Sympathisch unprätentiös

Zur „Winnetou“-Neuverfilmung zu Weihnachten 2016

An die Weihnachtsfeiertage 1982 kann ich mich noch ganz gut erinnern. Ich sehe unsere Familie, wie sie einträchtig vor dem Chromat-Farbfernsehgerät versammelt ist und Winnetou und Old Shatterhand durch den Wilden Westen – oder was wir damals dafür hielten – reiten sieht. Karl May im DDR-Fernsehen war ein Straßenfeger, was kümmerte es uns, dass die Filme des Klassenfeindes damals schon an die 20 Jahre auf dem Buckel hatten? Ein Kindheitsmythos war entstanden, denn es gibt wohl kaum einen in meiner Generation – ich war damals 10 – der sich nicht vom heldischen Gestus und dem edlen Pathos der beiden legendären Hauptdarsteller einfangen ließ. Von der Wand des Kinderzimmers unseres Sohnes blicken die beiden immer noch in der Pose der Weltenretter auf uns unheroische Bleichgesichter herab. PLANETA-Poster im Offset-Glanz, ich schätze Produktionsjahr 1988.

Ich sehe seit einigen Jahren vergleichweise wenig Fernsehen und überhaupt selten Filme. Ich bin kein ausgewiesener Kenner des Werkes von Karl May. Und ich weiß auch nur mäßig viel über die Geschichte des Wilden Westens. Aber ich hatte in den Weihnachtsferien 2016 Zeit und wollte in die Neuverfilmung des „Winnetou“-Stoffes hineinschauen. Als Radebeuler irgendwie auch ein bisschen aus Pflichtgefühl, man muss ja mitreden können, dachte ich mit Blick auf das nächste Karl-May-Fest und die nächste Saison auf der Felsenbühne. Muss ich mich dafür schämen, wenn ich gerade an dieser Stelle, in unserem traditionell (hoch)kulturell ausgerichteten Monatsheft, öffentlich bekenne, dass ich innerhalb von vier Tagen die drei Teile auf RTL geschaut und mit meiner Familie knapp sieben Stunden vor der Glotze gehangen habe? Warum habe ich nicht nach einer halben Stunde ausgemacht oder bin gegangen? Was hat mich dazu gebracht, passiven TV-Konsum aktivem Musizieren oder Lesen vorzuziehen? Wieso habe ich unseren Kindern nach dem 1.Teil („Winnetou – Eine neue Welt“) erlaubt, ja geradezu aufgedrängt, gemeinsam mit mir die beiden anderen Teile („Das Geheimnis vom Silbersee“ und „Der letzte Kampf“) zu schauen? Es waren bestimmte Details, die mir sehr gut gefielen und die dafür sorgen, dass die ganze Geschichte eine angenehm bodenständige Note und unprätentiöse Glaubwürdigkeit bekommt. Punkt 1: Die Anlage der Hauptfiguren Winnetou (Nik Xhelilaj) und Old Shatterhand (Wotan Wilke Möhring). Weder der eine noch der andere ist ein unantastbarer Superheld, denn beide sind sehr erdige Charaktere und erlauben deshalb Identifikation. Shatterhand entwickelt sich, schlüssig erzählt, aus dem nach Amerika ausgewanderten sächsischen Ingenieur Karl May, der die dröge Arbeit in einer deutschen Amtsstube gegen eine neue berufliche Herausforderung beim Eisenbahnbau eintauschen will und an der Vision einer besseren, lies: modernen Welt mitbauen möchte. Der aber seine christlichen und humanistischen Überzeugungen nicht wie so viele andere Glücksritter bei der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island vor New York abgibt, was ihn peu à peu zum Außenseiter unter den Weißen und zum Freund der Apatschen werden lässt. Winnetou wiederum ist ein Häuptling, der sich in einer schwierigen Lage nicht zu schade ist sich bei Frauen Rat zu holen und etwa seine Schwester Nscho-Tschi fragt: „Was soll ich tun?“ Dessen unerfüllte Liebe zu Ribanna in dem Zwist der Indianerstämme untereinander begründet ist, was ihn schmerzlich an die Schwäche des eigenen Stammes gemahnt. Das hat gar nichts mehr vom allzeit souveränen Winnetou Price’scher Prägung. Die am meisten berührende, weil aussagestärkste Szene zwischen beiden ist paradoxer Weise die traurigste: Winnetou liegt im Sterben und lässt Shatterhand wissen, dass mit ihrer Freundschaft ein Anfang (im friedlichen Miteinander zwischen Indianern und Weißen) gemacht ist, obwohl er selbst ganz am Ende ist. Punkt 2: Das Bemühen um Authentizität. Im Vorfeld der Ausstrahlung wurde vielfach auf das Risiko hingewiesen, dass die Darsteller der Indianer die tatsächlich noch existente Indianersprache Lakota benutzen. Das klingt nicht nur gut, sondern schafft ein Bewusstsein für die reale historische Situation des Aufeinandertreffens der Ureinwohner und der Fremden: Dinge mussten vereinfacht (und) erklärt und Gedanken auch schon mal erraten werden, weil man sie dem anderen aufgrund der Sprachbarriere nicht begreifbar machen konnte. Es ist völlig unproblematisch, dass in den entsprechenden Passagen deutsche Untertitel laufen. Punkt 3: Die Anerkennung herkunftsspezifischer Details. Es ist stimmig, dass der Sachse Shatterhand drei polnische Zimmerleute für seinen Hausbau anheuert und den ausgehandelten guten Preis damit rechtfertigt, dass sie ja quasi Nachbarn seien. Es passt, dass er die drei Polen bei späterer Gelegenheit mit einer Alltagsfloskel auf Polnisch grüßt, als Sachse konnte man das eben auch im 19. Jahrhundert, die Sprachgrenze verlief damals etwas östlich von Breslau, also nicht zu weit entfernt von Leipzig, Chemnitz oder Radebeul. Es ist völlig richtig, dass Shatterhand vor dem Essen betet. Das war für jeden Deutschen ritualisiert und Usus in jedem Haushalt seiner Heimat. Punkt 4: Der Nostalgiefaktor kommt zum Tragen. Wer je die Reinl-Verfilmungen der 60er Jahre gesehen hat, erkennt die Landschaft wieder. Damals wie auch 2015/16 Kroatien, damals wie heute sehr eindrucksvoll. Auf ihre alten Tage machen sich auch noch Gojko Miti? (79) als Winnetous Vater Intschu-Tschuna und Mario Adorf (89) als Santer sen. um die Produktion verdient. Schließlich wird auch der bekannten Filmmusik aus der Feder Martin Böttchers dezent gehuldigt, tauchen die vertrauten Motive in verwandelter Form immer wieder auf. Punkt 5: Die phasenweise langsam erzählte Handlung der drei historischen Winnetoufilme wird in der Neuauflage (Regie: Philipp Stölzl) durch den Einbezug von Motiven der „Silbersee“-Story und der „Ölprinz“-Saga deutlich aufgewertet und überdies in einen örtlichen sowie zeitlichen Zusammenhang gestellt. Nicht nur haben alle drei Teile als Zentrum das Städtchen Roswell in Arizona, das beim historisch korrekt verorteteten Apatschen-Stammland liegt, sondern sie zeichnen auch die Integration Shatterhands in diesen Stamm nach, von dem er nach Winnetous Tod zum Häuptling gewählt wird. Da sich die Produktion mutig von der May’schen Buchvorlage und den Filmklassikern gelöst und eigene Akzente gesetzt hat, bringt sie eine eigenständige Ästhetik hervor, die überzeugt, ohne May-Puristen oder Brice-Barker-Fans vor den Kopf zu stoßen. Auf besondere Weise wird dies in einer Schlüsselszene im dritten Teil deutlich, in der das zutiefst humanistische Denken Mays mit der noch immer nicht eingelösten Hoffnung auf Frieden verschmilzt: Shatterhand weiht mit seiner Frau Nscho-Tschi ihr neugebautes Haus auf Apatschengebiet ein und lädt zu diesem Anlass alle ein, die ihnen dabei geholfen haben. So feiern, lachen und musizieren Indianer und Weiße miteinander und halten Festmahl zusammen. Nicht nur diese Szene rechtfertigte eine Ausstrahlung gerade auch zu Weihnachten.
Ich weiß nicht, ob und wie RTL die 15 Millionen für die Produktionskosten refinanzieren kann. In die Kinos werden die drei Filme sicherlich nicht kommen, und eine gekürzte Kinofassung der mehr als 300 TV-Minuten hätte wenig Sinn. Wer die Erstausstrahlung verpasst hat und nicht auf eine kurzfristige Wiederholung setzt, kann sich für etwas mehr als 20 Euro den Dreiteiler auf DVD bzw. Blue-Ray kaufen. Keine schlechte Investition, denn – so der Titel des Gesamtprojektes – „[D]er Mythos lebt.“ Ob sich meine Kinder in 34 Jahren allerdings an die gemeinsamen Fernsehstunden erinnern werden und ob dann in einem anderen Kinderzimmer ein Poster von Nik Xhelilaj und Wotan Wilke Möhring hängt wird sich erst noch erweisen müssen. Verdient hätten es die beiden allemal.
Bertram Kazmirowski

