Künstlerfest zur Ausstellung “Zwischen den Well(lt)en” am 12. Juni 2021

Foto: Kulturamt Radebeul

Die „Elbhangzombies“ rockten die Stadtgalerie
Zur Finissage der Ausstellung “Zwischen den Well(lt)en”

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Deshalb wurden das traditionelle multimediale Sommerprojekt in diesem Jahr auf Anfang Mai und das Künstlerfest in den Juni vorverlegt. Die Ausstellung „Altkötzschenbroda im Aufbruch“ in der Heimatstube konnte ebenfalls erst am 12. Juni ihre Pforten öffnen und wurde sofort rege besucht.
Die Ausstellung mit 56 Künstlerinnen und Künstlern mit Malerei, Grafik, Fotografie, Karikatur, Plastik, Keramiken und Objekten war leider nur zeitweise im Original zu besichtigen.
Nach einem ordentlichen Regenguss, den die Technik, geschützt von Sonnenschirmen vor der Bühne überlebte, fand am 12. Juni, 19.30 Uhr die Finissage mit einer Rede von Oberbürgermeister Bert Wendsche und einer nachdenklichen aber auch launischen Laudatio von Thomas Gerlach statt. Die Vorschriften verlangten noch nach einem negativen Corona-Test, was wohl doch einige Menschen von einem Besuch abhielt.
Um 20 Uhr begann mit der Vorstellung der „Untoten vom Elbhang“ das Konzert. Die „Elbhangzombies“ verkörpern mehr oder weniger prominente Figuren, die auf den rechtselbischen Dresdner Weinbergen, in vergangenen Zeiten lebten. Einige Musiker sind in Radebeul keine Unbekannten. Wolf Dieter Gööck, Prinz Albrecht von Preußen, lebt in der Lößnitz und hat hier die „Serkowitzer Volksoper“ gegründet. Robby Langer, Karl August Lingner, ist als Darsteller des Karl May im gleichnamigen Museum und zu den Karl-May Festtagen oft zu erleben und Dieter Beckert, 7. Earl of Findlater, ist ein altbekannter Gast in der Stadtgalerie. Auch Max Lorenz, Jungpionier Max, und Robert Jentzsch, Heinsius von Mayenburg hatten mit den Zombies schon ihren Auftritt zur 700jahrfeier von Serkowitz. Sie besingen auf Melodien der Beatles, Gary Glitter oder Lee Marvin und vielen anderen Musikern den Apfel, den Whisky, die Mutti und das Mundwasser. Hochphilosophische Kommentare und ebensolche Gewinnspiele flochten die Vollblutmusiker und Komiker gekonnt in das Programm ein. Das Publikum lernte viel Nützliches aus der Geschichte und für das Leben und amüsierte sich köstlich.

Alexander Lange

Laudatio zur Ausstellung Zwischen den Well(lt)en in der Radebeuler Stadtgalerie

Die Ausstellung setzt die Tradition der jährlichen Gemeinschaftsausstellungen so erfolgreich fort, wie eine überwiegend geschlossene Galerie sie nur fortsetzen kann. In ihrem Titel aber schwingt mehr mit, als nur das Drama der letzten beiden Jahre. Auch wenn wir hier im schönen Sachsenland dazu neigen, uns um uns selbst zu drehen, steckt in den drei Eingangsworten allerhand Universales.
Mir trat zuerst der Ozean vor Augen, ein klippiges Ufer voller Fels und Gischt, wo ein harmloser Badespaß recht schnell in eine Katastrophe münden kann:
Vielleicht hast du ja zwischen den Wellen eine letzte Gelegenheit, dich aufzurichten, dir das Wasser aus den Augen zu wischen, Luft zu holen und ein paar Schritte in Richtung Rettung zu tun, bevor die nächste Welle dich erfaßt und mit sich fortträgt – ein Alptraum. In der Sinkbar hier schräg gegenüber säße es sich – so es erlaubt wäre – jedenfalls wesentlich komfortabler und sicherer, als zwischen den Wellen eines möglicherweise erzürnten Mittelmeeres. Der göttliche Dulder Odysseus hat das vor dreitausend Jahren durchlitten, wie es heute die ungezählten Migranten durchleiden, die sich einem Meere anvertrauen, das sich seit dem Fall Trojas eben gerade nicht als vertrauenswürdig erwiesen hat.
Für sie ist das Wasser zugleich die Grenze zwischen den Welten, der Welt des Elends und des Mangels auf der einen und der Welt der Schönen und Reichen auf der anderen Seite. Die es wagen, die Grenze zu überwinden, werden als Wirtschaftsflüchtlinge kriminalisiert und abgewiesen. Hunger gilt nicht. Die Götter, die zu Zeiten des Euripides die Hilfsflehenden schützten, gibt’s nicht mehr.
Die Mauer, die bis vor reichlich dreißig Jahren die östliche von der westlichen Welt trennte, ist seinerzeit von der Flüchtlingswelle fortgespült worden. Es ging um D-Mark und Bananen, und am Ende war kurzzeitig großer Jubel.
Ich weiß, ich weiß – ganz so einfach wars nicht. Doch immer, wenn ich heute mit dem Urteil negativ aus der Apotheke komme, erinnere ich mich, daß ich das schon vor fünfunddreißig Jahren hörte. Damals stand noch das Wort feindlich davor und gemahnte mich zur Vorsicht, heute legitimiert es mich, in der Öffentlichkeit ein Bier zu trinken.
Denn hier und heute bewegen uns ganz andere Well(lt)en.
Das Wellenrauschen kommt aus dem Blätterwald der Statistiker. Die Wellen selbst sind kaum sicht- aber spürbar, und wen´s erwischt, der kann, wie im Mittelmeer, auf der Strecke bleiben.
Die Welten aber – es sind deutlich mehr als zwei – sind streng von einander geschieden. Die Mauern gehen quer durch Freundes- und Familienkreise, wenn Kreuz- und Querdenker aufeinandertreffen. Militante Impfgegner, die Brandsätze auf Impfzentren werfen, gehen dabei leichtfertiger mit dem Leben anderer um als diejenigen, die mehr oder weniger helfende Substanzen mit besten Absichten in fremde Körper spritzen. Die Mauern, an denen sich Eheleute die Köpfe blutig schlagen, stehen unverrückbarer denn je, und keiner weiß, wie wir aus dem Labyrinth herausfinden, bevor Richard von Gigantikow es anzündet. Die Frage, Frau Fischer, Frau Fischer, wie tief ist das Wasser, wie kommen wir herüber, kann nicht einmal mehr die Pfarrerin beantworten.

