Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

Vom Einhorn (für S)

Das Einhorn wirft einen Schatten auf die Uhr. Die Welt riecht nach Frühstück.

Ohne weiter auf die Blicke der Neugierigen zu achten, steigt Susanna aus dem Bade, aufrecht, stolz und schön. Sie streift ihr Kleid über, schlingt sich, etwas verfrüht, das herbstfarbene Seidentuch um den Hals und schwingt sich aufs Fahrrad. Es ist eins von den elektrischen, ihr Fahrrad, mit dem sie ohne Mühe jeden Anstieg meistert, vor allem den kleinen Hügel vor ihrem Haus. Bergab aber rollt es von allein.

Der Morgen ist wie von Seide: Ein Sonnabend ohne Verpflichtung, die Sonne strahlt, die Luft ist sanft. In den Apfelbäumen beschäftigt sich ein Meisenpaar mit der Erziehung seiner zweiten Brut. Der gewissenhafte Ernst, mit dem die kleinen Wesen ihr Geschäft betreiben, hat etwas Rührendes. Susanna vertreibt die Wolke Melancholie, die sich auf ihre Seele setzen will und wirft den eifrigen Eltern ein paar fröhliche Grüße zu.

Die Straße führt durch erntereife Felder, ein paar späte Kornblumen leuchten blau, und wenn Susanna jetzt einen Hut hätte, sie würfe ihn in die Luft. Es gibt solche Tage. Sie sind selten genug.

Nach einem heiteren Plausch mit der Bäckersfrau nennt sie einen Beutel Semmeln ihr Eigen und macht sich auf den Heimweg. Obwohl sie sich auf den Honig freut, den Elvira, wie sie vermutet, in genau diesem Moment auf den Tisch stellt, hat sie zu Eile keinen Anlaß. Mit weit geöffneten Nasenflügeln saugt sie die herrliche Ernteluft ein. Gemütlich rollt sie mitten auf der Straße ihrem Heim zu, bis sie den großen schwarzen Wagen hinter sich bemerkt. Sie rückt brav zur Seite und winkt den Großen fröhlich vorüber. Der Fahrer tritt aufs Gaspedal und ist mit einem Satz an ihr vorbei. Benommen blinzelt sie in seine Staubwolke.

Wie sie um die Kurve rollt, steht das schwarze Dings vor ihrer Einfahrt. Sie steigt ab, zwängt sich an dem Koloß vorbei. Da bemerkt sie den Fahrer, der sich am Tor zum Nachbargarten zu schaffen macht.

Ach, guten Morgen, Herr Einhorn, ruft sie fröhlich, ist das nicht ein herrlicher Tag heute!

Eisborn, knurrt der Angesprochene zurück.

Oh, Entschuldigung! Guten Morgen, Herr Eisborn, ist das nicht ein herrlicher Tag heute?

Frauen, antwortet der Nachbar und richtet sich zu ganzer Größe auf, Frauen machen ja ohnehin alles falsch, aber im Straßenverkehr sind sie unerträglich. Besonders auf Fahrrädern!

Susanna stutzt einen Moment. Recht haben Sie, Herr Einhorn, sagt sie dann. Wissen Sie, ich sage immer, Frauen sollte die Teilnahme am Straßenverkehr gesetzlich verboten werden. Sie können ja mal ein Gesetz einbringen, Sie sind doch Fraktionär, oder?

Sie schwingt sich in den Sattel und nimmt spielend den kleinen Anstieg zum Haus hinauf, ohne sich weiter umzublicken.

Leute gibt’s, sagt Susanna, und steigt, ohne sich um die Blicke der Neugierigen zu kümmern, ins Bad, während Elvira auf der Terrasse den Tisch fertig deckt. Das Einhorn knabbert inzwischen an der neuen Rose …

Thomas Gerlach

Ehrendes Gedenken an den europäischen Gartenkünstler Carl Eduard Adolph Petzold

Zu den vier bedeutendsten Vertretern der Periode des Landschaftsgartens in der europäischen Gartenkunst neben Friedrich Ludwig von Sckell ( 1750 – 1823 ), Hermann Ludwig Heinrich Fürst Pückler von Muskau ( 1785 – 1871 ) und Peter Joseph Lenne‘ ( 1789 – 1866 ) zählt Carl Eduard Adolph Petzold ( 1815 – 1891 ). Somit ist er einer der renommiertesten deutschen Gartenkünstler des 19. Jahrhunderts. Petzold schuf rund 170 Park- und Gartenanlagen in Polen, in Holland, in Deutschland, in Tschechien, in Österreich, in Bulgarien und in der Türkei. Von ihm erschienen mehr als 30 Publikationen. Petzold wurde am 14.01.1815 in Königswalde ( poln. Lubniewice ) als vierter Sohn in erster Ehe des Pfarrers Carl Friedrich Petzold ( 1783 – 1866 ) und seiner Frau Christiane ( 1789 – 1815 ) geboren. Am 10.08.1891 starb er in Dresden – Blasewitz und wurde neben seiner zweiten Frau Mathilde Friederike Amalie Petzold geb. Eiserhardt ( 1825 – 1881 ) auf dem Tolkewitzer Johannisfriedhof beigesetzt. Zehn Jahre vorher starben bereits am 08. September sein langjähriger Dienstherr ab 1852 Prinz Friedrich der Niederlande ( 1797 – 1881 ) und am 25. Oktober seine Frau. Nachdem der Prinz Petzold am 01.09.1852 als königlich niederländischen Garteninspektor in seiner freien Standesherrschaft Muskau ernannt hatte, wurde er 1854 erstmalig in die Niederlande zur Überplanung der 2.000 Hektar umfassendem Besitzungen bei De Paauw gerufen. Am 10. Juli 1872 berief der Prinz ihn zum Königlichen Park- und Gartendirektor der Niederlande und ihm damit als ersten deutschen Gartenkünstler dieses Amt in den Niederlanden übertrug. Daneben durfte Petzold als selbständiger Landschaftsgärtner tätig sein. Im Juli 1878 schied er aus den Diensten des Prinzen Friedrich der Niederlande. 1982 zog Petzold mit seinem Sohn Walter nach Dresden und erwarb im Oktober 1883 ein Grundstück in Blasewitz in der damaligen Friedrich – August – Strasse der heutigen Prellerstrasse neben seinem Freund Friedrich Preller d. J. zum Bau eines Hauses. Dieses war im Juli 1884 bereits bezugsfertig. Später vermutlich kriegszerstört.
Als europaweit sehr angesehener Gartenkünstler trat Petzold nur gutachterlich 1885 zum Waldpark Blasewitz in Erscheinung. Dazu sind keine Unterlagen erhalten geblieben. Vermutlich ging es dabei um einen Sichtachsenfächer zu markanten Geländepunkten auf den Loschwitzer Höhen.

Eduard Petzold, um 1890
Foto: Archiv Walter Gresky, Baden-Baden


Zu seinem 129. Todestag gibt es am 9. August bereits ab 17 Uhr eine Gedenkvortrags- und Benefizveranstaltung im „ Luisenhof „ zu seinem Wirken in Niederschlesien und in Sachsen als Fachvortrag des Petzoldexperten und wissenschaftlichen Referenten für Gartenkunst Dipl. Ing. Volker A. W. Wittich. Tags darauf dann um 14 Uhr ein ehrendes Gedenken an seiner europäisch bedeutsamen Gedenk- und Doppelgrabstätte auf dem Johannisfriedhof unweit vom Gedenkhain in Dresden – Tolkewitz.

(Noch) unsaniertes Grab- und Gedenkkreuz
Foto: V. Wittich


Foto: V. Wittich


Herzlich Willkommen zu beiden Gedenkveranstaltungen für diesen großartigen europäischen Gartenkünstler C. E. A. Petzold!

Volker A.W. Wittich

Aus Eins mach Vier, gib Binsenkraut…

Der neulich vom Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses (BKSA) gefasste Beschluss zum „Geschäftsbesorgungsvertrag Touristischer Informationspunkt Radebeul West“ besagt nichts anderes, als dass in den seit einiger Zeit etwas verwaisten „Bürgertreff“ ein „touristischer Servicepunkt der Stadt Radebeul“ einziehen soll. Der oben erwähnte Geschäftsbesorgungsvertrag wird dazu mit der Redaktions- und Verlagsgesellschaft Elbland mbH geschlossen, die ebenfalls einzieht. In dem ehemaligen Laden wird künftig auch die Sanierungsbeauftragte ein Plätzchen erhalten und selbstverständlich soll er weiterhin als Bürgertreff zur Verfügung stehen.

