Ausgang leider nicht offen

Arthur Millers „Ein Blick von der Brücke“ feierte am 12. Februar Premiere

Szene mit Alexander Wulke Foto: R. Jungnickel

Der US-amerikanische Dramatiker Arthur Miller (1915 – 2005) gehört mit seinen beiden Stücken „Tod eines Handlungsreisenden“ und „Hexenjagd“ längst zum Kanon des sozialkritischen Theaters des 20. Jahrhunderts. Ein weiteres, dem Publikum allerdings weniger bekanntes Werk gelangte jüngst auf der Hauptbühne im Radebeuler Stammhaus vor zwar noch immer nicht vollen Rängen, aber dennoch vor ausverkauftem Saal zur Aufführung, „Ein Blick von der Brücke“ (1955). Miller verarbeitet in diesem als Kurzdrama bezeichneten Zweiakter eine Geschichte, die in ihrer örtlichen und sprachlichen Verankerung zwar auf konkrete Lebensumstände italienischer Einwanderer im New York der 1950er Jahre bezogen ist, die aber ebenso auch als Stück über Flucht und Migration in unserer Gegenwart durchgehen könnte. Erfreulicherweise enthalten sich Regisseur Manuel Schöbel und Ausstatterin Barbara Blaschke der Versuchung, explizit darauf anzuspielen und damit die Aussagekraft des auf reale Vorkommnisse basierenden Stoffes pädagogisch zu instrumentalisieren und politisch aufzuladen. Das wäre umso unpassender gewesen, als dass Miller selbst den Handlungskern einem griechischen Mythos vergleichbar auffasste und daraus eine überzeitliche Allgemeingültigkeit ableitete. Stattdessen also belässt das Regieteam die Inszenierung in ihrer Bild- und Tonsprache dort, wohin sie gehört: In ein ärmliches, dem Hafen von Brooklyn nahe gelegenes Häuschen, in welches das jazzig-lockere Lebensgefühl des besser gestellten Teils der Bevölkerung der 1950er Jahre per Radio als Sehnsuchtsmelodie aus Manhattan hineinweht, wie etwa Gene Kelly mit „I’m singing in the rain“. Davon ist vor allem die 17-jährige Catherine (Maria Sommer) ergriffen, die als (über-) behütete Waise bei ihrer Tante Beatrice (Julia Vincze) und deren Mann Eddie (Alexander Wulke) aufwächst und sich nun anschickt, unsicheren Schrittes erwachsen und selbstständig werden zu wollen. Marias Emanzipationsstreben erhält unerwartet Vorschub durch das Eintreffen von Marco (Steffen Pietsch) und vor allem dessen jüngerem Bruder Rodolpho (Felix Lydike), die als Beatrices Cousins aus der italienischen Heimat illegal eingewandert sind und Unterschlupf in Eddies Haus finden. Die Aufnahme illegaler Einwanderer ist in italienischen Hafenarbeiterkreisen Ehrensache, man hält und rückt buchstäblich zusammen, um den Neuen das Einleben zu erleichtern. Es könnte also alles gut werden und sich vielleicht sogar für die beiden jungen Männer der American Dream vom Aufstieg erfüllen. Doch schon wenige Minuten nach Ankunft der beiden Brüder liegt dem Zuschauer das konfliktträchtige Tableau vor Augen, wird ihm klar, dass es kein Happy End geben wird. Denn Maria und Rodolpho finden Gefallen aneinander, weshalb Maria mehr und mehr schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Ziehvater Eddie befällt, der insgeheim in Catherine mehr sieht als nur seine Ziehtochter und deshalb Rodolpho seine Ablehnung spüren lässt. Dazwischen steht Beatrice, deren Ehe mit Eddie auch nicht mehr auf das Beste bestellt ist und die Catherine das Glück wünscht, das ihr versagt geblieben zu sein scheint. Das Stück bezieht seinen Reiz vor allem daraus, dass Millers Text es dem Zuschauer möglich macht, grundsätzlich Sympathien für alle Figuren und deren Handlungen und Überzeugungen zu entwickeln, gleichzeitig aber auch drängende Fragen nach Schuld und Verantwortung für die sich anbahnende Katastrophe aufwirft. An dieser Stelle bedient sich Miller in der Tradition des epischen Theaters mit der Figur des Anwaltes Alfieris eines Kommentators (Matthias Avemarg), der das Publikum nicht nur zu Beginn sowohl in das Bühnengeschehen einführt und es am Ende in den Abend entlässt, sondern zwischendurch auch das Geschehen einordnet und reflektiert. Daher rührt auch der Titel des Stückes, denn Alfieri steht etwas abseits des Geschehens und schaut – wie von einer Brücke – auf die Szenerie herab, wodurch sich ein objektiveres Bild der Lage einstellt.
Der Premiere, die vom 5. Februar um eine Woche verschoben werden musste, merkte man den gewiss komplizierten Probenprozess unter Pandemiebedingungen an. Obwohl das Stück grundsätzlich eine stringente Dialogführung aufweist und es also keine Nebenhandlungen gibt, verliert es phasenweise an Tempo, scheinen Abläufe noch nicht bis ins Letzte „zu sitzen“, stellen sich ungewollte Pausen ein, scheinen Akteure überrascht zu sein von dem, was sich gerade abspielt. Möglicherweise saß den Beteiligten auch noch der Schreck des Bühnenbrandes vom Mittag des Premierentages in den Gliedern, der allerdings rechtzeitig unter Kontrolle gebracht werden konnte. Wenn man von diesen Punkten absieht, so bleibt viel Gelungenes von diesem Abend in Erinnerung. Dazu gehören etwa das ausgesprochen sinnstiftende und praktische Bühnenbild, Alexander Wulkes Interpretation des Eddie in ihrer kraftvollen Gebrochenheit und Maria Sommer und Felix Lydike als jugendliche Protagonisten, die sich einer besseren Zukunft entgegenträumen. Dazu zählt weiterhin Matthias Avemarg in seiner überzeugenden Wandlungsfähigkeit zwischen seiner großen Rolle als Anwalt und den vier anderen Nebenrollen sowie die passende Musikauswahl mit dem Gassenhauer „Paper Dolls“ als zentraler Sing- und Tanznummer. Das Publikum dankte mit langem, sehr freundlichem Applaus für eine geschlossene Ensembleleistung, die eines spüren ließ: Nämlich die Erleichterung darüber, dass jenseits von FFP2-Maskenpflicht und strenger Einlasskontrolle einfach nur Theater gespielt wurde.
Bertram Kazmirowski

