Nach dem großen Erfolg von 2016 startete in Radebeul das 2. X-JAZZ Festival

Kristin Amparo und John Runefeld

Kristin Amparo und John Runefeld Foto: W. Zimmermann

Die Hoflößnitz in Radebeul ist seit langem schon ein Ort, an dem man gern verweilt. Wenn man dazu dort noch gute bzw. interessante Musik genießen kann, dann ist das ein doppeltes Plus. Das dachten sich auch die Macher des 1. X-Jazz Festes im Jahr 2016. Und wechselten daher auch nicht die Orte des Geschehens. In diesem Jahr fand der Auftakt im „Weingut Hoflößnitz“ statt.

Die Lutherkirche im Zentrum von Radebeul wurde zum 2. Spielort erwählt, das Weingut von Karl-Friedrich Aust buchte den 3. Tag, während der Kulturbahnhof in Radebeul-Ost zur Endstation erkoren wurde. Vier Konzerte, die sich dem Jazz auf ganz und gar unterschiedliche Art und Weise annähern wollen.

Texterin Nora Gomringer

Texterin Nora Gomringer Foto: W. Zimmermann

Das machte schon der Auftakt im wunderbar sanierten „Weingut Hoflößnitz“ deutlich. Der Ausnahmetrommler und Radebeuler Einwohner Günter „Baby“ Sommer hatte sich für die Startveranstaltung die Texterin Nora Gomringer mitgebracht. Diese Mixtur aus kraftvollen Trommelsoli und ganz wunderbaren – weil auch recht schonungslos offen – gelesenen Texten be- und verzauberte das Publikum.

Gunter »Baby« Sommer

Gunter »Baby« Sommer in Aktion Foto: W. Zimmermann

Gunter „Baby“ Sommer sieht sich selbst und seine Bühnenpartnerin „…im Ping Pong zwischen Texten und Leserei!“ Und doch lässt sich die Kraft seiner Trommelstöcke nicht verbergen. Sommer beginnt sehr sanft und hat aber schon nach drei Minuten zu seinem kraftvollen Spiel zurückgefunden. Und mitten in das Trommelkonzert mischt sich da die Stimme von Nora Gomringer, die verkündet: „Und ist man tot, dann muss man lang im Grabe liegen!“ Das ernüchtert und amüsiert gleichzeitig. Die beiden Akteure liefern sich im Verlaufe des Konzerts noch so manche Spitze. Wobei er die Kraft der Trommeln auf seiner Seite hat, sie sich aber mit der Kraft des Wortes vehement wehrt. Denn auf die Trommelei gemünzt pariert sie u.a. mit dem Satz „Trommel die Leute aus dem Schlaf, das ist die ganze Wissenschaft!“ Und beide schonen sich gegenseitig auch überhaupt nicht im weiteren Verlauf des Abends. Nora Gomringer hat zudem einige Sätze aus der Bibel parat und ganz ohne Schalk kritisiert sie diese. Mit dem wütenden Ausruf „Christus, hier hast Du’s!“ beendet sie schließlich diese Passage. Nora Gomringers Art zu lesen ist spannend und gefühlvoll zugleich. Und das Publikum glaubt ihr unbesehen, wenn sie bekennt „Aus meinem großen Herzen mach ich die kleinen Lieder!“ Glücklich will sei sein, aber ohne Lärm. Natürlich beantwortet Günter „Baby“ Sommer diese Bitte mit einem lautstarken Trommelwirbel.

Wolfgang Zimmermann

Das Meinholdsche Turmhaus und seine Besitzer

Meinhold

Carl Christian Meinhold Foto: Fam. Aust

Bei der Vorbereitung der Veranstaltung „Häuser und ihre Besitzer“, die diesmal am 19. Mai bei paradiesischem Wetter im schön restaurierten Gartensaal des „WEINGUTES AUST“ auf der Weinbergstraße 10 in Radebeul stattfand, stieß ich einige Zeit vorher im „Magazin für die Denkmalkultur in Deutschland“ auf einen Artikel mit schönen Abbildungen unserer Weinbergslandschaft. Sie wurde hier sogar als „GESCHENK DER GÖTTER“ bezeichnet. Das war fast eine Lobpreisung, vor allem deshalb, weil diese Auszeichnung von der Chefredakteurin selbst kam.
Bei den Abbildungen fehlten mir allerdings zwei wichtige Beispiele dieser „göttlichen“ Gegend: die Hoflößnitz und das Meinholdsche Turmhaus. Gerade sie, die fürstliche und die großbürgerliche Ansiedlung prägen und prägten nach wie vor das Herzstück der Lößnitz. Sie will ich hier beschreiben und unseren Vereinsabend für Sie, verehrte Leser, ein wenig nacherlebbar machen. Zuerst ein bisschen Geschichte:

Trmhaus

Meinholdsches Turmhaus von Südwesten Foto: G. u. H. Täubert

 

Foto: G. u. H. Täubert

Weinbau gab es in der Oberlößnitz schon um 1400. Bereits 1563 wird ein Presshaus unterhalb der Weckischen Hohenberge erwähnt. Die besten Lagen waren meist im kurfürstlichen Besitz. Ab 1615 bis 1735 wird durch Zukäufe dieser Besitz beträchtlich erweitert. Unter den Kurfürsten Georg I. und Georg II. entsteht 1648 das Haus Hoflößnitz. Um die Attraktivität dieses Ortes besser genießen zu können, stieg man gern zum 1672 erbauten Lusthaus (Spitzhaus) hinauf, das aber erst ab 1710 zum Hofe gehörte. Man hatte von hier aus eine herrliche Fernsicht bis hin zum Dresdner Schloss. Die Ausflüge der königlichen Familie nach Hoflößnitz waren aber nur selten im Jahr.

In der Zwischenzeit mussten Verwalter und Winzer für die Weingüter sorgen. Unweit des Hauses Hoflößnitz entsteht 1650 auf der jetzigen Weinbergstraße 1 (einst Hausgasse 1) ein eingeschossiges Winzerhaus mit Weinkeller und Presshaus, der erste Teil des späteren Meinholdschen Turmhauses. Das Haus wird 1715 in einer Zeichnung dokumentiert. Zu Zeiten der fürstlichen Winzerfeste werden hier vor allem Wagen und Pferde untergebracht. Um 1720 wird das Haus zur jetzigen Hoflößnitzstraße zu erweitert. Man hat nun zwei Blickachsen, eine zur Hoflößnitz- und eine zur Weinbergstraße. In der Mitte entsteht ein hoher Eckturm auf achteckigem Grundriss mit einer Turmhaube (Laterne). 1750 kommt ein Uhrwerk mit Glocke dazu. Der hohe Turm prägt nun entscheidend diesen Ort und steht mit seiner Höhe und seiner baulichen Besonderheit in Korrespondenz zu den fürstlichen Bauten. 1727 übernimmt der Landbauschreiber Joachim Ossenfeld das Weingut und lässt es zum Herrensitz ausbauen. Seine Familie veräußerte es wenige Jahre später an den Dresdner Kaufmann Johann Martin Kühn und von ihm übernimmt 1792 der Hofbuchdrucker Carl Christian Meinhold mit seinen Nachfahren das Grundstück und behalten es bis zum Jahr 1975. Die vergoldete Wetterfahne trägt noch immer seine Initialen CCM und das Haus noch immer seinen Namen.

Wer war Carl Christian Meinhold? Hier ein kleine Zusammenfassung: Am 12. April 1740 in Marienberg im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geboren, entwickelte er schon früh Charaktereigenschaften, wie eiserne Energie, Anspruchslosigkeit und Fleiß, die einen Besuch in einem Lyzeum und weitere Lebensstationen möglich machten. Mit 15 Jahren ging Meinhold nach Leipzig, dem Hauptplatz des Buchhandels. Hier begann er eine Buchdruckerlehre, die er mit 19 Jahren erfolgreich beendete und die ihm half, den Schritt nach Dresden zu wagen, um dort in der Hofbuchdruckerei „Stössel und Krause“ zu arbeiten. Nach dem Tod von Karl Krause (1772) wurde Meinhold Faktor und Seele vom Geschäft und nach dem Ableben der Wittwe Stössel konnte er schließlich die Druckerei mit allem Zubehör und allen Rechten kaufen. Somit waren alle größeren staatlichen Aufträge bei ihm. 1783 ersuchte Meinhold um die Verleihung des Hofbuchdruckerprivilegs, das ihm am 2. März 1784 von Friedrich August zugesprochen wurde. In relativ kurzer Zeit erweiterte er seinen Betrieb um ein vielfaches.