Als ich diese Zeilen aus der Beschlussvorlage des BKSA 04/20-19/24 vom 23. Juni dieses Jahres gelesen hatte, schwirrte mir der der Kopf und sofort kam mir die Zeitungsmeldung über die geplante Liquidierung der preußischen Kulturstiftung in den Sinn. Die Kulturstaatsministerin Grütters hatte mit dem Spruch „Aus eins mach vier“ für das fragwürdige Vorhaben geworben.

Nach solchen Meldungen drängen sich einem so allerhand Gedanken auf. Um was geht es hier eigentlich? Alle wollen, ja brauchen vermutlich ein Dach überm Kopf. Aber Dächer sind nun mal in der Bahnhofstraße rar, weil die meisten davon fremden Menschen gehören. Und da drängt sich schon wieder eine Frage auf: Warum eigentlich muss die Stadt die wenigen eigenen Dächer an Fremde vermieten, statt sie selbst zu nutzen? Dies scheint überhaupt so eine Marotte der Stadtverwaltung zu sein. Lieber zieht man irgendwo mit seinen Abteilungen zur Miete ein, als die eigenen Immobilen dafür zu verwenden. Die werden allzu gern an Fremde verpachtet, vermietet oder gar verkauft. Das verstehe wer will…

Ein Dach überm Kopf zu haben ist heutzutage schon von existenzieller Bedeutung, schließlich kann man sich nicht irgendwo eine Hütte bauen oder gar in einer Höhle hausen. Jeder Mensch, aber auch jede Einrichtung braucht gewissermaßen eine Behausung, eine schützende Hülle. Und natürlich muß die Hülle auch einen Hausherren oder eine Hausfrau haben. Aber wie das halt so ist, hier fängt es an kompliziert zu werden. Auf den wenigen Quadratmetern in der Bahnhofstraße Nr. 8 werden sich künftig vier Herrinnen oder Herren drängen. Sicher sind sie nicht Eigentümer dieser Räume, aber immerhin… In diesem Zusammenhang fällt mir doch glatt das altdeutsche Sprichwort „Ein Haus leidet keine zwei Herren.“ ein. Da bin ich mal gespannt, wie das alles zusammengehen soll. Mein Orakel prophezeit Ungemach. Die DDR wollte sich auch immer selber überholen. Vor lauter Rennerei ist ihr am Ende die Puste ausgegangen. Da befürchte ich, dass es auch diesmal nichts mit der „eierlegenden Woll-Milch-Sau“ werden wird. Dabei wurde der „Bürgertreff“ erst im Januar 2017 vom Radebeuler Oberbürgermeister mit sichtlichem Stolz eröffnet und im Laufe der Zeit so perfekt eingerichtet, dass er multifunktionell genutzt werden konnte. Und was hat hier nicht alles stattgefunden! Zahlreiche Ausstellungen, Figurentheatervorstellungen, Talkrunden, Informationsveranstaltungen und Beratungen wurden durchgeführt. Ein Bürgerservice sowie Kinder- und Stadtteilfeste wurden organisiert und die Räume gar an Dritten für eigene Veranstaltungen vergeben.

Mit den häufigen personellen Wechseln flauten die Aktivitäten zusehends ab. Was zu Beginn fast reibungslos lief, entwickelte sich sukzessive zum Störfall. Der Beschluss des Bildungs-, Kultur- und Sozialausschusses kam dann ziemlich abrupt, sodass ich fast vom Hocker gerutscht wäre. Plötzlich soll die ganze Ausstattung entfernt und der Laden neu eingerichtet werden, vermutlich vom Feinsten. Und wohin mit den Bürgern und den „Gelben Säcken“? Sie erinnern sich, dass jeden Mittwoch ein gesprächsbereites „Kommunikationsteam“ unter anderem die heiß begehrte „Ware“ austeilte und dafür auch Ideen einsammelte? Aber vielleicht wird das ja eine Aufgabe dieser neuen Einrichtung, die gewissermaßen auch zum Servicepunkt des ganzen Sanierungsgebietes Radebeul-West erklärt wurde. Nur vom Sanierungsgebiet selber erfährt man in letzter Zeit relativ wenig, wenn man mal von den wunderlichen Vorschlägen für die Verkehrsplanung um die Bahnhofstraße absieht. Ich spüre schon förmlich, wie die Herzen der Händler und Gastronomen höher schlagen werden…

Damit nun auch jedem klar wird, um was es hier eigentlich geht, will ich für unsere Leserinnen und Leser den vollen Wortlaut des Beschlusses wiedergeben:

„Der Bildungs-, Kultur- und Sozialausschuss beschließt in weiterer Umsetzung der Grundsatzentscheidung des Stadtrates zum zukünftigen Standort der Radebeuler Tourist-Information sowie zur Struktur der touristischen Gästebetreuung (SR 21/13-09/14 vom 29.05.2013) und analog zum Geschäftsbesorgungsvertrag zum Betreiben des touristischen Servicepunkts in der Hoflößnitz und Auslobung der Betreibung eines weiteren in Radebeul-Kötzschenbroda (BKSA 01/16-14/19) den Abschluss eines Geschäftsbesorgungsvertrages zum Betreiben eines touristischen Servicepunktes der Stadt Radebeul als integraler Bestandteil des Sanierungskonzeptes bzw. des Händlerleitbildes in Radebeul Kötzschenbroda der Redaktions- und Verlagsgesellschaft Elbland mbH anzutragen. Der Geschäftsbesorgungsvertrag soll im Jahr 2022 evaluiert werden.“ Alles klar?!

Euer Motzi

Die große Treppe – auch als Spitzhaustreppe bekannt

Im Aprilheft von V&R 2019 hatte Herr Axel Fricke – wir kennen uns nicht – begeistert über die Treppe geschrieben, jedoch weniger über das Kulturdenkmal, sondern mehr über den Sport, der da betrieben wird. Er ist offensichtlich jung, treibt selbst Sport und spricht vom sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, aus seinem Blickwinkel ist das völlig okay. Wenn er aber August den Starken und dessen Baumeister Pöppelmann direkt mit dieser Treppe in Verbindung bringt, sollte man das, wie ich glaube, ein wenig genauer betrachten. Da ich schon etwas länger hier wohne, möchte ich Herrn Fricke als einem eventuell Zugezogenen und allen anderen Freunden der Vorschau die lange Geschichte der Spitzhaustreppe in kürzer Form darlegen.

Die ehemals churfürstlichen Besitztümer in der Lößnitz, Haus Hoflößnitz und Spitzhaus, existierten bereits, als man in den 20er Jahren des 18. Jh. auf die Idee kam, beide Objekte durch eine möglichst bequeme Treppe zu verbinden. Der steile, mit Wein bestockte Hang ließ damals eine Wege- oder Straßenverbindung nicht zu. In eine erste Skizze zu einer Treppe soll August der Starke eigenhändig eine Korrektur eingetragen haben. Zu Lebzeiten, er starb 1733, konnte er aber noch kein Baugeschehen an dieser Treppe gesehen haben. Sicherlich war der Hofarchitekt Matthäus Daniel Pöppelmann (1662-1736) in die Vorgespräche und Skizzen einbezogen gewesen, aber es war nicht sein Projekt für eine große Treppe, das dann endlich von 1747-1750 realisiert worden war. Das Projekt für die barocke Treppe wird viel mehr dem Architekten Johann Christoph Knöffel (1686-1752) zugeschrieben. Die Geschichte bis dahin ist nicht restlos gesichert, so viel steht aber fest, es war nicht August des Starken Treppe, allenfalls die seines Sohnes und er kann diese nicht begangen haben. Wie die fertiggestellte barocke Treppe im Detail ausgesehen hat, ist heute kaum noch nachzuvollziehen, jedenfalls hatte sie unregelmäßig lange Treppenabschnitte. 1751 erhielt die Treppe mit dem Muschelpavillon einen oberen Abschluß, einen Zielpunkt für die Aufsteigenden.

Nach knapp hundert Jahren Benutzung der Spitzhaustreppe muß sie aber sehr schlecht beschaffen gewesen sein, denn der Landbaumeister Carl Moritz Haenel (1809-1880) erhielt 1845 den Auftrag, diese in Stand zu setzen. Daraus wurde aber ein neues Projekt mit geänderten Treppenabschnitten und Absätzen – erst zum Zeitpunkt 1845/46 konnte also von der sogenannten Jahrestreppe mit Abschnitten von je sieben Stufen gesprochen werden! Wenn man weiß, wo man zu zählen beginnen muß, bekommt man mit 52×7=364 ein ideales Jahr heraus. Haenels neue Treppe wirkte nun strenger und regelmäßiger als die alte Treppe, sie trug klassizistische Merkmale. Zum Ensemble der großen Treppe kam 1923 dann noch der gestaltete Torbogen zum Weinberg „Goldener Wagen“ dazu. Wenn man den Muschelpavillon als Endpunkt der Treppe betrachtet, müssen wir beim Torbogen vom Anfangspunkt sprechen.

