Einladung zur Buchpremiere

Die Zusammenarbeit der beiden Radebeuler Kunstpreisträger hat wieder eine neue schöne Frucht hervorgebracht.
„Erwartung träumchenweise“ ist das vierte gemeinsame Buch von Thomas Gerlach und Michael Hofmann und kürzlich im Radebeuler Notschriften-Verlag erschienen.
Erneut korrespondieren die herrlich erfrischenden Farbholzschnitte Hofmanns mit den feinsinnigen und hintergründigen Erzählungen Gerlachs auf wunderbar inspirierende Weise.
Gisela Dabow, verantwortlich für Satz und Layout, hat mit der Gestaltung wieder einmal ein ganz besonderes Buch geschaffen.

Buchpremiere ist am 8. September, 19 Uhr in der Radebeuler Stadtgalerie.

Es liest Thomas Gerlach, es musiziert Benni Gerlach, Gisela Dabow und Michael Hofmann sind anwesend.

Sascha Graedtke

Singe, wem Gesang gegeben Die Gesangspädagogin Jutta Arlt und der Kammerchor der Musikschule Radebeul

Foto: privat

In diesem Herbst freuen sich Schüler, deren Eltern, das Lehrerkollegium und musikinteressierte Radebeuler über den langersehnten Einzug der Musikschule Meißen/Radebeul in ihr neues Domizil. Das alte Verwaltungs- und Unterrichtsgebäude auf der Dürerstraße, über viele Jahrzehnte von Sang und Klang erfüllt, ist nun verstummt. Einem ganz besonderen Klang wollen wir hier aus aktuellem Anlaß nachlauschen.
Am 21.08.2026 feierte die ehemalige Gesangspädagogin Jutta Arlt ihren 90. Geburtstag. Sie hatte die Musikhochschule in Dresden absolviert, ein Zufall entschied für sie zwischen Bühnenlaufbahn und Lehrtätigkeit. So begann sie 1959 als junge Gesangslehrerin ihre Tätigkeit in Radebeul, wenngleich sie auch immer wieder mit Liederabenden und bei Kirchenkonzerten solistisch auftrat. Hier an der Musikschule übernahm sie einige Schüler von ihrer Vorgängerin und stellte den Unterricht auf Einzelstunden um. Auch die Außenstelle der Musikschule in Radeberg fiel in ihre Zuständigkeit. Schon in den ersten Jahren gelang es ihr, junge Sängerinnen und Sänger auf die Hochschulreife für das Gesangsstudium vorzubereiten, die später als Solisten an Theatern in Radebeul, Halle und Meiningen tätig waren. Wir Schüler erlebten sie als zielstrebige Pädagogin, die die stimmlichen Möglichkeiten eines jeden von uns pflegte und entwickelte, aber auch als burschikose Lehrerin, der ein kameradschaftlicher Umgang wichtig war. Nach einem Abschluß nach 5 bzw. 7 Jahren bei ihr gelang es immer wieder einigen Absolventen, das Hobby zum Beruf zu machen, vielen anderen auch vermittelte Jutta Arlt die Fähigkeit zum Singen und die Freude daran so, daß diese schließlich als Stütze in Kantoreien und Chören der Region wirken konnten.

„Rosen für unsere Frauen“ im Kulturpalast Dresden, Jutta Arlt und der Kammerchor, Foto: privat