Nächste Aufführungen: 4./5. März jeweils 19.30 Uhr, 13. März 15 Uhr, 24. März 19 Uhr, jeweils im Stammhaus Radebeul

Künstler im Weinberg

Pleinair und Ausstellung im Erlebnisweingut Schloss Wackerbarth

Franziska Kunath „Jacobstein“, Repro M. Kratschmer

Reisende, die mit der Bahn von Berlin oder Leipzig her oberhalb Meißens ins Elbtal biegen, erleben staunenden Auges, dass und wie der hiesige Weinbau die Landschaft prägt. Rebschnitt geht hier Hand in Hand mit Landschaftspflege; und keiner mag sich vorstellen, die Lößnitzhänge verbuscht und bestockt oder gar bis zur Hauskrause bebaut zu sehen. Doch die über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft pflegt sich nicht zum Nulltarif. Es bedarf immer wieder gemeinsamen Mühens aller, sie zu erhalten und zu entwickeln.

Franziska Kunath „Jacobstein“, Repro M. Kratschmer

Nicht zuletzt der damit verbundenen vorwiegend finanziellen Probleme wegen hat der Freistaat Sachsen noch vor der Jahrtausendwende einen bedeutsamen Entschluss gefasst, der nicht nur dem Finanzminister schlaflose Nächte bereitet haben dürfte: Das in Wackerbarths Ruhe angesiedelte „Staatsweingut“ sollte nicht verkauft, sondern in Eigenregie zum „Erlebnisweingut Schloss Wackerbarth“ umgestaltet werden: Ein Entschluss, der im wahrsten Sinnen „Früchte“ trägt.
Zu Beginn des dritten Jahrtausends hatte sich nun auch der Rotary Club Radebeul gegründet. Hier haben sich Menschen zusammengefunden in dem Bestreben, dort Gutes zu tun, wo andere es unterlassen. Nach eigenem Bekunden fühlen sie sich dabei „unter dem Motto ´Selbstloses Dienen` (…) den Idealen von Rotary International verpflichtet“.
In ihrem Jahresprogramm 2020/21 hatten sie sich zum Ziel gesetzt, Kunst- und Kulturschaffende in den Blick zu nehmen, deren manchmal prekäre Lage nicht nur durch die gegenwärtigen Einschränkungen bedingt ist. Ein erstes sehenswertes Ergebnis dessen war die „KünstlerKartenBox“ mit 34 Künstlerportraits auf Faltkarten.
Im Zusammenwirken mit Schloss Wackerbarth kam es dann im Sommer 2021 zu einer Premiere: Gemeinsam wurde zum Pleinair in die grünenden Weinberge und den barocken Park eingeladen. So bevölkerten dann ein Wochenende lang (17. /18. Juli) acht Künstlerinnen und sieben Künstler beinahe aller Generationen das weitläufige Gelände, ihre Erlebnisse im Weingut auf je eigene Weise zu Papier oder auf die Leinwand zu bringen. Die Aktion war eingebettet in das radebeulweite Projekt „Kunst geht in Gärten“. So hatten die Besucherinnen und Besucher des Weinguts die zusätzliche Gelegenheit, bei einem Glas Wein „echten“ Künstlern über die Schulter schauen zu können und so ihren Besuch mit einem besonderen Erlebnis zu krönen.

Mechthild Mansel „Flaschenhebermaschine“, Repro M. Kratschmer

Aus den Ergebnissen dieses Wochenendes wuchs eine Ausstellung, die noch bis 30. April im Gutsmarkt von Schloss Wackerbarth zu erleben ist. Sie erscheint so heterogen wie die Beteiligten im besten Sinne jeweils eigene Menschen sind:
Anna Gorsleben, Roland Gräfe, Sebastian Hennig, Karen Koschnik, Franziska Kunath, Klaus Liebscher, Mechthild Mansel, ORLANDO, Stefan Pautze, Joachim Rauch, Ralf Uhlig, Irene Wieland, Renate Winkler und Susan Wittwer geben Einblicke in ihre Erlebnisse. Sie zeigen zugleich mit Malerei, Zeichnung, Grafik und sogar Skulptur und Plastik wie abwechslungsreich und lebendig die Kunstszene im Meißner Elbland immer noch und immer wieder ist. Selbstverständlich können die Arbeiten auch erworben werden, wobei der Erlös ausschließlich den Künstlerinnen und Künstlern selbst zu Gute kommt.