1777, also mit 37 Jahren, heiratete Meinhold Johanna Schnabel, die Tochter des Hofküchenschreibers. Aus dieser als sehr glücklich bezeichneten Ehe gingen sechs Söhne und neun Töchter hervor. Für die Sommeraufenthalte dieser großen Familie kaufte Meinhold 1792 deshalb einen Weinberg in der Lößnitz und ein Grundstück dazu. In der Beschreibung der Kunstdenkmäler von Dresdens Umgebung durch Cornelius Gurlitt heißt es: „Meinholds Weinberg“, Obere Bergstraße 75, Ecke Hoflössnitzstraße, zweigeschossiger Bau, Grundform rechtwinklig, das Erdgeschoß massiv, das Obergeschoß in verputztem Fachwerk, in der südwestlichen Ecke ein Vorbau mit Korbbogentür, die Wetterfahne in Form einer weiblichen Figur (Fama), Schlagglocke von 1750, zwei anmutigen Figuren auf den gebogten Torflügeln, den „Sommer“ und den „Winter“(1750). 

Turmhaube mit bekrönender Fortuna Foto: G. u. H. Täubert

CCM prägte die Formung des Hauses und die Gestaltung des Grundstückes entscheidend. Er ließ die Fassaden im „Zopfstil umgestalten, einen Barockgarten anlegen, die Toreinfahrt neu regeln und verschiedene Nebenbauten errichten. Diese wurden nach seinem Tod im Jahre 1840 durch seine Nachfolger im Jahre 1851 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Carl Eduard Johne (1822-1873), der Architekt und Semperschüler, baute eine große zweigeschossige Villa im toskanischen Stil mit Anklängen an den Schweizer Stil an die Stelle der alten. Im Inneren der Villa entstand 1853 ein breite Treppe und ein geräumiger Gartensaal mit einer schönen Ausmalung. Ein Brunnenhaus entstand, gespeist von der Strakenwasserleitung. Der Architekt Johne war mit Anna Emilie Meinhold verheiratet und gehörte zur Familie, wie auch alle weiteren Besitzer des Meinholdschen Turmhauses bis 1975.

CCM hatte schon früh, 1809, drei seiner Söhne in sein Geschäft einbezogen: Christian Immanuel, Karl Traugott, und August Ferdinand. Das Privileg der Hofbuchdruckerei ging an alle weiteren Meinholds bis zur Auflösung des Königreiches über.

In einer Denkschrift zum 150-jährigen Bestehen heißt die Firma später C.C.Meinhold und Söhne GmbH Dresden. Im Februar 1945 wurden alle Druckereien und auch die Wohnhäuser der Familie in Dresden durch die Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. Der letzte Radebeuler Mitbesitzer der Druckerei Friedrich Ernst Meinhold starb 1945. Damit ging das Zeitalter einer bemerkenswerten bürgerlichen Familie unter. Seine hervorragenden Druckerzeugnisse hatten den Verlag deutschlandweit berühmt gemacht. In allen Schulen Sachsens waren seine Schulwandbilder für alle Unterrichtsfächer vorhanden und seine Märchenrollbilder besonders beliebt. Paul Hey, ein bayrischer Kunstprofessor, lieferte die Entwürfe dafür. Leider gibt es heute kaum noch Beispiele aus dieser Zeit, nur in der Schule Radebeul-Naundorf sind neun Bilder als große farbige Glasfenster noch gut erhalten geblieben.

Putte, rechte Seite Hofeinfahrt Foto: G. u. H. Täubert

Nicht so gut ging es dem Grundstück auf der Weinbergstraße 10. Es war zwar 1936 unter Denkmalschutz gestellt worden und es erfolgten auch zwischen 1964-68 verschiedene Sicherheitsmaßnahmen, aber alle Sanierungen gingen nur schleppend voran. Das Grundstück drohte zu verfallen. Der letzte junge männliche Verwandte Wilfried Thenius war im Krieg geblieben, seinem Vater, dem Geographielehrer Dr. Thenius fehlten Material und Handwerker. Aber es fehlte vor allem an jugendlicher Initiative, Tatkraft und Sachverstand.

Alle diese drei wichtigen Eigenschaften hatte in den Augen von Frau Thenius, die nach dem Tod ihres Mannes weiter das Grundstück bewohnte, nur ein junger Mann, den sie schon als Kind kannte: Ulrich Aust (1942-1992). Er, der engagierte Architekt und spätere Zwingerbaumeister und seine Frau Elisabeth Aust, die Restauratorin, brachten nicht nur alle guten Eigenschaften und Interesse mit, sondern auch den Mut und die Hoffnung, dass alles gut gehen möge. 1975 kauften sie das Grundstück von Frau Thenius.

Betrachtet man das schöne Herrenhaus heute, nach 40 Jahren, so wie wir an diesem sommerlichen Abend, sieht man vor allem den Glanz und nur noch wenig von den Mühen. „Alles musste erneuert werden“, erzählt Frau Aust: „Dächer, Wände, Fenster, Elektrik, Abwasser. Gebäude wurden abgerissen, Mauern versetzt, Brunnen ausgebuddelt. Die „Geschenke der Götter“ machten es auch dem Glücklichen nicht leicht. Meist muss man sich alles schwer verdienen.

In dem Sinne wünschen wir der gesamten Familie Aust viel Glück und Durchhaltevermögen. Wir danken dem Besitzer für seine Gastfreundschaft und den Mitarbeiterinnen für ihre freundliche Unterstützung.

Gudrun Täubert in Zusammenarbeit mit André Schröder

Seifensteine erhalten!

Anmerkungen zum Sanierungsgebiet in Radebeul West

Bahnhofstr.

Blick von der Eisenbahnbrücke in den mittleren Abschnitt der Bahnhofstraße. Besonders auffallend, der schön gestaltete Fußgängerbereich auf der rechten Seite. Foto: K. U. Baum

Man mag darüber streiten, ob zum Ausbau des Schulstandortes in Radebeul West ein Sanierungsgebiet nötig ist oder nicht. Letztlich hat das wenig Sinn, schließlich wurde es bereits beschlossen. Deshalb muss es jetzt eigentlich nur noch darum gehen, wie die Sanierung um die Bahnhofstraße herum von statten geht, also, was sich konkret verändern soll. Dabei wird es sicher noch eine ganze Menge zu klären bzw. einen hohen Abstimmungsbedarf geben. So zum Beispiel, ob die alten Bäume im Mittelteil der Bahnhofstraße weg müssen oder nicht und ob der Bahnhofsvorplatz überhaupt Bäume braucht. Ein freier größerer Platz hätte ja so manchen Vorteil für das Stadtgebiet. In diesem Zusammenhang drängt sich der Gedanke auf, worin der Charakter des Stadtteils besteht. Eine Diskussion darüber hätte natürlich noch vor dem Sanierungsbeschluss geführt werden sollen…

Doch bleiben wir pragmatisch. Auf den Informationstafeln im Schaufenster des glücklicherweise entstandenen Bürgertreffs (Wo befände sich dieser eigentlich, wenn die Ladenfläche bereits vermietet gewesen wäre?) kann man Sanierungsvarianten des mittleren Teils der Bahnhofstraße studieren. Weshalb fehlt aber der Bürgervorschlag für schräge Parktaschen? Und worin besteht eigentlich der innovative, neue Ansatz für das Sanierungsgebiet, den die Verordnung für solche Vorhaben vorschreibt? Mit einer Verlegung der Bibliothek oder der Einbeziehung der alten Post auf der Meißner Straße wird es ja wohl bis auf Weiteres nichts werden. Der vorgesehene Ausbau des Schulstandortes im Bereich Harmonie- und Hermann-Ilgen-Straße wird künftig diesem Gebiet nicht nur seinen Stempel aufdrücken, sondern auch eine Vielzahl von Schülern konzentrieren. Welche Konzepte gibt es, um dies in Einklang mit dem Wohngebiet und der Verkehrssituation zu bringen? Derartige Überlegungen ließen sich fortsetzen. Im Laufe des Baugeschehens werden vermutlich noch weitere Fragen auftreten.