Ein Lebensrückblick – Dr. med. Marianne Kazmirowski

Dr. med. Marianne Kazmirowski

Foto: D. Lohse

Wir, die Ärztin und der Schreiber des Artikels, kennen uns seit über 40 Jahren und unsere Bekanntschaft ist hauptsächlich auf unsere Kinder, genauer gesagt, Bertram und Tilmann, fokussiert, die seit der 1. Klasse gute Freunde sind. Über die Jahre verteilt hat es aber auch ein paar persönliche Begegnungen gegeben, ohne dass es um die Söhne ging. Wir sind nicht auf Du-und-Du, aber man kann vielleicht sagen, wir anerkennen und schätzen uns. So weit, so gut, doch genügt das, um das Leben und Wirken einer Ärztin in Radebeul richtig darzustellen? Das Porträtschreiben hatte ich in der „Vorschau“ schon geübt, diese Personen hatten aber immer etwas mit Bauen oder Kunst zu tun, bei der Medizin dagegen betrete ich Neuland. Und es gibt sicherlich ein paar Leser, die die ehemalige Kinder- und Jugendärztin Dr. Marianne Kazmirowski kennen, vielleicht sogar besser als ich, wenn sie vor Jahren von ihr untersucht worden sind, ehe sie in die Schule kamen. So viel als Einleitung, fangen wir am besten bei der Kindheit an.
Marianne Dittrich wurde am 8. März 1937 in Görlitz geboren und verbrachte da trotz der Kriegsjahre eine gute Kindheit. Hier ging sie zur Schule und ab 1951 auch zur Oberschule, wo sie 1955 das Abitur erwarb. Aus Mariannes musikalischer Veranlagung wurde kein Berufsziel, sie hatte den Wunsch Ärztin zu werden und Menschen zu helfen. Die Humboldt-Uni in Berlin war eine gute Adresse, ein Medizinstudium hier zu beginnen. Mit dem Physikum in der Tasche setzte sie dann das Studium in Dresden an der Medizinischen Akademie bis zum Abschluss 1960 fort. Im Laborkurs in Berlin, der zum Studium dazugehörte, lernte sie den Chemiker und späteren Ehemann Dr. Hans-Georg Kazmirowski (1930-2009) kennen. Bei gelegentlichen Konzertbesuchen stellten sie gemeinsame Interessen fest. Der Partner war etwas älter und wurde so bereits 1958 mit seinem Studium fertig. Er folgte einer Berufung an das damalige AWD (Arzneimittelwerk Dresden) nach Radebeul. Damit war für sie klar, dass sie sich nach ihrem Examen als Ärztin um eine erste Anstellung als Pflichtassistentin in Radebeul kümmern würde. Im  Jahre 1961 fand dann die Hochzeit (fortan der gemeinsame Name Kazmirowski) statt, was damals auch eine Bedingung war, um eine Wohnung beziehen zu können. Nach der Promotion durfte sie den Doktortitel tragen.1962 erfolgte die Approbation, die Anerkennung eines Arztes mit entsprechender Ausbildung und Fähigkeit zur Tätigkeit als Arzt. Bis 1964 arbeitete Dr. Marianne Kazmirowski unter Chefarzt Dr. Herzog in der Abteilung für Innere Erkrankungen des Radebeuler Krankenhauses, wozu auch die Arbeit in der Infektionsabteilung gehörte. Als 1964 der erste Sohn Christian geboren wurde, ergab sich für sie eine Anstellung als Betriebsärztin des AWD in Radebeul. Aus familiären Gründen folgte eine kürzere Tätigkeit in der Ärzteberatungskommission (Gellertstraße), wodurch sich eine erweiterte Sicht auf die medizinischen Einrichtungen in der DDR ergab. Ab 1969 war der Weg klar, der Frau Dr. Kazmirowski für viele Jahre als Kinder- und Jugendärztin beschäftigen sollte. Ihr Arbeitssitz war nun die Meißner Straße 115, von wo aus Dienstgänge, bzw. -fahrten ins Kreisgebiet erfolgten. Zu ihrem Arbeitsgebiet gehörten Untersuchungen in Kindergärten, Einschulungsuntersuchungen, ggf. auch Elternberatungen, Schuluntersuchungen an den jeweiligen Schulstandorten und gelegentliche Beratungen im Rathaus Dresden. Im Unterschied zu eigentlichen Kinderärzten (z.B. Frau Dr. Mannfeld-Hartung und Frau Dr. Engelmann) war das eine rein präventive ärztliche Tätigkeit.
Der zweite Sohn der Familie Kazmirowski, Bertram, heute Gymnasiallehrer, wurde 1972 geboren – er dürfte Lesern der „Vorschau“ eigentlich kein Unbekannter sein.
Als nach 1980 mit dem Bau des neuen Bettenhauses die Zuordnungen im Radebeuler Krankenhaus neu geordnet wurden, kam die Kinder- und Jugendärztliche Betreuung in das Haus 1 des Krankenhauses (Dr. Lehmann), wieder eine örtliche Umstellung aber die gleiche Arbeit. Der Kreis Dresden-Land war groß und die erforderlichen Besuche z.B. in Cossebaude, Radeburg oder Medingen mussten meist mit dem eigenen Auto absolviert werden.
Ich war erstaunt, was alles von einem Arzt in dieser Funktion erledigt werden musste und wie viel Verantwortung an der Tätigkeit hing: Gesundheitsüberprüfungen in den Kindergärten (Das lag ihr immer besonders am Herzen!) und Schulen, Erkennen von Fehlentwicklungen der Kinder bei Sprache, Gehör und Orthopädie, dazu Informationen an die Eltern bzw. Überweisungen an die Fachärzte, Hygienekontrollen in den Einrichtungen, Überprüfung der Schulspeisung, erste Einschulungsuntersuchung mit 5 Jahren, zweite Untersuchung ein halbes Jahr vor Schulbeginn, Impfaktionen – in der DDR gab es Pflichtimpfungen (Frau Dr. Kazmirowski glaubt nach wie vor, dass das richtig war), jetzt wird auf freiwilliger Basis geimpft – , gelegentliche Teilnahme an Elternabenden, Elterneinzelgespräche bei Bedarf. Nach der Wende blieb die Arbeit bis zu ihrem gewünschten Ausscheiden 1999 fast gleich, jedoch war die Arbeitsstelle erst in Dresden und dann in Meißen (Kreisreform).
Ob die übliche Entwicklung als Arzt in einer Klinik – Facharzt, Oberarzt, Chefarzt – sie als Berufsbild mit vielleicht besseren Verdienstmöglichkeiten nie interessiert hatte, frage ich sie. Nein, sie wollte immer diese Arbeit mit Kindern und außerdem hatten beide Ehepartner ausreichend verdient, um sich viele Wünsche erfüllen zu können. Als besonderen Dank für ihre langjährige Arbeit in der Gesundheits-förderung erhielt Dr. Marianne Kazmirowski von der Bundesvereinigung für Gesundheit 1994 die „Hildegard-von-Bingen-Medaille“. Zusammen mit den Krankenkassen und dem Bilzbund hat sie nach der Wende Gesundheitsfeste in Radebeul organisiert, die den Menschen helfen und die Erinnerung an den Naturheilkundler F. E. Bilz wach halten sollten.
Und wie sieht ihr Leben heute aus ohne den beruflichen Alltag? Nun, wichtig ist zuerst, dass es ihr gesundheitlich so weit gut geht, weil sie gern verreist. Dann wäre da noch die Gartenarbeit in Lindenau zu nennen, da ist immer mal was zu tun. Die Entwicklung ihrer neun Enkelkinder (6 beim älteren Sohn in Tschechien, 3 beim Dresdner Sohn) verfolgt sie mit großem Interesse – einzeln halten sie sich in den Ferien gern bei ihr auf. Und dann ist ihr noch die Mitwirkung in der Kantorei der Kötzschenbrodaer Friedenskirche wichtig, wo sie seit 46 Jahren im Chor singt, was mir schon imponiert! Manchmal gibt es auch Treffen im kleinen Kreis mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei Kaffee oder Wein: „Wissen sie noch …?“ Und schließlich soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass sie gern der „Vorschau“ hilft und nicht nur in ihrem Umfeld der Goethestraße unsere Hefte verteilt – Dankeschön bei der Gelegenheit!
Warum ich das alles jetzt schreibe, fällt mir gerade wieder ein. Ja, verehrte, liebe Frau Doktor Kazmirowski wir von der „Vorschau“ gratulieren Ihnen auf das Herzlichste zu Ihrem 80. Geburtstag am 8. März und wünschen Ihnen weitere ausgefüllte und glückliche Jahre bei bester Gesundheit im Kreise von Familie und Freunden!

