»Damit der Volksmund Recht behält…«

Die Spitzhaustreppe ist die – nach Länge und Höhenmetern – größte barocke Treppenanlage Sachsens und inzwischen weit über Radebeul hinaus auch als Marathonlaufstrecke »zum Mount Everest« bekannt. Im Volksmund trägt das Bauwerk auch noch einen anderen Namen. Ein rühriger Vereinfreund wurde neulich, als er sich dort zu schaffen machte, sogar von einem dänischen Ehepaar darauf angesprochen, ob das denn hier die berühmte »Jahrestreppe« sei.

Zweifel waren den Touristen vermutlich deshalb gekommen, weil es beim Zählen mit den angeblich 365 auf 52 Absätze verteilten Stufen weder von oben noch von unten so richtig hinhauen wollte. Die Spitzhaustreppenläufer wissen es aus leidvoller Erfahrung wahrscheinlich am besten: Die »Jahrestreppe« hat 397 Stufen, keine mehr, aber eben auch keine weniger.

Spitzhaustreppe um 1910

Auf einer alten Ansichtskarte der Hoflößnitz von 1910 fand ich neulich gar die Angabe »Große Treppe mit 447 Stufen«, gezählt vermutlich etwa von der heutigen Hoflößnitzstraße aus. Wäre die Treppe im Jahre 708 nach Gründung der Ewigen Stadt von den alten Römern erbaut worden, hätte sie damit glatt als »Verworrene Jahrestreppe« durchgehen können, denn dieses »verworrene« Jahr vor Einführung des Julianischen Kalenders 45 v. Chr. hatte ja 445 Tage. Ganz so alt ist sie aber nicht. Genau genommen ist die heutige Spitzhaustreppe sogar noch ziemlich jung. Nach fast hundert Jahren andauernder Beschwerden über den zunehmend halsbrecherischen Charakter der sandsteinernen Himmelsleiter wurde die letzte grundlegende Erneuerung, bei der kein Stein auf dem andern blieb, erst 1992 abgeschlossen.

Die ursprünglich noch größere Beschwerlichkeit des Aufstiegs über die die Weinbergsterrassen verbindenden Treppchen und Steilpfade mag ein Grund dafür gewesen sein, dass August der Starke seinem Landbaumeister Pöppelmann Anfang des 18. Jahrhunderts den Auftrag erteilte, eine bequeme und standesgemäße Verbindungstreppe zwischen Herren- und Spitzhaus zu projektieren. Der ehrgeizige Plan von 1715, der auch die Errichtung eines prunkvollen Belvederes auf der Höhe vorsah, wurde aber aus Kostengründen zurückgestellt und erst von 1747 bis 1750 in einer deutlich abgespeckten Variante realisiert. In einem zeitgenössischen Aktenstück heißt es dazu: »Anno 1750 ist diese Treppe zu Ende gebracht [worden], und sind also überhaupt 325 Stuffen […] allemahl 6 Stuffen und hernach ein Fletz [= Absatz] durchgehends nauff.« Nach der planvollen Anlage einer »Jahrestreppe« klingt das nicht. Schon Staatsarchivar Hans Beschorner stellte 1904 in seinem Aufsatz »Die Hoflößnitz bei Dresden« fest, dass »dieser Treppe irrthümlicherweise im Volksmunde so viel Stufen, wie Tage im Jahre, zugeschrieben werden.« 1

Erfunden wurde die »Jahrestreppe« vermutlich erst nach einem kompletten Neuaufbau 1845/46, geleitet übrigens von Landbaumeister Karl Moritz Haenel, dessen Sohn im aktuellen Heft ein eigener Beitrag gewidmet ist. Dabei vereinheitlichte man die Treppengliederung, und die Abschnitte bekamen jeweils sieben Stufen. Anzunehmen ist, dass die Treppe damals noch nicht direkt am Eingang zum Goldenen Wagen begann, sondern erst weiter oben. Möglicherweise hat die Gesamtstufenzahl zeitweise wirklich um die 365 gelegen, aber sicher nicht lange.

Bei der neuerlichen Sanierung der Spitzhaustreppe 1992 kam dann jemand auf die charmante Idee, die Höhe zu markieren, wo, von unten aus, die letzten 365 Stufen beginnen. Eine Messingtafel wurde angefertigt, darauf der von Architekt Wolfram Sammler gedichtete Spruch:

»Damit der Volksmund Recht behält,

wird künftig erst ab hier gezählt.

Von hier an ist es wirklich wahr,

bis oben hin ergibt’s ein Jahr.«

Auf das Gute im Menschen vertrauend, erfolgte die Anbringung an der entsprechenden Stelle der Grundstücksmauer von Familie Landsberg mit gewöhnlichen Schrauben. Der Rest lässt sich denken – kurz darauf war das Schild geklaut und blieb verschwunden.

Dem Engagement und handwerklichen Geschick von Vereinsmitglied Christian Schramm ist es nun zu verdanken, dass die lange vermisste Tafel im April dieses Jahres durch eine neue ersetzt werden konnte (diesmal fest verankert). Bereitwillig unterstützt wurde Herr Schramm dabei von der Stadt und der Firma Werkzeughandel Paufler, Radebeul. Allen und besonders dem Initiator dafür herzlichen Dank!

Für akribische Zähler noch ein Hinweis: Sie haben Recht, oberhalb des Schildes kommen tatsächlich nur noch 364 Stufen. Zu ernst sollte man den Spaß aber auch nicht nehmen…

Frank Andert

[V&R 7/2010, S. 4-6]

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  1. Dresdner Geschichtsblätter, Jg. 1904, S. 239f.

Radebeuler Ehrenbürger (Teil 4): Oswald Hans

Nachdem dem langjährigen Radebeuler Bürgermeister Robert Werner beim Ausscheiden aus dem Amt 1927 das Ehrenbürgerrecht seiner Stadt verliehen worden war (vgl. V&R 5/2010), verstand es sich angesichts der dauernden Rivalität beider Lößnitzstädte fast von selbst, dass seinem Kötzschenbrodaer Gegenpart aus gleichem Anlass die nämliche Ehre zuteil werden würde. Und tatsächlich hieß der dritte Kötzschenbrodaer Ehrenbürger  Bürgermeister Oswald Hans.

Oswald Hans

Geboren am 18. Juni 1866 in Glauchau, hatte Oswald Albert Hans nach der Schule die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen und bereits in verschiedenen sächsischen Kleinstädten Beamtenposten bekleidet, als er sich Anfang 1904 auf die eilig ausgeschriebene Stelle des Niederlößnitzer Gemeindevorstands bewarb. Sein Vorgänger, der erste berufsmäßige Gemeindevorstand Max Herz, war am 1. Dezember 1903 nur 45-jährig verstorben. Die kurz darauf  und nicht zuletzt aus diesem Anlass begonnenen Verhandlungen über eine Vereinigung von Kötzschenbroda und Niederlößnitz – eigentlich ein Gebot der Stunde – waren im März 1904 am ablehnenden Votum des Niederlößnitzer Gemeinderates gescheitert. Für den vakanten Vorstandsposten gab es dann nur einen Bewerber, und so wurde Oswald Hans am 14. April 1904 einstimmig zum neuen Gemeindeoberhaupt gewählt.

