Denkmalpflege – Denkmalschutz

Das Hellhaus in Moritzburg im sogenannten Tiergarten, nördlich des Schlosses Moritzburg, wurde Ende des 17. Jahrhunderts ein sternförmiges, achtarmiges Schneisensystem im Walde angelegt, das zur Perforcejagd dienen sollte. Der Schnittpunkt der Schnelsen lag auf einer Moränenkuppe, die Helle genannt, und trug zunächst ein hölzernes Gerüst, von dem der Jagdgesellschaft durch Flaggenzeichen vom Gerüst aus das Wild angezeigt wurde. Etwa um 1780 musste das hölzerne Gerüst durch einen achteckigen, zweigeschossigen, massiven Turm mit Mansarddach und Plattform ersetzt werden, Hell-, Hellen-, seltener auch Höllenhaus genannt. Der spätbarocke, zum Klassizismus hin orientierte Bau entstand also fast gleichzeitig mit dem Fasanenschlösschen in Moritzburg. Die exakte Zuordnung des Entwurfes zu einem Architekten dieser Epoche ist nicht belegt; vergleichende Untersuchungen sprechen aber für eine Urheberschaft von Johann Daniel Schade, dem Architekten des Fasanenschlösschens.
Dieser schlichte, ausgewogene Bau diente mit der oberen Plattform immer noch Jagdzwecken, war aber mit Nebengelass im Erdgeschoss, einem kleinen Saal mit Musikerloge im Obergeschoss und acht Kammern im Dachgeschoss ein königlicher Jagdpavillon – an den Balkongeländern kündeten bis vor kurzem die Buchstaben „FA“ von Friedrich August III als Erbauer. Das als Schlösschen im Miniformat zu umschreibende, turmartige Bauwerk zeugte von gebremster Prachtentfaltung und gemäßigteren Ansprüchen des Königshauses als noch zu Zeiten August des Starken. Die Zeit des Hochbarock (Dresdner Zwinger, Schloss Moritzburg) war vorbei, nach dem Siebenjährigen Krieg musste überall in Sachsen gespart werden. Auf Anraten von Forstmeister Heinrich Cotta ließ man rund um das Hellhaus am Anfang des 19. Jahrhunderts Weymuthskietern und Lärchen pflanzen, die eine schöne Baumkulisse bildeten, leider mittlerweile auch schon dezimiert, Gegenüber dem 17. und 18. Jahrhundert ging im 19. Jahrhundert das Jagdwesen zurück, auch die Art zu Jagen änderte sich, Perforcejagden und die damit verbundenen sternförmigen Schneisen waren aus der Mode gekommen. Man nutzte das Hellhaus mit seinem Ambiente anders und wohl auch seltener. Gelegentliche kleine Feiern von Mitgliedern des Königshauses, wie Teestunden, Kammermusik oder nur ein Halt bei Ausritten fanden wohl bis 1945 statt.
Unweit des Hellhauses vergruben die Prinzen gegen Ende des zweiten Weltkrieges Teile des wertvollen, königlichen Hausrates – Porzellan, Glas und Silber. Gefunden wurde einiges davon schon bald von russischen Soldaten, anderes später, Schlagzeilen machten die Funde eines Schatzsuchers in den Jahren 1996 und 1997, u. a. mit dem Mohrenkopf und der inzwischen in England versteigerten silbernen, mit Edelsteinen besetzten Blumenschale aus der Dinglinger-Werkstatt. Nach 1945 nutzte zunächst die Rote Armee den markanten Geländepunkt einige Zeit als Funkstation. Später erörterte Gedanken, dem Gebäude einen Sinn und eine öffentliche Nutzung zu geben, ein kleines Café oder eine der Jagd gewidmete Museumsabteilung, scheiterten wohl auch am Geld, was für das große Schloss ohnehin nie reichte, aber vor allem an der Erschließung – es fehlt Strom, Gas und Wasser, das Wegenetz ist als Zufahrt nur bedingt geeignet, alle Anbindungen sind mindestens einen Kilometer vom Hellhaus entfernt.
Es gab in den siebziger Jahren ein Gerücht: Manfred Krug wolle das Hellhaus kaufen, Geld hatte er wohl genug – wie dem auch sei, man wollte nie an Privat verkaufen. Seit den sechziger Jahren hatte allerdings der Radebeuler Architekt Ullrich Aust einen Nutzungsvertrag für das Hellhaus. Es waren aber auf dieser Basis nur kleinere Erhaltungsarbeiten möglich, die den generellen Verfall nur kurze Zeit aufhielten. ln dieser Zeit wurde nach der Arbeit gelegentlich auch im Freundeskreis bei Kerzenschein gefeiert und Wein getrunken, woran sich auch der Verfasser noch gern erinnert.
Allerdings richteten ungebetene Besucher z. T. vom nahen Campingplatz immer wieder Schäden am Gebäude an, teilweise nur aus Neugier oder Abenteuerlust. 1989 schließlich brannte das Hellhaus, wahrscheinlich durch Brandstiftung, aus. Die Schlossverwaltung Moritzburg veranlasste daraufhin wenigstens eine Notsicherung – ein flaches Notdach, vermauerte Fenster und Türen, die wertvollen schmiedeeisernen Balkongeländer wurden abgenommen und sicher eingelagert und ein Bauzaun wurde aufgestellt. Damit ist das Kulturdenkmal notdürftig für die nächsten Jahre gesichert, ein Schattendasein führt es weiter. Für eine denkmalgerechte Instandsetzung wird man aber immer nach einer Nutzungsidee fragen. Diese liegt nicht auf der Hand und so dreht sich das Thema Hellhaus im Kreise…
Das bisher letzte Kapitel des Hellhauses ist die Übertragung der Ruine in einen anderen Ministeriumsbereich; kürzlich wurde dieser Teil des Forstes und das Hellhaus als „Paket“ an das Ministerium für Landwirtschaft und Forst weitergegeben. Ein neuer Impuls, Pläne für das Hellhaus? Bislang Fehlanzeige, der Dornröschenschlaf geht weiter.
Dietrich Lohse

Über den Bergaltar gestolpert …

Der Name Bergaltar für einen Platz im Weinberg ist mir schon gelegentlich begegnet, Ihnen vielleicht auch ? Bei einem Winterspaziergang im Knollenweg bin ich, als das Tor zum Weinberg Johannisberg offen stand, dann wirklich darüber gestolpert. Spätestens seitdem denke ich über den merkwürdigen, an kirchliche Rituale erinnernden Namen nach und habe mich, wie selten für einen Artikel für die Vorschau, bei vielen Bekannten und Fachleuten befragt – das Ergebnis ist nicht wirklich auf den Punkt zu bringen, mehrere Erklärungen bleiben möglich. Dennoch, meine ich, es lohnt darüber zu berichten.
Der Bergaltar im Johannisberg auf Naundorfer Flur, ein mit Stützmauern befestigtes Plateau von etwa 8 x 8m, befindet sich im unteren Drittel des Steilhanges, ist ruinös und verwildert. Er steht mit Kastanien bewachsen wie eine „Insel“ innerhalb der Weinstöcke; Zweck und Nutzen sind nicht sofort erkennbar. Dennoch hat sich einst jemand die Mühe gemacht, ihn in der Kulturlandschaft der Weinberge anzulegen.
Wie die Anlage früher aussah, zeigt eine Fotografie in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzvereins (grüne Hefte) von 1924, wo auch der Name Bergaltar verwendet wurde. Die Natursteinmauern waren auf allen Seiten intakt, ein Geländer ist erkennbar, Tisch und Bänke aus Sandstein standen im Schatten einer großen Kastanie. Die Syenitmauern sind bis auf die vordere nach dem Tal zerbröselt, das Geländer fehlt längst, von Tisch und Bänken liegen nur noch Trümmer im Gelände und die Kastanie hat durch ungehinderte Aussaat für einen kleinen Wald gesorgt, der mit zur Zerstörung der Mauern beigetragen hat.
Zu dieser Zeit gehörte der Besitz „Johannisberg“ mit Villa, Wirtschaftsgebäuden, Park und Weinberg dem Kötitzer Fabrikanten Emil Hermann Nacke (29.10.1843 – 30.05.1933). Sein gepflegter Weinberg soll einer der wenigen in der Lößnitz gewesen sein, der nicht von der Reblaus heimgesucht wurde. Eine, an einem Tag im Frühjahr abgehaltene Tradition, das Bergsingen auf dem Bergaltar, geht auf Nacke zurück. Frau Schließer bestätigte mir, dass Herr Gerhard Huhle, ein heute in Dresden wohnender ehemaliger Radebeuler bis etwa 1955 noch da mit dem Kirchenchor einmal im Jahr gesungen hatte. Das allein scheint aber kein Beweis für einen kirchlich-historischen Hintergrund für den Bergaltar zu sein.
Ins Reich der Phantasie gehört wohl die Vorstellung, der Bergaltar wäre Ort der Segnung der sprießenden Weinstöcke durch einen Priester, vielleicht schon in vorreformatorischer Zeit gewesen; sozusagen das Gegenstück zum Erntedankfest. Freilich gehörten einst viele Weinberge kirchlichen Einrichtungen in Meißen, Dresden oder andernorts, woran Bischofspresse, Bischofsweg oder Spittelweg erinnern. Es ist aber kaum vorstellbar, dass der in Stein aufgesetzte Bergaltar älter sein sollte als die nach „württembergischer Art“ geschaffenen Terrassenmauern in der Lößnitz vom Anfang des 17. Jahrhunderts.
Ebenso wenig belegbar ist, dass der Bergaltar eine Bedeutung in sorbischer Zeit gehabt hätte, eine Kult- oder Opferstätte.
Dann wären aber noch zwei einfachere Erklärungen für den Bergaltar. Es könnte sich, wie häufig bei älteren Orts-, Flur- und Wegebezeichnungen, um eine sprachliche Verschleifung handeln – also das Wort „Altan“ hätte sich zu „Altar“ gewandelt. Altan ist ein früher gebräuchlicher Begriff für Terrasse oder Balkon an einem Haus, d.h., ein erhöhtes Plateau ! Die andere Möglichkeit, die Professor Magirius für die wahrscheinlichste hält, wäre die Verwendung eines im Volke gut bekannten Begriffes in übertragenem Sinne. So findet man als Bezeichnung für Aussichtsstellen in Felsengebirge gelegentlich Wortverbindungen mit Kanzel oder Altar, wie z.B. Georgskanzel.
Zu erwähnen wäre noch, dass es in Naundorfer und Zitzschewiger Flur drei weitere Plätze gibt, die in Lage, Anlage und Bewuchs dem Bergaltar im Johannisberg ähneln, für die der Name Bergaltar aber m.E. nicht gebräuchlich ist. Die größte Ähnlichkeit weist ein Plateau im Weinberg Zechstein auf, auch viereckig angelegt, jedoch mit einer alten Robinie, einem herrlichen Solitär, bewachsen. Eventuell kommt als Vergleichsobjekt auch ein rund gefasstes Plateau zwischen dem Kynast-Park und dem dortigen Weinberg in Betracht. Darauf steht bekanntermaßen Radebeuls älteste Esskastanie. Ganz in der Nähe vom Johannisberg, am westlichen Ende der Weinberge zu Schloß Wackerbarth’s Ruhe ist ein kleineres Plateau mit einer Linde. Dieser Platz ist aber nicht so markant wie die anderen. Merkwürdigerweise fand ich nichts vergleichbares in Radebeul-Ost.
Allen Plätzen gemein ist eine etwas herausgehobene Lage, die sich mit einer sehr reizvollen Aussicht ins Tal und über die Landschaft verbindet. In anderer Richtung gesehen stellen der Bergaltar und die ihm ähnlichen Plätze Landmarken in der Weinlandschaft dar, besonders auch als Silhouette gegen Hang und Horizont.
Über Winzer Oswald Häntsch, den langjährigen Leiter von der Rebenstation, erfuhr ich, dass die Plätze durchaus auch heute noch eine praktische Bedeutung haben, indem sie den Winzern für ihre Pausen bei der harten Arbeit ein schattiges Plätzchen bieten. Dem Wein, der meist genügend Abstand hat, schaden die Bäume mit ihrem Schatten gar nicht; ein kleines Problem ergibt sich aber daraus, dass die Bäume im Weinberg als Sammelplatz und Sitzwarte für hungrige Stare dienen, das beschränkt sich aber auf die Erntezeit.
Was könnte man nun mit dem Johannisberg-Bergaltar machen ? In Abstimmung mit Eigentümern und Nutzern müsste der Wildwuchs an Kastanien zurückgenommen und ein Solitär gehalten werden. Dann wäre die Reparatur der Trockenmauern, von denen etwa ein Dreiviertel der Steine noch vorhanden ist, notwendig. Wünschenswert wäre ferner, eine neue Sitzgelegenheit und vielleicht auf drei Seiten ein einfaches Geländer. Das könnte dann sogar eine Bereicherung unseres Wanderwegenetzes ergeben, ein Ruhe- und Aussichtspunkt am Knollenweg. Erstaunlicherweise ist diese Aussicht aus mittlerer Höhenlage genauso interessant, wie die von den beliebten Höhen- Aussichtspunkten in Radebeul, wie vom Spitzhaus oder der Sternwarte etwa.
Letzeres ist z.Z. weder rechtlich, noch finanziell abgesichert, dazu sind noch einige Gespräche und Vereinbarungen nötig. Es soll ganz einfach eine Anregung sein, wie die Sächsische Weinstraße in der Lößnitz noch bereichert werden könnte.
Ich danke allen, die mit mir zu dem Thema Gedanken ausgetauscht haben, den im Text Genannten ebenso wie den Ungenannten.