Thomas Gerlach

Editorial 3-22

Passend zum ersehnten Frühling kommen auf die gedrückte Bürgerschaft nun schrittweise fast verloren geglaubte Öffnungsperspektiven zu. In der Tat gab es kaum einen Bereich im öffentlichen Leben der nicht von Schließungen oder immensen Einschränkungen betroffen war. Erst wenn wieder Normalität herrscht, wird sich zeigen, welche Spuren die Ereignisse der letzten beiden Jahre im gesellschaftlichen Umfeld tatsächlich hinterlassen haben.
An dieser Stelle soll ein bereits 2016 gegründeter Verein in den Fokus gerückt werden, der trotz seiner sinnstiftenden Agenda nur selten um Aufmerksamkeit buhlt: die „Radebeuler Tafel e.V.“ Besonders stolz sind die Mitarbeiter, dass die Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige trotz widrigster Umstände auch in diesen Zeiten bis heute nicht einen Tag zum Erliegen kam. Immerhin nehmen in Radebeul etwa zweihundert Bürger diese existentiellen Dienste in Anspruch. Die Dunkelziffer von Bezugsberechtigten dürfte, da das Thema unnötigerweise schambehaftet ist, weitaus höher liegen, denn die erforderliche Nettoeinkommensgrenze liegt derzeit bei 1300€. Darunter fallen zahlreiche Rentner, Alleinerziehende, Migranten, Arbeitslose oder auch in Teilzeit Arbeitende. Als Krisenphänomen kamen zudem Bürger in Kurzarbeit hinzu.
Schade genug, dass es der Initiative in dieser Gesellschaft überhaupt bedarf. Peinlich genug, dass ohne diese Gemeinnützigkeit brauchbare Lebensmittel fraglos der Vernichtung anheimfielen.
Sascha Graedtke
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Wenn auch Sie den Verein unterstützen wollen, so wenden Sie sich an: Radebeuler Tafel e.V., Kirchplatz 2, 01445 Radebeul, 0351/83658590 oder info@tafel-radebeul.de.

Zuhören, hinsehen, mitreden – Am Miteinander führt kein Weg vorbei!

Seit einigen Wochen finden auch in Radebeul am Montagabend Demonstrationen (Spaziergänge) statt. Sie richten sich gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen und vor allem gegen die Impfpflicht. Seit einiger Zeit werden diese Demonstrationen von Gegenprotest begleitet. Da derartige Instrumente der Meinungsäußerung in unserer Stadt in dieser Dimension nicht alltäglich sind, haben sie verständlicherweise auch zu Verunsicherung und Fragen geführt.

Die Versammlungsfreiheit ist wie die Meinungsfreiheit ein „unentbehrliches Funktionselement eines demokratischen Gemeinwesens“, so das Bundesverfassungsgericht in seinem für das Versammlungs- und Demonstrationsrecht grundlegenden sog. Brokdorf-Urteil (BVerfGE 69, 315)[1]. Nicht zuletzt auch dies unterscheidet unsere Gesellschaft maßgeblich von einer Diktatur.

Sicher diese Demonstrationen können belastend sein, können zu Einschränkungen und Erschwernissen im Umfeld des Demonstrationsgeschehens führen und, man kann zu den dort vertretenen Ansichten und Meinungen unterschiedlicher Auffassung sein. Aber dennoch gilt – und dies zum Glück – die grundgesetzlich garantierte Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit. Voraussetzung ist jedoch, dass von den Demonstrationen keine Gewalt gegen Personen oder Sachenausgeht. Über die Einhaltung von Recht und Gesetz wachen die Versammlungsbehörde des Landratsamtes sowie die Polizei.

Das es angesichts der nunmehr fast zwei Jahre andauernden Corona-Pandemie mit all ihren Zumutungen und Herausforderungen, mit all ihren existenziellen Sorgen und Ängsten unterschiedliche, ja teils gegensätzliche Ansichten über den richtigen Weg gibt, dass es zur Thematik Impfpflicht ein heftiges Pro und Contra gibt, liegt in der Natur der Sache.

Angesichts der Größe der Herausforderung ist es auch verständlich, dass die Entscheidung nicht allein den Parlamenten und Expertengremien überlassen wird, sondern das die Zivilgesellschaft nach Beteiligung an diesem Prozess drängt.

Es wird immer klarer, Corona ist gekommen um zu bleiben – sprich: Wir werden lernen müssen mit dem Virus zu leben. Umso wichtiger ist es, dass wir als Stadtgesellschaft dabei möglichst zusammenbleiben. Wir sollten gemeinsam den besten Weg suchen. Wir müssen dabei unterschiedliche Meinungen äußern und aushalten können, wir müssen zu einem gemeinsamen Weg des Kompromisses finden.
Bleiben wir weiterhin geduldig miteinander.

Für uns und unsere Stadt!
 
Ihr Bert Wendsche, Oberbürgermeister

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Alles auf Lüftung

In der Nachbarschaft wird Fisch gebraten. Der scheint, wie es bei Asterix hieße, „ganz frisch mit dem Ochsenkarren aus Massilia gekommen“ zu sein. Die in der eigenen Küche unwillkommenen Gerüche werden per Abzug durch die Hauswand gegen unsere geblasen. Ulrike wollte, wie sie sagte, lüften und hat Türen und Fenster aufgerissen. Nun ist die fremde Küchenfrische bei uns allgegenwärtig.