Seit 1846 gingen reichlich 100 Jahre ins Land, in denen die große Treppe genutzt wurde aber immer nur kleinere Reparaturen ausgeführt worden waren. Ich erinnere mich, dass um 1970 die Spitzhaustreppe in einem fast unbegehbaren Zustand war, es bestand akute Unfallgefahr. Die Ursachen sind wohl im Baugrund, in der Wirkung von Oberflächenwasser und auch unterirdischen Wasseradern zu suchen – natürlich war es kühn gewesen, diese Treppe so in den Steilhang zu setzen. 1971 schließlich rief der Rat der Stadt Radebeul die Bevölkerung zu einer Masseninitiative zur Rettung der Treppe auf. Und ich war auch dabei: Unkraut jäten und Büsche roden, einzelne Sandsteinstufen geraderücken und ein paar Fugen zuputzen. Zu einer grundhaften Instandsetzung aber taugte diese Initiative natürlich nicht.

Nach der politischen Wende 1989 kam bald der Wunsch auf, die für Gäste unserer Stadt aber auch für die Einwohner Radebeuls selbst wichtige Treppe bald in einen besseren Zustand zu versetzen. Schließlich war sie ein touristischer Höhepunkt und ein Kulturdenkmal und es bestanden nun technische und wirtschaftliche Möglichkeiten so eine Aufgabe anzugehen. Die Baumaßnahme erstreckte sich über die Jahre 1991/92. Zunächst wurden die wenigen noch intakten Sandsteinstufen von 1845 geborgen und unterhalb der Hoflößnitz als Ergänzung einer anderen Treppe eingebaut. Dann sah das Projekt den Abbruch der Treppenreste und den Bau einer Seilbahn für Materialtransporte vor. Es folgten Drainagen, Baugrundverfestigung und Fundamente und schließlich der Einbau neuer Treppenstufen, Podeste und Ruhebänke aus festem Postaer Sandstein. Komplettiert wurde die neue Treppe mit beidseitigen eisernen Geländern und einer modernen elektrischen Beleuchtung. Das alles konnte die Stadt Radebeul nicht allein stemmen, sie bekam auch staatliche Fördermittel bewilligt. Zu dem Zeitpunkt ahnte hier keiner, dass die Treppe eines Tages für Sportwettkämpfe genutzt werden würde und es gab keine Fördermittel in dieser Richtung. Ob Fördermittel der Denkmalpflege eine Rolle gespielt haben, kann ich zZ. nicht beurteilen. Eine denkmalpflegerische Instandsetzung der vorgefundenen Treppe schied leider aus, weil deren Zustand so desolat war, dass sich die Beteiligten einig waren, dass hier nur ein Neubau nach altem Vorbild in Frage kam. Ja, die Freude über die neue alte Treppe zum Spitzhaus war damals überall in Radebeul zu spüren. Architekt Wolfram Sammler, im Ingenieurbüro Gütler Radebeul zuständig für die Gestaltung, hatte eine nette Idee als Zugabe beigesteuert. Ein von ihm gereimter Text zum Sinn der Jahrestreppe wurde als Bronzetafel(?) im unteren Abschnitt der Treppe angebracht.

Damit der Volksmund Recht behält,
wird künftig erst ab hier gezählt.
Von hier an ist es wirklich wahr,
bis oben hin ergibt‘s ein Jahr.

Aber es dauerte nicht lange, da war sie gestohlen – Souvenirjäger oder Buntmetalldiebe? Gleichwohl verabscheuenswürdig, wie auch andere Zerstörungen an Sandsteinteilen oder an der Beleuchtung. Inzwischen wurde eine neue Messingtafel mit gleichem Text angebracht, hoffen wir, dass sie länger erhalten bleibt. Mit der Zeit hat der helle Sandstein etwas Patina bekommen, heller wirken nur die bei steinmetzmäßigen Reparaturen eingesetzten Paßstücke an den Stufenkanten.

Dann aber, Herr Fricke sprach von 2005, hatten die Laufsportler die Treppe als Trainingsstrecke entdeckt. Aus Training wurde, logisch, ein Wettkampf auf der Treppe, meist im April jeden Jahres. Der Wettkampf wurde bald international als 24-Stunden-Lauf bekannt und entwickelte sich so zum Extremsport. Am Anfang schien das auch der Stadtverwaltung zu gefallen, trug es doch zur größeren Popularität Radebeuls bei. Wenn sich dieses Event dynamisch weiter entwickeln sollte, und das wünschen sich sicherlich die Veranstalter, droht in der sensiblen Lage von Landschafts- und Denkmalschutzgebiet etwas aus dem Ruder zu laufen. Unvorstellbar der Gedanke, es könnten einmal Zuschauertribünen seitlich der Treppe in den Weinberg gebaut werden und kurz darauf würde das Ganze vielleicht noch eine statisch geniale Überdachung erhalten und, und, und so weiter. Irgendwie ist das wie mit der alten Geschichte mit dem Geist in der Flasche, einmal herausgerufen kriegt man ihn nicht wieder in die Flasche. Wie mir kürzlich ein Anlieger an der Treppe erzählte, üben auf der Spitzhaustreppe nun gelegentlich auch „uniformierte Organe“, also Feuerwehr und Polizei, um im Ernstfall genug Kraft und Kondition zu haben. Wo trainiert eigentlich die Feuerwehr in den vielen Orten, die keine Spitzhaustreppe haben? Ganz sicher bin ich mir, dass August der Starke, als er hier von so einer Treppe träumte, nicht an ein Sportevent gedacht hatte.

Als „älteres Semester“ gönne ich es all denen, die mit Sport auf der Treppe Spaß und Ehrgeiz haben, Kampf und Sieg erleben wollen, darunter ein paar, die vielleicht Radebeul sonst nie kennen gelernt hätten, doch bei der Stadt sehe ich die Aufgabe, für diesen Treppensport das richtige Maß zu finden, keine bei anderen Sportarten üblichen Steigerungsraten (höher, schneller, weiter …) in dieser sensiblen Gegend zuzulassen und immer das Wohl der Stadt jederzeit im Auge zu behalten.

Dietrich Lohse

Fotos: D. Lohse

Verwendete Literatur:
„600 Jahre Hoflößnitz“, H. Magirius u. Autorenkollektiv, Michel Sandstein Verlag 2001

„Stadtlexikon Radebeul“, F. Andert u. Autorenkollektiv, Stadtarchiv Radebeul, 2005

„Denkmaltopografie Radebeul“, V. Helas, M. Müller, M. Nitzsche, Sax Verlag 2007

DIE HEILSGESCHICHTLICHE WINDROSE AUF DEM VORPLATZ DER NEUEN PETER PAULS-KIRCHE ZU COSWIG IN SACHSEN (Teil 2)

COSWIG – ALTE KIRCHE PETER UND PAUL 1497 N. CHR.

Schriftart: Renaissance Antiqua

Der Grundherr Nickel von Karras auf Coswig und seine Gattin Frau Anna von Pöllnitz stiften 1496 die Mittel zum Bau der Kirche. 1497 wird sie geweiht. Ihr Altar ist ein zierliches Kunstwerk dieser Zeit mit einem dreiteiligen Altaraufsatz: Im mittleren Schrein Maria mit dem Jesuskind, flankiert von den Nothelferinnen Barbara und Katharina; in den Seitenschreinen in zwei übereinander angebrachten Reihen die übrigen zwölf Nothelfer. Alle Figuren sind lebensecht geschnitzt (und waren farbig gefasst). Sie zeugen von natürlicher Frömmigkeit. (Die Figuren gingen leider durch Diebstahl verloren. Herr Lothar Holube hat sie originalgetreu nachgeschnitzt und die Repliken der Gemeinde geschenkt.)

Die Bewohner von Coswig und Kötitz, vor dem Bau der Kirche in Kötzschenbroda eingepfarrt, bilden Dank der Stiftung seit 1597 die Kirchgemeinde Coswig. Seit 1597 feiert die Gemeinde den Gottesdienst nach der lutherischen Ordnung. (3)

FULDA – DOM 751 N. CHR.