Dietrich Lohse

„Beirich trifft Gräfe“

»Beirich trifft Gräfe«

Foto: U. Kunze

Nun ist es fast schon eine Tradition: im Fachgeschäft „Gräfes Wein & fein“ auf der Hauptstraße 19 in Radebeul veranstalten Ladeninhaber Gräfe und Bildhauer Prof. em. Detlef Reinemer in regelmäßigen Abständen Bilder- und Objektausstellungen, um neben leiblichen Genüssen auch sinnliche Erlebnisse fürs Auge zu präsentieren. Am 26. Januar wurde eine kleine, aber feine Ausstellung mit Bildern des in Radebeul ansässigen Malers Dieter Beirich eröffnet.
Nach einer musikalischen Einleitung, spanische Gitarrenmusik, interpretiert von Josel Ratsch, und einer kauzig-frohen Einführung durch Prof. Reinemer wurde der Blick dann offiziell auf die Bilder freigegeben. Es finden sich eine kleine Auswahl von Radierungen, farbig gefasste Aquarelle sowie, als Höhepunkt sozusagen, drei wunderbare, enorme Tiefe ausstrahlende Ölbilder. Beirich ist, kann man wohl so sagen, ein romantischer Landschafter im besten Sinne des Wortes. Seine Bilder sind etwas heimtückisch: Was sich zuerst als lockere Strichelei zeigt, erweist sich bei längerer Betrachtung als räumlich tief gestalteter Landschaftsraum. Baumgruppen, Wege, die in die Tiefe führen, verschlungen und geheimnisvoll. Diese Raumbildungen gipfeln letztendlich im Ölgemälde: Schicht für Schicht aufgetragen, immer dunkler und geheimnisvoller werdend, blitzen dann unversehens Farbflächen auf, die Häuser oder Stimmungen am Himmel oder Gebirge sein können. Interpretationsmöglichkeiten sind vielfältig gegeben. Beirich arbeitet langsam und bedächtig suchend, gleichsam Jahresring auf Jahresring setzend. Dieter Beirich, Jahrgang 1935, gebürtiges Gebirgskind (Langenhennersdorf zwischen Erz- und Elbsandsteingebirge), danach Lehre, Studien an der ABF (Arbeiter- und Bauernfakultät) und an der Hochschule für Bildende Künste, Aspirantur bei G. Bondzin, sodann Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Dresden. Ab 1999 ist er dann endlich „frei“. Spätestens ab da entstehen diese Landschaften, die immer tiefer und dichter werden; und das Geheimnis dieses Lebens wird immer mystischer.
Am Ende des Eröffnungsabends spielte W.E. Herbst dem Künstler auf der Mundharmonika ein launiges Ständchen: „Ein Männlein steht im Walde…“. Meines Dafürhaltens ein sehr passendes Motto für ihn. Ein dankbares Publikum applaudierte lange und herzlich. Wir wünschen Dieter Beirich weitere Genesung und Kraft, am Lebenswerk weiterzuarbeiten. Wer mehr über ihn und seine Lebensumstände erfahren möchte, dem sei die Lektüre des Buches „Dieter Beirich, eines Malers Erzählungen“, erschienen im A-Tonia Verlag Radebeul 2008, anempfohlen.
Die Ausstellung ist noch bis April bei „Wein & fein“ zu sehen. Am 10. Februar wurde eine weitere Ausstellung, unter anderem mit Bildern von Dieter Beirich, in der Stadtgalerie Kötzschenbroda eröffnet (vgl. weiteren Beitrag im aktuellen Heft). Sicher eine gute Möglichkeit, mehr über das Werk von Beirich zu sehen, zu erfahren und zu erkunden.
Dr. Dietmar Kunze

Neueste Schenkungen in der Stadtgalerie Radebeul

Ausstellung mit Werken von Dieter Beirich, Horst Hille, Dieter Melde und Paul Wilhelm

Die aktuelle Ausstellung der Stadtgalerie bildet den Auftakt zum diesjährigen Dreifachjubiläum:
35 Jahre Stadtgalerie, 25 Jahre Städtische Kunstsammlung und 20 Jahre Stadtgalerie Radebeul am neuen Ort in Altkötzschenbroda. Unter dem Motto „Neueste Schenkungen“ für die Städtische Kunstsammlung Radebeul werden von Dieter Beirich, Horst Hille, Dieter Melde und Paul Wilhelm Bilder, Grafiken, Collagen, Objekte, Studienblätter, Skizzenbücher und Dokumente präsentiert.

Hille, Feiertag

Horst Hille »Großer Feiertag«, 1992, Öl auf Hartfaser (Bildausschnitt) Repro: Karin Baum

Der innere Zusammenhang erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Die Konstellation ist eher zufälligen Ereignissen geschuldet. Doch es lohnt sich herauszufinden, was die Schöpfer der ausgestellten Werke unterscheidet und was sie verbindet. Mit Ausnahme von Dieter Melde waren die genannten Künstler bereits mehrfach mit Personalausstellungen sowohl am alten als auch am neuen Galeriestandort vertreten und sind dem Besucherstamm der Stadtgalerie vertraut.

Der Begriff Städtische Kunstsammlung wurde im Jahr 1992 geprägt und steht im Zusammenhang mit dem löblichen Vorsatz der Stadt, alljährlich ein kleines Budget für Kunstankäufe in den Haushalt einzustellen. Die fachliche Betreuung der Sammlung erfolgt durch die Mitarbeiter der Stadtgalerie. Wie und wohin sich die Kunstsammlung seit 1992 entwickelt hat, wird Thema der großen Jubiläumsausstellung sein, welche ab Mitte September in der Stadtgalerie zu sehen ist.

