Engagiert für ein gemeinsames Ziel: Der Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e. V. – wie lange noch?

Es war eine wunderschöne, gut besuchte Bauherrenpreiswanderung am 03.07.2026, die uns vom AWD-Klubhaus mit der größten Sgraffitoarbeit von Hermann Glöckner in Radebeul zu Bauten und Anlagen am Robert Werner Platz, über den Dorfanger „Am Kreis“ in Alt-Radebeul, entlang der Serkowitzer Straße und nach Serkowitz führte. Zu Gebäuden und Plätzen, die preiswürdig und preisgekrönt waren. Knapp 50 Teilnehmer kamen und lauschten gespannt Michael Mitzschke und Harald Borgmann zu den stadtbildprägenden und verborgenen Details und den teils sehr vergnüglichen historischen Fakten und Anekdoten. Es war wieder eine sehr mobile und interessierte Zuhörerschaft dabei und wir hatten einen gemütlichen Ausklang mit vielen belebenden Gesprächen.

Pavillon am Mohrenhaus, Foto: Archiv vfdunb

Und wieder die bange Frage, soll diese Wanderung die letzte gewesen sein? Wieder haben viele ausgedrückt, dass sie das, wie schon bei der letzten Bauherrenpreisverleihung, sehr schade fänden.
Keine Bauherrenpreise, keine Bauherrenpreiswanderungen, keine Rettungen gefährdeter Denkmale, Kleinarchitekturen und Plätze, keine Pflanzaktionen, kein Mitdiskutieren bei der Stadtentwicklung? Ebenso keine Beratungen von Bauherren, von Eigentümern oder Fachvorträge mehr? Von den Exkursionen und Publikationen, dem Tag des offenen Gartens und Ausstellungen hatten wir uns schon verabschieden müssen.

Wer kann das Ansinnen, den „besonderen“ Charakter von Radebeul zu erhalten und zu fördern und somit Heimat zu bewahren, aus der Einwohnerschaft und der interessierten Öffentlichkeit unterstützen, wenn nicht ein Verein wie der unsere? Wie bei vielen anderen Vereinen fehlt auch uns der Nachwuchs, die interessierten, engagierten, ideenreichen und zupackenden Mitstreiter unter 50… 60 Jahren. Wir „Ältergewordenen“ können und wollen noch viel, es entwickelten sich auch an diesem Abend wieder neue Ideen, aber viele und auch unser jetziger Vorstand können es nicht mehr leisten.

Satzungszweck des am 25.2.1993 im Haus Lotter bei Tilo Kempe gegründeten Vereins war und ist die Förderung der Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul, wozu insbesondere die Bewahrung der spezifischen Lößnitzarchitektur im Sinne der Einheit von Architektur und Landschaft zählt. Ein maßgebender Aspekt war die Sorge um den Erhalt der einzelnen Dorfkerne, vor allem von Altkötzschenbroda, welches kurz vor der Friedlichen Revolution dem Abriss entgegensah. Wie der Vereinsname schon anzeigt, verstehen wir den besonderen Charakter Radebeuls aber nicht allein als vergangenheitsbezogen, sondern als eine beständige Herausforderung bei der Sanierung wie auch dem Neubau von Wohn- und Gewerbebauten, der Gestaltung von Ensemblelösungen und dem Umgang mit Freiraum.

Wenn die Gründungsmitglieder unseres Vereins auf 1993 zurückschauen, so sehen sie nicht nur jede Menge – aus heutiger Sicht berechtigten wie auch enttäuschten – Enthusiasmus, sondern auch Frauen und Männer Ende 20 bis Ende 30, die 1993 viele Wünsche bewegten, die auch anderes im Blick hatten als nur den Verein und, nicht alle leben mehr, ihm doch treu geblieben sind, mit ihm älter und vermutlich auch alt werden. Und um das Älterwerden geht es auch bei unserem Verein. Über 30 Jahre, eine ganze Generation hat der Verein gewirkt. Jeder Generation bleibt eigenes Zutun offen und wir hoffen und wünschen uns, dass es auch weiterhin ein breites bürgerschaftliches Engagement geben wird.

Bauherrenpreiswanderung, Dorfanger „Am Kreis“ in Altradebeul, Foto: Archiv vfdunb

Gern würden wir wieder ganz praktisch die Sicherung oder Wiederherstellung eines Platzes (ein offenes, spannendes und visionäres Projekt wäre der Zillerplatz) oder eines Denkmals befördern, so wie wir zur Sanierung des Mohrenhauspavillons dieses Jahr beitragen. Veranstaltungen wie z.B. „Radebeuler Häuser und ihre Bauherren“ warten auf ihre Fortsetzung.

Über die Jahre gerechnet haben wir rund eine Million Euro gesammelt, gespendet, beigetragen – Geld, welches direkt unserer Stadt sichtbar zufließt. Das Wenigste können wir allein, aber eine unserer entscheidenden Funktionen ist es anzustoßen, zu bündeln, zu transportieren und gemeinsam mit weiteren Interessensgruppen oder einzelnen Personen Maßnahmen umzusetzen bzw. Themen auf die kommunalpolitische Agenda zu heben. Und zwar ohne parteipolitische bzw. interessenspolitische Fixierung, sondern nur mit unserem Satzungsanspruch: Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul.

