Der Maler und Grafiker „Ralf Uhlig“ stellt in der Weinstube Aust aus

Ralf Uhlig zur Ausstellungseröffnung, Foto: S. Graedtke

Am 8.10. eröffnete in der Weinstube Aust eine kleine Ausstellung mit Arbeiten des Radebeuler Künstlers.
Zuvor hingen hier Bilder seines Sohnes André Uhlig, der sich ebenso seit vielen Jahren einen bemerkenswerten Ruf in der Radebeuler Künstlerszene erworben hat. Beide erzählten am Abend über ihre gemeinsamen künstlerischen Anfänge, und wie eindrücklich die Erlebnisse im gegenseiten Miteinander von Anerkennung und Kritik waren.
Ralf Uhlig, Jahrgang 1948, hatte als Werkzeugmacher in der Planeta gearbeitet und sich zum Ausgleich seit frühester Jugend mit Malerei und Grafik beschäftigt. Als Autodidakt besuchte er Malzirkel, nahm zur Fortbildung an Werkstattwochen teil, belegte Lithografiekurse und hat sich u.a. die Aquarelltechnik selbst erarbeitet. Prägend für seine handwerklichen Kenntnisse waren insbesondere die langjährigen Anleitungen des Radebeuler Malers Dieter Beirich. Viele Jahre war er zudem im Tiefdruckkreis Riesa e.V. aktiv gewesen, bis heute nimmt er an den alljährlichen Radebeuler und Dresdner Grafikmärkten regelmäßig teil. Aktuell ist er zudem im Künstlerkreis „Kunstspuren“ beteiligt.
Die insgesamt zwölf Bilder thematisieren mit einem durchaus romantischen Blick bekannte Radebeuler Landschaften und Gebäude. Den Motiven nähert er sich mit unterschiedlichsten Techniken wie Aquarell, Öl, Ölkreide, Holzschnitt oder Sandreservage.
Für das leibliche Wohl sorgte wie immer herzlich die Gastgebergeberfamilie Aust mit Sekt delikatem Buffet.

Sascha Graedtke


Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten der Weinstube in den kommenden Monaten zu sehen.
Öffnungszeiten: Fr.: 15-21 Uhr, Sa./ So./ Feiertag: 11.30-21 Uhr

 

Vom Begeisterungssog nicht ganz erfasst

Zur Premiere von „Hamlet“ am 18.10.2025

Alexander Wulke, Michael Berndt- Cananá, Julia Rani, Tuan Ly, Moritz Gabriel, Julia Vincze (v. l.) Foto: R. Jungnickel