Dietrich Lohse

Kantor, Lehrer, KMD – ein Leben für die Kirchenmusik

Hans-Bernhard Hoch zum 75. Geburtstag

Bei Hans-Bernhard Hoch ist der Anrufbeantworter mehr als nur ein technisches Gerät zur Aufzeichnung von Nachrichten, denn der Anrufende wird mit einer Melodie begrüßt, irgendein bekanntes Thema aus der weiten Welt der Musik. Ihre akustische Visitenkarte passen Hans-Bernhard Hoch und seine Frau Ilse jahreszeitlich an, zur Zeit meines Besuches im letzten Herbst etwa erklang das Thema aus dem Te Deum von Charpentier, besser bekannt als die Eurovisionshymne von ZDF, ORF und DRS. Die Verbindung von Wort und Musik liegt den Hochs eben. Der kurze Text ist ja schnell aufgesprochen, und die Musik aus dem Hintergrund macht auch keine Mühe. Doch wozu die allermeisten eine CD oder Kassette benötigen würden, erledigt H.-B. Hoch selbst: schließlich ist der Flügel ihm ein guter Freund, und Noten mussten unter ihm auch noch nie Not leiden. Er behandelte sie stets streng und doch zärtlich, entschlossen und doch respektvoll. Das musste er auch, denn sonst wären ihm, der am 30. Januar seinen 75. Geburtstag feiert, nicht die bisher fast fünf Jahrzehnte erfüllten und beglückenden Schaffens im Dienst der Kirchenmusik vergönnt gewesen. Diese umfasst(e) neben der langjährigen Arbeit als Kantor der Radebeuler Friedenskirchgemeinde
z. B. auch die Lehrtätigkeit als Klavierlehrer an der Kirchenmusikschule Dresden von 1954-1994.
Eigentlich wollte Hans-Bernhard Hoch es seinem Vater, der trotz musikalischer Begabung Jurist geworden war, nachmachen und Rechtswissenschaften studieren. Doch nach dem Krieg, dessen letzte furchtbare Monate er als Flak-Helfer ebenso gezwungenermaßen erleben musste wie eine viermonatige amerikanische Gefangenschaft, konnte dieser Wunsch für ein Kind aus bürgerlichem Elternhaus wohl kaum in Erfüllung gehen. Aber weil sich in ihm das väterliche Erbteil schon sichtbar geregt, er seit 1934 Klavierunterricht und ab 1942 Orgelunterricht erhalten hatte, fiel ihm nach dem Abitur am Dresdner Kreuzgymnasium die Wahl nicht schwer: Musik wollte er studieren. Dazu gab es in Dresden auch gute Gelegenheit, denn die Staatliche Akademie für Musik und Theater – Vorgängerin der heutigen Musikhoch-schule – bot ihm im Herbst 1947 einen Studienplatz in der Orgelabteilung an. Der Studenten- ausweis war in jenen Jahren ein begehrtes Papier, sicherte er doch dem Inhaber den Anspruch auf Lebensmittelkarten und bewahrte ihn vor einer unliebsamen Verpflichtung zu Arbeits-einsätzen. Kein Wunder, dass ihn und fünf weitere Studenten, die sich auf Kirchenmusik spezialisieren wollten, die staatlicherseits angeordnete, zwangsweise Auflösung der Orgelabteilung im Juni 1949 wie ein Keulenschlag traf: binnen weniger Tage waren sie exmatrikuliert und fanden sich auf der Straße wieder. Wie sollte es weitergehen? Die sechs Studenten entschlossen sich zu einem kühnen Schritt: sie machten den damaligen evangelischen Landesbischof Hahn auf ihre Lage aufmerksam und baten ihn, die Gründung einer Kirchenmusikschule in Erwägung zu ziehen, um ihre Ausbildung abschließen und kirchenmusikalisch wirken zu können. Und wirklich, innerhalb kürzester Zeit kam die Neugründung zustande, erster Leiter wurde der spätere Kreuzkantor Martin Flämig. So konnte H.-B. Hoch sein Studium zunächst in Dresden fortsetzen, bevor er 1951 in Vorbereitung der hauptberuflichen A-Kirchenmusikerprüfung nach Leipzig wechselte und bis zum Examen 1954 unter so hervorragenden Lehrern wie Prof. Ramin (Orgel) oder Prof. Webersinke (Klavier) an der Musikhochschule studierte.
Doch die Heimat rief ihn zurück, und Hans-Bernhard Hoch folgte dem Ruf. Ab Herbst 1954 sollte die Stelle des Kantors an der Radebeuler Friedenskirche neu besetzt werden, der seit 1919 wirkende KMD (Kirchenmusikdirektor) Johannes Lindner war inzwischen weit über 70 Jahre alt. Tatsächlich trat der frischgebackene Kantor und Ehemann im September 1954 seinen Dienst in Kötzschenbroda an. Wenn Hans Bernhard Hoch über die nachfolgenden Jahre erzählt, spürt man noch jetzt seine Begeisterung und Freude über die immer zahlreicher gewordenen Aufgaben. So gründete er schon im September 1954 die Kurrende, die sich im Laufe der Jahre zu einem nie versiegenden Quell für nachrückende Kantoreimitglieder entwickelte. In all den Jahren durchliefen, wie der genau darüber Buch führende Kantor i.R. zu berichten weiß, mehr als 400 Radebeuler Kinder und Jugendliche die Kurrende und nahmen die Freude am Singen auf ihren Lebensweg mit. Nicht wenigen von ihnen erteilte ihr Kantor zu Hause auch noch Klavierunterricht, was eine willkommene finanzielle Entlastung für die bald mit drei Kindern gesegnete Familie brachte. 1955 initiierte Hans-Bernhard Hoch die dann alljährlich stattfindenden „Sommerlichen Serenaden“, an die noch viele Radebeuler ebenso gern zurückdenken wie an die Konzerte im Luthersaal, wobei besonders die Reihe „Kostbarkeiten aus Literatur und Musik“ durch die Mitwirkung zahlreicher bedeutender Künstler aus Dresden und Umgebung zu einem Erlebnis wurde. Von 1962 bis 1983 leitete er für die Sächsische Landeskirche 11 Singwochen im Erzgebirge, und ab 1981 wurde ihm die verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, als Kirchenmusikdirektor für den Kirchenbezirk Dresden-Mitte die kirchenmusikalische Arbeit in etwa 20 Gemeinden in und um Dresden zu betreuen. Diese Funktion brachte es auch mit sich, dass H.-B. Hoch zu wichtigen Anlässen mit seinem Taktstock nach Dresden gebeten wurde: sei es die Gestaltung des Eröffnungsgottesdienstes während der Zentralratstagung des Lutherischen Weltbundes 1983, sei es das erste Konzert des Heinrich-Schütz-Festes 1985 oder, im Zeichen ökumenischer Verbundenheit, anlässlich der Mitwirkung evangelischer Christen bei der Eröffnung des 1. deutschen Katholikentags in der DDR 1987. Doch das Zentrum seines Wirkens blieb von Anfang bis zum Ende Radebeul-West. Als sich die Kurrendearbeit auszuzahlen begann, die Kantorei sich verjüngt, vergrößert und qualitativ verbessert hatte, war ab 1960 endlich auch die Aufführung großer Chorwerke möglich. Wer erinnert sich nicht daran, Die Schöpfung, Das Weihnachtsoratorium oder das Mozart-Requiem in den 60er, 70er oder 80er Jahren in der Friedenskirche und Die Matthäuspassion in der räumlich günstigeren Lutherkirche gehört zu haben? Dass es Hans-Bernhard Hoch gelang, manch hoffnungsvolles Talent und nicht wenige berühmte Sängerinnen und Sänger als Solisten nach Radebeul zu holen (Adele Stolte, Hans-Joachim Rotzsch, Andrea Ihle, Elisabeth Wilke, Andreas Scheibner, Ute Selbig u.v.a.) sei nur am Rande erwähnt.
Mögen manche nach Ende ihres Berufslebens gerne Abschied vom gewohnten Tätigkeitsbereich nehmen – für Hans-Bernhard Hoch gilt das ganz gewiss nicht. Gelegentlich gestaltet er noch die Gottesdienste in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche musikalisch aus und stellt sich als Vertretung von Kantoren in Gemeinden rund um Dresden zur Verfügung. Und nicht zuletzt singen er und seine Frau, die während der annähernd fünfzig gemeinsamen Jahre zur unverzichtbaren Stütze und Begleiterin wurde, mit Freude in der ihnen so vertrauten Kantorei an der Friedenskirche mit. „Vorschau und Rückblick“ gratulieren Hans-Bernhard Hoch ganz herzlich zum Jubiläum und wünschen ihm noch viele frohmachende, heitere Jahre im Zeichen von Dur und moll!
(Freunde und Bekannte von HBH wissen: wenn man ihn anrufen und gratulieren möchte, doch niemand abnimmt, macht der Herr des Hauses möglicherweise eben auch am Geburtstag das, was er am liebsten tut: musizieren. Doch zum Glück gibt es ja noch den Anrufbeantworter…)