Die Niederlößnitzer hatten in den folgenden Jahren keinen Grund, diese Wahl zu bereuen. Hans erwies sich als kompetenter Fachmann und zeigte sich den Herausforderungen gewachsen. Allzu groß waren diese allerdings zunächst auch nicht. Hans übernahm eine steuerkräftige Villengemeinde mit knapp viereinhalbtausend Einwohnern, die mit dem Wasserwerk und dem Elektrizitätswerk über zwei gut funktionierende Eigenbetriebe verfügte; die wesentlichen Hausaufgaben waren bereits erledigt. Kritisch wurde die Lage erst im und nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die seit Mitte des 19. Jahrhunderts recht einseitig verlaufene Entwicklung hin zur fast reinen Rentnergemeinde mit schwacher wirtschaftlicher Basis als Bumerang entpuppte. Hans bewies aber auch in dieser Situation, dass er sein Metier verstand. Für seine umsichtige Verwaltungsführung im Krieg wurde ihm der Sächsische Kriegsverdienstorden verliehen. Nach dem Krieg trug er zur Lösung der drängenden Probleme bei, etwa zur Entschärfung der Wohnungsnot durch die Einrichtung des kommunalen Rentnerheims Altfriedstein.

Auch setzte Hans sich – gegen die vor allem in Niederlößnitz stark vertretene separatistische Haltung – 1921 mit für eine Vereinigung aller Lößnitzgemeinden zur Stadt Elblößnitz ein. Daraus wurde zunächst bekanntlich nichts, doch als 1923 die Vereinigung der westlichen Lößnitz spruchreif wurde, vermochte er die sich weiter sträubenden Gemeindeverordneten von Niederlößnitz zur Zustimmung zu bewegen, handelte im Vereinigungsvertrag diverse Zugeständnisse an seine Gemeinde heraus und wurde, obwohl er der dienstjüngste der drei amtierenden Gemeindevorstände war, im Oktober 1923 dann auch zum ersten Bürgermeister des größeren Kötzschenbroda gewählt. Die Konsolidierung dieser vereinigten Gemeinde, die 1924 das Stadtrecht erhielt, war in schwieriger Zeit keine leichte Aufgabe. Hans konnte in den ihm verbleibenden Amtsjahren trotzdem einige Erfolge vorweisen, so die mit umfangreichen Neubauten verbundene Ansiedlung der Verwaltungszentrale des Elektrizitätsverbands Gröba, die Einrichtung eines zweiten städtischen Rentnerheims im ehemals Oederschen Sanatorium und die Neuorganisation des Berufsschulwesens und Schaffung eines eigenen Berufsschulgebäudes.

»Beim Übertritt des Herrn Ersten Bürgermeister Hans in den Ruhestand haben die städtischen Kollegien ihm in Anerkennung der besonderen Verdienste, die er sich in 25jähriger Dienstzeit als Leiter der früheren Gemeinde Niederlößnitz und später als Erster Bürgermeister der Stadt Kötzschenbroda um diese Gemeinwesen, deren Einrichtungen und insbesondere auch um ihre Verbandsunternehmungen erworben hat, zum Ehrenbürger der Stadt Kötzschenbroda ernannt.« So lautete der Text des auf den 30. April 1929 datierten und vermutlich schon von Hans’ Nachfolger Dr. Wilhelm Brunner unterzeichneten Ehrenbürgerbriefs. Die Gemeindefinanzen hatte letzterer bei seinem Amtsantritt zwar in guter Ordnung vorgefunden, in seinem Tagebuch bezeichnet er die damalige Kötzschenbrodaer Verwaltungsstruktur allerdings als denkbar »hinterwäldlerisch« und ineffektiv. Mit diesen, den Befindlichkeiten in der Vereinigungsdiskussion geschuldeten Hemmnissen aufzuräumen, waren neue Kräfte von außen nötig. Nach der mit dem Auszug aus dem Rathaus verbundenen Pensionierung bezog Oswald Hans eine Wohnung im Haus Grüne (heute Dr.-Külz­) Straße 19. Er starb am 13. Januar 1946 im 80. Lebensjahr in Radebeul.

Ilse Seiler und Frank Andert

[V&R 7/2010, S. 10f.]

Was uns Häusernamen sagen können (Teil 3)

(Fortsetzung des Beitrags im  Aprilheft)

»Villa Dorothee« (Obere Bergstr. 20): 1974, also hundert Jahre nach Errichtung der bis dahin namenlosen Mietvilla, verewigte der heutige Eigentümer hier den schönen Vornamen seiner Tochter. Die großen, in vereinfachter Antiqua ausgeführten Buchstaben heben sich hell über dem Putzband unter der Traufe ab.

»Villa Marie.« (Dr.-R.- Friedrichs-Str. 17): Die heute als Hotel-Pension genutzte Villa wurde 1895 für den Kaufmann Robert Richter erbaut. Der Name am Giebel war von Anfang an vorhanden und bezieht sich auf Marie Richter, die Ehefrau des Bauherrn. Es wurden große, schwarze Metallbuchstaben eines breiten Antiquatyps verwendet. Hier fiel mir zum ersten Mal die eigenartige Schreibweise mit Punkt am Ende auf.

»Villa Susanna.«/ »Villa Hanni« (K.-Liebknecht-Str. 3): Abgebröckelter Spritzputz der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts gab die Spuren von drei übereinander liegenden Häusernamen auf Glattputz frei – 2x Villa Susanna in unterschiedlichen Lettern und Villa Hanni. Welches die historische Reihenfolge der Schriften war, sollte ein Restaurator feststellen. Bei einer Sanierung der Mietvilla besteht der Anspruch, eine der Schriften in Abstimmung mit den Eigentümern wieder herzustellen.

»Gertrud’s Heim« (Goethestr. 19): Am Westgiebel des 1928 als Doppelhaus errichteten Wohnhauses stand bis 2007 in plastischer Stuckschrift der an die Ehefrau des Bauherrn Max Müller erinnernde Name. Bei der Sanierung 2008 konnte die bröcklige Schrift (Wetterseite) nicht erhalten werden, wurde aber vom Maler mit geringen Retuschen und angedeutetem Schatten wieder hergestellt.

»Villa Heimburg« (H.-Ilgen-Str. 21) und »Heimburg« (Borstr. 15): Beide Häuser haben einen Bezug zur Schriftstellerin Bertha Behrens, alias Wilhelmine Heimburg. Seit 1881 lebte sie mit ihrem Vater in dem um 1870 erbauten Haus Hermann-Ilgen-Str. 21, wo sie am Ostgiebel mit malermäßigen Mitteln Villa Heimburg anbringen ließ. Das zurzeit stark sanierungsbedürftige Haus Borstr. 15 bezog sie 1910 und starb 1912 da. Die plastische Putzschrift erfolgte in Anlehnung an Jugendstilschrift.

»Villa Susanne« (Dr.-Külz-Str. 34): Die 1899 für den Dresdner Lehrer Bruno Krause errichtete, große Mietvilla hatte Mitte der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, als die Sanierung anlief, keinen erkennbaren Namen mehr. Vom einstmals vorhanden gewesenen, aber unbekannten Namen erkannte man vom Gerüst aus nichts als die Dübellöcher. Nach diesen konnte der Name Villa Susanne rekonstruiert werden. (Ein Blick in eines der Niederlößnitzer Adressbücher aus der Zeit vor dem I. Weltkrieg hätte auch geholfen, dort ist das Haus als »Villa Susanna« geführt.) Die neuen, blockhaften Metallbuchstaben verzichten bewusst auf die Anlehnung an einen Stil und geben sich so als eine neue Schrift (Type Impact) nach altem Inhalt zu erkennen. Das zeitgleich ebenfalls für Bruno Krause errichtete Nachbarhaus Dr.-Külz-Str. 32 trug früher übrigens den Namen »Villa Doris«. Vielleicht hat der Bauherr, der in der »Villa Susanna« eine Sommerwohnung unterhielt, ja die Namen seiner Töchter verewigt.

