Wilhelm Rudolph – Dresden 45 Zeichnungen, Lithographien, Holzschnitte

»Strich um Strich wie Wunden«

Zum dritten Mal lädt die Ausstellung Dresdner Kunst Besucher und Kunstfreunde aus nah und fern an den Lößnitzhang, diesmal zur Ehrung des großen Dresdner Realisten Wilhelm Rudolph (1889 – 1982) und zum Gedenken an den Untergang Dresdens in der Bombennacht des 13. Februar 1945 und an die vieltausend Toten dieses mörderischen Angriffs.

Wilhelm Rudolph, in Hilbersdorf bei Chemnitz gebürtig, hat schon früh in seiner Kindheit den im Kreise seiner armen Weberfamilie ungewöhnlichen und nur durch persönliches Talent und privates Mäzenatentum gestützten Entschluß gefaßt, Maler zu werden. Das Studium an der Akademie bei Bantzer und Sterl führte ihn nach Dresden, einer Stadt, die er nach Heimkehr aus dem 1. Weltkrieg kaum noch verlassen hat. Als Maler, insbesondere aber als Holzschneider, hat er sich schon früh, in den zwanziger und dreißiger Jahren, einen Namen gemacht. Auch hat er schon in seinen Ausbildungsjahren erste Erfahrungen mit Tuschfederzeichnungen, ausgeführt mit der Rohrfeder, erworben. Willensstärke und Talent widmet Rudolph dem einzigen ihm darstellenswert Erscheinenden: der Wirklichkeit. Gegenstand ist »alles was sichtbar ist«, Tiere und Landschaften, die Größe der unberührten Natur, aber auch Porträts sind bevorzugte Sujets.

Unter den kunstvergessenen Nationalsozialisten wegen seiner frühzeitig antifaschistischen Wesensart als Professor der Dresdner Kunstakademie 1938 nicht weiter beschäftigt, hat er schon lange vor der Katastrophe im Auftauchen alliierter Aufklärungsflugzeuge über der Stadt das aufziehende Unheil gespürt. Auch der erste Angriff auf das Dresdner Elektrizitätswerk im Oktober 1944 war ihm gleichsam eine Ankündigung des Kommenden.

Der vernichtende Angriff in der Nacht des 13. Februar 1945 zerstörte einen Großteil seines bisherigen Werkes, wie auch der geschnittenen Holzstöcke und nur mit Mühe gelang es Wilhelm Rudolph und seiner Frau einige persönliche und künstlerische Habseligkeiten aus den Trümmern seines Wohnhauses zu bergen, darunter Tusche, Rohrfeder und Zanders-Bütten Papier und wohl auch einige Holzschnittplatten.

Das füglich Gerettete erweist sich in der Hand des Meisters als das einzige, was notwendig war, die vernichtete Existenz Dresdens, dieses einzigartigen italienisch-deutschen Barocktraumes nördlich der Alpen, aufzuheben und mit erregt-besonnenen Strichen in mehr als 200 Tuschfederzeichnungen festzuhalten. Rudolph hat rasch beginnend nach den Schreckenstagen des Februar in einer Art Zwangszustand Straße um Straße, Plätze und Gebäude der Überreste der von ihm so geliebten Stadt in diesen inzwischen berühmten Rohrfederzeichnungen gezeichnet. Parallel dazu hat er in Handzeichnungen die Menschentrümmer, die Heimatlosen und Vertriebenen, die »Trümmer der Wehrmacht« und die vor dem »Aus« stehenden Ausgebombten festgehalten.

Einige wenige, rare Beispiele dieses in der Zeichenkunst in der Mitte des 20. Jahrhunderts als einsamer Monolith aufragenden Werkes zeigt die Ausstellung.

Paar in Trümmern . 1945/46 . Feder, Tusche . 25,2 × 32,7 cm
Bild: Repro G. Klitzsch

Das Dresdner Kupferstichkabinett vereint unter dem Titel »Das zerstörte Dresden« die von Rudolph zusammengestellte Gesamtfolge von 150 Rohrfederzeichnungen wie auch weitere Zeichnungskonvolute.

Moritz Strasse . 1945 – 47 . Holzschnitt . 30,8 × 40,4 cm
Bild: Repro G. Klitzsch

Den Zeichnungen fehlt es trotz der technisch schwierigen Darstellung anonymer Steinhäufungen niemals an Individualität. Das gilt gleichermaßen auch für die in der Ausstellung gezeigten Lithographien, die den Zeichnungen am nächsten stehen, und es gilt auch für die auf der Grundlage des Zeichnungswerkes entstandenen Holzschnitte, die Rudolph gleichfalls schon 1945 – 47 geschaffen hat.

Auch in den Trümmern und Ruinen, in den skelettierten Gebäuderesten und Fassaden, aus denen die Fensterhöhlungen, toten Augen gleich, hervorstarren, bewahren die Straßenzüge und Plätze den Formwillen ihrer Schöpfer, zugleich die Banalität des Menschengemachten bloßlegend und so die geistige Kraft des barocken Dresden auch in der totalen Zerstörung dem Schauenden noch einmal vor Augen führend.

Erhard Frommhold schreibt 1976:
»Natürlich wird nun der Holzstock von ihm … zerrissen, das Messer wütet förmlich im Holz, um Risse und Schraffuren expressiv herauszukratzen. Das Atmosphärische beherrscht nicht nur die skeletthaften Fassaden, die Trümmerlandschaften, sondern auch die in ihnen herumgeisternde Figuren. Die Feder umreißt nicht nur Formen, sie bringt neue Strukturen alter Fassaden hervor, indem sie schwarze Schatten setzt wie Dunkelheiten felsiger Höhlen. Der Stift führt Architektur wieder auf Elementares, auf die zerbrochene Hülle des menschlichen Lebens zurück.« Die Kraft der Zeichnungen und Holzschnitte Wilhelm Rudolphs hält den Terrorangriff und die unmenschliche Zerstörung des Gesamtkunstwerkes »Dresden« und seiner Bewohner über das Gedächtnis unserer Eltern und Großeltern hinaus gegenwärtig. Zu ihrer Wirkung bedürfen sie – wie alle Kunst – der Öffentlichkeit. Den Angriffsopfern, allzumeist Frauen, Kinder und Ältere, ihrem Gedächtnis ist diese Ausstellung gewidmet. Ihres Opfers war sich auch Wilhelm Rudolph bei seiner immensen Arbeit stets bewußt: die Wirklichkeit einer in der Fläche zerstörten Stadt mit den Mitteln seiner Kunst festzuhalten und Zeitgenossen und Nachgeborenen zu überliefern. Sie sind Teil der Seele dieser Stadt geworden. Ihrer zu gedenken, nicht nur am 13. Februar, ist ein Teil unserer Menschlichkeit. Wilhelm Rudolph war nicht der Einzige, der Bilder des zerstörten Dresden geschaffen hat, aber er war der Einzige, dessen Ergriffenheit von der Wirklichkeit in einem solchen Ausmaß überwunden wurde, daß aus ihr eines der größten Zeichnungs- und Holzschnittwerke in der Mitte des 20. Jahrhunderts erwuchs. Sie sind herzlich eingeladen, in dieser Ausstellung große graphische Gestaltungskunst zu erleben, aber auch einen Moment innezuhalten und gewahr zu werden, wes Sie hier eigentlich ansichtig werden.