Am Ende eines jeden Unterrichtsjahres trafen sich alle Schüler mit ihren Eltern zur Musizierstunde im großen Raum im 1. Stock auf der Dürerstraße, um zu zeigen, was sie gelernt hatten. Dabei führte Jutta Arlt schon bald Schülerinnen und Schüler zu Duetten und kleinen Ensembles zusammen, um schließlich mit ihren Schülern den „Kammerchor der Musikschule Dresden-Land“ zu gründen. Vorbereitet im Unterricht, trafen wir uns nun zusätzlich noch einmal pro Woche zur Chorprobe. Für die ersten Auftritte bei den Musizierstunden hatten wir sogar Opernszenen aus „Zar und Zimmermann“ und dem „Wildschütz“ einstudiert, bei denen die Solorollen aus den eigenen Reihen besetzt wurden. Später konzentrierten wir unser Repertoire auf Madrigale, Volkslieder usw., wobei dieses „usw.“ auch politische Pflichtlieder aufwies. Auf den Leistungsvergleichen im Bezirk Dresden stieg der Chor rasch von der Leistungsklasse C zu A auf. Dabei wurde von der Jury bemängelt, daß die Titel des „kulturellen Erbes“ überwogen und die modernen Lieder als „Zugeständnisse wirkten“. Später sollte allerdings der Chor bei den Arbeiterfestspielen 1978 in Radeberg die „Pflege des kulturellen Erbes durch die Werktätigen“ mit eben diesen Madrigalen repräsentieren!
Wegen einer schweren Erkrankung mußte Frau Arlt für mehr als ein Jahr den Unterricht ruhen lassen, ließ es sich aber nicht nehmen, schon nach wenigen Monaten die Arbeit mit ihrem Chor zu unser aller Freude wieder aufzunehmen. Glanzvolle Höhepunkte in der Konzerttätigkeit des Kammerchores „Johannes Paul Thilmann“, wie die Kreismusikschule zwischenzeitlich hieß, waren die Mitwirkung 1976 am weihnachtlichen Orgelkonzert des bekannten Organisten Hans Otto im Kulturpalast sowie die Auftritte in dem vom 1. – 9. März 1977 zwanzigmal veranstalteten Festprogramm „Rosen für unsere Frauen“. Hier trafen wir auf internationale Künstler aus Moskau, Polen, Österreich usw. und sangen mit dem jungen Tenor der Dresdner Staatsoper Stephan Spiewok das „Ave Maria“ von Bach/Gounod, als Conférencier führte O. F. Weidling durch das Programm.
In den ersten Jahren blieb es nicht beim gemeinsamen Lernen und Singen, wir feierten zusammen Fasching in den Räumen der Musikschule und unternahmen z. B. mehrtägige Ausflüge in die Sächsische Schweiz. Wegen Unstimmigkeiten bei der Einordnung der Chorarbeit in das Leistungsangebot der Musikschule und des nach wie vor labilen Gesundheitszustandes unserer Leiterin wurde der Chor in den 80er Jahren aufgelöst. Jutta Arlt gelang es aber aus ihrer Schülerschaft heraus, mit einem Männer-Doppelquartett und einer gemischten Vokalgruppe weiterhin bei Leistungsvergleichen zu punkten und vor allem gefeierte Auftritte zu absolvieren. 1996 ging sie dann in den Ruhestand, ihre Anteilnahme an ihren „Ehemaligen“ blieb, ebenso deren Verbundenheit mit ihrer Lehrerin und Chorleiterin.
Vor wenigen Wochen trafen sich einige Sängerinnen und Sänger, um diese zu ihrem 90. Geburtstag zu ehren. Dankbar blickten wir zurück auf eine gemeinsame Zeit mit der Jubilarin Jutta Arlt, voller Sang und Klang und Freude am Singen!

Rolf Haußig

 

 

Zur Ausstellung „Streetphotographie Dresden“ von Reiner Schlag im Heimatmuseum Radeburg

