Fünfzehn Jahre Bauherrenpreis

Dr. Jens Baumann, Thomas Gerlach

Am 5. November sind in den Räumen der Sparkasse und des Zweckverbades Abfallwirtschaft Oberes Elbtal (ZVOE) in Radebeul-Mitte zum 15. Mal die Bauherrenpreise der Stadt Radebeul vergeben worden.

Die zugehörige Ausstellung, die wie immer alle eingereichten Objekte vorstellt, schlägt zugleich einen Bogen über alle fünfzehn Jahre, der eine interessante Überschau ermöglicht.

Der Auftakt im Jahre 1997 war vielversprechend: In der Kategorie Denkmalpflege war das v. Minckwitzsche Weinberghaus mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden. Das 1729 errichtete Lusthaus hatte in den 1930er Jahren dem Maler Paul Wilhelm als Atelier gedient. Dem bald danach einsetzenden schleichenden Verfall hatte sich Wolfram v. Minckwitz zu Ende der 1980er Jahre mit viel Elan entgegengestemmt. Die politische Wende erleichterte schließlich die Rettung dieses baulichen Kleinods. Die behutsame Sanierung in zurückhaltender gelber Farbgebung entsprach der historischen Vorlage und erzielte eine angenehme Fernwirkung, die es zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Stadtsilhouette machte.

Die Entscheidung der Jury sollte richtungsweisenden Charakter tragen: In der Lößnitzstadt werden die leisen Töne bevorzugt.

Gleichwohl hat das über die Jahre in wechselnder Zusammensetzung arbeitende Auswahlgremium speziell mit seinen Entscheidungen zum neuen Bauen immer wieder für heftige Debatten gesorgt. Auch das war gewollt, sollte doch erreicht werden, daß sich die Bauwilligen bewußt in die gewachsene Kulturlandschaft einfühlen. Dies sei, so glaubten wir damals, ohne öffentliche Diskussion nicht zu erreichen.

Wie manch anderer, ist auch der Neubaupreis des Jahres 2009, ein Einfamilienhaus Auf den Ebenbergen, in der Öffentlichkeit nicht nur mit Beifall aufgenommen worden.

Mit dem Entwurf wurden Elemente der Umgebungsbebauung in moderner Formensprache adaptiert. Die architektonische Qualität gerät jedoch allzu leicht mit dem Publikumsgeschmack in Konflikt, wobei selbst Kritiker anerkennen, daß sich ein neugebautes Haus auch als solches zu erkennen geben darf.

In Altkötzschenbroda besteht schon lange keine generelle Sorge mehr um die städtebauliche Fortentwicklung. Dagegen kam und kommt es hier zunehmend auf die Beachtung städtebaulicher Details an. Deshalb wurde im Jahr 1999 die Sanierung des ehemaligen Hirtenhauses am westlichen Ende des alten Dorfangers mit einem Sonderpreis für städtebaulichen Denkmalschutz gewürdigt.

Über zehn Jahre lang hatte damals das bekannte Gebäude dem Verfall preisgegeben leer gestanden. Nach der Rekonstruktion zeigte und zeigt es eine gelungene Symbiose historischer Baukultur mit modernen Bedürfnissen.

Die zusammenfassende Ausstellung belegt das Bemühen den Juroren, mit ihren Entscheidungen der jeweiligen individuellen Situation in städtebaulicher und persönlicher Hinsicht gerecht zu werden. Von Jahr zu Jahr wurde neu versucht, nicht zuletzt über eine Variierung der Ausschreibung, den reichen Bestand an besonderen Einzelleistungen zu würdigen. Besonders schwer wurde das in der für das Erscheinungsbild der Gartenstadt unverzichtbaren Kategorie Garten- und Freiflächengestaltung, weil hier auch die saisonal wechselnden Ansichten die Einschätzung zusätzlich erschweren.

Im Rückblick wird deutlich, daß kategorieunabhängig die Hand des Architekten für die Qualität einer Arbeit steht. Dennoch galt und gilt der Preis der Bauherrschaft. Ihr Wille, ihr Verstand, ihr Risiko – letztlich auch das Risiko bei der Wahl des Architekten – sollen gewürdigt werden. Dabei spielt oft auch der Bauplatz selbst eine entscheidende Rolle. So muß es als außerordentlich mutig und Respekt heischend gelten, wenn etwa in den städtebaulichen Problemzonen, wie z.B. an der Meißner Straße, ein Wohnhaus saniert oder gar errichtet wird.
Ähnlichen Mut bewies in den Jahren 1999/2000 ein Investor, der in Radebeul Ost die Initiative ergriff und die Passage Sidonienstraße 2 errichten ließ.

Bauherr, Genehmigungsbehörde und Jury versprachen sich von diesem Objekt eine Signalwirkung für den Aufbruch in dem gesamten Bereich um Bahnhofsvorplatz, Sidonienstraße und Hauptstraße. Leider ist das Signal über zehn Jahre hinweg weder wahr- noch aufgenommen worden. Darin, aber auch in der Art und Weise, wie nun endlich doch weitergebaut werden soll, zeigt sich, wie begrenzt die Wirksamkeit des Bauherrenpreises, wie wohl anderer Preise auch, oftmals in der Wirklichkeit ist.

Die im Jahr 2011 ausgezeichneten Objekte fügen sich gut in den Reigen der bisherigen Preisträger ein. Mit der Brunnen- und Parkanlage am Professor-Wilhelm-Ring konnte ein Platz ausgezeichnet werden, der auf private Initiative und mit Hilfe bedeutender privater Spenden für die öffentliche Nutzung saniert wurde. Doch auch mit den anderen ausgezeichneten Objekten (und nicht nur mit ihnen), dem Garten der Familie Hentsch in der Eduard-Bilz-Straße 35, dem Neubau am Gymnasium Luisenstift, der sanierten Villa Wettinstraße 9 und dem wundervollen Kleinod Winzerstraße 67 ist die Stadt wiederum reicher geworden.

Künftig wird der Bauherrenpreis in größeren Abständen verliehen werden. Es wird eine Atempause geben. Diese wird auch dazu zu nutzen sein, an Hand der hier dokumentierten Wirkungsgeschichte der letzten fünfzehn Jahre zu überlegen, wie der Preis dem gewünschten Ziel: Förderung der Baukultur noch näher als bisher schon kommen kann. Die interessante Rückschau ist bis zum Jahresende während der Öffnungszeiten der Sparkasse und des Zweckverbandes zu besichtigen.

Alterna(k)tiv oder ewiger Wanderer im Geiste

Ein abschweifendes Gespräch mit Kempin über Kempin

Sich selbst beschreibt der Maler und Grafiker Eckhard Kempin als „Mann der vielen Worte“, welcher trotz ständig sprudelnder Ideen zeitlebens mit den Füßen auf der Erde geblieben ist. Seine künstlerischen Hauptthemen, die er sich immer wieder stellt und von denen er manche auch gleichzeitig bearbeitet, ergeben sich aus der Realität. Um all seine Ideen umsetzen zu können, meint der Siebzigjährige euphorisch, müssten ihm noch 200 Jahre Lebenszeit vergönnt sein.

Eckhard Kempin

Als Ideenspeicher dienen ihm kleine Notizhefte. Davon trägt er stets eins bei sich. Mit dem „Kritzeln“ habe er begonnen, gleich nachdem er aus der Wiege gestiegen ist – so die augenzwinkernde Erinnerung. Als Jüngstes von drei Kindern ahmte er die Älteren nach. Der Vater brachte immer kleine Notizblöcke mit. Die Lust am Kritzeln wuchs. Unter den Geschwistern brach der Wettbewerb aus, wer sein Notizbüchlein zuerst gefüllt hat. Dieses „schnell und viel“ behielt Kempin bis heute bei, was anstrengend und anregend zugleich ist – sowohl für ihn, als auch für seine Mitmenschen. Kreative zehren sich eben häufig von Innen auf.

