Ein schwarzer Tag!

Lügenmuseum geschlossen

Alle, die noch halbwegs bei Troste waren, haben dem 12. August entgegengefiebert, dem Tag, der über das künftige Wohl und Wehe des Lügenmuseums in Radebeul entscheiden sollte. Man wollte, man konnte sich nicht vorstellen, dass die Verantwortungsträger der Stadt, alle die vielen Bekundungen, die fachlich potenten Einschätzungen und Urteile von anerkannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über die außergewöhnliche kulturelle und künstlerische Einrichtung einfach vom Tisch fegen. Dürfen die vielen Bekundungen nur deshalb nicht recht haben, weil sie nicht ins Kalkül passen und ein Stück Vertragspapier mehr Kraft entfaltet als die gelebte Kultur?

Nach dem Gespräch war dennoch Entspannung angesagt. Man hatte einen Kompromiss gefunden, der zwar nicht zu einem besseren Vertrag führte und damit nicht zur Sicherung des Museums für Radebeul, aber Zeit gewann: Schließung des Museums per 1. September 2024, aber Asyl bis 31. März 2025!

Jetzt war die Möglichkeit gegeben, in Ruhe über eine Lösung im Interesse der Bürger, der Touristen der Pensions- und Hotelbesitzer, der Stadtverwaltung und des Künstlerehepaares Zabka nachzudenken. Ein Verlust des ältesten Gasthofes der Stadt oder gar des Museum selbst, welches der bekannte Schauspieler Martin Brambach als „weltweit einzigartig“ bezeichnet – so denkt man –, kann doch auch der Oberbürgermeister Bert Wendsche nicht wollen.

Das Lügenmuseum – letzte Aufnahme?, Foto: K. (Gerhardt) Baum

Am 16. August wusste die Sächsische Zeitung Online von dieser Übereinkunft zu berichten und von einer nochmaligen Ausschreibung des Objektes in diesem Jahr. Auch ein Interessent sei vorhanden. Bereits für die Septemberausgabe hatte ich deshalb einen hoffnungsfrohen Beitrag zum Lügenmuseum verfasst, den ich aber kurzfristig zurückziehen musste, weil sich erneut die Situation zugespitzt hatte, aber der Redaktionsschluss bereits überschritten war. Nach einigem weiteren Mailverkehr zwischen Stadt und Lügenmuseum war dann offensichtlich die Geduld bei der Stadtverwaltung aufgebraucht. Sie bestand nun auf ein schriftliches Übereinkommen für ein Übergangsmietvertrag und die unbedingte Einhaltung der darin aufgeführten Punkte. Eine geplante Schlüsselübergabe kam nicht zustande.

Die Stadt sieht sich rein formal auf einer rechtlich, juristisch sicheren Position. Selbstverständlich ist es ihre freie Entscheidung, mit ihrem Eigentum nach eigenem Gutdünken umzugehen. Ob sie sich dabei aber auch auf sicheren moralischen Grund bewegt, muss angezweifelt werden. Sie kann natürlich ihre Vorstellungen von der Vertragsgestaltung durchsetzen. Aber handelt sie dann noch im Interesse aller ihrer Bürger und ihrer Aufgabe, alles für eine allseits entwickelte Kultur in ihrer Stadt zu tun, wenn auch dieses Museum den Ort verlassen muss?

Kommt es soweit – und die gegenwärtige Entwicklung lässt dies befürchten – wird Radebeul mit Gewissheit in die Geschichte eingehen, aber als eine Stadt, die sich in kurzer Zeit von einer Stätte der Künste zu einem Ort des Verlustes von Kulturgut entwickelt hat. Diese Einschätzung braucht man nicht ausschließlich am Umgang mit dem Lügenmuseum festzumachen. Die kulturelle Talfahrt ist seit langem sichtbar und hat nicht erst mit der Schließung des Zeitreisemuseums begonnen. Jeder kulturinteressierte Bürger aus Radebeul und Umgebung kann die Verluste selbst an den Fingern abzählen. Zwei Hände reichen nicht! Die Stadt hat alle Chancen in die Negativliste des „Deutschen Zentrums [für] Kulturgutverluste“ aufgenommen zu werden. Von überalterter Künstlerschaft, fehlenden preisgünstigen Atelierräumen, von den verkauften, verpachteten, vermieteten oder abgerissenen Gebäuden, die einer anderweitigen Nutzung hätten zugeführt werden können oder von den Ungereimtheiten der bisherigen kulturellen Entwicklung ganz zu schweigen.

Das Kulturentwicklungskonzept der Stadt Radebeul – kaum beschlossen – hat bereits einige „blinde Flecke“. Mag das Verhalten von Herrn Zabka kritikwürdig sein. Seine künstlerischen, bildenden und kulturpolitischen Leistungen sind unumstritten.

Das Signal, welches die Stadt aussendet, ist jedoch verheerend: Engagement wird scheinbar nicht gebraucht! Denn wir wissen allein, was richtig und wichtig ist. Alternativen wurden nicht diskutiert, die Stadtgesellschaft nicht mit einbezogen. Eine städtische Kultur sollte sich durch Vielseitigkeit auszeichnen und nicht allein durch Tradiertes. Aber dieser 1. September 2024 wird als ein „schwarzer Tag“ für die Bürger eingehen. Stadtverwaltung und Stadtrat bestimmten, was für eine Kultur, für eine Kunst, der Bevölkerung zugemutet werden kann! Wenn das die große Freiheit ist, dann will ich gern verzichten.

