24. Thematischer Filmclubabend


„In dem hier dargestellten Film geht es um die merkwürdige Geschichte des Eisenbahners Platow, der Anfang der siebziger Jahre unseres Jahrhunderts von der Technik um seinen Schrankenwärterplatz gebracht wurde und entgegen aller damaligen Erfahrungswerte auf ziemlich beispiellose Weise im Alter von 57 Jahren das Leben lernte.“

Bereits der Text im Vorspann lässt erahnen, dass es sich bei dem DEFA-Film „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ um eine recht eigenwillige Satire handelt.

Als der Regisseur Siegfried Kühn (geb. 1935) im Filmstudio Babelsberg auf den Stoff stieß, welcher von dem Schriftsteller Helmut Baierl (1926–2005) stammte, war er sofort begeistert. Gemeinsam mit Baierl schrieb er das Drehbuch. Die Besetzung des Eisenbahners durch den Darsteller Fritz Markquart (1928–2014), der bereits 1970 unter der Regie von Kühn in dem DEFA-Film „Zeit der Störche“ einen Schrankenwärter sehr überzeugend verkörpert hatte, lag nahe. Die Probeaufnahmen waren bereits „im Kasten“, doch es regte sich von einflussreicher Stelle Widerstand. Man wollte die Rolle mit keinem so „kauzig“ anmutenden Typen besetzen. Kühn jedoch setzte sich durch und er sollte Recht behalten. Fachleute aus der Filmbranche lobten das Spiel von Fritz Marquardt als „herausragend“. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Marquart leider nur in wenigen Filmen als Darsteller zu sehen ist, da er auch als Dramaturg, Regisseur, Dozent und Intendant tätig war.

Rückblicke auf verschiedene Lebensabschnitte und einschneidend tragische Ereignisse werden mit einem Anflug von Ironie kommentiert. Collageartige Einblendungen aus dem Zirkusmilieu eröffnen eine weitere psychologische Ebene. Im Lexikon der DDR-Stars heißt es: „Filmsatire zwischen brechtscher Dialektik und valentinesker Komik“. Schwarzweiß Aufnahmen wechseln mit Farbaufnahmen und die Filmmusik wiederum wechselt zwischen Klassik und Rock.

Der Film- und Theaterschauspieler, Hilmar Baumann (1939–2018) verkörpert den jungen Platow. Auch er beweist sein komödiantisches Talent. Allein der ungleiche Schaukampf mit einem Rummelringer, um der Angebeteten zu imponieren, ist sehenswert.

Sein Publikum fand der Film hauptsächlich durch Mundpropaganda. Bereits vor der Premiere wurde dieser von offizieller Seite kritisiert, da er die Arbeiterklasse angeblich verzerrt darstellen würde. So lief der Film ab 1. Juni 1973 ohne vorherige Premiere in wenigen Kopien ausschließlich in kleinen Studiokinos an. Kühn erinnerte sich an die Aufführungen in Leipzig und Berlin. Das Publikum war zahlreich und aufgeschlossen. Es gab viel Szenenbeifall. Erstmals wurde der Film 1977 im DDR-Fernsehen und 1996 im gesamtdeutschen Fernsehen gezeigt.

DEFA-Spielfilm „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“
1973, DDR, 86 Minuten, Farbe, FSK 6

Regie: Siegfried Kühn; Drehbuch: Helmut Baierl, Siegfried Kühn; Kamera: Roland Dressel; Schnitt: Brigitte Krex; Musik: Hans Jürgen Wenzel; Gastauftritt: Puhdys; Besetzung: Fritz Marquardt (Platow), Hilmar Baumann (Platow jung), Gisela Hess (Malvine), Jürgen Holtz (Lehrer Schildt), Volkmar Kleinert (Ditfurt), Rolf Hoppe (Dr. Hoppe), Dieter Franke (Rennmark) u. a.

Handlung: Der Schrankenwärter Platow döst vor sich hin. Die Schranke ist geschlossen und davor steht eine endlos scheinende Autoschlange. Alle sind nervös, nur Platow lässt ich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist jetzt 54 Jahre alt und seit 34 Jahren Schrankenwärter. Doch nun soll die Strecke elektrifiziert werden und Platow gilt als nicht fortbildungsfähig. Als Alternative bliebe ihm lediglich der Dienst an einem Nebengleis. Derart in die Enge getrieben fasst Platow einen unerhörten Entschluss. Obwohl er dafür eigentlich zu alt ist, will er nun doch an einem Qualifizierungslehrgang teilnehmen. Er schlüpft in die Rolle seines Sohnes. Utensilien wie Lederjacke, Jeans und Sonnenbrille sollen ihn verjüngen. Obwohl ihn nur wenige durchschauen, kann er sein wahres Alter nicht permanent kaschieren. Mit dem Lernstoff tut er sich schwer und eine Prüfung am Simulator vermasselt er total. Am Aufgeben hindern ihn seine Gefühle für die wesentlich jüngere Malvine. Schließlich fliegt das Ganze auf. Der Betrugsfall sorgt für Aufsehen. Die Schule ist blamiert und ein Reporter beabsichtigt, vom Skandal reißerisch zu berichten. Doch Platow ist mit seinen Gedanken bereits woanders.

