Das 29. Internationale Wandertheaterfestival im Rahmen des Herbst- und Weinfestes in Radebeul war wieder ein voller Erfolg

Als im September 1995 ein kleines Schiff über den Dorfanger von Alt-Kötzschenbroda schwebte und die französischen Künstler von Jo Bithume ihr Stück in luftiger Höhe spielten, waren Macher und Besucher des 1. Internationalen Wandertheaterfestivals während des Weinfestes begeistert. Seitdem reisen Theatergruppen aus zahlreichen Ländern nach Radebeul und sorgen für das ganz besondere Flair auf dem Anger, in den Höfen und den Elbwiesen. Auch 2026 waren wieder 18 Theatergruppen und Solokünstler mit 70 Aufführungen zu erleben.

Drei Vertreterinnen des Fördervereins Internationales Wandertheaterfestival Radebeul erinnern sich an das aufregende Wochenende im September.

Ina Dorn: Die wahre Magie des Wandertheaterfestivals liegt nicht nur in den faszinierenden Inszenierungen, sondern vor allem darin, was sie mit dem Publikum machen. Die Anspannung des Alltags weicht aus den Gesichtern, die Angepasstheit darf der Freiheit weichen und schüchterne Kinder legen im Angesicht der allgegenwärtigen Leichtigkeit jede Scheu ab. So schafft es Andy Snatch in seinem Stück „Imbalance“, dass auch zurückhaltende Kinder plötzlich selbstbewusst im Rampenlicht stehen, Fackeln werfen, als hätten sie nie etwas anderes getan und den Moment der Aufmerksamkeit genießen. Aus der Kraft des Augenblicks lebte auch die Cia. Emiliano Alessi in „Tei Tei“. Verbindungen zwischen Menschen, die mit Klebeband flüchtig geschaffen wurden, verselbstständigten sich durch die Mitwirkung des Publikums zu einem komödiantischen Meisterwerk. Ebenso minimalistisch wie fesselnd war die Aufführung „Drop me if you can“ von Joli Vyann. Gebannt wurde das Publikum Zeuge von der absoluten Harmonie zweier Körper, welche die Liebe in all ihren Facetten darstellte. Voller Kraft und Vertrauen bewegten sich die beiden Tänzer im Einklang ihrer Bewegungen. Wo zu Beginn der Inszenierung vor allem bei den jüngsten Zuschauern zunächst noch Skepsis vorherrschte, waren bald nur noch faszinierte, erstaunte Blicke zu sehen, die schließlich in tosendem Applaus gipfelten.

Christine Ruby: Mirakel, Mut und Muskelkraft stehen für Ulik Robotik, die auf der großen Elbwiese ideale Spielbedingungen vorfanden. Staunende Menschen, Groß und Klein, bewunderten die scheinbare Leichtigkeit des Künstlerpaares, das eine sehr spezielle Kombination von Artistik, Drama und Robotik vorführte. Dem Geschehen lag eine Erzählung zugrunde, umgesetzt in mehreren Bildern mit wechselnden Requisiten. Selbst wenn man dieser nicht im Einzelnen folgen konnte, hinterließen die ideenreichen Figuren einen bleibenden Eindruck.

War es doch eine ganz gute Wahl, die der Förderverein Internationales Wandertheaterfestival Radebeul für seinen finanziellen Beitrag zum Festival getroffen hatte. Darüber hinaus bekam auch das romantische Theaterkarussell aus der Schweiz, dieses besondere Markenzeichen des Trubels auf dem Anger, einen Zuschuss. Froh waren alle, die einen Platz darauf gefunden haben. Wegen der rundum seligen Mienen ist dieser zentrale Ort immer auch ein Mekka für Profi- und Hobbyfotografen.

Etwas fürs Herz und das Zwerchfell boten Herbert und Mimi, zwei fabelhafte Clowns aus Österreich. Mit dem Echotest – jetzt rufen wir mal alle die Berge – hatten sie das Publikum sofort in ihrer Westentasche. Und alles, was sie noch an Nonsens oder Alltagsweisheit im künstlerischen Gepäck hatten, sorgte unentwegt für Heiterkeit. Der Spielort hinter der Kirche ist gut für eine intime Theateratmosphäre, so dass jede Mimik fein wahrgenommen werden kann. Diese Mimi mit ihrem Partner ist die Figur gewordene Spielfreude und wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Hinter dem Titel Teatro due Mondi verbirgt sich etwas hierzulande Seltenes: Commedia Dell´arte. Direkt aus Italien gekommen, um Rossini zu flambieren! Ein Weilchen brauchte das Publikum, um mit diesem Format mitzugehen. Ein „einfacher“ Humor will erst einmal verstanden werden. Und es wird auch viel und gut gesungen, Rossini sei Dank, mit Ausdauer und in Italienischer Bühnensprache. Deutsche Einschübe halfen dem Verständnis und minderten nicht die Authentizität. Über allem schwebte ein besonderer, musikalischer Zauber. Obwohl ein kühler Regen am Sonntag das Sitzen im Freien nicht leicht machte, wollten doch alle sehen, wie die Geschichte ausgeht und wer mit wem wie zusammenkommt.