Ich hab nichts gegen Fische, wirklich nicht! Wenn sie in den Meeren jagen und sich mit den Teeren plagen, die neben all unseren anderen Hinterlassenschaften sogar die Ozeane in Sümpfe verwandeln, können sie mir sogar leid tun. Auch den Teichen würde ich nicht weichen, in denen sie sich tummeln. Hier sind sie mir sogar ausgesprochen angenehm, denn sie bellen nicht plötzlich, wenn ich vorübergehe. Auf dem Teller aber möchte ich sie nicht sehen, oder gar angesäuert und mit Zwiebeln zwischen eine Semmel geklemmt. Da zieht sich mir schon beim Anblick alles zusammen. In solch einem Moment hat Schiller, so meine Überzeugung, die schöne Zeile geschrieben, „…da wendet sich der Gast mit Grausen…“

Na, jedenfalls haben wir jetzt den Geruch so richtig schön in alle Ecken hineingelüftet.

Lüften ist aber wichtig, ruft Ulrike und wedelt mit einer schon etwas angestaubten Zeitungsseite. Hier, lies: Experten empfehlen das.

Das mag alles sein, sag ich, aber nicht, wenn Fisch in der Luft liegt, und dann auch noch so alter…

Als ich eine Stunde später vor die Türe trete, hat sich die Wolke verzogen. Nachdem bei uns kein Reinkommen mehr war, hat sies offenbar anderswo versucht.

Ich versuchs nochmal mit Stoßlüften, ruft Ulrike fröhlich. Nach Expertenrat genügen fünf Minuten Querlüften, die Luft komplett auszutauschen.

Es riecht immer noch, stelle ich hinterher fest. Deine Experten haben offenbar nicht bedacht, daß unsere Zimmer nicht leer sind und besonders die Ecken – wie heißt das – ausgelastet sind. Versuchs doch mal mit Kreuzlüften.

Kreuzlüften? Ulrike starrt auf ihr Blatt. Was meinst du damit? Ich kanns hier nicht finden.

Denk doch mal mit! brause ich auf. Wenn beim Querlüften die gegenüberliegenden Fenster aufgemacht werden, öffnen wir beim Kreuzlüften auch noch die Türen. Da strömen die Frischlinge aus allen Richtungen durch- und übereinander. Am besten wäre ein ausgewachsener Polarsturm, der nimmt alles mit.

Weißt du was, sagt Ulrike, du trinkst jetzt einen Whisky, son richtigen bösen Schotten, der nach Phenol riecht. Den magst du doch, oder? Und hinterher haste endlich ein anderes Aroma in der Nase.

Richtig, ruf ich, hoch die Tassen und Schluß mit der Lüfterei…

Thomas Gerlach

Eine Glosse

Verdaulich…?

Klar, das neue Jahr ist eigentlich schon fast wieder rum. Die restlichen 334 Tage fallen überhaupt nicht mehr ins Gewicht, zumal mir durch den Wegfall fast aller Vergnügen das Zeitgefühl ohnehin verloren gehen wird. Daran werden auch die Lockerungen nichts ändern. Außer Arbeit, Arbeit, Arbeit und dem vermutlich einen oder anderen kleinen Lockdown, wird es 2022 voraussichtlich keine großen Abwechslungen geben, wenn ich das Interview des Oberbürgermeister Bert Wendsche in der Sächsischen Zeitung vom 31. Dezember letzem Jahres richtig verstanden habe. Kulturelles scheint kaum vorgesehen zu sein. Und die geplanten Großfesten werden ja hauptsächlich für die Touristen veranstaltet. Eines muss man dem OB aber hoch anrechnen: Wenn sich auch der Spaß in Grenzen halten wird, Steuererhöhungen soll es keine geben. Da hört ja freilich auch der Spaß auf. Aber sehr glücklich sah unser Stadtoberhaupt auf dem Foto trotzdem nicht aus. Schließlich haben wir alle doch ein wenig mehr Optimismus dringend nötig. Die 24 Monate im Ausnahmezustand – wenn gleich das nicht jeder so sah – waren doch für die meisten kein Zuckerschlecken. Sicher haben einige schwarze Schafe geglaubt, die Situation für ihre Zwecke ausnutzen zu können, um sich eine „goldene Nase“ zu verdienen. Die letze Wahl hat‘s ihnen dankenswerterweise dann heimgezahlt. Das zeigt, man sollte sich nie allzu sicher fühlen. Ein Ende der „Katastrophe“ ist aber trotzdem noch nicht in Sicht. „Schwarzmalende“ Virologen behaupten sogar, das würde dieses Jahr so weitergehen und sich frühestens 2023 entspannen. Na, Prost Mahlzeit!

Mir liegt schon das vergangene Jahr schwer im Magen. Nein, nicht wegen der Gans, die meine Küchenfee knusprig aus dem Backofen auf den Küchentisch zauberte. Die war köstlich, die Gans… na… und die Fee auch! Was wir aber sonst noch so alles schlucken mussten, war nur schwer verdaulich. Ich will ja nicht schon wieder die alte Leier anstimmen. Aber dieses Hü und Hott, dieses raus aus den und rein in die Kartoffeln ging mir gehörig auf den… – nun möchte ich an dieser Stelle nicht auf das Niveau eines Dieter Nuhr herabsinken. Aber der mündige Leser ahnt ohnehin, was ich hiermit ausdrücken möchte. In Abwandlung eines alten Kalauers könnte man auch formulieren: …in diesen schlechten Zeiten muss ein jeder mitarbeitend denken. Das freilich scheint eine Herausforderung zu sein, die für manche etwas zu plötzlich in ihr Dasein getreten ist. Ich dachte bisher immer, dass Kultur ein essenzieller Bestandteil unseres Lebens sei. Wenn ich mir aber die sechzehn mageren Zeilen unseres Oberbürgermeisters im Interview dazu ansehe, muss ich zugeben, dass ich mich geirrt habe. Da bleibt eigentlich nur noch die Frage, was die Stadtgalerie mit den gesammelten Ziegelsteinen für den ursprünglich geplanten Erweiterungsbau anfangen will, wo der wegen „wichtigerer Vorhaben“ nun endgültig gecancelt sein soll? Andererseits stirbt die Hoffnung zuletzt, aber auch „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren“. Da werden Briefe wohl die Welt nicht bessern, denn „auf Worte kommt‘s nicht an, die Tat macht den Mann“.