Reiner Schlag (rechts), Foto: R. Rösler

Wer Reiner Schlag erfassen will, muss weiter ausholen. Er lässt sich vielleicht als Multitalent oder Tausendsassa beschreiben, als Hans Dampf in allen Gassen, auf jeden Fall ist für ihn charakteristisch, dass er vielbeschäftigt ist. Als Musiker, Maler, Fotograf, Videoproduzent, Gastronom, Grafiker; nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Er selbst sagt von sich, dass er eben „einfach schafft“.
Seit 2023 lebt Reiner Schlag in Radeburg und alles in allem macht es bisher nicht den Eindruck, als wäre sein ursprünglicher Plan, hier in Sachsen endlich zur Ruhe zu kommen, schon in der Nähe der Verwirklichung.
Geboren am 10. November 1963 in Dülmen (Westfalen) fand er schon im Teenageralter seine Begeisterung für die Kunst. Anfangs zeichnete er Comics. Aus dem Nachzeichnen wurde schnell ein eigenes kreatives Schaffen. In seinen frühen Zwanzigern zog es Reiner Schlag nach Münster, er studierte dort Grafik und Design. Er baute in den 80er und 90er Jahren eine Galerie und eine Kunstwerkstatt in Münster und Emsdetten mit auf und ist seit 1989 als freier Künstler, Grafiker und Musiker tätig. Es folgten Ausstellungen in Düsseldorf, Köln, Münster, Gütersloh, Brüssel und München.
20 Jahre lang war er außerdem Mitbetreiber der „Gorilla Bar“ in Münster, längst eine Institution in der dortigen Szene der Rock- und Indie-Kneipen in der malerischen Altstadt Münsters. Wer die Webseite der Bar durchstöbert, kann Reiner Schlag auf einigen Schnappschüssen entdecken, zum Beispiel auf der hauseignen Bühne an Gitarre und Mikrofon.
Dass er selbst auch als Musiker erfolgreich ist, begründet vielleicht eines seiner bevorzugten Motive. Er malt leidenschaftlich Musiker und deren besondere, intime Beziehung zum Instrument, abstrakt oder impressionistisch im Stil. Kraftvolle Striche und leuchtende Farben sind für ihn charakteristisch. Fern von Tristesse und grauem Alltag soll Lebensfreude und Positivität aus seinen Bildern strahlen. Ein positives Lebensgefühl mit seiner Kunst zu vermitteln, das ist Reiner Schlag wichtig.
Das zeigt sich auch in seiner Serie „Moving Colors“ in der er immer wieder neue Formvariationen auf die Leinwand bringt, aus der Bewegung heraus, abstrakt, aus dem Inneren kommend, die sich so aufs Bild manifestieren und den Betrachter die Bewegung bis über das Bildhinaus weiterverfolgen lassen. Auch hier sind leuchtende, fröhliche Farben prägend.
Darüber hinaus hat es ihm auch die Fotografie angetan. Vor allem die Jagd nach dem besten Schnappschuss. Er nennt es selbst „Catch the moment“ – Fange den Augenblick. Ein Motto, was die „Streetphotographie“, also die Straßenfotografie bestimmt. Authentizität, Emotionen, urbane Strukturen und ungestellte Geschichten stehen bei dieser Form der Fotografie im Mittelpunkt. Den richtigen Moment zu finden ist Teil der kreativeren Bildgestaltung, die ganz ohne gestellte Posen oder besonders aufwendige Technik auskommen soll. Die Atmosphäre, den Zauber des Augenblicks mit der Kamera einzuatmen, das ist auch das Ziel Reiner Schlags. In der ganzen Welt war er so schon mit seiner Kamera unterwegs: Amsterdam, USA, Lissabon, Wien, Korfu, Kanada, Barcelona, Prag, Teneriffa, Südafrika, New York oder auch sein Münster waren Motiv und Motivation.
Nun auch seine neue Wahlheimat Sachsen. Die sächsische Landeshauptstadt bietet mit ihrer Vielfalt und ihren Kontrasten, gewollt oder ungewollt, sicherlich eine perfekte Szenerie für die Streetphotographie. Und den Bildern von Reiner Schlag sieht man das auch an. Aber eben auch sein einzigartiges Gespür für den besonderen Moment, sein schnelles Erfassen des speziellen Augenblicks. Die authentische Atmosphäre des Ortes und der Zeit, die zufällig in einer einzigartigen Gelegenheit zusammentreffen, zu finden und festzuhalten, diese Kunst gelingt Reiner Schlag außerordentlich gut. Wer Dresden kennt, wird außerdem viele der Orte wiedererkennen, sie aber mit einem neuen Blickwinkel sehen.
Dabei will Reiner Schlag seine Kunst gar nicht explizit auf einen Sockel gestellt wissen. Als Künstler scheute er nie den Kontakt mit Unternehmen, Raumgestaltern, Architekten. Auch nicht mit Arztpraxen, Autohäusern und Cafés. Er will, dass alle einen Zugang finden können auch abseits der großen Kunsthallen, abseits der dicken Geldbörsen. In diesem Sinne erfüllt er ausgezeichnet auch Heinrich Zilles Ansatz der Kunst und des Kunstverständnisses und passt hervorragend in unser Heimatmuseum. Und auch in unsere Stadt, die viele weitere Künstlerinnen und Künstler zu bieten hat. Hier ist Reiner Schlag als Wahlradeburger also perfekt aufgehoben.
Die Ausstellung „Streetphotographie Dresden“ ist noch bis zum 15. September im Museum Radeburg zu sehen. Und am 6. September um 16 Uhr kann jeder und jede Interessierte den Musiker Reiner Schlag live erleben. Zur Finissage seiner Ausstellung wird er mit seinem Rock-Trio „Stoneapes“ im Hof des Museums spielen und Stücke des neuen Albums der Gruppe vorstellen.

