Editorial 05-17

Schade, dass zu Ostern Wunschzettel nicht üblich sind, die gehören ja eher zu Weihnachten. Ich hätte nämlich für Radebeul einige Wünsche aufgeschrieben. Angeregt durch meine Tätigkeit im Kommunikationsteam für das Sanierungsgebiet im Bürgerbüro auf der Bahnhofstraße, erfahre ich ja Wünsche und auch Beschwerden der Anwohner. Und ein Wunsch, der immer wieder auftaucht, ist ein Kino für Radebeul-Kötzschenbroda,es muss ja nicht groß sein.

In der SZ vom 6. April war zu lesen, dass es vom Eigentümer des Bahnhofs nun konkrete Vorstellungen gibt, was dort etabliert werden soll. Er möchte anonym bleiben, weshalb, erschließt sich mir nicht. Sonst könnte man ja mal auf ihn zugehen und sagen: „Ein kleines Kino wäre toll.“ Ich denke ja, wenn Sie Wünsche von Einwohnern mit beachten, wäre für den Erfolg schon viel getan. Also, Herr Anonymus, bitte mal diese Option mit ins Kalkül ziehen! Es könnte auch ein Mehrzweckraum sein.

Jetzt kommt gleich noch die nächste Idee, entstanden am Frühstückstisch: Im Lößnitzbad könnte herrliches Sommerkino stattfinden. Ein Spaß, der sicher gern angenommen würde und woanders prima funktioniert, mal schlechtes Wetter ausgenommen. Frisch gebadet zur Filmnacht, wenn das nix wäre. Die Betreiber des Bistros würden sich sicher auch freuen. Ein Bier und ’ne Bratwurst gehören ja schließlich dazu. Statt das Lößnitzbad für Jugendliche noch unattraktiver zu machen, z.B. durch das Entfernen des Pontons, früher „Boje“ mit 3-Meter-Turm, sollten die Gedanken eher an das Aufwerten des Bades gehen, finde ich. Die Beschwerden über die laute Jugend an manchen Stellen, u.a. am Apothekerpark, kommen ja ebenfalls im Bürgerbüro an. Aber ich frage jetzt mal: Wo bitte, außer im Weißen Haus haben die jungen Leute von Radebeul eine Möglichkeit, nach ihren Bedürfnissen Freizeit zu verbringen? Mir fällt da nicht viel ein.

Ilona Rau

Ein ungewöhnlicher Vorgang

Vom Versuch, in Reichenberg ein Putzbild zu retten

und dann passiert es plötzlich: Ein Detail der Hülle erweist sich als wertvoller als der ganze Rest. So geschehen neulich in Reichenberg. Der im Kern mehr als 400 Jahre alte Gasthof hat längst seine Schuldigkeit getan: Es kehrt niemand mehr ein, und im Ort gibt es wohl auch kein Interesse mehr an lautstarken Tanzvergnügen. Häuser aber nehmen das Leerstehen übel und beginnen zu verfallen, wenn keiner nach ihnen schaut. Meist beginnt es mit den Fenstern: eine nach der anderen splittern die Scheiben, weil sie niemand mehr putzt…

Sgraffitto-Putzbild von Hermann Glöckner

Sgraffitto-Putzbild von Hermann Glöckner Foto: Firma Bauhauf

Als sich schließlich doch jemand bereitfand, „noch was draus zu machen“, war das vollständig aus Bruchsteinen aufgeführte Mauerwerk rettungslos verschlissen. So standen die Zeichen auf Abriss – wenn nicht ein namhafter, freilich zu seiner Zeit eher beargwöhnter, Künstler sich gemeinsam mit seiner Frau an der Fassade zu schaffen gemacht hätte: Das Sgraffitto-Putzbild von Hermann Glöckner machte die Außenhaut wertvoll, weshalb es von den Professoren Werner Schmidt und Gerhard Glaser zum bedeutenden zeitgenössischen Kunstwerk erklärt worden war.

Eine Schüssel Klöße, ein Bierglas, eine Trompete, ein Bass, ein Pflug und ein Hahn: Das mehrere Meter hohe Bild zeigt, was der Gast 1947 bei der Einkehr erwarten konnte: gute Böhmische Knödel zum Bier, dafür war die Küche berühmt, Geselligkeit und Tanz – und alles auf der Basis eigener Landwirtschaft: Über Generationen hinweg war das gut gegangen; über Generationen hinweg war das Gut in der Familie geblieben. In den Nachkriegsjahren gab es die Hoffnung, dass es so bleiben würde. Der Künstler hatte das Leben sinnfällig umgesetzt in klaren Bildern und solidem Handwerk. Sowas kann einer nach runden siebzig Jahren nicht einfach wegreißen.

Kann Putz bestehen ohne das Mauerwerk, an dem er klebt, einem Putz zumal, der selbst die beste Zeit hinter sich hat und schon vom bloßen Hinschaun bröckelt?

Als Eigentümerin des Gebäudes ist die Firma BAUHAUF dafür bekannt, Schwierigkeiten nicht aus dem Wege zu gehen. Nach dem Motto „wenn mir einer sagt, wies geht, dann machen wir das!“ setzte sich auch die Chefetage hinter die Bücher, um nach einer Lösung zu suchen.

Sie fanden keine. Putzflächen dieser Dimension lassen sich nicht schadensfrei von der Wand nehmen. Selbst das allheilige Wundermittel „Digitalisierung“ half nicht weiter, war doch die Wirklichkeit hier nichts weniger als virtuell. Experten tagten. Restauratoren tüftelten. Ratlosigkeit machte sich breit, bis einer sagte, „dann nehmen wir eben die Wand vom Putz“.