Als er an einem alten Bahnhof eine defekte Draisine entdeckt, erwacht seine Eisenbahner-Leidenschaft für die traditionelle Mechanik und er will das Gefährt unbedingt in Gang setzen und an ein Museum übergeben. Also setzt er die restaurierte Draisine auf die Schienen und fährt mit ihr los. Durch die neu eingeführte elektronische Schaltung blockiert er automatisch die Strecke und erzeugt ein heilloses Durcheinander. Die Männer in der Schaltzentrale erkennen, dass auf den Gleisen eine Person unterwegs sein muss, die sich mit der neuen Technik bestens auskennt. Triumphierend fährt Platow an der Schaltzentrale vorbei.

Platow ist im zweiten Leben angekommen. Inmitten dahinhastender Menschen sieht man, wie er, zwar noch immer in der alten Eisenbahneruniform, im belebten Bahnhofsgebäude einer Großstadt umsichtig, aufgeschlossen und freundlich „seinen Dienst“ verrichtet.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Filmclubabend am 22. Oktober 2026, um 19 Uhr, im Alchemistenkeller der Alten Apotheke, Altkötzschenbroda 48, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

Karrasburg Museum Coswig rückt einen bedeutenden und fast vergessenen Coswiger wieder ins Licht

Der Coswiger Lehrer Otto Ehrhardt (1869-1942) gehörte zu den erfolgreichsten Kunstfotografen der Jahrhundertwende. Er war reiner Autodidakt, voller Leidenschaft für die Fotografie und Idealist. Das Museum Coswig bewahrt einen großen Teil des künstlerischen Nachlasses von Otto Ehrhardt auf, darunter eine Vielzahl fotografischer Arbeiten, Ex-Libris sowie Auszeichnungen.

Auf der Gauernitzer Insel, Originalabzug, um 1896
Foto: Museum Karrasburg

Zum 30-jährigen Jubiläum der Karrasburg soll das fotografische Werk und das Andenken an seine Person wieder ins Licht gerückt werden. Zu seiner Zeit war er international bekannt, erhielt für seine Gummidrucke Preise und Auszeichnungen, hielt Kurse und Vorträge, dennoch geriet sein Andenken in seiner Heimatstadt in Vergessenheit.

Hauptstraße Coswig mit Musikern und Kinderschar, Originalabzug, um 1905
Foto: Museum Karrasburg

In seiner Wohn- und Wirkungsstätte der Alten Schule zu Coswig trafen sich Dresdner Künstler und Gelehrte, um mit Otto Ehrhardt über die neuesten Entwicklungen der Fotografie zu sprechen. Ob Landschaften der Umgebung, Coswiger Impressionen oder Bildnisse von Personen – Ehrhardts Fotografien bezeugen bis heute sein geschultes Auge, hohes Einfühlungsvermögen und seine Begabung, den perfekten Bildausschnitt und Moment einzufangen.

»Ein Versteckspiel mit dem Turm der Meißner Frauenkirche«, Originalabzug, undatiert
Foto: Museum Karrasburg

Präsentiert werden über 70 historische Fotos und Gummidrucke, davon 24 Leihgaben des Urenkels von Otto Ehrhardt, Boris Wilsdorf. Weiterhin sind als Leihgaben historische Kameramodelle der Technischen Sammlungen Dresden gezeigt sowie vier originale Glasplatten aus der Deutschen Fotothek / SLUB. In Kooperation mit dem Kupferstich-Kabinett Dresden gibt es den Hinweis, auch im Studiensaal in die Werke Otto Ehrhardts eintauchen zu können.

Gleichsam sollen die jüngeren Besucher:innen mit einem Rätselbogen die Ausstellung auf spielerische Art entdecken – wie immer begleitet dabei das Museumsmaskottchen Cosimir. Wer noch nicht genug von Otto Ehrhardt bekommt, der/die kann durch die gesamte Karrasburg auf Spurensuche gehen: kleine Icons weisen in der Dauerausstellung auf weitere Werke von dem Coswiger Fotografen hin.

