Christian Lempe – Verabschiedung in den Ruhestand

Wenn jemand in den Ruhestand geht, wird wohl nicht jeder eine Würdigung in V&R finden können – da reicht der Platz in unserem Heft einfach nicht. Im Falle von Herrn Lempe erscheint es mir aber angemessen, weil wir uns seit den 90er Jahren kennen, weil ich weiß, dass er u.a. ein Herz für die Denkmalpflege hat und weil mir seine Biografie recht spannend scheint.

Christian – nomen est omen – entstammt einer Bauernfamilie und wurde am 2. Oktober 1951 in Müdisdorf bei Lichtenberg geboren. Er ist also ein Erzgebirgler, wie man ihn sich vorstellt: bodenständig, evangelisch, mit praktischer Veranlagung und einem klaren Kopf. Den Beweis mögen die folgenden Zeilen bringen. Er besuchte hier die Schule und lernte nach der 10. Klasse Betriebsschlosser und eignete sich danach noch Berufserfahrung an. 1970 wurde er zu einem Studium an die Fachschule für Landtechnik nach Nordhausen delegiert, aber schon nach einem halben Jahr exmatrikuliert, weil bei den Anmeldeformalitäten übersehen worden war, dass er den Dienst an der Waffe bei der NVA ablehnte, jedoch Bausoldat akzeptiert hätte. Es folgte die bekannte „Bewährung in der Praxis“, d.h., Arbeit von 1971 bis 72 in der LPG „1. Mai“ Weigmannsdorf. Während der anschließenden Armeezeit – Bausoldat ist kein Zuckerschlecken – wurde er 1973 in einen schweren Unfall verwickelt, fortan war er nicht mehr in der Volksarmee einzusetzen. Nun konnte er in Nordhausen durchstarten, noch mal von Anfang an studieren und sich 1977 Ingenieur für Landtechnik nennen. Mit dieser Qualifikation in der Tasche kehrte Herr Lempe zurück ins Erzgebirge und wurde in der LPG „Burgberg“ in Burkersdorf als Leiter für materiell-technische Versorgung eingestellt. Da hätte er nun für länger bleiben können, zumal er die Mangelwirtschaft dieser Jahre mit „gewusst wie, gewusst wo und gewusst wer“ einigermaßen beherrschte. Familiäre Gründe führten zum Entschluss, einen Ortswechsel vorzunehmen. Im Rückblick ist er dafür dankbar, als ihm 1981 im damaligen Landeskirchlichen Amt für Innere Mission (heute Diakonisches Werk) in Radebeul, Obere Bergstraße 1, die Leitung der technischen Abteilung angeboten wurde. Hier wurde jemand mit seinen Fähigkeiten gesucht und auch eine Wohnung geboten. Technische Abteilung könnte man auch salopp als Hausmeisterbrigade ansprechen. Dazu gehören zwischen 4 und 10 Personen (über die Zeit schwankend), die für technische Ausrüstungen, Bautätigkeit sowie Grundstücks- und Parkpflege verantwortlich sind. Auf den ersten Blick scheint das nicht zu den früheren Tätigkeiten zu passen, quasi ein Karriereknick – doch nein, beim zweiten Hinschauen hilft das Erlernte auch bei der Tätigkeit in der Diakonie. Christian Lempe hat breites technisches Verständnis, eine zupackende Art, er kann gut zuhören und ruhig anleiten und das z.T. auch in schwierigeren Situationen, wenn vormals alkoholabhängige Menschen wieder in einen Arbeitsprozess eingegliedert werden müssen oder, was auch vorkam, wenn in DDR-Zeiten Menschen geholfen werden konnte, die aus politischen oder christlichen Gründen nicht so ins System passten.

Herr Lempe kann sich auch einmischen, wenn es um Radebeul und den neuen Städtebau geht, z.B. den in der Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße. Was ihm sogar Kritik aus der „oberen Etage“ seines Hauses einbrachte. Das musste er aushalten, weil er in dem Falle von der Richtigkeit seiner Argumente überzeugt war.

Was wäre noch zu erwähnen? Von 1992 an hatte er sechs Jahre lang die Leitung der Baukommission der Kötzschenbrodaer Friedenskirche übernommen. Er war Gründungsmitglied des „Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen“ und ist immer noch dabei. Und schließlich möchte er sich auch noch um zwei Häuser, die ganz zufällig Denkmalobjekte sind, kümmern. Ich kann mir auch vorstellen, dass seine Familie, also seine Frau und drei Kinder, für die kommende Zeit noch Wünsche haben, die er erfüllen kann.

Also, er ist vielseitig interessiert, in seinem Fach perfekt, für Viele mit dem Herzen am richtigen Fleck und für Wenige manchmal auch unbequem – ein Mensch mitten in seiner Zeit stehend, könnte man sagen. Und die scheint nun nach 35 Jahren im Dienste der Diakonie abgelaufen – mit 65 Jahren geht Christian Lempe Ende März 2017 in den Ruhestand. Das mit dem Ruhestand kann ich mir in seinem Falle nur schwer vorstellen, es wird wohl eher auf Unruhestand hinauslaufen.

Seine Nachfolge ist angedacht. Es wird unter anderen Eckhard Rogel sein, mit dem er all die Jahre bei der Diakonie sozusagen eine Doppelspitze gebildet hatte. Man könnte die beiden beinahe verwechseln, so ähneln sie einander, nur der eine ist eben noch kein Rentner. Man wird in der Arbeit eine Kontinuität erwarten können!

Nun bleibt nur noch Dank zu sagen für die zurückliegenden Aufgaben (darunter der Erhalt der beiden Lauben), ein paar Grüße und Wünsche für die kommende Zeit: gute Ideen für die Freizeit, beste Gesundheit und vielleicht doch mal einen Gang runterschalten (oder gibt es etwa eine Getriebeautomatik?).

Dietrich Lohse

Ein Radebeuler beim Geschichtsmarkt

Genauer formuliert muss man schreiben: „Ein Radebeuler beim Dresdner Geschichtsmarkt“. Da erheben sich gleich mehrere Fragen: „Was ist ein Geschichtsmarkt?“, „Was sucht ein Radebeuler dort?“ und „Wer ist dieser Radebeuler?!“.

Die schwierigste Antwort zuerst: Der Autor selbst hatte sich am 4. und 5. März dieses Jahres am Dresdner Geschichtsmarkt im TU-Gebäude der Fakultät Informatik beteiligt. Und er sah es nicht als abwegig an, dass sich – zugegeben – ein „Wahl-Radebeuler“ auch mit der Geschichte Dresdens beschäftigt.

Kunst und Kultur – so das Thema des diesjährigen Marktes – ist ein weites Feld, zumal in Dresden, hat diese Stadt doch schon viele Jahrhunderte an der Geschichte Sachsens fleißig mitgeschrieben. Da müsste ja eigentlich schon alles gesagt, geschrieben, dokumentiert, fotografiert, verfilmt und archiviert sein.

Weit gefehlt! Sage und schreibe 44 Aussteller (Vereine und Einzelpersonen) hatten in der großen repräsentativen Eingangshalle der Fakultät ihre Stände aufgeschlagen und stolz an diesen zwei Tagen ihre Forschungsergebnisse präsentiert. Sicher war da nicht alles perfekt, nicht alles auf den Punkt gebracht, genügte nicht alles den Ansprüchen der Wissenschaft und Ästhetik. Die Vielfalt der Themen aber, das Bemühen um das Herausfinden der kleinsten Fakten, die Sichtbarmachung auch des Alltäglichen sind Merkmale des Marktes, die mir aufgefallen sind. Von Erlwein bis Bellotto, über Briefmarkenbilder, „Avanti“-Spitzmaschinen, Dresdner Brunnen und Brücken, von der Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung bis zur Süßwaren-Werbung oder Dresdner Bestattungskultur konnten die Besucher viel Interessantes und Neues erfahren. Und wer dann noch nicht genug hatte, besuchte einen oder mehrere der 20 Vorträge, die häufig bis zum letzten Platz belegt waren. So zum Beispiel der von Prof. Raimund Herz, welcher voller Empathie „Auf Canalettos Spuren im Coselpalais Dresden“ wandelte und seine Zuhörer zu begeistern wusste.

Und der Radebeuler, was hatte dieser auf dem Markt verloren? Er war ja nicht als Besucher gekommen, wie so viele, die ich aus meiner Heimatstadt dort gesehen habe. Er hatte Material mitgebracht, welches so manchen Betrachter verblüffte. Einer Dame entfuhr es denn auch erstaunt: „Mit was man sich so alles beschäftigen kann!“ Auf drei großen Tafeln zeigte er Dokumente und Informationen zum Dresdner Amateurtheater. Das ist in den 13 Jahre des Marktes noch nie vorgekommen! Nein, nicht Hochkultur führte er vor, sondern die „Kunst aus dem Volke für das Volk“, die so häufig verdrängt oder vergessen wird und in den Archiven wie Museen meist nicht vorhanden ist.