Wer Shakespeares “Hamlet” auf den Spielplan setzt, weckt beim Publikum Erwartungen und Vorfreude. Erwartungen, weil einerseits die Fallhöhe beträchtlich ist, denn groß ist die Zahl renommierter Darsteller und Regisseure, die sich dieses Stoffes angenommen haben (Ich hörte in Gesprächen am Premierenabend von noch erstaunlich frischen Erinnerungen an den letzten „Hamlet“ am Haus unter Carsten Ramm mit Matthias Henkel in einer seiner größten Rollen in der Spielzeit 1996/97). Andererseits sind die Möglichkeiten zur unverhofften Neu- und Wiederentdeckung wie bei kaum einem anderen Werk immens, denn dieses Stück sei wie ein „Schwamm“, der die „Gegenwart aufsauge“ (wie es im Programmheft heißt), und Gegenwart ist schließlich immer. Vorfreude, weil man als Theaterliebhaber das eine oder andere Zitat aus diesem Stück mit sich herumträgt und nur darauf wartet, bis man beispielsweise den Protagonisten (hier: Michael Berndt-Cananá) am Beginn des 3. Aktes den berühmtesten aller Monologe über das Sein oder Nicht-Sein sprechen hört. Nun also machten sich Intendant Manuel Schöbel (Regie), Johannes Frohnsdorf (Dramaturgie), Ralph Zeger (Bühne) und Sabine Moncys (Kostüme) als maßgebliches Inszenierungsteam an dieses Werk und präsentierten ihre Lesart in einer Textfassung von Erich Fried aus den 1960er Jahren, was zumindest eine überraschende Wahl ist und den kundigen Zuschauer aufmerken lässt. Denn in dieser Textfassung kommen einige der bekanntesten Verse in anderer Form daher, so ist die Welt nicht „aus den Fugen“, sondern „aus dem Leim“, so hat nicht der „Wahnsinn“ Methode, sondern die „Tollheit“. Das Stück entfaltet sich auf einer Bühne, die am Anfang noch für Aufmerksamkeit sorgt: Metallgestelle und Holzelemente im Hintergrund, zu beiden Seiten eine Anzahl an die Antike gemahnende Skulpturen, von denen man allerdings schon bald nicht weiß, wozu sie eigentlich gut sein sollen. Über die gesamte Spieldauer wird sich an dieser Konstellation nichts Wesentliches ändern, womit schon ein Mangel benannt ist. Mag es auch praktisch sein, auf lange Umbaupausen verzichten zu können, so ermüdet es das Auge, auf die immer gleiche Staffage blicken zu müssen, zumal in letzter Zeit multifunktionale Gestelle häufig das Mittel der Wahl zu sein scheinen. Zwar kommt schon im ersten Teil ein mobiler Billardtisch dazu, der geschickt in verschiedener Funktion Verwendung findet, aber mehr Belebung erfährt die Bühne nicht. Deutlich vielgestaltiger werden die Akteure in Schale geworfen, was allerdings nicht unbedingt unmittelbar zur Sinnstiftung beiträgt. Der Bösewicht König Claudius (Grian Duesberg, der für meinen Geschmack mit der Rolle etwas fremdelt) kommt als geleckter Geck mit trumpscher Haarfarbe daher. Seine Frau Gertrude (Sandra Maria Huimann hat vor allem im ersten Teil starke Momente als selbstbewusste Königin) trägt zeitlos elegante Kleider. Polonius (Alexander Wulke interpretiert den höfischen Günstling solide und schnörkellos) wiederum steckt ordensreich dekoriert in einer Armeejacke neueren Zuschnitts. Dessen Tochter Ophelia (Vega Fenske, deren etwas zu harte und dialektal eingefärbte Diktion überrascht) muss sich mit scheinbar willkürlich zusammengesetzten Stoffen und Farben als Girlie der Gen Z präsentieren. Einzig Hamlet und Horatio (Julia Rani überzeugt auf ganzer Linie als empathischer, kämpferischer Charakter und Freund Hamlets) wirken in ihrem Schwarz stimmig und eins mit ihrer Rolle, was möglicherweise als bewusste Lenkung der Sympathie zu verstehen ist. Dieses Potpourri an Kostümierung kann möglicherweise als Fingerzeig dafür herhalten, dass sich die im Stück verhandelten Themen und Konflikte einer zeitlichen Zuschreibung entziehen und die anfangs erwähnte Dauer-Gegenwart ja alle möglichen Moden und Geschmäcker umfasst. Wer nun aber geglaubt hat, dass die Inszenierung Signale einer frischen Lesart hin auf unsere Gegenwart sendet, der irrt sich. Ob man das nun als angemessenen Verzicht auf verkrampfte Modernisierung sieht oder als verpasste Chance auf Aha-Effekte, das mag von Besucher zu Besucher verschieden sein. Im Ganzen ergibt sich aber das Bild einer unentschlossenen Inszenierung im Hinblick auf die Wahl der Mittel, was den Sog des Stückes abschwächt. Wenn also die Umsetzung des Stückes Fragen aufwirft und auch etwas Enttäuschung produziert, so trägt der Text natürlich noch immer, fesselt der Stoff an sich. Michael Berndt-Cananá ist eine überzeugende Besetzung für diese herausfordernde Rolle. Man nimmt ihm das Changieren zwischen strategisch untersetzter Tatkraft gerade im Teil vor der Pause und zögernder Verstörtheit vor allem nach der Pause ab; man versteht seine existenziell empfundene Verunsicherung angesichts des offenbarten Geheimnisses zum Mord an seinem Vater; man fühlt mit ihm beim Verlust Ophelias. Stark ist Hamlets Wutausbruch im Gespräch mit seiner Mutter, beeindruckend sein finales Fechtduell mit Ophelias Bruder Laertes (Oliver Natterer). Für einen grotesk-heiteren Kontrapunkt in bester shakespearscher Tradition (im Original treten zwei Clowns an dieser Stelle auf) sorgen kurz vor Ende vier Totengräber (Moritz Gabriel, Renat Safiullin, Matthias Avemarg und Alexander Wulke) mit einer an den Barbershop-Gesang erinnernden Nummer nebst Formationstanzeinlage. Ein Totenkopf als Spielobjekt zwischen Hamlet und einem der Totengräber macht danach deutlich, dass sich mit Entsetzen eben doch gut Scherz treiben lässt. Julia Vincze in zwei Rollen (Schauspieler und Fortinbras) sowie Thomas Förster als Priester und Geist von Hamlets Vater und Tuan Ly als Tänzer ergänzen die Riege der Akteure, Berthold und Hubert Brauer sorgen zudem für musikalische Impulse (etwa bei der Begleitung von Ophelias Klagelieder).
Was bleibt von diesem Abend? Ein freundlich-wohlgefälliger, aber keineswegs euphorischer Applaus nach gut drei Stunden Spielzeit und damit die Erkenntnis, dass eine starke Textvorlage Ansprüche produziert, die erst einmal eingelöst werden wollen. Die Anerkennung dafür, dass sich die Landesbühnen redlich und kreativ bemühen, ihrem Publikum jenseits der eigentlichen Inszenierung noch einen thematischen Mehrwert zu liefern, denn die Angebote im Glasfoyer laden zum Mitmachen (z.B. Gestaltung eines eigenen Geistes mit KI, Einladung zum Formulieren von Assoziationen zum Sein und Nichtsein) und Mitfreuen (im Raum verteilte Leckereien mit morbidem Charme) ein. Und es bleibt der Wunsch, dass Klassikerinszenierungen auch weiterhin fester Bestandteil des Spielplanes der Landesbühnen Sachsen bleiben und damit deren Funktion als Ort der Pflege einer mehr als 2000 Jahre alten Theatertradition weiter gestärkt wird.

Bertram Kazmirowski


Nächste Aufführungen: 1.11. 19.30 Uhr, 2.11. 19 Uhr, 21.11. 19.30 Uhr (jeweils Radebeul), 14.11. 19.30 Uhr Meißen, 23.11. 17 Uhr Großenhain.

Editorial 11-25

Editorial 11-25

Alljährlich erfreuen sich die Liebhaber der bildenden Kunst auf den nunmehr 47. Grafikmarkt, der wie gewohnt zum ersten Sonntag im November, diesmal am 2.11. von 10-18 Uhr, in die Elbsporthalle zu Altkötzschenbroda einlädt.
Unter den rund 100 Mitwirkenden mit tausenden von Arbeiten sind sowohl etablierte als auch junge, durchaus noch unbekannte Künstlerinnen und Künstler zu entdecken. Lassen Sie sich von der Vielfalt an Formaten, Techniken und Handschriften inspirieren. Ebenso werden Werke aus ausgewählten Künstlernachlässen, nunmehr auch von Liselotte Finke-Poser oder Ju Sobing, zu erwerben sein.
Zwischen die Aussteller mischen sich zudem wieder der Radebeuler NOTschriften Verlag, die Stadtgalerie Radebeul, der Meißner Verlag „Das Zündblättchen“ und der Förderverein Internationales Wandertheater Radebeul e.V. mit aktueller Weinedition, wo gern ein Gläschen probiert und eine Flasche des diesjährigen Weines für den guten Zweck erworben werden kann.
Auch wir von der „Vorschau“ werden in bewährter Weise mit einem Stand vertreten sein. Dort haben Sie die Gelegenheit, über das geschriebene Wort hinaus mit Mitgliedern der Redaktion ins Gespräch zu kommen. Zudem besteht die Möglichkeit, in älteren oder gar historischen Heften zu stöbern und etwaige Lücken in Ihren persönlichen Sammlungen zu schließen.
Wir freuen uns auf Sie!