Am Anfang jeder Barbarei steht immer auch der Angriff auf die Kultur. Oder mit Peter Hacks gesprochen: „Erst vergammeln die Zwecke, dann die Mittel.“

Karl Uwe Baum

Weißes Roß

Geschichten aus der Kindheit – (Teil 3/12)

»Weißes Roß«, um 1937 mit den Wagen von Taxi-Bischoff, Foto: Archiv C. Grün

Jetzt möchte ich etwas von meinen Kinderferienreisen erzählen, so weit ich mich noch erinnern kann, zumeist mit Tante Emma. Von Oberbärenburg habe ich ja schon berichtet. Im ersten Kriegsjahr wechselte Tante Emma einmal von Oberbärenburg nach Bärenfels hinüber und nahm mich mit. In der Villa Marie gefiel es mir auch sehr gut, besonders der Pavillon im Garten, in dem nachmittags Kaffee getrunken wurde. Ich bekam meine obligatorische Milch mit Zwieback, was ich aber sehr gern aß. Im Pavillon lagen auch alte Ausgaben der „Fliegenden Blätter“. Ich konnte schon lesen. Besonders beeindruckt hat mich die Zeichnung einer alten Lokomotive mit den folgenden Versen, die ich hiermit der Nachwelt erhalten möchte. Eigenartig, dass ich mir diese über den langen Zeitraum so behalten habe. Also es geht so:

Was kreucht da an dürrer Heide entlang
auf rosterfressenem Schienenstrang?
Eine alte Lokomotive!
Hohläugig beschauet der Führer den Pfad,
nur langsam drehen sich Kurbel und Rad,
es ist, als ob alles entschliefe.

Es ist die Sekundärbahn, die weil sie verkracht,
zur Strafe muß fahren in finstrer Mitternacht.
Und ist es schon morgens zwischen zwei und drei,
schwerfällig ächzt der Gespensterzug vorbei.
Er hat sich wie immer verspätet…

Einmal fanden wir bei unserem Spaziergang eine Brieftasche mit einer Lebensmittelkarte und 100,- RM. Da auf der Karte die Adresse stand, konnten wir unseren Fund der dankbaren Köchin eines großen Ferienheimes zustellen. Sie gab uns derart viele leckere Eßwaren mit, daß wir den großen Beutel kaum tragen konnten. Geld hatte Tante Emma abgelehnt.

Frau Emma Rößler, die »Tante Emma«,Foto: Archiv C. Grün

Es muß 1941 gewesen sein, als Tante Emma mit Wolfgang und mir nach Tetschen-Bodenbach fuhr, in den damaligen Sudetengau. Eine Stunde D-Zug – unter dem machte es Tante Emma nicht – war für uns eine große Sache. Besonders imponierte uns der Tunnel kurz vor Bodenbach. Wir wohnten am Markt im Hotel „Zur Post“. Tante Emma zeigte uns Birkigt, ein kleiner Ort in der Nähe Tetschens, wo sie mit Onkel Hans gelebt hat und viel uns aus dieser Zeit erzählt hat. Erst wohnten sie in der Papierfabrik von Jordan&Söhne unte an der Polzen. Onkel Hans war bei dieser Firma Prokurist und Tante Emma zeigte uns die Fenster ihrer ehemaligen Wohnung. Später übernahm sie in Pacht die Zigeunermühle an der Doberanke, die in die Polzen mündet. Als Frau eines Prokuristen war es ihr nicht möglich, einer Arbeit nachzugehen und das untätige Leben war sie nicht gewöhnt. In der Mühle fand sie ein reichliches Betätigungsfeld. Nebenan wohnten Riedels, mit denen sie gute Nachbarschaft hielt.

Als wir an einem Sonntagmorgen im Hotel zum Frühstück herunterkamen, saß zu unserer großen Überraschung und Freude Muttel am Frühstückstisch. Sie mußte mit dem nächsten Zug wieder nach Hause fahren und noch heute ehe ich sie in der Sonne am Fenster sitzen. Ich denke, sie wird gar nicht ins Bett gekommen sein. Ihren Kindern eine Freude zu machen, da war unserer Mutter nichts zu viel. Tetschen, das ich erst nach vielen Jahren einmal wieder sah, war mir sofort wieder vertraut mit dem großen Brunnen auf dem Marktplatz.

Kurz bevor es wieder heimging, liefen wir von Tetschen aus nach Birkigt. Es war ein sehr warmer Oktobertag. Tante Emma bewahrte immer vom letzten Weihnachten Lebkuchen auf und nahm sie auf Reisen mit. Ich wusste, dass sie diesmal Oblatenpfefferkuchen in der Tasche hatte und plagte sie so lange, bis mir die genervte Tante das Päcken gab mit den Worten: „Na, dann friss rein…“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und begann zu futtern. Wir kamen bei Knies vorüber, die noch immer seit Tante Emmas Zeiten ihren Kolonialwarenladen hatten. Auf den vielen Pfefferkuchen bei der Wärme hatte ich natürlich Durst und stürzte das kellerfrische Malzbier in mich hinein. Die Folgen waren verheerend, wie man sich denken kann. Tante Emma war gezwungen, mich bei Riedels in Pflege zu lassen und holte mich nach drei Tagen wieder ab. Dass Muttel zu Hause wenig begeistert war, kann man sich vorstellen.

Dies sollte der Oktober gewesen sein.

Christian Grün

„Wahr-Zeichen. Zeitzeugen der Geschichte“


Unter dieses Motto hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz den Tag des offenen Denkmals im Jahr 2024 gestellt.

Unser Verein präsentierte am 8. September sein neuestes Projekt, den Pavillon am Mohrenhaus an der Moritzburger Str. 51 in Radebeul. Bereits 2022 konnten wir eine „KulturSpur“ hierhin legen.

Nachdem am Tag zuvor zahlreiche Helferinnen und Helfer aus dem Verein den Pavillon und das Umfeld intensiv geputzt hatten, öffneten wir um 10 Uhr den Pavillon.

