Tine Schulze Gerlach zum Geburtstag

Am 25. April feiert unsere Tine Schulze Gerlach einen runden Geburtstag, den fünfundachtzigsten. Also, liebe Tine Schulze Gerlach, unsere herzlichsten Glückwünsche an diesem festlichen Tag von allen Redaktionsmitgliedern und sicher auch von vielen Lesern dieses Blattes, halten Sie die Gesundheit bei Laune, stecken sie uns mit Ihrer tiefen Freundlichkeit weiterhin an, genießen Sie jeden Sonnenstrahl, der in Ihr Schreibstübchen scheint, aber gehen Sie auch mal raus, dahin, wo das Leben in Radebeul pulsiert, trainieren Sie die Gedanken und die Schreibhand, vielleicht schenken Sie uns ja noch ein „Krümel“. Wir von der Vorschau hoffen sehr und halten Ihnen im­mer ein Eckchen in unserem Blatt frei! Im Übrigen sind wir froh, dass wir rechtzeitig an Ihren Geburtstag gedacht haben und nicht dem Ereignis hinterhereilen müssen.

tine-sch-gerlach_4-2005.Um mich ein wenig auf das Thema vorzubereiten, besuchte ich kürzlich wieder einmal Tine, eigentlich Christine, Schulze Gerlach – oder kürzer T.S.G. (Caspar David Friedrich wird auch häufig C.D.F. genannt). Ja, es geht ihr gut, altersgemäß eben. Im Winter ist sie vorsichtiger geworden und geht aus Furcht vor Stürzen seltener raus. Doch eigentlich würde sie gern unter Leuten sein, so wie wir sie im Februar beim Carl-Larson-Abend im Storchcafe sahen. Wenn T.S.G. zuhause ist, lebt sie nach dem schönen Motto: Ich kann mich leider nicht langweilen, ich habe es nie gelernt! Da ist die große, weit verzweigte Familie – der Bruder Hubert Gerlach, auch schriftstellerisch tätig, vier Kinder, neun Enkel und ein Urenkel, weitere Familienangehörige, Freunde und Bekannte. Briefe, Telefongespräche und Zeitungsausschnitte beschäftigen sie. Dann liegen immer ein paar Bücher in Reichweite, Neuerscheinungen und solche, die wieder mal gelesen sein wollen … . Fotos, Bilder, immer noch solche von Gunter Herrmann dabei, und Blumen runden das schöpferischfreundliche Chaos, in dem nur sie sich auskennt, im kaum 8 qm großen Eckzimmer hinter der Küche ab.
Wie ist das nun mit dem Schreiben? Als sie sich noch täglich mitten im pulsierenden Leben bewegte, immer auch mal neuen Menschen begegnete oder jenen, die sie länger nicht gesehen hatte, war für Schreibstoff gesorgt. Die Stoffe und Ideen kommen ja nicht in ihre Stube, sie sind flüchtig und wollen eingefangen sein. Eigentlich schade für eine Schriftstellerin – nein, Dichterin klingt gleich so nach ganz hohem Anspruch, wie Goethe, Schriftstellerin passt schon – aber es gibt ja immer noch den Schatz der Erinnerung, vielleicht lassen sich doch noch ein paar Krümel „zusammenkratzen“, sozusagen Band 3 ihrer Krümel. Sie redet angeregt mit mir, es strengt sie, glaube ich, nicht an, sie lässt mich aber auch zu Wort kommen. Wir hatten uns bisher immer etwas zu sagen, wenn wir uns trafen. Mit nicht nachlassendem In­teresse erkundigt sie sich nach dem und jenem, bestellt Grüße. Sie bietet mir ein Gläschen Sanddornlikör an, da kommt gleich die Rede auf Hiddensee. T.S.G. erinnert sich, dass, als das Manuskript zu “Die Hügel vor der Stadt” gar nicht vorankommen wollte, ihr der damalige Union-Verlag einen Aufenthalt auf der Insel spendiert hatte. Es hat geholfen, das Buch wurde fertig. Ihr liebstes Buch, wie sie mir verrät, ist aber „Erinnerung an Maurice“, u.a. ein Kompliment an Radebeul. In Hellerau, wo sie vor 85 Jahren geboren wurde, und hier seien ihre Wurzeln. Literarische Vorbilder hätte sie wohl nicht, aber neben vielen anderen Schriftstellern waren ihr Konstantin Paustowski und Johannes Bobrowski sehr nahe. Sie schenkt mir noch einmal ein und ich darf ein paar Fotos schießen, eines ist auch druckfähig. Dann verabschiede ich mich aus dem Haus in der Karl-Liebknecht-Straße, ein freundliches Lächeln und tschüs bis zum nächsten Mal!
So weit mein Situationsbericht zur Frage: Wie geht es unserer Tine Schulze Gerlach heute? Wer’s biografischer oder auch ausführlicher will, bitte in Vorschau und Rückblick 12/90, 05/95 oder 05/00 nachschlagen.
Dietrich Lohse

Im Archiv gestöbert: Die Geschichte der Niederwarthaer Elbbrücke (Teil 1)

Über den geplanten Neubau der Straßenbrücke über die Elbe bei Niederwartha wurde in den letzten Monaten und Jahren viel und kontrovers diskutiert. Vor wenigen Tagen endete die Einspruchsfrist gegen das Projekt, und ob der Bau tatsächlich noch im Mai beginnen kann, ist fraglich. Symbolisch wäre dieser Termin allemal und zwar in doppelter Hinsicht: Im Mai 1875, also vor 130 Jahren, war der Bau der ersten Niederwarthaer Brücke mit der staatlichen Bauabnahme offiziell fertiggestellt, und vor genau 60 Jahren, am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs, wurde die Straßenverbindung zwischen Naundorf und Niederwartha in einem Akt sinnloser Zerstörung gekappt. Aus diesem Anlass geht der Blick diesmal und im folgenden Heft zurück auf

Die Geschichte der Niederwarthaer Elbbrücke (Teil 1)

Der Elbübergang bei Niederwartha war schon im Mittelalter von großer Bedeutung: Für die linkselbischen Höhenortschaften schaffte er die Verbindung zur alten Salzstraße, für die Naundorfer und Kötzschenbrodaer Bauern diente er als Zugang zu ihrem nicht unbeträchtlichen Wiesenbesitz auf der anderen Elbseite. Bereits 1485 ist eine an dieser Stelle verkehrende Elbfähre erstmals urkundlich erwähnt, und seit dem 18. Jahrhundert bestand hier sogar eine Doppelfähre für Personen und für Fuhrwerke. Diese wurde 1866 durch eine Ketten- und 1873 schließlich durch eine sogenannte „fliegende Fähre“ ersetzt, bei der das Führungsseil, ähnlich wie bei noch bestehenden Elbfähren, in der Strommitte verankert war. Zu diesem Zeitpunkt war der Bau der Berlin-Dresdner Eisenbahn längst beschlossene Sache. Ende 1870 hatte sich in Berlin ein Komitee für den Bau dieser Strecke gebildet, im folgenden Jahr wurde sie projektiert, und nach Abschluss eines entsprechenden Staatsvertrages zwischen Preußen und Sachsen erhielt die aktienfinanzierte Berlin-Dresdner Eisenbahngesellschaft 1872 die Baukonzession. Dass die 175 km lange Strecke, durch die Dresden endgültig zu einem der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte Mitteleuropas avancierte, gerade durch die Lößnitz führen sollte, wurde hier allgemein positiv aufgenommen. Allein der Fährmeister Thiele, der sein Geschäft schließlich nach Kötitz verlegen musste, war wenig er­baut.
Die Elbquerung, seinerzeit die zwölfte sächsische Elbbrücke, war das wichtigste ingenieurtechnische Bauwerk der Strecke. Die Leitung des Projektes lag in den Händen des königlich preußischen Baumeisters Häseler. Die feierliche Grundsteinlegung fand am 16. Juli 1873 durch Versenkung des ersten Pallisadenstamms zur Fundierung eines der Brückenpfeiler statt. Für die insgesamt elf Pfeiler, die die sieben Landjoche (à 20 m lichte Weite) und drei Stromjoche (à 60 m) trugen, wurden 10.000 m3 Mauerwerk verbaut. Die sieben zentralen Pfeiler stehen auf je drei mit Beton verfüllten Senkbrunnen. Für den Bau der beiden Strompfeiler wurden eigens künstliche Inseln aufgeschüttet. Die Maurerarbeiten waren im August 1874 abgeschlossen. Die von der Gute-Hoffnung-Hütte in Sterkrade am Rhein gelieferte, 1.250 Tonnen schwere Eisenkonstruktion, deren Herzstück in den zehn Meter hohen Fachwerkbögen der Stromjoche be­stand, wurde von mehr als 200 Arbeitern unter Einsatz eines Dampfkranes montiert und war am 23. Februar 1875 fertiggestellt. Das Brückenniveau lag bei zehn Metern über Niedrigwasser der Elbe, um eine ungehinderte Schifffahrt zu gewährleisten, die auch während des Baues nie eingestellt worden war. Am 19. Mai erfolgte die Abnahme, am 15. Juni sah man schon, wie es in der Kötzschenbrodaer Zeitung hieß, „mit voller Kraft … die eleganten Trains über Viaduct und Brücke leicht und schnell dahingleiten“, und am 17. Juni 1875 wurde der planmäßige „Personen-, Gepäck-, Vieh- und Güterverkehr“ zwischen Berlin, Dresdner Bahnhof, und Dresden, Berliner Bahnhof (heute Bf. Dresden-Friedrichstadt) ohne besondere Feierlichkeit aufgenommen. Die ab Ende des Jahres verkehrenden Schnellzüge bewältigten die Strecke in zwei Stunden 45 Minuten.
Überschattet wurde der Brückenbau allerdings durch Misshelligkeiten zwischen den aus aller Herren Länder stammenden Arbeitern und der örtlichen Bevölkerung. Für jene war zwar auf Kötzschenbrodaer Seite ein großes provisorisches Wohn- und Kantinengebäude mit Schankwirtschaft errichtet worden; immer wieder zog es sie aber auch in die umliegenden Gastwirtschaften, wo es wiederholt zu schweren Schlägereien kam. Trauriger Höhepunkt war eine blutige Saalschlacht am Reformationstag 1874 im Gasthof Zitzschewig, bei der der aus Hameln stammende Brückenbauzimmermann Wilhelm Heinrich Kohlenberg getötet und mehrere andere schwer verletzt wurden; als Hauptschuldige verurteilte das Dresdner Geschworenengericht später einen Bahnarbeiter und einen Zitzschewiger Fleischermeister zu Haftstrafen.

