Weißes Roß – Geschichten aus der Kindheit – (Teil 9/12)

Der Mai

Veranda mit Maischmuck 1938 Sammlung C. Grün

Am ersten Mai wurden wir

Stammgäste, die sogenannte Flackbatterie nach Ernst Flack benannt Sammlung C. Grün

mit Marschmusik geweckt und stürzten an die Fenster. Drüben auf dem Bahnhofsvorplatz hatte sich eine Kapelle aufgebaut und in der Maisonne glänzten die Instrumente. Die Häuser waren mit grünen Girlanden geschmückt, auch unsere Veranda am Augustusweg. Vorn am Gaststätteneingang hatte Vater links und rechts in großen Gurkenblecheimern Birkenbäumchen aufgestellt. Überall wehten Hakenkreuzfahnen und Vater hatte auch schon an den Masten – einer stand an der Hausseite auf dem Augustusweg, der andere größere links vom Hoftor – unsere Fahnen hochgezogen. Für uns Kinder immer ein großes Ereignis. (Der Text ist im Kontext seiner Enstehungszeit zu lesen! Anm. d. Red.)
Ich kann mich gut erinnern, dass am ersten Mai, der Feiertag der Arbeit, unter den Menschen eine frohe und festliche Stimmung herrschte. Es war schon ein Unterschied zu den Demonstrationen, die wir später mitmachen mussten. Dazu muss ich aber sagen, dass wir dabei immer unseren eigenen Spaß entwickelten.
Für uns Kinder war es auch ein großes Ereignis, wenn am Vortag der riesige Maibaum auf dem Langholzwagen in die Roseggerstraße bugsiert wurde. Er wurde auf dem Sportplatz der Hans-Schemm-Schule (Gymnasium) aufgestellt, wo auch die Kundgebung stattfand. Als diese zu Ende war, hatte jeder im „Weißen Roß“ alle Hände voll zu tun. Die Massen kamen durstig angeströmt. Vater hatte vor dem Haus zusätzlich lange Bretter auf Bierfässer gelegt und alle Sitzgelegenheiten waren bis auf den letzten Platz besetzt.
Am Vorabend wurden auch in allen Häusern Hindenburglichter (heute sagt man Teelichte dazu) in langen Ketten in die Fenster gestellt, das sah wunderschön aus. Muttel nahm sich die Zeit und machte mit uns einen abendlichen Rundgang.
Wir begannen nun auch wieder viel draußen zu spielen. Als unsere lieben Verwandten aus Palästina zu Besuch da waren, Onkel Rudolf und Tante Herta Weller mit Kuno, Ingrid und Irene, brachte uns Ingrid das Huppekastenspiel bei. Das haben wir mit immenser Ausdauer gespielt. Mit Kreide wurde auf der Betonfläche unterm Balkon acht Quadrate, je zwei nebeneinander gemalt. Darüber ein Halbbogen. Das war der Himmel, in den man sich retten konnte. Der war aber schon im Sand gezogen. Nun mussten mit artistischen Können alle Quadrate benutzt werden, ohne auf die Trennstriche zu treten. Zum Beispiel musste auf einem Bein gehüpft werden und auf dem hochgezogenen Fuß lag ein Stein, den man dabei nicht verlieren durfte und der Gläsli genannt wurde. Da Kuno und Ingrid schwäbelten, nannte sich diese Übung Gläsli, weil der Stein eigentlich ein Glas darstellen sollte. Dann kam „Tapp i“ dran, das war sehr schwer. Man musste mit geschlossenen Augen, den Kopf im Genick die Felder durchqueren, ohne auf die Trennstriche zu treten. Die anderen achteten peinlich darauf, dass nicht geschummelt wurde. Und so gab es noch einige weitere Schwierigkeiten und wer alles fehlerfrei überstand, konnte sich ein Feld aussuchen. Das versah er mit zwei Kreuzstrichen und konnte sich im Himmel ausruhen. Das wurde nun wieder für die anderen schwierig, denn sie durften nicht auf die gekreuzten Striche treten. Wer nicht fehlerfrei durchkam musste wieder von vorn anfangen. Sieger war, wer die meisten Felder besaß.
Zu unserer großen Überraschung kaufte Vater uns bei Gommlich gegenüber Kinderfahrräder. Zunächst als Dreiräder, später wurde die Querachse entfernt und so balancierten wir auf zwei Rädern. Diese Räder besaßen keinen Freilauf und leider auch keinen Kettenschutz. Die Pedalen drehten immer mit. Und so geschah es, dass ich einmal unter mörderischen Gebrüll den Hof hinunter fuhr, denn der große Zeh klemmte in der Kette. Der Zehennagel war natürlich hin. Ein Fahrer von Bischoffs fing mich auf und befreite mich aus meiner Zwangslage. Wie, weiß ich nicht mehr, ich hatte mit Brüllen zu tun. Wahrscheinlich hatte er die Pedale rückwärts gedreht, weher konnte es schon nicht mehr tun. Vater fuhr Muttel und mich mit seinem Opel Baujahr 1928 zu unserer bewährten Kinderärztin, Frau Doktor Hartung, das beruhigte mich schon einigermaßen. Wir gingen gern zu ihr, weil es am Ende der Untersuchung immer mit buntem Zucker bestreute Schokoladenplätzchen gab.
Wenn wir uns wahrscheinlich recht gut aufgeführt hatten, gab uns Muttel jedem einen Groschen und wir stürmten los zu Mallows, geradeüber der Rosenstraße. Es waren zwei Schwestern, die einen Doppelladen hatten. Das eine Fräulein Mallow hatte ein Schokoladengeschäft, das andere eine Papierwarenhandlung. Die war das Ziel unserer Wünsche. Gegenüber der Eingangstür stand ein großer Schrank mit schmalen Schubfächern. Freundlich zog Fräulein Mallow eins davon auf und vor uns lag die ganze Pracht der Zehnpfennigartikel. Das gab es Trillerpfeifen und kleine Kompasse, Geduldsspiele, bei denen die Maus in die Falle oder der Fußball ins Tor gebracht werden musste. Abenteuerliche Bleistiftspitzer, Stammbuchblümchen (heutigentags Sticker) und was sonst noch einem Kinderherzen in diesem Alter wichtig ist. Wir wählten lange und bedächtig, dann rannten wir mit unserer Auswahl beglückt nach Hause.
Das waren so die Erinnerungen, sie es in den Maimonaten in meiner Kindheit gab.

Christa Stenzel/ Christian Grün

Erstmals kommt der Deutsche Sachbuchpreis nach Radebeul!

