Radebeuler Begegnungen 2010. Eine nicht ganz ernst gemeinte Nachbetrachtung

Wann, wo und durch wen die Idee zu den »Radebeuler Begegnungen« geboren wurde, wird ganz verschieden kolportiert. Deshalb sei die authentische Version an den Anfang des Beitrages gesetzt, und die lautet so: Die Wahnsdorfer hatten im Jahr 2000 die Stadtgalerie und deren Malgemeinschaft auf den Berg gelockt, in der Absicht, sie zu einem Beitrag zum Programm der 650-Jahr-Feier zu bewegen. Auch der Naundorfer Dorf- und Schulverein war dort seit längerer Zeit zugange und leistete mit Isolde Klemmt an der Spitze praktische und logistische Hilfestellung, vor allem bei der Ausgestaltung des Festumzuges. Das Fest war wunderschön und als es zu Ende ging, saßen drei Personen noch einmal in fröhlicher Runde zusammen: der Vorsitzende des Heimatvereins Wahnsdorf, die Vorsitzende des Dorf- und Schulvereins Radebeul-Naundorf und die Leiterin der Stadtgalerie. Man war sich einig, dass man sich nicht wieder aus den Augen verlieren sollte und weitere Gelegenheiten geschaffen werden müssten, bei denen sich die Bewohner der Radebeuler Ursprungsgemeinden begegnen und besser kennen lernen können. Gesagt, getan – bereits im Folgejahr startete die erste »Radebeuler Begegnung« von Altkötzschenbroda nach Wahnsdorf. Als fachkundiger Wegbegleiter wurde der Freizeithistoriker Hans-Georg Staudte gewonnen. Seitdem fanden vier Begegnungen in loser Folge statt, die sich bis heute ungebrochener Beliebtheit erfreuen.

Die fünfte Begegnung startete am 21. August am Endpunkt der vorigen, in Alt-Zitzschewig. Gut 130 erwartungsfrohe Teilnehmer hatten sich versammelt, und bevor man zur 9 km langen Entdeckungstour aufbrach, wurde ein stärkender Imbiss gereicht, mit dem die Zitzschewiger einmal mehr unter Beweis stellten, was sie für vorzügliche Gastgeber sind. Als sich der lange Menschenzug um 11 Uhr in Bewegung setzte, stand keine Wolke am Himmel. Die Sonne schien unerbittlich und eine erste Ahnung beschlich die Expeditionsteilnehmer, was im Laufe des Tages auf sie zukommen würde, wenn die Temperaturen wie angekündigt die 30 Grad Marke übersteigen sollten.

Bis zur ersten Zwischenstation in Naundorf aber war es nicht weit. Eine Ausstellung bot Schnappschüsse vom letzten festlichen Dorfereignis, das im Zeichen des Radebeuler Stadtgeburtstages stand. Sehens- und Wissenswertes erwartete die Expeditionsteilnehmer auch an allen folgenden Stationen und zwischendurch. Hans-Georg Staudte wurde nicht müde, ortsgeschichtliche Zusammenhänge sehr anschaulich und für jedermann nachvollziehbar zu erklären.

Wenig bekannte Verbindungswege durch Gartenanlagen, Wiesen und Felder ohne störenden Autoverkehr führten von Zitzschewig über Naundorf, Altkötzschenbroda, Fürstenhain und Serkowitz nach Radebeul. Verfallende Industriebauten, preisgekrönte moderne Architektur, sanierte Dorfkerne, versiegelte Parkflächen, kleinteilige Intensivbewirtschaftung, hochwasserschutzbedrohte Gartenparadiese und Wirkungsstätten bedeutender Persönlichkeiten säumten den Weg.

Auf halber Strecke wurde Rast gemacht. Der Garten von Familie Freier bot Schatten, Ruhe und Erfrischung. Ob Hochsitz, Gartenbank, Hängematte, Sitzecke oder Wiese pur, für jeden fand sich ein idyllischer Platz, denn die Muse wird hier phantasievoll zelebriert.

Die Übergabe des Staffelstabes ist ein kurioses Kapitel für sich. Das Original war seit der letzten Begegnung verschwunden und wurde von den Zitzschewigern sehr frei nachempfunden. Die Übergabe des Ersatzstaffelstabes wiederum erfolgte aus verkehrstaktischen und klimatischen Beweggründen schon kurz vor der Radebeuler Gemeindegrenze auf Serkowitzer Flur. Die Delegation der Radebeuler Abgesandten war bunt gemischt. Sie setzte sich zusammen aus Geschäftsleuten, Alt- und Neubürgern, Mitgliedern von Vereinen, Vertretern der Ortsteilfeuerwehr und von Kultureinrichtungen. An deren Spitze stand der Oberbürgermeister, welcher – nicht nur zur Verblüffung der Zitzschewiger – die Entgegennahme des Staffelstabes spontan an den frisch gekürten sachkundigen Einwohner für Kultur und Tourismus, Uwe Wittig, weiterdelegierte, der sich jedoch als Lindenauer outete. Die tiefergehende Symbolik dieser Aktion erschloss sich nur jenen, die in ihm ein Mitglied der Theatergruppe »Heiterer Blick« erkannten, welche als Hoffnungsträger des künftigen Kulturbahnhofs gehandelt wird und mit der Aufführung des expressionistischen Stummspiels »Nosferatu oder die Harmonie des Grauens« erstmals dessen künftige Veranstaltungstauglichkeit zu testen wagt.

Mit derart visionärer Zukunftsmusik im Kopf war es wohl folgerichtig, einen Blumengruß am Grab des bedeutendsten Phantasten der Stadt Radebeul – des Abenteuerschriftstellers Karl May – zu hinterlassen.

Warum die Hoftore »Am Kreis«, dem historischen Zentrum von Alt-Radebeul, für die geschichtsinteressierten Expeditionsteilnehmer verschlossen blieben, ließ sich leider nicht ergründen. Gastgeber für die »Radebeuler Begegnungen« wollte hier keiner sein. Besonders schade war, dass viele Geschichten unerzählt blieben, von Menschen, die seit Generationen in der namengebenden Ursprungsgemeinde unserer Stadt ansässig sind. Erstmals wurde das Anliegen der innerstädtischen Begegnungen rigoros in Frage gestellt, und hätten nicht einige hilfsbereite Mitarbeiter aus der Erlebnisbibliothek und dem Rathaus die Veranstalter unterstützt, wäre die Begegnung im Jubiläumsjahr wohl ausgefallen.

Um den erlebnisreichen Tag festlich ausklingen zu lassen, bot schließlich jener Ort ein schlüssiges Ziel, an dem vor 75 Jahren der Verwaltungsakt vollzogen wurde, den wir in diesem Jahr als Stadtgeburtstag ausgiebig feiern. Mit herzlichen Worten begrüßte Oberbürgermeister Bert Wendsche die Expeditionsteilnehmer und Baubürgermeister Dr. Jörg Müller erläuterte die Pläne für das Sanierungsgebiet in Radebeul-Ost. Danach wurde das üppige Buffet eröffnet, auf welchem – dank edler Spender – Kuchen, Torten, Schnittchen und Suppen um die Gunst der hungrigen Ankömmlinge konkurrierten.

Das Kulturprogramm eröffneten Jan Dietl und Uwe Wittig vom »Theater Heiterer Blick« mit einem minimalistischen Exkurs durch Radebeuls 75- jährige Stadtgeschichte.

Ein besonderer Leckerbissen war die zum Kult mutierte Laientheateraufführung aus der Feder der Naundorfer über die legendäre Zwangseheschließung zwischen Heinrich Radebeul und Brunni Kötzschenbroda und deren beider Adoptivkinderschar. Während das selbst geschriebene Theaterstück beim Publikum für heftige Heiterkeitsattacken sorgte, ließen die temperamentvollen Linedancers aus Radebeul-Ost wohl eher etwas besorgte Gedanken an den erschöpften Zustand des eigenen Körpers aufkommen. Nichtsdestotrotz hatte sich der Rathaus-Parkplatz zum gemütlichen Festplatz gewandelt und jeder schwatzte mit jedem, bis die Natur dem Treiben ein Ende setzte. Ab 20 Uhr landeten hinterm Rathaus die ersten Mückenschwärme und kaum eine Stunde später hatten sie es schließlich geschafft, den letzten Gast zu vertreiben.

Im Spannungsfeld zwischen Stadtgeschichte und Stadtentwicklung bot die Exkursion vielerlei Anregung, weckte Lust, noch einmal im Stadtlexikon nachzuschlagen, ermöglichte Kontakte zwischen Kulturmachern, Verwaltungsangestellten, Radebeuler Alt- und Neubürgern. Ob traditionsbewusste Modellbahner, alteingesessene Fürstenhainer, bauherrenpreisgekrönte Garteninhaber oder fleißige Kleingärtner, sie alle hatten sich gut auf den Ansturm der Besucher und ihre vielen Fragen vorbereitet. Gedankt sei ihnen dafür, dass sie Höfe und Gärten, Privat- und Vereinsräume in freudiger Anteilnahme geöffnet hielten. Gedankt sei auch der Tischlerei Lehmann aus Fürstenhain, dem Reformhaus Schreckenbach und der Weinhandlung Andrich aus Radebeul, die Familienchroniken und alte Geschäftsunterlagen sichteten und Fotos und Dokumente für das »Museum im Rucksack« zur Verfügung stellten.

Und was vom Tage übrig blieb, war wohl die mehr oder weniger stichhaltige Erkenntnis:

Ein Staffelstab, der lässt sich schnell ersetzen, eine Dorfgemeinschaft jedoch nicht. Drum Tore auf, Probleme angesprochen! Denn nur gemeinsam lassen sie sich lösen. Raus an die frische Luft, ran an die Basis und mitgemacht, wenn in zwei Jahren die sechste »Begegnung« von Radebeul aus zur 725-Jahr-Feier nach Lindenau führen wird.

Karin Gerhardt

[V&R 10/2010, S. 4-8]

Radebeuler Ehrenbürger (Teil 7): Hellmuth Rauner

»Tief bewegt nahm er in einer festlichen Veranstaltung in Schloß Wackerbarth die hohe Auszeichnung entgegen. ›Dieser Tag ist wohl die Krönung meines Lebens. Aber alle, die mit mir gestritten und gekämpft haben, möchte ich mit einbeziehen in diese große Ehrung. Vor allem meine Frau Helene, die mir in all den Jahren zur Seite stand…‹« So lesen wir heute in einer Tageszeitung von damals. Damals, das war im Dezember 1965, und der aus Anlass seines 70. Geburtstages mit der Verleihung des Ehrenbürgerrechts der Stadt Radebeul Geehrte war der in vielfältiger Weise um die Stadt verdiente langjährige Vorsitzende der Ortsgruppe des Kulturbunds  Hellmuth Rauner.