Annabell Rink

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Sonderausstellung „Ins Licht gerückt – Der Coswiger Otto Ehrhardt“ vom 29. August bis 15. November 2026

Menschenbilder von Christoph Wetzel in der Hoflößnitz

Es sind nur einige wenige Bilder und Zeichnungen, die hier gezeigt werden können, Andeutungen zu einem reichen, vielgestaltigen Lebenswerk. Vor allem sehen wir Bilder von Menschen – die Familie, Porträts von Freunden, Bekannten, Auftraggebern, dazu einige gezeichnete Figuren, Porträts und Akte. Und wir begegnen dem Künstler selbst. Auf einem der Bilder zeigt er sich bei der Arbeit, mit seiner großen Palette. Was für ein Bildnis – die Augen weit offen, der Blick in den Spiegel scheint ihn selbst zu erschrecken, der Dargestellte in höchster Konzentration, unglaublich lebensecht: Ein Selbstbildnis von Christoph Wetzel aus jüngster Zeit – so hat er sich gesehen, in diesem Augenblick.

Selbstbildnis mit großer Palette, 2026
Foto: F. Andert

Wetzel malt und zeichnet, was er sieht — und das Sichtbare wird für uns, als Betrachter, zum Erlebnis, als Bild, das sich behauptet, durch die Qualität seiner Malerei, neben der geschilderten Realität. Manchmal sind seine Werke bis ins Detail ausgeführt, gestochen scharf, dann wieder ist er spontan, im Augenblick zupackend, und malt mit freiem Pinselstrich, wie entfesselt. Zeichnungen und Gemälde, Bauten, das Dresdner Schloss, stilllebenhaft geordnete Dinge und Menschen; und wir folgen dem Künstler in diese von ihm erschaffene Bild-Welt. Menschenbilder – das Thema der Ausstellung fokussiert hier auf eine Gruppe von Werken, wohl auf die wichtigste in seinem Schaffen. Es verweist auf das Festhalten am erkennbaren Menschenbild.

Christoph Wetzel geht seinen Weg – unbeirrt. Eine solche künstlerische Haltung beruht auf Voraussetzungen: auf genauer Beobachtung der Wirklichkeit, und bei ihm auch auf Kenntnis und Verehrung alter Malerei. Es beruht gleichzeitig auf technischer Perfektion und malerischer Virtuosität. So zu malen, das muss man können; er kann es. Und noch etwas ist wichtig: Seine Gemälde handeln von Menschen und von ihren Schicksalen, auch von seinem eigenen. Da bleibt es nicht einfach nur beim äußerlichen Bildnis, bei der Erkennbarkeit. Die versteht sich bei ihm von selbst.

Fragt man nach der künstlerischen Entwicklung von Christoph Wetzel, dann zeigt sich von Anfang an und bis heute, bei wechselnden malerischen Mitteln, eine erstaunliche Bindung an das Sichtbare, an die Gegenwart. Und gleichzeitig verwirren die Gemälde bisweilen, weil sie an Malerei aus vergangenen Epochen erinnern — und sie sind doch heutig. Und manchmal kann er auch, ganz hingegeben an sein Gegenüber oder an den jeweiligen Gegenstand der Darstellung, alle Vorbilder vergessen. Anregungen hat er beispielsweise in der Dresdner Gemäldegalerie gefunden, aber natürlich nicht nur dort. Überzeugende Kopien alter Gemälde weisen ihn als Maler aus, der es versteht, auf die Eigenarten unterschiedlicher Meister einzugehen.

Christoph Wetzel ist einem größeren Publikum weit über Sachsen hinaus dadurch bekannt geworden, dass er in den Jahren 2004/05 die Kuppel der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche ausgemalt hat: vier Evangelisten und vier christliche Tugenden in unterschiedlich großen Bildfeldern, dazu acht biblische Szenen in augentäuschender Art, alles orientiert am Vorbild der 1736 entstandenen, seit dem Zweiten Weltkrieg verlorenen und nur im übermalten Zustand fotografisch dokumentierten Originale des venezianischen Malers Giovanni Battista Grone. Die beeindruckenden Nachschöpfungen, eine gewaltige Leistung, haben nicht nur hier, sondern auch in Polen Bewunderung gefunden und zu weiteren großen Aufträgen geführt.

Christoph Wetzel stammt aus einem protestantischen Pfarrhaus; nie hat er diese Herkunft vergessen, die sein Leben prägte. Seit seiner Studienzeit an der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist die Gemäldegalerie Alte Meister von Christoph Wetzel immer wieder besucht worden. Hier hat er sich anregen lassen und hat Vorbilder gefunden: Lucas Cranach und Jacopo de’ Barbari seien besonders genannt, denen er große Bild-Variationen gewidmet hat. Doch die Bewunderung blieb nicht auf diese Künstler beschränkt. Seine erstaunliche Fähigkeit, sich hineinzudenken in alte Meisterwerke, hat immer wieder dazu geführt, dass Kopien bei ihm in Auftrag gegeben wurden, häufig Bildnisse, aber auch wandfüllende Malereien, so für das Fasanenschlösschen in Moritzburg.