Mara Woldt ergreift spontan das Wort

Mara Woldt ergreift spontan das Wort Foto: S. Preißler

Nach der überraschenden Karl-Sinkwitz-Schenkung im Jahr 2012 konnte die Städtische Kunstsammlung – vor allem im Verlaufe der letzten zwei Jahre – einen beachtenswerten Zuwachs verbuchen. Der Erwerb des vermutlich um 1930 geschaffenen Gemäldes „Bildnis Marion Wilhelm, sitzend nach rechts“ war nur möglich, weil der Verkäufer einen Preisnachlass gewährte und der Förderkreis der Stadtgalerie 1.500 Euro zum Ankauf beigesteuert hat. Zu Paul Wilhelms „Selbstbildnis mit Hut“ aus dem Jahr 1950, bildet es eine sehr schöne Ergänzung, obwohl zwischen dem Entstehen beider Werke ein Zeitraum von zwei Jahrzehnten liegt. Das Künstlerselbstbildnis hatte Prof. Dr. h.c. Werner Schmidt der Stadt Radebeul bereits 2009 geschenkt und mit dem Zusatz versehen, dass diese Schenkung als eine Würdigung der besonderen Verdienste um die Radebeuler Kunstsammlung zu verstehen sei. Paul Wilhelm (1886-1965) erfuhr bereits zu Lebzeiten eine hohe Wertschätzung. Anlässlich seines 60. Geburtstages wurde er 1946 zum Professor (ohne Lehrstuhl) ernannt. Zu seinem 70. Geburtstag verlieh ihm die Stadt Radebeul die Ehrenbürgerschaft. Zwei Jahre nach dem Ableben des Künstlers erfolgte 1967 die Umbenennung der Brühlstraße in Prof-Wilhelm-Ring. Paul Wilhelm hinterließ ein sehr umfangreiches Werk an Gemälden und Aquarellen. Grafische Blätter sind eher selten. Bedeutende Arbeiten befinden sich in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in der Nationalgalerie Berlin. In der Radebeuler Sammlung ist Paul Wilhelm allerdings nur rudimentär vertreten, sodass die Gestaltung der Gedenkausstellung 2011 zum 125. Geburtstag recht schwierig war, denn von den Verwaltern seines künstlerischen Nachlasses wurde der Stadtgalerie kein einziges Exponat als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Unterstützung erfolgte stattdessen durch verschiedene Museen und viele kunstinteressierte Einzelpersonen. Der Aufwand hatte sich gelohnt. In sechs Wochen kamen 1.955 Besucher. Ein absoluter Besucherrekord!

Dieter Beirich während der Eröffnungszeremonie

Dieter Beirich während der Eröffnungszeremonie Foto: S. Preißler

Sehr populär war auch ein anderer Radebeuler Künstler, welcher viel zu früh verstarb. Horst Hille (1941-2015), liebevoll auch „Horschtl“ genannt, stellte für viele Menschen so etwas wie eine Institution dar. Sein Atelier stand (fast immer) für jeden offen. Der gelernte Maurer blieb dem Volke mit seiner Kunst zeitlebens verbunden. In Radebeul hatte der 1941 in Aussig (heute Usti nad Labem in Tschechien) Geborene seine zweite Heimat gefunden. Hier ging er zur Schule. Hier erlernte er den Maurerberuf, den er auch eine Zeit lang ausgeübt hat. In der Beschäftigung mit Malerei, Grafik und Kleinplastik fand er zunehmend ein neues Betätigungsfeld. Für seine Aufnahme in den Verband Bildender Künstler bürgten Werner Wittig und Gunter Herrmann. Durch die Anerkennung als freischaffender Bildender Künstler galt der Autodidakt fortan nicht mehr als „arbeitsscheu“. Seine Miniaturgrafiken waren auf Grafikmärkten heiß begehrt. Die detailreichen Tafelbilder, gemalt in altmeisterlicher Manier, nahmen die mitunter skurrilen Erscheinungen des DDR-Alltags ins Visier. Reichlich Stoff für den Chronisten des Alltags bot sich auch nach dem Mauerfall. Kaum waren Hammer und Zirkel aus dem Ährenkranz herausgefallen, wurden die Bockwurstesser, Medaillenträger und Datschenbesitzer von Glücksrittern, Spekulanten und Wohlstandsspießern abgelöst. Seit dem Ableben von Horst Hille, welcher am 26. Januar 2015 verstarb, wird der künstlerische Nachlass durch seine langjährige Lebenspartnerin Ute Gebauer verwaltet. Zu Beginn dieses Jahres übergab sie an die Städtische Kunstsammlung die Ölbilder „Großer Feiertag“ von 1992 sowie „Trabant-DDR-1989“ und „Trabant-0-1991“, beide mit dem Entstehungsjahr 1991 datiert. Wichtig war für Ute Gebauer, dass Horst Hilles Werke mit gesellschaftlichem Bezug in öffentlichen Besitz gelangen.

Ende Januar bot Mara Woldt, Tochter des 2015 verstorbenen Dresdner Künstlers Dieter Melde, der Städtischen Kunstsammlung an, einige Werke ihres Vaters als Schenkung zu überlassen, da dieser in Radebeul-Zitzschewig aufgewachsen war. Beziehungen zu Dieter Melde existierten nur punktuell. Über viele Jahre beteiligte er sich am Radebeuler Grafikmarkt. Er war Mitglied in Dieter Beirichs Zeichenzirkel und besuchte die Abendkurse der Dresdner Kunsthochschule. Nach dem Studium der Theatermalerei und -plastik arbeitete er am Deutschen Theater Berlin und im Trickfilmstudio Dresden. Im Jahr 1978 erfolgte die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler. Anschließend war er als freischaffender Maler, Grafiker und Restaurator tätig. Für die Verbandsaufnahme hatten übrigens Heinz Drache und Gunter Herrmann gebürgt. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Schaffen von Dieter Melde erfolgte unsererseits erst nach dessen Tode. Plötzlich gab es Zugang zu vielen Dingen, der zu Lebzeiten wohl niemals möglich gewesen wäre. Das hinterlassene künstlerische Werk spricht für die Experimentierfreudigkeit und Konsequenz mit der Dieter Melde bestimmte Themen bearbeitete, bis sich seine Phantasie schließlich wieder an einer neuen Problematik entzündete. Die Schenkung umfasst Arbeiten verschiedener Schaffensphasen. Darunter zwei frühe Stadtlandschaften in feinen Graunuancierungen aus den 1970er Jahren. Einige der Objektcollagen bestehen aus Nägeln, Farbtuben und Streichholzschachteln, welche von einer pastosen Holzasche-Schlemme überzogen sind. Bilder mit floral bis skriptural anmutender Ornamentik erinnern an die Muster von Teppichen. Skizzenbücher und Studienblätter geben Einblick in künstlerische Prozesse. Die Auseinandersetzung mit dem Gesamtschaffen des Künstlers hat für alle Beteiligten gerade erst begonnen.

Ute Gebauer im Gespräch mit Karin Baum

Ute Gebauer im Gespräch mit Karin Baum Foto: Karl Uwe Baum

Dass diese vierwöchige Ausstellung spontan in unseren Ausstellungsplan eingeschoben wurde, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der großzügigen Schenkung von Dieter Beirich, welche er Anfang Oktober des vergangenen Jahres an die Kunstsammlung übergab. Ein Großteil des Konvolutes besteht aus neueren Arbeiten, die nach 2000 entstanden sind. Beirichs Blätter, auf denen vorwiegend Berglandschaften und Baumgruppen dargestellt sind, verglich der Kunstkritiker Heinz Weißflog mit Musik in unterschiedlichen Variationen, die sich auf wenige Themen beschränkt. Die Motive, durchaus lokalisierbar, sind reduziert auf Wesentliches, lösen sich scheinbar spielerisch auf in Farbe und Gefühl. Das Spätwerk des 81-jährigen Malers ist das Credo eines lebenslangen künstlerischen Reifeprozesses. Dieter Beirich äußerte 2010 in einem Interview, dass ihn ab 1980 der Zerfall der DDR sehr bewegt habe. Das Malen in der Natur war so etwas wie Flucht. Künstlerisch frei und unbeschwert arbeiten konnte er erst als Rentner. „In den letzten Jahrzehnten war ich viel in den Bergen. (…) Auf der Höhe ist man frei“. Die Präsentation seiner Werke in der Stadtgalerie zu erleben und die Resonanz des Publikums am Tag der Ausstellungseröffnung authentisch zu spüren, bedeuteten Dieter Beirich sehr viel. Gekommen waren auch Mara Woldt und Ute Gebauer sowie Vertreter des Förderkreises der Stadtgalerie. Der zweite Bürgermeister Winfried Lehmann bedankte sich im Namen der Radebeuler Stadtverwaltung bei allen, die mit diesen Schenkungen zur Bereicherung der Städtischen Kunstsammlung beigetragen haben. Mara Woldt wiederum brachte während der Eröffnungsveranstaltung ihre Freude zum Ausdruck über die Wertschätzung, welche in Radebeul der Kunst und den Künstlern entgegengebracht wird, denn die Bedeutung der Kunst läge eben nicht in ihrem Marktwert, sondern Kunst sei eine Einladung zu Sinn und Sinnlichkeit, zu Witz und Nachdenklichkeit. Diesen großen Vertrauensvorschuss gilt es nun durch Taten einzulösen.

