Kultur (T)Raum Radebeul (Teil 2)

Vom Leben vor und hinter hohen Mauern

Erst kürzlich wurde mir bei einer Vernissage diskret zugeraunt: Frau Baum, ihre Texte sind zu lang, sowas liest doch heute niemand mehr!

»Radebeul (be)sitzen« Cornelia Konheiser, bemalter Stuhl, 2016 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Na, dann mal los, dachte ich:  Klarheit und Wahrheit, kurz und direkt, möglichst sachlich und fast ohne Ironie.
Einige erfreuliche Tatsachen gleich vorab: Allen Krisen zum Trotz – das kulturelle Monatsheft gibt es noch! Es ist nicht käuflich. Man kann es nach wie vor unentgeltlich erwerben. Alle Autoren sind hoch motiviert, arbeiten freiwillig und im Ehrenamt. Gefördert wird das Heft auch durch die Stadt Radebeul. Zurzeit mit einem Jahresbetrag von 1.000,00 Euro. Das sind 83,33 Euro pro Monatsausgabe und bei einer Auflage von 3.000 Stück aufgerundet 0,03 Euro je Heft. Das regelmäßige Erscheinen der Publikation wird hauptsächlich durch Anzeigen und Spenden garantiert – bis jetzt.

Dass nichts bleibt, wie es ist, hat wohl jeder schon mehrfach in seinem Leben erfahren müssen. Doch die Zuversicht sollte man niemals verlieren. Auch unser Vorläuferheft „Die Vorschau“ existierte nur von 1954 bis 1963, also keine zehn Jahre, aber der Mythos lebte fort.

Alte Exemplare wurden in Archiven und privaten Haushalten aufbewahrt, sind noch heute begehrt und aus vielerlei Gründen lesenswert. In dieser kulturellen Tradition stehend, erfolgte vor über drei Jahrzehnten ein

Wiederbelebungsversuch. Das erste Exemplar erschien mit dem leicht geänderten Namen „Vorschau & Rückblick“ im Mai 1990. Das inhaltliche Spektrum der Beiträge wurde erweitert und die Printausgabe erfährt seit 2010 durch die Online-Version eine digitale Ergänzung.

Schauen wir uns in der Radebeuler Vereinslandschaft einmal um, so stellen wir fest, dass wir nicht die einzigen sind, die einen langen Atem bewiesen haben. Auch der „verein für denkmalpflege und neues bauen“, zu dem wir seit jeher eine gute Beziehung pflegen, hat Höhen und Tiefen durchlebt, sich immer wieder selbst erneuert und bemerkenswerte Spuren sowohl im Stadtbild als auch im Bewusstsein vieler Bauherren und Bürger hinterlassen. Die Beitragsserie von Grit Heinrich, welche in unserem Monatsheft seit April veröffentlicht wird, bietet eine Übersicht zum 30-jährigen Wirken des Vereins.

Stadtzentrum Kötzschenbroda, Blick in die Moritzburger Straße und auf die Weinberge (noch ohne Wasserturm) Privatarchiv Andreas Gerhardt

Rathaus Niederlößnitz mit Königsplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz), um 1920 Privatarchiv Andreas Gerhardt

Der Einladung in das Foyer der Landesbühnen Sachsen am 26. März aus Anlass des Vereinsjubiläums waren über 200 Gäste gefolgt. Einen Höhepunkt des Abends bildete der Vortrag des renommierten Architekturprofessors Thomas Albrecht, welcher Radebeul mit Paris verglich. Beide Städte haben sich ihre harmonische Schönheit bewahren können und es folgte der dringende Rat: „Um ihre Stadtlandschaft zu schützen, benötigen Sie Regeln“. Doch die städtebaulichen Fehler, vor denen er warnen wollte, die hatte man doch schon längst, sowohl vor als auch nach 1990, in Radebeul gemacht!
Wohl ahnend, welchen Begehrlichkeiten die Lößnitzstadt nach dem gesellschaftlichen Umbruch ausgesetzt sein würde, konstituierte sich bereits 1990 in Radebeul eine Ortsgruppe des Bundes der Architekten, die noch im gleichen Jahr vorsorglich eine Ortsgestaltungssatzung angemahnt hatte. So war es dann auch konsequent und folgerichtig, dass sich 1993 jener Verein mit dem langen Namen gründete, welcher sowohl die Denkmalpflege als auch das neue Bauen einschließt. Die Idee, einen Bauherrenpreis auszuloben, entwickelte sich zur nachhaltigen und maßstabsbildenden Erfolgsgeschichte und stärkte das öffentliche Bewusstsein für Baukultur.

Fassaden von Wohn- und Geschäftshäusern im Zentrum von Paris, 2016 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Fassaden von Wohn- und Geschäftshäusern im Zentrum von Radebeul-West, 2023 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Fassade eines Bürogebäudes in Stahlskelettbauweise aus den 1970-er Jahren, Meißner Straße 50, Wasapark-Areal Radebeul ehemals VEB Kraftwerksanlagenbau, 2023 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Doch ohne verbindliche Regeln, konnten sich die Kräfte des freien Marktes mit ihren knallharten wirtschaftlichen Interessen und guten Anwälten immer wieder durchsetzen. Der Ratlosigkeit folgte die bürgerschaftliche Empörung. Offene Briefe, Petitionen, Banner im Straßenraum mit Aufforderungen wie „Rettet Radebeul“ begannen sich zu häufen.
Nun endlich wurden auch in Radebeul einige verbindliche Regeln beschlossen, darunter 2016 die Erhaltungssatzung zu Altkötzschenbroda sowie 2023 die Erhaltungssatzungen zu den Villengebieten Nieder- und Oberlößnitz.
Als das „Zentrum Radebeul-West“ 2016 zum Sanierungsgebiet erklärt wurde, hatten wir uns als Bürger zunächst sehr gefreut und viele Vorschläge eingebracht. Dann schien einiges aus dem Ruder zu laufen und die Kommunikation brach ab. Auf die Zuschauerbank verbannt, warten wir nun, was noch auf dem zentralen Bahnhofsvorplatz passiert, wie lange das Bahnhofsgebäude dem Verfall widersteht, ob die künstlerisch gestaltete Bahnunterführung eine vandalistische Überformung erfährt, wie eine Baumallee ohne straßenbegleitende Stellplätze den Einzelhandel belebt und wie sich der Schul-Monolith in das Wohngebiet einfügt.
Gespannt sind wir auch, wann der Startschuss für die Erarbeitung der Radebeuler Kulturkonzeption erfolgt. Das überarbeitete Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) aus dem Jahr 2015 ist im Internet abrufbar und bietet eine solide Basis.
Radebeul besteht nicht nur aus Straßen und Gebäuden. Hier leben auch Menschen.
Doch mit denen findet kaum noch ein Austausch statt. Dabei bietet gerade Radebeul ein nahezu unerschöpfliches Potenzial an kreativen und engagierten Alt- und Neubürgern, die sich bestimmt sehr gern an der weiteren Entwicklung und Gestaltung ihrer Stadt beteiligen würden. Dass der Begriff „Kultur“ im Vorfeld der letzten Oberbürgermeisterwahl keine Rolle spielte, hatte nicht nur mich irritiert.