Lesen. Denken. Reden. Begegnung mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025

Sachbuchtitel nehmen in unserem Alltag einen immer größeren Stellenwert ein. Daher zeichnet die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels seit nunmehr vier Jahren das Sachbuch des Jahres aus. Prämiert werden herausragende Sachbücher deutschsprachiger Originalausgaben, die Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung geben. Hauptförderer des mit insgesamt 42.500 EUR dotierten Preises ist die Deutsche Bank Stiftung. Schirmfrau ist Kulturstaatsministerin Claudia Roth.
Für die Auszeichnung können sich deutschsprachige Verlage jährlich mit bis zu zwei Sachbüchern bewerben. Die Titel müssen aus dem jeweils aktuellen oder dem geplanten Programm stammen. 2025 wurden insgesamt 213 Titel eingereicht. Eine Jury aus acht Mitgliedern erstellt in einem zweistufigen Verfahren zunächst eine Nominierungsliste mit acht Titeln, die am 29. April 2025 veröffentlicht wird. Die Juroren bewerten die Titel individuell nach der Relevanz des Themas, der erzählerischen Kraft des Textes, der Art der Darstellung in allgemein verständlicher Sprache sowie der Qualität der Recherche. Bei Drucklegung dieses Heftes von V&R waren die Namen der in diesem Jahr Nominierten noch nicht bekannt.
Nach der Bekanntgabe der Nominierung werden die ausgewählten Autoren ihr Werk im Laufe des Monats Mai deutschlandweit in acht ausgewählten Buchhandlungen vorstellen. Die Jury wählt dann aus der Nominierungsliste den Preisträger aus und gibt ihn, im Rahmen einer am 17.06.2025 stattfindenden Preisverleihung in der Elbphilharmonie Hamburg, bekannt.
Liebe Radebeuler, Sie haben das Glück, die Präsentation eines nominierten Titels am Mittwoch, den 21.05.2025 um 19 Uhr im Radebeuler Kulturbahnhof hautnah erleben zu können. Denn die Buchhandlung Sauermann wurde ausgewählt, einen der nominierten Sachbuchpreistitel in Radebeul vorstellen zu dürfen. Gemeinsam mit dem Kulturamt Radebeul präsentieren wir im Rahmen einer Buchvorstellung diesen Titel. Lassen Sie sich überraschen, welcher Autor vor Ihnen sitzen und aus seinem Werk lesen wird. Versprochen: es wird im wahrsten Sinne des Wortes ein ausgewähltes Buch sein. Ab dem 29.04.2025 lässt sich die Auswahl bereits auf acht Namen und ihre Titel einschränken.
Ute Sauermann


Karten zu 10 EUR sind ab sofort in der Buchhandlung Sauermann, Meißner Straße 264 in Radebeul oder am Veranstaltungstag vor Ort an der Abendkasse erhältlich.

„Radebeul liest…“

Nachbetrachtung einer ungewöhnlichen Veranstaltung

Der Radebeuler Autor Paulus Schinew (l.) stellt die Illustratorin Laura Pilz (r.) vor. In der Mitte der Abb. Daniel Doktor vom Doktor Akustik, der zuvor einige Textstellen aus Schinews Buch vorgetragen hatte. Foto: K.U. Baum

Man kann davon ausgehen, dass auch vor 100, 200 oder gar 500 Jahren in Radebeul gelesen wurde. Sicher hatten von den 71 Bewohnern dieses Ortes um1550 nur die wenigsten dazu die Möglichkeit, setzte doch die Alphabetisierung gerade erst ein, die dann um 1800 im Wesentlichen abgeschlossen war. Freilich verwundert es den heutigen Leser, wenn dann weitere 225 Jahre später in Deutschland immer noch 6,1 Millionen Menschen der erwerbsfähigen Bevölkerung gewissermaßen nicht richtig lesen und schreiben können. Deshalb haben Bund und Länder seit etwa der letzen Jahrtausendwende eine Vielzahl von Leseprogrammen und Initiativen aufgelegt, um besonders bei Kindern dem Problem zu Leibe zu rücken.
Nun gibt es seit 2024 auch in unserer Stadt eine Vorleseveranstaltung, die gut angenommen und deshalb in diesem Jahr mit Erfolg wiederholt wurde. Es ist aber mit Sicherheit nicht der Analphabetismus in Radebeul, der die Kultur- und Werbegilde Kötzschenbroda veranlasst hat, „Radebeul liest…“ ins Leben zu rufen. Vielmehr sollte es „[e]in bunter und lesenswerter Start in den Frühling“ werden. Auch war sicher nicht an einen Lese-Marathon aller Einwohner vom 18. März bis 13. April gedacht, wie der Titel der Veranstaltung vermuten ließe. Vielmehr sollten besonders Radebeuler für Radebeuler an ungewöhnlichen Orten in der Lößnitzstadt eigene und fremde Texte vortragen. Ganz hat das nicht geklappt, aber immerhin kam die Hälfte der Vorleser aus der Stadt selbst. Insgesamt wies das diesjährige Programm in 27 Tagen 16 Lesung aus mit ebenso vielen Veranstaltungsorten, was letztlich aber zum Vorjahr einen leichten Rückgang bedeutete. Zum zweiten Mal dabei waren immerhin sieben Veranstaltungsorte, u. a. das Wolldepot von der Hauptstraße, der SZ-Treff in der Bahnhofstraße und das Kinderhaus in Altkötzschenbroda. Die Angebote reichten von Texten von Klassikern wie Ludwig Tieck und Heinrich Heine über Gegenwartsliteratur, Biografisches, Kinderliteratur und Selbstverfasstes u.a. vom Autorenkreis Radebeul „Schreibenden Senioren“. An besonderen Stellen in der Stadt waren im öffentlichen Raum Bücherkisten zum Stöbern aufgestellt. Leider wurden im Programmzettel die Standorte nicht vermerkt, sie waren aber über einen Scan-Code zu erfahren.
Den Auftakt am 18. März bestritt im Wirtshaus Sonnenhof in Altkötzschenbroda der vielseitige Tilo Schiemenz aus Meißen, der eigene „groteske Gedichte und schräge Gesänge“, teils aus seiner neusten im Notschriftenverlag herausgegebenen Publikation Am Tag des Butterbrotes, vortrug. Schiemenz wusste mit seiner vollen, tragenden Stimme die mitunter hintergründigen Texte gut zu interpretieren. Die Intimität des Veranstaltungsraumes erfuhr durch die Darbietungen auf der schmalen Vorbühne noch eine beträchtliche Steigerung. Begleitet wurde der Autor auf das Vortrefflichste durch den Komponisten und Pianisten Konrad Möhwald (Harmonium) sowie den Orgelbauer Matthias Weisbach (Violine). Freilich sprengte dieser Auftritt ein wenig den Charakter von „Radebeul liest…“, sahen doch die Besucher ein komplettes literarisch-musikalisches Programm.
Im Fotoatelier Meissner in Ost, dass schon 2024 an „Radebeul liest…“ teilnahm und sich sehr um seine Gäste bemühte, las Cara Catalina Fox Passagen aus ihrem 2023 verlegten autobiographischen Roman Tränen der Erkenntnis und außerplanmäßig gab Tabea Weingardtner Auszüge ihrer Lebensgeschichte preis. Auch wenn die Texte für die Autorinnen sicher wichtig waren, für einen Lesenachmittag schienen sie weniger geeignet.