Mit dem Schulneubau in Kötzschenbroda wird es noch etwas dauern, war zu erfahren, und über die Bahnhofstraße konnte man kein Sterbenswörtchen lesen. Zumindest aber glänzt der nördliche linke Abschnitt des Fußweges in neuer Pracht. Sogar einen Teil der Seifensteine fanden wieder Verwendung. Da gibt es nun doch wirklich fast nichts zu meckern. Blöd nur, dass die Seifensteine an den Rändern verlegt wurden, so dass sich nun die Rollatorfahrer an den Hauswänden entlang drücken müssen. Dass die „Alte Gärtnerei Radebeul“ an der Hain-, Ecke Kötzschenbroder Straße am Heiligabend allerdings letztmalig geöffnet hatte, stimmt mich schon traurig. Dieses verwinkelte Refugium war mehr als ein gewöhnliches Blumengeschäft. Mit seinem kreativen Ladenbetreiber, den antiken Möbeln, Versatzstücken und Utensilien sowie natürlich den Pflanzen- und Blumenarrangements, war es eher ein gelebter kultureller Treffpunkt für Menschen, die sich nicht zuletzt am Ulis Einfallsreichtum erfreuten.

An der „Alten Gärtnerei“ hätte sicher auch Franz Mehring seine Vergnügen gehabt, der leider am 28. Januar vor 103 Jahren gestorben ist und der immer mal wieder mit seinen Rezensionen und Kritiken ganz Berlin in helle Freude, aber auch große Aufregung versetzen konnte. Den kritischen Blick des Philosophen und Historikers auf die Radebeuler Ereignisse könnten wir heute gut gebrauchen, zumal er sich auch drei Jahre als Leiter der Freien Volksbühne in Berlin betätigt hatte. Seine Abhandlung über das weltverachtende Genie Goethe, der sich auch gern, wenn es ihm beliebte, hinter seinem unbedeutendem Ministerposten im Weimarer Zwergland versteckte, ist auch heute noch lesenswert. Und da Mehring in seiner Betrachtung nicht bei Goethe stehenblieb, sondern auch Schiller einbezog, will ich mit einem Zitat desselben schließen: „Es ist offenbar Verwirrung der Grenzen, wenn man moralische Zwecke in ästhetischen Dingen fordert…“

Euer Motzi.