Robert Rösler

Editorial

 

Wer meinte, Radebeul hätte mit Ausklang des Monats August ein kulturelles Sommerloch umschifft, der irrt gewaltig. Der Rückblick macht fast schwindlig, und man fragt sich, was soll denn eigentlich noch kommen?
Für Musikliebhaber der Klassik war und ist das nunmehr „5. Radebeuler Musikfestival“ unter Leitung und bogenführender Mitwirkung des Radebeuler Violonisten Albrecht Menzel sicher wieder ein glanzvolles, wie exquisites Ereignis an ausgewählten Spielstätten.
Nicht unerwähnt kann zudem das erste „Sommer Open-Air“ in der Villa Kolbe bleiben. An vier Tagen gaben sich u.a. Tom Pauls, die Dresdner Philharmonie und der Dresdner Kreuzchor mit größter Resonanz ein Stelldichein.
Und auch wir von der „Vorschau“ durften schließlich mit einer gelungenen Jahresveranstaltung im Weingut Aust einen Beitrag leisten.
Im September öffnet sich der Vorhang für weitere Jahreshöhepunkte. Gleich zu Monatsbeginn lädt Niederlößnitz wieder zum Stadtteilfest ein, während die Weinberg-Kultour erneut mit Musik durch die Radebeuler Weinberge zieht.
Mit der beginnenden Weinlese wächst zugleich nun auch die Vorfreude auf das 34. Herbst- und Weinfest mit XXIX. Internationalem Wandertheaterfestival. Und hierzu schon eine gute Nachricht: Es gibt dieses Jahr mit Luise Puhlmann tatsächlich wieder eine Weinkönigin. Da wird sich sicher nicht nur der Weingott Bacchus freuen.
Einen heiteren Herbst wünscht,

Sascha Graedtke

 

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Zur Titelbildserie

Aus meinen grafischen Tagebüchern

Mit kräftigen, schwarzen, vertikal ausgerichteten Pinselstrichen, die vielleicht an Baumstämme oder Urwaldbäume erinnern habe ich auf einem weißen Blatt begonnen. Mit einem expressiven Tusche-Zeichenstil, der ein wenig an den Stil von Holzschnitten erinnert, wollte ich Bewegung, Tiefe und Dichte realisieren.

Was auf den ersten Blick wie reines Chaos wirkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung, so mein Wunsch an den Betrachter, als streng durchkomponiertes Wechselspiel: Schwarze Flächen atmen durch filigrane Schraffur, Dunkelheit und Licht durchdringen einander, ohne sich je aufzulösen.

Tief im Bildinneren – fast zu übersehen – könnte man eine Kreatur, einen Gepard vermuten, der, versteckt im Dickicht der Vegetation, ein Zeichen setzt. Er stellt uns eine uralte Frage: Was sehen wir wirklich, wenn wir sehen? Die Grafik wird zur Parabel über Wahrnehmung und Täuschung, über das, was sich zeigt, und das, was sich entzieht.