Die Eckdaten der Biographie von Albert Hellmuth Rauner, geboren am 21. Dezember 1895 in Chemnitz, verstorben am 25. November 1975 in Radebeul, wo er seit 1933 gelebt hatte, sind im Stadtlexikon nachzulesen. Auch die ›Vorschau‹, die alte wie die neue, hat zu runden Jubiläen schon mehrfach sein Porträt gezeichnet. Was für ein Leben! Reich an Höhen und Tiefen und immer »sozial« und »demokratisch« geprägt (Rauner war seit 1922 Mitglied der SPD). Statt eines biographischen Abrisses hier einige Episoden und Erinnerungen, die den Menschen Hellmuth Rauner charakterisieren:

Nach 1945 war das Backen von Brot eine besonders wichtige Aufgabe. Zur Einweihung eines neuen Backbetriebes in Ottendorf-Okrilla sollte jeder Abgeordnete ein Brot erhalten. Doch Hellmuth Rauner, damals Präsident des Kreistages, widersprach: Im Kreis gab es zig Alten- und Kinderheime, Pflegebedürftige, Ausgebombte, Umsiedler – sie sollten mal etwas mehr Brot bekommen. Manche der Abgeordneten knurrten, die meisten stimmten ihm zu. So kamen die Brote einem sozialen Zweck zugute. Neben der unmittelbaren Not der Nachkriegszeit hatte der Funktionär aber auch die Zukunft im Blick. Als Pläne diskutiert wurden, Rebflächen umzuackern, um dafür Kartoffeln und Gemüse anzubauen, »…damit die Kinder satt würden«, wehrte sich Rauner dagegen. Der Gedanke zog zwar, doch die Zerstörung der Lößnitzlandschaft wollte er nicht dulden und mit verantworten. Schon 1950 war der kritische Genosse seine Funktion als Kreistagspräsident wieder los und konnte sich fortan umso intensiver der Kulturarbeit widmen.

Hellmuth Rauner 1952 (Stadtarchiv Radebeul)

Sohn Ulrich erinnert sich, dass mancherlei Ideen am runden Tisch im Wohnzimmer des Elternhauses in der Käthe-Kollwitz-Straße konkrete Gestalt annahmen, so zum Beispiel die Aufsehen erregenden Radrennen um den »Avanti-Preis«. Hellmuth Rauner arbeitete ein Netzwerk der Verantwortlichkeiten aus, und die Organisation klappte. Frau Helene war die Seele dieses Hauses sowie der Familie und hielt ihm, dem Vielbeschäftigten, den Rücken frei. Und die Kinder – kamen sie nicht zu kurz? Sie konnten über all ihre Probleme mit ihrem Vater sprechen; es hätten auch noch mehr sein können! Immer hatte er Zeit und ein offenes Ohr für seine Söhne.

Zu zahlreichen Künstlern, für die er ein verständnisvoller Gesprächspartner war, hatte Hellmuth Rauner freundschaftliche Kontakte, so zu Rudolf Nehmer, Bernhard Kretzschmar und Walter Howard. Zu diesem sagte er einmal: »Wenn Du schon in Radebeul wohnst, dann solltest Du auch der Stadt etwas hinterlassen!« War es der Anstoß zu den »Sternguckern«? Herzlich waren die fast nachbarschaftlichen Beziehungen zum Maler Paul Wilhelm und dessen Frau Marion, der »Wilhelmine«, wie sie von Rauners liebevoll genannt wurde. Paul Wilhelm hatte Hellmuth Rauner und seine Kinder portraitiert, und auch »Die Weinlese« gehört zum Ambiente im Wohnzimmer der Familie.

Hellmuth Rauner wollte immer etwas Positives für seine Heimatstadt – Radebeul war es bald geworden – bewirken, und er setzte dabei darauf, dass »bei einer zielbewussten Lenkung der Bereitschaft unserer Bürger Großes und Vorbildliches geschaffen werden kann«. Er ging mit bestem Beispiel voran. Seine 1970 entstandenen Pläne zur kulturellen Entwicklung Radebeuls gingen bis in das Jahr 2000, doch sie wurden als Utopien abgetan.

Rauner – vielseitig interessiert – war als Vorsitzender der Ortsgruppe des Kulturbundes (1947-1964) der beste Sachwalter für breit gefächerte Hobbys. Philatelie, Numismatik, Fotografie, Natur- und Heimatfreunde, Denkmalpflege, Gerhart-Hauptmann-Archiv etc. hatten im Kulturbund ihre Dachorganisation und konnten selbstständig agieren. Auch die Indianistikfreunde fanden hier ihre Heimstatt sowie die Pirckheimer-Gesellschaft. Fritz Treu wurde von Hellmuth Rauner zu deren Leitung ermuntert: »Du schaffst das!«

Grabmal Rauner, Johannesfriedhof Radebeul (F. Andert)

Rauners Vorliebe galt dem Wein und allem »Zubehör«. Als Pfadfinder und noch als jung Verheirateter war er ihm abhold gewesen: »In mein Haus kommt kein Wein!« Doch der spätere Küfermeister hatte seinen Sinn gewandelt, liebte Geselligkeit und Fröhlichkeit, machte Weinproben zum Erlebnis, auch wegen der Geschichten drumherum, die er gern zum Besten gab. Er wurde zum Sammler von Gläsern, Humpen, Weinetiketten, Büchern. »Ich sammle aus Freude am Sammeln und um diese Freude weiterzugeben an den Betrachter.« Wie groß muss seine Enttäuschung gewesen sein, als er feststellte, dass Teile seiner »Weinsammlung«, die er dem Heimatmuseum Hoflößnitz übereignet hatte, verschwunden waren. Auch das »Verschwinden« der ›Vorschau‹, die er in den 50er Jahren mit aus der Taufe gehoben hatte, hatte er erleben müssen. Er ließ sich in seinem Engagement nicht beirren und setzte sich bis zum Lebensende weiter für die Bewahrung des kulturellen Erbes ein. Und für den Wein – »DE VITE VITA« ist über einem Weinstock in sein Grabkreuz auf dem Friedhof an der Johanneskapelle geschnitzt, ein lateinisches Wortspiel, das man etwa so übersetzen könnte: »Von der Rebe kommt der Genuss des Lebens.«

Lässt sich ein Fazit über Hellmuth Rauner ziehen? Das haben schon Zeitgenossen getan, die seine Herzensgüte, Aufrichtigkeit, Anständigkeit, Aufgeschlossenheit, Rührigkeit, sein Verantwortungsgefühl und auch seine kritische Distanz hervorhoben. Und was würde er zu unserer Zeit sagen? Er wäre über die Vereinigung beider deutscher Staaten glücklich! Sie hätte seinen Lebenstraum von Frieden – Freiheit – Einheit ergänzt!

Noch wir Heutigen haben dem Ehrenbürger Hellmuth Rauner manches zu danken.

Erika Krause (IG Heimatgeschichte)

[V&R 10/2010, S. 16-18]

Vereinfachte Vorschriften oder »Säge frei«?

Teil 2: Was sagen die Naturschutzverbände?

In der August-Ausgabe hat die ‚Vorschau‘ die Pläne der Staatsregierung für eine Vereinfachung des Umweltrechts vorgestellt, die erhebliche Änderungen im Bereich des kommunalen Baumschutzes vorsehen – das Fällen von Bäumen auf bebauten Privatgrundstücken soll deutlich vereinfacht werden. Über die Haltung der Landtagsfraktionen zu dieser Frage wurde berichtet und darüber, wie die geplanten Änderungen von den zuständigen Mitarbeitern der Radebeuler Stadtverwaltung beurteilt werden. Aber natürlich bewegt das Thema nicht nur Parteien und Kommunen, sondern auch die Naturschützer. Wie zu erwarten war, sind die von dem Entwurf nicht gerade begeistert. Die beiden bekanntesten Naturschutzverbände, die in unserer Region tätig sind, sollen hier zu Wort kommen.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), den es auf Bundesebene schon seit 35 Jahren und in Sachsen seit 20 Jahren gibt, setzt sich für alle Umweltbelange, aber speziell auch für die »Erweiterung und den Erhalt des Baumbestandes im Stadtgebiet« ein, ist auf seiner Internetseite zu lesen. Zahlreiche Pflanzaktionen zeugen davon. Die Vorsitzende der Ortsgruppe Radebeul, Brigitte Heyduck, bedauert, dass es auch in Radebeul Menschen gibt, denen große Bäume eher eine Last sind. Sie weiß: »Görlitz hat bereits die Erfahrung gemacht, dass nach Aufhebung der Baumschutzsatzung Fällungen in erheblichem Umfang stattfanden, so dass die Stadt sehr schnell eine neue Baumschutzsatzungen verabschiedet hat.«

Die zurzeit geplanten Einschränkungen der bestehenden Satzungen gehen aus Sicht des Umweltschutzes zu weit. Der Charakter Radebeuls, der über weite Bereiche von Villenbebauung mit zugehörigen großen Gärten und Laubbaumbestand geprägt sei, drohe durch umfangreiche Fällungen verloren zu gehen. Aufgrund der Altersstruktur des Baumbestandes sind nach Meinung des BUND überdies Neupflanzungen dringend geboten, um bei altersbedingtem Ausfall großer Bäume zumindest perspektivisch einen Ersatz zu schaffen. Die positiven Auswirkungen großkroniger Bäume (besonders Laubbäume) auf das Stadtklima und die Luftqualität würden oft unterschätzt oder gar übersehen.

Brigitte Heyduck kann das Anliegen der Initiatoren (vor allem FDP) zwar verstehen, die bürokratischen Hürden senken zu wollen, Vorschriften zu vereinfachen und Hausbesitzern mehr Eigenverantwortung zu lassen, aber sie weist auf den Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes hin: »Eigentum verpflichtet«. Das bedeute, dass man als Eigentümer eines Grundstücks mit Baumbestand verpflichtet sei, sorgsam damit umzugehen und sich bewusst zu machen, dass man damit auch dem Wohle der Allgemeinheit diene. Bäume seien nun mal die größten Sauerstofflieferanten und selbst einzelne Baumfällungen beeinflussten das Klima negativ.