GK

Ausstellung Dresdner Kunst l Hohe Straße 35 l 01445 Radebeul-West
Ausstellung vom 11.2. – 6.5.2018 l geöffnet Sa, So 11 – 18 Uhr
Ostersonntag (1.4.) geschlossen

Trauerrede für Karl Reiche

Wenn ich an Altkötzschenbroda denke, dann sehe ich Euer Geschäft mit dem frischen Gemüse und dem Hof, das offene Hoftor und im Hof die großen und prächtig blühenden Pflanzen und immer irgendwo mittendrin Karl Reiche. Er gehörte einfach dazu! Bauer Reiche – so nennen ihn die Radebeuler. „Frag mal Bauer Reiche, der weiß bestimmt was!“ Er hatte ein großes Wissen, was die Landwirtschaft und seine Hobbys betraf, aber er kannte eben auch die Geschichte von Altkötzschenbroda und das Leben der Bauern. Er hat den Wiederaufbau des Dorfangers miterlebt, und er war einer, der sich dem Neuen nie verschloss. „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Herren Hand.“ Dieses Lied hat er sich gewünscht, und er hat diese alte bäuerliche Weisheit immer in sich getragen. Unsere Aufgabe ist es, nach bestem Wissen und Gewissen unsere Arbeit zu erledigen. Aber ob es fruchtet, ob es gelingt, ob Leben gedeiht, das liegt nicht allein in unserer Hand! Zu unserem Wollen muss Gott sein Vollbringen geben. Karl Reiche ist viel gelungen. Er war ein guter Sämann. Unter seinen Händen wuchs viel Frucht, von der Ihr, die Kinder, Enkel und Urenkel, von der viele Menschen profitieren konnten. Gott hat immer seine schützenden Hände über ihn gehalten. Viele Male in seinem Leben ist er bewahrt worden. Gott hat ihm ein langes, erfülltes Leben geschenkt. Dafür war er immer dankbar!

Im Volksmund »Bauer Reiche«
Foto: D. Privatbesitz

So wollen wir uns erinnern:
Er wurde am 10. Juni 1920 geboren als viertes von fünf Geschwistern. Mit seiner jüngeren Schwester Gretel hat er Zeit seines Lebens ein enges, inniges Verhältnis gehabt. Sie sind gemeinsam alt geworden. Gretel verstarb vor wenigen Wochen. Die Kinder wuchsen auf dem Bauernhof auf. Arbeit gab es genug. Karl hat in Kötzschenbroda acht Jahre die Schule besucht. Dann ging er auf die Landwirtschaftsschule nach Meißen. Er kam vom Lande. Er kannte sich aus. Er war klug. Er hatte die besten Voraussetzungen, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen. Aber: Es kam der Krieg und die Kriegsgefangenschaft. Die meisten von Ihnen werden sein Buch „Kriegsgefangen“ kennen. Er konnte mit Sprache umgehen. Er hat gern geredet. Wenn man ihn besuchte, musste man immer Zeit mitnehmen. Und er hatte eine ganz akkurate Schrift und eine sehr umfangreiche Korrespondenz bis ins hohe Alter hinein. Durch sein Buch hat er Geschichte wieder lebendig werden lassen. Wir tun gut daran, es weiter zu geben. Die meisten von uns wissen nicht, was Krieg und Gefangenschaft damals bedeutet hat. Karl Reiche beschreibt in seinem Buch, wie er es geschafft hat, das Grauen zu überleben. Aber er verbreitet keinen Hass! Er hat nie aufgegeben. Er kannte die Natur. Er wusste, was helfen kann. So hat er überwunden. Und Gott hat seine schützenden Hände über ihn gehalten. Weihnachten 1949 kam er wieder nach Hause, nach neun Jahren, von denen er fünf in russischer Kriegsgefangenschaft verbracht hat. Die russische Sprache hat er nie verlernt. Anton, ein gebürtiger Pole, half Karls Vater in Kriegszeiten auf dem Bauernhof. Die Freundschaft zu ihm und seiner Familie währte lebenslang. Endlich wieder zu Hause lernte Karl seine Frau Edelgard kennen. Die Hochzeit, die drei Kinder, die Arbeit auf dem Bauernhof.

Es kam die die Zeit der LPG, Typ1, später dann Typ3. Auch darüber hat er geschrieben, und ich hoffe sehr, dass das Buch über das bäuerliche Leben bald erscheint. Auch dieses Buch wird Geschichte schreiben. Er hat mir so oft davon erzählt. Von den Vorsitzenden, den Parteigenossen, die leiten mussten, aber doch keine Bauern waren, sich einfach nicht genügend auskannten. Und heraus kam manchmal der größte Unsinn! Karls Gesundheit war angeschlagen. Von der Kriegsgefangenschaft, vielleicht von so mancher unsinniger Entscheidung, die ihm auf den Magen schlug. Auf jeden Fall arbeitete er ab 1974 als Küchenchef im Gasthof Kaditz. Ich habe mich immer gewundert, wie sicher er sich in der Küche bewegen konnte. Bis ins hohe Alter hinein hat er Obst und Marmelade eingekocht und großzügig wieder verschenkt! Lebensbestimmend waren seine Hobbys: Die Tauben- und die Orpingtonzucht hat er von seinem Vater übernommen und mit großer Sachkenntnis und Leidenschaft weitergeführt. Er war Landes- und Bundesehrenmeister. Internationale Rassegeflügelausstellungen brachten ihm viele Auszeichnungen. Das Vereinszimmer im Hof war voller Ehrennadeln, Pokalen und Urkunden. Mit wie vielen Menschen hat er dort gefeiert! Auch der Wein gehörte zu seinem Hobby. 2016 stand er noch auf der Leiter, um den Wein zu verschneiden! Die blühenden Pflanzen auf dem Hof waren sein ganzer Stolz! Auch nach 2000 gab es noch schwere Zeiten: 2002 die Flut! Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Elbe so hoch steigt. Als er den Hof verlassen musste, war er richtig gealtert! Aber er hat sich erholt. Auch 2008 war ein schweres Jahr. Da starb seine geliebte Edelgard. Er wurde richtig krank! Mit Gottes Hilfe, mit Hilfe seiner Kinder, Enkel und Urenkel hat er überwunden. Im Herbst 2009 erschien das Buch über die Kriegsgefangenschaft. Es wurde ein großer Erfolg. Bis zu seinem 95. Lebensjahr kam er gut allein zurecht. Dann wurde er liebevoll versorgt, umgeben von seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln. Am 29. Dezember 2017 hat Gott ihn im Alter von 97 Jahren und 6 Monaten gerufen. Die Friedenskirchgemeinde in Radebeul Kötzschenbroda war für ihn und seine Familie immer Heimat, und die Bindung wurde mit den Jahren immer enger! Karl Reiche war ein kluger, interessierter und aufrechter Mann, der sich und dem Glauben immer treu geblieben ist. Und er war gesegnet mit einer großen inneren Weite! Das hat ihn so überaus sympathisch und liebenswert gemacht. Jetzt ist er erlöst worden von den Lasten des Alters. Er hat Gottes Nähe so viele Male in seinem Leben erfahren, er wird sie auch im Tod spüren. Darauf dürfen wir vertrauen. Gott spricht: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. (Jesaja 43,1)