Petra Grubitzsch: Gleich, wenn die Besucher von der Bahnhofsstraße in den Anger einbogen, landeten sie im Stau. Drei riesige Männer auf hohen Stelzen und schwarzen Anzügen machten die Straße unsicher. Die österreichische Theatergruppe „Irrwisch“ spielte miteinander und mit dem Publikum. Da wurden Weingläser den Besuchern stibitzt, Liebeserklärungen verschickt, Händlern ganze Weinflaschen entführt. Keiner war vor ihnen sicher. Verdutze Gesichter und frohe Lacher waren rundum zu sehen und zu hören. Ihrer Sicherheit auf diesen hohen Stelzen faszinierte die Zuschauer.

Nicht weit entfernt im Hoftheater 15 gaben die Landesbühnen wie in jedem Jahr ein kleines Gastspiel mit ihrem Schlagerwettbewerb „Als die Welt noch Schlager war“ aus längst vergangenen Zeiten. Humorvoll und doch verbissen eiferten die jungen Teilnehmerinnen um den Sieg beim Schlagerfestival. Eifersüchteleien und freche Sprüche flogen hin und her, Eitelkeiten und Enttäuschungen wurden herrlich gespielt und sie gaben mit ihrem Gesang immer wieder alles. Die Zuschauer quittierten die Darbietungen mit viel Applaus.

Noch jünger waren die 60 Tänzerinnen und Tänzer des Muno Dance Studios, die auf der Bühne am Kuffenhaus ihr Können zeigten. Bereits zum 9. Mal war das Studio dabei und mit viel Spaß, Konzentration und Begeisterung zeigten bereits die Minis und Ballett-Kids, was sie alles schon gelernt haben. Großartige Choreografien aus Ballett, Hip-Hop, Contemporary und Showdance wechselten sich ab und zeigten das Können der verschiedenen Altersgruppen. Ganz coole Jungs und Mädchen zeigten beim Hip-Hop, was sie draufhaben. Stolze Eltern und Großeltern saßen im Publikum und applaudierten heftig. Sicherlich findet der eine oder andere kleine oder große Besucher den Weg ins MuNo-Dance Studio in Radebeul.

Im Luthersaal der Friedenskirche entführte Annika Pilstil die Weinfestbesucher in den Wald und boten einen Shakespeare’schen Sommernachtstraum der besonderen Art mit Puppen. Liebe und Treue, Verwirrungen der Leidenschaften und Enttäuschungen wechselten in rasantem Tempo. Eine Nacht, die die Protagonisten schwer vergessen werden. Mit viel Fantasie führte Annika Pilstil die Besucher durch die Nacht.

Einfach kurz gesagt. Es war wieder ein großartiges Wandertheaterfestival. Wir freuen uns schon jetzt auf das Treffen mit dem Sieger des Publikumspreises des Festivals am 17. bis 19. September 2027: Peter Trabner überzeugte mit seiner Inszenierung „Regenwurm Traumreise“ das Publikum auf der Streuobstwiese. Oberbürgermeister Bert Wendsche sagte zum Finale an den Elbwiesen, „die besondere Mischung aus Weinfest und Kultur zeichnet Radebeul aus und macht es so besonders. Das vielfältige Programm aus europäischem Theater und Musik lockte Besucher aus ganz Sachsen und darüber hinaus an.“ So soll es auch im nächsten Herbst wieder sein.

Ina Dorn/Christine Ruby/Petra Grubitzsch

 

Frieden und Versöhnung durch Gesang – Erinnerungen an einen besonderen Auftritt vor 40 Jahren

Der Wunsch nach Frieden und Versöhnung ist derzeit so groß wie selten. Nur wenige wissen, dass auch bereits vor der Wiedervereinigung Deutschlands bewusst öffentliche Zeichen gegen den Krieg und für wechselseitige Vergebung gesetzt wurden. Zwei Städte, gezeichnet vom Zweiten Weltkrieg, reichten sich in der damals noch geteilten Welt des Kalten Krieges die Hände, zeigten ihre Wunden und gingen aufeinander zu. Die Rede ist von den Partnerstädten Coventry und Dresden. Coventry war durch deutsche Bomben am 14.11.1940 zerstört worden, Dresden u.a. durch britische Bomben am 13.02.1945. Was lag näher, als gemeinsam öffentlich an Frieden und Versöhnung zu mahnen? Am 9.11.1986 – zufälligerweise an einem für Deutschland ohnehin geschichtsträchtigen Tag – übertrug die BBC die Sendung „Songs of Praise – for Remembrance from Coventry and Dresden“. Anlässlich des Jahrestages der Zerstörung von Coventry wurden an diesem Tag zeitgleich in der Coventry Cathedral und in Dresden in der Kreuzkirche Lieder auf Deutsch und auf Englisch gesungen und im britischen Fernsehen übertragen. Eingespielt wurden hierbei auch historische Bilder von der Zerstörung beider Städte, ebenso Berichte Nachgeborener über den Krieg und ihre Gedanken zur wechselseitigen Versöhnung. Ein Novum im Kalten Krieg war, dass ein Team der BBC diese Aufnahmen im Oktober 1986 in Dresden in eigener Regie drehen durfte. Ein Teil der in Dresden produzierten Sendung bestand im Auftritt von 32 Kurrendekindern der Radebeuler Friedenskirche unter Leitung von KMD Hans-Bernhard Hoch. Vor der damals noch eindrucksvoll gegen den Krieg mahnenden Ruine der Frauenkirche sang der Kinderchor, gekleidet in klassischen schwarzen Kurrendemänteln, dreistimmig „Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt“, ein christliches Lied, welches nach 1970 in den USA zu einem bekannten Loblied wurde. Ich