Nach Vertreibung und Flucht aus Hinterpommern wurde die fünfköpfige Familie – drei Kinder, eine Cousine und die Mutter – in Domsdorf, Kreis Bad Liebenwerda angesiedelt. Den Vater hatte man im Sommer 1945 erschossen, doch das erfuhr die Familie erst Jahrzehnte später.

In jenem Domsdorf also, stand die kleinste Brikettfabrik Europas. Dieser versorgungspolitisch wichtige Betrieb hatte ein Ferienlager und ein Kulturensemble. Alle drei Geschwister musizierten. Kempin spielte Blockflöte. Das „Kulturensemble Domsdorf“ mit seinen über 100 Ensemblemitgliedern wurde durch die Republik gereicht. Das ging soweit, dass die Mutter Angst bekam, die Schule könnte zu kurz kommen. Doch bereits Ende der 60er Jahre brach alles zusammen, der Betrieb wurde zwei größeren Kombinaten zugeschlagen.

Eckhard Kempin: Hochzeit (2009)

Hochzeit (2009)

Obwohl man die Abstammung der Familie über 250 Jahre zurückverfolgt habe, war keiner mit hervorhebenswerten musischen Ambitionen darunter, auch die als Kinder vielversprechend begabten Geschwister orientierten sich anderweitig. Kempin – so Kempin über Kempin – habe als Einziger die künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Doch zunächst lernte er im HO-Kreisbetrieb Bad Liebenwerda Gebrauchswerber. Zur Ausbildung gehörten Plakatgestaltung, Schriftmalerei sowie das Dekorieren von Schaufenstern. Aber Eckhard Kempin wollte Kunstmaler werden. Sein sehnlichster Wunsch war, in Dresden an der Kunsthochschule zu studieren. Es folgte ein langer und schwerer Weg. So fehlten zunächst einige Voraussetzungen. Weder war er Mitglied in einem Zeichenzirkel – er fuhr zum Zeichnen lieber allein mit dem Rad in die Natur und in die umliegenden Dörfer – noch hatte er Abitur. Also musste er drei Jahre zur Abendschule, um die Hochschulreife zu erlangen. Schließlich gehörte Kempin zu den Auserwählten, welche die Aufnahmeprüfung bestanden hatten. Die Immatrikulation erfolgte 1968. Seine Lehrer waren u.a. Gerhard Kettner, Hans Mroczinski und Herbert Kunze. Das Studium sah er als Freibrief, um ausschließlich Zeit für die Kunst zu haben. Einmal fuhr er mit dem Rad bis nach Bulgarien. Dort zeichnete er Menschen am Strand. Sein Lehrer Mroczinski gestattete ihm, das Thema fürs Diplom zu übernehmen. Allerdings wurde aus den „Menschen am Strand“ eine „Brigade am Strand“. Denn der werktätige Mensch stand im Mittelpunkt der sozialistischen Realismusauffassung.

Bis heute, so betont Eckhard Kempin, habe er keine eigene „Handschrift“. Das wäre für ihn so etwas wie Serienproduktion. Er will keiner von jenen Künstlern sein, die sich ständig selbst kopieren. Er will experimentieren, will sich nicht festlegen. „Dass er in kein Schubfach passt, darin sieht er keinen Makel. Die Form hängt vom Inhalt ab und nicht alles lässt sich zuordnen.“ Erkenntnisse der Bereiche Malerei, Grafik und Plastik befruchten sich bei Kempin grenzüberschreitend.

Seine geschiedene Frau, Regina Kempin, ist auch Malerin. Er lernte sie während des Studiums kennen. Mit ihr hat er zwei Töchter. Zum Broterwerb arbeitete der Familienvater von 1980 bis 1997 auch als Restaurator u. a. in Dresden, Pillnitz, Moritzburg, Nossen, Weimar und Radebeul.

Zur „Wendezeit“ befand sich sein Hauptwohnsitz in Weimar. Das war die erste ostdeutsche Stadt, die man zur Kulturhauptstadt gekürt hatte. Dort beteiligte er sich an vielen, vor allem baugebundenen Projekten. Seit 1998 lebt Kempin in Radebeul. Wohnung und Atelier hatte er zunächst auf der Burgstraße 2, wo auch Ausstellungen und Veranstaltungen stattfanden. Trotz existenzieller Tiefschläge und starker Einschränkungen, die mit dem Umzug im Jahr 2003 verbunden waren, engagiert er sich bis heute für Kunst und Künstlerkollegen.

„Es fällt heutzutage recht schwer herauszufinden, wer ein Künstler ist … Die Klassen an der Kunsthochschule werden größer, die Qualität lässt nach … Die Studenten sollten die Zeit an der Hochschule nutzen, um solides Handwerk zu erlernen … Die Schere zwischen arm und reich klafft auch bei den Künstlern immer weiter auseinander. Einzelne haben utopische Preise, während die Masse ums Überleben kämpft.“

Obwohl Kempin ein Einzelkämpfer ist, pflegt er freundschaftliche Kontakte zu Radebeuler Künstlern wie Klaus Liebscher, Christiane und Gunter Herrmann, Peter Graf und Dieter Beirich. Sein „KunstKabinettKempin“, nunmehr auf der Meißner Straße 27 , betreibt er, „weil er auf Dauer nicht gut mit sich allein umgehen kann. Er braucht Kommunikation nach Außen.“ Seine Idealvorstellungen münden darin, dass Bildende Künstler, Schriftsteller, Musiker und Filmemacher mittels Improvisation zu einer Einheit verschmelzen.

Der Lebensmittelpunkt von Eckhard Kempin befindet in Radebeul, aber Dresden ist als kulturelles Zentrum ebenfalls wichtig, vor allem die Jazz-Szene hat für ihn Herausragendes zu bieten. An Radebeul schätzt er die Vielfalt der Natur auf engstem Raum, das mediterrane Flair, die Weinberge und das Wasser. Trotzdem macht er sich Sorgen um die Zukunft dieser Stadt. Es werden zu viele Bäume abgeholzt. Manche Fassadenanstriche wirken ordinär. Und nicht jedes neue Gebäude sei eine architektonische Augenweide.

Eckhard Kempin: Vorgabe (2005)

Vorgabe (2005)

Anlässlich des 70. Geburtstages von Eckhard Kempin wird in der Stadtgalerie Radebeul vom 18.11. bis 18.12. eine Personalausstellung mit 25 collageartigen Gemälden und 18 Original-Kunst-Alben gezeigt. Fotodokumente ergänzen die Präsentation. Mit dem doppeldeutigen Ausstellungstitel „Alterna(k)tiv“ spielt Kempin auch auf die spezielle Situation von Künstlern an. Die kennen kein Rentenalter. Er selbst sei erstaunlicherweise mit dem offiziellen Renteneintritt viel aktiver geworden. Ein Viertel der ausgestellten Werke ist 2011 entstanden. Kempin ist sein eigener Poet. Aus Gedankensplittern werden Textsplitter und die sollen nun gebündelt werden. Eine Autobiografie ist geplant. Zur Zeit arbeitet er auch an seinem Werkverzeichnis. Von über 2000 Arbeiten hat er bereits ein Drittel digitalisiert.