Jung sind Jahr und Heide

Ein naheliegendes Neujahrsbegängnis

Kanzel am Tautzschgen-Hof

Zur fünften Neujahrswanderung seit Beginn der Streifzüge der Wanderburschen und -maiden des Sächsischen Heimatschutzes, verabredeten diese sich aus Rücksichtnahme auf zahlreich durchfeierte Silvesternächte erst gegen zehn Uhr an der Straßenbahnhaltestelle Forststraße. Dort wo die Grenze zwischen Radebeul und Dresden wirr zwischen Wegen, Häusern und Wald mäandriert, nimmt dieser erste Weg im Jahr längs des Saumes von Heide, Stadt und Hochland seinen Anfang. (Die Forststraße wurde unlängst vom Forst wieder als solche reklamiert und mit Pollern für Kraftfahrzeuge unpassierbar gemacht. Damit dürfte die Epoche des wilden Pendlerparkplatzes an der Tarifzonengrenze der Dresdner Verkehrsbetriebe beendet sein.) Wir schlängeln uns entlang der Kleingartenanlage über Verbindungspfade zum Abzweig des Eichgartenwegs vom Sternweg. Auf Meinholds Lößnitz-Karte von 1897 ziehen sich die historischen Wegmarkierungen der Heide, dieses jahrhundertealte Zeichen-Alphabet der Leseunkundigen, bis an die Leipziger Straße heran. Und in den zwischen 1780 und 1825 aufgenommen Meilenblättern von Friedrich Ludwig Aster ist tatsächlich ein Eichgarten vermerkt. Hinter dem Knick auf Höhe der nordwestlichen Schmalseite des Heidefriedhofs beginnt der Eichgarten seinem Namen auch Ehre anzutun. Fruchtbarerer Boden wurde vom Hang her angeschwemmt und ist von wertvolleren Gehölzen bestanden als sonst ringsum auf der sandigen Heide. Die Schweine können sich laben. Das Wild wird kirre. Seine Bahn trat auf der Wiese am Forsthaus zutage, wie uns die Benennung von 1578 als Bahnfelderwiese oder auf der Asterschen Karte als Bahnwiese nahelegt. Wir verlassen den Eichgartenweg, gehen auf jene Futterkrippe zu, an die Bertram Kazmirowski vor genau einem Jahr in dieser Zeitschrift seine sinnreichen Betrachtungen knüpfte. Bald gelangen wir zum leeren Bett des verlorenen Wassers. Der trocken gefallene Bach führte noch vor dreißig Jahren ganzjährig soviel Wasser, dass die geschicktesten Rodeler am Fuße des Katzenhuggel mit ihren Schlitten in die Eisdecke krachen konnten. Starkregen hat periodisch die Erosionsrinne nahe der Moritzburger Landstraße um ein Vielfaches vertieft. Ein Bericht in der Sächsischen Zeitung von 2017 kündigte Hochwasserschutzmaßnahmen mit Rückhaltebecken an, droht aber auch mit einem Kreisverkehr an der Baumwiese. Die Wiederherstellung eines natürlichen Bachlaufs mit Unterstützung eines Speichers an der unteren Grundstraße wäre sicher sinnvoll. Durch einen Kreisverkehr den historischen Verlauf des Augustuswegs, der schon durch die Autobahnauffahrt Hellerau gestört ist, ein weiteres mal zu brechen, wäre schauerliche Aussicht. Der Übergang zwischen Moritzburger Kleinkuppenlandschaft und der Dresdner und Laußnitzer Heidegebiete wurden hier im letzten Jahrhundert durch Flughafen, Industrieansiedlung und Autobahn auf eine Weise gestört, die dringend nach Heilung verlangt. Jeder weitere Stoß könnte dazu führen, dass die Heimat sich die längste Zeit schön gemacht hätte, und nur noch Geld für die Bauindustrie ihr im Haar glänzte. Aber diese könnte auch anders am Laufen gehalten werden. Die Römer haben ihren großen Autobahnring, den Grande Raccordo Anulare, unterhalb der Via Appia Antica einen Kilometer in einem Tunnel verschwinden lassen. Dort kann man dadurch vom Porta Appia auf dem antiken Pflaster ohne Hindernis in die kampanische Landschaft hineinwandern. Die Leipziger haben nach 1990 ihre innerstädtischen Wasserstraßen wieder freigelegt. Wunden verheilen auch wieder und Leben kehrt wieder. Vor etwa 45 Jahren noch, pflückte die Mutter des Autors auf der Baumwiese einen vielfarbigen Wiesenblumenstrauß. Heute sind dort höchstens noch einmal ein paar gelbe Tupfer von Hahnenfuß und Löwenzahn im eintönigen Grün anzutreffen.

Wie verabredet, schließen sich vorm geschlossenen Gasthof Baumwiese drei weitere Wanderburschen und drei Wandermaiden an. Das wird nicht der letzte Zustrom ein. Verboten viele sind wir heute. Wer erinnert sich noch an die Waldscheune mit dem Birkenreisig bevor der Augustusweg zum Waldmax abbiegt? Bereitwillig führten das uralt wirkende, zuweilen vor Ort anzutreffende Besenbinderpaar den neugierigen Kindern die Griffe ihres Handwerks vor. Davon gibt es keine Spur mehr, so wie auch die Entenpfütze unter der Gaststätte Waldesruh längst ausgetrocknet ist. Wir ziehen den Lößnitzweg, hier umgangssprachlich Weiße Mauer genannt, aufwärts, biegen hinter der Lindenhofwiese in Richtung Boxdorf hinauf übers Feld um durch den Lumpengrund bis an den Fuß der Deponie hinabzusteigen. Der Lindenhof, ein um 1660 zuerst erwähntes östlich der Baumwiese gelegenes Weingut, wurde seit 1912 als Lungensanatorium genutzt und am 14. Februar 1945 beim Bombenangriff auf Dresden zerstört, wobei zehn Patienten und vier Angestellte zu Tode kamen. Den oberen Abschnitt der Boxdorfer Grundstraße verfolgen wir bis zum Gallberg, wo wir an der Windmühle neben der Landmaschinenausstellung eine Rast machen, während der die Gattin eines Wanderfreundes mit deren zwei lieblichen Kinder zu uns stößt.

Über das offene Feld gehen wir hinüber nach Reichenberg, spazieren um die würdige Kirche, am alten Gasthof vorbei, längs durch das ganze Dorf, biegen in den Strakenweg ein, lassen in Wahnsdorf die Wetterwarte rechts liegen um den Straken unterhalb der Grauen Presse in Richtung der Mäuseturm-Ruine verlassen. Dann folgt die Probe aufs Exempel. Ein Dresdner Wanderfreund nämlich scheut am Tautzschgenhof vor dem, was der Radebeuler Wanderveteran einen fremdenfeindlichen Weg nennt. Dem öffentlichen Weg wurde ein massives Ziergitter derart sperrig aufmontiert, dass aus der Ferne kein Durchlass vermutet werden kann. Dabei vermag sich der Knabe mit dem Laufrad ohne abzusteigen durch die Sperre schlängeln. Mancher wird hier schon umgekehrt sein, ohne den Ausblick von den Albrechtsklippen auf das Elbtal genossen zu haben. An der waldseitigen Mauer des Tautzschgenhofs wird der Ballonstation für die Radiosonden gedacht. Ein Wanderfreund durfte als Knabe seinen Vater begleiten, der die Fuhre erledigte, mit welcher der dafür benötigte Wasserstoff aus dem erzgebirgischen Schwarzenberg herbeigeschafft wurde. Auf einer Ecke der Umfassung des Geländes befindet sich ein geräumiger Balkon, von dem es heißt, er soll einer von mehreren Punkten gewesen sein, von dem aus eine akustische Fernaufklärung feindlicher Bomberflotten stattgefunden haben soll. Ein ähnliches Bauwerk mit Zementdach ist über dem Steinbruch an der Mordgrundbrücke zu finden. Legende oder Tatsache? Wer weiß es? An der Blechburg können wir feststellen, dass das Wasserbassin unlängst ausgebessert wurde. Am Feldrand gehen wir wieder zum Graue-Presse-Weg, den wir bis zum Augustusweg hinabsteigen und über den Sternweg zurück zum Ausgangspunkt gelangen. Dabei kommen wir an Herzog Heinrichs Umwurf vorbei. Der war schon auf der Öderschen Karte von 1586 aufgezeichnet. Dort wo sich noch heute Diebsteig und Sternweg kreuzen, kippte 1539 der Schlitten von Heinrich dem Frommen, dem Vater der Kurfürsten Moritz und August, der im albertinischen Herzogtum die Reformation einführte. Es gibt Vorkommnisse, welche der Beschäftigung lohnen. Meist liegen sie weit in der Vergangenheit. Dahin wird sich einst auch dieser legendäre Spaziergang entrücken mit dem das neue Jahr seinen guten Morgen erlebte. Neunzehn Sachsen, Wiener, Schlesier und Lombarden beiderlei Geschlechts im ersten bis achten Jahrzehnt ihres Lebens stehend, können es bezeugen, wie von hier und heute eine neues Jahr ausgegangen ist und sie dabei gewesen sind. Das fängt ja gut an.