Wesentliches Anliegen unseres Vereins war es von Beginn an, nicht nur kritisch dem Baugeschehen gegenüberzustehen und auf Defizite aufmerksam zu machen, Lösungen von Politik und Verwaltung einzufordern, sondern selbst mit gutem Beispiel voranzugehen und sozusagen stilbildend zu wirken; durch das Hervorheben und Begründen des mehrheitlich als schön empfunden gemeinsam mit Eigentümern auf andere Bauherren auszustrahlen. Wichtig ist und bleibt aus unserer Sicht die Sensibilisierung für das Schöne, für den besonderen Charakter und damit die kulturell-ästhetische Ansprache des Bauwilligen. Wir sollten immer wieder zeigen, auf welchen (europäischen) kulturellen, architektonischen und künstlerischen Voraussetzungen unser gebautes Erbe bis hin zu seiner Zeichensprache in Schmuck und Form beruht und das dieses Erbe einen jahrtausendalten Zusammenhang widerspiegelt, der für unser Wertebewusstsein Messlatte sein sollte. Es gilt eben nicht, in vollständiger Freiheit nur Wohnraum zu schaffen, Zuzug von Steuerzahlern zu ermöglichen – sondern es gilt, mit alten und neuen Einwohnern eine Stadt abendländischer Kultur weiterzubauen, die so nur hier denkbar ist, nicht beliebig auswechselbar. In Radebeul wird zweifellos charaktervoll gebaut und sich oftmals zugleich am Anspruch „Radebeul“ versündigt; mit gesichts- weil einfallslosen Neubauten und der fortlaufenden Parzellierung bauen sich Neueigentümer das weg, weshalb sie nach Radebeul gezogen sind. Die wachsende Besorgnis, universelle Bauten in den Stadtraum hineingestellt zu bekommen anstelle von solchen, die städtische Identitäten aufnehmen und eine Auseinandersetzung mit dem spezifischen Ort erkennen lassen, führte zu vielfältigen Diskussionen.

Ein zentrales Unterfangen dabei war der seit 1997 verliehene Bauherrenpreis der Großen Kreisstadt Radebeul, den wir gemeinsam mit der Stadtverwaltung ins Leben gerufen und bis 2025 zum 20. Mal verliehen haben. Mittlerweile konnten ca. 100 Plaketten überreicht und an den Häusern befestigt werden.

Selbst gestalterisch aktiv zu werden, war von Beginn an Anliegen des Vereins. Bleibend identifiziert er sich, schon auf seinem Logo zu erkennen, durch den Treppeneinbau in den Bismarckturm. Der 1913 geplante Einbau einer Treppe scheiterte aus finanziellen Gründen. Wir wollten mit unserem Vorhaben unser Bau-Erbe pflegen und mit Eigenem bereichern – und sahen uns in dieser Idee durch den provisorischen Treppeneinbau 2007 dazu auf dem richtigen Weg. Damals kamen in nur vier Wochen über 1.000 Besucher, um einen Blick von der Turmkrone in das Elbtal zu werfen. Wenig später begann die Werbeaktion, die wir im Jahr 2019 mit ca. 300.000 Euro, ohne öffentliche Mittel!, erfolgreich abschließen konnten. Am 8. September 2019 fand die feierliche Eröffnung statt. Seitdem kann der Turm von April bis Oktober bestiegen und eine grandiose Aussicht über Dresden, Cossebaude, Radebeul, Coswig bis zum Schloss Moritzburg entschädigt für die Mühen des Aufstiegs.

Der Architekturkritiker Wolfgang Kil aus Berlin schrieb uns am 1. März anlässlich unserer 20 Jahrfeier ins Stammbuch: „Wer sich durch einfachen pfleglichen Gebrauch in seinem überkommenen baukulturellen Bestand – egal, aus welcher Epoche – heimisch fühlt, der widersteht womöglich der Versuchung, sich darüber hinaus noch mit Bildern einer nachgemachten (oder schlimmer noch: einer frei erfundenen) Historientümelei zu umgeben. Will sagen: Wo der Umgang mit der Tradition selbstverständlich ist, zum Alltag gehört, da wachsen vielleicht auch sicheres Gespür und größere Lust, auch Neues zu wagen. Nicht um das Alte blindlings zu revidieren oder zu übertrumpfen, sondern schlicht, um die Annalen dieses Ortes auch mit Eintragungen aus unserer Lebenszeit zu bereichern.“

Dieser Blick in die Geschichte weist zugleich darauf hin, dass wir, ob in Radebeul oder anderswo, immer eingebettet in die regionale Vergangenheit leben, sie kennen und auch aus ihr schöpfen sollten. Hilfsmittel dazu sind u.a. Zeitzeugen, Rituale, Jahrestage, Namensgebungen, Markenzeichen, Steine/Tafeln, Denkmale, Tagebücher, Museen, Archive, oder Preise. So war und ist es dem Verein auch ein stetes Anliegen, auf die „kleine“ Denkmallandschaft zu achten und hier zur Sanierung oder überhaupt erst wieder zur Sichtbarmachung beizutragen, so z.B.:

  • begonnen mit der im Boden eingelassenen Tafel zum Vorfrieden des Westfälischen Friedens an der Friedenskirche in Altkötzschenbroda,
  • Sanierung der historisch bedeutsamen Figurengruppe Chronos und die Trauernde,
  • Pavillon an der Spitzhaustreppe
  • Weiberstein bei Serkowitz
  • Heimkehrerstein bei Altradebeul
  • Wendeskulptur vor der Landesbühne
  • eine Beschilderung historischer Plätze und städtebaulicher Anlagen (Villenkolonie Altfriedstein)
  • Vergoldung des Schriftzuges am Weinberg „Zum Goldenen Wagen“

Aktuelles Projekt des Vereins ist die Sicherung und Restaurierung des Pavillons im Mohrenhauspark, welches insbesondere Robert Bialek kraftvoll antreibt. Das seit alten Zeiten „Mohrenhaus“ genannte Märchenschloss in Radebeul ist mit seinem Park sowie dem achteckigen Pavillon ein Kleinod in der Radebeuler Kulturlandschaft. Auf den Weg gebracht sind nunmehr die Restaurierung der gusseisernen Stützen und Tudorbögen, die Sanierung des Sockels und der Stufen, der Innen- und Außenputz, die Reparatur des Fußbodens, die befundgerechte Rekonstruktion des Gipsstucks in und unter der Kuppel. Offen ist noch die Fertigung und Montage von Ziergittern.

