„Wie und warum überhaupt Menschen verreisen?“ –

Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ hatte am Theater Meißen in einer Bühnenfassung der Landesbühnen Sachsen Premiere

Szene mit Michael Berndt-Cananá, Johannes Krobbach und Grian Duesberg Foto: H. König

Es ist schon ein wagemutiger Rückgriff in die Zeitgeschichte, wenn man solch namhafte Wissenschaftler und Forscher – wie es Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt zweifelsfrei waren – auf der Theaterbühne wieder auferstehen lässt. Denn immerhin führt uns die Geschichte um diese beiden zeitgeschichtlich ausgesprochen wichtigen Menschen fast zweihundert Jahre in die Vergangenheit zurück. Heute wissen wir von beiden Forschern wesentlich mehr, als es die Menschen jener Zeit wussten. Und wenn damals überhaupt etwas nach außen gelangte, dann erfolgte das über meist unausgegorene und oftmals auch völlig falsche Informationen.
Gauß und Humboldt waren anerkannte Wissenschaftler, die mit ihrer Forschungsarbeit zwar nicht gerade die Welt veränderten, die Menschen aber vor allem neugierig machten. So gesehen schließt Daniel Kehlmanns Buch mit dem neugierig machenden Titel „Die Vermessung der Welt“ durchaus eine Wissenslücke. Und darüber hinaus ist Kehlmann ein ausgesprochen unterhaltender Buchautor. Davon zeugen letztendlich auch die hohen Verkaufszahlen seines Romans. Die vor allem wohl auch die Begehrlichkeiten von Theaterautoren wecken können. Die Bühnenfassung stammt von Dirk Engler. Für die Aufführung der Landesbühnen Sachsen wurde diese Bühnenfassung etwas modifiziert. Der Bautzener Theaterdirektor Lutz Hillmann konnte für die Regie gewonnen werden; die Ausstattung besorgte Miroslaw Nowotny. Premiere war am 14. Oktober 2017 im Theater Meißen.
Man brauchte ein wenig Geduld und auch Zeit, um sich als Zuschauer in das ziemlich komplizierte Geflecht der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse hinein zu denken. Gauß wurde 1777 in Braunschweig geboren; Alexander von Humboldt wurde acht Jahre zuvor – im Jahr 1769 – geboren. Die große Lust am Reisen war bei Humboldt weit intensiver ausgeprägt als bei Gauß. Mit gerade mal 22 Jahren – anno 1799 – kam er dank einer Erbschaft von seiner Mutter in den Besitz einer beachtlichen Summe Geldes. Und machte sich auf nach Südamerika um dort in Venezuela wissenschaftlich zu forschen. Von Humboldt stammt auch die folgende Erkenntnis „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben!“ .
Von Carl Friedrich Gauß wiederum stammt die sogenannte „Gauß‘sche Normalverteilung“. Mit der Vermessung der Erde – ergo mit der Geodäsie – beschäftigt sich Gauß erst in seinen letzten Lebensjahren.
Daniel Kehlmanns Roman nun bringt jene beiden wissenschaftlichen Giganten zum gemeinsamen Forschen und Handeln zusammen.
Und nach dem brachialen Erfolg des Romans von Daniel Kehlmann war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Stoff für die Theaterbühne entdeckt wurde. Dirk Egler schuf die Bühnenfassung. Die Schauspieler Grian Duesberg (Carl Friedrich Gauß) und Michael Berndt Canana (Alexander von Humboldt) dachten sich ganz intensiv in die Welt der Protagonisten von einst hinein. So entstand eine überaus stimmige Inszenierung, die aus der Feder von Dirk Engler stammt. Die Theatermacher Lutz Hillmann und Miroslaw Nowotny mussten darin nur sehr wenig Striche machen; die Inszenierung ging in Meißen so über die Bühne, wie es in der Absicht der Macher lag.

Wolfgang Zimmermann

Markt 1 in Moritzburg – ein interessantes Haus mit vielen Fragezeichen

Ansicht von der Straße, 2009

Ansicht von der Straße, 2009 Foto: D. Lohse

Während meiner Zeit als Artikelschreiber für Vorschau + Rückblick gab es hin und wieder mal ein Thema, das in der Ablage schmorte. Erst hatte ich einen interessanten Ansatz zu einem historischen Gebäude, sammelte ein paar Stichworte, aber fand schließlich, dass es an einer bestimmten Stelle nicht weiterging. Also erst mal in die Ablage!

Alte Eisengussplatte über dem Eingang Foto: D. Lohse

So geschehen im Falle des Hauses in Moritzburg, Markt 1, das mir schon lange im Vorbeigehen trotz oder eben wegen seiner Schlichtheit gefallen hatte. Ich glaubte, alle Quellen außer den elektronischen sowie Personen befragt zu haben, doch es blieben noch allzu viele Fragen offen. Die Stichwortzettel lagen in diesem Fall vier oder fünf Jahre im Stau. Wenn ich mir das etwa dreihundert Jahre alte Gebäude jetzt noch mal vornehme, riskiere ich, dass ich zeigen werde, was ich alles nicht weiß. Zwangsläufig muss ich Zusammenhänge herstellen und meine Phantasie bemühen.
Der Markt (so die Straßenbezeichnung) in der Mitte von Moritzburg ist eine breitere Straße, parallel und westlich von der Schlossallee. Vom Schlossteich den Markt in südlicher Richtung an „Adams Gasthof“ vorbeilaufend und die Auerstraße querend, finden wir auf der rechten Seite das stattliche Anwesen Markt 1. Es unterscheidet sich von den Eisenberger (so hieß Moritzburg früher) Bauernhöfen insofern, dass ein dominantes, zweigeschossiges, von der Straße zurückgesetztes Hauptgebäude, von zwei einen Hof mit Brunnen bildenden, eingeschossigen Nebengebäuden flankiert und durch eine Mauer mit Tor abgeschlossen wird. Das Hinterland ist ein großer Garten, der in weitläufige Weide- und Wiesenflächen überleitet; sozusagen ein unverbauter Sonnenuntergangsblick! Früher war hier anstelle der Wiese der inzwischen trocken gelegte Pressenteich.