Karin (Gerhardt) Baum

Die Ausstellung wurde am 10. Februar eröffnet und ist bis zum 12. März zu sehen.

Julius Wilhelm Graebner – Vortrag anlässlich des 100. Todestages

Am 25. Juli jährt sich zum 100. Mal der Todestag Julius Wilhelm Graebners. Der 1858 in Durlach (Baden) Geborene studierte in Karlsruhe und Dresden Architektur. Nach seiner Rückkehr aus Berlin 1889 war er zusammen mit Rudolf Schilling (1859-1933) in der gemeinsamen Architektenfirma „Schilling & Graebner“ tätig. Sein Kompagnon Schilling war der Sohn des berühmten Bildhauers Johannes Schilling (1828-1910), zu dessen Hauptwerken neben den Vier Tageszeiten an der Treppe der Brühlschen Terrasse und dem Reiterstandbild für König Johann von Sachsen auf dem Theaterplatz in Dresden auch die Germania auf dem Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein zählt.


Mit dem gut vernetzten und geschäftstüchtigen Rudolf Schilling und dem entwurfsstarken Julius Graebner avancierte die gemeinsame Dresdner Firma schnell zu den führenden sächsischen Architekturbüros und wurde besonders für den modernen protestantischen Kirchenbau in Deutschland wegweisend. Daneben entstanden Geschäftshäuser, Wohnsiedlungen, Landhäuser und Kureinrichtungen. Stilistisch ist die für die Zeit um 1900 charakteristische Abkehr von den Neostilen des 19. Jahrhunderts und die Hinwendung zur Moderne sichtbar.


Anlässlich des 100. Todestages Julius Wilhelm Graebner wird der Kunsthistoriker Dr. Tobias Michael Wolf in Radebeul einen Vortrag über Leben und Werk des bedeutenden Dresdner Architekten halten. Der Vortrag beleuchtet neben dem beruflichen Werdegang Julius Graebners besonders die stilgeschichtliche Einordnung des Oeuvres. Auch die wegweisenden Arbeiten auf dem Gebiet der Denkmalpflege, die unter dem Einfluss Cornelius Gurlitts entstanden, werden thematisiert: der Wiederaufbau der Kreuzkirche in Dresden nach dem Brand 1897, der Schutzvorbau für die Goldene Pforte am Freiberger Dom von 1902/03 und die Umgestaltung der Jacobikirche in Chemnitz 1911.

Altfriedstein

Altfriedstein Foto: M. Mitzschke

Ein besonderes Augenmerk wird natürlich auf die Bauten der Architekten in der Lößnitzstadt gelegt. So begründeten Schilling & Graebner mit der 1891/92 in Neurenaissanceformen gestalteten heutigen Lutherkirche in Radebeul ihren Ruf als fortschrittliche protestantische Kirchenarchitekten, indem sie sich bewusst von den Stilvorgaben des Eisenacher Regulativs lösten. Ein anderes Arbeitsfeld, das des Villen- und Landhausbaus, wird eindrucksvoll in der von der Architektenfirma ab 1899 projektierten und gebauten Villenkolonie Altfriedstein in Niederlößnitz auf dem Gelände des alten Weingutes repräsentiert. Neben der Gesamtplanung traten Schilling und Graebner dabei auch als Projektentwickler auf und gründeten eine eigene Vermarktungsgesellschaft, deren Werbeschriften die Gestaltungsvorstellungen der Zeit repräsentieren. Städtebaulich greift die Siedlung zeittypische Tendenzen des Städtebaus mit der Rückbesinnung auf die malerische Stadtplanung auf. Auch die geplanten und ausgeführten Bauten zeigen die Vielfalt der zeitgenössischen Strömungen der Reformarchitektur, zu deren Hauptvertretern Rudolf Schilling und Julius Graebner gerechnet werden müssen.
Dr. Tobias Michael Wolf
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Der Vortrag findet am Freitag, 31. März 2017, im Großen Saal des Kulturbahnhofs in Radebeul statt. Wolf studierte Kunstgeschichte an der TU Dresden und schloss mit einer Magisterarbeit über die Villenkolonie Altfriedstein in Niederlößitz, einem damals unbekannten Werk der Architektenfirma „Schilling & Graebner“, ab. Er ist beim Landesamt für Denkmalpflege Hessen als Bezirkskonservator tätig.

Editorial 03-17

Die Oper müsst ihr euch unbedingt ansehen. Sie ist klasse inszeniert und die Musik erst, einfach toll! “ Soweit die Empfehlung von mehreren Freunden. Die Zusammenfassung lieferte dann unser Redaktionsmitglied Wolfgang Zimmermann in seiner Rezension im Februarheft. Es geht um das Stück „Samson et Dalila“, der Oper von Camille Saint-Sa?ns in den Landesbühnen Sachsen. Ich erinnerte mich, dass wir zur Premiere am Samstag, den 14. 01 2017, die Einladung leider nicht annehmen konnten. Das macht nix, dachten wir, da gehen wir eben später einmal. Im Januar standen viele Termine an, also schaute ich im Spielzeitplan des ersten Halbjahres nach einem für uns günstigen Termin. Tja, schauen kann man, aber zu finden ist nichts: Das Stück wird nicht mehr gespielt. Nun fragen wir uns, ob es wirklich im Sinne eines Theaters ist, ein sicher mit erheblichem Aufwand inszeniertes und vom Publikum sehr gut angenommenes Stück schon nach wenigen Vorstellungen aus dem Spielplan des Stammhauses zu nehmen? Das Theater baut regelrecht Druck auf. Wir als Besucher „verrenken“ uns fast, um ein bestimmtes Stück zu sehen. Oder aber wir müssen auf den Theaterbesuch verzichten, weil wir es innerhalb eines kurzen Zeitraums nicht schaffen Gast zu sein. Ich hatte in einem früheren Editorial schon einmal auf die Fülle der Stücke hingewiesen und auf die möglicherweise damit einhergehende Gefahr, Protagonisten, Techniker, alle am Entstehen des Stückes Beteiligten und das Publikum zu überfordern. Gleichwohl die gezeigte Vielfalt sehr beeindruckend ist, ich persönlich finde: Etwas weniger wäre sicher mehr, für die Belegschaft des Theaters und für das Publikum.
Ilona Rau

Mit Hans-Eckardt Wenzel poetisch durch das Jahr 2017

Das Abschmink-Lied

Still vom Klatschen und vom Schreien
Über meine derben Witze,
Steh ich plötzlich vor den Reihen,
Einsam, all der leeren Sitze.

Ausgetrocknet sind die Lippen,
Hals und Kopf sind leer gesungen,
Stechend ist in meiner Rippen
Käfig mir mein Herz gesprungen.

Stunden später, müd, beim Feste,
Einen scharfen Schnaps im Glase,
Stierte eine auf die Reste
Schminke über meiner Nase.

Aussatz ziert mich! Einen Narren
Hast du neben dir zu sitzen.
Hoffst, ich zög dir jeden Karren
Aus dem Dreck, mit meinen Witzen.

Freilich könnt ichs! Nur Sekunden,
Da die Augen sich noch drehen
In artistisch großen Runden
Um die Augen, die mich sehen.

Alles, was ich hab, verteil ich,
So erfinde ich mein Glück.
Meine Narrenfreiheit freilich
Ist ein lächerliches Stück.

© Lied vom wilden Mohn: Gedichte
Mitteldeutscher Verlag Halle – Leipzig 1984.

MEISSNER STRASSE 172

War das kleine Radebeuler Kulturdenkmal mal ein Winzerhaus?

Warum war ich so zögerlich, anders als in anderen Fällen, mit dem Schreiben zu diesem kleinen Anwesen zu beginnen? Sicherlich weil es kein herausragendes Denkmal in der Radebeuler Kulturlandschaft ist und weil die Bau- und Nutzungsgeschichte noch viele Rätsel hat. Dem steht gegenüber, dass das Haus seit über drei Jahren durch Freunde von mir mühevoll in Stand gesetzt wird und ich mich mit ihnen freue, dass im September 2016 trotz einiger Restarbeiten der Einzug erfolgen konnte. Anderseits sind auch in meinem weiteren Bekanntenkreis durchaus ein paar Leute, die meinen, das Haus sei ein Fall für die Abrissbirne und sich an den Kopf greifen, wie man in einem alten Haus wohnen will, wo die Bahn quasi durchs Schlafzimmer fährt. Aber gerade diese Mischung ist doch eine spannende Geschichte!

