Noch ein spezielles Kapitel: Untertraufmalerei in Radebeul

Als ich in den Vorschauheften 08/08 und 09/08 über Beispiele der Drempelmalerei berichtete, hatte ich mit voller Absicht die ähnliche Untertraufmalerei nicht mit in das Thema einbezogen. Und dafür gab es Gründe.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, das damalige Thema nicht so packend fanden, sollten Sie vielleicht gleich weiterblättern und sehen, ob das Heft für Sie noch interessantere Artikel bringt. Wenn Sie aber neugierig sind und von dem heutigen Thema noch nie gehört haben, dann sollten Sie dranbleiben.

Mozartstraße 6

Während wir die Drempelmalerei an der oberen Partie einer geputzten Wandfläche von Villen und Landhäusern antreffen, es sich also um Malerei in oder auf Putz handelt und diese am besten durch möglichst horizontale Blickrichtung wahrgenommen wird, so ist Untertraufmalerei eine solche auf der Unterseite eines Dachvorsprungs an Traufe oder Giebel, meist eines Dachkastens aus Holz und setzt eine mehr vertikale Blickrichtung des Betrachters voraus. Beide liegen zwar in oberen, benachbarten Partien von Gebäuden, kommen aber äußerst selten am selben Haus vor. Das einzige, mir bekannte Radebeuler Haus ist die „Teekanne-Villa“, Meißner Straße 45, deren Fassaden z.Z. restauriert werden, wo neben Drempelmalerei auch etwas frühe Untertraufmalerei zu erleben ist. Die eigentliche Untertraufmalerei gehört zu einer Bauzeit von ca. 1906 – 1914, ist also jünger als die Drempelmalerei. Es ist die kurze Zeitspanne zwischen dem Jugendstil und dem 1. Weltkrieg, die gern als „Deutscher Werkbund“ oder neuerdings auch als Reformbaukunst bezeichnet wird. Da es sich dabei um einen Übergang von Historismus/Jugenstil zu Moderne/Bauhaus handelt, sind die Ausdrucksmittel der Untertraufmalerei gegenüber der Drempelmalerei stark zurückgenommen und zeigen eine klare, z.T. geometrische Formensprache sowie andere Farbigkeit (sie beschränkt sich meist auf 2 oder 3 Farben, selten mehr). Drempelmalerei wirkt auf uns malerischer und künstlerischer und kann von Hand oder als Schablonemalerei aufgetragen worden sein, während die strengere, symbolhaftere Untertraufmalerei stets als Schablonemalerei hergestellt wurde. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass für denkmalpflegerische Arbeiten an Drempelmalerei ein Restaurator gebunden werden sollte, während die Untertraufmalerei oft auch von einem Maler ausgebessert oder erneuert werden kann.

Häuser, die nach den Regeln der Reformbaukunst errichtet wurden, gibt es einige in Radebeul, aber nicht an jedem finden wir die Untertraufmalerei. Abgesehen von verstreuten Einzelstandorten finden wir Beispiele der Reformbaukunst im Areal der Fa. Eisold, also zwischen der „Goldenen Weintraube“ und der Eisenbahntrasse oder im Gebiet westlich der mittleren Moritzburger Straße, wo eine Fläche durch das Dresdner Büro Schilling & Graebner beplant und bebaut wurde. Hier lohnt es sich, solche Untertraufmalerei zu suchen – ich habe insgesamt 7 Beispiele (6 an Kulturdenkmalen, 1 an einem Nichtdenkmal) gefunden. Erfreulich ist, dass bei den meisten Häusern mit dieser Malerei diese bei Instandsetzungsarbeiten nach 1990 erhalten, bzw. fachgerecht in Stand gesetzt werden konnte.

Die Vorstellung der über ganz Radebeul verstreuten Objekte erfolgt alphabetisch nach der jeweiligen, heutigen Adresse. In einem Fall wird die Gesamtansicht eines solchen Hauses angeboten, damit man das Zusammenspiel der Untertraufmalerei mit den anderen Merkmalen der Reformbaukunst wahrnehmen kann. Sonst werde ich mich auf Detailabbildungen der Malerei beschränken. Dieser eigentlich kaum beachtete, bzw. schwer erkennbare Schmuck an ein paar Radebeuler Häusern trägt doch zum architektonisch-künstlerischen Gesamtbild der Villenkultur bei. Hin und wieder finden wir auch eine ähnliche Gestaltung an Häusern der Reformbaukunst, wo auf die Untersicht der Traufe Quadrate in Abständen plastisch auf den Fond aufgesetzt und alles unifarben gestrichen wurde. Da spätere Bauepochen immer mehr versachlicht wurden oder aber das Bauen in Zeiten fiel, wo stärker gespart werden musste, ist die Untertraufmalerei wohl als die letzte Phase, in der Häuser durch malerische Mittel gestaltet und bereichert wurden, anzusehen. Deshalb ist sie nicht nur für Besucher Radebeuls, sondern auch für die Bürger wichtig und sollte, wie das auch einige Eigentümer derartiger Häuser erkannt haben, weiterhin erhalten werden.

Karl-Marx-Straße 8

Karl-Marx-Straße 8(1911) ist ein villenartiges Landhaus, das nach Renovierung in den 90er Jahren als Pension genutzt wird. Die straff-geometrische Malerei in den Farben Braun, Hellgrau, Beige und Blau wurde nach Originalbefunden erneuert.

 

Louisenstraße 6

Louisenstraße 6(1912), eine Mietvilla, wurde von Johannes Eisold entworfen. Diese Schablonenmalerei in Weinrot und Hellgrau, hier auch an den Gaupen (!), konnte in den 90er Jahren von den Eigentümern selbst erneuert werden. Die filigrane Ornamentik der Malerei korrespondiert in schöner Weise mit der Putzornamentik der Fassaden der Mietvilla.

Makarenkostraße 7

Makarenkostraße 7(1911) wurde als Landhaus von Architekt Johannes Heinsius (Dresden) entworfen. Diese dreifarbige Untertraufmalerei (Weiß, Grün und Orange) aus sich wiederholenden, blumenähnlichen Elementen wurde Anfang der 90er Jahre in Stand gesetzt.

 

Mittlere Bergstraße 41

Mittlere Bergstraße 41(1910), ein Landhaus, mit Untertraufmalerei auch an den Giebelschrägen erhebt sich über einer Sandterrasse des Elbtals. Die Motive wurden hier durch rechteckig gerahmte Felder mit zentralen Vierecken in Dunkelblau auf hellgrauem Grund dargestellt. Die aus unterbrochenen Wellenlinien gebildeten Rahmungen erinnern noch ein wenig an die Jugendstilepoche.

Mozartstraße 6

Mozartstraße 6(1910) zeigt als Malerei unter der Traufe auf dunkelgrauem Grund einen Wechsel aus weißen Quadraten und Rechtecken, jeweils mit ausgeglichenem und gestrecktem Ornament in der Mitte. Hier ist der Charakter einer Villa der Reformbaukunst mit Erker, Dachgaupen, Klappläden und der Malerei vielleicht am authentischsten zu erleben.

Terrassenstraße 1

Terrassenstraße 1(1908/09) ist eine große Villa, wo ein Chemnitzer Architekt demonstriert, dass die Untertraufmalerei natürlich kein Radebeuler Phänomen ist. Wir können bei der Malerei mindestens 4 verschiedene Motive aus Quadrat, Kreis und Ornament und mindestens 5 Farben feststellen. Die Originalmalerei ist z.T. stark verblichen aber erkennbar. Über der Loggia wurden einige Elemente der Malerei im Sinne einer Probeachse neu angelegt. Hier ist vor weiterer Bearbeitung noch eine Diskussion der Probeachse mit den Eigentümern und der Denkmalschutzbehörde erforderlich.