Gartenansicht

Gartenansicht Foto: D. Lohse

Über der Haustür finden wir eine Eisengusstafel mit Grafenkrone, verschlungenen sechs Buchstaben und der Jahreszahl 1700. Man möchte glauben, dass diese Kartusche immer schon zum Haus gehört hat und der Schlüssel sein könnte, mit der Krone und den Buchstaben – JHV SGR – den Erbauer des Hauses benennen zu können. Aber da auch die Jahreszahl 1700 geringfügig von der in Akten genannten Jahreszahl 1706 für die Errichtung des Anwesens abweicht, die Buchstaben bisher nicht zuordenbar waren und Kartuschen in der Barockzeit üblicherweise aus Sandstein oder Stuck bestanden, kann die Sache auch ganz anders gewesen sein. Ich biete mal eine Theorie an: könnte es sein, dass es sich vielleicht um eine gusseiserne Ofenplatte handelt, die mit dem Gebäude und seiner Geschichte nichts gemein hat, von einem aufgegebenen Ofen oder gar aus einem anderen Ort stammt und durch einen Liebhaber solch antiker Dinge etwa im 19. Jh. hier als schmückendes Beiwerk (ich glaube, Spolien nennt man das) angebracht wurde? Dann wäre es kein Wunder, dass sich die Geschichte des Hauses mit seinen unterschiedlichen Eigentümern und Nutzungen bisher so schwer entschlüsseln lässt! Die ehem. schwarze Tafel wurde neuerdings farbig gefasst.
Was erkennen wir am Hauptgebäude noch? Es ist massiv zweigeschossig (Naturstein und / oder Ziegel verputzt) mit zwei x sieben Fensterachsen (Süd- und Westseite davon abweichend) und einem Walmdach darüber ausgestattet – ein stattliches, gut proportioniertes Haus; durchaus als Adelssitz denkbar. Als Vergleich ist das etwas kleinere „Goethes Gartenhaus“ in Weimar vielleicht zu weit hergeholt, aber die Kubatur entspricht zB. auch „Adams Gasthof“ in Moritzburg oder dem „Haus Breitig“ in Radebeul, beide 17. Jahrhundert. Durch die Tatsache, dass das Haus teilunterkellert ist und dass knapp 500m südwestlich vom hier vorgestellten Haus es bis ins späte 19. Jh. auf einem Hügel einen Weinberg gab, könnte man noch eine Parallele zur Lößnitz aufzeigen. Gehörte der Weinberg vielleicht zum Haus Markt 1 und war es zeitweilig auch ein Winzerhaus? Wieder eine Theorie, die noch zu beweisen wäre!
Dass es im Laufe der 300-jährigen Geschichte verschiedene Nutzungen in den Gebäuden gegeben hat, sollte uns nicht wundern, das ist anderen Häusern ähnlich ergangen. Die erste Nutzung war sicher der Wohnsitz einer adligen Familie, ein Herren- und Winzerhaus vielleicht. Da werden Beziehungen zu den benachbarten Wettinern, die ja hier in Moritzburg besonders Jagd betrieben und Feste gefeiert hatten, bestanden haben. Daraus könnte sich eine bestimmte Abhängigkeit und Nutzung für das Schloss ergeben haben – die eine Hälfte der in Moritzburg Befragten, meinen, das Haus sei eine Zeit lang Kadettenschule gewesen, die andere Hälfte spricht vom Pagenhaus. Dr. Andreas Timmler, einer der Moritzburger Ortschronisten, zählt zur ersten Gruppe, ich würde mich eher der Gruppe anschließen, die vom Pagenhaus spricht. Kadetten, also Knaben bzw. junge Männer, die eine höhere Militärlaufbahn anstreben, hätten wohl eine Kaserne für diese Ausbildung gebraucht und eine Kaserne sehe ich in besagtem Haus nicht. Bei bestimmter Betrachtung dieses Streites könnte man sogar beiden Parteien ein bisschen Recht geben. Ein belesener Bekannter erklärte mir neulich, dass die beiden „Berufe“ zusammen gehangen haben. An einer Kadettenschule (eine solche steht in der Dresdner Albertstadt) erfolgte die Grundausbildung für alle, je nach Neigung oder Bedarf wurde ein Teil der Kadetten dann Offizier, ein anderer Teil wurde Page. Das Moritzburger Pagenhaus müssen wir uns also als Unterkunft für im Schloss Dienst tuende Pagen und nicht als Schule vorstellen. Und wem gehörte das Haus zu dem Zeitpunkt und wer betreute diese jungen Leute und bis wann genau? Auch das ist zZ. leider nicht bekannt. Im späten 19. Jahrhundert diente es dann normalen Wohnzwecken, möglicherweise mit etwas Landwirtschaft, denn zumindest in einem der Nebengebäude dürfte ein Stall gewesen sein und auf einem Gemälde von Karl Timmler von 1952 erkennen wir hüttenartige Schweineställe im Garten des ehemaligen Pagenhauses. In Notzeiten, wie eben nach 1945, dürfte das Haus auch durch Umsiedler oder Ausgebombte aus Dresden überbelegt gewesen sein. Namen von wechselnden Eigentümern oder Mietern sind Portmann, Schottin, Noack und Künzelmann (hat den südlichen Teil des Grundstücks erworben und bebaut) bis es um 2000 zum Verkauf des gesamten Anwesens an die Familie des Bildhauers Peter Fiedler kam. In jüngerer Zeit wurde nordwestlich ein weiterer Teil des großen Grundstücks abgetrennt und mit einem Neubau an der Auerstraße bebaut.

Historische Ausmalung im Obergeschoss (Reste) Foto: D. Lohse

Das hier ist das richtige Ambiente für eine Künstlerfamilie, aber infolge eines größeren Sanierungsstaus und wegen eigener Wünsche musste erst mal gebaut werden und hat noch nicht aufgehört. Im Zusammenwirken mit dem Denkmalschutz wurden Abrisse von nicht mehr benötigten Anbauten und Zwischenwänden, die im Laufe der Zeit große Räume geteilt hatten, festgelegt. Schwerpunkte der Sanierung waren Dachdeckung mit Biberschwanzziegeln, Freilegen von zugesetzten alten Fensteröffnungen, Aufarbeitung von historischen Fenstern und Neubau von entsprechenden Holzfenstern sowie Abstimmung eines Farbkonzeptes für die Fassaden. Auf besonderen Wunsch von Fiedlers durften die EG-Fenster auf der Gartenseite in der Höhe zu sogenannten französichen Fensten vergrößert werden. Einige Abstimmungspunkte betrafen auch das Innere des Hauses. Im OG wurden Reste einer barocken Ausmalung – Sockelfelder- und Wandfelder mit Girlanden (etwa 1820), auch Deckenstuck und breite

Fiedlers Plastik am Brunnen Foto: D. Lohse

Dielenböden festgestellt, die erhalten werden sollten. Das gleiche traf für wenige überkommene Innentüren zu, verbunden mit dem Wunsch der Denkmalpflege, die festliche Raumfolge der drei großen Räume im OG durch Verbindungstüren (man nennt so eine Abfolge von Räumen „Enfilade“) möglichst wieder erlebbar zu machen. Das Ergebnis dieser Arbeiten am und im Haus ist eine Annäherung an die historische Erscheinung des im Ortsbild des Marktes wichtigen Gebäudes bei gleichzeitigem Erreichen eines neuzeitlichen Komforts für eine junge Familie. Mir scheint, hier wurde ein wirklich passendes Konzept gefunden und baulich umgesetzt, auch für das Ortsbild von Moritzburg sicherlich ein Gewinn!
Und weil oben von mir ein Vergleich zu einem Goethehaus gesucht wurde, hier noch ein zweiter: Im Hof steht ein schöner Ginkgobaum, das hätte auch den „Herrn Rat“ gefreut.
Natürlich würde ich mich freuen, wenn sich Leser fänden, die mir eine oder mehrere mit dem Haus zusammenhängende Fragen oder Theorien beantworten, bestätigen oder widerlegen könnten, ja es sind wirklich viele Fragen offen geblieben.

Dietrich Lohse

Literatur:
„Moritzburg“, H.-G. Hartmann, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar, 1989
„Landkreis Meißen“, G. Naumann, Kreissparkasse Meißen, 1998
„Ortschronik Moritzburg“, Dr. A. Timmler, Gemeindeverwaltung Moritzburg, 2008

39. Radebeuler Grafikmarkt – gelebte Kreativität vor Ort

Über 100 Künstler zu Gast in der Elbsporthalle Radebeul-West am 5. November 2017 von 10 bis 18 Uhr
Die Tage werden kürzer. Das Wetter treibt Kapriolen. Die Weinfeste sind gefeiert. Theater, Museen und Galerien beginnen sich wieder zu füllen. Aktivitäten verlagern sich von draußen nach drinnen. Der Sonntag am ersten Novemberwochenende ist also genau der richtige Zeitpunkt für den Radebeuler Grafikmarkt. Schwellenangst muss man nicht haben, zumal es in der Elbsporthalle gar keine Schwellen gibt. Der gesamte Präsentationsbereich befindet sich auf einer Ebene und ist barrierefrei mit Rollstuhl und Kinderwagen gut erreichbar. Die Atmosphäre ist hier heiter und ungezwungen.