Kurrende vor der Ruine der Frauenkirche, Foto: Hauswald

war mit 14 Jahren damals eine der älteren Sängerinnen. Die Kurrende besuchte man ab der zweiten Klasse, als Junge bis zum Stimmbruch oder bis zum eigenen Wunsch, in die Kantorei zu wechseln. Nach meiner Erinnerung fanden die Bildaufnahmen an einem windigen, aber trockenen Sonnabendnachmittag im Oktober statt. Getroffen wurde sich vor Ort, die Eltern hatten uns Kinder ins Stadtzentrum gefahren. Männer mit langen Ledermänteln standen abseits und lauschten sicherlich aufmerksam. Wir sangen unser Lied, bis alles ziemlich schnell „im Kasten“ war. Die Tonaufnahmen wurden einige Tage später in einem abgeteilten Bereich der Kreuzkirche aufgenommen. Uns war bewusst, dass weder wir im „Tal der Ahnungslosen“ noch sonst jemand in der DDR sich die Sendung würde ansehen können. Ich schrieb deshalb im Oktober 1986 meiner in Schottland lebenden Cousine von dem Projekt und sie berichtete mir, nachdem sie sich die Übertragung am 9. November im Fernsehen angeschaut hatte, in einem Brief, wie ergreifend diese symbolischen Bilder für sie gewesen waren. Welch‘ ein glücklicher Umstand, dass kurze Zeit später eine Videokassette den Weg nach Radebeul fand, auf welchem Wege auch immer! So konnten wir Kurrendekinder bei der alljährlichen Weihnachtsfeier den Ausschnitt, welcher unseren Auftritt zeigte, dann doch noch gemeinsam ansehen! Ein Foto der Kurrende und ihres Kantors in Aktion erhielten wir zur Erinnerung als Weihnachtsgabe. Es hing neben weiteren Fotos von Auftritten der Radebeuler Kantorei jahrzehntelang im Bachzimmer des Radebeuler Lutherhauses. 2025 erfuhr der MDR von den historischen Filmaufnahmen und dieser besonderen Geschichte. Aus diesem Grund wurde gemeinsam mit Hans Hoch, dem jüngsten Sohn des langjährigen Kantors, fast 40 Jahre nach den Aufnahmen ein Treffen der ehemaligen Kurrendekinder organisiert. Es fanden sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda kurzfristig elf der ehemaligen Kurrendesänger ein. Alle sind durch die musikalische Jugendarbeit von Hans-Bernhard Hoch nachhaltig geprägt worden. Einige wählten sogar einen mit Musik verbundenen Beruf, und alle eint bis heute die Freude an der Musik. Auch wenn wir uns zum Teil untereinander nicht mehr erkannten, so war doch jeder Einzelne in Bezug auf das 1986 aufgeführte Lied noch textsicher! Die Erinnerungen an die Filmaufnahmen waren unterschiedlich. Jeder von uns hatte jedoch freudige Gedanken an die gemeinsame Chorzeit und gab Anekdoten zum Besten. Das Team des MDR interviewte zwei der ehemaligen Kurrendekinder zu ihren Erinnerungen an die ungewöhnlichen Aufnahmen und befragte gleichzeitig heutige Chorkinder, die eindrucksvoll ihre aktuelle Angst vor Krieg und unklaren politischen Fronten offenbarten. Das MDR strahlte diese Aufnahmen 2025 anlässlich des Gedenktages zur Zerstörung Dresdens im „Sachsenspiegel“ aus. Die historischen Aufnahmen von 1986 waren leider nicht zu sehen, die Rechte hieran liegen bis heute bei der BBC. Die Bilder des Auftritts und der Klang des schlichten Liedes existieren daher nur noch im Kopf der ehemaligen Kurrendekinder. Und vielleicht auch noch auf der nach Radebeul geschmuggelten Videokassette, wo auch immer sie heute noch lagern mag…

Ute Sauermann

 

Radebeuler Anglühen

Vielfalt, Freude und Genuss am 7. und 8. November 2026,
SA 12-20 Uhr, SO 12-18 Uhr

Unter dem Motto „Radebeuler Anglühen“ lädt die vor den Toren der Landeshauptstadt gelegene Kultur- und Weinstadt am 7. und 8. November zu einer ungewöhnlichen Entdeckungsreise ein. Über 40 Stationen zwischen Elbe und Hang präsentieren sich im vorwinterlichen Outfit und wärmen das Gemüt mit vielfältigen Angeboten für Leib und Seele.