Manch einer wird sich vielleicht noch daran erinnern, dass von 1997 bis 2006 in Radebeul die Kulturbörse stattgefunden hat. Jeweils zum Jahresbeginn trafen sich die Vertreter der aktiven Kunst- und Kulturszene zwecks Diskussion und Terminabgleich. Interessierte Bürger waren dazu ebenfalls eingeladen.

Der daraus abgeleitete Jahreskulturkalender wurde liebevoll „Das kleine Schwarze“ genannt.

Die zehn Broschüren im Westentaschenformat sind heute ein heiß begehrtes Sammlerobjekt und haben einen festen Platz im Archiv der gelebten Stadtkultur.
Fakt ist: In Radebeul besteht ein gravierendes Kommunikationsdefizit. Aber liegt es nicht an jedem selbst, ob er sich mit seinen Anliegen und Bedürfnissen in der Stadtgesellschaft bemerkbar macht? Also, was sollte uns daran hindern, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen?

Ist es naiv, zu glauben, dass Stadtentwicklung etwas mit Langfristigkeit und Zielorientiertheit zu tun haben könnte? Was wurde nicht schon alles abgerissen, an Externe vermietet oder preisgünstig verkauft, was jetzt dringend benötigt wird?
Geduldig haben wir gehofft, dass jemand die Frage stellt, was denn nun mit dem Stadtarchiv, der Städtischen Kunstsammlung und dem Museumsdepot passieren soll, wenn das Wasapark-Areal eine grundhafte Umgestaltung erfährt? Könnte man nicht gleich dem Vorschlag folgen, die Städtischen Sammlungen und das Archiv künftig in mobilen Umzugswagen einzulagern? Schließlich haben sie schon mehrfach den Ort gewechselt und werden wohl auch künftig nicht so schnell zur Ruhe kommen. Und ganz nebenbei stellt sich die Frage, wie das sensible Gut all diese Tortouren übersteht.
Demnächst zieht die Musikschule in die Alte Post. Und schon wieder ergeben sich daraus einige Fragen: Welche Nachnutzung ist für das geschichtsträchtige Niederlößnitzer Rathaus vorgesehen, in dem einstmals Dr. Wilhelm Brunner, der letzte Bürgermeister von Kötzschenbroda, saß? Ist man sich bewusst, dass der Rosa-Luxemburg-Platz mit dem Rathausgebäude eine funktionale Einheit bildet? Was bedeutet es für die Bewohner, wenn eine Stadt mit 34.000 Einwohnern über kein Kino und kein Stadtmuseum verfügt? Ja nicht mal über einen angemessenen Veranstaltungsraum.

Schaufenster des Radebeuler Bürgertreffs auf der Bahnhofstraße 8, 2016 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Ein Check, welche Räume von Künstlern, Existenzgründern und sonstigen Kreativen zu welchen Konditionen genutzt werden können, ist dringend erforderlich. Zurzeit irren sie ratlos durch die Stadt und haben kaum eine Chance etwas Bezahlbares zu finden. Auch sollte der Festsaal mit der kleinen Bühne im Serkowitzer Gasthof unbedingt für die öffentliche Nutzung erhalten bleiben.
Damit es nicht heißt: Frau Baum, ihre Texte sind nicht nur zu lang, sie sind auch viel zu pessimistisch, folgt jetzt noch ein komprimiert optimistischer Schluss.

Also, was mir in letzter Zeit gefallen hat, ist die neu gestaltete Homepage der Stadt Radebeul. Sie wirkt modern und übersichtlich. Auf verbessernde Hinweise wird schnell und freundlich reagiert. Die Sanierung der Alten Post ist in vollem Gange. Aber auch die Frühjahrsblüher an Straßenrändern, auf öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen und Gärten erheitern das Gemüt. Auf der sonnigen Flaniermeile von Altkötzschenbroda mischen sich die Einheimischen mit den auswärtigen Gästen. Der Blick vom Stadtzentrum in Radebeul-West zum Wasserturm ist immer noch unverbaut. Die Schmalspurbahn dampft durch den Lößnitzgrund. Der Elbradweg und die Lehrpfade verschiedenster Art sind stark frequentiert. Die Vorfreude auf die Karl-May-Festtage, die Kasperiade, das Wandertheaterfestival, den Grafikmarkt und die vielen Ausstellungen und Veranstaltungen zwischendurch (mal mit, mal ohne Wein) ist ungebrochen. Aller Kritik zum Trotz – es lebt sich gut in Radebeul!

Karin (Gerhardt) Baum

30 Jahre ! (2. Teil)



Das Pro und Kontra von Gestaltungsregeln wurde 2010 diskutiert. Als Beitrag unseres Vereines zum 75-jährigen Stadtjubiläum konnte der Grabstein von Graf von Wackerbarth aufgestellt werden. Der Tag des offenen Gartens wurde ins Leben gerufen unter reger Teilnahme der Bewohner der mittleren Eduard-Bilz-Straße. Zum Bilzplatz wurde eine Bachelorarbeit betreut als Auftakt einer bürgerschaftlichen Planung. Der Platanenplatz wurde zum Pflanztag aufgewertet.
Der Vortrag „Radebeuler Häuser und ihre Bewohner“ und Besuch der Villa Sommer im Jahr 2011 war Auftakt der gleichnamigen Veranstaltungsreihe. Seit 2011 wirken wir beim Moritz-Ziller-Preis für Stadtgestaltung mit, dafür wurde der Bauherrenpreis nun nicht mehr jährlich ausgelobt.
2012 stand der Bismarckturm im Fokus, im März mit der Eröffnung Ausstellung Bismarckturmideen, im April mit der

Tor Am Goldenen Wagen, Foto: Von Brücke-Osteuropa – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21100690

Präsentation der ersten Ideen, im November mit der Vorstellung des Zwischenstandes „Bismarck“. Gleichzeitig erfolgte die Aufstellung der zwei Schautafeln zur Villenkolonie Altfriedstein. Der Schlussstein des Weinbergtors zur Lage „Goldener Wagen“ und die Toranlage wurde von Schloss Wackerbarth saniert. Unser Beitrag war die anschließende Vergoldung des Schlusssteins.