Die Fragen beginnen schon bei der Eintragung des Hauses in der Radebeuler Denkmaltopografie – „kleines, zweigeschossiges Wohnhaus errichtet um 1880“ – wodurch die Baugeschichte stark abgekürzt wird und eventuelle andere Nutzungen ausgeschlossen werden.

Ohne Zweifel würde ein Makler das Haus Meißner Straße 172 mit „verkehrsmäßig gut erschlossen“ beschreiben und da hätte er Recht. Die eigentümliche Lage hart an der verkehrsreichen Meißner Straße kann man nur durch die Historie erklären. Dabei sollten sich auch frühere Nutzungen besser erkennen lassen. Das Grundstück (Fl.st. 2703) war im 18. Jh. etwa 15.960 m² groß, ging im Westen bis zu einem längst nicht mehr existierenden Weg zwischen Bor- und Meißner Straße und wurde im Laufe der Geschichte mehrmals geteilt und bebaut, so dass das heute betrachtete Grundstück Meißner Straße 172 nur noch etwa 1970 m² misst. Hinzu kommt, dass die Heidesandterrasse, eine Südlage, zwischen Borstraße und Meißner Straße quer durch das Grundstück verläuft. Und wenn man dann noch den sehr alten Gewölbekeller sieht, wird man bald auf Wein kommen – also die ehemalige Grundstücksgröße ließe zusammen mit der Südlage Weinanbau grundsätzlich zu. Das ursprüngliche Haus, insbesondere der Keller spricht dafür, könnte also ein kleinerer Winzerbetrieb gewesen sein. Das findet man auch in alten Lageplänen mit entsprechender Symbolik für Weinbau bestätigt. Als Rest einer Weinbergsumzäunung kann eventuell die Mauer längs der Zillerstraße betrachtet werden, solche Einfriedungen schützten oft die Weinberge. Anderseits teilte die um 1880 angelegte Zillerstraße das große Grundstück ein weiteres Mal. Der Haustypus ähnelt vielleicht auch einem sächsischen Bauernhaus, könnte man meinen. Doch hier war kein Dorf; Serkowitz oder Fürstenhain sind weiter als 1km entfernt. Man weiß auch, dass noch im 19. Jh. Niederlößnitz sehr spärlich mit Gebäuden bestanden war und dass, entgegen zum heutigen Anbau fast nur am Steilhang, Wein auch auf flacher geneigten Flächen bis nahe der Elbe stand. An mehreren Stellen in Radebeul können wir außerdem ablesen, dass Winzerhäuser niemals mitten im Weinberg errichtet wurden, sondern, wie auch hier, eher in Randlage. Heute Vorbeikommende sehen auffallend starken Baumbestand gerade auf der Heidesandterrasse, doch der ist maximal 200 Jahre alt und hatte den Wein noch vor der Reblauskatastrophe allmählich verdrängt. Außerdem war die Linie der heutigen Meißner Straße im 18. Jh. ein Feldweg und für Fernverkehr bedeutungslos. Das änderte sich erst mit Verlegung der alten Poststraße 1784 aus Serkowitzer Elbnähe auf hochwassersichereres Terrain und damit vor unser betrachtetes Haus, das damals schon gestanden haben muss. Der Verkehr auf der Poststraße war hier bis weit ins 19. Jh. jedoch nicht mit den heutigen Verkehrsverhältnissen zu vergleichen.

Bevor wir das bzw. die Gebäude etwas näher anschauen, muss ich zunächst den merkwürdigen, im Volksmund verhafteten Namen des Hauses – Hexenhaus – gerade rücken. Das ist natürlich Quatsch, Hexen sind eine mittelalterliche, religiös gestützte Erfindung und ich habe nicht die Phantasie, die Wurzeln dieses Hauses im Mittelalter zu suchen. Diese liegen frühestens in der Mitte des 18. Jh., konnten aber bisher keinem genauen Jahr zugeordnet werden. Sollte ich dem Haus einen Namen geben müssen, hielt ich Märchenhaus für passender. Vielleicht würde das Lotte, der z.Z. jüngsten Bewohnerin, gefallen?

Der Bau des Gewölbekellers aus Sandsteinquadern entspricht der Bauweise, die in der Lößnitz etwa vom 16. bis ins 18. Jh. üblich war, ist aber hier leider an keiner Stelle datiert. Er ist über eine Falltür im Korridor und eine relativ breite Treppe (Fasstransport!) zu erreichen und stellt ganz sicher das älteste, bzw. ursprünglichste Bauteil des Gebäudes dar. Wir gehen nicht fehl, wenn wir diesen Keller als in der Mitte des 18. Jh. errichtet einstufen.

Da der Kellergrundriss nicht mit dem EG-Grundriss übereinstimmt, ist das Erdgeschoss mit einem Natursteinsockel extra gegründet. Darauf baut ein zweigeschossiges, nicht durchlaufendes Fachwerk-Wandgefüge heute mit Lehmausfachungen auf. Ältere, verputzte Ziegelausfachungen waren schadhaft. Eine Putzstelle ließ einen roten Beistrich erkennen, ein Zeichen, dass das Winzerhaus vor 1872 sichtbares Fachwerk hatte. Dieses weist aber keinerlei kunstvolle Arbeiten auf. Alle verwendeten Hölzer sind Nadelhölzer, was für einfache Häuser auf dem Lande durchaus üblich war. An zwei Stellen wurden Holzproben für eine dendrochronologische Untersuchung entnommen und von zwei unabhängigen Prüfern grob als 1. nicht älter als 1740 und 2. nicht jünger als 1840 eingeschätzt – da ist viel Luft dazwischen!

Meißner Straße 172, Ansicht von Süden vor der Sanierung
Foto: D. Lohse


Die Fensteranordnung mit 3 (Traufseite) x 2 (Giebel) Achsen ist, abgesehen vom Westgiebel, regelmäßig. Die Verbretterung beider Geschosse lässt sich einer Umbauphase von 1872 (diese Jahreszahl geht aus dem handschriftlichen Vermerk auf der Rückseite eines alten Brettes von einem am Bau beteiligten Zimmerer hervor, der Rest unleserlich) zuordnen, eine Ausführung dieser Arbeiten, wie auch Änderungen der Dachkonstruktion wird der Fa. Gebr. Ziller zugeschrieben. Das Dachsystem eines Satteldaches, vorher wohl Sparrendach, wurde zu dem Zeitpunkt in ein Pfettendach ohne Drempel geändert und ist so in der Lößnitz nur in der 2. Hälfte des 19. Jh. verwendet worden. Ein Vergleich zu dem Zillerbau Bennostr. 27a (1873) mit ähnlichem Dachstuhl und gleicher Holzzier bestärkt die obengenannte Zuschreibung der Arbeiten. Bei diesem Umbau erscheinen nun bescheidene künstlerische Ausstattungen mit Rundbogenfries an der Verschalung und geschweiften äußeren Fensterrahmungen.

Fensterdetail mit Holzzierleisten
Foto: D. Lohse


Ursprünglich waren in diesem Haus Holz-Einfachfenster mit zwei Sprossen je Flügel mit Klappläden. Bei der laufenden Rekonstruktion folgten die Eigentümer diesem Prinzip, jedoch werden die z.T. aufgearbeiteten Fenster durch neue Kastenfenster ergänzt. Wenn die noch fehlende Verbretterung in diesem Frühjahr wieder angebracht wird, soll dahinter eine zeitgemäße Wärmedämmung unsichtbar befestigt werden. Apropos Wärme, künftig wird das Haus alternativ beheizt – dafür kann Erdwärme von einem neuen ca. 150m tiefen Brunnen genutzt werden. Das scheint mir eine intelligente Lösung zu sein. Dadurch fielen zwei ältere Schornsteine weg.

Wie das Haus in früheren Zeiten gedeckt war, ist nicht bekannt. Eine letzte Dachdeckung (nach 1945) mit roten Strangfalzziegeln war noch so gut, dass hier nur sparsame Ergänzungen erforderlich waren.