Man musste schon Zeit mitbringen, denn zu lesen und zu sehen gab es auf dem Markt sehr viel. Wer wollte, konnte an meinem Stand etwas über das Amateurtheater „studio 80“ erfahren und dessen Österreichtournee im Jahre 1985, u. a. mit Manuel Schöbel, dem jetzigen Intendanten der Landesbühnen. Auf einer Tafel wurde die Studentenbühne der TU Dresden vorgestellt, welche z. B. 1982 mit einer Inszenierung einen gehörigen Theaterskandal auslöste.

Ach ja, die erste Frage… Sie hat sich sicher schon beantwortet. Ein Markt im kommerziellen Sinne freilich war diese Veranstaltung nicht, obwohl man auch tolle Bücher und seltene alte Ansichtskarten kaufen konnte. Schließlich bot Baum auch ein interessantes Buch über 500 Jahre Geschichte des nichtprofessionellen Theaters in Sachsen an. Gekauft hat es leider keiner. Immerhin wiegt es 3,5 Kilo! Der Markt ist eine Veranstaltung für interessierte Menschen, die in ihrer Freizeit die Dresdner Geschichte und die des Umlandes erkunden. „Markt“ deshalb, weil hier die gewonnenen Erkenntnisse gewissermaßen „feilgeboten“ werden.

Am Sonntag, kurz vor Schluss der Veranstaltung, kam ein Besucher nochmals an meinen Stand zurück, um sich zu bedanken für die vielen Anregungen und neuen Erkenntnisse, die ihm der Markt vermittelt habe. Mehr bedarf es sicher nicht, um zufrieden seine sieben Sachen einzupacken und gen Radebeul zu ziehen. Danke dem Veranstalter, dem Verein „Dresdner Geschichtsmarkt“, der dringend nach Verstärkung sucht, damit auch 2018 diese schöne und anregende Veranstaltung in der Nöthnitzer Straße 46 wieder stattfinden kann.

Karl Uwe Baum

4194

Foto 4054
Ein Blick auf die Ausstellungshalle mit den Ständen der Freizeitforscher und der attraktiven Skulptur in der Fakultät Informatik.
Foto: Karin Baum

Foto 8523
Der Vorsitzende des Vereins „Dresdner Geschichtsmarkt“ und Organisator der Veranstaltung, Klaus Brendler, am Stand des Autors (2. v. l.).
Foto: Karin Baum

Foto studio 80-Soyfer
Das Amateurtheater „studio 80“ vom VEB Tiefbau- und Verkehrskombinat Dresden nach einer Aufführung von Der Lechner Edi schaut ins Paradies von Jura Soyfer im Aktsaal der HfBK Dresden 1985.
Foto: Archiv Baum

„Total redlich, geradlinig und streitbar“

Zum Tod der Malerin und Grafikerin Petra Vohland

Am 31. Januar ist die Malerin und Grafikerin Petra Vohland in ihrer Wohnung in Weinböhla im Alter von 63 Jahren überraschend verstorben. Vor allem durch ihren unermüdlichen Einsatz für den künstlerischen Nachwuchs der Region hat sie sich im Landkreis einen Namen gemacht.

Petra Vohland wurde 1953 in Zwickau geboren, hat von 1978 bis 1983 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert. Seither war sie als freischaffende bildende Künstlerin tätig. Werke von ihr waren in vielen Ausstellungen zu sehen. Im Wendejahr 1989 gehörte sie zu den 23 Gründungsmitgliedern der Dresdner Sezession 89 e.V..

Als 2002 die Jugendkunstschule der Stadt und des Landkreises Meißen im zehnten Jahr ihres Bestehens in die Krise geschlittert war, wurde Petra Vohland als neue Geschäftsführerin des Vereins eingestellt. Es gelang ihr recht bald nicht allein den angeschlagenen Verein aus den Schulden herauszuführen, sie verschaffte auch der pädagogisch-künstlerischen Arbeit der Einrichtung ein neues Profil und bewirkte damit über die Region hinaus Anerkennung. Doch dieser weit überdurchschnittliche Einsatz wurde ihr schlecht gedankt. Als nach der Kreisreform das Landratsamt aus kaum nachvollziehbaren Gründen das erfolgreichen Modell Jugendkunstschule zugunsten einer kränkelnden Volkshochschule abwickelte, hielten alle Dozenten der Einrichtung geschlossen zusammen und gründeten in Tagesfrist die Jugendkunstschule neu. Dass der Kursbetrieb in neuen Räumen auf dem Baderberg sowie den zahlreichen Zweigstellen mit 200 regelmäßigen Teilnehmern bruchlos weitergeführt werden konnte spricht für das hohe Ansehen bei den Kollegen, den Kindern und ihren Eltern. Die Radebeulerin Annerose Schulze nennt einige der Gründe dafür, indem sie die befreundete Kollegin als „total redlich, geradlinig und streitbar“ beschreibt.

Petra Vohland war nicht zuletzt eine aufmerksame Beobachterin mit einem guten Erinnerungsvermögen und dem untrüglichen Instinkt für die Motive ihrer Mitmenschen. Jahrelang wirkte sie im Vorstand des Dresdner Künstlerbunds. Dort wird eine Person von ihrer Unbestechlichkeit jetzt fehlen. Gleichermaßen selbstbewusst wie bescheiden, hat sie ihr eigenes künstlerisches Werk, beinahe zu sehr im Hintergrund gehalten. Das war gewiss immer auch ein wenig Selbstschutz. Denn hier war sie ganz bei sich. Auf ihren Bildern ist nichts zu finden von der oftmals etwas matten Träumerei spezifisch weiblicher Kunstausübung. Ihre feinnervigen Gebilde sind zugleich zart und streng und halten eine spannungsvolle Balance zwischen Anschauung und Phantasie, zwischen Abstraktion und Einfühlung. Die viel benutzte Phrase, daß die Entdeckung einer Bildwelt noch ausstünde, hier trifft sie wirklich einmal zu.

Dass sie diese Welt der eigenen Inspiration niemals mit der ihrer Schüler vermischt hat, machte sie zu einem besonders vertrauenswürdigen Partner für die Jugendlichen. Viele hat sie erfolgreich zur Eignungsprüfung geführt und ihnen auch während des Studiums noch beigestanden.

In einem Beitrag im Deutschlandradio hat Petra Vohland 2014 die zunehmenden Schwierigkeiten beschrieben, welche den natürlichen Begabungen der Heranwachsenden entgegenstehen und angemahnt „den Kindern und Jugendlichen dieses Angebot einer klassischen Grundausbildung des bildnerischen Gestaltens nicht zu versagen“.

Petra Vohland beabsichtigte gerade in den Vorruhestand einzutreten, um nach Jahren ihres aufreibenden Einsatzes für den künstlerischen Nachwuchs wieder mehr der eigenen künstlerischen Arbeit leben zu können.