Brigitte Schleinitz (Pfarrerin in der Friedenskirchgemeinde von 1994- 2009)

„Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde“

Malerei und Grafik von Renate Winkler in der Evangelischen Akademie Meißen

Die Evangelische Akademie Meißen zeigt in ihrer aktuellen Ausstellung einen Teil der künstlerischen Ernte von Renate Winklers Reisen in den Nahen Osten.

Es war Liebe auf den ersten Blick: weil sie „malen“ wollte, hatte die Radebeulerin Renate Winkler an einer Malreise nach Ägypten teilgenommen. Während ihre Reisegefährten unter der Sonne und der enormen Hitze mehr litten, als sie malten, zeichnete Renate nicht nur, sie verliebte sich auch in die Wüstenlandschaft und ihre Menschen. Diese Liebe ist im Laufe der Zeit ebenso gewachsen, wie ihre Lust am Malen. Es verging seither kein Jahr mehr, in welchem sie nicht auf die Sinaihalbinsel, nach Oman oder Palästina aufgebrochen wäre, um dort zu zeichnen und Menschen zu treffen. Besonderen Gewinn zog sie aus den von Prof. Ulfrid Kleinert geführten biblischen Reisen. Vor Ort wurde, wie sie selbst sagt, das Land mit seinen jahrtausendealten Überlieferungen lebendig, wodurch sie selbst zu einem neuen, gewachsenen Verständnis für die Wurzeln unserer eigenen abendländischen Kultur gelangte und gleichzeitig Anteil nehmen konnte an jahrtausendealter Weisheit. So nimmt es nicht Wunder, daß Renate in ihren künstlerischen Arbeiten zunehmend biblische Themen reflektiert: Abraham und Isaak, der Tanz ums goldene Kalb (der ja heute unseren Alltag bestimmt), Aufstieg zum Mosesberg.

»Stufen zum Mosesberg/Sinai«, 2012
Bild: R. Winkler

Renate Winkler war Fachschullehrerin und Kursleiterin. Über die Keramik – hier lernte sie u.a. bei Lothar Sell – fand sie zur Kunst. Seit Mitte der 1990er Jahre beschäftigt sie sich mit Druckgrafik und gehört seit 2003 der Grafikgemeinschaft Oberlicht um Markus Retzlaff an.

Ihre Orientreisen haben auch ihre Kunstauffassung beeinflußt. Ihre Portraits zeigen die Menschen vorzüglich als Menschen, also nicht von vornherein nach Herkunft klassifiziert.

Die Ausstellung im Kreuzgang des ehemaligen St.-Afra-Klosters zeigt 41 Arbeiten der Künstlerin, darunter Aquarelle aus Sinai, Grafiken aus Jerusalem, Holzschnitte zum 1. Buch Mose, dem ja auch der Titel der Schau entnommen ist. Auch sind Ölbilder zu sehen, in denen sie im Atelier ihre Eindrücke verarbeitete.

Das große Bild „Mauer in Bethlehem“ entstand in seinen Grundzügen während der WUKAMENTA 2017 auf dem Neumarkt in Dresden in ihrem temporären „orientalischen Atelier“, was schon vor Ort heftig diskutiert wurde. Auch dabei, erzählt die Künstlerin, gab es zum Teil bedrängende Erlebnisse. Das Bild zeigt die Ergriffenheit der Malerin angesichts der Tatsache, daß die Nachkommen der ungleichen Brüder Ismail und Isaak bis auf den heutigen Tag nicht zueinander gefunden haben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. 2. 2018 in Meißen zu sehen, eine telefonische Anmeldung (03521 4706-0) wird empfohlen.

Thomas Gerlach

„Bilz – Ein sächsischer Visionär“


Anlässlich des Veröffentlichungsjubiläums des Hauptwerkes von Eduard Bilz laden der Bilz-Bund für Naturheilkunde e. V. und der Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e. V. zum Vortrag „Bilz – Ein sächsischer Visionär“ von Frau Dr. Marina Lienert ein. Der Vortrag findet am Freitag den 23. 2. 2018, 19:30 Uhr im Vortragsraum der Bibliothek Radebeul-Ost statt.

Bild: Bilz-Bund für Naturheilkunde e.V.

Vor 130 Jahren, im Februar 1888, veröffentlichte Friedrich Eduard Bilz (1842-1922) erstmalig „Das neue Heilverfahren und die Gesundheitspflege“ als 1. Band des zweibändigen Werkes „Das menschliche Lebensglück. Ein Wegweiser zu Gesundheit und Wohlstand durch die Rückkehr zur Natur“ (im Selbstverlag). Damit begann der Aufstieg des Webergesellen, Kolonialwarenhändlers und Autodidakten zum Bestsellerautor, der 3,5 Millionen Exemplare des bald in „Das Neue Naturheilverfahren“ umbenannten und im Volksmund als „Bilz-Buch“ bekannten Naturheilkunde-Buches verkauft haben soll. Es war nach einer Erhebung aus dem Jahr 1907 das in sächsischen Arbeiterhaushalten am häufigsten vorhandene Buch. Bilz hat es bis zu seinem Lebensende immer wieder überarbeitet und um die neuesten Verfahren erweitert. Zum Verkaufserfolg trugen seine modernen Werbe- und Vertriebsmethoden bei, für die er insbesondere von Ärzten hart kritisiert wurde. Auch der Erfolg seines Naturheilsanatoriums war ihnen ein Dorn im Auge, weshalb sie mehrfach dessen Schließung verlangten. So schwankte sein Bild in der Öffentlichkeit zwischen Begründer der Naturheilkunde und gierigem Scharlatan und Kurpfuscher, der mit unwissenschaftlichen Methoden gutgläubige Patienten um Geld und Gesundheit brächte.

Eduard Bilz, um 1910
Foto: Bilz-Bund für Naturheilkunde e.V.