Wichernstraße 4

Wichernstraße 4 (ca. 1890 / 1910) zeigt das Zusammenwirken von zwei Baustilen – ein Wohnhaus von ca. 1890 wurde um 1910 deutlich erweitert. Am Erweiterungsbau ist Untertraufmalerei in Braun und Grün auf weißem Grund, ähnlich der Mozartstraße 6, zu sehen. Erhalt und Erneuerung der Malerei erfolgten hier ohne denkmalpflegerische Auflagen (kein Kulturdenkmal) allein nach dem Wollen der Eigentümer.

Wertschätzung oder heiße Luft

ein Kommentar zum Beitrag „Laudatio für Eckhard Kempin“ von Jürgen Stegmann in „Vorschau und Rückblick“, 09/2011

Dass der Maler und Galerist Eckhard Kempin in der Radebeuler Kunstszene ein Unbekannter wäre, ist eine Untertreibung. Dass es außer Eckhard Kempin noch andere Künstler gibt in Radebeul, ist eine Tatsache. Allein sechs Bildende Künstler (10% aller in Radebeul wirkenden Bildenden Künstler) feiern in diesem Jahr ein rundes Jubiläum. Wie sie dieses Jubiläum begehen, ob mit oder ohne Ausstellung ist zunächst eine private Entscheidung. Möglichkeiten auszustellen gibt es viele – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt. Wer sich in der Radebeuler Stadtgalerie präsentieren möchte, meldet sich an, muss allerdings etwas Geduld aufbringen. Die Einrichtung bietet pro Jahr Raum für maximal 3 bis 4 Personalausstellungen. Hinzu kommen thematische Gemeinschaftsausstellungen, Ausstellungen mit Werken aus der Städtischen Kunstsammlung sowie die Sommerausstellung des Radebeuler Kunstvereins, zu der jeweils ein auswärtiger Gastkünstler eingeladen wird.

Erster Gedankensprung: Jede Generation hat eigene Probleme und jede Generation muss diese auf ihre Weise lösen. Nur dem Kulturlosen erscheint die heutige Zeit kulturlos. Nur dem Humorlosen erscheint die heutige Zeit humorlos. Nur dem Ignoranten scheint die heutige Zeit ignorant. Nur dem Eiligen, erscheint die heutige Zeit eilig.

Zweiter Gedankensprung: Miteinander reden kostet Zeit, die der Eilige nicht hat. Effektiver ist die Methode „Schnellschuss“. Man nehme also eine Schrotflinte, lade kräftig durch und drücke einfach ab. Sollte der Schütze auf einem Auge blind sein, hat das Zielobjekt Glück oder Pech. Auf alle Fälle macht es Krach.

Dritter Gedankensprung: Internationales Wandertheaterfestival, Kinder-Lese-Sommer, Grafikmarkt, Literaturkino, Kunstsammlung, Karl-May-Festtage, Familienweihnachtsmarkt, Künstlerfest, Kasperiade, Vereinsförderung, Ortsjubiläen, Einweihung

Zeiss-Planetariumsprojektor und Familienbibliothek … alles nur heiße Luft, der subventionierten städtischen Institutionen?

Also wofür sollen sich die Mitarbeiter des Kulturamtes schämen? Und wofür sollen sich die Bürger dieser Stadt schämen? Dafür, dass sie nicht wissen wer Eckhard Kempin ist? Aus der Laudatio von Jürgen Stegmann erfahren sie es leider nicht. Aber vielleicht sind sie durch die Polemik in „Vorschau und Rückblick“ neugierig geworden auf die Jubiläumsausstellung „Malerei aus vier Jahrzehnten“, welche aus Anlass des 70. Geburtstages von Eckhard Kempin vom 18. November bis 18. Dezember 2011 in der Radebeuler Stadtgalerie zu sehen sein wird. Die Mitarbeiter des Kulturamtes freuen sich jedenfalls schon auf die Zusammenarbeit mit Eckhard Kempin, den sie als Künstler und als Vermittler von Kunst sehr schätzen.

Späte Weisheit

Utopien des Friedens bei Karl May und Lev Tolstoj

von Dr. Claudia Woldt

Vor drei Monaten war das Karl-May-Fest Anlass, eine Publikation über Slawisches in seinen Romanen vorzustellen. Diesmal nun soll es um einen anderen Aspekt seines Schaffens gehen, der indirekt wieder mit den Slawen zusammenhängt, genauer gesagt mit einem Slawen, dessen 100. Todestag im vergangenen Jahr begangen wurde: Lev Tolstoj (1828-1910). Man wird sich noch erinnern an Neuübersetzungen seiner Werke und zahlreiche Publikationen biographischer oder literaturwissenschaftlicher Art, die aus diesem Anlass erschienen sind. Eine dieser Publikationen, die allerdings erst seit Kurzem vorliegt, soll hier vorgestellt werden, schlägt sie doch in gewisser Weise die Brücke vom letztjährigen Jubiläum zum im kommenden Jahr anstehenden 100. Todestag von Karl May1. Holger Kuße, Inhaber des Lehrstuhls für slawische Sprachwissenschaft an der TU Dresden und Kenner des Werkes sowohl von Karl May als auch von Lev Tolstoj, weist darin auf einen interessanten Aspekt im Schaffen beider Schriftsteller hin: auf ihre Wandlung zu „Friedens­denkern“, besonders in der Spätphase ihres Lebens. Sowohl May als auch Tolstoj werden nach einschneidenden Erlebnissen in ihrem Leben zu religiösen, nach Formeln der Weisheit suchenden Schrifstellern. Tolstoj schreibt eine Beichte (1879-1882), in der er sein bisheriges Leben als dekadent und von Irrtümern geleitet bereut; May findet spätestens nach seiner Orientreise (1899-1900) zu einer religiös-symbolistischen Erzählweise, die in einem Gegensatz zu seiner früheren spätromantischen Art des Erzählens steht. Geradezu ins Auge fällt, dass beide Spruchsammlungen herausgeben (Tolstoj: Für jeden Tag (1906-1910), Wege des Lebens (1910); May: Himmelsgedanken (1901)), die im Falle von Tolstoj weltweite Verbreitung fanden und in Russland selbst eine treue Anhängerschar, die Tolstojaner, hervorbrachte.