Nicht nur durch uns, aber eben auch durch unser Einbringen, nutzt die Stadt mittlerweile viele Instrumente des Baurechts: Bebauungspläne (vorhabenbezogene Bebauungspläne sehen wir kritisch), Denkmalschutzsatzungen, Gestaltungssatzungen, Erhaltungssatzungen, Gestaltungsfibeln usw.. Nicht zuletzt hat auch der Bauherrenpreis hierzu entscheidend mit beigetragen. Ein großer Gewinn, auf den sich am Ende eines langen Diskussionsprozesses alle Teilnehmer wie Verein, Stadtrat und Verwaltung gleichermaßen einigten, war die Entscheidung, ein Gestaltungsforum einzurichten, in dem der Verein zwei Mitglieder bzw. sachkundige Bürger stellt.

Zusammengefasst versteht sich der Verein als Podium für Fragen von Städtebau, Denkmalschutz und Stadtkultur; er bringt sich als anerkannter Träger öffentlicher Belange auch aktiv in die Stadtpolitik ein. Wir können in unserer über 30-jährigen Bilanz wohl doch darauf verweisen, Bausünden verhindert und Vieles verbessert zu haben. Insbesondere sehen wir ein wachsendes Gefühl im Baugeschehen für die Verantwortung vor Radebeul. Dem muss auch die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen im Alltag nachkommen, ein freiwilliges Zurücktreten hinter eigene Ansprüche zugunsten der Allgemeinheit. Wir brauchen, und mahnen dies an, Selbstbegrenzung und das Einhalten von allgemeinverbindlichen weil sinnvollen Regeln, mehr Sinn für das Schöne an sich als maximalen Gewinn. Dies verneint ausdrücklich nicht den grundlegenden Anspruch auf das Bauen, hergeleitet aus dem Schutz des Eigentums. Es gilt, den „besonderen Charakter Radebeuls“ gemeinsam zu erkunden und weiterzuentwickeln ohne charakterlos zu werden. Mit etwas gutem Willen und Verständnis des Ortes wird dieses Unterfangen kein Buch mit sieben Siegeln bleiben und über 30 Jahre Vereinsengagement sind nicht in den Sand geschrieben.

Wir hoffen nicht mit leisem Bedauern sagen zu müssen: „eine Ära geht zu Ende“. Wir wollen unsere Erfahrungen und unseren Enthusiasmus gern an die nächste Generation weitergeben.

Jens Baumann und Grit Heinrich

660 Jahre Zitzschewig:

Ein ganzes Dorf feiert seine Geschichte

Einem der charmantesten Ortsteile Radebeuls steht ein besonderes Festwochenende bevor. Am 29. und 30. August 2026 feiert Zitzschewig das 660-jährige Jubiläum seiner Ersterwähnung. Ein historischer Meilenstein, der nicht nur die lange Tradition des Weinbaus in unserer Region widerspiegelt, sondern auch die lebendige Gemeinschaft, die diesen Ort bis heute prägt.

»Radebeuler Begegnungen« von Serkowitz nach Zitzschewig, Begrüßung der Ankömmlinge durch Jörg Tretner, 2009, Foto: K. Baum

Der Ursprung der Feierlichkeiten liegt weit zurück im Spätmittelalter. Es ist der 12. Juni 1366, als eine Urkunde ausgestellt wird, die Zitzschewig erstmals offiziell unter dem Namen Czuzkowicz erwähnt. In diesem historischen Dokument beurkundet das Domkapitel Meißen eine fromme Stiftung: Der Domherr Konrad Pruse bestimmte jährlich vier Schillinge Meißener Groschen für das Gedächtnis und das Fest des heiligen Bischofs Benno. Das Spannende daran ist die Quelle dieses Geldes: Die Summe stammte direkt aus den Zinseinnahmen eines Weinbergs „hinter Zitzschewig“. Damit liefert die Urkunde nicht nur den Altersnachweis für das Dorf, sondern belegt Schwarz auf Weiß, dass der Weinbau hier schon vor 660 Jahren eine tragende wirtschaftliche und kulturelle Rolle spielte.

Das Jubiläumswochenende lädt dazu ein, den historischen Kern des ehemaligen Rundlingsdorfes neu zu entdecken. Das Besondere: Viele Höfe öffnen ihre Pforten und gewähren den Besuchern Einblicke hinter die Kulissen. Wo sonst Privatsphäre herrscht, zieht an diesem Wochenende Geselligkeit ein. Die Eigentümer empfangen die Gäste mit offenen Armen, schenken regionale und überregionale Weine aus und bieten kleine, feine lukullische Spezialitäten an. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, bei Speis und Trank miteinander ins Gespräch zu kommen, die vielfältige Architektur des historischen Dorfangers zu bewundern und das einzigartige Flair von Zitzschewig zu genießen.

Das Herz des Festes schlägt auf dem Dorfanger. Gemeinsam wurde hier von den Bewohnerinnen und Bewohnern ein abwechslungsreiches Kulturprogramm auf die Beine gestellt, das Generationen verbindet. Der Startschuss fällt am Sonnabend um 12 Uhr mit einer Eröffnungszeremonie, wobei vor allem auch die Ersterwähnungsurkunde präsentiert wird. Anschließend gehört die Bühne dem Nachwuchs und den lokalen Talenten. Die „Dorfplatzkinder“ führen ein selbstinszeniertes Theaterstück auf, und der Hort Naundorf sorgt mit seiner Line-Dance-Gruppe für Schwung. Weitere Programmpunkte werden vor Ort angekündigt. Am Samstag sind u. a. ab 15 Uhr der Posaunenchor und ab 20 Uhr die „Fiatelle Blaskapelle“ mit von der Partie. Weiter geht es dann am Sonntag um 12 Uhr mit einem gemeinsamen Volksliedersingen und ab 15 Uhr versetzt die Bigband des Gymnasiums Coswig die Festbesucher in heitere Stimmung.