Gelegenheiten zur Begegnung mit dem Künstler bieten sich von der Vernissage über die Midissage bis zur Finissage. Den thematischen Schwerpunkt der Ausstellung bilden Metaphern auf das Leben, die sich dem Betrachter Schicht um Schicht aus einem Geflecht von Formen und Strukturen erschließen. Denn: Alles hat seinen Ursprung in der Realität und die Koordinaten hierfür bilden Raum und Zeit.

In eigener Sache

Vom Wollen und Wünschen

Liebe Leserinnen und Leser,

wie geht es Ihnen ganz persönlich: Schenken Sie gern und werden Sie auch selbst gern beschenkt? Äußern Sie Ihre Weihnachtswünsche? Lassen Sie sich gern mit Geschenken überraschen? Die Märkte und Händler und Geschäfte und Unternehmen haben in den letzten 50 Jahren aus der Weihnachtszeit immer mehr eine Zeit des Wollens gemacht. Wir werden überhäuft mit Angeboten, was wir für uns oder für andere wollen könnten. Einen neuen Fernseher. Ein schönes Topfset. Den neuen Erfolgsroman des berühmten Autors. Eine schicke Kombi aus Mütze, Schal und Handschuhe. Zwei erlesene Flaschen des teuren Bordeaux. Den versilberten Füllfederhalter. Sofern wir etwas für uns selbst wollen stehen die Chancen gut, dass wir das Geschenk auch wirklich brauchen und wertschätzen können. Womöglich sind wir aber auch nur einer Versuchung oder Verführung erlegen und müssen uns nun damit abfinden, dass wir zwei funktionierende Fernseher haben, das dritte Topfset, den Roman doch nicht so gut finden, der Schal zum Mantel nicht passt, der Rotwein uns für den Preis nicht raffiniert genug schmeckt und der Füllfederhalter im Schreibtisch verschwindet, weil er für den Alltag nichts taugt. Wenn wir allerdings nur etwas für andere wollen, in der Hoffnung oder Annahme, sie wollten es auch für sich, dann liegen wir noch schneller daneben und spüren deren Enttäuschung, die sich dann auch auf uns selbst überträgt. Gehen Sie mal am 27.12. in die Kaufhäuser. Die Schlangen am Kundendienstschalter für den Umtausch oder die Rückgabe sind kaum kürzer als eine Woche zuvor beim Kauf.

Anders ist es beim Wünschen.

In alten Zeiten, davon geben uns die Märchen eine Ahnung, war mit einem Wunsch fast immer auch die Einsicht verbunden, dass an dessen Erfüllung bei normalem Verlauf des Lebens nicht zu denken ist, alle Erfahrung sprach dagegen. Sich etwas zu wünschen bedeutete, sich selbst Lügen strafen zu wollen, indem das Herz etwas herbeisehnte, was der Verstand von vornherein ausschloss. Und tatsächlich bedurfte es ja Feen, Hexen, Zauberinnen und in Tiere verwandelter Menschen, damit die Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Ganz unwahrscheinliche Dinge passierten dabei. Aber genau das ist der Unterschied zwischen Wollen und Wünschen, nur leider sind diese Unterschiede inzwischen verwischt. Sich für 2011 zum Weihnachtsfest etwas zu wünschen bedeutet fast immer, eine Aussage darüber zu machen was man gern haben will, und die Bedingungen und Voraussetzungen zum Erhalt sind dabei schon mit einkalkuliert.

Liebe Leserinnen und Leser der »Vorschau«, wir haben einen Weihnachtswunsch. Wir wünschen uns, dass uns ein Leser seine Zeit und sein Interesse schenkt und uns dabei hilft, den monatlichen Online-Auftritt unseres Heftes zu verbessern. Wir wünschen uns, diesen im nächsten Jahr Zug um Zug noch attraktiver zu machen, indem wir zunehmend auch die alten Jahrgänge unseres Heftes verfügbar machen. Aber uns fehlt dafür die Zeit, denn wir arbeiten, wie Sie alle wissen, ehrenamtlich.

Haben Sie Spaß an der Arbeit mit dem Computer? Fühlen Sie sich unserem Heft verbunden? Können Sie uns guten Gewissens Ihre Zeit für ein paar Stunden monatlich schenken? Wenn das alles auf Sie zutrifft, dann wünschen wir uns, dass Sie sich bei unserem Redakteur Sascha Graedtke melden.

Eine fröhliche Adventszeit und gesegnete Weihnachten allen unseren Leserinnen und Lesern!

Für die Redaktion
Bertram Kazmirowski

Editorial Dezemberheft

Es ist Weihnachtszeit! Und wieder neigt sich ein Jahr sanft dem Ende zu. Die meisten Menschen werden den erstrebten, aber wahrlich nicht einfach zu findenden Spagat zwischen der rauschhaften Hektik der adventlichen Wochen und der ersehnten inneren Einkehr wieder nur mit Mühe begegnen können. Und dann gibt es manchmal doch die Momente des genussvollen Zurücklehnens – mit einem Buch oder gar der „Vorschau“ vielleicht. Diesen Umstand erahnend, wollten wir unseren geschätzten Lesern diesmal noch ein wenig mehr Lesevergnügen bereiten. Vielleicht haben Sie es schon bemerkt. In diesem Heft steckt ein Geschenk! Wir haben für die Dezemberausgabe keine Kosten und Mühe gescheut und ausnahmsweise acht! Seiten zusätzlich eingeschoben. Warum wir das tun? Weil die Weihnachtszeit eine Zeit des Schenkens ist.

Apropos – haben Sie schon alle Gaben beisammen? Nein? Dann hätten wir eine sinnstiftende Idee! Den Zeiten der großen Umbrüche und Sparzwänge möchten wir mit unserem kleinen Heft weiter widerstehen. Damit dies so bleibt, sind wir neben unserem ehrenamtlichen Engagement immer wieder auf freundliche finanzielle Zuwendungen von Sympathisanten und Lesern angewiesen. Oder Sie werden gar Mitglied unseres Vereins und finden die „Vorschau“ jeden Monat druckfrisch in Ihrem Briefkasten. Sollten Sie (sich) mit unserem gehegten Wunsch ein Geschenk machen wollen, dann würden sich Schenkende und Beschenkte geradezu idealtypisch ergänzen. Dann bitten wir höflichst, einen Blick in die Mitte dieser Ausgabe zu werfen, wo ein Aufnahmeantrag um zurückhaltende Beachtung ringt.

Eine besinnnliche Weihnachtszeit und einen Jahreswechsel mit der wünschenswerten Vorschau und dem prüfenden Rückblick wünscht

Sascha Graedtke

Gedenken an Tine Schulze – Gerlach

Am 11. Oktober verließ uns Tine Schulze – Gerlach.

Wir werden sie vermissen, ihre originellen Beiträge in der Runde. Wir erinnern uns an ihre Geschichten besonders in den Anfangsjahren von „Vorschau & Rückblick“ und an ihre vielfältige Unterstützung.

Ihr Kommen zu unseren jährlichen Mitgliederversammlungen war ihr immer ein Bedürfnis.

In den letzten Jahren wurde sie von uns abgeholt und wieder nach Hause gefahren – das war uns ein Bedürfnis. Nur dieses Frühjahr fehlte sie – und nun für immer.