Oldtimer-Bus-Shuttle am Haltepunkt Radebeul-Ost, Foto: K. Baum

Die neue Veranstaltungsreihe wurde 2025 von der Radebeuler Arbeitsgruppe „Wein & Genuss“ ins Leben gerufen. Was ursprünglich zum Überbrücken der touristischen „Saure Gurkenzeit“ zwischen Weinfesten und Weihnachtsmärkten angedacht war, entwickelte eine erstaunliche Eigendynamik, wovon die Initiatoren wohl selbst überrascht gewesen sein müssen. Die Zentrale Leitstelle der Stadt Radebeul koordinierte und flankierte die Veranstaltung sehr effizient, was allen Teilnehmern zugutekam. Die Gäste strömten in Scharen. Laut Sächsischer Zeitung sollen es geschätzt 15.000 (!) gewesen sein. Zumindest blieb der erfolgreiche Start nicht unbemerkt und das Interesse, sich an dieser Gemeinschaftsaktion zu beteiligen, wuchs rasant, so dass sich schon ein Jahr später, die teilnehmenden Stationen mehr als verdoppelt haben.

Der Veranstaltungsbereich erstreckt sich über die ganze Stadt. Mit dabei sind u. a. Winzer, Gewerbetreibende, Touristiker, Künstler, Kulturakteure, Geschichtenerzähler, Zauberer, Musiker, Stadtführer und eine zertifizierte Weinführerin. Angeboten werden Weinwanderungen, (Glüh)Weinverkostungen, Mitmachaktionen und Führungen verschiedenster Art. Fantasievolle Illuminationen, Laternenpfad und Glitzergarten tragen zur stimmungsvollen Atmosphäre bei. Gänsebratwurst, Gewürzglühwein, Apfel-Quitten-Punsch, Grünkohl, Quarkbällchen und andere Leckereien wecken den Appetit.

Offen sind Weingüter, Weinstuben, Weinkeller, Weinterrassen, Wintergärten, Weinhandlungen, Beherbergungsstätten, zwei Backstuben, eine Druckerei,
weitläufige Parkanlagen, Villen, Bauernhöfe, Schlösschen, Herrenhäuser, die Landesbühnen Sachsen, Museen, Cafés, die Lößnitzbar, der Kulturbahnhof, Ausflugsgaststätten und ein Pop-up-Glühweinstollen.

Kreativität, Spontanität und Humor tragen zum positiven Image unserer Stadt nicht unwesentlich bei. Ähnlich strukturierte Veranstaltungsreihen wie „WeinBergKulTour“ (seit ????), „Kunst geht in Gärten“ (seit 2020) und „Radebeul liest“ (seit 2024) profitieren vom Engagement aller Beteiligten und erfreuen sich stetig wachsender Beliebtheit.

Ein kostenfreier Oldtimer-Shuttle-Service (12 Haltepunkte) wird am Sonnabend und Sonntag zwischen den Standorten pendeln. Die Lößnitzgrundbahn ist mit einem beheizten historischen Personenwagen aus dem Jahr 1900 dabei und ein uralter Schaufellraddampfer startet am Dresdner Terrassenufer und geht in Kötzschenbroda vor Anker. Aber auch Straßenbahn, S-Bahn und Linienbusse können von den Besuchern genutzt werden. Allerdings sollte sich jeder schon vorher informieren und seine individuelle Route zusammenstellen.

Das komplette Programm und weitere Informationen unter:
www.radebeul.de/angluehen

Auch Die Heimatstube Kötzschenbroda ist wieder mit von der Partie. Die Mitglieder der AG Kötzschenbroda „Heimatabend mit Frühstück“ bieten Samstag und Sonntag, jeweils um 16.00, 16.30, 17.00, 17.30 Uhr Kurzführungen durch die Dauer- und Sonderausstellung an. Die open end Öffnungszeit richtet sich nach dem Bedarf. Auf unterhaltsame Weise wird Wissenswertes über Geschichte, Entwicklung und Besonderheiten der Ursprungsgemeinde Kötzschenbroda vermittelt.

Freude über den ersten Schnee, Engel alias Tim Schreiber und Frau Holle, Foto: Karin Baum

Zusätzlich ist der Schmiedehof geöffnet. Feuerkörbe spenden wohlige Wärme und gemütliche Sitzgruppen laden zum Pausieren ein. Unterm „Herbstblätterdach“ gibt es heiße Getränke mit und ohne Alkohol sowie kleine Spezialitäten „to go“.
Erhältlich ist hier auch das kulturelle Monatsheft Vorschau & Rückblick“. Einige Redaktionsmitglieder werden an beiden Tagen anwesend sein.

Karin (Gerhardt) Baum

 

 

Dreißig Jahre NOT Schriften

Am 11.10. feierte der Radebeuler NOT-Schriftenverlag in den Räumen der Stadtgalerie, wo an diesem Tag zudem die Ausstellung TankStelle ihren Abschluss bildete, würdevoll seinen 30. Geburtstag. Autoren, Wegbegleiter und Gäste wohnten dichtgedrängt in beiden Etagen der Veranstaltung bei.

Nach einleitenden Worten der Kulturamtsleiterin Frau Dr. Lorenz, gratulierte Thomas Gerlach mit einer Laudatio, wie nachstehend abgdruckt, den Protagonisten des Verlags.