Sascha Graedtke

 

Mit Michael Wüstefeld poetisch durch das Jahr

Glosse

Sprachlos

Also, mal ehrlich: was heutzutage alles so geschrieben und geredet wird, da kann einem mitunter nur übel werden. Hier wird frech vom Himmel herunter gelogen, dass sich die nichtvorhandenen Balken biegen. Man gewinnt den Eindruck, auf dem Rummel vor einer Wahrsagerbude zu stehen oder in eine Touristinfo geraten zu sein, deren Akteure per se die „Welt“ durch eine rosarote Brille sehen.

Erst neulich las ich in einem hiesigen Mitteilungsblatt von „faszinierende[r] Straßenkunst“, von „lebendige[r] Bühne und „abwechslungsreiche[m] Programm“ ohne das auch nur annähernd zu erfahren war, was ich darunter zu verstehen habe. Für wen waren wohl diese blanken Behauptungen bestimmt? Dachte etwa der oder die Autorin, für die Leser reicht das allemal? Da macht‘s den Beitrag auch nicht besser, wenn hinterher das ganze Programm angehängt wurde, dass man auch an anderer Stelle genauer nachlesen konnte. Einige erhellende Worte zum Anliegen und besonders zur inhaltlichen Ausrichtung der Veranstaltung hätte man sich aber schon gewünscht. Fehlanzeige!

Da haben schon meine Eltern nur noch mit dem Kopf geschüttelt, als ich sie im jugendlichen Alter von vierzehn Jahren auf ihre Frage, wie es denn im Kino so gewesen sei, mit den nichtssagenden Worten „Na schön“ abgespeist habe. Damals war ich noch dumm. Aber der Mensch ändert sich bekanntlich und manchmal entwickelt er sich auch weiter. Heute kann jeder halbwegs intelligente Oberschüler eine genauere Beschreibung von einer Sachlage zu Papier bringen und hat es nicht nötig, auf allgemeine Floskeln zurückzugreifen, verfügt doch ein durchschnittlicher Erwachsener über einen Wortschatz von 8.000 bis 10.000 Vokabeln. Meistens aber, so scheint es mir, sind die Leute einfach nur zu faul, sich beim Sprechen mehr Mühe zu geben und sie begnügen sich im tagtäglichen Gebrauch der Sprache mit 400 bis 800 Wörtern! Das muss man sich mal vorstellen – 800 Wörter! Das sind gerademal 0,16 Prozent des deutschen Wortschatzes! Das will ich einfach nicht glauben! Das würde ja bedeuten, dass die meisten bei ihrer Entwicklung im Grundschulniveau stecken geblieben sind?! – So einen Text hätte ich meiner Frau nicht durchgehen lassen! Aber ja, ich vergaß, dass die deutsche Pädagogik die „Kritik“ abgewählt hat. Nicht mehr erwünscht! Zu negativ! Es werden nur noch die positiven Aspekte hervorgehoben. Könnte es sein, dass dann…?

Es bedarf schon einer gehörigen Portion an Selbstvertrauen, um diesen Text auf die Menschheit loszulassen. Nun könnte man sinnieren, ob es an der Faulheit der Leute, am unsachgemäßen Gebrauch elektronischer Kommunikationsmittel, an der Vernachlässigung der Schreibschrift, am mangelhaften Bildungswesen oder an allem zusammen liegt, wenn 44 Prozent der Schüler keinen Bock auf den Deutschunterricht haben. Mit der Klassik braucht der Lehrer da gar nicht erst zu kommen. Goethe ist doch schließlich kein Popstar!

Ja, in der Schule sollte man fürs Leben lernen. Freilich wird dort noch zu viel auswendig gepaukt. Aber reicht für dieses jetzige Leben nur der Zeitbezug? Kann man Geisteswissenschaften und die Geschichte einfach abwählen? Kalter Kaffee? Oder ist das alles auch eine Frage der Vermittlung und des Geldbeutels? Seit über einem Jahrzehnt bekommen wir den Lehrermangel in Sachsen nicht in den Griff! Schon lange häufen sich auffällig die Events und inhaltsleeren Aktionen in der Kultur. Erst unlängst flatterte mir eine Einladung ins Haus, die kein Wort zum Anliegen der Veranstaltung enthielt. Ich war regelrecht sprachlos. Da kann man sich nur noch mit einer Glosse wehren, meint

Euer Motzi

Mai 1945.

Aus den Aufzeichnungen des Altbauern Max Klotzsche, Teil 3

80 Jahre nach Kriegsende druckt die ›Vorschau‹ Auszüge aus zeitgenössischen privaten Aufzeichnungen des Serkowitzer Ortschronisten Max Klotzsche über seine Eindrücke aus jenen Maitagen in Radebeul. In der zweiten Folge hatten wir den Autor verlassen, als er am frühen Morgen des 8. Mai 1945 von seiner Wohnung aus den Einzug der sowjetischen Armee in Radebeul West beobachtete …

Gegen 8 Uhr drängte es mich zu erfahren, was dem Gute Altserkowitz 3 widerfahren war. Ich legte eine weiße Binde um den linken Arm und machte mich auf den Weg. Als ich an die Kreuzung Meißner Straße – Gradsteg die Straßenbahngleise überschreiten wollte, kamen zwei Russen, sprangen von ihren Fahrrädern, machten ihre Revolver schussbereit, schlugen die Ladentür zum Lebensmittelgeschäft von Grollmann – Ecke Gradsteg – ein und drangen in die Geschäftsräume ein. Dieser Vorgang machte mich stutzig und so kehrte ich um, zurück in meine Wohnung. Dort waren sämtliche Hausbewohner im Begriff, mit Einkaufstaschen etc. das Haus zu verlassen, weil angeblich die Russen sämtliche Waren aus dem Laden des „Görlitzer Waren-Einkaufsvereins“ an die Bevölkerung kostenlos verteilten. Auch ich begab mich dorthin. Unterwegs begegnete ich Bekannten, vollbepackt mit Tüten, Paketen etc., sogar mit Mehl, Zucker usw. beladenen kleinen Handwagen. Die Verkaufs- und Lagerräume waren voll von Menschen, die in allen Kästen, Regalen, Säcken etc. herumwühlten und für sich einheimsten, was ihnen gut und brauchbar dünkte. Zu meiner Verwunderung sah ich bei dieser Plünderei auch bekannte Leute aus wohlhabenden und gebildeten Kreisen meiner Nachbarschaft. Mich ekelte dieses Treiben an. Auch viele andere Läden wurden von den Russen erbrochen und von der deutschen Bevölkerung ausgeraubt. […].