Foto: K. (Gerhardt) Baum

Werke von über 100 Künstlern werden auf einer Ausstellungsfläche von 900 qm präsentiert. Fast alle Künstler sind zum Grafikmarkt anwesend und verkaufen ihre Werke selbst. Sie kommen aus Radebeul, aus dem näheren Umland, aber auch aus Chemnitz, Berlin und München. Darüber hinaus werden Arbeiten aus den Nachlässen verstorbener Künstler angeboten, damit diese in Erinnerung bleiben. Erhältlich sind Druckgrafiken, Collagen, Zeichnungen, Aquarelle, Scherenschnitte, Fotografien, Plakate, Kalender, Künstlerbücher und Postkarten. Die Preise sind moderat. Gekauft wird, was gefällt. Nicht nur Sammler, vor allem auch Familien gehören seit Generationen zum festen Besucherstamm. Die Künstler freuen sich auf den Austausch mit ihrem Publikum und den Fachkollegen. Bei Schauvorführungen erleben die Besucher wie eine Grafik entsteht oder Bilderrahmen vergoldet werden. In einer Malecke können Kinder oder Erwachsene ihre spontan entstandenen Kunstwerke präsentieren.

Eine interessante Draufsicht auf das Grafikmarktgeschehen bietet sich durch die Panoramafenster des Sportcasinos, wo man auch ganztägig einen kleinen Imbiss zu sich nehmen kann. Zusätzliche Service- und Informationsstände befördern den Dialog über Kunst und Kultur. Die Stadtgalerie und deren Förderverein, das Stadtarchiv, die Redaktion des kulturellen Monatsheftes „Vorschau und Rückblick“, der Radebeuler NOTschriftenverlag und die Meißner Zeitschrift „Das Zündblättchen“ sowie der Förderverein des Internationalen Wandertheaterfestivals sind mit eigenen Ständen vertreten. Das Künstlercafé lädt zum Verweilen ein. Die Radebeuler Malerin und Grafikerin Cornelia Konheiser hat es in diesem Jahr gestaltet und „Kunst-Pause“ genannt. Die Bewirtschaftung erfolgt durch Mitglieder des ehemaligen Kunstvereins sowie des Förderkreises der Stadtgalerie.

Foto: K. (Gerhardt) Baum

Die Stadt Radebeul fördert den Grafikmarkt sowohl personell als auch finanziell und ist den Künstlern ein zuverlässiger Partner. Die organisatorischen Fäden laufen seit 1990 in der Radebeuler Stadtgalerie zusammen. Es herrschen klare Regeln. Voraussetzung für die Teilnahme am Grafikmarkt ist die künstlerische Qualität. Alle teilnehmenden Künstler haben die gleichen Auslage- und Hängeflächen. Über den Standort entscheidet das Los. Die begrenzte Platzkapazität ist für jeden Künstler eine Herausforderung und führt mitunter zu recht erstaunlichen Lösungen. Die Gesamtgestaltung des Grafikmarktes ist übersichtlich. Nichts Überflüssiges soll von der Kunst ablenken.

Foto: K. (Gerhardt) Baum

Kontinuität und Anspruch befruchten sich und tragen zur Entfaltung künstlerischer und kreativer Kräfte bei. Verstärkt haben sich in diesem Jahr zahlreiche junge Künstler um eine Teilnahme am Grafikmarkt beworben. Neben traditionell Bekanntem wird es also auch wieder viele neue Talente zu entdecken geben. Alt- und Neuradebeuler, Kunstfreunde des nahen und fernen Umlandes sind herzlich zu acht Stunden Kunstgenuss mit und ohne Pause eingeladen. Der Grafikmarkt ist gelebte Kreativität vor Ort. Er ist aber auch ein Stück Radebeuler Identität, denn musisch ambitionierte Menschen fühlten sich seit jeher von der Lößnitzstadt angezogen. Kunst macht unseren Alltag reicher. Sie kann froh oder traurig

Foto: K. (Gerhardt) Baum

stimmen. Kunst regt an und auf. Kunst provoziert Fragen, doch die Antworten muss jeder selber finden. In diesem Sinne verspricht der Radebeuler Grafikmarkt einen abwechslungsreichen Sonntag, angefüllt mit vielen neuen Eindrücken, interessanten Begegnungen, guten Gesprächen und großer Freude über den Erwerb eines besonders gelungenen Kunstwerkes.

Die Elbsporthalle ist gut erreichbar mit Fahrrad, S-Bahn, Straßenbahn, Bus und PKW. Parkplätze befinden sich auf der angrenzenden Festwiese unmittelbar vor Ort. Informationsflyer mit einer Übersicht aller Teilnehmer werden in digitaler Form auf der städtischen Homepage sowie als Printerzeugnis in allen Radebeuler Kultureinrichtungen angeboten. Kontakt: (0351) 8311-600, -625, -626, 0160-2357039, galerie@radebeul.de

Karin (Gerhardt) Baum

 

 

Wozu soll Bismarck in die Schule


Indem der Verein das Projekt Bismarckturm betreibt, hat er es sich auch zum Ziel gemacht, über Inhalte und Wirkungen von Turm und Person zu diskutieren. Wir geben daher an dieser Stelle einen redaktionell leicht bearbeiteten Auszug aus der diesjährigen Festrede zum 1. April, Bismarcks Geburtstag, gehalten von Herrn Falk Drechsel, wieder. Er widmete sich als Lehrer an einem Dresdner Gymnasium der praktischen Frage: Was bringt man der Jugend über Bismarck bei – und wozu? (Jens Baumann, Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e. V.)

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Ausgewogenheit habe ich mich in einigen Lehrbüchern umgetan. So fand ich im Realienbuch meines Großvaters von 1911 zu Bismarck – recht wenig. Zwar ist ihm und Moltke unter der Überschrift „Zwei treue Diener ihres Königs“ ein eigener Abschnitt gewidmet, aber allein die Beschreibung der Schlachten von Königgrätz, Langensalza, Weißenburg, Wörth, Spichern, Mars la tour oder erst gar Sedan nehmen jeweils mehr Raum ein. Der Beginn des Abschnitts sei zitiert: Als er am 1. April 1815 zu Schönhausen an der Elbe geboren wurde, hatte in Frankreich eben Napoleons Herrschaft der „hundert Tage“ begonnen, die nach der Schlacht bei Belle Alliance wieder zusammenbrach. Der Wiener Kongreß war noch daran, die Verhältnisse in Europa zu ordnen. Er gab Deutschland weder den verdienten Länderzuwachs noch ein starkes Oberhaupt. Der ohnmächtige Frankfurter „Bundestag“ trat an die Spitze des vielgestaltigen deutschen Staatenbundes. Vor allen Dingen war Preußen für seine gewaltigen Leistungen im Befreiungskriege nicht die ihm zustehende Machtstellung bewilligt worden. So waren, als das Knäblein noch in der Wiege lag, schon die Ziele seines späteren Wirkens gegeben. Nach Vollendung seiner juristischen Studien verwaltete Bismarck zwei Güter seines Vaters in Pommern. Damit ist ein Drittel zu Bismarck geschafft, in ähnlichem Stil folgen die weiteren biografischen Stationen.

Bismarck erscheint also als Kind einer Zeit ungelöster Probleme, der quasi als Säugling die zu klärenden Fragen wie mit der Muttermilch aufnimmt und mit ihnen heranwächst. Aber auch als zielstrebiger Jugendlicher, zunächst ohne sichtbare politische Ambitionen, als selbstverständlich pflichtbewusster Sohn seines Vaters in Preußen. Ob das alles so stimmt, soll an dieser Stelle und auch im Folgenden gar nicht primär hinterfragt werden. Auffällig ist, dass der vielfach Bedenkmalte vermenschlicht wird, in die erfassbare Erlebenswirklichkeit der Schüler herabgeholt wird. Nicht als einer von ihnen, schon herausgehoben, aber greifbar, spürbar. Fast: normal im Sinne von: der Norm entsprechend. Und: wir können erkennen, was ihn als Menschen antreibt, und dass dies relevant ist.