Sebastian Hennig

Selbstversuch mit Todesfolge

Zur Premiere von „Dr Jekyll und Mr. Hyde“ am 4. März 2017

Man muss Goethes „Faust“ nicht gelesen haben und auch nicht kennen um zu wissen, dass in jedem Menschen Gut und Böse nebeneinander bestehen. Man muss nur in sich selbst hineinschauen, und wer nicht ganz unkritisch ist, findet da sicherlich etwas. Wie gut oder böse jemand ist bemisst sich nach den Morallehren einer Gemeinschaft, Vorschriften einer Religion und – ganz nüchtern – nach Gesetzen. Die „zwei Seelen“ in seiner Brust, von denen Faust spricht, seine Janusköpfigkeit, aus der sich heraus Mephisto abspaltet, interessierten auch den schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson (1850-1894), dessen Hauptwerk „Die Schatzinsel“ ebenso zum kanonischen Repertoire europäischer Literatur gehört wie die Schauernovelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, die er 1886 auf Basis eines authentischen Falles geschrieben hatte. Diese Vorlage adaptierte der britische Dramatiker David Edgar 1991 für die Bühne, eine deutsche Fassung wurde erstmals im Jahr 2000 in Mainz inszeniert. Und nun machte sich der bisher überwiegend im Opernbetrieb agierende Regisseur und Sänger Axel Köhler an diesen Stoff und brachte ihn im Großen Saal der Landesbühnen zur Aufführung, sekundiert von Stefan Wiel als Ausstatter. Ja, es gibt sie, die Versatzstücke aus dem Repertoire klischeegesättigter Gruseldramatik britischer Provenienz: gellende, von schäbigen Londoner Gassen widerhallende nächtliche Schreie; durch fahles Licht wabernde Nebelschwaden; dröhnendes Pochen an herrschaftlichen Haustüren; ungastlich geräumige Vorhallen in viktorianischem Gediegenheitspathos; an laienhafte Vexierbilder gemahnende Schatteneffekte. Das lässt sich ganz genüsslich ansehen, bleibt aber doch hinter meinen Erwartungen an die theatrale Umsetzung einer Schauernovelle zurück, eine Spur subtiler, und damit fesselnder, hätte es schon sein dürfen. Der Kern der Geschichte besteht allerdings auch weniger aus den äußeren Gegebenheiten einer wahrhaft nicht gerade gemütlichen Zeit, in der Jack the Ripper mordend durch London zog und die Verelendung der unteren Schichten an allen Ecken und Enden greifbar war. Nein, der Plot ist geboren aus der in jenen Jahren aufkommenden Faszination für die Psychologie und für die Frage, was Triebe und Instinkte mit uns Menschen machen und wie sie unsere Persönlichkeit steuern. Dr. Henry Jekyll (Moritz Gabriel), angesehener Arzt und Wissenschaftler, trägt in sich das Böse wie alle Menschen, aber anders als alle anderen auch die latente Bereitschaft, das Böse zuzulassen, um seiner Existenz in toto Ausdruck zu verleihen. Diese spezielle Disposition hat er als fluchbeladenes Erbteil von seinem Vater, der ein „Teufels in Menschengestalt“ gewesen sein soll. Das Stück begleitet Jekyll während eines guten Jahres, im Verlauf dessen er den Kampf mit seinem abgründigen Selbst, Mr. Hyde genannt, verlieren und mit Gift seinem unausstehlich gewordenen Leben ein Ende bereiten wird. Aber der Reihe nach.
Die Handlung setzt im Haus von Henrys Schwester Katherine (Sophie Lüpfert bekommt wenig Gelegenheit Akzente zu setzen) während der Weihnachtszeit ein und führt uns einen Mann vor Augen, der, obgleich erfolgreich als Arzt in London wirkend, kein gefestigter Charakter und auf der Suche nach bisher geheim gehaltenen Aufzeichnungen seines Vaters ist, auf dass er durch sie im Selbstversuch sich in ein dunkles Alter Ego verwandeln könne. Diese Aufzeichnungen bekommt er widerwillig von seiner Schwester aus dem Nachlass ihres Vaters ausgehändigt. Moritz Gabriel interpretiert Jekylls sich nun anbahnende Zerrissenheit zunächst noch sehr zurückhaltend, fast den gesamten 1. Akt hinweg ist er vielmehr der sich selbst noch stets domestizierende Lüstling, der aus guten Gründen sich und seinen Trieben nicht recht über den Weg traut. Es ist fragwürdig, ob die Zusammenführung beider Charaktere – also Jekyll einerseits und Hyde andererseits – in einen Akteur dessen Spiel nicht unnötig zerfasert. Denn es ist für den Zuschauer auf Dauer nicht sehr reizvoll, der Hauptfigur dabei zusehen zu müssen, wie sie fortwährend ihre Brille absetzt und den Zopf löst um Hyde zu sein und im nächsten Augenblick diese Verwandlung umständlich rückgängig machen muss, damit sie wieder Jekyll ist. Ich kann mir spannende Umsetzungen vorstellen, wie man die Doppelrolle Jekyll/Hyde unter Nutzung der ganzen Breite von Möglichkeiten modernen Theaters anders umsetzt als im hier gegebenen Fall. Andererseits ist es bewundernswert, wie Moritz Gabriel, vor allem im 2. Akt, sich in den paranoiden Zustand der Persönlichkeitsspaltung hineinsteigert und das enorme Textpensum bravourös bewältigt.

Die anderen Figuren sind Vertreter der viktorianischen Gesellschaft, so, wie man sie sich in Erinnerung an die nachkolorierten Fotografien jener Jahre vielleicht vorstellt. Liebenswürdig traditionsbewusst und gentlemanlike herausgeputzt der rechtschaffene Rechtsanwalt Utterson, mit dem Matthias Henkel die Rolle des Elder Statesman lustvoll für sich entdeckt. Thomas Förster zeigt in drei Figuren jeweils unterschiedliche Facetten bürgerlicher Existenzen. Als Dr. Lanyon gibt er einen auf alltagstauglich getrimmten Heuchler, dessen Selbstsicherheit nur Fassade ist, denn auch er hat, wie man so schön sagt, eine Leiche im Keller. Zufällig ist es die gleiche Art von Leiche, derer sich im Stück auch Hyde alias Jekyll schuldig macht: Das zu ihm geflüchtete Dienstmädchen Lucy (Cordula Hanns besetzt überzeugend die Rolle der einfältig-ehrlichen jungen Frau, deren Anstand sie davor bewahrt, ihre für Jekyll gehegten Gefühle offen zu zeigen) schwängert er, nur, um sie später im Zustand der besinnungslosen Strenge aus dem Haus und damit ins Elend zu jagen. Zum zweiten gibt Förster den Parlamentsabgeordneten Sir Carew, dessen durch Hyde hinterrücks verübter Tod Bestürzung auslöst – besonders auch bei Jekyll. Drittens schließlich ist er auch noch ein Pastor, dessen schonungslose Beschreibung des Schicksals junger Mädchen Jekyll an die von ihm verstoßene Lucy gemahnt. Jekylls Butler Poole (Grian Duisberg heimst Sympathiepunkte ein in seiner gelungenen Mischung aus besorgter Beflissenheit und ungelenker Unsicherheit) krönt das stereotypisierte Figurenensemble des Stücks. Es fehlt eigentlich nur noch ein Hund, der vor einem offenen Kamin im Salon schläft. Abgesehen von den erwachsenen Schauspielern treten auch eine Handvoll Kinder auf, wobei es Katherines Sohn Charles (Victor Peter Möhmel) vorbehalten bleibt, die Schlusspointe zu setzen. Er findet unter den von seinem verstorbenen Onkel hinterlassenen Dingen eben jenes Büchlein seines Großvaters, durch das Jekyll vor Jahresfrist zum Experimentieren mit seinen Identitäten verleitet wurde. Die Botschaft ist eindeutig: Die Suche nach sich selbst ist dem Menschengeschlecht eingeschrieben und geht (ewig) weiter.

Den sehr freundlichen Schlussapplaus aus dem ausverkauften Saal darf man getrost so deuten, dass sich das Publikum, der Rezensent eingeschlossen, alles in allem angenehm unterhalten fühlte, ohne euphorisiert in die Nacht entlassen worden zu sein. Wer sich dem Selbstversuch eines Aufführungsbesuches unterziehen möchte, hat dazu nur noch am 7. April im Stammhaus Gelegenheit. Folgeerscheinungen sind hierbei zum Glück jedoch auszuschließen.

Bertram Kazmirowski

Was tut sich eigentlich in Zitzschewigs Charlotte?

Wenn man auf der Meißner Straße Richtung Coswig in die westlichste Ursprungsgemeinde Radebeuls einfährt, steht an der Einmündung der Coswiger Straße ein gediegen saniertes ehemaliges Bauernhaus. An der Straßenfassade mit der wohl proportionierten Fensterteilung und den Fensterläden steht „Restaurant & Pension Charlotte K.“
Immer, wenn ich dort vorbei fuhr, bewunderte ich in Gedanken Ines Kuka, an dieser (vom Autofahrer gefühlten) vom Verkehr geprägten Stelle, ein Gourmet -Restaurant zu betreiben. Zu ganz besonderen Anlässen sind wir auch eingekehrt – wahrscheinlich zu wenig, denn im Sommer war zu hören, dass Ines Kuka ihren Traum aufgeben musste. Nun stellte sich die Frage, wie es weitergehen würde.

Der Auslöser das Haus zu sanieren, war ursprünglich ein anderer. Dr. Bernd Kastler, der auf dem von Carl Pfeiffer angelegten Wächterberg Weinbau betreibt, hatte den Enthusiasmus seinen geernteten Wein selbst auszubauen und suchte dafür einen Keller, den er hier fand.

Hier für den interessierten Leser ein kurzer Abriss zu Vergangenheit und Gegenwart dieses Unterfangens:

„J.G.T. – 1827“ steht auf dem Türsturz der Eingangstür zum Weinrestaurant Charlotte in der Coswiger Straße 23. Das weist auf das Baujahr des Gebäudes und den damaligen Bauherrn Johann Gottlieb Trobisch hin. Es wurde als Teil eines Zweiseitenhofs auf den Resten eines vermutlich bereits aus dem 18. Jahrhundert stammenden und einem Brand zum Opfer gefallenen Gebäudes errichtet. Das Tonnengewölbe im Keller dürfte deutlich vor 1827 entstanden sein.