Schriftart: Römische Uniziala

Im Auftrag von Erzbischof Bonifatius wird 744 von dessen Schüler Sturmius das Kloster Fulda gegründet. 751 erfolgt die Grundsteinlegung des Domes. Im gleichen Jahr wird auf Antrag von Bonifatius das Kloster durch Papst Zacharias aus der lokalen bischöflichen Leitung gelöst und dem Papst direkt unterstellt; dadurch erhält es überregionalen Rang.

Zur Vorgeschichte: Die Erhebung des Klosters Fulda ist das Ergebnis von über 30 Jahren Missionsarbeit. 718 legt Wynfred, der Abt von Nursling (Südengland), sein Amt nieder, um sich der Missionsarbeit in Franken zu widmen. Er reist nach Rom. Papst Gregor II. erteilt ihm 719 die Missionsvollmacht für Germanien und verleiht ihm den Namen Bonifatius.
In Franken übt Karl Martell die Regierungsgewalt aus. Er führt Kriege zur Einigung des Frankenreiches. 732 schlägt er die eingedrungenen Berber und Araber bei Pointirs. Er ist an einer streng geführten Landeskirche interessiert und unterstützt die Missionsarbeit.

Bonifatius missioniert zunächst östlich des Rheins. Er weiht u.a. Kirche und Kloster in Fitzlar, die Johanneskirche in Altenbergen, die Klöster in Ohrdruf und Amöneburg – auch in Erfurt und Salzburg – und setzt Äbte ein. Später, als Erzbischof, ist er für die Kirche im gesamten Frankenreich verantwortlich.

Nach 741 baut Bonifatius, unterstützt von Karlmann, dem Sohn und Nachfolger Karl Martells, die Struktur der fränkischen Kirche auf, ein Netzwerk von Bischofsitzen, das über Fulda mit Rom verbunden ist.

Die Gründung des Klosters Fulda 744 und die Verleihung des Zachariasprivilegs 751 sind Höhepunkte im Schaffen von Bonifatius. Danach zieht er sich von seinen Ämtern zurück. Der Achtzigjährige geht noch einmal als Missionar nach Friesland. – Am 5. Juni 754 (oder 755) wird er auf dem Weg zu einer Firmung friesischer Christen zusammen mit seinen 50 Begleitern von Heiden erschlagen. Sein Leib ist im Dom zu Fulda beigesetzt.

Karl Martell und Bonifatius haben das Frankenreich vom Mittelmeer bis zum Atlantik und von den Pyrenäen bis zur Saale politisch und religiös geeint und damit die Grundlage der einheitlichen europäischen Kultur geschaffen.

(http//www,credodox.de/bistum1.htm, 11.07.2016)
(https//de.wikipedia.org/wiki/Karl_Martell, 25.05.17)
(https//de.wikipedia.org/wiki/Bonifatius, 06.03.17)

ROM – PETERSKIRCHE 350 N. CHR.

Schriftart: Römische Capitalis monumentalis

Der Vorgängerbau der heutigen Peterskirche wird im Auftrag Kaiser Konstantins d. Großen (Regierungszeit 306-337 n. Chr.) 322 n. Chr. als fünfschiffige Basilika erbaut. Die Weihe erfolgt 326 n. Chr. durch Papst Silvester I., die Fertigstellung um 350 n. Chr.. Mit diesem Kirchenbau setzt er ein Zeichen; er ist bemüht, das Zentrum des Christentums von Konstantinopel nach Rom zu holen, will die christliche Religion im Römischen Reich zur Staatsreligion erheben. Das erreicht aber erst 380 n. Chr. Kaiser Theodosius I., der in einem Edikt an die Gesamtbevölkerung des Römischen Reiches das nicaeanische Christentum zur Staatsreligion erklärt.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Petersdom)

JESUS – 30 N. CHR. „ICH LEBE UND IHR SOLLT AUCH LEBEN“

Schriftart: Römische Capitalis monumentalis

Diese schlichten, Trost spendenden Worte Jesu Christi aus den Abschiedsreden (Johannes 14, 19) wählt Heinz Koop, um Jesus Christus zu charakterisieren: Jesus aus Nazareth heilt Kranke, lehrt Nächstenliebe und Gottvertrauen, verkündet das Reich Gottes und das ewige Leben auf der Basis der jüdischen Religion. – Die Hohenpriester der Juden in Jerusalem erzwingen zusammen mit ihren Knechten beim römischen Prokurator Pontius Pilatus seine Hinrichtung, die Jesus mit der festen Überzeugung, dass ihn der allmächtige Vater im Himmel erwartet, als Opfertod auf sich nimmt (Johannes 19,12). Jesus Christus wird 30 n. Chr. in Jerusalem gekreuzigt. – Mit seinem Handeln, seinen Predigten und seinem Vorbild formt er das Ethos der christlichen Religion. Sein Bruder Jakobus führt die Bewegung weiter und legt den Grundstein für die erste christliche Gemeinde.

((8) (Gal. 1,19) (Apg. 12.17) (Apg. 21, 15-26))

JERUSALEM – TEMPEL 955 V. CHR.

Schriftart: Hebräisch, Römische Capitalis monumentalis

Gestützt auf die politische und wirtschaftliche Macht, die sein Vater König David (1040 – 965/964 v. Chr.) für Israel erkämpft hat, errichtet König Salomo (965-926 v. Chr.) das Gotteshaus und schafft damit ein religiöses Zentrum. Die Bauzeit beträgt 7 Jahre. Bau und Logistik sind bewundernswert.) ((8) (3 Könige (1 KG) 5-6) (2 Chronik 3-5))

Durch den Tempel verbindet Salomo erstmalig die Gläubigen zu einer großen, an ein Gotteshaus gebundenen Gemeinde. Gott erneuert seinen Bund mit dem Volk Israel. (1. Könige, 6) „Und das Wort des Herrn ging an Salomo: „Mit dem Haus, das du baust, verhält es sich so: Wandle in meinen Satzungen, befolge meine Vorschriften, beachte meine Befehle und wandle nach ihnen! Dann werde ich mein Wort an dir in Erfüllung gehen lassen, das ich zu deinem Vater David gesprochen habe: Ich werde inmitten der Israeliten wohnen und mein Volk Israel nicht im Stich lassen!“ ((8) (3 Könige (1 KG) 11-13))

KONSTANTINOPEL – HAGIA SOPHIA 360 N. CHR.

Schriftart: Griechisch

Unter Kaiser Konstantin dem Großen wird Konstantinopel ein Zentrum des Römischen Reiches und des Christentums. 325 n. Chr. findet unter seinem Vorsitz das Konzil von Nicaea statt; im Streit mit den Arianern entscheidet er: Christus ist Gottes Sohn und Gott gleich. In Konstantinopel fördert er eine reiche Bautätigkeit, auch von Kirchen. 360 n. Chr. wird als christliche Kirche die erste Hagia Sophia errichtet. Das Konzil von Konstantinopel (381 n. Chr.) formuliert das christliche Trinitätsdogma und das „nicaeano-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“, das im Wesentlichen heute noch gilt.

(http:geschichtsverein-könige.de.htm 10.01.2017)

UR – ABRAHAM 1700 V. CHR. ERZVÄTER

Schriftart: Keilschrift

Ur am Euphrat in Babylonien – heute eine Grabungsstätte in der Republik Irak – ist die Geburtsstadt Abrahams ((8) (Genesis 11)). Um 1700 v. Chr. verlässt er Ur. Gott schließt mit Abraham ein Bündnis: „ … da erschien ihm der Herr und sprach zu ihm: „Ich bin der Höchste Gott; wandle vor mir und sei ungeteilt mit mir. Ich will einen Bund zwischen mir und dir stiften und will dich überaus zahlreich machen.“ … „Fortan soll dein Name nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham, denn zum Vater einer Völkermenge will ich dich bestellen.“ ((8) (Genesis 17)). Das ist der Ursprung der jüdischen, christlichen und mohammedanischen Religion. Abraham, sein Sohn Isaak und sein Enkel Jacob werden als die Erzväter bezeichnet.

Brigitte & Siegfried Grunert

Quellen

3. Mai, Hartmut: Alte und Neue Peter Pauls-Kirche Coswig. DKV-Kunstführer

8. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes, vollständige Ausgabe nach den Grundtexten übersetzt und herausgegeben von Prof. Dr. Vinzenz Hamp, Prof. Dr. Meinrad Stenzel, Prof. Dr. Josef Kürzinger. Weltbild Verlag GmbH 1998 Augsburg. ISBN 3-89604-609-8.