Bahnhofstr.

Ein in Radebeul verwendetes »Meißner Fußwegsteinchen« in den Abmessungen 5x5x10 cm Foto: K. U. Baum

Sanierungsmaßnahmen berühren nicht nur die unmittelbaren Bewohner, Gewerbetreibenden sowie Haus- und Grundstücksbesitzer dieser Gebiete, sie sind auch für die Bürger einer Stadt und deren Gäste von Interesse. In eine gewachsene Substanz einzugreifen, ist dabei nicht nur kompliziert, sondern es sollte auch behutsam geschehen. Geht es doch einerseits darum, vorhandene Missstände zu beseitigen und den „Gebrauchswert“ zu erhöhen, aber andererseits auch darum, den Charakter des Gebietes zu wahren. Es hatte sicherlich gute Gründe für die Neubepflanzung der Moritzburger Schlossallee gegeben, aber deren Flair ist nachhaltig beeinträchtigt.

Bahnhofstr.

Besonders der Belag auf der rechten Seite des Fußweges von der Meißner Straße bis zur Brücke benötigt eine Neuverlegung Foto: K. U. Baum

Die Bahnhofstraße ist neben dem Anger von Altkötzschenbroda das Herzstück von Radebeul West. Viele Details prägen diese Straße. Da sind die Häuserfassaden aus der Gründerzeit, die schattenspendenden Bäume, die breiten, teils hochgelegenen Bürgersteige mit ihren besonderen Belägen. Es sind die Mosaiksteine, die die Bürger so lieben, auf denen sie auch nach der Sanierung noch gehen möchten und die stufenfreien Wege. Die hellen Steine im oberen Teil der Bahnhofstraße fallen bestenfalls durch ihre unregelmäßige Lage auf. Dabei sind sie ein historischer Beleg für die Produktion von Baumaterialien in unserer Region. Die als „Dresdner Seifensteine“ bzw. als „Meißner Fußweg-Steinchen“ bezeichneten Klinker findet man an vielen markanten Stellen in der Landeshauptstadt. Sie stehen dort unter Denkmalschutz, so beispielsweise auf dem Theaterplatz oder an der Lukaskirche. In Radebeul findet man sie u. a. in der Gellertstraße und eben in der Bahnhofstraße. Dort prägen sie nun schon über 110 Jahre den Abschnitt von der Meißner Straße bis zur Bahnbrücke und sollten auch aus industriegeschichtlichen Gründen erhalten bleiben. Mittlerweile kann man fehlendes oder beschädigtes Material problemlos ersetzen.

Die Stadt Radebeul sollte sich nicht nur über ihre Lößnitzhänge und zahlreichen Villen definieren.

In der Bebauung und Gestaltung der Bahnhofstraße spiegelt sich die geschichtliche Entwicklung von Kötzschenbroda, besonders ab der ersten industriellen Revolution. Die Bemühungen, eine städtische Atmosphäre durch große attraktive Gebäudekomplexe und breite schattige Gehwege zu schaffen, fand allerdings mit dem Ersten Weltkrieg ein jähes Ende.

Diese traditionsreiche Straße durch eine Sanierung in einen vorzeigbaren Zustand zu versetzen, ist lobenswert. Sie durch zusätzlich Ein- und Umbauten „aufzuwerten“, scheint nicht ratsam, wird doch das wenige Erhaltenswerte gefährdet. Nicht zu vergessen: Es war die Erkenntnis des Gemeinderates von Kötzschenbroda, dass sich die Bahnhofstraße zu einer wichtigen Verkehrsstraße entwickelt habe und dieser daraufhin 1921 den befestigten Ausbau beschloss. Die Bürger jedenfalls hatten keinen geringen Anteil daran. Nun drängt die Zeit. Denn im kommenden Jahr soll mit den Arbeiten auf der Bahnhofstraße begonnen werden.

Karl Uwe Baum

Zum 80. Geburtstag des Radebeuler Malers Peter Graf

Eine Tugend, die gibt es, die liebe ich sehr, eine einzige. Sie heißt: Eigensinn. Wer eigensinnig ist, gehorcht einem anderen Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem Sinn des Eigenen.“ (Hermann Hesse)

Lieber Peter Graf,

Peter Graf

Foto: K. Baum

für dich einen ganz großen Geburtstagsblumenstrauß, meinetwegen einen Wiesenstrauß zu deinem 80. Geburtstag im Namen der Redaktion und aller Kunstliebhaber die deine Bilder mögen. Hoffentlich haben dir zu deinem Ehrentag sämtliche Musiker mit dem Schlagzeuger Baby Sommer an der Spitze ein Ständchen gebracht. Und hoffentlich haben für dich alle Radebeuler Maler ein „Hoch soll er leben“ angestimmt.

Dein Freund Ralph, alias A.R. Penck, konnte offenbar die Geburtstage von dir und dem Malerfreund Peter Herrmann nicht abwarten. „Inzwischen sitzt Penck auf einer großen Wolke und wartet geduldig auf seine Freunde, die ihm hoffentlich nicht so bald folgen“, frei zitiert nach Wolf Biermann. Im Albertinum ist für ihn ganz spontan eine Gedächtnisausstellung geschaffen worden. Als ich das erste Mal Ralf, alias A.R.Penck erlebte, war es bei dir im Atelier und zu deinem Geburtstag. War es der 39. Geburtstag von dir?

Peter Graf im Gespräch mit dem Künstlerkollegen Dieter Beirich am 10. Februar 2017 in der Radebeuler Stadtgalerie Foto: K.U. Baum

Penck mochte übrigens Sternbilder und Horoskope. Wenn mich nicht alles täuscht, gehört er zum Sternbild der „Waage“ und du dürftest zum Sternbild „Zwillinge“ gehören. Im Horoskop, einen Tag nach deinem Ehrentag stand: „Sie könnten heute das Gefühl haben, vor einer Entscheidung nicht alle Eventualitäten bedacht zu haben. Gehen Sie die Sache entspannt an.“ Hoffentlich hast du das bedacht. Übrigens: Vielleicht bietet sich an die Welt mit 80. Jahren (sicher schon vorher) nicht nur als Maler sondern auch als Philosoph und Dichter zu betrachten. Zumal, wenn man auf der Christian- Fürchtegott- Gellert Straße in Radebeul wie du wohnt. Ob das verpflichtet? Du winkst in Gedanken ab?

Ja, deine Gemälde hängen in wichtigen Museen in Europa, in Deutschland, z.B. im Albertinum in Dresden oder im Alten Museum Berlin, vielleicht auch in der Schweiz und den USA. Die Liste der Museen dürfte recht lang im Laufe deines Malerlebens geworden sein. Du hast, gemeinsam mit den anderen Künstlern um Strawalde (Jürgen Böttcher) Peter Herrmann und vor allem mit A.R. Penck (Ralf Winkler) Kunstgeschichte geschrieben. Junge Kunststudenten in den 70er Jahren umlagerten dein Atelier in der Fichtenstraße in der Dresdner Neustadt. Selbst Eva Maria Hagen (Schauspielerin) kam aus Berlin und kaufte von dir Bilder. Der Maler Reinhardt Stangl und der Bildhauer Hans Scheib, die in Dresden studierten, konnten sich noch gut an die Alternative, die ihr zur offiziellen Linie geboten habt (Haltungen) erinnern. Die Authentizität von Maler und Werk ist bei dir bis heute geblieben.

Was bleibt noch zu wünschen übrig? Gesundheit vielleicht? Und davon eine große Tüte? Freude an der Familie und noch viel Schaffenskraft plus gute Ideen und freundliche Menschen. Hoch soll er leben.