Vielen Dank für alles

 

Im Namen des Vereins

Radebeuler Monatshefte e. V.
Vorschau & Rückblick

 

Ilona Rau

Ohne viel Herz, aber mit umso mehr Verstand

Zur Premiere von „Die drei Schwestern“ am 15./16. Oktober in den Landesbühnen

Drei Schwestern

Zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt in der Saison präsentierte das Schauspiel der Landesbühnen seine erste Inszenierung für den Großen Saal, der allerdings am zweiten Premierenabend beschämend dünn besucht war. Warum eigentlich? Tschechow ist einer der Dramatiker der Moderne, und seine Stücke, mögen es nun Die Möwe oder auch Der Kirschgarten oder eben wie jetzt in Radebeul Die drei Schwestern sein, thematisieren die Unzulänglichkeiten der menschlichen Existenz, gemessen an dem, was die Figuren an Träumen, Hoffnungen und Wünschen mit sich herumtragen. Auch 110 Jahre nach der Uraufführung birgt Die drei Schwestern also genug an dramatischer (Aussage-)Kraft, denn die Lebensleere der russischen Provinz, wie sie Olga (Julia Vincze), Mascha (Sandra Maria Huimann) und Irina (Dörte Dreger) schmerzlich spüren, übersetzt sich in die gefühlte Bedeutungs- und Perspektivlosigkeit der namenlosen Millionen im Europa des Jahres 2011, die der in jungen Jahren noch erträumten Lebensfülle nunmehr nur kraftlos nachdämmern, weil sie den Absprung aus der geistigen Einöde nicht geschafft haben. Der von Thomas Brasch in neuer Übersetzung vorgelegte Text bedient diese Suggestionen und wird um einige Assoziationen zur aktuellen politischen Situation angereichert. Insoweit der Inszenierung (Arne Retzlaff) also dieser rationale und sehr in das Jetzt hineinzielende Ansatz unterstellt werden kann, wird das Bühnenbild (Cornelia Just) auf mehrfache Weise plausibel: Der Bühnenvordergrund ist dauerhaft bedeckt mit welkem Laub, selbst im Mai, in dem das Stück einsetzt. Wer lebt wie die Figuren in Tschechows Stück, der lebt nur unter dem Vorbehalt des jederzeit möglichen Endes. Dazu gehört Armeearzt Tschebutykin (Jost Ingolf Kittel), der sich mit 60 Jahren um sein Leben trinkt und der die Berichte seiner belanglosen Lokalzeitung mit dem wirklichen Leben verwechselt. Dazu gehört Baron Tusenbach (Marc Schützenhofer spielt diesen sympathisch reflektierenden Charakter mit viel Feingefühl aus), dessen Liebe zu Irina unerwidert bleibt und der vom Nebenbuhler (David Müller in der Rolle des Soljony) im Duell erschossen wird. Dazu gehört schließlich Werschinin (Mario Grünewald verleiht der Figur schneidigen Pathos), dessen Frau sich mehrfach umzubringen versucht und der deshalb der attraktiven Mascha verfällt, ohne sie allerdings gewinnen zu können. Im Bühnenhintergrund grenzt sich ein überdimensionales, zwölffach abgeteiltes Regal ab, das den Figuren als individueller Rückzugsort dient. Jede(r) ist für sich allein in seinem kargen Geviert, vereinsamt in Gemeinschaft, weil man zu oft aneinander missversteht und mit sich selbst schon genug zu tun hat. Prototypisch dafür ist Lehrer Kulygin (Olaf Hörbe), Maschas Ehemann, der sich eine große Liebe zu seiner Frau vorgaukelt, weil es den Konventionen nach so sein muss. Der Rolle von Andrej (Tom Hantschel), dem Bruder der drei Schwestern, ist das größte Missverständnis aller Figuren eingeschrieben. Angetreten, um seiner kultivierten Erziehung mit einer Professur in Moskau – sowohl Geburts- als auch Sehnsuchtsort der vier Geschwister – die Krone aufzusetzen, endet er wegen Spielsucht schließlich hoch verschuldet als vertrottelter Angestellter der Landverwaltung, dessen Verantwortungsgefühl abgestumpft ist und an der Ferapont, Bote der Landverwaltung (Michael Heuser), scheitert. Bezeichnenderweise steht am Ende die flotte Lokalschönheit Natalja (Wiebke Adam-Schwarz) im Kreise der Zugezogenen und Soldaten als einzige Figur als Gewinnerin da, indem sie als Andrejs Ehefrau das Haus der Geschwister übernimmt und ein eisernes Regime führt. Das bekommt vor allem die Kinderfrau und Haushaltshilfe Anfissa (Anke Teickner) zu spüren, deren Daseinsberechtigung von Irina gegenüber Natalja mit Hinweis auf deren Menschsein verteidigt werden muss.

Vor der Folie der künstlerischen Gesamtkonzeption lässt sich ein großer Holzrahmen, der von Anfang bis Ende in unterschiedlicher Weise auf der Bühne platziert ist, als Ordnungskraft deuten, die den Figuren und den Zuschauern Sinnangebote macht. Wer lebt denn eigentlich „im Rahmen“ seiner geistigen und körperlichen Möglichkeiten, und wer ist längst „aus dem Rahmen gefallen“? Obwohl die Inszenierung also durch sinnstiftende Bühnendetails überzeugt, konnte sich meinem Eindruck nach die subtile, im Tschechowschen Text meisterhaft ausgeführte Desillusionierung der Figuren im Spiel selbst nicht überzeugend und vollständig entfalten. Diese Interpretation bediente meinen Intellekt, aber erreichte nicht mein Herz. Daran ändert auch eine traurigschöne Pierrot-Szene zum Ende des 2. Aktes nichts, in der Irina als Kontrapunkt zum flachen Karnevalsamüsement die Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben tanzt.

Laudationes

anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul an Gottfried Reinhardt und Helmut Raeder am 9. Oktober 2011 auf Schloss Wackerbarth

von Prof. Helmuth Heinze

In Vorfreude auf diesen Tag der Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul an Gottfried Reinhardt habe ich mehrere Reden entworfen, um das Werk und Wirken des Preisträgers zu würdigen, habe sie dann alle verworfen. Es war mir alles zu aufgezählt, zu trocken, zu richtig – ja nichts zu vergessen – an alles zu denken. Zu lang sollte die Rede auch nicht werden.

Kunstpreis 2011: Helmut Raeder (l) und Gottfried Reinhardt (r)

Wir haben uns aber auch am Ende des vergangenen Jahres über die große Wertschätzung und Anerkennung, die Gottfried Reinhardt bei den Künstlern in Radebeul gefunden hat, sehr gefreut. Sie alle haben sich sehr gut erinnert, dass Gottfried Reinhardt über Jahrzehnte in Radebeuler Ateliers, in Privathäusern, in Gärten und Wohnungen, in Kirchgemeinden, im Schloss Hoflößnitz und in der Stadtgalerie seine Puppentheaterstücke aufgeführt hat. Er hat durch seine Aufführungen in den Ateliers der Künstler, bei Ausstellungseröffnungen, bei Geburtstagen und Feiern zur Kultur der Stadt beigetragen.

An drei Stationen – eigentlich sind es drei Jahreszahlen – möchte ich versuchen, das Werk und Wirken des Preisträgers zu würdigen.