Viele Jahrzehnte diente das Gebäude als Gärtner- und Winzerhaus. Der den Lesern von V&R gut bekannte Winzer Rainer Rossberg verbrachte hier seine Jugend. Im Jahr 2004 übernahm die Familie Kastler das Grundstück und sanierte das denkmalgeschützte Gebäude grundlegend. Die nach dem Urteil der Jury gelungene Sanierung wurde 2008 mit dem Bauherrenpreis der Stadt Radebeul ausgezeichnet. Ein Jahr später folgte ein Erster Preis beim Sächsischen Landeswettbewerb für Ländliches Bauen.

Heute beherbergt das Grundstück das Weinrestaurant Charlotte und den Weinbau von Bernd Kastler und Enrico Friedland, die seit 2013 ihre Weine gemeinsam herstellen und dem Weinfreund zum Kauf anbieten. Selbstverständlich werden ihre Weine im Restaurant angeboten. Wer will, der kann hier auch eine oder mehrere Flaschen zu Ab-Hof-Preisen erwerben.

Im Herbst werden im Nebenhaus die Trauben gepresst. Anschließend wird der Traubenmost im Keller vergoren – in Edelstahltanks, aber auch immer häufiger in Eichenholzfässern. Danach haben die Weine ihre verdiente Winterruhe, wobei das Tonnengewölbe vor großen Temperaturschwankungen schützt.

„Elbtalweine für Entdecker“ lautet das Motto des Weinguts. Bernd Kastler und Enrico Friedland haben Weinberge in den Radebeuler Einzellagen Goldener Wagen, Steinrücken und Johannisberg. Im Rebsorten-Angebot sind sächsische Klassiker wie Riesling, Weißburgunder, Traminer und Müller-Thurgau. Ein besonderes Augenmerk legen die Winzer auf nicht so häufig vertretene Sorten wie Kerner, Scheurebe, Bacchus und Silvaner. Dem Vernehmen nach sollen demnächst auch Rotweine die Palette erweitern.
Das Weingut hat im bekannten Weinführer Gault & Millau erstmals eine Traube erhalten. Der Weinführer lobt in Bezug auf den Jahrgang 2015 die feine Rebsortenaromatik und den mineralischen Schliff, besonders die rassige Art der Scheurebe und des Rieslings. Ein Sonderlob erhält auch der teilweise im Holzfass gereifte Weißburgunder, der darüber hinaus auch eine Goldmedaille vom internationalen Weinwettbewerb AWC Vienna nach Sachsen bringen konnte.

Das alles ist für Kastler und Friedland ein zusätzlicher Ansporn, um die Gläser der Weinfreunde auch in Zukunft mit ausgezeichneten Weinen zu füllen.

Man ist mit dem Auto zu schnell vorbei, um einen angemessenen Blick auf das Gebäude zu werfen und ein Schritt in den Hof zum Weinbauern gelingt spontan so auch nicht. Hier kann ich nur empfehlen, mal wieder zu Fuß dorthin zu gehen. Parkmöglichkeiten findet man gut in der Nähe. Und wenn man dann dort so steht und nicht nur den Blick für den kleinen Stau an der Ampel an der Gerhart – Hauptmann – Straße hat, entdeckt man, dass das Restaurant wieder geöffnet hat.

Als Weinrestaurant „Charlotte“ hat es am 05.11.2016 wieder seine Türen für alle, die Genuss und guten Wein lieben, geöffnet. Mit dem Konzept eines Weinrestaurants, das sich vor allem auf die Zusammenarbeit mit dem Weingut Kastler-Friedland stützt, sollen Stammgäste und neues Publikum angelockt werden.

Geschäftsführer Udo W. Schulze konnte als Küchenchef den in der Szene bekannten Tilo Hamann, der sich seine Sporen im Gasthof Eulowitz verdiente und zuletzt im Schlosshotel Pillnitz kochte, gewinnen. Als Euro-Toques Chef und deren Landesbeauftragter in Sachsen verspricht Hamann seinen Gästen besondere Gaumenerlebnisse mit regionaler und internationaler Küche. Für den Service verantwortlich ist Herr Jörg Meier, der eine fundierte Ausbildung als Sommelier hat und mehrjährige Erfahrungen in Restaurants im In- und Ausland gesammelt hat. Mit diesen Personalien will Schulze das Weinrestaurant „Charlotte“ auch weiterhin als Feinschmeckerrestaurant führen.
Das Konzept des Weinrestaurants soll auf 6 festen Füßen stehen. Es umfasst – natürlich – die Bewirtung der Gäste im à la carte-Geschäft von Freitag bis Sonntag; den neu eingeführten Table d’hôte, der ein 3-Gang-Menü, serviert an jedem Donnerstag an der großen Tafel, bezeichnet, zu der sich jeder Gast hinzugesellen kann; die Ausrichtung von Familien- und Firmenfeiern; Kochkurse und Kochevents, vorrangig an den Wochenenden; die Vermietung von zwei attraktiven Fremdenzimmern an müde Gäste; sowie interessante Veranstaltungen und Ausstellungen.

Und dass dieses Konzept mit Leben erfüllt wird, beweist die gerade erfolgte Eröffnung der Ausstellung „Regina Baum – Innen bunt“, zu deren Vernissage sich mehr als 50 interessierte Gäste einfanden.

Auch Lesungen gehören zum kulturellen Angebot. Am 19. Februar war die Sächsische Literaturpreisträgerin 2016, Franziska Gerstenberg, die aus ihrem aktuellen Erzählband „So lange her, schon gar nicht mehr wahr“ gelesen hat, zu Gast und am 19. März um 19 Uhr wird Stephan Ludwig, der Krimiautor aus Halle/S. mit seinem neuesten Zorn-Krimi „Wie du mir“ in Radebeul sein.

Weitere Ausstellungen und Lesungen sind bereits in Planung.

Guten Zuspruchs erfreuen sich auch die Veranstaltungen aus der Reihe „Topfgucker“. Tilo Hamannn bietet immer am Sonntag thematische Kochkurse für 4-6 Personen an. Zwischen 10 Uhr (bzw. 11 Uhr) und 14 Uhr können die Kocheleven die Geheimnisse einer guten Küche entdecken und anschließend gemeinsam das Produkt des Vormittags verzehren. Dazu können dann weitere Angehörige oder Freunde eingeladen werden.

Noch nicht ganz so bekannt ist der Table d’hôte. Diese aus Frankreich stammende Idee ist eigentlich ganz simpel: An einer eingedeckten Tafel finden sich die Gäste ein, um gemeinsam ein vom Küchenchef festgelegtes Menü zu genießen. Man lernt sich kennen, kommt miteinander ins Gespräch und wird einen angeregten Abend verleben. Immer am Donnerstag wird dazu eingeladen.

Ein unvergesslicher Abend, ein tolles Erlebnis, eine gelungene Veranstaltung – das Team des Weinrestaurants „Charlotte“ freut sich darauf, das alles für seine Gäste gestalten zu dürfen.

Es tut sich ganz schön viel in der Charlotte! Und wenn Sie einmal aus dem Auto ausgestiegen oder per Straßenbahn angereist sind, dann gibt es ergänzend zu der Idee, „gut Essen zu gehen“ noch viel Schönes in der Nähe zu sehen, wo (nur) die Füße hintragen können. Wenige Schritte benötigt man bis zum etwas im Verborgenen liegenden hübschen und beschaulichen Dorfkern von Alt-Zitzschewig. Von den Hängen grüßen Hohenhaus und das Gebäude des Zechsteins, wo liebevoll ein Weinlehrpfad angelegt ist. Überall hin führen Wege mit schönen Aussichten und bei einer Runde um den Naundorfer Dorfteich erlebt man immer wieder die Freude, eine in ihrer Kleinteiligkeit und Unverwechselbarkeit so schöne Heimatstadt zu haben. Vielleicht regt Sie der Artikel an, dem an dieser Stelle Radebeuls so vielseitig zu entdeckenden Genuss nachzuspüren.

Michael Mitzschke mit Unterstützung von Dr. Bernd Kastler und Dr. Jens Ola

Editorial 4-17

Es ist für eine kleine Stadt wie Radebeul durchaus bemerkenswert was in diesen Monaten neben dem Glasinvest-Areal dem Abriss anheim fällt.

