Schweizerhäuser in der Lößnitz

Diese Häuserart finden wir vorwiegend in Radebeul, da sich diese aber im Lößnitzgrund über die Stadtgrenze Radebeuls hinaus fortsetzen, habe ich in der Überschrift den Begriff der Landschaft Lößnitz gewählt. Bei den hier dargestellten Schweizerhäusern handelt es sich um eine Gruppe von Häusern in regional geprägten Formen. Eine deutschlandweite Verbreitung fanden die alpenländischen Bauern- oder Landhäuser im 19. Jh., in der Lößnitz, genauer gesagt, in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Solche Beispiele für Schweizerhäuser gibt es u.a. auch in Glienicke bei Potsdam, in der Sächsischen Schweiz (Gasthaus „Lichtenhainer Wasserfall“) und in Dresden auf der Grundstraße. Apropos Sächsische Schweiz, dieser Name für das richtig lautende Elbsandsteingebirge kam erst ab 1800 auf, als die beiden in Sachsen ansässigen schweizer Maler Adrian Zingg und Anton Graff, dieses Gebirge bereisten und malten und sich dabei an ihre Heimat erinnerten – der Begriff steht auch mit dem Zeitalter der Empfindsamkeit in Verbindung.
Im 19. Jh. kam das Reiseziel Alpen stark auf – für diejenigen, die solch eine Reise durchgeführt hatten, war ein Schweizerhaus daheim dann eine schöne Erinnerung, jene aber, und das dürfte die Mehrzahl gewesen sein, die sich diese Reise nicht leisten konnten, hielt das Schweizerhaus in Radebeul den Reisewunsch „Alpen“ weiterhin wach! In unserer Region bot sich bevorzugt der Lößnitzgrund für den Bau solcher alpenländischer Häuser an, es gab ein kaum besiedeltes Tal mit Bach und Mühlen, die Talflanken waren meist bewaldet und zeigten an mehreren Steinbrüchen Felswände. Der Lößnitzgrund stellte im 19. Jh. aber auch ein beliebtes Naherholungsziel mit Gaststätten von schweizer Flair, wie die „Meierei“ dar. Hinzu kamen ab 1884 die Schmalspurbahn und später noch das Bilzbad. Mit etwas Phantasie kam da schon ein Gefühl „wie in der Schweiz“ zu sein auf. Es fehlte nur, dass einer da mit Echoeffekt gejodelt hätte!


Vom Typ her sind die hiesigen Schweizerhäuser Landhäuser, Einfamilienhäuser, oft auch nur Sommerhäuser. Aber auch stattlichere Häuser, die dann eher Villen zuzurechnen sind, wie zB. Paradiesstraße 46, Weinbergstraße 10 oder 26. Es sind aber niemals 1:1- Nachbauten von schweizer Häusern, die hiesigen Architekten und Baumeister dürften nie dort gewesen sein und haben sich nur von Bildern der Originalhäuser inspirieren lassen. Manche haben nur wenig Ähnlichkeit oder entsprechen dem Typus Schweizerhaus nur entfernt. ZB. erscheint mir hier die stärkere Höhenentwicklung der Häuser und die Fenstergrößen durchaus abweichend von den Originalen.

Und wenn sie mir jetzt die Frage stellen sollten: wer baute in unseren Breiten die besten und meisten Schweizerhäuser? Dann lautet die Antwort wieder mal: ja, es sind die Zillers, genauer gesagt die Firma Gebr. Ziller, also Moritz (*28.09.1838 +11.10.1895) und Gustav Ziller (*03.04.1842 +27.02.1901) gewesen. Eine recht gut passende Querverbindung wäre schon, dass Vorfahren der Familie Ziller aus dem Zillertal (Tirol) stammen würden und diese die alpenländischen Haustypen hierher mitgebracht hätten. Das muss ich aber als nicht zutreffend, bzw. nicht nachweisbar darstellen. Durch die Fa. Gebr. Ziller wurde mit den Schweizerhäusern im Lößnitzgrund auf jeden Fall auch eine städtebauliche Wirkung erzielt, im Falle der Eduard-Bilz-Straße, Schweizerstraße („nomen est omen“) und auch in der Zillerstraße wurde das nur ansatzweise erreicht. An den Häuserbeispielen des Lößnitzgrundes erkennen wir, dass hier die Gebr. Ziller einen Grundtyp von Schweizerhaus hatten, der je nach Gelände bzw. Kundenwunsch geringfügig angepasst oder variiert wurde, ähnlich auch in der mittleren Eduard-Bilz-Straße. Andere Architekten und Baumeister wie C. E. Johne, August Große oder Adolf Neumann haben im Untersuchungsgebiet auch Beispiele dieser Mode hinterlassen. Ja, ich spreche absichtlich von Mode und nicht von einem Baustil. Die Übertragung von regionalen Haustypen in eine andere Landschaft, wie Schweizerhäuser nach Sachsen, könnte man durchaus kritisch sehen, weil bei starker architektonischer Vermischung die bauliche Typik einer Region über die Jahre verdrängt würde. Manchmal wurden und werden von ortsansässigen Bauherrn bauliche Urlaubserinnerungen aus Spanien, Schweden oder eben der Schweiz (Dr.-Rud.-Friedrichs-Str. 40) hier mit unterschiedlichem Erfolg ausprobiert. Soweit die Theorie, in der Praxis kann man aber einen architektonischen Mix bis zu einem gewissen Grad akzeptieren und Radebeul ist dafür ein gängiges Beispiel. Seit die meisten Schweizerhäuser in die Denkmalliste aufgenommen worden sind, kann man wohl auch vom weiteren Erhalt dieser Häusergruppe ausgehen.