Kaffeehaussalonkapelle Dresden, Foto: Archiv Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul

Für die deutlich über 200 Besucher gab es bei Kaiserwetter neben Führungen und Informationen am Pavillon und zur künstlichen Ruine auch Musik und Wein. Den Auftakt machte das Hornquartett der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz. Dann trat ein Trompeten-Duo der Musikschule Radebeul auf. Am Nachmittag sorgte die Kaffeehaussalonkapelle Dresden für heitere Stimmung bei Kaffee und Kuchen.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Beteiligten im Vorfeld und am Tag des offenen Denkmals herzlich für ihr Wirken!

Die zukünftige Nutzung des Pavillons aus dem Jahr 1876, der künstlichen Ruine und des angrenzenden Parkareals, liegt unserem Verein und der Stadt Radebeul sehr am Herzen. Warum sollten dort nicht eines Tages kleine Konzertnachmittage oder Lesungen stattfinden und ein Glas Bussard Sekt gereicht werden? Ein „Musikpavillon“ in der Tradition der „Musik-Salons“ des 19. Jahrhunderts vielleicht? Derartige Abendveranstaltungen haben wohl tatsächlich im Mohrenhaus stattgefunden.

Gefragt sind nun vor allem Ideen zur zukünftigen Nutzung. Hier sprechen wir gern auch die Leserschaft dieses Heftes an und freuen uns auf Ihre Anregungen! Oder wissen Sie vielleicht noch mehr zum Pavillon oder zum Park?

2026 feiert der Pavillon seinen 150. Geburtstag! Wir wollen ihn mit Leben erfüllen!

?Unser Hauptaugenmerk gilt jetzt natürlich der Spendenaktion zur kompletten Sanierung und Rekonstruktion des Pavillons. Unser Ziel ist es, spätestens im Frühjahr 2025 mit den ersten Arbeiten beginnen zu können. Wir setzen wieder auf die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und den Behörden des Denkmalschutzes!

Der Hinweis dazu befindet sich im gesonderten Flyer oder unter www.denkmalneuanradebeul.de

Jörg Müller und Robert Bialek

„Jäger der Nacht“

Das Karrasburg Museum Coswig präsentiert in einer Sonderausstellung das Leben der Fledermäuse

Foto: Archiv Karrasburg Museum Coswig

Fledermäuse faszinieren die Menschen seit jeher. Sie sehen mit den Ohren, fliegen mit den Händen, schlafen mit dem Kopf nach unten und sind fast ausschließlich nachts unterwegs. Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die aktiv fliegen können. Diese Eigenschaften führten dazu, dass sich viele Mythen um die Jäger der Nacht ranken.

25 Fledermausarten gibt es in Deutschland. Keine davon ernährt sich von Blut. Einige dieser Arten sind vom Aussterben bedroht, andere gelten als gefährdet. Umso wichtiger ist es, über die Tiere aufzuklären.

Genau das macht diese Wanderausstellung, welche von der Sächsischen Landesstiftung für Natur und Umwelt (LaNU) gemeinsam mit dem Naturschutzbund Sachsen (NABU) entstand. Dabei werden in Text und Bild die unterschiedlichen Fledermausarten vorgestellt. Die kleinsten einheimischen Arten, die Zwerg- und die Mückenfledermäuse, passen in eine Streichholzschachtel. Das Große Mausohr hingegen erreicht eine Flügelspannweite zwischen 35 bis 43 cm.

Aber auch Fragen wie: Was fressen Fledermäuse? Wie gestaltet sich die Fledermaus-Jagd? Wo finden Fledermäuse einen Unterschlupf? Und was machen Fledermäuse eigentlich im Winter? werden geklärt.
Ergänzt wird die Ausstellung durch Fledermaus-Präparate wie dem Braunen Langohr und dem Großen Abendsegler von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung.

Das Museumsmaskottchen Cosimir begleitet vor allem wieder die jungen Gäste auf ihrer Entdeckertour. Es lädt zu Mitmachaktionen, bei denen gerätselt und gespielt werden kann. So erfährt man im Bionik-Memory-Spiel beispielsweise für welche technischen Erfindungen die Fledermaus Vorbild war. In der gemütlichen Fledermaushöhle kann man zum Lesen und Bücher anschauen Platz nehmen.

Im Zeitraum der Ausstellung lockt eine Reihe von zusätzlichen Veranstaltungen die Besucherinnen und Besucher ins Museum.

Zum Bücher-Spiele-Herbst gemeinsam mit der Stadtbibliothek Coswig kann man am 20. Oktober die Ausstellung kostenfrei besuchen und sich eine eigene kleine Fledermaus zum Mitnehmen gestalten. Am 31. Oktober steigt im Museum ab 14 Uhr eine Halloween-Fledermausparty, bei welcher Fledermausmasken und Laternen gebaut werden können. Ab 16 Uhr geht es dann auf Laternen-Führung durch das Museum und den Bürgerpark.

Am 6. November findet für alle, die noch mehr über die Fledermäuse in unserer Region erfahren wollen, ein Vortrag mit Bianka Porschien vom NABU Sachsen e.V. statt.

Katrin Kynast (Museumspädagogin)
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Alle weiteren Informationen erhalten Sie unter www.karrasburg.de oder telefonisch unter: 03523 66450.

Die St.Lorenzkirche zu Halsbrücke

Foto: M. Donath

Unweit von Freiberg erstreckt sich am Ufer der kraftvoll der Elbe zustrebenden Freiberger Mulde, die hier eine größere Flussschleife beschreibt, die Gemeinde Halsbrücke. Hervorgegangen aus einem als „Inselgut“ im Lehnbuch von Markgraf Friedrich III. von Meißen 1349 bezeichneten Vorwerk und dem Kanzleilehngut „zcu dem Halse“ entwickelte sich der Ort am namensgebenden südlichen „halsförmigen“ Rücken der mit Brücken versehenen großen Muldenschleife. Größere Bedeutung erlangte Halsbrücke erst durch den Bergbau und vor allem die Verhüttung von Erzen. Im Jahr 1612 legten die Erzgruben „St.Lorenz“ und „Rheinischer Wein“ eine eigene gewerkschaftliche Hütte an, aus welcher 1663 die Halsbrücker Schmelzhütte hervorging. Im Jahre 1862 entstand in der Halsbrücker Hütte eine Goldscheideanstalt. Sicher hat jeder schon mal etwas von der Existenz der 140 m „Hohen Esse“ – dem dereinst höchsten gemauerten Schornstein der Welt – gehört. „Grabentour“ entlang von Mulde und Bobritzsch oder „Rothschönberger Stollen“ sind weitere Begriffe, die Halsbrücke mit dem Bergbau im Freiberger Revier eng verbinden. Kurzum: Alles in allem ein geschichtsträchtiger Ort! Aber eine eigene Kirche? Fehlanzeige!