Das 20. Vereinjubiläumsjahr war wieder ein sehr intensives, es startete im März mit unserer Festveranstaltung und es folgten neben vielen Fachvorträgen nun schon etablierte Veranstaltungsreihen (Pflanztag, Gartentag, Tag der offenen Aussicht, Tag des offenen Denkmals, Radebeuler Häuser). Am Pflanztag im Frühjahr unterstützte der Verein die Verschönerungsaktionen der kleinen Fußgängerinsel gegenüber der Ziegeninsel von Kötzschenbroda. Hervorzuheben ist das, über das Jahr laufende, Schülerprojekt „Putzschnitte“, dessen Ergebnisse im Oktober vorgestellt wurden. Am 29.5.2013 erhielt unser Verein eine einstimmige Genehmigung durch den Stadtrat, den Bismarckturm für seine neuen Ideen nutzen zu dürfen. Daraufhin startete unsere große Spendenaktion.
Am 01.04. 2014 bot der Vortrag „Bismarck und die deutsche Kultur“ im Rahmen eines Spendenessens die Gelegenheit um Unterstützung für unser Treppenbauvorhaben zu werben. Der „stürmische“ erste Spatenstich erfolgte am 1. April 2015, verbunden mit der Festveranstaltung anlässlich des 200. Geburtstages Bismarcks. Acht Wochen später erreichte das Spendenaufkommen bereits 100.000 Euro. Ein trauriger Einschnitt in jenem Jahr: Tilo Kempe, einer unserer Mitbegründer, verstarb im Herbst. Seine klaren Worte fehlen uns noch immer. Von unserem geliebten, stilvollen Domizil im Winzerhaus „Haus Lotter“ mussten wir uns verabschieden und zogen in unseren neuen, ebenso kulturvollen Vereinssitz im „Haus Helmich“.
Das Jahr 2016 begann mit Sanierungsgebieten und städtischen Bauaktivitäten sowie den Planungen zu den Hochwasserschutzmaßnahmen in Radebeul. Unser Bismarckturmprojekt wurde nun neben der planerischen Tätigkeit jährlich mit einem Bismarck-Herings-Essen aktiviert. Der 1. April 2017: die Spendenzusagen erreichen 247.000 €. Am 16.Juni 2017 weihten wir Brunnen, Skulptur und Freiflächen am Bilzplatz ein, ein Vorhaben, das Stadtplanung, Bewohner und Verein förderten und gemeinsam realisierten.

Bismarckturm Treppeneinbau, Foto: Grit Heinrich, 2018

Bismarckturmeröffnung,Foto: Ingo Drews 2019

Laut Kalkulation waren für den Bismarckturm- Gesamtprojekt inkl. Aussichtsplattform ca. 280.000 € erforderlich. Es fehlten noch ca. 20.000 €. Erneute Spendenaufrufe zur Akquirierung der fehlenden Gelder waren erfolgreich. Im August 2017 erreicht der Spendenstand 268.309 €. Im Herbst war die Vergabe der Bauarbeiten abgeschlossen, im September 2018 begann das Einbringen der Treppenspirale, ein Erfolg im 25. Jahr des Vereins. Der Spendenstandanzeiger hatte die Summe von 295.000,- € erreicht. Am Sonntag, den 8.September 2019 wurde die Treppenspirale und Aussichtsplattform im Bismarckturm eingeweiht. Geschafft! Der Turm hat mehr als 100 Jahre nach seinem Bau, nun eine Treppe und eine Plattform, von der die Radebeuler und ihre Gäste sich im Rundumblick, Weitblick und Überblick üben können. Wieder ein großer Schritt zum „guten Charakter“ unserer Stadt.
2020 sollten die Erhaltungssatzungen Ober- und Nieder-Lößnitz eine Rolle spielen und vieles mehr, bedingt durch Corona-Pandemie mussten zahlreiche Veranstaltungen abgesagt werden, nur unsere 2018 begonnenen Bauherrenpreis-Wanderungen fanden jährlich statt. Und wir konnten unseren Beitrag zur Aufstellung des Wendesteins vor den Landesbühnen leisten.
Im „beruhigten“ Jahr 2021 verlegten wir unseren Vereinssitz in die Villa Walter. 2022 konnten wir aufatmen. Seitdem steht die Untere Denkmalschutzbehörde vor Ort im Familienzentrum in Altkötzschenbroda gemeinsam mit Vereinsmitgliedern zur Beratung Radebeuler Bürger zur Verfügung. Und mit einem Arbeitseinsatz im Pavillon Mohrenhaus begann inhaltlich unser neues Spendenprojekt.
Nicht alles kann hier berücksichtigt werden. All die vielen engagierten Mitglieder und Unterstützer aufzuzählen, sprengt den Rahmen des Beitrages. Über Vieles kann und muss mehr berichtet werden, z.B. die Spielgruppe Hohenhaus, die aktive Mitarbeit/ Auseinandersetzung mit dem ersten Flächennutzungsplan 2006, die umfangreichen Stellungnahmen seit 2007, die wir als Mitglied im „Landesverein Sächsischer Heimatschutz e. V.“ verfassten, der als TöB (Träger öffentlicher Belange) gilt.

Figur Bilzplatz, Foto: G. Heinrich 2017

Die vergriffenen Veröffentlichungen der Beiträge zur Stadtkultur (Loseblattsammlung) von 2001 bis 2011 sind zu erwähnen, ebenso das Bauherren-Doppel als Merk- und Ratespiel über 10 Jahre Bauherrenpreis Radebeul. Unvergesslich sind die zahlreichen Exkursionen und auch die jährlichen Weihnachtsfeiern im Haus Lotter, Haus Sorgenfrei, in Schwarzes Tonne, im Haus Lorenz, in der Hoflößnitz, in der Grünen Linde, immer wieder in der Diakonie und in der Familieninitiative. Auch diese Aufzählung zeigt unsere Vernetzungen im Stadtgefüge.
Über 100 Bauherrenpreise wurden inzwischen vergeben, 2025 steht das nächste Jubiläum, die 20. Bauherrenpreisverleihung an. Die Berufung in das Gestaltungsforum der Stadt Radebeul seit 2022 und unsere „30 Jahre Festveranstaltung“ am 26.03.2023 hat das Interesse an und die Wertschätzung unserer Arbeit bestätigt. Und oft sind es neben den großen gerade die vielen kleinen Aktivitäten, die den Kitt einer Stadtgemeinschaft ausmachen.
Unsere neue frische Website lädt ein: Erkunden Sie unseren Verein, verblüffen Sie die Pessimisten, treten Sie ein und fördern auch Sie die Erhaltung des tatsächlich besonderen Charakters unserer Stadt Radebeul.
Ganz konkret bietet auch unser Spendenaufruf zur Wiederherstellung des Pavillons am Mohrenhaus dazu Gelegenheit. Der Verein will das Bemühen der Stadtverwaltung, den Pavillon in seiner alten Pracht wieder herzustellen, nach Kräften unterstützen. Dafür werben wir Spendenmittel ein. Näheres erfahren Sie auf unserer Website www.denkmalneuanradebeul.de und in der kommenden Ausgabe.