Was sind nun im Detail die Merkmale der Schweizerhäuser, die sie von anderen Häusern in unserer Region unterscheiden? Zu allererst möchte ich die Dachform nennen: Pfettendachstuhl mit Drempel, flach geneigte (ca. 15 … 35°) Sattel- oder Krüppelwalmdächer mit weitem Dachüberstand (50 … 120cm) an den Giebeln und Traufseiten. Hinzu kommen hölzerne Verzierungen an allen Dachkanten, solche, die eiszapfenartig herabhängen oder aufstrebende Elemente an den First- und Traufenden. Balkone aus Holz befinden sich meist am Giebel, manchmal sogar in zwei Etagen oder auch an den Längsseiten. Die Balkongeländer sind häufig aufwändig mit senkrechten Brettern in der Art barocker Docken geschweift gestaltet. Die Wände über quadratischem oder rechteckigem Grundriss sind massiv (meist Naturstein oder Ziegel) aufgeführt und verputzt, Wandteile davon können in Fachwerk ausgeführt oder verbrettert gestaltet sein und Haussockel erscheinen oft steinsichtig (Syenit). Wir finden stehende Fensterformate, dazu häufig hölzerne Klappläden. Manchmal gibt es auch Risalite auf den Längsseiten, Gaupen und Erker sind original eher selten. Vom Haus Lößnitzgrundstraße 103 habe ich mal ein historisches Typenblatt (Werbung um 1880) kopieren können. Am spannendsten sind darauf die Baukosten von 16 000,- Mark! Klingt preiswert, aber in der Kaiserzeit hieß das Goldmark und das war eine ganz andere Größe als jede spätere Mark!



Die Anzahl der Schweizerhäuser ist hier doch recht groß, im Raum Dresden kenne ich keine vergleichbare Anhäufung derartiger Häuser und sie sind nicht so leicht zu begrenzen. Der Auflistung im Anhang steht eine größere Zahl von ähnlichen oder Schweizerhäusern nur entfernt ähnlichen gegenüber. So zeigen etliche der Beispiele nur einzelne der o.g. Merkmale, andere haben diese über die Zeit (ca. 150 Jahre) bei früheren Sanierungsversuchen eingebüßt.


Oft wurden bei Reparaturen hölzerne Dachzier und der weite Dachüberstand weggelassen oder der Kosten wegen auf ein Minimum eingekürzt. Bei den geringen Dachneigungen kamen in der Zeit nach 1945 statt Schiefer dann oft Dachpappe oder Pappschindeln aufs Dach. Auch muss festgestellt werden, dass sich die Vorschriften für Dachdecker inzwischen verschärft haben: was um 1880 bei Schiefer erlaubt und üblich war, geht inzwischen so nicht mehr. So ist bei ganz flachen Dächern Naturschiefer nicht immer möglich, entweder man entscheidet sich für die teure Schiefer-Doppeldeckung oder man muss in einigen Fällen auf Zinkdeckung ausweichen. Nach 1989 bekamen vor allem als Sommerdomizil errichtete Schweizerhäuser oft unangemessen starke Wärmedämmung verordnet. So war die Weinbergstraße 38 wärmetechnisch nicht zu ertüchtigen und wurde schließlich abgerissen. Dass es auch anders geht, sieht man am Landhaus Bennostraße 23, wo bei einer um 2008 erfolgten Sanierung nach Befund und alter Bauzeichnung alle Merkmale erhalten bzw. so gut ergänzt wurden, dass sich dieses Haus heute als Muster eines Schweizerhauses empfiehlt. Ebenfalls ein Haus, wo sich fast alle Schweizerhausmerkmale erhalten haben, ist am Standort der „Bilz-Pension“ im Lößnitzgrund zu bewundern.

Dietrich Lohse

Fotos: D. Lohse

 

Anhang zu „Schweizerhäuser in der Lößnitz“

Auerweg 2a – August Große – 1875
Augustusweg 5 – Gebr. Ziller – um 1870
Bennostraße 23 – Gebr. Ziller – 1873/74
Borstraße 19 – Gebr. Ziller – 1878
Dr.-Rud.-Friedrichs-Str. 25 – Adolf Neumann – 1893
Eduard-Bilz-Str. 27 – Gebr. Ziller – 1877
Eduard-Bilz-Str. 35 – Gebr. Ziller – 1880
Jägerhofstraße 47 – Gebr. Ziller – 1877/78
Lößnitzgrundstr. 81 – Gebr. Ziller – 1887
Lößnitzgrundstr. 84 – Gebr. Ziller (Meierei) – um 1880
Lößnitzgrundstr. 97 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 99 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 103 – Gebr. Ziller (Bilz Kurhotel) – 1887/88
Lößnitzgrundstr. 107 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 115 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Lößnitzgrundstr. 117 – Gebr. Ziller – 1884/85
Lößnitzgrundstr. 125 – Gebr. Ziller zugeschrieben (Haus am Hang) – um 1880
Lößnitzgrundstr. 126 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1880
Paradiesstraße 46 – Moritz Ziller – 1863
Waldstraße 20 – Moritz Ziller – 1860/61
Weinbergstraße 10 – C. E. Johne (neben Meinh. Turmhaus) – 1853
Weinbergstraße 26 – Gebr. Ziller – 1866/67
Winzerstraße 7 – Gebr. Ziller zugeschrieben – um 1890

Dietrich Lohse

Rauschendes Sommermärchen im zeitigen Frühling

Zur Premiere von William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ am 10./11.3. 2018

»Ein Sommernachtstraum« mit Moritz Gabriel, Michael Berndt-Cananá, Holger Uwe Thews und Jürgen Haase
Bild: H. König