Was heißt nun „religiös“ oder auch „weisheitlich“ in diesem Zusammenhang? Sind nicht beide Attribute auf Spätwerke auch vieler anderer Autoren anwendbar? Sie sind es, zweifellos. Was aber die hier behandelten Autoren betrifft, so steht ein Aspekt im Mittelpunkt, der die beiden tatsächlich in erstaunliche Nähe rückt, und zwar der Gedanke des Friedens, der Versöh­nung und Nächstenliebe. Bei Karl May findet man ihn im ‚Reich der Edelmenschen’, bei Tolstoj im ‚Reich Gottes’. Beide sind davon überzeugt, dass ein gewaltfreies Zusammen­leben aller möglich sei. Karl May entwirft in Ardistan und Dschinnistan (1907-1909) eine utopische Gesellschaft, deren oberstes Gesetz lautet: „Du sollst der Engel deines Nächsten sein, damit du dir nicht selbst zum Teufel werdest!“. Und in einem Brief beschreibt Tolstoj einen erleuchteten Tempel: „Alle müssen nur auf das Licht in der Mitte zugehen, um sich zu vereinen und die Menschheit voranzubringen“ (1896). Wie Kuße zeigt, enden hier aber schon fast die Gemeinsamkeiten. Der einen übergeordneten Idee des Guten werden jeweils unter­schied­liche Wege zu seiner Verwirklichung zugeordnet. Der erste Unterschied lässt sich mit „Pazifismus versus Pazifizierung“ beschreiben. Lev Tolstoj war radikaler Pazifist. Nur durch das Gute könne das Böse besiegt werden. Davon war er fest überzeugt, und es führte ihn so weit, jegliche Form von Staat abzulehnen – schließlich könne alles Böse vom Menschen allein, auch ohne Zutun von staatlichen Instanzen, einzig und allein durch den Willen zum Guten überwunden werden. Karl May dagegen geht es um die Verhältnismäßigkeit der Mittel, wobei physische Gewalt im Laufe seines Schaffens immer seltener gutgeheißen wird. (Old Shatterhand schießt, wenn er es denn muss, bevorzugt auf Knie, Oberschenkel und Pferde!) Er zieht Konfliktlösungen vor, die durch die Kenntnis der jeweils anderen Kultur ermöglicht werden. Seine Helden lernen Sprachen und fremde Bräuche und werden zuweilen gar nicht als Fremde erkannt, womit sich das Problem der Gewaltanwendung von selbst löst. So spricht Winnetou fließend Englisch und Old Shatterhand berichtet von einer gleich dreisprachigen Ausbildung: „Nscho-tschi lehrte mich den Dialekt der Mescaleros, Intschu tschuna denjeni­gen der Llaneros und Winnetou den der Navajos“.

Ein zweiter Unterschied wird erkennbar, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Vorstellungen die beiden Schriftsteller vom Bösen haben. Bei Karl May ist alles Fremde anfänglich auch das Böse, besonders in seinen frühen Kolportageromanen. Diese Vorstellung weicht der Er­kenntnis, dass das Böse nicht aus kultureller, sondern aus seelischer Fremdheit erwächst. Tangua und Santer im Winnetouzyklus sind eher krank als böse und Old Wabble in Old Shure­hand wird vom Bösen wie von einem Virus befallen. Daraus folgt für ihn, dass man das Böse auch heilen kann. Für Tolstoj dagegen ist das Böse die natürliche Folge von Egoismus, Mate­ria­lismus und Dekadenz, d.h. es ist eher der Normalzustand, der überwunden werden muss.

Und ein dritter Unterschied schließlich besteht in der „Stoßrichtung“ der Utopien des Guten, die von den beiden entworfen werden. Tolstoj ist nicht so sehr am kulturell Fremden interessiert, ihn beschäftigt vielmehr der Unterschied zwischen arm und reich. Er idealisiert das einfache bäuerliche Leben, ja er beginnt selbst ein solches Leben, um zu zeigen, in welcher sozialen Form sich das Himmelsreich auf Erden realisieren ließe. So wird beispielsweise Fürst Nechljudow in der Auferstehung (1889-1899) geläutert, als er auf Besitz und Wohlstand ver­zichtet. Das liegt Karl May ganz und gar fern. Er gehört zu den sozialen Aufsteigern, die sich ihre gesellschaftliche Position hart erkämpft haben und an ihr hängen. Das Geld, das er mit seinen Büchern verdient, ist ihm wichtig, während Tolstoj sogar seine Ehe daran setzt, es möglichst vollständig loszuwerden.

Trotz dieser Unterschiede betont Kuße das eine große Gemeinsame: den Glauben an das Reich des Guten und die Überzeugung, dass es nur durch das Tun des einzelnen verwirklicht werden kann. Tolstoj formuliert es in Der Weg des Lebens so: „Verbessern kann der Mensch nur das, was in seiner Macht steht – sich selbst“. Und Karl May schreibt in Himmelsgedanken: „Man kann die Seele nicht in das Gewand der Tugend kleiden. Die Tugend ist einfach der Gesundheitszustand der Seele“.

Auch wenn dieser Friedensoptimismus in den Gewaltorgien des Ersten und Zweiten Weltkriegs unterging, lässt sich doch fragen, ob Utopien dieser Art tatsächlich veraltet oder gar weltfremd sind. „Dass kulturelles und religiöses Lernen die Voraussetzung des Friedens sind, wird zwar selten bestritten, aber auch selten beachtet“, so Kuße abschließend. „Oder können wir uns, voll der medialen Schreckensbilder, vorstellen, von … der afghanischen Kultur zu lernen? Uns kommt in der Regel gar nicht der Gedanke daran. Hier können uns Lev Tolstoj und besonders Karl May auch nach 100 Jahren noch auf die Sprünge helfen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen – bis auf die Empfehlung, den gesamten Beitrag zu lesen. Interessierten sei zudem das Buch desselben Autors über Weisheit bei Lev Tolstoj ans Herz gelegt.

  1. Kuße, Holger: Sehnsucht nach Frieden: Lev Tolstoj und Karl May. In: Der Beobachter an der Elbe, Nr. 16, Heft 6/2011, hrsg. vom Karl-May-Museum Radebeul, S. 12-18. Kuße, Holger: Tolstoj und die Sprache der Weisheit. Göttingen 2010.

Aus dem Stadtarchiv

Mauerbau – ein Schicksal in Coswig (Teil 2)

von Petra Hamann

Lesen Sie den Teil 1 hier.

Anlässlich dieser Wahl-Kundgebung am 12.09.1961 im Zentralgasthof Weinböhla, bei der der damalige erste Sekretär der Bezirksleitung der SED Krolikowski Hauptredner ist, wird K. zu einem Redebeitrag aufgefordert. Er soll seine Haltung öffentlich aufgeben. Aber auch vor über 1000 Anwesenden vertritt er seine bisherige Meinung. Unmittelbar nach dieser Wahlveranstaltung erfolgt vor seiner Haustür seine Festnahme durch die Staatssicherheit. Er wird in die Untersuchungshaftanstalt nach Meißen gebracht, ohne seine Wohnung noch einmal betreten zu dürfen und ohne Frau und Tochter informieren zu können. In Meißen bleibt er bis zu seinem Prozess inhaftiert.

Noch während dieser Zeit erhält K. den Beschluss des Vorstandes der ArbeiterwohnungsGenossenschaft Coswig vom 21.10.1961 über seinen Ausschluss aus der AWG. Die Argumente dafür sind die gleichen wie in seiner Kündigung: Im VEB Cosid-Werke Coswig traten Sie im Hinblick auf die von Partei und Regierung zur Erhaltung des Friedens getroffenen Maßnahmen als Feind unseres Staates auf … Dieser Tatbestand ist unvereinbar mit den Grundsätzen einer sozialistischen Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft. Trotz der verfügten Kündigung dürfen Ehefrau und Tochter nach vielem Hin und Her in der AWG-Wohnung wohnen bleiben.

Nach fast zwei Monaten Untersuchungshaft verurteilt das Kreisgericht Meißen K. am 1. November 1961, 2 Tage vor seinem 34. Geburtstag, wegen Staatsverleumdung zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis. Dieser Straftatbestand (§ 20) wurde neben „Staatsgefährdende Propaganda und Hetze“ (§ 19) erst im Januar 1958 mit dem Strafrechtsänderungsgesetz eingeführt.