Die Arbeit ist aber kein Abbild des Dschungels. Sie ist Dschungel – undurchdringlich, lebendig, und von einer Stille durchzogen, die vielleicht aber auch lauter ist als jedes Wort.

Wie schon mehrfach beabsichtigt, lade ich den Betrachtenden ein, innezuhalten – denn die Grafik offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Wie der Urwald selbst verweigert sie die schnelle Lesbarkeit.

Matthias Kratschmer

Radebeuler Miniaturen

Bierglasnost

Zu groß, hat sie gesagt –

zu schwer, hat sie gesagt, zu häßlich – und dann hat sie den fast sechzig Jahre alten bayrischen Mass-Krug aus Steingut „zum Mitnehmen“ auf die Straße gestellt. –

Ich sitze am Faß, der Sommerhitze dankbaren Tribut zu zollen, halte frohgemut das kühle Glas mit dem Frischgezapften in den heißen Händen und weiß, das kann jetzt dauern. Also lausche ich ergeben und so geduldig wie möglich den Ausführungen meines Gegenüber, der aufgeregt weiter erzählt:

Aber wie das so ist: Kaum ist das Ding weg, finden wir die Bedienungsanleitung…

War ein Geschenk, das Ding, plaudert er atemlos, offenbar für meinen Schwiegervater, ein Exklusivgeschenk zum Fünfzigsten, 1970 direkt aus München gekommen…

Dankbar für die entstandene Pause versuche ich einen Schluck zu trinken, doch da ruft er schon begeistert, das mußt du selber lesen, und wedelt mit einem Schriftstück in der Luft herum ohne mir auch nur einen Blick darauf zu ermöglichen. Hier das zum Beispiel:

„Bier sei Männersache hieß es in jener Zeit, die noch in autoritären Strukturen verkrampft war und sich von antiautoritärem Gedankengut noch nichts träumen ließ…“ er schüttelt sich vor Lachen.

„Und wenn du“, liest er weiter, „den Krug einmal praktisch benutzen willst: Stilgerecht eingeschenkt wird er, wenn sein Volumen nur zu 70% mit Bier gefüllt ist, das Rest-Volumen bis zum Rande hat Schaum zu sein.“

Er hält inne, hebt die Hand und ruft, paß auf, jetzt kommts: „Beim Oktoberfest in München ist dieser Schaumanteil der Gewinn der Bräuwirte, und selbst das Finanzamt trägt dem Rechnung, indem es offiziell für die Umsatzberechnung unterstellt, daß aus einem Hektoliterfaß mindestens 110 Mass ausgeschenkt werden …“

Entnervt stelle ich mein inzwischen durchgewärmtes Bier aufs Faß. Wir können froh sein, werfe ich ein, daß es hierzulande Gläser gibt, da läßt sich der Füllstand individuell überprüfen – außerdem wirst du hier anständig bedient.

Das Beispiel, sagt er, zeigt immerhin, daß die Aussicht auf Steuereinnahmen jegliche Reglementierung verunmöglicht. Denk nur mal an die sogenannten sozialen Medien. Oder nimm das Rauchen: ist schädlich bis dahinaus, aber bringt anständig Steuern ein.

Apropos anständig: Sogar Prostitution ist erlaubt; das Unanständige wird anständig, wenn es was einbringt.

So ist das nun mal: Ehrlich oder anständig oder eben nicht – solange du Steuern bezahlst, kannst du machen, was du willst.

Ich greife nach meinem lauwarmen Bier. Kaltes ist bei der Hitze ohnehin nicht gesund, tröste ich mich. Im Steinguttopf wärs jedenfalls länger kühl geblieben, sag ich und trinke tapfer.

Dafür stimmt der Füllstand, sagt er und wendet sich zum Gehen.

Ich atme auf und lasse mir ein schönes, kaltes anständig gefülltes Glas Bier bringen …

Thomas Gerlach

(K)eine Glosse

Essen Luxus?