In die Vorfreude auf die Neuinszenierung des „Sommernachtstraums“ hatte sich bei mir in den Tagen zuvor auch ein wenig Furcht gemischt, denn ich hatte die Textvorlage zur Hand genommen und die Figuren durchgezählt, die der große Barde für dieses Stück als Handlungsträger vorgesehen hatte. Es sind 27, nicht mitgezählt „andere Elfen“ und „Gefolge“ als üppiges darstellerisches Beiwerk. Kein Wunder also, dass vor nunmehr 20 Jahren insgesamt knapp 40 Akteure die Bühne bevölkert hatten, als in der Inszenierung Carsten Ramms der „Sommernachtstraum“ auf der Felsenbühne gegeben wurde. Ich weiß noch, wie mich das Verwirrspiel um Lieben und Geliebtwerden damals irritiert hatte und ich am Ende nicht mehr wusste, wer warum und durch wen zum Lieben oder Hassen veranlasst oder davon auch wieder geheilt wurde. Insofern war damit schon die eigentliche Aufgabe für Regisseur Peter Kube und Dramaturgin Uta Girod gestellt: Die verworrenen, sich überlagernden, aber auch gegenseitig bedingenden Handlungsstränge so zu entflechten, dass es für den Zuschauer transparent bleibt. Und das gelang durch Erstellung einer stringenten Spielfassung und damit Konzentration auf das Wesentliche auf bravouröse Weise, sodass nach knapp drei Stunden das begeisterte Premierenpublikum bestens gelaunt in den Frühlingsabend entlassen wurde. Kube und Girod hatten natürlich gegenüber Ramm einen entscheidenden Vorteil, denn sie konnten – anders als es vor 20 Jahren möglich war – auf die großartige, in einem sehr heutigen Deutsch geschriebene, dennoch den Shakespeareschen Sprachwitz auf frische Weise in unsere Hörgewohnheiten überführende Übersetzung Frank Günthers zurückgreifen, die seit Ende der 1990er Jahre die altbackene Fassung Schlegels aus dem 19. Jahrhundert obsolet werden ließ. Und so lässt man sich gleich von Beginn an sehr bereitwillig auf dieses für sich genommen märchenhafte Spiel ein, das zwischen der realen Welt Athens (als Herzog Theseus agiert Matthias Henkel) und dem magischen Reich der Elfen (deren Königspaar Oberon und Titania wird von Grian Duisberg und Sandra Maria Huimann interpretiert) immer hin und her wechselt. Zwischen diesen Welten suchen, finden und verlieren sich die vier jugendlichen Athener Lysander, Demetrius, Hermia und Helena (Felix Lydike, Johannes Krobbach, Luca Lehnert und Julia Rani), an deren unsteten hormonellen Zuständen vor allem Puck Schuld ist. Diese Figur, die üblicherweise durch junge und kleine oder wenigstens drahtige Ensemblemitglieder besetzt wird, gewinnt durch Tom Hantschel eine ganz eigene Note: Dessen Puck ist eine schon leicht altersschwache Elfe, die aber außerordentlich sympathisch in ihrer behäbigen Massigkeit wirkt und dem mitunter rasanten Treiben im nächtlichen Wald eine gemütliche Präsenz á la Balu dem Bären aus dem „Dschungelbuch“ entgegensetzt. Alles andere als Gemütlichkeit verbreiten dagegen vier Athener Handwerker (Michael Berndt-Cañana, Moritz Gabriel, Jürgen Haase und Holger Uwe Thews), die zu Ehren der bevorstehenden Vermählung zwischen Theseus und Hippolyta (Sophie Lüpfert) ein kurioses Theaterstück einstudieren, in denen es – wie könnte es anders sein – auch wieder um zwei Liebende geht, Pyramus und Thisbe. Das hanebüchen amateurhafte, mitunter hektisch-stümperhafte Agieren der vier Männer mit Akkuschrauber, Taschenlampe, Karabinerhaken und Bierflaschen ist so wunderbar komisch und einfallsreich in Szene gesetzt, dass man aus dem Lachen kaum herauskommt. Großartig in diesem „Stück im Stück“ vor allem Michael Berndt-Cañana in seiner zweiten Rolle als Thisbe, bemerkenswert auch Holger Uwe Thews, der vom Habitus her glatt als jugendlicher Rod Stewart durchgeht. Zahlreiche gelungene Einfälle verstärken den inszenatorischen Ansatz, die irreale Binnenhandlung dieses Stück vor allem als einen lang anhaltenden Traum erlebbar zu machen, denen die vier jungen Liebenden in einer warmen Sommernacht ausgeliefert sind. So geht ein Mond in wechselnden Farben auf und unter, flimmern beeindruckende Lichtarrangements über sanftem Klangteppich durch den Bühnenraum, erscheint die Natur belebt durch raschelndes Blätterwerk und schwankende Bäume (Ausstattung: Barbara Blaschke). Wesentlich trägt auch die Wahl der Kostüme zu dem insgesamt sehr überzeugenden Eindruck des Stückes bei. Klug akzentuieren diese die jeweilige Zugehörigkeit zur menschlichen und zur Traumwelt. Während alle Athener (zu denen auch noch Michael Heuser als Egeus zählt) in einfarbigen oder wenigstens gedeckten Kostümierungen zu erleben sind, wahren alle Figuren der Traumwelt in ihren exaltierten Gewändern und Maskeraden auch optisch den Abstand zur Wirklichkeit.

Warum bringt man ein solches über weite Strecken lustiges und unpolitisches Stück in aufwühlenden Zeiten wie den unserigen auf die Bühne? Wäre nicht eine der vielen Shakespeareschen Historiendramen oder Tragödien angemessener gewesen, aus Sicht der Überzeitlichkeit dieser Stoffe einen tiefen Blick in die Abgründe unserer Tage zu wagen? Vielleicht. Aber Humor und Frohsinn sind schon immer subtile Waffen im Kampf gegen Verzweiflung und Ratlosigkeit gewesen. Insofern haben die Landesbühnen an diesem Abend alle Besucher aufs Beste ausgerüstet. Danke.