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Brückenbaustelle mit Arbeitern, wahrscheinlich Ende 1874 aufgenommen

Auch nach Fertigstellung der Brücke blieb die Freude der Anlieger für einige Zeit getrübt. Die zunächst eingleisige Brücke verfügte zwar über eine 6,20 m breite, mit Holzbohlen ausgelegte Fahrspur und einen 1,85 m breiten Fußweg; die Eisenbahngesellschaft unternahm aber lange keinerlei Anstalten, diese, wie es in der Baukonzession ausdrücklich gefordert war, durch die Anlegung von Auffahrtrampen auch benutzbar zu machen. Selbst für Fußgänger war der Weg über die Brücke halsbrecherisch, und die linkselbischen Landbesitzer mussten, da die Lastfähre bereits eingestellt war, mit ihren Fuhrwerken den langen Umweg über Constappel in Kauf nehmen. Unheil dräute von allen Seiten: Durch ein ungewöhnlich starkes Frühjahrshochwasser 1876 wurde der brückennahe Bahndamm unterspült; Ende März kollidierte eine große Elbzille mit einem der Brückenpfeiler, wobei zwei Schiffsleute den Tod fanden. Zu allem Überfluss geriet die Betriebsgesellschaft nach nur einem Jahr in finanzielle Be­drängnis; die Einnahmen deckten kaum die Kosten, und als das preußische Abgeordnetenhaus die geplante Übernahme der Bahn durch den Staat im Sommer 1876 zurückstellte, fiel der Ak­tienkurs binnen kurzem um fast die Hälfte. Erst nach Androhung einer Geldbuße wurde der ursprünglich für Juli 1875 angekündigte Bau der Rampen im September 1876 begonnen und war zum Jahreswechsel abgeschlossen. Als rechtselbischer Hauptzufahrtsweg zur Brücke wurde die heutige Niederwarthaer Straße ausgebaut, was die Kötzschenbrodaer Anlieger zwar benachteiligte; der dortige Gemeinderat war aber, in weiser Voraussicht, gegen den Ausbau der Uferstraße für den Lastverkehr.
Über Jahrzehnte bildete die Brücke nun eine Hauptverkehrsader. Die Berlin-Dresdner Eisenbahn, die 1877 schließlich doch in preußische Verwaltung und von Dresden bis Elsterwerda 1888 in das Eigentum des sächsischen Staates überging, verbesserte die Absatzbedingungen der großen Gärtnereibetriebe der westlichen Lößnitz und schuf günstige Standortbedinungen für den Naundorfer Fabrikbezirk. Entscheidend dafür war die Einrichtung der Haltestelle Naundorf 1881 (ab 1905 Bahnhof), die schon im Juli 1875 durch eine von 800 Einwohnern der umliegenden Gemeinden unterzeichnete Petition gefordert worden war. 1892 wurde stromabwärts ein zweiter Brückenstrang mit einem Gegengleis errichtet, bis zum Jahr 1894 die Verbindungsbahn Naundorf-Coswig gebaut, und 1913 erhielten Rampen und Fahrspur der Brücke angesichts des zu nehmenden Autoverkehrs endlich eine Steinpflasterung. (Schluss folgt.)
Frank Andert

lm Archiv gestöbert

Historisches aus Radebeul

Immer wieder bestätigen Sie uns, liebe Vorschau-Leser, wie groß ihr Interesse an heimatgeschichtlichen Themen ist. Von Beginn an haben sich unsere Autoren, allen voran Liselotte Schließer, bemüht, diesem Interesse durch abwechslungsreiche und sachkundige Beiträge zur Radebeuler Geschichte Genüge zu leisten, und das soll auch in Zukunft so bleiben. In diesem Jahr wird ein Schwerpunkt der historischen Rubrik auf der Industriegeschichte Radebeuls liegen, denn so unbestreitbar wichtig Weinbau und Kunst, Adelssitze und Villenarchitektur, Bllz, May, von Schuch und viele(s) andere für die Entwicklung der Lößnitzgemeinden auch waren, der mächtigste Verstädterungsimpuls ging von der Ansiedelung und dem Aufschwung der Industrie seit der Gründerzeit aus. Das Geld, das in der Gartenstadt nördlich der Meißner Straße ausgegeben und investiert werden konnte, wurde zum großen Teil südlich davon verdient. Manches Unternehmen von nationalem, ja Weltrang erlebte in Radebeul seine Blüte, und manche Radebeuler Fabrik mit einstmals Hunderten Beschäftigten ist heute kaum noch dem Namen nach bekannt. Daß sich die Rauchschwaden aus den Fabrlkschornsteinen weitgehend verzogen haben – der eine wird es begrüßen, der andere bedauern. Um einer Stellungnahme zu dieser Frage aus dem Weg zu gehen, begibt sich unser Autor Frank Andert diesmal auf die Spur einer Firma, die vielleicht keine Wohlgerüche ausströmte, wohl aber welche produzierte.

Lilienmilch für die Welt.
Vor 120 Jahren wurde die Feinseifenfabrik Bergmann & Co. gegründet.