Essen, eine jahrtausendalte kulturelle Erfahrung, vermutlich die älteste der Menschheit überhaupt. Sie ist lebenswichtig, lebenserhaltend, ein Grundbedürfnis, kann aber auch lebensvernichtend sein, wenn die Ausgewogenheit fehlt und Nahrung nicht in ausreichender Menge vorhanden ist.

Hungersnöte hat es in der Geschichte der Menschheit unzählige gegeben – bereits im Jahr 1930 v.u. Z. nachgewiesen –, durch Katastrophen, aber auch mutwillig herbeigeführt. Verweigerung von Nahrung als Waffe gegen Andere, Nahrungsverweigerung als Mahnung an unhaltbare Zustände und als Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen.

Weil Essen so existenziell ist, verbietet sich damit jedes macht-politischen Spielchen. So die humane Sicht auf das Thema. Freilich sind die Opferzahlen seit dem 1870er Jahrzehnt deutlich zurückgegangen. Die 20.427.013 Toten waren damals fast ausschließlich im asiatischen Raum zu beklagen. Die letzte große Hungersnot in Europa liegt mittlerweile über 200 Jahre zurück (5 Mio. Opfer). Die letzten Katastrophen dieser Art ereigneten sich alle außerhalb Europas. Aktuell sind davon 5,2 Mio. Einwohner in Palästina betroffen. Hunger als Waffe!

Von den Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu vollwertigen Lebensmitteln haben, die an Unterernährung leiden, deshalb häufiger krank werden und eher sterben, war noch nicht einmal die Rede. Bis 2030, also in vier Jahren, will die UNO das Problem aus der Welt geschafft haben, dabei stagnieren die Zahlen der Hungernden seit 2020. Schon heute ist klar, dass der Papiertiger UNO dieses Ziel nicht erreichen wird. Wie auch, wenn diese Vereinigung es nicht einmal schafft, die aktuellen Kriege beizulegen, Verursacher vieler Hungersnöte.

Ausreichend zu Essen sollten alle Menschen haben und eben nicht eine Frage des Geldbeutels sein. Das ist aber selbst in den reichen Industrieländern nicht gewährleistet. In der Bundesrepublik gibt es zwar keine Hungersnöte, aber Hunger ist für bestimmte soziale Gruppen durchaus ein Thema. Insbesondere sind diese Menschen von Ernährungsarmut betroffen. Es fehlen ihnen schlichtweg die finanziellen Mittel, um sich ausreichend und gesund zu ernähren. Allein von 2022 auf 2023 sind die Kosten für Lebensmittel um 22 Prozent gestiegen, die für Gemüse gar um 42 Prozent! Nicht zufällig stehen mit der Schwarz-Gruppe (u. a. Kaufland u. Lidl) und Aldi-Süd zwei Besitzer von Lebensmittel-Discountern in der Liste der reichsten Deutschen weit oben. Andererseits landen fast 11 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich auf dem Müll, meist aus privaten Haushalten! Allein ein reichliches Drittel der 2015 in der Bundesrepublik hergestellten 4,5 Millionen Tonnen Backwaren wurde vernichtet. Davon 600.000 Tonnen, die an die Hersteller zurückgegangen sind, begründet durch eine falsche Angebotsphilosophie gegenüber den Vertragsfilialen.

Auch sonst glaube ich, dass wir alle sorgsamer mit Lebensmitteln umgehen könnten, die nächste Dürre kommt gewiss. Müssen wir immer alles zu jeder Zeit haben? Saisonale Angebotsschwankungen scheint man nicht mehr akzeptieren zu wollen, dabei kann die Lebensmittelindustrie den Markt nur zu 82 Prozent abdecken, der Rest muss importiert werden. Die marktbeherrschenden Unternehmen bestimmen das Angebot und beeinflussen somit auch die Ausrichtung der Konsumenten. Die 13 Millionen Bundesbürger, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen, sparen in erster Linie am Essen. Besonders nachteilig wirkt sich das auf die Heranwachsenden aus, aber auch die Erwachsenen werden immer dicker. Bereits 67 Prozent der Männer sind übergewichtig und 23 Prozent davon haben die Diagnose Adipositas! Die Folgekosten kann sich jeder selber ausmalen.