Wer auf der Suche nach Schnäppchen oder Kuriositäten ist, sollte die Versteigerung von Krimskrams aller Art, auf keinen Fall verpassen. Und wenn es am Sonntag abendlich wird, klingt das Fest in gemütlicher Atmosphäre und bei guten Gesprächen am Lagerfeuer aus.

Der Eintritt ist frei. Ein Spendenhut für die Künstler steht bereit. Die Zitzschewiger freuen sich auf die Begegnung mit Gästen aus den anderen Radebeuler Ursprungsgemeinden sowie der näheren und weiteren Umgebung. Die Anreise empfiehlt sich mit S-Bahn, Straßenbahn, Fahrrad oder zu Fuß.

Jörg Tretner

Ein Lebenswerk in der Nussschale

Skulpturen, Porzellanobjekte, Zeichnungen und mehr von Wolf-Eike Kuntsche in der Hoflößnitz

Foto: S.Graedtke

Anlässlich seines 85. Geburtstages am 4. Juli zeigt das Weinbaumuseum Hoflößnitz noch bis Mitte August eine Retrospektive mit Arbeiten des Radebeuler Bildhauers und Medailleurs Wolf-Eike Kuntsche. In ihren Worten zur Ausstellungseröffnung am 28. Juni, dem wohl heißesten Tag des Jahres, lud Dr. Ingrid Koch die Anwesenden zu einem sachkundig moderierten virtuellen Spaziergang ein, zunächst durch Dresden. Von Kuntsches Großplastik „Völkerfreundschaft“ (1986) auf der Prager Straße führte der Weg dabei über seine anspielungsreichen Denkmäler für Caspar David Friedrich auf der Brühlschen Terrasse (1988/1990) und für die Familie Körner und ihren Kreis (1985/1987) auf der Neustädter Seite am Bellevue bis hin zu seinem ebenfalls stilllebenhaften Erich-Kästner-Denkmal am Albertplatz. Durch die geschickte Auswahl und Komposition der Versatzstücke, aus denen diese Personendenkmäler zusammengefügt sind, entstehe ein schärferes Bild der jeweils geehrten Persönlichkeit, als es ein konventionelles Porträtbildnis wohl ergeben hätte.

Foto: F.Andert

In Radebeul wurden sodann Kuntsches 1987 im Außenraum des Gymnasiums Luisenstifts an der Zillerstraße aufgestellte stählerne Weintraube und sein Beitrag zum Skulpturenwald an den Landesbühnen („Quintett“, 2009) im Geiste besichtigt. Resümierend stellte Frau Koch fest, dass all diese Plastiken „völlig zeitunabhängig, zeitübergreifend, ja zeitlos“ seien. Und dieses Freisein von vordergründiger Zeitbezogenheit erstrecke sich auf Kuntsches gesamtes Schaffen, das in den letzten Jahrzehnten überwiegend von Plaketten, Medaillen und Kleinplastiken bestimmt war, „oft eine Art Monument im Kleinen“.

„Sehr inspirierend und zugleich erfolgreich verliefen für ihn seit 1980 die Teilnahmen an Symposien und Wettbewerben in Ungarn und Bulgarien. Mehrfach war er Preisträger des Internationalen Symposiums für Medaillenkunst und Kleinplastik in Ungarn (Nyregynaza). 1987 erhielt er in Grabovo (Bulgarien) den Grand Prix für Plastik der VIII. Internationalen Biennale des Humors und Satire. 1988 war er Sieger des 1. Nationalen Medaillenwettbewerbs in der DDR zum Thema Natur und Umwelt und 1989 – da wendeten sich schon die Zeiten – Gewinner des Bürgerpreises der IV. Triennale Kleinplastik in Fellbach.“ Modelle einiger der preisgekrönten Arbeiten sind in der Ausstellung zu sehen. Auch der Wolf-Eike Kuntsche 2004 verliehene Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul blieb nicht unerwähnt.

Foto: F.Andert

Seine oft verschmitzt doppelbödigen Plastiken handelten allesamt „vom Menschen, den Bedingungen seiner Existenz, den Künstler eingeschlossen. Und gerade auch in den kleinformatigen Arbeiten wird dies deutlich – etwa den hier ausgestellten Masken, von denen eine unmittelbar 1986 entstand, im Jahr der Katastrophe in Tschernobyl.“

Es sei, schloss Frau Dr. Koch ihre Würdigung, „wirklich erstaunlich, wie hier, in diesen recht kleinen Räumen, letztlich ein ganzes Lebenswerk sichtbar gemacht werden kann – natürlich auch dank der Fotografie. Zu diesem Lebenswerk gehören nicht zuletzt die Ergebnisse eines 2002 veranstalteten Symposiums in der dazumal noch bestehenden Dresdner Porzellanmanufaktur mit Sitz in Freital. Man kann eine Porzellanwurst bewundern und Handwerkszeug aus Porzellan. Vor allem aber fallen die papierfeinen Objekte ins Auge, die wirklich ihresgleichen suchen.“

Frank Andert
__________
Die Ausstellung ist noch bis 16. August täglich außer montags im Bergverwalterhaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.

s.a.: Zwischen Miniatur und Monument

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

seit einigen Jahren ist es Tradition geworden, dass wir von Vorschau & Rückblick im Rahmen unserer Jahresveranstaltung gemeinsam mit Ihnen ein besonderes kulturelles Ereignis erleben. So fanden unter anderem heitere Lesungen mit den Dichtern Thomas Rosenlöcher und Michael Wüstefeld statt. Zudem durften wir den Liedermacher Stephan Krawczyk zu einem wunderbaren Konzert in Radebeul begrüßen.

Der Monat August steht nun wieder ganz im Zeichen unserer eigenen Sache!