Wie war es nun gekommen, dass Kötzschenbroda und Serkowitz über Nacht fast geräuschlos besetzt wurden? Durch Fliegeraufklärung und wohl auch durch Nachrichten von deutschen Kommunisten war den Russen die starke Hauptkampflinie bei Serkowitz bekannt geworden. Der Russe blieb deshalb bei Coswig stehen und drang im Laufe des Montags, des 7. 5. auf den Straßen von Großdobritz-Auer und Radeburg-Moritzburg vor, um die Lößnitz und Dresden vom Norden her zu umfassen. Die durch den Kreyernwald vorgehenden Russen erreichten in den Vormittagsstunden Lindenau, und von Reichenberg-Boxdorf her suchten dieselben in den Rücken der deutschen Hauptstellung bei Serkowitz zu kommen. In den späten Abendstunden sah sich der Kampfkommandant bei Serkowitz genötigt, die Stellung kampflos zu räumen und sich über die Autobahnbrücke in Sicherheit zu bringen. Die Serkowitzer Bauern mussten für den Rückzug mit Pferden bespannte Wagen nebst Kutscher zur Verfügung stellen, und so musste auch mein Sohn seine drei Pferde mit zwei Tafelwagen und dem Polen Anton als Kutscher, alles entschädigungslos auf Nimmerwiedersehen, zur Verfügung stellen. Als abends gegen 11 Uhr, nach einleitendem Artilleriefeuer der Russe auch von Coswig-Zitzschewig aus angriffsweise auf Kötzschenbroda und die Niederwarthaer Elbbrücke vorging, wurde letztere von der Besatzung der Brückenverteidigung, zu der auch die gesamte Polizei der Stadt Radebeul gehörte, durch Sprengung sinnlos zerstört. Kötzschenbroda, Serkowitz etc. wurden alsdann kampflos besetzt.

Die Dorflage und die Befestigungen von Serkowitz waren am Montagnachmittag das Ziel der russischen Artillerie, doch war die Wirkung der Abschüsse nicht verheerend. Die zahlreichen Granattrichter waren in der Feldflur weithin verstreut, nur abends gegen halb 7 Uhr schlugen in kurzen Zwischenräumen vier Granaten in Altserkowitz ein. Die erste traf das Gut meines Sohnes und zerstörte die Außenmauer des Wohnzimmers und die ganze Zimmereinrichtung. Das im Wohnzimmer befindliche Dienstmädchen und drei Enkelkinder blieben wunderbarerweise am Leben und kamen mit nur leichten Verletzungen davon. Die zweite Granate traf das Seitengebäude des benachbarten Stadtgutes, den Dachstuhl zerstörend, die dritte Granate schlug durch ein Fenster im gegenüberliegenden Gute und zerstörte die gesamten Innenräume, und die vierte Granate krepierte auf der Straße. Granatsplitter hiervon beschädigten die umliegenden Häuser und durchschlugen auch das eiserne Hoftor vom Gute meines Sohnes. Ein solcher Granatsplitter traf die meine Altenteilwohnung bewohnende und sich aus dem Keller begebende Frau K. im Rücken. Die Verwundung war so schwer, dass sie in der chirurgischen Klinik von Dr. Kohlmann in Radebeul am anderen Tage verstarb.

Am Dienstag machte ich mich zum zweiten Mal auf den Weg nach Serkowitz, um mich zu überzeugen, ob meinen Sohn, seine Familie und sein Gut irgendein Unheil betroffen habe. […] Im Gute angekommen, sah ich das zerschossene Wohnhaus, die von Granatsplittern durchlöcherten Dächer etc. Der Hof war voll von russischen Soldaten und Kraftwagen. Soldaten schleppten große Stücke Fleisch fort, denn man hatte eben die Schlachtung eines jungen Rindes aus dem Stalle meines Sohnes beendet. […] Zu meiner Freude waren mein Sohn, seine Familie und Dienstpersonal allesamt gesund und heil geblieben. Der Viehbestand es Gutes jedoch war stark mitgenommen worden. Außer den drei Pferden, die von den abziehenden deutschen Truppen requiriert worden waren, hatten nunmehr die Russen die beiden kleinen Polenpferde mitgenommen, zwei Kühe geschlachtet, von den vorhandenen 13 Schweinen 12 Stück mitgenommen sowie die drei Schafe und den Hofhund. Der kam nach einigen Tagen von selbst zurück, ein Zeugnis von der Treue und Anhänglichkeit dieser Gattung der Haustiere.

[…] Am frühen Morgen des Dienstag mussten die Bauern und männlichen Einwohner von Serkowitz antreten und wurden zur Mithilfe beim Bau einer Schiffbrücke über die Elbe bei der Gohliser Windmühle gezwungen. Nachdem russische Truppenteile nach beiden Richtungen Uferwechsel durchgeführt hatten, mussten die Bauern die Schiffbrücke wieder abbrechen. Am Nachmittag verbreitete sich das Gerücht, dass auch mit Russland Waffenruhe eingetreten sei. Dies bestätigte sich. Die Verfolgung der von Dresden nach dem Sudetenland zurückflutenden deutschen Truppen aber wurde bis zum 10. Mai fortgesetzt. Am 11. oder 12. Mai kam der Pole Anton auf einem Fahrrad aus der Gegend Teplitz-Aussig zurück. Pferde und Wagen waren in russische Hände gefallen. Die Pferde hatten vier Nächte und drei Tage unaufhaltsam im Rückzug zugebracht und waren so erschöpft gewesen, dass dieselben nicht mehr fortzubringen waren. In Serkowitz waren von den deutschen SS-Truppen und den Russen über 20 Pferde fortgenommen worden, alle bis auf ein einziges, dessen abseits gelegenen Stall die Russen nicht gefunden hatten. (Schluss folgt.)

