eine gemeinsame Sprache zu benötigen. Musik, Theater, bildende Kunst, Film, Tanz – all die verschiedensten Formen der Kunst lassen uns für einen Moment den Alltag vergessen, stimmen uns fröhlich oder traurig, regen zum Nachdenken an und ermöglichen es, über den eigenen Tellerrand hinaus in eine Welt zu blicken, die uns sonst verborgen bliebe.
In Zeiten der Isolation, in denen das Motto der Stunde lautet, zuhause zu bleiben, um andere zu schützen, liegen die Grenzen, die es zu überwinden gilt, nicht mehr in der Ferne, sondern vor der eigenen Haustür. Dort endet derzeit das soziale Leben. In diesen geschützten Raum gilt es nun für die Kultur, vorzudringen, um die Menschen weiterhin zu erreichen, ihre Gedanken aus den eigenen vier Wänden zu befreien und sie trotz räumlicher Entfernung an einer Gemeinschaft teilhaben zu lassen.
Unter dem Hashtag #RadebeulKulturNetz haben es sich daher verschiedene Radebeuler Kulturschaffende zum Ziel gemacht, ihr Publikum im eigenen Wohnzimmer abzuholen und auf eine virtuelle Reise zu unterschiedlichsten Veranstaltungsformaten mitzunehmen. Seit Anfang April werden unter diesem Hashtag zahlreiche Angebote vereint, welche die Zuschauer auf Facebook, Youtube oder Twitch verfolgen können. So facettenreich wie das Radebeuler Kulturleben sind dabei auch die Videos und Livestreams. Gemeinsam mit Reinhard Zabka wandelten die virtuellen Besucher während der Finissage zur Ausstellung „Labytopia“ durch das Lügenmuseum oder folgten der Künstlern Mechthild Mansel durch ihre aktuelle Ausstellung in der Stadtgalerie, tanzten 350 Zuschauer knappe sechs Stunden lang zur Musik von DJ Pauli durch die eigene Küche oder lauschten den Klängen von Katharina und Günter Baby Sommer. Natürlich sendet in Radebeul auch Karl May regelmäßig Zeichen aus der Isolation, begegnete ihm doch bereits 1903 erstmals „… die kleine halsstarrige Corona, welche sich in den Strahlen des Scheik al Islam sonnte…“ und gemeinsam mit diesem versuchte Kara Ben Nemsi in die Knie zu zwingen (Im Reiche des silbernen Löwen 4, S. 181). So trotzt er auch 117 Jahre später erneut der Halsstarrigkeit von Corona und sendet alle zwei Tage über das Museumsteam Grüße aus dem Karl-May-Museum, das sich immer neue Tipps überlegt, um die Zuschauer selbst kreativ werden zu lassen. Und auch Halunke Locci gewährte in echter Wild-West-Manier einen Einblick in sein Jail-Office, von welchem aus er seinen nächsten großen Coup in der Westernstadt Little Tombstone plant – selbstverständlich mit Mundschutz, sicher ist sicher.
Das ausnahmslos positive Feedback verdeutlicht, dass kulturelle Angebote in Zeiten der sozialen Isolation nicht nur gewünscht, sondern essentiell sind. Sie erschaffen Nähe trotz Distanz, verbinden trotz Abstandsregeln, erschaffen gemeinsame Erlebnisse, auch wenn sie allein erlebt werden und senden die so wichtige Botschaft in die Welt: wir halten zusammen, wir bleiben verbunden und freuen uns gemeinsam auf eine Zeit nach Corona. Eine Zeit, in der wir den Worten von Günter Baby Sommer folgen und „wieder weltumtriebig unsere Kalender wiederbeleben“. Bis dahin bieten wir dem Social Distancing gemeinsam die Stirn. Der Radebeuler Kulturverein, das Kulturamt, das Karl-May-Museum, Centre Films, Dynamite Konzerte und zahlreiche Radebeuler Künstler haben noch jede Menge Ideen, um Kulturliebhaber aus Radebeul und darüber hinaus auch in der Krise nicht allein zu lassen. Konzerte, kurze Videoclips, Lesungen, Mitmach-Ideen und vieles weitere bringen auch in den kommenden Tagen und Wochen das Radebeuler Kulturleben direkt nachhause. Und auch den Künstlern kann man in dieser schwierigen Zeit etwas zurückgeben. Der Radebeuler Kultur e. V. leitet Spenden, die an den Verein gerichtet werden, an die Künstler weiter, die ihre kulturellen Beiträge zu ihren Zuschauern vor den Computern, Smartphones oder Tablets senden. Damit kann ein Jeder seinen Beitrag dazu leisten, das RadebeulKulturNetz auch in der Isolation am Leben zu erhalten, damit wir irgendwann wieder gemeinsam feiern und tanzen, lachen, in Tagträumen schwelgen und unser Glas erheben können, auf Zeiten ohne Abstandsregeln, Mundschutz und Isolation.