Nicht unerwähnt sollte da auch der Komplex der ehemaligen Theaterwerkstätten der Landesbühnen Sachsen bleiben. Immerhin bildeten die Gebäude auf der südlichen Seite der Meißner Straße über viele Jahrzehnte die Heimstatt für Malsaal, Tischlerei, Schlosserei und Kraftfahrer.

Was für DDR-Verhältnisse noch im Rahmen der üblichen Improvisation galt, führte in den ausgedehnten Nachwendejahren zu immer größeren logistischen Problemen. Abgesehen von den mangelnden räumlichen Voraussetzungen, spielten die gestiegenen sicherheitstechnischen Anforderungen an die Gewerke eine entscheidende Rolle, die schließlich einen Neubau der Werkstätten, heute auf dem Gelände des Fuhrparks auf der Schuch-Straße angesiedelt, unumgänglich machten.

Zeitgleich fiel auch der Plattenbau auf dem Moritz-Garte-Steg, der einstmals dem Institut für Lehrerbildung diente. Lange Jahre nutzten in der Nachfolge einige Abteilungen der Landesbühnen Sachsen die zahlreichen Räume als Fundus und Refugium.

Die künftige Nutzung des weiträumigen Geländes ist schlussendlich noch nicht entschieden. Einerseits könnte es für einen Erweiterungsbau angrenzender Schulen dienen. Andere Planungen sehen eine ausgedehnte Grünfläche zwischen Gymnasium und Theater vor.

Sascha Graedtke

Sympathisch unprätentiös

Zur „Winnetou“-Neuverfilmung zu Weihnachten 2016

An die Weihnachtsfeiertage 1982 kann ich mich noch ganz gut erinnern. Ich sehe unsere Familie, wie sie einträchtig vor dem Chromat-Farbfernsehgerät versammelt ist und Winnetou und Old Shatterhand durch den Wilden Westen – oder was wir damals dafür hielten – reiten sieht. Karl May im DDR-Fernsehen war ein Straßenfeger, was kümmerte es uns, dass die Filme des Klassenfeindes damals schon an die 20 Jahre auf dem Buckel hatten? Ein Kindheitsmythos war entstanden, denn es gibt wohl kaum einen in meiner Generation – ich war damals 10 – der sich nicht vom heldischen Gestus und dem edlen Pathos der beiden legendären Hauptdarsteller einfangen ließ. Von der Wand des Kinderzimmers unseres Sohnes blicken die beiden immer noch in der Pose der Weltenretter auf uns unheroische Bleichgesichter herab. PLANETA-Poster im Offset-Glanz, ich schätze Produktionsjahr 1988.

Ich sehe seit einigen Jahren vergleichweise wenig Fernsehen und überhaupt selten Filme. Ich bin kein ausgewiesener Kenner des Werkes von Karl May. Und ich weiß auch nur mäßig viel über die Geschichte des Wilden Westens. Aber ich hatte in den Weihnachtsferien 2016 Zeit und wollte in die Neuverfilmung des „Winnetou“-Stoffes hineinschauen. Als Radebeuler irgendwie auch ein bisschen aus Pflichtgefühl, man muss ja mitreden können, dachte ich mit Blick auf das nächste Karl-May-Fest und die nächste Saison auf der Felsenbühne. Muss ich mich dafür schämen, wenn ich gerade an dieser Stelle, in unserem traditionell (hoch)kulturell ausgerichteten Monatsheft, öffentlich bekenne, dass ich innerhalb von vier Tagen die drei Teile auf RTL geschaut und mit meiner Familie knapp sieben Stunden vor der Glotze gehangen habe? Warum habe ich nicht nach einer halben Stunde ausgemacht oder bin gegangen? Was hat mich dazu gebracht, passiven TV-Konsum aktivem Musizieren oder Lesen vorzuziehen? Wieso habe ich unseren Kindern nach dem 1.Teil („Winnetou – Eine neue Welt“) erlaubt, ja geradezu aufgedrängt, gemeinsam mit mir die beiden anderen Teile („Das Geheimnis vom Silbersee“ und „Der letzte Kampf“) zu schauen? Es waren bestimmte Details, die mir sehr gut gefielen und die dafür sorgen, dass die ganze Geschichte eine angenehm bodenständige Note und unprätentiöse Glaubwürdigkeit bekommt. Punkt 1: Die Anlage der Hauptfiguren Winnetou (Nik Xhelilaj) und Old Shatterhand (Wotan Wilke Möhring). Weder der eine noch der andere ist ein unantastbarer Superheld, denn beide sind sehr erdige Charaktere und erlauben deshalb Identifikation. Shatterhand entwickelt sich, schlüssig erzählt, aus dem nach Amerika ausgewanderten sächsischen Ingenieur Karl May, der die dröge Arbeit in einer deutschen Amtsstube gegen eine neue berufliche Herausforderung beim Eisenbahnbau eintauschen will und an der Vision einer besseren, lies: modernen Welt mitbauen möchte. Der aber seine christlichen und humanistischen Überzeugungen nicht wie so viele andere Glücksritter bei der Einwanderungsbehörde auf Ellis Island vor New York abgibt, was ihn peu à peu zum Außenseiter unter den Weißen und zum Freund der Apatschen werden lässt. Winnetou wiederum ist ein Häuptling, der sich in einer schwierigen Lage nicht zu schade ist sich bei Frauen Rat zu holen und etwa seine Schwester Nscho-Tschi fragt: „Was soll ich tun?“ Dessen unerfüllte Liebe zu Ribanna in dem Zwist der Indianerstämme untereinander begründet ist, was ihn schmerzlich an die Schwäche des eigenen Stammes gemahnt. Das hat gar nichts mehr vom allzeit souveränen Winnetou Price’scher Prägung. Die am meisten berührende, weil aussagestärkste Szene zwischen beiden ist paradoxer Weise die traurigste: Winnetou liegt im Sterben und lässt Shatterhand wissen, dass mit ihrer Freundschaft ein Anfang (im friedlichen Miteinander zwischen Indianern und Weißen) gemacht ist, obwohl er selbst ganz am Ende ist. Punkt 2: Das Bemühen um Authentizität. Im Vorfeld der Ausstrahlung wurde vielfach auf das Risiko hingewiesen, dass die Darsteller der Indianer die tatsächlich noch existente Indianersprache Lakota benutzen. Das klingt nicht nur gut, sondern schafft ein Bewusstsein für die reale historische Situation des Aufeinandertreffens der Ureinwohner und der Fremden: Dinge mussten vereinfacht (und) erklärt und Gedanken auch schon mal erraten werden, weil man sie dem anderen aufgrund der Sprachbarriere nicht begreifbar machen konnte. Es ist völlig unproblematisch, dass in den entsprechenden Passagen deutsche Untertitel laufen. Punkt 3: Die Anerkennung herkunftsspezifischer Details. Es ist stimmig, dass der Sachse Shatterhand drei polnische Zimmerleute für seinen Hausbau anheuert und den ausgehandelten guten Preis damit rechtfertigt, dass sie ja quasi Nachbarn seien. Es passt, dass er die drei Polen bei späterer Gelegenheit mit einer Alltagsfloskel auf Polnisch grüßt, als Sachse konnte man das eben auch im 19. Jahrhundert, die Sprachgrenze verlief damals etwas östlich von Breslau, also nicht zu weit entfernt von Leipzig, Chemnitz oder Radebeul. Es ist völlig richtig, dass Shatterhand vor dem Essen betet. Das war für jeden Deutschen ritualisiert und Usus in jedem Haushalt seiner Heimat. Punkt 4: Der Nostalgiefaktor kommt zum Tragen. Wer je die Reinl-Verfilmungen der 60er Jahre gesehen hat, erkennt die Landschaft wieder. Damals wie auch 2015/16 Kroatien, damals wie heute sehr eindrucksvoll. Auf ihre alten Tage machen sich auch noch Gojko Miti? (79) als Winnetous Vater Intschu-Tschuna und Mario Adorf (89) als Santer sen. um die Produktion verdient. Schließlich wird auch der bekannten Filmmusik aus der Feder Martin Böttchers dezent gehuldigt, tauchen die vertrauten Motive in verwandelter Form immer wieder auf. Punkt 5: Die phasenweise langsam erzählte Handlung der drei historischen Winnetoufilme wird in der Neuauflage (Regie: Philipp Stölzl) durch den Einbezug von Motiven der „Silbersee“-Story und der „Ölprinz“-Saga deutlich aufgewertet und überdies in einen örtlichen sowie zeitlichen Zusammenhang gestellt. Nicht nur haben alle drei Teile als Zentrum das Städtchen Roswell in Arizona, das beim historisch korrekt verorteteten Apatschen-Stammland liegt, sondern sie zeichnen auch die Integration Shatterhands in diesen Stamm nach, von dem er nach Winnetous Tod zum Häuptling gewählt wird. Da sich die Produktion mutig von der May’schen Buchvorlage und den Filmklassikern gelöst und eigene Akzente gesetzt hat, bringt sie eine eigenständige Ästhetik hervor, die überzeugt, ohne May-Puristen oder Brice-Barker-Fans vor den Kopf zu stoßen. Auf besondere Weise wird dies in einer Schlüsselszene im dritten Teil deutlich, in der das zutiefst humanistische Denken Mays mit der noch immer nicht eingelösten Hoffnung auf Frieden verschmilzt: Shatterhand weiht mit seiner Frau Nscho-Tschi ihr neugebautes Haus auf Apatschengebiet ein und lädt zu diesem Anlass alle ein, die ihnen dabei geholfen haben. So feiern, lachen und musizieren Indianer und Weiße miteinander und halten Festmahl zusammen. Nicht nur diese Szene rechtfertigte eine Ausstrahlung gerade auch zu Weihnachten.
Ich weiß nicht, ob und wie RTL die 15 Millionen für die Produktionskosten refinanzieren kann. In die Kinos werden die drei Filme sicherlich nicht kommen, und eine gekürzte Kinofassung der mehr als 300 TV-Minuten hätte wenig Sinn. Wer die Erstausstrahlung verpasst hat und nicht auf eine kurzfristige Wiederholung setzt, kann sich für etwas mehr als 20 Euro den Dreiteiler auf DVD bzw. Blue-Ray kaufen. Keine schlechte Investition, denn – so der Titel des Gesamtprojektes – „[D]er Mythos lebt.“ Ob sich meine Kinder in 34 Jahren allerdings an die gemeinsamen Fernsehstunden erinnern werden und ob dann in einem anderen Kinderzimmer ein Poster von Nik Xhelilaj und Wotan Wilke Möhring hängt wird sich erst noch erweisen müssen. Verdient hätten es die beiden allemal.
Bertram Kazmirowski