Gold wert ist ein zartes reines Gesicht, rosiges jugendliches Aussehen, weiße sarnmetweiche Haut und blendend schöner Teint. Alles erzeugt die allein echte Steckenpferd-Lilienmilch-Seite von Bergmann & Co. Radebeul.“ So warb vor hundert Jahren Radebeuls erstes Kosmetikunternehmen für sein Spitzenprodukt. Im Jahr 1885 hatten die Brüder Bruno und Alexander Bergmann auf der Nordstraße 11 in Dresden mit zunächst zwei Mann und drei Mädchen Belegschaft eine kleine Seifenfabrikation gegründet. Die industrielle Feinseifenproduktion war zu diesem Zeitpunkt ein noch junger Industriezweig. Das Prinzip der Seifenherstellung durch das Sieden von Ölen mit Pflanzenasche War zwar bereits den Babyloniern um 2500 v. Ohr. bekannt gewesen, doch wegen des Rohstoffmangeis war Seife bis ins 19. Jahrhundert ein kostbares, parfümierte Toilettenseife gar ein Luxusgut. Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte, als der Welthandel kostengünstig hochwertige Fettrohstoffe wie Palm- und Kokosfett bereitstellte und Verfahren zur großtechnischen Herstellung von Soda entwickelt waren, wurde Seife erschwinglich und bürgerte sich allgemein als Körperhygiene- und Waschmittel ein. Der Seifenkonsum, für Justus von Liebig „Maßstab für den Wohlstand und die Kultur der Staaten“, nahm rasant zu, was günstige Startbedingungen für entsprechende Firmengründungen schuf- vorausgesetzt, man fand die richtige Mischung aus Grundseife, Farb- und Geruchsstoffen.
Bergmanns Rezeptur der Lilienmilch-Seife, einer „blütenweißen Feinseife“, die, wie es im Radebeuler Tageblatt anerkennend hieß, „auch bei härtestem Wasser einen wunderbar sahnigen Schaum spendete und wegen ihres frischen Duftes allgemein beliebt war“, entwickelte sich zum Erfolgsrezept, oft kopiert und nie erreicht. Die Fama will, dass es bald zum Steckenpferd der guten Dresdner Hausfrau wurde, nur noch Bergmann-Seife zu verlangen, und Bergmann & Co., dieser Wortspielerei wegen, die Schutzmarke „Steckenpferd“ eintragen ließen. Wegen der großen Nachfrage wurde schon 1889 ein Fabrikneubau erforderlich. in Anbetracht der billigen Bodenpreise und der günstigen Verkehrsverhältnisse entschieden sich die Brüder für einen Standort im noch jungen Radebeuler Industriegebiet an der Leipziger, heute Meißner Straße, damals noch eine beschauliche Lindenallee, über der sich die Baumkronen trafen. Etwa zur gleichen Zeit wurde eine erste Zweigfabrik im österreichischen Tetschen eröffnet, weitere Filialbetriebe entstanden 1891 in Zürich, 1910 in Brüssel, 1912 in Holland und 1918 in Warschau.
Der eigentliche Kopf der Firma war Bruno Bergmann (1842-1929), ein „Kaufmann und Arbeiter von seltener Begabung und Ehrenhaftigkeit“, wie es in einem Nachruf heißt. 1892 trat sein Neffe Alfred Bergmann (1864-1928) in die Geschäftsleitung ein, und kurbelte als „Meister der propagandistischen Organisation“ die Werbung des Unternehmens kräftig an. Neben Zeitungsannoncen und Plakaten gab die Firma u.a. eine Fülle von Werbemarken aus, z. B, mit Märchenmotiven, Szenen aus Schillers Dramen oder Abbildungen der schönsten deutschen Burgen und Schlösser. Selbst die Musik wurde in Dienst genommen: um 1905 erschien im Berliner Musikverlag Metropol der dem Radebeuler Unternehmen gewidmete Schlager „Mein Steckenpferd“ von C. Alfredy. Der Aufwand zahlte sich aus; bis zum Weltkrieg schwamm das Steckenpferd auf der Welle der Konjunktur, und mit den ansprechend geprägten Seifenstücken, hierzulande a 50 Pf. in jeder Apotheke und Drogerie zu haben, wurde auch der Name ihres Herkunftsortes über Deutschland hinaus bis nach Ägypten und Indien bekannt. Am 30. Juni 1902 ernannte der sächsische König die Inhaber zu offiziellen Hoflieferanten. Das Stammhaus, heute Hellerstraße 23, musste 1895, 1904 und abermals 1910 erweitert werden. Die Belegschaft, die zum größten Teil aus Dresden kam, wuchs entsprechend. Bei der ersten Fabrikarbeiterzählung 1894 standen im Radebeuler Werk 31 Arbeiter in Lohn und Brot, 1905 waren es schon 75, 1915 fast 100; der Frauenanteil lag immer deutlich über 50 %. Das Betriebsklima war gut, nicht zuletzt, weil nach \/Verladung jeder 100.000. Seifenkiste ein „Kistenfest“ mit Dampferfahrt und Umtrunk winkte. Ab 1914 ging es dann zunächst mit der Seife, später auch mit der Firma bergab; bis 1921 war die Versorgung mit dem für die Lilienmilch erforderlichen Palmöl unterbrochen, der Ersatz ließ viele Wünsche offen. Nach der Enteignung der Werke in Belgien und Holland wurde das Stammwerk ausgebaut
1923, als Walter und Curt Bergmann, die Söhne der bisherigen Direktoren, den Betrieb übernahmen, überschritt die Zahl der Beschäftigten zum ersten Mai die 200. Kaum hatte sich die Bergmann & Co, wirtschaftlich erholt, wurde das Radebeuler Werk 1934 durch ein Feuer schwer beschädigt. infolge der Rohstoffbewirtschaftung im zweiten Weltkrieg verschwand die Lilienmilchseife 1939 erneut aus den Regalen und wurde durch sogenannte RlF-Seife ersetzt. Der stark mit Porzellanerde gestreckte, minderwertige Ersatz war eher zum „Peeling“ als zum Waschen geeignet, was die Volksgenossen durch die Umdeutung von RIF (eigentlich „Reichsstelle für industrielle Fettversorgung“) in „Reinlichkeit ist Frevel“ kommentierten. 1945 waren schließlich auch die letzten Filialbetriebe verloren, die Radebeuler Produktion wurde aber schon wenige Tage nach Kriegsende wieder aufgenommen. Die Inhaber blieben in Radebeul, einer von ihnen engagierte sich sogar aktiv beim politischen Neuaufbau, wurde stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher und Kreisverbandsvorsitzender der CDU Dresden-Land. Die unternehmerfeindliche Stimmung veranlasste ihn 1950 aber schließlich doch, die DDR zu verlassen. „Seifen-Bergmann“ ging daraufhin in treuhänderische Verwaltung über und wurde Anfang 1954 mit der Kernseifenfabrik „Raseifa“ zum VEB Steckenpferd vereinigt, zumindest das Logo blieb erhalten. Dass der Name Steckenpferd-Radebeul vier Jahre später DDR-weit aus jeder Zeitung grüßte, lag weniger daran, dass ab dem zweiten Quartal 1954 die Lilienmilch wieder zu schäumen begann, als an einer geschickt inszenierten Wettbewerbskampagne. Zum Dank für die Abschaffung der Lebensmittelkarten wollte die Belegschaft, wie das Oktoberheft der „Vorschau“ 1958 lobend vermerkte, „ihr besonderes Vertrauen zur Regierung und der Partei der Arbeiterklasse“ bekunden und beschloß, wohl in Erinnerung an frühere „Kistenfeste“ auf der Elbe: „Erhöhen wir unseren Exportplan! Steckenpferd-Devisen für einen 10.000-Tonnen-Frachter.“ Im Geiste Adolf Hennekes und der Gebrüder Grimm konnte die Produktion „gemessen an den Zahlen des Privatbetriebes [. . .] auf das 27fache“ gesteigert werden [Fußnote: im April 1959 berichtete die „Vorschau“, die Quartalsproduktion habe 1953 bei elf und 1959 bei 20 t Seite gelegen.] und nicht mehr 5.2, sondern über 70 % gingen in den Export nach 23 Ländern. Im Ergebnis standen allein 1958 rund 100.000 $ Exporterlöse über Plan zu Buche. Aus dieser Initiative formte sich mit regierungsseitiger Starthilfe die „Steckenpferd-Bewegung“, die von über 1.500 DDR-Betrieben aufgegriffen wurde und schon im ersten Jahr Devisen im Gegenwert von 200 Mio. Mark einbrachte. Die Handelsmarine der DDR konnte von diesem Geld fünf gebrauchte Frachter erwerben, von denen einer im Januar 1959 den Namen „Steckenpferd“ bekam. Für den Rest des Geldes wurden 10.000 t Südfrüchte, 2.800 t Kaffee, 750.000 Paar Lederschuhe, 6.800 Motorräder, 5000 Fernsehgeräte und 4.750 Personenkraftwagen eingeführt. Der VEB (K) Steckenpferd Seifen- und Kosmetikwerk, Radebeul 1, so die volle Bezeichnung, erhielt am 23. Februar 1959 den
Orden „Banner der Arbeit“. ln den folgenden Jahren vergrößerte sich die „Steckenpferd-Flotte“ auf neun Schiffe, darunter das FDGB-Traumschiff „Völkerfreundschaft“. Kaum war die „Wanderfahne des Ministeriums für Leichtindustrie“ weitergewandert, nahm das Schicksal des mittlerweile 80lährigen Unternehmens eine seltsame Wendung. Noch 1960 waren im Siebenjahrplan der DDR umfangreiche Baumaßnahmen für eine Erweiterung der Radebeuler Seifenproduktion vorgesehen, die Belegschaft sollte von 279 (1962) auf 600 wachsen. Fünf Jahre später wurde der Plan jedoch grundlegend geändert und die Seifenherstellung ab 1966 schrittweise nach Riesa verlagert. Die umgerüstete Radebeuler Fabrik stellte fortan als Zweigbetrieb des VEB Preßwerk Ottendorf-Okrlila Verpackungen und Baumaterial aus Schaumpolystyrol her. Nach der „Abwicklung“ 1991 wurde der Betrieb von der Schaumaplast Isolierstoffe GmbH aus Reiling übernommen. An die Lilienmilch von einst erinnern nur noch die Werbemarken. Die Wohlgerüche der Kölnisch- und Lavendel-, Gesichts-, Rasier- und Kopfwasser, Frisier- und Hautcremes, der Bade-, Kinder-, Creme- und anderer Seifen „in Einzelstücken oder in schönen Geschenkpackungen“ – nur ein Auszug aus dem ehemals breiten Steckenpferd-Sortiment – sind längst verweht. Die wieder aufgetakelte „Völkerfreundschaft“ kreuzte noch vor wenigen Jahren unter neuem Namen in der Karibik.

