Gegründet, um Gutes zu tun

Über die (vergessenen?) Anfänge der Bilzbad-Feste

Wenn sich am zweiten Juliwochenende das Gelände des Bilzbades bei hoffentlich warmen Temperaturen anlässlich des Bilzbad-Festes mit vielen Besuchern füllt und sich ein reges Treiben rund um das Thema Fitness und Gesundheit entfaltet, wird sicherlich an der einen oder anderen Stelle auch auf das in diesem Jahr begangene Jubiläum des Namensgebers Friedrich Eduard Bilz, seinen 180. Geburtstag, hingewiesen werden. Nachdem das Fest 2020 und 2021 aus bekannten Gründen ausfallen musste, liegt es nahe, dass die Veranstalter der Radebeuler Stadtbäder und Freizeitanlagen GmbH ein ganzes Festwochenende ansetzen, bei dem nebenbei auch noch der zweite Radebeuler Säulenheilige – Karl May – angemessen bedacht wird (Programm des Festwochenendes: https://www.bilzbad-radebeul.de/bilzbad-events.html). Ich vermute allerdings, dass sich weder die Veranstalter noch die Besucher vergegenwärtigen, dass dieses Fest selbst auch einen runden Geburtstag feiert, seinen immerhin 30. Und noch viel weniger wird sich einer der Akteure und Gäste darauf besinnen, wo die Ursprünge des Bilzbad-Festes liegen und welcher Anstrengungen vieler Beteiligter es bedurfte, im Juni 1992 ein solches Event – damals sagte man noch „Veranstaltung“ – erstmalig zu organisieren. Daran soll mit diesem Beitrag erinnert werden, denn ohne die Verantwortlichen aus der unmittelbaren Nachwendezeit wäre die Tradition der Bilzbad-Feste möglicherweise gar nicht entstanden.
Schon zu Jahresbeginn 1991 gab es im Gesundheitsamt des Landkreises Dresden erste Überlegungen, verschiedene lokale Einrichtungen und Behörden, die sich im weitesten Sinne dem Gesundheitsschutz verpflichtet fühlten, an einen Tisch zu bringen und zu überlegen, wie unter den veränderten politischen und gesellschaftlichen Bedingungen Gesundheitsförderung öffentlichkeitswirksam gestaltet werden könnte. Der schließlich im Juni 1991 gegründete „Regionale Arbeitskreis Gesundheitsförderung Radebeul“ vereinte u.a. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, Vertreter von Krankenkassen, Apotheker und Gewerbetreibende. Ein erstes Achtungszeichen setzte der Arbeitskreis mit „Tagen der Gesundheit“ im Oktober gleichen Jahres. Insgeheim mag dann auch schon Ende 1991 der Gedanke gereift sein, dass man das große Bilz-Jubiläum im Folgejahr, nämlich dessen 150. Geburtstag und 70. Todestag, als Aufhänger nutzen und das Anliegen des Arbeitskreises in diesem Zusammenhang verbreiten könnte. Und so findet sich im Sitzungsprotokoll des Arbeitskreises vom 10. Februar 1992 schon recht konkret, was schließlich als die ersten Friedrich-Eduard-Bilz-Festtage am 12./13. Juni Wirklichkeit werden sollte. Die Stadtverwaltung Radebeul, namentlich der Amtsleiter für Kultur und Bildung, Dr. Schubert, war unterdessen mit ins Boot geholt worden. Ein Programm wurde in gemeinschaftlicher Arbeit zwischen Arbeitskreis und Stadt entworfen, das sowohl Leben, Werk und Bedeutung von Bilz angemessen würdigen als auch in die Stadtgesellschaft hineinreichen sollte. In den folgenden Wochen wurden seitens des Arbeitskreises Sponsoren gewonnen, Werbetrommeln gerührt und Pressemitteilungen verfasst. Was sich aus heutiger Sicht so einfach liest, muss aus der Perspektive der damals erst seit kurzer Zeit „im Westen“ lebenden Mitwirkenden ein aufregendes Unterfangen gewesen sein. Wie gelingt es einen Sponsor zu finden und zu überzeugen, sich zu engagieren? Die Getränkefirma Sinalco war bereit, 12000 DM zur Verfügung zu stellen, eine damals stattliche Summe, für die man fast schon einen Kleinwagen kaufen konnte. Dieser Sponsor mutet auf den ersten Blick insofern ein wenig kurios an, als dass Sinalco damals wie heute Softdrinks (Cola, zuckerhaltige Brausen) vertreibt, die nun alles andere als gesundheitsfördernd sind. Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass die Vorläufer der heutigen Sinalco AG schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Genehmigung von F.E. Bilz ein „Bilz‘ Brause“ benanntes Getränk erfolgreich vertrieben hatte. Dieses Getränk hatte ein Fruchtkonzentrat aus sieben Früchten zur Grundlage, das sogar als „Bilz-Seele“ vermarktet wurde. Doch kehren wir zurück zur Vorbereitung des ersten Bilz-Festes 1992. Die kurze Zeitschiene, die entlang der Planung des Festes angelegt wurde, mutet waghalsig an. Das offizielle Konzept für die Festtage wurde seitens Dr. Schubert erst am 23. März, also mit weniger als einem Vierteljahr Vorlauf veröffentlicht und um einen Druckkostenzuschuss für Handzettel und Plakate bat der Arbeitskreis erst Ende April (!) bei der übergeordneten Behörde, der Sächsischen Landesvereinigung für Gesundheitsförderung. Nicht zu vergessen ist die verdienstvolle Mitwirkung des Radebeuler Journalisten Jürgen Helfricht, der in Vorbereitung des Festwochenendes eine sorgfältig recherchierte und thematisch weitgespannte Broschüre („Friedrich Eduard Bilz. Altmeister der Naturheilkunde in Sachsen“) redaktionell verantwortete, die pünktlich zum Fest erscheinen konnte. Das eigentliche Festwochenende teilte sich in mehrere miteinander verzahnte Programmpunkte: Ehrung durch die Stadtverwaltung am Grab von Bilz in Anwesenheit von Nachfahren am Freitagnachmittag, anschließend ein musikalisch umrahmter Festakt im Festsaal von Schloss Hoflößnitz mit Vorträgen und einem nachfolgenden Rundgang durch eine Bilz-Ausstellung. Am Folgetag wurden die zahlreichen Besucher mit einem breitgefächerten Angebot an Mitmach- und Vergnügungsstationen ab 10 Uhr bis in die Nacht im Badgelände erfreut. Welche Bedeutung diesem Fest damals auch von offizieller Seite beigemessen wurde zeigt sich daran, dass der Staatsminister für Gesundheit und Soziales, Hans Geisler, die Veranstaltung eröffnete und sogar an einem 2,7km langen Bilz-Gedenklauf teilnahm. Geisler äußerte in einem SZ-Interview auch die Hoffnung, dass „hier eine Wiederherstellung des einstigen Sanatoriums möglich ist, vielleicht durch einen privaten Betreiber.“ Das erste Bilzfest war gemessen am Echo in der Bevölkerung als auch in den Medien also ein Erfolg gewesen, weshalb der Arbeitskreis Gesundheitsförderung in seiner Sitzung am 31.8.92 beschloss, dass es auch im Folgejahr ein Bilzfest geben sollte, der Termin wurde auf den 3. Juli fixiert. Man hatte erkannt: Mit dem Zugpferd Bilz ließ sich nicht nur die Bevölkerung motivieren, sondern auch überregional Aufmerksamkeit erzielen. Deshalb fand nicht nur 1993, sondern auch in den nächsten Jahren jedes Jahr am letzten Sonnabend im Schuljahr das Bilzfest statt. Die Verantwortlichen des Arbeitskreises gewannen stetig an Sicherheit und Professionalität, sie vernetzten sich klug mit am Thema interessierten Fachleuten, Gewerbetreibenden und Firmen und verschafften sich Anerkennung bei städtischen und staatlichen Behörden. Schon 1994 konstatierte das Radebeuler Tageblatt unter der Überschrift „Bilzfest mit überregionaler Bedeutung“, dass im Vergleich zu den Jahren zuvor eine „Steigerung“ zu beobachten gewesen sei. Der qualitative Zugewinn lag neben den angebotenen Attraktionen auch daran, dass sich die Verantwortlichen entschlossen hatten, dem Fest für die Bevölkerung erneut eine Fachtagung für Experten an die Seite zu stellen. Bei eben jener im Sommer 1994 stellte übrigens die langjährige Friedewalder Hausärztin Dr. Heidelore Geistlinger erstmals ihre Pläne zum Aufbau des Bilz-Zentrums vor, das seit 1995 im Lößnitzgrund Patienten begrüßt. Als Folge dieser Fachtagung wurde eine Broschüre mit dem verheißungsvollen Titel „Ein Bilz-Zentrum entsteht in Radebeul“ produziert, die sich vom Layout nahtlos an jene von 1992 anschloss. Die Mitglieder des Arbeitskreises Gesundheitsförderung hatten noch mehr Grund zufrieden zu sein, als sich im August 1995 der „Bilz-Bund für Naturheilkunde e.V.“ gründete und damit endlich ein Verein existierte, der im Sinne der Verantwortlichen Fördermittel abschöpfen bzw. Spenden einwerben konnte. Man liegt also nicht falsch, wenn man einschätzt, dass Mitte der 1990er Jahre Bilz „in“ geworden war und sich viele haupt- und ehrenamtlich dafür stark machten, dass Radebeul dieses Thema von verschiedenen Seiten weiter verfolgt und damit auch seine überregionale Ausstrahlung stärkt. Bis 1999 gab es fortan jedes Jahr im Sommer ein Bilzfest, allerdings dauerte es bis 1999, bis die nunmehr dritte Fachtagung unter Federführung des Arbeitskreises Gesundheitsförderung stattfinden konnte. Mit fortschreitender Zeit scheint sich jedoch ein wenig Ermüdung breit gemacht zu haben, nahm der Elan des Anfangs ab. Entscheidungswege wurden länger, finanzielle Vorgaben strikter, Sponsoren zurückhaltender. Die Sächsische Zeitung vermeldete denn auch im Bericht zum Bilzfest 1999 unter der Überschrift „Keine Lobby für Naturheilkunde“, dass die fehlende Anerkennung naturheilkundlicher Behandlungsmethoden durch weite Teile der Ärzteschaft und der Krankenkassen ihrer Verbreitung und damit gesellschaftlichen Durchsetzung im Wege stünden. Sicherlich nicht nur aufgrund dieser Sachlage, sondern auch verursacht durch das näher rückende altersbedingte Ausscheiden zweier verdienter Gründungsmitglieder (Amtszahnärztin Dr. Renate Grummt und Jugendärztin Dr. Marianne Kazmirowski) löste sich der Regionale Arbeitskreis für Gesundheitsförderung Radebeul nach mehr als acht Jahren engagierter Tätigkeit am 25.11.1999 auf. Im letzten Protokoll wurde allerdings noch festgehalten, dass die Verantwortung für die Organisation des Bilzfestes 2000 in den Händen des Bilz-Bundes und der Stadtverwaltung liegen sollte. Bilzbad-Feste gab es seither immer wieder – aber es dauerte bis 2020, dass das nunmehr dritte „Bilz-Heft“ im traditionsreichen Format und in den bekannten Farben Rot-Grün im Radebeuler Notschriftenverlag erscheinen konnte. Anlass war eine Festveranstaltung zum 20-jährigen Jubiläum der Ausbildung von Ärzten für die Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren“, die durch den Bilz-Bund für Naturheilkunde schon im November 2018 abgehalten worden war. Es ist erfreulich zu konstatieren, dass der Bilz-Bund also den Staffelstab des früheren Arbeitskreises für Gesundheitsförderung aufgenommen und dessen Anliegen in Bezug auf die Förderung und Verbreitung Bilz’scher Erkenntnisse bis in die Gegenwart getragen und professionalisiert hat. Immerhin ist der Radebeuler Bilz-Bund der mitgliederstärkste Bilz-Verein in Sachsen und in der Weiterbildung von Ärzten sehr aktiv.
Wer auf den Spuren von F.E. Bilz wandeln will, hat dazu also vom 8.-10. Juli Gelegenheit. Vielleicht macht sich sogar die eine oder der andere aus unserer Leserschaft, der schon in den 1990er Jahren die Bilzfeste erlebt hat, zum Bilzbadfest auf. Ab 14 Uhr ist der Eintritt am Sonnabend sogar frei. Und das hätte auch F.E. Bilz gefreut, da bin ich mir sicher.
Bertram Kazmirowski