Geplante Neubebauung

Geplante Neubebauung Foto: Firma Bauhauf

Und schon wurde gesägt und ein Rahmen geschweißt und eine Schutzschicht auf das Bild aufgetragen. Dann kams drauf an: Stein für Stein und natürlich mit der Hand (ja – auch das ist noch möglich im 21. Jahrhundert!) wurde die Wand abgetragen, Lage für Lage die frei stehende Bildträger-Putzschicht gesichert, ein innerer Rahmen mit dem äußeren verschweißt und das Ganze schließlich mit einem Kran zu Boden gebracht – geschafft!

Noch weiß niemand, ob und wie das zu rettende Bild die Prozedur überstanden hat. Immer noch ist ein Scheitern möglich, immer noch ist Hoffnung auf endgültiges Gelingen.

Diese Hoffnung rechtfertigt einen Versuch, der in unserer auf „Effizienz“ getrimmten Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Allein dafür hat sich die Firma BAUHAUF ein großes Dankeschön für diesen ungewöhnlichen Vorgang verdient.

Thomas Gerlach

Ausstellung „Geheime Gärten“

Eröffnungsredner Alexander Lange, im Hintergrund  die Textilcollage »Neugierde-beidseitig« von 2012

Eröffnungsredner Alexander Lange, im Hintergrund die Textilcollage »Neugierde-beidseitig« von 2012 Foto: K. Baum

[…] Geheime Gärten gibt es so einige, vielfach in Großbritannien, aber auch hier in Radebeul. Man kann sie z.B. am Tag des offenen Gartens entdecken. Sie sind aber auch Thema in der Literatur: „Der geheime Garten“ ist der Titel eines Kinder- und Jugendromans von Frances Hodgson Burnett. Bekannter in Deutschland ist Hodgson übrigens mit „Der kleine Lord“, welcher so grandios verfilmt wurde.
Mit dem Garten fing laut Bibel das menschliche Leben an – er war ein Paradies (lange Zeit Thema in den Künsten) und in einem Garten endet es in der Regel – was ist ein Friedhof anderes. Aber Gartengestaltung ist dem Menschen seit der Entwicklung von Hochkulturen offensichtlich immanent. Und Kunde davon, dass sie existierten, geben bereits Wandmalereien aus dem alten Ägypten. Im frühen und antiken Griechenland fassten die Menschen die Natur als göttliche Erscheinung auf. Ihnen galt der Garten als ein mit vielen mystisch-symbolischen und religiösen Bedeutungen befrachteter Wald. Im Archäologiemuseum in Athen ist dazu eine wunderbare Wandmalerei von 1500 v.Chr. mit dem Titel „Frühling“ zu bewundern. Bis in die heutige Zeit sind Gärten ein Motiv in der Malerei – von detailreichen Perspektivdarstellungen in der Renaissance oder dem Barock bis zu Paul Klees „Orientalischer Garten“ oder „Garten Vision“.
Antje Schönauer nimmt uns mit ihren Bildern auf den Weg durch ihre geheimen Gärten. Sie bezeichnet sich selbst als dilettierenden Laien. […] Begriffe wie Laie oder Amateur sagen jedoch wenig über die Sachkenntnis der so Bezeichneten aus, die durchaus professionelles Niveau haben können. Dergestalt sind eine Reihe berühmter Künstler Laien, denn sie hatten keine Ausbildung. Berühmt werden will Antje [Schönauer] nicht. Aber immerhin kann sie schon auf einige Ausstellungen und eine Reihe von Verkäufen verweisen. Verkäufe sind für sie allerdings ein Problem, denn sie bezeichnet ihre Arbeiten als ihre Kinder. Doch Kinder gehen auch irgendwann in die Welt und so soll es m.E. auch mit Kunstwerken sein. Im Atelier oder wie in diesem Falle in der Wohnung stehend, erzielen sie keine Wirkung.
Antje [Schönauer] zeigt Arbeiten aus ca. zehn Jahren von 2004 bis 2013. Danach musste sie – vor allem aus Platzgründen eine Auszeit nehmen. Begonnen hat alles mit Applikationen auf Kleidung und mit Gestaltung von Decken für die eigenen Kinder. Das Talent dafür hat sie wohl geerbt, denn ihre Vorfahren waren Tapetenmusterstecher, ein ausgestorbener Beruf.
Bilder auf dem Blatt entstehen aus inneren Bildern aus Archetypen, wie Antje sagt, also aus einer „Ur- oder Grundprägung“. Archetypen sind psychische Strukturdominanten, die als unbewusste Wirkfaktoren das menschliche Verhalten und das Bewusstsein und somit das Schaffen beeinflussen. Vielfach kommen ihre Motive aus der Literatur oder der Musik. Ähnlich, wie in klassischen Werken findet sich die Wiederholung von Elementen, aber nie ganz gleich, ähnlich einem Rondo, welches bestimmte musikalische Teile in Variationen wiederholt. So entstehen keine wirklich konstruktiven Tafeln, sondern lebendige, bewegte Bilder. […] Die Motive erscheinen zum Teil wie von selbst. Florale Formen entwickeln sich aus einem unbewussten Prozess heraus und ordnen sich erst während der Arbeit zu einer Szene. Zu beobachten ist eine Entwicklung vom mehr Gegenständlichen zum Abstrakten. Die vertikale Ausrichtung fast aller Arbeiten ist logisch, denn alles was wächst strebt nach oben. Sie benutzt die Ausrichtung, um Strukturen zu entwickeln einer Rabatte oder einem Dickicht gleich. Deutlich zu erkennen sind in den Mustern Zitate des Barock oder des Jugendstils. Für diese Stilrichtungen hat Antje ein besonderes Faible. Farbe und Linie finden sich oft in einer Einheit, das kommt aus der benannten Vorliebe für den Jugendstil. So entstehen meist Blätter mit ornamentalem aber auch erzählerischem Charakter, den sich der Betrachter erschließen muss. […]

Alexander Lange

Auszüge aus der Rede des Amtsleiters für Kultur und Tourismus zur Eröffnung der Ausstellung „Geheime Gärten“ mit Bildern und Collagen von Antje Schönauer.
Die Ausstellung kann im Bürgertreff Radebeul-West mittwochs von 15 bis 18 Uhr besichtigt werden. Eine Finissage findet in Anwesenheit der Künstlerin am 13. Mai um 17 Uhr statt.