Die Virale Spirale, von Enrico Scotta vielfarbig in Bewegung gebracht, hat uns alle erfaßt. Es ist dabei nicht nur der Selbstbetrug durch Gold und Gloria, der die Menschheit als verabscheuungswürdig erscheinen läßt, es ist unser aller Umgang mit der Schöpfung, das mangelnde Bewußtsein für die Verletzbarkeit des Wunderplaneten Erde, der die Bäume wachsen und die Vögel singen läßt. Die wenigen Vögel, die uns geblieben sind, dürfen zwar noch öffentlich auftreten – allerdings auch (in diesem Fall zum Glück) meist nur open air. Es gibt inzwischen so wenige davon, daß Irene Wieland für ihr Keramikobjekt eigens einen Tonkünstler engagiert hat.
Schließlich ist es die Art des Umgangs miteinander die uns als Spezies unausstehlich macht. Bereits Mark Twain hatte angemerkt, daß es gar nicht nötig sei, die Feinde zu lieben, solange wir nicht in der Lage sind, unsere Freunde anständig zu behandeln. Freilich wird es heute – siehe oben – immer schwieriger, die einen von den anderen zu unterscheiden. Und wenn dann auch noch zwischen den Wellen die Goldenen Haufen auftauchen, auf die der Teufel scheißt, wird’s ganz komisch: Irgendeiner verdient immer am Elend anderer. Das Sprichwort, Geld stinkt nicht, gehört zu den größten Irrtümern der letzten zweitausend Jahre, wenn es sich nicht gar um eine der ungezählten kaiserlichen Lügen handelt.

Der Labyrinthiker Reinhard Zabka führt eindrücklich vor Augen, daß schon eine rostige Schrotsäge genügt, in Tateinheit mit einem kleinen Elektromotor Wellen zu erzeugen: Leben ist Bewegung: pantha rhei – womit wir wieder am Wasser wären.
Daher zeigt auch David Adams Video – das einzige der Ausstellung – daß die Lösung immer Teil des Problems ist. Das könnte manches vereinfachen, wenns nicht so kompliziert wäre.

Im Grunde hat sich ja gar nicht viel geändert. Wie schon vor vierzig Jahren kann oder muß Detlef Reinemer feststellen, Einer von denen ist immer dabei. Nur die Farben waren andere.
Daß aber Grenzen tatsächlich nur in der Vorstellung kleingeistiger Nationalisten existieren, zeigt der Saharasand, den Sophia und Franziska Hoffmann aufs Papier radiert haben. Winde wehen wo sie wollen. Der im Februar uns alle so faszinierende Staub führte freilich auch eine Erinnerung an die Kernwaffenversuche mit sich, die die Franzosen vor knapp siebzig Jahren zur Vorbereitung friedensstiftender Maßnahmen durchführten. Die alte Erde vergißt nichts, schon gar nicht die menschliche Maßlosigkeit, die Ulrike Kunze mit ihrem Objekt Aufbruch köstlich böse illustriert.

Natürlich ist die Versuchung groß, zu allen Bildern und Objekten der sechsundfünfzig beteiligten Künstlerinnen und Künstler einen Kommentar abzugeben. Die wenigen Hinweise aber mögen genügen. Sie sollen anregen, selbst zu sehen und selbst zu denken.
Immerhin darf ich vielleicht noch konstatieren, daß es auch hier wie überall die Stillen sind, die mit unerschütterlichem Optimismus die Welt am Ende vielleicht doch noch retten. Sie stellen, wie Christiane Herrmann, einfach Blumen in eine Vase, sie können, wie Gabriele Kreibich, an keiner Blumenwiese vorüber gehen, ohne ein Bild zu malen, sie bemerken, wie Silvia Ibach, schlicht, der Frühling kommt doch, oder sie setzen, wie Michael Hofmann einen von bunten Vögeln umschwirrten Träumer ins Bild, weil sie selbst gern träumen.