»Villa Falkenstein« (E.-Bilz-Str. 44): Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts war die Mietvilla in abgewohntem Zustand – die abgefallenen, plastischen Buchstaben (Antiqua) hatte ein Mieter aufgesammelt. Mit dem neuen Bauherrn wurden sie im Rahmen der Sanierung 1997 wieder an der originalen Stelle über den Mittelfenstern des 1. OG angebracht. Der Name bezieht sich auf die Familie des Erstbesitzers (nach Errichtung 1888 durch die Gebr. Ziller) Baron Louis Trützschler von Falkenstein.

»Villa Eugenie« (E.-Bilz-Str. 42): Das um 1890 ebenfalls durch die Gebr. Ziller errichtete Gebäude trug bisher keinen Namen. Der engagierte neue Eigentümer saniert seit 2008 die Mietvilla und hat sich im Archiv über die Eigentümerfolge informiert. Die Frau des Erstbesitzers, Major Hermann Villnow, hieß Eugenie. Ihr zu Ehren trägt das Haus jetzt den Namen Villa Eugenie.

»Villa Rossija.« (L.-Richter-Allee 8): Hier kommt wieder ein Hausname mit geografischem Bezug und Punkt. Architekt Adolf Neumann baute die Villa 1888 für Familie Zeitschel. Möglicherweise geht der Name »Russland« auf den späteren Eigentümer Julius Kinze (1908) zurück, der Kaufmann war und in der Eigenschaft wohl auch Russland bereiste. Bereits vorher hatte es auf der damaligen Alleestraße eine geografisch bezeichnete Villa gegeben, die Nr. 2 wird in alten Adressbüchern als »Villa India« geführt.

»Villa Heimkehr« (A.-Bebel-Str. 9): Das 1926 nach Entwurf des Architekten Max Czopka errichtete Wohnhaus trug von Anfang an diesen Namen, der sich auf die Heimkehr des Bauherrn Karl Heilberg aus dem I. Weltkrieg bezieht. Leider wirkt die Stuckschrift hier etwas zu gekünstelt und ist dementsprechend schwer zu entziffern. Vielleicht wäre auch etwas mehr farblicher Kontrast hilfreich gewesen.

»Gotenburg« (Augustusweg 101): Das 1954 errichtete Wohnhaus mit Turm und kleiner Sternwarte trägt am Turm eine umbrafarbene Sgraffitoschrift mit Jahreszahl und o. g. Namen, der sich auf den germanischen Volksstamm der Goten bezieht. Die Familie der Erbauer konnte leider nicht mehr bestätigen, dass es sich hierbei um ein Werk des Dresdner Künstlers Hermann Glöckner handelt. Einen Bezug auf die Goten finden wir ebenfalls beim »Haus Gotendorf«, Karlstr. 4.

»Villa Zucca« (Obere Bergstr. 11): Hier finden wir an der kleinen, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erbauten Villa eine moderne Fassadenschrift. Früher trug sie keinen Namen, aber die aktuellen Eigentümer hatten Freude an dem italienischen Namen, der Kürbis bedeutet. Als sie hier her zogen, fanden sie im Garten wild wachsende Kürbisse. Die gleiche Schriftgestaltung ist bei »Villa Madelon«, (Paradiesstr. 36) zu finden.

Text und Fotos: Dietrich Lohse

[V&R 6/2010, S. 2-6]

(B)RECHT SCHAFFEN

»Der kaukasische Kreidekreis« an den Landesbühnen

Von Schauspielern erwartet der Zuschauer gewöhnlich, dass sie ganz in ihrer Rolle aufgehen. Gute Schauspieler erkenne man daran, so heißt es, dass ihre Persönlichkeit hinter der dargestellten Figur verschwindet. Das bürge für authentische Emotionen, und auf deren Zurschaustellung basiert ein großer Teil der dramatischen Literatur. Nicht aber zum Beispiel der Kaukasische Kreidekreis, eines jener seiner Stücke, die Bertolt Brecht unter den Begriff des »Dialektischen Theaters« gefasst wissen wollte. Lässt man die literaturwissenschaftlichen Feinheiten einmal beiseite und denkt über die von Brecht zugedachte Rolle als Zuschauer in seinem Stück nach, dann stellen sich Anfang und Ende der von Arne Retzlaff mit konzeptioneller Klarheit besorgten Inszenierung so dar: Drei Musiker (Ulrike Drude – Violine, Uwe Zimmermann – Klavier und Paul Hoorn – Gesang und diverse Instrumente) kommen auf die Bühne, und dann beginnt der Sänger seinen Bericht über ein Geschehen (Komposition: Paul Dessau). Die Schauspieler ihrerseits illustrieren dieses Geschehen in ihren Aktionen und Reden und kehren am Schluss wieder in ihre Ausgangslage zurück, wie um zu sagen: Wir könnten auch noch einmal spielen, es bedürfte nur des Signals des Sängers und wir stellen Stimme und Körper noch einmal in den Dienst der Vermittlung dieser Fabel. Denn dem Zuschauer obliegt es, den Vorgängen auf der Bühne (der von Cornelia Just entworfene, sich nach hinten verjüngende Raum ist als variabel bespielbarer Ort angelegt, dessen seitliche Begrenzung als Auf- und Abgänge, als Fensterhöhlen und sogar als beschreibbare Projektionstafeln dienen) zu folgen und sich eine Meinung über den dargestellten Sachverhalt zu bilden, ohne dass es vordergründig Aufgabe der Schauspieler wäre, Sympathien oder Antipathien zu wecken. In dem im Kreidekreis verhandelten Fall geht es übrigens um einen Rechtsstreit zweier Frauen um ein Kind, den Brecht nach biblischer und altchinesischer Vorlage in den Kaukasus verlagerte und vor dem Hintergrund zeitgenössischer Erfahrungen in den 1940er/1950er Jahren dramatisierte (wobei weder Ort noch Zeit der Handlung exakt benannt werden, weil sie schließlich auch nicht wichtig sind). Soweit die Theorie.

Die ästhetische Praxis während der dreieinhalb als kurz empfundenen Stunden zieht den Zuschauer unweigerlich hinein in Ereignisse, denen er nicht ohne innere Anteilnahme und wachsende Anspannung folgen kann. Das liegt daran, dass die Hauptfiguren Grusche Vachnadze (Franziska Hoffmann in ihrer bislang stärksten Rolle an den Landesbühnen) im ersten Teil vor der Pause und Azdak (Michael Heuser mischt in seine Partie als Richter wider Willen eine gehörige Portion Bauernschläue und Sinnesfreude) nach der Pause eigentlich ganz »unbrechtisch« daherkommen und ihre Figuren durch die Akteure bis an die Grenzen des noch Zulässigen »ausgespielt« werden. Ähnlich verhält es sich mit Simon Chachava (Marc Schützenhofer), dem Verlobten Grusches, wobei er nicht wie etwa Grusche neben sich treten und in Gesangsnummern über seine Lage reflektieren kann. Die anderen Figuren (es sind zu viele, als dass sie an dieser Stelle alle genannt werden könnten) werden durch die Regie streng geführt und bleiben ihrem jeweiligen Rollenauftrag treu, ohne jedoch den von Brecht selbst postulierten Grundsatz zu verletzen, wonach sein Theater auf sinnliche und heitere Weise zu unterhalten habe.