Frank Andert

Ein Bürger von Weltruhm aus Hoflößnitz: Der Maler Moritz Retzsch

„Ich betrachte meine Einführung bei Moritz Retzsch als eines der merkwürdigsten und angenehmsten Begebnisse meines kurzen Aufenthalts in Dresden. Dieser außerordentliche Geist, der in England fast eben so beliebt und geschätzt ist wie in seinem Vaterland, scheint von der Natur einen doppelten Teil Erfindungsgabe erhalten zu haben, und verdient sonach ihren auserwählten Günstlingen beigezählt zu werden.“ So schreibt 1834 Mrs. Jameson über ihren Besuch bei Moritz Retzsch. Mrs. Jamson ist Korrespondentin der vierteljährlich in London erscheinenden Zeitschrift ‘Foreign Quarterly Review’ und recherchiert für eine Reihe von Aufsätzen, die unter dem Titel ‘Views and sketches at home and abroad’ erscheinen.
Moritz Retzsch hat zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren eine Professur für Historienmalerei an der Königlichen Kunstakademie in Dresden, ist aber ebenso als Porträtist bekannt. Internationale Berühmtheit allerdings hat er mit Illustrationen zu Klassikern der Weltliteratur erlangt. Zu den populärsten zählen Goethes ‘Faust’ und Schillers Gedicht ‘Das Lied von der Glocke’. Die Blätter von Retzsch erlangen internationale Verbreitung. Retzsch erhält sogar aus Amerika Zuschriften, die bezeugen, welche Wirkung er mit seinen Illustrationen an der Schnittstelle von Kunst und Literatur erzielt.
Der elf Blätter umfassende Bildzyklus zum ‘Faust’ war bereits 1816 im Verlag von Friedrich Cotta in Stuttgart erschienen und gehört zu den ersten Umsetzungen des Dramas ins Bild. Retzschs Illustrationen wirken für das gesamte Jahrhundert prägend auf das Faust-Bild. Sogar Theaterinszenierungen orientieren sich danach. Ebenso spektakulär und noch weit umfangreicher ist Retzschs Auseinandersetzung zu Schillers ‘Lied von der Glocke’. Hierzu entstehen 43 blattfüllende Illustrationen, die – wie auch schon die zum ‘Faust’ – vom Verlag als gesondertes Mappenwerk herausgegeben werden. Das heißt, sie sind nicht in den Text integriert, sondern stellen einen eigenständigen Bildzyklus dar.
Die Beliebtheit der Illustrationen ist unter anderem in der Art ihrer Ausführung begründet. Retzsch bedient sich hierzu der Umrisslinie. Es ist ein Verfahren, bei dem die Darstellung gänzlich auf Kontur und Binnenzeichnung in durchweg feinen Linien beschränkt bleibt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das etwas Besonderes, weil man weitgehendst Kupferstiche gewohnt ist, die mit ihrer akribischen Wiedergabe von Licht und Schatten, Volumen und allerhand Details der Phantasie störend im Wege stehen. Die in solcher Weise ausgeführte Illustration gibt zuviel vor, so dass dem Leser kaum Raum bleibt, seine eigene Vorstellungskraft einzusetzen.
Zum reduzierten Verfahren der Darstellung in Umrissen hinzu kommt, dass Retzsch mit seinen Illustrationen ein Bild seiner Zeit vermittelt, mit dem sich seine Zeitgenossen gerne identifizieren. Handwerksfleiß und bürgerliche Tugenden nehmen in seinen Illustrationen zum Glockenlied einen breiten Raum ein. Retzsch misst ihnen ein bestimmtes Bildformat zu. Alles, was unmittelbar mit dem Glockenguss zu tun hat, wird in einem ovalen Rahmen gezeigt. Szenen, bei denen das individuelle und gesellschaftliche Leben im Mittelpunkt stehen, werden von einem rechteckigen Rahmen umschlossen. Andere Zeichnungen hingegen bleiben ohne Rahmen. Mit den unterschiedlichen Formaten kennzeichnete Retzsch zugleich die Passagen des Gedichtes. Den unterschiedlichen Inhaltsebenen und dem wechselnden Versmaß entspricht er damit in hervorragender Weise und folgt darin der Struktur des Gedichtes. Das hindert ihn aber nicht, mit seinen Illustrationen eine neue Sicht auf das Gedicht zu eröffnen. Beispielsweise treten die Wirkkräfte der Natur personifiziert ins Bild. Schicksalsschwere Ereignisse, wie der Ausbruch eines Feuers, zeichnen sich in der Gestalt von Kobolden zwischen den Wolken am Himmel ab. Vieles, was im Gedicht unanschaulich bleibt, findet bei Retzsch eine phantasievolle und lebhafte Umsetzung.
Phantasie und Technik prägen das Erscheinungsbild seiner Illustrationen. Sie sind es, die Retzschs Ruhm bis in die Gegenwart begründen. Die graphischen Blätter entstehen außerhalb seiner Tätigkeit an der Akademie in stiller Zurückgezogenheit in seinem Haus in den Weinbergen in Hoflößnitz. (Retzschs ehemaliger Wohnsitz ist heute das Weingut Retzsch in der Weinbergstraße, Ecke Retzschgasse.) Hier findet Retzsch Muse und Ruhe, sich dem Zeichnen und neuen Ideen zu widmen. Während er die offiziellen Geschäfte in seinem Atelier in Dresden abwickelt, empfängt er hier Freunde und ihm nahe stehende Personen. Auch seine Frau Christiane hält sich das ganze Jahr über im Weinberghaus in Hoflößnitz auf, führt ihm den Haushalt und wirkt als stille Muse im Hintergrund. Eine Anzahl seiner Zeichnungen sind ihr gewidmet. Sie lässt sie in ein Album binden, das zu besonderen Gelegenheiten, wie Geburtstag und Weihnachten, um weitere Zeichnungen ergänzt wird. In einer kleinen Auflage gibt Retzsch einige davon in späteren Jahren zur Publikation. Als ‘Phantasien’ und ‘Phantasien und Wahrheiten’ finden sie Eingang in ein weiteres Mappenwerk.
Retzschs Bedeutung als Illustrator und seine Rolle bei der im 19. Jahrhundert zunehmend bedeutsam werdenden Popularisierung von Kunst ist ausführlich dargestellt in:
Viola Hildebrand-Schat: Zeichnung im Dienste der Literaturvermittlung. Retzschs Umrißillustrationen als Ausdruck bürgerlichen Kunstverstehens, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. Erscheint im Herbst 2004.

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 3)

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller
Die Silicone machten ihn weltberühmt – er machte die Silicone weltberühmt:

1954 beruft ihn die TH *) Dresden zum nebenamtlichen Professor, Große Freude bereitet es ihm, sowohl in seinem Institut als auch als Hochschullehrer seine Kenntnisse dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu vermitteln. Und dieser genießt den Vorzug. neueste wissenschaftliche Erkenntnisse der Siliconchemie von Weltgeltung aus dem Munde des Urhebers zu erfahren und unter höchstqualifizierter Leitung an deren Weiterentwicklung mitzuwirken. Unter seiner Obhut kommt es neben zahlreichen Patenten zu etwa 250 Veröffentlichungen und 12 Dissertationen aus seinem Institut. Er ist so erfolgreich, dass es den Machthabern und Neidern 1968 nicht mehr gefällt und sie ihn in den Ruhestand drängen, obwohl er noch über volle Arbeitsfähigkeit verfugt. Wir erinnern uns, dass es in der DDR – sie litt ja unter chronischem Arbeitskräftemangel – verbreitet und bei verantwortlichen Kräften üblich war, auch noch nach dem 65. Lebensjahr in gewissem Umfang zu arbeiten, zumindest ihre schöpferische Tätigkeit bis zu einem gewissen Abschluss zu bringen. Und ausgerechnet das ist ihm nun nicht vergönnt – Undank ist der Welt Lohn! Unter seinem Nachfolger besteht dann das Institut bedauerlicher Weise nicht mehr lange. Seine Vorlesungstätigkeit endet 1972. Aber allen Widerwärtigkeiten zum Trotz wird durch zahlreiche Ehrungen deutlich, man weiß, man ist ihm zu großem Dank verpflichtet. Angefangen vom oben erwähnten Nationalpreis der DDR über die Clemens-Winkler **)-Medaille (1962) und die Ehrenmitgliedschaft der Chemischen Gesellschaft der DDR (1982) kommt es zu zwei Ereignissen ganz besonderer Ehrung: Den beiden Begründern der Siliconchemie ***), Herrn Prof. Dr. Richard Müller Emeritus der TU Dresden – und Herrn Prof. Dr. Dr. Eugene G. Rochow, wird jeweils in einer gemeinsamen Festveranstaltung im August 1992 an der TU München der von der Wacker-Gesellschaft gestiftete Siliconpreis und im September 1992 von der TU Dresden die Ehrendoktorwürde verliehen. So wird ihm auch hohe akademische Anerkennung zu Teil: wie schön, dass diese Form gewählt wurde und wie schön, dass auch der US-Professor erschienen ist! Es gibt Bilder, die die beiden jetzt gemeinsam geehrten Freunde in regem Gespräch zusammen zeigen. Sie sind sich übrigens bereits 1963 anlässlich eines Symposiums an der TU Dresden in voller Harmonie begegnet. Richard Müller wäre nicht er selbst wenn er im Ruhestand nur der Ruhe pflegte. Mit Siliconen mochte er sich nicht mehr befassen – da ist ihm zu übel mitgespielt worden. Aber er findet Erfülllung in der Mineralogie und auch besonders in der sächsischen Geschichte. So erreicht er bei beachtlich guter Gesundheit in der schonen Lößnitz das ansehnliche Alter von fast 96 Jahren. Er hinterlasst uns ein umfangreiches und bis in ferne Zukunft aktuelles Lebenswerk, so umfangreich, dass wir hier nur einen kleinen Ausschnitt betrachten konnten. Das Grab auf dem Friedhof der Lutherkirche in der Nahe der Kapelle ist leicht zu finden.
Wir verneigen uns dankbar vor dem großen Radebeuler.
Der Verfasser bedankt sich bei Frau Lochmann (Tochter von R.M.), Herrn Prof. Dr. habil. Auner (Johann-Wolfgang-Goethe-Universitat Frankfurt/M), Herrn Dr. Meier (Mitarbeiter von R.M.), bei Herrn Dr. Lienen und Frau Dipl. Archiv. Heymann (Dir. und Stellv. Dir. d. Universitätsarchivs d. TU Dresden). Herrn Dr. Sorms (Leiter Öffentlichkeitsarbeit der AWD.pharma GmbH & Co.KG) Herrn Gehre (Ltr. d. Abt. Öffentlichkeitsarbeit im Werk Nünchritz d. Wacker-Chemie GmbH) sowie bei Frau Fiedler (Mitarb. im Stadtarchiv Radebeul) für die erfahrene Unterstützung. Obigen Zeilen liegen die „Erinnerungen“ von Richard Müller, Informationen aus Gesprächen mit den Genannten und aus den Archiven sowie eigene Erinnerungen zugrunde. Die Bilder wurden freundlicher Weise von Frau Lochmann zur Verfugung gestellt.
Gerwalt Beyer
*) ab 1962 TU
**) Entdecker des Germaniums
***) lhr Verfahren ist als „Müller-Rochow-Synthese“ in die Chemie eingegangen

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 2)

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller
Die Silicone machten ihn weltberühmt – er machte die Silicone weltberühmt:

Es kommt zum 17. Juni 1953 *). Für sein Auftreten dabei zollen ihm die Radebeuler hohe Anerkennung. Die Belegschaft schließt sich dem allgemeinen Streik an und bittet ihn, die Leitung zu übernehmen. Sein mutiger Einsatz macht in Radebeul die Runde. Er wird von der Volkspolizei verhaftet, dann aber an sowjetische Sicherheitsorgane auf deren Verlangen ausgeliefert, die die von deutscher Seite beabsichtigten Handschellen ablehnen (also dort noch ein gewisser Respekt vor dem Wissenschaftler!); verhört wird er von sowjetischen Generalen. Diese fragen vor allem danach, ob der Aufstand organisiert gewesen sei, da er ja an vielen Orten gleichzeitig begonnen habe. Er verneint, die Gleichzeitigkeit beruhe auf der überall gleichen Unzufriedenheit. Dann lässt man ihn frei und – versucht, ihn als Spion anzuwerben. Selbstverständlich versagt er sich.
Der Staatssicherheitsdienst der DDR versucht gar nicht erst, ihn anzuwerben. Hingegen vermutet R. Müller. dass man zwar IM **)  auf ihn ansetzt, aber im Übrigen die Finger von ihm lässt, um nicht das Ansehen der DDR zu beeinträchtigen. Einen frühen Nationalpreisträger und Wissenschaftler von Weltgeltung kann man nicht ungestraft maßregeln. Als einem seiner Mitarbeiter die Republikflucht gelungen ist, kann er sogar noch ohne böse Folgen Briefkontakt mit ihm pflegen. (Ob dieser wohl gar nicht bemerkt worden ist?) 1954 gründet er in Radebeul nach langen Auseinandersetzungen das „Institut für Silikon- und Fluorkarbonchemie“ unter Ausgliederung aus der Chem. Fabrik v. Heyden. Die Ergebnisse der betrieblichen und Grundlagenforschung bedeuten hohen wissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Gewinn, innerhalb der DDR werden sie insbesondere im Zweigwerk Nünchritz umgesetzt. England und Frankreich kaufen je eine Lizenz. Von Italien angestrebte Lizenzkäufe werden von der vorgesetzten VVB***) – gegen die wirtschaftlichen Interessen der DDR – verhindert, um das Ansehen des Institutes zu begrenzen (!). Der Siegeszug der Silicone vom einfachen Abdichtmittel über die Basis für zahlreiche Computerteile bis zum Einsatz in der Schönheitschirurgie ist uns ja bekannt. Wenn es übrigens in letzterem Zusammenhang Probleme gegeben haben sollte, so wären diese nicht auf die Silicone, sondern auf den beigefügten Weichmacher zurückzuführen.
Silicone standen zwar bei seinem Schaffen im Vordergrund, es erschöpfte sich aber nicht in ihnen. So war er z. B. in gewissem Sinne an der Entwicklung des Elektronenmikroskopes beteiligt, das die Forschung wesentlich vorangebracht hat.
Er versteht sich als Leiter nicht nur als Vorgesetzter, sondern vor allem als Teil einer guten, kameradschaftlichen Arbeitsgemeinschaft. Und diese verdankt ihm das ausgezeichnete Arbeitsklima, das entsprechend hohe Forschungsergebnisse begünstigt.
Eine ebenso positive Rolle spielt er als Familienvater, wenngleich er sogar zu Hause sehr viel an den Schreibtisch gefesselt ist. Denn auch dort kann er der Wissenschaft dienen. Weil seine Frau – von der er voll Liebe, Dankbarkeit und Hochachtung spricht – und später dazu seine Tochter das erforderliche Verständnis entgegenbringen und ihn von häuslichen Arbeiten entlasten. Wir schließen uns diesem Dank an.
(Fortsetzung folgt)
Gerwalt Beyer
*) Vgl. Gerwalt Beyer: „Mein 17. Juni“ in „Vorschau und Rückblick“, Juni 2003
**) Inoffizielle Mitarbeiter (Informanten des Staatssicherheitsdienstes)
***)Vereinigung Volkseigener Betriebe

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 1)

Zum 5. Todestag am 7. Juli Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Richard Müller (Teil 1)
Die Silicone machten ihn wetberühmt – er machte die Silicone weltberühmt:

Seine hohen Verdienste sind bereits vielfältig gewürdigt worden und an entsprechend vielen Stellen nachlesbar. Wir führen uns hier nur vor Augen, an wen wir bei Nennung des Namens Richard Müller denken, und sei es bei Betrachten des neuen Radebeuler Stadtplanes. Die Richard Müller-Straße verlauft im Nordosten („Waldstraßenviertel“) zwischen Friedrich-von-Heyden-Weg und Ernst-Kegel-Straße. In der Natur sind diese Straßen noch nicht wahrzunehmen, da ihr Bau in einer späteren Phase vorgesehen ist. Am 17.07.1903 in Hartha bei Waldheim (Mittelsachsen) geboren, erhält er nach Schulbesuch in Hartha, Waldheim und Döbeln 1923 das Reifezeugnis. Das Studium (als Werkstudent) der Chemie, Physik und Mineralogie in Leipzig schließt sich an. In seinen „Erinnerungen“ berichtet er begeistert von dieser Zeit des Wissenserwerbes und seinen Professoren. Unter ihnen nennt er die beiden Nobelpreisträger Werner Heisenberg (Beitrage zur Quantenphysik, Unschärferelation) und Peter Debye. Bei letzterem spricht ihn besonders die Klarheit seiner Vorlesungen an – ein Vorbild für seine spätere eigene Lehrtätigkeit. Auch erwähnt er Hermann Kolbe (Vorgänger eines seiner Professoren), auf dessen Salizylsäure-Synthese die Gründung der Chemischen Fabrik von Heyden in Radebeul zurückgeht. Wir denken hierbei an das Medikament ASS (Acetylsalicylsäure). Sein Studium beendet er 1928. Seine Doktorarbeit „Beitrage zur Kenntnis des Systems Nickeloxyd-Sauerstoff-Wasser“ bei Max LeBlanc – Direktor des Physikalisch Chemischen Instituts und zu dieser Zeit Rektor der Universität – schließt sich an. Wir lesen von der Freude LeBlancs bei einer Begegnung mit Richard Müller 1942 bei der Feststellung, dass dieser kein Nationalsozialist ist. Beide Herren machen ihre Ablehnung der NSDAP sogar mitten im Kriege deutlich. Seine Promotion erfolgt 1931, bald danach seine Anstellung als Forschungschemiker bei von Heyden in Radebeul. 1932 heiratet er seine Ehefrau Lotte, ebenfalls Dr. phil. auf chemischem Gebiet. Er freut sich, bei von Heyden ein vielseitiges Fabrikationsprogramm anzutreffen und seinen Fähigkeiten entsprechend gefordert zu werden. Er dankt dies Rudolf Zellmann, uns als späterer Direktor der Firma bekannt. 1941 dann die historische Entdeckung: Er findet den richtigen Weg, begehrten Silicone auch technisch herstellen zu können. Man weiß schon viel über Silicone, so viel, dass man sie gern hatte, bisher aber nicht. wie man sie sicher und ökonomisch erzeugen kann. Da ist es nun der epochale Fortschritt, dass Richard Müller ein – ja das Verfahren entdeckt, nach dem man Silicone gefahrlos und in erheblichen Mengen herstellen kann. Aber es ist Krieg, und deshalb kann die Produktion noch nicht wie gewünscht aufgenommen werden. Seine Entdeckung erfolgt unabhängig von E. Rochow in den USA, der dort nahezu zeitgleich zum selben Ergebnis gelangt. Und was passiert nun nach Kriegsende? Die sowjetische Besatzungsmacht vermutet in der wissenschaftlichen Tätigkeit Richard Müllers atomphysikalische Untersuchungen, für die sie sich sehr interessiert. „Nur durch Dummstellen – die Silicon-Arbeiten waren noch nicht bekannt bzw. den Russen verheimlicht worden – verhinderte ich, dass ich durch eine deshalb angereiste Expertengruppe zwangsweise mit in die Sowjetunion genommen wurde.“ (Aus seinen „Erinnerungen“).
Jedoch widerfährt ihm wie vielen Radebeuler von dieser Seite anderes Ungemach: Er wird mit Frau und Töchterchen aus seiner schönen Wohnung durch die Besatzungsmacht hinausgesetzt. Er wohnt in der Goethestraße, und diese liegt im sog. Russenviertel benannt nach dem „Gasthof zum Russen“: Ein Russe hatte sich vor langer Zeit dort als Gastwirt niedergelassenen und sein Lokal nichts ahnend so genannt. Bei aller Misslichkeit der Lage finden doch noch etliche Radebeuler den Galgenhumor, darüber zu witzeln, dass die Russen nun ausgerechnet im Russenviertel Quartier beziehen. Unserer Familie Dr. Müller und vielen anderen durfte keineswegs zum Lachen zumute sein. Sie findet zunächst eine Notunterkunft auf dem von Heydenschen Betriebsgelände, später folgen weitere Umzüge, zuletzt sogar in eine sehr schöne Wohnung in Oberlößnitz. Die Chemische Fabrik wird demontiert. Viele wertvolle Produktionsanlagen werden dabei vernichtet, so dass ein regelrechter Wiederaufbau erforderlich wird. An diesem beteiligt sich Richard Müller sehr engagiert. Er setzt setzt sich gegen den Widerstand der Machthaber durch, die aus unserer Chemischen Fabrik eine Filzschuhfabrik machen wollen. Er erreicht auch, dass das Zweigwerk in Nünchritz nicht nur wieder als Schwefelsäure- und Ätznatron-, sondern auch als Siliconfabrik aufgebaut wird.
Dem Wiederaufbau der Radebeuler und Nünchritzer Produktionsstätten kommt sehr zugute, dass die Westalliierten in dem von ihnen zunächst besetzten Westsachsen und Thüringen die dortigen Betriebe unversehrt gelassen haben. Dadurch sind z. B. Zeiss und Schott in der Lage, vieles nach Radebeul zu liefern, was hier für den Wiederaufbau dringend benötigt wird. Richard Müller wird mit der technischen Leitung des Wiederaufbaus betraut. Dabei muss er viel improvisieren, z. B. kann man sich zur Dampferzeugung nur zweier ausrangierter Lokomotiven bedienen. (Wie gut, dass der Bahnhof so nahe gelegen), Methanol lässt sich derzeit nur auf abenteuerlichen chemischen Umwegen gewinnen.
Für sein hohes Verdienst um die Siliconforschung wird er 1951 zusammen mit Bertolt Brecht u. a. mit einem der ersten Nationalpreise der DDR ausgezeichnet. (Damals galt noch ein sehr hoher Maßstab, erst später war es leichter, diese Auszeichnung zu erhalten)
Gerwalt Beyer
(Fortsetzung folgt)
Es empfiehlt sich, auch Ulrich Pohle „Nationalpreistrager Prof. Dr. Richard Müller“ in „Die Vorschau“. Sept 1953, zur Hand zu nehmen. Man findet das Heft und anderes interessantes (nicht nur zu Richard Müller) im Stadtarchiv, Gohliser Str. 1

War Jean Paul in der Lößnitz ? (2)