Die erste Station – 1972: Am 30.Dezember 1972 hatte Gottfried Reinhardts Puppentheater in der Schinkelwache am Theaterplatz in Dresden Premiere. Publikum waren seine Freunde aus dem Architekturstudium. Gottfried Reinhardt hatte von 1953 bis 1961 an der TU Dresden Architektur studiert, aber es zog ihn nach dem Studium zum Theater und zur Malerei.
Obwohl er auch „Menschentheater“ – wie er es nannte – besonders mit dem Choreografen Manfred Schnelle in Rostock entworfen und ausgeführt hat, ist er durch sein eigenes Puppentheater und seinen eigenen Stücken weithin bekannt geworden. Seine Freunde aus dem Studium haben ihn nach der Premiere in der Schinkelwache seiner ersten beiden Stücke „Die Hochzeit im Spreewald“ und „Don Giovanni“ ermutigt, weiterhin zu spielen. Neben Peter Albert und Dieter Schölzel waren Karl-Heinz Georgi und Manfred Wagner bei der denkwürdigen Premiere mit dabei. Der Erfolg war groß: „Wir haben es weiter gesagt“, so erzählte Dieter Schölzel, „und im Lauf der Zeit sind es Hunderte, wenn nicht Tausende geworden, die Dein Spiel erlebt haben, zu denen Du mit deinem Theater – anfangs auf dem Buckel tragend – gezogen bist …“. Bereits bei dieser ersten Premiere hatte Gottfried Reinhardt sein zusammenlegbares Wandertheater aus Stäben und Stoffen. Es geht leicht aufzubauen, leicht wieder abzubauen und wieder fortzutragen.

Die Stücke hat er selbst geschrieben, die Puppen selbst gestaltet, die Bilder selbst gemalt, seine Stücke auch selbst inszeniert und alle Puppen geführt und gesprochen. Er spielte auf private Einladung in jeder Wohnung, in jedem Raum mit der Mindesthöhe 2,65 m. Er verlangte keinen Eintritt, kein Honorar, meist ging der Hut herum. Sein Spiel mit den Stücken, seinen Puppen, dem leicht gebauten Theater war in Farbe und Form ein Gesamtkunstwerk.

Er hat mit einfachen Mitteln große Wirkungen erzielt. Die Tiefe seiner Gedanken und die Leichtigkeit des Spiels machten sein Puppentheater besonders und einmalig. In den frühen griechischen Stücken haben wir diese heitere Dramatik, die nur das Theater mit Puppen möglich macht, begeistert erlebt.

Ein Beispiel: der Beginn des „König Ödipus“

Ödipus: „Ich habe einen rechten und einen linken geschwollenen Fuß
und heiße deshalb Ödipus – der geschwollene Fuß.
Ich gebe euch bekannt, dass nach mir den Ödipus-Komplex benannt;
für solche, die den Vater töten oder hassen,
um sich intensiv mit Mutti befassen.
Weil man mir dies prophezeite,
gehe ich von zu Hause in das Weite.
Will Vater und Mutter nie mehr seh’n,
um mich an ihnen zu vergeh’n.
Heiter bin ich, guter Dinge,
zieh‘ mich hinkend aus des Schicksals Schlinge.“
Kasper: „Ist auch das Wetter nicht heiter,
die Sonne scheint über den Wolken weiter.“

Er hat uns die Antike wieder nahe gebracht.

Die zweite Station: 2008: Am 13. Juni fand in der Stadtgalerie in Radebeul-Altkötzschenbroda die Buchpremiere von Gottfried Reinhardts Buch „Puppentheaterstücke“ statt. Der NOTschriftenverlag mit seinem Leiter Jens Kuhbandner und der Herausgeber Uwe Arnold hatten sich zu einer Gesamtausgabe aller 16 geschriebenen und gespielten Stücke entschlossen. „Ein Buch, ein wunderschönes Buch ist erschienen“ schrieb Undine Materni in der Sächsischen Zeitung „das Puppentheaterstücke in drei Abteilungen versammelt: die Antike, das Theater, die freien Erfindungen, ergänzt durch Faksimiles von Zeichnungen, Theaterzetteln und Notizen. Trotz der fast 500 Seiten liegt es leicht in der Hand.“

Paul Kaiser nannte ihn 1997 in einem Aufsatz im Katalog der Ausstellung „ Bohème und Diktatur in der DDR“ in Berlin „… eine lebende Legende in der ostdeutschen Subkultur.“ Seine Stücke handeln von Macht und Ohnmacht, von Maß und Anmaßung, von Freiheit und Unfreiheit und waren eine Form des subversiven Widerstandes in der DDR.
Vielleicht noch eine Anmerkung: Vom Dezember 1972 bis Juni 2008, das sind knapp 35 Jahre, hatte Gottfried Reinhardt fast über 2000 Auftritte. Bei jedem Auftritt hatte er nicht nur das Stück zu spielen, die Puppen zu führen, die Rollen zu sprechen, sondern auch das Theater zuerst aufzubauen, dann wieder abzubauen und wieder in zu verpacken. Eine große körperliche und geistige Leistung. Er hatte kein festes Haus, er war überall zu Hause, wo man seine Stücke und sein Spiel liebte.

Die dritte Station – 1987: Gottfried Reinhardt nahm zwei kleine verwilderte Katzen mit aus dem Keller der Russisch-Orthodoxen Kirche in Dresden. Die beiden kleinen Katzen nannte er „Iphigenie“ und „Medea“. Es kamen im Laufe der Jahre noch viele Katzen in sein altes Bauernhaus. Der „Iphigenie“ hat er sogar das gleichnamige Puppentheaterstück gewidmet. Seit dieser Zeit sind „Katzenportraits auf alten Brettern“ entstanden. Carla und Friedrich-Wilhelm Junge gaben Carsten Nüssler 2003 ein schmales Bändchen über diese Katzenporträts mit dem Titel „Medea“ und einem Text von Gottfried Reinhardt heraus.

Einige Worte zum Maler und Grafiker Gottfried Reinhardt:

Während seines Architekturstudiums hatte er bei Prof. Nerlich als Wahlfach Technik des Holzschnitts belegt und hatte Unterricht im Malen und Zeichnen bei Otto Westpfahl genommen, der Schüler von Carl Bantzer war und die „Frei-Luft-Malerei“ lehrte. Im Gebergrund bei Goppeln malten sie im Freien. Gottfried Reinhardt hat viel an der Luft, im Freien gemalt und gezeichnet, die Holzschnitte sind dann im Haus entstanden. Seine Landschaften sind offen und locker, ohne feste Konturen. Auch seine Holzschnitte sind fast fließend, ohne flächenhafte Festigkeit. Anders bei seinen Katzenporträts auf alten Brettern. Sie haben Begrenzung und Umriss.

„Mitunter ist eine gewisse Ähnlichkeit mit Ikonen nicht zu vermeiden“, schrieb er in seinem Text. „Manche Katzen auf den Kuchenbrettern leben schon nicht mehr. Ihr Bild soll sie mir wieder nahe bringen.“ Ikonen, so hat er mir erklärt, blicken zu uns, wie aus einer höheren Welt.“

Vielleicht muss ich hier erklären, dass Gottfried Reinhardt Protodiakon der Russisch-Orthodoxen Kirche in Dresden ist und seit seinem Eintritt 1972 in diese Kirche jeden Sonnabend und Sonntag sowie an den Feiertagen des Kirchenjahres gedient hat, zuletzt meist im Ornat gelesen und zelebriert.

Die Tierliebe, die Menschenliebe, die Liebe zur Landschaft, die Weisheit und die Religion hat er in besonderer Weise in seine Kunst mit einbezogen, sei es nun in seinem Puppentheater, in seiner Malerei, in seinen Holzschnitten und in seinen Katzenporträts. Er weiß von den Zusammenhängen frühchristlicher Bildwerke und antiker Kunst.
Apollo, der Gott der Künste und Wissenschaften, olympischer Gott der Weissagungen spricht im Stück „Iphigenie“ von Gottfried Reinhardt:

„Ich mag die Menschen nicht schuldig sprechen,
ich kenne sie und achte ihre Schwächen.
Schwächen sind ehrlich
Stärken oft gefährlich.“

Gottfried Reinhardt hat oft im Gespräch geäußert, sein wichtigster Satz ist aus der „Antigone“ von Sophokles:

„Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da.“

 

Laudatio für Helmut Raeder

von Heiki Ikkola

Ihr naht Euch wieder, wankende Gestalten,
Die übers Jahr im trüben Nirgendwo geweilt!
Willkommen, Freaks, Poetenpack, ihr Durchgeknallten,
Die Ihr mit schönem Wahnsinn jeden Kummer heilt!