Tilo Schiemenz trägt zur Eröffnungsveranstaltung von »Radebeul liest…« aus seinem neusten Buch Am Tag des Butterbrotes Geschichten und Gedichte vor. Foto: K. (Gerhardt) Baum

Erstmals nahm die AG Kötzschenbroda „Heimatabend mit Frühstück“ an „Radebeul liest…“ teil. Passend zur aktuellen Sonderausstellung „Kötzschenbroda in der Literatur“ in der Heimatstube in Altkötzschenbroda trugen Jana und Steffen Berger Texte aus den dort ausgestellten Publikationen vor. Besonders zu gefallen wussten dabei die Geschichten aus dem Band Radebeul – Ein Lesebuch vom NOTschriften Verlag (z.Z. vergriffen), gelesen von Steffen Berger. Die Lesung fand in den beiden Ausstellungsräumen in zwei Etappen statt, da die Räume nur je acht Personen fassten.
Das Kunsthaus Kötzschenbroda erinnerte mit der Lesung seiner Betreiber an das Stadtjubiläum 3×100 des vergangenen Jahres. Aus den aus diesem Anlass verfassten Alltagsbüchern trugen Karin Eva und Karl Uwe Baum Textstellen vor. Diese spiegelten Radebeuler Ereignisse wieder, gaben aber auch Einblicke in die Gedankenwelt der Autoren. Am Ende der Lesung entsponn sich ein lebhaftes Gespräch über das Vorgetragene sowie über die aktuelle Situation in Radebeul. Die Betreiber hatten in ihrem Hauptraum eine Caféhaus-Atmosphäre gezaubert.
Ebenfalls neu in der Runde der Veranstaltungsorte war Doktor Akustik in der Güterhofstraße. Der Betreiber stellte in einem benachbarten Geschäftsraum die 2022 herausgekommene absurde Geschichte eines Peter McGonagall vor, der im 18. Jahrhundert lebte und eine Neigung zum Wort und der Dichtkunst verspürte. Der Autor Paulus Schinew kommt aus unserer Zeit und entführte den Hörer, in eine teilweise obskure Welt, die von der Mediengestalterin Laura Pilz mit Zeichnungen illustriert wurde. Daniel Doktor vermochte die Zuhörer zu fesseln, dass sie ihren Ohren kaum glaubten.
Die für den 13. April im Programmzettel angezeigte Veranstaltung kann eigentlich nicht zu „Radebeul liest…“ gezählt werden, handelte es sich doch um die MEDIEN.KULTUR.KUNST.BÖRSE, auf der Künstler unterschiedlicher Sparten ihre Angebote unterbreiteten, auch wenn die eine oder andere Lesung eingebunden war.
Gleichwohl hat die Reihe einen guten Zuspruch gefunden. Die Gesamtkoordination lag in den Händen von Birgit Freund. Veranstaltet wurde die Reihe von der Kultur- und Werbegilde Kötzschenbroda e.V. und vom Stadtteilverein Radebeul Ost e.V. Aus der Gemeinde kam zahlreiche Unterstützung und die Stadtverwaltung förderte das Unternehmen.
„Radebeul liest…“ hat sich durchaus bewährt und sollte kommenden Jahres erneut durchgeführt werden. Vielleicht gelingt es dann noch mehr Radebeuler Autoren und Vorleser einzubeziehen. Dabei könnte die Meißner Idee aufgegriffen werden, auch Schüler aus der Stadt lesen zu lassen.

Karl Uwe Baum

35 Jahre „Vorschau und Rückblick“

Lebendig, kritisch, abwechslungsreich

Vor 35 Jahren, erschien im Mai 1990 erstmals das kulturelle Monatsheft „Vorschau und Rückblick“. Herausgeber war die Radebeuler Bürgerinitiative Kultur, eine mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte kulturaffine lose Truppe von Enthusiasten, die nach 26-jähriger Pause die Radebeuler Monatszeitschrift „Vorschau“ wiederbeleben wollte.
Von der vagen Idee, welche im November 1989 auf einer Bürgerversammlung in der Friedenskirche öffentlich geäußert wurde, über die Erteilung der Druck-Lizenz im Februar 1990 bis zum Erscheinen des ersten Heftes im Mai, waren viele Hürden zu nehmen.
Voller Zuversicht, getragen von der Aufbruchstimmung in gesellschaftlicher Umbruchzeit, hatten sich eine Bühnen- und Kostümbildnerin, eine Galeristin, eine Museumsassistentin, ein Kulturcafèbetreiber, ein Museumsleiter, ein Dipl.-Ing. Architekt und ein Schauspieler auf dieses wagemutige Unterfangen eingelassen. Allerdings ohne den Journalisten Dieter Malschewski, der sich bereiterklärte, die Redaktionsleitung zu übernehmen, hätte das alles wohl nicht funktioniert. Er verfügte als einziger über die Erfahrung, wie man eine Zeitschrift gestaltet, hatte er doch schon als junger Redakteur in der früheren „Vorschau“ mitgearbeitet. Die Titelseite entwarf der Radebeuler Maler und Grafiker Günter Schmitz und die Titelbildzeichnungen für den ersten Jahrgang stammten vom Architekten Thilo Hänsel.
Im Vorwort schrieb Ulrike Kunze im Namen des Redaktionskollegiums „Wir wollen die Eigenheiten, Schönheiten und Probleme beschreiben, mit denen unsere Stadt locken und schrecken kann. Und wir wollen sie informieren über das hoffentlich immer reicher werdende Kulturangebot…“.
Auch der damalige Bürgermeister Dr. Volkmar Kunze gratulierte: „Mit diesem Heft liegt die „Nummer 1“ vor, zu der ich namens der Stadtverordnetenversammlung und der Stadtverwaltung herzliche Grüße und Glückwünsche übermitteln möchte und den Wunsch zum Ausdruck bringe, dass ein immerwährendes Erscheinen gesichert wird. Die Stadtverwaltung dankt dem Redaktionskollegium und versichert, stets und ständig unterstützend zu wirken. Zugleich wünschen wir der „Vorschau und Rückblick“ breite interessierte Leserkreise“.
Von der Stadtverwaltung gab es ein großzügiges Startkapital, doch das war schneller aufgebraucht als gedacht und so wuchs Monat um Monat der Schuldenberg. Die Utopie von der neuen Freiheit besaß einen Webfehler, sie wurde ohne die Zwänge der Marktwirtschaft geträumt.
Dass es stabiler Strukturen bedurfte, war allen recht schnell klar und so erfolgte im November 1991 die Gründung des Vereins Radebeuler Monatsheft e.V. „Vorschau & Rückblick“. Zum Vorsitzenden wurde Dietrich Lohse gewählt. Im Jahr 2002 übernahm Ilona Rau diese Funktion, welche sie bis heute innehat. Zum 30-jährigen Jubiläum im Jahr 2020 wurden einmal alle bis dahin für die Vorschau tätigen Akteure in der Mai-Ausgabe auf einer Doppelseite mit Porträtfoto und Funktionsbezeichnungen vorgestellt. Seitdem sind wiederum fünf Jahre vergangen. Auch die „Jugendredaktion“ hat nunmehr die 50 überschritten. Und man fragt sich besorgt, wo bleiben die Vertreter der Generationen Y und Z? Ja, selbst schreibfreudige Neurentner scheinen Mangelware zu sein.
Schon das erste kulturelle Monatsheft beinhaltete eine große Themenvielfalt, darunter Beiträge über Altkötzschenbroda, die Partnerstadt St. Ingbert, Natur- und Landschaftsschutz, die Malerin Gussy Hippold, die Puppentheatersammlung, das Karl-May-Museum, das Bilzbad und auch über die „Radebeuler Kino(un)kultur“. Sogar eine Glosse findet sich im ersten Heft, deren Verfasser ganz Inkognito zunächst mit „W. Z“., später mit „Wozi“ und ab 2018 mit „Motzi“ unterzeichnet. Angekündigt wurden ein Vortrag zur Geschichte Kötzschenbrodas mit anschließender Diskussion über dessen Perspektive sowie das erste Radebeuler Kurzfilmfestival im Café Poltorgeist, dem späteren Café Color. Veröffentlicht wurde auch eine Übersicht aller Radebeuler Kultureinrichtungen, von denen der überwiegende Teil schon lange nicht mehr existiert.