Zwischen Erfindung und Nachbildung, zwischen Inspiration und Imitation ist die Malerei von Christoph Wetzel, ist wahrscheinlich alle Kunst angesiedelt, als Zeichen oder Symbol, als Allegorie oder als Abbild — und doch ist Kunst in ihrem Wesen durch solche Feststellungen nicht erklärt. Ahnungen und Hoffnungen, Ängste und Beklemmungen werden ausgelöst — und bisweilen ist es auch Glück, oder sind es Träume, was aus den Bildern spricht. Nicht die Technik und nicht die Malweise erscheinen dabei wichtig, ob Zeichnung, Malerei oder plastisches Bildwerk, sondern wichtig ist für uns allein dieses Erlebnis einer Kunst, die Spiegel der Welt ist — und die neue Welten erschafft in ihren Werken.

Bildnis Harald Marx, 2026
Foto: F. Andert

Er sei vor allem ein Menschenmaler, sagt Christoph Wetzel von sich selbst, und besondere Intensität haben seine Gemälde immer dann, wenn sie direkt vor dem Modell entstanden sind. Man spürt in den Porträts, wie der Künstler dem Gegenüber – bei Selbstbildnissen dem Ich im Spiegel – regelrecht verfällt, allen Nuancen in der Modellierung der Oberfläche und allen noch so feinen Variationen in Farbton und Licht nachspürt. Gleichzeitig aber dringt er vor zu dem, was die Oberfläche nur ahnen lässt oder aber verbirgt: zum Charakter. Ganz besonders trifft das auch auf die Selbstbildnisse zu. Sie offenbaren etwas von der jeweiligen Seelenlage des Künstlers.

Zuerst hatte der 1947 in Berlin geborene Künstler 1965 eine Steinmetzlehre aufgenommen, nebenher auch Abendkurse für Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin Weißensee besucht, wollte er doch ursprünglich Bildhauer werden. An die Dresdner Kunsthochschule ist er 1967 gekommen, hat bei Gerhard Kettner und bei Fritz Eisel studiert, und 1973 hat er sein Diplom als Wand- und Tafelmaler erhalten. Bei dem Künstleranatomen Gottfried Bammes konnte er an der Kunsthochschule, zeitweise als Lehrender, seine Kenntnisse im Aktzeichnen vervollkommnen und weitergeben.

Nach Beendigung des Studiums hat Christoph Wetzel die Beziehung zur Dresdner Gemäldegalerie intensiviert und 1973/74 sogar eine postgraduale Restauratorenausbildung begonnen, dann allerdings abgebrochen, weil er seine schöpferische Tätigkeit als Maler und Zeichner nicht soweit eingeschränkt sehen wollte, wie es die Arbeit als Restaurator mit sich gebracht hätte. Stattdessen war er in den Jahren 1974 bis 1977 durch intensive Lehrtätigkeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden verbunden und von 1982 bis 1986 in solcher Funktion mit der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen.

Der offensichtliche gestalterische Rückbezug vieler Bilder von Christoph Wetzel macht deutlich: Alte Kunst ist Teil seines Lebens, kann ihm den Atem verschlagen und Gegenwart werden, eine künstlerische Welt, die figurativ und gegenständlich bleibt, gebunden an das Sichtbare und Erkennbare: ein Maler in heutiger Zeit — aber innerlich und formal verknüpft mit großen Vorbildern, die ihn beeinflusst und geprägt haben.

Christoph Wetzel malt — und zweifelt, auch an sich selbst, und er ist immer noch auf der Suche nach dem Ort, der seine tatsächliche und seine künstlerische Heimat sein oder werden könnte. Noch ist nichts endgültig, auch in seinem Werk nicht: Weiterhin will er, indem er Äußeres zeigt, auch Inneres sichtbar machen. Das zu vermitteln, dabei soll und kann diese Ausstellung helfen, der ich allen verdienten Erfolg wünsche.

Harald Marx

Der Text ist eine gekürzte Version der Eröffnungsrede von Prof. Dr. Marx am 23. 8. 2026. Die Ausstellung »Dialoge & Kontraste. Menschenbilder von Christoph Wetzel aus fünf Jahrzehnten« läuft noch bis zum 22. November im Bergverwalterhaus und im Lusthaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, Di–So 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen (32 S. mit zahlreichen Abb., 3 Euro).

Editorial 10-26

Das Lügenmuseum schließt Ende September endgültig seine Türen – der Streit ist juristisch entschieden!

Mehr als zwölf Jahre lang war der ungewöhnliche Kunst- und Ausstellungsort in der ehemaligen Gaststätte „Gasthof Serkowitz“ eine feste Größe im kulturellen Leben der Stadt. Nun endet dieses Kapitel – und mit ihm verschwindet ein Ort, der sich allen gewohnten Kategorien entzog.

