Frühlingsblüher im Himmelsbusch

Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum –
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

Theodor Storm (1817 – 1888)

Corydalis cava im Himmelsbusch
Foto: G. Seidel

Wir schreiben den 10. Januar. Sturmtief “Elli” hat sich mit einigen ungelenken Pirouetten verabschiedet. Über Radebeul breitet sich eine geschlossenene Schneedecke aus. Nachmittägliche Sonnenstrahlen bringen die Lößnitzhänge zum Leuchten. Unsere Liegefenster haben dicke Schneepolster über sich gezogen.

Wettermeldungen überschlagen sich; prophezeien weiteren Schneefall, eiskalte Nächte und zu guter Letzt auch noch Regen auf diese Pracht.

Der 100-jährige Kalender verheißt einen langen eisigen Winter bis in den März. Aber es könnte ja auch ganz anders kommen.

Jedenfalls wird er zuverlässig wieder eintreffen – der Frühling. Wird uns seine Pretiosen übermütig in Wald und Feld darbieten. Auf ihn ist jedenfalls Verlass.

Wollen wir ihn besuchen?

Aufgestiegen zu den Ebenbergen folgen wir gewöhnlich der den Weinberg säumenden Mauer und geniessen Blicke ins Elbtal. Ab Ende März wählen wir aber den Weg hinter der Mauer durch den Himmelsbusch. Dort nämlich erfreuen uns größere Bestände einer trübviolett bis weiß blühenden Pflanze.

Der Hohle Lerchensporn, Corydalis cava, ist ein mehrjähriges Kraut und an ein Leben im lichten Laubwald angepasst. Er liebt feuchte, mullreiche, lockere Lehm- und Hang-Lössböden. Wir finden ihn links- und rechtselbisch recht häufig.

Bevor belaubte Bäume ihre Schatten werfen, durchläuft der Hohle Lerchensporn den sichtbaren Teil seiner Existenz. Die Pflanze wächst 20 bis 35 cm hoch. Eine tief im Boden verborgene, kugelige, braune, bald hohl werdende Sproßknolle (namensgebend) trägt den stets aufrechten Stengel mit zwei gestielten, doppelt 3-zähligen kahlen, blaugrünen Blättern.

Darstellung in: New Kräuterbuch, Leonhart Fuchs, 1543
Bild: Repro G. Seidel

Ihre eigenwillige Blütenform bescherte der Pflanze zahlreiche Trivialnamen (z.B. Lerchenhelm, Schopflerche, Zottelhose). Die Blüten sind zweiseitig symmetrisch und tragen einen langen Sporn, in den der Nektar abgeschieden und gesammelt wird.

Reichblütige Trauben von violett über rosa bis weiß verströmen einen lackartigen Duft.

Früchte zeigen sich als grüne Bälge, die schwarze Samen mit großem, äußerst nahrhaftem Anhängsel, einem Fettkörper, enthalten. Ameisen tragen diese Samen in ihre Baue und fördern damit die weitere Ausbreitung des Lerchensporns.

Er ist eine wichtige Futterpflanze für viele Fluginsekten; allem voran für solche mit langem Rüssel, wie z.B. Gartenhummel, gehörnte Mauerbiene, Pelzbiene.

Kurzrüsselige Insekten verstehen ein Loch in den Sporn zu beissen um so an die begehrte Tracht zu gelangen. Auch der Apollofalter ist abhängig vom Lerchensporn. Seine Raupe ernährt sich ausschließlich von dessen Blättern.

Lerchensporn wurde in zurückliegenden Jahrhunderten als Heilpflanze genutzt. Die Knollen wurden in Branntwein angesetzt und galten u.a. als Mittel gegen Magenbeschwerden und Herzrasen. Auch halluzinogene Wirkungen sind nachgewiesen. Heute gelten Anwendungen mit Verweis auf enthaltene Alkaloide (u.a. Bulbocapnin) als problematisch.

Sind Sie neugierig geworden? Dann sollten Sie die Apriltage zur Schau nutzen. Denn aufgrund seiner kurzen oberirdischen Vegetationsperiode wird sich der Lerchensporn bald komplett in die Wurzelknolle zurückziehen. Um sich dann im nächsten Frühling wieder dezent zu präsentieren.

Was übrigens den Herbst angeht: Unser Lerchensporn gilt als Lospflanze. Wenn am 1. Mai die Samen reif sind, ist ein gutes Weinjahr zu erwarten.