 

Festschrift mit Fachvorträgen 2020, herausgegeben vom Bilz-Bund für Naturheilkunde e.V., Broschüre, 44 Seiten, 21 x 19 cm, mit zahlreichen Fotos z.T. in Farbe
Aus der Jubiläumsveranstaltung 20 Jahre erfolgreiches Bestehen der Ausbildung von Ärzten für die Zusatzbezeichnung „Naturheilverfahren“ durch den Bilz-Bund für Naturheilkunde e.V. am 20. November 2018

Editorial 7-22

Derzeit fallen die letzten Gerüste an der größten Baustelle des Landkreises auf dem Gelände des ehemaligen Glasinvest-Areals in Radebeul-Ost und die gesamte Wucht des Komplexes drängt sich unausweichbar den Passanten auf.
Unser Heft hat das ehrgeizige Projekt von der Baugrube an begleitet, welches unter dem euphemistischen Namen „Villenpark Altradebeul“ firmiert.
Als nahegelegener Anwohner waren die sich über Jahre hinziehenden Bauarbeiten mit all den Baufahrzeugen nicht selten strapaziös. Gleichwohl muss man der Projektleitung aus organisatorischer Sicht höchsten Respekt zollen, die Verzahnung der Bauabschnitte waren vorbildhaft.
Die jahrzehntelange Brache ist Geschichte und ist – für Radebeuler Verhältnisse – einer veritablen Steinwüste gewichen. Dem geschulten Auge kann das Gesamtergebnis keinesfalls froh stimmen. Sicher können bei Nutzbauten nicht immer architektonische Meisterleistungen erwartet werden. Weshalb aber die Fassaden-Ästhetik dem Stil der übereilten Baukultur der 1990er Jahre verhaftet blieb und eine derartige Ödnis den Blick für die kommenden Jahrzehnte sprichwörtlich zementiert, sollte für künftige Vorhaben kritisch hinterfragt bleiben.
Der untere Teil der geschundenen Freiligrathstraße wird nun zum Abschluss grundständig saniert. Es bleibt zu wünschen, dass das Einbahnstraßenschild an der Mündung zur stark befahrenen Meißnerstraße endlich wieder seinen Platz findet, damit das darüber gelegene Viertel wieder seine ursprüngliche wohltuende Verkehrsberuhigung erfährt.