Jens Kuhbandner skizzierte schließlich in seiner Rede ausführlich die Freuden und Mühen in all den Jahren der Verlagsarbeit. Den Abschluss bildeten Zitate einiger Autoren und gaben so ein getreues Abbild ihrer Themen und Schreibkultur.

„Vorschau & Rückblick“ schließt sich den Gratulanten an und wünscht dem Radebeuler Verlag, nun im Herzen von Kötzschenbroda angesiedelt, ein gedeihliches Fortbestehen!

Für die Red. Sascha Graedtke

Laudatio

Drei – zwei – eins – zero – Start und ab.

Das schöne „deutsche“ Wort startup als Bezeichnung für Firmen-Neugründungen klingt in meinen Ohren doch sehr nach Weltraum-Höhenflügen, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben.

Jens Kuhbandner spricht zur Festveranstaltung »30 Jahre Notschriftenverlag« in der Radebeuler Stadtgalerie, Foto: PR Not-Schriftenverlag

Zum Glück war der Begriff noch nicht üblich, als vor dreißg Jahren Jens Kuhbandner und Falk Wenzel eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts bildeten, aus der heraus sie den NOT-Schriftenverlag gründeten. Die NOT-Wendigkeit dafür ergab sich aus der Fülle des vorhandenen Materials.

Jens Kuhbanadner ist als Verleger nie in Verlegenheit gekommen, etwa abheben zu wollen; er ist nicht nur bodenständig, sondern auch ständig am Boden geblieben. Das ist vor allem insofern bemerkenswert, als heute allein schon die Vorstellung, es gäbe den Verlag gar nicht, zu Schnappatmung und NOT- Arzteinsätzen geführt haben soll. Hier ging es und geht es nämlich nicht ums große Geld – hier geht es und ging es ums eigene Buch – und vor allem ums gute Buch.

EIN gutes Buch gibt’s auf der Welt – wie schön, daß jeder seins für dieses EINE hält!

Lessing´scher Weisheit folgend ist es die vornehmste Aufgabe eines Verlegers, die Autorin bzw. den Autor in dieser Auffassung zu bestärken. Jens versteht sich auf diese Kunst so feinfühlig, daß wir alle gerne immer wiederkommen.

Immerhin sind in den verflogenen dreißig Jahren rund vierhundert (in Worten: 400) Titel erschienen. Ich will uns nicht mit Statistik langweilen, finde aber die drei folgenden Angaben durchaus erwähnenswert:

Verleger Jens Kuhbandner und Mitbegründer Falk Wenzel verteilen Rosen an die Autoren des Notschriftenverlages, Foto: K. Baum

Das vom Format her größte dieser Bücher mißt 30,5 auf 24,5 cm

Das vom Umfang her dickste hat 720 Seiten –

Nun, und wie angedeutet, das immer wieder schönste ist mein jeweiliges neustes Buch –

Wobei jeder und jede andere von uns NOTschriften-Autoren mit gleichem Recht dieses MEIN sprechen kann. Wir können das gleich mal probieren – mal Hand hoch, wer in den NOT Kreis gehört –

Also: das jeweils schönste ist – – MEIN – – neustes Buch – (wenn wir noch ein bißchen üben, klappts vielleicht zum 40. )

Wäre ich musikbegabt, hätte ich aus uns allen einen Chor geformt, der jetzt und hier den großen Lobgesang anstimmt.

Da ich aber nichts habe, als das Wort, fasse ich mein Anliegen kurz so zusammen:

DANKE, Jens!! Und: Bitte bleib am Boden und uns noch lange erhalten!!

Thomas Gerlach

48. Radebeuler Grafikmarkt

Dabei und Mittendrin oder ein kleiner Exkurs in Sachen Kunst

Festsaal des Radebeuler Rathauses zum Grafikmarkt, Foto: T. Adler

Radebeul, zentral gelegen zwischen Dresden und Meißen, übt seit jeher auf musisch ambitionierte Menschen eine große Anziehungskraft aus. Natur und Architektur verschmelzen in diesem zerrissenen Konglomerat aus zehn Ursprungsgemeinden zu einer glücklichen Symbiose. Bauliche Entgleisungen ließen sich zwar nicht verhindern, haben jedoch noch keine Dominanz. Und so wird die Lößnitzstadt als eine schöne und ruhige Stadt empfunden, die aus ihrer reichhaltigen Substanz heraus und im beständigen Austausch mit der Kunst- und Kulturmetropole Dresden, als auch mit dem lebendig agierenden Umland beständig neue Impulse empfängt.

Interessierte Besucher zum Grafikmarkt in Radebeul-Ost, Foto: T. Adler

Mit über 50 ortsansässigen Bildenden Künstlern nimmt die Lößnitzstadt bis heute eine Sonderstellung ein. Allerdings haben auch hier mehrere Generationswechsel ihre Spuren hinterlassen, und einige Wermutstropfen trüben die Radebeuler Idylle, denn die Mieten für Wohn- und Atelierräume muss man sich leisten können. Eine akute Problematik, mit der sich Politik und Verwaltung dringend auseinandersetzen sollten.
Nicht mehr zu übersehen ist allerorts das rasante Sterben von kommunalen und privaten Galerien. Veranstaltungen wie Grafikmärkte gewinnen als Präsentations-, Verkaufs- und Kommunikationsorte zunehmend an Bedeutung. Damit einher geht das beständige Ringen um künstlerische Vielfalt und Qualität.