Unzählige Veranstaltungstipps sowie Ausstellungs-, Theater-, Film- und Musikrezensionen folgten. Und immer wieder trugen interessante Leserbeiträge wesentlich zur inhaltlichen Bereicherung des Heftes bei. Regelmäßig und unentgeltlich veröffentlichten u. a. die Stadtarchivarin und Heimatforscherin Liselotte Schließer, die Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach, der Literatur- und Kunstwissenschaftler Prof. Manfred Altner, der Vermessungsingenieur und Autor Thomas Gerlach themenspezifische Einzelbeiträge und Fortsetzungsserien.
Aber auch die Texte des Radebeuler Autorenkreises „Schreibende Senioren“, die Schreibwerkstatt für Schüler oder die Serie „Als die Läden noch Namen von Leuten trugen“ stießen auf große Resonanz.

Zum 25-jährigen Jubiläum gratulierte Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche auf eine sehr warmherzige emotionale Weise: „Wer die „Vorschau und Rückblick“-Hefte gesammelt hat, besitzt einen gut recherchierten Schatz an wissens- und bemerkenswerten Beiträgen über die Stadt Radebeul und deren Umgebung. Das inhaltliche Spektrum ist breit gefächert und behandelt Themen der Stadtgeschichte, Denkmalpflege, Botanik, Kunst und Kultur sowie des Vereinslebens und der Alltagskritik. Vermittelt werden nicht nur Sachinformationen, sondern auch Gefühle wie Geborgenheit und Zugehörigkeit. Und damit leistet diese heimatverbundene Publikation einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur lokalen und regionalen Identifikation.
Ich wünsche dem Redaktionskollegium weiterhin reichlich Inspiration und „flinke Federn“ und freue mich in jedem Monat immer wieder neu auf „Vorschau und Rückblick“.

Doch nicht jeder Beitrag löste bei allen Lesern Freude aus. Offensichtlich neigen einige Redaktionsmitglieder zur widerständig-subtil-ironischen Polemik. Aber gerade das ist es, was unserem Heft die Würze verleiht. Und auf den monatlichen Redaktionssitzungen geht es mitunter etwas turbulenter zu, als im nachfolgenden Idealfall beschrieben wird: Jeweils am 1. Donnerstag im Monat trifft sich das Redaktionskollegium bei Wasser und Wein. Das druckfrische Heft wird mehr oder wenige kritisch ausgewertet, danach schweift der erwartungsfroh fragende Blick des Chefredakteurs Sascha Graedtke in die Runde: Wer schreibt diesmal und worüber? Danach werden die zugesandten Beiträge vorgestellt und eine Auswahl getroffen. Es folgt allgemein Organisatorisches und hin und wieder wird auch mal etwas Persönliches ausgetauscht. Das Kunststück für den leitenden Redakteur und die Layouterin besteht darin, alles Material auf 32 Seiten unterzubringen. Dabei hat die Platzierung der Anzeigen Priorität, bilden sie doch die finanzielle Basis für das Druckerzeugnis.
Obwohl sich das Outfit von „Vorschau & Rückblick“ mehrfach verändert hat, wurde das Schulheftformat und der schwarz/weiß-Druck bis heute ganz bewusst beibehalten.
Erhältlich ist das Monatsheft in Radebeuler Museen, Galerien, Bibliotheken, Buchhandlungen sowie in weiteren Läden und öffentlich zugängigen Einrichtungen. Auf der Website gibt es eine Übersicht. Vorm Kunsthaus Kötzschenbroda befindet sich die 24-Stunden-Kulturkapsel, in der das aktuelle Heft bis Monatsende vorrätig ist. Auslagestellen befinden sich auch in Moritzburg, Coswig, Weinböhla, Cossebaude und Radeburg.
Es lohnt sich durchaus, einmal in den alten Heften zu stöbern – sowohl print als digital. Die kompletten Jahrgänge von der „Vorschau“ und von „Vorschau & Rückblick“ sind im Radebeuler Stadtarchiv hinterlegt und einsehbar. Darüber hinaus hat unsere Online-Redaktion damit begonnen, ältere Beiträge aufzubereiten und ins Netz zu stellen.
Wenngleich die monatlich erscheinende “Vorschau“ nur von 1954 bis 1963, also gerade einmal neun Jahre existierte, wurde sie zu einem begehrten Sammlerobjekt, quasi zu einem Mythos mit Kult-Status. Es ist schon ein wenig paradox, dass die einstige „Vorschau“ aus heutiger Sicht zur „Rückschau“ wurde und deren Nachfolgerin zu „Vorschau und Rückblick“.
Erfreulich wäre es, wenn es uns gelänge, ein stärkeres Interesse für unser kulturelles Monatsheft bei den Neu-Radebeulern und jungen Menschen zu wecken. Die Digitalisierung bietet eine gute Möglichkeit, um den Austausch zwischen Autoren und Lesern zu befördern, was leider noch zu wenig genutzt wird. Eine rege Kommunikation findet hingegen zum Radebeuler Grafikmarkt statt, auf dem die Redaktion mit einem eigenen Stand vertreten ist.
Mit der wechselvollen Entwicklungsgeschichte unsere Monatszeitschrift hatte sich im Jahr 2020 die Abiturientin Hanna Kazmirowski im Rahmen einer schulischen Abschlussarbeit auseinandergesetzt. Ihre umfassende und sehr gewissenhaft recherchierte „Dokumentation über eine Radebeuler Monatszeitschrift im Kontext gesellschaftlicher Umbrüche zwischen 1954 – 1963 und 1989 – 1993“ ist sehr aufschlussreich und empfehlenswert. Die komplexe Publikation steht im Netz und ist online abrufbar.
Übrigens gratulierte neulich eine treue Leserin zum 35-jährigen Jubiläum und meinte lachend „Bewahrt Euch den Blick über die Elbe, die Weinberge und den Tellerrand!“ Na klar, dass versprechen wir doch gern. Allerdings, und das ist der Wermutstropfen, bedarf unser Redaktionskollegium spätestens bis zum 40-jährigen Jubiläum einer dringenden Verjüngungskur.