Warum ein Brecht, warum gerade dieser Brecht zu dieser Zeit? Noch während des Stückes drängten sich mir die Bilder aus Kirgistan auf, wo Anfang April der Präsident gestürzt wurde und in den Süden des Landes fliehen musste. Unruhen im Land spülten dort neue Machthaber nach oben, noch immer ist die Lage unübersichtlich, der Präsident sammelt gerade seine Getreuen und plant die Rückeroberung der Macht. Überraschende Parallelen zur Ausgangs- und Konfliktlage im Kreidekreis. Gut möglich, dass es auch dort gerade wieder Grusches gibt, die Kinder an sich nehmen, um sie vor dem Verderben zu bewahren, ohne allerdings das Recht dazu zu haben. Die Erfahrung, dass nicht alles, was Recht ist, auch als gerecht wahrgenommen wird bzw. dass Gerechtigkeit immer subjektiv empfunden, Recht dagegen von normativ-objektiver Warte aus gesprochen werden muss, gehört zu den unauflösbaren Widersprüchen unseres alltäglichen Daseins. Insofern bildet der geschickte Kniff, mit dem Brecht den Kreidekreis gut ausgehen lässt und Azdaks Rechtsprechung am Gerechtigkeitsgefühl des Zuschauers entlang erfolgt, ein Zeichen der Hoffnung, dass die Dauerenttäuschung über die Ungerechtigkeiten des Lebens für einmal aufgehoben und ins Gute gewendet wird. So sah es allem Anschein nach auch das Premierenpublikum, das sich mit langem Applaus für einen gelungenen Abend bedankte.

Bertram Kazmirowski

[V&R 6/2010, S.10f.]

Radebeuler Ehrenbürger (Teil 3): J. Wilhelm Hofmann

Zum zweiten Ehrenbürger von Kötzschenbroda wurde durch Stadtverordneten-Beschluss vom 1. Dezember 1927 einer der bedeutendsten Unternehmer der Stadt ernannt, der sich in seiner Wahlheimat nicht nur als großer Steuerzahler, sondern vor allem auch durch sein soziales und kulturelles Engagement Achtung und Dankbarkeit erworben hatte: Der Ingenieur J. Wilhelm Hofmann

J. W. Hofmann um 1935

Johannes Wilhelm Hofmann wurde am 8. April 1876 in König Erbach im Odenwald geboren. Er stammt aus einer kinderreichen Familie und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Kind hatte er seine jüngeren Brüder betreuen müssen, und aus dieser Zeit wird ihm bereits Erfindergeist nachgesagt: Aus einem System von Schnüren, die er an der Wiege seiner jüngeren Geschwister befestigte, hatte er sich eine Art Fernbedienung ausgedacht, mit der er von draußen aus das Geschehen im Zimmer »in der Hand« hatte, ohne seinen Spielplatz verlassen zu müssen.

Über Hofmanns Lehr- und Wanderjahre ist wenig bekannt. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts verschlug es den frisch gebackenen Ingenieur nach Kötzschenbroda, von wo seine Frau stammte. Hier gründete er 1902 eine »Fabrik elektrischer Apparate«, die er mit anfangs vier Arbeitern in zwei gemieteten Werkstatträumen an der Meißner Straße betrieb. Er setzte mit der Produktion von Nietverbindern eine eigene, international preisgekrönte Erfindung in die Praxis um, die den Bau von Freileitungen für die Energieversorgung wesentlich vereinfachte.

Das Unternehmen entwickelte sich rasant: 1906 zog die Firma nach der Blücherstraße 11 in ein eigenes Fabrikgebäude (heute B.-Voß-Str. 25), das sich schon bald wieder als zu klein erwies. Ab 1919 erfolgte der Umzug an die Fabrikstraße 27, wo ein neues Verwaltungsgebäude und eine neue Werkhalle errichtet wurden, die bis heute genutzt werden. 1925 wurde J. W. Hofmann mit einer Kapitalbeteiligung Teilhaber der Firma Richard Bergner (RIBE) in Schwabach. Als Hofmanns Firma 1927 ihr 25-jähriges Bestehen beging, beschäftigte sie bereits 520 Mitarbeiter, war mit modernsten Werkzeugmaschinen ausgerüstet und belieferte das In- und Ausland mit elektrischen Armaturen aller Art (vgl. V&R 10/2005, S. 6-9).

Dieses Jubiläum war auch der Anlass für die Verleihung des Ehrenbürgerrechts. Im Begründungsschreiben der Stadt sind drei Punkte besonders erwähnt: Hofmanns langjährige Mitarbeit im Gemeindeverordnetengremium, seine stete Hilfsbereitschaft sowie sein Einsatz für die Linderung sozialer Nöte. Der neue Ehrenbürger bedankte sich generös, indem er der Stadt 10.000 Mark zur Errichtung einer Kindertagesstätte stiftete, für die er später noch mehrfach tief in die Tasche griff. Auch andernorts war Hofmann hoch geschätzt; 1929 verlieh ihm die TH Braunschweig den Titel Dr.-Ing. e.h., die TH Dresden ernannte ihn zum Ehrensenator.

Weil sich seine Firma den dort während des II. Weltkriegs eingesetzten Fremdarbeitern gegenüber erwiesenermaßen anständig verhalten und keine Rüstungsgüter produziert hatte, blieb die Fabrik 1945 von Demontagen verschont. Reparationsleistungen an die Sowjetunion lieferte der Betrieb in Form von »know how«: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren hielten sich sowjetische Offiziere im Betrieb auf und kopierten technische Details aus den Unterlagen.

Da das Radebeuler Unternehmen als bisher unbestrittener Marktführer auf dem Gebiet der Hochspannungsarmaturen die Belieferung der westlichen Besatzungszonen nicht mehr gewährleisten konnte, übernahm auch das befreundete Unternehmen RIBE in Schwabach die Produktion nach den originalen Radebeuler Unterlagen. Dies wurde 1951 in der DDR zum Anlass genommen, J. W. Hofmann und seinen Sohn wegen Zoll- und Devisenvergehen festzunehmen und das gesamte Privat- und Betriebsvermögen einzuziehen. Hofmann wurde aus gesundheitlichen Gründen entlassen und übersiedelte 1953 nach Nürnberg, sein Sohn folgte ein Jahr später.

In einem Brief an den damaligen Radebeuler Bürgermeister hat Hofmann sein Bedauern über diesen Schritt geäußert und darum gebeten, dass sich die Stadt um das Wohl des Betriebes kümmern möge. Ab 1953 wurde das Radebeuler Unternehmen als VEB Hochspannungs-Armaturenwerk (HAW) weitergeführt, 1991 wurde es von der Firma Richard Bergner Elektroarmaturen übernommen und firmiert seit 2000 unter RIBE Elektroarmaturen Radebeul.