Sascha Graedtke

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Glosse

Senf, mittelscharf

„Herzblut ist das Kostbarste, was ein Mensch besitzt“, meinte immer meine Oma. Und wo sie recht hatte, da hatte sie eben recht. Deshalb sollte man in Sachen Herzblut keine vorschnellen Versprechungen abgeben. Da verhält es sich mit einer Niere schon ganz anders. Gibt man sie weg, kann einem so manches nicht mehr „auf die Nieren gehen“, was in heutiger Zeit ja auch nicht ganz so verkehrt ist. Denn, es läuft so vieles in dieser Welt nicht so wie es sollte. Klug handelt deshalb, wer sich in schweren Zeiten zurück hält.

Einfacher gesagt als getan, auch weil einem die Zeiten oder doch wohl die vermeintlichen Zwänge nicht in Ruhe lassen wollen. Dann fühlt man sich verpflichtet, zu jeder Sache „seinen Senf dazugeben zu müssen“, wie mein Berliner Freund hier schmunzelnd einwerfen würde. Dabei aber hat der Schelm natürlich immer nur den „Bautz‘ner Senf, mittelscharf“ im Hinterkopf. Nicht so bei jenen, die sich gern an der vorderen Kante der Rampe sehen. Denen löckt da mitunter schon mal der Stachel und sie setzen noch einen obendrauf, wollen vermutlich hoch hinaus. Superlative werden dann bemüht, himmelschreienden Begriffe ausgedacht, etwa wie megagalaktisch oder auch Premiumsegment, nur um zu suggerieren, was man für ein toller Hecht sei und warum man bei ihm kaufen sollte.

Und wie rein zufällig tröpfeln diese Begriffe in alle „Segmente“ des täglichen Lebens. Irgendwann können wir uns vor lauter Premiumsegmenten nicht mehr retten und sind am Ende selber eins. Da will ich jetzt überhaupt nicht auf aktuelle Ereignisse anspielen. Der Leser (Es sei mir gestattet, hier das generische Maskulinum zu verwenden.) ist meiner Ansicht nach pfiffig genug, die Verbindungen selbst herzustellen. Da habe ich vollstes Vertrauen.

Manchmal frag ich mich aber, wo all diese Begriffe herkommen, die vorgeben, unsere Sprache verbessern, schöner und reicher machen zu wollen. Premium kommt zwar aus dem Lateinischen, trat aber zunächst im Englischen auf. Die Wirtschaft und besonders die Werbebranche hatte das Wort gekapert. Auch auf bundesdeutschen Straßen war der „Renaut Premium“, ein französischer Lastkraftwagen, unterwegs. Das Wort selber steht für eine „besondere“ oder gar „beste“ Qualität eines Erzeugnisses, was an sich ja schon ein Witz für sich ist. Denn, wenn es tatsächlich so wäre mit der Qualität, die sich nicht mehr steigern ließe, würden wir ja am Ende unserer Entwicklung stehen und der französische Lastwagen, der 2000 von den schwedischen Volvo Group übernommen wurde, würde immer noch in Saint-Priest bei Lyon aus den Werkhallen rollen. Ist aber nicht so, da die Produktion 2013 eingestellt wurde. Also, doch nicht „beste Qualität“?

Erhellend sind auch die Synonyme, die man für das schöne Modewort Premium einsetzen kann wie zum Beispiel exquisit – hochwertig – qualitätsvoll – exzellent – erste Wahl, um nur einige zu nennen. Natürlich würde ich niemals im Traum daran zweifeln, dass ich nicht die „erste Wahl“ für meine Gattin bin. Aber sonst…? Zu diesem Sachverhalt fallen mir gleich mehrere Sprüche meiner Frau Mutter ein, mit denen ich aber jetzt nicht langweilen will. Fakt ist, dass die Sache mit den Superlativen eben eine relative ist und wohl sehr stark vom Blickwinkel des Betrachters abhängt. Diesen Superlativen klebt ja auch der unangenehme Geruch des Selbstlobes an. Das wiederum ist kein Modewort, war zu allen Zeiten gang und gäbe und ist gegenwärtig wieder unheimlich in Mode gekommen. „Wenn mich schon keiner lobt, muss ich es halt selber tun!“ Hier sollte man aber aufpassen, dass man nicht abhebt. Immer schön auf dem Boden bleiben!

Wie sagt man wenn‘s genug ist?: „Aller guten Dinge sind drei.“ Das hatte offensichtlich der populäre Liedermacher Reinhard Mey schon 1988 erkannt. Damals brachte Mey das gleichnamige Lied von einem überforderten Mann heraus. Es schloss mit eben diesem Spruch und der Erkenntnis, dass es auf keinem Fall mehr sein sollten, meint auch

Euer Motzi

Das große Winzerhaus nahe der Baumwiese

Foto: D. Lohse

Das prächtige Fachwerkhaus könnte ich mir sehr gut in Radebeul vorstellen, aber es gehört nun mal nach Boxdorf (Moritzburg / OT Boxdorf, Weinbergstr. 7). Mit der Lößnitz gehören wir, Radebeul und Boxdorf, aber einer gemeinsamen Landschaft an und insofern bestehen auch gleiche oder ähnliche historische Bautypen bei den Winzerhäusern.

Man hört gelegentlich die Legende, daß Gräfin Cosel dieses Haus besessen habe, oder zumindest einmal hier übernachtet und sich vor der Verfolgung versteckt hätte. Einen Beweis dafür kann man m.E. nicht finden. Das Spitzhaus hat ihr eine Zeit lang gehört, das ist ca. 2,5 km entfernt und da hätte sie doch besser logieren können. Zunächst waren mir zu besagtem Haus nur zwei Quellen zugänglich (sh. Angaben am Schluß des Artikels), nicht mal bei Gurlitt oder im Dehio kann man es finden. In der einen Quelle wird es mit drei Sätzen, in der anderen gar nur mit einem Satz abgetan. Das wird diesem großen Winzerhaus keinesfalls gerecht und hat mich erst recht neugierig gemacht. Über die heutigen Eigentümer bekam ich inzwischen weitere schriftliche Quellen benannt. Und in V+R Heft 06/91 hatte ich mich bereits mit der Titelbildbeschreibung in einem Kurztext zu dem Haus geäußert.

Foto: D. Lohse

Es wundert mich aber schon, daß das Winzerhaus keinen feststehenden Eigennamen, der sich im Volk gehalten hat, besitzt. Aus der historischen Besitzerfolge würde sich vielleicht Trobisch-Gut anbieten, analog zu Radebeuler Winzerhäusern wie Haus Lotter, Haus Möbius oder Haus Breitig. Johann Georg Trobisch (1772-1838) kaufte das Anwesen 1806 von Frau Johanna Eleonore Lesche. Seitdem besitzt nun Familie Schmidt, bzw. deren Vorfahren Trobisch und Klotzsche, das Anwesen und war so immer in privater Hand.