Im Frühjahr fertig geworden

Die Gröbahäuser am Rosa-Luxemburg-Platz

Dreispänner vom Park aus gesehen

Dreispänner vom Park aus gesehen Foto: D. Lohse

Mein Artikel zum Tag des offenen Denkmals 2016 zu eben diesen Häusern in Heft 10/16 von V&R endete mit der Aussicht, dass diese Denkmals-Sanierungsbaustelle im Frühjahr 2017 beendet sein sollte. Das ist planmäßig geschafft worden, ein Rest an Gartenarbeiten wird noch vollendet und die ersten Mieter sind eingezogen (Stand 31.03.17). Aber schauen wir einfach mal gemeinsam hin, wie es geworden ist.

Als erstes muss ich festhalten, dass die Radebeuler Besitzgesellschaft als Eigentümer die Maßnahme gründlich mit den zuständigen Denkmalpflegern aus Dresden und Großenhain sowie dem Architekturbüro Clausnitzer vorbereitet hatte. Hinzu kam eine Gruppe von Handwerksbetrieben aus der Region, fast alle mit Denkmalerfahrung. Auch der etwas länger als sonst anhaltende Winter war kein allzu großes Problem.

Beide Gröbahäuser von Nordwesten

Beide Gröbahäuser von Nordwesten Foto: D. Lohse

Was waren nun die baulichen Besonderheiten an der Aufgabe, es sind ja auf den ersten Blick scheinbar ganz normale Häuser? Für die Dächer mit einer Vielzahl von Gaupen (man kann hier fast alle Gaupenformen studieren) kamen nur schmale, rote Biberschwanzziegel in Frage. Ein bisschen schlucken musste ich, als ich vom Platz aus die drei komfortablen Rettungsausstiege sah. Offenbar sind die diesbezüglichen Sicherheitsvorschriften erneut verschärft worden. Beide Häuser hatten einen zeittypischen (um 1925) Rauputz, der fachgerecht ausgebessert, ergänzt und Ocker eingefärbt wurde. Der florale, plastische Schmuck über den Eingängen Rosa-Luxemburg-Platz 2 und 3 zeigt gereinigt und ergänzt ein weiteres zeittypisches Element am Haus. Ein Teil der Originalfenster konnte aufgearbeitet und weiß gestrichen werden, der größere Teil wurde als neue Holzfenster mit entsprechender Gliederung in der Außenansicht eingesetzt, analog die Außentüren (einige in Braun, andere nach Befund auch in Weiß). Ganz wichtig für den hier vorgefundenen sogen. Heimatstil war, dass die Fensterklappläden wieder angebracht worden sind. Die Farbe der Läden ist ein helles Blaugrau, vielleicht etwas ungewöhnlich, hier aber im Zusammenspiel mit den o.g. Farben von Dächern und Fassaden eine runde Sache. Ebenfalls dem Heimatstil entsprechen die hölzernen Rankspaliere an ausgewählten Stellen des Erdgeschosses, ich hoffe, dass laut Gartenplan bzw. durch die Mieter da auch noch was Passendes gepflanzt wird. Der Kahlschlag (Baufreiheit!) Mitte 2016, also vor Baubeginn, war für manche Vorbeigehende schon ein Schreck gewesen.

Das Doppelhaus von Südwesten

Das Doppelhaus von Südwesten Foto: D. Lohse

Nicht unerwähnt bleiben darf der hohe Aufwand für die Umzäunung nach drei Straßen hin. Mauern und Pfosten aus Sandsteinzyklopen wurden gereinigt und neu verfugt, Abdeckplatten ebenfalls aus Sandstein neu angefertigt. Zaunfelder sowie Tore und Türen aus Holz und Stahl erneuert und hellgrau gestrichen. Die die Zugänge flankierenden, aufgesetzten Kugeln wurden zum Teil neu angefertigt. Hier nicht im Detail aufgeführt, kommen eine Reihe von Verbesserungen im Inneren der Gebäude hinzu, die natürlich für die neuen Mieter auch ganz wichtig sein dürften.

Obwohl ich als Rentner ja aus dem Geschäft raus bin, also keinen Einfluss auf das Denkmalgeschehen mehr habe, hatte ich im Vorbeigehen meine Freude an der Baustelle und möchte allen Beteiligten danken. Das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen – die östliche Flanke des Rosa-Luxemburg-Platzes ist ein „Hingucker“ geworden. Das sollte ein Ansporn für die angekündigte Umgestaltung des Platzes durch die Stadt sein!

Dietrich Lohse

Ankündigung und Einladung:

Führung durch den „Bilzhof am Jägerberg“ – ehem. Wohnhaus von Eduard Bilz

Ansicht Jägerberg um 1845, vor Umbauten  1872 und 1898

Ansicht Jägerberg um 1845, vor Umbauten 1872 und 1898 Foto: Stadtarchiv Radebeul

Im Rahmen des Bilz-Festes (Programm über SBF GmbH Radebeul) anlässlich des diesjährigen 175. Geburtstag von Friedrich Eduard Bilz lädt der „verein für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.V.“ recht herzlich zur Führung durch das Grundstück der ehemaligen Wohnstätte von Eduard Bilz – dem Bilzhof am Jägerberg – ein.

Die Führungen am Samstag dem 24.6. beginnen jeweils 11 und 13 Uhr und dauern ca. 1,5h. Da die Besichtigung jeweils nur für eine begrenzte Teilnehmerzahl von max. 25 Personen möglich ist, bitten wir um vorherige Anmeldung bis zum 10. Juni unter k.leiteritz@web.de.