Gudrun Seidel

HELGA ALSCHNER

(7.7.1930 – 23.2.2026) – ein Nachruf

Zur Eröffnung ihrer letzten Ausstellung 2019 bei »Gräfes Wein & fein«
Foto: F. Eisenkrätzer


Eine Radebeuler Künstlerin ist von uns gegangen – eine große Persönlichkeit, die bis zum Tode ihr Leben und ihren Abgang – von der Bühne des Lebens – selbstbestimmt in die Hand genommen hat. Helga Alschner hat auf der Paradiesstrasse gelebt – sie ist da in ihrem Elternhaus groß geworden, hat lange ihre Mutter gepflegt und wollte auf keinen Fall diese Heimat verlassen – weder in ein Pflegeheim oder auch nicht – und zwar auf KEINEN FALL! – in ein Krankenhaus kommen. „ Nu ist es aber auch mal genug!“ hat sie gesagt und sich gegen eine stationäre Behandlung entschieden. Und tapfer mit dem Blick auf die geliebten Lößnitzberge ihre letzten Tage verbracht.

Sie kann auf ein langes erfolg- und abenteuerreiches Leben zurückblicken. Statt Tänzerin zu werden nutzte sie ihre andere Begabung – bildnerisch tätig zu sein. Sie studierte an der Hochschule in Berlin Weißensee Bühnen-und Kostümbild bei Heinrich Kilger und schloss 1961 mit einem Diplom ab. Zehn Jahre lang arbeitete sie als Kostümbildnerin am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin, am Theater der Bergarbeiter Senftenberg, am Staatstheater Dresden und am Städtischen Theater Leipzig. Seit 1971 war sie freischaffend an verschiedenen Theatern und für Film und Fernsehen der DDR tätig. Aber immer war ihr Lebensmittelpunkt und ihr „Kraftraum“ ihr wunderschön gelegenes Elternhaus.

Auch beteiligte sie sich an verschiedenn Ausstellung – zuletzt hatte sie in Radebeul in ihrem 90. Lebensjahr eine Personalausstellung bei „Wein & fein“, wo man Gelegenheit hatte, die wunderbaren Arbeiten von ihr zu bewundern. Ihre Figurinen waren von großer kunsthistorischer Kenntnis, inszenierungsbezogen und auf die Darsteller eingehend liebevoll bis ins Detail mit Humor und Menschenkenntnis gestaltet. Die Silhouetten, die Farbabstimmungen, die Materialwahl, alles durchdacht und von hoher künstlerischer Qualität, und so gezeichnet und gemalt, dass das Blatt nicht nur eine sehr genaue und nachvollziehbare Vorlage für die Schneiderei war, sondern auch schon ein Kunstwerk an sich.

Helga Alschner mit Anfang 20
Foto: privat


Helga Alschner war nach der Wende überglücklich, endlich die Orte ihrer Sehnsucht besuchen zu können: in die Provence auf den Spuren der Maler des Lichts und der Kunst in der betörenden Landschaft sowie nach Andalusien – Sevilla!

Ebenso wie in der Kunst, konnte sie in der Natur die Wunder der Schönheit bestaunen – strahlend und dankbar. Die Dankbarkeit war ihr ein großes Thema – auch als sie nicht mehr so beweglich war hat sie nie geklagt – sie hat sich gern von Premieren, Ausstellungen und Reisen berichten lassen: „ das kann ich nicht mehr, aber ich habe auch meine schönen Erinnerungen“ sagte sie.

Mit den „modernen Zeiten“, also mit allen nach der Festnetztelefonie entwickelten Kommunikationsmöglichkeiten stand sie auf Kriegsfuß. „Das Internet ist der Beginn des Untergangs der Menschheit“- darauf bestand sie. Genau wie sie die Klassiker der Musik und der Schriftkunst verehrte – ein immer geliebter und nie langweiliger Schiller und als höchstes Vergnügen auch selbst in Gemeinschaft oder allein gesungene Arien und Lieder.

Und auch ohne Internet hatte sie ein großes, gut funktionierendes Netzwerk an Freundinnen und Freunden. Große Verehrung für einige Studienfreunde, Kontakte mit Jugendfreundinnen, Nachbarn und besonders ihre langjährige Haushalts-und Lebenshilfe waren wichtige Kommunikationspartner.