Radebeuler LebensArt

Von der Kunst mit Kunst in Gärten zu gehen

Man kann es nicht sehen, riechen oder schmecken. Und doch ist das Corona-Virus gefährlich präsent. Es kam plötzlich und unerwartet, fast wie ein Blitz aus mehr oder weniger heiterem Himmel – nicht nur für Deutschland, nein, weltweit.

Die Ausnahmesituation wurde zur Herausforderung und setzte neue, bisher ungeahnte kreative Kräfte frei. Die Kultur, von engstirnigen Menschen oftmals als Sahnehäubchen verlacht, bekam wieder einen größeren Stellenwert zugemessen. So Manches wird eben erst vermisst, wenn man es nicht mehr hat. Museen, Galerien, Theater, Kinos, Bibliotheken und Clubs wurden geschlossen, Feste und Tanzveranstaltungen untersagt. Öffentlicher Kulturentzug total!

Schon bald war auch klar: Gestreamte Kultur ist kein vollwertiger Ersatz. Doch was ist während einer Pandemie möglich und was nicht? Mit welcher Art von Veranstaltungen könnte eine Wiederbelebung der öffentlichen Räume erfolgen?

Das Radebeuler Kulturamt (das einzige im ganzen Landkreis Meißen) mutierte in Zusammenarbeit mit dem neu gegründeten Radebeuler Kulturverein e. V. zur Ideenfabrik und Schaltzentrale. Man begann ein dichtes kulturelles Netz zu spannen und gemeinsam nach alternativen Lösungen zu suchen. Vieles wurde neu gedacht. Fast so, wie vor drei Jahrzehnten, in den Zeiten des gesellschaftlichen Um- und Aufbruchs.

Immer wieder eingeschlossen in jene kulturellen Nachwende-Erinnerungen, ist der viel zu früh verstorbene Dr. Dieter Schubert (1940-2012), der am 31. August 2020 achtzig Jahre alt geworden wäre und im Januar 1991 im Alter von fünfzig Jahren, quasi als Seiteneinsteiger, die Funktion des Amtsleiters für Bildung und Kultur übernommen hatte. In seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen vermerkte er: „Mein Verständnis von meinem neuen Amt ist ein wenig das eines Gärtners: Wachsen muss alles selbst, wir können von der Stadtverwaltung nur dafür sorgen, dass Licht, Luft und Sonne an die Pflanzen kommt, und der Boden ist zu düngen, manchmal auch umzugraben. Mit Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmitteln werden wir uns zurückhalten. (s. „Vorschau und Rückblick“ 2012/06)

In Anbetracht der außergewöhnlichen Situation reagierten Stadtverwaltung und Fördermittelgeber schnell und unbürokratisch. Kulturelle Zuschüsse wurden umgewidmet und für zahlreiche kleinere Alternativangebote freigegeben, welche die in ihrer ursprünglichen Form ausfallenden Großveranstaltungen wie Karl-May-Festtage, Kasperiade und Wandertheaterfestival kompensieren sollten. Unter der inhaltlichen Klammer „Radebeuler LebensArt“ erfolgte eine „zeitliche und räumliche Entzerrung“. Kunst- und Kulturangebote wurden von Juni bis September über das ganze Stadtgebiet verteilt.

Auch die Radebeuler Stadtgalerie brachte sich ein und startete die Aktion „Kunst geht in Gärten“. Die Vorbereitungszeit war äußerst knapp. Am 12. Mai machte ein erster Aufruf die Runde, in dem es darum ging, sich an einem Projekt zur Unterstützung regionaler Kunst und Künstler zu beteiligen. Angefragt wurde, ob man sich vorstellen könne, den eigenen Garten am 11. und 12. Juli für Besucher als eine Art erweiterten Ausstellungsbereich unter freiem Himmel zu öffnen. Die Resonanz übertraf die Erwartungen der Initiatoren. Schließlich konnten 19 mitwirkungswillige Stationen registriert werden. Über 80 Künstler engagierten sich. Das Galerieteam war für die Leitung des Projektes und die Klärung der Rahmenbedingungen zuständig.

Für die meisten, der teilnehmenden Grundstückseigentümer, war so eine Aktion völliges Neuland. Hinzu kamen die notwendigen Hygiene- und Sicherheitsanforderungen. Aber vor allem galt es zu überlegen, wie und wo sich Kunst in einem Garten stehend, liegend oder hängend präsentieren lässt. Lauben, Veranden, Terrassen, Sandkästen, Gartenberge, Vorgärten, Hecken, Bäume, Mauern, Zäune oder Brunnen wurden dafür hergerichtet. Eimer, Gießkannen, Sack- und Schubkarren sowie sonstige Gartengerätschaften aber auch Ziegelsteine, Gehwegplatten und verrostete Kleinschrott-Überbleibsel erlebten die wundersame Veredlung zu Kunst. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Zwei-Tages-Kunstaktion mit Tobias Wolf am Elbufer
Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Besucher im Garten von Cornelia Konheiser
Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Action Painting mit Klaus Liebscher auf der Wilhelmshöhe
Foto: Sophie Cau

Besucherin mit Goldenem Ei im St.-Nimmerleins-Garten des Lügenmuseums Foto: Reinhard Zabka

 

 

 

 

 

 

 

 

„Auferstehung“ (Detail) von Christiane Latendorf im Kunsthaus Kötzschenbroda Foto: Karin (Gerhardt) Baum

 

„Vino, Virus, Veritas“ (Detail) von Matthias Kratschmer Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Sowohl Einzelkünstler als auch Künstlergruppen wie die Ateliergemeinschaft „Alte Molkerei“, die Künstlergruppe „Spurensuche“, die Ateliergemeinschaft „Oberlicht“ und die Künstler von der „Alten Schuhfabrik“ beteiligten sich an dem Projekt. Mit von der Partie waren die Stadtgalerie Radebeul, die Galerie mit Weitblick, das Kunsthaus Kötzschenbroda, das Café Grünlich, das Café am Spitzhaus, das Sächsische Weinbaumuseum Hoflößnitz, das Lügenmuseum, das Weingut „Drei Herren“ und die Kunstscheune Naundorf. Ihre Gärten öffneten die Künstlerinnen und Künstler Johanna Mittag, Cornelia Konheiser, Annerose und Fritz Peter Schulze, Katharina und Günter „Baby“ Sommer, Ralf Uhlig, Irene Wieland, Gabriele und Detlef Reinemer. Neben den zahlreich mitwirkenden Radebeuler Künstlern erhielten auch einige Künstler des Umlandes die Möglichkeit, sich an dem Projekt zu beteiligen. Wandernde Musiker zogen von Garten zu Garten und erfreuten das Publikum in stimmungsvoller Atmosphäre mit spontanen Darbietungen. Darüber hinaus fanden Mal-, Näh- und sonstige Performanceaktionen statt.

 

Licht-Installation “Garten” in der Alten Molkerei

 

Aktion der Gruppe Kunstspuren mit Quintravers Foto: Irene Wieland

 

Die Bildhauer Detlef und Gabriele Reinemer mit Besuchern in ihrem Garten Foto:Heidi Tyroff

Der räumliche Bogen wurde von West nach Ost sowie vom Elbtal bis hinauf in die Weinberge gespannt. Im größten Garten der Lößnitzstadt, dort wo die Elbe als Quell aller Fruchtbarkeit fließt, erfolgte der Auftakt des zweitägigen Kunstwochenendes. Selbst wenn es dem Performer nicht vollständig gelang, die Elbe an zwei Tagen leer zu schöpfen, schätzte er seine dabei gemachten Erfahrungen und die vielen Gespräche als sehr interessant und erfrischend ein.

Dass sich die Gartentore endlich öffnen, konnten die Besucher kaum erwarten. Viele kamen zu Fuß oder per Rad. Der Flyer mit dem Orientierungsplan bot reichlich Information. Offene Fragen wurden kundig, gern und freundlich von den anwesenden Mitwirkenden beantwortet. Die Besucher zeigten sich aufgeschlossen und kommunikativ. Selbst zu abseitigen Stationen drang man entdeckerfreudig vor.