Über die Gefängnisse in Dresden und Cottbus kommt K. als Häftling mit der Nummer 480/61 am 18.11.1961 in das Haftarbeitslager Seese bei Lübben und später in das neuerrichtete Zweiglager beim Spreewerk Lübben. Die schwere körperliche Arbeit dort wurde erträglicher, da er fast nur mit gleichgesinnten politischen Häftlingen inhaftiert ist. Untergebracht sind die Gefangenen in Baracken, zu zwölft in einem Raum. Der Kontakt mit der Familie ist durch monatlich einen Brief, ein Päckchen zu Weihnachten und zum Geburtstag und pro Vierteljahr einen Besuch reglementiert. Kinder haben keinen Zutritt. Als weitere Repressalie erreicht ihn noch im November 1961 in der Haft die Mitteilung des Volkspolizei-Kreisamtes Meißen, dass er auf Grund seiner Verurteilung wegen Staatsverleumdung seine Fahrerlaubnis für ein Jahr, geltend ab Haftentlassung, entzogen bekommt.

1962 – am 9. August wird K. wegen guter Führung vorzeitig aus dem Haftarbeitslager entlassen. Im September wird seine Tochter das dritte Schuljahr beginnen. Seine eigene Zukunft liegt dagegen im Ungewissen. Er findet zunächst in seinem Beruf eine Anstellung in einem kleinen Privatbetrieb.

1968 – nach einer weiteren Station in einem halbstaatlichen Betrieb reift in ihm der Entschluss, sich selbständig machen zu wollen. Er hat die bisherige Zeit auch zum Forschen und Entwickeln genutzt. In seinem AWG-Kellerraum entwickelt er ein Verfahren auf Epoxidharzbasis, mit dem man haltbare farbig gestaltete Glasscheiben herstellen kann. Das meldet er 1966 als Wirtschaftspatent an. Vom Amt für Erfindungs- und Patentwesen der DDR wird es in der Patentschrift 64375 vom 20.10.1968 mit dem Titel: Verfahren zur Herstellung vorzugsweise farbiger Bilder, Dekors und Schriften, insbesondere auf Glasscheiben, veröffentlicht.

In der Anwendung seiner Entwicklung sieht er eine neue berufliche Perspektive. Im Mai 1968 stellt er deshalb einen Gewerbeantrag beim Rat der Stadt Coswig, der prompt abgelehnt wird. Das dazu einzureichende polizeiliche Führungszeugnis wies keine Strafen mehr aus. Seit Anfang 1967 war der Eintrag über seine Verurteilung im Strafregister getilgt. Trotzdem enthält die Ablehnung den internen Vermerk, dass die gesellschaftlich-politische Einstellung des Antragstellers zu beachten sei.  Mit Beharrlichkeit erstreitet er durch die Instanzen Rat der Stadt Coswig, Rat des Kreises Meißen, Rat des Bezirkes Dresden seine Gewerbeerlaubnis, die er schließlich nach über einem Jahr im August 1969 erhält. Sein Gewerbebetrieb entwickelt sich zu seiner Zufriedenheit, dennoch erreicht er erst nach über 20 Jahren einen vergleichbaren Lebensstandard wie vor seiner Verhaftung. Über die Vergangenheit spricht er kaum. Es ist ihm wichtig, dass er weitgehend unbehelligt arbeiten und seine Entwicklung vervollkommnen kann.

1989 – 9. November: wiederum ahnt er nicht, wie auch der Tag des Mauerfalls seinem Leben eine neue Wendung geben sollte. Noch im Dezember erfährt er von den Bemühungen ehemaliger „Cosidler“, seine Rehabilitierung gegenüber dem VEB Cosid betreiben zu wollen. 121 Veteranen des Betriebes sind sich einig, dass das Unrecht, das ihm 1961 widerfuhr, wieder gut gemacht werden muss. Mit der Genugtuung darüber spürt er zugleich, dass er seinen inneren Frieden auch nach so langer Zeit noch nicht gefunden hat. Über den Jahreswechsel fasst er den Entschluss, seine Rehabilitierung selbst zu veranlassen. Fast möchte man meinen, dass es ein Glück war, dass die Marktwirtschaft den Absatz seiner kunsthandwerklichen Erzeugnisse drastisch zurückgehen ließ, und er mit Beginn des Jahres 1992 Altersrente beziehen kann. So ist es ihm möglich, all seine Zeit und Kraft in sein Rehabilitierungsverfahren zu investieren. Die gesetzlichen Grundlagen dafür werden im September 1990 von der Volkskammer der DDR mit dem Rehabilitierungsgesetz und vom Bundestag mit dem Ersten und Zweiten SED-Unrechtsbereinigungsgesetz 1992 und 1994 geschaffen.

2011 – 50 Jahre nach dem Mauerbau ist ein dicker Aktenordner entstanden, angefüllt mit den Zeugnissen seiner Bemühungen, Gerechtigkeit bei den unterschiedlichsten Behörden zu erlangen und mit seiner dokumentierten Vergangenheit seit jenem 13. August 1961. Briefe, von Kinderhand geschrieben an den Vater im Gefängnis, berühren auch nach 50 Jahren noch. – Rehabilitiert wird er im Januar 1993 durch das Landgericht Dresden, das das Urteil von 1961 aufhebt und ihm eine Haftentschädigung zuspricht. 2007 gewähren neue Bestimmungen auch ihm die sogenannte SED-Opferrente als Ausgleich für rentenrechtliche Nachteile. Es erfolgt damit eine Würdigung des schweren Schicksals der Opfer und ihrer Angehörigen, die unter der kommunistischen Gewaltherrschaft in vielfältiger Weise Unrecht und Willkür erlitten haben und es soll den durch den Entzug ihrer Freiheit am schwersten Betroffenen vorrangig Genugtuung geben, ihnen aber auch durch Entschädigung und Versorgungsansprüche, die freilich das Maß an Leiden und Demütigungen nie aufwiegen können, einen gewissen Ausgleich für das erlittene Unrecht anbieten, so das Anliegen des SED-Unrechtsbereinigungsgesetzes.

Herr K. hadert nicht mit seinem Schicksal und möchte kein großes Aufheben um seine Person. Für das politische Geschehen interessiert er sich noch immer und sein Sinn für Gerechtigkeit ist ihm auch mit über achtzig Jahren nicht abhanden gekommen. Wenn das öffentlich machen seines Schicksals zum Nichtvergessen dieses dunklen Kapitels DDR-Geschichte beitragen könnte, wäre für ihn ein weiteres Ziel erreicht.

„Neugier auf das noch nicht Ausprobierte!“

Manuel Schöbel hat sein Amt als neuer Intendant der Landesbühnen Sachsen angetreten

 

Manuel Schöbel

Frage: Sie wechseln von Freiberg nach Radebeul und damit an ein klar strukturiertes Mehrspartentheater. Worauf sind Sie besonders neugierig?
M.Schöbel:Ich habe diesbezüglich keine besonderen Ambitionen, denn ich wechsle ja nicht das Metier, sondern nur den Ort meiner Arbeit. Dabei ist mir klar, dass der neue Ort zugleich eine immense Herausforderung bedeutet. Es ist hier natürlich alles eine Nummer größer als das, wofür ich bisher künstlerisch verantwortlich war. Ich sehe meine künftige Tätigkeit daher ganz pragmatisch. Und ich komme ja auch nicht von irgendwo weit aus der Ferne nach Radebeul. Viele der hier engagierten Schauspieler bspw. kenne ich seit vielen Jahren. Und sie kennen mich. Insofern betrete ich überhaupt kein Neuland. Neuland ist für mich allerdings die Arbeit mit einem Ballettensemble. Und darauf bin ich sehr gespannt.