Angelika Guetter

Editorial 07-17

In einer Diskussion um das Fällen alter Bäume vor Schloss Wackerbarth äußerte ein Radebeuler Stadtrat sinngemäß: 80jährige Bäume haben das Alter erreicht, dass sie gefällt werden können.

Woher rührt nur ein solches Geringschätzen von bestehendem Großgrün in der Stadt? Dieses Thema beschäftigt mich immer wieder. Zur Zeit sind es die drei ausgewählten Gestaltungsvarianten für die Bahnhofstraße im dortigen Sanierungsgebiet. Variante Zwei sieht das Fällen der Linden vor, um mehr Parkplätze zu schaffen. Dafür gibt es tatsächlich Befürworter.

Aber es melden sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, die die vielfältigen Funktionen und damit den hohen Wert dieser Bäume erkennen. Deshalb fordern sie deren Erhaltung.

Ich halte Variante Zwei für einen nicht zu verantwortenden Vorschlag, da hier zusätzliche Parkplätze und ein gewünschter Wochenmarkt gegen wertvolle Bäume ausgespielt werden. Da müssen andere Lösungen her. Argumente wie: »Da werden doch neue Bäume gepflanzt.«, oder auch das Schielen nach Moritzburg als ››Vorbild«, führen in die lrre. Ich weiß verläss- lich, dass es sich der Gemeinderat in Moritzburg nicht leicht gemacht hat mit der Entscheidung, die herrlichen alten Bäume auf der Schlossallee zu fällen. Nur der unumgängliche grundhafte Ausbau dieser Straße (und das ist ein wesentlicher Unterschied zur Bahnhofstraße in Radebeul-West) führte dann zum AUS für die alten Alleebäume. Dort flanierende Touristen finden jetzt eine schöne Straßenrandbepflanzung vor. Vom Schattenspenden wie die alten, sind die neuen Bäume jedoch noch Jahrzehnte entfernt!

Ilona Rau

Für interessierte Leserinnen und Leser hier ein Link zur Information im Zusammenhang mit einer Petition an den Sächsischen Landtag zum kommunalen Baum- und Gehölzschutz in Sachsen: https://www.openpetition.de/petition/online/baumschutzgesetz-verabschieden-kommunalen-baum-und-gehoelzschutz-in-sachsen-wieder-ermoeglichen

Ein viel fotografiertes, aber dennoch verschwundenes Haus im Lößnitzgrund

Das Haus Lößnitzgrundstraße 38 auf Flurst. 2764 bzw. 2764c war ein älteres, eher bescheidenes Wohnhaus neben dem Lößnitzbach, ob der im Volksmund verankerte Begriff „Malerwinkel“ den malerischen Winkel oder die verschiedenen im Grundhof beheimateten Maler meint, bleibt offen. Von mir zu dem Haus befragte Bekannte konnten sich alle nicht erinnern , bis wann es existiert hatte – die Angaben streuten von 1975 bis 1990, aber alle konnten noch beschreiben, wie es ausgesehen hatte. Doch warum wurde es nun so oft fotografiert, wo es doch eher bescheiden war? War es ein Wohnhaus, ein Bauernhaus oder wurde es früher noch anders genutzt?

Neulich bekam ich eine historische Postkarte (um 1910) geschenkt, da wollte ich diese und weitere Fragen für mich beantwortet haben und begann mal wieder zu recherchieren. Aber, um es vorweg zu nehmen, die Quellenlage zu diesem kleinen Wohnhaus war wieder mal dünn. So war bis jetzt das Jahr der Errichtung nicht genau festzustellen – nach meiner Schätzung vielleicht 1. Hälfte 18. Jh..

Das alte Tor, 1975


Wie kam es nun, dass es, als es noch stand, oft fotografiert wurde und von wem? Grund dafür ist ganz sicher die Lage, außer neben dem Bach und seit 1884 auch neben den Gleisen der Schmalspurbahn und gegenüber der Straßenbrücke. Hier auf der Brücke positionierten sich früher häufig Liebhaber der dampfgetriebenen Eisenbahn mit Foto- oder Filmausrüstung und da war fast immer besagtes Haus als Hintergrund zu sehen, was natürlich auch heute ohne das Haus noch so geschieht.

Ein Eisenbahnbild 1972


Unsere verehrte, ehemalige Stadtarchivarin Liselotte Schließer bezeichnete das Haus als Winzerhaus zum Ensemble Grundhof. Das will ich gern glauben, auch wenn der Standort eines tief im Grund gelegenen Winzerhauses nicht so typisch sein dürfte. Zum Grundhof gehörten schon immer Weinberge und dazu braucht man eben einen Winzer. Da das Herrenhaus andere, repräsentative Funktionen hatte, brauchte man damals ein separates Winzerhaus, das zugleich eine Wohnung für den Winzer war. Die Nutzung unseres betrachteten Hauses dürfte sich mit oder kurz nach der Reblauskatastrophe (1886) geändert haben. Seit dem können wir von einem reinen Wohnhaus sprechen. Noch 1940 nennt das Adressbuch als Eigentümer des Grundhofs einschließlich der Lößnitzgrundstraße 38 Dr. med. Johanna und Dr. jur. Ernst Suppes, die im Herrenhaus (Paradiesstraße 66/68) wohnten. Zu dieser Zeit lebten als Mieter im ehem. Winzerhaus Ernst Müller, Bildhauer, und Werner Klein, bei der Bauaufsicht beschäftigt. Es war also nach wie vor ein zusammenhängender Besitz. Nach 1945 wurde eine Trennung des Grundstücks Lößnitzgrundstraße 38 vom Gesamtgrundstück Grundhof durchgeführt. Das Haus war noch bis zur Mitte der 70-er Jahre des 20. Jh. bewohnt gewesen. Der heutige Eigentümer (Eigentümergemeinschaft) Dr. Stephan Cramer kaufte jedoch 1998 dieses Grundstück zurück, so dass der Grundhof wieder vollständig ist. Während der Zeit des Leerstandes gab es mehrere Brände, sei es durch Funkenflug oder Brandstiftung. Jedenfalls hatte die Feuerwehr öfter an der Adresse zu tun. Warum sich keiner gefunden hat, der einen Wiederaufbau betreiben wollte, hatte sicherlich verschiedene Gründe: da wäre die Lage am Bach (Hochwassergefahr), die Lage an der Bahn (u.a. Lärm), die Tallage (starke Verschattung), eine fehlende Zufahrt, zu hohe Kosten oder eventuell auch ungeklärte Eigentumsfragen. Im Lößnitzgrund stand also für einige Jahre eine Ruine und die Sache stagnierte. Dann kam das Jahr 1984 und das brachte der DDR einen hohen Staatsbesuch aus Nordkorea, der auch Dresden sehen wollte. Kim Il Sung hatte im Vorfeld der Reise einen ganz persönlichen Wunsch geäußert: er war Eisenbahn-Fan und wollte unbedingt mal mit der Schmalspurbahn durch den Lößnitzgrund nach Moritzburg fahren. Nun hatten die Organisatoren (Räte des Bezirkes und Kreises, Bahnverantwortliche und sicher auch die Stasi) auf der Gastgeberseite alle Hände voll zu tun. Alles Technische musste klappen, die Sicherheit längs der Strecke musste gewährleistet sein und schließlich musste der Blick aus den Zugfenstern eine heile DDR-Welt bieten. Und genau zu Letzterem passte unsere Brandruine gar nicht!

Die Ruine verschwand wie von Geisterhand, Kosten spielten keine Rolle und bis auf ein mit Planen abgedecktes Häufchen Steine war während der Reise von Kim Il Sung im Juni 1984 nichts mehr von der Ruine übrig geblieben. Warum den DDR-Oberen der Gast aus Korea so wichtig war, kann man nur vermuten, um Bananen ging es wohl eher nicht.