Ina Dorn

Spendenkonto:
Radebeuler Kultur e. V.
IBAN: DE07 4306 0967 1238 2798 00
Verwendungszweck: Streaming
Paypal: vorstand@radebeuler-kultur.de

Erfüllung, Erinnerung und das Fest der Auferstehung

Ein sehr persönlicher Nachruf auf Kirchenmusikdirektor i.R. Hans-Bernhard Hoch

 

Foto: B. Kazmirowski

Im Laufe meines Lebens habe ich, zu ganz unterschiedlichen Zeiten und Anlässen, einige Menschen kennen lernen dürfen, die durch Gesprächsfreudigkeit und menschenfreundliche Zugewandtheit ihre Umgebung für sich einnehmen konnten und deren Gegenwart gleichermaßen lehrreich und unterhaltsam für mich gewesen war. Besonders als Kind und Jugendlicher war ich überdies empfänglich für Erwachsene, die durch ihre bloße Erscheinung auf mich wirkten. Eine der wenigen herausragenden Persönlichkeiten, die beides –geistreiche Geselligkeit und Charisma – in sich vereinten und der ich von Kindesbeinen an bis in die jüngere Vergangenheit immer wieder begegnete, war Kirchenmusikdirektor Hans-Bernhard Hoch, dessen weitgespanntes Leben und Schaffen ich vor gut zwei Jahren (Heft 2/2018) anlässlich seines 90. Geburtstages der Leserschaft vorgestellt hatte. Ich erinnere mich an ihn als einen leidenschaftlichen Kantor der Friedenskirchgemeinde, mit dessen Aufführungen vor allem des Weihnachtsoratoriums ich buchstäblich groß geworden bin. In den 1980er Jahren durfte ich ihm bei der nachträglichen Durchdringung der Aufführungen insoweit helfen, als dass ich in seinem Auftrag mit einem Kassettenrecorder auf den Knien Aufnahmen herstellte. Ich erinnere mich an ihn als einen jahrzehntelangen Freund unserer Familie, die ihm viel zu verdanken hat: Mein Vater erlernte bei ihm die Grundlagen des Orgelspiels, meine Mutter trat vor knapp 50 Jahren in die Kantorei der der Friedenskirche ein und sang unter Kantor Hoch bis zu dessen Pensionierung 1993, meinem Bruder gab er Klavierunterricht. Ich erinnere mich an ihn als einen großartigen und humorvollen Gesellschafter, der, wann immer es sich anbot, zu Feiern und Festen im Freundeskreis in die Tasten griff und seine Darbietungen oft genug mit Anekdoten aus seinem Leben würzte. Ich erinnere mich an ihn als einen sensiblen, klugen und aufmerksamen Beobachter der geschichtlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die im Resonanzraum der vielhundertjährigen Verankerung seiner Familie in Dresden widerhallten. Ich erinnere mich an ihn als einen Mann von außergewöhnlich gediegenen Umgangsformen und ausgeprägtem Form- und Stilbewusstsein. Das sind meine Erinnerungen an Hans-Bernhard Hoch, den achtzehnten Kantor an der Friedenskirche zu Kötzschenbroda (1954-1993) und Kunstpreisträger der Stadt Radebeul (1994). Weitere Erinnerungen werden leider nicht mehr dazukommen, denn Hans-Bernhard Hoch schlief in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag in häuslicher Umgebung friedlich ein. Für ihn als gläubigen Christen konnte es sicherlich keinen besseren Tag als das Fest der Auferstehung geben um sich sanft aus dem irdischen Leben zu entfernen.
Bertram Kazmirowski
Hans-Bernhard Hoch wurde am 21. April auf dem Friedhof Am Gottesacker in Radebeul-West beerdigt.

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