Blicken wir in ein Geschichtsbuch aus Niedersachsen aus dem Jahre 1973. Die Aufmachung und das didaktische Konzept sind natürlich völlig anders, es gibt selbstredend keinen spezifischen Bismarck-Abschnitt, vielmehr wird Bismarck als roter Faden, als leitendes Prinzip einer ganzen Epoche betrachtet. Auch hier beschränke ich mich auf den Anfang der etwa 20 folgenden Seiten. Verlassen von den meisten seiner Minister, dachte der König daran, abzudanken; doch der Kriegsminister wußte Rat. Eilends rief er seinen Jugendfreund Otto von Bismarck herbei, der gerade als Gesandter in Paris weilte. Diesem gelang es, den König zu überzeugen, „daß es sich für ihn … um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschaft handle und daß letztere notwendig auch durch eine Periode der Diktatur abzuwenden sei.“ Der König dankte nicht ab, und Bismarck wurde Ministerpräsident. Gegenüber den Abgeordneten vertrat Bismarck uneingeschränkt die Forderungen seines Königs; alle Vermittlungsversuche wies er hochmütig ab. Die folgenden Überschriften lauten z.B. Unter dem Druck der „öffentlichen Meinung“, Gesellschaft und Staat unter Bismarck, Bismarck sichert das Reich, Sicherheit durch Abschreckung, Sicherheit durch Bündnisse.

Bismarck als politisches Phänomen, Bismarck als Vorgang, als Untersuchungsgegenstand theoretischer Erörterungen mit langwierigen Argumentationsketten, schlimmstenfalls vielleicht sogar herhalten müssend als Gaul der Steckenpferdparade eines einer geisteswissenschaftlichen westdeutschen Universitätsfakultät jüngst entschlüpften Jungachtundsechzigers.
Wer einen derartigen Geschichtsunterricht erlebt mit seiner faden Blutleere, bei dem wundert’s mich nicht, dass er sich ein paar Jahre später mit „Ein bisschen Frieden“ zufrieden gibt und „Da Da Da“ als repräsentativ für die verbale Entäußerung von Hedonismus angesehen werden kann. Auf solche Weise sind Resignation und Nihilismus vorprogrammiert, und für Empathie bleibt da wenig Platz.

Lassen Sie mich schließlich noch aus einem DDR-Lehrbuch zitieren. In der spätestens nach 1952 streng zentralisierten DDR gab es nicht nur ein einheitliches sozialistisches Bildungssystem, sondern jeweils auch nur ein landesweites Lehrbuch, welches dann immer für etwa 10, 12, 15 Jahre nahezu unverändert in Gebrauch war. Die Geschichtslehrbücher der 50er Jahre waren die der „Roten Reihe“, benannt nach ihrer Einbandfarbe (und sicherlich auch wegen ihres Inhalts). Um nicht abzuweichen, auch hier wieder der Beginn der Bismarck-Behandlung: Der König berief auf Anraten der Junker und der Militärs Otto von Bismarck an die Macht, von dem Wilhelm I. wußte, daß er nicht davor zurückschrecken würde, auch ohne Parlament zu regieren. Bismarck wurde am 23. September 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Otto von Bismarck (1815 bis 1898) entstammt einer altmärkischen Junkerfamilie. Er studierte Rechtswissenschaft. Da ihm die juristische Beamtenlaufbahn nicht zusagte, übernahm er die Verwaltung seines Gutes in Pommern. Bismarck begann seine politische Tätigkeit als Abgeordneter des preußischen Landtages. Hier schon zeigte er sich als der reaktionäre preußische Junker, dem die Demokratie verhaßt war. 1851 vertrat er Preußen auf dem Frankfurter Bundestag als Gesandter. Später ernannte ihn der König zum preußischen Botschafter am Hofe des Zaren in Rußland und am Hofe Napoleons III. in Frankreich. Er war ein eifriger Verteidiger der Interessen der preußischen Junker und der geschworene Feind der Arbeiter und Bauern.

Sicherlich ist Ihnen aufgefallen, dass in diesem Abschnitt (und das setzt sich so auch fort) zwei Worte besonders häufig fallen: Junker und Preußen. Man bezeichnet solches als „Hochworte“, in diesem Falle sind es „Negativ-Hochworte“. Nicht nur durch den die ostdeutsche Bodenreform nach 1945 kennzeichnenden, in den 1950er Jahren noch immer allgegenwärtigen Slogan „Junkerland in Bauernhand“, sondern durch Filme, Zeitungstexte, Agitationsveranstaltungen und vieles mehr war der Begriff des „Junkers“, mit dem die Menschen in Sachsen, Thüringen und Anhalt zudem kaum etwas anfangen konnten, durchweg negativ konnotiert – ebenso wie der Begriff „Preußen“. Formulierungen wie „am Hofe des Zaren“ und gleich danach „am Hofe Napoleons III.“ sowie kontrapunktisch „geschworener Feind der Arbeiter und Bauern“ tun ein übriges, um Bismarck als mächtiges und „eifriges“ Werkzeug der Reaktion zu erfassen, von dem im Fortgang auf alle Fälle nichts Gutes zu erwarten sei. Die Linie ist damit vorgegeben, und alles Weitere ist unter dieser Prämisse zu betrachten. Geschichte als Hure marxistisch-leninistischer Totalitätsideologie.

Es treten uns hier am Beispiel der Betrachtung oder auch Benutzung Bismarcks drei Geschichtsbilder1 entgegen, die wiederum Teil eines jeweiligen Geschichtsbewusstseins sind und dieses maßgeblich mit konstituieren. Geschichtsbewusstsein ist immanenter Bestandteil des gesellschaftlichen Bewusstseins und dieses bedingt tatsächlich gesellschaftliches Handeln.

Betrachte, vermittle ich Bismarck als Vorgang, als Prinzip, entmensche ich ihn. Dann vernachlässige ich, dass Geschichte von Menschen gemacht wird und eben nicht nur ein logischer Ablauf von Kausalitätsprozessen ist, dessen Protagonisten austauschbar wären. Wird Geschichte von Menschen gemacht, dann handeln diese gemäß ihrer menschlichen Natur: vernünftig, pragmatisch, werteorientiert, klug oder weniger klug, charismatisch oder auch nicht, häufig aber eben auch, gottlob, emotional. Das können wir kritisieren im konkreten Falle, dazu können wir Alternativen aufzeigen günstigerweise, das kann uns zu viel werden oder falsch sein in der Wichtung – aber wir sollten es, wir müssen es akzeptieren.

Wenn ich bei Bismarck eben nicht aufhöre nach dem „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt“, sondern fortsetze mit seinem „und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt“, dann bin ich bei Werteorientierung. Wenn ich darstelle, dass zu Otto von Bismarck eben auch seine Frau Johanna gehörte und beide eine wohl sehr innige Liebe verband, werden auch Obrigkeitspolitiker menschlich. Das muss nicht in Voyeurismus, Anekdotismus oder Kitsch ausarten. Handeln erklärt sich so aus Liebe zum Vaterland, persönlichen Veranlagungen, Überzeugungen, Wissen, Respekt, Redlichkeit, Weltgewandheit und dem Wissen, man ist nicht allein – Bismarck z. B. suchte den Ausgleich mit Russland und ist schon daher, wie oft aus in völliger Unkenntnis postuliert, kein Vorläufer nationalsozialistischer Denkweisen.

Und somit hege ich die Hoffnung, dass Bismarck im Geschichtsunterricht nicht nur gut ist, zur Erhellung der Vergangenheit beizutragen, sondern auch unser Verhalten in der Gegenwart ein wenig zum Positiven zu beeinflussen. Und dann hört es vielleicht endlich auf, dass Politiker als „Birne“ bezeichnet oder mit Farbbeuteln beworfen werden, dass ihnen entmenschte Praktiken unterstellt oder verächtlichmachende Sexualattribute zugestanden werden, dass wir ihren Gang durch eine Kunst- und Kulturstadt unter nachgemachte Tiergeräusche stellen oder sie auf Demonstrationsplakaten mal schnell an einen Galgen hängen. Und dass diejenigen, die sich selbst als Hüter und Kontrolleure der sozialen Ordnung akzeptiert sehen wollen, das, je nach eigenem politischen Wahrheitsanspruch, schließlich unter das Postulat „Meinungsfreiheit“, „Kunst“ oder „Satire“, welche vermeintlich alles dürften, stellen.