Doch nun noch rasch ein paar bautechnische Aussagen zu dem ehem. Winzerhaus. Einen Denkmalstatus hatte es meines Wissens nie, und wenn doch, bloß mal angenommen, hätte das den oben geschilderten, politisch motivierten Abriss auch kaum verhindert. Das Haus bestand aus zwei ähnlichen, sich jedoch in der Größe unterscheidenden Bauteilen – einem zweigeschossigen Wohnhaus mit Satteldach und einem in der Längsachse versetzten eingeschossigen Gebäude (möglicherweise das Presshaus gewesen, später auch zum Wohnen umgebaut) mit ebensolchem Dach. Ich vermute, es waren verputzte Fachwerkhäuser, wie sie im 18. Jh. in unserer Gegend verbreitet waren. Das betrachtete Haus hat im Laufe der Jahrhunderte mehrere Umbauten erlebt, so aktenkundig 1907 als ein flacher Anbau auf der Hangseite erfolgte, neue Zwischenwände und neue Schornsteine gebaut wurden. Einen Keller mit Treppe von außen hatte nur das kleinere Haus, der wegen der Nähe zum Bach wohl nicht immer trocken war. Einen großen Weinkeller gibt es unter dem Grundhof-Herrenhaus. Eine ehemalige Kollegin von mir erzählte, dass ihr in dem Haus ein besonders altertümlicher, rauchfangartiger Schornstein in der Küche erinnerlich war, der für ein Baualter um 1700 sprach. Schmuck im eigentlichen Sinne suchen wir an den Gebäuden vergeblich, aber als Besonderheit können grüne Fensterklappläden im EG und dunkelbraune Verbretterungen der Giebeldreiecke neben hellen Putzflächen angesehen werden. In den besten Zeiten gefiel Vorübergehenden das Haus durch interessante Baugliederung und ausgeglichene Farbigkeit.

Ach ja, etwas Schmückendes fällt mir in der Umgebung des Hauses doch noch ein, ein schmiedeeisernes, etwas desolates Gartentor zum Wanderweg im Lößnitzgrund hin, ca. 20m nördlich des größeren Hauses. Es zeigte Stilmerkmale, die in eine Zeit um 1800 wiesen – trotz der Schäden ein romantischer Anblick. Und genau das hatte in den 70-er Jahren (etwa 1980 existierte es nicht mehr) einen namhaften Dresdner Fotografen zum Betätigen seines Kameraauslösers inspiriert. Da ich das Foto mal irgendwo gesehen hatte, aber nicht besaß, bekam ich vom Künstler Ulrich Lindner das Bild für den Artikel zur Verfügung gestellt.

Mein Dank für Unterstützung und Hilfe bei der Recherche gilt Herrn H. C. Günther aus Dinkelsbühl (ehem. Radebeuler), Herrn Ulrich Lindner aus Dresden, Frau Ingrid Zschaler und Herrn Dieter Krause (Eisenbahnexperte) beide aus Radebeul.

Dietrich Lohse

Literatur:
„Radebeul in alten Ansichten“, Liselotte Schließer, Europ. Bibliothek Zaltbommel / NL, 1992
„Kleinbahn live“, Ingrid Berg, Freiberg Eigenverlag, 2007

Keine Kritik, sondern eine Würdigung

Zur Uraufführung von In Gottes eigenem Land am 29.4. 2017 in den Landesbühnen

Von einem „Theaterwunder“ sprach eine Mitarbeiterin des Hauses in der Pause um zu erklären, wie aus einem noch kurz vor der Uraufführung unfertig erscheinenden Stück ein prächtig bebildertes, von der ersten Minute an mitreißendes und das Publikum in den Bann ziehendes Schauspiel entstehen konnte. Tatsächlich war vieles wunderbar an diesem Abend, der – das behaupte ich eingedenk meiner Erfahrungen in den letzten 25 Jahren als regelmäßiger Besucher von Schauspielproduktionen der Landesbühnen – als ein Höhepunkt in der Geschichte des Hauses gelten kann und im Rückblick ganz sicherlich mit der Intendanz Manuel Schöbels verknüpft bleiben wird. In Gottes eigenem Land ist ein ebenso ungewöhnliches wie faszinierendes Projekt, weil es das staunenswerte Ergebnis eines fünfjährigen (!) Prozesses ist, der von persönlichem Engagement, organisatorischem Geschick, künstlerischer Klasse und externer Unterstützung getragen wurde. Aber der Reihe nach.

Szenenbild mit Gojko Miti´c und Moritz Gabriel


Jane Taubert, 1990 aus den USA nach Deutschland gekommene Sängerin mit deutschen Wurzeln, später langjähriges Ensemblemitglied der Landesbühnen und seit einiger Zeit Assistentin der Intendanz, entdeckte in dem 2011 erschienenen historischen Roman In Gottes eigenen Land von Eberhard Görner ihre eigene Familiengeschichte wieder, übersiedelte doch ihr Vorfahr 1738 aus der Pfalz nach Pennsylvania ebenso wie vier Jahre später der aus Mitteldeutschland stammende lutherische Pfarrer Heinrich Melchior Mühlenberg (verkörpert durch Moritz Gabriel). Der Mythos von Amerika als einem von Gott besonders gesegneten Land, in dem man seiner eigenen Religion frei von Verfolgung und Einschränkung nachgehen kann, reicht zurück bis zu den sogenannten „Pilgrim Fathers“, die 1620 aus England kommend an der Ostküste Amerikas an Land schlugen. Zwar gelten – je nachdem, wen man fragt – inzwischen auch Australien und Neuseeland als „God’s own country“, aber ursprünglich bezog sich dieser Begriff auf Nordamerika. Recherchen einer amerikanischen Historikerin förderten zu Tauberts Verblüffung sogar zu Tage, dass ihre den lutherischen Glauben bekennenden Vorfahren Mühlenberg im Gottesdienst einst erlebt hatten. Mühlenberg als historisch verbürgte Person war Zeitgenosse bekannterer Theologen wie Graf Zinzendorf (Utz Pannike), dem Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, und August Herrmann Francke aus Halle (Matthias Henkel). Als junger Pfarrer wurde Mühlenberg 1742 nach Pennsylvania entsandt, um den dort siedelnden Deutschen (bis 1776 waren insgesamt etwa 100.000 Deutsche nach Nordamerika ausgewandert) ein guter Hirte zu sein, was vor allem erforderte, gemeindliche Strukturen und gottesdienstliche Ordnung zu schaffen.

Jane Taubert träumte davon, dass dieser Romanstoff auf die Bühne kommt und erwärmte den erst 2012 nach Radebeul gewechselten Schöbel bereits in seinem ersten Amtsjahr für diese Idee. Gemeinsam planten sie weiter, holten mit Olaf Hörbe einen etablierten hauseigenen Schauspieler und Autor ins Boot, der sich an eine Bühnenfassung machte. Die Legende will es, dass Schöbel bereits zu diesem sehr frühen Zeitpunkt Gojko Miti? von einer Mitwirkung in ferner Zukunft überzeugte, der dieser Bitte auch nicht widerstehen konnte, wie der noch immer beeindruckend fitte Vorzeigeindianer (76) nach der Vorstellung bekannte: „Immer wenn ich nach Radebeul kam, sprachen die Leute von mir als ‚unser Gojko’. Da hatte ich ja gar keine andere Wahl!“ Und so übernahm Miti? die Rolle des Delawarenhäuptlings Fliegender Pfeil, den es – eine Ausnahme bei den auftretenden Figuren im Stück – in Wahrheit nie gegeben hat.