Grit Heinrich
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Dr. Grit Heinrich, erste Stellvertreterin des vereins für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.V

Markus Retzlaff „Das Frühwerk“ Malerei von 1984 – 1991

Selbstbildnis an der Staffelei, Öl auf Platte, 1986, 84 x 60 cm

Markus Retzlaff ist in Radebeul und weit darüber hinaus vor allem bekannt als Grafiker, denn seit vielen Jahren ist für ihn die Grafik das Medium, in dem er sich am besten ausdrücken kann und in der er sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause fühlt. Alle Spielarten von Hoch- und Tiefdruck beherrscht er vollendet. Die Radierung und verwandte Techniken bilden die bevorzugte Arbeitsweise für ihn. Schwerpunkt ist die Aquatinta, denn sie lässt ein reiches und differenziertes Arbeiten zu.
Die Ausstellung, zu der auch ein Katalog erschienen ist, beschränkt sich auf Wunsch des Künstlers auf die Malerei der frühen Jahre. Diese Arbeiten sind bis heute nur einem kleineren Kreis bekannt und befinden sich in zahlreichen Privatsammlungen. Von Freunden und Kennern wurde das Werk in seiner Kraft und Originalität jedoch schon früh erkannt. Nach der Porzellanmalerlehre war er von 1983 bis zum Beginn des Studiums freischaffend tätig und wurde 1988 Kandidat im Verband Bildender Künstler der DDR. Als einer der jüngsten Künstler nahm er mit 26 Jahren an der letzten Bezirkskunstausstellung des Bezirkes Dresden 1989 teil.

Fastnacht, Öl auf Leinwand, 1985-86, 153 x 113 cm

Diese Ausstellung fiel genau in den Herbst der Friedlichen Revolution. Die Endzeit der DDR spiegelt sich in den teils düsteren Farben der Gemälde wieder. Markus Retzlaff war und ist ein „realistisch“ arbeitender Künstler und wollte kein Neuerer oder Umstürzler sein. Als bodenständiger und mit seiner Umgebung vertrauter Mensch ist ihm diese Arbeitsweise am Nächsten. Durch das Überarbeiten und Verfremden wird jedes gegenständliche Motiv zur künstlichen Welt – wobei dieser Begriff bereits unscharf ist, denn alles uns Umgebende ist bereits künstlich, vom Menschen formiert, mitunter auch deformiert. Die Malerei von Markus Retzlaff ist im besten Sinne visio (Wahrheitsschau). Diese Art der Kunst ist einerseits vergeistigte Sinnlichkeit und vergeistigte Natur, anderseits geträumte Realität. Sie erlebt die Dinge mit intensiver Sinnlichkeit und stellt sie doch wieder in Frage.
Wir freuen uns, das Frühwerk von Markus Retzlaff nun einem größeren Publikum zugänglich machen zu können und danken dem Künstler und den Leihgebern sehr herzlich.

Alexander Lange

Editorial

Der Reigen der Radebeuler Festjubiläen geht weiter!
In diesem Monat findet coronabedingt nunmehr das 30. Karl-May-Fest statt, wogegen der
Auftakt bereits 1992 war. Es ist von Anbeginn mit seinen zahlreichen Attraktionen ein Anziehungspunkt für ganze Generationen, für jung und alt gewesen. Schließlich hatte ein jeder, insbesondere in Radebeul, irgendwann irgendwo irgendwelche Berührungspunkte mit den fantastischen Geschichten des Abenteuerschriftstellers. Sei es aus der Lektüre seiner zahlreichen Bücher oder als Besuch im Haus des Karl-May-Museums, wo der weltbekannte Schriftsteller tatsächlich auch lebte.
Die Veranstalter des Kulturamts hatten immer ein gutes Händchen den genretypischen Klamauk mit der Vermittlung fremder Kulturen sinnreich zu verbinden. Zahlreiche Völkergruppen und Indianer, heute will man sprachlich geglättet von Indigenen sprechen, aus den weiten des amerikanischen Kontinents berichteten in Gesprächen und Vorführungen von ihren reichen Traditionen und Ritualen.
Am Sonntagvormittag ist das Zusammentreffen der Sternreiter aus allen Teilen Deutschlands am „Weißen Roß“ mit Winnetou und Old Shatterhand von den Landesbühnen Sachsen mit prominenten Gästen wie Pierre Brice und Gojko Miti? seit jeher ein unvergleichbarer Höhepunkt gewesen.
Für das Karl-May-Museum ist seit langem ein ambitionierter Erweiterungsbau im Bereich der abgerissenen Aral-Tankstelle geplant. Ende 2026 soll er vollendet sein. 2028 dann komplett mit der sanierten „Villa Bärenfett“.
Dem Fest und den Plänen eilen ohne finanziellen und ideologischen Zwängen alle guten Wünsche voraus.

Sascha Graedtke

Mit den Texten der brachialromantischen Hausapotheker Dieter Beckert und Jürgen B. Wolff durchs Jahr

Eine Glosse

Qualität…?

„Qualität liegt im Auge des Beschauers?“ Oder so ähnlich…? Oder war es die Schönheit…? Kann auch sein! Aber ist eigentlich nicht so wichtig. Letztendlich bestimmt jeder selbst, was er unter Qualität, Schönheit und solcherlei Dingen verstehen will. Gott sei‘s gelobt und ge…! Wo kämen wir denn da hin, wenn mir einer sagen würde, was ich unter Dies oder Das zu verstehen hätte! Dem würde ich aber…!

Bekanntermaßen gehen hier die Meinungen extrem auseinander. Früher, ja früher, zu Kaisers Zeiten oder in der Diktatur, war das natürlich eine ganz andere Sache. Da gab es ein strenges Regime und gedacht wurde nur in offiziellen Memoranden. Die sollten einen erinnern ordentlich zu arbeiten, ordentlich zu leben und nie unordentlich aus der Reihe zu tanzen. Da waren die Regeln ein für allemal festgelegt und hatten für alle Zeit zu gelten. So war das im Kaiserreich Deutscher Nation, im Tausendjährigen Reich und im Reich „Immer scheine die Sonne“.