Zu seinen Lebzeiten gehörte er neben Kneipp und Lahmann zu den bekanntesten Vertretern der Naturheilkunde, heute ist sein Name nur noch in Sachsen, an seinen Wirkungsstätten bekannt. Doch trifft man noch so Manchen, in dessen Bücherregal ein ererbtes „Bilz-Buch“ steht. Die prächtigen Jugendstil-Bände lassen nostalgische Erinnerungen wach werden; dienten doch deren bunte aufklappbaren Körper-Darstellungen oft heimlich den Heranwachsenden zur ersten sexuellen Aufklärung – ein Effekt, der von Bilz durchaus beabsichtigt war. War er doch Lebensreformer im umfassenden Sinne, der sich die Aufklärung der Menschen in den verschiedensten Lebensbereichen zur Aufgabe gemacht hatte. Das war der Antrieb, 1882 sein erstes Buch „Der Schlüssel zur vollen menschlichen Glückseligkeit oder Umkehr zum Naturgesetz. Ein Beitrag zur Lösung der zeitgemäßen Frage: Wie hat die heutige Menschheit sich einzurichten, wenn sie Siechtum, Krankheit, Armut und sonstiges Elend meiden und den Vollgenuss der irdischen Glückseligkeit dauernd erringen will?“ zu veröffentlichen.

Seine darin geäußerten Vorschläge zur Gesellschaftsreform scheinen aus heutiger Sicht etwas naiv, vertraute er doch auf die Vernunft der Menschen. Doch solche Forderungen wie nach einem „Grundgehalt“ (entspricht dem heute viel diskutierten und erprobten bedingungslosen Grundeinkommen), nach Arbeitszeitverkürzung auf vier bis sechs Stunden täglich sowie nach einer – modern ausgedrückt – nachhaltigen Wirtschaftsweise scheinen wieder sehr aktuell und heute besser zu verwirklichen als je zuvor.

Bilz ging davon aus, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse den Menschen formen, und forderte deshalb deren Veränderung, die von immer besser und umfassender gebildeten Menschen ausgehen sollten. Deshalb stellte er die Erziehung der Kinder an den Anfang aller Bemühungen. Er hat versucht, seine Ideale zu leben. Das größte Denkmal errichtete er sich selbst, als er 1905 ein Licht-Luft-Bad eröffnete – das heutige beliebte Bilz-Bad – wie er es schon 1882 beschrieben hatte. Damit war er der einzige Naturheilkundler oder Naturarzt, der einen Teil des erworbenen Wohlstands zur Verwirklichung seiner lebensreformerischen Ideale einsetzte.

Dr. Marina Lienert

Beseelt von der Kraft der Musik

Zum 90. Geburtstag von KMD i.R. Hans-Bernhard Hoch

Schon beim Eintritt in die Wohnung höre ich Klavierspiel, sanft flutet es die Räume und schafft eine Stimmung, die mich willkommen heißt. Hans-Bernhard Hoch sitzt am Instrument, die Finger gleiten unangestrengt über die Tasten, mit lockerer Hand durchmisst er die Oktaven, ein Lächeln schenkend dem Besucher. Noten braucht der KMD i.R. nicht, dazu hat er sich viel zu viele Jahrzehnte im Improvisieren geübt und seine Intuition dafür geschärft, welche Töne angeschlagen werden müssen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Wüsste man nicht, dass hier der älteste noch lebende Kunstpreisträger der Stadt Radebeul musiziert (Hans-Bernhard Hoch erhielt ihn 2004 in Würdigung seines fast vierzigjährigen Schaffens als Kantor an der Friedenskirche Kötzschenbroda), würde man einen jüngeren Menschen erwarten. Wie gut, dass Musik durchs Ohr (und nicht durchs Auge!) ins Herz und ins Hirn geht, denn so ist man nicht voreingenommen davon, dass der bald 90-Jährige natürlich heute nicht mehr derjenige sein kann, als den ihn viele langjährige Freunde der Kirchenmusik in Erinnerung haben: als energiegeladenen, beweglichen und mitreißenden Kantor, der Chöre, Kurrende und Orchester einst zu Höchstleistungen führte. Dass das Alter von jedem Menschen Tribut fordert ist eine Binsenweisheit, aber Altkantor Hoch scheint (s)ein Mittel schon lange gefunden zu haben und beharrlich zu pflegen, womit er sich dagegen so gut wie möglich wehrt: Musik in hoher Dosis! Nicht nur tägliches eigenes Spiel, sondern auch regelmäßige Konzertbesuche gemeinsam mit seiner Frau Ilse verschaffen ihm nach wie vor Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt Dresden, wohin das seit 1954 verheiratete Paar nach mehr als 60 Jahren in Radebeul 2016 gezogen war, um in einer altersgerechten Wohnanlage der Diakonissenanstalt bessere Bedingungen für die verbleibende Zeit zu finden. Auch Konzertübertragungen im Fernsehen, wie etwa vor Weihnachten der Auftritt des Kreuzchors im Dresdner Stadion oder das Adventskonzert aus der Frauenkirche, verfolgt der Altkantor mit Interesse, denn natürlich bemerkt er als langjähriger Kenner der Materie Entwicklungen in der Aufführungspraxis, vor allem bei chorischen Werken. Achtete man zu seiner aktiven Zeit strenger darauf, dass sich die Musik als Diener am Text verstand, so ist es heute manchmal umgekehrt, gilt der musikalische Effekt mehr als die Botschaft des Textes. Einmal, so erzählt mir Kantor Hoch mit Schmunzeln, kam er darüber sogar mit Christian Thielemann ins Gespräch. Der renommierte Stardirigent der Staatskapelle war für seine Interpretation des Bachschen Weihnachtsoratoriums kritisiert worden, denn Thielemann hatte dieses in unseren Breiten sehr bekannte und beliebte Werk zuvor noch nicht dirigiert und es mit seinem romantischen, an Bruckner, Wagner und Brahms geschulten Musikverständnis überformt. Verübeln könne man ihm das zwar nicht, so Hoch, aber einige wohlgesetzte Einlassungen bestimmter Aufführungstraditionen das WO betreffend, das Hans-Bernhard Hoch selbst zwei Dutzend Mal zum Erklingen gebracht hatte, hörte sich Thielemann dann doch mit Interesse an. Apropos Interesse: der Altkantor verfolgte aufmerksam aus dem Zuschauerraum die Aufführung des geliebten Weihnachtsoratoriums in „seiner“ Friedenskirche im Dezember 2017 unter der erstmaligen Leitung seines Nach-Nachfolgers, Peter Kubath. Obwohl die beiden noch immer Mitglieder der Kantorei sind, so hat Hans-Bernhard Hoch dennoch inzwischen von der aktiven Mitwirkung Abschied genommen, denn zu beschwerlich ist ihm das lange Stehen geworden. Seine Frau dagegen singt nach wie vor mit Hingabe im Alt. Hans-Bernhard Hoch freut sich darüber, dass die Kantorei weiter blüht und mancher Samen, den er vor Jahrzehnten legte, aufgegangen ist. Auch die Arbeit seines unmittelbaren Nachfolgers, Karlheinz Kaiser, schätzt er. Die Breite an Chorliteratur, die während dessen Amtszeit erarbeitet wurde, nötigt ihm Respekt ab und lässt ihn dankbar auf die mehr als 20 Jahre zurückblicken, in denen er unter Kantor Kaiser den Bass im Männerchor verstärkte.