Bereits Mitte Juni hat der BUND eine Stellungnahme an die Sächsischen Landtagsabgeordneten übergeben und an sie appelliert, sich gegen die »Zerschlagung der kommunalen Baumschutzsatzungen« auszusprechen und den Sach- und Fachargumenten, die eindeutig für deren Erhalt sprächen, »Vorrang gegenüber dem politischen Kalkül einzuräumen. Die Menschen und Bäume in Sachsen werden es Ihnen danken!« Ähnlich wie die Oppositionsfraktion im Landtag weist auch der BUND darauf hin, dass das Gesetz in die kommunale Planungshoheit eingreifen und die Siedlungsentwicklung negativ beeinflussen würde, »ganz zu schweigen von den ökologischen Folgen«.

Nicht anders argumentiert der Naturschutzbund Deutschland (NABU). Er wurde schon vor 111 Jahren als »Bund für Vogelschutz« gegründet, den Landesverband Sachsen gibt es seit 20 Jahren. Deutlich ist schon die Pressemitteilung überschrieben: »Gesetzesänderung öffnet dem Kahlschlag Tür und Tor. NABU fordert: Kommunale Baumschutzsatzungen erhalten!« Schließlich verfügen 85 Prozent der Gemeinden in Sachsen über gute kommunale Baumschutzsatzungen, die sich bewährt hätten, nun aber drohe ein »Freibrief zum Kahlschlag auf Wohngrundstücken.« Dr. Peter Hummitzsch, der Vorsitzende der Fachgruppe Radebeul, meinte öffentlich: »Die Gesetzesinitiative ist dazu angetan, unter dem Deckmantel der Entbürokratisierung das Naturschutzrecht in Sachsen weiter aufzuweichen.«

Schwarzpappel / Foto: H. Valerius-Hooge, SDW

Speziell was die Auswirkungen des Gesetzes auf den Artenschutz betrifft, macht der NABU gravierende Bedenken geltend. Dazu, dass Nadelbäume, Pappeln und Birken auf bebauten Grundstücken in Zukunft generell vom kommunalen Baumschutz ausgenommen werden sollen, heißt es in einer Presseerklärung: »unter diesen befinden sich auch streng geschützte Arten, wie die Moorbirke, die Schwarzpappel und die Weißtanne. Die letztgenannten Arten sind laut Roter Liste Sachsen sogar vom Aussterben bedroht.« Noch fataler sei die geplante pauschale Fällgenehmigung für abgestorbene Bäume: »Diese unterliegen oft dem gesetzlichen Biotopschutz, insbesondere, wenn sich Höhlen in diesen Bäumen befinden. Und auch hier sind die Bestimmungen des Artenschutzes zu beachten, denn abgestorbene Bäume werden von vielen verschiedenen Arten – zum Beispiel von Fledermäusen und Insekten – als Wohn- und Fortpflanzungsstätte genutzt.«

»Offensichtlich ist man sich in der Politik über die Tragweite des Gesetzentwurfs nicht bewusst«, glaubt deshalb der NABU-Vorstand und schießt daraus für das eigene Handeln: »Wir Naturschützer haben die Pflicht, den Grundstücks-Eigentümern zu helfen, ihre diesbezüglichen Wissenslücken zu schließen. Ziel unserer Bemühungen muss sein, gemeinsam mit der Politik nach Kompromissen zu suchen, die unsere wertvollen Gehölze erhalten und auch das Anliegen der Politik nach Bürokratieabbau berücksichtigen.«

Im September 2010 soll im Landtag über den Gesetzentwurf abgestimmt werden.

Kein »helles Schlaglicht«. Zur neuen Sonderausstellung der Hoflößnitz

In jüngster Vergangenheit hat uns das Weingutmuseum Hoflößnitz, das sich neuerdings, ohne viel Aufhebens von der Neuerung gemacht zu haben, »Sächsisches Weinbaumuseum« nennt, mit seinen wechselnden Ausstellungen nicht eben verwöhnt. Die letzte wirklich sehenswerte historische Sonderausstellung, damals zur Geschichte des Terrassenweinbaus, liegt schon etliche Jahre zurück. Umso gespannter richten sich die Blicke nun auf die erste Schau unter der neuen Museumsleitung: »Erinnerung + Verantwortung. Sächsischer Weinbau im Nationalsozialismus«. Da sich die Exposition auch gleich höchster politischer Aufmerksamkeit erfreuen durfte, kann auch die Vorschau daran nicht kommentarlos vorbei. Gleich zwei Redaktionsmitglieder haben ihre Gedanken dazu zu Papier gebracht.

Mutiger Tabubruch und enttäuschte Gesichter

Das Thema Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im sächsischen Weinbau in den 30er und 40er Jahren, ein politisch-menschliches Thema, hatte die neue Leitung der Hoflößnitz aufgegriffen und als Ausstellung gestaltet. In verschiedener Hinsicht eine schwere Aufgabe; der Mut, sie jetzt anzugehen,  verdient Anerkennung.

Die Ankündigung der Ausstellung von Frau Dr. Giersberg in Heft 8 von ›Vorschau & Rückblick‹ hat neugierig gemacht, aber auch polarisiert – so hörte ich auch Stimmen von Radebeulern, denen die Hoflößnitz nicht fremd ist, dass das nicht ihr Thema sei.

Zur Eröffnung am Abend des 27. Juli 2010, einem schönen Sommerabend, waren im Hof des Weinguts schätzungsweise 250 Gäste erschienen, so viele wie der Festsaal sicherlich nicht gefasst hätte. Hier ein paar Passagen aus den Beiträgen der Festredner:

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich näherte sich dem Thema in seiner Rede über den lateinischen Spruch »in vino veritas« – die Suche nach der Wahrheit verlange es von uns, eine Stellung zu dem Thema einzunehmen, weiteres Verschweigen sei keine Lösung!

Bert Wendsche, Radebeuls OB, versuchte den Vergleich mit einem Puzzle, wenn er sagte, dass Geschichte, hier die des Radebeuler Weinbaus, sich immer aus vielen Puzzleteilen zusammenfüge. Bisher hätte ein wichtiges Teil im Puzzle gefehlt, das wir heute hinzufügen könnten.

Museumsleiterin Dr. Bettina Giersberg, stellte in ihrer Rede dar, dass nun endlich die Leistungen der Kriegsgefangenen zweier Weltkriege (bereits 1916 halfen französische Gefangene den Kötzschenbrodaer Wasserturm zu errichten) und Zwangsarbeiter in Radebeul mit Rodungsarbeiten, Mauersanierung und Setzen neuer Weinstöcke und den damit verbundenen Leiden erstmals öffentlich gewürdigt werden könne. Dabei solle die Beteiligung und Schuld der Deutschen nicht geleugnet werden, wir müssten aber lernen, mit der Erinnerung oder Überlieferung richtig umzugehen.

Dr. Dieter Schubert, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Weinbaumuseum Hoflößnitz, betonte: Mit der Ausstellung werde ein Tabu gebrochen, nach 65 Jahren könne über das Thema gesprochen und eine Ausstellung gezeigt werden. Die Arbeit der Menschen in der Zeit des so genannten 3. Reichs im Weinberg zeige eine politische Dimension, die bisher keine andere Ausstellung in der Hoflößnitz hatte. Dabei sollten wir auch die schwere Arbeit unserer Winzerfrauen sehen und würdigen, deren Männer als Soldaten und spätere Gefangene lange abwesend waren.

Beim anschließenden Betrachten der Ausstellung waren dann nicht wenige erstaunt, wie klein diese Ausstellung eigentlich ist – ein Zimmer und der Vorraum im Kavalierhaus, mehr nicht! Allerdings waren die Dokumente vorwiegend authentisch, gut ausgewählt und mit neuem Ausstellungsmobiliar entsprechend präsentiert. Lag die Beschränkung daran, dass aus der Zeit so wenig ausstellbares Material vorlag, oder lag es nur an den räumlichen Möglichkeiten? Eine gewisse Enttäuschung war in Gesprächen der Besucher zu spüren, zumal für die Sonderausstellung noch extra Eintritt erhoben wird. Der Sinn der auf der Südseite dem Kavalierhaus angefügten halbrunden Wand mit Gucklöchern und einer Kötzschenbrodaer Fototapete auf der Innenseite war schwer nachzuvollziehen. Wollte man so durch eine aufwändige Verdunklung des Raumes irgendwie die »finstere Zeit« von 1933 bis 1945 suggerieren?

Auf unseren OB hatte man es gleich mehrfach abgesehen: Der Ministerpräsident sprach ihn mit Herr Doktor an – was nicht ist, kann ja noch werden –, und die 3. Ausgabe des Blättchens »Hoflößnitzer Sommerspiele« kennt gar einen Bernd Wendsche, der so zeitweise auch auf der Internetseite der Hoflößnitz in Erscheinung trat…

Aus Anlass der Ausstellung wurde in der Spitzhaustreppe eine Messingtafel angebracht, die an die Arbeit der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter erinnert und sie würdigt. Eine gute Idee als begleitende Maßnahme, hoffen wir, dass die Tafel lange hält bzw. bleibt!

Dietrich Lohse

Ein optisch ansprechender Vorgeschmack

Warum sich einige unserer Stadträte ein reflexartiges Murren nicht verkneifen konnten, als das Thema der neuen Sonderausstellung vor einem Dreivierteljahr bekannt wurde, hat sich mancher gefragt. Dieser falsch verstandene Lokalpatriotismus weniger wird Radebeul nun in fast jedem Pressebericht über die Ausstellung neu unter die Nase gerieben. Die Ausstellungsmacher hätten sich das besser nicht wünschen können, denn derartiger »Widerstand« bedient ein Klischee, trägt zur Aufmerksamkeit bei und fördert die allgemeine Unterstützungsbereitschaft. Stadt und Land, die eigene und andere Stiftungen stellten sich voll hinter das Projekt, und großzügige Sponsoren wurden gefunden. Dass die Liste der Danksagungen, auf der die eingangs erwähnten Stadtverordneten eigentlich mit hätten verzeichnet sein müssen, nun fast so lang ausfällt wie die Liste der Exponate, zeigt ebenso wie der Besucheransturm zur Eröffnung, dass das Projekt in Wirklichkeit offene Türen einrannte. Das ist allerdings auch eine schwere Hypothek, denn das forsch und groß formulierte Thema und die vollmundigen Ankündigungen weckten natürlich Erwartungen, die de facto von vornherein – ohne wissenschaftlichen Vorlauf und auf engstem Raum – auch nicht ansatzweise zu befriedigen waren.