Wenngleich inmitten des Industriegebietes von Radebeul-West in großen Buchstaben kurzzeitig das Wort „GARTEN“ zu lesen war, hätte die „Alte Molkerei“ wohl eher die Bezeichnung „Anti-Garten“. verdient. Dem in diesem Umfeld paradox wirkenden Auftritt des Gnadenchores auf der Milchrampe mit dem Repertoire aus heimatlichen Volksliedgut lauschte eine sichtlich begeisterte Zuhörerschaft. Allerdings schien sich auch ein etwas kunstfernes Publikum in die Werkstatträume der jungen Künstler (mit Mundschutz) verirrt zu haben, so dass die Reaktionen auf die plastischen Objekte, Installationen und Fotografien im Arbeitsambiente mitunter recht widersprüchlich waren. Man nahm es gelassen, zumal sich zahlreiche Studien- und Künstlerkollegen eingefunden hatten. Sehen will eben gelernt sein und Humor hat man oder hat man nicht. Denn zahlreiche Arbeiten besaßen ein reiches Maß an hintergründigem Witz wie z. B. die temporäre Großplakat-Imitation vorm Zaun auf der gegenüberliegenden Straßenseite. In einer Selbstinszenierung zeigte sich der Künstler unter fiktivem Namen in der Rolle eines Aussteigers als ganzkörperbemalter Naturvolk-Konvertit. Wie schade, dass die Alte Molkerei zum Verkauf steht und eine räumliche Ersatzlösung in Radebeul bisher nicht in Sicht ist.

Aber auch die klassischen Kunst- und Gartenfreunde sind reichlich auf ihre Kosten gekommen. Kunstwerke wechselten ihre Besitzer und gärtnerische Geheimtipps gab es gratis dazu. Allerdings ließen einige Bilder in ihrer leuchtenden Farbigkeit, so manche Blumenrabatte vor Neid erblassen. Auch Nähmaschinen ratterten für Quintravers im Farbenrausch. Zu den floral und wild gewandeten Flötistinnen gesellte sich überraschend eine Tänzerin. Die Lust am kreativen Gestalten war allerorts zu spüren und steckte an. Während Kunst und Kuchen in einem Brunnen genossen werden konnten, fiel im „St.-Nimmerleins-Garten“ ein goldenes Ei vom Himmel. In einem etwas morbiden Vorhaus lauerten wiederum riesige Insektenköpfe den Besuchern auf. Ein allzeitvergnügter Gartenzwerg warb unter dem Motto „Vino, Virus, Veritas“ mit einem genmanipulierten Corona-Virus für die Lösung aller Pandemie-Probleme. Die Kunst wartete als Larve in einer Badewanne auf ihre Wieder-Auferstehung und von Künstlerhand geschriebene Monatssprüche vermittelten an einer hölzernen Wand aus Kellertüren Zuversicht. Im Atelier Oberlicht hingegen war allerlei frisch Gedrucktes im Angebot und der vorgelagerte Kunstpassagenhof wurde zum kleinen Bilder- und Keramikmarkt in kontrastierender Kombination mit einer gebeamten Videoshow.

Hoch über der Elbe zeigten „Boote der Hoffnung“ ins weite Tal. Hier schloss sich der Kreis. Die zweitägige Aktion „Kunst geht in Gärten“ klang in abendlicher Stimmung auf der Terrasse der Wilhelmshöhe aus. Das Kunst-Wochenende, dessen Reiz in einer wohldosierten Mischung aus praktizierter Lebensfreude, Spontanität, Zugewandtheit und Intimität bestand, war ein großer Erfolg und verschmolz für alle, die dabei waren zu einem einzigartigen Fest.

Karin (Gerhardt) Baum

Alle Stationen und mitwirkenden Künstler unter www.vorschau-ruechblick.de, Juli 2020, “Kunst geht in Gärten”

Zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“: Aus dem Alltag an der ehemaligen EOS „Juri Gagarin“ Radebeul im Jahr 1990

Teil 2: 2. Halbjahr 1990

Die Sommerferien zogen herauf und mit dem 6. Juli, dem Tag der Zeugnisausgabe für die 11. Klassen, war den Lehrkräften klar: So leer und überschaubar würde es an der EOS niemals wieder werden, denn längst war durch die Schulbehörde beschlossen worden, dass mit dem Schulbeginn am 3. September die EOS um die Klassenstufen 9 und 10 erweitert werden würde. Seit der Umstellung auf die zweijährige Abiturstufe im Jahr 1982 hatte es bis 1989 immer nur acht Klassen an der „Juri Gagarin“ gegeben, also etwa nur 160 Schüler in der ganzen Schule. Eine überschaubare Zahl, die Vertrautheit untereinander ermöglicht und Anonymität in und zwischen den beiden Jahrgängen weitgehend verhindert hatte. Noch im Juni 1990 war allerdings eine wegweisende Entscheidung für die Zukunft vorbereitet worden. Eine Gruppe von Lehrern, die entschieden den gesellschaftlichen Wandel begrüßten, wollten für die zu Beginn der Sommerferien anstehende Wahl des neuen Direktors Alternativen zum Amtsinhaber Dr. Gerhard Glöckner finden, ohne allerdings selbst kandidieren zu wollen. Mit Rückendeckung des damaligen Radebeuler Volkskammer-, später Bundestagsabgeordneten Dr. Rainer Jork suchte und fand man schließlich in Frank Thomas einen gestandenen Pädagogen und politisch unbelasteten Christen, der zu der Zeit Lehrer für Geschichte, Geographie und Physik an der POS „Martin Andersen Nexö“ in Radebeul-West war. Am ersten Tag der Sommerferien, 7. Juli 1990, wurde er dann auch in einer geheimen Wahl von 24 Vertretern der Schulkonferenz (12 Lehrer, je sechs Eltern- und Schülervertreter) mit 17 von 24 Stimmen zum neuen Schulleiter gewählt. Er setzte sich dabei gegen den bisherigen Direktor Glöckner und eine externe Bewerberin durch. Wie sehr diese geheime Wahl den Beteiligten nahe ging, beweist eine Äußerung des langjährigen Sportlehrers Tassilo Schmalfeld: „Das war der aufregendste (beruflich gesehen) und spannendste Vormittag meines langen Lehrerlebens. Und dazu stehe ich heute noch.“ Frank Thomas hatte in den Jahren zuvor schon einige Zeit vertretungsweise an der EOS Unterricht erteilt und war mit einigen Lehrerinnen und Lehrern der EOS bekannt, wenn nicht gar befreundet gewesen, sodass er also nicht ganz unbekanntes Terrain betrat. Noch heute ist Schulleiter a.D. Thomas in Erinnerung, dass er sich von einer großen Unterstützung des gesamten Kollegiums getragen fühlte und auch das Verhältnis zu seinem Vorgänger Dr. Glöckner gut blieb: „Wir kannten uns schon 15 Jahre und schätzten uns gegenseitig. Deswegen gab es keine Spannungen zwischen uns.“ Beide konnten im Sommer 1990 nicht ahnen, dass ihnen nur ein gemeinsames Jahr als Kollegen vergönnt sein sollte, denn Gerhard Glöckner verstarb nach kurzer schwerer Krankheit Ende Juni 1991.

»Sommer 1990: Blick über den nicht mehr existierenden Sportplatz in Richtung Spitzhaus«
Foto: B. Kazmirowski


Ohne nennenswerte Leitungserfahrung machte sich Frank Thomas mit dem Kollegium daran, das erste Schuljahr unter den neuen freiheitlich-demokratischen Bedingungen vorzubereiten. Die Unterlagen für die erste Lehrerkonferenz am 27. August zeigen das Spektrum der Entscheidungen auf, die zu diskutieren und zu treffen waren. Manche davon betrafen Bereiche, in die sich die Schulen auf dem Gebiet der noch bestehenden DDR erst langsam einfinden mussten. Beispielsweise die Wahl von Schüler- und auch Elternvertretungen, die es in dieser Form bisher nicht gegeben hatte. Anlässlich benannter Konferenz kursierte deshalb auch ein Ausschnitt aus der „Deutschen Lehrerzeitung“, in der „Rahmenempfehlungen für die Ausarbeitung von Schulverfassungsgesetzen“i abgedruckt waren. Darin stand schwarz auf weiß und wurde alsbald also auch an der ehemals als „roten Penne“ verschrienen Lehranstalt gesetzlich abgesicherte Realität: „Der Schüler hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern […]; entsprechend seinem Alter an der Gestaltung des Unterrichts und des gesamten schulischen Lebens mitzuwirken […]“. Die Klassenleiter wurden angehalten, ihre Klassen über die aufgeführten Rechte und Pflichten von Schülern zu belehren. Für uns damalige Schüler wurden vor allem die Rechte dann schnell gelebter Alltag (an Pflichten waren wir ja lange gewöhnt gewesen…), die sich besonders darin manifestierten, dass die bereits im Frühling 1990 unternommenen Versuche, eine Schülerzeitung an der EOS zu etablieren, erneut an Fahrt aufnahmen. Im Mai 1990 war nämlich schon die erste Ausgabe der „Kreuz und Gwär“ benannten Schülerzeitung (Eigenwerbung: „Gegen Langeweile, Disziplin und Gehorsam, für Fantasie, Individualität und kreativen Ungehorsam“) durch vier Schüler der Klassenstufe 11 herausgebracht worden und war damit mutmaßlich die erste Schülerzeitung im (noch existierenden) Bezirk Dresden überhaupt. Dieser Produktion blieb nachhaltiger Erfolg versagt, weil sie einem Großteil der Schülerschaft zu konfrontativ gegenüber der Institution Schule und den gesellschaftlichen Zuständen eingestellt war. Deshalb kursierte mit Beginn des Schuljahres 1990/91 ein Nachfolger auf den Schulfluren: „Carmilhan“. Diese in manuell aufwendiger Weise hergestellte und inhaltlich sowie ästhetisch beachtlich anspruchsvolle Zeitung bestand allerdings auch nur wenige Monate, weshalb bereits zu Jahresbeginn 1991 durch eine neue Redaktion die erste Ausgabe der „Penne News“ unters lesehungrige Schülervolk gebracht worden war.