Über Jahrhunderte hinweg gehörte Halsbrücke kirchlich zur Parochie Tuttendorf; erst viel später wurde es nach Krummenhennersdorf eingepfarrt. Nach dem Krieg konnte die kleine Gemeinde eine alte Holzbaracke für Christenlehre und Gottesdienste nutzen, die aber in den 1980er Jahren an ihre bauaufsichtlich gerade noch zulässigen Grenzen gelangt war. Deshalb fasste der Kirchenvorstand 1985 zusammen mit Pfarrer Christoph Lehmann (Krummenhennersdorf), juristisch beraten und begleitet von Steffen Heitmann vom Landeskirchenamt in Dresden (später Staatsminister in Sachsen) den Beschluss, eine eigene Kirche zu bauen. Und das unter den Bedingungen einer maroden Bauwirtschaft der ihrem Ende entgegengehenden DDR! Diesem Problem wollte die Gemeinde durch eine Baudurchführung in Eigenleistung und Feierabendarbeit begegnen. Für den zum Kreis der „Planer“ hinzugezogenen Architekten eine nicht ganz alltägliche Aufgabe! Zunächst musste geklärt werden, ob die Gemeinde „nur“ einen allgemein nutzbaren Mehrzweckbau oder einen ganz individuellen, tatsächlich identitätsstiftenden Kirchenbau errichten möchte, der deutlich signalisiert: Hier sind Christen in einem weitestgehend atheistischen Umfeld und der Kirche feindlich gesonnenem Staat präsent! Mit diesem mutigen Bekenntnis als Grundlage konnten nun weitere Überlegungen angestellt werden, die wichtig waren für die Gestaltfindung des Kirchengebäudes. Klar war, einen Bezug zu den Bauwerken des die Gegend seit dem Mittelalter prägenden Bergbaus zu finden, wie sie in deren Architektur der Schmelzhütten und Waschkauen vorkam. Nach alter Tradition musste auch über ein Patrozinium, d.i. eine Schutzherrschaft eines Heiligen, über die neue Kirche nachgedacht werden, um der Kirche einen Namen geben zu können. Alle alten Kirchen und auch die Gruben des Freiberger Reviers waren ganz selbstverständlich Heiligen gewidmet. Man einigte sich auf den hier immer verehrten und um Hilfe angerufenen Laurentius, auch Lorenz genannt. Ihm war bereits 1518 die Grube St.Lorenz geweiht worden; dazu gibt es den in alten Bergbaukarten kartierten, tief unter Halsbrücke verlaufenden Stollen „St.Lorenz Gegentrum“. Also alles ganz handfeste lokale Bezüge!