Hans-Bernhard Hoch
Foto: B. Kazmirowski

Welche Pläne und Wünsche kann einer noch haben, wenn er vor seinem 90. Geburtstag steht? Hans-Bernhard Hoch wiegt den Kopf. Nach Bad Pyrmont möchte er gern wieder im Sommer reisen, dort gefällt es den Hochs sehr gut. Weit entfernt liegende Orte reizen sie nicht mehr, obgleich sie noch immer dankbar dafür sind, in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten u.a. berühmte Städte wie Rom und Athen besucht und ausgiebig Regionen wie Süddeutschland und das Loiretal in Frankreich erkundet zu haben. Seine Kinder, Enkel und Urenkel möchte er gern regelmäßig um sich haben, so wie jetzt am ersten Februarwochenende, wenn die Sippe zum Jubiläum in Dresden zusammenkommt. Und natürlich wünscht er sich, noch möglichst viele Jahre bei passabler Gesundheit zu sein, damit sich seine liebevoll kümmernde Frau nicht zu sehr um ihn sorgen muss. Und, frage ich zum Abschluss des anregenden Gesprächs, wen würde er gern als Überraschungsgäste zum Geburtstag einladen, mit wem würde er gern einmal plaudern, wenn es denn möglich wäre? „Johannes Brahms“ kommt es wie aus der Pistole geschossen. Er ist Hochs Lieblingskomponist, dessen 1. Sinfonie schätzt er besonders. Wen noch? „Den Dirigenten Herbert Blomstedt“, entfährt es ihm. Blomstedt, der bereits 90 ist, sei ein Vorbild für ihn, da er im hohen Alter noch bemerkenswerte künstlerische Leistungen vollbringe. Und welche Sänger? „Adele Stolte, Britta Schwarz und Andreas Scheibner“, braucht er nicht lange zu überlegen. Mit diesen Künstlern hat Kantor i.R. oft zusammengearbeitet, hat sie zu seinen Zeiten als Solisten engagieren können. Aber auch ohne diese Musiker wird Hans-Bernhard Hoch eine würdige Feier begehen können, da bin ich mir sicher! Lieber Hans-Bernhard Hoch, „Vorschau & Rückblick“ schließt sich den vielen Gratulanten mit herzlichem Glückwunsch zum 90. Geburtstag am 30. Januar an!

Bertram Kazmirowski
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Wer mehr über den beruflichen und künstlerischen Werdegang von Hans-Bernhard Hoch erfahren möchte, dem sei das umfangreiche Porträt in der Ausgabe 1/2003 von „Vorschau & Rückblick“ empfohlen.

Editorial Februar 2018

Ich bekomme täglich ca. 10-15 Mails. Vorwiegend beinhalten sie Informationen über bundesweite oder auch regionale Initiativen, die gestartet wurden, um Missstände zu beseitigen oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Vor ein paar Tagen erhielt ich eine etwas andere Mail. Es war die Ankündigung der Auslobung des David -Schmidt -Preises für soziales und sozialpolitisches Engagement.

Ich hatte leider nicht das Glück, diesen jungen, engagierten SPD-Abgeordneten im Stadtrat von Radebeul kennenzulernen. Er ist mit nur 29 Jahren vor fünf Jahren gestorben. Sein junges Leben muss aber so beeindruckend für alle, die ihn kannten, gewesen sein, dass Freunde von ihm diesen Preis initiierten. Neugierig geworden, begann ich im Netz nach den Nominierten und Preisträgern des vergangenen Jahres zu recherchieren. Vierzehn Nominierte (zehn Vereine und Gruppierungen, vier Personen), waren vorgeschlagen worden. Wen fand ich da? Die Initiative „Face2Face“, die Begegnungen von jungen Menschen, egal welcher Herkunft organisiert. “Goldstück e.V.“ stellt den Kontakt zwischen Alt und Jung her, um der Vereinsamung alter Menschen etwas entgegenzusetzen. Die Initiative „Malika“ unterstützt geflüchtete Frauen und Una Rieß-Stadtnick kümmert sich in ihrer ganzen Freizeit um Flüchtlinge, hilft ihnen die schwierigen Gänge zu Behörden zu bewältigen. Die Gruppe „Augen auf-Zivilcourage zeigen“ aus Zittau nennt in ihren Neujahrswünschen ihre Ziele: „Lasst uns gemeinsam stark engagiert, offen und menschlich sein. All die negativen Energien von Hassern, Hetzern und dummen Menschen brauchen wir nicht!“. Dies sind nur einige Beispiele. Unter www.david-schmidt-preis.de finden Sie alle, einschließlich der Preisträger. Ich freue mich über diese Menschen, die durch Engagement Dinge verändern, die nicht hinnehmen, dass angeblich nichts zu ändern ist. Wir sollten uns von solchen Menschen und deren Initiativen motivieren lassen.

Ilona Rau

Interieur Underground `89

Eröffnung eines neuen Ausstellungsraumes im Lügenmuseum

Wir stellen uns vor.
Wir stellen uns vor, Stille herrscht, vollkommene Stille. Wir hören nur das Blut in den eigenen Ohren und eine Uhr irgendwo. Die Uhr tickt. Leise tickt sie, unaufhörlich leise, aufdringlich leise bis es schmerzt. Aber nein: es tickt keine Uhr.
Es tropft.
Draußen vor der Tür der Bodenkammer tropft Wasser in ein altes morsches Faß. Das Faß ist voll, aber unaufhörlich tropft es durch das undichte Dach.
Wir zählen.
Wenn wir bei 89 sind, läuft das Faß über.
Wenn wir bei 89 sind, brechen alle Dämme.
Nur ein paar alte Dauben schwimmen auf der Flut.

Die Ausstellung Interieur Underground ist in Wirklichkeit eine Tropfensammlung. Es ist eine Sammlung von Tropfen, die ein undichtes, morsches Faß zum Überlaufen brachten, draußen vor der Tür. Vieles war versickert, aber dann ist es doch übergelaufen, weil viele übergelaufen sind als alle Dämme brachen. Nur ein paar Tauben flogen über der Flut. Sie sollten den Ölzweig suchen, aber sie sind nicht zurückgekommen.

Wir stellen uns vor.
Wir stellen uns vor, wie Tropfen fallen.
Sie fallen einzeln, jeder für sich. Und jeder einzelne Tropfen hat die Kraft, uns ganz zu erfassen und mit sich zu ziehen. Es ist ein Strudel. Der Strudel zieht uns hinein in fremdes Erleben. So geraten wir in Gefahr. Und das ist gut so. Wir geraten in Gefahr, das Vergessen zu vergessen. Und das ist gut so.
Die Tropfensammlung ist ein konspirativer Ort gegen das Vergessen.