Schülerzeitung »Carmilhan« 1990/91
Foto: S. Hennig


Ein wichtiger Punkt der Schuljahreseröffnung der Lehrerschaft bestand darin, sich darüber abzustimmen, welche Themen im Laufe des neuen Schuljahres Schwerpunkte werden sollten. Die Vorschläge der Schulleitung geben einen interessanten Einblick darin, was in jener Zeit als drängende (z.T. auch gesellschaftliche) Probleme empfunden wurde: „Drogen – auch eine Gefahr für unsere Schule?“; „Erinnern lehrt vorbeugen – kommt jetzt der Rechtsradikalismus?“; „Brauchen wir eine neue Hausordnung?“; „Beziehungen zwischen Oberschule und Stadt“ sowie „Unsere Partnerschaftsbeziehungen“. Der letztgenannte Vorschlag berührte dabei tatsächlich ein für die damaligen innerdeutschen Beziehungen aktuelles Thema und war in der Lehrerkonferenz ein gesonderter Tagesordnungspunkt. Im vorliegenden Diskussionspapier heißt es: „Die mit einer verständlichen Euphorie von beiden Seiten eingeleiteten Patenschaftsbeziehungen unserer Schule mit Gymnasien der BRD gilt es zu gestalten und zu koordinieren. […] Problematisch sind natürlich Entfernungen und finanzielle Möglichkeiten. […] Im weiteren Verlauf des Papiers werden insgesamt fünf verschiedene Gymnasien in Oberhaching, Puchheim, St. Ingbert, Letmathe/Iserlohn und Sennestadt genannt. Abschließend heißt es: „Nachzudenken ist auch über einen Vertrag, der für Kollegium und Schule gelten könnte. Dazu sollten wir ein Gymnasium ‘aussuchen‘. Die Angebote sind vielfältig. Das Interesse in der BRD scheint groß zu sein. Auch hier sei an Gorbatschows Wort erinnert: ‘Wer zu spät kommt,…‘.“ Wie Frank Thomas im Frühsommer 2020 konstatierte, kam es in den Jahren nach der Wiedervereinigung zu keiner institutionalisierten Form einer Schulpartnerschaft mit einem Gymnasium in den alten Bundesländern, wohl aber zu persönlichen Begegnungen zwischen Pädagogen, wobei einige der so entstandenen Kontakte sogar bis in die Gegenwart gehalten haben.

Überregional machte die EOS im Herbst 1990 in Lehrerkreisen von sich reden, weil an dieser Schule die künftige Interessenvertretung der sächsischen Gymnasiallehrer („Philologenverband Sachsen“) gegründet wurde, wobei Gudrun Schreiner, Lehrerin für Mathematik und Geografie an der EOS, als erste Vorsitzende bestimmt wurde. Dass diese Gründung mit Unterstützung bayerischer Gymnasiallehrer erfolgte, ist ein Ausdruck der damals engen Verflechtung der sächsischen (Bildungs-)Politik mit Bayern und Baden-Württemberg.

Den Unterlagen zur Lehrerkonferenz vom 27. August 1990 ist anzusehen, dass sie unter dem Vorzeichen der Vorläufigkeit und damit auch Unsicherheit standen. Als letzten Hinweis unter einer Vielzahl von Ideen zur konkreten Ausgestaltung des pädagogischen Regimes und organisatorischer Fragen gibt der neue Schulleiter Frank Thomas dem Kollegium zu verstehen: „Diese Empfehlung gilt bis zur Veröffentlichung eines Schulgesetzes für das Land Sachsen.“ Ein solches wurde dann übrigens erst ein knappes Jahr später zum 1.8. 1991 wirksam, womit die aufregende Zeit zwischen dem „nicht mehr“ und dem „noch nicht“ offiziell ein Ende gefunden hatte.

Bertram Kazmirowski

Ich danke Schulleiter a.D. Frank Thomas für eine Reihe wertvoller Hinweise und Einsicht in persönliche Erinnerungen.

Bernd Hanke Räume & Dinge

Fotografik in der Radebeuler Stadtgalerie

Mit dieser Ausstellung beginnt eine neue Reihe in der Stadtgalerie, mit der unter dem Motto „In Radebeul geboren“ > verlorene Söhne und Töchter < aus Radebeul mit ihren Arbeiten zurückkehren.

Der Grafikdesigner, Plakatgestalter und Fotografiker erblickte 1947 in Radebeul das Licht der Welt und wurde mit 4 ½ Jahren, wie er sagt „aus der schönen Lößnitz von den Eltern nach Radeberg entführt“, das heißt die Familie musste umziehen – ein Trauma. Seine Verbundenheit mit Radebeul ist auf zwei Bildern zu sehen. Das Kinderbild in der Biografietafel entstand noch in Radebeul (übrigens mit einem skeptischen Blick auf die Polizistenhandpuppe, der bereits die Skepsis auf die Obrigkeit zeigt, welche sich bis heut hält). Eine weitere Hommage an die Geburtsstadt heißt „Radebeul ist schön“, eine Arbeit, welche einen weiteren Charakterzug darbietet – feine Ironie. Aber in Radeberg gab es zum Glück den Zeichenzirkel von Rosso Majores, wo der 13jährige sein zeichnerischen Fähigkeiten erkannte, auch wenn er gefühlt wochenlang seine linke Hand zeichnen musste. Er absolvierte eine Ausbildung als technischer Zeichner und Werkzeugmacher, erlernte Genauigkeit und ein Handwerk durchaus im wahren Sinne des Wortes. Bis heute muss alles perfekt gearbeitet sein, ob mit dem Stift, am Computer oder mit der Kamera. Nach weiterer Ausbildung zum Werbeökonom und Tätigkeit bei der DEWAG sowie drei Jahren Anstellung als Grafiker bei Elbenaturstein, arbeitet er als Grafiker seit 1982 freiberuflich in Dresden.

Erdgeschoss
Foto: Archiv Stadtgalerie


Bekannt geworden ist Bernd Hanke vor allem durch die Gestaltung von Plakaten in den achtziger Jahren. In der DDR waren Plakate neben den üblichen Propaganda(mach)werken in der Regel mit Kunst verbunden. Man kannte noch keine schreiende Werbung – wofür denn auch. Das Plakat war politisch oder es warb für Veranstaltungen – dann oft auf hohem Niveau künstlerisch gestaltet. Das Dresdner Staatsschauspiel leistete sich eine eigene Theaterplakatgruppe. Werke dieser Gruppe sind bis heute im Gedächtnis der Dresdner geblieben. „Eine Vereinigung von Künstlern solchen Formats, die ob ihrer selbstlosen Zielsetzung und ansteckenden Neugier auf das andere Medium Theater inspirierend wirkte, sucht heute ihresgleichen und war wohl nur in einer bestimmten zeitlichen und personellen Konstellation möglich …“ kennzeichnete Heike Müller-Merten die Gruppe. Bernd Hanke war Mitglied dieser Gruppe. Aber das wohl bekannteste und prägnanteste Plakat „Denkmal nach“ ist bereits ein Klassiker der Dresdner Plakatkunst.

Neben der Plakatkunst ist die Entwicklung von Logos ein Hauptarbeitsgebiet. Bernd Hanke spricht im Übrigen lieber von Signets oder Zeichen. Einigen kann man in Dresden begegnen z. Bsp. bei der Sächsischen Wohnungsgenossenschaft Dresden. Aber auch Zeichen des Radebeuler Lößnitzgymnasiums stammt von ihm. Die Zeichenentwicklung ist aufwendig. Er erkundet zuerst die Hintergründe, sammelt Informationen. Ihn interessiert, was hinter einer Firma, einem Verein, einem Orchester, steckt. Was ist die Philosophie, wer soll erreicht werden? Dann wandert die Idee über das Papier in den Computer. Außerdem nimmt die Künstlerkataloggestaltung viel Raum ein.