Die zweite Reise von Jean Paul Friedrich Richter nach Dresden im Jahre 1822 dauerte etwas länger und ist u.a. in den Briefen an seine Frau Caroline beschrieben. Jean Paul weilte vom 6. Mai bis zum 12. Juni 1822 in Dresden und wohnte beim „Registrator Aderhold vor dem weißen Thore“. Das weiße oder Leipziger Tor stand unweit des Japanischen Palais an der Leipziger Straße. Das Logis hatte ihm wahrscheinlich seine in unmittelbarer Nähe wohnende Schwägerin Wilhelmine ( Minna ) Uthe-Spazier besorgt.
Die Briefe aus dieser Zeit sind für den Literatur- und Heimatinteressierten sehr  aufschlußreich. Vor allem aus zwei Passagen der Briefe an seine Frau sind Besuche in der Lößnitz nachweisbar.
Am 19. Mai schreibt er:
„Morgen fahr ich zum 2ten male mit Uthes auf das Land zu einer herrlichen Familie Schwarz, die ihren Wein- und Landsitz Friedstein nennt. Er – einreicher Vertrauter des russischen Kaisers – baute seinem vortrefflichen Vater ein Haus neben seinem. Die Gegend ist göttlich, die Familie mit Frau und Tochter und einer Wittwe der Frieden selber.“
Durch seine Schwägerin Minna Uthe-Spazier wird Jean Paul bei  der mit ihr befreundeten Familie Schwarz auf Friedstein eingeführt und lernt dort auch das Ehepaar Pilgrim kennen. Elise, die Gattin des Leipziger Kaufmannes Ludwig Pilgrim ist ebenfalls Schriftstellerin und eine glühende Verehrerin Jean Pauls.
Sein 19jähriger Neffe R. O. Spazier beschreibt dieses Zusammentreffen folgendermaßen:
„Von dem zauberhaften Hinreißen seines Lächelns für Frauen war ich besonders in Dresden Zeuge gewesen, und dies bei einem weiblichen Wesen, das damals bereits begonnen, sehr auf die Entwicklung meines äußern und innern Seins einzuwirken. Er ward nämlich eines Tages (13. Mai ) in einer Familie eingeführt, die auf einer Weinbergsbesitzung zwischen Meißen und Dresden, dem Dörfchen Kötzschenbroda gegenüber gelegen wohnte, eine Familie, deren größte Zierde zwei verheiratete, jedoch noch jugendliche Schwestern waren. Kaum war er dort eingetreten, wie immer erst mit einer überaus edlen Kopfverneigung, die er sich den Großen gegenüber angeeignet, und bei welcher er nicht einen Zoll seines Rückgrates beugte, so daß der innere Mensch in seiner ganzen Würde vor ihnen stehen blieb, und als er das Haupt dann wieder mit jenem Lächeln erhob, warf die jüngere und lebhaftere beider Schwestern sich ihm an den Hals und flog mit den Lippen an seinen Mund, nachher die etwas zu rasche Bewegung mit der Versicherung entschuldigend, wie es ihr unmöglich gewesen wäre, einen solchen Himmel überschwänglicher Liebe in einem Menschenantlitz zu sehen, ohne sich gewissermaßen in denselben hinein zu stürzen.“  
Der so Überfallene bittet später Ludwig Pilgrim, den er irrtümlich für den Bruder hält, ihm zu einer nochmaligen Zusammenkunft mit der Dame zu verhelfen. Der vermeintliche Bruder sendet Jean Paul einen Blumenstrauß mit einem beigefügten Billett, in dem er den Irrtum aufklärt und ihn nochmals nach Friedstein einlädt. Jean Paul schreibt daraufhin am 17. Mai an Pilgrim, bittet um Verzeihung für den Irrtum und nimmt die Einladung an: „… In Friedstein – das bei mir den Königstein überragt – werd ich Ihnen zum zweiten male danken und länger.“
Am 24. Mai berichtet der nicht nur den Musen sondern auch dem Bier- und Weingenuß geneigte Dichter seiner Frau nach Bayreuth vom zweiten Besuche in Friedstein:
„Neulich bei dem vortrefflichen Schwarz in Friedstein, – der mir 16 Flaschen seines selber gebauten Burgunders gegeben, dessen Bezahlung in Geld anzunehmen er mir hoff ich ohne Zweideutigkeit versprochen – sang Minona, nachdem die schöne Frau von Schwarz mit Operkraft ein langes italienisches Kunstwerk herrlich vorgetragen..“
Minona Spazier ist die Nichte Jean Pauls. Ob er Elise Pilgrim bei seinem zweiten Besuch antraf, wissen wir nicht. Die Schwestern Elise Pilgrim und Emilie Schwarz sind die Töchter des Pädagogen Johann Peter Hundeiker, der von 1819 bis 1823 Lehrer an der Knabenschule des Dr. Carl Lang in „Wackerbarths Ruhe“ war und bis zu seinem Tode im Jahre 1836 in dem zu Altfriedstein gehörenden Winzerhaus Am Jakobstein 2 lebte.
So ist also nun eindeutig belegt, daß Jean Paul die Lößnitz zweimal besuchte, nicht den Minckwitzschen Weinberg sondern das Weingut Friedstein. Nun ist noch zu ergründen, ob Jean Paul in Alt- oder in Neufriedstein empfangen wurde.
Zum Friedstein gehören die Weinberge Wehlener Berg, Schildberg und Sandleite mit 100 + 87 + 185 Schock Rebstöcken. Dem Haus Altfriedstein ist wahrscheinlich der Wehlener Berg zuzuordnen, dem Haus Neufriedstein der Schildberg und die Sandleite. In den im Stadtarchiv gefundenen Aufzeichnungen finden sich Dopplungen, die eine eindeutige Zuordnung der Weinberge zu den Häusern und ihren Besitzern erschweren.
Das Herrenhaus Altfriedstein, erbaut bis 1745, ist nacheinander im Besitz der Familie des Oberlandweinmeisters Roos, des Grafen Brühl, des Agenten Böhmer, der Gräfin Zinsendorf vertreten durch J. G. Meißner und des Major v. Pilsack. Graf Brühl benennt das Haus „mon repos“. Im Jahre 1816 erwirbt der Kaufmann Ludwig Pilgrim aus Leipzig das Grundstück. Pilgrim führt die Bezeichnungen Altfriedstein und Neufriedstein ein und verkauft das Grundstück 1823 an den Kaufmann Georg Schwarz.
Das Herrenhaus Neufriedstein wird 1750 vom Commisionsrat Johann Gotthold v. Ehrlich erbaut. 1776 kauft Christiane Dorothee Schäffer das Grundstück. Im Jahre 1821 übernimmt der Kaufmann Georg Schwarz den Schäfferschen Weinberg (zur Pacht? ). Ein Kauf kommt durch Georg Schwarz nach den Unterlagen wohl erst 1827 zustande.
Wohnte Georg Schwarz im Sommer 1822 im Schäfferschen Weinberggrundstück später Neufriedstein genannt ? Oder wohnte er in dem Hause seines Schwagers Ludwig Pilgrim, der bereits 1818 das Grundstück Mohrenhaus für sich erworben hatte und Altfriedstein 1823 an Schwarz veräußerte? Wir wissen es nicht genau. Der in Jean Pauls ersten Brief an seine Frau benannte „vortreffliche Vater“ wird wohl J. P. Hundeiker sein. Weil der im zu Altfriedstein gehörenden Winzerhaus lebte, kann man vielleicht daraus schließen, daß Schwarz damals in Altfriedstein wohnte und dort auch Jean Paul empfing.

Jochen Zschaler    

Teil 1

Ergänzungen

Quellen:
(1) Jean Pauls Sämtliche. Werke
Hist. krit. Ausgabe hg. von  E. Berend
III. Abteilung Band 3 und 8,
Akademie Vlg. Berlin 1959
(2) Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen hg. von E. Berend
Vlg. Hermann Böhlaus Nachf. Weimar 2001
(3)  M. Altner: Sächsische Lebensbilder
Edition Reintzsch  Radebeul 2001
(4) L. Schließer: Altfriedstein – Neufriedstein  in Vorschau und Rückblick 3 / 97

Ergänzungen zum Artikel über Jean Paul in der Lößnitz

Bewußt verzichtete ich in der Veröffentlichung des Beitrages über Jean Paul in der Lößnitz auf Ausschmückungen. Vielmehr sollten zitierte Briefe als Zeitzeugnisse für sich sprechen und damit Authentizität gewahrt werden. Art und Umfang der in der Heimatschrift von Radebeul üblicherweise publizierten Beiträge erfordern das. Ich bin dem Redakteur von „Vorschau und Rückblick“, Herrn Malschewski auch dankbar dafür, daß er meinen Artikel ungekürzt übernommen hat. Ziel meines Beitrages war es, verläßliche Quellen über Besuche des Dichters in meiner Heimat zu finden. Dabei stellte sich freilich heraus, daß der „Romantikerkreis im Minckwitzschen Weinberg“ Legende bleiben muß. Ich weiß nicht, wer wann aus welchem Anlaß diese Behauptung erstmals aufstellte. Im „Tourist-Führer Literatur“ VEB Tourist Verlag Leipzig 1985 beginnt die Aufzählung der Literaten von Radebeul mit dem Satz: „Ludwig Tieck und Jean Paul verkehrten in der Zeit der Dresdener Romantik auf dem Mickwitzschen Weingut im heutigen Ortsteil Niederlößnitz“. Eine völlig aus der Luft gegriffene Behauptung, denn Jean Paul traf mit Ludwig Tieck erstmals im Dezember 1799 in Weimar zusammen, in Dresden besuchte er Tieck im Mai 1822 in dessen legendärer Wohnung am Altmarkt. Auch Herr Dr. Altner, dessen „Sächsische Lebensbilder“ mich auf die Spur zu Pilgrim führten, sitzt der Legende auf und verweist in einer Fußnote auf die zeitweilige Wohnung Jean Pauls im Minckwitzgut.
Carl Lang, Carl Vogel und Johann Peter Hundeiker ausgenommen ist kein Schriftsteller oder Mäzen bekannt, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Lößnitz seinen ständigen Wohnsitz oder seinen Sommersitz hatte. Somit kann, wenn überhaupt, nur das unweit von Friedstein gelegene Schloß „Wackerbarths Ruhe“ als einziger Ort der Lößnitz angesehen werden, den hin und wieder die Geistesgrößen der Dresdner Romantik besuchten. Erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Eisenbahn unsere Landschaft für die Dresdener attraktiv werden ließ, erkor sich die gehobene Gesellschaft die Lößnitz als Sommersitz. Erst nach der Spätromantik wählten die Vertreter einer neuen Künstlergeneration in zunehmendem Maße das heutige Radebeul als Arbeits- und Wohnsitz.

Vor mir liegt die Reproduktion einer alten Ansicht von der Niederlößnitz. Das zu Altfriedstein gehörende Winzerhaus Jakobstein 2 ist gut zu sehen. Ich stelle mir vor, wie damals in dem zweispännigen Gefährt Minna Spazier mit ihrem Schwager von der Meißner Straße her in die heutige Ludwig – Richter – Allee einbog, die damals schon von Bäumen besäumt war. In leichtem Trab zogen die Pferde den Wagen die mäßige Steigung bis zum Winzerhaus. Bog die Kutsche dann nach links zum Haus Neufriedstein? Oder ging die Reise geradeaus den immer steiler werdenden Weg hinauf zu Altfriedstrein? Letztendlich sollte es uns heute egal sein, wohin die Reise seinerzeit führte, wissen wir doch, zu wem sie führte. Ich kann mir gut vorstellen, wie Elise Pilgrim mit Bangen den hochverehrten Dichter erwartete,