J. Wilhelm Hofmann starb am 12. September 1956 in München. Sein letzter Wille, in der Familiengrabstätte in Radebeul beigesetzt zu werden, ließ sich angesichts der politischen Situation nicht realisieren. Seinen Spuren kann man in Radebeul aber noch an manchen Stellen begegnen, so in den von ihm gestifteten Bleiglasfenstern in der Berufsschule an der Straße des Friedens und in verschiedenen Baulichkeiten, darunter seine 1916 errichtete repräsentative Villa Ledenweg 2. Das ehemals Hofmannschen Kinderheim Am Gottesacker 6 ist heute Ökumenisches Kinderhaus in der Trägerschaft des Kinderarche Sachsen e.V.

Eckhart Bürkner, IG Heimatgeschichte

[V&R 6/2010, S. 16-18]

Glossiert: Radebeul greift nach den Stern(ch)en

»Was lange währt, wird endlich gut«, sagt ein altes Sprichwort, und endlich ist es nun soweit: Endlich bekommt auch die Radebeuler Hoflößnitz ihr olympisches Highlight und kann mitspielen in der Liga von »Musikantenstadel« & Co.

Richtig so, liebe Verantwortliche: Da ist doch nun wirklich mal ein tragfähiges Konzept geboren worden. Ewig nur Karl May und Herbst und Wein muss ja auf die Dauer langweilig werden. Weg mit den alten Zöpfen und den kleinen Brötchen und her mit neuen, großen, zündenden Ideen, wie sie kürzlich in der Werbezeitung »Hoflößnitzer Sommerspiele 2010« präsentiert wurden. Dort kann man detailliert nachlesen, welch großartige Schmankerln die Tage vom 12. bis 16. August für die Besucher der Lößnitzstadt und vor allem für die Radebeuler selbst bereithalten. Unerhörtes und noch nie Gesehenes wird zu bestaunen sein: Klassik, Kabarett, Open-Air-Kino und Musical! Wann durften die Radebeuler schon mal große Kleinkunst erleben? Wann hatten sie die Möglichkeit, ein Musical zu genießen oder ein Programm mit Johann-Strauß-Melodien, von DEFA-Filmen ganz zu schweigen? Wie ein warmer Sommerregen werden diese köstlichen Gaben unsere kulturelle Wüste befruchten. Bravo!

Man legt sich ins Zeug. Ensembles von südwestsächsischem Ruf konnten gewonnen werden, zum Beispiel die Vogtlandphilharmonie mit ihrer Strauß-Gala. »Der Aufwand dies zu verwirklichen wird ein großer Kraftakt«, informiert die Zeitung. Ein paar Kommas mehr oder weniger sind egal, wenn man das »Erfolgsrezept für gute Stimmung und ein besonderes Erlebnis« gefunden hat: »Vor allem die Location mitten in den Radebeuler Weinbergen macht den Reiz dieser Veranstaltung aus.« Da capo!

Für die kulturelle Allgemeinbildung wird schon im Vorfeld einiges geleistet. So kann man aus der tief schürfenden Abhandlung »Vom Ursprung des Musicals zur größten Gala-Show auf Hoflößnitz« sogar fast halb soviel über die Entwicklung des Genres erfahren wie aus den einbändigen Taschenausgaben gängiger Universallexika. Im August ist dann auf offener Bühne mit einer regelrechten Aufklärungsoffensive zu rechnen: Das Kabarett-Solo »War das schon Sex?« mit Peter Kube »klärt endlich die wichtigste Frage von Männlein und Weiblein auf«. Endlich!

Ganz umsonst ist dieses hochkulturelle Sommergewitter natürlich nicht zu haben. Aber wer »die besten Stücke aus den schönsten Musicals in einer gigantischen Show erleben« möchte, wird gern bereit sein, dafür schlappe 45 Euro hinzublättern. »Die Vogtlandphilharmonie mit ihrem Können, mit kraftvoller Anmut und romantischer Gefühlsseligkeit« gibt’s auf den billigen Plätzen schon für die Hälfte und die »Kultfilm-Premiere« von »Paul und Paula« – Kultfilm ja, Premiere Fragezeichen – vielleicht sogar noch günstiger, also fast geschenkt.

Wer beschert uns so großzügig, wer füllt diesen »einmaligen Rahmen von Besinnlichkeit«, wie der Stiftungsvorstandsvorsitzende in seinem Vorwort »den sommerlichen Charme unserer Hoflößnitz« preist, endlich mit den passenden Inhalten? Präsentiert werden die (fast) olympischen »Sommerspiele« vom »Elbland Tourismus- und Kulturverein e. V.«. Auf dessen Internetseite erfährt man über den Verein mit dem honorigen Namen im Moment leider nicht viel mehr als: »Diese Seite ist momentan noch in Bearbeitung«. Also doch noch schnell ein Blick ins Impressum des bunten »Hoflößnitzer Musikantenstadels 2010«. Und – siehe da! – auf einmal wird klar, warum uns das Blättchen gleich von Anfang an wie eine nachträgliche Extra-Ausgabe des guten alten Radebeuler »StadtSpiegel« vorgekommen war. Dahinter steckt der gleiche echte Tausendsassa! Wer es geschafft hat, »Howie« Carpendale für ein Konzert »auf Wackerbarth« wiederzubeleben, ist auch der richtige Mann für einen Neubeginn in der, pardon: »auf Hoflößnitz«. Nur eins haben wir auf dem Werbeblättchen schmerzlich vermisst: die »Nagg’sche« auf Seite eins. Die wollen wir im nächsten Jahr wiederhaben. Wenn es »auf Hoflößnitz« wirklich soweit kommen muss…

FAZIT

[V&R 6/2010, S. 22f.]

Boden-Schutz in Sachsen – ein Nachgeschmack zum Vortrag im Haus Lotter

»Wir haben die Erde von unseren Eltern nicht geerbt, sondern wir haben sie von unseren Kindern nur geliehen.« – Ein indianisches Sprichwort, das nicht besser zum Thema passen könnte.

Was bleibt, sind Fakten, Daten – nicht viele aus der Fülle des Genannten, diese aber lassen frösteln. Zum Beispiel: Sachsens Bevölkerung ist seit 1992 um 10 % geschrumpft, benötigt jedoch 20 % mehr Siedlungs- und Verkehrsfläche. Oder: Pro Tag wird in Sachsen die Fläche von durchschnittlich acht Fußballfeldern siedlungswirtschaftlichen Zwecken unterworfen, mit einem Versieglungsgrad von 40 bis 60 %, bundesweit sind es täglich etwa 140 Spielfelder.

Dadurch geht vor allem unseren Kindern, Enkeln und Urenkeln ein Stück der nicht nachwachsenden Ressource Boden unwiederbringlich verloren! Boden, der Regenwasser zurückhält, Grundwasser neu bildet und vor Hochwasser schützt. Boden, der Schadstoffe abbaut und speichert, der für angenehmes Klima sorgt und nicht zuletzt Lebensraum für unzählige Lebewesen ist. Und Boden als Nahrungsgrundlage, nicht nur für uns Menschen, die auf globale Märkte ausweichen können.

Wir beschränken die Entwicklungsmöglichkeiten künftiger Generationen nicht nur ökologisch, räumlich und ökonomisch. Eine tendenziell ältere und abnehmende Bevölkerung wird die steigenden Kosten für den Unterhalt der geringer ausgelasteten Infrastruktur und den zunehmenden Leerstand aufbringen müssen. Sondern wir prägen deren »Umgangsformen«,  auch mit dem Boden.