Da kann ich mich noch gut an die Normer und Gütekontrolleure erinnern, wie die immer um meine Bohrmaschine herumgeschlichen sind. Oh Gott, was man mit denen für Ärger hatte! Aber freilich ist das alles Schnee von gestern.

Heute kann sich jeder alles selber denken und auch machen wie er‘s will. Bist du allerdings in der dummen Lage ein lumpiger Arbeitnehmer zu sein, kann es vorkommen, dass du eines schönen Tages einfach vor die Tür gesetzt wirst. Pech gehabt! Früher, da wäre dann der Meister gekommen oder der BGeller und hätten mit dir ellenlange Gespräche geführt und die Konfliktkommission hätte tröstende Worte gesäuselt. Das selbständige Denken fällt ja noch heute so manchem Bürger schwer.

Natürlich ist das so eine Sache mit der Qualität. Keiner will doch mehr, dass sich beim Suppeauslöffeln der Alu-Löffel verbiegt. Also aufpassen beim „Pferdekauf“ – eben selber denken! Zugegeben so einfach ist das nun auch wieder nicht. Der Handel mit Waren ist schon seit Alters her ein windiges Geschäft. Da will ich jetzt nicht auf den Schacher mit Wundersteinen und Glücksamuletts verweisen. Auch an der sogenannten Wertpapierbörse soll es ja so manche faulen Papiere geben. Aber wie gesagt, für Träumer ist in der heutigen Zeit kein Platz, weder im harten Alltagsgeschäft noch in der Wirtschaft. Minderwertige Ware muss man ja nicht kaufen. Es gibt schließlich genug Anderes. Und langt das Geld nicht, muss man sich halt anstrengen…

Die Träumer sollten sich lieber in den weichen Sektoren des gesellschaftlichen Lebens austoben. Und wie ich erst unlängst gesehen habe, nutzen sie ihre Chance reichlich. Aber bedenken sollten sie, dass das Grundprinzip „Jeden Seins“, auch auf dieser „Spielwiese“ gilt. Erst neulich hatte mir so ein Träumer erklärt, dass man eine Theatervorstellung nicht beurteilen sollte, da es hier ja um Geschmacksfragen gehe. Nun verstehe ich vom Theater eigentlich nichts. Wann habe ich denn das letzte Mal ein Stück auf der Bühne gesehen…? Kann mich nicht erinnern. Aber das sich hier was verschoben haben muss, sollte wohl auch dem Dümmsten aufgefallen sein, wenn die Zuschauer immer weniger werden. Vielleicht hat das doch was mit Qualität zu tun? Und um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Mit einem Schauspieler ist noch kein Theater zu machen.

Und überhaupt, was man heutzutage so alles als Kunst vorgesetzt bekommt! Ehrlich gesagt, da komme ich nicht mehr ganz mit. Da meine ich nicht mal die Bilder, bei denen man nicht weiß, wie rum man sie aufhängen soll. Nicht, dass ich was gegen Volkskunst hätte, aber wie sagte schon meine Mutter: „Schuster bleib bei deinem Leisten.“. Immer schön bescheiden bleiben. Ich muss nicht bei Allem und Jedem mitreden können. Das ist wie bei der Erziehung, da sollte auch nicht jeder X-Beliebige seinen Senf dazugeben. Denn man weiß ja, am Ende sind es die Lehrerkinder, die am meisten verzogen sind.

Nun ja, das Feld ist weit. Und Sprüche gibt’s mehr als genug… Einer meiner ehemaligen Kollegen erklärte mir einst im felsenfesten Brustton seiner Überzeugung: „Kunst ist nur das, was ich verstehe!“. Ein allzu wahrer Spruch, meint

Euer Motzi

Ein Amerikaner in Radebeul

Wieder so eine schräge Idee von Herrn Lohse? Hat er jetzt vielleicht vor, den Donald T. einzuladen? Nein, das ist nicht zu befürchten und kaum zu glauben, dass wir Freunde werden könnten. Aber ein klein wenig hat mein heutiges Thema doch mit dem amerikanischen Kontinent und dem, was da wächst zu tun.

Es geht um Weinbau und die Amerikaner-Rebe. Sie hat u.a. der Lößnitz nach der Reblauskatastrophe im letzten Viertel des 19. Jh. später wieder zu einem Neuanfang im Weinbau verholfen. Die Amerikaner-Rebe (in Sachsen Aramon x Vitis Riparia) erwies sich als reblausresistent, auf diese konnten die hier üblichen Sorten – zB. Müller-Thurgau, Weißburgunder und Riesling – aufgepfropft werden. Das klingt hier so einfach, aber dafür war ein längerer Prozeß von Versuchsreihen erforderlich, an dem Carl Pfeiffer schon 10 Jahre in Oppenheim mitgewirkt hatte, ehe er 1912 über Meißen nach Radebeul kam. Während der Zeit lagen in Radebeul die Weinberge brach, bzw. wurden mit Obstbäumen oder auch Erdbeeren bepflanzt. Durch den 1. Weltkrieg wurde das Wiederaufreben nochmals verzögert, ehe dann in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jh. die ersten Weinberge der Lößnitz neu bestockt und etappenweise bis zum heutigen Stand fortgeführt.

Und wo ist mir nun so ein Amerikaner in Radebeul begegnet? Er begleitet uns seit 1997, seitdem wir in der Borstraße wohnen. Der Baumeister Franz Jörissen muß die Amerikaner-Propf-Rebe 1934 gesetzt haben, als er das Grundstück erworben und sich hier eingerichtet hatte. Der Plan war, ein hölzernes Spalier am Ostgiebel seines Hauses mit Wein beranken zu lassen. Ich war nicht dabei gewesen, aber aus Gesprächen mit Jörissen weiß ich, daß der aufgepfropfte Gutedel Ende der 30-er Jahre einen harten Frost abgekriegt hatte und deshalb eingegangen war. Da die Wurzeln des Amerikaners stark waren, trieb er nach dem Winter wieder aus, wuchs kräftig und hatte auch wieder Früchte. Nur sahen die jetzt blau aus und hatten etwa die Größe von Heidelbeeren. Sie waren sauer und bitter, also eigentlich nicht genießbar. Dieser Stock, sozusagen ein Wildling, wuchs über die Jahrzehnte unabhängig von seltenen Kältespitzen und heißen und trockenen Sommern zu einem Weinbaum mit einem Stammdurchmesser von 24cm (gemessen am Erdboden) und inzwischen den ca. 8m hohen Hausgiebel bedeckend. O.g. Holzspalier überragt „unser Amerikaner“ längst und hat mit seinen starken Ästen an drei Stellen das Lattenwerk zerstört. Der Amerikaner braucht erstaunlicherweise kaum Pflege – keine Erdarbeiten, keinen Dünger und auch keine Schädlingsbekämpfung. Ein Schnitt ist nur da erforderlich, wo er nicht wachsen soll, an der Fernsehantenne und vor den Fenstern. Alle Versuche durch verschiedene Personen und über die Jahre führten zu keinem befriedigenden Ergebnis, es wurde nie ein trinkbarer Wein! Wir ernten etwa die Hälfte der Früchte bis dahin, wo die Leiter reicht und stellen mit Zucker einen Gelee und auch leicht herben Traubensaft her. Die zu hoch hängenden Trauben überlassen wir den Staren, die im September dann zahlreich einfliegen und sich den Rest schmecken lassen. Wenn wir den Zeitpunkt der Ernte verpassen sollten, gehen die Stare als Sieger vom Platz.