Unter unserem politisch unstrittigen Grundkonsens der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gibt es noch einen. Diesen hat meine Generation von den Eltern oft gehört und vorgelebt bekommen. Er ist ein ganz Einfacher: „Sowas macht man nicht“. Wenn wir diesen Grundsatz bedenken, dann kommen wir immer wieder dazu, den andern, wer es auch sei und was und wie er auch sei, als Menschen zu betrachten.

Jens Baumann

30 Jahre Krapenberg – Ein Grund zum Feiern? (1. Teil)

30 Jahre Krapenberg – Ein Grund zum Feiern?

Vor 30 Jahren fand sich eine Hand voll Enthusiasten zusammen, um eine Karriere als Hobbywinzer zu beginnen. Die Motive waren wohl neben der Liebe zur Natur, die Aussicht auf Meißner Wein als sog. 3. Währung, mit der man in der DDR viel erreichen konnte, sei es ein schneller Termin in der Autowerkstatt oder als begehrtes Tauschobjekt für allerlei „Bückwaren“ einschließlich knapper Baumaterialien.
Hintergrund war auch, dass das damalige VEG Weinbau Radebeul den Krapenberg aufgegeben hatte und über die Winzergenossenschaft Meißen, der wir dann angehörten, Pächter für Weinbergsparzellen gesucht wurden. Die Aufgabe des Krapenberges war übrigens für viele erfahrene Winzer unverständlich, der Berg hat eine gute Lage und Erschließung. Das VEG wollte wohl in größere Flächen, wie in Weinböhla, investieren. Unssollte es recht sein.
Ich glaube, es war im Sommer, als wir das erste Mal einen Rundgang über das Gelände
machten und sich schon Wünsche über die Parzellierung herausstellten. Dann wurde es konkreter, die Parzellen entstanden, wir entschieden uns für ein Stück im oberen Teil.
Gemeinsam waren wir dann ca. 12 Hobbywinzer. Da teilweise noch schöne alte Stöcke vorhanden waren, konnte man diese erst mal in Obhut nehmen oder gleich mit der Rodung beginnen. Es wurde tief mit dem Pflug rigolt und die Fläche für die Pflanzung im Frühjahr vorbereitet. Die Reben konnten über die Weinbaugemeinschaft bestellt werden. Zur Sorten- und Unterlagenwahl wurden wir von Herrn Rühle und Oswald Häntsch beraten, der uns
im Übrigen immer ein treuer Begleiter war und uns auch im Rahmen der Schulungen der Weinbaugemeinschaft sein Fachwissen vermittelt hat.
Da in der 1980er Jahren im Elbtal ein sehr strenger Frost auftrat, welcher zum Totalausfall vieler Reben geführt hat, entschloss man sich in Berlin, wo der Meißner Wein sehr geschätzt wurde, die notwendigen Devisen zum Import von Pfropfreben aus Westdeutschland freizugeben. Für die Koordinierung der Rebenbestellung und –verteilung war meines Wissens Peter Höhne vom VEG zuständig. So erhielten auch wir dieses Pflanzmaterial. Alle Sorten und Unterlagskombinationen konnten nicht berücksichtigt werden. Wir erhielten z. B. neben Müller-Thurgau, Riesling und Scheurebe auch Schwarzriesling, der bei uns eigentlich nicht gepflanzt werden sollte. Aber da seinerzeit alle blauen Trauben in den sog. Seußlitzer Rotwein kamen, hat man das toleriert. Dieser Rotwein hat mir persönlich sehr gut geschmeckt, er war leicht und bekömmlich und noch nicht von der Nachahmung des südlichen Stiles geprägt.
In den ersten Jahren gab es für uns als Berggemeinschaft sehr viel zu tun. Der Zaun wurde in Stand gesetzt und vorher von Bäumen und Geäst befreit, Brombeerhecken mussten weichen usw. Neben den Reben wurden natürlich auch Pflanzstäbe, Drahtrahmen und Stützen benötigt. Jeder half sich so gut er konnte und mit dem, was aufzutreiben war. So standen neben Betonpfählen auch Metallrohre bzw. Walzen aus namhaften Radebeuler Betrieben, die von ihrer Standhaftigkeit wohl eher ins sog. 1000jährige Reich gepasst hätten.
Erdanker wurden selbst gefertigt oder Innenstützen bei den Betonendpfählen verwendet.
Kurz gesagt, wir waren eine fleißige, kreative Gemeinschaft. Heute sagt man Team, also hatten wir auch einen Teamleiter mit hoher sozialer Kompetenz. Dann nahm das Abenteuer seinen Lauf. Es wurde gehackt!, gedüngt, geackert, gegrubbert, gespritzt, geschnitten, gefachsimpelt, gelitten, gehofft und natürlich auch mal gefeiert. Da ich selbst im VEG im Materiallager gearbeitet habe aber von Weinbau keine Ahnung hatte, wurden natürlich die Kollegen von mir regelmäßig nach fachlichen Ratschlägen gelöchert. Als da wären z. B. Klaus Höhne, Inge Probocskai, Rainer Roßberg, Sabine Zimmer, Heike Mitzschke, Roland Schumann, Hans-Georg Uhlmann, Klaus Mehlig, Sabine Flierl, Engelhardt und viele andere. Sehr gefragt war auch Kurt Schrödel, wenn es mal einen Materialengpass gab. Erwähnen möchte ich unbedingt auch die Familie Donath. Sie bewirt-schaften in der Nähe am Zechstein ein Stück Weinberg und sind immer hilfsbereit.
In guter Erinnerung ist mir noch eine Episode mit einem der Lehmanns aus Seußlitz. Er durfte Verwandtschaft im Westen besuchen und erzählte mir, dass man dort Motorsensen zum Grashauen im Weinbau verwendet. Auf meine Frage, wie denn so etwas funktioniert, meinte er, die Pflanzen werden mit einem rotierenden Plastefaden abgeschlagen. Da bei mir der Groschen immer etwas später fällt, konnte ich mit auch mit großer Nachdenklichkeit nicht vorstellen, wie man mit einem Plastefaden Gras abschlagen kann. Bei uns wurde schwere Technik eingesetzt, z. B. die Motorwinde und der Sitzpflug, mit dem man auch die tiefe Winterfurche zog, bei der die Veredlungsstellen der Weinstöcke mit Erde als Winterschutz überdeckt wurden. Bei dem steinigen Untergrund war das nicht ungefährlich. In die Furche konnte man zweckmäßigerweise Humus für das Frühjahr einbringen. Ich habe mir dazu oft Federnabfälle von der Firma Sluka aus Coswig geholt. Standard für einen umtrie-bigen DDR Bürger war also der PKW mit „Hamsterkralle“, damit der Hänger für allerlei Beschaffungen befestigt werden konnte, z. B. auch zum Abtransport der Trauben in den allgegenwärtigen OGS (Obst, Gemüse, Speisekartoffeln) Holzkisten. War seinerzeit noch der „gekehrte Weinberg“ ohne Unterwuchs weit verbreitet, setzte sich später immer mehr die Erkenntis durch, dass eine gewisse Begrünung viele Vorteile hat. Heute sind wir über den Wandel dankbar, die ökologische Vielfalt hat im Weinberg wieder zugenommen. 1989 war es dann soweit, es gab die erste kleine Lese, die sog. Jungferntrauben, sie waren beim Müller-Thurgau prächtig anzusehen. Dafür gab es die ersehnte Lohnware zum Preis von 1,70 M?