Sebastian Hennig

www.wanderburschen-des-sachsischen-heimatschutzes.jimdosite.com

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… von flüchtigen Momenten …

im fluss
Detail der Portalverglasung
Hafentor Hanau | 2017

Stellen Sie sich vor, wir würden aus der Radebeuler Oase der Ruhe westwärts gen Hanau reisen, würden mit vielen anderen Motorisierten eng an eng den Main überqueren und von der Brücke aus das Hafenbecken mit Schüttgütern, Öltanks, vielleicht auch einem Frachtschiff entdecken. Hernach drängten wir uns vierspurig ins Getöse, links oben der Damm mit den Gleisen, in der fünften Spur hält der Bus. Säßen wir darin, könnten wir aussteigen jetzt …
Das lange Wohngebäude der Hafenarbeiter aus den 1920er Jahren, das diese »Trasse« flankiert, verlor durch die zunehmende Verkehrsfrequenz erheblich an Attraktivität. Derzeit wird dieses Gebiet sozial und nachhaltig entwickelt. Auch die Kunst bekam Raum, und ein Wettbewerb für die straßenseitigen Portale wurde ausgelobt. Ich entwarf Papier-Verglasungen, die das Fließen als endlose Bewegung thematisieren. Ein jeder noch so kleine Impuls löst Bewegung aus, die sich ausbreitet und wiederum neue Bewegungen hervorbringt. Sind wir offen dafür, werden sich uns nicht nur neue Perspektiven offenbaren, wir erführen, dass selbst auf kleinstem Raum unser Bewegungsradius unendlich ist …
Das abgebildete Detail zeigt ein optisches Phänomen, darin die blauen Papierschichtungen mit dem Gezweig des Februars symbiotisch verschmelzen – für einen flüchtigen Moment …

Constanze Schüttoff

 

Drei Schwestern im Geiste

Es hatte sich so ergeben, einmal lagen auf meinem Schreibtisch drei regional-kulturelle Zeitschriften: der Elbhangkurier 11/21 (im Folgenden kurz Kurier genannt), die Erzgebirgischen Heimatblätter 02/20 (kurz Blätter) und Vorschau & Rückblick 08/21 (kurz Vorschau). Beim Vergleich der Publikationen kommen einem zwangsläufig ein paar Gedanken. Das Anliegen, diese Hefte monatlich erscheinen zu lassen, ist ganz ähnlich – für eine bestimmte Region, der Landschaft, der Geschichte, der Kunst, dem Handwerk und den hier lebenden bzw. früheren Menschen ein Podium zu geben. Von der Gestaltung und den Schwerpunkten des Inhalts her unterscheiden sie sich allerdings etwas. Die o.g. Exemplare wurden von mir spontan ausgewählt: den Kurier kaufe ich gelegentlich, wenn ich in Loschwitz, Blasewitz oder Pillnitz zu tun habe, die Blätter erwarb ich bei einem Ausflug zu einer Bilderausstellung im Schloss Lauenstein und die Vorschau liegt, wie leicht zu erraten, seit 1990 immer auf meinem Tisch.

Es machte mir Spaß, durch den Vergleich Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Fangen wir am besten beim Format an, zwei der Hefte haben mit A5 das gleiche handliche Format und eins, der Kurier, ist mit A4-Format doppelt so groß. Im A4-Format kann man mehr Inhalt und mehr Werbung unterbringen als im kleineren Format. Zumindest bei der Vorschau war das Format durch die Vorgängerzeitschrift „Die Vorschau“ 1954-1963 vorgezeichnet und da wollten wir 1990, als wir die alte Vorschau neu erschaffen wollten, anknüpfen. Für die Blätter dürfte das ähnlich gewesen sein, denn beide Hefte hatten, bzw. haben den Kulturbund als Schirmherr. Dass der Kurier ein anderes Format hat, kann daran liegen, dass er keinen Vorgänger in der DDR-Zeit hatte. Beim Umfang, also der Seitenzahl, liegen alle drei um die 32 Seiten dicht beieinander.