Die Zelte stehn, die Buden sind gezimmert.
Es riecht nach Glückshormonen, Rindenmulch und Schweiß.
Die Bühne knarkst, die Violine wimmert,

Der Prinzipal hält lachend sich den Steiß.

Ein jedes Nachtgewächs kann hier gedeihen.
Ein jeder staunt und feiert, was er kann.
Und weißbehemdet winden sich die Reihen:
Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan!

Hinaus ins Weite unsrer drastisch schönen Eingeweide!
Es rast die Lust durch Herz, Blut, Nerven und Verstand.
Wir tanzen auf des Messers Schneide
Bis an des Lichtermeeres zwielichtigen Rand.

Ich gratuliere der Großen Kreisstadt Radebeul zu der Entscheidung, ihren Kunstpreis 2011 dem Künstler und Menschen Helmut Raeder zu verleihen.

Wenn es zu beschreiben gilt, was Helmut Raeder von Jahr zu Jahr immer wieder neu auf die Beine stellt, was er mit zahllosen Mitstreitern zimmert, zaubert, zelebriert, dann werden Zeitungsredakteure und Programmheftschreiber zu romantischen Dichtern und verschlossene Griesgrame zu freundlichen Fantasten:

Kunstpreis 2011: OB Bert Wendsche (l) und Helmut Raeder (r)

Straßenzirkus-Direktor, Impresario, Zeremonienmeister, Festivalmacher, schelmischer Frühling – all das ist Helmut Raeder. Jazz-Veranstaltungen in Senftenberg, Weinfeste, Kinderjahrmarkt und das erste Straßentheaterfestival der DDR in Meißen, Spieltour Dresden, Zirkus Luft, Feste im Eselnest, Walpurgisnacht, Straßenfasching, natürlich die Radebeuler Feste: das Karl-May-Fest, das Herbst- und Weinfest, Lichterglanz und Budenzauber, und nicht zu vergessen: der Scheune-Schaubuden-Sommer in Dresden – all das und viel mehr ist Helmut Raeder. Er würde sich sicher dagegen verwahren, all diese Projekte und Feste nur als seine Kreationen zu bezeichnen, was wären sie schließlich ohne all die Vertrauten und Wegbegleiter, Künstler, Musiker, Wolkenschieber? Aber mal ehrlich: was wären Dresden und Radebeul ohne Helmut Raeder?

Seine Kunst ist die große Kunst des Feste-Feierns, vielleicht eine völlig verkannte Kunst. Wie ein Maler Farben auf die Leinwand bringt, ein Regisseur Visionen in Szene setzt und das Bühnengeschehen arrangiert, so versteht es Helmut Raeder, Menschen verschiedenster Kulturen, Gesellschaftsschichten und Berufe zu vereinen, um seine großen und kleinen Kunstfeste lebendig werden zu lassen. Da vereinen sich Visionen, die seit Jahren in seinem Herzen wachsen, mit überraschenden Einfällen zu Augenblicken gelebter Kreativität. Helmut Raeder bringt Künstler zusammen, die sich vielleicht nie getroffen hätten und braut so den Sud für einzigartige Mischungen großen sinnlichen Kunstgenusses.

Er ist ein Mann ohne Berührungsängste, seine Bodenständigkeit ist ebenso beneidenswert wie seine himmelfliegenden Ideen. Zwischen Hochkultur und Volksfest zieht er keine Grenzen, eine Kunst nur für Eliten, das wäre ihm fremd und weiß um den prickelnden Zündstoff, den er da legt.

Gilt es, Musiker zu finden, die die Grenzen des Gewohnten überschreiten, die mit einem Tross von Künstlern durch die Stadt ziehen oder endlos musizieren, um ein Fest im Rausch der Nacht zu zertanzen, dann findet er sie oft in der Nähe seiner Wohnung am Altmarkt: Straßenmusiker aus aller Herren Länder, oft sind es Zigeuner, zu denen Helmut ein ganz besonderes Verhältnis hegt.

Faszinierend, fremd sind sie, nicht immer zu verstehen.

Helmuts Feste sind oft geprägt von diesem besonderen Verhältnis, sind wie ein Kusturica-Film, der ohne Kamera und Leinwand auskommt, weil wir mittendrin sind! Helmut kommuniziert mit Künstlern aus aller Welt, auch wenn er keine Fremdsprache spricht. Wie macht er das? – Das erstaunt mich immer wieder. Er versteht und wird verstanden.Hat er im Vorfeld des Karl-May-Festes mit dem Gast einen nordamerikanischen Indianerstammes einige Stunden in der Schwitzhütte verbracht, ist die Verbindung besiegelt und es bedarf nur noch weniger Worte. Eine weitere erstaunliche Fähigkeit Helmuts ist es, zu wissen, wo braucht es Entscheidungen, Rahmenbedingungen, wo muss radikal und ungewöhnlich aufwändig vorbereitet werden? Und wann ist es Zeit, sich zurück zu ziehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen, damit sie sich entfalten.

Ich habe viel von ihm gelernt, die Arbeit mit ihm war für mich stets beglückend und im wörtlichen Sinn ein Lebenselixier.

Und zum Schluss:

Ein Mann sitzt unterhalb von Altkötzschenbroda auf dem Deich, während im Zelt alles ausgelassen tanzt und das gelungene Fest feiert, sitzt dieser Mann mit Hut still, schweigend einfach da, keiner vermag zu sagen, was er denkt. Er blickt auf die verlassene Wiese, die letzten Reste schwelenden Holzes, die Feuerwehrleute drehen eine letzte Runde und bemerken den Mann gar nicht – es ist Helmut Raeder – so wie in nur wenige kennen. Ein Künstler nach getaner Arbeit. Irgendwie leer und doch angefüllt. Fragend, zufrieden, nachdenklich, einfach nur schauend – wer vermag das zu sagen?

Lieber Helmut, du bist kein Künstler im Elfenbeinturm.

Dein Turm ist vielleicht ein Hochsitz aus rostigen Gerüststangen und Treibholz, auf dem du sitzt, wenn eines deiner Feste in vollem Gange ist, freust dich an dem Treiben und lachst mit deinem unverkennbar donnerndem Lachen – ein Dionysos an der Elbe, den nächsten Streich schon im Kopf.