Foto: M. Donath

Zentrum des neuen, in traditioneller Ziegelbauweise errichteten Gebäudes war nun der Kirchenraum mit seinen ganz eindeutigen liturgischen Bezügen als Versammlungsort der Gemeinde zur Feier der Gottesdienste. Der bis in die Dachkonstruktion hinaufgeführte Raum kann über Faltwände im Erdgeschoss oder über eine Empore erweitert werden. „Zuschaltbare“ Nebenräume waren für Christenlehre, Chorproben, Treffen der Jungen Gemeinde oder für Gemeindefeste gedacht; hinzu kam eine Vielzahl von kleineren Funktionsräumen wie Garderoben, Heizung oder Toiletten. Krönender Abschluss ist ein kleiner Dachreiter an der talseitigen Giebelseite, in dem eine in Freiberg gegossene Glocke läutet – sie ist die „Stimme“ der Kirche, die zum Gottesdienst ruft, verstorbene Gemeindemitglieder auf ihren letzten Weg begleitet oder hell zur Taufe erklingt. Der Platz für die Kirche war ideal gewählt: sie steht weit oberhalb der Ortschaft Halsbrücke an der Kante eines Hanges, der sich bis hinunter in das Tal der Mulde erstreckt. Der Silhouette des weithin sichtbaren Baukörpers kommt damit eine Signalwirkung zu und der Glockenschall ist weit zu hören. Nach einer Zeit unklarer Finanzierung der Baustelle nach der deutschen Wiedervereinigung konnte der Kirchenbau schließlich durch den Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, Dr. Johannes Hempel, 1993 geweiht und von der Gemeinde in Besitz genommen werden. Feierlich trugen die Gemeindeältesten wichtige Ausstattungsgegenstände wie ein großes Kruzifix aus der alten Baracke in den neuen Kirchenraum. Ein traditionell wieder zu verwendender Altar war nicht vorhanden. Die Idee des Architekten war angesichts dieser gestalterischen Freiräume nun, das gesamte Interieur des Kirchenraumes von einem Künstler entwerfen zu lassen. Die Wahl fiel auf Michael Hofmann (jetzt Radebeul). Eines der Hauptstücke des Kirchenraumes ist der Altar, an dem die Gemeinde zusammen das Abendmahl feiert. Historisch waren Altäre so angeordnet und ausgerichtet, dass der Geistliche mit dem Rücken zur Gemeinde die Liturgie betet. Mit modernen Formen der Gottesdienstfeier ist das nur schwer zu vereinbaren. Michael Hofmann schuf deshalb einen freistehenden Altartisch, hinter dem der Geistliche mit dem Gesicht zur Gemeinde alle geistlichen Handlungen zelebrieren kann. Dahinter in der Giebelwand – gleichsam als Adaption der mittelalterlichen Retabeln bzw. Altarschauwände – dominiert ein nahezu raumhohes Fenster den Raum und legt damit den liturgisch wichtigsten Ort fest. Entworfen und selbst hergestellt hat es Michael Hofmann 1991 aus farbigen, grob zugerichteten Glasbrocken – so wie sie aus den Glasöfen kommen, und diese in Beton eingebettet. Das Licht durchstrahlt die Glasbrocken, bricht sich an deren rauen Kanten und tritt zerstreut wieder aus. Dadurch strahlt das Fenster gleichsam aus sich heraus und erzeugt selbst an trüben Tagen eine unglaublich schöne Lichtwirkung. Eingebettet in Beton ist in Halsbrücke mit diesem Material die Legende des Heiligen Lorenz (Laurentius) dargestellt: Schon in der Frühzeit des Christentums galt Laurentius als bedeutender Heiliger. Neben seinem Grab vor den Stadtmauern Roms wurde zur Zeit Konstantins des Großen eine Basilika erbaut. Der Überlieferung zufolge war er als Archidiakon von Rom für die Verwaltung des örtlichen Kirchenvermögens und seine Verwendung zu sozialen Zwecken zuständig. Nachdem der römische Kaiser Valerian den Papst Sixtus II. hatte enthaupten lassen, wurde Laurentius ausgepeitscht und aufgefordert, den Kirchenschatz innerhalb von drei Tagen herauszugeben. Daraufhin verteilte Laurentius diesen an die Mitglieder der Gemeinde, versammelte eine Schar von Armen und Kranken, Verkrüppelten, Blinden, Leprösen, Witwen und Waisen und präsentierte diese als „den wahren Schatz der Kirche“ dem Kaiser. Der Hauptmann, vor dem Laurentius erschienen war, ließ ihn deswegen mehrfach foltern und dann auf einem glühenden Eisenrost hinrichten. Aus diesem Grund wird der Märtyrer mit dem Rost als Attribut dargestellt. Laurentius ist der Schutzpatron vieler Berufsgruppen, die mit offenem Feuer zu tun haben, so auch im übertragenen Sinn der Hüttenarbeiter und Bergleute von Halsbrücke. Die soziale Komponente seines Martyriums ist auch heute wieder ganz aktuell! Sein Fest- bzw. Gedenktag in der römisch-katholischen, der orthodoxen, der anglikanischen und der evangelischen Kirche ist der 10. August.

Kirchenfenster, gestaltet von Michael Hofmann, Foto: M. Donath

Michael Hofmann hat es bei seinem Halsbrücker Fenster meisterlich verstanden, die in seinem grafischen Schaffen verwendete Technik der verlorenen Form des Holzschnittes und das Gegeneinandersetzen von Farben und Flächen auf die Gestaltung des Glasbetonfensters umzusetzen: Das Rost wird für den Gemarterten zur Himmelsleiter, während die Feuerflammen seine Gestalt umzüngeln. Daraus wachsen ihm sogar Flügel; so von Engeln geleitet strebt er zum Himmel empor, der sich ihm öffnet. Welch eine Hoffnung!

Dem Autor, mit dem er noch weitere Kirchen (-fenster) gestaltet hat, sagte Michael Hofmann kürzlich, dass er eigentlich diese ungewöhnliche Technik der Umsetzung seiner bildkünstlerischen Ideen und Gedanken am meisten liebe. Ad multos annos, Micha – und noch viele Ideen für die Menschen beglückende Kunstwerke!

Günter Donath
Architekt und Meißner Dombaumeister a.D.

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg“

Radebeul – Wie muss das gewesen sein, als im August 1645 – nach 27 Jahren Krieg – im Pfarrhaus zu Kötzschenbroda die schwedischen und sächsischen Verhandlungsführer zusammenkamen, um einen Waffenstillstandsvertrag zu unterzeichnen? Ein Aufatmen muss durch den Ort gegangen sein, nach Jahren des Brandschatzens und Plünderns endlich Frieden!

Der Tisch, auf dem der Waffenstillstandsvertrag wohl unterzeichnet wurde, steht seit vielen Jahren im Turmzimmer der Friedenskirche – nun soll das Thema Frieden auch im Umfeld der Friedenskirche sichtbar und präsent sein: es entsteht der Friedensweg Kötzschenbroda, der vom Elberadweg über verschiedene Stationen bis zum historischen Tisch im Turmzimmer führen soll. „Wir wollen Menschen besonders für den Frieden einnehmen, Passanten, Touristen und Besucher mit Gedanken zum Frieden inspirieren und für den Frieden gewinnen“, sagt Pfarrerin Annegret Fischer. „Denn mehr als alles braucht unsere Welt Friedensstifterinnen und Friedensstifter.“

Die Stationen des Friedensweges spiegeln Gedanken berühmter Friedensstifter wie Mahatma Gandhi, Karl May, Nelson Mandela oder Martin Luther King wider und beleuchten historische Ereignisse wie die Gründung des Völkerbundes, den Kniefall von Willy Brandt in Warschau und natürlich den Friedensschluss von Kötzschenbroda aus dem Jahr 1645. Nach vier Jahren Vorplanungen geht es jetzt an die Umsetzung dieses Friedensweges.

Christina Nehrkorn-Stege, Carola Schul und Pfarrerin Annegret Fischer


In einem Jahr, zum 380-jährigen Gedenken des Waffenstillstandsvertrages soll der Weg eingeweiht werden.

Tafeln aus Emaille verschiedener Größe und Form werden am Weg des Elberadweges zur Kirche, im Pfarrhof und am Kirchplatz installiert und in der Kirche wird es auf dem Weg zum Friedenstisch geistliche Friedensimpulse geben.