Der sächsische Weinbau im Nationalsozialismus – dieser »noch viel zu wenig beleuchtete Bereich der sächsischen Regionalgeschichte« wird leider (anders, als es die Einleitung verspricht) auch in der neuen Ausstellung viel zu wenig beleuchtet. Erinnert werden soll daran, dass Weinbau harte Arbeit ist (kein Winzer wird das bestreiten), dass der sächsische Weinbau in den 30er Jahren stark gefördert wurde (ein dunkles Geheimnis war das für Interessierte nicht) und dass während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Kriegsgefangene und »Fremdarbeiter« unter oft unmenschlichen Bedingungen zwangsweise im sächsischen Weinbau arbeiten mussten. Als Fußnote zur Bemerkung, dass das Schicksal der Letzteren durch diese Ausstellung erstmals öffentlich gewürdigt werde, eine der Kernthesen des formulierten Anliegens, hätte man sich zumindest einen kurzen Hinweis auf die akribischen Recherchen von Eberhard Sennewald zum Kriegsgefangenenlager Hoflößnitz gewünscht, deren Ergebnisse schon 2006 auszugsweise in der ›Vorschau‹ publiziert worden sind. Damals ging es zwar nur um ein Beispiel, aber wie anders lassen sich Schicksale anschaulich vermitteln – durch ein paar karge, im Brustton politisch korrekter Betroffenheit servierte Informationshäppchen eher allgemeiner Natur jedenfalls kaum.

Die Idee, für die kleine Sonderausstellung extra Eintritt zu erheben, überrascht angesichts des politischen Bildungsanspruchs. Touristische Museumsbesucher zahlen in diesem Jahr (Jugendliche ausgenommen) ohnehin mehr als im letzten, und was die Einheimischen betrifft, die sich vielleicht lediglich die Sonderausstellung ansehen möchten und die es gilt, wieder stärker für die Hoflößnitz zu interessieren, hätte man sich daran erinnern können, dass sie es sind, die das Museum – über den städtischen Haushalt – maßgeblich finanzieren. Genau genommen kostet der volle Eintritt nämlich auch nicht zwei, sondern fünf Euro. Denn ohne die lesenswerten, aber nicht wirklich vertiefenden Texte im für drei Euro erhältlichen Begleitheft, das aus unerfindlichen Gründen als »Begleitband« bezeichnet wird, bleiben die historischen Zusammenhänge des Themas und die Kapitelgliederung der Ausstellung praktisch unverständlich. Am Platz kann es nicht gelegen haben, dass diese kurzen Texte in der Ausstellung selbst nicht zu lesen sind, denn obwohl bedauernd darauf hingewiesen wird, wie wenig Ausstellungsfläche zur Verfügung stand, macht der kleine Ausstellungsraum einen erstaunlich aufgeräumten Eindruck.

Von der gestalterischen Seite betrachtet, ist die Schau sehr ansprechend, auch wenn man – die Budgetdiskussionen der letzten Jahre im Hinterkopf – lieber nicht fragen will, was der Spaß gekostet hat. Gediegen gearbeitete Aufsteller geben zusätzliche Präsentationsmöglichkeiten, und die als Blickfang eingearbeitete Kopie eines zeitgenössischen Glöckner-Sgraffitos verfehlt ihre Wirkung nicht, auch wenn sie die Ankündigung, man würde vorwiegend bislang Ungesehenes präsentiert bekommen, gleich am Eingang mit einem Fragezeichen versieht. Der Grundgedanke war anscheinend, den vornehmen Minimalismus der Dauerausstellung auf die Sonderausstellung zu übertragen und die sorgfältig drapierten Exponate weitestgehend für sich sprechen zu lassen. Aussagekräftige Dokumente zum Thema zu finden, war jedoch offenbar ein großes Problem, und manchem Sachzeugnis hätte man den Mund ruhig etwas weiter öffnen können. Dass das Kavalierhaus, wo die Ausstellung gezeigt wird, selbst jahrelang als Kriegsgefangenenlager diente, wird beispielsweise nur en passant erwähnt. Und wenn das Glück den Machern etwa persönliche Erinnerungsstücke eines ehemaligen Zwangsarbeiters aus Belgien zuspielt, darunter ein Tagebuch, könnte sich das Publikum unter Umständen fragen, was denn da so drinsteht, wenigstens auf der aufgeschlagenen Seite. Hätte man die gleiche Sorgfalt wie auf die Inszenierung auch auf die Beschriftung der Exponate verwandt, wäre mancher Druckfehler vermeidbar und der blass-»rote Faden« der Exposition vielleicht deutlicher erkennbar gewesen. Gern reden wollten zahlreiche Zeitzeugen, hieß es im Vorfeld. Den Ertrag dieser Interviews sucht man im Moment noch vergeblich, aber ein bereits installierter Monitor deutet darauf hin, dass da noch etwas zu erwarten ist.

Warum wird dieses gediegene »Ausstellungsgesamtkunstwerk« überhaupt als Sonderausstellung vermarktet? Im Sinne der nachhaltigen Vermittlung der intendierten Botschaft und auch, um dem zweiten Wort im Titel – Verantwortung – zu entsprechen, wäre es vielleicht nicht unklug gewesen, die Schau als längst überfällige thematische Erweiterung der Dauerausstellung zu präsentieren. Der MP hätte sich dann zur Eröffnung zwar vielleicht vertreten lassen, aber man wäre auch nicht Gefahr gelaufen, von Besuchern, die den kurzen Rundgang vor Erwerb einer Eintrittskarte in Minutenschnelle absolviert haben, gefragt zu werden, wo denn die Sonderausstellung richtig losgeht, über die neulich so viel in der Zeitung stand. Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Beispiel übrigens nicht.

Man will nicht hoffen, dass diese Sonderschau, wie es im Begleitheft abschließend heißt, Standards für die Zukunft gesetzt hat. Sie bietet einen gestalterisch ansprechenden Vorgeschmack, ohne ihr großes Thema wirklich zu bewältigen. Die vorgetragenen Kritikpunkte sollen aber auch nicht falsch verstanden werden. Die derzeitige räumliche Situation des Museums lässt große Sprünge einfach nicht zu, und nach wenigen Monaten der Einarbeitung darf man von der neuen Leiterin, die ein schwieriges Erbe angetreten hat, keine Wunder erwarten. Bei aller Kritik ist es ausdrücklich begrüßenswert, dass sich das Weingutmuseum, das im neuen Konzept der »Marke Hoflößnitz« etwas ins Hintertreffen zu geraten schien, dieses Themas angenommen und überhaupt unter neuer Leitung wieder einen Draht nach außen gesucht und gefunden hat.

Frank Andert

[V&R 9/2010, S. 11-16]

Radebeuler Ehrenbürger (Teil 6): Paul Wilhelm

Nach 1933 wurde in Radebeul mit Ehrenbürgerrechtsverleihungen lange pausiert. In den Akten finden sich zwar noch zwei Vorschläge: 1934 wurde die Ehrenbürgerschaft für Zirkusgründer Hans Stosch-Sarrasani diskutiert und 1944 die für die Schriftstellerwitwe Klara May. Das NS-Regime hatte aber bereits im August 1933 »verfügt, dass künftighin nationalsozialistische Gemeindevertretungen den Antrag auf Verleihung von Ehrenbürgerrechten nur noch in ganz außergewöhnlichen Fällen stellen dürfen.« Und im Oktober 1940 wurde den Gemeinden mitgeteilt: »Nach einer Entscheidung des Führers dürfen Ehrenbürgerrechte während der Dauer des Krieges […] allgemein nicht mehr verliehen werden.« Die vorgeschlagenen Ehrungen unterblieben deshalb. – Erst mehr als ein Jahrzehnt nach Kriegsende wurde die höchste städtische Auszeichnung erstmals wieder verliehen. Der neue Ehrenbürger war diesmal kein Beamter, Politiker oder Industrieller, sondern einer der bekanntesten Künstler der Lößnitz, der Maler Professor Paul Wilhelm.

Am 29. März 1886 im thüringischen Greiz als Sohn eines Kaufmanns geboren, hatte Paul Alfred Wilhelm früh ein ausgeprägtes Interesse sowohl für die Kunst wie für Naturwissenschaften entwickelt. Nach dem Realgymnasium entschied er sich für den Künstlerberuf, bezog 1904 die staatliche Kunstgewerbeschule in Dresden und im Jahr darauf die dortige Kunstakademie, wo er bis 1912 studierte, zuletzt – zusammen mit Karl Kröner – als Meisterschüler von Gotthardt Kuehl.

Bereits 1909 entstanden in Wyk auf Föhr Bilder, welche durch die flächig gesetzten, gedämpften Farben als »typisch Paul Wilhelm« bezeichnet werden können. Im gleichen Jahr stellte er in der Berliner und Münchner Sezession aus, und als 25-Jähriger hatte er in der Galerie Emil Richter an der Prager Straße seine erste größere Einzelausstellung, durch die auch bedeutende Sammlungen auf den jungen Maler aufmerksam wurden.

Gerade in dieser Zeit wandte er sich immer mehr der Darstellung von Landschaften zu. So ist es kein Zufall, dass er der Großstadt 1911 den Rücken kehrte und in die Natur zog, ins Turmhaus des Grundhofs in Niederlößnitz. Dort wohnte er zunächst mit Wilhelm Claus und später mit Karl Kröner, bevor er 1920 mit seiner amerikanischen Frau Marion in ein eigenes Haus auf dem Gradsteg zog. Die Lößnitz wurde ihm schnell zur eigentlichen Heimat. »Ich bin oft gereist«, schrieb er 1956 und bekannte: »Wo ich auch war, ich hatte stets Heimweh nach Radebeul. Erst wenn ich vom Zugfenster die Lößnitzhöhen liegen sah, verging es.«

Paul Wilhelm, Hügellandschaft 1934

In Paul Wilhelms Oeuvre überwiegen helle, impressionistische Farben. In einer kurzen Phase nach dem I. Weltkrieg entstanden jedoch viele dunkle, melancholische Bilder. Obwohl er zu hellen und fein aufeinander abgestimmten Farben zurückkehrte, ist die stille Schwermut und Sachlichkeit von da an in all seinen Werken zu finden. Wie sein Künstlerkollege Karl Kröner widmete sich Wilhelm im Sujet vor allem den Hügeln der Lößnitzlandschaft. Bis ins hohe Alter entstanden unzählige Aquarelle, Skizzen und Ölbilder von den Weinbergmauern, Winzerhäusern und verschlungenen Wegen. Wilhelms Bilder sind trotz ähnlicher Motive und Farbwahl experimenteller und expressiver durchgestaltet – verstärkt durch einen deutlich freieren Farbauftrag, der in groben nebeneinander gesetzten Flächen die Strukturen modelliert. Ob der fein durchgebildeten Vegetation wird Wilhelm als der »Gärtner« der Lößnitz bezeichnet, wohingegen Kröner – der klaren Strukturierung und der geraden Linien wegen – eher als der »Architekt« der Landschaft gilt.