Es ist uns eine große Freude, Thomas Bille & Julia Siebenschuh am 14. August zu einer ganz besonderen Lesung im Weingut Karl Friedrich Aust willkommen heißen zu dürfen.

Julia Siebenschuh gehört seit vielen Jahren zum festen Schauspielensemble des Harztheaters Quedlinburg/Halberstadt. Neben ihrem facettenreichen Bühnenrepertoire, hat sie sich auch mit eigenen Lesungen und musikalischen Programmen einen Namen gemacht.

Thomas Bille prägt seit den Nachwendejahren als Moderator mit seiner Stimme und Persönlichkeit maßgeblich das Profil von MDR Kultur. Darüber hinaus ist er einem breiten Publikum durch die Kultursendung „artour“ im MDR-Fernsehen sowie als Gastgeber der „Leipziger Gespräche“ bekannt.

Gemeinsam widmen sich beide in einer dialogischen Lesung der Lyrikerin Mascha Kaléko (1907–1975) und dem Dichter Rainer Maria Rilke (1875–1926) – zwei Persönlichkeiten, die sich vermutlich nie begegnet sind und doch viel miteinander zu besprechen hätten.

Wir sind gespannt, freuen uns auf Ihr Kommen und ein Beisammensein im Anschluss der Lesung.

Sascha Graedtke

Zur Titelbildserie

Aus meinen grafischen Tagebüchern
Die schwarz-weiße Grafik zeigt eine abstrakte, collageartige Szene mit einer angedeuteten Frau im linken Bildbereich. Ihr Gesicht ist nur teilweise erkennbar, sie trägt eine große Sonnenbrille, die ihr einen geheimnisvollen und modernen Ausdruck verleihen soll. Mit etwas Phantasie könnte man links unterhalb des angedeuteten Gesichts der Frau das Auftauchen eines Wales vermuten.
Für mich lebt das Bild vom Zusammenspiel aus Abstraktion und Emotion. Die Figur bleibt anonym und geheimnisvoll, während die Umgebung fast wie ein Spiegel innerer Zustände wirkt – unruhig, vielschichtig und gleichzeitig voller stiller Momente.
Die starken Kontraste, rauen Strukturen und gebrochenen Linien deuten Spuren von Vergänglichkeit an. Die unterschiedlichen Muster und Schichten, strukturierte Flächen, Linienmuster und graue Farbverläufe erinnern an verwitterte Mauern, Papiercollagen oder urbane Graffiti und dann noch, ziemlich unrealistisch, auf die weite Welt der Meere durch den angedeuteten Wal.
Mit den schwarzen Linien die die einzelnen Formen voneinander trennen wollte ich und dem Bild Dynamik und Tiefe verleihen.

Matthias Kratschmer

Mit Felix Meyer poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Empathie

In jenen Jahren hoffnungsvollen Neubeginns hatte ich das Vergnügen, so manche Mittagsstunde in einer ebenso hoffnungsvollen Gastwirtschaft verträumen zu können. Während noch die Sonne die Hauswand wärmte, fand ich meist Tisch und Stuhl unterm Fenster an der Straße, zog sich der Himmel zu, gabs im Innern ein zu dieser Stunde stilles Plätzchen.
Für den Wirt begann erst der Tag, die Gäste fanden sich zögerlich ein, und oft genug hatten wir Beide eine schöne Stunde ruhigen Einvernehmens. Da gab dann ein Wort das andere – mehr als diese beiden brauchten wir nicht, eine stille aber heitere Freundschaft wachsen zu lassen. Unsere Haltungen allem Leben gegenüber waren ähnlich genug. So war er etwa, wie er mit einer Prise Selbstironie bemerkte, ganz stolz darauf, durch seine Fähigkeit, Zahlen im Kopf addieren zu können, mindestens schon einen halben Baum eingespart zu haben. Was brauchts da noch Worte …

Eines grauen Herbsttages aber saß, als ich kam, schon eine Dame am Tresen. Sie blätterte eifrig in Papieren und Prospekten, und wurde nicht müde, auf den armen Gastwirt einzureden, ohne freilich auf dessen zunehmende Einsilbigkeit zu reagieren.
Ganz dem Spiel der von Ewigkeit zu Ewigkeit hin aufsteigenden Gasbläschen in meinem Glase hingegeben, war ich doch recht bald im Bilde: Die Dame war hoffnungsvoll jung und voller Elan. Sie hatte Angebote zu unterbreiten, Vorschläge zu machen, Prospekte zu präsentieren, die wie die scheinbar aus dem Nichts aufsteigenden Bläschen in meinem Glas, aus ihrem wichtigen Koffer quollen. Ich hörte Worte wie … Einbruch … Quadratmeter … Diebstahl … Sicherheit … es ging also um Versicherungen. Die Vertreterin war offenbar neu im Geschäft und spürbar bemüht, das in der letzten Schulung Gelernte wortgetreu an den Gastwirt zu bringen.

Mein Freund konnte seine Sympathie zu dem Menschenkind nicht verhehlen. Ihre Jugend und ihr Eifer rührten ihn. Doch grad das brachte ihn zunehmend in Bedrängnis. Ich sah, daß er die Versicherung, die sie für ihn ausfüllte, nicht wollte. Und ich sah auch, wie er sich vor dem Moment der Offenbarung fürchtete. Er bereitete nicht gern Enttäuschungen, doch er wußte, es würde nicht ohne gehen.
Ja, sagte sie nun, da hätten wirs schon – sie erläuterte noch einmal kurz die Striche und Kreuze – Sie brauchen nur noch hier zu unterschreiben.
Der Wirt holte zwei Tassen Kaffee, schob die eine zu ihr hin und sagte, liebe Dame, sagte er, große Nationen sind an ihrem Sicherheitsbedürfnis zugrunde gegangen.