Ein Lebensrückblick – Dr. med. Marianne Kazmirowski

Dr. med. Marianne Kazmirowski

Foto: D. Lohse

Wir, die Ärztin und der Schreiber des Artikels, kennen uns seit über 40 Jahren und unsere Bekanntschaft ist hauptsächlich auf unsere Kinder, genauer gesagt, Bertram und Tilmann, fokussiert, die seit der 1. Klasse gute Freunde sind. Über die Jahre verteilt hat es aber auch ein paar persönliche Begegnungen gegeben, ohne dass es um die Söhne ging. Wir sind nicht auf Du-und-Du, aber man kann vielleicht sagen, wir anerkennen und schätzen uns. So weit, so gut, doch genügt das, um das Leben und Wirken einer Ärztin in Radebeul richtig darzustellen? Das Porträtschreiben hatte ich in der „Vorschau“ schon geübt, diese Personen hatten aber immer etwas mit Bauen oder Kunst zu tun, bei der Medizin dagegen betrete ich Neuland. Und es gibt sicherlich ein paar Leser, die die ehemalige Kinder- und Jugendärztin Dr. Marianne Kazmirowski kennen, vielleicht sogar besser als ich, wenn sie vor Jahren von ihr untersucht worden sind, ehe sie in die Schule kamen. So viel als Einleitung, fangen wir am besten bei der Kindheit an.
Marianne Dittrich wurde am 8. März 1937 in Görlitz geboren und verbrachte da trotz der Kriegsjahre eine gute Kindheit. Hier ging sie zur Schule und ab 1951 auch zur Oberschule, wo sie 1955 das Abitur erwarb. Aus Mariannes musikalischer Veranlagung wurde kein Berufsziel, sie hatte den Wunsch Ärztin zu werden und Menschen zu helfen. Die Humboldt-Uni in Berlin war eine gute Adresse, ein Medizinstudium hier zu beginnen. Mit dem Physikum in der Tasche setzte sie dann das Studium in Dresden an der Medizinischen Akademie bis zum Abschluss 1960 fort. Im Laborkurs in Berlin, der zum Studium dazugehörte, lernte sie den Chemiker und späteren Ehemann Dr. Hans-Georg Kazmirowski (1930-2009) kennen. Bei gelegentlichen Konzertbesuchen stellten sie gemeinsame Interessen fest. Der Partner war etwas älter und wurde so bereits 1958 mit seinem Studium fertig. Er folgte einer Berufung an das damalige AWD (Arzneimittelwerk Dresden) nach Radebeul. Damit war für sie klar, dass sie sich nach ihrem Examen als Ärztin um eine erste Anstellung als Pflichtassistentin in Radebeul kümmern würde. Im  Jahre 1961 fand dann die Hochzeit (fortan der gemeinsame Name Kazmirowski) statt, was damals auch eine Bedingung war, um eine Wohnung beziehen zu können. Nach der Promotion durfte sie den Doktortitel tragen.1962 erfolgte die Approbation, die Anerkennung eines Arztes mit entsprechender Ausbildung und Fähigkeit zur Tätigkeit als Arzt. Bis 1964 arbeitete Dr. Marianne Kazmirowski unter Chefarzt Dr. Herzog in der Abteilung für Innere Erkrankungen des Radebeuler Krankenhauses, wozu auch die Arbeit in der Infektionsabteilung gehörte. Als 1964 der erste Sohn Christian geboren wurde, ergab sich für sie eine Anstellung als Betriebsärztin des AWD in Radebeul. Aus familiären Gründen folgte eine kürzere Tätigkeit in der Ärzteberatungskommission (Gellertstraße), wodurch sich eine erweiterte Sicht auf die medizinischen Einrichtungen in der DDR ergab. Ab 1969 war der Weg klar, der Frau Dr. Kazmirowski für viele Jahre als Kinder- und Jugendärztin beschäftigen sollte. Ihr Arbeitssitz war nun die Meißner Straße 115, von wo aus Dienstgänge, bzw. -fahrten ins Kreisgebiet erfolgten. Zu ihrem Arbeitsgebiet gehörten Untersuchungen in Kindergärten, Einschulungsuntersuchungen, ggf. auch Elternberatungen, Schuluntersuchungen an den jeweiligen Schulstandorten und gelegentliche Beratungen im Rathaus Dresden. Im Unterschied zu eigentlichen Kinderärzten (z.B. Frau Dr. Mannfeld-Hartung und Frau Dr. Engelmann) war das eine rein präventive ärztliche Tätigkeit.
Der zweite Sohn der Familie Kazmirowski, Bertram, heute Gymnasiallehrer, wurde 1972 geboren – er dürfte Lesern der „Vorschau“ eigentlich kein Unbekannter sein.
Als nach 1980 mit dem Bau des neuen Bettenhauses die Zuordnungen im Radebeuler Krankenhaus neu geordnet wurden, kam die Kinder- und Jugendärztliche Betreuung in das Haus 1 des Krankenhauses (Dr. Lehmann), wieder eine örtliche Umstellung aber die gleiche Arbeit. Der Kreis Dresden-Land war groß und die erforderlichen Besuche z.B. in Cossebaude, Radeburg oder Medingen mussten meist mit dem eigenen Auto absolviert werden.
Ich war erstaunt, was alles von einem Arzt in dieser Funktion erledigt werden musste und wie viel Verantwortung an der Tätigkeit hing: Gesundheitsüberprüfungen in den Kindergärten (Das lag ihr immer besonders am Herzen!) und Schulen, Erkennen von Fehlentwicklungen der Kinder bei Sprache, Gehör und Orthopädie, dazu Informationen an die Eltern bzw. Überweisungen an die Fachärzte, Hygienekontrollen in den Einrichtungen, Überprüfung der Schulspeisung, erste Einschulungsuntersuchung mit 5 Jahren, zweite Untersuchung ein halbes Jahr vor Schulbeginn, Impfaktionen – in der DDR gab es Pflichtimpfungen (Frau Dr. Kazmirowski glaubt nach wie vor, dass das richtig war), jetzt wird auf freiwilliger Basis geimpft – , gelegentliche Teilnahme an Elternabenden, Elterneinzelgespräche bei Bedarf. Nach der Wende blieb die Arbeit bis zu ihrem gewünschten Ausscheiden 1999 fast gleich, jedoch war die Arbeitsstelle erst in Dresden und dann in Meißen (Kreisreform).
Ob die übliche Entwicklung als Arzt in einer Klinik – Facharzt, Oberarzt, Chefarzt – sie als Berufsbild mit vielleicht besseren Verdienstmöglichkeiten nie interessiert hatte, frage ich sie. Nein, sie wollte immer diese Arbeit mit Kindern und außerdem hatten beide Ehepartner ausreichend verdient, um sich viele Wünsche erfüllen zu können. Als besonderen Dank für ihre langjährige Arbeit in der Gesundheits-förderung erhielt Dr. Marianne Kazmirowski von der Bundesvereinigung für Gesundheit 1994 die „Hildegard-von-Bingen-Medaille“. Zusammen mit den Krankenkassen und dem Bilzbund hat sie nach der Wende Gesundheitsfeste in Radebeul organisiert, die den Menschen helfen und die Erinnerung an den Naturheilkundler F. E. Bilz wach halten sollten.
Und wie sieht ihr Leben heute aus ohne den beruflichen Alltag? Nun, wichtig ist zuerst, dass es ihr gesundheitlich so weit gut geht, weil sie gern verreist. Dann wäre da noch die Gartenarbeit in Lindenau zu nennen, da ist immer mal was zu tun. Die Entwicklung ihrer neun Enkelkinder (6 beim älteren Sohn in Tschechien, 3 beim Dresdner Sohn) verfolgt sie mit großem Interesse – einzeln halten sie sich in den Ferien gern bei ihr auf. Und dann ist ihr noch die Mitwirkung in der Kantorei der Kötzschenbrodaer Friedenskirche wichtig, wo sie seit 46 Jahren im Chor singt, was mir schon imponiert! Manchmal gibt es auch Treffen im kleinen Kreis mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bei Kaffee oder Wein: „Wissen sie noch …?“ Und schließlich soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass sie gern der „Vorschau“ hilft und nicht nur in ihrem Umfeld der Goethestraße unsere Hefte verteilt – Dankeschön bei der Gelegenheit!
Warum ich das alles jetzt schreibe, fällt mir gerade wieder ein. Ja, verehrte, liebe Frau Doktor Kazmirowski wir von der „Vorschau“ gratulieren Ihnen auf das Herzlichste zu Ihrem 80. Geburtstag am 8. März und wünschen Ihnen weitere ausgefüllte und glückliche Jahre bei bester Gesundheit im Kreise von Familie und Freunden!