Das Umfeld läßt sich als nahe einer Lichtung in der Jungen Heide beschreiben, mit einer dreieckigen Wiese (leider heute durch Teilung und Baumbewuchs gestört), einer Splittersiedlung mit Gasthaus, Forsthaus und Besenbinderei (alle drei als ehemalig zu bezeichnen) und einem Weinberg in Südsüdwestlage. Hier ist der Straßenname Augustusweg interessant, von dem die Weinbergstraße als Sackgasse abzweigt. Es handelt sich hierbei um die Fortsetzung des Radebeuler Augustusweges und verband vom 17. bis 19. Jh. die Hoflößnitz mit Pillnitz; eine Wegeverbindung, die früher von Kurfürsten, Königen und dem sächsischen Hofstaat benutzt worden war. Ein anderer historischer Weg zwischen der Dresdner Residenz und dem Jagdschloß Moritzburg, die heutige Großenhainer Straße, kreuzt hier den Augustusweg.

Nähern wir uns nun von Osten dem zweigeschossigen Fachwerkbau mit hohem Walmdach, mehreren Schleppgaupen und einer Fledermausgaupe nach Osten. Es wurde 1670 als Neubau errichtet – von einem Vorgängerbau (möglicherweise im Dreißgjährigen Krieg zerstört) ist nirgends die Rede. Nach diesem langen Krieg herrschte in den deutschen Ländern eine gewisse Aufbruchstimmung, Zerstörtes wurde repariert und daneben entstand aber auch viel Neues. Das Haus entspricht in der Kubatur dem etwa zur gleichen Zeit gebauten Haus Breitig in Oberlößnitz, hat aber ein paar Details mehr. Beim Trobisch-Gut finden wir einen Fachwerkerker am OG der Ostseite sowie eine Oberlaube. Solch aufwändige Details wären an einem einfachen Winzerhaus nicht zu erwarten, das Haus muß also für einen Weinbergbesitzer mit höheren Ansprüchen, möglicherweise einen Adligen, gebaut worden sein. Ein Mann mit solchen Ansprüchen konnte nun in Ratspräsident und Kammerherr Carl Freiherr von Friesen gefunden werden, der seit 1667 das Grundstück besaß und den Antrag stellte, „für seine Nothdurfft“ (so dückte man sich damals aus!) darauf ein Haus bauen zu dürfen. Der Bau selbst erfolgte dann 1669/70. Hinzu kommt, daß es bis vor Kurzem ein kleines Winzerhaus nördlich des Gasthofs Baumwiese gegeben hat, von dem nach Abbruch in den 90-er Jahren nur noch der Weinkeller existieren soll. Das Weingut an der Baumwiese (gelegentlich auch Bahnwiese genannt) bestand also ursprünglich aus einem Herrenhaus und einem kleineren Winzerhaus.

Foto: D. Lohse

Daneben gab es seit etwa 1660 den alten Gasthof, der in der 1. Hälfte des 19. Jh. durch neue Gebäude ersetzt wurde, nach 1990 erfolgte hier abermals ein Umbau so wie sich das Ensemble, das zZ. leer steht, heute noch zeigt. Im Laufe der Jahrhunderte, besonders nach der Reblauskatastrophe am Ende des 19. Jh., aber auch noch im 20. Jh. wurden das Gelände und der Weinberg parzelliert und mit Wohnhäusern, Wochenendhäusern und Obstbäumen bebaut bzw. bepflanzt. Uwe Schmidt, ein Miteigentümer, hat jetzt wieder einen kleinen Teil des Steilhanges mit Wein bestockt und so wieder ein wenig an die Tradition als Weingut erinnert. Nach der Dresdner Straße zu wird das Grundstück mit einer typischen Syenitmauer abgeschlossen, ebenso wie an der Hangkrone, wo aber von der Mauer nur noch Reste zu erkennen sind. Unter Otto Trobisch erfolgte eine im Jahr 1927 nachweisbare, äußere Instandsetzung, an der bereits der Denkmalschutz mitwirkte.

Foto: D. Lohse

Da hier die reiche Fachwerkausbildung den besonderen Reiz des Hauses ausmacht, sollten wir nun die Fassaden gesondert betrachten. Die Westseite (Wetterseite) hat eine massive EG-Wand und die Etage darüber Fachwerk unter einer Verbretterung. Die Fenster aller Seiten haben keine einheitlich durchgehenden Fensterachsen, was eher malerisch wirkt. Auf der Nordseite steht über einem Sandsteinsockel zweigeschossiges Fachwerk. Die Breite der Nordseite mißt mehr als die der Südseite, weil hier die Tiefe der Oberlaube hinzukommt. Bedingt durch die Dachschleppe über dem Vorbau der Ostseite, ist der N-O-Grat etwas verschoben. Die interessanteste Seite ist zweifellos die nach Osten gerichtete mit zweigeschossigem Fachwerk über einer Steinlage, mit einer Oberlaube und teilweise massivem Wandbereich (könnte eine spätere Zutat sein), dem Hauptzugang im EG und dem 3/6- Erker im OG. Das Fachwerk hat als Aussteifungen Eckverstrebungen und weitere Verstrebungen etwa in der Mitte der Ostseite, die im OG die Figur eines „Mannes“ – ein Ständer mit unten zwei Schrägen und zwei Kopfbändern oben – bilden. Beide auf der Ostseite vorspringenden Gebäudeteile werden durch unterschiedlich große Schleppen abgedeckt. Es besteht die Vermutung, daß das Haus nicht immer die jetzige Länge von Süd nach Nord hatte (die Fledermausgaupe dürfte früher mal die Mitte des Daches angezeigt haben). Man kann bei Betrachtung anderer Details von einer Erweiterung nach Norden ausgehen, ohne daß zZ. zu sagen ist, wann das geschehen ist. Hier wäre noch eine detailliertere Bauforschung erforderlich. Beim Erker erkennen wir im Fußbereich als Zier eine Reihe hölzerne „Diamantquaderausbildungen“ und zwei frei gespannte Kopfbänder zur Traufe hin. Bei Radebeuler Winzerhäusern kann man teilweise auch Oberlauben finden, jedoch keinen Erker. Das Fachwerk der Südseite steht ebenfalls auf einer Reihe von Sandsteinquadern und zeigt 6 Gefache in der Breite. Das Fachwerk wurde 2020 insgesamt von der Firma Trux teilerneuert, die Fassaden erhielten 2021 Putz und Anstrich. Bereits 1996 war das Dach neu gedeckt worden. Es kamen rote, leicht engobierte Biberschwanzziegel in Doppeldeckung zum Einsatz. Normale, nicht engobierte Biber wären vielleicht denkmalpflegerisch authentischer gewesen, aber die engobierten haben hinsichtlich geringerer Bemoosung und Verschmutzung wohl auch Vorteile. Die Gaupen wurden beibehalten und durch wenige Dachliegefenster ergänzt, was der Tatsache geschuldet war, daß das DG für eine Wohnung hergerichtet werden sollte – in jeder Etage existieren nun abgeschlossene Wohnungen.