Sie war sprachlos. Ich spürte, daß er sie am liebsten väterlich-tröstend in den Arm genommen hätte. Aber sie brauchte nicht seinen Trost, sondern seine Unterschrift.
Als mein Stündlein schlug, saß sie noch immer wie verloren vor ihrem Kaffee.
Ich hab Sie ja bewundert, sagte ich im Hinausgehen zu meinem Freund, ich hätte nicht an Ihrer Stelle sein wollen.
Sie tut mir ja leid, sagte er, aber ich kann doch nicht aus lauter Mitgefühl jede Woche einen neuen Staubsauger kaufen …

Thomas Gerlach

Eckhouts brasilianische Vögel an einer sächsischen Decke

Wer im Vatikan in der Sixtinischen Kapelle steht, schaut gebannt nach oben und verliert sich in Michelangelos Weltenschöpfung. Wer sich hingegen bei den gegenwärtigen Sprit- und Flugpreisen nicht auf den Weg nach Rom machen möchte, kann einfach im Schloss Hoflößnitz in den Festsaal treten und dort ebenfalls den Kopf in den Nacken legen – kein Michelangelo, gewiss, aber ein echter Eckhout. Genauer gesagt: viele Eckhouts. Eine ganze Schar südamerikanischer Vögel, die seit dem 17. Jahrhundert über Sachsen kreist, ohne je müde zu werden.Ob ihr Schöpfer selbst ein „bunter Vogel“ war, verschweigen die Quellen höflich.
Albert Eckhout wird um 1607 in Groningen geboren und stirbt Ende 1665 oder Anfang 1666 auch dort – ein Leben, das geografisch im Kreis endet, aber einmal über den Atlantik und wieder zurückführt. Über seine Lehrjahre weiß man wenig; sicher ist nur, dass er zu gut malte, um ein Zufallstalent zu sein, und zu neugierig war, um brav im Atelier zu bleiben und Tulpen abzumalen. Dabei wäre das damals durchaus ein solides Geschäftsmodell gewesen: In den frühen 1630er Jahren wurden Tulpenzwiebeln so heiß gehandelt, dass einzelne Knollen den Wert eines Grachtenhauses erreichten. Eckhout war jung genug, um den Rausch mitzuerleben, und klug genug, sich nicht für eine angeblich nachtschwarze Zwiebel zu verschulden, die im Frühjahr dann doch nur gelb geblüht hätte.
Irgendwann beschließt er, dass die Welt größer ist als Holland – und dass er sie zeichnen möchte. In den 1630er Jahren reist er nach Nordostbrasilien, in das Herrschaftsgebiet des Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen, der aus dem Zuckerrohr nicht nur Rum, sondern auch Ruhm gewinnen wollte. Nassau-Siegen hatte früh verstanden, dass Kolonialmacht nicht nur aus Kanonen besteht, sondern auch aus Dokumentation: Man muss zeigen können, was man besitzt – und sei es auf Leinwand. Also holt er sich Eckhout als malenden Naturkundler und Ethnografen.
Eckhout streift fortan durch Mangrovensümpfe und Plantagen. Er porträtiert Menschen, Früchte, Pflanzen und Tiere in oft monumentalen, fast katalogartigen Bildern. Seine Vögel, die später in Radebeul an den Decken hängen, beginnen als Studien in einer Welt aus Hitze, Insekten und Regenwald. Mehr als tausend Skizzen, Zeichnungen und Ölgemälde entstehen. Der „Brasilianer“, wie man Graf Johann Moritz später nannte, hatte mit diesen Bildern noch anderes vor, als sie nur an die eigenen Wände zu hängen. 1652 verschenkte er einen ganzen Schwung Tropenstudien an seinen Vetter, den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Dessen Leibarzt Christian Mentzel machte daraus das mehrbändige Theatrum rerum naturalium Brasiliae – ein großformatiges Naturtheater auf Papier. Viele jener Vögel, die wir heute in Hoflößnitz sehen, treten dort bereits auf.
Die Tropen landeten schließlich als sieben dicke Folianten in der Preußischen Staatsbibliothek unter dem gelehrten Namen Libri Picturati A 32–38. Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, galten sie lange als verschollen – bis man Jahrzehnte später feststellte, dass sie keineswegs verschwunden, sondern lediglich nach Krakau „davongeflogen“ waren, in die Jagiellonische Bibliothek. Ein brasilianischer Farbtupfer auch als Zeichen des hoffentlich schlechten Gewissens im polnischen Bücherhimmel.
1644 kehrt Eckhout nach Holland zurück, bringt seine tropische Bilderbeute mit, heiratet, zieht nach Amersfoort – kurz: Er versucht, wieder ein sesshaftes Künstlerleben zu führen. Seine Brasilienbilder zirkulieren, werden gesammelt, verschenkt, bestaunt; ein großer Teil gelangt schließlich in das dänische Königshaus. Die berühmten Porträts und Stillleben hängen heute im Nationalmuseum in Kopenhagen, weitere Werke im Mauritshuis in Den Haag.
Doch 1653 ruft ihn ein neuer Auftrag: Der sächsische Kurfürst Johann Georg II. will ihn in Dresden haben. Wer Tropenbilder liefern kann, ist in einer Zeit, in der Wunderkammern boomen und Exotik zur Währung wird, ein gefragter Mann. Eckhout zieht nach Sachsen, arbeitet rund ein Jahrzehnt für den Hof und malt in dieser Zeit jene Deckenbilder mit brasilianischen Vögeln. Seine Skizzen und Ölstudien dienen ihm als Vorlagen, um in Sachsen Decken und Wände mit exotischer Fauna zu bevölkern. In Hoflößnitz verewigt er rund 80 brasilianische Vögel. Die Aktenlage zur Mitarbeit ist lückenhaft, aber die stilistische Einheit legt nahe, dass Eckhout selbst konzipiert und wohl auch den Löwenanteil der Ausführung übernommen hat.
Er malt die Vögel auf einzelne Leinwände und lässt sie dann mit Leisten an der Decke anbringen. Offensichtlich hatte er auch schon mal alleine eine Decke tapezieren müssen.
Einer der ersten Vögel, die den Blick fesseln, ist ein großer Papagei seitlich auf einem Ast: Kopf hell, fast weißlich, Körper in intensivem Scharlachrot, das nach unten in einen goldgelben Gürtel und schließlich in dunkle, blaugrünliche Flügel übergeht. Die langen Schwanzfedern beginnen rötlich und laufen in Rot- und Blautönen aus. Oben rechts steht in kräftigem Rot „ARARA“. Dieser Papagei ist nicht einfach ein Vogel – er ist eine kleine tropische Majestät, die damals über einem sächsischen Kurfürsten schwebte und heute noch so tut, als sei das die natürlichste Sache der Welt. Zwischen den lauten Stars der Decke gibt es leisere Gestalten: einen Vogel, den wir heute vermutlich als Ameisenwürger identifizieren würden – im tropischen Ökosystem der stille Angestellte, der die kleinen Dinge erledigt. Im Festsaal jedoch wirkt er fast wie ein kleiner Hochstapler, als hätte er sich, eigentlich ein Gärtner, in einen ballsaaltauglichen Smoking gezwängt. Eindrucksvoll auch ein einzelner Scharlachsichler im Hochformat, elegant und irgendwie ein wenig arrogant, auf zwei dünnen rosafarbenen Beinen über einem grün-braunen Uferhügel. Körper, Hals und Kopf leuchten in warmen Scharlach- und Lachsrosa-Tönen, am Flügel ein heller Bereich mit fast schwarzer Spitze. Der lange, sichelförmig nach unten gebogene Schnabel ist tief dunkel und kontrastiert mit dem hellen Kopf. Links oben steht in roten Großbuchstaben „GVARA“ (hab ich vergessen einzufügen, sorry).
Wer selbst mal zum Eckhout werden will, kann die Beschreibung nutzen, um die drei Bilder auszumalen:

Zeitgenössische Beschreibungen sprechen von „tropischen Pfauen“ und „brasilianischen Papageien“. Gemeint sind Trogone, Aras und andere spektakuläre Arten – alles, was bunt ist und einen halbwegs eindrucksvollen Schwanz trägt, wird zum „Pfau“, so wie alles Fremde schnell zum „Wunder“ wird, sobald es in der Nähe eines Throns auftaucht.
Ideengeschichtlich steckt hier ein größerer Anspruch: Der Saal inszeniert eine zweite Schöpfung. Gott hat die Vögel gemacht, aber der Kurfürst hat sie in seiner Kassettendecke sortiert. Der exotische Pfau braucht keinen Hof – der Hof braucht den Pfau, um sich selbst zu (v)erklären.
Alle diese Vögel existieren an der Saaldecke gleichzeitig als naturhistorische Notiz und als dekorative Kunst. Die Hoflößnitz ist aber keine gemalte Voliere: Auch in den kurfürstlichen Nebengemächern im Obergeschoss tauchen exotische Tiere, heimische Arten, Hunde, Weinranken und Blumen auf – höfische Selbstinszenierung im Bund mit Naturbeobachtung.
Ein Besuch im Schloss Hoflößnitz ist lehrreich, weil man schon in diesem einen Saal sehen kann, wie eng im 17. Jahrhundert Kunst, Naturkunde und Machtdemonstration ineinandergreifen. Und angenehm ist er außerdem, weil man nach all diesen Eindrücken unter den Kastanien im Hof noch entspannt einen guten Wein trinken kann. Also unbedingt mal wieder hingehen.

Volker Rönsch

Korrespondenz aus einer Nachbargemeinde

Bis zum 1. November dreht ein Wanderbus samt Anhänger (für max. 16 Räder) am Wochenende und an sächsischen Feiertagen fünfmal täglich eine Runde durch Böhmen. Von Pirna/ZOB Steig 9 geht es in Bahratal über die Grenze, bevor an mehreren Stellen in Petrovice/Peterswald, Tisá/Tyssa und Sn?žník/Schneeberg ausgestiegen werden kann, zurück über Rosenthal nach Königstein und genauso in die andere Richtung. Anschluss zur S 1. Zuzüglich zum VVO- oder D-Ticket kauft man beim Fahrer eine Tísa-Tageskarte (Einzelpreis € 2). Landschaften und Aussichten sind fantastisch. Ich habe eine ältere Dame getroffen, die nutzte die Linie für ihre Sonntagsausfahrt. Zielgruppe sind aber Wanderer, Radler, Geschichtsfans, Liebhaber böhmischer Restaurants…oder bitte, wer meinen Anteil an Zigaretten mitrauchen will: „Hier ham se den!“
Ein paar Beispiele für lohnende Ziele. Die Felsenstadt der Tyssaer Wände mit ihren skurrilen Gebilden begeistert selbst Kinder im lauffaulen Alter. Der D??ínsky Sn?žník/Tetschener Schneeberg mit Hotel, Imbissbude und einem besteigbaren Turm (man sieht sogar, bei sehr guter Fernsicht, den Berg vom Blauen Wunder als eine Art Riegel in der Landschaft!) bietet Aussichten bis zum Jeschken, Milleschauer, ja, man sieht sogar die TV-Türme von Wachwitz und Ústí n.l./Aussig. Apropos TV: Prof. Matthias Färber vom Technikum in Bodenbach, jetzt Teil von D??ín, empfing auf dem Berg in 722 müNN die ersten Fernsehbilder auf dem Gebiet der damaligen Tschechoslowakei 1936. Olympische Spiele, Sender Berlin-Witzleben. An diese Olympiade erinnert auch der 1956 direkt an der Grenze in Bahratal aufgestellte Obelisk, denn das Feuer vom Staffellauf Athen – Berlin wurde hier unter Volksfeststimmung übergeben. Völkerverbindung vor der Katastrophe. Wer tiefer in die Geschichte eindringen mag, findet bemerkenswerte Infotafeln zum historischen Leben in Tyssa im Aufstieg zur dortigen Felsenstadt, in Schneeberg zum Schicksal der Wlassow-Armee am Ende des 2. WK, findet sogar den mystischen schwedischen Friedhof aus dem 30-jährigen Krieg am Südhang des Schneeberges. Es gäbe noch viel zu erzählen, aber entdecken Sie nur selber. So, ich sitze im Flieger, einer fast 80-jährigen Tupolew 104, die irgendwann in Peterswald „gelandet“ ist und nicht mehr weg wollte, habe mir ein kühles Bier bestellt. Prost! Und wie geschrieben, selbst wenn Sie nur billige Zigaretten holen wollen…