Sie alle miteinander aber, die Warner, die Zyniker, die Propheten, die Verzweifelten und die Hoffenden haben unter der Regie von Alexander Lange und Magdalena Piper ein Gesamtkunstwerk geschaffen, eine vielstimmige Komposition auf das Leben und für das Leben, auf daß wir, wer weiß, am Ende vielleicht doch noch herausfinden aus dem Irrgarten. Viel Zeit bleibt nicht mehr, die Zündschnur glimmt schon. Das Labyrinth sind wir.
Seht bitte selbst!
Thomas Gerlach, Mai/Juni 2021

Der Radebeuler NOTschriften Verlag feiert sein 25. Jubiläum

Foto: J. Kuhbandner

Verleger Jens Kuhbandner kann es wohl selbst kaum fassen. Sein „NOTschriften Verlag“ feiert dieser Tage seinen 25. Geburtstag. Die Jahre sind ins Land gegangen, doch von seinem langen Haar mit Zopf kann sich der Verlagsinhaber, vielleicht auch in Reminizenz an ungestüme Jugendtage, bis heute nicht trennen.
Die Urspünge zur Verlagsidee gehen tief in die Wendezeit zurück. Aufkeimende, bislang ungeahnte Möglichkeiten schufen nun sprichwörtlich Raum für kreative Findungsprozesse. Die Keimzelle für das Kulturengagement des Literaturbegeisterten war im 1992 gegründeten „Jugend-Kultur-Treff Noteingang“ (etwas später gleichnamiger Verein mit u.a. Jens Kuhbandner und Falk Wenzel als Gründungsmitglieder) im Lutherhaus der Friedenskirche zu finden: „Wir linderten die Not mit kleinen Konzerten, Kleinkunst, Filmvorführungen, Ausstellungen und Lesungen. In unserem Monatsprogramm spielten wir bei der Ankündigung mit dem Namen NOT. „NOTArt“, „zur NOT auch Musik“ … Die Lesungen kündigten wir immer mit dem Slogan „NOTschriften präsentiert …“ an.“ Eigene Texte entstanden: Krimis, utopische Erzählungen, viele Fragmente. Es häuften sich schreibmaschinengetippte Stapel in Klemmheftern. 1995 erschienen eigene Gedichte mit Grafitti-Zeichnungen von Edgar Kupfer in einer handkopierten Broschüre, die bereits mit „NOTschriften“ untertitelt war. 1996 dann die ersten gedruckten Bücher in Wellpappe gebunden: Edward Güldner „Lyrik“ und Jens Kuhbandner „Traum“. Sie wurden am 22. September im „Noteingang“ mit einer Auflage von 30 handkopierten Stück öffentlich präsentiert. Der Gedanke eines eigenen Verlages ließ Kuhbandner seither nicht mehr los.
„Wir haben den Verlag damals begründet, um für die da zu sein, die Not haben, ihre Texte zu veröffentlichen! Das sehen wir mittlerweile nicht mehr so dramatisch, vielmehr fühlen wir uns jenen Themen und Manuskripten verantwortlich, an die sich „Große Verlage“ nicht wagen.“
Die Erstauflagen mussten bald neu aufgelegt werden und bisher erschienenen Bücher bekamen eine ISBN-Nummer, womit der Verlag „Notschriften“ mit Sitz auf der Gartenstraße und später im Lutherhaus offiziell gelistet wurde. Durch die Bekanntschaft mit „DEKAdance“-Chef Bert Stephan (verschiedene Auftritte im „Noteingang“ mit seinen Nebenbands „Aufruhr in der Savanne“, „Die Rockys“, „Olaf Schubert“) erfolgte 1998 die Veröffentlichung seines Buches „Der Tisch der Frauen“ in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Von nun an war der Verlag schlagartig regional und überregional bekannt.
Zum Verlagsprogramm gehören heute Bildbände über Radebeul und Meißen, Reiseberichte, Lyrikbände, Hörspiele, Essays, Kindheitserinnerungen und gelegentlich auch Romane.
Eine Verlagsgeschichte ist nicht zuletzt von glücklichen Fügungen und Begegnungen abhängig, von Katastrophen wie Fehldrucke oder verheerenden Verkaufsflops gar zu schweigen. Aber die Erfolge wiederholten sich: 1999 erschien der Anekdoten-Band „… einfach absurd!“ von Wolfgang Dehler und führte ebenso zum überregionalen Erfolg. Im Herbst 2001 erfolgte der erste Bildband über Radebeul in einer Auflage von 5000 Exemplaren. 2004 war der Verlag zum ersten Mal mit einem eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse und 2016 auf der Frankfurter Buchmesse am Gemeinschaftsstand „Sachsen“ vertreten.
2005 erschien ein Sammelband von Hanns Cibulka. 2009 wird der langjährige Notschriften-Autor Thomas Gerlach Kunstpreisträger der Stadt Radebeul. 2010 überregionaler Erfolg der Bücher „Transit – Illegal durch die Weiten der Sowjetunion“ und Tommy Lehmann „Allein auf der Elbe – Tausend Kilometer im Faltboot“ – zahlreiche Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen in ganz Deutschland berichten darüber. Es folgen bis heute weitere zahlreiche Bücher mit insgesamt 315 Publikationen.
Für sein kulturelles Engagement wird der Verleger 2018 schließlich selbst mit dem Kunstpreis der Stadt Radebeul geehrt.
Seit über zwei Jahren ist der NOTschriften Verlag mit eigenem Laden in der Bahnhofstr. 19a zu finden. Ein Besuch zum Stöbern und Fachsimpeln lohnt sich!