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg“ hat Mahatma Gandhi gesagt. Mit ihrem Friedensweg will die Friedenskirchgemeinde in Gedenken an den historischen Friedensschluss, aber auch ganz konkret und gegenwärtig an diesen Gedanken anknüpfen.

Wenn Sie sich an diesem Friedensweg beteiligen möchten, freuen wir uns über eine Spende auf das Konto der Friedenskirchgemeinde mit der IBAN DE06 3506 0190 1667 2090 27 mit dem Verwendungszweck „FRIEDEN – 1082 – Friedensweg“. Eine Spendenbestätigung erhalten Sie unaufgefordert.

Carola Schul

Die Orte waren immer schon da

Laudatio zur aktuellen Ausstellung in der Stadtgalerie

Feste feiern, wie sie fallen: Radebeuler Lebensart –

Foto: Archiv Stadtgalerie Radebeul

Diesmal stehen, wie hinreichend bekannt, drei Jahrhundertfeiern an: jeweils hundert Jahre Stadtrecht für Kötzschenbroda und Radebeul, sowie hundert Jahre Museum Hoflößnitz. Wem also, können wir mit Schiller rufen, wem der große Wurf gelungen, Bürger dieser Stadt zu sein, wer ein Gläschen Wein errungen, mische seinen Jubel ein.

Das zu tun, haben wir uns heute auf den Weg gemacht, denn Feste feiern ist Radebeuler Lebensart.

Freilich verwundert es einigermaßen, daß es ausgerechnet die Kulturleute sind, die Künstler, die scheinbar eine Spaßbremse einlegen: hundert Jahre – gut und schön, mögen sie gedacht haben, ABER die Orte waren immer schon da.

Wer nun jedoch mit wissendem Blick durch die Landschaft geht, erkennt sehr schnell: Es gibt Dinge, die noch immerer da sind – wenn es denn erlaubt ist, immer schon auf diese Weise zu steigern. Denken wir nur an die überregionalen Wegeführungen, auf denen seit Jahrtausenden schon Reisende auf der hochwasserfreien Heidesandterrasse durchs Elbtal zogen, denken wir an die seit mindestens dreitausend Jahren benutzte Elbfurt bei Serkowitz und denken wir an den Fluß selbst, der sich ja das Tal erst im Zuge der Eiszeiten selbst gegraben hat. (…) Die Elbe war es auch, die vor acht oder neun Jahrtausenden die ersten Siedler aus dem Donauraum zu uns heraufgeführt hat. Und denken wir schließlich an Petrus, den Fels, an das Grundgebirge also, auf dem alles aufbaut und das nach wie vor alles trägt – in der Ausstellung ist von 570 Millionen Jahren die Rede. Genau genommen sind das alles Orte, die aus heutiger Sicht immer schon da waren.

(…)

Was aber bedeutet nun eigentlich immer schon?

Hier lohnt es sich, doch noch einmal ganz kurz in die Geschichtsbücher zu schauen. Mit dem hehren Anspruch, als solide Wissenschaftler zu gelten, treten Historiker meist als Zahlenjongleure auf. Das macht ihren Berufsstand vielleicht ehrbar, aber nicht unbedingt sympathisch. Jedenfalls datieren sie das Werden unserer Lößnitzdörfer exakt – und darauf kommt es ihnen an – in die Anfangsjahre der Kolonisationszeit, also an den Beginn des 12. nachchristlichen Jahrhunderts. Naundorf, das neue Dorf, taucht 1144 erstmals in einer Urkunde auf. Daraus kann scharfsinnig gefolgert werden, daß die anderen Dörfer wenigstens etwas älter sein müssen – sie waren jedenfalls um 1140 nicht mehr neu. Genaueres findet sich bestenfalls noch im Reich der Spekulation. Dort fühlen wir uns im postwissenschaftlichen Zeitalter ja ohnehin am wohlsten. Alternative Tatsachen, also aus dem Netz gefischte Blüten kollektiver Dummheit, haben ja der wissenschaftlichen Erkenntnis längst den Rang abgelaufen. – Ich fürchte, wir werden da bald noch so manche Überraschung erleben…

Aber zurück zum Thema:

Letztlich ist auch der Wein immer schon da, und mit ihm die Hoflößnitz. Das kurfürstliche Berg- und Lusthaus sah sogar mal eine große Zukunft vor sich liegen, die August der Starke eigenhändig entworfen hatte. Viel ist nicht geblieben davon, mit Ausnahme vielleicht der Spitzhaustreppe, (…). Na, und ein Gläschen Wein gibt’s dort gegen ein – nun ja – geringes Entgelt immerhin auch zu gewinnen.

Gemeinhin ist ja das Wort immer aufs Engste mit ewig verbunden. Und ewig ist, wie Gerhart Hauptmann auf Hohenhaus erfuhr, ewig ist, was ein Mensch bei dem Worte empfindet. Es ist also ans eigene Erleben gekettet. Daher ist auch oft die Formulierung zu hören: soweit ich mich erinnere, gibt’s die Dörfer immer schon…

Was Kötzschenbroda anlangt, reicht meine Erinnerung bis an den Anfang der 1980er Jahre zurück. Damals war die Lehre von Marx noch unsterblich, weil sie wahr ist. Das kleine Land am Rande der Welt, das all sein Hoffen, all sein Sehnen an diesen Satz knüpfte, hatte sich zugleich in den Besitz allen Fortschritts gesetzt und war gerade dabei, alles Alte auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Dazu gehörten auch unsere Dörfer, obwohl oder weil sie immer schon da waren. Sie brauchten nun nicht mehr für die Lebensgrundlagen zu sorgen – sie waren sozusagen überflüssig. Dem sofortigen Abriß waren nur noch die dort wohnenden Menschen im Wege, die sich einfach nicht entsorgen lassen wollten. Also wurde die Umgebung zunächst gründlich verunattraktiviert: Oberschenke zu, Goldener Anker Möbellager, überall bröckelte der Putz und Dachziegel gabs auch keine. Erst jüngst haben die wunderbaren Fotos von Harald Hauswald hier in der Galerie die – durchaus nicht nur negativen – Erinnerungen aufleben lassen: ja, SOO sah es hier mal aus, und ja, genau so haben wirs erlebt.