Tobias Märksch

 

Glosse

Radebeuler Wege

Nun habe ich fast ein Drittel meines Lebens in einer Stadt verbracht, die für unsereins unerreichbar schien und auch in der vorherigen Republik als Villen- und Gartenstadt dem Bürger eher Ehrfurcht einflößte. Mit der Landeshauptstadt kann heutzutage Radebeul allemal mithalten. Aktuell liegen wir mit 10,44 € pro Quadratmeter Wohnraum gar 3 Cent über der Dresdner Durchschnittsmiete!
Auch wenn ich mich diesmal nicht mit Mieten beschäftigen will, sei die Frage erlaubt, warum diese einstige Industriestadt so eine Entwicklung genommen hat.
Wer will, kann in Hartmut Pfeils Buch (Welch ein Reichtum) über die Industriegeschichte der Lößnitzstadt nachsehen. Da bekommt man zumindest eine Antwort.

Recht verblüffend aber ist etwas anderes, nämlich die Entwicklung dieses sächsischen Ortes in der Neuzeit. Zumindest hat mich die Richtung überrascht die eingeschlagen wurde. Wobei mir nicht ganz klar ist, ob absichtsvolles Handeln dahinter steckt oder die Sache einfach nur so „gekullert“ ist. Da will ich jetzt auch nicht in die Tiefe dringen. Fakt aber ist, dass die Jahre 1989/1990 der Stadt gehörig mitgespielt haben und die entscheidenden Industriebetriebe damals nicht nur „Federn“ lassen mussten, sondern größtenteils sogar ganz von der Bildfläche verschwunden sind.

Nicht schlecht habe ich dann allerdings gestaunt, dass wir uns 2012 wieder aufgerappelt hatten und sich in unserer Stadt über 42 Prozent produzierendes Gewerbe versammelte, etwa so viel wie zu Ostzeiten! Völlig aus den Wolken bin ich dann aber gefallen, als ich mich rein interessehalber erneut diesem Thema zuwendete. Gewissermaßen über Nacht hatte sich offensichtlich die Lage drastisch gewandelt: Aus der Industriestadt war plötzlich ein „Dienstleistungskombinat“ geworden! So arbeiteten im Jahr 2025 in Radebeul 71,4 Prozent im Dienstleistungssektor! Die Beschäftigten in Industrie und Bauwesen waren auf ganze 27,5 Prozent gesunken!

Hatte ich irgendetwas nicht richtig verstanden? Aber so oft ich den Textabschnitt auch durchlas, die Zahlen waren eindeutig. Da hatte offensichtlich der alte Fuchs Hans Olaf Henkel – erinnert sich noch einer an den einstigen Chef des „Bundesverbandes der Deutschen Industrie“? – unrecht, wenn er behauptete: „Wir können doch nicht dauerhaft davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden.“. Nun wird dem Hamburger Huldigung von „alten Zöpfen“ vorgeworfen. Doch es scheint ja zu klappen, denn die ganze Republik hat diese Marschrichtung eingeschlagen. Geheuer kommt mir das aber nicht vor.

So haben wir seit einiger Zeit nur noch anderthalb Freibäder. Das Lößnitzbad beispielsweise, ein beliebter Badeort, wird heute als „offene Badestelle“ geführt und muss deshalb nur noch mit „halber Kraft“ von der Stadtbäder und Freizeitanlagen GmbH Radebeul betreut werden. Das Bad gehört gewissermaßen zu den Freizeit- und Erholungsstätten in unserem Ort. Schon die an der westlichen Grenze des Bades entlangführende Straßenanbindung für die Niederwarthaer Brücke und das Fällen der Pappeln im Bad haben sicher zu einer höheren Belastung der Freizeitoase geführt. Durch den geplanten Ausbau der Fabrikstraße für den Schwerlasttransport sowie die vorgesehene Erweiterung der gewerblich genutzten Flächen in dem städtischen Mischgebiet, werden die Aufenthaltsqualität im gesamten Wohngebiet weiter gemindert. Vermutlich wird dies nicht gerade auf helle Begeisterung bei den Anwohnern stoßen.

Dennoch ist die Stadt Spitze, wenn man der aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) glaubt. Die sieht Radebeul, was Wohnen und Leben angeht, im deutschlandweiten Ranking auf Platz 7 und damit herausragend positioniert! Dem Kenner kommen nicht nur wegen des Auftragsgebers der Studie Zweifel. Eine gewisse Schieflage lässt sich nicht leugnen.
Auch will ich jetzt nicht erst davon anfangen, was schon alles den Lößnitzbach heruntergegangen ist und nicht von den 11,5 Millionen Euro, die voraussichtlich die 1,6 Kilometer lange Strecke der Verlegung des keineswegs wasserreichen Baches kosten werden. Hochwasserschutz gibt es halt nicht umsonst. Und auch die ökologische Aufwertung des Gebietes sollte es wert sein. Nun muss nur noch Wasser fließen, meint

Eurer Motzi

 

 

 

Copyright © 2007-2026 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.