Sascha Graedtke
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Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-18, Sa 10-12 Uhr

Jubiläumsfeier am 4.7., 11-19 Uhr im Hof der Stadtgalerie, Altkötzschenbroda 21 (siehe Kulturtermine)

 

 

 

 

 

 

 

Editorial 7-21

Aus gegebenem Anlass möchten wir einem Menschen Danke sagen, der in nicht unerheblicher Weise mit unserem Heft und insbesondere mit dem Redakteur im Jahreskreis über viele Jahre in enger Verbindung stand.
Frau Dr. Petra Grubitzsch verabschiedete sich dieser Tage nach fast einem Vierteljahrhundert als Pressereferentin der Landesbühnen Sachsen in den wohlverdienten Ruhestand.
Mein E-Mail Postfach war wegen Nachrichten aus ihrer Hand – Termine, Premierenankündigungen oder kurzfristige Planänderungen – stets gut gefüllt. Schließlich galten ihre Angaben vor Drucklegung als verlässliche Quelle der bei uns allmonatlich zusammengestellten Veranstaltungstermine.
Reizvoller war hingegen, dass sie in ihrer Position Vertreter der regionalen Presse zu Premieren einlud und so auch unserer Redaktion ein Kontingent zukommen ließ.
So kam es in dieser langen Zeit zu zahllosen persönlichen Begegnungen am Premierenabend. In der Rückschau nun legendär ihr kleiner Stehtisch im Foyer, wo wohlgeordnet die Karten und Programmhefte auf Abholung warteten. Immer verbunden mit einem netten Plausch und dem „Knistern in der Luft“, das sich traditionell vor der Erstpräsentation eines Stückes vor Publikum breit macht.
Der Premierenbesuch von Teilen der Redaktion war jedoch nicht nur Amüsement und Selbstzweck, sondern mündete in unzähligen Rezensionen und ist so zu einem beachtlichen Spiegel und Fundus von kritischer Auseinandersetzung sowie Werbung für das stadteigene Theater geworden.
Liebe Petra, im Namen der Redaktion möchten wir Dir hier nochmals für Dein Engagement und Deine Zusammenarbeit herzlich danken!
Wir wünschen Dir eine nun von Termindrücken befreite Zeit, bei der Dir das Theater und die „Vorschau“ hoffentlich nicht verlorengehen werden.

Sascha Graedtke

Theater leben mit und hinter den Masken

Über ein Gespräch mit dem Intendanten der Landesbühnen Sachsen


Intendant Manuel Schöbel empfängt mich spätnachmittags in seinem großen Büro, er hat eine Stunde Zeit, anschließend möchte er zu einer Ballettprobe. Ein wenig muss ich warten, er beendet gerade noch ein Gespräch. Später wird er einen Anruf erhalten und mal eben schnell etwas zur gastronomischen Versorgung für die Schauspieler in der Zeltspielstätte Rathen klären. Auf dem Weg zu seinem Büro war mir Stefan Wiel, Ausstattungsleiter an den Landesbühnen, begegnet; ein Mitarbeiter der Beleuchtung hatte gerade seine Pause beendet und mir einen Gruß zugeworfen, bevor er wieder hinter einer Tür verschwand; von irgendwoher höre ich auch Musik, jemand singt. Das Haus verströmt also Geschäftigkeit und Lebendigkeit durch die Masken hindurch, die natürlich auch hier jeder trägt. So ganz ungewöhnlich ist es ja – Pandemie hin oder her – nicht, dass man in einem Theater Masken trägt. „Ein Maskenball“ lautet eine Verdi-Oper. Romeo sieht Julia erstmals anlässlich eines Maskenballs. Und nicht zuletzt nennt sich ja eine ganze Abteilung im Theater „Maske“. Man könnte also sagen: Theaterleute wissen mit Masken, mit Maskerade, auch mit Demaskierungen umzugehen – und wissen sie zu nutzen, aber eben auch auszuhalten. Wer schon einmal „in der Maske“ war, weiß, dass das nicht immer angenehm ist. Vielleicht, so wird mir nach dem Gespräch mit Manuel Schöbel bewusst, ist die Maske tatsächlich eine passende Metapher für das Leben, das sich in der letzten Zeit im Inneren der Landesbühnen Sachsen stetig geregt hat. Denn ebenso wie unser aller Minenspiel trotz Maske auf ganz natürliche Weise weiterfunktioniert hat – auch wenn das Lächeln hinter der Maske verborgen bleibt – so ist auch der Theaterbetrieb weitergegangen und hat sich unablässig entfaltet – wartend auf den Moment, da man wieder Gesicht zeigen kann.