Ansicht Villa am Jägerberg von der Gartenseite, 1962

Ansicht Villa am Jägerberg von der Gartenseite, 1962 Foto: Stadtarchiv Radebeul

Um Missverständnissen vorzubeugen, weisen wir darauf hin, dass es sich um eine reine Außenbesichtigung der Gebäude handelt. Die Führung wird über das gesamte weitläufige Grundstück verlaufen und auch die Turmruinen inclusive der „Blechburg“ im verwilderten Weinberg einbeziehen. Die Wege und Treppen dorthin sind teilweise in einem schlechten Zustand und erfordern eine gewisse Trittsicherheit der Besucher.

Weiterhin möchten wir auf den Vortrag „Die meisten Menschen haben viel zu wenig Vergnügung“ – Der Lebensreformer Friedrich Eduard Bilz von Frau Dr. Marina Lienert ebenfalls am 24.6. um 20 Uhr im Restaurant des Bilz-Bades hinweisen und einladen. Veranstalter des Vortrages sind SBF GmbH und Bilzbund.

Katja Leiteritz

Vollsperrung der Bahnhofstraße ODER Einladung zum Stadtteilfest

Radebeul-West bereitet sich auf großes, buntes und musikalisches Frühlingsspektakel vor

Am 13. Mai 2017 lädt die Stadt Radebeul sowie die Gewerbetreibenden in Radebeul-West alle hiesigen Anwohner, interessierten Mitbürger und Einwohner der umliegenden Gemeinden herzlich zum Frühlingsspektakel nach Radebeul West ein. Bereits zum dritten Mal wird der Tag mit zahlreichen Angeboten und Aktionen für Jung und Alt begangen. Erstmals wird hierfür sogar die Bahnhofstraße zwischen Harmoniestraße und Hermann-Ilgen-Straße für den Autoverkehr gesperrt.

Zwischen 10 und 18Uhr erwartet die Besucher ein umfangreiches Programm mit Kindersachenflohmarkt, Bücherflohmarkt, Hüpfburg, Stadtteilführungen, Fahrradteststrecke und vielem mehr. Auf und neben der eigens für diesen Tag errichteten Bühne auf der Bahnhofstraße sorgen unter anderem der Gospelchor, Bands und Ensembles der Musikschule Radebeul, ein Theaterstück des Theaters „Heiterer Blick“ Radebeul und eine Modenschau für die musikalische und kulturelle Untermalung. Unter dem Motto „Kaufe ein in Deiner Stadt, damit sie eine Zukunft hat!“ präsentieren die Händler vor Ort ihr umfangreiches Angebot und locken an diesem Tag mit speziellen Aktionen und Rabatten in ihre Läden. So wird beispielsweise zu einem Stadtteilfrühstück geladen, können Besucher bei einer „Rallye zu Fuß“ die Geschäfte erkunden und Stempel sammeln. Die glücklichen Gewinner dürfen sich anschließend über Preise im Gesamtwert von 1.500€ freuen. Für die kulinarische Versorgung stehen hungrigen Gästen nicht nur die Eisdielen und Bäcker offen. Die Land- und Wildfleischerei Schempp bittet zu einem kleinen Hoffest mit Bratwurst, Burgern, Steaks und Kötzsch-Bier.

Das Frühlingsspektakel geht ursprünglich auf eine Initiative der Händlergemeinschaft Radebeul-West zurück und wurde bislang mit Hilfe des Kulturamtes der Stadt umgesetzt. Die Unterstützung durch die Stadt und die Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Bert Wendsche zeigen die gestiegene Bedeutung des Stadtteils im Allgemeinen und der Veranstaltung im Besonderen. Nicht zufällig findet das Frühlingsspektakel in diesem Jahr zeitgleich mit dem Tag der Städtebauförderung statt. Zudem fällt an diesem Tag auf der Veranstalterbühne durch den Oberbürgermeister der offizielle Startschuss zum Sanierungsgebiet Radebeul-West. Die Stadt und die ansässigen Händler laden alle Bürger, Netzwerke, Initiativen und Vereine herzlich ein, diesen Tag mit eigenen Angeboten zu bereichern, oder sich an bereits bestehenden Aktionen wie dem Kindersachenflohmarkt des Hortes Kötzschenbroda oder dem Bücherflohmarkt zu beteiligen. Interessenten können sich mittwochs von 15-18Uhr im Bürgertreff Radebeul-West oder bei den Projektverantwortlichen Nadine Wollrad und Dajana König unter stadtteilfest@web.de melden.

Veranstalter des Frühlingsspektakels 2017 ist die Stadt Radebeul in Zusammenarbeit mit den Gewerbetreibenden Radebeul-West. Unterstützt wird der Tag durch den Tag der Städtebauförderung, Hasse Transport, Engel & Völkers Dresden, Sparkasse Meißen, MEGATEC Veranstaltungstechnik, REWE LÖMA CENTER, Musikschule des Landkreises Meißen, Landesbühnen Sachsen, Sächsische Zeitung, formclang, Jürgen Stegmann (TheaterStegRadebeul) und den Spendern der Rallyepreise.

Dajana König

Nähere Informationen zu den Ganztagsaktionen der Gewerbetreibenden sowie der „Rallye zu Fuß“ unter www.radebeul.de.

Christian Lempe – Verabschiedung in den Ruhestand

Wenn jemand in den Ruhestand geht, wird wohl nicht jeder eine Würdigung in V&R finden können – da reicht der Platz in unserem Heft einfach nicht. Im Falle von Herrn Lempe erscheint es mir aber angemessen, weil wir uns seit den 90er Jahren kennen, weil ich weiß, dass er u.a. ein Herz für die Denkmalpflege hat und weil mir seine Biografie recht spannend scheint.