Bertram Kazmirowski

„Bethesda“ in Niederlößnitz Zur Geschichte des Krankenhauses in Radebeul

Wenn wir das Wort „Krankenhaus“ hören, denken wir in erster Linie an die Funktion, die eine solche Einrichtung übernimmt; daran, dass man sich hier um die Gesundheit schwer erkrankter oder durch einen Unfall aus dem alltäglichen Leben herausgerissener Menschen sorgt. Sicher möchte keiner von uns die Betreuung, die das heutige Gesundheitswesen gewährleistet, mit dem Stand von vor über hundert Jahren tauschen. Gerade der Blick auf die Geschichte der Medizin macht deutlich, wie sehr sich unsere Vorstellung von der Krankenpflege gewandelt hat. Nicht zuletzt drückt sie sich – für alle sichtbar – auch in den Krankenhausbauten vergangener und jetziger Zeit aus. Auf dem Krankenhausgelände in Radebeul lässt sich diese Entwicklung ablesen: Neben dem neuen, 1994 eingeweihten Gebäude, befindet sich das alte Haupthaus der Einrichtung, ein 1879 vollendetes Bauwerk der Radebeuler Architekten Gustav und Moritz Ziller. Seit April 2001 wird an seiner Sanierung gearbeitet, was Anlass dazu bietet, über die wechselvolle Geschichte der Einrichtung nachzudenken.

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Ihre Anfänge liegen in einer 1849 gegründeten Wohltätigkeitseinrichtung. Diese „Krankenstation für Lößnitz und Umgebung“ befand sich im sogenannten Steinernen Haus, der heutigen Apotheke an der Heinrich-Zille-Straße. Hier wurden mittellose Patienten uneigennützig betreut.(1) Die Finanzierung erfolgte ausschließlich durch Mitgliederspenden und Sammlungen. Die steigenden Kosten konnten bald nicht mehr getragen werden und wirtschaftliche Nöte gehörten zum Alltag der Einrichtung. Die Situation änderte sich im Jahr 1863, als das „Steinerne Haus“ von der evangelisch-lutherischen Diakonissenanstalt Dresden erworben wurde. Der Ankauf war die Konsequenz der fortwährenden Vergrößerung und damit einhergehenden Raumnot des knapp 20 Jahre zuvor gegründeten Diakonissenkrankenhauses. Als besonderen Mangel empfand man es, dass Patienten mit unheilbaren Krankheiten nicht aufgenommen werden konnten. Diese „Siechen“, chronisch kranke und altersschwache Frauen und Männer, aber auch geistig und körperlich behinderte Kinder, sollten von nun an in Niederlößnitz versorgt werden. Nach einigen Umbauarbeiten am „Steinernen Haus“ konnte die Einrichtung als Siechenhaus „Bethesda“ im September 1863 eingeweiht werden. Der Name, den man der neuen Gründung gab, geht auf ein biblisches Gleichnis zurück (Joh. 5, 1-8). Hier wird von der Heilung eines Gelähmten berichtet, die sich am See Bethesda in der Nähe von Jerusalem zugetragen hat.
Die Niederlößnitzer Einrichtung vergrößerte sich stetig.(2) Die Räumlichkeiten des Steinernen Hauses waren längst erschöpft, schon 1864 hatte man das nach Süden angrenzende Grundstück an der Borstraße erworben, in der Folge weitere benachbarte Gelände mit den darauf befindlichen kleineren Anwesen angekauft. So war es möglich geworden, die mittlerweile angewachsenen Männer-, Frauen- und Kinderabteilung voneinander zu separieren. Die Grenzen des Krankenhausgeländes wie wir es heute kennen sind schon damals abgesteckt worden. Das Erscheinungsbild der Anlage war freilich ein ganz anderes. Alte Ansichten zeigen weitläufige Felder, Gemüsebeete und Obstwiesen, Ställe für die Viehwirtschaft, Scheunen und Schuppen. Der landwirtschaftliche Betrieb, geleitet von einem Wirtschaftsvogt und einer eigens dafür angestellten Wirtschaftsdiakonissin, war für die Versorgung der Krankenhausinsassen notwendig.(3)
Bereits seit 1873 trug man sich mit dem Gedanken an einen Neubau und hatte einen Fonds für seine Finanzierung angelegt. Die Grundsteinlegung erfolgte im April 1878. Mit der Planung und Ausführung war die in Radebeul bekannte Baufirma der Gebrüder Ziller beauftragt. Am 7. September 1879 konnte das Gebäude geweiht und seiner Bestimmung übergeben werden. Feierlich wurde dieser Tag mitsamt aller Insassen begangen. „Schon frühe regte und bewegte es sich im neuen Bethesda“, beschreibt Pastor Molwitz, der Rektor der Dresdner Diakonissenanstalt, den Tagesablauf, „denn die lieben Siechen wollten gern alle bis zum Anfang des Gottesdienstes fertig und bereitet sein, und es ist keine Kleinigkeit, Alte, Zitternde, Gebrechliche. Blinde, Gelähmte (und) Schwachsinnige … bis vormittags 1/2 9 Uhr zu kleiden und zu versorgen.“(4) Weiter wird das neue Gebäude beschrieben: „Da stand es vor uns, ein fünfteiliges Ganzes, jedem sagend, dass bei dem Entwurfe dieses Bauplanes sinnreiche Gedanken und praktische Erfahrungen zusammengewirkt haben. Fünf Hallen hatte Jerusalems Bethesda, fünf Teile zählte das unsrige.“ Mit dem Entwurf des „fünfteiligen“ Bauwerks folgten die Gebrüder Ziller einem im Krankenhaus gebräuchlichen Schema, wie es beispielsweise Gottfried Semper in dem 1837/38 errichteten Maternihospital in Dresden umgesetzt hatte.(5)