André Uhlig an der Druckpresse in der Elbsporthalle Radebeul-West, Foto: S. Preissler

Im Elbtal haben sich gleich drei Grafikmärkte etabliert und über einen langen Zeitraum behaupten können. Dass alle im Herbst stattfinden, hat sich nunmehr eingespielt und tut der Kauflaune keinen Abbruch. Während Mitte September der 25. Meißner Grafikmarkt den Auftakt bildete, folgen nun am 1. Sonntag im November der 48. Radebeuler Grafikmarkt und am zweiten Novemberwochenende der 45. Dresdner Grafikmarkt, welcher in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Wer sich für den augenscheinlichen Widerspruch interessiert, wird auf der Vereinshomepage fündig. Ein interessanter Aspekt ist natürlich auch, welche Struktur den Grafikmärkten zugrunde liegt. Während der Meißner Grafikmarkt von der Albrechtsburg Meißen gemeinsam mit dem Freundeskreis Albrechtsburg Meißen e.V. veranstaltet wird, gründete sich im Jahr 2012 der Dresdner Graphikmarkt e.V., um den traditionsreichen Graphikmarkt für die Stadt Dresden zu erhalten. Der Radebeuler Grafikmarkt wiederum befindet sich seit 1990 in städtischer Regie. Die Federführung obliegt bis heute der Stadtgalerie. Veranstalter ist die Stadtverwaltung Radebeul, die sich zu „ihrem Grafikmarkt“ und „ihrer Stadtgalerie“ ausdrücklich bekennt.

Udo Haufe mit Besucherin zum Grafikmarkt 2024 im anregenden Gespräch, Foto: K. Baum

Die Anregung in Radebeul einen Grafikmarkt zu etablieren, stammte von dem Bibliothekar Fritz Treu (1908 – 2009), dem damaligen Vorsitzenden der Pirckheimer-Gesellschaft Dresden/Radebeul. In der Kreissekretärin des Kulturbundes, Erika Claus (1928 – 2013), hatte er über viele Jahre eine aktive Verbündete gefunden. Zuverlässige Unterstützung gewährten der Buchhändler Manfred Artur Fellisch (1947-2019) und der Kunstwissenschaftler Glaubrecht Friedrich (1934-2021). Nicht zuletzt waren natürlich auch die Künstler an einer Präsentations- und Verkaufsmöglichkeit sehr interessiert. Der erste Grafikmarkt startete am 20. und 21. Oktober 1979 mit 24 Teilnehmern im Festsaal des Radebeuler Rathauses, welchen die Stadtverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Nur einmal fand der GM in der EOS Juri Gagarin statt. Das war im Jahr 1989. Als sich die Radebeuler Ortsgruppe des Kulturbundes unmittelbar danach in Auflösung befand, übernahm 1990 die Stadtgalerie in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs die Federführung. Zunächst war man sehr skeptisch. Im kulturellen Monatsheft „Vorschau & Rückblick“ hieß es im Dezember 1990 „Radebeuler Grafikmarkt – nur noch eine Legende?“. Aber einen Versuch wollte man wagen. Am 9. Dezember kehrte der 12. Radebeuler Grafikmarkt in den Festsaal des Rathauses zurück. Doch schon bald platze der Grafikmarkt aus allen Nähten. Das gegenüberliegende Schulgebäude wurde in die Veranstaltung mit einbezogen. Die bevorstehenden Umbaumaßnahmen im Rathaus und Schule stellten die Organisatoren 2015 vor die Entscheidung: Lassen wir den Grafikmarkt künftig ausfallen oder finden sich für diese traditionsreiche Veranstaltung an anderer Stelle in der Stadt Radebeul geeignete Räumlichkeiten?

Grafikmarkt in der Elbsporthalle Radebeul-West, großzügig und barrierefrei, Foto: B. Schade