Frank Andert

19. Thematischer Filmclubabend


„Der schweigende Stern“ spielt im Jahr 1970. Die CO-Produktion zwischen der DDR und Polen war für beide Länder der erste Science-Fiktion-Film. Als Vorlage diente der Roman „Die Astronauten“ von Stanislaw Lem (1921-2006) aus dem Jahr 1951. In der deutschen Übersetzung wurde dieser 1954 unter dem Titel „Der Planet des Todes“ veröffentlicht. Der 1959 produzierte Film kam 1960 in die Kinos. Zunächst in der DDR und nur wenige Monate später in der BRD. Auch in England und den USA wurde der Film gezeigt, allerdings mit anderen Titeln.

Regie führte der technikbegeisterte Kurt Maetzig (1911-2012). International erfuhr der Film für die Spezialeffekte und Ausstattung sehr viel Lob und wurde 1964 beim Filmfest in Triest mit dem Preis „Goldenes Raumschiff“ ausgezeichnet. Einen nicht unerheblichen Anteil hatten daran der Spezialist für Trickfilm- und Spezialeffekte Ernst Kunstmann (1898-1995) sowie der Szenen- und Bühnenbildner Alfred Hirschmeier (1931-1996). Die Produktion erfolgte in den Filmstudios Babelsberg und Breslau sowie im polnischen Zakopane und auf dem Gelände des Flugplatzes Berlin-Johannisthal. Der Etat betrug nahezu 6 Millionen.

In seinem Erstlingsroman nimmt Lem auf ein reales Ereignis Bezug, das sich 1908 in Mittelsibirien ereignet hatte und dessen Ursache bis heute nicht eindeutig geklärt werden konnte. Großflächige Verwüstungen blieben zurück. Eine Druckwelle raste um den Erdball. Der renommierte russische Mineraloge Leonid Kulig (1883-1942) untersuchte das Gebiet. Ein Meteoriteneinschlag konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Aber gerade das Unerklärliche entzündete die Fantasie der Menschen. Stanislaw Lem ging in seinem Roman davon aus, dass ein Raumschiff der Venusbewohner explodiert sei und verknüpfte utopische Überlegungen mit den aktuellen Problemen seiner Helden zu einem spannenden Szenario. Dabei geht Lem von einem humanistischen Grundgedanken aus, was mit seinen persönlichen Erfahrungen als auch mit den weltpolitischen Ereignissen in jüngster Vergangenheit zusammenhängt. Der Gedanke, dass die Bewohner der Erde einmal in den Weltraum starten würden, war auch für ihn im Jahr 1951 noch eine ferne Utopie. Und doch sollten bis dahin nur noch wenige Jahre vergehen. Bereits 1961 umrundete der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin (1934-1968) als erster Mensch die Erde und der amerikanische Astronaut Neil Amstrong (1930-2012) betrat 1969 als erster Mensch den Mond.

„Der schweigende Stern“

1960, DEFA-Spielfilm, Co-Produktion DDR/Polen, Agfa-Color, 90 Min., FSK 12

Regie: Kurt Maetzig;
Drehbuch: Jan Fethke, Wolfgang Kohlhaase, Günter Reisch, Günther Rücker, Alexander Graf Stenbock-Fermor;
Darsteller: Yoko Tani (Sumiko Ogimura), Oldrich Lukeš (Hawling), Ignacy Machowski (Soltyk), Julius Ongewe (Talua), Michail Postnikow (Arsenjew), Kurt Rackelmann (Sikarna), Günther Simon (Brinkmann), Tang Hua-Ta (Tschen Yü) u. a.

Bei Bauarbeiten entdeckte man1970 in der Wüste Gobi einen seltsamen Felsbrocken, in dessen Innerem sich eine Kapsel befand, welche wiederum eine Spule umschloss. Eine Analyse ergab, dass jenes Material nicht von der Erde stammt. Da erinnerte man sich an ein Ereignis im Jahr 1908. Die katastrophalen Verwüstungen hatte man damals irrtümlicherweise mit einem Meteoriteneinschlag in Verbindung gebracht. Der seltsame Fund bestätigte nun eine andere Hypothese. Damals sei ein Weltraumschiff von einem anderen Planeten abgestürzt. Die Fremden hätten eine wichtige Botschaft hinterlassen wollen. Die Entschlüsselung der Nachricht auf der Spule ergab eine chemisch- physikalische Beschreibung der Erdoberfläche. Als Absender kam schließlich nur die Venus infrage.

Die Weltöffentlichkeit wurde informiert. Funk- und Radarstationen der Erde sendeten Signale an die Venus. Doch die Venus antwortete nicht. Man war ratlos. Warum schweigt der Stern? Droht der Menschheit Gefahr?

Das Rätsel ließ sich nur lösen, in dem eine Forschungsgruppe, bestehend aus den besten Astrophyskern und Astronauten der Welt zur Venus aufbricht: die japanische Ärztin Sumiko, der sowjetische Kosmonaut Arsenjew, der afrikanische Techniker Talua, der US-amerikanische Atomphysiker Hawling, der indische Mathematiker Sikarna, der chinesische Linguist Tschen Yü und der polnischer Ingenieur So?tyk.

Die achtköpfige Besatzung startet mit dem Raumschiff Kosmokrator 1 zur Venus. Für die Erkundungen stehen ein Düsen-Elastokopter und der Universalroboter Omega zur Verfügung.