krankenh-radeb_1-1-2002Betrachtet man die Frontalansicht des Radebeuler Gebäudes, erschließt sich schnell die Gliederung des langgestreckten Baukörpers in drei giebelbekrönte Bauglieder seitlich und in der Mitte und die sie verbindenden Flügelbauten. Architektonische Schmuckformen sind rar – das entsprach der Bauaufgabe, aber auch dem Zeitgeschmack. Die Zweckmäßigkeit und Nüchternheit des Krankenhauses wurde in den zeitgenössischen Berichten immer wieder besonders gerühmt.(6) Gegenüber dem bereits genannten Maternihospital in Dresden oder dem später, 1890 – 93, errichteten Diakonissenkrankenhaus an der Holzhofgasse, wählten die Gebrüder Ziller den sogenannten Rundbogenstil für das Krankenhaus in Radebeul, das so von ferne an Bauwerke der italienischen Frührenaissance erinnert.(7) Ein besonderes Kennzeichen des Gebäudes sind die Loggien in den Verbindungsflügeln mit großen hallenartigen Öffnungen. Alle Fenster des Gebäudes sind rundbogig geschlossen und werden von einem Blendbogen überfangen. Der Mittel- und die Seitenflügel sind durch Lisenen gegliedert, die Giebel durch treppenartige Rundbogenfriese. Der mittlere Bauteil ist besonders hervorgehoben, er wird von einem Glockentürmchen bekrönt, die mittlere der drei Achsen zeigt gekuppelte Fenster und über dem Hauptportal erhebt sich ein Blendgiebel. Diesem hervorgehobenen Teil entspricht die Innenraumgliederung: Hier befindet sich die Kapelle. Durch ihre zentrale Lage wird der Stellenwert, den die Diakonissenanstalt der Verkündigung des Wortes Gottes und der seelsorgerischen Betreuung der Patienten beimaß, eindrücklich vor Augen geführt. Die Kapelle fasst in ihrer Höhe alle drei Stockwerke zusammen. Die angrenzenden Krankensäle im ersten und zweiten Stockwerk waren durch Fensteröffnungen mit dem Raum verbunden, so dass auch die bettlägerigen Patienten den Gottesdienst verfolgen konnten. Eine Apsis im Süden, die Ausmalung, farbige Fenster und die Einrichtung mit einer festen Bestuhlung, Altar und Kanzel zeichneten die Kapelle aus.
Vom Tage seiner Einweihung an diente das Bauwerk über einen Zeitraum von etwa 100 Jahren als Hauptgebäude des Radebeuler Krankenhauses, das seine ursprüngliche Bezeichnung als „Siechenhaus“ bald verlor.(8) Oft war die wirtschaftliche Situation der Einrichtung nicht zum Besten bestellt. Besonders hart war die Zeit des ersten Weltkrieges, wo selbst die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln problematisch wurde.(9) Schwerwiegender für die Geschichte des Krankenhauses waren die Einschnitte, die der Nationalsozialismus und der zweite Weltkrieg mit sich brachten. Im Juli 1941 erging der Räumungsbefehl der Wehrmacht – hinter dieser nüchternen Aussage verbirgt sich das nicht nachzuvollziehende Leid der Insassen, über deren Schicksal nur Mutmaßungen angestellt werden können. Im Archiv des Diakonissenkrankenhauses befinden Aufzeichnungen von Zeitzeugen über den Verbleib der Patienten. Sie ergeben jedoch nur, dass ein Teil von ihnen in Altersheimen untergebracht werden konnte, einige nach Kleinwachau gebracht wurden und andere, unter ihnen zahlreiche Schulkinder, in das Lager Großschweidnitz, wo sie durch Giftspritzen getötet worden sind.(10)
Das Radebeuler Krankenhausgebäude diente während des Krieges ab 1941 als Lazarett der Wehrmacht, ab 1942 als Seuchenlazarett. Nach dem Kriegsende wurde unter völlig unzureichenden Bedingungen weiter gearbeitet. Im Jahr 1945 wurde das Krankenhaus an die Stadt Radebeul verpachtet, die Diakonissen wurden weiter als Pflegerinnen beschäftigt. 1946 wurde das Krankenhaus von der sowjetischen Besatzungsmacht übernommen, sämtliche Einrichtungen wurden provisorisch bis 1948 auf die „Wettinhöhe“ verlegt. In den Jahren vor 1950 liegen die Anfänge des staatlichen Gesundheitswesens in Radebeul, das kontinuierlich ausgebaut wurde. Ab 1947 wurde die Poliklinik auf der Zillerstraße 13 eingerichtet, ab 1948/49 begann der Wiedereinzug in das Krankenhausgebäude. Seit 1950 war das alte Hauptgebäude der Baumeister Ziller als Haus 1 des Krankenhauses wieder in Benutzung. Hier wurden die Stationen der Inneren Klinik untergebracht sowie die Röntgenabteilung, Labor und Physiotherapie.
Die Kapelle wurde seit 1951 für einen kurzen Zeitraum auf Patientenproteste hin wieder als Andachtsraum genutzt.(11) Mit dem Abzug der Diakonissen im Jahr 1965 wird die ursprüngliche Funktion des Raumes mehr und mehr geschwunden sein. Im Jahr 1974 verkaufte die Diakonissenanstalt die Einrichtung an die Stadt Radebeul und man begann mit der Errichtung des neuen Bettenhauses. 1979 konnte es eingeweiht werden. Seitdem waren im ehemaligen Hauptgebäude nur noch Verwaltungsräume und Teile der Psychatrie untergebracht. Wer das alte Krankenhaus in späterer Zeit durch den Mitteleingang betrat, lief durch einen hohen, düsteren Raum, in dem ein schmaler Mittelgang zum Bettenhaus führte. Hinter den Stellwänden wurden Röntgenbilder archiviert. Als Kirchenraum war er kaum noch erkennbar. Gemeinsam mit der Sanierung des ehemaligen Hauptgebäudes, in das ein Teil der Psychatrie einziehen soll, wird auch die Kapelle in ihrer ursprünglichen Funktion als Andachtsraum wieder errichtet. Sie soll offenstehen für jeden, der sich aus dem Alltag des Krankenhauslebens zurückziehen möchte. Mit der Renovierung der Kapelle wird dem Krankenhaus sein ehemaliges Zentrum zurückgegeben. Damit wird deutlich gemacht, dass man heute wie damals an die heilende Kraft von Ruhe und Besinnung glaubt, und dass man weiß, dass die Pflege der körperlichen Gesundheit auch die geistige einschließen muss.
Magdalene Magirius

(1( Kleber, Dorothee: Zur Chronik des Krankenhauses. Das „Steinere Haus“ 1849 – 1999: Das erste Haus im Krankenhaus und seine Entwicklung,
in: Vorschau und Rückblick, November 1999,
S. 2 – 7
(2) Die Zahl der Patienten hatte sich innerhalb von zehn Jahren von 9 im Gründungsjahr 1863 auf 21 erhöht.
Vgl. dazu: Molwitz, P.: Jubiläumsbericht über die Entstehung des Siechenhauses Bethesda, Dresden 1888, S. 10 – 14
(3) 125 Jahre Krankenhaus Radebeul – Chronik der Gesundheitseinrichtung von 1863 bis 1988, Radebeul 1988, erarbeitet von Sabine Vosahlo, S. 10
(4) Molwitz 1888 (wie Anm. 2), S. 19
(5) Vgl. dazu: Helas, Volker: Maternihospital in Dresden, in: Gottfried Semper zum 100. Todestag, Semperehrung 1979/80, Dresden 1980, S. 251 f.
(6) So im „Lokalblatt“, das Molwitz (1888, wie Anm. 2, S. 23) zitiert: „Auf Schritt und Tritt überrascht die Einrichtung des Siechenhauses durch äußerste Zweckmäßigkeit (und) große Einfachheit …“

(7) Ein Krankenhausbau im „Rundbogenstil“ entwarf Semper 1844 für Bukarest. Vgl. dazu: Helas (wie Anm. 5), S. 252f.
(8) Viele Krankheiten, wie zum Beispiel die Tu-
berkulose, galten am Ende des 19. Jahrhunderts grundsätzlich als heilbar, die Kranken al-
so nicht mehr als „Sieche“. Vgl. dazu: Bethesda, Seine Geschichte 1863 – 1913 und
der Tag seines 50jährigen Jubiläums, 1913, 20 – 23
(9) 75 Jahre Bethesda, in: Kleine Chronik der ev. luth. Diakonissenanstalt zu Dresden, Jahrgang 63 (Sondernummer), Oktober 1938, S. 9
(10) Die Aufzeichnungen wurden von Schwester Edith Haufe zusammengestellt. Für ihre Auskünfte sei ihr an dieser Stelle ganz herzlich gedankt. Zu diesem Zeitabschnitt auch: Vosahlo 1988 (wie Anm. 3), S. 25
(11) Vosahlo, Sabine: Entwicklung der gesundheitlichen Betreuung im Raum Radebeul von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Diss. Dresden (masch.) 1989, 76
Herr Pfarrer Gehrt teilte mit, dass noch im Jahr 1966 in der Kapelle die Ordinierung der Pastorin Frau Ellen Brader stattfand.

 

Horst Hille wurde 60

Ein Mann der kleinen Kunstwerke

Vorschau 9-2001 I hille-horstMit sechzig ist man noch nicht unbedingt weise, aber doch schon ziemlich abgeklärt. Und wenn Horst Hille sich den Hemingway-Bart streicht und in voller Überzeugung sagt: „Bloß kein Stress, das macht mich alle“, dann kommt damit so ein Stück Abgeklärtheit durch. Auch die Distanz, die er zum eigenen Dasein findet, klingt wahrhaftig und vor allem ehrlich. Und vielleicht auch ein wenig schlitzohrig. „Stell dir vor, du stirbst heute, was für ein schönes Datum dann auf deinem Grabstein steht!“
Das Datum 13. August, das in der Geschichte der Deutschen mehr und mehr zum Profilierungsexkurs für Politiker avanciert, bildete für Horst Hilles Leben immer Zäsuren. Am 13. August des Jahres 1941 wurde er im sudetendeutschen Aussig geboren, am 13.August des Jahres 1961 baute man die Mauer in Berlin und brachte ihn so um die Freude des 20. Geburtstages. Am 13. August 1971 bezog er Atelier und Wohnung auf der Kottenleite Nr. 32 in Radebeul, wo er heute immer noch wohnt und arbeitet. Und am 13. August 2001 ist Horst Hille nun erfolgreich 60 geworden. Erfolgreich deshalb, weil er es als absoluter Autodidakt geschafft hat, sich in der Kunstszene – nicht nur Radebeuls – einen Namen zu machen. „Da musste zum Horschtel gehen, der macht das“, war schon in der Jugend ein geflügeltes Wort unter Horst Hilles Kollegen, Freunden und Bekannten. „Horschtel“ hatte das, was man ein „glückliches Händchen“ nennt und die Friemelei machte ihm vor allem Spaß.
In Radebeul besuchte er die Grundschule bis zur achten Klasse und lernte dann ab 1956 drei Jahre lang Bauhandwerker. Zehn Jahre war Horst Hille auf dem Bau, bis er dann urplötzlich 1969 alle Brücken hinter sich abbrach und beschloss, von dem zu leben, was ihn schon immer nebenbei umgetrieben hatte – von der Kunst nämlich. Ausschlaggebend für diesen Entschluss war u.a. seine Bekanntschaft mit dem gestandenen Maler Gunter Herrmann. Der glaubte, in Horst Hille ausreichend Talent für eine künstlerische Laufbahn entdeckt zu haben. Gleichzeitig lernte Horst Hille über den Malerkollegen eine für ihn völlig neue Welt kennen. Im offenen Haus der Herrmanns verkehrten u.a. Leute wie Ralf Winkler alias A.R. Penck. „Und dann war man auf einmal so in diesen Kreisen drin“, erinnert sich Horst Hille an diese Jahre. Mit so manchen Dingen von damals kann er bis heute allerdings noch immer nichts anfangen. Nie konnte er sich bspw. für die gegenstandlose oder abstrakte Malerei begeistern. „Ich war immer der Form verhaftet. Und in der Malerei hört es bei mir bei Rembrandt auf“.
Dem winzigen Detail, dem filigranen Moment in der Malerei gehört Hilles ganze Aufmerksamkeit. Das hat er über die Jahre beibehalten – malt in Aquarelltechnik immer wieder den Blick aus seinem Atelierfenster auf die Weinberge und druckt in der Grafik immer wieder Radebeuler Motive en miniatur. Unter Kennern hat er sich einen guten Namen mit seinen frech-erotischen Arbeiten gemacht. Die reißt man ihm förmlich aus den Händen.
Horst Hille hat auch die DDR-Preise beibehalten, verkauft seine Kunst nicht billig, aber äußerst preiswert. Gewissermaßen ist das auch seine Antwort darauf, wie gleichgültig ihn politische Veränderungen lassen. Reisen waren ihm nie ein besonderes Bedürfnis – „die Bilder musst du im Kopf drin haben, das ist Reise genug“ – und mit wenig auszukommen hat er über die Jahrzehnte lernen müssen.
Im Herbst diesen Jahres wird es eine Horst Hille-Personalausstellung in der Radebeuler Stadtgalerie geben – anlässlich seines 60. Geburtstages.Die Kleinplastiken allerdings, die Haus und Garten bewohnen – Uhus, Raben, Liebespaare u.a.m. – wird man dort vergeblich suchen. Sie entstehen meist, wenn draußen schönes Wetter ist. Horst Hille erklärt das mit dem Satz „Wenn die Sonne schön scheint, dann klopp ich wieder mal‘n Stein“. Mögen in den nächsten Jahren noch viele dazukommen.
W. Zimmermann