Ihre Lebenserfahrung, ihr bis zuletzt scharfsinniges Beobachten und auch Beurteilen politischer und kultureller Ereignisse machten sie zu einer streitbaren und immer interessierten großen Persönlichkeit.

Sie fehlt.

Ulrike Kunze

Ehre, wem Ehre gebührt

Die Radebeuler Buchhandlung Sauermann ist für den Deutschen Buchhandlungspreis nominiert

Ute Sauermann (re) mit ihrer Mitarbeiterin Bernadette Beier
Foto: B. Kazmirowski


Nicht mal in Ruhe Urlaub kann man machen – so hat Ute Sauermann vielleicht gedacht, als sie Mitte Februar einen Anruf von einer unbekannten Nummer auf ihrem Handy angezeigt bekam. Wie gut, dass sie ranging, denn sonst hätte sie es wohl erst aus der Presse erfahren: Ihre Buchhandlung gehört zu den acht Buchhandlungen in Sachsen, die für den Deutschen Buchhandlungspreis 2025 nominiert wurden, bundesweit sind es 105, nachdem 483 Bewerbungen eingegangen waren. Zum elften Mal zeichnet die Bundesregierung inhabergeführte Buchhandlungen aus, die sich in besonderer Weise um das Kulturgut Buch verdient gemacht haben. Am 19. März sollten eigentlich im Rahmen der Leipziger Buchmesse die Gewinner bekanntgegeben und ausgezeichnet werden, aber zur Überraschung und Entrüstung der Buchhandelsbranche wird daraus nun nichts, was Ute Sauermann am 20. Februar, an dem wir das nachstehende Interview führten, nicht ahnen konnte. Was ist seither geschehen: Kulturstaatsminister Weimer hat einseitig und unbegründet entschieden, drei Buchhandlungen von der Liste der Nominierungen zu streichen, angeblich gäbe es verfassungsrechtliche Bedenken. Trotz Intervention der ganzen Buchbranche blieb Weimer bei seiner Haltung und sagte die Preisverleihung in Leipzig dann kurzerhand ab. Zwar werde es Prämierungen geben, aber die „ausgewählten Buchhandlungen werden Preisgeld und Urkunde auf direktem Wege erhalten“, und für die Gewinner der Hautpreise werde es eine öffentliche Bekanntgabe „in gesonderter Form“ geben, so ließ sein Haus wissen. Vorschau & Rückblick nahm die bevorstehende Ehrung der traditionsreichen Radebeuler Buchhandlung Sauermann (1922 durch Utes Großvater Heinrich Sauermann gegründet) zum Anlass, mit der Chefin ins Gespräch zu kommen.

Herzlichen Glückwunsch zur Nominierung für den Deutschen Buchhandlungspreis! Was bedeutet das für dich und deine drei Mitarbeiterinnen?

Es ist ein Ritterschlag, allerdings ein für uns unerwarteter. Wir hatten uns ja schon einige Male beworben, wurden aber nie berücksichtigt, weshalb wir nun nicht mehr damit gerechnet hatten. Aber natürlich freuen wir uns sehr und nehmen es als Anerkennung für unsere tägliche Arbeit.

Worin unterscheidet sich denn deine Buchhandlung von anderen kleinen Buchhandlungen, was macht euch preiswürdig?

Die Jury entscheidet auf Basis von vier Kriterien, die vorab geprüft wurden. Dazu zählen das Geschäftsmodell, das literarische Sortiment, das Engagement bei der Lese- und Literaturförderung und auch die kulturellen Veranstaltungen. Wir konnten in allen vier Bereichen punkten. Einige Aspekte würde ich gern herausheben. Alle drei Mitarbeiterinnen sind gelernte Buchhändlerinnen, was uns eine persönliche Betreuung der Kunden ebenso ermöglicht wie eine zielgerichtete Auswahl und Präsentation unseres Sortiments. Unsere Schwerpunkte liegen im Bereich Belletristik und Kinderbuch, aber auch regionale Literatur ist bei uns gut vertreten. Tatsächlich schauen wir bei Neuerscheinungen die gedruckten Kataloge der Verlage durch und entscheiden dann ganz eigenständig, was wir einkaufen. Wir gestalten auch Thementische zu bestimmten Anlässen und dekorieren unsere Schaufenster regelmäßig neu. Auch im Hinblick auf Veranstaltungen sind wir aktiv, obwohl wir natürlich in erster Linie Händler und nicht Veranstalter sind. Letztes Jahr hatten wir beispielsweise eine Sachbuchlesung, im Jahr zuvor eine Buchpremiere von Ralf Günther zu seinem Werk „Die Könige von Babelsberg“ und Ende März wird Christoph Kloeble bei uns aus seinem neuen Buch „Durch das Raue zu den Sternen“ lesen.