Genau das ist Interieur Underground: ein konspirativer Ort gegen das Vergessen im Lügenmuseum. Dinge erzählen Geschichten. Die Geschichten ziehen uns hinein in das Erleben Anderer. Sie lassen uns nicht wieder los.
89 Tropfen bringen ein Faß zum Überlaufen. Das Faß war voll. Es war gefüllt mit Banalität, Dummheit und Angst. Angst vergeht nicht. Wer einmal draußen steht, draußen vor der Tür, steht immer draußen. Auch das lehren die Dinge. Ein Schuh, ein selbstgebastelter Stempel, ein Sarg: Tropfen, die das Faß zum Überlaufen brachten. Aber das Lachen blieb aus. Die Taube mit dem Ölzweig kommt nicht zurück.
Noch nicht.

Interieur Underground: Der neue Raum im Lügenmuseum lebt, verborgen hinter einer Bücherwand, vom Archiv des Kurators: einstmals unverkäufliche Kunst, von Künstlerfreunden geschenkt. Der parallel erstellte eigenständige Katalog, der eine eigene Ausstellung wert wäre, spielt mit Erinnerungen: Erinnerungen als Tropfen, die Fässer zum Überlaufen bringen.
Tropfen können leicht sein oder schwer, Tränen der Verzweiflung oder der Erlösung. Das Lügenmuseum ist ein konspirativer Ort gegen das Vergessen.
Und das ist gut so.

Wir stellen uns vor.
Wir stellen uns vor, wir könnten noch einmal lachen. Und dann lachen wir, lachen gegen das Vergessen.
Die Sammlung Interieur Underground im Lügenmuseum ist ein unvergeßlicher Ort.
Thomas Gerlach

Reinhold Langner – „zum Zweiten“ (Teil1)

Ist eine komische Überschrift, oder? Wenn es hier um einen Künstler geht, könnte man an die Versteigerung eines Bildes denken. Ja, könnte man, aber ich habe die Überschrift gewählt, weil mein Vorschau-Kollege Wolfgang Zimmermann in V+R 10 und 11/94 zu Reinhold Langner bereits ein paar biografische Daten und Aussagen zu seiner Kunst – er war in erster Linie Bildhauer – veröffentlicht hatte, sozusagen Langner zum Ersten. In der Zwischenzeit ist zu Langner, er starb 1957, zwar nicht viel Neues hinzugekommen. Ein wenig aber schon und ich will versuchen, eine eigene Sicht auf den Künstler und sein vielseitiges Werk zum Ausdruck zu bringen.

Foto: E. Kesting

Ein Schwerpunkt war für mich die Tatsache, dass es meines Wissens mindestens drei plastische Arbeiten Langners in Radebeul gibt, bzw. gab, er aber nie hier gewohnt hatte. Hinzu kam auch der Besuch einer sehenswerten Ausstellung über Langner im Einnehmerhaus Freital vor einem Jahr.
Geboren worden war Gottlob Erich Reinhold Langner am 21. November 1905 in Weinböhla. Seine Biografie ist nicht restlos erschlossen, so dass ich in unterschiedlichen Quellen voneinander abweichende Angaben fand, so war sein Geburtsort mal Dresden-Cotta, ein anderes Mal Weinböhla, was ich vom dortigen Standesamt / Archiv bestätigt bekam. Seinem Vater, er war Holzbildhauer gewesen, wollte Reinhold nacheifern, erlernte aber erst einmal den Maurerberuf. Er hatte auch kurz überlegt, nun Architekt zu werden. Da er an Vaters künstlerischem Handwerk aber immer noch Interesse hatte, folgte nach dem ersten Beruf des Maurers der eines Holzbildhauers und anschließend ein Studium an der Kunstakademie Dresden. Eine Assistentenstelle bei Prof. A. Winde an dieser Akademie musste er aber nach 1933 aufgeben, weil er Mitglied in der SPD-nahen Arbeiterjugend war. Es folgten schwierige Jahre der Selbständigkeit in der Kunst, ohne Ausstellungen und mit wenig Gewinn. Im Untergrund arbeitete er im antifaschistischen Widerstand mit, so versteckte Langner 1939 eine verfolgte jüdische Person eine Woche lang im Atelier an der Bürgerwiese. Langner bezog mit seiner Familie, Frau Gertrud und den zwei Töchtern Ute und Isa, ein Haus in Dresden-Briesnitz, Hammeraue 27. 1943, mitten im 2. Weltkrieg, wurde er überraschend wieder an die Akademie berufen und mit leitender Tätigkeit betraut. Später folgte die Berufung zum Professor. Das kann man eigentlich nur der Not zuschreiben, die an der Akademie herrschte, als fast alle anderen Akademieangehörigen einberufen oder gefallen waren. Und gleich nach dem Krieg folgte die Berufung zum kommissarischen Leiter der Dresdner Kunsthochschulen. So eine Karriere über das Kriegsende hinaus findet man nicht so oft und spricht für sein großes fachliches Vermögen und einen festen Charakter, glaube ich. 1946 schließlich wurde ihm eine gehobene Tätigkeit als Referent der Kunstverwaltung des Landes Sachsen angetragen, die jedoch schon ein Jahr später erlosch. In der Zeit wurde er Mitglied der SED, hoffte aber vergeblich auf eine „demokratische Kultur“ im Osten und die deutsche Wiedervereinigung. Ab 1947 übernahm Langner dann einen Lehrauftrag für Bauplastik / Architektur an der damaligen TH Dresden, was ihm wohl mehr Freude machte als die Arbeit in der Landespolitik. Hier galt es zunächst Trümmer zu beseitigen, aufzubauen und den Lehrbetrieb wieder zum Laufen zu bringen. Schließlich kam 1951 noch die Leitung des Volkskunstmuseums (früher Oskar-Seyffert-Museum) hinzu, was ihm bis zu seinem Lebensende aber eher eine Herzenssache gewesen sein dürfte. Er widmete sich besonders der erzgebirgischen Volkskunst und räumte ihr einen breiteren Platz im Museum ein. Ein viel beschäftigter Mann also und es blieb noch Zeit, künstlerisch zu arbeiten. Prof. Reinhold Langner starb kurz nach dem Tod seiner jüngeren Tochter am 11. Januar 1957 mit nur 51 Jahren viel zu früh.
Dass er an der Technischen Hochschule sehr geschätzt wurde, erklärte mir ein ehemaliger Student. Mein Freund Architekt Klaus Kaufmann, der damals eine Assistentenstelle an der TH hatte, half 1958 mit, eine Langner-Gedächtnis-Ausstellung im Albertinum aufzubauen, die am 11. Januar 1958 geöffnete wurde. Nach dieser Ausstellung von künstlerischen Arbeiten Langners geriet er m.E. zu Unrecht bald in Vergessenheit, andere Kunstrichtungen wurden vom Staat bevorzugt, bald kam dann der „Bitterfelder Weg“!
In Radebeul hatte Langner nie gewohnt, aber was verband ihn mit unserer Stadt? Es waren zwei Freunde: da waren der Architekt Otto Röder und auch der damalige Intendant der Landesbühnen Sachsen Herbert Krauss.
Mit Röder zusammen, der in Radebeul auf der August-Bebel-Str. 16 wohnte, schuf er in den späten 30-er Jahren mindestens für drei Trafohäuser hölzerne Stützen mit Figuren – am Dürerplatz in Dresden ein größeres Haus mit 8 Figuren aus dem Volk (1945 Totalverlust), an der Dresdner Grundstraße ein Trafohaus mit Wartehalle und 4 Figuren und schließlich das Trafohäuschen in Radebeul an der Kreuzung Augustusweg / Nizzastraße mit 2 solchen Figuren, einer Gärtnerin und einem Winzer – durchaus passend für Radebeul. Die beiden Figuren waren in den 80-er Jahren plötzlich demontiert worden und verschwunden. Nun sah jeder, dass die Stützen gar keine statische Funktion hatten, aber der Schmuck fehlte eben. Nach längeren Bemühungen des damaligen Aktivs für Denkmalpflege konnten die Holzfiguren in einer Werkstatt wieder aufgefunden werden, einen Auftrag zur Aufarbeitung hatte jedoch niemand erteilt – irgendwie mysteriös!
Interessant ist, dass Langner auf ein günstiges Altmaterial – ausgemusterte Holz-Elektromasten (zumeist Kiefer) – zurückgriff und es für seine Schnitzkunst sekundär verwendete und so veredelte. Er muss wohl zu dem Zeitpunkt in einer
wirtschaftlichen Lage gewesen sein, die ihm den Weg zu edlerem Ausgangsmaterial versperrte. Röder und Langner ergänzten sich in ihrem Schaffen über mehrere Jahre, man kann von einer Partnerschaft sprechen.
Es existiert eine weitere vergleichbare figürliche Schnitzerei in Radebeuler Privatbesitz, die jedoch aufgrund des Zuschnitts nie als Stütze vorgesehen war. Hier erkennen wir eine junge Frau, die ein kleines Tier (Wiesel?) trägt. Langner bezog die Struktur des Holzes, also auch Astansätze, in die Gestaltung bewusst ein und erreichte so eine Steigerung des weiblichen Ausdrucks. Wenn man genau hinschaut, erkennt man an Farbresten, dass Langner diese Figur ursprünglich in Farbe (wohl Lasur) angelegt hatte, diese jedoch inzwischen abgewittert ist. Zuerst hatte Otto Röder diese Plastik besessen.