Paul Wilhelm unternahm immer wieder ausgedehnte Reisen und brachte vor allem aus England und Italien viele Impressionen mit. Seine Aquarelle von der Amalfiküste, aus Pompeji oder vom Albaner See haben einen vergleichsweise strengen Bildaufbau und sind zugleich von einer lebendigen Farbigkeit. Die englischen Bilder der 30er Jahre waren konstruktiv noch stärker durchgestaltet, es überwogen jedoch Grau- und Brauntöne.

Enge Wegbegleiter von Paul Wilhelm waren neben Kröner Johannes Beutner, Hans Jüchser, Fritz Winkler, Erich Fraaß und Otto Griebel, mit denen er sich 1932 zur Gruppe der »Aufrechten Sieben« zusammenschloss. Zu deren Treffen kamen gelegentlich auch Josef Hegenbarth und Theodor Rosenhauer. Der Zusammenschluss fand nicht primär aus künstlerischen Gründen statt, sondern um eine Verbindlichkeit für Treffen und Wanderungen zu schaffen, auf denen man sich unbeobachtet über die Geschehnisse der Zeit austauschen konnte. Während der NS-Zeit zog sich Paul Wilhelm noch stärker auf das politisch neutrale Genre der Landschaftsmalerei zurück. Entkommen konnte er den Zeitläuften nicht, 1944 wurde er mit 58 Jahren noch zur Kriegsmarine eingezogen und kehrte erst Ende 1945 aus englischer Gefangenschaft nach Radebeul zurück, um sich sofort wieder an die schöpferische Arbeit zu machen.

Paul Wilhelm, Selbstbildnis mit Hut (Städt. Kunstsammlung Radebeul)

Auch nach dem II. Weltkrieg knüpfte Paul Wilhelm, 1946 in Dresden zum Professor ernannt, wieder an die nachimpressionistische »Schöne Malerei« an. Weder thematisierte er die Geschehnisse der vergangenen Jahre, noch wendete er sich der proletarisch-revolutionären Malerei zu. Es war sein Freund Karl Kröner, der sich dafür engagierte, dass die Werke der »Sieben« der Öffentlichkeit präsentiert wurden, und 1948 gab es zum ersten Mal eine Überblicksausstellung zu Wilhelms Schaffen in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Kröner resümierte damals: »Gehaltvolle Malerei […] ist sein Programm von jeher gewesen. Magische und verklärende Elemente spielen dabei eine entscheidende Rolle; ein seltsamer Himmel, ein die Dinge verzauberndes Licht.« 1956 wurde Wilhelm als erster Maler der DDR durch eine Ausstellung in der Nationalgalerie der Staatlichen Museen in Berlin geehrt. Ebenfalls aus Anlass seines 70. Geburtstags verlieh ihm die Stadt Radebeul im selben Jahr das Ehrenbürgerrecht.

Anfang der 60er Jahre schwanden seine Kräfte so sehr, dass sie nicht mehr für Ölgemälde reichten. Es entstanden fast ausschließlich Aquarelle, da sie in verhältnismäßig kurzer Zeit auszuführen waren. In seinem ganzen Schaffen ist Paul Wilhelms Stil immer weiter gereift. Sein Alterswerk ist nun die Essenz von allem. Dunkle Linien beherrschen das Bildgefüge, die Einzelformen schwinden. Die Farben nähern sich noch mehr an als zuvor, werden noch erdiger und dunkler. Thematisch in den Vordergrund rückte einerseits sein geliebter Rittersporn – seit 1925 hatte sich Wilhelm dessen Zucht verschrieben – und andererseits die Verarbeitung der Eindrücke der Italienreisen der frühen 20er Jahre. Anders als auf den 1922/23 entstandenen Aquarellen leuchteten die umbrischen Landschaften, Neapel, Rom und der Gardasee im Spätwerk nicht mehr, die Lichtreflexe fielen weg – stattdessen überwogen die schwarzen Linien, die feste Komposition und die harmonischen Farben.

Am 23. Oktober 1965 starb Paul Wilhelm in Radebeul. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof an der Johanneskapelle. 1967 wurde die frühere Brühlstraße ihm zu Ehren in Professor-Wilhelm-Ring umbenannt.

Annelie Krause

Anlässlich seines 125. Geburtstages findet 2011 in der Stadtgalerie Radebeul eine Paul-Wilhelm-Ausstellung statt; Vernissage ist am 18. März.

[V&R 9/2010, S. 17-20]

»Wandern und Malen ist Malen und Wandern!«

Dieter Beirich wird 75

Die Natur ist Dieter Beirichs großes Vorbild. Das Wechselspiel von Licht und Schatten, die Kontraste zwischen Bergen und Himmel oder Wäldern und Seen begeistern den Radebeuler Maler, seit er mit Pinsel und Farben hantiert. Die Erhabenheit der Berge hat es ihm besonders angetan, und sie spielt auch in seiner aktuellen, vom Kunstverein Meißen organisierten Ausstellung eine gewichtige Rolle. Diese trägt den Titel »Erlebtes und Erinnertes« und hat einen besonderen Hintergrund: Am 11. August feiert Dieter Beirich seinen 75. Geburtstag.

Geboren im Dörfchen Langenhennersdorf, war Beirich nach seinem Studium an der Dresdner HfBK von 1956 bis 1961 zunächst freischaffend tätig, bevor er dann von 1970 bis 1991 als Lehrer an der Pädagogischen Hochschule seinen Studenten künstlerische Praxis vermittelte. Bereits seit 1959 lebt Dieter Beirich in Radebeul. Fast genauso lange gibt es hier auch seinen Mal- und Zeichenzirkel, und es sind sogar noch Gründungsmitglieder von damals dabei.

Dem Künstler selbst scheint sein rundes Jubiläum nicht so wichtig zu sein. Deshalb wird er an diesem Tage wohl wieder, wie so oft, unterwegs sein, vielleicht wandernd im Gebirge, und sicher hat er sein Skizzenbuch zur Hand. Wer weiß, vielleicht entdeckt er ja dabei ein neues Grün, ein ganz anderes Weiß oder eine interessante Variante des von ihm oft thematisierten Gefühls von »Tristesse«.

Für die Meißner Ausstellung hat Beirich insgesamt 24 Arbeiten der letzten beiden Jahre ausgewählt. Allesamt spiegeln sie Eindrücke von erlebten und erinnerten Landschaften – die Alpen, das grüne Irland, die heimische Umgebung –, das Gros davon in Mischtechniken und in den für seine Malerei typischen kraftvollen farblichen Kontrasten. Dazu ist eine Auswahl an kleinformatigen Feder- und Tuschezeichnungen zu sehen. Darunter wirken die »Rietschkelandschaften« federleicht, während die »Triste Berglandschaft« in ihrer schroffen Unnahbarkeit den Betrachter schon mal schaudern lässt.

Der Mensch bleibt in der Regel außen vor in Beirichs Landschaften, sich selbst aber bringt er ab und zu mit unter, so zum Beispiel im Bild »Dieter mit zu kleiner roter Kappe«. Darauf sieht er sich so, wie ihn auch sein Freundeskreis immer wieder erleben kann – voller Humor. Wir wünschen ihm und uns, dass ihm dieser und seine Schaffensfreude noch lange erhalten bleiben möge!

Die Ausstellung »Erlebtes und Erinnertes« ist noch bis zum 7. August 2010 im Meißner Bennohaus am Markt 9 zu sehen.

W. Zimmermann

[V&R 8/2010, S. 18]

Vereinfachte Vorschriften oder »Säge frei«?

Das geplante Naturschutz-Änderungsgesetz und der Baumschutz in Radebeul

Noch ist es nicht soweit. Der Gesetzesentwurf der Staatregierung (CDU/FDP) wird derzeit noch im Landtag beraten. Aber auf Grund der Mehrheitsverhältnisse werden die Oppositionsfraktionen wohl kaum etwas dagegen ausrichten können. Schon im November könnte die Gesetzesänderung in Kraft treten, und die wird auch Auswirkungen auf die Gartenstadt Radebeul haben. Schließlich gibt es hier etwa 200.000 Bäume auf privaten Grundstücken und noch einmal etwa 13.000 Straßenbäume auf öffentlichem Gelände, da ist der Wald noch nicht mitgerechnet.

Vorgesehen ist, die sehr unterschiedlichen Vorgaben der bisherigen Kommunalen Baumschutzsatzungen sachsenweit aufzuheben und zu vereinheitlichen. In Zukunft sollen Obstbäume, Nadelgehölze, Pappeln, Birken, Weiden und abgestorbene Bäume auf bebauten Grundstücken nicht mehr geschützt sein und »sonstige Bäume« (wie Buchen, Eichen, Linden) auf bebauten Grundstücken mit einem Stammumfang bis zu einem Meter – gemessen in einer Stammhöhe von einem Meter – zum Abholzen freigegeben werden. Nur dicke, alte Bäume über einem Meter Umfang wären dann noch geschützt und dürften nur mit Genehmigung der jeweiligen Behörde gefällt werden. Nun streiten sich seit Monaten die Geister, ob das gut oder schlecht und wie überhaupt das Gesetz zu beurteilen ist.