Bertram Kazmirowski

Aufführungen ab April: 1.4., 7.4., 3.5. Radebeul, 21.4. Meißen.

Ein armer Teufel wünscht sich »die Hölle«

Radebeul, das zeigten gerade wieder die Jubiläumsausstellungen der Städtischen Kunstsammlung und der Stadtgalerie, hat seit langem eine beeindruckende Künstlerdichte aufzuweisen. Schon im 19. Jahrhundert zog es mehr Maler-, Musiker- und SchriftstellerInnen in die an Reizen reiche Lößnitz, als im kollektiven Gedächtnis Platz finden. Zu den inzwischen gründlich Vergessenen zählt auch der einst weit über die Grenzen seiner sächsischen Heimat hinaus bekannte Zeichner und Schriftsteller Carl Reinhardt, der nach bewegtem Leben 1877 als Redakteur und Gastwirt in Kötzschenbroda starb.

Bild: F. Andert, illustrierte Zeitung von 1877


Am 25. April jährt sich Reinhardts Geburtstag zum 200. Mal. Aus diesem Anlass hier ein ursprünglich nicht für die Öffentlichkeit bestimmtes, autobiographisch aussagekräftiges Gedicht, mit dem der damals noch in Dresden ansässige Spaß- und Pechvogel 1867 beim sächsischen König Johann den ersten Band der neuen Prachtausgabe von Dantes »Göttlicher Komödie« zu schnorren versuchte:

»Zürne nicht, mein lieber, guter, gnäd?ger König, wenn ich Dir
Diese Verse voller Füße lege zu den Füßen hier.
Viele kommen, viele bitten Dich um Geld, um eine Stelle;
Ach, ich strebe nicht nach beidem, meine Sehnsucht ist die Hölle!
Jenes alten Dante?s Hölle, die erschien bei Teubner jetzt,
Die Du, lieber gnäd?ger König, hast in?s Deutsche übersetzt,
Die ich gerne haben möchte, und mir doch nicht kaufen kann,
Weil ich bin, Du wirst es hören, ein vierfach geplagter Mann.
Erstens bin ich Maler worden, das bedaur? ich jetzo sehr,
Denn bei diesen schlechten Zeiten kauft ja niemand Bilder mehr!
Es ist schade um die Leinwand, die mit Farben man bemalt;
Conterfeit man Mond und Sonne, es wird nimmermehr bezahlt. –
Zweitens nahm ich mir ein Weiblein schon vor fünfundzwanzig Jahren,
Damit bin ich fast noch schlechter als mit meiner Kunst gefahren.
Sie ist zwar mein liebes Gustel, stets das Herz mich zu ihr zieht,
Doch sie schenkte mir vier Jungen mit gesundem Appetit.
Ach ich ward ein Ugolino, doch ich ward es umgekehrt,
Da nicht ich aß meine Jungen, sondern sie mich aufgezehrt.
Vier Paar Röcke, vier Paar Westen, vier Paar Stiefeln brauchten die,
Wenn mir armen Malerseele ein Paar machten schon viel Müh. –
Drittens bin ich arm wie Hiob, plage mich mit Sorgen schwer,
Doch das hindert mich sehr wenig, bin einmal kein Millionär.
Habe trotzdem Equipage, fahre flott mit Schusters Rappen,
Die mit meines Fahrstuhls Lenker hinter mir beständig trabben,
Da ich viertens, – und jetzt kommt nunerst das schlimmste meiner Leiden –
Mich mit Gicht und Podagra muß schon seit zwanzig Jahren streiten.
Nun sag an, mein gnäd?ger König, bin ich da nicht ohne Zweifel
Einer Deiner ärmsten Sachsen, so ein rechter armer Teufel? […]
Faßt Dich nun ein mild? Erbarmen, ei, so schenk? ein Exemplar
Mir geplagtem Supplikanten, dessen Wunsch es längst schon war.«

Im Gegensatz zu Reinhardts meisten anderen Unternehmungen hatte dieses in trochäischen Achthebern versiert gereimte Bittgesuch den gewünschten Erfolg, der König ließ ihm das Buch zuschicken. Wer mehr über den Zeichner und Schriftsteller, Gelegenheitsdichter und Gastwirt Carl Reinhardt erfahren möchte, hat dazu ab 17. April in einer kleinen Kabinettausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz Gelegenheit. Denn auch der seinerzeit generell recht übel beleumundete Elbtalwein war in Bild und Text wiederholt Zielscheibe seines Spottes. Am 25. April, Reinhardts 200. Geburtstag, lädt das Museum um 19 Uhr zu einer Kuratorführung ein.

Frank Andert

Abschied von einem Freund

Die Nachricht vom frühen Tod des Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Meißen, Herrn Rolf Schlagloth, hat auch in den Reihen des Vereins für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e.V. Betroffenheit und Trauer ausgelöst.

Bild: F. Kratz


Wir durften Herrn Schlagloth als einen stets freundlichen, immer ansprechbaren kompetenten Fachmann kennenlernen. Er war jederzeit bereit, sich unsere Anliegen im Bemühen um den Erhalt des besonderen Charakters der Stadt Radebeul – insbesondere durch großzügige Förderung des Bauherrenpreises – zu eigen zu machen. Als Vereinsmitglied ging sein Engagement weit über das „dienstllich Notwendige“ hinaus.

Seine unverstellte Aufgeschlossenheit werden wir in dankbarer Erinnerung behalten.

Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e.V.