Dietrich Lohse

„Beirich trifft Gräfe“

»Beirich trifft Gräfe«

Foto: U. Kunze

Nun ist es fast schon eine Tradition: im Fachgeschäft „Gräfes Wein & fein“ auf der Hauptstraße 19 in Radebeul veranstalten Ladeninhaber Gräfe und Bildhauer Prof. em. Detlef Reinemer in regelmäßigen Abständen Bilder- und Objektausstellungen, um neben leiblichen Genüssen auch sinnliche Erlebnisse fürs Auge zu präsentieren. Am 26. Januar wurde eine kleine, aber feine Ausstellung mit Bildern des in Radebeul ansässigen Malers Dieter Beirich eröffnet.
Nach einer musikalischen Einleitung, spanische Gitarrenmusik, interpretiert von Josel Ratsch, und einer kauzig-frohen Einführung durch Prof. Reinemer wurde der Blick dann offiziell auf die Bilder freigegeben. Es finden sich eine kleine Auswahl von Radierungen, farbig gefasste Aquarelle sowie, als Höhepunkt sozusagen, drei wunderbare, enorme Tiefe ausstrahlende Ölbilder. Beirich ist, kann man wohl so sagen, ein romantischer Landschafter im besten Sinne des Wortes. Seine Bilder sind etwas heimtückisch: Was sich zuerst als lockere Strichelei zeigt, erweist sich bei längerer Betrachtung als räumlich tief gestalteter Landschaftsraum. Baumgruppen, Wege, die in die Tiefe führen, verschlungen und geheimnisvoll. Diese Raumbildungen gipfeln letztendlich im Ölgemälde: Schicht für Schicht aufgetragen, immer dunkler und geheimnisvoller werdend, blitzen dann unversehens Farbflächen auf, die Häuser oder Stimmungen am Himmel oder Gebirge sein können. Interpretationsmöglichkeiten sind vielfältig gegeben. Beirich arbeitet langsam und bedächtig suchend, gleichsam Jahresring auf Jahresring setzend. Dieter Beirich, Jahrgang 1935, gebürtiges Gebirgskind (Langenhennersdorf zwischen Erz- und Elbsandsteingebirge), danach Lehre, Studien an der ABF (Arbeiter- und Bauernfakultät) und an der Hochschule für Bildende Künste, Aspirantur bei G. Bondzin, sodann Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Dresden. Ab 1999 ist er dann endlich „frei“. Spätestens ab da entstehen diese Landschaften, die immer tiefer und dichter werden; und das Geheimnis dieses Lebens wird immer mystischer.
Am Ende des Eröffnungsabends spielte W.E. Herbst dem Künstler auf der Mundharmonika ein launiges Ständchen: „Ein Männlein steht im Walde…“. Meines Dafürhaltens ein sehr passendes Motto für ihn. Ein dankbares Publikum applaudierte lange und herzlich. Wir wünschen Dieter Beirich weitere Genesung und Kraft, am Lebenswerk weiterzuarbeiten. Wer mehr über ihn und seine Lebensumstände erfahren möchte, dem sei die Lektüre des Buches „Dieter Beirich, eines Malers Erzählungen“, erschienen im A-Tonia Verlag Radebeul 2008, anempfohlen.
Die Ausstellung ist noch bis April bei „Wein & fein“ zu sehen. Am 10. Februar wurde eine weitere Ausstellung, unter anderem mit Bildern von Dieter Beirich, in der Stadtgalerie Kötzschenbroda eröffnet (vgl. weiteren Beitrag im aktuellen Heft). Sicher eine gute Möglichkeit, mehr über das Werk von Beirich zu sehen, zu erfahren und zu erkunden.
Dr. Dietmar Kunze

Neueste Schenkungen in der Stadtgalerie Radebeul

Ausstellung mit Werken von Dieter Beirich, Horst Hille, Dieter Melde und Paul Wilhelm

Die aktuelle Ausstellung der Stadtgalerie bildet den Auftakt zum diesjährigen Dreifachjubiläum:
35 Jahre Stadtgalerie, 25 Jahre Städtische Kunstsammlung und 20 Jahre Stadtgalerie Radebeul am neuen Ort in Altkötzschenbroda. Unter dem Motto „Neueste Schenkungen“ für die Städtische Kunstsammlung Radebeul werden von Dieter Beirich, Horst Hille, Dieter Melde und Paul Wilhelm Bilder, Grafiken, Collagen, Objekte, Studienblätter, Skizzenbücher und Dokumente präsentiert.

Hille, Feiertag

Horst Hille »Großer Feiertag«, 1992, Öl auf Hartfaser (Bildausschnitt) Repro: Karin Baum

Der innere Zusammenhang erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Die Konstellation ist eher zufälligen Ereignissen geschuldet. Doch es lohnt sich herauszufinden, was die Schöpfer der ausgestellten Werke unterscheidet und was sie verbindet. Mit Ausnahme von Dieter Melde waren die genannten Künstler bereits mehrfach mit Personalausstellungen sowohl am alten als auch am neuen Galeriestandort vertreten und sind dem Besucherstamm der Stadtgalerie vertraut.

Der Begriff Städtische Kunstsammlung wurde im Jahr 1992 geprägt und steht im Zusammenhang mit dem löblichen Vorsatz der Stadt, alljährlich ein kleines Budget für Kunstankäufe in den Haushalt einzustellen. Die fachliche Betreuung der Sammlung erfolgt durch die Mitarbeiter der Stadtgalerie. Wie und wohin sich die Kunstsammlung seit 1992 entwickelt hat, wird Thema der großen Jubiläumsausstellung sein, welche ab Mitte September in der Stadtgalerie zu sehen ist.