Foto: Archiv Stadtgalerie Radebeul

Besser geht’s gar nicht.

Und obwohl – oder weil – es hier so aussah, wie es aussah, ist aus dem Abriß nichts geworden. Weil es immer schon da war, blieb das Dorf in der Stadt als Dorf erhalten, auch wenn vom eigentlich dörflichen Leben, also von Hühnern, Schweinen und Pferden und was sonst noch dazu gehört, nicht viel geblieben ist.

Ja, mehr noch, heute streiten sich die Geister, wer das goldene Ei gelegt hat, aus dem Kötzschenbroda gleich dem Phönix aus der Asche schön wie nie erwachte. Die Sehnsucht nach Dauer scheint eben doch größer zu sein, als der Wunsch nach Teilhabe am Fortschritt. Das verleiht mir nun wieder die Hoffnung, daß vielleicht eines Tages die natürliche Intelligenz erwacht, die künstliche überwindet und am Bargeld festhält – das jedenfalls, das Bargeld, ist deutlich älter, als unsere Dörfer und in diesem Sinne auch immer schon da. Wir sollten es, wie die Elbe und die Dörfer schützend bewahren.

Feste feiern ist Radebeuler Lebensart. Und dank der Orte, die immer schon da waren, und der Städte, die aus ihnen wuchsen, gibt es zum Feiern immer wieder gute Gründe. Für alles andere sorgt der Wein – Er wird uns, wenn die natürliche Intelligenz ausreicht, erhalten bleiben – von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Thomas Gerlach

100 Jahre Museum Hoflößnitz, Teil 10

Ende 1976 wurde das Radebeuler Heimatmuseum im Lusthaus der Hoflößnitz vorläufig geschlossen, um die Elektroinstallation zu erneuern und Holzschutzmaßnahmen am Dachstuhl vorzunehmen. Die dabei zutage tretenden Befunde – die Schäden waren größer als erwartet, und im Erdgeschoss kamen Reste der Ausmalung des 17. Jahrhunderts zum Vorschein – führten dazu, dass die unter der fachlichen Aufsicht von Dr. Heinrich Magirius (1934–2021) vom Institut für Denkmalpflege durchgeführten Arbeiten einen bedeutend weiteren Umfang annahmen als geplant. Hatte man zum 30. Geburtstag der DDR fertig sein wollen, überdauerte das Projekt den Arbeiter- und Bauernstaat um Jahre. Ziel war:

Das Kleinod soll wieder strahlen

Fest zum 80. Geburtstag des Puppenspielers Carl Schröder in der Hoflößnitz, Juni 1984 Foto: Archiv Stiftung Hoflößnitz

Unter Leitung des Radebeuler Malers Gunter Herrmann (1938–2019) und des Architekten Ulrich Aust (1942–1992), welcher die bauliche Instandsetzung betreute, wurde von 1977 bis 1985 zunächst das Erdgeschoss grundlegend saniert. Nach der Sicherung wurden im »Zehrgarten« und der »Tafelstube« erhaltene Ausmalungsreste freigelegt und andere Gestaltungselemente des 17. Jahrhunderts nach Befund wiederhergestellt. Dem Vorbild der Eingangshalle entsprechend erhielten auch die Böden der übrigen Räume einen Sandsteinbelag. 1982 konnten die Arbeiten am Dach und den Fassaden beginnen, die unter den erschwerenden Bedingungen der DDR-Mangelwirtschaft bis 1990 andauerten.

Am aufwändigsten war die Restaurierung der durch vorangegangene Übermalungen und eine Übernutzung der klimatisch sensiblen Räume schwer geschädigten Wand- und Deckengemälde im Festsaal und den kurfürstlichen Gemächern. Hierfür mussten zunächst geeignete Methoden entwickelt werden, wobei sich die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden und der Restaurierungswerkstatt von Schloss Moritzburg als fruchtbar erwies. Von ersten Vorstudien 1978 bis zur Fertigstellung des letzten Raumes 2001 beanspruchten diese nach höchsten Ansprüchen durchgeführten Arbeiten gut zwei Jahrzehnte. Mit der Schwellensanierung sowie Restaurierung der historischen Dielenböden und eines als einziges Originalmöbel erhaltenen Wandklapptischs in der fürstlichen Schlafkammer konnte die Restaurierung im Obergeschoss 2013/14 abgeschlossen werden.

Die friedliche Revolution von 1989 und die Veränderung der Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen ab 1990 eröffneten auch dem mitten in der Profilierungsphase steckenden Museum »Haus Hoflößnitz« neue Möglichkeiten. Leitgedanke einer von Museumsleiterin Ingrid Zeidler im Sommer 1991 vorgelegten Konzeption war die »Zusammenführung und umfassende Rekonstruktion der historischen Weingutsanlage […] und deren erweiternde Erschließung für die Öffentlichkeit«. Das Schlossgrundstück sollte in dem Umfang, wie es der Hoflößnitzverein 1912 erworben hatte, und in Übereinstimmung mit den Zielen des Landschafts- und Denkmalschutzes als lebendiges Museum die über Jahrhunderte entstandene Kulturlandschaft Hoflößnitz erlebbar machen, »mit einer Ausstellung zum Weinbau, einem Weinberg, einer Schoppenstube, Führungen, Weinverkostungen, Sonderausstellungen, verschiedenartigen Veranstaltungen und Festen.«