Christian – nomen est omen – entstammt einer Bauernfamilie und wurde am 2. Oktober 1951 in Müdisdorf bei Lichtenberg geboren. Er ist also ein Erzgebirgler, wie man ihn sich vorstellt: bodenständig, evangelisch, mit praktischer Veranlagung und einem klaren Kopf. Den Beweis mögen die folgenden Zeilen bringen. Er besuchte hier die Schule und lernte nach der 10. Klasse Betriebsschlosser und eignete sich danach noch Berufserfahrung an. 1970 wurde er zu einem Studium an die Fachschule für Landtechnik nach Nordhausen delegiert, aber schon nach einem halben Jahr exmatrikuliert, weil bei den Anmeldeformalitäten übersehen worden war, dass er den Dienst an der Waffe bei der NVA ablehnte, jedoch Bausoldat akzeptiert hätte. Es folgte die bekannte „Bewährung in der Praxis“, d.h., Arbeit von 1971 bis 72 in der LPG „1. Mai“ Weigmannsdorf. Während der anschließenden Armeezeit – Bausoldat ist kein Zuckerschlecken – wurde er 1973 in einen schweren Unfall verwickelt, fortan war er nicht mehr in der Volksarmee einzusetzen. Nun konnte er in Nordhausen durchstarten, noch mal von Anfang an studieren und sich 1977 Ingenieur für Landtechnik nennen. Mit dieser Qualifikation in der Tasche kehrte Herr Lempe zurück ins Erzgebirge und wurde in der LPG „Burgberg“ in Burkersdorf als Leiter für materiell-technische Versorgung eingestellt. Da hätte er nun für länger bleiben können, zumal er die Mangelwirtschaft dieser Jahre mit „gewusst wie, gewusst wo und gewusst wer“ einigermaßen beherrschte. Familiäre Gründe führten zum Entschluss, einen Ortswechsel vorzunehmen. Im Rückblick ist er dafür dankbar, als ihm 1981 im damaligen Landeskirchlichen Amt für Innere Mission (heute Diakonisches Werk) in Radebeul, Obere Bergstraße 1, die Leitung der technischen Abteilung angeboten wurde. Hier wurde jemand mit seinen Fähigkeiten gesucht und auch eine Wohnung geboten. Technische Abteilung könnte man auch salopp als Hausmeisterbrigade ansprechen. Dazu gehören zwischen 4 und 10 Personen (über die Zeit schwankend), die für technische Ausrüstungen, Bautätigkeit sowie Grundstücks- und Parkpflege verantwortlich sind. Auf den ersten Blick scheint das nicht zu den früheren Tätigkeiten zu passen, quasi ein Karriereknick – doch nein, beim zweiten Hinschauen hilft das Erlernte auch bei der Tätigkeit in der Diakonie. Christian Lempe hat breites technisches Verständnis, eine zupackende Art, er kann gut zuhören und ruhig anleiten und das z.T. auch in schwierigeren Situationen, wenn vormals alkoholabhängige Menschen wieder in einen Arbeitsprozess eingegliedert werden müssen oder, was auch vorkam, wenn in DDR-Zeiten Menschen geholfen werden konnte, die aus politischen oder christlichen Gründen nicht so ins System passten.

Herr Lempe kann sich auch einmischen, wenn es um Radebeul und den neuen Städtebau geht, z.B. den in der Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße. Was ihm sogar Kritik aus der „oberen Etage“ seines Hauses einbrachte. Das musste er aushalten, weil er in dem Falle von der Richtigkeit seiner Argumente überzeugt war.

Was wäre noch zu erwähnen? Von 1992 an hatte er sechs Jahre lang die Leitung der Baukommission der Kötzschenbrodaer Friedenskirche übernommen. Er war Gründungsmitglied des „Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen“ und ist immer noch dabei. Und schließlich möchte er sich auch noch um zwei Häuser, die ganz zufällig Denkmalobjekte sind, kümmern. Ich kann mir auch vorstellen, dass seine Familie, also seine Frau und drei Kinder, für die kommende Zeit noch Wünsche haben, die er erfüllen kann.

Also, er ist vielseitig interessiert, in seinem Fach perfekt, für Viele mit dem Herzen am richtigen Fleck und für Wenige manchmal auch unbequem – ein Mensch mitten in seiner Zeit stehend, könnte man sagen. Und die scheint nun nach 35 Jahren im Dienste der Diakonie abgelaufen – mit 65 Jahren geht Christian Lempe Ende März 2017 in den Ruhestand. Das mit dem Ruhestand kann ich mir in seinem Falle nur schwer vorstellen, es wird wohl eher auf Unruhestand hinauslaufen.

Seine Nachfolge ist angedacht. Es wird unter anderen Eckhard Rogel sein, mit dem er all die Jahre bei der Diakonie sozusagen eine Doppelspitze gebildet hatte. Man könnte die beiden beinahe verwechseln, so ähneln sie einander, nur der eine ist eben noch kein Rentner. Man wird in der Arbeit eine Kontinuität erwarten können!

Nun bleibt nur noch Dank zu sagen für die zurückliegenden Aufgaben (darunter der Erhalt der beiden Lauben), ein paar Grüße und Wünsche für die kommende Zeit: gute Ideen für die Freizeit, beste Gesundheit und vielleicht doch mal einen Gang runterschalten (oder gibt es etwa eine Getriebeautomatik?).

Dietrich Lohse

Ein Radebeuler beim Geschichtsmarkt

Genauer formuliert muss man schreiben: „Ein Radebeuler beim Dresdner Geschichtsmarkt“. Da erheben sich gleich mehrere Fragen: „Was ist ein Geschichtsmarkt?“, „Was sucht ein Radebeuler dort?“ und „Wer ist dieser Radebeuler?!“.

Die schwierigste Antwort zuerst: Der Autor selbst hatte sich am 4. und 5. März dieses Jahres am Dresdner Geschichtsmarkt im TU-Gebäude der Fakultät Informatik beteiligt. Und er sah es nicht als abwegig an, dass sich – zugegeben – ein „Wahl-Radebeuler“ auch mit der Geschichte Dresdens beschäftigt.