Aber bei der Preisgestaltung der drei Hefte gibt es Unterschiede. Ein Heft des Kuriers kostete bislang 1,50 € und ab Januar 2022 dann soll es 2,00 € kosten, wie in Heft 11/21 angekündigt. Der Preis ist trotz reichlich geschalteter Werbung so zu erklären, dass beim Kurier Profis und Laien arbeiten – der Kurier wird von der Friebel-Werbeagentur und Verlag GmbH herausgebracht. Die Blätter aus dem Erzgebirge bringt der Kulturbund Landesverband Sachsen e.V. heraus, ein Heft kann man für 2,45 € erwerben. Durch den höheren Preis ist der Verzicht auf Werbung erklärbar. Auch hier arbeiten Profis und Leute im Ehrenamt. Bei der Vorschau ist ein eingetragener Verein der Herausgeber, hier arbeiten nur Laien, also Ehrenamtliche. Unter dem Slogan „kostenlos aber nicht wertlos“ vertreiben wir unsere Hefte ohne einen Preis zu verlangen. 1990, im ersten Jahr, hatten wir einen Verkauf zum Preis von 1,50 DM pro Heft versucht, was aber in der Abrechnung bei den Geschäften, wo wir z.T. die Hefte auslegen, zu Schwierigkeiten geführt hatte. Seitdem müssen wir für einen finanziellen Ausgleich zwischen Einnahmen (Mitgliedsbeiträge, Spenden u. Einnahmen durch Werbung) und Ausgaben (Druckkosten u. Versand) sorgen.

Unterschiedlich ist auch das Thema Farbe bei den Abbildungen in den Heften. Die Blätter aus dem Erzgebirge zeigen farbige Titelbilder und im Inhalt sind über 50% der Bilder farbig, was wohl durch den teuersten Einzelpreis ermöglicht wird. Im Kurier gibt es nur zu besonderen Anlässen gelegentlich mal ein Farbfoto, sonst, wie im Heft 11/21, nur schwarzweiße Abbildungen. Unsere Vorschau kam bisher mit Schwarzweiß-Fotos gut zurecht, Farbbilder sind „Zukunftsmusik“, wer weiß, ob wir das noch erleben?

Vergleichen wir noch die Einzugsgebiete, also Gebiete, wo die Themen gefunden werden und wo die Hefte gelesen werden. Da erkennt man schnell, dass die Blätter mit dem Erzgebirge ein riesiges Territorium zwischen Osterzgebirge und bis ans Voigtland heran bedienen können. Das verdient Respekt! Dagegen ähnelt sich das jeweilige Gebiet, wo der Kurier und die Vorschau heimisch sind – zum einen die Dresdner Stadtgebiete Weißer Hirsch, Loschwitz, Blasewitz, Pillnitz und das Schönfelder Hochland, zum andern Radebeul, Coswig, Moritzburg, Radeburg und Cossebaude. Hinzu kommt, dass sich die Gebiete des Kuriers und der Vorschau mit Elbe, Steilhang und Wein, Seitentälern und dem Hochland ähneln und so in diesen Heften manchmal vergleichbare Themen auftauchen, worin m.E. ein besonderer Reiz liegt. Die Erzgebirgsblätter dagegen punkten mit speziellen Themen wie Geologie, Bergbau und Industrie. Kultur ist in allen drei Heften stark vertreten und widerspiegeln bildende Kunst, Literatur und Musik, Denkmalpflege sowie Ausstellungshinweise und auch Künstlerportraits. Die Vorschau hat durch die Landesbühnen Sachsen in Radebeul insofern etwas Besonderes, dass hier regelmäßig Theaterkritiken erscheinen.

Manchmal finden wir in den Heften auch kritische Texte in Richtung der jeweiligen Verwaltung der Gemeinden, der Städte und der Landkreise, was unsere Zeitschriften dann von den Amtsblättern unterscheidet. Sport ist ein eher seltenes Thema in den Kulturblättern. Was mir am Kurier angenehm auffiel, war, dass gelegentlich Hefte einem größeren Thema gewidmet sind, z.B. interessante Bäume im Einzugsgebiet oder alles über Äpfel – Sorten, Anbau, Zubereitung, Wirkung hinsichtlich Gesundheit usw. Da arbeiten dann verschiedene Autorinnen und Autoren zu speziellen Aspekten des Themas – dadurch kann ein Stoff erschöpfender behandelt werden. Und da wäre noch ein Blick auf die Fehlerquote. Die sollte bei Profiheften eigentlich kleiner ausfallen als bei der Vorschau. Ich habe beim Kurier früher auch schon Fehler erkannt – im Heft 11/21 sind mir aber keine aufgefallen. Bei der Vorschau diskutieren wir manchmal in der Redaktionssitzung, dass es im letzten Heft wieder Schreib- oder Satzfehler gab oder wie man die Seitengestaltung verbessern könnte. Dies ganz abzustellen bleibt ein Wunsch.

Man könnte sicherlich noch andere Kriterien bei den Monatsheften untersuchen und vergleichen, oder weitere, hier nicht genannte Hefte finden und so den Rahmen erweitern.

Ich will es aber für heute dabei belassen. Mein Fazit ist, jedes Heft ist auf seine Art mit der Kultur beschäftigt und ist in seinem Gebiet gut unterwegs und wird da gern gelesen. Weil ich aber dem einen Heft schon lange verpflichtet bin, möchte ich sagen, die Vorschau, verglichen mit zwei eher schon Profiheften, schlägt sich gut! Wir arbeiten daran, dass sie noch besser werden könnte.

Dietrich Lohse

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