Im Hintergrund singt jemand das Lied vom Mädchen mit den schwarzen Augen …

„Tschüß, ihr alle!“ –

Die Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach ist 91-jährig verstorben

Eine Ahnung davon verspürte sie wohl schon seit langem. Doch diese Ahnung war niemals von Trübsinn, Schrecken oder gar Tränen begleitet. Für die Radebeuler Schriftstellerin Tine Schulze Gerlach hatte der Tod nie ein schwarz verhülltes Gesicht und er verbreitete auch keine Furcht erregende Aura. Ganz im Gegenteil. Sie glaubte an die Erlösung durch ihn. Am 11. Oktober 2011 nun hat er sie schließlich aus einem langen, wunderbar aufregenden und vor allem großartigen Leben mitgenommen auf die andere Seite. Denn so hat Tine Schulze Gerlach sich selbst und ihr irdisches Dasein immer gesehen. Als ein wunderbarer Moment in der Ewigkeit des Planeten Erde.
Ihren 90. Geburtstag im April 2010 hat sie noch im Kreise ihrer Kinder, deren Ehemännern und Ehefrauen und deren wiederum zahlreichen Kindern – ergo ihren Enkeln – gefeiert. Es passte zu ihr, dass sie in einem Frühlingsmonat geboren wurde. Niemand freute sich wohl in jedem Jahr so sehr auf den Frühling wie sie. Denn dann konnte sie endlich wieder aus ihrer Wohnung in den Garten hinaus. Konnte dort sitzen und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen genießen.
Vier Kindern hat sie das Leben geschenkt, den Mann hat sie sehr zeitig verloren. Von Hellerau im Dresdner Norden zog sie um nach Radebeul. Das war um 1960 herum, das Jahr, in dem auch ihr erster Roman entstand. In die Lößnitzstadt brachte sie sich ein mit all der Kraft, die dieser kleinen Frau zur Verfügung stand. So lange wie möglich und so intensiv wie nötig. Und das Bücherschreiben wurde ihr Passion und schließlich Profession. Da war kaum jemand hierzulande, der mit der „Bürgschaft für ein Jahr“ nichts anzufangen wusste. Von ihren insgesamt 15 veröffentlichten Büchern sollte dieses Buch das wohl populärste werden. Eines, das gar sehr mit gutem Erfolg verfilmt wurde.
Als 1990 aus der deutschen Zwei- die Einstaatlichkeit wurde, machte Tine Schulze Gerlach sich auf nach Helgoland. Einmal wenigstens wollte sie auf dieser sturmumtosten Klippe stehen. Und auch von diesem Erlebnis kündet später ein Buch.
Vor mehr als zehn Jahren rezensierte ich in den hiesigen Zeitungen ihr Büchlein „Elbe, mein Fluß“ dass von Gitta Kettner meisterhaft illustriert worden war. In dem Buch beschrieb Tine Schulze-Gerlach in ihrer so typischen luftig leichten und dennoch so tiefgründig analysierenden Sprache eine Schiffsreise auf der Elbe. Beim Grenzübertritt flussaufwärts ins Tschechische hinüber sinniert sie über die dortigen Mädchennamen und dabei fällt ihr natürlich die Rusalka ein. Und dazu wiederum die Textzeile „Oh Mond erlisch mir nicht“ Auf einer Karte dankte sie mir damals für die Besprechung und fügte dann noch den Satz hinzu „Jetzt brauche ich nur noch einen ähnlichen Nachruf eines Tages…wenn es soweit ist“ Nun ist es tatsächlich soweit, Tine Schulze Gerlach hat sich aus dem Leben verabschiedet. Still und leise; so wie sie dieses Leben 91 Jahre lang still und leise gelebt hat. Sie wird nicht nur ihrer Familie, sie wird auch den Radebeulern fehlen.
In ihren „Abschiedskrümeln“ – einem Lyrikband aus dem Jahre 2001 – findet man ein Gedicht mit dem Titel „Lustig“. Das endet mit den Worten “…lachen tut so gut, auf wessen Kosten auch immer“ Und ganz unten drunter hat Tine Schulz Gerlach noch geschrieben „Tschüß, ihr alle!“ Bleibt uns allen nur zu antworten „Tschüß, du auch!“

Tinechens Weg

Am 11. Oktober 2011 hat die Schriftstellerin Tine Schulze Gerlach die Augen für immer geschlossen. Sie war Gründungsmitglied auch unseres Vereines – wir  gedenken Ihrer gemeinsam mit allen, die sie kannten.

von Thomas Gerlach

Rückt zusammen, hast Du gesagt, seid fröhlich, singt und trinkt euch einen! Hast dabei an Tim Finnegan gedacht, und wie ihn seine Freunde trugen durch die Nacht, den irischen Maurer, von Kneipe zu Kneipe, bis endlich der Whiskey durchn Sargdeckel troff – lot of fun at Finnegan’s wake.

Tienchen

Und im Fortgang, so beim Wortklang und beim Glaskling, das im Raum hing lauschst Du dem Singsang im Stimmfang vieltausendmal; und millionenfach hättst dem tausendschönen Leben Du in die Saiten gegriffen und in die Seiten, die prallen Lebensseiten wie Anna Livia Plurabelle, die vielschöne Schönviele, wäre da die Pflicht nicht gewesen, die Kinder, der Mann, die Pflicht, die Dir, wie Du nicht müde wurdest zu behaupten, Bedürfnis war, ganz leicht von der Hand ging, gar nicht der Rede wert, selbstverständliche Selbstverständlichkeit, bis Dir viel später und wie nebenher der Halbsatz entglitt: ich war doch immer nur … die Pflicht also und die Leute, Leute, Leute …
Trinkt euch einen!

Die Mahnung nehmen wir ernst. Keine so gern wie diese. Mit einem fruchtigen Kötzschber zuerst. Reden dabei. Rücken zusammen. Dein erstes Gedicht fällt uns ein, Du hast nur noch erzählt davon, wie Dus beim Anstehn nach Kartoffeln formuliert hast, und daß es von jenem Holderbusch erzählt, von dem Du husch husch husch übern Zaun Dolden gemaust hast und Deinen Kindern dann endlich mal was kochen konntest, das auch schmeckte zu dieser Zeit. Da war der Krieg gerade aus, wir wissen das alle nicht mehr, aber Du hast es gewußt bis zuletzt, wie ihr es alle gewußt habt, Du warst fünfundzwanzig und für zwei Kinder zuständig, die auch nur Hunger hatten in der schweren Zeit, von der heute keiner mehr was wissen will, weil niemand bereit ist, aus Gewesenem zu lernen. Krieg also, von Lebensjahr neunzehn bis Lebensjahr fünfundzwanzig – schön ist die Jugend, sie kehrt niemals wieder. Merkt Euch das, die Ihr heute freiwillig …

Zwei Kinder also, wie gesagt, und der Mann irgendwo und der kleine Bruder in Buchenwald, dort gehen wir ihn suchen bald – darfst nicht suchen, darfst nicht finden, mußt es still für Dich verwinden und vor allem Schnauze halten, bevor andre Mächte walten – Jugend also, aber der Holderbusch hat Dich so beflügelt, daß Du Dein erstes Gedicht …
Trinkt euch einen!

Später – wir sind schon beim Traminer miner miner – reden wir über die heile Welt, wie du sie Dir geschrieben hast und Deinen Lesern; hast den Nerv der Zeit getroffen und die brave Leserschaft ganz so wie mit Rebensaft und natürlich viel Geduld so gewaltig eingelullt, daß keiner gemerkt hat, was Du ihnen eigentlich zugemutet hast: läßt lachend den Ehemann, Deinen Schlumski, zu seiner Liebsten ziehn, der Euch noch eine Schüssel Apfelmus hingestellt hat, daß Ihr ihn nicht vergeßt während er sich selbst vergißt – Apfelmus, so heiter kann die Welt sein, lot of fun at finnegan’s wake, und wer spürte, wer ahnte, was da stand, überblätterts rasch, blätterts rasch, damit das Rascheln den Schreck übertönt: aber nein doch! Und liest im Paradiesischen weiter. Ihr müßt unbedingst den Whiskey probieren!
Trinkt euch einen!

Irgendwann, ziemlich spät erst, hat jemand diesen ganz anderen Satz von Dir gehört: Im Grunde war ich immer allein.