„Wir sind Spieler“, sagt Manuel Schöbel auf meine Frage, wie es ihm und seinem Ensemble in dieser für alle mehr oder weniger belastenden Zeit geht. Was er damit sagen will: Alle Akteure können ihrer Arbeit nachgehen, ihre Stimmen geschmeidig halten, ihre Körper trainieren, Inszenierungen einstudieren, Abläufe proben. „Wir sind uns dessen bewusst, dass es ein ungeheures Glück ist, trotz allem hier sein zu können. Das wirkliche Drama unserer Zeit spielt sich woanders ab, nicht in unserem Haus. Die Pandemie ist eine globale Gefährdung.“ Aber fehlen nicht die Zuschauer, die Arbeit auf der Bühne im Rampenlicht, der unmittelbare Austausch mit dem Publikum? Natürlich fehle all das, bestätigt der Intendant, aber an die Stelle des regulären Spielbetriebes ist nicht nur die Entwicklung alternativer Formate getreten wie bspw. setup.school (ein interaktives Klassenzimmerstück), Streaming-Angebote oder auch die Hörbühne, eine Mischung aus Hörspiel und Theater. Sondern auch die Pflege der Partnerschaft zu Spielstätten in der Provinz: „Wir haben in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, wie herzlich wir mancherorts aufgenommen wurden. In Kirchen, Schlössern, Parks. Manches Mal wurden wir mit Blumen begrüßt oder in einer Probenpause mit frisch gebackenem Kuchen überrascht. Das schuf eine Beziehung zwischen uns und den Menschen dort. Deshalb haben in den letzten Wochen 12 Schauspielerinnen und Schauspieler unter dem Titel FANPOST RETOUR Briefe an diese Orte geschrieben und einmal darüber nachgedacht, warum diese Orte wichtig für sie geworden sind, welche Erlebnisse sie damit verbinden. Dazu wären wir im Normalbetrieb sicherlich nicht gekommen.“ Interessant ist für mich in diesem Zusammenhang, wie Schöbel die unterschiedlichen Zuschauergruppen beschreibt. In Radebeul gäbe es ein dem Haus sehr verbundenes, kritisches Stammpublikum, das mitunter eine jahrzehntelange Beziehung zum Haus pflegt und ganz bewusst zu bestimmten Inszenierungen kommt. So sei es nach der Premiere von Mahagonny (November 2019) vorgekommen, dass einige Besucher mit dem Intendanten über bestimmte Szenen gefachsimpelt und ihre Erinnerung an frühere Aufführungen am Haus als Vergleich herangezogen hätten. Zu unterscheiden sei dieses, man möchte fast sagen: Fachpublikum von den Theaterfreunden, die sich in idyllisch gelegenen Spielstätten auf dem Land einfänden. Denen gehe es zwar auch um das Stück, nicht minder aber auch um das Erleben von Kunst an einem ganz bestimmten, als persönlich berührend empfunden Ort. Radebeul sei dabei beides: Sitz des Stammhauses als Musentempel, aber eben auch Stadt in besonders schöner, teilweise sogar dramatisch aufgeladener Kulturlandschaft. So erklärt sich auch die Entscheidung, den Lößnitzgrund als Spielstätte für die Neuinszenierung von Winnetou I vorzusehen, solange die Felsenbühne wegen Umbauarbeiten gesperrt ist. Wenn alles geklappt hat und die Genehmigungen rechtzeitig genug erteilt worden sind, so findet jetzt, am letzten Maiwochenende, die Premiere statt: „Aus den Büchern, die einst Karl May hier in Radebeul geschrieben hat, steigen die Figuren auf die Bühne im Lößnitzgrund und wir freuen uns auf den Moment, wenn unser Winnetou sozusagen nach Hause kommt.“ Wissenswert ist, dass Winnetou nur ein Baustein des Großprojektes Der Lößnitzgrund ruft (mit Gojko Miti? als Schirmherr) ist, das neben einer Eröffnungsveranstaltung am 28. Mai u.a. auch noch eine Sternwanderung am 5. Juni und weitere Veranstaltungen enthält. Es ist dem Ensemble aufrichtig zu wünschen, dass die geplanten 10 Aufführungen und das vielfältige Beiprogramm auch tatsächlich stattfinden können (Hinweis s.u.).

Schöbel spricht langsam, fast bedächtig. Er wägt die Worte, lässt sich Zeit für eine Antwort. Etwa auch auf die Frage, wie seine Bilanz nach 10 Jahren Intendanz ausfällt, denn er kam mit Beginn der Spielzeit 2011/12 und hat gerade für weitere fünf Jahre bis 2027 verlängert. Sind denn alle Ziele erreicht worden, konnte er seine Visionen von einem leistungsfähigen Mehrspartentheater verwirklichen? „Wissen Sie, es geht im Letzten nicht darum, zwanghaft auf ein Ziel fixiert zu sein. Wichtiger ist, dass man sich Offenheit und Neugier für die Welt um sich herum bewahrt. Überall liegen Geschichten verborgen, die erzählt werden wollen. Ob das nun Stoffe aus der unmittelbaren Umgebung sind wie der Friedensschluss von 1645 in Kötzschenbroda, den wir 2013 für die Bühne aufbereiteten oder Ideen, die auf Umwegen sich zu ganz erstaunlichen Produktionen entwickelten, wie etwa In Gottes eigenem Land 2017“. Dieses großartige Stück über einen aus Mitteldeutschland in die USA ausgewanderten Pastor, dessen Premiere ich selbst erlebt und in V&R 6/2017 rezensiert hatte, ist tatsächlich ein gutes Beispiel dafür, wie Schöbel Theater als künstlerisch gestaltende, innovative und gesellschaftlich verbindende Instanz versteht: Die Kräfte im Haus bündeln, externe Expertise einbinden und damit über den eigentlichen regionalen Wirkungskreis hinaus ausstrahlen. Mit großem Erfolg gastierte dieses Stück denn auch in den USA und wurde die bereits bestehende Kooperation nach York (England) befestigt. „Kreativität speist sich aus konkreten Quellen“, ergänzt Schöbel und fügt hinzu: „Wir werden inzwischen durchaus überregional wahrgenommen. Dafür spricht auch, dass uns die Bundeskulturstiftung für zwei aktuelle Produktionen Fördergelder bereitstellt, mit denen wir vor allem jugendliche Zielgruppen erreichen wollen.“

Es ist schon 18 Uhr vorbei, eigentlich müsste Manuel Schöbel jetzt im Zuschauerraum bei einer Probe des Tanzensembles für den Abend „HeimatBILDER“ sitzen. „Keine Sorge, ich komme noch zurecht“, meint er und gibt mir zum Schluss eine Erklärung dafür mit auf den Weg, wie er es schafft, sich immer wieder neu zu motivieren und nach vorn zu schauen: „Der Mensch verliert seine Kraft nicht durch die Arbeit, sondern findet sie darin – wenn’s gut geht.“ Schöbel richtet seine Maske, ich glaube, er lächelt, und wir verabschieden uns.