Foto: Repro D. Lohse

Das Haus ist teilunterkellert und besitzt ein kleines Tonnengewölbe aus der Entstehungszeit. Dieses war früher nur durch eine Fußbodenluke aus der Küche erschlossen. Wann die Luke geschlossen wurde und der Einbau einer Treppe mit Zugang von außen erfolgte, ist zZ. nicht zu belegen. Die Größe dieses Kellers wäre für die Erträge aus dem alten Weinberg sicherlich zu klein gewesen, so daß sich auch hieraus erkennen läßt, daß das kleine Winzerhaus nahe der Baumwiese mit dem größeren Weinkeller und das Herrenhaus Trobischgut früher eine wirtschaftliche Einheit gebildet haben und in einer Hand waren. Das Nebengebäude mit Satteldach wurde 1936 errichtet und nach 1990 um zwei Garagen verlängert. Es fügt sich lagemäßig gut ein, ist aber baugeschichtlich kaum interessant.

Foto: D. Lohse

Inzwischen hatte ich auch Gelegenheit, mir ein paar Innenräume, die noch Baustelle sind, anzuschauen. Besonders interessant war das große Erkerzimmer im OG, hier kann man fast von Saal sprechen. Außen- und Innenwände bestehen in den Ausfachungen aus Lehmstaken mit Lehmverstrich. Ein gemauerter, mindestens zwei Räume berührender Bogen deutet auf eine frühere Heizungsart für mehrere Räume hin – ein historischer Ofen existiert aber nicht mehr. Besonders bemerkenswert ist hier die Decke über dem Raum, eine auf gefasten Holzbalken lagernde Kriecher-Decker-Einschubkonstruktion, die sicherlich noch aus der Entstehungszeit des Hauses stammt. Die gesamte Untersicht ist mit Weinranken und -trauben in einer Weise bemalt, die ansatzweise mit Ausmalungen im EG der Hoflößnitz vergleichbar ist, eine bäuerlich-barocke Malweise. Hier ist bisher nur ein sogen. „Fenster“ von jüngeren Anstrichen freigelegt worden. Da der Bauherrschaft eine weitere restauratorische Bearbeitung zZ. kaum zuzumuten sein dürfte, sollten diese Arbeiten ggf. in einer späteren Bauphase durch einen guten Restaurator ausgeführt werden. Auch die Verbretterung der inneren Wände haben ältere, zZ. verdeckte Bemalungen. Dagegen ist der Fußboden des Saales in jüngerer Zeit mit neuen, schmalen Brettern belegt worden und nicht mehr original. Im kleineren Nachbarraum des Saales gibt es eine zweite bemalte Decke, die ebenfalls Weintrauben zeigt und bereits fertiggestellt wurde. Ich vermute hier eine spätere Arbeit, die vielleicht aus dem 18. Jh. stammt. Das Treppengeländer zwischen OG und DG zeigt barocke Formen, ist aber eine handwerkliche Neuanfertigung von Siegfried Schmidt (1936-2017) nach einem älteren Belegstück. Die Treppe selbst ist eine moderne Konstruktion und steht kaum in Einklang zu dem barock gestalteten Geländer. Es ist erfreulich, daß jetzt wieder eine künstlerische Darstellung des Hauses (Aquarell von R. Quark, um 1920) zusammen mit Fotos von älteren Familienmitgliedern im Treppenhaus hängt. Man kann auch bei denkmalpflegerischen Wünschen nicht alle Details so durchhalten, irgendwo muß man leider auch Kompromisse machen. Den denkmalpflegerischen Wünschen steht dann das wirtschaftlich Machbare entgegen. Das soll keineswegs die bisherige Arbeit von Familie Schmidt schmälern. Dieses Denkmal zu erhalten ist eine sehr schwierige Aufgabe, die noch nicht fertig ist und ich wünsche weiterhin gutes Gelingen und Geduld. Danke an die Familien Schmidt für ihre Auskünfte und die Unterstützung bei meiner Arbeit.

Die Idee, mir das Herrenhaus einmal näher anzuschauen und vielleicht etwas zu schreiben, stammt übrigens von unserem Redakteur Sascha Graedtke. Diesem Vorschlag bin ich sehr gern nachgegangen.

Dietrich Lohse

Quellen:
1. Mitteilungen des Landesverein Sächsischer Heimatschutz, Band XIII, Heft 5 bis 6, 1924
2. Werte unserer Heimat / Lößnitz und Moritzburger Teichlandschaft, Akademie-Verlag Berlin, 1973
3. „Lößnitz-Heimat“, Nr.1, 1928, Artikel Geschichte der Baumwiese, Rudolf Bierling
4. „Radebeuler Anzeiger“, Nr. 159, 1929, Artikel 250 Jahre Baumwiese

Schreibwerkstatt (4. Teil)

Mein Schulweg

Oh, Mist – ich komme zu spät, dachte ich. Ich streifte mir die Jacke über und stolperte los. Eine kühle Brise blies mir um die Ohren, und es war ein bisschen neblig. Doch trotz des schlechten Wetters war meine Laune recht gut – obwohl ich vielleicht zu spät kam – mal wieder! Doch das änderte sich, als ich an der roten Ampel, die über die Meißner Straße führt, stehen blieb. Komm schon! Grün, dachte ich voller Verzweiflung. Nach einer gefühlten Ewigkeit sprang die Ampel auf Grün und ich rannte los.

Ich beschloss, den Weg an den Landesbühnen vorbei zu nehmen, denn der war kürzer. Wenig später kam ich an der Villa Belle Rose vorbei. Mein Blick schweifte in den Garten der Villa. Ein kleiner Tannenbaum geschmückt mit Lichterketten leuchtete hell und am Eingang hing ein gelber Weihnachtsstern. Echt schade, dass nicht alle Menschen auf der Welt so Weihnachten feiern können wie wir. Bald schicken meine Eltern ja wieder einen Schuhkarton mit Spielzeug, das meine Schwester und ich nicht mehr brauchen, in Länder, wo es keine Weihnachtsgeschenke für Kinder gibt. „Weihnachten im Schulkarton“ heißt diese Aktion.

Völlig vertieft in meine Gedanken hatte ich fast die Zeit vergessen. Viel zu spät kam ich am Luisenstift an. Mist! 10 Minuten zu spät. Da gibt’s Ärger! Aber für diesen Schulweg hatte es sich echt gelohnt, dachte ich.

Lenny Feustel,
Klasse 6 – Luisenstift Radebeul

Mein Schulweg

Jeden Morgen, bevor ich zur Schule gehe, schnappe ich mir mein Fahrrad, befestige dort meine Fahrradtasche mit den Schulsachen und radele zur Straßenbahnhaltestelle. Jeden Tag der gleiche Ablauf, zumindest bei fahrradtauglichem Wetter. Doch bevor ich losfahre, kommt schon mein erstes Highlight des Tages: Meine Lucy erwartet mich bereits! Sie ist ein flauschiges Zwergkaninchen und unheimlich knuffig. Und sie möchte Frühstück! Also fülle ich ihren Futternapf auf und schaue, ob noch genug Heu und Wasser da sind. Nach einigen Streicheleinheiten, die Lucy sehr liebt und ich auch, mache ich mich auf den Weg zur Schule.