Kunst und Kultur – so das Thema des diesjährigen Marktes – ist ein weites Feld, zumal in Dresden, hat diese Stadt doch schon viele Jahrhunderte an der Geschichte Sachsens fleißig mitgeschrieben. Da müsste ja eigentlich schon alles gesagt, geschrieben, dokumentiert, fotografiert, verfilmt und archiviert sein.

Weit gefehlt! Sage und schreibe 44 Aussteller (Vereine und Einzelpersonen) hatten in der großen repräsentativen Eingangshalle der Fakultät ihre Stände aufgeschlagen und stolz an diesen zwei Tagen ihre Forschungsergebnisse präsentiert. Sicher war da nicht alles perfekt, nicht alles auf den Punkt gebracht, genügte nicht alles den Ansprüchen der Wissenschaft und Ästhetik. Die Vielfalt der Themen aber, das Bemühen um das Herausfinden der kleinsten Fakten, die Sichtbarmachung auch des Alltäglichen sind Merkmale des Marktes, die mir aufgefallen sind. Von Erlwein bis Bellotto, über Briefmarkenbilder, „Avanti“-Spitzmaschinen, Dresdner Brunnen und Brücken, von der Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung bis zur Süßwaren-Werbung oder Dresdner Bestattungskultur konnten die Besucher viel Interessantes und Neues erfahren. Und wer dann noch nicht genug hatte, besuchte einen oder mehrere der 20 Vorträge, die häufig bis zum letzten Platz belegt waren. So zum Beispiel der von Prof. Raimund Herz, welcher voller Empathie „Auf Canalettos Spuren im Coselpalais Dresden“ wandelte und seine Zuhörer zu begeistern wusste.

Und der Radebeuler, was hatte dieser auf dem Markt verloren? Er war ja nicht als Besucher gekommen, wie so viele, die ich aus meiner Heimatstadt dort gesehen habe. Er hatte Material mitgebracht, welches so manchen Betrachter verblüffte. Einer Dame entfuhr es denn auch erstaunt: „Mit was man sich so alles beschäftigen kann!“ Auf drei großen Tafeln zeigte er Dokumente und Informationen zum Dresdner Amateurtheater. Das ist in den 13 Jahre des Marktes noch nie vorgekommen! Nein, nicht Hochkultur führte er vor, sondern die „Kunst aus dem Volke für das Volk“, die so häufig verdrängt oder vergessen wird und in den Archiven wie Museen meist nicht vorhanden ist.

Man musste schon Zeit mitbringen, denn zu lesen und zu sehen gab es auf dem Markt sehr viel. Wer wollte, konnte an meinem Stand etwas über das Amateurtheater „studio 80“ erfahren und dessen Österreichtournee im Jahre 1985, u. a. mit Manuel Schöbel, dem jetzigen Intendanten der Landesbühnen. Auf einer Tafel wurde die Studentenbühne der TU Dresden vorgestellt, welche z. B. 1982 mit einer Inszenierung einen gehörigen Theaterskandal auslöste.

Ach ja, die erste Frage… Sie hat sich sicher schon beantwortet. Ein Markt im kommerziellen Sinne freilich war diese Veranstaltung nicht, obwohl man auch tolle Bücher und seltene alte Ansichtskarten kaufen konnte. Schließlich bot Baum auch ein interessantes Buch über 500 Jahre Geschichte des nichtprofessionellen Theaters in Sachsen an. Gekauft hat es leider keiner. Immerhin wiegt es 3,5 Kilo! Der Markt ist eine Veranstaltung für interessierte Menschen, die in ihrer Freizeit die Dresdner Geschichte und die des Umlandes erkunden. „Markt“ deshalb, weil hier die gewonnenen Erkenntnisse gewissermaßen „feilgeboten“ werden.

Am Sonntag, kurz vor Schluss der Veranstaltung, kam ein Besucher nochmals an meinen Stand zurück, um sich zu bedanken für die vielen Anregungen und neuen Erkenntnisse, die ihm der Markt vermittelt habe. Mehr bedarf es sicher nicht, um zufrieden seine sieben Sachen einzupacken und gen Radebeul zu ziehen. Danke dem Veranstalter, dem Verein „Dresdner Geschichtsmarkt“, der dringend nach Verstärkung sucht, damit auch 2018 diese schöne und anregende Veranstaltung in der Nöthnitzer Straße 46 wieder stattfinden kann.

Karl Uwe Baum

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Foto 4054
Ein Blick auf die Ausstellungshalle mit den Ständen der Freizeitforscher und der attraktiven Skulptur in der Fakultät Informatik.
Foto: Karin Baum

Foto 8523
Der Vorsitzende des Vereins „Dresdner Geschichtsmarkt“ und Organisator der Veranstaltung, Klaus Brendler, am Stand des Autors (2. v. l.).
Foto: Karin Baum

Foto studio 80-Soyfer
Das Amateurtheater „studio 80“ vom VEB Tiefbau- und Verkehrskombinat Dresden nach einer Aufführung von Der Lechner Edi schaut ins Paradies von Jura Soyfer im Aktsaal der HfBK Dresden 1985.
Foto: Archiv Baum

„Total redlich, geradlinig und streitbar“

Zum Tod der Malerin und Grafikerin Petra Vohland

Am 31. Januar ist die Malerin und Grafikerin Petra Vohland in ihrer Wohnung in Weinböhla im Alter von 63 Jahren überraschend verstorben. Vor allem durch ihren unermüdlichen Einsatz für den künstlerischen Nachwuchs der Region hat sie sich im Landkreis einen Namen gemacht.

Petra Vohland wurde 1953 in Zwickau geboren, hat von 1978 bis 1983 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Seither war sie als freischaffende bildende Künstlerin tätig. Werke von ihr waren in vielen Ausstellungen zu sehen. Im Wendejahr 1989 gehörte sie zu den 23 Gründungsmitgliedern der Dresdner Sezession 89 e.V..