Der Vorstand

Dr. Jens Baumann, Dr. Grit Heinrich, Roland Helmich

Im Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde

Malerei, Grafik und Objekte von André Uhlig in der Radebeuler Stadtgalerie

Der scheinbar banale Titel „Hier und dort“, den André Uhlig zum Motto über diese Ausstellung stellt, drückt die Position des Künstlers im Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde aus. Heimat, das Geborgensein, die Nähe zum Ort der Geburt, sind ihm ebenso wichtig, wie weite Reisen in die Welt, immer auf der Suche nach neuen Räumen, Menschen und Landschaften. In seinen eindringlichen Prospekten und Panoramen beklagt er die Verwüstung öffentlicher Räume durch globale Einheitsarchitektur und bekundet so seine Liebe zum über Jahrhunderte Gewachsenen Lebensraum. Dabei sind seine Bilder eigentlich ohne Pathos, eher realistisch mit einem Hang zur leichten Abstraktion. Vielmehr spürt man das Interesse am Atmosphärischen, Jahreszeit, Wind und Wetter, Farbe, Licht und Spiegelung in einem umschließenden kosmischen Raum. Darin ist er Romantiker. Leider hat die Globalisierung teilweise zu einer weltweiten Vereinheitlichung des urbanen Raums durch hässliche Standards geführt. Ob in Indien, Irland oder Italien (die Uhlig mehrmals bereiste) oder auch hier kommt es zu einer zunehmenden Entwertung natürlich gewachsener Kulturlandschaften. Jedes Volk der Welt besitzt diesen überlieferten Raum, den es zu pflegen und zu bewahren versucht, um sich kulturell und mental zu erden. Das Kapital frisst sich in die Substanz einer Landschaft. Unbefleckte Natur wird zum Luxusobjekt.

Bild: K. (Gerhardt) Baum


André Uhligs Beitrag beginnt mit der oft dunkel leuchtenden Hügellandschaft seiner Heimat Radebeul. Er ist ein Hier-Gewachsener mit Flügeln, die ihn in die Welt tragen. Die Radebeuler Landschaft birgt die gesunden Kräfte für ein stimmungsvolle Malerei. Gestaffelt und strukturiert durch den traditionellen Weinbau mit seinen Terassen wird man unwillkürlich an die ostasiatische Reiskultur erinnert. Ähnlich wie einige Arbeiten von Paul Wilhelm haben die Kohle-und Tuschezeichnungen etwas chinoises an sich, gerade die Grafik, die hier zu sehen ist erinnerte mich daran. Sparsam und stoisch die Wiedergabe von Berg und Tal. Poetisch und unberührt das Bild im Klang der Stille.

»Winter« 2016, Kaltnadelradierung
Bild: Repro K. (Gerhardt) Baum


Natürlich setzt sich Uhlig auch bildlich mit dem Desaster des Raumes auseinander. Zwei Bilder hinter weit geöffneten Fensterflügeln (Mischtechniken von 2011 und 2018) täuschen einen Fensterausblick vor mit dem Blick auf ein böhmisches Dorf im 18. Jahrhundert (Postkutsche) und vom gleichen Standort aus ist der Focus auf das Dorf in unserer Zeit gerichtet. Unwirklich sind die von Highway und Hochhäusern verstellten Berge. Böhmen ist immer wiederkehrendes Thema seiner Grafik und Malerei. Anderenorts ist Böhmische Lieblichkeit untermischt mit ein wenig morbidem Verfall. Ganze Serien hat Uhlig geschaffen. Auf Fußwanderungen von Radebeul bis ins Altvatergebirge entdeckten er und seine Lebensgefährtin Simona Jurk das Gehen beim Wandern, das Schauen und Festhalten des Augenblicks. Zahlreiche Zeichenbücher füllten sich, wie man in der Vitrine sehen kann.

»Spurensuche in Königsmühle« 2016/2017, Farbradierung
Bild: Repro K. (Gerhardt) Baum


André Uhlig verbrachte seine Kindheit in Radebeul. Der Vater, Ralf Uhlig, selbst Maler, förderte das Talent, immer einen „Pinsel in der Hand“. Im Zeichenkurs bei Gerhardt Rost (im Unterricht an der Grundschule) wurden die elementaren Grundlagen gelegt. Privatunterricht bei Dieter Beirich verfeinerte das intensive Sehen und Gestalten. Eine Druckerlehre folgte. Auch die Musik begeisterte den jungen Mann. Mit 17 Jahren nahm er Gitarrenunterricht bei Herbert Voigt in Radebeul. Jahre als Gitarrist der Dresdner Rockband „The Novikents“ folgten. Im Jahr 2000 vervollkommnete er sich in der Lithographie in Kursen von riesa efau. Intensive Beschäftigung mit dem Tiefdruck im „Freundeskreis Tiefdruck“ bei Wolfgang Bruchwitz legte den Grundstein für die Radierung. Insbesondere Kaltnadel und Farbradierung prägten seine Handschrift. In jedem Jahr veröffentlicht der Freundeskreis einen Tiefdruckkalender. 2007 ging Uhlig in die Selbständigkeit nach einer aufreibenden Arbeit als Druckinstrukteur bei der KBA-Planeta AG. Auf Reisen (nach England und Venedig) entdeckte er die natürlichen Erden und Sande aber auch Kaffee, die er seinen Bildern seitdem beimengt, vor allen Dingen bei Mischtechniken und Kohlezeichnungen.

Von den Themen, die Uhlig in seine Bilder nimmt, sind es vor allem weite Felder in der Umgebung, die Weinberge in Radebeul, der Herbstwald in Böhmen (auf zahlreichen Wanderungen mit Skizzen festgehalten), alte Weiden an der Elbe, Ruinen und historische Bauwerke (vor allem in Böhmen), die Steilküste bei Rügen, Wieck, Strand und Straßenzenen in der Dresdner Neustadt, sowie Impressionen von Reisen nach Indien, Italien, Irland, England und anderswo. Soeben ist er aus Indien zurückgekehrt, auf einer vierwöchigen Reise in die Ausläufer des Himalaja hat er die dort lebenden Menschen und die indische Landschaft lieben gelernt. „Indien liebt man oder man hasst´es“. sagt er verschmitzt. Mit einem indischen Freund wurden Projekte realisiert, so ein Workshop mit den Drucktechniken für Kinder.