Während des Fluges kann die Nachricht auf der Spule vollständig entschlüsselt werden. Fest steht nun, die Fremden kamen einst in feindlicher Absicht auf die Erde. Aber warum ist seitdem nichts passiert? Die Antwort findet sich, als die Besatzung den Planeten Venus selbst in Augenschein nimmt. Nur noch die Reste einer einstmals hochentwickelten Zivilisation finden sie vor. Die Angreifer haben sich scheinbar selbst vernichtet. Einzig ihre Schatten sind erhalten geblieben und eine sinnlos funktionierende Technik, die sich, aus Versehen aktiviert, nicht nur gegen die Besatzung des Kosmokrators, sondern in Form einer Strahlenkanone gegen die gesamte Erde richtet. Zwar gelingt es, diese wieder abzuschalten, was allerdings drei der Besatzungsmitglieder mit dem Leben bezahlen müssen. Nur fünf Besatzungsmitglieder kehren unversehrt zur Erde zurück mit der Gewissheit, dass von der Venus keine Gefahr mehr droht. Doch Leben, scheint es auch dort noch zu geben…

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Donnerstag am 16. Oktober 2025, um 19 Uhr, im Alchemistenkeller der Alten Apotheke, Altkötzschenbroda 48, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

Geflüchtet ans Paradies

Die Geschichte des Hauses „Maria Rast“ auf der Jägerstraße – Teil 2

Im 1. Teil dieses Beitrages (siehe August-Heft) wurde darüber berichtet, auf welche Weise das prominent oberhalb des sogenannten „Paradieses“ gelegene Anwesen auf der Jägerstraße 3 in Radebeul-Lindenau im Frühling 1945 in den Besitz von Ordensschwestern aus Dresden gelangt war. Der Artikel endete mit dem Hinweis auf den bevorstehenden Umzug von Kranken und Alten aus der Gaststätte „Weintraube“, für die sich die Schwestern verantwortlich fühlten.

Provinzhaus der Elisabeth-Schwestern, 1967


In der Hauschronik sind die Erinnerungen von Sr. Eustachia an den dramatischen Tag des Einzugs auf die Jägerstraße 3 wie folgt wiedergegeben: Am 8. Juni 1945, am Festtage des Herzens Jesu, begann morgens nach 7 Uhr der Auszug aus der „Weintraube“ die Paradiesstraße entlang bis zur Jägerhofstraße. Auf einem Lastwagen mit Pferdegespann waren verladen: Tische, Stühle, Kochtöpfe, Hausgeräte u.a., soviel man hatte in der Zwischenzeit beschaffen können und der Wagen faßte. […] Bergauf versagte zuerst die Bremse, sodaß der Wagen leicht zurückschob, dann versagten die Pferde und zuletzt der Kutscher, der Halt machte, abladen ließ und einfach heimkehrte […] Auf einem geborgten Handwagen schleppten nun die Schwester mit ihren Begleiterinnen Stück für Stück bergauf ins Heim bis abends 8 Uhr! Todmüde, aber doch froh „heimgefunden“ zu haben. So wurde das Haus auf der Jägerstraße 3, welches auch als Dr. Waschke-Stiftung und „Haus Maria Rast“ (wobei „Rast“ nicht als Nachname zu lesen ist, sondern im Sinne von „Die Rast Marias“) unter den Radebeuler Katholiken bekannt war, zum Altersheim der ehemaligen Dresdner „Franceschi-Rentner“. Das blieb es auch nach deren Versterben für andere Senioren, später vor allem für hochbetagte Ordensfrauen der Grauen Schwestern, die im Joseph-Stift nicht mehr Dienst tun konnten. Was in der Chronik über diesen bewussten 8. Juni 1945 so nüchtern berichtet wird, entpuppt sich bei näherem Bedenken als eine staunenswerte Energieleistung der Ordensfrauen unter unmöglichen Bedingungen! Ein streikendes Pferdefuhrwerk und ein entnervter Kutscher – und das am Fuße der Jägerhofstraße! Man mag es sich ausmalen, wie etwa an der Kreuzung der heutigen Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße/Jägerhofstraße die Gruppe Alter und Kranker an einem warmen Sommertag mit abgeladenem Hausrat steht und die Ordensfrauen überlegen, wie sie die 18 gebrechlichen Menschen und das Umzugsgut den langen Anstieg hinauftransportieren können. Von medizinischer Versorgung und Verpflegung ganz zu schweigen! Erst wenn man dies im Blick hat, wird erklärlich, warum die ganze Aktion mehr als 12 Stunden dauerte und warum in der Hauschronik (durch eine namentlich nicht erschließbare Ordensfrau) vermerkt wurde: An der Stelle, wo dies geschehen ist, ist leider bis heute noch kein Gedenkstein errichtet worden.

So paradiesisch auch die Lage an sich war – mit freiem Blick über das Elbtal –, so unpraktisch war das Haus auf der Jägerstraße für den täglichen Betrieb als Pflegeeinrichtung. Keine nahegelegenen Einkaufsmöglichkeiten, keinerlei Nahverkehr und das Fehlen eigener Fahrzeuge, Mangel an Brennmaterial, kein Telefon, und Ärzte und das Krankenhaus recht weit entfernt. Hinzu kam für das katholisch geführte Haus auch noch der Umstand, dass die katholische Kapelle auf der Borstraße zu weit entfernt war, als dass eine Teilnahme an Gottesdiensten für die Ordensfrauen und die Bewohner in Reichweite gewesen wäre. Umso wichtiger war es, dass am 28. September 1945, drei Tage vor der juristischen Übergabe des Erbgrundstückes, ein Raum im Haus als Kapelle geweiht werden konnte, in der in den Jahrzehnten danach durch die Pfarrer der Radebeuler und Pieschener katholischen Kirchen auch regelmäßig Gottesdienste gefeiert wurden (siehe Foto aus einem Gemeindeblatt vom Mai 1981). In den Jahren 1970/71 erfolgte ein großer Umbau des Hauses, bei dem Bäder und Toiletten eingebaut und die Mansarden aufgestockt wurden, was dem Haus ein ganz anderes Aussehen verlieh. Die spätere Oberin Sr. Roberta beschrieb im Rückblick die Verhältnisse nach dem Umbau zur DDR-Zeit so: Später gab es viele Erschwernisse mit der Wasserversorgung, der Druck reichte nicht bis auf den Berg. So mußte oft mitten in der Nacht das Wasser für den kommenden Tag eingefüllt werden. Nach der Wende, zu Beginn der 90ger Jahre, wurde mit Hilfe des „Aufschwung Ost“ die Zentralheizung von Kohle auf Erdgas umgestellt und für das ganze Hause neue Fenster angeschafft.