Frage: Die Landesbühnen Sachsen sind – wie es der Name sagt – nicht nur im Radebeuler Stammhaus präsent, sondern auch als Reisetheater insbesondere mit der Bespielung der Rathener Felsenbühne betraut. Wird die von der Landesregierung angestrebte neue Struktur daran etwas ändern?
M. Schöbel: Der Prozess der Umstrukturierung soll bis zum 1. August 2012 beendet sein. Danach werden die Landesbühnen Sachsen als GmbH weiterarbeiten. In mancherlei Hinsicht werden wir uns dann natürlich auf neue Bedingungen einstellen müssen. Vor allem, was den Zusammenschluss der beiden Orchester Radebeul und Riesa zu einem Klangkörper heißt. Denn wir haben dann definitiv kein verfügbares Orchester mehr im eigenen Haus. Die Felsenbühne Rathen möchten und werden wir auch künftig weiter bespielen. Auch unsere Gastspiele in Meißen, Freital und Großenhain werden Bestand haben bzw. durch Spielstätten in Kamenz oder Neustadt sogar noch ausgebaut werden. Doch es bieten sich zudem noch allerhand andere Möglichkeiten, die ich nutzen möchte. Dazu gehört bspw. die Entwicklung von Formen für die Bespielung von Schlössern und Gärten in Sachsen. Und das Ensemble bringt in allen Sparten ja auch jede Menge an Erfahrung für die Freiluftbespielung mit.

Frage: Die Strukturreform des Theaters hat ja allerhand Emotionen bzw. auch Frustrationen nicht nur unter den Mitarbeitern, sondern auch beim Publikum des Radebeuler Stammhauses freigesetzt. Wie sind diese Wogen wieder zu glätten?
M. Schöbel: Durch einen engen Kontakt und eine konsequente Arbeit mit dem Publikum. Denn unsere Besucher sind logischerweise unser wertvollstes Gut. Ich möchte erreichen, dass der Kontakt zwischen den Bewohnern Radebeuls wie auch des gesamten Elbtales mit den Künstlern des Theaters noch enger und persönlicher wird. Unsere Schauspieler, Sänger und Tänzer sollten für die Besucher des Theaters künftig noch mehr als bisher zu bekannten Gesichtern werden. Außerdem sehe ich noch viele Möglichkeiten im bisher noch nicht Ausprobierten. Die Neugier auf das Theater auch in den nachwachsenden Generationen zu wecken; das ist eine Aufgabe, die nie ein Ende haben wird. Einen Stillstand darf und wird es nicht geben. Das Theater muss leben, dafür bin ich angetreten. Und ich bin guten Mutes, dass uns das auch gelingen wird.

Bacchantinnengesang, perlend wie Sekt

Horst Hille: "Saurer Wein und Trocken Brot" (Selbstbildnis)

»850 Jahre Weinbau in Sachsen« lautet das überörtlich verbindende Motto des Jahres 2011. Der Weinbauverband, zahlreiche Museen, Kulturvereine und kommerzielle Festveranstalter haben sich damit auseinandergesetzt und bringen sich nun mit den vielfältigsten Aktivitäten in das Jubiläumsprogramm ein. Die Chance erkennend (Winzer und Künstler sind sehr sinnlich), schloss sich die Radebeuler Stadtgalerie als spontaner Quereinsteiger dem Veranstaltungsmarathon mit einer Gemeinschaftsausstellung an.

Wenngleich der Titel »Gestalt und Wirkung einer Landschaft« nach dem bekannten Essay des Radebeuler Malers Karl Kröner (1887-1972) über die Lößnitz als eine durch den Weinanbau geprägte Kulturlandschaft zunächst etwas sperrig und spröde anmuten mag, so bot sich doch damit ein großer Gestaltungsspielraum für den schöpferischen Prozess.

Vierzig Künstler und fünf Schüler im Alter von 7 bis 81 Jahren haben sich mit der komplexen Thematik auf höchst unterschiedliche Weise befasst. Allein die künstlerisch-technische Umsetzung zeichnet sich durch eine verblüffende Vielfalt aus und reicht von der Malerei über Grafik, Collage, Cutterschnitt, Scherenschnitt, Fotografie, Plastik bis zur Installation.

Die Ausstellung ist weder laut noch schrill, dafür aber nachhaltig intensiv und mit hintersinnigem Humor gewürzt. Bereits auf dem Innenhof der Galerie wird der Besucher mit einer Schautafel von Dorothee Kuhbandner begrüßt, die den Lebenslauf der gemeinen Reblaus vom Läusebaby bis zur Sauflaus als Komik zeigt. Der Blick durch die Fenster der Galerie fällt auf ein Sammelsurium von Weinflaschen, die Eckhard Kempin bemalt, beklebt und beschriftet hat. Mittendrin – aus Kork – drohnt der Meister höchst selbst als Weingeist, welcher schließlich, auf wundersame Weise vervielfacht, alle Flaschen mit seinem geistigen Antlitz ziert. Auch Horst Hille hat sich selbst hineinbegeben in seine »Heiße Weinlese« als Akt mit Hut zwischen prallen nackten Brüsten und reifen süßen Trauben. Das Leben kann so schön sein! Besonders hervorhebenswert: Die Trauben sind aus Gold, wohl als Symbol für Sonne, Wärme, Reichtum, Lebenskraft und Inspiration. Doch ein paar Stufen weiter staunt der aufmerksame Galeriebesucher nicht schlecht, wenn er plötzlich den selben Künstler mit ernster Miene vor »saurem Wein und trocken Brot« sitzen sieht.

Clara Freier: "Ausblick"

Im Deckenausschnitt der Galerie schweben 36 weiße Ringe aus handgeschöpftem Papier. Die Textilgestalterin Annerose Schulze nannte ihre Installation »Bacchantinnengesang«, der nun wie perlender Sekt die Räume füllt. Traum und Wirklichkeit  scheinen ineinander überzugehen auf Johanna Mittags Gemälde mit einem in zartes Rosé gehüllten Weinberg, welches sie mit dem Titel  »Nach dem Erwachen« versah. Auch Friederike Curling-Aust begab sich mit ihrer Collage aus Papier, Pergament und Metall auf eine Reise »Durch die Zeiten«. Viel Sinn fürs Praktische hat dagegen Anna Kuntsche mit ihren handgefilzten »Weinkleidern« bewiesen. Die Radebeuler Alleinstellungsmerkmale persiflierend, schuf Peter Graf mit seinem »Winnetou im Weinberg« eine recht eigenwillige Symbiose.

Karola Smy »Weinberg im Winter«

Die Historie zurück bis ins Jahr 1161.bemühend, hat Gerald Risch billigen Wein in detailreich bemalten Kartons »hoheitlich verpackt« und die Zapfhähne bei Christian I., Johann Georg III. und Weinkönigin an delikater Stelle platziert. Einem überdimensionierten Lampenschirm nicht unähnlich, scheint Peter PIT Müllers »Ranopama« mit dem Radebeul-Rundblick vom Wohnhaus des Künstlers aus gesehen, das sich unermüdlich um die eigene Achse dreht. Ob beabsichtigt oder nicht, die Gefahr, welche dem Reiz der Lößnitz innewohnt, wird hier am deutlichsten benannt. Radebeul – eine Insel der Glückseeligen? Werke mit Titeln wie »Winzerfreuden«,  »Weinzunge«, »Zeit der Weinernte«, »Weincode«, »Fröhliche Ernte« oder »Winzers Glück« scheinen dem Leben genussvoll zugewandt.