Als Reinhard und Dorota Zabka 2012 in den damals leerstehenden und zunehmend verfallenden Gasthof an der Kötzschenbrodaer Straße einzogen, war kaum abzusehen, was dort entstehen würde. Aus dem historischen Gebäude wurde ein begehbares Gesamtkunstwerk, irgendwo zwischen Museum, Atelier, Kuriositätenkabinett und kulturellem Experimentierfeld. Der Gasthof erhielt wieder eine öffentliche Nutzung. Besucher aus Radebeul, der Region und weit darüber hinaus kamen, Künstler stellten aus, zahlreiche Veranstaltungen fanden statt.

Was nach dem 30. September mit dem Gebäude und vor allem mit dem gewachsenen Gesamtkunstwerk geschieht, bleibt offen. Zu wünschen bleibt natürlich, dass das Künstlerpaar mit ihrer Kunst vielleicht doch noch eine neue Heimstatt findet.

Von nicht geringerem Interesse ist, was aus dem im Kern von 1337 bestehenden Gasthof mit seinem Ballsaal aus dem späten 19. Jahrhundert werden soll. Hierfür sind kluge Konzepte und solvente Investoren nötig.

Sascha Graedtke
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Lügenmuseum im September 2026, siehe 3. Umschlagseite.

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr


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Aus meinen grafischen
Tagebüchern
Inmitten der Streuobstwiesen in Altkötzschenbroda stand es und „genoß“ die Stimmung zum Herbst- und Weinfest. Zwischen alten Obstbäumen lehnte es , ein Fahrrad mit einer von mir gestalteten Einkaufstüte, so als würde es dem bunten Treiben interessiert folgen und so als fühlte es sich in zwischen all den Bäumen sehr wohl.
Ein wenig habe ich das Bild „manipuliert“, habe die Papiertragetasche mit der stilisierten Silhouette von Altkötzschenbroda etwas hervorgehoben und Fahrrad und Hintergrund leicht „verschwimmen“ lassen.
Die ursprünglich für die Langen Kultur- und Kneipennächte entworfene Grafik war aber auch gut geeignet, um den kleinen Geschäften am Ort ein Werbemittel an die Hand zu geben, das diesen besonderen Stadtteil von Radebeul noch bekannter machen sollte.
Im Sinne des von Dieter Beirich gestalteten Signets der Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda wollte ich ein ähnlich prägnantes Symbol mit hohem Wiedererkennungswert für diesen Ort schaffen.
Die Fotografik, so könnte man noch sagen, zeigt den Moment zwischen Angekommen und Weiterfahren, ein Bild mit Bäumen, Metall und Papier in dem die Zeit kurz innehält.

Matthias Kratschmer

 

Radebeuler Miniaturen

Hoffnungs Los

Ich seh noch die Birke, sagt er auf dem Weg zur Straßenbahn. Ich war ja noch nicht in der Schule damals, aber ich erinnere mich an diesen einen Moment ganz genau. Ich seh die Birken vor mir und höre den Gesang der „Elektrischen“ – klingt ganz anders als heute, manchmal siehst du ja die alten Kisten noch.
Großvater, sagte er, da saßen wir schon in der Bahn nach Norden raus, Großvater behauptete immer, noch Pferdebahnen in Dresden gesehen zu haben. Deshalb fuhren wir mit der „Elektrischen“, wenn wir mit ihm fuhren. Ich denke ja, er kannte die Pferdebahn auch nur noch vom Erzählen, ist ja alles lange her inzwischen, aber dabei gewesen bin ich natürlich auch nicht.
Aber ich war dabei, wenn er vom Krieg erzählte, der Großvater, „anno 16“ ist er ausgezogen, „ins Feld“, wie er sagte. Ich hatte ja keine rechte Vorstellung, was das bedeutete, „ins Feld“. Für mich begann das Feld gleich hinterm Zaun. Der Bauer konnte keine einzige Kartoffel ohne meine Hilfe ernten und keine Kornpuppe aufstellen ohne mich. Das Feld war für mich ein Stück Leben.
Großvaters Feld lag irgendwo weit draußen, hinter geheimnisvollen, fremden Namen, die ich mir nicht merken konnte. Mitten in der Nacht seien sie angekommen, erzählte er immer, und gleich in die Gräben geschickt worden, in denen sie kaum laufen konnten, weil überall Leichen rumlagen. Immer zu den Geburtstagen hat er das erzählt, der Großvater, wenn er die Familie bei Kaffee und Kuchen vollständig um sich versammelt wußte.
Eine Weile ist Schweigen in der Bahn. Seit Kindertagen, sagt er dann, und um die geht es ja heute, sind wir – wenn wir nicht mitm Großvater in der „Elektrischen“ saßen – mit der „8“ gefahren. Das war damals schon die Linie, die zu uns rauf fuhr. Das war gar nicht so einfach, für mich als ein Kind, das grade zählen lernt, das auseinanderzuhalten: 8haben, 8geben, in 8nehmen und dann mit der 8 fahren … Ich wußte nie, wem ich die 8 hätte geben sollen, wenn ich eine gehabt hätte, aber ich sollte ja dauernd 8haben! Mein Vater, fährt er nach einer Weile fort, ist als Kind auch schon mit der „8“ gefahren. Aber vom Krieg hat er wenig erzählt, vermutlich wußte er, warum. Schmerzen hat er gehabt, sein Leben lang Schmerzen, und auf die Ärzte hat er geschimpft, sein Leben lang, die nichts gefunden haben, weil nichts zu finden war – das war der Krieg. Naja.
Inzwischen ist die „8“ schon fast „aus der Stadt“ rausgefahren. Sie hat den ersten Anstieg bewältigt, das (ehemalige, aber heute noch so genannte) Industriegelände passiert, die Eisenbahnbrücke überwunden, quert eben den Heller, um gleich in die Junge Heide einzutauchen. Da packt er mich am Arm und ruft, hier, hier wars …
Die Birken sehen noch fast so aus wie damals. Da sind wir genau so wie wir jetzt aus der Stadt raus gekommen, aber es war eine kaum zu atmende Luft in dem Kasten. Das Geraune, ich hab ja mit meinen grade mal fünf Jahren nicht viel verstanden, ging um die beschlossene oder bevorstehende Einführung der „allgemeinen Wehrpflicht“. Heute würde ich sagen, eine Scheißstimmung war das. Und hier, genau an der Stelle, die ich dir gezeigt habe, da dachte es plötzlich in mir, „BIS ICH SO ALT BIN, IST DAS WIEDER ABGESCHAFFT“.