Das späte Bekenntnis überrascht und erschreckt: hattst Dich so schön hinterm Lächeln versteckt, wolltest die Wahrheit nur tröpfchenweis sagen, wußtest, daß wir sie im Wein nur vertragen und die wässrige Lösung auf morgen vertagen …
Und Anna sagt in die Stille hinein, aber wir sind doch im Grunde alle allein –
Was schon niemand mehr hört überm Ruf nachm Wein …
Trinkt euch einen!

Lehrt die Gläser Zug um Zug – nicht umsonst ist Dein Schlumski bei der Reichsbahn gewesen – ja, und dann kam irgendwann der Um-Zug, da waren dann schon vier Kinder zu versorgen, denn der Mann war doch noch heim gekommen, der Umzug also ins mütterliche Erbe: aus der Großstadt raus ins Lößnitzhaus. Da ist Heimat entstanden unterm Wasserturm, den Du Gaston genannt hast, weil es Franzosen waren, die ihn gebaut hatten, Dir aber hat der Turm so manche Parisreise ersetzt, wenn Du ihn anschaun konntest aufm Weg zum Briefkasten.

Vier Kinder also nun: Ihr seid ja zu Hause auch vier Geschwister gewesen. Du warst die älteste und bist es geblieben bis zuletzt. Und wie als zweite Deine Schwester geboren wird, sagt Dein Vater zu Deiner Mutter, von Dir krieg ich ja gar keine Kinder … Welch ein Stern, auf dem wir gern glücklich wärn …
Trinkt euch einen!

Dein Fenster im neuen alten Haus ist das Küchenfenster. Es hat den schönsten Blick in den immergrünen Lößnitzgarten hinaus. Zuerst wars ja ein Nachkriegs-Nutzgarten, der alles hergab, was das Herz begehrte, wenn es denn nach Erdbeeren schrie, das Herz, nach Bohnen, Gurken, Möhren, Kirschen, Birnen und ein paar Blumen natürlich und vor allem Grün grün grün. Im kleinen Zimmer nebenan  Dein Schreibtisch. Und das Fenster daneben zeigt ein gleich schönes Bild wie das aus der Küche. Hier hast Du Dein Leben in die Tasten geklappert, hast nachgeformt, was Dein Völkchen so plappert und hast immer wieder aufgeblickt und hinaus geschaut. Das Fenster stand offen alle Zeit. Denn oben, der Himmel, der war so weit, und Du warst hier unten so klein, so klein – sollte das alles gewesen sein? Du schaust aus dem Fenster als dächtest Du eben – laßt mir doch mein scheiß bissel Leben.
Trinkt euch einen!

Im stets offenen Fenster ein steter Schimmer, die offene Kerze im Fenster brannte fast immer. Sie machte Deine Dunkelheit so besonders, wenn der Himmel die Erde bewegte und der Wind in die Fichte fegte und von dort in den alten Nußbaum sprang, wo ständig irgendein Vogel sang – war es die Nachtigall, die Lärche? – Hast viele Sommer lang unter ihnen gesessen im Dreigesträuch, wo Dein Stuhl noch steht und das eiserne Tischchen und der Korb mit dem Schreibzeug und dem Telefon und dem Flachmann, den nun wirklich nicht jeder sehen sollte. Manchen lieben Abend haben wird dort aufn Vollmond gewartet, ich hol schon mal die Gläser, was trinken wir denn – riefst es, wenn der Besucher den Weg runter kam vom Tore her, Freude klang aus den Worten, warme herzliche Freude, doch wars immer nur ein Gast und nie der Ertäumte, denn Du hattest sie noch, die Träume der Jugend –
Trinkt euch einen!

Bücher, Bücher, Bücher. Dazwischen Dein Leben. Gelesene, geschriebene, gewesene, gebliebene, gebliebene, geliebene – der scheußliche Joyce, der joycliche Scheuß, der arnosche Schmidt, die Bruns gleich selbdritt – Du aber warst die erste und einzige, die den Jesus von Saramago nicht nur gelesen sondern auch geliebt hat: zu Tränen begeistert ob der Sprachkraft, die uns bei allem doch verwehrt geblieben. Stets war die neuste Literatur zu finden bei Dir, wo sonst, und ganz schnell voll von Zeitungsschnipseln und Notizen. Ein Esel, wer sich verzettelt? Nein! Sie gehören in Sommernachtsträume hinein! Anna Livia Plurabelle, lies mal das noch auf die Schnelle!
Trinkt euch einen!

Rückt zusammen, hast Du gesagt, seid fröhlich, singt und trinkt euch einen –
Und was hast Du noch gesagt?

Tschüß, Ihr alle!

Die Antwort folgt Dir nach, vieltausendfach!

Editorial Novemberheft

850 Jahre Weinbau in Sachsen! Ein Jahr großer Feste und Feierlichkeiten geht seinem Ende entgegen. Während die Anfänge der ersten Rebpflanzungen im Elbtal weitgehend im Dunkeln liegen, so lassen spätere Quellen und Artefakte erahnen, wie stilprägend die Rebkultur auf dieses Stückchen Elbtal schon lange wirkt. Es ist heute kaum vorstellbar, welches Bild unsere Heimatstadt noch vor zwei Jahrhunderten bot. Wo sich villenbestückte Parzellierungen auf gerastertem Straßennetz reihen, waren einst ausgedehnte Weinfelder, die sich von den Terrassen herab bis an die Höfe von Kötzschenbroda zogen. Die tiefen Kellergewölbe künden dort und in den versprengten Winzerhäusern der Lößnitz noch immer von der Lagerung des eingefahrenen Rebensaftes.

Nach Einbruch des sächsischen Weinbaus infolge der Reblauskatastrophe an der Wende des letzten Jahrhunderts, dem neuerlichen Aufbruch und schließlich eher traditionsfeindlichen Weinbetrieb zu DDR-Zeiten, erlebte die hiesige Weinkultur seit den Nachwendejahren eine wahre Renaissance. Große und kleine Weingüter zeugen mit einer breitgefächerten Stilistik von individuellen Winzern und charaktereigenen Weinen.

Der Maler Moritz Retzsch hat mit seinem 1840 bebilderten „Winzerumzug“ so ein eindrucksvolles Bild für das kulturelle Gedächtnis der Stadt geschaffen. Das diesjährige runde Jubiläum motivierte die Betreiber von „Schloss Hoflößnitz“ nun gar zu dem kühnen Unterfangen, das historische Vorbild weitgehend originalgetreu nachzustellen. Und tatsächlich: Am 9. Oktober zogen bei durchmischtem Herbstwetter mit Glühweintemperatur kostümierte Winzer, Handwerker und Musiker durch Radebeuler Straßen. Im Zentrum des bunten Treibens thronte Weingott Bacchus auf einem reich geschmückten Triumphwagen.

Unüberschaubare Menschen-„trauben“ drängten sich an Straßenrändern und schließlich im Hofe der Hoflößnitz. Es ist nicht bekannt, wann es dies so jemals schon gegeben hatte. Obgleich die Organisatoren sich mit den aufgestellten Weinbuden gut gerüstet sahen, hatten sie einen derartigen Ansturm wohl kaum erwartet. Dann ist ihnen aber immerhin das Ansinnen des Festes von 1840 gelungen: Die Zusammenführung von Menschen unterschiedlichster Berufungen, und dem Wein und Weinbau, in all seinen Facetten, mit Dank und Freude zu huldigen.

Den Überlieferungen zufolge soll das 1840er Weinjahr in Sachsen, im Gegensatz zum zelebrierten Festcharakter, eher mäßig gewesen sein. 2011, nach zwei durchaus schwierigen Weinlesen, sehen die Winzer indess in Menge und Qualität einem Jahrgang entgegen, von welchem noch in vorgerückten Zeiten zu sprechen sein wird.

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