Die Inszenierung historischer Situationen wie eine mehrwöchige Überfahrt deutscher Auswanderer oder kriegerische Auseinandersetzungen zwischen englischen Soldaten und Indianerstämmen bedürfen einer großen Zahl von Mitwirkenden, damit sie ihre volle Wucht entfalten. Das ist im Theater nicht anders als im Film, wo man selbstverständlich erwartet, dass für Massenszenen ausreichend Komparsen zur Verfügung stehen. Selbst unter Aufbietung aller Kräfte inklusive bewährter Statisten wäre das Ensemble der Landesbühnen zu klein gewesen, um eine solche Aufgabe zu stemmen. Abhilfe schafft hier das aus dem angelsächsischen Raum stammende Konzept der sogenannten „Community Players“, womit man ortsansässige Laiendarsteller bezeichnet, die durch Theaterpädagogen (Dirk Strobel, Morten Gentsch) in einem mehrmonatigen, auch didaktisch-methodisch herausfordernden Probenprozess auf die Mitwirkung an einer professionellen Produktion vorbereitet werden. Damit diese Art der Zusammenarbeit funktioniert, muss ein Regisseur gefunden werden, der damit Erfahrung hat. Wie gut, dass die Landesbühnen seit einigen Jahren schon eine Kooperation zum York Theatre Royal in England pflegen und von dort Damian Cruden zur Übernahme der künstlerischen Leitung gewinnen konnten. Cruden spricht in einem Interview (im übrigens außergewöhnlich reichhaltigen und lesenswerten Programmheft) zu Recht davon, dass für nicht wenige dieser Laiendarsteller die Theaterarbeit einer Form der Reintegration in die Gesellschaft gleichkäme oder sie sich dadurch die für sie völlig neue Theaterwelt erschließen könnten. Etwa 40 solcher Community Players aller Altersgruppen bevölkern als Soldaten und Matrosen, Farmer, Indianer und Gemeindemitglieder die Bühne und ermöglichen mit ihrer Präsenz erst die Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Als wäre der Einbezug einer so großen Anzahl von Laiendarstellern noch nicht genug der organisatorischen Herausforderung, ergänzen außerdem fünf Herren des Ensemble Nobiles (Vokalquintett) sowie ca. 50 weitere Sänger der Lutherkantorei und der Chorgemeinschaft Radebeul-Lindenau das Ensemble, denn (geistliche) Musik spielte im historischen Kontext eine bedeutende Rolle (Chorleitung Uwe Zimmermann). Bereits im 18. Jahrhundert war etwa das auf Martin Luther selbst zurückgehende Lied Ein feste Burg ist unser Gott weit verbreitet, weshalb es authentisch ist, dass die unter Not und Angst leidenden deutschen Protestanten dieses Lied anstimmen, wenn sie sich im Stück unter Leitung Mühlenbergs und dessen Frau Anna Maria (Julia Rani hat besonders nach der Pause viele starke Momente) gegen Indianer zur Verteidigung rüsten. Zusammen mit den 16 Hauptdarstellen galt es also etwa 100 Mitwirkende zu koordinieren, was für die Landesbühnen eine Rekordbesetzung bedeutet. Eine Rezension der Leistung aller maßgeblichen Akteure ist deshalb unmöglich, weshalb ich mich nur auf drei ganz unterschiedliche Aspekte der künstlerischen Leistung beschränken und diese herausheben möchte.

Zum einen gelingt es dem Autor Olaf Hörbe durch einen genialen dramatischen Einfall, dem Stück Pfiff zu verleihen. Wie leicht nämlich hätte die Darstellung historischer Gegebenheiten (Die Kostüme und Bühne von Tilo Staudte sind eine Augenweide!) in eine trockene Abfolge reanimierter, miteinander kaum verbundener Szenen abgleiten können, denn die im Stück verhandelten Ereignisse umspannen den Zeitraum von immerhin etwa 15 Jahren. Aber das Hinzunehmen zweier vom eigentlichen Geschehen unabhängiger Instanzen, einfach Person 1 (Holger Uwe Thews) und Person 2 (Sophie Lüpfert) genannt, ermöglicht dem Zuschauer, eine Beziehung zu Pfarrer Mühlenberg und seinen Sorgen und Nöten aufzubauen, denn Person 1 und 2 kommentieren und bewerten dessen Handeln, drücken aus, was man sich als Zuschauer fragt und verknüpfen erzählend Szenen auf sinnfällige Weise. Zum anderen ist es ein Genuss, dem Gesang des mehrfach ausgezeichneten Leipziger Vokalquintetts Ensemble Nobiles zu lauschen, das über weite Strecken dezent das Geschehen untermalt. Der erst 26-jährige Komponist und Sänger Paul Heller schuf eine Musik, die an tradierte, mittelalterliche Gregorianik und Vokalpolyphonie erinnert, gleichzeitig aber auch neue Harmonien einschließt. Einzelne Rollen, wie etwa die des Mühlenberg oder jene des Indianerhäuptlings Fliegender Pfeil erhalten auf diese Weise eine akustische Markierung, die im Verlauf des Stückes Orientierung bietet und Wiedererkennung ermöglicht. Zum dritten schließlich ist Moritz Gabriel zu nennen, der binnen 8 Wochen eine weitere Hauptrolle zu verinnerlichen und einzustudieren hatte. Zwar ist der Textkorpus von In Gottes eigenem Land bei weitem nicht so umfangreich wie in Dr. Jekyll und Mr. Hyde, aber mit ihm als Pfarrer Mühlenberg steht und fällt die Handlung, er ist das Zentrum, auch wenn er in einer Szene einmal nicht vertreten ist. Gabriel vermag es vortrefflich, Mühlenbergs trotzige Uneigennützigkeit und Entschlossenheit einerseits, seine obrigkeitshörige Unsicherheit andererseits zu vermitteln.

Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass ein solch gewaltiges Projekt nur mit zusätzlichen öffentlichen Mitteln und privater Unterstützung umsetzbar ist. Weil es als ein Beitrag zum Lutherjahr 2017 deklariert ist, fließen Mittel des Bundes. Darüber hinaus ist die Ostdeutsche Sparkassenstiftung mit im Boot und die hessische (!) Klingspor AG. Sinnstiftend angelegtes Geld ist das allemal, denn nicht nur ist eine erhellende Ausstellung im Foyer entstanden, die den Entstehungsprozess des Stückes beleuchtet und zusätzliche Informationen zur nordamerikanischen Geschichte gibt; auch die ins Auge gefasste Reise der Produktion in das Siedlungsgebiet der deutschstämmigen Amerikaner dürfte ohne diese zusätzlichen Mittel nicht finanzierbar sein. Wer allerdings eine Aufführung in der Nähe anstrebt, sollte nicht lange säumen: Am 3. und 4. Juni bietet sich in Radebeul dazu Gelegenheit, am 11.6. in Großenhain, ebenso am 16. und 17. Juni in Meißen im Rahmen der Burgfestspiele.

Der vorletzte Satz gehört der letzten Szene des Stückes, in der die Personen 1 und 2 mit einer Rettungsweste á la Frontex bekleidet auf die auf einem Schiff eingezwängten Auswanderer treffen – die Schicksale auf dem Atlantik des 18. Jahrhundert unterscheiden sich kaum von jenen auf dem Mittelmeer des Jahres 2017. Aber das ist eine Botschaft, für deren Verkündigung es viele wackere Mühlenbergs braucht.

Bertram Kazmirowski

Weg ins Paradies

Es gibt Wege in Radebeul, die man einfach gern und oft geht, zumal sie mit Erinnerungen aus früherer Zeit verbunden sind.

In diesem Fall handelt es sich um den Weg ins Paradies. Diesen Weg verbinde ich mit Schulzeit und auch Erinnerungen an eine sehr gute Freundin, die seinerzeit auf dem Höhenweg zuhause war. Heute wohnt sie in einer fernen Stadt und ist immer noch eine sehr gute Freundin geblieben.

Paradiesberg 2017


Auch heute noch gehe ich diesen Weg immer noch gern, sicherlich auch aus einer gewissen Sentimentalität und eben: Jugenderinnerung.

Seit ein paar Jahren aber auch unter dem Motto „Von einem, der auszog, das Gruseln zu lernen“. Ich meine das in vielerlei Hinsicht.

Es verbinden sich Erinnerungen an die damalige Jugendkunstschule, so hieß sie wohl früher, an das Winzerhaus, ungefähr nach dem ersten Drittel des Weges und nicht zuletzt an das „Haus an den Barnewitzen“ mit tollem Rodelberg, bevor der Weg dann steil ansteigt zu den ehemaligen Gaststätten „Paradies“ und „Sängerhöhe“.