Frank Michael

Editorial 11-17

„Was haben wir?“ Ein Satz, den man heute in der sich immer mehr materialisierenden Welt häufiger stellt. Dabei lässt es sich mit diesen Worten vortrefflich spielen. So könnte man auch fragen „Was hatten wir?“, „Was könnten wir haben?“, „Was wollen wir haben?“ oder „Was sollten wir haben?!“
Radebeul-Ost hat einen Bahnhof, der jetzt eine Bibliothek ist. Radebeul-West hat eine Bibliothek, aber keinen Bahnhof. Hat West schon, aber den hat ja ein Anderer. Die Händler in Radebeul-West hatten z. B. in den letzten Jahren ein „Weihnachtsspektakel“. Jetzt hat Radebeul-West einen Stadtteilmanager für das Sanierungsgebiet aber vermutlich kein „Weihnachtsspektakel“. Man kann halt nicht alles haben.
Mit dem Haben ist das so eine Sache. Dazu braucht es in der Regel Geld. Dieses regiert bekanntlich die Welt und eben auch so eine kleine Stadt wie Radebeul. Millionen und Millionäre haben oder nicht, scheint also hier die Frage. Aber nicht immer ist alles Gute auch zusammen. Aus Nichts etwas Machen ist eine große Kunst, die eigentlich im Osten noch gut bekannt sein müsste. Dazu braucht es allerdings Ideen, doch woher nehmen? „Viele Köpfe – viele Ideen“ ist auch so ein Spruch der Urväter, an den man sich erinnern sollte. Wohl deshalb haben bei der Befragung der Bevölkerung zum Sanierungsgebiet Radebeul-West so viele Bürger ihre Ideenzettel in den Briefkasten geworfen. Die liegen jetzt auf dem Schreibtisch des Bauamtes der Stadt. Und alle warten gespannt auf das Ergebnis der Umfrage und wie es nun weiter geht.
Visionen braucht eben nicht nur das Land, sondern auch die Stadt – die Stadt Radebeul. Wo wollen wir hin, wie soll künftig die Stadt aussehen? Wird da noch Platz sein für den kleinen Geldbeutel?
Was wir haben, zumindest auf kulturellem Gebiet, wird sicher in Kürze in der „Kulturkonzeption der Stadt Radebeul“ zusammengefasst und Stadträten wie Bürgern vorgelegt werden. Vielleicht aber wird Manchem da auch bewusst, was wir nicht mehr haben oder noch nicht haben, wie zum Beispiel die Friedensburg…
Ach ja, die Friedensburg… Mit der sollte die Stadt jedenfalls ihren Frieden schließen, findet
Karl Uwe Baum

Poetische Orte

Künstler, ihre Museen und Institutionen

Eine neue Ausstellung im Lügenmuseum

Warum gründen Künstler eigene Museen, Galerien oder Künstlerhäuser?

Die Ausstellung im Lügenmuseum steht ganz im Zeichen der „zeitgenössischen Wunderkammern“. Im Saal des Gasthofes Serkowitz werden Arbeiten von Künstlern ausgestellt, die eigene Stilmarken geprägt haben. Besonders interessieren uns Künstler, die selbst Museen, Kunsthallen, Kunsthäuser und ähnliche Kunstprojekte betreiben, die eigene Ausstellungsformate und Symposien organisieren. Mit einem erweiterten Kunstbegriff engagieren sie sich für lebendige Kunst und Künstler, bieten Gelegenheiten, Lobby, Plattform, Interaktion und Räume. Damit haben sie innovative und lebendige Formen – Biotope für Kunst- und Experimentierräume initiiert. Die Künstler werden mit einer kleinen Kunstinszenierung und ihrem erweiterten Wirken vorgestellt. Im historischen Tanzsaal werden sie ihre eigenen Werke wirkungsvoll zur Geltung bringen und auch spannende Inszenierungen dafür finden.

Die Künstlermuseen, Kunsthäuser und Institutionen werden auf der von Dorota Zabka gestalteten Webseite präsentiert. Neben den künstlerischen Arbeiten werden ihre Museen, Künstlerhauser, Tempel und Kunstprojekte vorgestellt. Diese werden auf unserer Webseite und Blog verlinkt.

Mit anheimelnden Räumen voller Sehnsucht und Sammellust lockt die Ausstellung in den maroden Tanzsaal das Gasthofes Serkowitz. Sie täuschen eine Begegnung mit Privatem vor und verunsichert mit „heimlich“ und „unheimlich“ changierenden Wechselbädern. Die Lichtinszenierungen, Videos und Audioart bieten Familien ein kommunikatives Erlebnis. In der Ausstellung kann der Wandel der künstlerischen Eroberungen der zeitgenössischen Kunst von der Collage, Assemblage, über das Environment zum Künstlermuseum verfolgt werden, vom Kunstwerk als Sammelobjekt zur Sammlung als Kunstwerk nachvollzogen werden. Die post- oder pseudomusealen Installationen führen den Betrachter in einen Modus konzentrierter Wahrnehmung.

Wunderland, Paradieswissenschaft oder Wunderforschung beleuchtet andere Lebensentwürfe und Kulturen. Die Ausstellungsstücke werden als Symbole unbewusster Erfahrungen positioniert; nämlich als poetische Welten, in die die Besucher träumend eintauchen und in denen sie unterschiedliche Einsichten gewinnen können. Es werden internationale Künstler mit eigenen Profilen, als auch junge und lokale Künstler eingeladen. In der dunklen Jahreszeit können sich die Besucher an den eigenwilligen Schöpfungen, den räumlichen kinetischen Objekte, Licht- und Klanginstallationen erfreuen und ihre eigene Sammeltätigkeit reflektieren.

Die Ausstellung wird am 13. Oktober 19.30 Uhr eröffnet. Sie wird von der Stadt Radebeul und der Sparkassenstiftung unterstützt die Ausstellung. Aus der Nähe sind Bärbel in Stefan Voigt mit dem Spiegelkabinett Fatalia, Bettina Zimmermann, Schloß Batzdorf, Inka Perl, Sehnsuchtsmuseum, vertreten. Weiterhin gibt es deutschlandweite und internationale Beteiligungen. Die Ausstellung wird bis 1. April gezeigt.

Eingeladen: Museum der Unerhörten Dinge, Roland Albrecht, Untergrundmuseum Berlin, Rainer Görß, Luftmuseum Amberg, Wilhelm Koch, Fatalia, Stefan und Bärbel Voigt, Lügenmuseum Radebeul, Reinhard Zabka, Otis Laubert, Bratislava, Kulturinsel Einsiedel, Nonseum, Herrnbaumgarten, Sehnsuchtsmuseum, Inka Perl, Musee de Insolite, Bertrand Chenu, Bimbotouwn, Getulio Damado, Jim Withling, Thawan Duchanee, Black House, White Temple, Chiangrai, Mark Divo, Künstlerhaus Pröslitz, Bettina Zimmermann, Schloß Batzdorf, Frank Herrmann, Justus Ehras

Weiterhin wird im November ein neuer Ausstellungsraum im Lügenmuseum eröffnet: „Interieur Underground“. Dafür wird einen Begleitbroschüre erarbeitet, an der auch Thomas Gerlach mitwirkt. Darin werden Geschichten von ausgegrenzten Künstlern und der Subkultur erzählt, über Brüche Verletzungen und den Humor, mit dem damit umgegangen wurde. Die Geschichten werden an Hand von Gegenständen oder Dingen erzählt. Wenn jemand noch einen Beitrag dazu senden möchte, dann gern.

Wir danken für Unterstützung und Förderung: Kulturland Brandenburg, Staatskanzlei Sachsen, Stadt Radebeul, Stadt Dresden, Kulturstiftung des Bundes, Fonds Neue Länder, die Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen Sachsen, Sparkassenstiftung Meißen und anderen.

Kunst der Lüge e.V.