Was uns Archivakten zu sagen haben

Die Probleme mit den Straßennamen

Mancher Leser wird sich gewundert haben, dass mein Beitrag im Juliheft „Das 8-Familienhaus Hauptstraße 6“ überschrieben war. Einige Anrufer machten mich darauf aufmerksam. War es ein Fehler? Keineswegs, denn um 1912 hieß der Kötzschenbrodaer Anger tatsächlich Hauptstraße und auch Naundorf, Radebeul und Wahnsdorf hatten damals eine Hauptstraße. Man fragt sich, wie es wohl dazu kam, ja seit wann es eigentlich Straßennamen gab. Die ältesten Namen sind aus den Dorfrügen des 15./16. Jahrhunderts bekannt: die Kirchwege, auf denen die Naundorfer und Zitzschewiger Bauern zur Kirche Kötzschenbroda gingen, die Viehwege und andere, für die sich die Gemeinden ihr Recht auf freie Nutzung sicherten. Es waren Fuß- und Fahrwege, die man mit zwei Pferden bereiten konnte, und die nicht verengt werden durften. Nur der Gradsteg – 1497 der Gerade Steig – behielt seinen Namen. Nachdem im 18. Jahrhundert allgemein Katasternummern eingeführt worden waren, wurden sie an jedem Gehöft und Hausgrundstück angebracht. Sie bildeten später die Grundlage für die Grundbücher. Lange Zeit waren sie allein für den öffentlichen Verkehr gültig, die volkstümlichen Wegebezeichnungen waren dafür nicht verwendbar. Die ersten amtlichen Straßenbezeichnungen legte die Gemeinde Kötzschenbroda 1862 fest. In der um 1865 von Schubert geschriebenen Chronik der Parochie Kötzschenbroda sind sie genannt: die Hauptstraße, Neue Straße, die Meißner, Moritzburger und Bahnhofstraße usw. Aber für die Gemeinden Naundorf, Zitzschewig, Lindenau und Niederlößnitz gab es noch keine. Erst um 1875 begann Niederlößnitz die amtliche Benennung der Straßen, die anderen Gemeinden noch später. Dagegen waren schon Ende des 18. Jahrhunderts Hausnummern eingeführt worden, aber auch sie waren für den öffentlichen Verkehr nicht von Nutzen, man hatte sie in der Reihenfolge der Erbauung angebracht. Bei der ersten Vergabe der Straßennamen – so schreibt der Chronist Schruth später – war man wenig erfinderisch. So gab es bald in fast allen Gemeinden eine Haupt-, Schul- und Bahnhofstraße, solche nach den Himmelsrichtungen und den jeweiligen Nachbarorten führende Straßen ….
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war ein Anklang an die Tradition und Geschichte der Orte in den Straßennamen geradezu verpönt. Man schämte sich sogar alter hergebrachter Namen, die aus Großmutters Handkörbchen stammten, putzte sie modern auf, gestaltete sie zeitgemäß um, wie es in dem Bericht über die Gemeinderatssitzung Kötzschenbroda vom 12. Juni 1875 heißt, wobei auch die Hausnummern gründlich reguliert wurden.
Es kam die Zeit, in der mit zunehmender Bebauung in den Gemeinden Ober- und Niederlößnitz immer mehr neue Straßen entstanden, die zum Teil die Namen der Bauherren erhielten, wie z.B. die Karl- und die Wilhelmstraße, aber auch König und Kaiser, hohe Militärs mit einer Straße geehrt wurden. Ein neues Problem gab es, als am 1. Oktober 1923 die Vereinigung der vier westlichen Gemeinden vollzogen wurde. Nach Schruth gab es zur Zeit 120 benannte Straßen, aber eine ganze Anzahl doppelter Namen. Wieder mussten viele umbenannt werden. Man griff jetzt auf alte Flurnamen zurück und hielt diese damit fest, die sonst in kurzer Zeit vergessen worden wären. So haben wir heute noch den Tännichtweg, Auf den Scherzen, Horkenweg usw. Der Straßenzug Kötzschenbroda-Naundorf-Kötitz wurde zur heutigen Kötitzer Straße, die Dresdner zur Meißner Straße. Es waren viele, die ihren Namen ändern mussten. Für die Hauptstraßen entschied man sich – so wie Dresden – die Namen der jetzt zur neuen Stadt Kötzschenbroda vereinten Dörfer zu erhalten und nannte sie Altnaundorf, Altzitzschewig und Alt-Lindenau. In Kötzschenbroda blieb es die Hauptstraße bis 1935. Da wurden ohnehin durch Zusammenschluss der beiden Städte Radebeul und Kötzschenbroda schon wieder Umbenennungen erforderlich.
So sind im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Straßennamen verändert worden. Oft ergab es sich aus der aktuellen Staatsform, wenn Namen von Personen des öffentlichen Lebens nicht mehr erwünscht waren oder andere Personen geehrt werden sollten. Betroffen davon waren stets die Anwohner, die mal auf der oder jener Straße wohnten, ohne umziehen zu müssen. Verständlich, dass es dafür auch Unverständnis und manche Kritik gab. Doch das haben wir selbst ja schon miterlebt.
Liselotte Schließer

Denkmalschutz – Denkmalpflege

„Guter Rat ist teuer“

villa-borstr-lohse_8-2000Was hat Niederlößnitz mit Paris gemeinsam? Gute Frage, wohl nicht allzu viel – Breitengrad, erste Erwähnung, Einwohnerzahl, Sprache –alles Fehlanzeige. Da hat neulich wieder einmal ein Gegenstand mein Interesse geweckt, der sich nacheinander an beiden Orten befunden haben soll.Auf der Südseite der Villa Borstraße 27 befindet sich u.a. eine Loggia mit Balkon, die auffallend kunstvoll gearbeitet, aber auch in einem besonders schlechtem Zustand ist. Wenn man Glück hat, kann man sie von der Meißner Straße aus sehen. Die Villa entstand durch An- und Umbauten aus einem kleineren Winzerhäuschen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Emil Hildebrandt, Teilhaber der Dresdner Firma Kelle & Hildebrandt, zog um 1895 nach Niederlößnitz, nachdem er das Anwesen zwischen Bor- und Meißner Straße vorher erworben hatte. Aus vorherigem Sommersitz war, wie in vielen vergleichbaren Fällen, ein dauerhafter Altersruhesitz geworden. Die Niedersedlitzer Firma Kelle & Hildebrandt beschäftigte sich in den frühen Jahren mit Eisenguss und Stahlbau (z.B. Schleusen- und Schachtdeckel sowie Gaslaternen) und spezialisierte sich später auf Brückenbau und Bühnentechnik. Nach 1945 wurde die Firma enteignet und u.a. die Gießereianlagen demontiert. Der verstaatliche Betrieb VEB Sächsischer Stahl-und Brückenbau baute z.B. 1984 die umfangreiche, neue Bühnentechnik für die Semperoper.
Auf der Weltausstellung von 1889 in Paris war Deutschland offiziell nicht vertreten, offensichtlich eine Reaktion auf den deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Einzelnen Firmen aus Deutschland war aber die Teilnahme an der Weltausstellung nicht verwehrt. So auch nicht der Firma Kelle & Hildebrandt, die eigens dafür eine kunstvolle Loggia mit Balkon entworfen und gebaut hatte. Nach der Überlieferung durch Nachkommen der Familie Hildebrandt wurde das Schaustück in Paris ausgestellt – ein exakter Nachweis durch Abbildung oder Katalog steht noch aus.
Neben dem mit seinen 300 m Höhe alles überragenden Eiffelturm hatte es also offenbar noch eine Reihe anderer Beispiele für den Umgang mit dem modernen Material Stahl gegeben. Bei unserem Balkon war neben den üppigen gründerzeitlich-neobarocken Formen das Besondere die Kombination verschiedener Metalle, wie Stahl, Eisenguss, Zink und Bronze, ohne dass es zu elektrostatischen Spannungen und langfristig zu Zerstörungserscheinungen einzelner Teile kommen sollte. U.a. wurde das so gelöst, dass zwischen Stahl/ Guß und Zink ein nicht sichtbares Brett eingefügt wurde.
Im Übrigen war 1889 der Eiffelturm unter den Franzosen stark umstritten. Er verschandele die schöne Stadt meinte u.a. der bekannte Schriftsteller Guy de Maupassant.  Dennoch ist er schon bald zum Wahrzeichen der Seine-Metropole geworden. Sicherlich wurde der Balkon auf dem Vorläufer der EXPO bewundert, aber bald stellten sich Probleme ein. So ließ sich das gute Stück weder in Paris noch zurück gekehrt in Dresden verkaufen. Der Preis zum einen und die stilistische Eigenart zum anderen dürften die Gründe gewesen sein. Emil Hildebrandt entschloss sich schließlich, Loggia und Balkon seinem Haus in Niederlößnitz anzufügen, obwohl hier schon Balkone vorhanden gewesen sein dürften und stilistisch die mit Schmuck überladene Konstruktion das Haus nun prägte. Über zwischenzeitliche Reparaturen ist nichts bekannt geworden.
Loggia und Balkon überdauerten fast 100 Jahre. Gravierende Probleme tauchten in den 70- er und 80-er Jahren auf, als das Haus staatlich verwaltet wurde und oft nur das Nötigste, und das war nicht unser Balkon, repariert werden konnte. Als man sich schließlich Ende der 80-er Jahre zu einer Reparatur entschließen wollte, erkannte man bald, dass dazu auch umfangreiche Neuanfertigungen einzelner Teile gehört hätten – die Kosten hätte die damalige Gebäudewirtschaft nicht übernehmen wollen. Rost griff um sich und vernichtete filigranes Ast- und Blattwerk, einzelne herabgefallene Teile konnten im Haus eingelagert werden, andere wurden Opfer der nun nicht mehr aufzuhaltenden Prozesse .Heute bietet sich ein Bild des Jammers und der Zerstörung – Loggia und Balkon sind längst nicht mehr benutzbar. Unter heutigen Bedingungen wäre eine restauratorische Instandsetzung einschließlich Ergänzung fehlender Teile keinesfalls unter 100.000 DM zu realisieren. Eine Summe, die auch für private Eigentümer unerschwinglich wäre, weil auch einige andere Werterhaltungsmaßnahmen an der als Kulturdenkmal erfassten Villa anstehen könnten.
Sicherlich sind die Arbeiten am Balkon als denkmalpflegerische Mehraufwendungen zu deklarieren und man würde versuchen, Denkmal-Fördermittel zu erlangen, eine Sicherheit auf Erhalt gibt es aber nicht. Ein anderer Weg wäre es, eine Stiftung zu finden, die sich an einer solch speziellen Aufgabe finanziell beteiligen könnte …
Heute eine Spezialfirma für diese Arbeiten zu finden, ist sicher leichter als 1989. Aber das Geld zu beschaffen(selbst bei Möglichkeit einer Förderung wird immer ein Eigenkapital des Eigentümers vorausgesetzt),  das letzten Endes in keinem Verhältnis zum Nutzen des Gebrauchsgegenstandes Balkon steht, ist der Knackpunkt. Also doch: Guter Rat ist teuer!  Nachdem die z.Zt. laufende Eigentumsfrage geklärt ist, wird man die anspruchsvolle Aufgabe systematisch angehen müssen, wenn man diese einmalige handwerklich-künstlerische Meisterleistung noch retten will. Man muss eine Dokumentation des Bestandes anlegen, einen planmäßigen Rückbau einleiten, Zeichnungen für den Wiederaufbau anfertigen, Sicherungen an der tragenden Konstruktion vornehmen und schließlich alle Zierelemente ein- und anfügen. Vielleicht muss man aber auch erkennen, dass es bereits „5 nach 12“ ist und diese Aufgabe an der Frage der Zumutbarkeit scheitert.
Aber ehe es so weit ist, sollten wir uns doch ein wenig anstrengen, für diese nicht alltägliche Aufgabe der Denkmalpflege noch eine praktikable Lösung mit dem Eigentümer zu finden.
Dietrich Lohse