Tino Günther, Landtagsabgeordneter der FDP, findet: »Die Vereinfachung der Fällgenehmigung ist ein weiterer Schritt der Entbürokratisierung.« Schließlich sei das schon Ziel seit der Einführung des Paragrafen-Prangers gewesen, dass nicht jeder Schritt und Schnitt von Privatpersonen gesetzlich geregelt ist. »Wir geben allen Grundstücksbesitzern und Kleingärtnern damit wieder mehr Freiheiten, über die Gestaltung ihrer Immobilie selbst zu entscheiden.«

Die CDU klingt nicht ganz so überzeugt. Andreas Heinz vom Arbeitskreis Ländlicher Raum, Umwelt und Landwirtschaft meint: »Der vorliegende Gesetzesentwurf ist ein guter Kompromiss. Sowohl die Forderungen der Bürger als auch der Kommunen konnten berücksichtigt werden.«

Die stärkste Oppositionsfraktion im Landtag, die LINKE, beurteilt den Gesetzesvorstoß als »verschlimmbesserte« Aufweichung der kommunalen Baumschutzsatzungen. »Das ist nicht die versprochene Baum-ab-Light-Version, sondern der Wegfall aller Schranken durch die Öffnung für sämtliche mit Gebäuden bebauten Grundstücke.« Daran ändere auch die »Sägegrenze« bei einem Meter Stammumfang nichts.

Wie zu erwarten, sind auch die GRÜNEN gegen die erleichterte Abholzung. Deren Abgeordneter Johannes Lichdi erwartet »fatale Folgen für Mensch und Umwelt«. Die Koalition versuche »schützenswerte Baumarten zu definieren« und der Entwurf enthalte »viele fachliche Ungereimtheiten«. Diese in einer erneuten Anhörung zu klären, hatte die Koalition abgelehnt. Teils verstoße das geplante Gesetz auch gegen den Arten- und Biotopschutz auf Bundesebene.

Abgesehen von den biologischen und juristischen Auswirkungen, hat die SPD auch die Finanzen im Blick: »Nach unserer Auffassung greift der neue Entwurf nicht nur in die Selbstverwaltung der Kommunen ein, sondern auch in ihre Finanzhoheit«. Auch dazu hätten die Kommunen angehört werden müssen.

In der Radebeuler Stadtverwaltung ist das zum Hoch- und Tiefbauamt gehörende Sachgebiet »Straßen und Stadtgrün« für den Baumschutz zuständig. Grundsätzlich sehen die beiden Mitarbeiterinnen, mit denen ich sprach, in dem überdurchschnittlich hohen Baumbestand Radebeuls »ein wertvolles Gut für das Klima, den Erlebniswert und die Attraktivität« unserer Stadt. Das neue Gesetz sehen sie nicht so pessimistisch.

»Bäume pflanzen und pflegen hat hier Tradition«, sagt Margit Schnitzer, die als Sachbearbeiterin tagtäglich mit Bäumen in der Stadt zu tun hat, »da werden Grundstücksbesitzer sich doch nicht selbst ihren Garten kahlschlagen!« Im Gegenteil, gerade in den letzten Jahren habe es Beispiele für private, vor allem Obst-Baumpflanzungen gegeben. Daraus schließt sie »ein gestiegenes Umwelt- bzw. Öko-Bewusstsein der Radebeuler Bürger.«

Auch Sachgebietsleiterin Marion Hartung setzt auf die Vernunft der Grundstücksbesitzer. Seit der DDR-Zeit und immer noch – zumindest in Radebeul – sind Bäume ab 30 cm Stammumfang geschützt, erklärt Frau Schnitzer. In anderen Orten (z.B. Görlitz) und im Westen der Republik sind Laubbäume erst ab 60 cm Umfang geschützt oder anders gesagt, bis zu dieser Grenze zum Fällen freigegeben.

Im Entwurf der Koalition sind zwar einige Baumarten aufgelistet, aber etliche fehlen auch. Sollten etwa Walnussbäume und Esskastanien so behandelt werden wie Obstbäume, da es sich auch um essbare Früchte handelt? Unklar ist auch, wie »bebaute Grundstücke« zu definieren sind. Wenn es nach dem sächsischen Baurecht geht, zählen auch Lauben dazu. Dann wären die Bäume auf den vielen privaten Grundstücken mit Gartenlauben auch in Gefahr. (Kleingärten rechnen extra, und Streuobstwiesen sind als Biotope geschützt.)

Pro und contra birgt das neue Verfahren auch in der Durchführung. Waren bisher die Genehmigungen gebührenpflichtig, so sollen sie in Zukunft kostenlos sein. Und Eile ist geboten in der Verwaltung. Denn wenn die zuständige Behörde einen Fällantrag nicht innerhalb von drei Wochen ablehnt, gilt die Genehmigung automatisch als erteilt – so sieht es der Entwurf vor. Das bedeutet aber auch für die Mitarbeiter in den Behörden: Hingehen, anschauen, prüfen und Stellungnahme abgeben. Wenn zukünftig alle erwähnten Bäume unter einem Meter Stammumfang nicht dazu zählen, weil sie für die Säge freigegeben sind, fällt diese Arbeit schon mal weg. Deshalb erwarten Ämter wie Grundstücksbesitzer eine bürokratische Erleichterung.

Die Stadtverwaltung rechnet damit, dass das Gesetz Ende dieses Jahres in Kraft tritt. Dann müssen die Radebeuler Stadträte der Satzungsänderung noch zustimmen. Tun sie das nicht, gibt es für die Bäume gar keinen Schutz mehr! (Fortsetzung folgt.)

Karin Funke

[V&R 8/2010, S. 19-21]

Neuerscheinung zur Geschichte Reichenbergs

Nicht nur Radebeul hat 2010 Grund zum Feiern, auch in unserem Nachbardorf Reichenberg steht heuer ein Jubiläumstermin im Kalender: Vor 775 Jahren taucht der Ort als »villa Richenberc« erstmals in der schriftlichen Überlieferung auf. Da aus dem Inhalt der entsprechenden Urkunde von 29. November 1235 hervorgeht, dass das Dorf damals schon seit Generationen bestanden haben muss, durfte man sich ohne Bauchschmerzen die Freiheit nehmen, das große, mit viel Liebe gestaltete Dorffest zum Jubiläum schon im Sommer zu feiern. Und damit auch was Greifbares zum Nachdenken bleibt, erschien pünktlich zum Fest im Radebeuler Notschriften-Verlag eine bemerkenswerte Publikation zur Reichenberger Geschichte.

Autor Dieter Krause (*1961), der bislang vor allem als Lyriker hervorgetreten ist, betrachtet seinen Heimatort darin, wie der Titel verrät, als »Punkt, durch den die Zeit treibt«. In fünf umfangreichen Kapiteln (eine stärkere Untergliederung wäre vielleicht wünschenswert gewesen) beschränkt er sich nicht darauf, die gerade für die Frühzeit recht dürftig tröpfelnden Geschichtsquellen zu einer Dorfchronik im traditionellen Sinne zu verarbeiten. Vielmehr geht es ihm auch darum, die Ereignisse und Entwicklungen, die der jeweiligen Epoche ihren Stempel aufgedrückt haben, zu verstehen und ihre Rückwirkungen auf das Dorf Reichenberg und das Leben der einfachen Leute zu beschreiben. Anders als der Wissenschaftler (aus Sorge um die Objektivität) oder der klassische »Heimathirsch« (aus Ehrfurcht vor den Fakten), gestattet sich der Autor dabei auch subjektive Deutungen, die man nicht teilen muss, denen sich aber meist nachzudenken lohnt.

Auch wenn es mitunter zwischen der großen und der kleinen Welt recht sprunghaft hin und her geht und die Sparsamkeit bei den Quellennachweisen etwas übertrieben wurde, kommt das Ortschronikalische nicht zu kurz. Als erster seit langem hat sich Krause dafür der Mühe unterzogen, die einschlägigen Aktenbestände im Staats- sowie im Reichenberger Gemeinde- und Kirchenarchiv zu durchforsten, denn Vorarbeiten gab es kaum.

Das reich illustrierte Buch (die Bildqualität hat im Druck leider etwas gelitten), das wegen der traditionell engen Verbindung zwischen Reichenberg und der Lößnitz auch für geschichtsinteressierte Radebeuler von Interesse sein dürfte, ist im Buchhandel oder direkt beim Verlag (www.notschriften.com) für den moderaten Preis von 6,90 Euro erhältlich. Wer noch ein Exemplar erwischen möchte, sollte nicht zu lange zögern. Dass die Reichenberger danach lechzten, zeigte sich schon bei der Buchpremiere am 27. Juni, die trotz des zeitgleich stattfindenden »Deutschlandspiels« großen Anklang fand.

F. Andert

Dieter Krause: Punkt, durch den die Zeit treibt. Zur Dorfchronik von Reichenberg. NOTschriften-Verlag Radebeul 2010, 86 Seiten, 6,90 €, ISBN 978-3-940200-51-8.

[V&R 8/2010, S. 22]

Radebeuler Ehrenbürger (Teil 5): Hindenburg, Hitler und Mutschmann

Die bisher vorgestellten Ehrenbürger von Kötzschenbroda und Radebeul waren zwar allesamt nicht hier geboren, aber seit langem ortsansässig und hatten sich die durch die Ehrung zum Ausdruck gebrachte Achtung und Dankbarkeit ihrer Gemeinden durch jahrzehntelanges Wirken zum Wohle derselben redlich verdient. Nicht behaupten kann man das von den »Ehrenbürgern« des Jahres 1933.

Die von den katastrophalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise überschatteten letzten Jahre der Weimarer Republik waren durch eine zunehmende Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung gekennzeichnet. Während die demokratischen Parteien nicht mehr in der Lage waren, stabile Regierungen zu bilden, und sich das gespaltene linke Lager selbst neutralisierte, vollzog sich ein geradezu kometenhafter Aufstieg der rechtsextremen NSDAP, die sich bei den beiden letzten demokratischen Reichstagswahlen vom 31. Juli und 6. November 1932 jeweils als deutlich stärkste Partei durchsetzen konnte. Hätte sich die SPD nicht dem Wahlbündnis aller demokratischen Parteien für Amtsinhaber Paul v. Hindenburg (1847-1934) angeschlossen, hätte der erst kurz zuvor eingebürgerte »braunschweigische Regierungsrat« Adolf Hitler (1889-1945) bei der Reichspräsidentenwahl im Frühjahr 1932 sogar gute Chancen gehabt, zum neuen Staatsoberhaupt gewählt zu werden. Dadurch, dass Hindenburg den von ihm noch 1931 abschätzig als »böhmischen Gefreiten« titulierten Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte, wurde er zum Totengräber der Weimarer Demokratie. Das Kalkül seiner Berater, Hitlers Massenbasis zur Verfolgung eigener Ziele zu benutzen, ging nicht auf. Stattdessen lieferte Hindenburg den Nazis mit den von ihm erlassenen Notverordnungen und seiner Unterschrift unter dem Ermächtigungsgesetz von 23. März 1933 die Vollmachten zum Aufbau einer unumschränkten diktatorischen Herrschaft und entmachtete sich damit selbst.