Peter Graf: "Winnetou im Weinberg"

Doch nichts ist sicher. Während sich Wolf Eike Kuntsches Liebespaar im Schneckenhaus vergnügt, liegt unmittelbar daneben bereits ein zweites Schneckenhaus: total zerstört. Glaube, Liebe, Hoffnung! Gunter Herrmanns »Solitär«, eine Tanne, die sich inmitten von Weinterrassen über Jahrzehnte als Außenseiter behauptet hat – eine Allegorie auf menschlichen Überlebenswillen. Auch Claus Weidensdorfers »blue-note« lässt sich nicht in unser heimisches (Ton)system einfügen und  trotzdem ist sie existent.

Die Auseinandersetzung mit der symbiotischen Verschmelzung von Landschaft und Architektur im Wandel der Tages- und Jahreszeiten bedarf statt einer Erklärung des Hinweises auf das unvoreingenommene »Aufsicheinwirkenlassen« einer nahezu vollkommenen noblen Malerei der Radebeuler Altmeister. Ungeachtet dessen, setzte die aus Frankreich stammende Künstlerin Sophie Cau einen radikalen Kontrast. Leuchtendes Türkis dominiert ihr Gemälde, in dem sich Schichten und Strukturen wie Urgewalten kraftvoll ineinander schieben und die von Treppen unterbrochenen Weinbergterrassen nur noch erahnen lassen.

Die jüngsten Ausstellungsteilnehmer, Schüler der Grundschule Oberlößnitz, gestalteten, angeregt durch Friederike Curling-Aust, Geschichtenbilderbücher, die sie »Mein Weg nach Hause – meine Heimat« nannten. Mit dem Ort der Geburt, wohin das Schicksal jeden von uns verschlagen hat, setzt sich Dorothee Kuhbandner auseinander. »Auserkoren – Hineingeboren« nennt sie ihr Papierobjekt. Es stellt die nach ihr benannte Villa »Dorothee« dar, welche sich in einer der besten Lagen in der Niederlößnitz befindet. Doch statt selbstzufriedener Satuierheit schießen aus dem Inneren des Gebäudes wie Silvesterraketen  lampiongleiche Gebilde mit Wünschen, Sehnsüchten und Kümmernissen hervor.

Ein kleines Büchlein mit der schön gedachten Geschichte »Weinfest in der Haußgaß« von Thomas Gerlach, durch farbige Holzschnitte von Michael Hofmannn bereichert, rundet die Gemeinschaftsausstellung ab.

Von Schönheit umgeben zu sein ist Alltag in Radebeul. Aber vielleicht bedarf es auch der Durchreisenden und Zugezogenen, damit sich die Heimischen ihrer Privilegiertheit immer wieder aufs Neue bewusst werden können.

Bleibt letztlich zu hoffen, dass sich die Zugezogenen nicht nur an ihren Immobilien und der reizvollen Landschaft erfreuen, sondern auch die ansässigen Künstler zu entdecken beginnen. Die laufende Ausstellung und der bevorstehende Grafikmarkt bieten reichlich Gelegenheit für dererlei Einsicht. Denn ohne Auftraggeber, Sammler und Mäzene werden selbst in der viel gepriesenen Lößnitz die Künstler eines Tages rar.

Teilnehmende Künstler:
Dieter Beirich, Sophie Cau, Brian Curling, Friederike Curling-Aust, Clara Freier, Thomas Gerlach, Karen Graf, Peter Graf, Gunter Herrmann, Mandy Herrmann, Horst Hille, Michael Hofmann, Eckehard Kempin, Dorothee Kuhbandner, Anna Kuntsche, Bärbel Kuntsche, Wolf Eike Kuntsche, Christiane Latendorf, Klaus Liebscher, Johanna Mittag, Maria Morgenstern, Peter PIT Müller, Pseudo, Gabriele Reinemer, Markus Retzlaff, Gerald Risch, Luc Saalfeld, Gabriele Seitz, Karola Smy, Wolfgang Smy, Ju Sobing, Annerose Schulze, Fritz-Peter Schulze, Gerold Schwenke, André Uhlig, Christian URI Weber, Claus Weidensdorfer, Irene Wieland, Ute Wittig und Werner Wittig

Die Ausstellung läuft bis zum 16. Oktober 2011. Zu sehen sind auch die Dokumentationen vom »Winzerfest 1924« und der Performance zum Künstlerfest am 3.9.2011 von der  Künstlergruppe ANASAGES »vino absurdum – ein tierisches Vergnügen«.

Editorial Oktoberheft

Theater im Theater! Die jüngsten Ereignisse an den Landesbühnen Sachsen dienen wiederholt zur Dokumentation und Reflexion an dieser Stelle. Wurde der neue Intendant vor geraumer Zeit noch vorfristig für das nächste Jahr angekündigt, so hat Manuel Schöbel bereits in diesen Tagen seinen Platz am Hause eingenommen. Etwas bizarr mutet der übereilt wirkende Wechsel nach außen schon an. Zu verworren und beschämend sind wohl einige Geschehnisse der letzten Monate, um den Übergang der Befugnisse sachgerecht wiederzugeben. Altintendant Christian Schmidt hinterlässt gewiss ein gut aufgestelltes Haus, dessen Strukturen in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich gewachsen waren. Politische Machtspiele und durchaus fragwürdige Kompetenzen auf Landesebene brachten das Kulturschiff in heftiges Wanken.

Nun steht es da, das neue Haus, peinlichst saniert bis in alle Winkel, nur an Personal fehlts zunehmend im Revier. Die Misstöne des Orchesters werden bald verhallen, da es aufgrund der Fusion mit dem Klangkörper in Riesa bald in Gänze das Haus verlassen wird. Selbst der millionenschwere Erweiterungsbau für die Werkstätten bildet noch nach Jahren einen weitgehend ungenutzten Wurmfortsatz.

Sollte das geschaffene Flair im Innenhof zur Spielzeiteröffnung ein Indiz für das Kommende sein, so verheißt es nicht unbedingt nur Gutes. Gelang es den Organisatoren der letzten Jahre einem der Institution gemäß kreativen Rahmen zu verleihen, so hatte er diesmal mit Würstchen- und Bierbude allenfalls den Charme eines kulturfernen Wochenmarktes. Es bleibt daher zu wünschen, dass das Schiff – um im Bild zu bleiben – in ruhigeres Fahrwasser gerät, sich nicht in weiteren Untiefen verliert oder gar zu stranden droht.

Gedanken zum Radebeuler Stadtwappen

Wir haben ein schönes, aussagekräftiges Stadtwappen; möglicherweise beneidet uns manch andere Kommune darum. Es entstand 1924 als Folge der ersten Stadtbildung Radebeuls (zeitgleich erhielt Kötzschenbroda das Stadtrecht und ein eigenes Wappen) und gilt seit 1935 für die Gesamtstadt Radebeul. Es ist also mit 87, bzw. 76 Jahren noch recht jung.