Du erwähntest vorhin auch die Leseförderung. Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Seit 15 Jahren engagieren wir uns zum Welttag des Buches. Klassen der 4. und 5. Jahrgangsstufen können sich dafür anmelden. Wir zeigen ihnen die Buchhandlung und das Antiquariat, erklären ihnen unsere Arbeit und machen auch ein Quiz mit ihnen. Das sorgt immer für viel Spaß, wodurch die Kinder mit der Welt der Bücher freudbetont in Berührung kommen. Dieses Jahr sind das immerhin 12 Klassen aus Radebeuler Schulen! Zusätzlich stellen wir einmal im Monat unser Antiquariat für ein Angebot der Leseförderung zur Verfügung. Unter qualifizierter Anleitung erhalten Eltern Hinweise und Tipps, wie sie mit ihren eigenen Kindern, denen das Lesen schwerfällt, gezielt üben können.

Welche Ideen hast du zur Verwendung des Preisgeldes, ganz gleich in welcher Höhe es sein wird?

Offen gestanden geht es mir und den allermeisten kleinen Buchhandlungen mehr um die öffentliche Wertschätzung unserer Arbeit als um das damit verbundene Geld, es geht um die Ehre, die mit der Nominierung verbunden ist. Weil die Nominierung auch so überraschend kam, habe ich noch keine konkreten Vorstellungen darüber, wie wir das Geld verwenden. Damit bin ich übrigens nicht allein. In der aktuellen Ausgabe des „Börsenblatt des Deutschen Buchhandels“ wird über uns und drei andere kleine und für den Preis nominierte Buchhandlungen berichtet, und keiner der anderen Inhaber konnte auf diese Frage etwas sagen.

Inwieweit kannst oder musst du in die Zukunft schauen, wenn du an das wirtschaftliche Überleben der Buchhandlung Sauermann denkst?

Wir befinden uns gerade in einer Umbruchsituation im Buchhandelsgeschäft. Letzten Herbst wurde eine Statistik veröffentlicht, wonach seit 2020 etwa ein Viertel aller kleinen Buchhandlungen aufgeben musste. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist die Digitalisierung des Buchhandelsgeschäftes, der wir uns aber stellen und die wir bewältigen müssen. Ein anderer ist die Preisentwicklung. Alles wird teurer, denn Herstellungskosten, Transport- und Personalkosten steigen. Das hat Auswirkungen auf uns. Die Buchpreisbindung sichert ja eine Deckelung des Preises nach oben, aber die Margen für uns Händler werden kleiner, weil die Verlage keine größeren Rabatte geben, nur weil die Kosten steigen. Deswegen kann ich nicht in die Zukunft schauen und sagen, in drei oder fünf Jahren wird die Lage so oder so sein. Im Fachbuchmarkt geht der Trend beispielsweise zur digitalen Veröffentlichung, wodurch ein Marktsegment zunehmend verschwindet. Die Verlage befördern das sogar, woran wir aber nichts ändern können. Aber eines kann ich versprechen: Wir werden alles daran setzen, um die Radebeuler weiter und noch mehr an uns zu binden, sodass sie eben nicht online bestellen, sondern zu uns kommen und sich kompetent beraten lassen. Und wo bekommt man außer Neuerscheinungen auch so eine große Auswahl an antiquarischen Büchern, ergänzt um Grafiken, eine große Weinauswahl und sogar Herrnhuter Sternen? Ein Besuch bei uns lohnt sich also immer, zu jeder Jahreszeit!

Vielen Dank für das Gespräch! „Vorschau & Rückblick“ drückt dir die Daumen und hofft, dass du einen der Hauptpreise erhalten wirst – in welcher Form auch immer du davon erfährst!

Bertram Kazmirowski

Editorial 4-26

Seit nunmehr über 35 Jahren verfolgt „Vorschau & Rückblick“ das unermüdliche Bestreben, für das Radebeuler Kulturleben ein facettenreicher Spiegel zu sein. Dabei finden auch angrenzende oder umliegende Gemeinden wie Coswig, Weinböhla, Moritzburg oder Radeburg Berücksichtigung. Mitunter reicht die Strahlkraft gar bis Meißen, Radeberg oder noch weiter.