Nach der freudigen Begrüßung kam es sicher zu einem angeregten Gedankenaustausch zwischen dem Verfasser der „Levana“ und dem Pädagogen Hundeiker. Die beiden geistvollen Schwestern bezog Jean Paul ganz sicher in das Gespräch mit ein, während deren Ehemänner, die eher merkantilisch orientiert sind, die hin und her fliegenden Geistesblitze der Vier aus der Ferne beobachteten. Auch Richard Otto Spazier und seine Mutter werden wohl nur hin und wieder zu Wort gekommen sein. Jean Paul, der sich selber gern reden hörte, wird den Gang des Gespräches bestimmt haben. Jedenfalls schrieb R. O. Spazier später in seinen Lebenserinnerungen: „Jean Paul hatte daselbst vielleicht einen der schönsten Nachmittage seines Lebens verbracht.“

Parallelen zur heutigen Zeit sind nicht zu übersehen. Erwarben doch damals zwei reich gewordene Kaufleute, der eine aus Leipzig, der andere aus St. Petersburg kommend hier ein großes Stück Land, um es gewinnbringend zu nutzen. Mit einem Dritten, dem Kaufmann Sickmann bauten sie eine Fabrik moussierender Weine an der heutigen Moritzburger Straße. Als Sektfabrik „Bussard“ bestand dieselbe bis ins 20. Jahrhundert hinein. Vor der Wende als Jugendcliub und Gaststätte genutzt, verfielen die Baulichkeiten seither, werden jetzt aber zu einem attraktiven Wohnpark wieder aufgebaut.
Auch die Anlage des im Stadtpark angestauten Wassers, genannt „Schwarzes Teich“ geht auf Georg Schwarz zurück. Eine Rohrleitung führte zu Altfriedstein.

Jochen Zschaler

War Jean Paul in der Lößnitz ? (1)

Johann Paul Friedrich Richter ( 1763 – 1825 ) oder Jean Paul, wie er sich selbst nannte, ist vielen kein Unbekannter mehr, seit Günter de Bruyn in einem Romanessay sein Leben erzählte. Wer aber kennt heute noch das Werk des vor zweihundert Jahren von den gebildeten Damen angebeteten Humoristen und Romanciers, z.B. den Hesperus, den Siebenkäs, die Flegeljahre, das Schulmeisterlein Wutz oder Dr. Katzenbergers Badereise?
Außer Literaturhistorikern wohl nur noch einige Enthusiasten, denn sein bizarrer ausufernder Stil, sein verschachtelter Satzbau erschweren uns heute den Zugang zur Lektüre. Unbestritten zählt sein Gesamtwerk aber zur Weltliteratur.
Die Reihe „Literarische Stadtpläne“ erschienen im Verlag JENA 1800 stellt die Wohn- und Wirkungsstätten bedeutender Dichter, Denker und Publizisten in einigen deutschen Städten vor. Im Heft „Literarisches Dresden“ erwähnen die Autoren Norbert Weiß und Jens Wonneberger auch die Besuche von Jean Paul in Dresden. Sie schreiben u.a.: „Jean Paul weilte erstmals vom 15. bis 31.Mai 1798 in Dresden auf dem Minckwitzschen Weinberg, einem Treffpunkt der Dresdner Romantiker“. Auch von Dieter Hoffmann war in seinem fulminanten Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung „Minckwitzscher Weinberg“ im Jahre 2001 zu hören, daß Jean Paul mit anderen Romantikern hier zusammentraf.
Über diese Nachrichten freute ich mich, wohne ich doch im früher zum Weinberg gehörenden Winzerhaus und meinte anzunehmen, daß Jean Paul vor gut zweihundert Jahren hier in unmittelbarer Nähe wandelte. Um Näheres zu erfahren nahm ich mit dem Autor vom „Literarischen Dresden“, Herrn Wonneberger Verbindung auf. Er brachte als Quelle das „Jahrbuch zur Pflege der Künste“ Heft 5 von 1957 aus dem Wolfgang-Jess-Verlag. Aber auch dort sei nur beschrieben, daß Jean Paul in seinen Aufzeichnungen von Wanderungen auf der heutigen Meißner Straße erzählte. In diesem Jahrbuch, das ich in der Sächsischen Landesbibliothek einsehen konnte, fand ich auf den Seiten 75 bis 89 den Artikel von Johannes Reiher „Jean Pauls erster Besuch in Dresden“. Einziger Hinweis auf die Lößnitz ist folgendes Zitat:
„Die Strasse von Meissen läuft zwischen einem langen gebogenen Hügelrücken und der breit gebognen Elbe herlich hin. Betrits du die Dresdner Brücke, so liegen Palläste wie Städte vor dir, und neben dir eine Elbe, die aus einem weiten Reiche in das andere fliesset; ferne Berge, Ebenen, verlorene Schifgen, die wandelnde Prozession der einen Brücken Seite, die entgegengehende der andern, eine lange Allee und das Getümmel des Lebens ergreifen dich.“
Nun versuchte ich, weiter zu recherchieren und nutzte dazu die von Eduard Berend bearbeitete Gesamtausgabe von Jean Pauls Werken. Demnach versuchte die 42 jährige Emilie von Berlepsch den um sieben Jahre jüngeren Jean Paul in Ehefesseln zu schlagen. Auf einem Pfingstausflug 1798 zusammen mit ihr nach Dresden kam er durch eine Begegnung mit Karoline Schlegel zum ersten Male mit der neuen romantischen Schule in Berührung. Dort lernte er u.a. Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck und Friedrich Hardenberg kennen.
Am 21.Mai 1798 berichtet Jean Paul seinem Freunde Christian Otto vom Besuch des Königstein, der Antikensammlung und der katholischen Hofkirche zu Himmelfahrt. Dann folgen wenig schmeichelhafte Bemerkungen über die Dresdner. Pfingsten besucht Jean Paul die Gräfin Münster in Königsbrück. In einem Brief von Ende Mai dankt er ihr in überschwänglicher Weise für die freundliche Aufnahme seines Besuches.
Am 8. Juni 1798 ist Jean Paul wieder in Leipzig und er schreibt an Christian Otto:
„Den 31.Mai kamen wir alle hier an aus Dresden, nicht aus Wörliz. Ich reise künftig nie anders als zu Fus und allein: mit der B(erlepsch), bei der ich auf der Reise zuviel Egoismus und Aristokratie gegen Niedre fand, hab ich wieder Friede gemacht.. Ich kan dir aus Dresden nur meine Diner- und Souper-Wirthe, nicht ihre Gäste nennen: Geheime Rath v. Broizen – pp. v. Manteuffel ( wo ich die originelle Frau des Schlegels sah, die Exfrau des Custine war und Böhmers Tochter ist ) – Minister v. Wurm – Becker – Einsiedel aus Weimar. Bei Rakenitz war ich ohne Essen, und zu Hofmarschal v. Bose solt ich und zu andern, konnt aber nicht. – Meine schönen Tage hatt ich allein vom Freitag bis Pfingsttag in Königsbrük bei der Gräfin Münster ( und einer ungemein schönen Frau von Ledebuhr, in die ich mich in 3 lieblichen Tagen als der einzige daseiende Mann gehörig verschos ), mit welchen beiden ich am Montag nach dem himlischen Saifersdorfer Thale fuhr, wo die Berlepsch auch ankam. Ich war auf dem Königstein um den die Welt wie um einen Thron liegt; und im plauischen Grunde, der so wenig ist, daß ich in Tharand dachte, nun komm er erst, wie in jenem, das sei schon Tharand, woran soviel nicht ist. – Auf der Elbe fuhren wir nach Meissen, wo wir die Porzellanfabrik besehen hatten.“
Wäre Richter 1798 zu einem Besuche in der Lößnitz gewesen, hätte er sicher darüber an seinen Freund berichtet, zumal er alle seine Gastgeber benannte. Eine Verbindung der Gräfin Münster mit dem Minckwitzschen Weingut ist zum damaligen Zeitpunkt nicht nachvollziehbar. Zwar ist die bis 1953 hier lebende Frau von Minckwitz eine geborene Gräfin zu Münster und sicher eine Verwandschaft zur um 1800 in Königsbrück wohnenden Gräfin Münster nachweisbar, jedoch war zur Zeit des ersten Richterschen Besuches in Dresden während der Pfingsttage 1798 das ehemals Kobersche Weingut im Besitz der Familie Weinart und ging erst Mitte des 19. Jahrhunderts an die Familie von Minckwitz über.
Auch ist kaum anzunehmen, daß er in der Lößnitz seine Wohnung genommen, zumal er mehr Einladungen in Dresden hatte, als er überhaupt wahrnehmen konnte und sich so den Unwillen des Hofmarschall von Bose zuzog. Schließlich erforderte damals die Wegstrecke von der Lößnitz nach Dresden viel mehr Zeit, als das heute moderne Verkehrsmittel ermöglichen.
Damit dürfte der Minckwitzsche Weinberg als Treffpunkt der Romantiker in das Reich der Legende verwiesen sein. Über einen nachweisbaren Besuch Jean Pauls in der Lößnitz soll in einem zweiten Beitrag berichtet werden.

Jochen Zschaler

Teil 2

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