Karin (Gerhardt) Baum

 

»WEGZEICHEN« – Arbeiten auf Papier von Annerose Schulze in der Hoflößnitz

Foto: F. Andert

Die Radebeuler Künstlerin Annerose Schulze beschäftigt sich seit den 1970er Jahren intensiv mit Genese und Konventionen sprachlicher, mathematischer und musikalischer Zeichen. So entsteht 1995 ihre Werkgruppe de-komm-post. In Collagen arrangiert sie Buchstaben und Zahlen auf papiernen Büttenfonds. Mitunter befinden sich die schwarzen und roten Lettern und Ziffern in freiem Fall, lösen sich vereinzelt aus Kaskaden und Ballungen, driften aus räumlichen Verspannungen schwarzer Balkenstrukturen. Bisweilen rotieren sie strudelnd auf einem Grund handgeschöpfter Papiere aus Zeitungsrissen und Pflanzenfasern. Transparente Seidenpapiere verhüllen die opaken Lettern, die ihrerseits bis zur Unkenntlichkeit im naturgefärbten Pendant verschwinden. Vlies- bzw. Synthetikfasern von Alltagsgegenständen, klebegummierte Ränder eines Briefmarkenbogens und schmale Streifen aus Hochglanzzeitschriften lassen uns Satzfragmente und Stichworte wie »I love Art«, »in der Frauenkirch«, »Kunst« und »leben« entziffern. Schulzes Werkgruppe wird zum Signal dessen, was Sprache zur Kommunikation und einem deutbaren Zeichensystem werden lässt, und wie sie sich ebenso rasch durch Misstrauen und Unvermögen zu einer Quelle allmählichen Kommunikationsverlustes wandelt.

»Adam«, 2010, Foto: A. Schulze

Die Bedrohung aquatischer Ökosysteme steht im Zentrum mehrerer aktueller Werkreihen von Annerose Schulze. Von 2015 bis 2019 arbeitet sie an einer mehrteiligen Installation unter dem Titel »…tropfen und fließen…«. Um dem Wasser als dem Ursprung alles Lebens ein bildkünstlerisches Äquivalent zu geben, entwickelt sie im Medium der Seidengarnstickerei abstrakte Bildzeichen, die archaisch-organische Formen zitieren. Es sind Kreissegmente, Spiralen und Kurvaturen in steil ansteigenden Wellenbergen und Tälern, Schwingungen nicht unähnlich. Die bei Lichteinfall schillernden Garne in Rosé- und Grautönen heben sich von ihrem Stickgrund ab, handgeschöpften nepalesischen Papieren, deren Fasern aus der Rinde des Loktabaumes gewonnen werden. Die installative Präsentation der Serie auf filigranen Konstruktionen geschweißter Stahlstäbe versetzt die horizontal darauf lagernden Blätter bei kleinster Erschütterung in Schwingung, die an eine wellenbewegte Wasseroberfläche denken lässt.
In den Werkfolgen »Das Gedächtnis des Wassers« und »Störungen« widmet sich die Mitbegründerin der Künstlerinnenvereinigung Dresdner Sezession 89 Risiken und Gefährdungen der Meere und urbanen Gewässer wie Atomwaffenversuchen, Folgen von Überfischung, Bauaktivitäten oder den Auswirkungen von endokrinen Substanzen im Abwasser sowie der zunehmenden Erderwärmung. Basis ihrer komplexen Collagen sind geschöpfte Japanpapiere. Diese bearbeitet Annerose Schulze mitunter von beiden Seiten. Großflächig, in abstraktem Duktus aquarelliert sie den Malgrund, lässt die Farbe in Rinnsalen oder kleineren Flächen frei fließen und tritt als Künstlerin bewusst hinter das akzidentielle Wirken der Farbe zurück. Über Collagen in variierenden Papieren setzt sie zarte Stickereien in pastellenem oder intensivem Colorit, die gegenständlichere Formulierungen sichtbar werden lassen.
Die Dekonstruktion von Schriftzeichen findet auch in den 2010 entstandenen Blättern »paradiesische Spuren« und »Adam« ihren Widerhall. Ausgangspunkt bilden auf wenige Fragmente kondensierte Einzelbuchstaben, die die Künstlerin als ornamentale Kürzel mit goldenem Garn in den Grund aus Loktapapier stickt. Beinahe warnend schimmern jene Lettern wie die geisterhafte Schrift, die dem babylonischen Fürsten Belsazar im Alten Testament während eines Festmahls plötzlich an der Wand entgegenleuchtet und sich als Menetekel offenbart. So künden jene Lettern in Annerose Schulzes »Paradiesische Spuren« auch vom universellen Scheitern der Menschheit. Der Apfel vom Baum der Erkenntnis ist bereits zu Boden gefallen und dunkle Blätter zeugen von der Sterblichkeit. Verführer und Verführter sind auf dem Blatt »Adam« in schwebender Konturierung in ein arabeskes Narrativ gefasst. Eva bleibt unsichtbar, die Schuld fällt hier symbolisch der männlich dominierten Zivilisation zu.
In den Arbeiten Annerose Schulzes designieren Zeichen einen eigenen Bedeutungshorizont, sind Wegweisungen einer ethisch-moralischen Aufforderung zur Vita activa. Die Betrachtung ihrer Werke spiegelt nicht allein die Fragilität und Schönheit unseres bedrohten physischen Lebensraums und unserer freiheitlichen, demokratischen Werte. Wir werden zugleich angehalten, die davon ausgehende ästhetische Erfahrung als motivierende Interaktion von lebendigem Geschöpf und Umwelt wahrzunehmen und somit als Teil des eigentlichen Lebensprozesses zu begreifen.
Katharina Arlt


Die Ausstellung »Wegzeichen« mit Collagen und Assemblagen von Annerose Schulze ist noch bis 18. Mai im Bergverwalterhaus der Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, zu sehen, geöffnet Di–So 10–18 Uhr.