Der Stareneinfall in den Amerikaner ist ein Naturereignis, nicht selten kommen 30 bis 40 Vögel auf einmal und fallen laut zwitschernd ein, aber beim Fressen herrscht dann Stille. Wenn sie durch eine Person im Garten gestört werden, wechseln sie den Sitzplatz und warten auf einer nahen Tanne oder der hohen Linde am Hoftor bis „die Luft rein“ ist. Wir akzeptieren diese Art von Arbeitsteilung, wohl wissend, daß im Herbst bald der Vogelzug beginnt und die Stare vorher noch eine Stärkung brauchen können. Bedingt durch den Klimawechsel sollen aber wohl nicht mehr alle Stare auf die weite Reise gehen. Dumm nur, wenn der Stareneinflug auf einen Tag mit großer Wäsche fällt. Vor allem Weißwäsche kann dann durch die Ausscheidungen der Vögel schon mal verdorben werden, denn die Kacker sind kräftig lilablau.

Ich weiß gerade nicht, wie viele Amerikaner es in Radebeul noch gibt. Wahrscheinlich würde ein echter Winzer diesen Wildling auch schon gerodet haben, denn er hat kaum wirtschaftlichen Nutzen. Wir jedenfalls haben uns an diese Nachbarschaft mit „unserem Amerikaner“ gewöhnt! Warum ich diese Worte in Anführungsstriche setze? Unser ist ein besitzanzeigendes Fürwort und wir besitzen als Mieter nicht, auch den Wildling nicht.

Dietrich Lohse

Wie bunt ist Coswig wirklich?

Ein Spaziergang mit Carl Sigismund Romer durch die Große Kreisstadt Coswig (1. Teil)

 

Büste Romers. Einst auf dem Gelände seiner
Gärtnerei, jetzt in den Grünanlagen vor
der Karrasburg, dem Stadtmuseum Coswigs
Foto: I. Rau

Unlängst, als ich aus dem Rathaus kam, beschäftigt mit den aktuellen Problemen um Coswig, führten mich meine Schritte an der Grünanlage vor der Karrasburg vorbei. Dort stieß ich auf die Stele mit der Büste von Carl Romer. Er winkte und stieg von der Stele. Was wird das nun, dachte ich. Darauf begann er mir zu erzählen, wer er war und was er für Coswig geleistet hat. Also machten wir uns gemeinsam auf die Suche, seine Spuren zu finden bzw wie sein Erbe in Coswig geachtet wird. Zunächst zog er mich in die Dauerausstellung des Museums Karrasburg und verwies auf die Gedanken von Petra Hamann in ihrem Buch- Coswig hat Geschichte/1/. Daraus erfuhr ich, dass Carl Romer von 1872-1949 lebte. Er war ein Gartenunternehmer der ersten Stunde und Stadtverordneter von 1902-1932 sowie erster Ehrenbürger der Stadt (1932). Er hatte seine Gärtnerei in der heutigen Romerstraße. Dort spendete er auch die noch heute die Straße säumenden prächtigen Linden. Er legte den Grundstein für die Produktion von Moorbeetkulturen, errichtete Gewächshäuser incl. eines speziellen Pflanzenüberwinterungshauses in “seiner” Straße. Die Produktion von Azaleen, Kamelien Eriken gingen seitdem auf die Reise in die kleine und große Welt und machten Coswig bekannt. Dazu erwähnte ich ihm, dass z.B. die heutigen Gartenbaubetriebe Risse und Türke an der Dresdner Straße und Rudolph an der Grenzstraße sein Erbe als Groß- bzw. Einzelhändler wirtschaftlich fortführen. Daneben hat Coswig mit seinen Ortsteilen diverse weitere kleinere Gartenbaubetriebe und Verkaufsstätten für Gemüse, Pflanzen und Blumen. Coswig sollte damit einen guten Namen als grüner Standort haben. Ob das jedoch stimmt, das wollten wir beide nun wissen und ich spazierte mit wachen Augen von Kötitz bis in den Spitzgrund und auch durch die Ortsteile Sörnewitz, Brockwitz und Neusörnewitz, immer Herrn Romer im Nacken.Ich erläuterte ihm dabei, dass der Bauhof der Stadt heute sehr bemüht ist, mit jahreszeitlich abgestimmten Bepflanzungen der Stadt ein buntes Aussehen zu geben und zu den Festen um Ostern und Weihnachten das Auge zu erfreuen, ob z.B.um den Wettinplatz, dem Kreisverkehr oder am Bahnhof. Übrigens war auf dem Vorplatz des Bahnhofes mal ein Gemüsegarten, meinte spontan Herr Romer dazu/1/. Viel Engagement investiert man heute auch in die strassenbegleitenden Bepflanzungen in der Industriestraße, der Dresdner- oder der Hauptstraße. Soweit so gut, sagte er, aber wie stehen die Bürger der Stadt heute zu ihrem grünen Erbe? Überrascht war er schon, dass die Coswiger Bürger sich in 18 Kleingartensparten organisiert haben und somit ihrer Freizeit eine sinnvolle Beschäftigung geben und ihren grünen Daumen ausleben können. Dabei berichtete ich ihm über die z.T. harten Auseinandersetzungen um den neuen Flächennutzungsplan und der Absicht, dazu ggf. Garten- in Bauland zu wandeln. Hut ab vor den Bürgern, die dazu ihre Stimme erhoben und diese Absicht, egal wem der Boden gehörte, verhinderten, stimmte er mir zu. Sein spontanes Motto: “Coswiger, gärtnert dort weiter wie bisher und sichert Coswig auch im Zentrum weiter die grüne Luft und die Bindung von CO2!” Wie kam er aber jetzt auf CO2? Naja, ich flüsterte ihm zuvor Neuigkeiten aus der Jetztzeit zu, wie z.B., dass da noch die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens auch über Coswig und das mit einem Superschnellzug durch die Bundesregierung umgesetzte Klimaschutzgesetz vor uns stehen. Ah, meinte er, ähnliches gab es zu meiner Zeit auch schon im Stadtrat. “Ich begreife”, sagte er, “nun geht auch den letzten Politikern ein Licht auf, aber wir sind in Coswig, hat man hier dieses Zeichen noch rechtzeitig verstanden?” “Ja”, rief ich ihm sehr laut zu, “2020 hat der Rat einen Beschluß zur Erarbeitung eines “Integrierten Klimaschutzkonzeptes” gefasst und mit finanzieller Förderung die Stelle eines Klimabeauftragten eingerichet”. Diesen Gedanken nahm ich ohnehin aus dem Rathaus bzw. dem Stadtrat mit, als ich zur Büste von Herrn Romer ging. Vom Umweg über den Klimabezug lenkte ich seine Schritte zunächst weiter in den Interkulturellen Garten Coswig e.V. in der Jaspisstr., wo Stadträtin Cornelia Obst die Harke schwingt. Als Geschenk an die Stadt hat sie dazu 3 Pflanzen-/Blumenbänke hinter der Mauer des neuen Festplatzes gestaltet. “Donnerwetter, man ist also auch heute bemüht, ausserhalb der Hauptwege, Farbe in die Stadt zu bringen”. Dabei staunte er dort auf der Wiese auch über die neu gepflanzten Bäume und das Schild mit den dazu gehörenden Erläuterungen. Ich verwies ihn dabei auf eine Aktion des Stadtrates, auf Initiative der Fraktionen BnC (Bündnis für ein nachhaltiges Coswig) und der damaligen CDU- Fraktion, zunächst 150 Begrüßungsbäume für ehrenvolle Bürger und Neugeboren an verschiedenen Standorten der Stadt zu pflanzen. “Kann man sich mit eigenem Geld auch an der Finanzierung beteiligen?” wollte er wissen. “Natürlich, das ist sogar gewollt und kostet 50 €/Baum ohne Namensschild”. Leider war es ihm aber nicht vergönnt, Euros bei sich zu haben, sonst hätte er sich neben seinen Linden auf der Romerstraße auch hier beteiligt.