In Uhligs Bildern herrscht eine Strenge und ein seltsam stiller, sonorer, erdiger Klang. Die Konturen durch das Schwarz stark umrissen, dämmern und dunkeln die Bilder. Die Motive bekommen eine Festigkeit und eine innere Balance, die sich auch in der Bildern von alten Fachwerkhäusern zeigt, deren Statik sich als fest und unerschütterlich erweist. Der böhmische Wald wird zum Geheimnis, besonders im herbstlichen Glanz, die fernen Städte am Mittelmeer, wie Nester an den Berg geschmiegt leuchten und glänzen im Licht. Die harte Kaltnadel hebt das Detail besonders hervor, während die Mischtechniken leicht impressionistisch sind und ein lichter Dunst über die Bilder gelegt ist. Warmfarben sind die Indienbilder, die Häuserreihen am Fluss, ähnlich wie in Venedig mit seiner Poesie des Wassers, der Spiegelungen und Kanäle. Eine Vitrine mit Reise-Mitbringseln, darunter auch ein Flacon mit Gangeswasser, gibt der Ausstellung den letzten Schliff.

Ich danke Ihnen!

Heinz Weißflog

Laudatio zur Ausstellungseröffnung am 16. März 2018
Die Ausstellung wird bis zum 29. April 2018 gezeigt. Am 20. April findet um 19.30 Uhr mit dem Künstler ein Galeriegespräch statt.

Editorial 4-18

Zwischen Town und Zaun!

Die Überschrift klingt zunächst vielleicht seltsam.

Aber sprachgeschichtlich sind die beiden Wörter eng verbündet. Town, der heutige Begriff für Stadt im Englischen, ist tatsächlich der deutschen Sprachwanderung entlehnt und leitet sich von Zaun ab. Dies hat vielerlei Gründe. Viele Städte haben sich in den Jahrhunderten mit Stadtmauern oder Abgrenzungen umgeben. Dresden soll mit seiner einstmaligen Stadtmauer hier nur ein historisches Beispiel sein. Lange Zeit umgab es eine enge Einfriedung im Stadtkern.

Einfriedung, ein schönes Wort.

Dies sollte nur eine Einleitung zu uns nach Radebeul sein. Die Stadt ist reich an schönsten Zäunen.

Fast jedes Haus ist umsäumt von Zäunen. Aus Holz und Metall mit allen Facetten. Daraus hat sich eine große städtebauliche Kultur entwickelt. Viele historische Zäune an zahllosen Villen hatten in den letzten Jahrzehnten ihren Platz verloren. Viele wurden in Sanierungen der letzten Jahrzehnte wieder erschaffen! Ein herrliches Zeichen für die Denkmalpflege und dem Sinn der Restaurierung.

Es wird Frühling.

Fahren Sie mit wachsamen Augen durch die Stadt. Beispielhaft für einen neuen Zaun, der uns aber nicht trennen sollte, sei die neue und überaus denkmalgerechte Einfriedung auf der Marienstraße 21 genannt.

Herzlichen Dank an die Eigentümer für ihre Hingabe!

Sascha Graedtke

Nachtrag zum Artikel über Reinhold Langner

Nachdem der erste Teil meines Textes über den Künstler Reinhold Langner erschienen war,
meldete sich Constanze Herrmann, eine Enkelin des Künstlers, bei mir. Sie war froh, dass sich noch mal jemand mit ihrem Großvater befasst hatte. Bei einem kurzfristig vereinbarten Treffen, erfuhr ich noch ein paar Details aus dem Leben des Künstlers – da war aber der zweite Teil meines Textes schon im Druck. So will ich die Neuigkeiten nun als Nachtrag formulieren.
Die Wohnadresse Hammeraue 27 in Dresden-Briesnitz von Langner, die ich ermittelt hatte, ist richtig, jedoch nur bis 1939. In diesem Jahr hatte er sich in Dresden-Ockerwitz ein eigenes Haus gebaut, bei dem er als gelernter Maurer selbst mitgearbeitet hatte. Und da wohnte er bis zu seinem Tode 1957.

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

Zu den von mir bereits erwähnten Langner-Ausstellungen kommt noch die 2003 in der Bergstadt Schneeberg hinzu; als Holzschnitzer hatte er ja eine besondere Beziehung zu der Schnitzkunst des Erzgebirges. Das Interesse vor Ort war groß.
Einem Hinweis, besser wohl einer schwachen Vermutung, von Frau Herrmann bin ich in der Zwischenzeit nachgegangen und in der „Hoflößnitz“ in Radebeul fündig geworden. Da befindet sich ein von Langner geschnitzter Boden samt Widerlager eines Weinfasses. Hierbei handelt es sich um ein Auftragswerk des Dresdner Weingroßhändlers Valentin Franz. Der Auftrag wurde in den dreißiger Jahren erteilt und Reinhold Langner gestaltete den Boden in Eiche – ein komplettes Fass war nicht bestellt. Der Fassboden diente in den Geschäftsräumen des Weinhändlers als Schmuck, bzw Werbung. Das Weingeschäft in der Grunaer Straße wurde 1945 vollständig zerstört. Der Fassboden konnte durch glückliche Umstände gerettet werden und fand nach dem Krieg dann den Weg ins Radebeuler Weinbau-Museum, ist aber derzeit nicht in der Dauerausstellung zu sehen. Ich danke Herrn Andert, dass ich ihn trotzdem sehen konnte und ich danke auch Herrn und Frau Herrmann aus Dresden für die freundliche Begegnung.
Wenn ich es überschlage, haben wir jetzt vier Spuren von Langners Holzkunst in Radebeul, vielleicht ist das ja noch nicht der letzte Stand?

Dietrich Lohse

Bürgerbeteiligung- aber wie?