1997


Nur noch acht Schwestern bildeten 1992 den Konvent in Radebeul, die ein Altenpflegeheim mit elf Plätzen betreuten. Am 3. September 1995 wurde anlässlich des 50. Jahrestages des Bestehens unter Anwesenheit des damaligen und Radebeul stets verbunden gewesenen Weihbischofs Georg Weinhold eine Hausfeier gestaltet. Was für ein Zufall, dass im gleichen Jahr auch das damals schon bedeutende Krankenhaus St. Joseph-Stift sein 100-jähriges Jubiläum feierte.

2025


Die Geschichte des Hauses „Maria Rast“ bis zur Auflösung durch die Kongregation am 21. Januar 2000 ist schnell erzählt. Weil das Heim ab dem Jahr 2000 nicht mehr in den Bedarfsplan des Freistaates Sachsen für Altenpflegeheime aufgenommen wurde, fiel die finanzielle Basis zum Weiterbetrieb des Hauses weg. Zuletzt waren noch vier Graue Schwestern im Haus, die sich um die wenigen verbliebenen Bewohner kümmerten. Es ist als eine schicksalhaft-glückliche Fügung zu bezeichnen, dass just in dieser Zeit das neue Caritas-Altenpflegeheim St. Michael auf der Friedrichstraße in Dresden eröffnet wurde, ganz in der Nähe, wo bis 1945 der Franceschi-Stift beheimatet gewesen war. Einige der letzten Bewohner des Radebeuler Hauses nahmen nun genau dort Quartier, womit in gewisser Weise das kriegsbedingt entstandene Radebeuler Konvent der Grauen Schwestern wieder an ihren Ursprungsort zurückkehrte und sich nach genau 55 Jahren der Kreis schloss.
Ob die heutigen Bewohner des Anwesens auf der Jägerstraße 3 die Geschichte des Hauses kennen, weiß ich nicht. Oft ist es ja auch gut und für den Alltag unerlässlich, wenn man den Hauch der Geschichte eines bestimmten Ortes nicht ständig im Nacken spürt. Wenn ich mir etwas wünschen würde, dann dies: Dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht einmal ganz bewusst die Jägerhofstraße hinauflaufen und dabei an die tapferen Ordensfrauen denken, die unter erbarmungswürdigen Umständen an einem Sommertag 1945 18 Alten und Kranken in einem Kraftakt das Ankommen in ihrem neuen Zuhause ermöglicht hatten.

Bertram Kazmirowski

Mein Dank gilt dem Provinzhaus der Schwestern der Heiligen Elisabeth in Berlin, namentlich Sr. Edith und Sr. Bernadette für die freundliche Unterstützung. Ebenso danke ich Frau Leidhold vom Stadtarchiv Radebeul, Herrn Dr. Borgmann, Herrn Kuhbandner, Herrn Helfricht und Dietrich Lohse für die unkomplizierte Hilfe bei der Beschaffung von Bildmaterial. Verwendete Quellen:
https://www.bistum-dresden-meissen.de/static/archiv/archiv-2010/150-jahre-elisabethschwestern-in-dresden.html
https://www.stadtwikidd.de/wiki/K%C3%A4ufferstra%C3%9Fe
https://de.wikipedia.org/wiki/Kongregation_der_Schwestern_von_der_hl._Elisabeth
https://www.josephstift-dresden.de/geschichte

Einladung zur Lesung

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, dass auch in diesem Jahr unser Jahresbegleiter für die Poesie, Michael Wüstefeld, am Freitag, den 7.November 2025, 19 Uhr im Familienzentrum (Kellergewölbe) in Altkötzschenbroda uns einen weiteren Einblick in sein schriftstellerisches Schaffen geben wird. Wer die Kostprobe zu unserer Geburtstagsfeier miterlebt hat, wird sich sicher auf ein „Mehr“ freuen, wer ihn nicht erlebt hat, sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, weiteres von Michael Wüstefeld kennenzulernen.

Der Eintritt ist frei, wir bitten um eine Spende. Voranmeldungen bitte an Ilona Rau, 03523 62132 oder per E-Mail an ilo_rau@ yahoo.de

Wir freuen uns auf Sie

Ilona Rau

Das 675-jährige Wahnsdorf – ein lebendiger Ort mit Zukunft und Tradition

Das Jubiläumsfest zum 675-jährigen Bestehen des Ortes bot eine gute Möglichkeit, die Wahnsdorfer etwas näher kennenzulernen. Drei Tage und zwei Nächte wurde vom 22. bis 24. August mit zahlreichen Gästen ausgiebig und fröhlich gefeiert. Am Ende waren die Veranstalter und Mitwirkenden erschöpft und glücklich zugleich. Anderthalb Jahre Vorbereitungszeit wurden belohnt, durch ein rundum gelungenes Fest. Wer dabei gewesen ist, wird sich daran wohl noch lange erinnern.

Mitglieder des Heimatvereins Wahnsdorf während der Festvorbereitungen v.l.n.r.: Kai Rosenhahn (Vereinsmitglied), Peter Michaelis (2. Vorsitzender), Anja Schnabel (1. Vorsitzende), Thomas Förster (Schriftführer)
Foto: Norbert Millauer


Zahlreiche Höfe im Zentrum des Straßendorfes waren einfallsreich geschmückt. So wurde der Ortsrundgang zu einer Zeitreise in die Vergangenheit. Fotos, Texte und Dokumente veranschaulichten die baulichen Veränderungen von Gebäuden, erinnerten an die einstigen Bewohner aus verschiedenen Generationen und lösten bei den Betrachtern oftmals auch ein Schmunzeln aus.

Engagement und Gemeinschaftssinn haben in Wahnsdorf eine lange Tradition. Bereits 1888 gründete sich ein Männergesangsverein, der allerdings nur bis 1974 existierte. Wenig später entstand im Jahr 1899 die Freiwillige Feuerwehr, welche derzeit weit über 20 aktive Mitglieder hat und durch die Jugendfeuerwehr sowie die Alters- und Ehrenabteilung tatkräftige Unterstützung erfährt. Genau einhundert Jahre später, im Jahr 1999, wurde der Heimatverein Wahnsdorf e.V. ins Leben gerufen. Anlass war die Vorbereitung der 650-Jahr-Feier. Gemeinsam mit den Bewohnern bilden nunmehr sowohl die Freiwillige Feuerwehr, als auch der Heimatverein und der erstmals im Jahr 1990 gewählte Ortschaftsrat die stabilisierende Basis für ein gesellschaftliches Miteinander.