Auf dem Weg zur Haltestelle komme ich immer an einer alten Villa vorbei. Sie trägt eine besondere Inschrift am Hausgiebel :„ Wünsche mir jeder, was er will, dem gebe Gott dreimal so viel.“ Ein spannender Wunsch … Das heißt also, wenn ich den Hauseigentümern zum Beispiel tausend Euro wünsche, dann bekomme ich dreitausend Euro. Wenn ich ihnen hingegen drei Jahre Pech wünsche, dann werde ich neun Jahre Pech haben. Da wünsche ich dieser Familie lieber etwas ganz Tolles.

Ich fahre weiter bis zur Haltestelle und steige in die Bahn ein. Dann fahre ich fünf Stationen. Bei der dritten hält die Bahn, Leute steigen ein und aus, der Bahnfahrer will schon die Türen schließen, als noch jemand angerannt kommt. Der Fahrer wartet, bis das Mädchen da ist und lässt es einsteigen. Es lächelt ihm dankbar zu. Danach schließen sich die Türen und die Bahn fährt weiter. Das Mädchen lässt sich außer Atem auf einen Sitz plumpsen, holt ihre Fahrkarte heraus und knipst sie ab. Ich denke: Sie musste bestimmt so rennen, weil sie zuhause etwas verloren oder vergessen hatte. Vielleicht ihren Haustürschlüssel? Das ist mir letzte Woche ja auch passiert.

Wenn ich aussteige, fahre ich mit dem Fahrrad das letzte Stück den Berg zu meiner Schule hoch.

Doch dann … Was ist das? Etwas … Rotes ? Und auf einmal sehe ich das niedliche rote Eichhörnchen, das von einem anderen Flauschbällchen gejagt wird. Sie sausen beide den Baum hoch und runter und springen plötzlich auf einen anderen Baum. Vor einer Woche sah ich bereits ein Eichhörnchen auf der anderen Straßenseite, es kletterte eine Mauer hoch, hüpfte auf einen Baum und machte von dort aus einen riesigen Satz über die Straße, von einer Baumkrone zur gegenüberliegenden. Oh, wie süß, echte Akrobaten, denke ich auch diesmal wieder fasziniert. Nun ja, die Schule wartet, also fahre ich weiter.

Ein anderes Mal läuft eine ältere Frau vor mir. Ich klingele und denke: Hoffentlich lässt sie mich schnell vorbei. Doch dann überlege ich: Warum leiste ich der Frau nicht ein bisschen Gesellschaft? Ich steige von meinem türkisfarbenen Fahrrad ab und spreche die Frau an. Sie freut sich, dass ich mit ihr den Berg hochgehe und erzählt mir, wie es früher bei ihr war, als sie in die Schule gegangen ist. Einfach war diese Zeit nicht, weil sie viel auf dem Bauernhof ihrer Eltern mithelfen musste. Als wir uns trennen, sagt sie: „Es war sehr nett von dir, mich zu begleiten. Wenn du weiterhin so freundlich bleibst, dann hast du bestimmt viel Glück im Leben.“ „Tschüss!“, sage ich und brause auf meinem Drahtesel weiter in Richtung Schule. Die ältere Dame winkt mir hinterher.

Als ich ankomme, grüße ich meine Mitschüler sowie meine Lehrer und schließe mein Fahrrad an.

Schließlich gehe ich mit den anderen ins Schulgebäude. Ich nehme mir vor, im Biologieunterricht von den niedlichen Eichhörnchen zu erzählen.
So interessant kann der Schulweg sein!

Clara Josefin Schubert,
Klasse 6 – Luisenstift Radebeul

Chorfahrt des Lößnitzchors zum 35. Jubiläum

In diesem Jahr feiert der Lößnitzchor sein 35jähriges Bestehen. Da aufgrund von Corona keine Konzerte oder eine längere Reise stattfinden konnten, machten sich die Mitglieder des Chores sowie einige Gäste am 30.04.2022 auf den Weg zur Tausenderfahrt.

Lößnitzchor vor der Martin-Luther-Kirche in Oberwiesenthal
Foto: privat

Los ging es um 8.30 Uhr an der Forststraße in Radebeul. Der gemietete Bus fuhr Richtung Westen und es wurde über das Ziel spekuliert – dieses wurde im Vorfeld nicht verraten. Ein erster Zwischenstopp wurde in der Silberstadt Freiberg eingelegt. Diese Stadt ist allein schon eine Tagesreise wert. Aufgrund des eng gestrickten Zeitplanes war jedoch leider nur eine halbe Stunde möglich. Diese wurde genutzt, um die Petrikirche mit einer der vier Silbermannorgeln der Stadt zu besichtigen. Ein Gästeführer nahm sich die Zeit, etwas über die Geschichte der Kirche zu erzählen, war jedoch bedauerlicherweise schwer zu verstehen. Abschließend wurde die Akustik der Kirche mit einem Ständchen des Chores erprobt.

Nach dem Kurzbesuch in Freiberg ging es weiter Richtung Westen. Während der Fahrt wurde allen Mitreisenden die Historie des Chores noch einmal nähergebracht. Als Tagesziel hatte sich inzwischen der Fichtelberg herausgestellt. Wegen vieler Baustellen und Umleitungen konnte jedoch leider der Zeitplan nicht ganz eingehalten werden. Anstatt also die Aussicht vom Gipfel zu genießen, wurde sich mit der halben Höhe begnügt. Auf dieser gab es auch ein sehr leckeres Mittagessen im Restaurant von Jens Weißflog (welcher an diesem Tag leider nicht persönlich anwesend war). Nach dem Essen bedankte sich der Chor mit einem Lied beim Personal des Restaurants.

In Oberwiesenthal stand im Anschluss der Besuch der Martin-Luther-Kirche auf dem Tagesplan. In dieser erfreute der Chor seine mitgereisten Gäste mit einem kleinen Konzert aus drei Liedern. Diese wurden, wie alle Lieder an diesem Tag, vom Chorleiter Eric Weisheit dirigiert. Für einige Mitglieder war es der erste Auftritt mit dem Chor in einem Gotteshaus. Das kleine Ensemble des Chores, die Gruppe Feinklang, rührte danach mit dem Lied von der Rose viele zu Tränen.

Nach dem kleinen Privatkonzert begann dann schon der Rückfahrt. Auf dieser wurde noch ein Stopp im Berghotel auf dem Pöhlberg bei Annaberg-Buchholz eingelegt. Dort erwartete alle Mitreisenden ein Gedeck aus Kuchen und Kaffee. Nach dem Kaffeetrinken, wurden die anderen Gäste des Berghotels auf der Sonnenterasse mit zwei Liedern erfreut, bevor sich der Chor dann auf den Rückweg nach Radebeul machte. Gegen 18.15 Uhr war die Fahrt beendet und alle machten sich glücklich auf den jeweiligen Heimweg.