Bertram Kazmirowski

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Bitte entnehmen Sie dem aktuellen Veranstaltungskalender bzw. der Website der Landesbühnen, ob die für den 29.5. – 13.6. (jeweils 19.30 Uhr) geplanten Aufführungen von „Winnetou 1“ im Lößnitzgrund stattfinden.

Mit Bernhard Theilmann poetisch durch das Jahr

Zum Titelbild

Bauernhäuser in Radebeul Juni 2021

Altlindenau 28

Wir stehen vor einem Dreiseithof, der von der Straße etwas abgerückt ist. Das alte Wohnhaus des Herrmannhofs war am 19. Dezember 1880 abgebrannt. Der Bauer Karl Ernst Herrmann ließ es „etwas moderner“ mit verändertem Standort (90° gedreht), massiv, also ohne Fachwerk, und mit mehr Geschoßhöhe bis 1885 wieder aufbauen. Der Dachgeschoßausbau mit vier stehenden Dachgaupen im Satteldach kam aber erst 1934 dazu. Dieser Bauernhof erschien mir wegen einer fast original erhaltenen Scheune interessant – bei vielen Gehöften fehlt heute die Scheune oder wurde im Zuge von Wohnraumschaffung stark verändert. Das dritte Haus, ursprünglich ein Wirtschaftsgebäude, wurde bereits 1914 zu einem kleinen Wohnhaus umgebaut. Man führte auf diesem Hof 1972 die LPG Typ I ein und die Landwirtschaft endete 1979 mit dem Tod des Bauern Heinz Herrmann. In den 80er und 90er Jahren des 20. Jh. hatte der Baubetrieb Janke hier seinen Sitz und endete mit einem wirtschaftlichen Bankrott.

Seit etwa 2000 besitzt nun Familie Heinrich das Grundstück, aber Landwirtschaft wird nicht mehr betrieben. Am großen Wohnhaus finden wir ältere Sandsteingewände an Türen und Fenstern, hölzerne Spaliere für Wein und Rosen an den Fassaden und die typischen Zwillings-Rundbogenfenster im Giebel. Denkmalpflegerische Maßnahmen und Wünsche an zeitgemäßes Wohnen halten sich hier auf angenehme Weise die Waage.

Dietrich Lohse

Radebeuler Miniaturen

Der Tsunami-Komplex

„Es kommt alles ans Licht, was unterm Schnee begraben wird“.

Sagen wir mal so: Es hat doch endlich wieder mal richtig geschneit im Februar. Der Schnee war vom Saharastaub gelb gefärbt, aber die LKW haben trotzdem reihenweise quer gestanden auf den Autobahnen: Feinstaub bildet zwar Kristallisationskerne für Schneesterne, ist aber deswegen noch lange kein Streugut. Es sind ja dann auch tagelang keine Züge mehr gefahren. Selbst Flugzeuge konnten kaum noch starten und landen. Und trotzdem waren alle traurig, als es aufhörte zu schneien und der ganze Zauber nach einer Woche schon wieder vorbei war: Es hätte noch ewig weiterschneien können. Auf die Dauer sorgt jede Katastrophe für ein regelmäßiges Leben.

Ich habe, doziere ich stolz, mich schon öfter gefragt, ob es nicht so eine unbewußte Furcht gibt vor dem Ende der Katastrophe? Als Hobbypsychologe nenne ich das für mich den „Tsunami-Komplex“, die endzeitliche Hoffnung auf den Supergau, bei gleichzeitigen mühsamen Gegenmaßnahmen.

Du spinnst, sagt Ulrike. Sie darf das sagen, und sie weiß, daß sie das sagen darf: sie kennt meine leicht masochistische Neigung. Außerdem weiß sie auch, wie sie mich wieder einfängt.

Nee, mal im Ernst, sag ich, hast du nicht auch Angst vorm Aufräumen, wenn der Sturm vorüber ist? Tuts dir nicht auch heimlich wohl, wenns einfach weiterstürmt? Und setzt du nicht mit leiser Genugtuung jeden Tag aufs Neue die Maske auf?

Du redest vielleicht einen gelben Schnee zusammen, wenn der Tag lang ist, entrüstet sich Ulrike. Denkst du, es macht mir Spaß, mit diesem Lappen vorm Gesicht durch die Kante zu rennen, bloß weil der ganze Mist ewig nicht aufhört?!
Das war deutlich, Madam! sag ich, aber genau das isses: Warum werden denn immer wieder neue Mutanten gefunden, und wenns keine Tanten mehr sind, sinds Onkels: Die Industrie hat sich umgestellt: die Computerbranche boomt, die Destillerien destillieren Desinfektion … selbst in Mini-Autos werden separate Kabinen eingebaut – willst du Erfindungsreichtum und Kreativität bremsen? Willst du denen allen den Gewinn schmälern?

Nun laß mal die Kirche im Dorf, ruft Ulrike. Einzelne Großverdiener rechtfertigen deinen „Komplex“ noch lange nicht!
Das ist nicht MEIN Komplex! Ich bin dabei, eine Beobachtung zu beschreiben, ganz neutral und an Hand von gelbem Schnee – ohne davon zu reden, daß der verstrahlt war, weil die Franzosen vor zig Jahren Sprengversuche mit Kernwaffen gemacht haben in der Wüste, wos angeblich keinen stört als friedensstiftende Maßnahme – und ich habe der – ich sags noch mal: unbewußten – „Angst vor dem Ende der Katastrophe“ versucht einen Namen zu geben. Ich bin übrigens überzeugt, daß „die Wissenschaft“ dafür längst einen hat. vielleicht erfahre ich den ja auf die Weise.