Vielleicht erinnert sich noch einer an den französisch-italienischen Filmklassiker Das große Fressen von Marco Ferreri von 1973? Den sollte man sich mal wieder zu Gemüte führen. Mittlerweile ist „sich-den-Bauch-vollschlagen“ zum Alltag geworden. Machen wir die Schwarz‘, Albrechts und Co. nicht noch „fetter“, als sie ohnehin schon sind, meint

Euer Motzi

Leserpost

Liebe Redaktion von „Vorschau & Rückblick“, lieber Herr Lohse,

mit Freude habe ich im Juli-Heft den Beitrag zur feierlichen Begrüßung des als „Vindobona“ bekannten Zuges in Radebeul gelesen, die am 14. Juni auf dem Gelände von Arevipharma stattfand. Als Kind in Radebeul in den 1960er und 1970er Jahren aufgewachsen, hatte ich seither über Jahrzehnte Erinnerungen an den durch Radebeul-West rauschenden Schnellzug mit mir herumgetragen. Hinzu kommt, dass mein Großvater sein ganzes Leben als Ingenieur im Görlitzer Waggonbau bzw. dem Vorgängerbetrieb WUMAG tätig war. Zu der Zeit, als der SVT 18.16 „Görlitz“ entwickelt wurde, hatte er eine leitende Funktion inne und war somit vermutlich an den Arbeiten beteiligt. Deshalb war ich euphorisiert, als ich vor einigen Jahren von der geplanten Restaurierung eines VT 18.16 erfuhr! Ich entschloss mich, dem Förderverein beizutreten, der das Vorhaben der SVT Görlitz gGmbH unterstützt, und war in dieser Rolle im vergangenen Jahr selbst dreimal als Teil eines Teams bei Restaurierungsarbeiten am Zug in Halberstadt dabei. Ich würde mich also inzwischen als Insider bezeichnen, der über fachliche und sachliche Details womöglich besser Auskunft geben kann, als es Artikel in lokalen Tageszeitungen oder Veröffentlichungen im Internet vermögen, auf die Herr Lohse sich vermutlich gestützt hat. Mir steht außerdem ein ausgesprochen ausführliches Fachbuch zu diesem Thema zur Verfügung, auf das Herr Lohse sicherlich keinen Zugriff hatte. Deshalb erlaube ich mir, einige Präzisierungen aufzuführen, die den Beitrag ergänzen und, wo nötig, richtigstellen.

Die Überschrift ist insofern ungenau, als dass die offizielle Bezeichnung der Baureihe nur VT (oder SVT) 18.16 ist. Die letzte Zahl ist die Seriennummer der Züge. In Radebeul befindet sich je ein Motorwagen aus den Einheiten .10 und .07 (wie man auch auf dem Foto erkennen kann). Die Entwicklungszeit des Zuges umfasste eine deutlich längere Zeit, sie begann bereits 1957 (nicht erst 1963), ursprünglich sollten die Konstruktionsarbeiten bereits 1960 abgeschlossen sein. Der Ersteinsatz erfolgte sogar ein Jahr früher als im Beitrag erwähnt: Als „Neptun“ fuhr der Zug am 31.05.1964 zwischen Berlin (Ost) und Kopenhagen. Die Ära des Zuges wiederum dauerte gar nicht sehr lange, im Planverkehr war schon Ende des Sommerfahrplans 1985 Schluss, als „Vindobona“ fuhr der SVT sogar letztmalig bereits 1979. Im von Herrn Lohse angegebenen Jahr 2003 fuhr der SVT seine letzte Sonderfahrt, bevor er abgestellt wurde, konkret am 12.4.2003 von Berlin nach Prag und zurück.
    