Als 2002 die Jugendkunstschule der Stadt und des Landkreises Meißen im zehnten Jahr ihres Bestehens in die Krise geschlittert war, wurde Petra Vohland als neue Geschäftsführerin des Vereins eingestellt. Es gelang ihr recht bald nicht allein den angeschlagenen Verein aus den Schulden herauszuführen, sie verschaffte auch der pädagogisch-künstlerischen Arbeit der Einrichtung ein neues Profil und bewirkte damit über die Region hinaus Anerkennung. Doch dieser weit überdurchschnittliche Einsatz wurde ihr schlecht gedankt. Als nach der Kreisreform das Landratsamt aus kaum nachvollziehbaren Gründen das erfolgreichen Modell Jugendkunstschule zugunsten einer kränkelnden Volkshochschule abwickelte, hielten alle Dozenten der Einrichtung geschlossen zusammen und gründeten in Tagesfrist die Jugendkunstschule neu. Dass der Kursbetrieb in neuen Räumen auf dem Baderberg sowie den zahlreichen Zweigstellen mit 200 regelmäßigen Teilnehmern bruchlos weitergeführt werden konnte spricht für das hohe Ansehen bei den Kollegen, den Kindern und ihren Eltern. Die Radebeulerin Annerose Schulze nennt einige der Gründe dafür, indem sie die befreundete Kollegin als „total redlich, geradlinig und streitbar“ beschreibt.

Petra Vohland war nicht zuletzt eine aufmerksame Beobachterin mit einem guten Erinnerungsvermögen und dem untrüglichen Instinkt für die Motive ihrer Mitmenschen. Jahrelang wirkte sie im Vorstand des Dresdner Künstlerbunds. Dort wird eine Person von ihrer Unbestechlichkeit jetzt fehlen. Gleichermaßen selbstbewusst wie bescheiden, hat sie ihr eigenes künstlerisches Werk, beinahe zu sehr im Hintergrund gehalten. Das war gewiss immer auch ein wenig Selbstschutz. Denn hier war sie ganz bei sich. Auf ihren Bildern ist nichts zu finden von der oftmals etwas matten Träumerei spezifisch weiblicher Kunstausübung. Ihre feinnervigen Gebilde sind zugleich zart und streng und halten eine spannungsvolle Balance zwischen Anschauung und Phantasie, zwischen Abstraktion und Einfühlung. Die viel benutzte Phrase, daß die Entdeckung einer Bildwelt noch ausstünde, hier trifft sie wirklich einmal zu.

Dass sie diese Welt der eigenen Inspiration niemals mit der ihrer Schüler vermischt hat, machte sie zu einem besonders vertrauenswürdigen Partner für die Jugendlichen. Viele hat sie erfolgreich zur Eignungsprüfung geführt und ihnen auch während des Studiums noch beigestanden.

In einem Beitrag im Deutschlandradio hat Petra Vohland 2014 die zunehmenden Schwierigkeiten beschrieben, welche den natürlichen Begabungen der Heranwachsenden entgegenstehen und angemahnt „den Kindern und Jugendlichen dieses Angebot einer klassischen Grundausbildung des bildnerischen Gestaltens nicht zu versagen“.

Petra Vohland beabsichtigte gerade in den Vorruhestand einzutreten, um nach Jahren ihres aufreibenden Einsatzes für den künstlerischen Nachwuchs wieder mehr der eigenen künstlerischen Arbeit leben zu können.