Ach, „die Wissenschaft“, lacht Ulrike, die bekommet alles raus, wenns sein muß. „Die Wissenschaft“ hat sogar herausgearbeitet, daß die vielen Stoffmasken, die gutwillige Hausfrauen von dem Wunsch beseelt, zu helfen, millionenfach begeistert genäht haben, alle nichts taugen. Und weißt du warum?! Weil niemand dran verdient, aber der Industrie ein Verlust entsteht, wenn jemand was umsonst macht …

Jetzt verschwörst du aber die Theorien, lache ich. Und damit wir uns nicht noch weiter reinsteigern, rede ich gleich weiter, sollten wir, Schnee hin, Schnee her, lieber steigen (ohne hinten mit „r“), und zwar in den Keller, dort müßte es noch das eine oder andere Kötzsch geben …

Thomas Gerlach

Virtueller Ausflug

Eine Glosse?

In Pandemiezeiten ist man schon ganz schön angeschmiert. Man kommt nur schwer vor die Tür, auch weil einem die Lust dazu gehörig vergangen ist. Denn, wohin soll man seine Schritte lenken, ist ja eh alles zu! Früher, ja früher, war alles besser. Selbst die Fantasielosesten konnten wenigstens Einkaufen oder wie der Neudeutsche jetzt sagt, Shoppen gehen. „Na gut, ganz ist die Sache nicht verloren“, dachte ich bei mir. Wenn ich schon in meinen vier Wänden bleiben muss, weil meine Hausärztin immer noch keinen Termin für mich hat, setze ich mich eben vor den Schirm…, also vor den Bildschirm. Wozu hat man denn das Ding? Doch nicht nur fürs Finanzamt oder die „Vorschau“! Und beim Kurven im Internet bin ich auf eine grandiose Idee gekommen. Schauen wir doch mal, was so die Partnerstädte machen. Wir haben ja genug davon, da kann das ein abendfüllendes Programm werden. Und so war es dann auch. Ich habe einen virtuellen Ausflug unternommen.

Partnerstädte sind was Feines. Mit denen kann sich eine Stadt schmücken und ist meist auf der Seite der Guten…, wenn man die richtige Stadt erwischt hat. Das muss aber nicht immer klappen. Hat man die Richtige, so kann man Anteilnahme zeigen. Sogar das abgenützte Wort Solidarität kann wieder ins Spiel kommen, welches man sonst im Alltag eher vermisst. Und das Beste aber daran, alles ist absolut freiwillig.

Mit zwei, drei Mausklicks war ich ratz-patz über den Atlantischen Ozean gelangt, geschickt das Bermuda-Dreieck umschiffend, durch den Golf von Mexiko gesegelt und sicher auf dem Airport der Militärbasis Fort Huachuca in Sierra Vista gelandet. Falls der eine oder andere Leser jetzt nicht gleich draufkommt: Sierra Vista liegt im Süd-Westen der USA, im Bundesstaat Arizona, ca. 300 Kilometer vom Golf von Kalifornien entfernt, in der Nähe der mexikanischen Grenze. Los Angeles kann als grobe Orientierung für die Gegend dienen. Aber ich sag‘s mal so, mit der „City of Angels“ kann sich natürlich Sierra Vista nicht vergleichen. Wurde aber auch erst 1956, gewissermaßen am Reißbrett, nach der Devise „ein Haus, kein Haus“ erbaut und hat heute immerhin über 44.000 Einwohner. Allerdings kann man den Eindruck gewinnen, dass Sierra Vista eher eine Kaserne mit Wohnquartieren und einer Außenstelle der Universität von Arizona dran ist. Angehörige der riesigen Militärbasis, die ca. 75 Prozent der 397 km² umfassenden Stadt ausmacht, waren schon in der halben Welt unterwegs, ob nun erwünscht oder nicht. Die Grenze zu Mexiko 20 Kilometer südlich, scheint durch den hübschen rostbraunen Zaun mit einer Höhe von 4 bis 5 Metern, aufgestellt vermutlich vom letzten oder vorvorvorletzten Präsidenten, jedenfalls sicher zu sein.

Aber ich frag mich schon, was wir in der Wüstenstadt wollen, wo doch laut Wikipedia „Sinn und Zweck“ einer Städtepartnerschaft „das freiwillige Zusammenfinden von Menschen über Grenzen hinweg“ sein soll? Mit einem Wochenendausflug ist da nichts zu machen. Ja ich weiß, da gab es mal den Apachen-Krieg der USA gegen die Ureinwohner, der 40 Jahre dauerte, und den Apachen-Häuptling Cochise, der dann die Waffen niederlegte und mit den weißen Eroberern seinen Frieden machte. Heute schickt Radebeul Schüler zum Erfahrungsaustausch dorthin – es sind ja auch nur ca. 14.000 (!) Kilometer.

Allerdings liegen Heroica Ciudad de Cananea (Mexiko) und Obuchiw (Ukraine) ebenfalls nicht gerade um die Ecke. Die beiden Städte sind zumindest von der Einwohnerzahl annähernd so groß wie Radebeul. Aber sonst? Cananea ist nur im Zusammenhang mit Sierra Vista und dem Schüleraustausch interessant. Mit dem sich in den 1970er Jahren vom Dorf zur Stadt entwickelten Obuchiw gibt es einen regen Austausch. Auch wenn der Supergau in der Ukraine schon 36 Jahre her ist, zieht mich dennoch nichts nach Obuchiw, denn Tschernobyl liegt nur knapp 180 Kilometer entfernt.