Es war ein wunderschöner und ereignisreicher Tag für alle Chormitglieder und Gäste. Es gab viele Gelegenheiten, auch einmal außerhalb der Chorproben ins Gespräch zu kommen. Alle freuten sich, nach zwei Jahren wieder etwas gemeinsam unternehmen zu können. Ein großer Dank geht an die beiden Organisatorinnen des Tages, Christel Kuhnert und Helga Schneider, beide Mitglieder im Lößnitzchor.

Wer Spaß am Singen hat und auch einmal so einen schönen Tag in Gemeinschaft mit anderen Sängerinnen und Sängern erleben möchte, ist herzlich eingeladen, Teil des Lößnitzchors zu werden. Proben finden immer montags von 18.30 Uhr bis 20.30 Uhr auf der Pestalozzistraße 3 in 01445 Radebeul statt.

Laura Hackeschmidt

Reden kostet nix, erst mal, jedenfalls

Vorschlag für eine nachhaltige Stadtgestaltung

Alle 50 Tage wird in Deutschland eine Fläche, so groß wie Radebeul, bebaut, täglich werden 50 Hektar Fläche versiegelt. Eine endliche Ressource. Um den Verbrauch zu drosseln, beschloss die Bundesregierung 2002 ihre Nachhaltigkeitsstrategie. Demnach soll der tägliche Verbrauch ab 2030 nur noch 30 Hektar betragen. 2016 schärfte sie mit dem Klimaaktionsplan nach: Ab 2050 gilt die Netto-Null. Dann ist Flächenkreislaufwirtschaft angesagt. Was hier neu gebaut wird, ist dort abzureißen. Den Weg dorthin pflastern flankierende Gesetze: Das Gesetz zur Stärkung der Innenentwicklung in den Städten und Gemeinden ist von Juni 2013 – Stichwort „Verdichtung“. Das Gesetz zur Mobilisierung von Bauland ist von Juni 2021. Weitere werden folgen.

Städteplaner auf Landes- und Bundesebene mögen begeistert sein von den neuen gesetzgeberischen „Spielräumen“. Die Radebeuler Kolleginnen und Kollegen befinden sich dabei auf verlorenem Posten. Wenn wir Radebeul so verdichten, wie der Gesetzgeber es erlaubt, dann setzen wir doch gerade das auf’s Spiel, was unsere Stadt so einzigartig macht. Dabei müssen wir für die ansässige Bevölkerung eigentlich nicht mehr bauen, denn diese ist demographiebedingt auf dem Rückzug. Was uns wirklich fehlt, ist bezahlbarer Wohnraum. Doch dieser Debatte entziehen sich unsere Villengebiete. Bauland oberhalb der Meißner hat eher etwas von den Hörnern von Afrikas letzten Rhinozerossen. Man wird sie bald mit Waffengewalt verteidigen müssen. Mancher Bürger bei uns ist, zumindest argumentativ, bereits so weit.

Denn jetzt will uns der südliche Nachbar die Nachmittagssonne verbauen. Schnell sind 100 Unterschriften zur Rettung der Gartenstadt im Rathaus abgeben, die Räte beschließen flugs eine Veränderungssperre und die Aufstellung eines B-Plans. Die Handvoll einschlägig Studierter im Technischen Rathaus erledigt dergleichen aus dem Eff-Eff. Nur wenn der Plan mehr als zwei Straßenzüge umfasst, sind 50.000 Euro für einen Externen nötig. Trotz unserer Schulden, für derartige Peanuts reicht es immer.

Gehen wir ins Konkrete. Eine Stadtratsmehrheit beschloss Bebauungsplan Nummer 102 für ein Geviert aus Emil-Högg-Straße im Westen sowie August-Bebel-Straße im Osten, dem Augustusweg im Norden und der Maxim-Gorki Straße im Süden – innen liegend Sachsenstraße, Fritz-Schulze-, Haupt- und Reichsstraße. Wieso einen B-Plan für ein Gebiet, das schon weitgehend bebaut ist? Ist der nicht eher was für die grüne Wiese? Nun, Ursache war der Bauantrag eines Investors für ein aus Sicht der Anwohner überdimensioniertes Mehrfamilienhaus. Der Stadtrat folgte eben „Volkes“ Willen.

Wenn wir es mit einem furchtsamen Investor zu tun haben, wird er alle Hoffnung fahren lassen. Mit einem Anwalt und etwas Streitlust kommt er auf drei bis vier Jahre, Aussicht: Gar nicht so schlecht. Deswegen gehen die meisten diesen Weg. Und Volkes und des Stadtrats Wille? Wenn’s gerichtlich wird, ohne Belang. Es sei denn, der Aufstellungsbeschluss mündet tatsächlich in einen Plan und gammelt nicht 20 Jahre in Rathaus-Schubladen herum. Der fertige Plan sollte eine einheitliche Satzung haben. Dann verschieben sich tatsächlich die Chancen vor Gericht in Richtung Kommune. Wirklich? Eher bewirkt er das krasse Gegenteil des „gut gemeint“.

Denn „konkret“ ist das Untersuchungsgebiet sehr inhomogen. Mehr als 50 Prozent der vorhandenen Gebäudegrundflächen entsprechen einer Zahl oberhalb von 190 Quadratmetern (qm). 26 Gebäude sind 150 bis 180 qm groß, weitere 26 von 190 bis 220 qm, 14 liegen noch darüber. Da manche Häuser drei Geschosse aufweisen, kommen wir auf Wohnflächen von um die 500 Quadratmeter, und zwar mehrheitlich! Ja, auch kleinere Gebäude gibt es, unter anderem DDR-Typen wie das berühmte EW 58 mit 110 bis 130 qm. Diese stehen jedoch nicht selten auf Grundstücken, die ähnliche Grundmaße aufweisen wie jene mit den großen Kästen.

Am Ende wird der Stadtrat allgemein gültige Vorgaben beschließen, die sich nach den Ausmaßen der bereits stehenden Mehrheit richten. Das heißt in der Konsequenz: Für jedes DDR-Typenhaus im Plangebiet, das künftig auf den Immobilienmarkt kommt, darf, sofern das Grundstück es hergibt, eine Riesenkiste hingestellt werden und zwar ohne, dass ein Investor dafür extra im Rathaus vorbei gucken müsste. Nein, Nein, wehren jetzt einige Bewohner der kleinen Häuser ab: Ich will doch gar nicht größer bauen! Wirklich? Lasst in zehn, zwanzig Jahren nur einen Erbfall eintreten und ein Bruder kann seine Schwester nicht auszahlen. Sofort ist das Häuschen auf dem Markt, wird ein Fall für die Spitzhacke und macht einem größtmöglichen Ersatzneubau Platz – getreu dem B-Plan aus 2022 ff.

Weil wir gerade am Schwadronieren sind, noch eins drauf: Was, wenn wir bei der Aufstellung des B-Plans die jüngste Bundesbaugesetzgebung beachten müssen? Dann werden die großen Verdichtungsbauten geradezu Pflicht. Man male es sich aus: EINER wollte groß bauen, 50 unterschrieben dagegen und dann müssen 50 groß bauen. Wäre doch ein netter Treppenwitz Radebeuler Baugeschichte.