Knabenschule „Wackerbarths Ruhe “ (1816 – 1823)

“Im In- und Ausland erlangte Lang’s Erziehungsanstalt einen bedeutenden Ruf. Sie war Mode geworden. Die Söhne der vornehmen Familien brachte man dorthin, es waren Deutsche, Franzosen, Italiener, Engländer, Russen, die dort im reizenden Elbtal friedlich nebeneinander lebten und ihre Jugend genossen.” So schildert Elise Polko (geb. am 31. Januar 1823 in Schloß Wackerbarths Ruhe – gest. am 15. Mai 1899 in München) (1) die berühmte Knabenschule, die ihr Großvater mütterlicherseits, Dr. Carl Lang, 1816 in dem von ihm erworbenen Landhaus eingerichtet hatte. (2) Aber diese Freuden währten nur insgesamt knapp sieben Jahre. 1823, Carl Lang war 1822 gestorben, wurde Wackerbarths Ruhe wieder einmal verkauft und fiel an die Familie Wackerbarth zurück. Die Zöglinge gingen wieder in ihre Heimatländer zu ihren Familien. Die Lehrer trennten sich, die reichen Sammlungen Langs wurden verschleudert. Dr. Carl Vogel, Elises Vater, seit 1821 Mitdirektor der Knabenschule, verliess mit schwersten Sorgen beladen, an denen er sein Leben lang tragen sollte, mit seiner jungen Frau Amalie, der Tochter Carl Langs, und seinem erstgeborenen Kind Elise Wackerbarths Ruhe. Man hatte ihm Hoffnung gemacht auf einen neuen Wirkungskreis in Torgau, aber nicht Wort gehalten. Er erteilte Privatunterricht in alten Sprachen. Erst im Winter 1825 konnte er einem Ruf nach Krefeld als Rektor der dortigen höheren Stadtschule folgen. 1832 wurde Dr. Carl Vogel zur Reorganisation und Leitung der allgemeinen Bürgerschule nach Leipzig berufen. Die Stadt ernannte ihn später zum Ehrenbürger. Hier wurde auch Elises jüngerer Bruder Eduard geboren, der sich als Afrikareisender einen Namen machte, aber 1856 in Wadai ermordet wurde. (3)
Carl Lang, am 27. Oktober 1766 in Heilbronn geboren, war Jurist, Verleger, Schriftsteller und Illustrator und stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Rechtsanwalt, seine Mutter die Tochter eines einflussreichen Amtmannes. Der sprach- und redebegabte Sohn besuchte das Heilbronner Gymnasium und studierte dann in Erlangen und Göttingen Rechtswissenschaft, Sprachen und Literatur. 1788 liess er sich als Advokat in Heilbronn nieder, heiratete eine vermögende Apothekerstochter und eröffnete 1796 das Schwäbische Industriekontor, das sich die Reproduktion von Gemälden zur Aufgabe machte. Er verlor sein Vermögen und musste bei Nacht und Nebel fliehen. Unter dem Namen August Lindemann liess er sich 1799 in Hamburg nieder, wo er von verlegerischer Tätigkeit lebte. Ab 1801 arbeitete er unter dem Namen Karl August Hirschmann für den Verleger Oemigke. Die Freundschaft mit dem Leipziger Verleger Karl Tauchnitz, der ihm über die finanzielle Notlage hinweghalf, verschaffte L. neues Ansehen. Er promovierte zum Dr. phil. und gründete in Tharandt bei Dresden eine Erziehungsanstalt. 1816 erwarb er das Anwesen Wackerbarths Ruhe und eröffnete darin eine internationale Knabenschule.
“Es war ein reges Leben damals in Wackerbarths Ruhe”, berichtet Elise Polko, “und das Haus des geistvollen Dr. Lang der Sammelplatz der bedeutendsten Menschen von nah und fern. Da war, auf dem nächsten Weinberg lebend, der bekannte Pädagoge Hundeicker, da war der alte Tiedge mit seiner Freundin (Elise von der Recke), die schöne Schauspielerin Schirmer, der gelehrte Böttcher, der Dichter Nostitz, Carl Maria von Weber, der berühmte Tenor Gerstäcker, der Bassist Meyer, da war Fanny Tarnow, der Dichter O. von Löben, Theodor Hell, Laguna u.a., aber auch Ludwig Tieck erschien einmal als Gast dort, so wie als hellster Stern Jean Paul, mit dem der junge Kandidat Vogel an einem Tisch sass. In dem Arrangement sinnreicher und glänzender Feste war Dr. Lang unübertrefflich. Musikaufführungen, Balletts, wohleinstudierte Gefechte im Freien, Zigeunerlager und Bälle wechselten zur Unterhaltung der geladenen Gäste sowie zur Belustigung der Zöglinge und jüngeren Lehrer. Wer von den zahlreichen Besuchern und Freunden, die immer und immer wieder die grossartige Gastfreundschaft auf Wackerbarths Ruhe in Anspruch nahmen, fragte je nach dem Ende oder sprach ein leises Wort der Warnung, der Mahnung? Wohl schüttelte man die Köpfe zu solcher Verschwendung, wohl redete man von den enormen Kosten solcher Haushaltung und von schlechter Verwaltung der ganzen Wirtschaft, von der Güte und Nachsicht und Uneigennützigkeit des Mannes und der Prunksucht der Frau, aber man fuhr nach wie vor eingeladen und uneingeladen in vollgepackten Wagen hinaus und vergnügte sich allda aufs beste.” (4)
Als Schriftsteller hatte Lang unter dem Namen Hirschmann Gedichte und Erzählungen in den damals sehr beliebten “Taschenbüchern für Liebe und Freundschaft” veröffentlicht. Er übersetzte 1786 die Fabeln Äsops und brachte mehrbändige Werke heraus, an denen er als Autor, Illustrator, Herausgeber oder Bearbeiter beteiligt war, z.B. das 15bändige Werk “Neue Bildergalerie für junge Söhne und Töchter”. 1802 gab er das dreibändige Werk “Tempel der Natur und Kunst” heraus. Die Kupfer radierte er selbst, zeichnete auch die meisten Illustrationen. Seine jüngste Tochter Amalie, die Mutter Elise Polkos, hatte das Talent des Vaters geerbt und half ihm vielfach beim Radieren der Blätter.
Carl Lang starb am 16. Mai 1822 in Wackerbarths Ruhe und wurde auf dem Kötzschenbrodaer Friedhof begraben.
Carl Vogel, geb. am 19. Juli 1795 in Stadt Ilm, gest. am 15. November 1862 in Leipzig
Er war der Vater der Schriftstellerin Elise Polko. Die Mutter, Amalie Vogel geb. Lang, starb auch 1862. Sein Vater, Ludwig Vogel, war praktischer Arzt in Stadt Ilm (Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt), dann in Arnstadt, später in Gotha, trat in russische Dienste und war Professor und Staatsrat in Kasan. Er starb 1840. Carl Vogel besuchte das Lyzeum in Arnstadt und lebte dort im Hause des Grossvaters, des Superintendenten Franke. 1812 bis 1815 studierte er an der Universität Jena Theologie und Philologie. Er trat in die Langsche Erziehungsanstalt Tharandt als Lehrer ein. 1820 unternahm er eine wissenschaftliche Studienreise nach England, Schottland, Frankreich, Belgien und Holland. 1821 wurde er Mitdirektor der Langschen Knabenschule in Wackerbarths Ruhe und heiratete Langs Tochter Amalie. 1823 wurde die Schule aufgelöst, Carl Vogel ging mit seiner Familie nach Torgau. Die Verhandlungen um seine Anstellung dort verzögerten sich. So folgte er einem Ruf nach Krefeld, wo er von 1824 bis 1832 als Direktor der höheren Schule wirkte.
Am 7. Oktober 1832 übernahm er das Amt des Direktors der Leipziger Bürgerschule, die er gründlich reorganisierte und als vereinigte Elementar-, Bürger- und Realschule führte. Er reformierte die Lese-Lernmethoden, indem er der kindlichen Entwicklung angemessene Lesebücher in den Elementarunterricht einführte, die er selbst entwickelte. Auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Geographie gab er methodische Anleitungen heraus. Seine geographischen Natur-, Geschichts- und Landschaftsbilder erschienen unter dem Titel “Handbuch der Belebung der geographischen Wissenschaft”. Er gab einen neuen Schulatlas heraus und führte das Kartenzeichnen in den Unterricht ein. Aber er gab auch Jugendbücher heraus, die direkt für die Lektüre seiner Schüler bestimmt waren, so z.B. “Fabellese für die deutsche Jugend” (1836), “Ausführliche Beschreibung merkwürdiger Bauwerke, Brücken, Denkmale, Kunstwerke” (1838), “Lebensbeschreibung und Denkwürdigkeiten aus der allgemeinen Weltgeschichte” (1839), “Anfangsgründe der Naturlehre” (1839), “Schneeflocken, Erzählungen für Jung und Alt” (1844).
Dr. sc. phil. Manfred Altner