Bleibt noch St. Ingbert. Der gemütliche Ort an der nahen französischen Grenze im Saarland, wo man schnell mal rüberzwitchen kann, sagt mir da schon eher zu. Die Grenze spürt man nicht, wenn da am Straßenrand nicht ein Schild wäre, welches auf die nun geltende französische Verkehrsordnung hinweisen würde. Die Menschen sind hüben und drüben nicht anders, die Gesetze schon. St. Ingbert ist die älteste Partnerstadt Radebeuls und war besonders Anfang der 1990er Jahre hilfreich, als hier noch keiner wusste wie das geht „Westen spielen“. Schade, dass ich nicht mit Google Maps durch die Straßen fahren und in die Schaufenster sehen konnte. Die Stadt setzt jetzt mehr auf die schöne Landschaft, da der Bergbau schon 1957 eingegangen ist. Vielleicht wär das mal was für einen Urlaub? Dort gibt es allein 37 Ferienwohnungen unter 100 Euro. Da wird sich doch was finden lassen?!

Aber vielleicht sollten wir doch mal was Neues probieren. Die meisten Gemeinden suchen sich ja eine Partnerstadt, mit der sie etwas Gemeinsames haben, meint Wikipedia. Wie wäre es mit einer Ost-Ost-Städtepartnerschaft?! Bei annähernd gleichem Leidensweg ist doch schon mal eine gute Grundlage geschaffen. Saßen wir 1989 nicht alle gleichermaßen in der Patsche und wussten nicht wie es weitergehen soll? Die Teterower haben damals gesagt: „Na da stell‘mer uns erscht mal ganz dumm.“. Wie ich darauf komme? Nun ja, das denke ich mir halt so, weil Teterow die Heimat der Schildbürger ist, und die wussten sich immer zu helfen. Also, da könnt ich Geschichten erzählen… Aber die kann heutzutage jeder Depp im Internet nachlesen. Freilich muss man dann aufpassen, dass man nicht den richtigen Zeitpunkt verpasst, sonst bleibt der Zustand immer so. Einen gewaltigen Vorteil hätte die neue Verbindung auf alle Fälle. Bis Teterow sind es nur 386 Kilometer! In vier Stunden kann man schon beim Bürgermeister auf dem Schoß sitzen und ihn fragen, ob er auch so gewählt wurde, wie der einstige Bürgermeister von Schilda, meint

Euer Motzi

Pleinair und Workshop im Künstlerhof Kunath in Röhrsdorf

Allzu große Gewohnheit läßt das Notwendige rasch banal erscheinen: der Wert des Paradieses zeigt sich mit seinem Verlust. Die Kunst ist (besser: die Künste sind) im Laufe der Anthropogenese zu einer menschheitsformenden Notwendigkeit geworden. Die gegenwärtigen Einschränkungen: keine Konzerte, keine Theater, keine Ausstellungen, … haben die Dimension einer (hoffentlich temporären) Vertreibung aus dem Paradies. Künstler aber lassen sich so einfach nicht vertreiben: Kreativität findet Lösungen, zum Glück nicht nur in „virtuellen“ Räumen sondern in unserer immer noch und immer wieder schönen Lebenswirklichkeit.

Die Malerin Franziska Kunath hat im April zum inzwischen siebenten Mal zum Pleinair auf ihren Künstlerhof in Röhrsdorf eingeladen. Dort, im linkselbischen Hochland, sorgt ein immerwährender, mitunter recht frischer Wind nicht nur für stete Belüftung, sondern vor allem für eine meist gute Sicht. Bis hinüber zum Keulenberg bei Königsbrück kann der Blick schweifen.

Die achtzehn teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler haben dies wieder auf je eigene Weise genutzt. Sie haben damit zugleich ein menschheitliches Grundbedürfnis bedient: Die Menschwerdung ist ohne die Herausbildung der Fähigkeit und des Willens zur Kunst nicht zu denken.

In zwei Ausstellungen (die erste wird bei Erscheinen des Heftes schon Geschichte sein) sind die Ergebnisse noch bis 13. Juni im Künstlerhof Kunath ausgestellt. Besucher sind auf Anmeldung herzlich willkommen.

Parallel wird am 5./6. Juni zu einem Workshop „Experimentelle Druckgrafik/ Siebdruck – Spiel mit Form und Farbe“ eingeladen. Unter sachkundiger Anleitung von Sylvia Fenk und Karin Heyne können sich bis zu acht Interessierte in die grafischen Techniken einweisen lassen. De Workshop kann zur beruflichen Fortbildung genutzt werden, was auch bescheinigt werden kann.

Im Paketpreis von 250,–€uro sind neben Materialien und kulinarischen Höhepunkten auch Möglichkeiten zur Teilnahme an den Veranstaltungen enthalten:
4. 6. 17 Uhr Auftakt mit Film
5. 6. 18 Uhr Lesung und Konzert mit Heinz Weißflog und Peter Koch (Cello)
13. 6. 15 Uhr Finissage der Pleinairausstellung und Präsentation der Workshopergebnisse.

Wenn in der Kürze der Zeit genügend Teilnehmer zusammenkommen verspricht dieses Wochenende Entspannung und kreatives Arbeiten zugleich.

selbstverständlich alles unter Beachtung der jeweils geltenden Bestimmungen –

Anmeldungen werden erbeten an Franziska Kunath, Pinkowitzer Straße 10, 01665 Klipphausen, OT Röhrsdorf. 01577 2966008, mail: fkunath@web.de

Thomas Gerlach

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