Ein westlicher, eingeschossiger Anbau, der früher auch ein Satteldach hatte, diente als Stall und Waschhaus und soll in einer zweiten Sanierungsphase dem Wohnbereich zugeschlagen werden. Ein anderes, nicht mehr stehendes Nebengebäude längs der Zillerstraße, an das nur noch ein Fenstergewände in der Mauer am Fußweg erinnert, diente wohl einst als Kleintierstall. Es war durchaus üblich, dass sich Winzer Ziegen, Kaninchen und Hühner hielten, ohne dass man sie deswegen als Bauern bezeichnet hätte. An der Stelle dieses Nebengebäudes wollte in den 30er Jahren die katholische Kirche offensichtlich eine kleine Kapelle bauen. Wir fanden dazu Skizzen von Architekt Max Czopka, die aber nie verwirklicht wurden.

Zu den Vorvorbesitzern des Grundstücks weiß man nicht sehr viel – seit 1931 gehörte es aber bis zum Verkauf im Jahre 2013 der benachbarten katholischen Kirche, die es untervermietete bzw. später auch für Rüstzeiten junger Katholiken genutzt hatte.

Das Ziel der Denkmalpflege war eine konstruktive Ertüchtigung des Hauses innerhalb des überkommenen Gefüges und die Wahrung des äußeren Bildes nach dem letzten Umbau von 1872 als das Haus bereits kein Winzerhaus mehr war, auch verbunden mit einer Modernisierung der technischen Ausstattung. Dieses Ziel wurde m.E. prinzipiell erreicht; natürlich blieben Überraschungen während der Zeit der Sanierungsarbeiten nicht aus, wo man dann auch ein paar Kompromisse eingehen musste. Ich möchte den Bauherren, meinen Freunden Frank S. und Andrea L., ausdrücklich für die Leistungen während der langen Bauzeit danken, ich bewundere das Durchstehvermögen und weiß, dass das Geld nicht in den Sand gesetzt wurde, wiewohl auf Sand (sh. Heidesandterrasse) gebaut wurde.

Die durch die Überschrift aufgeworfene Frage möchte ich nachdrücklich mit Ja beantworten, es muss sich hierbei um ein um 1750 erbautes Winzerhaus handeln!

Dietrich Lohse

Erinnerungen an den Puppenspieler und Regisseur Carl Schröder

In meinem Schreibtisch gibt es mehrere Schubladen, die sind angefüllt mit Fotos und Briefen voller Erinnerungen. In großen zeitlichen Abständen fordert die Größe der Schubkästen eine Inventur. Die nasskalten Tage des neuen Jahres sind wie geschaffen dafür in der Vergangenheit zu kramen, mit dem Ziel, den Inhalt zu reduzieren und Platz für Neues zu gewinnen. Das dauert immer viel länger als gedacht. Erinnerungen beanspruchen Raum und Zeit. Manche Ereignisse verblassen mit den Jahren, es fehlt der Schlüssel für die Erinnerungen, das sind die „Platzmacher“. Bei dieser manchmal auch wehmütigen Beschäftigung fiel mir dieser Tage eine kleine ordentlich gefaltete Mappe in die Hand. „Für Familie Aust, dankend von Carl Schröder XII./82.“ steht darauf. Der Inhalt sind Fotos, selbst entwickelte schwarzweiß Aufnahmen von seiner Ausstellung „Ein Leben mit Puppen“, die im Herbst 1982 im Erdgeschoss des Lusthauses Hoflößnitz zu sehen war. Diese Fotos waren mir ein Katalysator für das Erwachen einer ganzen Reihe schönster Erinnerungen an Carl Schröder, meist im Umfeld der Hoflößnitz, angefangen mit dem gemeinsamen Aufbau seiner Puppenspiel-Ausstellung, wovon die Aufnahmen erzählen. Und die Gedanken spazierten weiter zu einer kleinen, einem fröhlichen Volksfest gleichenden Feier, anlässlich seines 80. Geburtstages und den ganz zufälligen Begegnungen, wenn man Karin und Carl Schröder bei Spaziergängen oder einem Glas Wein auf diesem geliebten Areal traf.

Ulrich Aust im Dresdner Zwinger, 1989
Foto: Fam. Aust


Unser gemeinsames Kennenlernen begann erst zu einer Zeit, in der die über die Landesgrenzen hinaus international verehrte und bekannte Puppenspielerlegende schon weit auf seinem Lebensweg vorangeschritten war. Sein Alter aber wurde zur Nebensache, wenn man ihn erlebte. „Ich verliebte mich spontan in diesen Mann…“, erzählte mir seine Frau Karin Schröder, die er nach dem Tod seiner ersten Frau Henriette, seiner langjährigen treuen Puppenspielbegleiterin, heiratete.

Am 8. Februar 2017 jährt sich sein 20. Todestag. Das ist ein Anlass, sich dieser schönen vergangenen Zeit zu erinnern und anderen darüber mitzuteilen.

„Alle Kunst ist der Freude gewidmet und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken“ (J.C.F. v. Schiller). Entsprechend dieser Worte lebte Carl Schröder mit großer Freude und ebensolcher Ernsthaftigkeit. Und so erlebten wir ihn auch bei den Vorbereitungen für seine Ausstellung „Carl Schröder – Ein Leben mit Puppen“.

Bild: Fam. Schröder


Der Umstand, dass mein Mann die umfassende Sanierung der Erdgeschossräume des Lusthauses von1977 bis 1985 baulich leitete und betreute, hatte zur Folge, dass wir auch bei den verschiedensten Ausstellungen sehr oft unterstützend mit Rat und Tat geholfen haben.

Der Weg über die Straße war nicht weit, um Bretter, Draht, Strick aus unseren Beständen herbei zu bringen und so wuchsen wunderschöne Ausstellungen, meist bis weit in die Nacht hinein. Es gab kaum Vorplanungen, Vitrinen wurden improvisiert, ausgeliehen und mehrfach, immer neu kaschiert, wieder verwendet, denn für die wechselnden Ausstellungen waren kaum Gelder vorgesehen. Und doch wurden es stets interessante und anspruchsvolle Ausstellungen.

Carl Schröder, der Künstler selbst, war zupackend mittendrin, freundlich aber auch kritisch, bescheiden, aber auch fordernd. Auf einer Tafel zu seiner Biographie gab es ein sehr eindrückliches Foto, das den Künstler als kleinen Jungen zusammen mit seinen Eltern im Korb eines Heißluftballons zeigt. Man sieht es dem Ballon an, dass er nur auf Pappe gemalt ist, so groß, dass er nur angeschnitten Platz auf dem Foto fand. Aber das war egal. Ihm war dieses Foto wichtig und uns brachte es auf eine schöne Idee für die Ausstellungseröffnung.

Während ich viele Meter Stoff zusammennähte, schweißte mein Mann einen gewaltigen Eisenring zusammen von mehr als 2m Durchmesser. Gerade so groß wie unser großer Gartentisch. Mit meiner transportablen Nähmaschine aus dem Westen vernähte ich, mehrfach um den Tisch wandernd den Ring mit dem Stoff. Das funktionierte wunderbar, anschließend bemalten wir unseren eindimensionalen Ballon wie wir uns einen Heißluftballon vorstellten. Ein alter Wäschekorb und –leinen fanden sich auch und so bauten wir vor dem Lusthaus der Hoflößnitz unseren Korb auf, spannten mit den Wäscheleinen die große Ballonscheibe zwischen die Bäume und vertäuten sie mit dem Korb. Vor alles stellten wir eine Tafel, auf der zu lesen stand, zu welcher Uhrzeit Carl Schröder mit dem Ballon in die Lüfte steigen wird.

Ihm zu Ehren war viel Volk unterwegs, die Stimmung war heiter und ausgelassen. Unser „Ballon“ war schon allein durch seine Größe auffällig. Man drängelte sich, um zu erfahren, was es mit all dem auf sich habe. Was anfangs nur eine lustige Überraschung für Carl Schröder sein sollte, wurde zum großen Vergnügen vieler. Als mein Mann in vollem Ernst gefragt wurde, ob auch andere Personen mitfliegen dürften, kannte unsere Freude kaum noch Grenzen. Nein, natürlich nicht und sie sollten bitte nicht so nah an die Leinen gehen, weil sonst der Ballon unbeabsichtigt und unkontrolliert vor der Zeit aufsteigen könne…

Endlich war es soweit, Carl Schröder stieg in den Korb, lächelte freundlich nach allen Seiten grüßend, winkte… es wurden viele Fotos gemacht… und er stieg wieder behände aus dem Korb heraus.