Barnewitz 1967


Grusel, warum?

Barnewitz 2017


Das Gelände um besagte Schule herum ist planiert und „anspruchsvoller“ Wohnungsbau macht sich breit, die entstandene Brache harrt sicherlich noch auf weitere Zutaten dieser Art. Sollte ich mich täuschen, umso besser. Das genannte Winzerhaus auf dem ersten Drittel, was für eine Kitschoase – ich habe für mich beschlossen, da nie einen Fuß hineinzusetzen. Offensichtlich gefällt es manchen, aber es ist ja kein Muß.

Den Schlusspunkt der Grauslichkeit setzt allerdings das ehemalige Anwesen der Familie Barnewitz.

Es ist nicht wiederzuerkennen. Das Hauptgebäude ist mit den heute realisierten Dachaus- und anbauten total verunstaltet. Vom charakteristischen hohen Walmdach sind fast nur noch die Gratziegel dachbildend. Das ehemals maßvoll hinzugefügte Seitengebäude ist „aufgemöbelt“ und die untergeschobenen Garagen dienen wohl eher dem zukünftigen Wohnen? Von dem umgebenden Gelände ganz zu schweigen: die ehemals sanfte Einbettung des Gebäudes ist wohl passé.

Winzerhaus 1967


Architekten sind Sachwalter ihres Brötchen- oder in diesem Fall Honorargebers.

Aber zur Ehrenrettung unseres Berufsstandes, der architektonische Entwurf ist immer nur so gut, wie der umzusetzende Bauherrenwunsch es zulässt. Das sind nicht nur finanzielle Bandagen, das sind auch räumlich-funktionelle und ästhetische Ansprüche, die umzusetzen sind.

Winzerhaus 2017


In diesem Fall kann man erahnen, was es heißt „Weiterbauen am Denkmal“. Dieses Denkmal ist vor Bedrängnis durch An- und Zubauten gestorben.

Ich gehe im vorliegenden Fall davon aus, dass dieses Haus zumindest seinen Denkmalstatus verloren hat, die massive Verunstaltung von Ort und Raum bleibt – da hilft auch kein noch so üppiger Bewuchs.

Aber das Positive zum Schluss: wenn man den Kopf beim Aufstieg ins Paradies konsequent nach rechts dreht, so erkennt man den Zugang in den Paradiesberg. Dort ist ein Platz, von dem man einen wunderbaren Blick ins Tal genießen, kühlen Wein trinken und kleine Speisen zu sich nehmen kann. Das gab es allerdings früher nicht.

Hierbei ist allerdings beim Abstieg danach Vorsicht geboten. Ich spreche aus Erfahrung.

Dr. Dietmar Kunze

Aus dem Amt scheiden, den Dank mitnehmen

Zur Verabschiedung von KMD Karlheinz Kaiser am 18. Juni 2017

Das Kantoren- und Organistenamt in einer Gemeinde wie der Kötzschenbrodaer Friedenskirchgemeinde wird einem Kirchenmusiker nicht zufällig übertragen, genauso wenig wie eine solche Stelle nur eine berufliche Durchgangsstation ist. Nein, in einer solchen Position, an einer solchen Wirkungsstätte, schafft man (s)ein Lebenswerk, denn seit 250 Jahren hat keiner der seither nur acht Kantoren weniger als 20 Jahre Musik zur Ehre Gottes erklingen lassen. Der aktuell letzte in der verdienstvollen Reihe, die mit Thomas dem Schreiber 1532 beginnt, ist Karlheinz Kaiser, der seit 1994 amtiert und Ende diesen Monats, nach Vollendung des 65. Lebensjahres, offiziell aus dem Amt als Kantor der Friedenskirchgemeinde scheidet. In den 23 Jahren seines Schaffens hat sich Kantor Kaiser einen Namen als fachlich geschätzter, umtriebiger und innovativer Kirchenmusiker weit über die Grenzen Radebeuls erworben, weshalb Vorschau & Rückblick seinen Abschied vom Amt und seinen Geburtstag zum Anlass nahm, sich mit ihm zu einem Gespräch auf der Orgelbank der großen Jehmlich-Orgel der Friedenskirche zu treffen, um mehr über seinen Werdegang, sein Resümee der Radebeuler Jahre und seine Pläne für die Zukunft zu erfahren.

Karlheinz Kaiser an der Orgel der Radebeuler Friedenskirche


Karlheinz Kaiser ist waschechter Vogtländer. Aufgewachsen bei Oelsnitz in einer musikalischen Familie lernte der Junge durch seine Mutter beizeiten Tasteninstrumente spielen und stellte sich darin so geschickt an, dass er bereits als Jugendlicher die Orgel zum Gottesdienst spielen durfte. Heute dagegen interessieren sich Teenager weniger für die „Königin der Instrumente“, denkt Kaiser laut nach, und ergänzt, dass seiner Beobachtung nach Orgelkonzerte inzwischen auch weniger nachgefragt sind als vor 20, 30 oder 40 Jahren. Damals, Mitte der 70er Jahre, pendelte Kaiser jahrelang zwischen Weimar und Dresden. Denn nachdem er 1972 die Dresdner Kirchenmusikschule mit der B-Prüfung (Kantorenstellen werden je nach Ausbildung als A-, B- oder C-Stelle ausgewiesen) abgeschlossen hatte, setzte er seine Studien in Weimar an der dortigen Musikhochschule für weitere fünf Jahre fort und erwarb einen Abschluss, der ihn zur Übernahme einer A-Stelle berechtigte. Weil aber fähige Nachwuchsmusiker immer schon händeringend gesucht wurden, verdingte sich Kaiser bereits als Student von Freitag bis Montag in Dresden-Weißer Hirsch als nebenamtlicher Kantor und war damit in jenen Kreisen unterwegs, die in Uwe Tellkamps großangelegtem Erfolgsroman Der Turm literarisch gezeichnet sind. Weil es ihm auf dem Weißen Hirsch so gut gefiel, blieb er auch nach seinem erfolgreichen Examen für weitere acht Jahre dort, bevor er sich auf eine A-Stelle in Leisnig bewarb und dort auch bald schon zum Kirchenmusikdirektor (KMD) berufen wurde. Obwohl die prächtige spätgotische Hallenkirche St. Matthäi Karlheinz Kaiser ein repräsentatives Arbeitsumfeld bot, so drängte das Herz des Künstlers doch mehr und mehr zurück in das Zentrum der sächsischen Kirchenmusik, weshalb er mit Freuden 1994 die Wahl zum neuen Kantor der Friedenskirchgemeinde als Nachfolger des langjährigen Amtsinhabers KMD Hans-Bernhard Hoch (Er wirkte von 1954-1993 und singt mit seiner Frau noch immer aktiv in der Kantorei!) annahm. Die Nähe Radebeuls zu Dresden erlaubte Kantor Kaiser eben doch die regelmäßige Aufführung großer Werke der barocken, klassischen und romantischen Chorliteratur. Nicht nur, dass die Friedenskirchkantorei von beachtlicher Größe ist, die schnelle Verfügbarkeit hervorragender Musiker (Instrumentalisten wie Gesangssolisten), z. T. sogar aus den Reihen der Kirchgemeinde selbst, war ein Vorteil, den Kaiser gern nutzte. Wer also in den letzten gut zwei Jahrzehnten wollte, der konnte neben Bachs jährlich aufgeführtem Weihnachtsoratorium auch dessen Matthäus- und Johannispassion, Händels Messias und Haydns Schöpfung, die Requien von Mozart, Brahms und Fauré sowie Mendelssohns große Oratorien Paulus und Elias erleben, um nur die wichtigsten Werke zu nennen. Für nicht wenige Mitglieder der Kantorei dürfte die Amtszeit Kaisers untrennbar mit zwei großen Konzertreisen nach Israel und Griechenland in Erinnerung bleiben, ganz sicherlich auch die Aufnahmen für die CD Musik in der Friedenskirche bereits im Jahr 1994. Kaiser initiierte im gleichen Jahr den seither jährlich stattfindenden „Radebeuler Orgelsommer“ mit dem Ziel, die klanglich schöne, dreimanualige Jehmlich-Orgel stärker ins Bewusstsein der musikinteressierten Bevölkerung zu rücken. Nach mehrjähriger Vorbereitung gelang es im Jahr 2000, die Orgel einer Generalüberholung zu unterziehen, um die breiten klanglichen und technischen Anforderungen an eine Orgel im 21. Jahrhundert abzusichern. Kaisers Vorliebe gilt dabei besonders den französischen Romantikern von Vierne über Boëllmann bis Franck.