Bernd Hanke ärgert sich über schlampige Logos, über lieblosen Schriftsatz, unpassende Schriftarten und er kämpft um jeden Buchstabenabstand. Irgendwann stimmt es und ist letztlich stimmig.

Die Ausstellung in der Stadtgalerie beschränkt sich nun ausschließlich auf das Gebiet der Fotografik. Den Begriff der Fotografik gibt es noch nicht sehr lange. In den einschlägigen Kunstlexika findet man ihn nicht, er wird subsummiert unter die künstlerische Fotografie. Treffend wird die Fotografik von Wikipedia beschrieben als „fotografisch erzeugte Bilder, deren Bildgestaltung und Bildwirkung vorwiegend auf grafischen Elementen beruht.“

Obergeschoss
Foto: Archiv Stadtgalerie


Der erste Eindruck suggeriert, dass viele Arbeiten anscheinend während der laufenden Corona-Epidemie entstanden sind. Leere Räume, leere Stühle, leere Tische. Aber was hier als Zufall erscheint, ist Prinzip. Für das Bild im Treppenhaus des Vatikanmuseums musste er ewig warten, denn in der Regel stürmen Menschenmassen aufwärts zur Michelangelos Sixtinischer Kapelle oder zu den Stanzen des Raffael. Diese sind für den Betrachter Bernd Hanke sehr wichtig, nicht für den Fotografiker. Leere Räume kann man mit Gedanken, gar mit Geschichten füllen – was passiert, wer kommt hier gleich um die Ecke oder die Treppe hinunter. Was verbirgt sich hinter einer Wand, wer setzt sich in den leer stehenden Sessel?
Auf die Spitze getrieben hat er die Leere in Verbindung mit dem Warten, ein Symbol für Zeit und Raum. Natürlich kommt einem Godot in den Sinn. Das Bild mit den zwei Stühlen neben einem Tisch mit Kerze, entstand, als er auf seinen Sohn ewig warten musste. Es ist das einzige mit einem malerischen Charakter. Sonst dominieren Klarheit und Struktur.
Bernd Hanke ist auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, dem speziellen Detail, oder einer ungewöhnlichen Bildfindung, wie beim Putto, der nach dem Kreuz auf der Frauenkirche zu greifen scheint. Das Gesamtkonzept der Casa Battlo von Gaudi begreift am auch mit einem Ausschnitt aus dem Treppenhaus.

So lenkt er den Blick des Betrachters zum einen auf das Wesentliche, zum anderen auf Zusammenhänge. Wie verändert die Zeit einen bestimmten Stadtcharakter, z.B. eine Dachlandschaft in Bamberg oder wieder farbige Wände in Barcelona.
Das grafische Element findet sich explizit sich im Obergeschoss auf einer kleinen Tafel – man kann sie durchaus so nennen. Ein unentdeckter Gerhard Richter sollte man meinen, aber es ist nur die Wand eines Cafés in Venedig aus farbigen Leisten. Streng grafische Bilder entstanden auch in Museen. Eines der wieder aufgebauten Meisterhäuser in Dessau zeigt, wie unterschiedlich man an Rekonstruktionen gehen kann. Man muss nicht steingenau aufbauen. Genau an diesem Haus und in diesem Bild erkennt man die markante Formensprache des Bauhauses.

Markante Details lassen sich auf unterschiedliche Art in zahlreichen Bildern entdecken – ob es ein ramponierter Cafétisch in Rom, ein Gullydeckel in Paris mit Farbkreis oder ein Türbeschlag neben einer gelben Wand in Berlin ist. Der Ästhet entdeckt die Kunst im scheinbar Belanglosen.

Humor und Ironie, durchaus auch Selbstironie, niemals Sarkasmus kennzeichnen Bernd Hanke. „langweilig“ – ein Graffito aus der Neustadt heißt das Bild welches am Eingang den Besucher begrüßt. Es ist eine Provokation. Bernd Hanke provozierte schon zu DDR-Zeiten, hatte mit der Stasi nicht nur einmal zu tun und präsentiert im Pseudo-Stuckrahmen das „verlassene“ Klo des (wirklich üblen) Genossen Generalmajor Böhm. Er war höchster Stasioffizier des Bezirkes Dresden und so besessen, Feinde des Sozialismus zu bespitzeln und zu diffamieren, dass sich selbst seine Mitarbeiter beklagten.
Mit seiner Kunst mischt er sich politisch bis heute ein. Seine Plakate sprechen manchmal eine deutliche Sprache, manches muss man jedoch entdecken. Ein Beispiel hängt im Lichtraum der Galerie mit einer Ober und einer Unterseite. Hier gilt es nachzudenken – ein Hinweis ist die Farbe Blau.

Nach der Wende konnten wir endlich reisen. Und was musste das getrübte Auge erblicken? Auch auf Sylt sieht eine Eigenheimwohnanlage aus, wie der Block des FDGB-Heimes „Frohe Zukunft“ oder halt wie Prohlis. Ein Schild „Buhne“ versperrt den Blick. Buhnen dienen ja dem Küsten- oder Flussschutz und viele kümmern sich darum. Aber wer kümmert sich um den Schutz des dahinterliegenden Landes?

Gegensätze sind ein weiteres Thema. Neben dem wohlgeordneten Regal mit T-Shirts in Wien ist ein Grabbeltisch in Essen zu sehen. Verkaufskultur ist eben auch Kultur und wird in verschiedenen Ländern offenbar verschieden aufgefasst. Ebenso wie die vermeintliche oder die ernsthafte Kultur der Graffitis, beispielhaft dargestellt in Rom und in der Dresdner Neustadt.

Bilder entstehen nicht nur im Kopf. Viele Eindrücke und Motive sammelt der Künstler auf Reisen. Denn kein Land ist wie das andere. Licht, Gerüche, das Leben auf der Straße spielen eine große Rolle.

Das Reisen, welches Bernd Hanke liebt, ist z. Zt. nur eingeschränkt möglich. Vielleicht sieht man sich aber wieder auf der nächsten Biennale 2021 in Venedig – zusammen mit seinem Freund Klaus Liebscher.

Alexander Lange

Editorial August 2020

NEIN!- an die „Maus“, wie sie mein geschätzter Redaktionskollege Dietrich Lohse in seinem Artikel im Januarheft bezeichnet, kann ich mich nicht gewöhnen.So oft ich auch daran vorbeifahre: Das wird nix! Ich spreche vom Gymnasiumsanbau „Luisenstift“, in“Graubraun“. Eine gute Bekannte, von Beruf Museumspädagogin, sprach mich an: „Schreib’ doch mal in „Vorschau & Rückblick“ etwas über diesen … Anbau. In meiner Tätigkeit spielen ja Farben in der Ausstellungsgestaltung, und besonders bei denen für Kinder eine große Rolle. Nicht dunkle, düstere Farben, sondern helle, freundliche sollen Motivation unterstützen und auf bestimmte Themen einstimmen, oder, wie bei einer Schule, Freude auf das gemeinsame Lernen verstärken“ Nun frage ich Sie, liebe Leserinnen und Leser: Würden Sie durch den Anblick dieser Fassade freudig eingestimmt in das Haus gehen? – Um nicht falsch verstanden zu werden, Farbgestaltung von Gebäuden ist ein weites Feld. Aber „Bunker ähnlichen Anstrich“ für ein Schulgebäude?… Möglicherweise greift bei manchen Architekten gerade eine „Mode“ um sich. Ich habe schon in Dresden im Neubaugebiet an der Stauffenbergallee ein weiteres so gefärbtes Gebäude entdeckt. Im Zusammenspiel mit zwei helleren Nachbargebäuden erscheint dies dort einfach nur traurig, genauso wie der Gymmnasiumsanbau.

Nicht nur meiner Meinung nach ist am „Luisenstift“ eine Chance vertan worden, einen „Hingucker.“ zu gestalten. Dass es innen freundlicher ist, tröstet kaum darüber hinweg, dass es von außen eher ein „Weggucker“ wurde. Sehr schade!

Was nun? Zum Farbbeutel werfen rufe ich natürlich nicht auf. Vielleicht mal die Schülerinnen und Schüler fragen, wie die das Ganze sehen – eventuell anders?

Wenn nicht, Ideen sind immer gut!

Ilona Rau

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