Für den abwechslungsreichen Inhalt zeichnen seit mehreren Jahrzehnten weitgehend noch immer unsere treuen, langjährigen Redaktionsmitglieder verantwortlich, die je nach Interessenlage eine Rubrik zielsicher repräsentieren.

Zudem sind wir dankbar für die Zuarbeit einer Vielzahl von Gastautoren sowie von Leserzuschriften, die über all die Jahre mit weiteren thematischen Nuancen die Vielfalt unseres Heftes bereichert haben und noch immer bereichern.

Nur gemeinschaftlich können wir auch künftig diese Herausforderungen meistern!

Ein wichtiger Bestandteil seit Anbeginn ist die monatliche Bündelung aller relevanten Veranstaltungs- und Kulturtermine auf den letzten Seiten. – An dieser Stelle möchten wir die Frage an Sie stellen: Ist die Zusammenstellung für Sie hilfreich? Ist der Abdruck in Konkurrenz zu digitalen Medien überhaupt noch „zeitgemäß“? Welche Veränderungen oder Verbesserungen wünschen Sie sich?
Über Ihre Gedanken, Meinungen und Vorschläge würden wir uns sehr freuen. Schreiben Sie uns, digital oder ganz klassisch per Hand.

Sascha Graedtke

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Zur Titelbildserie



Aus meinen grafischen Tagebüchern
Bei Spaziergängen oder Wanderungen beobachte ich sehr Aufmerksam meine Umgebung und entdecke häufig Strukturen, Oberflächen u.ä. die meinen grafischen Intensionen nahe kommen und die ich deshalb fotografisch festhalte.
Das Titelfoto, mehr oder weniger zufällig aufgenommen im Inneren des Radebeuler Bismarckturms beeindruckte mich mit seinem grafisch wirkenden Schattenwurf. Das Sonnenlicht fiel durch die obere Gitterplattform des Turms und projizierte kreisförmige, radiale Muster aus hellen und dunklen Flächen an Turmwand, Geländer und Wendeltreppe. Die entstandenen Lichtsegmente die mich an Speichen oder Blütenblätter erinnertem und die für mich zu einem spannenden, abstrakten Motiv wurden.
Linien, Bögen und geometrische Formen überlagerten sich und erzeugten eine ruhige aber zugleich auch dynamisch wirkende Szenerie. Wie eine abstrakte Schwarzweiß-Komposition in der Architektur, verschmelzen Licht und Schatten miteinander. Grafisch besonders überzeugend der starke Kontrast der Strukturen zur dunklen, rauen Wandoberfläche.Übrigens durfte ich für den „verein für denkmalpflege und neues bauen e.V.“ in der Phase des Umbaues des Bismarckturmes zum Aussichtsturm eine Bildmarke für das Marketing entwickeln.

Matthias Kratschmer

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

1973, erinnern wir uns, gerade waren die Verträge zwischen beiden deutschen Staaten und Berlin-W unter Dach und Fach, gründete sich in der DDR eine Band namens TRANSIT. Lyrischer Rock, norddeutsche Texte in einer Poesie, die aus allem Alltag wie von selber kommt. Während ich das schreibe, sitze ich in der Riff Lounge an der Steilküste von Koserow auf Usedom, vielleicht 250m Meter östlich der futuristisch-wellenförmigen Seebrücke. Kaminofen drin, Feuerschalen an Strandkörben draußen. Frank serviert Sanddornglühwein, der Strand ist verschneit, die Ostsee weithinein zugefroren, irgendwo, wo die Unendlichkeit endet, liegt Schweden. Und jetzt im Radio „Transit –Winter an der See“. Seelenlage im Bilderkriegen. „Wenn das Eis am Horizont mit Getöse kracht…“
Die Usedomer Bäderbahn hatte mich mit „Verzeitigung“ hier absetzen können, weil die DB vorher mein Deutschlandticket durch eine Umleitung zum Überspringen gebracht hatte. Verabredet bin ich mit den Malern Otto Niemeyer-Holstein (1896 – 1984) am Forsthaus Damerow und in der Altstadt von Wolgast mit Philipp Otto Runge (1777 – 1810). In Swinemünde/?winouj?cie mag ich Fähre fahren über den größten Mündungsarm der aus Mährens Gebirgen kommenden breslauküssenden Oder, ein Skandinavienschiff gucken, das edle Kurviertel genießen und im Schurf des Bombardements vom 12. März 1945 lesen. Dort verlieren sich Biografien ganzer Familien. Ungezählt. Es hat gut 70 Jahre gebraucht, bis die Usedomer Bäderbahn die wenigen Meter von Ahlbeck nach Swinemünde wieder hineinfahren konnte. An den anderen Enden der Ostsee gibt es z.B. Birken am Strand, grollende Steine, Scharen von Mücken und Quallenteppiche. Die Kurverwaltung von Koserow lässt Vineta läuten. Frank Schöbel hatte 1978 einen Hit mit „Tief im dunklen Meer“ gelandet. Könnte hier gewesen sein…