Stadtwappen an der Sternwarte

Die Elemente des Wappens – Weintraube und Rad – gehen auf die älteren Gemeindesiegel zurück. Eine Weintraube hatten u.a. die Gemeinden Kötzschenbroda, Oberlößnitz und Zitzschewig im Siegel, das Rad tauchte in einem Altradebeuler Siegel auf (ein anderes Radebeuler Gemeindesiegel zeigte dagegen den „Wilden Mann“, der aber keine Berücksichtigung im Wappen fand). Die Grafik zeigt in einem unten gerundeten Schild in der oberen Hälfte die Weintraube mit Laub und darunter ein Rad mit sechs Speichen. Die farbliche Gestaltung ist brillant: grüne Traube auf weißem Grund, silbernes Rad vor rotem Fond. Die Symbole des Radebeuler Wappens sind durch jeden Betrachter leicht zu deuten: die Traube steht natürlich für Landwirtschaft, hier die Sonderform des Weinbaus. Das Rad dagegen stellt sowohl das Verkehrswesen als auch die Industrie dar.

Ein erstes Stadtwappen wurde im Rathaus (erbaut 1899/1900), genauer gesagt, im Ratssaal in einem der östlichen Fenster später eingefügt und ist heute noch zu sehen. Seit 1936 sollten wir von Dresden kommend am östlichen Widerlager der Autobahnbrücke durch das in roten Granit gehauene Radebeuler Wappen begrüßt werden. Es konnte in den 90-er Jahren bei der Autobahnverbreiterung geborgen, versetzt und so erhalten werden. Dieses Wappenschild hat damals aus bisher unbekannten Gründen eine Bekrönung durch Stadttürme erhalten, ein Wappenzubehör, das m.E. das Vorhandensein einer Stadtmauer voraussetzt, die es ja in Radebeul nie gab. Schließlich finden wir noch ein weiteres Stadtwappen in einem Sandsteinblock bei der Sternwarte, 1982 vom damaligen Kulturbund initiiert. Dieses Wappen hat mittlerweile ein wenig Patina bekommen. Die Aufzählung von Wappen im öffentlichen Raum erhebt hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mir scheint es, als wäre unser Wappen nach 1990 etwas in Vergessenheit geraten, ein leise schleichender Prozess, denn es wurde ja offiziell nie abgeschafft. Bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts prangte es farbig auf den Briefköpfen der Stadtverwaltung, dann nur noch in Schwarz-Weiß. Bis es schließlich vom „Schwupps“, einer schwungvoll stilisierten Weinranke vom Briefkopf verdrängt wurde. Nun ist es nur noch ganz klein links unten auf Rathausbriefen zu finden. Das aktuelle Amtsblatt verzichtet auch auf dasselbe. Ja, auch bei unserem Blatt „Vorschau und Rückblick“ müssen wir die gleiche Bewegung weg vom Wappen beobachten. Von 1954 bis Anfang 1958 war es relativ groß auf den Titelblättern zu finden, von 1958 bis 1963 war es geschrumpft. Der neue Jahrgang 1990 hatte das Wappen noch und ab 1991 fehlt das Wappen auf allen Titelblättern.

Stadtwappen Radebeul

Warum nun diese Entwicklung, dieser schleichende Prozess des Verschwindens unseres Stadtwappens? Dass die große Stadtgründung und der Autobahnbau in die Zeit des „tausendjährigen Reiches“ fielen, von dem wir uns ja aus verschiedenen Gründen und zu recht abgewandt haben, ist nicht zu ändern und erscheint mir, auf das Stadtwappen bezogen, eher unwesentlich – die Elemente des Wappens sind absolut neutral. Das kann also kaum der gesuchte Grund sein. Dass man in der neuen Stadtverwaltung nach der Wende manches neu anpacken und besser machen wollte als im vorherigen Rat der Stadt, war ein logischer Ansatz. Man wollte schwungvoller und dynamischer in Erscheinung treten. Das sollte der „Schwupps“ rüberbringen, der aber m.E. kein gültiger Ersatz für unser Stadtwappen sein sollte. Man findet diese Ranke inzwischen u.a. auch auf Wegweisern, Begrüßungsplakaten und T-Shirts.

Stadtwappen Dresden

Kommen wir noch einmal auf die o.g. Autobahnbrücke über die Meißner Straße und die dortigen Stadtwappen zurück. Es mag Zufall sein oder nicht, das Dresdner Wappen auf der Westseite der Brücke ist nach wie vor deutlich zu sehen, während man das Radebeuler Wappen, was ja auch eine Begrüßungssymbolik haben könnte, vergeblich sucht. Grundsätzlich ist es noch da, aber man findet es hinter einer Firmenwerbung (KFZ-Branche) und einem Spitzahorn-Wildwuchs kaum.

War für die Aufstellung der Werbetafel eine Genehmigung erforderlich, wenn ja, wer hat sie gegeben und hat derjenige das Wappen nicht gesehen? Wäre die Stadt zuständig oder doch die Autobahnaufsicht? Das hinter der Werbung stehende Gewerbe ist sicherlich ein Radebeuler Gewerbesteuerzahler, aber kann man mit ihm deswegen nicht noch mal über den Standort seiner Werbetafel reden? Mit wem und wie könnte man das Schild so versetzen, dass das Wappen ganz zu sehen ist? Kann das hiesige Gartenamt die Fällung des Ahorns veranlassen oder ginge das auch nur über die Autobahnaufsicht? Wem gehört die Böschung neben der Autobahn eigentlich? Fragen über Fragen …

Vor ein paar Jahren hatte ich über die Denkmalschutzbehörde einen vergeblichen Versuch hinsichtlich der Freistellung unseres Wappens unternommen, leider waren Brücke und Wappen nicht in der Radebeuler Denkmalliste enthalten und eine Aufnahme in diese durch das Landesamt für Denkmalpflege nicht vorgesehen. Damals fand ich zu diesem Thema keinen im Rathaus, der sich zuständig fühlte, aber heute frage ich als Bürger.

Mir ist auch klar, dass eine schnelle Antwort kommen könnte, wie, wir haben doch gerade Wichtigeres zu tun, z.B. in Naundorf einen besseren „Kreisel“ zu bauen. Das sehe ich ein, aber ganz unwichtig ist das Thema Stadtwappen doch auch nicht, oder?

Vielleicht versandet im behördlichen Getriebe so mancher Blick auf das fast Alltägliche, sodass ein waches bürgerliches Engagement daher nicht schaden kann. Ein Stadtwappen ist auch im Computerzeitalter kein alter Zopf, Erhalt und Pflege desselben ist Tradition und ehrenvolle Aufgabe, der sich jede Stadt stellen sollte. Hierzu müsste sich auch der jeweilige Oberbürgermeister bekennen, was doch sicherlich auch für Radebeul gilt.

Sehr viele Städte in Deutschland zeigen im öffentlichen Raum, bei Korrespondenzen und Zeitungen immer noch stolz ihr Wappen, wie Dresden, Berlin, Hamburg und Mainz – nehmen wir uns ein Beispiel und erinnern uns daran, dass wir auch ein vorzeigbares Stadtwappen haben!