Es war die größte aller Hoffnungen, die ich je hatte – und sie ist natürlich bitterst enttäuscht worden…
Aber jetzt, sagt er, wie wir aussteigen und die „8“ allein weiterfahren lassen, jetzt müssen wir sehn, daß wir irgendwo ein Bier bekommen, denn, was die Zukunft angeht …

Thomas Gerlach

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

In der Gegend um das Adlergebirge, (Und in dem…) Schneegebirge (…da fließt ein Brünnlein kalt), Heuscheuer-, Reichensteiner-, fast Altvater-, eher fernem Riesengebirge gibt es eine Stelle, da kann man innerhalb eines Spazierganges von zwei Stunden in drei Meere spucken. Irgendwann würden Cuxhaven (Elbe-Nordsee) erreicht, Swinemünde (Oder-Ostsee) und die parlamentarische Unentschlossenheit der Donau mit ihrer Deltamündung ließe die Hoffnung, das Schwarze Meer über den Bosporus ins Mittelmeer zu entlassen. Im Sommer kann es hier tagelang regnen oder es ist bei 20 Grad schon T-Shirt-wechsel-schwül. September und Oktober bieten dagegen oft längere stabile Hochdruckphasen, es ist noch lange hell, lohnt einen Aufbruch. Ich schreibe aus Neustadt an der Mettau/Nove M?sto nad Metují mit Blick auf Altstadtpflaster, Laubengänge und Schloss. Hier herrscht die Prinzessin Ka?enka, der es immer wieder gelingt, dem alten kautzigen Rübezahl die Gewitterwolken zurückzuschieben. Man sagt den beiden sogar eine Romanze nach. Einmal zur „Hölle“ (tsch. Peklo), bitte ich den Taxifahrer. Rückabholung in zwei Stunden. Es handelt sich um eine ehemalige Wassermühle an der Mettau, Holzhäuser mit Volksbemalung, Gastro. Ein schöner Ort. Wanderwege heißen nach Dichtern. Und selbst wenn Sie Božena N?mcová vom 500-Kronen-Schein anlacht, stecken Sie das Buch „Die Großmutter“ ein, bevor sie das „Großmütterchental“ (Filmkulisse!) entlangspazieren. Ein kleiner Grusel zum Abschluss wäre ein Ausflug in die Schädelkapelle, bei Náchod über die polnische Grenze und in Kudowa Zdrój links der Straße. Eine größere Stätte dieser Art ist mir nur aus Kuttenberg/Kutná Hora südlich von Prag bekannt. Sie müssen sich an das Makabre bitte selbst heranrecherchieren.
Im Winterhalbjahr übernimmt die Herrschaft im Adlergebirge übrigens der bärtige Berggeist Rampušák von Ka?enka. Also beeilen Sie sich bitte, um die Prinzessin zu grüßen von ihrem