Radebeuler Tageblatt vom 27. April 1933

Preiswürdig war diese schwache Vorstellung nicht. Das sicherste Mittel, diese Tatsache zu verschleiern, bestand darin, den greisen Generalfeldmarschall mit öffentlichen Ehrungen zu überhäufen und – zur Betonung der Einigkeit der beiden vermeintlichen Retter der Nation – den jungen Reichskanzler gleich mit. Bereits im Februar 1933 setzte eine Welle von zumeist gemeinsam erfolgenden Ehrenbürgerrechtsverleihungen an Hindenburg und Hitler ein, die ab Mitte März zur regelrechten Flut anschwoll, und auch die Lößnitzgemeinden schwammen nicht gegen den Strom. Am 29. März 1933 wurden die vermeintlichen Dioskuren zu Ehrenbürgern von Kötzschenbroda ernannt, am 26. April zog Radebeul nach und einen Tag später auch die damals noch selbständige Gemeinde Oberlößnitz, die schon 1915 eine Straße nach Hindenburg benannt hatte. Lediglich in der traditionell SPD-dominierten Gemeindevertretung von Wahnsdorf, wo die NSDAP vor Ende Mai 1933 noch nicht über eine eigene Mehrheit verfügte, kam kein entsprechender Antrag zur Abstimmung, aber auch hier wurde, was in den anderen Lößnitzgemeinden längst geschehen war, bei erster Gelegenheit eine Straße, die bisherige Spitzhausstraße, »zu Ehren unseres Volkskanzlers und Führers« in Adolf-Hitler-Straße umbenannt.

An der Tatsache dieser Ehrungen beißt keine Maus einen Faden ab, gleichwohl gibt es gute Gründe, die Legitimität der damaligen Gremienentscheidungen in Zweifel zu ziehen, und überhaupt hatte die ganze Angelegenheit mehr als einen Schönheitsfehler. Die 1933 gültige sächsische Gemeindeordnung von 1923 enthielt, anders als die früheren Städteordnungen, keinerlei Bestimmungen zum Ehrenbürgerrecht. Seine Verleihung fiel damit unter die Angelegenheiten, über die die Gemeindeverordneten als gewählte Vertreter der Bürgerschaft endgültig zu entscheiden hatten, dazu reichte die einfache Mehrheit bei Anwesenheit von mindestens der Hälfte der Gemeindeverordneten. Aus der Ehrenbürgerakte von Kötzschenbroda geht hervor, dass bereits der Stadtrat – nach Ausschluss der beiden Vertreter der Linksparteien – am 22. März 1933 den »Beschluss« fasste, Hindenburg und Hitler zu Ehrenbürgern zu ernennen. Noch bevor die Stadtverordneten überhaupt mit dem Thema befasst wurden, erteilte man einen Auftrag zur Anfertigung der entsprechenden Urkunden. Die nachträgliche Legitimierung des Stadtratsbeschlusses durch die Stadtverordneten erfolgte nicht im Rahmen einer regulären Sitzung, sondern während einer »Besprechung« am 29. März, zu der die gewählten Verordneten der SPD und der KPD nicht geladen waren. Den Beschluss hätten diese zehn (von insgesamt 23) Stadtverordneten zwar nicht verhindern können, einstimmig wäre er bei ihrer Anwesenheit aber mit Sicherheit nicht ausgefallen.

In Radebeul und Oberlößnitz wurden die Beschlüsse über die Ehrenbürgerrechte für Hindenburg und Hitler Ende April jeweils in der ersten Sitzung der neuen Gemeindeverordnetengremien gefasst. Diese waren nicht aus Kommunalwahlen hervorgegangen, sondern nach den örtlichen Ergebnissen der nach der Machtübernahme der Nazis abgehaltenen Reichstagswahlen vom 5. März 1933 zusammengesetzt worden. Dabei wurden die KPD-Stimmen automatisch als ungültig gewertet, was der NSDAP in Radebeul eine knappe, aber sichere Mehrheit der Stadtverordnetensitze (10 von 19) eintrug. Auch hier geht bereits aus der Einladung zur Sitzung hervor, dass der Beschluss längst feststand. Über die Modalitäten der Abstimmung ist weder im Protokoll noch im ausführlichen Bericht des Radebeuler Tageblatts das Geringste vermerkt. Daher lässt sich auch nicht mehr feststellen, ob die fünf anwesenden SPD-Stadtverordneten – einer fehlte entschuldigt – den einstimmigen Ernennungsbeschluss aktiv mit vollzogen oder angesichts der Drohkulisse – die Einlasskarten für den Zuschauerraum waren größtenteils an in Uniform erschienene Vertreter von SA, SS und »Stahlhelm« verteilt worden – lediglich auf einen Einspruch verzichtet haben.

Radebeuler Tageblatt vom 13. September 1933

In Oberlößnitz war das Kräfteverhältnis eindeutig, sieben Gemeindeverordneten der NSDAP und dreien der rechtskonservativen »Kampffront Schwarz-Weiß-Rot«, darunter Hitlers späterer Schwager Martin Hammitzsch, standen im neuen Gremium lediglich zwei SPD-Verordnete gegenüber. Da die geltende sächsische Gemeindeordnung eindeutig festlegte, dass die Zahl der Gemeindeverordneten ungerade zu sein hatte, war dieses zwölfköpfige Gremium eigentlich nicht gesetzeskonform, aber das nur am Rande. Schwerer wiegt, dass der Gemeindeverordnetenvorsteher Alfred Tischer (NSDAP) seinen Antrag auf Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Hindenburg und Hitler damit begründet, dass der Sächsische Gemeindetag alle sächsischen Gemeinden darum gebeten habe, einen solchen Beschluss zu fassen – in dieser Formulierung eine klar falsche Behauptung. Auch hier fiel der Beschluss einstimmig aus.

Während die Stadt Kötzschenbroda eigene Ehrenbürgerurkunden für Hindenburg und Hitler anfertigen und per Post zustellen ließ, gingen Radebeul und Oberlößnitz auf das kostengünstigere Angebot des Sächsischen Gemeindetages ein, sich an gemeinsamen Ehrenbürgerbriefen der sächsischen Gemeinden zu beteiligen. Den Wettbewerb um die Gestaltung der Urkunde für den Reichspräsidenten gewann übrigens der Kötzschenbrodaer Gebrauchsgraphiker Walter Kluge, und der achtköpfigen Delegation, die Hitler seinen Ehrenbürgerbrief überbringen durfte, gehörte am 8. Februar 1934 – als einer von nur drei Bürgermeistern – auch das Radebeuler Stadtoberhaupt NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich Severit an.

Auch für den NSDAP-Gauleiter und NS-Reichsstatthalter Martin Mutschmann (1879-1947) bot der Sächsische Gemeindetag per Rundschreiben vom 2. Juni 1933 die Beschaffung eines gemeinsamen Ehrenbürgerbriefes der sächsischen Gemeinden an, die passenderweise von der Gauleitung gleich selbst organisiert wurde. Sowohl in Kötzschenbroda wie in Radebeul wurde dieses Angebot offenbar als Aufforderung verstanden, in dieser Richtung aktiv zu werden. Schon am 8. Juni wurde Mutschmann zum Ehrenbürger von Kötzschenbroda und am 13. Oktober 1933 auch von Radebeul ernannt, nach der »Gleichschaltung« der Stadtverordnetenkollegien eine reine Formsache. In diesem Falle bestanden jedoch beide Städte auf der Überreichung eigener Urkunden in repräsentativem Rahmen, um sich dem ungekrönten braunen Landesfürsten öffentlichkeitswirksam anbiedern zu können. Für die wieder an Walter Kluge vergebene Gestaltung der Kötzschenbrodaer Urkunde schrieb die Stadt als Bildmotiv Wackerbarths Ruhe vor. Bei der Überreichung am Rande einer Großveranstaltung des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) in Kötzschenbroda am 9. Juli 1933 begründete Bürgermeister Dr. Brunner diese Bildwahl mit dem Wunsch der Stadt, »dass dieses Kulturdenkmal unserer Lößnitz vielleicht einmal der Sommersitz des Herrn Reichststatthalters werden möge.« Dieser Wunsch erfüllte sich nicht.

Die politische Instrumentalisierung des Ehrenbürgerrechts durch die Nazis lässt sich kaum besser in Worte fassen, als sie in folgender Auslassung von Radebeuls Bürgermeister Severit in der Stadtverordnetensitzung vom 13. Oktober 1933 zum Ausdruck kommt: »Die Nationalsozialisten wollen durch Verleihung des Ehrenbürgerrechts dokumentieren, dass die höchste Würde, die die Stadt zu vergeben hat, die Männer erhalten, die zum Wohle des Volkes so große Aufgaben erfüllt haben und noch weiterhin erfüllen werden, wie sie in der großen kämpferischen Bewegung des Nationalsozialismus einzigartig und beispielgebend sind. Ein solcher Mann ist Sachsens Reichsstatthalter Martin Mutsch­mann, ein kerndeutscher Mann und Sachsens ältester, tatkräftigster und erfolgreichster Führer der deutschen Freiheitsbewegung, der in erster Linie durch seinen Kampf und seine Opferbereitschaft dazu geholfen hat, das marxistische Sachsen für den Nationalsozialismus zu erobern.« Im Sitzungsbericht heißt es weiter: »Der Redner beantragte, dem Herrn Reichsstatthalter das Ehrenbürgerrecht Radebeuls in Verehrung und Dankbarkeit zu verleihen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Stadtv.-vor­ste­her Gaertchen brachte ein begeistert aufgenommenes dreifaches Sieg-Heil auf den neuen Ehrenbürger Radebeuls aus, der neben dem Reichspräsidenten von Hindenburg und dem Führer und Volkskanzler Adolf Hitler der dritte ist, dem diese Würde verliehen wurde.« (Radebeuler Tageblatt, 14. 10. 1933) Nicht Verdienste um die Gemeinde, sondern nur Verdienste um die »Bewegung« qualifizierten nun also zum Ehrenbürger. – Kein Wunder, dass die Ehrenbürgerschaft für Robert Werner, nur sechs Jahre nach Verleihung, bei den in der gemeindlichen Selbstverwaltung durchweg unerfahrenen braunen Parteigenossen schon wieder vergessen war.