Das Bedürfnis nach dörflichem Zusammenhalt spiegelte sich auch in den über Jahrzehnte durchgeführten Klassentreffen. Ab 1975 gab es in Wahnsdorf keine Einschulungen mehr und die legendären Wahnsdorfer Klassentreffen finden wegen des hohen Alters der einstigen Schulabgänger jetzt auch nicht mehr statt. In den Räumen der ehemaligen Schule befinden sich heute der Kindergarten und das Ortschaftszentrum. In Letzterem wurde die Jubiläumsausstellung „Wahnsdorfer Ansichten“ gezeigt, welche auf sehr großes Interesse stieß. Gelegen auf dem Hochland hat sich der dörfliche Charakter von Wahnsdorf erhalten. Noch heute existieren bäuerliche Einzelwirtschaften. Landwirtschaft und Weinanbau sind dominant. Die Selbständigkeit konnte sich der Ort sehr lange bewahren. Erst 1934 wurde Wahnsdorf mit rund 1.000 Einwohnern zu Radebeul eingemeindet. Besonders erwähnenswert ist der sprunghafte Einwohnerzuwachs durch die Eigenheimsiedlung. Gebaut wurde auf einstmals bäuerlichen Flurstücken. Beim Bezug im Jahr 1938 brachten die 18 Ehepaare 52 (!) Kinder mit.

Die Jubiläumsausstellung erinnerte u.a. an einstmals beliebte und seit vielen Jahren geschlossene Gasthäuser wie „Zur Friedenslinde“, „Wilhelmshöhe“, „Gasthof Wahnsdorf“ und „Zur grauen Presse“. Auch die alteingesessene Bäckerei Dutschke gibt es schon seit 25 Jahren nicht mehr. Über der zugemauerten Ladentür glänzt nur noch das Zunftzeichen mit der güldenen Brezel im Sonnenlicht.

Doch die Zeit steht nicht still und Neues entsteht. So wurde im Jahr 2020 im Zentrum des Ortes der Hofladen „ZiegenWein“ eröffnet mit Wein und Käse aus eigener Produktion. Beim Bäcker Jacob wiederum sollte man unbedingt einmal das Bilz-Brot nach bilz’scher Originalrezeptur probieren, in dessen Ladengeschäft übrigens auch „Vorschau & Rückblick“ erhältlich ist.

Dass sich der Wahnsdorfer Heimatverein permanent verjüngt, stimmt zuversichtlich. Beherzt hatte der Verein die Federführung für die Ausgestaltung des diesjährigen Jubiläums übernommen und ein bunt gemischtes Programm zusammengestellt. Der Mix aus Frühschoppen, Festgottesdienst, Mitmachaktionen, Puppenspiel, wilden Partys, Talente-Show, Ausstellung und Musik hielt zahlreiche Angebote für Jung und Alt bereit.

Die dreitägige Veranstaltung fand vorwiegend im Zentrum des Ortes statt. Zahlreiche Stände, gar ein kleines historisches Riesenrad gruppierten sich um die Hauptbühne und ließen somit einen stimmungsvollen Festplatz entstehen.

Am ersten Tag wurde ein Baum gepflanzt. Danach folgten offizielle Reden, Tanz und geselliges Beisammensein. Am Abend wurde auf dem Feuerlöschteich wohl eine Art erwartungsfrohes Freudenfeuer entfacht.

Am zweiten Tag bildete zweifellos der vielgestaltige Festumzug den Höhepunkt mit rund 250 Mitwirkenden. In 30 Bildern wurde die Geschichte und Entwicklung des Dorfes dargestellt. Im ersten Wagen saßen die Ehrengäste, darunter der ehemalige Vorsitzende des Wahnsdorfer Heimatvereins Heinz Mattusch (89) und der ehemalige Ortschaftsratsvorsitzende Siegfried Schneider (84). Eingereiht hatten sich in den Festzug Vertreter aus Nachbargemeinden und befreundeten Vereinen wie dem Dorf- und Schulverein Naundorf oder dem Heimatverein Boxdorf, um den Jubilaren ihre Grüße zu übermitteln. Selbst eine Nachbildung der Boxdorfer Windmühle hatte man mitgebracht. Zu bestaunen waren reich geschmückte Pferdewagen und laute knatternde Traktoren sowie landwirtschaftliches Gerät aus vergangenen Zeiten. Eine Augenweide war der Festwagen mit einem Brautpaar und der traditionell gebundenen Hochzeitsranke.

Mit einem kleinen Abschiedsfeuer auf dem Dorfteich klang das Fest schließlich am dritten Tag besinnlich aus. Was bleibt, ist das gute Gefühl, dass es hier eine Dorfgemeinschaft gibt, die ihr Lebensumfeld sehr bewusst und aktiv mitgestalten will.

Vielleicht würde eine bessere Straßenverbindung die Radebeuler Tal- und Bergbewohner einander noch ein wenig näherbringen. Auch eine Neuauflage der Veranstaltungsreihe „Radebeuler Begegnungen“ wäre vorstellbar. Hatte doch die erste Expedition im Jahr 2001 von Kötzschenbroda nach Wahnsdorf geführt. Seitdem wurden bis 2018 in loser Folge alle zehn Ursprungsgemeinden von den Radebeulern freudig inspiziert.

Ergänzend sei hinzugefügt, dass man beim Heimatverein noch ein Exemplar der gut gestalteten und sehr informativen Ortschronik aus dem Jahr 2000 zum Sonderpreis von 4 Euro erwerben kann. Ein weiterer Veranstaltungshöhepunkt ist der Wahnsdorfer Weihnachtsmarkt, der am 3. Advent stattfinden wird und schon längst kein Geheimtipp mehr ist. Ein Blick auf die Homepage des Vereins lohnt sich jedoch allemal (www.heimatverein-wahnsdorf.de).

Karin (Gerhardt) Baum

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