Vieles davon war im Kern bereits angelegt. Seit der Wiedereröffnung 1981 hatte das Museum während der laufenden Sanierung durchschnittlich drei Sonderausstellungen pro Jahr gezeigt, von denen einige über Radebeul hinaus große Beachtung fanden. Auch drängende Fragen des Denkmal- und des Umweltschutzes wurden schon zu DDR-Zeiten thematisiert. Unter dem Einfluss der zahlreichen an den Restaurierungsarbeiten beteiligten Künstler, die wiederholt Gelegenheit erhielten, eigene Werke zu präsentieren, hatte sich die malerische Anlage weit stärker als früher zu einem Ort des kulturellen Austauschs entwickelt. Seit 1983 fanden jährlich Kinderfeste statt, und mit der Eröffnung des ersten Teils der Dauerausstellung zum Weinbau im Raum Radebeul wurde 1987 die Tradition herbstlicher Weinfeste begründet. Nach der Erweiterung des Museumskonzepts auf die mit dem Weinbau eng verbundenen, vom Aussterben bedrohten Handwerke der Böttcherei und Korbmacherei waren auch die Sammlungen erheblich ausgebaut worden.

Neu war die an Traditionen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anknüpfende Idee, die Gesamtanlage museal, kulturell und gastronomisch zu nutzen und den Weinbau nicht nur in seiner historischen Dimension zu präsentieren, sondern historische und moderne Anbaumethoden auf den zugehörigen Weinbergsflächen auch praktisch zu demonstrieren und in einer Museumskelterei eigene Weine herzustellen. Dabei wurde von vornherein an einen Weinbau nach ökologischen Kriterien gedacht. (Fortsetzung folgt.)

Frank Andert

Editorial

Heute Morgen, am 19. September, der Tag beginnt im herrlichsten Altweibersommerflair. Ich höre MDR Kultur. Ein Beitrag über das Landratsamt in Pirna lässt fast die Zahnbürste haken. Was ist passiert? Der Landrat hatte entschieden, eine bereits aufgebaute Wanderausstellung unter dem Titel »Es ist nicht leise in meinem Kopf« über das Schicksal von 35 geflüchteten Menschen, die heute in Schwarzenberg und Umgebung leben, wieder abbauen zu lassen. Mit der Begründung, sie »polarisiere«. Noch vor der Eröffnung, also vorrangig durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamtes, gab es »Aufruhr«, weil Aussagen der Asylsuchenden über ihre Befindlichkeit jetzt in Deutschland den Betrachtenden missfielen. Aussagen wie »Wir sind eingesperrt wie hinter einer Mauer«, »Ich habe kein Leben in Deutschland« oder »Ich weiß nicht, ob ich hier bleiben will« wurden als un- verschämt empfunden, es sollte doch eher Dankbarkeit gezeigt werden. In dieser Situation reagierte der Landrat mit der Anweisung, die Ausstellung wieder abzubauen. In einer Behörde, welche eine wichtige Stütze der Demokratie sein sollte. Das fasst man kaum! Ob man persönlich alles Gezeigte gut findet, ist doch zweitrangig. Schließlich sollte ja so eine Ausstellung zum Diskutieren anregen und nicht nur gefallen. Ich hoffe sehr, dass entsprechender Protest zur Rücknahme der Rücknahme führt. Asylrecht hat nichts mit Dankbarkeit zu tun, es ist eine Pflicht für jedes Land in unserer Staatengemeinschaft. Wie die Integration gestaltet wird, das ist allerdings die Aufgabe von Politik und Verwaltung. Und über gutes oder nicht so gutes Gelingen zu berichten, ist ein Recht der Betroffenen und könnte zu Verbesserungen führen. Ich schließe in der Hoffnung, dass der Vorfall in Pirna eine Ausnahme bleibt, denn wir als Öffentlichkeit haben es nicht verdient, dass man uns Möglichkeiten zur Information, zur Meinungsbildung und Diskussion vorenthält. Das gilt für diesen konkreten Fall in Pirna genauso wie für Sachverhalte im Verbreitungsgebiet unseres Heftes, die wir als Redaktion kritisch begleiten.

Ilona Rau

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Geduckt und scheelen Blickes drückt sich der Fuchs zur Seite weg. Er ist sauer, denn dort, wo er gern säße, sitzen schon Zwei. Und sie tun genau das, was er gern täte: Genüßlich machen sie sich über die sonnenreifen Trauben her. Wie der Fuchs haben sie lange auf diesen Tag gewartet. Unter hämischem Krächzen kreist der Rabe über ihren Köpfen, greift sich von oben eine Beere und bringt sie in Sicherheit.
„Ein fabelhafter Herbst“ kann schöner nicht beginnen: An sonnüberfluteten Hängen reift der Wein in der Stille der Tage zu letzter Vollendung, die Zeit des Genusses ist nahe herbeigekommen. Daran ist dem Künstler gerade sehr gelegen, denn dieser Tage kann er einen runden Geburtstag feiern.
Michael Hofmann ist 1944 in Chemnitz geboren. Fünfundzwanzig Jahre später kam er zum Studium nach Dresden. Seither hat ihn das Elbtal nicht wieder losgelassen. Vor inzwischen abermals fünfundzwanzig Jahren bezog er mit seiner Frau ein eigenes Haus in Radebeul. Aus einem seiner Atelierfenster hat er das Minckwitzsche Weinberghaus im Blick. So sind ihm auch der Wein und die mit ihm verbundenen Träume und Geister ständig vor Augen.
Mit der wohlausgewogenen Komposition des Flächenholzschnittes hat der Grafiker die für den besonderen Tag erhoffte Stimmung vorweggenommen. Dabei ist es ihm erneut gelungen, der Spannung zwischen der äußeren Ruhe des Herbsttags und der inneren Bewegtheit des Augenblicks Ausdruck zu verleihen. Die Öffnung der Szene zum Licht zwischen knorrigen Weinstöcken und prallen Trauben trägt auf ihre Weise zur stillen Heiterkeit eines „fabelhaften Herbstes“ bei.

Thomas Gerlach

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