(Der Verein übernahm die Trägerschaft für:
Zentralfriedhof, letzte Ruhestätte für Investitionsruinen. Kunstprojekt im öffentlichen Raum, Ostprignitz 2008
unverbesserlich‘89, 40 Künstler der friedlichen Revolution,
Ausstellung Gasthof Serkowitz 2014
Labyrinth Deutsche Einheit, Ausstellung Gasthof Serkowitz 2015
ach – die heimat, Kunstprojekt im öffentlichen Raum und die 700- Jahr-Feier Serkowitz, Gasthof Serkowitz 2015
WuKaMenta #neumarkt, Kunst im öffentlichen Raum, Neumarkt Dresden, Juni 2016 und Juni 2017
WuKaMenta #rathaus, Kunstprojekt zum Tag der Deutschen Einheit vor dem Rathaus Dresden, Oktober 2016
WuKaMenta #serkowitz, 100 Jahre DaDa, Ausstellung im Tanzsaal des Gasthofes Serkowitz, Dezember 2016)

„Auswandern und Ankommen !“

Das Schauspielensemble der Landesbühnen Sachsen rüstet für ein Gastspiel in den USA

Das gab es wohl noch nie in der lokalen Theatergeschichte, ein Schauspielensemble der Landesbühnen Sachsen macht sich auf zu einer Gastspielreise nach North Carolina in den USA. Nein, es soll kein Urlaub werden und auch keine Erholungsreise. Erstmals in der langen Geschichte des Radebeuler Reisetheaters „Landesbühnen Sachsen“ bricht eine Gruppe von Darstellern des Radebeuler Theaters auf, um den Atlantik zu überqueren und um dort – nach der Ankunft im „gelobten Land“- ein Stück aufzuführen, dass seine Premiere unter der Regie von Olaf Hörbe zwar schon vor einigen Monaten am Radebeuler Theater (den Landesbühnen Sachsen) erlebte. Dessen Handlung aber führt den Zuschauer fast dreihundert Jahre in die deutsch-amerikanische Geschichte zurück; in das Jahr 1742 nämlich. Damals versammelte der lutherische Pastor Heinrich Melchior Mühlenberg in Deutschland seine Anhänger, um sich mit ihnen auf die Reise über den Atlantik (ins „gelobte Land“) zu begeben. Die Strapazen solch einer Reise aber hatten sie alle unterschätzt. Auch über die dort in Amerika bestehenden Verhältnisse wussten die Ankömmlinge kaum etwas. Denn sie wurden dort u.a. mit Sklavenmärkten konfrontiert, auf denen die Menschen selbst zur Handelsware wurden.

»In Gottes eigenem Land« mit Gojko Miti´c und Moritz Gabriel
Bild: H. König


Die Radebeuler Inszenierung von „In Gottes eigenem Land“ erlebte im Februar 2017 in Radebeul ihre Premiere und wurde danach sowohl im Radebeuler Stammhaus als auch auf der Felsenbühne in Rathen zu einem wahren Publikumsrenner.

Vor einigen Wochen nun folgte die Einladung zu einer Gastspielreise nach Pennsylvania und North Carolina. Gespielt wird dort vorwiegend in Kirchen; u.a. auch in jener Kirche, die Mühlenberg seinerzeit mit den deutschen Auswanderern erbaut hatte. Und überhaupt; die Kirchen werden während dieser Reise zu den wohl wichtigsten Partnern der deutschen Darsteller.

In die Vorbereitung dieses einmaligen Highlights sind sowohl zahlreiche deutsche Darsteller, aber auch der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich involviert.

Zusätzlich zur mehrfachen Aufführung des Theaterstücks wird es in Amerika noch zwei Konzerte geben. Mit dabei wird auch Paul Heller sein, er ist der Komponist der Bühnenmusik. Die ins Leben gerufene Kampagne „So geht sächsisch!!!“ spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt sei noch die Kampagne erwähnt, die u.a. den Weg für dieses Gastspiel ebnete. Ein Grußwort von Stanislaw Tillich – dem sächsischen Ministerpräsidenten – hebt diese Gastspielreise auf ein zusätzliches und sehr bedeutendes Podium.

Wolfgang Zimmermann

Thilo Hänsel, 4. August 1939 – 2. September 2017

Die Heimat zu preisen, „als das Werk eines unbeschreiblichen Schöpfers“ – diesem tiefempfundenen Anliegen verdanken sich Thilo Hänsels Zeichnungen. Am 2. September hat er den Stift für immer aus der Hand gelegt.

Thilo Hänsel (1.v.l.) zur Ausstellungseröffnung »Das Haus im Weinberg«, August 2016 im Weinbaumuseum Hoflößnitz
Bild: K. Baum


Thilo Hänsel war am 4. August 1939 in Annaberg im Erzgebirge zur Welt gekommen. Vier Wochen danach begann jener wahnsinnig wütende Krieg, der ihm den Vater nahm. Dessen Skizzenbuch wurde für den Jungen zum Heiligtum; ein einfühlsamer Zeichenlehrer weckte in ihm die Freude am eigenen künstlerischen Tun. Fortan ist er stets mit Block und Stift unterwegs gewesen, und immer hat er etwas Lohnendes zum „Zinseln“ gefunden.

Seinen Wunsch, nach dem 1957 in Freiberg abgelegten Abitur an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig seine künstlerischen Fähigkeiten zu vertiefen, konnte sich Thilo Hänsel nicht erfüllen. Stattdessen kam er 1958 nach Dresden, um an der TU Architektur zu studieren. Während dieses Studiums konnte er bei Prof. Dr. Walter Hentschel am Institut für Kunst- und Baugeschichte famulieren, was eine ihm wertvolle Vertiefung der Studieninhalte mit sich brachte.

Besonders dankbar nahm er an, dass damals noch großer Wert auf die künstlerische Bildung der künftigen Architekten gelegt wurde. Unter den Augen von Prof. Georg Nehrlich beschäftigte er sich mit Handzeichnen, Aktstudien und Malerei. Mit dieser „Schulung der Augen“ wuchsen der Blick fürs Wesentliche wie auch die Liebe zum Detail. Über die Hand konnte er so auch ein Gefühl für Proportionalität und Maßstab, für die innere Qualität von Architektur gewinnen. Es tat ihm weh zu sehen, wie in den letzten Jahren nicht nur die Architekten ihre Handfertigkeit zugunsten der toten Maschinenzeichnung aufgegeben haben.

Nach Studienabschluss fand Thilo Hänsel in Prof. Dr. Rolf Göpferts Entwurfsbüro eine erste Anstellung. Später war er für das Planungsbüro AIT tätig. Über viele Jahre stand sein Reißbrett im Südflügel des Dresdner Schlosses. Gegen Ende seiner beruflichen Laufbahn leitete er auch den Rohbau für die Wiedererrichtung der einstigen königlichen Residenz. Als seine schönste Baustelle bezeichnete er stets den Dresdner Zwinger. Hier hat er die Rekonstruktion des Semperbaus wesentlich mitbestimmt.

Alle diese Aufgaben ermöglichten ihm ein tiefes Eintauchen in die Traditionslinien der Baugeschichte. Die epochalen Katastrophen des 20. Jahrhunderts hatten durch Diktatur und Depression alle Kontinuitäten grundhaft zerstört. Mühsam versuchte er, bei seiner nicht zuletzt zeichnerischen Auseinandersetzung mit historischer Architektur wenigstens für sich selbst noch Anknüpfungspunkte zu finden.

Thilo Hänsel hat Architektur immer zuerst als Bau – Kunst verstanden.

Zeit seines Lebens ist Thilo Hänsel ein begeisterter Musiker gewesen. Schon als Kind lernte er, mit der Flöte umzugehen. Später, im Posaunenchor und im TU-Orchester wechselte er zu den Blechbläsern, bevor er im Rahmen der Hausmusik zur Flöte zurückfand.

In Zeichnung oder Aquarell fand er die ihm gemäße Antwort auf die ihn umgebende gebaute Landschaft. Indem er zeigte, was war, wurde er auch zum Chronisten, der manches Detail bewahrte, was sonst längst vergessen wäre. Dieses Bewahren war ihm ebenso wichtig wie das Erinnern.

Das von Thilo Hänsel gepflegte liebevolle Erinnern, das, oft stark romantisierend, manchmal die Vergangenheit über die Gegenwart hob, war auch der Sorge um die Zukunft geschuldet. Die „Romantiker“ haben ja die Welt nicht nur verklärt, zuallererst haben sie Verantwortung für sie übernommen. Als Architekt war ihm „Verantwortung“ nicht fremd. Als Architekt dachte er lösungsorientiert: nicht so viel reden, tun! war sein Credo. In der AG Stadtmuseum war er als der Älteste lange Zeit derjenige, der voranging. Zahlreiche Ausstellungen gingen auf seine Initiative zurück. Nicht nur die Mühlenausstellung mündete in eine Publikation.