Carl Schröder mit seinen Eltern, Dresdner Vogelwiese, um 1908
Foto: Fam. Schröder


Ich habe leider nur noch die Erinnerung ohne Foto, aber vielleicht gibt es ja auch noch bei anderen Schubladen mit Erinnerungsbildern?

Carl Schröder liebte die verträumte Atmosphäre der Hoflößnitz und fühlte sich dort ausgesprochen wohl. Aus diesem Grunde fand hier auch die wunderschöne Feier seines 80. Geburtstages statt. Im Juni, bei schönstem Sommerwetter mit Puppenspiel und vielen Gästen, tummelte sich ein vergnügtes Volk auf den Wiesen, unter den Kastanien und um den frisch verheirateten glücklichen Jubilar.

Carl Schröder, Herbst 1982
Foto: Stiftung Hoflößnitz


Das alles ist lange Vergangenheit, nichts bleibt wie es war. Und doch lobe ich mir den reichen Inhalt meiner Schubladen, der mir Rückblicke ermöglicht in kleine Welten von gestern oder vorgestern, allein durch eine Fotomappe.

Ich habe mir vorgenommen, wichtige emotionale Nachrichten zukünftig wieder öfter auf Papier und weniger digital zu verschicken. Was soll sonst aus meinen Schubladen und den schönen Erinnerungen werden?

Elisabeth Aust

40 Jahre Restaurierung der Hoflößnitz und Zwingerbaumeister Ulrich Aust

Einladung zur öffentlichen Veranstaltung in die Hoflößnitz

Wer den Titel überfliegt, denkt vielleicht, was hat denn das miteinander zu tun? Wer die Aktivitäten des Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul e.V. über die Jahre verfolgt hat, wird bemerken, dass die Hoflößnitz immer wieder im Fokus von dessen Veranstaltungen liegt. Eine schöne Tradition ist es geworden, ein mal im Jahr eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Verein Kulturlandschaft Hoflößnitz zu gestalten. Beide Vereine wollen nun erneut auf diesem Wege zur oben benannten Veranstaltung einladen. Aber was hat das mit Ulrich Aust zu tun?

Ulrich Aust im Dresdner Zwinger, 1989
Foto: Fam. Aust


Viele in den letzten 25 Jahren Zugezogene oder in dieser Zeit erst intensiver mit Radebeul in Beziehung Gekommene stolpern vielleicht über den Vornamen, da Ihnen unter dem Namen Aust nur Friedrich Aust, Elisabeth Aust, Philipp Aust oder Friederike Curling Aust bekannt sind.

Der bibliophil Veranlagte geht nun zum Bücherschrank und schaut im Stadtlexikon Radebeul nach (bei dem wir uns schon auf die angekündigte neue erweiterte Auflage freuen). Ein kurzer Eintrag ohne Bild gibt Auskunft:
„Architekt und Denkmalpfleger, geb. 16.02.1942 Bautzen, gest. 30.07.1992 Radebeul… Seit 1971 arbeitete er für die Staatlichen Kunstsammlungen u.a. am Wiederaufbau des Dresdner Stadtschlosses und wurde 1983 zum Zwingerbaumeister berufen. In Radebeul machte er sich u.a. um die Sanierung des Hohenhauses, der Hoflößnitz, der Spitzhaustreppe, zahlreicher historischer Weinbergsmauern und des Meinholdschen Turmhauses (Weinbergstraße 10) verdient, wo er seit 1978 mit seiner Familie lebte. Für sein Engagement wurde Aust u.a. mit dem Kunstpreis der DDR geehrt.“

Man sieht, alle genannten Austs gehören zusammen. Und dann fällt das tragische Jubiläum auf – Ulrich Aust starb vor 25 Jahren im Alter von nur 50 Jahren. Dieses Jahr wäre er 75 Jahre alt geworden. Was hätte er nicht alles noch bewirken können, wenn er mehr Zeit gehabt hätte?

Ich selbst, damals noch sehr jung, habe ihn beim ehrenamtlichen Engagement im Aktiv für Denkmalpflege beim Stadtarchitekten der Stadt Radebeul Mitte der 1980er Jahre kennengelernt. Abgesehen davon, dass er sehr fachkompetent und zielstrebig wirkte und immer neue Ansatzpunkte einbrachte, wenn wertvoller Bausubstanz zu retten oder deren Verschandelung entgegenzuwirken war, hatte ich selbst nur wenige konkrete Erinnerungen.

Aber schon bei der ersten Recherche, ob des Doppeljubiläums Substanz für eine Veranstaltung haben könnte, wurde ich fündig. Frank Andert vom Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz, der sich eines anderen Jubiläums wegen intensiver mit der Sanierungsgeschichte der Hoflößnitz beschäftigt, hatte da Einiges zu erzählen. So entstanden Ansatz und Bindeglied des gemeinsamen Themas.

Sanierungsarbeiten an Hoflößnitz, Anfang der 1980er Jahre
Foto: Stiftung Hoflößnitz


Neugierig geworden, lud ich ein paar mir bekannte Personen zu uns ein, von denen ich wusste, dass sie über die Arbeit im Aktiv für Denkmalpflege oder am Dresdner Schloss oder an der Zwingerbauhütte mehr mit Ulrich Aust zu tun hatten. Die erste Überraschung war, dass gleich noch eine Person mehr kam, als ich gedacht hatte – und das aus Begeisterung für das angedachte Thema. Dadurch wurde auch eine weitere Facette des Wirkens von Ulrich Aust bekannt – die Weinbergskirche in Dresden Pillnitz.

Diesen Abend werde ich so schnell nicht vergessen. Mit Herzblut erzählten die Gäste von einem Mann voller Ideen und Tatkraft. Er besaß die schöne Gabe, die eigene Begeisterung für die Denkmalpflege auch auf andere übertragen zu können. Und er war zupackend – seine Frau berichtete, dass sie fast an jedem Wochenende für viele Leute Proviant zusammen packte, damit die Helfer etwas zu Essen hatten.

An einer großen Zahl von Objekten schützenswerter Bausubstanz hat er dienstlich, ehrenamtlich und privat Hand angelegt oder für deren Erhaltung Weichen gestellt. Nur einige möchte ich zum Neugierig machen nennen:
das Löwentor am Dresdner Schloss, Schloss Scharfenberg, das Hellhaus in Moritzburg, das Grüne Gewölbe im Albertinum, den Muschelpavillon an der Spitzhaustreppe, das Hohenhaus in Radebeul… Seine tatkräftige Art ließ ihn zum Teil unkonventionelle Wege gehen, was ihm nicht nur Freunde machte. Manches war so auch nur unter den Umständen der DDR möglich.

Die Gäste des Abends sagten noch, dass sie sich nicht erinnern könnten, dass Ulrich Aust Hektik ausgestrahlt hätte, sein Wirken war bestimmt von Fachkompetenz und seine Ausstrahlung wäre von respektvoller Distanz geprägt gewesen.

In ganz besonderem Maße lag ihm das, sich in unmittelbaren Nachbarschaft des von seiner Familie bewohnten Meinholdschen Turmhauses befindliche Ensemble „Schloss Hoflößnitz“, wie es damals hieß, am Herzen. Das Großprojekt der 1977 begonnenen Generalinstandsetzung des Lust- und Berghauses der Hoflößnitz begleitete er über viele Jahre als Gutachter, Berater und Organisator.

Der Start dieser Restaurierung jährt sich nun zum vierzigsten Mal. Ein Rückblick darauf bietet sich also an.

Nun soll aber nicht zu viel verraten werden. Vielmehr möchten die genannten Vereine Sie am 24. Februar 2017, 19.30 Uhr in den neuen Winzersaal im Presshaus der Hoflößnitz einladen, bei einem Vortrag mehr zum Thema 40 Jahre Sanierung Hoflößnitz zu hören und in einer lebendigen Gesprächsrunde von Weggefährten, die Strahlkraft des Wirkens von Ulrich Aust zu erleben.

Michael Mitzschke

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