Mara Woldt ergreift spontan das Wort

Mara Woldt ergreift spontan das Wort Foto: S. Preißler

Nach der überraschenden Karl-Sinkwitz-Schenkung im Jahr 2012 konnte die Städtische Kunstsammlung – vor allem im Verlaufe der letzten zwei Jahre – einen beachtenswerten Zuwachs verbuchen. Der Erwerb des vermutlich um 1930 geschaffenen Gemäldes „Bildnis Marion Wilhelm, sitzend nach rechts“ war nur möglich, weil der Verkäufer einen Preisnachlass gewährte und der Förderkreis der Stadtgalerie 1.500 Euro zum Ankauf beigesteuert hat. Zu Paul Wilhelms „Selbstbildnis mit Hut“ aus dem Jahr 1950, bildet es eine sehr schöne Ergänzung, obwohl zwischen dem Entstehen beider Werke ein Zeitraum von zwei Jahrzehnten liegt. Das Künstlerselbstbildnis hatte Prof. Dr. h.c. Werner Schmidt der Stadt Radebeul bereits 2009 geschenkt und mit dem Zusatz versehen, dass diese Schenkung als eine Würdigung der besonderen Verdienste um die Radebeuler Kunstsammlung zu verstehen sei. Paul Wilhelm (1886-1965) erfuhr bereits zu Lebzeiten eine hohe Wertschätzung. Anlässlich seines 60. Geburtstages wurde er 1946 zum Professor (ohne Lehrstuhl) ernannt. Zu seinem 70. Geburtstag verlieh ihm die Stadt Radebeul die Ehrenbürgerschaft. Zwei Jahre nach dem Ableben des Künstlers erfolgte 1967 die Umbenennung der Brühlstraße in Prof-Wilhelm-Ring. Paul Wilhelm hinterließ ein sehr umfangreiches Werk an Gemälden und Aquarellen. Grafische Blätter sind eher selten. Bedeutende Arbeiten befinden sich in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in der Nationalgalerie Berlin. In der Radebeuler Sammlung ist Paul Wilhelm allerdings nur rudimentär vertreten, sodass die Gestaltung der Gedenkausstellung 2011 zum 125. Geburtstag recht schwierig war, denn von den Verwaltern seines künstlerischen Nachlasses wurde der Stadtgalerie kein einziges Exponat als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Unterstützung erfolgte stattdessen durch verschiedene Museen und viele kunstinteressierte Einzelpersonen. Der Aufwand hatte sich gelohnt. In sechs Wochen kamen 1.955 Besucher. Ein absoluter Besucherrekord!

Dieter Beirich während der Eröffnungszeremonie

Dieter Beirich während der Eröffnungszeremonie Foto: S. Preißler

Sehr populär war auch ein anderer Radebeuler Künstler, welcher viel zu früh verstarb. Horst Hille (1941-2015), liebevoll auch „Horschtl“ genannt, stellte für viele Menschen so etwas wie eine Institution dar. Sein Atelier stand (fast immer) für jeden offen. Der gelernte Maurer blieb dem Volke mit seiner Kunst zeitlebens verbunden. In Radebeul hatte der 1941 in Aussig (heute Usti nad Labem in Tschechien) Geborene seine zweite Heimat gefunden. Hier ging er zur Schule. Hier erlernte er den Maurerberuf, den er auch eine Zeit lang ausgeübt hat. In der Beschäftigung mit Malerei, Grafik und Kleinplastik fand er zunehmend ein neues Betätigungsfeld. Für seine Aufnahme in den Verband Bildender Künstler bürgten Werner Wittig und Gunter Herrmann. Durch die Anerkennung als freischaffender Bildender Künstler galt der Autodidakt fortan nicht mehr als „arbeitsscheu“. Seine Miniaturgrafiken waren auf Grafikmärkten heiß begehrt. Die detailreichen Tafelbilder, gemalt in altmeisterlicher Manier, nahmen die mitunter skurrilen Erscheinungen des DDR-Alltags ins Visier. Reichlich Stoff für den Chronisten des Alltags bot sich auch nach dem Mauerfall. Kaum waren Hammer und Zirkel aus dem Ährenkranz herausgefallen, wurden die Bockwurstesser, Medaillenträger und Datschenbesitzer von Glücksrittern, Spekulanten und Wohlstandsspießern abgelöst. Seit dem Ableben von Horst Hille, welcher am 26. Januar 2015 verstarb, wird der künstlerische Nachlass durch seine langjährige Lebenspartnerin Ute Gebauer verwaltet. Zu Beginn dieses Jahres übergab sie an die Städtische Kunstsammlung die Ölbilder „Großer Feiertag“ von 1992 sowie „Trabant-DDR-1989“ und „Trabant-0-1991“, beide mit dem Entstehungsjahr 1991 datiert. Wichtig war für Ute Gebauer, dass Horst Hilles Werke mit gesellschaftlichem Bezug in öffentlichen Besitz gelangen.

Ende Januar bot Mara Woldt, Tochter des 2015 verstorbenen Dresdner Künstlers Dieter Melde, der Städtischen Kunstsammlung an, einige Werke ihres Vaters als Schenkung zu überlassen, da dieser in Radebeul-Zitzschewig aufgewachsen war. Beziehungen zu Dieter Melde existierten nur punktuell. Über viele Jahre beteiligte er sich am Radebeuler Grafikmarkt. Er war Mitglied in Dieter Beirichs Zeichenzirkel und besuchte die Abendkurse der Dresdner Kunsthochschule. Nach dem Studium der Theatermalerei und -plastik arbeitete er am Deutschen Theater Berlin und im Trickfilmstudio Dresden. Im Jahr 1978 erfolgte die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler. Anschließend war er als freischaffender Maler, Grafiker und Restaurator tätig. Für die Verbandsaufnahme hatten übrigens Heinz Drache und Gunter Herrmann gebürgt. Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Schaffen von Dieter Melde erfolgte unsererseits erst nach dessen Tode. Plötzlich gab es Zugang zu vielen Dingen, der zu Lebzeiten wohl niemals möglich gewesen wäre. Das hinterlassene künstlerische Werk spricht für die Experimentierfreudigkeit und Konsequenz mit der Dieter Melde bestimmte Themen bearbeitete, bis sich seine Phantasie schließlich wieder an einer neuen Problematik entzündete. Die Schenkung umfasst Arbeiten verschiedener Schaffensphasen. Darunter zwei frühe Stadtlandschaften in feinen Graunuancierungen aus den 1970er Jahren. Einige der Objektcollagen bestehen aus Nägeln, Farbtuben und Streichholzschachteln, welche von einer pastosen Holzasche-Schlemme überzogen sind. Bilder mit floral bis skriptural anmutender Ornamentik erinnern an die Muster von Teppichen. Skizzenbücher und Studienblätter geben Einblick in künstlerische Prozesse. Die Auseinandersetzung mit dem Gesamtschaffen des Künstlers hat für alle Beteiligten gerade erst begonnen.

Ute Gebauer im Gespräch mit Karin Baum

Ute Gebauer im Gespräch mit Karin Baum Foto: Karl Uwe Baum

Dass diese vierwöchige Ausstellung spontan in unseren Ausstellungsplan eingeschoben wurde, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der großzügigen Schenkung von Dieter Beirich, welche er Anfang Oktober des vergangenen Jahres an die Kunstsammlung übergab. Ein Großteil des Konvolutes besteht aus neueren Arbeiten, die nach 2000 entstanden sind. Beirichs Blätter, auf denen vorwiegend Berglandschaften und Baumgruppen dargestellt sind, verglich der Kunstkritiker Heinz Weißflog mit Musik in unterschiedlichen Variationen, die sich auf wenige Themen beschränkt. Die Motive, durchaus lokalisierbar, sind reduziert auf Wesentliches, lösen sich scheinbar spielerisch auf in Farbe und Gefühl. Das Spätwerk des 81-jährigen Malers ist das Credo eines lebenslangen künstlerischen Reifeprozesses. Dieter Beirich äußerte 2010 in einem Interview, dass ihn ab 1980 der Zerfall der DDR sehr bewegt habe. Das Malen in der Natur war so etwas wie Flucht. Künstlerisch frei und unbeschwert arbeiten konnte er erst als Rentner. „In den letzten Jahrzehnten war ich viel in den Bergen. (…) Auf der Höhe ist man frei“. Die Präsentation seiner Werke in der Stadtgalerie zu erleben und die Resonanz des Publikums am Tag der Ausstellungseröffnung authentisch zu spüren, bedeuteten Dieter Beirich sehr viel. Gekommen waren auch Mara Woldt und Ute Gebauer sowie Vertreter des Förderkreises der Stadtgalerie. Der zweite Bürgermeister Winfried Lehmann bedankte sich im Namen der Radebeuler Stadtverwaltung bei allen, die mit diesen Schenkungen zur Bereicherung der Städtischen Kunstsammlung beigetragen haben. Mara Woldt wiederum brachte während der Eröffnungsveranstaltung ihre Freude zum Ausdruck über die Wertschätzung, welche in Radebeul der Kunst und den Künstlern entgegengebracht wird, denn die Bedeutung der Kunst läge eben nicht in ihrem Marktwert, sondern Kunst sei eine Einladung zu Sinn und Sinnlichkeit, zu Witz und Nachdenklichkeit. Diesen großen Vertrauensvorschuss gilt es nun durch Taten einzulösen.

Karin (Gerhardt) Baum

Die Ausstellung wurde am 10. Februar eröffnet und ist bis zum 12. März zu sehen.

Copyright © 2007-2017 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.