Tobias Märksch

Radebeuler Miniaturen

Schatten-Spiele
Ein fast Nacht-Deal

Gute Vorsätze gehören zum Jahreswechsel wie Spekulatius zum Weihnachtsfest, schon, weil sie immer auch spekulativ bleiben.
In diesem Jahr nun will ich versuchen, den zur Weihnacht traditionell kurzzeitig in den Vordergrund rückenden Gedanken der Nächstenliebe in den Prozeß der Vorsätzlichkeiten einzubeziehen und ihm so ein wenig Dauer zu verleihen. Das erfordert in erster Linie, fremdes Gedankengut nicht gleich abzulehnen, sondern jedem Menschen eine eigene Meinung zuzugestehen. Freilich kann das zu einer erheblichen Erweiterung der eigenen Toleranzgrenzen führen. Dies umso mehr, als seit ein paar Jahren eine Auffassung über den großen Teich schwappt, die Lügen als „alternative Tatsachen“ sieht, denen es ins Auge zu blicken gilt.
Der beste Ort für mich, Toleranzgrenzen auszutesten, ist das Wirtshaus meines Vertrauens. Dort, am Tresen, oder, wenns endlich wieder warm werden sollte, am Faß, wo der Geist über den Gläsern schwebt, finde ich die geeignete Atmosphäre. Vor allem hab ich einen neutralen Grund, die so geliebte Lokalität aufzusuchen.
Und richtig, kaum sitz ich aufm Hocker, kaum brennt die Kerze, kaum hab ichs Glas in der Hand, sitzt Georg neben mir.
Da kommt was auf uns zu, sagt er.
Mach langsam, sag ich, jetzt kommt erstmal ein Bier – und das kommt nicht nur, das be-kommt auch.
Lach nicht, sagt er, der Sturm kommende Nacht wird heftig.
Ja, die Extreme nehmen zu, falle ich wissend ein, liegt wohl am Klima und am CO² –
Quatsch nicht so grün daher, fällt nun er mir ins Wort, mit dem Klima hat das nichts zu tun.
In mir leuchtets auf: Toleranzgrenze, Toleranzgrenze – schon beginnt sie sich zu weiten (ich hoffe nur, Georg sieht mir meine Begeisterung nicht an).
Na ja, sag ich versöhnlich, der alte Erdball hat schon ganz andre Dinge überstanden; aber bis er richtig rund geschliffen ist und kein Berg mehr Schatten wirft, das kann noch dauern.
Ball ist gut, beginnt Georg –
Ich weiß, rede ich rasch dazwischen, die Form scheint nicht so ganz gelungen. So eiert das Ganze ein bißchen, das kommt von der Toleranz. Trotzdem kann schon noch von „Ball“ gesprochen werden…
Und wer hat dir gesagt, daß die Erde ein Ball ist?
Das ist Allgemeingut, sag ich, schon die alten Ägypter haben den Erdumfang bestimmt.
Bestimmt bestimmt, lacht Georg. Denkst du ich kenne die Mär von Eratosthenes und seinen Schatten-Spielchen nicht? Aber: Warst du dabei, als er seine Stäbchen setzte? Kannst du dich für die Rechnung verbürgen?
Lassen wirs gut sein, sag ich. Du läßt mir meinen Ball und ich laß dir deine Zweifel – prost. Paß aber auf, daß du nicht von der Platte geweht wirst, wenn demnächst der Sturm kommt.
Georg wird ernst.
Das wollte ich mit dir bereden, sagt er drauf. Die Leute haben Angst. Es gibt zu wenig Schutz vor Sturm, die reale Gefahr, verweht zu werden, nimmt stetig zu – und die Regierung unternimmt nichts, gar nichts. Er hält mir einen Zettel hin. Aufruf, lese ich und staune. Es geht darin tatsächlich um die „Notwendigkeit umfassender Maßnahmen zur Absicherung der Bevölkerung vor Sturmereignissen“. Unterschreib mal hier, sagt Georg.
Ich blicke tief ins Glas. Am Boden formen sich die Buchstaben D E A L. Ich kenne das Wort bisher nur im Zusammenhang mit kriminellen Machenschaften, aber zunehmend wirft der Begriff seine Schatten auch auf die große Politik … warum also nicht …
In Ordnung, sag ich – ich unterschreibe hier, und du hilfst mir im Gegenzug beim Klima …