Sebastian Hennig

Selbstversuch mit Todesfolge

Zur Premiere von „Dr Jekyll und Mr. Hyde“ am 4. März 2017

Man muss Goethes „Faust“ nicht gelesen haben und auch nicht kennen um zu wissen, dass in jedem Menschen Gut und Böse nebeneinander bestehen. Man muss nur in sich selbst hineinschauen, und wer nicht ganz unkritisch ist, findet da sicherlich etwas. Wie gut oder böse jemand ist bemisst sich nach den Morallehren einer Gemeinschaft, Vorschriften einer Religion und – ganz nüchtern – nach Gesetzen. Die „zwei Seelen“ in seiner Brust, von denen Faust spricht, seine Janusköpfigkeit, aus der sich heraus Mephisto abspaltet, interessierten auch den schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson (1850-1894), dessen Hauptwerk „Die Schatzinsel“ ebenso zum kanonischen Repertoire europäischer Literatur gehört wie die Schauernovelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, die er 1886 auf Basis eines authentischen Falles geschrieben hatte. Diese Vorlage adaptierte der britische Dramatiker David Edgar 1991 für die Bühne, eine deutsche Fassung wurde erstmals im Jahr 2000 in Mainz inszeniert. Und nun machte sich der bisher überwiegend im Opernbetrieb agierende Regisseur und Sänger Axel Köhler an diesen Stoff und brachte ihn im Großen Saal der Landesbühnen zur Aufführung, sekundiert von Stefan Wiel als Ausstatter. Ja, es gibt sie, die Versatzstücke aus dem Repertoire klischeegesättigter Gruseldramatik britischer Provenienz: gellende, von schäbigen Londoner Gassen widerhallende nächtliche Schreie; durch fahles Licht wabernde Nebelschwaden; dröhnendes Pochen an herrschaftlichen Haustüren; ungastlich geräumige Vorhallen in viktorianischem Gediegenheitspathos; an laienhafte Vexierbilder gemahnende Schatteneffekte. Das lässt sich ganz genüsslich ansehen, bleibt aber doch hinter meinen Erwartungen an die theatrale Umsetzung einer Schauernovelle zurück, eine Spur subtiler, und damit fesselnder, hätte es schon sein dürfen. Der Kern der Geschichte besteht allerdings auch weniger aus den äußeren Gegebenheiten einer wahrhaft nicht gerade gemütlichen Zeit, in der Jack the Ripper mordend durch London zog und die Verelendung der unteren Schichten an allen Ecken und Enden greifbar war. Nein, der Plot ist geboren aus der in jenen Jahren aufkommenden Faszination für die Psychologie und für die Frage, was Triebe und Instinkte mit uns Menschen machen und wie sie unsere Persönlichkeit steuern. Dr. Henry Jekyll (Moritz Gabriel), angesehener Arzt und Wissenschaftler, trägt in sich das Böse wie alle Menschen, aber anders als alle anderen auch die latente Bereitschaft, das Böse zuzulassen, um seiner Existenz in toto Ausdruck zu verleihen. Diese spezielle Disposition hat er als fluchbeladenes Erbteil von seinem Vater, der ein „Teufels in Menschengestalt“ gewesen sein soll. Das Stück begleitet Jekyll während eines guten Jahres, im Verlauf dessen er den Kampf mit seinem abgründigen Selbst, Mr. Hyde genannt, verlieren und mit Gift seinem unausstehlich gewordenen Leben ein Ende bereiten wird. Aber der Reihe nach.
Die Handlung setzt im Haus von Henrys Schwester Katherine (Sophie Lüpfert bekommt wenig Gelegenheit Akzente zu setzen) während der Weihnachtszeit ein und führt uns einen Mann vor Augen, der, obgleich erfolgreich als Arzt in London wirkend, kein gefestigter Charakter und auf der Suche nach bisher geheim gehaltenen Aufzeichnungen seines Vaters ist, auf dass er durch sie im Selbstversuch sich in ein dunkles Alter Ego verwandeln könne. Diese Aufzeichnungen bekommt er widerwillig von seiner Schwester aus dem Nachlass ihres Vaters ausgehändigt. Moritz Gabriel interpretiert Jekylls sich nun anbahnende Zerrissenheit zunächst noch sehr zurückhaltend, fast den gesamten 1. Akt hinweg ist er vielmehr der sich selbst noch stets domestizierende Lüstling, der aus guten Gründen sich und seinen Trieben nicht recht über den Weg traut. Es ist fragwürdig, ob die Zusammenführung beider Charaktere – also Jekyll einerseits und Hyde andererseits – in einen Akteur dessen Spiel nicht unnötig zerfasert. Denn es ist für den Zuschauer auf Dauer nicht sehr reizvoll, der Hauptfigur dabei zusehen zu müssen, wie sie fortwährend ihre Brille absetzt und den Zopf löst um Hyde zu sein und im nächsten Augenblick diese Verwandlung umständlich rückgängig machen muss, damit sie wieder Jekyll ist. Ich kann mir spannende Umsetzungen vorstellen, wie man die Doppelrolle Jekyll/Hyde unter Nutzung der ganzen Breite von Möglichkeiten modernen Theaters anders umsetzt als im hier gegebenen Fall. Andererseits ist es bewundernswert, wie Moritz Gabriel, vor allem im 2. Akt, sich in den paranoiden Zustand der Persönlichkeitsspaltung hineinsteigert und das enorme Textpensum bravourös bewältigt.

Die anderen Figuren sind Vertreter der viktorianischen Gesellschaft, so, wie man sie sich in Erinnerung an die nachkolorierten Fotografien jener Jahre vielleicht vorstellt. Liebenswürdig traditionsbewusst und gentlemanlike herausgeputzt der rechtschaffene Rechtsanwalt Utterson, mit dem Matthias Henkel die Rolle des Elder Statesman lustvoll für sich entdeckt. Thomas Förster zeigt in drei Figuren jeweils unterschiedliche Facetten bürgerlicher Existenzen. Als Dr. Lanyon gibt er einen auf alltagstauglich getrimmten Heuchler, dessen Selbstsicherheit nur Fassade ist, denn auch er hat, wie man so schön sagt, eine Leiche im Keller. Zufällig ist es die gleiche Art von Leiche, derer sich im Stück auch Hyde alias Jekyll schuldig macht: Das zu ihm geflüchtete Dienstmädchen Lucy (Cordula Hanns besetzt überzeugend die Rolle der einfältig-ehrlichen jungen Frau, deren Anstand sie davor bewahrt, ihre für Jekyll gehegten Gefühle offen zu zeigen) schwängert er, nur, um sie später im Zustand der besinnungslosen Strenge aus dem Haus und damit ins Elend zu jagen. Zum zweiten gibt Förster den Parlamentsabgeordneten Sir Carew, dessen durch Hyde hinterrücks verübter Tod Bestürzung auslöst – besonders auch bei Jekyll. Drittens schließlich ist er auch noch ein Pastor, dessen schonungslose Beschreibung des Schicksals junger Mädchen Jekyll an die von ihm verstoßene Lucy gemahnt. Jekylls Butler Poole (Grian Duisberg heimst Sympathiepunkte ein in seiner gelungenen Mischung aus besorgter Beflissenheit und ungelenker Unsicherheit) krönt das stereotypisierte Figurenensemble des Stücks. Es fehlt eigentlich nur noch ein Hund, der vor einem offenen Kamin im Salon schläft. Abgesehen von den erwachsenen Schauspielern treten auch eine Handvoll Kinder auf, wobei es Katherines Sohn Charles (Victor Peter Möhmel) vorbehalten bleibt, die Schlusspointe zu setzen. Er findet unter den von seinem verstorbenen Onkel hinterlassenen Dingen eben jenes Büchlein seines Großvaters, durch das Jekyll vor Jahresfrist zum Experimentieren mit seinen Identitäten verleitet wurde. Die Botschaft ist eindeutig: Die Suche nach sich selbst ist dem Menschengeschlecht eingeschrieben und geht (ewig) weiter.

Den sehr freundlichen Schlussapplaus aus dem ausverkauften Saal darf man getrost so deuten, dass sich das Publikum, der Rezensent eingeschlossen, alles in allem angenehm unterhalten fühlte, ohne euphorisiert in die Nacht entlassen worden zu sein. Wer sich dem Selbstversuch eines Aufführungsbesuches unterziehen möchte, hat dazu nur noch am 7. April im Stammhaus Gelegenheit. Folgeerscheinungen sind hierbei zum Glück jedoch auszuschließen.

Bertram Kazmirowski

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