Tobias Märksch

Glosse

Sklave des Systems?*

Neulich habe ich mal wieder in einer größeren sächsischen Stadt mit der Chefin eines Veranstaltungshauses geplaudert und mich mit ihr über die Probleme des gegenwärtigen Kulturbetriebes ausgetauscht. Neue Technik soll es da richten. Und so nutzen die Leute zwar das eingeführte elektronische Kartenbestellsystem, erzählte sie, aber, mal abgesehen von den ständig auftretenden technischen Pannen, lässt sich eine halbwegs aussagekräftige Besucherplanung damit eben nicht herzaubern. „Mitunter werden die Karten erst kurz vor Vorstellungsbeginn auf dem Weg zum Veranstaltungsort gebucht“, ließ mich die Frau wissen.
Also, langzeitige Planung war gestern! Kurzfristige Entscheidungen sind heutzutage angesagt. „Was weiß ich denn, was ich in einer halben Stunde mache und wo ich da überhaupt bin?“ Ja nicht festlegen, es könnte noch in allerletzter Sekunde ein Anruf über ein verlockenderes „Meeting“ geben. Immer auf dem Sprung! Immer am Ball! Nur nichts verpassen! Dran sein am neuesten Hit!
Natürlich gibt es auch die andere Sorte von Menschen. Unlängst erst scrollte ein neben mir sitzender Unbekannter kurz vor Beginn einer Show alle auf seinem Smartphone gespeicherten privaten Termine für das nächsten halben Jahres herunter und das auch noch seiner Begleiterin lautstark erklärend. Da wird er ganz schön zu tun haben, dachte ich mir. Dazwischenkommen – beispielsweise das Leben – darf da nichts.
Einerseits Planung bis ins Kleinste, andererseits Unverbindlichkeit und Egozentrik! Wie lässt sich da ein verlässliches Miteinander, ein gemeinsames Leben aufbauen? Immer mehr Menschen scheuen vor einer dauerhaften Beziehung zurück. Das Single-Dasein nimmt erschreckend überhand. Fast ein Drittel der Männer unter 30 Jahren wollen aus Bindungsangst allein bleiben, viele auch aus Existenzangst. Ist doch das Leben im Laufe der letzten 30/40 Jahren immer komplizierter geworden. Für alles und jedes gibt es Gesetze, Bestimmungen, Vorschriften, Verordnungen, Maßregeln, Instruktionen, Gebote, Hinweise, Ratgeber … In der Bundesrepublik – bezogen allein auf das Bundesrecht – existierten 2024 1.797 Gesetze und 2.866 Rechtsverordnungen mit insgesamt 96.876 Einzelnormen! Wer hier nicht durchdreht ist selber schuld.
Wie oft bin ich schon an der Bestellung einer Ware im Internet gescheitert, weil es an irgendeiner Stelle nicht weiter ging oder ich bei den vielen Zwischenschritten einen übersehen hatte. Dabei will ich mich nicht einmal über die vielen Nötigungen im Netz oder seitenlangen Fragebögen von Behörden auslassen.
Für Otto-Normalverbraucher ist das Leben einfach zu kompliziert geworden. Der immer stärkere Einsatz von Elektronik im Alltag spaltet auch deshalb die Gesellschaft, weil deren Handhabung angeblich permanent verbessert werden muss. Ständig muss ich wieder verlernen, was ich gerade begriffen habe! Nun ist es schon so weit gekommen, dass den Erwachsenen eine helfende Kraft, z.B. Schüler von Grund- und Mittelschulen, an die Seite gestellt werden muss, damit sie den Alltag bewältigen. Erst kürzlich war der gesamte Text meiner Webseite einfach verschwunden. Ich war völlig hilflos. Zum Glück hatte ich mir schon seit längerem einen Elektronik-Betreuer angelacht, der die Sache mit einem Handgriff erledigte. Er hat‘s mir erklärt: Ich hatte einfach zu wenig nach der Seite geschaut! Unglaublich! Bin ich jetzt schon Sklave des Systems?!
Neulich aber hatte ich doch noch eine kleine Freude erleben dürfen. So war ich zugegen, wie sich der Einlassdienst jenes anfänglich erwähnten Veranstaltungshauses mühte, das elektronische Kartenbestellsystem in den Griff zu bekommen, denn Eintrittskarten im klassischen Sinne gab es ja nicht mehr. Wer seinen Eintritt bezahlt hatte, bekam einen schlichten Kassenbon mit Scan-Code. Dieser wiederrum musste vom Einlass in ein Handy übertragen werden, damit zweifelslos nachgewiesen werden konnte, dass alle Besitzer von Karten auch in der Vorstellung saßen. Natürlich lief das alles andere als zügig ab, da mindestens die Hälfte der Besucher den Kauf ausschließlich über ihr Handy abgewickelt hatte. Über die Frage, wann, wo und unter welchem Begriff man die Daten gespeichert hatte, konnten quälende Minuten vergehen. Als sich letztendlich auch noch das Handy des Einlassdienstes „aufgehängt“ hatte, war die „Butter braun“ und die Besucher stauten sich bis vor die Tür. Da lob ich mir doch den Einlassdienst vergangener Tage, der die Karte entwertete und mir dazu noch ein freundliches Lächeln schenkte, meint