Lebensfreude – Michael Hofmann zum 80. Geburtstag

„Die Freude ist ein Lebensbedürfnis, eine Lebenskraft und ein Lebenswert.“
Paul Wilhelm von Keppler (katholischer Theologe und Bischof des Bistums Rottenburg im 19. Jh.)

Foto: G. Dabow

In der heutigen Zeit, die uns mit Krieg, mit Flüchtlings- und Umweltkrisen überzieht, mit einem imperatorischen Autokraten im Osten und einem Möchtegernautokraten jenseits des Atlantiks, scheint die Lebensfreude vielen Menschen im Augenblick abhandengekommen zu sein. Dem setzt die Stadtgalerie Radebeul eine Ausstellung entgegen, die zu Ehren des Kunstpreisträgers der Stadt Radebeul 2024 und zum 80. Geburtstag von Michael Hofmann ausgerichtet wurde.
Die Lebensfreude von Michael Hofmann ist in den Räumen in allen Ecken spürbar – die Farbigkeit und das Licht in Gemälden und Holzschnitten versetzen den Besucher in heitere Stimmung. Denn wie bereits Jean Paul feststellte, sind „Die Freude und das Lächeln… der Sommer des Lebens“. Man möchte aufbrechen in die Weinberge der Lößnitz oder an den Gardasee. Denn bei aller Heimatverbundenheit ist der Künstler gern auf Reisen und lässt uns an der Entdeckung, vornehmlich südlicher Landschaften und Städte, teilhaben. Nie geht es ihm um das Spektakuläre. Das ist nicht spannend und bereits tausendfach abgebildet. Sein Thema ist das Alltägliche. Was passiert, wenn ich um diese Ecke gehe, wer oder was erscheint im nächsten Augenblick vor der der weit geöffneten Fenstertür, z.B. wie hier am Gardasee? Der Ausblick verschafft Einblicke. Michael Hofmann lässt uns so an seiner Entdeckerfreude teilhaben und regt die Phantasie des Betrachters an. Die Ausstellung legt bewusst das Augenmerk auf Gemälde, die immer noch nicht so bekannt sind, wie die grandiosen Farbholzschnitte. Im Erdgeschoss ist eine Auswahl von 1985 bis 2025 zu sehen. Sie bestechen nicht nur durch ihre Farbigkeit, sondern erhalten ihren Charakter durch die Reduzierung auf großzügige Flächen. Lebendig werden sie durch schiefe, stürzende Linien, die die Augen des Betrachters auf das Zentrum lenken.

Nicht so sehr im Fokus sind Michaels Arbeiten für die Kunst am Bau, die in der Ausstellung schlaglichtartig behandelt werden. Entwürfe für ausgeführte Arbeiten sind ebenso zu sehen, wie nicht zustande gekommene Werke, wie für das Bischoff Haus in Dresden oder ein Bürocenter eben dort. Beeindruckend ist die Wandgestaltung in der Mensa des ehemaligen Schlachthofes, welche nach der „Wende“, wie so viele baugebundene Arbeiten auf dem Gebiet der DDR entsorgt wurde. Nur s/w- Fotos vermitteln noch einen Eindruck.
Neben der baugebundenen Kunst liegt ein Schwerpunkt selbstverständlich auf den Farbholzschnitten. Michael Hofmann arbeitet zumeist mit der verlorenen Form. Er beginnt mit schwarz (eine selten angewandte Technik) und verwendet bis zu zehn Farben. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Er sucht nach einer Verknappung der Form und immer blitzt der Schalk des Künstlers aus dem Blatt.
Michael Hofmann ist nicht nur ein äußerst begabter Künstler, er ist auch ein guter Freund, ein Mensch, der auf andere Menschen zu geht und dabei seine Lebensfreude mit anderen teilt.
Alexander Lange


Bis zum 4. Mai können die Besucherinnen und Besucher zu den Öffnungszeiten der Stadtgalerie (DI/MI/DO 14-18 Uhr, SO 13–17 Uhr) an seiner Lebhaftigkeit teilhaben.

35 Jahre Vorschau und Rückblick

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leserinnen und Leser,
mitten zwischen die beiden großen deutschlandweiten 35er Jubiläen – gedenkend der friedlichen Revolution im Herbst 1989 sowie der deutschen Wiedervereinigung am 03.10.1990 – fällt für Radebeul ein weiteres 35-jähriges Jubiläum: Das erstmalige Erscheinen von „Vorschau und Rückblick“, einem Kind der neu gewonnenen Freiheit vor 35 Jahren.
Ein solches Jubiläum des Bestehens einer kleinen Zeitschrift ist in den heutigen Zeiten, da selbst die etablierten Zeitungen und Zeitschriften mit sinkenden Verkaufs- bzw. Abonnentenzahlen zu kämpfen haben und ein großer Teil der Menschen „im Digitalen“ liest, eine tolle Leistung!
Das Heer der Enthusiasten der Autoren und Herausgeber, die das Radebeuler Kultur-, Kunst- und Geschichtsleben redaktionell begleiten und es immer wieder schaffen, monatlich ein anspruchsvolles Heft herauszubringen, hat sich im Lauf der Zeit geändert, dennoch sind sogar einige Gründungsmitglieder noch aktiv.
In den zahlreichen Ablagestellen in unserer Stadt wird am Monatsanfang geschaut, ob die „Vorschau“ schon da ist. Dies zeigt, dass diese Zeitschrift ihren Leserkreis in Radebeul gefunden und bewahrt hat.
Wie hieß es doch in der letzten Glosse: „Jeder kann heutzutage zu allem seinen Senf abgeben, was ja zweifelsfrei von dem so hochgehaltenen Begriff der >Freiheit< gedeckt scheint.“ Möge zum einen die Freiheit in unserer Gesellschaft nicht nur als Begriff hochgehalten werden, sondern vor allem verantwortungsvoll gelebt werden. Und möge die Vorschau immer wieder die Kraft finden, den Verlockungen des „Stammtischgeplappers“ zu widerstehen und stattdessen der „fachlich fundierten Aussage“ Raum zu geben und diese zu verteidigen.
In diesem Sinne sende ich einen herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Ich verbinde dies zugleich mit dem Wunsch nach einem stets breiten Fundus an spannenden Themen als Basis für zahlreiche weitere Ausgaben der Radebeuler „Vorschau & Rückblick“.
Ihr Oberbürgermeister Bert Wendsche