(1) Das sind die urkundlich beglaubigten Daten zu Elise Polko. Anders lautende Angaben sind falsch.
(2) Vgl. Elise Polko: Notizen und Briefe über und von Dr. Carl Vogel. Leipzig 1863
(3) Vgl. Elise Polko “Erinnerungen an einen Verschollenen”. Aufzeichnungen und Briefe von und über Eduard Vogel. Leipzig 1863
(4) Ebenda, S. 27 – 33
(Vorabdruck aus: Manfred Altner: Herr Hofbuchdrucker Meinhold lassen bitten. Literarische Lebensbilder aus Sachsen. Erscheint Frühjahr 2000 in der Edition Reintzsch.
Darin: Wilhelmine Heimburg, Elise Polko, Oscar Pletsch, Karl May, Wilhelm Heine, Alwin Freudenberg, Jeanne Bertha Semmig, Gertrud Busch, Lisa Tetzner, Willi Meinck, Kurt David und viele andere)

Es war eine überaus nützliche Lehrzeit

Als der Wunsch an mich gerichtet wurde, aus der Erinnerung über meine zu ,,Urzelten“ wahrgenommene Tätigkeit als freier Mitarbeiter der Radebeuler VORSCHAU zu schreiben, reagierte ich ebenso überrascht wie skeptisch. Ersteres, weil man sich nach all den Jahren noch an mich erinnerte, andererseits aus der Ungewissheit, ob denn meine Reminiszenzen überhaupt eine Veröffentlichung rechtfertigen würden. Letztendlich siegte Wolfgang Grösel mit gemütvoller Überredungskunst und dem trefflichen Ratschlag ,,Karlheinz, schreib‘ einfach ganz persönlich, vielleicht über etwas, was Dich selbst betrifft.“ Also ging ich es an. Im Verlauf meiner gedanklichen Retrospektive machte ich eine verblüffende Feststellung: Meine seinerzeitige Tätigkeit in Radebeul, die quasi eine Art Zwangs-Zwischenetappe in meinem von 1949 – 52, dann erneut seit 1958 währendem Berlin-Dasein darstellte, offenbart sich heute für mich als eine überaus nützliche Lehrzeit sowie als beflügelnder Start für meine seither partiell vonstatten gegangenen Entwicklungen als Journalist, Autor und Bühnensprecher. Es war 1954, als der damalige ,,Macher“ der neugeborenen Radebeuler VORSCHAU, Günther Rehschuh sich bei mir vorstellte, ohne Umschweife sein Anliegen vortrug und mich regelrecht in’s kalte Wasser stieß, indem er mich kurzerhand zum monatlichen Filmkritiker der ,,Vorschau“ machte. Etwa so: ,,Keine Ausflüchte! Sie sind Theaterwissenschaftler und Regisseur und tragen, wie ich mit Freude feststellen konnte, keine dogmatischen Scheu-klappen. Nur Mut, einen wie Sie brauche ich!“ Und so schrieb ich über nahezu fünfzehn Jahre (also auch noch lange nach meiner erneuten Übersiedlung nach Berlin) in schöner Regelmäßigkeit den Beitrag „Film des Monats“. Drei Jahre nach dem Start verhalfen mir die VORSCHAU-Kritiken unverhofft zum ersten Verlags-Autorenauftrag. Und wer weiß, ob ich später so viele Hüllentexte für AMIGA-Jazzplatten, über rund drei Jahrzehnte Musikbeiträge für ,,Melodie und Rhythmus“ und überdies auch zwei Jazzbücher geschrieben hätte, wenn nicht dieser „Stoß in‘s Wasser“ gewesen wäre. Auch meine Laufbahn als Bühnensprecher nahm, wie schon angedeutet, ihren Start quasi im Schatten der Radebeuler VORSCHAU. Zwar hatte ich aufgrund meiner schon seit Jugendjahren gehegten Ambitionen für den Jazz bereits in kleinerem Kreis diese und jene Jazzveranstaltung ,,angesagt“, vor allem auch Vorträge für die Anerkennung des Jazz gehalten, jedoch noch nie als sog. Conferencier mit einem abendfüllenden Programm auf großer Bühne vor großem Publikum gestanden. Auch das begann mit dem Stoß in’s Wasser, und wieder hatte Günther Rehschuh die Hände mit im Spiel. Ausgangspunkt war, dass die VORSCHAU und die Stadt Radebeul/Kulturdezernat im Februar 1954, zur Faschingssaison erstmals eine gemeinsam organisierte ,,Mach mit“-Quiz-Veranstaltung in dem oberhalb von Radebeul-West gelegenen „Haus der Werktätigen“ geplant hatten, wozu von zahlreichen Geschäftsleuten recht ansehnliche Preise gestiftet worden waren. Und ausgerechnet mich hatte man als Spielmeister auserkoren! Ich bekam regelrecht Angstzustände, sträubte mich mit vielen Ausreden, aber die anderen meinten unbeirrt: ,,Wir sind uns absolut darin einig, dass gerade Sie der Richtige dafür sind. So locker und witzig, wie Sie täglich über den Radebeuler Stadtfunk (so etwas gab’s damals tatsächlich) die Bürger ansprechen, so stellen wir uns auch den Kontakt zum Publikum als Quizmeister vor. Da gibt es gar keine Widerrede, wir machen das NUR mit Ihnen.“ Also sprang ich wieder einmal in‘s kalte Wasser. Fazit: Die Veranstaltung wurde zu meinem ungläubigen Erstaunen ein echter Publikumserfolg, hochgelobt von der Presse bis zum Bürgermeister. Ich wollte es einfach nicht fassen: plötzlich grüßten mich sogar fremde Leute auf der Straße, es war schon komisch. Die VORSCHAU gratulierte, Günther Reh-schuh meinte mit Siegerlächeln: ,,Man muss Dich eben zum Glück zwingen“. Im Folgejahr fand noch eine weitere, abermals sehr erfolgreiche Quiz-Veranstaltung statt, nunmehr in den „Vier Jahreszeiten“. Dass ich dann später vielerorts mit Quiz-Veranstaltungen auf-getreten bin, besonders gern mit meinem JAZZ QUIZ (häufig gemeinsam mit den Dresdner Tanzsinfonikern), dazu wäre es ohne die Radebeuler VORSCHAU Initialzündung wohl niemals gekommen. Ich entsinne mich auch zweier, gegen Mitte der 60iger Jahre von der Radebeuler VORSCHAU initiierter Veranstaltungen ,,Jazz und Lyrik“ im Filmtheater Capitol in Radebeul-West, wozu ich als Sprecher und Gestalter verpflichtet worden war. Ich hatte jeweils die Berliner ,,Jazz-Optimisten“ und die Sängerin Ruth Hohmann, außerdem für den ersten Abend den Schauspieler/Sänger Manfred Krug, für den zweiten den Schauspieler Günter Haak eingeladen. Beide Veranstaltungen verliefen total ausverkauft und mit nahezu überkochender Publikumsstimmung. Mir ist vor allem unvergesslich, dass mich mitten im Programm urplötzlich Manfred Krug auf der Bühne (unter Jubel) dazu animierte, mit ihm den beliebten Nachkriegssong vom ,,Kötzschenbroda-Expreß“ im Duett zu singen, nachdem er gerade erfahren hatte, dass es diesen Ort tatsächlich gibt und wir uns augenblicklich exakt dort befanden. Zum Glück war mir der Text noch einigermaßen in Erinnerungen (Krug weniger), und mit riesigem Spaß swingten und holperten wir aus dem Stegreif über die Runden. Das Publikum tobte! ABER: Tage später verriss die für ihre Humorlosigkeit berühmt gewesene SED-Pressekritik (Sächsische Zeitung) das Ganze wegen des der DDR-Realität völlig widersprechenden und deshalb politisch untragbaren Liedtextes aus früher Nachkriegszeit. Dieser (und manch anderer) hanebüchene Blödsinn zielte namentlich hauptsächlich auf meine Person, hatte man doch wegen meines ,,provokanten jazz-propagandistischen“ Auftretens (es war damals eine besonders harte Zeit für den Jazz im Zeichen der dogmatischen DDR-Kulturpolitik) schon lange ein ,,besonderes Auge“ auf mich gerichtet. Aber daran hatte ich mich schon gewohnt. Umso mehr entschädigte die Gunst des Publikums und natürlich das einmalige Duett mit Manfred Krug! Dank VORSCHAU war es letztlich dazu gekommen. Noch eine letzte Erinnerung, eine in ihrer grotesken Bitternis für mich ungemein nachhaltige, wobei die ,,Vorschau“ glücklicherweise nur eine indirekte Rolle gespielt hat. Es war im Herbst 1962, als mich Günther Rehschuh zu meiner großen Freude mit einem grundsätzlichen Artikel über den „Jazz“ beauftragte. Selbstredend sollte er im bejahenden Sinne abgefasst sein, woraus sich konsequenterweise ein zur offziellen Partei/SED-Kulturpolitik gegenteiliger Standpunkt ergeben musste. Im Wissen um den ,,Zündstoff“, argumentierte ich mit höchstmöglicher Objektivität und benutzte als Belegmaterial u,a. auch Fakten über die positiv-fordernde Haltung gegenüber dem Jazz, wie sie einige sozialistische ,.Bruderländer“ (nicht zuletzt die UdSSR) mit beispielgebender kulturpolitischer Progressivität demonstrierten. Damals diente ein solcher ,,Bruderland“-Hinweis als ein außerordentlich nützliches Argument! Der Beitrag erschien im Januarheft 1963 unter der von mir bewusst sachlich formulierten Überschrift „Jazz – eine Musik des 20. Jahrhunderts“. Daraufhin hatte ein wohl des Lesens nicht ganz mächtiger, aber dafür umso übereifriger Genosse Kulturhüter nichts Eilfertigers zu tun, als dem Ministerium für Kultur und dem DDR-Rundfunk (damals mein Arbeitgeber), die Information zukommen zu lassen, dass in der Radebeuler ,,Vorschau“ ein gewisser K.D. in Form einer kulturpolitisch völlig unhaltbaren Überschrift die Behauptung aufstelle, der Jazz sei DIE Musik des 20. Jahrhunderts. Damit diffamiere der K.D. das gesamte musik-humanistlsche deutsche Kulturerbe, wofür ihm jegliche kulturelle Öffentlichkeitsarbeit in der sozialistischen Gesellschaft untersagt werden müsse. Dem Schreiberling blindlings vertrauend, wurde unglaublicherweise (wahrscheinlich, weil es gerade in die harte kulturpolitische Linie passte), in Berlin die Polit-Maschinerie gegen K.D. in Gang gesetzt, gipfelnd in einer Rundfunk-Belegschaftsversammlung (mit ZK-Beteiligung), um regelrecht in Form eines Tribunals einen kulturpolitischen Präzedenzfall zu praktizieren. Dabei kam bezeichnenderweise der Inhalt des Beitrages überhaupt nicht zur Sprache, sondern es ging allein um dessen angeblich ideologisch total verwerfliche, vom Klassenfeind infiltrierte Überschrift. Als man mir schließlich, in Erwartung eines reuevollen Schuldbekenntnisses, großzügig eine persönliche Stellungnahme gewährte, ging ich gelassen zum Rednerpult und verlas aus der betr. Radebeuler VORSCHAU (die keiner der .,Ankläger“kannte!) mit überdeutlicher Betonung die WIRKLICHE Überschrift. Darauf hin brachen die vierhundert Pflicht-Anwesenden in lautes Gelächter aus, während die Präsidiumsmitglieder eifrig miteinander tuschelten. Schließlich erfolgte die lakonisch-kleinlaute Erklärung, man sei offensichtlich einem Informationsfehler zum Opfer gefallen, womit sich der Fall von selbst erledigt habe. – Keine Entschuldigung. Seit einigen Jahren weiß ich, dass jenes VORSCHAU -,,Vergehen“, das es überhaupt nicht gab, als reales Vorkommnis in meiner sog. Kaderakte Registrierung gefunden hatte, ja sogar meiner Stasi-Akte (mitsamt der Radebeuler VORSCHAU 1/63) als belastendes Beweisstück für ,,staatsfeindliche Einstellung“ zugeordnet worden war! Ist es nicht kurios, was eine harmlose Fragestellung nach Erinnerungen so alles wachzurufen und im Nachhinein z.T. erst richtig bewusst zu machen vermag? Der NEUEN Radebeuler VORSCHAU übermittle ich zum 10-jährigen Bestehen im ,,Luxus“ der freien Meinungsäußerung meine allerbesten Wünsche.