Euer Motzi

* erstellt mit natürlicher Intelligenz

Zur Reihe: Als die Läden noch die Namen von Leuten trugen

Läden meiner Kindheit

Meine Kindheit verlebte ich zusammen mit Eltern und drei jüngeren Geschwistern ab 1960 in Radebeul West auf der Wilhelm-Busch-Strasse. Bei einem großen Haushalt war es für uns Kinder selbstverständlich verschiedene Aufgaben zu übernehmen, um die Mutter zu unterstützen. Dazu zählte auch das Besorgen von Lebensmitteln. Einkaufen war in dieser Zeit völlig anders als heute. Es gab in unserer Nähe mehrere kleine, spezielle Läden. Alle waren gut zu Fuß oder mit unserem Roller zu erreichen.
Gleich rechts um die Ecke auf der Meißner Straße hatte der Schuster Schloms sein Geschäft. Bei einem 6-Personen-Haushalt gab es oft mal kaputte Schuhe zu flicken. Der Laden war klein und eng und es roch immer sehr intensiv nach dem Schuhkleister. Unglaublich, diese Arbeitsbedingungen.
Sehr oft hatten wir auch in dem Laden der drei älteren Schwestern Isaac etwas einzukaufen. Er befand sich an der Meißner Straße, kurz vor der Einfahrt zur Käthe-Kollwitz-Strasse. Das war ein sehr interessanter Laden, mit hohen braunen Holzregalen voller beschrifteter Schubkästen. Auf dem Tresen standen Bonbongläser mit verschiedenen bunten Leckereien, und auch Lackritze war dabei. In meiner Erinnerung war der Laden sehr voll mit den verschiedensten Waren. Das Meiste gab es lose. Die gewünschten Waren wurden abgewogen und in Papiertüten verpackt. Manchmal brachten wir auch unsere eigenen Gefäße und Flaschen mit.
Es war so eine Art „Tante-Emma-Laden“, es gab da fast alles, z.B. Malzbier, Essig, Waschpulver, Gewürze, div. Hygieneartikel. Die Schwestern waren stets freundlich und emsig. Manchmal stellten sie etwas zurück, wenn sie wussten, dass wir das gern kaufen wollten. Auch am Wochenende konnte man, natürlich nur ausnahmsweise, mal bei ihnen klingeln und um etwas bitten, was der Mutter gerade in der Küche fehlte.
Neben der ehemaligen Post gab es viele Jahre ein Fischgeschäft. Dort residierte die Fisch-Regine, eine kräftige, blonde Frau mit weißer Gummischürze. (Leider erinnere ich mich nicht mehr an ihren richtigen Namen.) Solche Fischgeschäfte gibt es heute gar nicht mehr. Am interessantesten für uns Kinder war ein Wasserbecken, in dem Fische herumschwammen. Die Hausfrauen konnten sie ganz frisch erwerben, sofort schlachten lassen oder lebend in einem Eimer nach Hause tragen. Ich erinnere mich, dass manchmal ein Karpfen in unserer Badewanne schwamm.
Brötchen und Brot kauften wir bei der Bäckerei Drechsel auf der Moritzburger Straße (jetzt ist dort ein Immobiliengeschäft). Ganz besonders begehrt waren die Fettbrötchen, Sie hatten eine etwas längliche Form und einen besonders guten Geschmack.
Das Milchholen gehörte auch zu unseren Aufgaben. Der Milchladen war auf der Moritzburger Straße (jetzt ist dort ein Blumenladen). In diesem Laden wirbelte die kleine Frau Gundermann herum. Sie füllte uns mit einem großem Metall-Maß Vollmilch oder Buttermilch aus den großen Milchkannen in unsere kleineren 1-Liter-Alu-Milchkannen. Auch die Kaffeesahne „Immergut“ und gute Butter gab es bei ihr. Anfangs wurden Kaffeesahne und Butter auf einer kleinen, blauen Pappkarte, die wir vorweisen mussten, registriert. Sie waren noch rationiert.
Die volle Milchkanne wurde dann meist an die Lenkstange des Rollers gehängt und ab ging es nach Hause. Wenn wir andere Kinder trafen, machten wir manchmal ein Wettspiel: Deckel ab von der Milchkanne und ganz schnell herumschleudern, es lief i.d.R.! keine Milch aus der Kanne!
Gleich daneben befand sich der Gemüseladen. Rotkraut, Weißkraut, Sauerkraut, Möhren, Äpfel und Kartoffeln kauften wir dort oft. Südfrüchte gab es damals nicht (nur manchmal in der Weihnachtszeit)
Fleisch und Wurst kaufte unsere Mutter selbst beim Fleischer Leschke auf der Moritzburger Straße, jetzt ist dort immer noch ein Fleischwarengeschäft. Manches musste bestellt werden, besonders Fleisch, es gab ja nicht immer alles.
Alle Einkäufe wurden nach Hause getragen, schwere Sachen transportierten wir mit dem sogenannten Rollfix, einem kleinen Handwagen. So war das damals üblich. Manche Leser erinnern sich sicher noch daran.

Barbara Heinrich

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