In der Mitgliederversammlung von Vorschau & Rückblick Anfang Februar diskutierten wir über die Möglichkeiten von Bürgerinnen und Bürgern, sich zu kommunalen Themen zu äußern beziehungsweise auch Einfluss auf Entscheidungen nehmen zu können. Diese werden in Grundzügen nachfolgend aufgezeigt.
Laut Hauptsatzung der Stadt Radebeul sind der Stadtrat und der Oberbürgermeister Organe der Stadt, zuletzt gewählt am 25.Mai 2014. Die 34 Stadträte/Innen gehören zu sechs Fraktionen: der CDU-Fraktion (11), der Freie Wähler-Fraktion (8), der Bürgerforum/Grüne-Fraktion (5), der LINKEN-Fraktion (4), der SPD-Fraktion (3) und der FDP-Fraktion (2). Eine Stadträtin vertritt die NPD. Stadtratssitzungen sind jeden 3. Mittwoch im Monat . Die Tagesordnungen und Themen finden Sie im Netz unter www.radebeul.de /Einwohnerportal/Stadtrat/Sitzungskalender-Ratsinformationssystem oder im Schaukasten vor dem Rathaus. Im Amtsblatt stehen sie leider nicht- Prinzipiell können Sie sich mit Ihren Anliegen an die von Ihnen gewählte Fraktion wenden, natürlich auch an alle anderen gewählten Vertreter. Die meisten Fraktionen unterhalten ein Bürgerbüro.
Hier sind nun für Sie, liebe Leserinnen und Leser, die einzelnen Büros aufgeführt:
Mitglieder der CDU-Fraktion Radebeul sind nach Anmeldung im Büro des Mitgliedes des Sächsischen Landtages, Dr. Matthias Rößler, in Altkötzschenbroda 32 zu treffen. Unter www.cdu-fraktion-radebeul.de können Sie sich anmelden. Wenn Sie kein Internet haben, wird es schwierig.
Besser geht es bei der Freie Wähler-Fraktion. Hier ist das Bürgerbüro in Altkötzschenbroda 5, dienstags von 10-12 und donnerstags von 17-19 Uhr besetzt, Telefon 0351 47978424, im Netz www.freie-waehler-radebeul.de.
Die Bürgerforum/Grüne-Fraktion öffnet donnerstags 16.30 – 18.00Uhr ihr Büro auf der Güterbahnhofstr.1 in Radebeul-West, im Netz unter www.buergerforum-gruene.de.
Die SPD-Fraktion erreichen Sie im Bürgerbüro des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig auf der Meißner Str.273 in Radebeul-West donnerstags 12-19 Uhr, Telefon 0351 6538989(AB). Im Netz unter www.spd-radebeul.de .
Die Linke-Fraktion ist montags zwischen 9 – 12 Uhr auf der Wasastr. 50 in Radebeul-Mitte zu erreichen, zusätzlich besteht jeden 1.Montag im Monat zwischen 16 – 18 Uhr die Möglichkeit, eine Stadträtin oder einen Stadtrat zu sprechen, Telefon 0351 838165, im Netz unter www.dielinke-radebeul.de.
Die FDP-Fraktion ist unter www.fdp-radebeul.de im Netz zu finden. Der Fraktionsvorsitzende Frank Sparbert ist telefonisch unter 0351 8305106 erreichbar.

Für kleinere Anliegen können Sie sich natürlich auch an Mitarbeiter/Innen der Stadtverwaltung wenden. Sollte das erfolglos sein, dann nur zu, gehen Sie zur öffentlichen Fragestunde immer vor der Stadtratssitzung oder wenden Sie sich an IHRE Abgeordneten.
Viel Erfolg!

Ilona Rau

Ist das Kunst oder kann das weg?

Die Frage, was ist Kunst, bewegt seit Jahrhunderten die Gemüter. Freilich wird sie erst in unserer Zeit so radikal gestellt, was sicher noch auf andere Aspekte in der Entwicklung der Gesellschaft verweist. Und mit dieser Frage schwingt auch immer wieder der Vorwurf des Dilettantismus mit, wobei man heute diesem durchaus positive, befreiende Aspekte gegenüber dem Professionellen zuspricht.
Andererseits hält sich hartnäckig die allgemeine Meinung, dass Kunst eben von Können und nicht von Kunsthonig komme. Markus Lüpertz, ehemaliger Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, pflegte darauf zu erwidern, dass es dann eben „keine Künstler, sonder Könner“ geben müsste.

Kunst kann man sicher nicht erlernen oder lehren, weder an Kunstschulen noch autodidaktisch. Sie ist einem gegeben und nicht zu verwechseln mit handwerklichem Vermögen. Erlernen kann man die Organisation dieser Prozesse. Was aber macht dann Kunst aus? Das Handwerk, wie es Schiller in der Zeit der Aufklärung forderte, ist es also nicht. Allein die naturgetreue Abbildung von Landschaften, das Zeichnen einer Person sind noch keine Kunst. Man erwirbt dadurch Anerkennung, aber keine Künstlerschaft.

Kunst definiert die Wissenschaft als etwas Kreatives, Neues, etwas Einmaliges und somit noch nie Dagewesenes. Es wird also im Idealfall mit ihr und durch sie eine andere Ebene, als die des Faktischen und Wirklichen erklommen. Mehr denken, mehr wagen, über das Erlaubte hinaus. Nicht von ungefähr galten und gelten große Künstler als Visionäre, Vorwegnehmer ihrer Zeit. So etwa wie Alfred Jarry, der 1893 den pervertierten Kleinbürger Udu literarisch zeichnete. Dieser Kleinbürger zog 22 Jahre später klingenden Spiels in den Ersten Weltkrieg. Oder etwa John Heartfields Fotomontage „Krieg und Leichen – Die letzte Hoffnung der Reichen“ von 1932, der mit dieser Arbeit den kommenden Krieg vorhersah.