17. Thematischer Filmclubabend

Das Radebeuler Wanderkino „Film Club Mobil“ zeigt im Monat April den Spielfilm „Le Temps d`aimer“, welcher im puritanischen Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit spielt. Verstörende Dokumentaraufnahmen aus dem Jahr 1947, die dem Filmdrama vorangestellt wurden, konfrontieren den Betrachter mit den widersprüchlichen Reaktionen der Franzosen. Wenngleich die überwältigende Freude über die Befreiung von den deutschen Besatzern dominiert, schwingen da auch Gefühle wie Hass, Niedertracht, Scham und Verzweiflung mit. Die französisch/belgische Koproduktion kam 2023 in die Kinos und spannt einen weiten Bogen von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Obwohl der zweite Weltkrieg vor achtzig Jahren endete, stoßen wir noch heute in Radebeul auf Spuren aus dieser Zeit. Ein zweites Mal hat sich die Cineastengruppe als Veranstaltungsort den ehemaligen Luftschutzbunker Oberlößnitz ausgewählt, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von russischen Kriegsgefangenen in den Weinberg getrieben wurde.

Französische Kriegsgefangene hingegen kamen in Radebeul bereits während des ersten Weltkrieges beim Bau des Wasserturmes (im Volksmund Franzosenturm genannt) zum Einsatz. Während des zweiten Weltkrieges hatte man sie für Rodungsarbeiten und das Aufsetzen von Trockenmauern im Weinbau eingesetzt. Zahlreiche Dokumente, Zeitzeugenberichte und Fotografien befinden sich hierüber im Radebeuler Stadtarchiv.

Zur Belebung des interkulturellen Dialoges zwischen Frankreich und Deutschland leistet das vielfältig vernetzte Institut français einen wesentlichen Beitrag. Die Anregung zur Kooperation mit der in Dresden ansässigen Zweigstelle ging von der französischen Künstlerin Sophie Cau aus, die seit 1997 in Radebeul lebt und freischaffend tätig ist. Sie knüpfte auch den Kontakt zu dem französischen Dokumentarfilmer Julien Deschamps, welcher in den Spielfilm „Le Temps d`aimer“ einführen wird.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e. V.
Vive la France! Es lebe Frankreich!

 

„Le Temps d’aimer“ (Zeit für Liebe)

2023, Spielfilm, Frankreich/Belgien, 125 Minuten, FSK 16
Regie: Katell Quillévéré
Drehbuch: Katell Quillévéré und Gilles Taurand
Musik: Amine Bouhafa
Darsteller: Anaïs Demoustier, Vincent Lacoste, Morgan Bailey, Hélios Karyo, Josse Capet

Filmbeschreibung:
„Le Temps d’aimer“ erzählt die Geschichte von Madeleine, einer französischen Frau, die während des Zweiten Weltkriegs eine kurze Romanze mit einem deutschen Offizier hatte, bevor er an der Front verschwand. Aus dieser flüchtigen Liebe ging ein Sohn hervor, den sie allein und ohne familiäre Unterstützung aufzog, wobei sie ihr Geheimnis und die schreckliche Schande für sich behielt, die sie bei der Befreiung Frankreichs erleiden musste, als sie Opfer öffentlicher Demütigungen wurde, wie viele andere Frauen, die von der Volksjustiz beschuldigt wurden, mit dem Feind „herumgemacht“ zu haben. Der Film beginnt mit schwierigen Archivaufnahmen dieser Ereignisse, die Frankreich nicht zur Ehre gereichen und deren Grausamkeit und symbolische Gewalt lange Zeit unterschätzt wurde. Die Zeiten ändern sich glücklicherweise.

Die Last dieser ungerechten Schande wird Madeleine viele Jahre lang tragen und bezahlen, insbesondere in ihrer sehr komplizierten Beziehung zu ihrem Sohn. Ihre Liebesbegegnung mit François bietet die Gelegenheit, andere Dimensionen der schmerzhaften Geheimnisse anzusprechen, die der Mensch aufgrund der Intoleranz der damaligen Gesellschaften zu verbergen gezwungen war. Das Schicksal dieser leidenschaftlichen Protagonisten wird sich mit der gesamten Vorstellungswelt des Nachkriegslebens in Frankreich vermischen, das von der amerikanischen Populärkultur geprägt ist. Diese optimistischen Sittenwechsel werden jedoch nicht ohne einen kritischen Blick des Films auf die angebliche Sorglosigkeit und Gutmütigkeit der amerikanischen Retter gelassen.

Während dieser zwei Stunden lässt uns „Le Temps d’aimer“, der von Anaïs Demoustier und Vincent Lacoste grandios verkörpert wird, intensive und kontrastreiche emotionale Abenteuer erleben. Er zerlegt auf subtile Weise die Intimität eines Paares und einer Familie und projiziert gleichzeitig, ohne zu täuschen, die Symbole und das Schicksal der Geschichte in diese. Die Regisseurin Katell Quillévéré hat sich von ihrer Familiengeschichte inspirieren lassen und daraus ein tragisches, schönes und bewegendes Romanwerk geschaffen, das zutiefst humanistisch ist.

Julien Deschamps
fairfilms.de

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Am 10. April 2025, um 19 Uhr, im Alten Bunker Oberlößnitz, Hoflößnitzstraße 82, 01445 Radebeul, Reservierungen ab sofort unter 0160-1038663

Glosse

Klartext

Wir haben gegenwärtig, so scheint es mir, seit längerer Zeit einen eigentlich unhaltbaren Zustand in der Gesellschaft. Jeder kann heutzutage zu allem seinen Senf abgeben, was ja zweifelsfrei von dem so hochgehaltenen Begriff der „Freiheit“ gedeckt scheint. Dieses „den-Senf-dazugeben“ ist an und für sich nicht das Problem und belebt wohl den Diskurs. Wenn aber dieses Stammtischgeplapper über alles und alle gleichgestellt wird mit einer fachlich fundierten Aussage über eine Fragestellung und zu einer verallgemeinerten Meinung hochstilisiert wird, dann weiß ich wirklich nicht mehr, was ich davon halten soll.

Wer kann heutzutage noch Fake und Fakten auseinanderhalten, wo selbst sogenannte „seriöse“ Medien den Durchblick längst verloren haben. Dabei sei an dieser Stelle nicht erörtert, ob sie in Ahnungslosigkeit gehandelt oder in böswilliger Täuschung das Geschäft der Politik und Wirtschaft betrieben haben.