Dietrich Lohse (Fortsetzung folgt)

Weitere Literatur:
„Reinhold Langner“, Katalog zur Gedächtnisausstellung 1957/58, Herausgeber TH Dresden
„Reinhold Langner“, Verl. der Kunst Dresden, 1960
„Dresden – von der Königlichen Kunstakademie zur Hochschule für Bildende Künste“

 

Die Post denkt mit!

Ein Nachtrag zum Grafikmarkt Anfang November 2017

Besucher des Grafikmarktes Anfang November 2017 staunten nicht schlecht, als sie an unserem Stand Exemplare der

Foto: B. Kazmirowski

originalen Hefte von „Vorschau und Rückblick“ aus den 1950er und 1960er Jahren ausliegen sahen, die gegen eine kleine Spende mitgenommen werden konnten. Davon wurde gern Gebrauch gemacht, schon vor dem Mittag waren unsere Vorräte verschwunden. Sascha Graedtke und ich hatten während einiger ruhiger Minuten am Vormittag auch unsere Freude daran gehabt, in den alten, hervorragend erhaltenen, beinahe druckfrisch anmutenden Heften zu blättern. Wir staunten wiederum nicht schlecht, als aus einem Heft des Jahres 1954 (!) eine grüne, in zeittypischem Dreckgrün gehaltene Werbepostkarte heraus fiel, womit die Landesbühnen Sachsen Leser ein Konzertanrecht schmackhaft machen wollten. Uns interessierte aber weniger dies als vielmehr das Adressfeld. Danach sollte die Karte an die Abteilung Anrecht und Werbung der Landesbühnen Sachsen in Radebeul 2 auf der Stalinstraße 152 geliefert werden. Also an eine Adresse in einer Straße, deren Namensnachfolger auch schon 27 Jahre nicht mehr existiert… Außerdem fehlte die Postleitzahl. Ein Gedanke durchschoss mich: Was wäre wenn… man die Karte einfach so heute in den Kasten werfen würde!? Natürlich ordentlich frankiert, aber ohne verbesserte Adresse? Lediglich mit einem Adresszusatz versehen, der erkennbar macht, wer die Karte erhalten soll, nämlich die Pressesprecherin der Landesbühnen, Frau Grubitzsch (siehe Foto). Sascha Graedtke ließ sich gern auf eine kleine Wette ein, er hatte eher Zweifel, ich glaubte an den Erfolg der Aktion. Gesagt, getan. Wenige Tage später informierte ich Petra Grubitzsch, von unserem Plan und bat sie, die Poststelle der Landesbühnen vorzuinformieren. Würde die Karte eintreffen? Am Donnerstag, 9.11., warf ich die Karte in Dresden-Zschertnitz in einen gelben Postkasten, bereits einen Tag später hatte sie Frau Grubitzsch in Radebeul auf dem Schreibtisch! Danke, liebe Post, fürs Mitdenken und für den Beweis, dass Postsendungen offenbar doch nicht (nur) maschinell gelesen werden, sondern wenigstens in diesem Fall denkende Menschen am Werke waren, die Radebeul auch ohne Postleitzahl bzw. die Landesbühnen bei der Zustellung korrekt zuordnen konnten!
Bertram Kazmirowski

 

Fingerzeige aus dem Gangstermilieu

Zur Premiere von Brechts „Arturo Ui“ an den Landesbühnen am 25./26.11.2017

»Der aufhaltsame Aufstieg des Aturo Ui«, Szene mit Michael Berndt-Cananá und Sebastian Reusse Foto: H. König