Schließlich besann man sich auf die Elbsporthalle in Radebeul West, die sich schon mehrfach als Konzert- und Ausstellungshalle bewährt hatte. Die gesamte Präsentationsfläche ist nun barrierefrei erreichbar und bietet wesentlich mehr Platz. Die Künstler sind vor Ort, verkaufen ihre Werke selbst und haben für Fragen zu ihrem künstlerischen Schaffen ein offenes Ohr. Das Angebot ist vielfältiger geworden. Neben Druckgrafiken sind Handzeichnungen, Aquarelle, Fotografien, Scherenschnitte, Collagen, Künstlerbücher, Plakate, Kunstpostkarten, Kunstkalender und Kataloge erhältlich.
Immer mehr junge Menschen besuchen die Grafikmärkte und haben Freude daran, ein erschwingliches Originalkunstwerk zu besitzen. Auch die künstlerische Druckgrafik gewinnt wieder an Bedeutung. Ja selbst die Künstlerschaft hat sich merklich verjüngt und verleiht dem Grafikmarkt ein frisches Flair. Doch das eine schließt das andere nicht aus.
So werden zum Radebeuler Grafikmarkt auch Werke aus den Nachlässen verstorbener Künstler angeboten. Darunter befinden sich Arbeiten von vier Künstlern, welche bereits am ersten Radebeuler Grafikmarkt im Jahr 1979 beteiligt waren: Liselotte Finke-Poser (1925-2025), Gunter Herrmann (1938-2019), Horst Hille (1941-2015) und Günter Schmitz (1909-2002).
Von insgesamt 95 Künstlern, die in diesem Jahr ihre Teilnahme am Radebeuler Grafikmarkt zugesagt haben, stammen 17 Künstler aus Radebeul, 44 Künstler aus Dresden sowie weitere Künstler aus dem näheren und weiteren Umfeld. Werke von einigen Radebeuler Künstlern, welche auf dem Radebeuler Grafikmarkt nicht vertreten sind, kann man auf dem Dresdner Grafikmarkt entdecken.
Der Radebeuler Maler, Grafiker und Musiker André Uhlig schuf das diesjährige Grafikmarkt-Plakat und wird grafische Drucktechniken demonstrieren. Die Radebeuler Malerin, Grafikerin und Installationskünstlerin Bärbel Voigt gestaltet das Künstlercafé, welches durch den Förderkreis der Stadtgalerie bewirtschaftet wird. Zahlreiche Service- und Informationsstände werden den Radebeuler Grafikmarkt bereichern. Mit dabei sind u. a. die MEDO- Bilderrahmenwerkstatt, der NOTschriftenverlag, der Förderverein Internationales Wandertheaterfestival Radebeul, das Kulturelle Monatsheft „Vorschau & Rückblick“, die Dresdner Galerie art+form, der Meißner Zündblättchenverlag sowie der Dresdner Sonnenblumenverlag mit Sitz in Radebeul.
Die Fülle des Angebotes ist überwältigend und vielleicht auch etwas anstrengend. Wer den Grafikmarkt besucht, sollte sich also Zeit lassen, mal eine Pause machen, bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein ein wenig innehalten und ganz entspannt, die trubelige Atmosphäre genießen.
Abschließend sei schon immer auf zwei kleine und ein großes rundes Jubiläum hingewiesen. Im Jahr 2027 werden zum 35-jährigen Bestehen der Städtischen Kunstsammlung und zum 45-jährigen Bestehen der Stadtgalerie Radebeul zwei Überblicksschauen zu sehen sein. Danach folgt im Jahr 2028 der 50. Radebeuler Grafikmarkt. Ideen sind gefragt!

Karin (Gerhardt) Baum


48. Radebeuler Grafikmarkt, 1.11.2026, 10-18 Uhr
Elbsporthalle Radebeul-West
Ein Informationsflyer wird als Printerzeugnis und in digitaler Form
angeboten.

Editorial

Bücher statt Leerstand, Begegnung statt verwaister Ladenflächen: Mit der Neueröffnung der Stadtteilbibliothek Radebeul-West in der Bahnhofstraße erhält das Zentrum von Kötzschenbroda einen neuen kulturellen Anziehungspunkt. Nachdem sich der Umzug vom Ledenweg aus brandschutztechnischen Gründen lange verzögerte, konnte die Einrichtung am 12. Oktober endlich ihre Türen am neuen Standort öffnen.
Wo einst Einzelhandelsgeschäfte untergebracht waren, lädt nun die Bibliothek zum Stöbern, Entdecken und Verweilen ein. Rund 20.000 Medien stehen zur Ausleihe bereit. Die neuen Räumlichkeiten bieten mehr Platz als der bisherige Standort und eröffnen damit zusätzliche Möglichkeiten, den Ort als lebendigen Treffpunkt für unterschiedliche Generationen zu gestalten.
Besonders für Kinder und Jugendliche könnte die zentrale Lage attraktiv sein: Schulen und die neueröffnete Kreismusikschule befinden sich in unmittelbarer Nähe.
Mit dem Umzug verbindet die Stadt eine weiterreichende Hoffnung: Die Bibliothek soll dazu beitragen, die Bahnhofstraße zu beleben und dem örtlichen Einzelhandel neue Impulse zu geben. Ob beim spontanen Besuch nach dem Einkauf, bei der Suche nach neuer Lektüre oder bei künftigen Veranstaltungen – hier soll ein Stück öffentliches Leben zurückkehren.

Sascha Graedtke

 

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Zur Titelbildserie

Aus meinen grafischen Tagebüchern

Jeder kennt das vielleicht, dass man in Wolkenformationen, in Felsengebilden der Sächsischen Schweiz Figuren, Tiere oder Ähnliches sieht.

Hier war es so, dass die anfänglich mit Spachtel aufgetragene schwarze Druckfarbe, mir durch Helligkeitsunterschiede eine Figur angedeutet hat. Mit weißen, expressiven Pinselstrichen habe ich sie allmählich auf dem Blatt sichtbar gemacht – eine grotesk anmutende, tierähnliche Figur, die auch die Darstellung eines mythischen Monsters sein könnte!

Sie scheint sich aus einem scheinbar chaotischen Geflecht aus schwarzen Flächen, weißen Linien, Kratzspuren und Überlagerungen herauszulösen. Die weißen, geschwungenen Linien betonen Körperkonturen, Gliedmaßen und eine skelettartige Anatomie. Der Kopf erinnert an eine Mischung aus Raubtier und fossilem Skelett. Dadurch entsteht der Eindruck eines Wesens, das zwischen Tier, Maschine und menschlicher Figur angesiedelt sein könnte.