Was macht ein Kantor eigentlich, wenn er nicht Chorkonzerte dirigiert, Orgelkonzerte gibt und die Kantorei zu Proben anleitet? Kaiser lacht und zählt auf: Für die musikalische Absicherung von Gottesdiensten in insgesamt drei Predigtstätten sorgen (neben der Kötzschenbroader Hauptkirche gehört auch noch die Johanneskappelle in Naundorf und die Wichernkapelle in Lindenau dazu), auf Hochzeiten und Beerdigungen spielen, verschiedene Nachwuchschöre anleiten, mit dem Gospelchor und dem Kammerchor spezielle Repertoires pflegen und aufführen, im engen Kontakt mit dem Kirchenvorstand das kirchenmusikalische Programm bauen, Sänger und Solisten engagieren und nicht zuletzt auch noch selbst üben! Dafür hat er sich in seinem Niederlößnitzer Haus eine elektronische Orgel angeschafft, auf der er sich neue Literatur erarbeitet.

Der Abschied vom Amt fällt Karlheinz Kaiser nicht leicht, wie er mir gesteht. Er fühlt sich gesund und neugierig genug, um weiter arbeiten zu wollen, und tatsächlich steht er dankenswerter Weise auch noch so lange der Gemeinde zur Verfügung, bis der Nachfolger oder die Nachfolgerin ihren Dienst angetreten hat. Aus vier Bewerbern ist Ende Mai der geeignete Kandidat gewählt worden, der an das von Kaiser gestaltete Jahresprogramm 2017 anknüpfen kann. Und worauf freut sich Kaiser, dessen Verabschiedung am 18. Juni im Rahmen eines Gottesdienstes erfolgt, für die Zeit danach? Mit seiner Frau ins Wohnmobil steigen und einfach losfahren – nach England vielleicht, noch einmal an den Gardasee wie zu Ostern, oder auch nur nach Tschechien. Für seine Kinder und Enkelkinder da sein. Den Garten in Schuss halten. Und ja – irgendwo in der Nähe eine nebenamtliche Stelle antreten, damit er mit Lust und Leidenschaft das noch länger tun kann, was seit mehr als 40 Jahren sein Leben bestimmt: Geistliche Musik zur Aufführung bringen und damit dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen Teil an diesem unermesslich reichen kulturellen Schatz haben. Die Radebeuler sagen „Danke“ und hoffen auf ein Gastspiel zu den Kirchenmusiktagen 2018 oder zum Orgelsommer im gleichen Jahr!

Vorschau und Rückblick gratuliert herzlich zum Geburtstag und wünscht weitere Jahre segensreichen Schaffens!

Bertram Kazmirowski

Zwischen Welten

Grafische Malerei von Anne-K. Pinkert in der Stadtgalerie

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘ …“ (Marx, Das Kapital)

Der Eröffnungssatz des Kapital ist in den hundertfünfzig Jahren seit seinem Erscheinen stets von allen übersehen worden. Es geht nämlich aus ihm hervor, daß andere Gesellschaften, andere Welten ganz anderen Reichtum haben: Reichtum des Geistes etwa, Reichtum des Herzens oder der Seele.

Anne K. Pinkert »Beschwörendes Gespräch«, 2000, Lithographie


Es ist eine Art von Reichtum, wie ihn Anne-Katrin Pinkert in unserer Welt vergeblich sucht. Deshalb findet sie auch, wie sie selbst sagt, kein Zuhause auf dieser Erde, auf der alles, was es gibt, der Boden unter den Füßen, das Licht der Sonne, das Wasser, die Luft und selbst der Platz, auf den ein Menschenkind sein Haupt bettet, längst zur Ware erklärt wurde. Die Welt ist aufgeteilt, ist fortgegeben, wie Schiller es ausdrückte, der Kaufmann nahm, was seine Speicher fassen und für die Künstlerin blieb mal eben noch im Himmel ein gelegentliches Plätzchen frei.

Und dieser Himmel ists, der Annes Seele mit diesem anderen Reichtum füllt, der nun in klaren Farben aus ihr herausdrängt. Es ist, als wolle die Farbfülle das Unbehagen vergessen machen, das Fremdsein auslöschen, das die Malerin für die Welt und in ihr empfindet. Dennoch ist es da, und Anne hat auch nicht vor, es zu verleugnen: zu genau kennt sie aus ihrer therapeutischen Arbeit die Abgründe des Lebens. So froh die Farben scheinen, sie künden keine heile Welt. Nein, es sind Prophetien die zeigen, wie die Welt vielleicht gemeint war, bevor Händler und Diebe sie verhökerten. Es sind Anklänge an Reichtümer von Gesellschaften, die nicht dem Tanz ums Goldene Kalb verfallen waren und die von uns, die wir uns für die Besseren halten, obwohl wir nur die scheinbar Stärkeren sind, von der Erde getilgt wurden.
Anne sucht ihre Bilder nicht, sie findet sie. Wenn sie ins Atelier kommt, sind die Bilder schon da. Still liegen sie auf den Papieren und harren ihrer Entdeckung. Und wenn die Malerin dann mit Kreide oder farbigen Tuschen die Konturen abfragt, die etwa beim Aufkleben oder Befeuchten entstanden sind, da treten sie plötzlich hervor, da zeigen sie sich. Wenn ich die Bilder nicht sehe, sagt Anne, kann ich nicht malen.

Anne K. Pinkert »Zufriedensein«, 2016, Mischtechnik


Da ist dann das leere Blatt nichts als eine weiße Fläche, als trüge es die Ödnis der Welt. Es folgen zähe, bildlose Stunden, bis der erste Vulkan sich wieder zeigt, seine Gluten in den leuchtenden Himmel schleudert und mit seinem Ausbruch erneuten Raum schafft für Noahs gerettete Lebenswelt und Frauen zu tanzen beginnen bevor sie wieder eintauchen in die Vielfalt der Schöpfung.

Anne hat auf der Burg in Halle-Giebichenstein Malerei und Grafik studiert und konnte zwischenzeitlich sogar ein Semester bei Elke Hopfe an der HfBK in Dresden einschieben. Ihrem Diplom in Halle hat Anne dann in Dresden ein Aufbaustudium für Kunsttherapie angeschlossen, das es ihr bis heute ermöglicht, ihren Neigungen entsprechend und unabhängig von der Kunst ihren Alltag zu bestreiten.

In den grafischen Werkstätten hat Anne ihre Liebe zum Steindruck entdeckt. Ihre Lithographien zum finnischen Nationalepos Kalevala waren Bestandteil ihrer im Jahr 2000 angefertigten Diplomarbeit.

In dieser Ausstellung markieren sie den Beginn des Reifeprozesses einer Künstlerin, der auch nach siebzehn Jahren noch nicht abgeschlossen sein kann. Sie sind vom spannungsreichen Geschehen des Mythos geprägt und von der hier artikulierten Sehnsucht nach Aussöhnung der Geschöpfe untereinander und mit der Welt. Diese Sehnsucht ist das eigentliche Thema aller dieser Arbeiten.

Was bedeutet nun aber, hören wir die Besucherin fragen, der Fisch, der die Frau küßt?

Die Antwort ist denkbar einfach: er bedeutet den Fisch, der die Frau küßt in einer Gesellschaft, in der weder Frau noch Fisch Gefahr laufen, zur Ware erklärt zu werden. Für mich ist er Ausdruck der Sehnsucht nach einer Welt, in der mehr und anderes im Mittelpunkt steht, als eine ungeheure Warensammlung.

Thomas Gerlach

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