Grundsätzlich aber existiert kein feststehender Kunstbegriff. Ein Joseph Beuys hat diesen gehörig „durcheinander“ gebracht. Er griff den sich seit den 1920 Jahren entwickelten „erweiterten Kunstbegriff“ auf und setzte ihn mit der vorhandenen Kreativität eines jeden Menschen gleich. Dieses Verständnis tendiert zu der heute festzustellenden Auffassung, dass jeder den Anspruch erheben kann, zu definieren, was Kunst sei, ja, wie Kunst gemacht werden soll. Künstler ist, wer sich als solcher fühlt. Allgemeine Maßstäbe zur Kunst und zu Künstlern gehören somit längst der Vergangenheit an. Dies mag auch der Grund sein, warum die oft langatmigen
Ausstellungseröffnungen mit Reden von sogenannten Kunstexperten und musikalischen Darbietungen in den Galerien und Ausstellungstempeln immer seltener werden, warum aber auch andererseits die Betrachter immer verständnisloser vor den sogenannten Kunstwerken stehen. Der Zugang wird ihm verwehrt, weil den künstlerischen Äußerungen der allgemeinverständliche Ansatz, die Chiffre fehlt, an die der Betrachter oder Leser anknüpfen könnte. Die rein subjektive Kunstäußerung muss somit auf das subjektive Unverständnis stoßen, da der Zugang zur subjektiven Welt des Anderen verschlossen bleibt. Aus diesem Teufelskreis ist schwer zu entfliehen. Man kann sich zweifelsfrei Künstler dünken, ob dies aber auch der andere so sieht, ist nicht ausgemacht. Noch schwieriger aber wird es, wenn man Anspruch auf Öffentlichkeit einfordert. Denn auf der anderen Seite steht nicht nur der subjektive Betrachter, sondern auch der subjektive Verleger oder Galerist, der seinerseits subjektiv entscheidet, was in sein Verlagsprofil oder in seinen Kunsttempel passt.
Ein Recht darauf ausgestellt oder gedruckt zu werden, hat somit niemand, es sei denn, er schafft sich selbst die Möglichkeit.

kuBa

Sachsen dreht am Museumsrad

Heutzutage sind Begriffe dehnbar. Jeder mag unter einer Sache verstehen, was ihm genehm ist. Der Begriff „alternative Fakten“ ist zwar zum Unwort des Jahres erklärt und stellt scheinbar die Welt auf den Kopf, aber man sollte es nicht so verbissen sehen. Alles ist möglich, nichts steht mehr fest: Ist es nun ein Museum oder ist es keins? Woran will man das heute noch festmachen?
Die Sächsische Landesstelle für Museumswesen in Chemnitz und deren Leiterin Katja Margarethe Mieth berufen sich auf die „Ethischen Richtlinien für Museen“ vom Internationalen Museumsrat ICOM und verweigert dem Lügenmuseum in Radebeul die Anerkennung als Museum. Grund: Die Richtlinien werden nicht erfüllt.
Das Vorstandsmitglied der ICOM Deutschland Prof. Dr. Dr. Markus Walz stellt hingegen klar, dass die Richtlinien nur als Handreichungen zu verstehen seien. Liest man dieselben, so ist unschwer zu erkennen dass es sich hierbei um idealtypische Beschreibungen handelt, die auf die tatsächlichen Profile der Einrichtungen herunter zu brechen sind. Wer sie also als Richtschwert benutzt, muss sich fragen lassen, welche „ethischen“ Grundsätze hier hochgehalten werden sollen.
Mit dem Urteil der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen begibt sich die Behörde in auffallende Nähe zu einer schon länger zurückliegenden Bewertung dieses Museums durch die Kulturstiftung Sachsens. Dessen Geschäftsführer schätzte damals ein, dass die Radebeuler Einrichtung keinesfalls zum „Premiumsegment“ der Region zähle und dieser eher Schaden zufügen würde.
Diese Einschätzung war da schon ehrlicher: Das ungewöhnliche Museum, welchem vormals im Bundesland Brandenburg die Anerkennung nicht verwehrt wurde, passt also nicht ins Verständnis des Mainstreams. Mag es daran liegen, dass es zur Entfaltung von Phantasie, zur Schärfung der Sinne, zur Ergründung der Dinge hinter den Erscheinungen, zur Freude an der Kunst und besonders zum Widerspruch anregt? Das Schlimmste aber, was man vermutlich diesem Museum vorwerfen muss ist, keine klaren Aussagen und Positionierungen zu haben. Ein Leitbild sucht man auf seiner Webseite vergebens. Gut, dass es immer wieder Institutionen wie die Landesstelle für Museumswesen und die Kulturstiftung Sachsen gibt, die genau wissen, was der Bevölkerung zugemutet werden kann. Kulturelle Bildung soll schon sein, aber doch nur nach meinem Proporz!
Vielleicht sollten bestimmte Kreise auch einmal darüber nachdenken, ob sie noch auf dem richtigen Dampfer sitzen. Die Welt ist offener und differenzierter geworden. Auch das Verständnis von Kunst und deren Position in der Gesellschaft hat sich gewandelt. Doch der Anspruch an die Kunst aus der Zeit der Aufklärung sitzt tiefer, als man glaubt. Ein Spruch vom „Bayerischen Rundfunk aus den 1990er Jahren scheint sich verfestigt zu haben: „Wir sagen ihnen, was sie hören wollen!“ Und wer nicht hören will, dem entziehen wir die Steuerbefreiung, denn was ein Museum, was kulturelle Bildung ist, bestimmen wir. Ist das Freiheit?!
Ach ja, schon ein Blick ins Besucherbuch dieses Nicht-Museums lohnt sich durchaus und bildet ungemein.

Karl Uwe Baum

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