Worin besteht die Aufgabe von Theater? Diese Frage ist seit den antiken Anfängen ganz unterschiedlich beantwortet worden. Ging es zunächst darum, in der öffentlichen Vergegenwärtigung krisenhafter Szenarien die Zuschauer in einen Zustand der Katharsis („Reinigung“) zu versetzen, damit sie selbst von unheilvollen Affekten befreit würden, wurden im Mittelalter über Jahrhunderte hinweg überwiegend lustige und handfeste Stoffe unters Volk gebracht. Später dann raunte Schiller vom Theater als moralischer Anstalt, in der die Sittlichkeit und Tugend aus dem Menschlichen bühnenwirksam destilliert werden könnte. Doch diese Hoffnung war spätestens zu Beginn des 20. Jahrhundert endgültig zerstoben, als sich die Gräuel des 1. Weltkrieges mit den Erfahrungen einer zunehmend lebensfeindlich empfundenen Technisierung des Lebens zur ersten großen Erschütterung der Moderne verbanden. Die Folgen für Europa sind bekannt: Revolutionen, Wirtschaftskrise, Stärkung der politischen Ränder. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund musste eine neue Theaterauffassung her, die ihren Finger in die Wunden der Gesellschaft legt und dem Theater tagesaktuelle Relevanz verleiht. Wenn man also – wie jüngst die Landesbühnen – Brechts bekannte, im finnischen Exil geschriebene Parabel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941) auf den Spielplan setzt, geht davon, auch ohne dass man eine einzige Szene gesehen hat, das Signal aus: Es ist etwas faul im Staate Deutschland.
Die Inszenierung von Peter Kube verlegt die Story, die sich – für diese Theaterform typische Verfremdungseffekte nutzend – auf reale Vorkommnisse und beteiligte Personen rund um die Machtergreifung Hitlers und die Ausbreitung des Nationalsozialismus bezieht, in eine verrauchte Hinterzimmerwelt im von Bandenkriegen erschütterten Chicago jener Zeit (Ausstattung: Stefan Wiel). So sehr das der brechtschen Vorlage entspricht, wird meines Erachtens eine Chance vertan: Denn um auf Bedingungen hinzuweisen, die den Aufstieg eines Uis erst ermöglichen bzw. erleichtern, müsste man nicht in der Geschichte kramen und nach Nordamerika zeigen, denn leider bietet auch die Gegenwart reichlich Anschauung. Die Stärke dieser Parabel von Brecht ist ihre Übertragbarkeit auf andere Zusammenhänge, und wer wollte bestreiten, dass es heute viele kleine, aber leider auch einige große und gefährliche Uis gibt auf der Welt? Und dabei denke ich nicht zuerst an den ewigen Alexander Lukaschenko, in dessen Weißrussland immer noch die Todesstrafe verhängt wird, und auch nicht an den notorischen Kim Jong Un mit seinen atomaren Drohgebärden, sondern vor allem an einen Rodrigo Duterte auf den Philippinen, der sich in seinem fanatischen Kampf gegen Drogen selbst stolz mit Hitler vergleicht und begonnen hat, drei Millionen Abhängige umzubringen. Die Inszenierung hätte also mutig(er) sein und darauf (im doppelten Sinne des Wortes) „anspielen“ können, dass nicht nur in Deutschland etwas im Argen liegt, sondern auch andernorts – und zwar in weitaus schlimmeren Maße. Ein Versuch, in dieser Richtung Akzente zu setzen, findet sich wenigsten im Programmheft, denn dort ist von den sogenannten „Paradise Papers“ die Rede, deren Aufdeckung die maltesische Journalistin Caruana Galizia im Oktober dieses Jahres mit ihrem Leben bezahlen musste.
Nun ist es also doch das traditionelle amerikanische Gangstermilieu geworden, und folglich ist die Hälfte der Rollen diesem entlehnt. Michael Berndt-Cananá als Arturo Ui präsentiert sich in bewunderungswürdiger Ausdauer körperlich elastisch, mimisch und gestisch wandlungsfähig sowie sprachlich variabel. In Erinnerung bleibt vor allem die Szene, in der Arturo Ui als menschliches Hakenkreuz etwa fünf Minuten im braunen (!) Ledersessel sitzt. Sebastian Reusse, Grian Duisberg und Marcus Staiger haben dankbare Rollen als einander sehr unterschiedlich markierte Gangster auszufüllen, die sich gegenseitig misstrauen und die Drecksarbeit für Ui erledigen. Tom Hantschel als Dogsborough (lies: Hindenburg) ist staatstragend eitel, dabei aber mächtig machtlos gegen ein Kartell, dass sich einen Dreck um bürgerliche Konventionen schert und munter drauf los erpresst, zündelt und mordet. Ebenso wie sich Dogsborough wider Willen (und besserer Ahnung) zum Steigbügelhalter des Aufstieg Uis macht, so wird dies auch ein völlig unbedarfter Schauspieler, bei dem sich Ui Rat in Rhetorik holt. Diese Szene kostet Matthias Henkel mit Lust zur großen Geste und delikater Dramatik bis zur Neige aus, während Uis zunächst dürftige Voraussetzungen auf diesem Gebiet erst demaskiert werden, nach der Pause aber dessen Wandlung zum gut situierten Gangsterboss sichtbar wird, der auch Worte als Waffen gebraucht. Erwähnt werden sollten auch Sandra Maria Huimann und Julia Vincze, die mit ihren je zwei Rollen weibliche Akzente der unterschiedlichsten Art setzen. Felix, Lydike, Johannes Krobbach und Luca Lehnert ergänzen das Set ebenso wie am Premierenabend Christian Schöbel am Klavier, der mit einem bisweilen ins Dissonante verzerrten Verschnitt von zumeist Scott Jopin-Klassikern das Geschehen kongenial untermalt.
Was bleibt von dieser Produktion? Je nach eigener politischer Haltung und Offenheit dem Thema gegenüber mag es darauf viele Antworten geben. Die Erfahrung, für Mechanismen der Machtanmaßung sensibilisiert worden zu sein. Der Appell zur erhöhten Wachsamkeit bezüglich aller Strömungen, die einen Arturo Ui womöglich auch hierzulande noch einmal nach oben spülen könnten. Die Mahnung, nicht zu vergessen, was einmal war. Das Angebot, in Auseinandersetzung mit dem Bühnengeschehen über sich grundsätzlich als homo politicus nachzudenken. Die Beschwichtigung, dass eine solche Story in einer stabilen Demokratie doch gar nicht mehr möglich ist. Die Frage, wie man den Uis dieser Welt den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Das resignierte Seufzen, dass auch politisches Theater trotz aller Aktualitätsbezüge („Lügenpresse!“) immer nur Theater ist und die Bühne nicht mit der Realität verwechselt werden darf. Die Befriedigung darüber, für gutes Geld gut unterhalten worden zu sein. Die Idee, dieses Stück weiterzuempfehlen. Was immer auch jeder einzelne Zuschauer im fast ausverkauften Saal empfand: Der lang anhaltende Schlussapplaus bestätigte, dass die Landesbühnen mit dieser Inszenierung den Nerv des Publikums getroffen zu haben scheinen.
Bertram Kazmirowski

Weitere Vorstellungen: 30.12.17, 5.1., 13.1. und 26.1. und 3.3. jeweils im Stammhaus Radebeul.
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