Thomas Gerlach

Glosse

Nach hinten geschossen!

Es ist dieses Jahr wie verhext: Das Thema Weihnachten, explizit das des Beschenkens, will mich einfach nicht loslassen. Einen diesbezüglich bereits im vergangenen Jahr verfassten Beitrag schiebe ich nun schon von einem zum anderen Mal auf die lange Bank. Immer kommt etwas Unaufschiebbares, gewissermaßen Alternativloses dazwischen. Aber man kann natürlich die ganze Sache auch positiv sehen, denn beschenkt wird man ja das ganze Jahr über. Ob man allerdings die Gaben haben will oder nicht, beispielsweise einen engeren Gürtel von Onkel Merz, an dem man dann bequem die Patronentasche sicher befestigen kann, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber vielleicht sollte man es wie der Karikaturist halten, der auf seiner Zeichnung – zu sehen in der gegenwärtigen Ausstellung in Radeburg – an der Front lieber nach hinten schießt.
Freilich wird hier ein Witz auf Kosten eines nicht mehr existierenden Landes gerissen, aber wenn man tief in der eigenen Sch… steckt, muss das schon mal erlaubt sein. Und vielleicht hat doch die Berliner Zeitung recht, wenn sie neulich in einer Unterzeile titelt „Was der Westen jetzt vom Osten lernen kann.“.

Nun will ich hier wahrlich nicht zur Kriegsdienstverweigerung aufrufen, zumal die Glocke noch nicht geschlagen hat und unser aller Trump, Gott lob, zurück gerudert ist. Also, ist doch hinten vorn?

Mancher aber scheint etwas die Orientierung verloren zu haben in diesen wirren Zeiten oder es geht ihm noch nicht „steirisch“ genug zu und er erklettert mal ebenso einem 500 Meter hohen Wolkenkratzer. Andere wiederum sehen am hellerlichten Tag die Stadtlichter strahlen, aber die Golddukaten auf der Straße nicht. Und wie das so ist, in „steirischen“ Zeiten, wird der Ruf nach Helden immer lauter. Ich kann gar nicht alle aufzählen, wo es heutzutage wieder Helden gibt: im Gesundheitswesen, beim Nahverkehr, beim Tourismus, bei den Briefträgern, bei der Feuerwehr sowieso. Aber von den Helden in der Landwirtschaft habe ich in der Neuzeit noch nichts gehört. Das liegt freilich lange zurück als wir noch ganze „Ernteschlachten“ geschlagen haben. Man stolpert gegenwärtig wo man geht und steht förmlich über Helden. Nur die Jugend will nicht so recht in die khaki-grünen Modeanzüge steigen, da helfen offensichtlich auch keine 3.000 Euro und kostenlose Bahnfahrten.

Wenn Helden gebraucht werden, ist die Karre schon gehörig vom Weg abgekommen, vermutlich weil einfach die Kutscher zu häufig wechseln. Wie sagte da meine Mutter immer, wenn ihr einer nicht so richtig in den Kram passte: „Den könnt ich auf den Mond schießen!“ Das scheint mir heutzutage aber auch nicht mehr die richtige Methode zu sein, seit die Amis dort schon 1969 den Staub aufgewirbelt haben. Wo die nicht schon überall waren… Da will ich jetzt gar nicht auf deren neuste Weltraumaktivitäten anspielen.