Carl Sigismund Romer

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1 Coswig hat Geschichte von Petra Hamann
Wissenswertes und Amüsantes aus dem Stadtarchiv
NOTschriften Verlag

Herausgegeben von der Großen Kreisstadt Coswig
1. Auflage 2012 ISBN 978-3-940200-82-2

Museum der Zukunft in Radebeul?

Aus einer Gesprächsrunde im Lügenmuseum

„Das Museum of the Future an der bekannten Schnellstraße der Stadt, der Sheikh Zayed Road, ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten von Dubai. Das von der Dubai Future Foundation gegründete Museum, das am 22. Februar 2022 eröffnet wurde, erforscht, wie die Gesellschaft sich mithilfe von Wissenschaft und Technologie in den kommenden Jahrzehnten entwickeln könnte.“

Mit diesem Text und dem Abbild einer riesigen stählernen Plastik mit arabischen Schriftzeichen inmitten einer von Hochhäusern geprägten Stadtlandschaft lockt eine Webseite die Nutzer an, sich auf ihr und natürlich besonders vor Ort in der Stadt und im Museum umzusehen. Den Aufenthalt in Dubai kann man da gleich mit buchen. Und wie selbstverständlich ist auch der Text der Seite natürlich in Deutsch verfasst.

Die Plastik entpuppt sich schließlich als das eigentliche Museum, in welchen der Besucher erfährt, wie unserer Leben in 50 Jahren aussehen könnte. In der Hauptsache geht es um Themen wie Raumfahrt, Lebensstil, Klimawandel, Umweltschutz, Gesundheit und Spiritualität. Wer dieses Museum betritt, wähnt sich, bereits in der Zukunft angekommen zu sein. Die Karte ist schon ab 35 Euro zu haben.
 
So spektakulär freilich und so teuer ging es am 1. März dieses Jahres in Radebeul nicht zu. Auch das Gebäude, in das zu der Diskussion um das „Museum der Zukunft“ eingeladen wurde, wirkt nicht gerade zukunftsweisend. Die Einladung, auch wenn sie vom Lügenmuseum ausgesprochen wurde, war aber durchaus ernst gemeint, was man schon an den zahlreichen Teilnehmern und deren Zusammensetzung erkennen konnte. Unter den Besuchern aus Radebeul und dem Umland befand sich auch eine ganze Reihe mit einschlägigen fachlichen Kenntnissen zur Thematik ausgestatteten Persönlichkeiten. Unter anderem Prof. Dr. Oliver Rump von der Berliner Hochschule für Technik und Wissenschaft, wo er in den Studiengängen Museumskunde / Museologie sowie Museumsmanagement und -kommunikation lehrt.

Auch die Redaktion von Vorschau & Rückblick war mit einer ansehnlichen Delegation vertreten.
 
Für manchen Teilnehmer der Diskussionsrunde mag freilich das Thema wie aus „heiteren Himmel“ gefallen sein. In der Museumslandschaft nicht nur der Bundesrepublik jedenfalls geht es mindestens seit 2019 in der Angelegenheit heftig zur Sache. Diese kontroverse Debatte wird nicht nur im musealen Kreisen ausgetragen, sondern in öffentlichen Streitgesprächen, wie beispielsweise am 30. Januar 2020 im Lichthof des Jüdischen Museums Berlin vor 500 Zuhörern. Ausgerechnet dort trafen mit Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens sowie Mitglied des ICOM Executive Boards und Markus Walz, Professor für Theoretische und Historische Museologie an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) sowie Mitglied des Vorstandes von ICOM Deutschland, zwei Experten aufeinander, die gegensätzlicher nicht hätten sein können. Zur Erläuterung: ICOM steht für Internationaler Rat von Museen. Auf die gesamte Problematik und die Kontroversen soll hier aber nicht weiter eingegangen werden. Wer will kann sich zu dieser Thematik ausreichend im Internet informieren.
 