Woran aber mag es liegen, dass selbst die Vertreter der obersten Spitze in Staat und Gesellschaft glauben, sich nicht mehr an Wahrheit und Klarheit halten zu müssen und dem Volk die Hucke volllügen, wo es doch einzig um ein Handeln im Interesse der gesamten Gesellschaft gehen sollte? Und jene „ehrenwerten“ Damen und Herren an der Spitze, die eigentlich die moralischen Maßstäbe verkörpern, unsere leuchtenden Vorbilder, denen es nachzueifern gilt und Richtschnur unseres Handeln sein sollten, die Geschäfte nicht mehr im Griff haben?

Könnte es sein, dass sie etwas ganz anders im Schilde führen, als das Wohl und Wehe der Gesellschaft? Und wenn ich mir den ganzen Laden genauer ansehe, dann kann man diesen Zustand nicht nur in der obersten Etage feststellen. Solche großen und kleinen Könige, Minister, Hofmarschalle bis hin zu Ortsvorstehern gibt es ja wie Sand am Meer. Sie alle wollen Macht und Recht haben und biegen sich gelegentlich auch gern mal die Realität zurecht und beanspruchen vor allem auch die Meinungshoheit.

Verständlich, dass kaum einer überhaupt noch weiß, was er sagen kann, soll oder gar muss, sind doch die Töne rauer geworden, auch wenn sie sich mitunter hinter „Kleinen Anfragen“ verstecken. Da wird dann auch gleich mal die ganz große Keule rausgeholt. Bisher dachte ich wenigstens, dass dem Kabarett noch eine gewisse Narrenfreiheit zugebilligt wird. Aber damit scheint es offensichtlich auch vorbei zu sein.

Manchmal aber braucht es klare Worte, auch wenn sie nicht jedem gefallen. Selbst die falscheste Behauptung wird nicht wahrer, nur weil sie ständig wiederholt wird, wie man an der Riester-Rente sehen konnte.

Gegenwärtig kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bahnhofstraße trotz aufwendiger Instandsetzung eine einladendene Einkaufsmeile wird, die zum Verweilen anregt, wie hinlänglich kolportiert. Zuviel Leerstand, zu wenig attraktive Geschäfte! Auch vom vormals unverzichtbaren Frischemarkt an diesem Ort will heute keiner mehr etwas wissen.

Als die Kasperiade einst von West nach Ost beordert wurde, musste die Belebung des Einzelhandels als Grund dafür herhalten. Jetzt, wo das Fest um das Karl-May-Museum und die Lutherkirche herum stattfindet, kräht danach kein Hahn mehr. Da könnte ich dutzende andere Beispiele herbeten, wo Begründungen, Rechtfertigungen, Erklärungen sich regelrecht in Luft aufgelöst haben, von denen man nun nichts mehr wissen will, die man noch vor gewisser Zeit vehement verteidigt hatte. Wie oft musste eigentlich das Sozialamt umziehen? Warum ausgerechnet Stadtarchiv und Kunstsammlung sich in den Wasapark einmieten mussten, der einer spanischen Investment-Gesellschaft gehört und jetzt abgerissen werden soll, versteht kein Mensch? Wer dann einige Jahre zurückschaut, wird erstaunt feststellen, dass für diesen Abriss die Initiative vom Bauamt der Stadtverwaltung ausging (s. DNN-Online, 19.11.2018). Und dann noch der ganze Hick-Hack bei der Suche nach einer Zwischenlösung für beide Einrichtungen, weil man sich um eine vernünftige Reglung lange Zeit nicht gekümmert hatte.

Wir Deutschen sind schon ein eigenartiges Völkchen. Entweder obrigkeitshörig oder wir rennen einem anderen Leithammel hinterher. Und Träumer sind wir allemal. Da kann ich mich noch sehr gut an den Spruch der neunziger Jahre erinnern: „Das könn‘ se doch mit uns nich machen!“. Könn‘ se doch, wie man sieht, meint

Euer Motzi

„Mein grafisches Tagebuch“

Matthias Kratschmer stellt in der Radebeuler Lößnitzbar aus

Bild: Repro: M. Kratschmer


Am Abend des 4. März waren selbst im weiteren Umfeld der etwas abgelegenen Lößnitzbar kaum Parkplätze zu finden. Der erfreuliche Grund hierfür war die Ausstellungseröffnung des Radebeuler Designers und Grafikers Matthias Kratschmer. Zahlreiche wohlkomponierte Grafikblätter zieren die Wände des geschmackvoll eingerichteten Lokals. Der Andrang kunstinteressierter Mitbürger und Freunde war so groß, dass es schwer fiel, sich den filigranen Arbeiten mit der gebotenen Konzentration widmen zu können. Dies kann jedoch über die Ausstellungsdauer bis Ende April zur Freude der Lößnitzbaristen gern nachgeholt werden. Wiebke Gerlach fand zur Begrüßung warme wohlgesetzte Worte, nachdem sich Thomas Gerlach in seiner Laudatio in gewohnter Weise dem Künstler und Werk näherte und sein Schaffen umriss. Für die musikalische Umrahmung sorgte der Saxophonist Peter Neidel.

»Abflug«, 2025
Bild: Repro: M. Kratschmer


Matthias Kratschmer, der seine Ausbildung als Designer an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle absolvierte, zeigt Ausschnitte aus seinen umfangreichen grafischen Tagebüchern von 2021-2025. In der coronabedingten Zurückgezogenheit entsprang die Idee für seine grafischen Notizen, die heute weit über tausend Blätter versammeln. So unterschiedlich die Befindlichkeiten der Tage waren, so verschieden sind die Farben und Formen der einzelnen Blätter. Die kleinformatigen Arbeiten, die im Hochformat immer die gleiche Größe aufweisen, sind geprägt durch linienbetonte, monochrome, teilweise auch colorierter Stilmittel. Strenge technisch-konstruktive Formen wechseln mit floralen Mustern und bieten in der Gesamtschau eine überbordene Fülle an Variationen.
Die Arbeiten sind käuflich zu erwerben. Eine Liste über die Titel- und Preisübersicht liegt vor Ort aus.

»Windflüchter«, 2021
Bild: Repro: M. Kratschmer

Sascha Graedtke
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Die Ausstellung ist bis Ende April in den Öffnungszeiten (Mittwoch bis Samstag 17 bis 22 Uhr) der Lößnitzbar zu sehen.
Fabrikstraße 47 | 01445 Radebeul
Tel.: 0172-8443575
E-Mail  Loessnitzbar@web.de
Kontakt Matthias Kretschmar: www.h-design.de – Instagram: georg_matthias_ak

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