Aber lassen wir das, sonst wird die Glosse noch politisch. Da setze ich mich lieber in eine Ecke, trinke Tee und warte ab. Irgendetwas wird schon passieren. Und wenn einem nichts mehr einfällt, kann man ja auch mal ein Schlagwort aus ganz vergangenen Zeiten wieder zum Leben erwecken. Das aber ausgerechnet der alte Slogan „Vom Ich zum Wir“, der die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft der DDR in den 1960er Jahren beflügeln sollte, wieder zu Ehren kommt, wäre selbst mir nicht in den Sinn gekommen. Da kann man nur hoffen, dass der jüngst erschallte „Mahnruf“ nach dem Wir nicht so nach hinten losgeht, wie die Werbekampane „Wir-Berlin“ aus dem Jahr 2009, als der ganze Spaß die Hauptstadt der Republik 1,5 Millionen Steuergelder gekostet hatte, meint

Euer Motzi.

 

 

Weltfrauentag im Lügenmuseum

 am 8. März 2026, 16 – 19 Uhr

Künstlerinnen, Geschichtenerzählerinnen, Kunsterklärerinnen, Radebeuler Ureinwohnerinnen, Sozialarbeiterinnen… laden ein zum Rundgang durchs Lügenmuseum mit dem geschärften Blick des Weiblichen fürs Weibliche.
Danach gibt es die Möglichkeit für ein geselliges Zusammensein mit Kaffee, Kuchen, Plasteblümchen und Gesprächen über Kunst und Kultur. Willkommen ist jede und jeder, unabhängig von Alter, Geschlecht und Kontostand.
Das Lügenmuseum ist ein unerschöpflicher Quell der Inspiration, wenngleich die Fülle der Exponate zunächst verblüfft und zu überfordern scheint. Gemeinsam wollen wir die einzigartige Wunderkammer durchschreiten und mit allen Sinnen auf uns wirken lassen. So wie das Leben, hält auch das Lügenmuseum viel Überraschendes bereit und manches fügt sich auf seine Weise.
Ungewöhnliche Installationen beflügeln die Fantasie, öffnen Räume zu Erfahrungen aus der DDR-Zeit und Gegenkultur. Werke von regionalen, nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern haben den Sammlungsbestand zunehmend erweitert. Er umfasst vierzehn vielfältig gestaltete Ausstellungsräume sowie ein Archiv mit Filmen, Fotografien und Dokumenten, eine Präsenz-Kunstbibliothek und eine kleine Werkstatt.
Das Lügenmuseum, welches sich nunmehr seit vierzehn Jahren im historischen Gasthof Serkowitz befindet, ist von einer Kündigung seitens der Stadt betroffen und in seiner Existenz bedroht. Um dem etwas entgegenzusetzen und zu zeigen, dass das Lügenmuseum lebt und gebraucht wird, haben sich vor anderthalb Jahren die „Freunde des Lügenmuseums“ zusammengefunden. Mit großem Engagement wirken sie bei Kunstprojekten mit, beteiligen sich an den „Runden Tischen“ und helfen bei der Gewährleistung regelmäßiger Öffnungszeiten. Gemeinsam mit den Betreibern der Einrichtung suchen sie nach tragfähigen und langfristigen Lösungen, das Kunstmuseum im Rahmen einer gesamtstädtischen Kulturentwicklung für Radebeul zu erhalten.
So entstand auch die Idee, zum Weltfrauentag ins Lügenmuseum einzuladen. Im Mittelpunkt rückt die vielschichtige und bis heute ambivalente Thematik „Frauen und Kunst“. Wie werden Frauen in den Kunstwerken gezeigt oder wie stellen sie sich selbst dar? Welche Themen setzen sie, welche Räume nehmen sie sich, wie behaupten sie sich im Kunstbetrieb? Zahlreiche anschauliche Beispiele hierfür lassen sich vor Ort entdecken. Auch die bildreiche Homepage des „Lüseums“ gibt Einblicke in das Schaffen vieler Künstlerinnen unterschiedlichster Genres.

Ein Dankeschön gilt Dorota und Reinhard Zabka, die diese Veranstaltung ermöglichen und inhaltlich begleiten.

Karin Baum und Cornelia Rank,
im Namen der Freunde des Lügenmuseums


Wann und wo: am 8. März 2026, 16 -19 Uhr,
im Lügenmuseum Radebeul, Kötzschenbrodaer Straße 39,
Veranstalter: Verein Kunst der Lüge e.V. und Freunde des Lügenmuseums
Anmeldungen: erbeten unter 0160-1038663

 

 

Copyright © 2007-2026 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.