Anlass zu den zahlreichen Debatten bot die vom Internationalen Rat von Museen in die Diskussion gebrachte Neubestimmung der Definition des Begriffs „Museum“, die mittlerweile in abgeänderter Form Ende des Jahres 2022 beschlossen wurde. Die Notwendigkeit dafür ergebe sich, so eine weit verbreitete Auffassung, aus den Veränderungen der Gesellschaft und den neuen Formen der Kommunikation. Auf diese Situation müsse auch das Museum reagieren, wenn es eine Zukunft haben wolle. Ob nun aber der Slogan „Hauptsache Publikum!“ des Deutschen Museumsbundes hierfür der richtige Ansatz ist, möge dahingestellt bleiben, fragwürdig scheint der allemal zu sein. Haftet ihm doch die allzu bekannte „Tonnen-Ideologie“ und die Verwertbarkeit dieser Einrichtungen an. Und so spiegelte sich das dann auch, wenngleich nicht so heftig, in der regen Diskussion zu dieser Thematik im ehemaligen Serkowitzer Gasthof wider.
 
Das Museum, so Prof. Oliver Rump, solle mehr an die Menschen herangetragen werden, denn mit der ständig voranschreitenden Digitalisierung verändert sich auch deren Wahrnehmung. Sowohl die Besucher als auch die Museen müssten deshalb stärker mit einander interagieren. Und wie zur Bestätigung des gerade Gesagten unterbrach der Musiker Gabriel Jagieniak die Redner, um mit seinem Akkordeon eine musikalische Zusammenfassung der bisherigen Diskussion den Gästen zu bieten.
 
Schnell gelangten die Gespräche allerdings auf das Praktisch-Machbare, und so beschrieb die Leiterin des Dresdner Kunsthauses Raskolnikow Iduna Böhning ihre Erfahrungen bezüglich der Sicherung des Objektes, bei der auch außergewöhnliche und schmerzhafte Wege beschritten werden mussten. Reinhard Zabka, der die Diskussion recht unkonventionell führte, informierte die Gäste unter anderem über die produktive Zusammenarbeit des Lügenmuseums mit der Stadt Riesa.
 
Museen „sammeln, erhalten, erforschen, interpretieren, stellen aus und erweitern das Verständnis der Welt, mit dem Ziel zur Würde des Menschen, sozialer Gerechtigkeit, globaler Gleichheit und dem Wohlbefinden des Planeten beizutragen“, so ein Auszug aus der neuen Definition. Museum aber ist auch ein gemeinnütziger Ort, eine „der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken“ dient, meint Claudia Thom von der Stadtverwaltung Kreuzlingen. Und schaut man in das Besucherbuch des Lügenmuseums, so kann man förmlich das Wohlsein der Gäste herauslesen, die aus aller Herren Länder kommen.
 
Gewissermaßen als Quintessenz des Abends konnte deshalb der Professor Rump zusammenfassend feststellen, dass das Lügenmuseum aus fachwissenschaftlicher Sicht erhalten bleiben muss, weil es schon heute erfüllt, was die neue Definition des Internationalem Rates von Museen fordert, das interaktive Museum.                                                          

Karin und Karl Uwe Baum
 
 
 

Zauberhaft

Die 25. Ausstellung in der Galerie mit Weitblick zeigt
Besondere Figuren von Rita Goldschmidt

Der Himmel hatte es gut gemeint mit der Galeristin Doro Kuhbandner und ihren Gästen zur Eröffnung der Ausstellung mit Arbeiten der Radeburger Künstlerin Rita Goldschmidt am 19. Februar.

Foto: R. Goldschmidt

Der Hof vor dem schmucklosen Nebengebäude in der Oberen Bergstraße war trocken, hin und wieder zeigte sich eine blasse Sonne und die Temperaturen waren – dem Klimawandel sei Dank – für Februar ausgesprochen mild. So konnten sich die zahlreichen Besucherinnen und Besucher Zeit nehmen und bei Gesprächen und dem einen oder anderen Glas Wein im Freien auf eine Gelegenheit warten, den „zauberhaften“ keramischen Wesen der Künstlerin persönlich entgegen zu treten.

Foto: R. Goldschmidt

Wohl in Form gebracht atmen die Figuren ihrerseits selbstbewusst und mit Schalk im Nacken den Lebensmut und -willen ihrer Schöpferin.

Foto: R. Goldschmidt

Foto: R. Goldschmidt

Die studierte Betriebswirtschaftlerin Rita Goldschmidt hat lange Jahre als Projektmanagerin und Ausstellungsgestalterin an der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen engsten Kontakt zur „AG Künstlerische Entwicklung“ um Prof. Heinz Werner pflegen können. Hier hatte sie die Aufgabe, die Unikate der Meister zu beschreiben und ins rechte Licht zu rücken. So konnte sie tief in die künstlerische Welt der „Olympier“ eindringen. Noch heute sieht sie darin weitere Studienjahre: Farbenlehre, Formenkunde, Materialtechnik erlebte sie aus erster Hand. Diesen Fundus konnte sie schließlich neben ihrer eigenen Kreativität einbringen ins eigene Atelier, als eine der für unvermeidlich gehaltenen Umstrukturierungswellen auch sie ins Freie spülte. Hier nun, wo sie selbstbestimmt agieren kann, drückt sie ihre weltweit gewonnenen Reiseeindrücke, ihre vielen Freuden und ja, sicher auch so manchen Kummer in den weichen Ton. In ihrem Ofen erwachen die Figuren dann zu eigenem Leben, und sie wollen ihrerseits in die Welt hinaus. Spontan beteiligte sich die Künstlerin 2019 am ersten Karikaturenwettbewerb ihrer Heimatstadt. Ihre Betrachtungen zum Thema Hunger und deren Umsetzung brachten ihr gleich einen Sonderpreis ein. Wenn sie darin für das „Jahr 2110“ eine künstliche Intelligenz „Hunger“ als „Energiemangel im analogen Körper“ erklären lässt, offenbart sie zugleich ein gerüttelt Maß an sarkastischem Realismus.

Foto: R. Goldschmidt

Foto: R. Goldschmidt

Im Ganzen aber erweist sich Rita Goldschmidt mit ihren Arbeiten als heitere Spielerin, die das Leben und seine durchaus (noch) vorhandenen schönen Seiten zu genießen und zu nutzen versteht.

Der Galerie mit Weitblick sei im elften Jahr ihres Bestehens weiter viel Erfolg bei größtmöglicher Heiterkeit gewünscht. Rita Goldschmidt hat das Ihre dazu beigetragen.

Im Rahmen der Ausstellung findet am 16. April 17 Uhr eine Lesung statt. Thomas Gerlach liest aus dem gemeinsam mit Rita Goldschmidt gestalteten Buch „Im Licht der Blauen Sonne“ Geschichten aus und über Island. Herzliche Einladung auch dazu.

Thomas Gerlach

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