Laut Beschluss der Umweltministerkonferenz von 2007 sollen 2020 in Sachsen nur noch zwei Fußballfelder Boden pro Tag verbraucht werden – wohlgemerkt bei weiter schrumpfender Bevölkerung! Gelingen wird dies allerdings nur durch einen wirklich restriktiven Umgang mit Neuausweisung von Bauflächen, denn viele rechtskräftige Bebauungsgebiete sind noch gar nicht »besiedelt«. Höchster Wert ist auf flächensparende und versiegelungsarme Erschließungs- und Siedlungsformen zu legen sowie auf verstärkte Innenentwicklung, also: Bauen im Bestand, Baulücken nutzen, Brachflächen revitalisieren. Dies ermöglicht es auch prosperierenden Regionen wie unserem Elbtal, ihren Beitrag zum Flächesparen zu leisten. Zumal man beim Flächenrecycling zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt – man gewinnt Bauland ohne neuen Flächenverbrauch und man beseitigt Schandflecke.

Bereits vor über 30 Jahren beschrieb Christopher Alexander genau dieses Entwurfs-Muster in »A Pattern Language«, einer Art Bibel der Entwurfslehre unter Architekten, Stadtplanern und Informatikern. Unter Muster 104 »Verbesserung des Bauplatzes« können wir lesen:

»Gebaut werden muss immer auf den schlechtesten Teilen des Grundstückes, nicht auf den besten.

Dieser Gedanke ist wirklich sehr einfach. Aber er ist das genaue Gegenteil von dem, was gewöhnlich geschieht; und es erfordert beträchtliche Willenskraft, ihn durchzuführen. […]

Wir müssen jeden neuen Bauvorgang als eine Gelegenheit betrachten, ein Loch im Kleid zu flicken; jeder Bauvorgang gibt uns die Chance, einen der hässlichsten und am wenigsten gesunden Teile der Umwelt gesünder zu machen – für die ohnedies gesunden und schönen Teile sind keine Maßnahmen nötig. In Wirklichkeit müssen wir uns zwingen, sie in Ruhe zu lassen, so dass unsere Energie wirklich den Stellen zugute kommt, die es brauchen.«

Auch Radebeul ist solch ein Bauplatz. Zwischen 1996 und 2008 wurde hier ein Areal von etwa 175 Fußballfeldern in Verkehrs- und Siedlungsfläche umgewandelt.1 Warum aber befinden sich neue Baugebiete gehäuft an den Ortsrändern – Paulsberg, Weidenweg, Waldstrasse? Warum liegt nach 20 Jahren das NÄHMATAG-Gelände immer noch brach und mindert die Wohnqualität der Umgebung? Hier wäre doch der ideale Standort für Town-Häuser, nicht am Ortsrand! Wo bleiben die »kostengünstigen, flächensparenden und ökologischen Bebauungen« in Nähe der Garten- bzw. Weststrasse, wie sie im Stadtleitbild seit 2002 beschlossen sind? Warum eine Abrundungssatzung für Wahnsdorf, wenn doch drei vorausgegangene Planungen eine Bebauungsgrenze um die historische Ortslage eindeutig ausweisen?

Allerdings hat Radebeul beim Bau der neuen Feuerwache aufs Schönste gezeigt, was in Brachen steckt. Aus diesem Beispiel können wir Kraft und Mut schöpfen.

Nicht zuletzt wird aber jeder Einzelne seinen Beitrag leisten müssen. Wie groß sind Hof und Zufahrt und wie viel muss davon befestigt sein? Welchen Bau von öffentlichen Parkplätzen und Straßen provoziere ich durch mein Fahrverhalten? Mache ich Entscheidungsträgern Mut, unpopulär »Nein« zu sagen bzw. sich an längst gefasste Beschlüsse zu halten?

Es wird dauern, bis der Bodenschutz in den Köpfen der Menschen angekommen ist, so Herr Siemer vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie; man muss immer und immer wieder darauf hinweisen.

Katja Leiteritz

[V&R 5/2010, S. 7-9]

  1. Quelle: Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen; Daten vor 1996 liegen nicht, nach 2008 noch nicht vor.

Radebeuler Ehrenbürger (Teil 2): Robert Werner

Beim Votum über die Ehrenbürgerwürde für Curt Schnabel 1926 (V&R 4/2010) hatte es im 23-köpfigen Stadtverordnetenkollegium von Kötzschenbroda immerhin acht Gegenstimmen gegeben. Verdienste hin und her – der besonderen Auszeichnung für einen derart eingefleischt Konservativen wie den Medizinalrat wollten die Vertreter der Linksparteien nicht zustimmen. Als die Stadtverordneten des benachbarten Radebeul am 30. September 1927 erstmals über einen Vorschlag zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde zu befinden hatten, waren sich dagegen über die Parteigrenzen hinweg alle einig: Wenn jemand diese Ehrung verdient, dann zuallererst der scheidende  Bürgermeister Robert Werner.

Bürgermeister Werner am Schreibtisch (Foto Stadtarchiv Radebeul)

Partei- oder kleinliche Kirchturmsinteressen hatten für den drahtigen Mann mit dem inzwischen ergrauten Vollbart nie eine Rolle gespielt. Ihm war es stets um gewissenhafte Pflichterfüllung im Dienste der Allgemeinheit gegangen, und die Ergebnisse seiner gut 34-jährigen Arbeit an der Spitze der Radebeuler Gemeindeverwaltung konnten sich sehen lassen.

Am 31. Juli 1862 in Kleinthiemig bei Großenhain geboren, hatte sich Ernst Robert Werner früh für die Verwaltungslaufbahn entschieden und sein Metier auf subalternen Positionen in verschiedenen sächsischen Gemeinden von der Pike auf gelernt. Als die Radebeuler Gemeindeverordneten seiner Bewerbung um die erstmals durch einen Berufsbeamten zu besetzende Stelle des Gemeindevorstands den Vorzug gaben, arbeitete Werner als Ratsregistrator in Pirna. Als er sein neues Amt am 1. Februar 1893 antrat, brachte er von dort das Bewusstsein für die Bedeutung eines geordneten Aktenwesens für die Verwaltung mit. Radebeul war damals eine aufstrebende Gemeinde mit rund 3.000 Einwohnern. Das mit der fortschreitenden Industrialisierung verbundene immense Bevölkerungswachstum – allein in Werners sechsjähriger erster Amtszeit sollte sich die Einwohnerzahl mehr als verdoppeln – stellte die Gemeindeverwaltung vor eine Reihe schwieriger Herausforderungen. Und die Kasse war leer, das gesamte Gemeindevermögen bestand bei Werners Amtsübernahme in einem abbruchreifen kleinen Armenhaus, darüber hinaus standen 3000 Mark Schulden zu Buche.

Der als »schneidig« beschriebene neue Vorstand machte sich beherzt an die Arbeit und brachte die Verwaltung in Schuss. Schon nach wenigen Monaten lag ein ordentlicher Bebauungsplan auf dem Tisch. Zielbewusst organisierte Werner den Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge: 1895 war das neue Wasserwerk fertig, 1897 das zweite Schulhaus, 1899 die Straßenbahnanbindung nach Dresden, die er maßgeblich mit in die Wege geleitet hatte, 1900 stand das neue Rathaus, dessen Bau nicht unumstritten gewesen war, und so ging es weiter.