Severits Plan der Überreichung der vom Radebeuler Maler Max Brösel aufwendig gestalteten Ehrenbürgerurkunde an seinen Duzfreund Mutschmann im Rahmen einer NSDAP-Parteiveranstaltung (der Einweihung des »Martin-Mutschmann-Hauses« als neuem Sitz der Ortsgruppenleitung) zerschlug sich aus unbekannten Gründen. Möglicherweise hatte man in der Gauleitung registriert, dass der Name des Chefs in einer ersten schriftlichen Anfrage aus der Radebeuler Verwaltung gleich zweimal falsch geschrieben war. Offenbar erfolgte die Übergabe dann ganz ohne Zeremoniell am Rande einer Mutschmann-Visite im Karl-May-Museum kurz vor Weihnachten. Im Pressebericht über diesen Besuch wurde am 22. Dezember auch noch mal an Hitlers Versprechen vom Sommer 1933 erinnert »demnächst Radebeul und das Karl-May-Museum zu besuchen«. Im Radebeuler Tageblatt war diese Nachricht erstmals am 13. September 1933 direkt unter dem Abdruck von Hitlers Dankschreiben für das Ehrenbürgerrecht (die Originalbriefe von Hindenburg und Hitler hatte Severit sich in seinem Dienstzimmer an die Wand gehängt) veröffentlicht worden – eine von vielen Versprechungen, die der vieltausendfache »Ehrenbürger« nicht gehalten hat.

Nach dem Ende des »Tausendjährigen Reichs« sind die 1933 verliehenen Ehrenbürgerrechte in Radebeul nicht explizit widerrufen worden. Die für Hindenburg und Hitler hatten sich durch Tod ohnehin erledigt, das für Mutschmann dann spätestens mit Erlass der Direktive Nr. 38 des Alliierten Kontrollrats vom 12. Oktober 1946, die den Hauptschuldigen an den Verbrechen des NS-Regimes alle Sonderrechte aberkannte. Zu lernen gibt es aus dieser Episode einiges, zuvörderst, dass das Ehrenbürgerrecht, wenn es inflationär und/oder auf Druck einer wie auch immer ans Ruder gelangten dominanten Mehrheitspartei und zusätzlich vielleicht noch an Personen verliehen wird, die es sich, dem eigentlichen Sinn der genuin bürgerschaftlichen Auszeichnung nach, gar nicht verdient haben können, seinen Wert verliert.

Frank Andert

[V&R 8/2010, S. 10-14]

Der Architekt und Freimaurer Oswald Haenel und seine Oberlößnitzer Villa

»Denken, was wahr, und fühlen, was schön, und wollen, was gut ist: Darin erkennet der Geist das Ziel des vernünftigen Lebens.« Diese Weisheit Platos hatte sich der Architekt Oswald Haenel zur Lebensmaxime erkoren, und sie ließ er auch an prominenter Stelle an der Fassade seiner von ihm selbst im Stile des malerischen Späthistorismus entworfenen Villa Weinbergstraße 40 in Oberlößnitz anbringen. Spaziergängern dürften jedoch eher die aufwendigen Malereien ins Auge fallen, wenn sie durch das grüne Holztor auf den erhabenen Bau blicken – die Granatäpfel über den Säulen des Balkons, die Siegesgöttin mit dem Spruchband und der »Zeremonienmeister« am Turmzimmer. Dass darin auch eine Botschaft steckt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick.

Als Haenel die Villa 1894/95 durch die Firma Gebrüder Ziller errichten ließ, verfügte er bereits über fast drei Jahrzehnte Berufserfahrung. Am 12. September 1842 als Sohn des Königlich Sächsischen Oberlandbaumeisters Karl Moritz Haenel in Dresden geboren, hatte Oswald Johann Samuel Haenel nach dem Besuch der Gebhardt’schen Privatschule und der Neustädter Realschule 1860 ein Studium der Architektur aufgenommen. Bis 1863 lernte er am Königlich Sächsischen Polytechnikum Dresden und sammelte 1864/65 als Mitarbeiter im Architekturbüro Giese & Schreiber erste Erfahrungen in der Praxis. Von 1865 bis 1869 setzte er sein Studium an der Dresdner Kunstakademie im Atelier des Semper-Nachfolgers Georg Herrmann Nikolai fort und unternahm im Anschluss ausgedehnte Studienreisen u.a. nach Oberitalien, wo er offensichtlich nachhaltige Inspiration fand; auch sein Oberlößnitzer Domizil lässt noch den Einfluss der italienischen Villenarchitektur erkennen.

1871 gründete Oswald Haenel mit seinem ehemaligen Kommilitonen Bruno Adam ein eigenes Architekturbüro. Haenel übernahm dabei hauptsächlich künstlerische Aufgaben, Adam die geschäftlichen. Von den zahlreichen in der Zeit dieser Zusammenarbeit entstandenen Bauten sind leider nur wenige erhalten geblieben, darunter der 1875/76 ausgeführte Neubau des Großenhainer Rathauses, der Haenels Ruf als hervorragender Vertreter der deutschen Neorenaissance begründete. In Dresden entwarfen Haenel & Adam u.a. die im Zweiten Weltkrieg zerstörte komplette Bebauung am Sachsenplatz einschließlich der festungsartigen Jägerkaserne (1879/81). Nach der Trennung von Adam 1883 machte sich Haenel dann – von gelegentlichen Großprojekten wie dem Neubau der Königlichen Brand-Versicherungskammer am Dresdner Palaisplatz (1899) abgesehen – vor allem als Villenarchitekt einen Namen. Einige meisterhafte Beispiele dafür finden sich auch in der Lößnitz, darunter neben seiner eigenen die Fabrikantenvillen Clara-Zetkin-Straße 15 (1899, für Georg Gebler) und Schillerstraße 18 (1900/01, für August Koebig).

Von den zahlreichen Mitgliedschaften Oswald Haenels in Vereinen und Verbindungen sind einige von besonderer Bedeutung. Zu erwähnen ist seine Mitgliedschaft in der Freischlagenden Studentenverbindung »Polyhymnia« Dresden; für seinen Corpsbruder Fabrikdirektor Dr. Albin Jentzsch entwarf Haenel 1898/1899 die Villa Goethestraße 34 in Radebeul. Daneben war Haenel Mitglied im Dresdner Architekten-Verein, dessen Vorsitz er von 1896 bis 1898 innehatte, sowie der Dresdner und der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossenschaft. Am interessantesten jedoch ist seine Zugehörigkeit zur Dresdner Freimaurerloge »Zum Goldenen Apfel«. Am 4. November 1892 als Lehrling aufgenommen, bestand Oswald Haenel bereits 1893 die Gesellenprüfung, wobei er seine Ordensbrüder mit einem Vortrag über »den Architekten in seiner Beziehung zum Freimaurertum« beeindruckte. 1895 schließlich fand Haenels Meisterweihe statt; seine mit diversen Logensymbolen versehene Oberlößnitzer Villa stellte dabei mit großer Wahrscheinlichkeit sein Meisterstück dar.

Die Symbolik beginnt schon am Torbogen zur Straße. Dessen Schlussstein ist mit einer umgekehrten, abgebrochenen Säule mit Winkelmaß und Senkblei verziert, die die Umwandlung des rauen in einen behauenen Stein symbolisiert. Die abgebrochene Säule steht in der freimaurerischen Symbolik auch für das Ende, den Tod; durch ihre Umkehrung wird allerdings ein Neubeginn bezeichnet, welchen Haenel in seinem Beitritt zum Freimaurertum sah. Auch die zwei Säulen am südlichen Balkon des Hauses geben Material für Deutungen. Über den Säulen gelegene Fassadenmalereien, schmuckvolle Blüten, Granatäpfel und Ranken, legen nahe, dass es sich um eine Darstellung der Säulen Boas und Jakin des salomonischen Tempels handelt, welche bei Logentreffen sowohl als Zeichen für die geistige Verbundenheit der Freimaurer wie auch für die Polarität des irdischen Lebens stehen. Im Stuck, in den Deckenmalereien und den Bleiglasfenstern des Hauses sind immer wieder Lilien, Rosen, Lorbeer und Akazien zu erkennen, Pflanzen also, die in der freimaurerischen Symbolik für das Wissen um den Schatz der Weisheit stehen, der sich mit Schönheit und Heldentum paart. Die Außenmalereien des Turmzimmers zeigen auf der Südseite einen Zeremonienmeister, welcher traditionell ein Logentreffen von der Südseite aus eröffnet. Auf der Ostseite ließ sich Haenel vermutlich selbst darstellen, als schelmischer Hausgeist mit Architektenmappe unterm Arm. Das sollte möglicherweise Haenels Aufstieg innerhalb seiner Bruderschaft symbolisieren, denn die Meister der Loge nehmen bei den Treffen immer im Osten Platz.

Oswald Haenel bewohnte sein symbolträchtiges Haus, in dem er auch sein Büro unterhielt, nur für gut anderthalb Jahrzehnte. Am 22. Juni 1911 starb er nach langem Leiden in Dresden und wurde auf dem dortigen St.-Pauli-Friedhof beerdigt. Seine Oberlößnitzer Villa, die zu seinen gelungensten Arbeiten zählt, wurde 1912 vom Arzt und Historiker Dr. Walter von Bötticher (1853-1945) erworben (vgl. V&R 12/2003). Die aufwendige und mit viel Liebe fürs Detail durchgeführte Sanierung vor wenigen Jahren, die 2006 mit einem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege prämiert wurde, hat diesem besonderen Baudenkmal seinen alten Glanz zurückgegeben.

Leonore Schicktanz

Bei Dr. Jens Wiedemann, der mit seiner Familie heute die Villa Weinbergstraße 40 bewohnt, möchte ich mich ganz herzlich dafür bedanken, dass er mir freundlicherweise seine umfangreiche Materialsammlung zu Oswald Haenel zur Verfügung gestellt hat.

[V&R 7/2010, S. 1-3]

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