Quellen:

Werte unserer Heimat, Bd. 22, „Lößnitz und die Moritzburger Teichlandschaft“, Autorenkollektiv, Akademie Verlag Berlin, 1973

„Aus der Geschichte Radebeuls – Entwicklung der Lößnitzgemeinden zur Stadt“ (Broschüre), Kulturbund der DDR / OG Radebeul, IG Heimatgeschichte, L. Schließer, M. Richter, 1989

Stadtlexikon Radebeul – Historisches Handbuch für die Lößnitz, Autorengruppe um F. Andert, Herausgeber Stadtarchiv der Stadt Radebeul, 2005

Ein Geburtstagsgruß für Wolfgang Zimmermann

von Bertram Kazmirowski

Wenn wir uns allmonatlich einmal zu unserer Redaktionssitzung trafen, warst Du fast immer auf dem Sprung, hattest wenig Zeit. Warum musst Du in 15 Minuten schon gehen? Na, der
Wolfgang Dehler spielt doch heute in der »Tonne«, da schreib ich etwas darüber für die DNN. Für uns ist das aber wohl nischt, oder? Den Notizblock hattest Du immer schon auf dem Tisch liegen, ehe wir anderen überhaupt da waren. Mit Deinem Kuli spieltest Du ungeduldig in Deinen Händen, damit Du ihn gleich bereit hattest, wenn Du etwas notieren wolltest. Warum musst Du in 10 Minuten schon gehen? Na, der Dieter Beirich hat doch eine neue Ausstellung,
da mache ich nachher gleich die Eröffnung. Habt Ihr keine Einladung bekommen? Ich mach’ was fertig fürs neue Heft.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du jemals Langeweile hast.

Ich glaube, Du warst der erste von uns, der ein Mobiltelefon besaß.

Ich bewunderte bei meinem ersten Besuch bei Dir Deine riesige Bücher- und CD-Sammlung.

Nicht einmal für ein kleines Bier reichte es oft bei Dir, weil Du ja gleich wieder weg musstest. Warum wirst Du in 5 Minuten gehen? Na, in Meißen tritt doch so eine Jugendtheatergruppe auf, die will ich mir mal anschauen. Braucht Ihr davon was für das neue Heft? Warum musst Du jetzt gehen? Na, ich habe ’ne Pressekarte für den neuen Film vom Soderbergh in der Schauburg. Das wäre vielleicht mal was als Filmtipp fürs neue Heft. Deine Brille sitzt manchmal ganz vorn auf der Nase, dann beugst Du den Kopf nach unten und schaust mit den Augen über den Brillenrand hinweg. Das sieht bedeutend aus. Wie viele Beiträge von Dir kommen denn im nächsten Heft? Vier? Ist das nicht ein bisschen viel? Aber andererseits – wenn Du nicht lieferst, wer von uns hätte schon spontan etwas auf Lager? Ich schätze an Dir, dass Du uns und das Heft nie hast hängen lassen.

Ich mag es, wenn Du Dich über die Kommunalpolitik ereiferst: Wie schön Du schimpfen kannst!

Ich finde es amüsant, wenn Du unvermittelt scharfe Urteile fällst und hinterher
trotz besserer Einsicht standhaft dabei bleibst.

Für Deine und unsere Leser bist Du W.Z., Wozi, W. Zimmermann und Wolfgang Zimmermann. Für uns bist Du Wolfgang und Wozi, aber eigentlich noch vielmehr. Nämlich der polarisierendste Glossenschreiber, seit es in der »Vorschau« Glossen gibt. Der vielseitigste Rezensent, seit in der »Vorschau« rezensiert wird. Das längstgediente Vorstandsmitglied im Verein »Radebeuler Monatshefte e.V.«

Lieber Wolfgang, zu Deinem 65. Geburtstag gratuliert Dir das Redaktionskollegium sehr herzlich und wünscht Dir Gesundheit, Glück und Gelassenheit für die nächsten Jahre, in denen Du hoffentlich noch ganz oft für uns auf dem Sprung sein wirst, um – aber das hatten wir ja schon…!

Ein Meister der kompromisslosen malerischen Satire

Der Radebeuler Maler und Grafiker Claus Weidensdorfer wird 80

Natürlich gibt es – dem Anlass entsprechend – eine Ausstellung. Die sehen zu wollen, muss man sich aber ins Auto setzen und rund 80 Kilometer bis nach Cottbus fahren. Im dortigen Kunstmuseum Dieselkraftwerk kann man derzeit und noch bis zum 14. September 2011 einer Fülle dieser so unverwechselbaren Bilder von Claus Weidensdorfer begegnen. Wobei »erleben« dafür der treffendere Begriff wäre, wollte man versuchen, die Kunst Weidensdorfers irgendwie einzuordnen. Tatsache ist jedenfalls; in seinen Bildern begnügt er sich nie mit dem bloßen Zeigen von Zuständen innerhalb der menschlichen Gemeinschaft. Er malt oder zeichnet vielmehr den Menschen stets im Konflikt mit seinem Umfeld.

"Die Drinnen - Die Draußen", Mischtechnik, 1989

In diese aktuelle Ausstellung hinein bettete sich nun Claus Weidensdorfers 80. Geburtstag. Den der 1931 in Coswig gebürtige und seit 1976 in Radebeul lebende und arbeitende Künstler am 19. August beging. Solch ein Geburtstag ist ja eine unumstößliche Tatsache, denn das Leben schreitet unaufhörlich fort. Doch wüsste man nicht um diese Zahl und hätte ganz unvoreingenommen eine von Claus Weidensdorfers Radierungen vor dem Auge, dann würde man auf einen eher jugendlichen Blick eines Malers auf das Leben schließen. Sehr oft hat der Künstler junge bzw. jüngere Menschen im Fokus seiner Malerei. Das macht vor allem Sinn, weiß man um die Affinität Weidensdorfers zum Jazz. Freilich nicht zu irgendeiner Ausdrucksform dieses Musikstils, sondern ganz konkret zur freien improvisierten Musik – landläufig auch »Free Jazz« genannt. Eine Musik, die in ihrer Unberechenbarkeit und in ihrer Spontaneität der Arbeitsweise eines Bildenden Künstlers sehr verwandt scheint. Claus Weidensdorfers aktives Mittun in dieser Szene ist legendär. Multimediale Aktionen, bei der die freie improvisierte Musik der Malerei ebenso viele Impulse lieferte wie es die Malerei auch für die Musik tat, fanden in der Kunstszene DDR der 1980-iger Jahre mehr und mehr Zulauf. Und standen daher permanent im Fokus der Staatsmacht. Und Claus Weidensdorfer war mittendrin und ganz direkt dabei. Eines der vierzig Faltrollobilder, die während der Coswiger INTERMEDIA I 1985 die Brüstung im Saal der dortigen »Börse« verzierten, stammte von ihm. Malerei wie diese begleitete damals einen untergehenden Staat und machte dessen Fehler öffentlich.

1992 wurde Claus Weidensdorfer zum Professor für Malerei und Grafik an der HfBK Dresden berufen und gab dort bis 1997 sein Wissen und seine Erfahrungen an die Kunststudenten weiter. Für seine künstlerischen Wortmeldungen ist Claus Weidensdorfer in der Vergangenheit vielfach mit Preisen bedacht und auch anderweitig umfangreich geehrt worden. Unter anderem ist er auch Kunstpreisträger der Stadt Radebeul und in größeren Abständen kann man auch seinen Arbeiten in Gemeinschaftsausstellungen innerhalb Radebeuls begegnen. Claus Weidensdorfers Alterswerk unterscheidet sich glücklicherweise kaum von dem, was er an künstlerischen Wortmeldungen zuvor abgeliefert hat. Ein Kritiker mit dem feinen und hintersinnigen Humor ist er bis heute geblieben.

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