Karlheinz Drechsel Berlin

Fritz Stopp — ein ausgezeichneter Botaniker

In den Fachkreisen der Sächsischen Botanik ist sein Name unvergessen. Mancher Radebeuler wird sich an den Lehrer erinnern, jedoch in un serem Stadtarchiv ist nur wenig uber ihn zu finden. Die IG Heimatgeschichte versuchte, mehr über ihn zu erfahren. Er kam am 9. April 1886 in Chemnitz zur Welt, besuchte das Lehrerseminar in Annaberg und war danach bis 1909 in Rabenau, bis 1912 an einer deutschen Schule in Rotterdam und bis 1914 in Frankenberg als Lehrer tätig. 1915 erhielt er eine Lehrerstelle in Kötzschenbroda und betreute hier auch den Schulp?anzengarten. Im gleichen Jahr bezog er mit seiner Frau eine Wohnung im Haus Meißner Straße 247. 1945 aus dem Schuldienst ausgeschieden. übernahm er 1946 auf Bitten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz den etwa 3000 qm großen Botanischen Pflanzengarten in Schellerhau, den er zunächst umfassend umgestaltete und in 20-jähriger Tätigkeit den Artenbestand zielstrebig vergrößerte. In verantwortungsvoller Weise gab er bis ins hohe Alter sein Wissen an viele Natur- und Heirnatforscher, die er seine ,,Engel“ nannte, weiter. Zeitweilig betreute er auch andere Pflanzengärten, wie z.B. den des Deutschen Hygienemuseums in Dresden. Stets setzte er sich leidenschaftlich als Verfechter des Natur- und Heimatschutzes ein. Bereits seit 1915 betrieb er die P?anzenkartierung, die von vielen ehrenamtlichen Kartierern auf der Basis von Messtischblättern ausgeführt wurde (und heute noch wird). Sie dienten der Erfassung der aktuellen Flora. Fritz Stopp war für das Messtischblatt Radebeul zuständig. Es umfasste 144 Quadratkilometer: vom Lößnitzbach bis Niederau und über der Elbe bis nach Röhrsdorf, Niederwartha und Naustadt. Er suchte, sammelte und registrierte die in dem Gebiet wachsenden Blütenp?anzen und Farne. Nach Art, Menge und Standort kartographisch eingezeichnet, entstand für jede P?anzenart ein eigenes Blatt. Er hat sein Gebiet unzählige Male durchstreift, sterbende Restbestände registriert, um sie eventuell unter Schutz zu stellen. So ist er immer unterwegs gewesen und hat dabei wertvolle Forschungsarbeit geleistet. Auch in unseren Radebeuler Fluren machte er manche Entdeckung, z.B. an der Grenze zu Dresden das ,,rote Waldvögelein“ und andere. 1957 schrieb er für die ,,Vorschau“ folgende kleine Geschichte: ,,Vor vielen Jahren ?elen mir im winterlichen Friedewaid absonderliche Jungeichen auf. Sie wuchsen regellos verteilt auf magerem Sand unfern der Meierei, auf kargem Syenitgrus um unseren Wasserturm, aber auch an grasig nassen Stellen nordwestlich Lindenaus. Namentlich erregten ihre struppigen Endknospen meine Aufmerksamkeit, die Blätter waren z.T. tief gebuchtet, fast fiederteilig und unterseits rnehr fühlbar als sichtbar behaart. Daheim konnte ich sie ais Zerreichen bestimmen (Quercus cerris). Sie stammen aus Südosteuropa und Kleinasien. Nach dem Mutterbaum suchte ich lange vergebens. Ohne Erfolg bat ich in den damals noch bestehenden drei Ortszeitungen um Mitteilung des Standorts einer fruchtenden Zerreiche, deren kurze Beschreibung ich dabei veröffentlichte Schließlich wandte ich mich an die großen Schüler meiner Klasse. Zu meiner nicht geringen Verblüffung meldeten bereits am nächsten Tage zwei Jungen den Erfolg ihrer Aufmerksamkeit: Sie hatten hinter einem Haus versteckt eine große Eiche gesehen, von der einer zum anderen auf gut Kötzschenbrodaisch sagte: ,Du, das ist Stoppen seine Eiche!‘ Die Bewohnerin des Hauses erzählte mir, dass sie seit Jahren auf der Eiche regen Häherbesuch beobachtet hatte. Die Häher hatten sicher weggekriegt, dass Zerreicheln nicht so herb schmecken wie die unserer Sommer- und Wintereiche. Die Vogel trugen die Früchte irn Kropf in den Wald und verteilten sie auf etwa 9 qkrn, bis zu einer Entfernung von reichlich 3 km. Der Mutterbaum stand unweit der (darnaligen) ,,Kaiserbrauerei“ in Radebeul West. Er wurde trotz meines Vorschlags, ihn zu erhalten, vor einigen Jahren gefallt. Die mutterlosen Jungeichen sind nun ganz auf sich gestellt. Sie wachsen so langsam, dass an Fruchten noch lange nicht zu denken ist.“ (Wie viele werden davon heute noch erhalten sein?) In vielfältiger Weise vermittelte er seine umfangreichen Kenntnisse anschaulich und einprägsam zur populären Aufklärung in Zeitschriften und Büchern; immer tätig bis ins hohe Alter ,,Mit ganzer Hingabe hatte sich Fritz Stopp – neben vier weiteren maßgeblichen Botanikern — der gründlichen Neubearbeitung des Standardwerkes von Wünsche-Schorler ,Die Pflanzen Sachsens‘ gewidmet, das 1956 erschien. Damit setzte er sich selbst einen unübersehbaren Denkstein in der Geschichte der sächsischen Floristik“ schrieb der ihm befreundete Botaniker Harald Schurz in einem Nachruf. Am 16. September 1975 war Fritz Stopp in seinem Radebeuler Heim verstorben. Seine letzte Ruhestätte fand er an der Seite seiner ersten Ehefrau unter dem von ihm 1956 selbst gep?anzten Urwelt-Mammutbaum auf dem Friedhof Radebeul West. Möge der Baum als lebendes Denkmal noch lange erhaiten bleiben.
Frau Helene Stopp herzlichen Dank für freundliche Unterstützung.

Lieselotte Schließer

Quellen SNN vom 14.11.1975, SZ vom 22.8.1986, Vorschau März 1957,
Vorschau und Rückblick Februar 1998

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