Was Werner nach reiflicher Überlegung für richtig hielt, versuchte er mit Beharrlichkeit umzusetzen, doch nicht alle seine Verschläge stießen auf Gegenliebe. Als von außen kommendem Fachmann mit einem sicheren Blick für Notwendigkeiten war ihm z. B. schnell klar geworden, dass die zunehmende bauliche Verdichtung der Lößnitz die Bildung eines größeren und leistungsfähigeren Gemeinwesens unausweichlich machte. Ab 1895 arbeitete er auf diese Vereinigung – zunächst die von Radebeul, Oberlößnitz und Serkowitz – hin und sah sich deswegen immer wieder, zum Teil böswilligen Angriffen ausgesetzt. Der einzige Erfolg in dieser Richtung, den er erleben durfte, war die Eingemeindung von Serkowitz nach Radebeul 1905. Als er wegen der beträchtlichen Mehrarbeit in diesem Zusammenhang um eine kleine zusätzliche Aufwandsentschädigung bat, stieß er bei der Gemeinde ebenso auf taube Ohren wie mit seinem Vorschlag, das von der Größe her nun eigentlich fällige Stadtrecht zu beantragen. Letzteres wurde erst 1924 nachgeholt, fortan trug Werner den Titel Bürgermeister.

Als der frisch gebackene erste Radebeuler Ehrenbürger am 1. Oktober 1927 in den wohl verdienten Ruhestand trat, hinterließ er eine trotz schwieriger Zeitumstände blühende Stadt mit fast 13.000 Einwohnern, geordneter Verwaltung und einem Gemeindevermögen von an die vier Millionen Reichsmark. Ihre Geschicke und die der Lößnitz lagen ihm auch danach weiter am Herzen. Er übernahm den Vorsitz des Verschönerungs- und Verkehrsvereins und wandte sich noch verschiedentlich mit bis heute lesenswerten Denkschriften an die Radebeuler Gemeindevertretung. Insbesondere machte er sich weiter für einen Zusammenschluss der Lößnitzgemeinden stark, um der drohenden Eingemeindung nach Dresden zu entgehen. Dass er die Kurzfassung einer entsprechenden Denkschrift 1929 in den »Dresdner Nachrichten« veröffentlichte, trug dem Ehrenbürger übrigens eine ausdrückliche Missfallensbekundung seitens der Radebeuler Stadtverordneten ein.

Während eines Besuchs in der Sächsischen Schweiz erlitt Robert Werner einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 26. Januar 1932 in Dresden verstarb. Einen Tag später hieß es im Radebeuler Tageblatt: »Mit dem Heimgang Robert Werners beklagt die Stadtgemeinde Radebeul und ihre Bürgerschaft den Verlust eines Mannes, der ein ganzes Menschenalter hindurch […] kein anderes Ziel kannte als das eine: Das Wohl Radebeuls. Und so verkörpert sich in der Persönlichkeit ihres ersten Bürgermeisters Robert Werner die Geschichte der Gemeinde Radebeul in ihrem bedeutsamsten Abschnitt der letztverflossenen 40 Jahre.« Der Nachruf endet mit dem Satz: »Wenn wir heute zurückblicken auf das Lebenswerk dieses Mannes, so ist uns seine Bedeutung in voller Stärke gegenwärtig und wir wissen, dass wir, die Gemeinde und alle ihre Bürger, dem Verewigten immerdar in steter Dankbarkeit verbunden sind.« Als Zeichen dieser Dankbarkeit wurde am 17. Februar 1932 ein bis dahin namenloser Platz, an dem das alte und das neue Radebeul zusammentreffen, nach Robert Werner benannt.

Annette Karnatz und Frank Andert

[V&R 5/2010, S. 4-6]

Was uns Häusernamen sagen können (Teil 2)

Nach den allgemeinen Betrachtungen zum Thema Villennamen in Radebeul im Märzheft von Vorschau und Rückblick sollen diesmal einige der Aufschriften in Bild und Text vorgestellt werden. Aus Platzgründen war eine Auswahl nötig. Die Reihenfolge ergab sich eher zufällig, auch wenn ein mit »A« beginnendes Beispiel am Anfang steht.


»Amicitiae.« (Moritzburger Str. 50): Der Bauherr der kleinen, 1899 erbauten Villa wollte offenbar über die lateinische Sprache seine Gefühle mitteilen – Amicitiae wäre mit »der Freundschaft« zu übersetzen. Auch hier finden wir die Mode mit dem Punkt am Schluss. Wie sich der Inhalt der Schrift mit dem darüber befindlichen Geweih und dem Hubertussymbol vereinbart, bleibt das Geheimnis des Bauherrn Karl Heinrich Claus.

»Villa Carola.« (C.-Zetkin-Str. 20): An der 1902 von Architekt Carl Käfer entworfenen Mietvilla aus Klinkern und Sandsteindetails prangt der Name »Villa Carola« mit Punkt. Die Schrift auf Sandstein könnte früher, wie beim Nachbarhaus »Villa Martha« noch zu erkennen, vergoldet gewesen sein. Die durch Jugendstileinfluss gespreizt wirkenden Buchstaben entfernen sich etwas von der Klarheit der Antiqua. Auf wen sich der Name Carola bezieht, blieb bisher offen.

»Saxonia« (Meißner Str. 241): Seit 1875 zeigt die spätklassizistische Mietvilla stolz den Namen Saxonia über dem 1. OG. Das Bekenntnis zu Sachsen gehört somit zur Gruppe der geografischen Namen. Hier wurden große und kleine Metallbuchstaben auf Putz oder Sandstein montiert.

»Villa Sancerre« (Rennerbergstr. 11): Diese Schrift gehört auch zur Gruppe mit geografischer Aussage. Vor der Sanierung war die um 1900 erbaute Villa namenlos. Der zugereiste Bauherr wünschte 1994 im Rahmen der Sanierung den o. g. Namen, der sich auf die französische Stadt an der Loire bezieht, wo wie in Radebeul auch Wein angebaut wird. Die gebrochene Schrift ist etwas schwer lesbar. Auch die Bearbeiter der Radebeuler Denkmaltopographie hatten da ihre Probleme, der Name wird dort zu »Villa Saurerre« verballhornt.

»Villa Lindeberg« (K.-May-Str. 1): Die neuere, ca. 2003 aufgemalte Schrift am Eckbalkon der Mietvilla erinnert an den schwedischen Maler und Grafiker Carl Lindeberg (1876-1961), der von 1907 bis 1945 hier wohnte. Er hat u. a. die Titelbilder von Karl-May-Büchern gestaltet. Die Schrift wirkt hier in den Straßenraum der Kreuzung Schildenstraße/ Karl-May-Straße.

»Deutsches Haus« (Lößnitzstr. 4): Der Name des 1875 errichteten Hauses stand für ein Lokal, das ab 1910 zugleich Sitz der Turngemeinde Kötzschenbroda-Niederlößnitz war. 1921 wurde die Gaststätte geschlossen und in ein Wohnhaus umgewandelt. Der in den Putz eingelassene Name in typischer Jugendstilschrift hat sich aber über mehrere Sanierungen hinweg an der Fassade erhalten.