Der starke Schwarz-Weiß-Kontrast, die rauen Texturen und die gestische Malweise verleihen der Darstellung eine düstere und bedrohliche Atmosphäre.

Ob es sich dabei unbewusst um die Reflexion über aktuelle gesellschaftliche Prozesse, über Menschenbilder oder eigene Befindlichkeiten handelt, kann ich nur vermuten!

Matthias Kratschmer

Denken an Reiner Roßberg

Foto:  J. Kuhbandner

Unser Freund und Artikelschreiber zu Wein und anderen Themen, Reiner Roßberg, ist am 31. August 2026 im Alter von 84 Jahren gestorben – ein Winzerleben ging zu Ende. Er gehörte viele Jahre zum Kreis der engagierten Schreiber für „Vorschau & Rückblick“. Noch im Juniheft dieses Jahres konnte ich feststellen, dass es ihm trotz einiger Probleme so weit gut geht und er noch einiges vor hatte, aber dann kam das Ende früher als zu erwarten.

Wir danken Reiner Roßberg für seine vielen weinspezifischen oder auch lustigen Beiträge in unserem Heft und auch für die Bücher, die er über den Notschriftenverlag herausbrachte. Wir wollen ihn in ehrender Erinnerung behalten.

Dietrich Lohse im Namen von „Vorschau & Rückblick

Radebeuler Miniaturen

Erinnerungen*

Meist lebt der Lößnitzbach nur noch als feine Erinnerung: Es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen das Wasser den einst selbst geschaffenen Lauf im Lößnitzgrund noch in Anspruch nimmt. Da wirkt der Gedanke, daß es vor Jahrtausenden in der Lage war, ein solch eindrucksvolles Kerbtal in den Felsen zu schneiden, geradezu absurd. Schon die anerkannte Tatsache, daß es später immerhin noch sieben Mühlen zu treiben verstand, ist kaum noch vermittelbar. Deren älteste, die Talmühle in Serkowitz, hat schon 1337 Eingang in die Annalen gefunden. Ein reichliches Jahrhundert später, 1461, tritt dann die Grundmühle ins Licht schriftlicher Überlieferung.

Hier wird in den Urkunden ein gutes Dutzend Personen genannt, die teils als Besitzer, teils als Pächter oder Betreiber in von und mit der Mühle lebten. 1872 übernahm Friedrich August Schneider die Mühle, zunächst als Pächter, ab 1886 als Besitzer. Mit seinem Sohn Max Schneider, an den das Anwesen mit Mühle, Bäckerei und Gastwirtschaft 1895 durch Geschäftsübergabe überging, begann eine letzte „Blütezeit“.

Nach Max Schneiders frühem Tod 1926 hat seine Witwe die Geschäfte weitergeführt. 1927 verpachtete sie das Geschäft an Richard Krenkel. Der betrieb die Mühle noch bis in die 1950er Jahre weiter.

Martha Schneider starb 1939, der Besitz fällt an eine Erbengemeinschaft, die allerdings dem in den 1970er Jahren einsetzenden Verfall nichts entgegenzusetzen hat.

Nach 1980 geht der Besitz durch Kauf zu gleichen Teilen an Ronald Galle und Schenkel über. Seit 1. Dezember 1992 betreiben Schenkels in der ehemaligen Bäckerei eine Gastwirtschaft.

Diese wenige Worte mögen genügen, die 555 Jahre der Grundmühle zu umreißen.

Aus aktuellem Anlaß sei es mir erlaubt, auf einen der Akteure noch etwas näher einzugehen.

Max Schneider wurde am 8. November 1869 in Constappel geboren. Am 3. Oktober 1895 heiratete er in der neu erbauten Radebeuler Kirche, der heutigen Lutherkirche, die am 18. Dezember 1869 geborene Marie Martha Schumann aus Serkowitz. Die Grundmühle wurde beider Lebensmittelpunkt.

Sie sanierten die Gebäude, erweiterten die Bäckerei und ersetzten 1908 das alte Mühlrad durch eine moderne Wasserturbine.

Ihr vom unternehmerischen Erfolg getragenes Leben ruhte auf dem stabilen Fundament des Lutherischen Glaubens.

Auf diesem Grund basiert auch der Entschluß, zur Lutherfeier 1917 der Reichenberger Kirche ein Reformationsfenster zu stiften. Es zeigt die stehenden Figuren Luthers und Melanchthons, wie sie mit festem Blick in die Zukunft schauen.

Das Bild trägt die Inschrift:

ZUR ERINNERUNG AN DIE 400 JÄHRIGE FEIER DER REFORMATION
GESTIFTET VON M. UND M. SCH. IM JAHR 1917

Eine Woche vor Vollendung seines 57. Lebensjahres starb Max Schneider am 31. Oktober 1926 an einem Herzleiden. Das war vor einhundert Jahren – Anlaß genug, wieder einmal an ihn zu erinnern.

Thomas Gerlach

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*Ich danke Herrn Ronald Galle für die Anregung und wertvolle Hinweise

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