Es dauerte 15 Jahre, bis 2018, bis erste Ideen zur Aufarbeitung und Wiederinbetriebnahme geboren wurden. Im Folgejahr wurde der Zug am 23.3.2019 vom DB-Eisenbahnmuseum nach Dresden überführt. Die jetzt wieder betriebsfähigen Triebköpfe und Wagen gehören dem DB-Museum bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten, nicht erst seit 2019. Der SVT Görlitz gGmbH wurde der Zug im Rahmen einer Leihe mit diversen Auflagen übergeben.

Beim im Beitrag erwähnten VIS handelt es sich nicht um Inspektionen, sondern um eine Abkürzung des Unternehmens „Verkehrs Industrie Systeme GmbH“ in Halberstadt, bei der die Fahrzeuge aufgearbeitet wurden – teils auf kommerzieller Basis (Karosserie, Lackierungen, Bremsen,..), teils durch zehntausende Arbeitsstunden von Freiwilligen. Dass der Zug nach Abschluss der Instandsetzungsarbeiten in Radebeul seine Heimstatt gefunden hat – worüber ich mich natürlich besonders gefreut habe! –, ist das Ergebnis einer intensiven Suche nach einer Abstellmöglichkeit und des Entgegenkommens der Arevipharma, nachdem die vorgesehene Halle im Bahnbetriebswerk Dresden-Altstadt wegen Baufälligkeit nicht mehr in Frage kam. Dass zur Deckung der Kosten für die Errichtung der Leichtbauhalle hier in Radebeul auch ehemalige „Parteigelder der DDR“ verwendet wurden, ist zwar nicht auszuschließen, allerdings wurde der Löwenanteil durch private Spenden aufgebracht, weshalb ja auch der Förderverein gegründet wurde.

Allen an diesem Thema interessierten Lesern von „Vorschau & Rückblick“ sei übrigens noch ein Tipp gegeben: Das Dresdner Reisebüro Maertens kooperiert mit der SVT Görlitz gGmbH und bietet Fahrten zu verschiedenen Terminen auf verschiedenen Strecken an. Zugegeben, eine Mitfahrt kostet mehr als ein reguläres Ticket der Deutschen Bahn, aber welcher moderne Zug strahlt schon die klassische Eleganz des VT 18.16 aus, der für viele von uns zu DDR-Zeiten einen Hauch der großen weiten Welt vermittelte?

Viele Grüße, Christian Kazmirowski

Quelle: Wolfgang Dath: Die Schnelltriebwagen der Bauart „Görlitz“, EK-Verlag Freiburg, überarbeitete und ergänzte Auflage, 2024. 

Cooles Museum. Kühle Räume. Eine Wolke von Vergnügen

Letzte Ausfahrt

Foto: K.Baum

In den Sommerferien ist das Lügenmuseum als Gesamtkunstwerk aus Licht und Klang in Radebeul geöffnet. Hier wird Kunst nicht nur betrachtet, sondern erlebt und mitgedacht. Eine außergewöhnliche Sammlung aus Collage, Assemblage, Environment, kinetischer Objektkunst, Denkraum, Atelier, Labor und Ausflugsziel für die ganze Familie.

Das Lügenmuseum zählt zu den ungewöhnlichsten unabhängigen Kunstprojekten Deutschlands. Über dreizehn Jahre haben Dorota und Reinhard Zabka einen historischen Gasthof in einen international vernetzten Kunstort verwandelt.

Als das Künstlerpaar 2012 den verfallenen Gasthof Serkowitz übernahm, wurde ihm eine dauerhafte Perspektive vor Augen geführt. Der Ort entwickelte sich zu einem anarchisch-komischen Kunstprojekt, das sich konsequent jeder Konvention entzieht. Heute sind sie gekündigt, die Galgenfrist läuft … Dennoch bauen sie unbeirrt weiter.

„Wenn hier der Strom ausgeschaltet bleibt, dann können die Radebeuler Funktionäre das Licht der Erkenntnis mit Säcken in das Gebäude tragen.“ – Susanne Altmann

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