»Villa Elisa« (Borstr. 19): Die Gebr. Ziller errichteten 1878 diese Villa mit portalartiger Pforte in der Einfriedungsmauer. Welche Gründe es gab, den Namen in den Sandstein der Pforte zu meißeln und nicht am Haus selbst darzustellen, bleibt unklar. Die Pforte wurde 2002 teilerneuert, der Name wurde beibehalten.

»Landhaus Käthe.« (Zillerstr. 10): Das seit 1874 bestehende Gebäude (Gebr. Ziller) trägt erst seit 1913 den o. g. Namen, der sich auf die Ehefrau des zweiten Hauseigentümers bezieht. Die jetzigen Eigentümer ließ 1992 den Hausnamen durch den Radebeuler Maler Pit Müller restaurieren. Die auf Putz gemalte zweifarbige Schrift zeigt noch Nachklänge des Jugendstils. Das Zierelement darüber gehört nicht zum Hausnamen, es ist Teil einer schmiedeeisernen Fahnenstangenhalterung.

»Villa Franziska« (Hoflößnitzstr. 58): 1905 gab der Bauherr Heinrich Schürer dem Architekten Paul Ziller den Auftrag, eine Villa zu errichten. Das Interessante bei dem hier am Giebel angebrachten Hausnamen ist, dass er zweigeteilt wurde, wobei zwei junge, in der damaligen Mode gekleidete Damen die Spruchbänder halten – eine schöne Arbeit des Jugendstils. Nach der kürzlich erfolgten Sanierung der Villa kommt auch der Name besser zur Geltung.

»Berghäus’l« (Am Goldenen Wagen 16): Der in der Giebelspitze befindliche Name passt zu dem kleinen, holzverkleideten Landhaus (1912) am Hang. Hier wird durch eine auf ein rustikales Brett gemalte Schrift ein etwas sentimentales Gefühl zum Ausdruck gebracht.

»Villa ›Shatterhand.‹« (K.-May-Str. 5): Wie in vielen anderen Fällen bauten die Gebr. Ziller 1894 eine Mietvilla ohne Bauherrn, also auf eigene Kosten. Erst als der Schriftsteller Karl May diese 1896 kaufte, wurden auf seinen Wunsch hin die goldenen Lettern samt Punkt unter dem Traufgesims angebracht.

»Villa Friedensreich« (Winzerstr. 73): Die Idee für den Namen, eine Reverenz an Friedensreich Hundertwasser, hatte die kunstinteressierte heutige Eigentümerin der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstandenen und 2007 aufwändig sanierten Mietvilla.

»Villa Bohemia« (Dr.-R.-Friedrichs-Str. 13): Ursprünglich trug die 1893 erbaute Mietvilla den Namen »Villa Augusta«. Wie er angebracht war und bis wann, ist nicht bekannt. Das Haus wurde 1994 umgebaut und saniert. Bei der Gelegenheit erhielt es seinen heutigen Namen, ein Bezug der aktuellen Eigentümerin zu ihrer tschechischen Heimat.

(Schluss folgt.)

Dietrich Lohse

[V&R 4/2010, S. 2-5]

»Ist das nicht wieder ein schöner Tag?«

Die Radebeuler Schriftstellerin Tine (»unsere Tine«) Schulze-Gerlach wird neunzig

Zum neunzigsten Male sieht sie den Frühling mit Riesenschritten herankommen, erlebt, wie die Sonne von Tag zu Tag an Kraft gewinnt, beobachtet, wie die warmen Strahlen die grünen Grasspitzen und die ersten Frühlingsblumen hervorlocken. Zum neunzigsten Male auch versammelt sich die stetig anwachsende Familie um sie, mit ihr gemeinsam das Osterfest und dann – was noch weit wichtiger ist – ihren Geburtstag zu feiern. Vier Kindern schenkte Tine Schulze-Gerlach das Leben. Da ging sie noch einer anderen Profession nach und die Schriftstellerei war noch Zukunftsmusik, obwohl ihr das Talent dazu in die Wiege gelegt war. Später dann wurde sie eine »Schreibende« und erschrieb sich mit einer Anzahl großartiger Bücher einen bedeutenden Namen, den man heute im Lande mit Hochachtung ausspricht.

Tine Schulze-Gerlach 2010

»Gaukler wollt ich sein, fahrender Spielmann, nach Usedom wollt ich…!« erinnerte sich Tine Schulze-Gerlach noch vor wenigen Jahren in einem Gedicht an ihre Kindheitsträume. Sie hat sie später alle wahr gemacht und schipperte dann gar – die Zeitenwende 1990 machte es möglich – hinüber nach Helgoland.

»Abschiedskrümel II« hatte sie ultimativ über ihr letztes Buch geschrieben; es erschien im Mai 2004, kurz nach ihrem 84. Geburtstag und trug den Titel »Deine Horizonte«. Im Titelgedicht stellt sie sachlich fest »Deine Horizonte suchtest Du aus, als Du jung warst, ›unbereubar‹.« Einen Rückblick ohne Wehmut leistet sie sich mit ihrer Lyrik und das will schon was heißen. Doch so war sie wohl schon immer, ehrlich und direkt.

Tine Schulze Gerlach saß mit am Tisch, als wir in Radebeul Anfang 1990 die neue »Vorschau« aus der Taufe hoben. Da war sie immerhin schon siebzig und längst eine Berühmtheit. Immer wieder steuerte sie zu unserem Monatsheftchen erfrischende Erzählungen und Gedichte bei. Als wir bei ihr anfragten, ob sie Ehrenmitglied unseres Vereins werden wollte, sagte sie gerne ja und hat uns damit eine große Ehre erwiesen.

Sie war bei unseren Jahresabschlussfeiern dabei, bis sie sich dann in bestimmten Jahreszeiten und bei ungewissem Wetter nicht mehr aus dem Haus traute. Seither besuche ich sie einmal im Monat in ihrer kleinen Wohnung im Haus ihres ältesten Sohnes auf der Karl-Liebknecht-Straße. Dann bringe ich ihr jedes Mal die neueste Ausgabe von »Vorschau & Rückblick« vorbei, auf die sie bereits sehnlich wartet. Regelmäßig empfängt sie mich mit der Frage »Ist das nicht wieder ein schöner Tag?«, um gleich darauf in ihre Küche zu wuseln. Dort kramt sie einen Moment herum und kommt dann mit einer Flasche Whisky – Glennfiddich oder Ballantine’s (»der ist aber nicht ganz so gut«, kommentiert sie mit Kennermiene) – zurück. »Du trinkst doch einen mit, oder?« Natürlich stoße ich mit ihr an, der rauchige Geschmack des Whiskys löst die Zunge, und wir verlieren uns im Gespräch. Die Themen gehen uns nicht aus – Familie, Garten, Urlaub, unsere Stadt, Erinnerungen –, und kein Gespräch geht zu Ende, ohne dass wir nicht wenigstens einmal auch die Literatur berührt hätten.

Ein Stündchen mit Tine und die Sorgen sind verflogen. Sie ist das, was man als einen durchweg positiven Menschen bezeichnen könnte. Bis oben hin voll Optimismus, »auch wenn der alte Body nicht mehr so richtig will«, wie sie sagt. Dabei lächelt sie verschmitzt, von Larmoyanz keine Spur.

Am 21. April wird Tine Schulze-Gerlach neunzig – was für ein Reichtum an gelebten Jahren. Wir gratulieren von Herzen und voller Bewunderung!

W. Zimmermann

[V&R 4/2010, S. 6f.]

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