Auch Vorschau und Rückblick profitierte von seinem Fleiß: die Jahrgänge 1990 und 2010 (der erste und der zwanzigste) tragen seine Skizzen im Titel. Die Urkunden für den Bauherrenpreis leben ebenso von seinen Zeichnungen. Thilo Hänsel war Gründungsmitglied im Verein für Denkmalpflege und neues Bauen gewesen, der den Preis initiiert hatte.

Begonnen mit dem von uns gemeinsam erwanderten „Lößnitzgrundbuch“ entstanden in den letzten Jahren zahlreiche Publikationen mit Hänselschen Zeichnungen. Neben „Mein Radebeuler Skizzenbuch“ und „Dresdner Skizzen“ sind hier das mit Sohn Markus erstellte Katalogbändchen „Auf den Spuren der Gebrüder Ziller“ und besonders das letzte, gemeinsam mit Klaus Schumann geschaffene Büchlein „Weinberghäuser im Elbtal“ hervorzuheben. Sie alle lassen erkennen, wie Thilo Hänsels Liebe zur „Heimat als Werk eines unvergleichlichen Schöpfers“ beredten Ausdruck fand.

Thomas Gerlach

Lutherkirche und neues Gemeindehaus

Einladung des Vereins zur öffentlichen Veranstaltung in der Lutherkirche

Schon einmal in diesem Jahr berührte eine Veranstaltung des Vereins die Radebeuler Lutherkirche (Julius Wilhelm Graebner – Vortrag anlässlich des 100. Todestages s. V&R März 2017). Nun bietet sich eine wunderbare Gelegenheit im Sinne des Vereinsanliegens „Denkmalpflege und neues Bauen“ gemeinsam mit der Lutherkirchgemeinde zu einer Veranstaltung einzuladen, die den modernen Bau des neuen Gemeindehauses vorstellt.

Das neue Kirchgemeindehaus für die Lutherkirche in Radebeul strebt seiner Fertigstellung entgegen, schon heute sind der Baukörper und seine äußere Gestaltung ablesbar und auch der Innenausbau schreitet voran. Das Gebäude soll im Frühjahr 2018 vollendet werden.

Siegerentwurf: Aussenansicht
Bild: Knoche Architekten BDA


Die jüngere Geschichte des Vorhabens reicht bereits einige Jahre zurück. Nach langer Gemeinde- interner Vorbereitung wurde im Jahre 2012 ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, an dem sich 12 Sächsische Architekturbüros beteiligten. Die Jury unter dem Vorsitz der Dresdener Architektin Delia Bassin kürte den Beitrag des Leipziger Büros KNOCHE ARCHITEKTEN BDA als eindeutigen Sieger des Verfahrens und empfahl, den Siegerentwurf auch umzusetzen.

Das Raumprogramm enthielt keine Überraschungen: einen grossen, teilbaren Gemeindesaal, einen kleinen Gemeinderaum und ein Raum für die Jugendarbeit sowie Küche, Büro und Nebenräume. Die eigentliche Schwierigkeit lag in einem – auf den ersten Blick nicht aufzulösenden -Widerspruch: während nämlich die Kirchgemeinde einen direkten Anbau mit barrierefreier Anbindung an die Kirche als unverzichtbar bezeichnete, war die Zielstellung des Denkmalschutzes ein freistehendes Gebäude mit möglichst großem Abstand zur Kirche.

Siegerentwurf: Innenansicht
Bild: Knoche Architekten BDA


Die Auflösung dieses Zielkonfliktes lieferte nur der Siegerentwurf, weil er das baukörperlich ablesbare Volumen durch eine erdüberdeckte Anbindung mit der Kirche verbunden hat. Der Neubau bindet in die bestehende Topographie ein, tritt als Volumen zurück und lässt durch seine horizontale Erscheinung der Lutherkirche ihre Wirkung als vertikaler Solitär. Trotz baulicher Anbindung des Neubaus an die Kirche bleibt der äußere Umgang um die Kirche erhalten.

Die innenräumliche Anbindung des Kirchengebäudes erfolgt über einen Durchgang im Sockelgeschoss der Kirche, diese Anbindung fügt sich schlüssig in die Erschließungs- und Funktionsstruktur des Gesamtensembles ein und erfüllt zudem die Forderung des Denkmalschutzes zur Erhaltung des äußeren Rundweges um die Kirche. Die vertikale Verbindung des Neubaus mit dem Niveau des Kirchenschiffes findet innerhalb des Kirchenraumes statt. Eine Treppe sowie ein behindertengerechter Aufzug werden seitlich unterhalb der Emporen eingebaut und daher als nur geringfügiger Eingriff in den Bestand betrachtet.

Der teilbare Gemeindesaal wird über das zweiseitig zugängliche Foyer erschlossen und orientiert sich mit der Längsseite in den ruhigen Norden auf den Ehrenhain. Durch die räumlich – topographische Fassung des Umgangs um die Kirche und die bestehende Bepflanzung wird die Vorzone des Gemeindesaals zu einem ruhigen, dreiseitig begrenzten Außenraum ausgebildet.

Der Kleine Gemeinderaum, der Jugendraum, das Büro und die Küche liegen in der südlichen Gebäudespange. Büro und Küche orientieren sich in den umgebenden Außenraum nach Süden, während der Jugendraum und der Gemeinderaum 2 in einen umschlossenen Innenhof blicken. Dieser Innenhof orientiert sich ins Gebäudeinnere und bildet somit eine besondere Charakteristik als Raum für ruhige Momente.

Die äußere und innere Gestaltung des Gebäudes wird bestimmt von wenigen, wertigen und natürlichen Materialien wie beispielsweise das Verblendmauerwerk aus Recyclingziegeln. Es übernimmt die Materialität des Kirchengebäudes, aber auch die Farbigkeit der Sockelzone. Dadurch wird eine ausgewogene Balance von Unterordnung und Eigenständigkeit in der Erscheinung gefunden. Das Kirchgemeindehaus formuliert sich als Nebengebäude und lässt der Kirche ihre Dominanz.

Auch Holz spielt im Materialkonzept eine entscheidende Rolle: ob als Holz für die Tragkonstruktion des Daches, für Fenster, Einbaumöbel oder Böden, überall wo die Oberfläche in direkten Kontakt mit den Benutzer/innen tritt, prägen die klaren Raum- und Baukörperkonturen einerseits, aber auch die natürlichen, handwerklich erzeugten Materialien die haptische Erlebbarkeit des Bauwerks und erzeugen eine dauerhaft wertige, natürliche und warme Atmosphäre der Außen- und Innenräume.

Durch das Zusammenspiel seiner sowohl konzeptionellen als auch konstruktiven Merkmale wird der eingeschossige Baukörper als neuer Baustein zwischen Gartendenkmal, Kirche und der südlichen Bebauung des Grundstücks wahrgenommen und fügt sich als Knotenpunkt und Neue Mitte zwischen der Kirche als Andachtsraum, dem Landschaftsdenkmal als Raum zum Gedenken sowie den bestehenden Pfarrhäusern an der Karl – May – Straße harmonisch ein.

Die beiden Zeichnungen zeigen den Eingangsbereich und den Gemeindesaal im Wettbewerbsstand.

Am 20.10.2017 ab 19 Uhr ist es möglich die Baustelle individuell zu besichtigen.

19.30 Uhr wird dann in der Lutherkirche Professor Knoche zur Findung und Umsetzung des Entwurfs berichten und klärt die Frage, ob der Wettbewerbsentwurf ohne wesentliche Änderungen umgesetzt werden kann.

Herzliche Einladung an alle Interessierten.

Prof. Christian Knoche
Michael Mitzschke

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