Es muss nicht dazu kommen, besagtes Gesetz sollte eher für Berlin-Kreuzberg gedacht sein. Sollte, müsste. Wissen wir es mit Sicherheit? Oder wollen wir einen uneinheitlichen Plan haben? Es wird sich kein Vorbild finden zwischen Berchtesgaden und Kap Arkona. Fazit: So ein B-Pan ist (eher) etwas für die grüne Wiese, in einem so inhomogenen Bestand wie der Nieder- oder Oberlößnitz richtet er mehr Schaden als Nutzen an. Es sei denn, man strickt ihn zwei Nummern kleiner, gegebenenfalls nur für einen Straßenzug. Aber wenn wir unbedingt „groß“ denken wollen und es Volkes Wille ist: Jede Mehrheit hat das Recht, sich mehrheitlich zu irren.

Es sei denn, der Stadtrat spielt völlig verrückt und setzt noch eine Veränderungssperre oben drauf. So bringt er die K…e so richtig zum Dampfen. Dann wird jedes Umsetzen eines Komposthaufens zum baulichen Verdachtsfall. Auf jeden Fall wird jeder Ersatzneubau nur eines Carports die nächsten vier Jahre verboten sein. Spätestens dann werden sich einige überlegen, ob es eine gute Idee war, auf der Petition zu unterschreiben, mit der alles angefangen hat. Viel Spaß, insbesondere mit all den Gutwilligen, die es dann genauso hart trifft wie jenen Sack, auf den wir eindreschen, wo wir doch nur einen einzelnen Esel meinen.

Ja, was jetzt: Kein Plan ist ja wohl auch keine Lösung?

Vielleicht doch.

Wie wär’s mit so etwas Einfachem wie Reden. Nicht nur in Kötzschenbroda. Reden wir im Rathaus. In der Bauverwaltung. Im Bauausschuss. Im Verein mit dem langen Namen. Im Gestaltungsforum. Nicht nur über- sondern miteinander. Das Grundverständnis ist zweifellos gegeben. Dann brauchen wir keine B-Pläne, jedenfalls keine für große, inhomogene Gebiete. Denn Radebeul ist baulich so heterogen wie das Baurecht komplex. Jede hier neu aufgestellte Regel kollidiert dort mit zwei älteren und macht alles noch komplizierter.

Was spräche gegen ein Verfahren wie folgt: Wir schaffen uns eine (neuhochdeutsch) One-Stop-Agency für Bauwillige. Dazu gehört neben der Bauverwaltung im Weiteren das neue Gestaltungsforum. Bauherren bekommen zunächst eine kleine Broschur an die Hand. Darin sind in sechs Punkten (nicht mehr!) die wichtigsten Grundsätze für Bauen in Radebeul zusammengefasst. Überschrift: Bauherren sind uns willkommen, wenn sie vorab das Folgende beherzigen:

  • 1. Radebeul besitzt Grünstrukturen, die wir erhalten wollen und die der Verursacher, sofern sie Bauten zum Opfer fallen, umgehend ersetzt.
  • 2. Radebeul versteht sich als „offene“ Stadt. Neubauten und ihre Nebenanlagen sollen diesem Ansatz Rechnung tragen und großzügig Freiräume für Grünstrukturen und Sichtachsen belassen (kleine böse Anmerkung: Das neue „Glasinvest“ ist Negativ-Vorbild).
  • 3. Radebeul verfügt über relativ großräumige Grundstücke, die anderswo ein Bauen in zweiter und dritter Reihe ermöglichen. Wir wollen jedoch die ortsbildprägende, vorwiegend straßenseitige Bebauung mit rückwärtig angelegten Nebenanlagen beibehalten.
  • 4. Radebeul ist stolz auf ein ausgeglichenes Maß an versiegelten und unversiegelten Flächen. Diesen Stolz wollen wir uns erhalten.
  • 5. Die Villengebiete der Ober- und Niederlößnitz sind geprägt durch eine vergleichsweise relativ niedrige Zahl an Wohnungen in relativ großen Baukörpern. Dies zeigt sich auch an den zugehörigen Nebenanlagen sowie am ruhenden und fließenden Verkehr in den Quartieren. Wir erwarten, dass sich Bauherren an dieser großzügigen Flächennutzung orientieren.
  • 6. Ein großer Anteil der Radebeuler Bauten verfügt über eine bunte Fassaden- und Gebäudegestaltung unter reichlicher Verwendung ortstypischer natürlicher Baustoffe. Bauherren sollten diesbezüglich mit dem Bestand in einen positiven Wettstreit treten. Dazu gehören Balkone, Erker, Risalite, Gauben und vergleichbare Gestaltungselemente.

Sofern die Baudamen und -herren nicht schon mit einem fertigen Plan für ein Null-acht-fuffzehn-Wohnschließfach aufkreuzen, werden sie ihrem Architekten sagen: Radebeul hat klare Baugrundsätze. Sie scheinen mir zwar keine Rechtskraft zu haben, aber dafür haben sie Veränderungssperre und B-Plan-Absicht sicher in der Hinterhand. Also zeichne mal einen Entwurf in Richtung der Grundsätze. Und besuche das Expertengremium. Da sitzen Kollegen von Dir drin. Reden kostet nix. erst mal, jedenfalls.

Eine naive Vorstellung? Lasst es uns probieren. Was die beiden Folterwerkzeuge angeht: Sie dürfen ruhig bleiben, gut sichtbar ausgestellt im Schaukasten neben dem Ständer mit den Broschüren. Ganz sicher: Unser Radebeuler Lieblings-Hobby „Klagen und Geld verbrennen“ bleibt uns nicht verwehrt. Bereits als Drohkulisse macht es sicher etwas her.

Burkhard Zscheischler

100 Jahre Fachbuchhandlung Sauermann

Eingang heutige Buchhandlung
Foto: Archiv Buchhandlung Sauermann


Es begann in einem Wohnzimmer:

Gemeinsam mit seiner drei Jahre jüngeren Ehefrau Elise eröffnete der damals siebenundzwanzigjährige Heinrich Sauermann im Januar 1922 in beider Leipziger Mietwohnung einen Versandbuchhandel. Mit der beginnenden Inflation spezialisierten sie sich rasch auf den Vertrieb von Fachbüchern für Gartenbau. Der blieb für sie über fast siebzig Jahre ein wichtiger Geschäftszweig.

Bald schon wurde die Wohnung sowohl für das wachsende Geschäft als auch für die wachsende Familie zu klein. Das Blühen ungezählter Gärtnereien im Dresdner Elbtal wirkte als Magnet: Sauermanns wählten die Niederlößnitz als neuen Geschäfts- und Wohnort. Im Jahre 1928 bezogen sie ihr Haus in der Winzerstraße. Von hier aus wurden forthin deutschlandweit Gärtnereien und Landwirtschaftsbetriebe mit Fachliteratur versorgt.

Historische Postkarte „Kötzschenbroda. Meißner Straße“ um 1920 mit den Häusern Meißner Str. 266 (Faber Haus, damals Schreibwaren Carl Finster, in dem die Buchhandlung Sauermann mehrere Jahrzehnte ihr Geschäft hatte), Meißner Str. 264 (heutiger Standort Buchhandlung Sauermann) und Meißner Str. 262 (damals Firma Reinhold Reichert, heute Reformhaus Görner).
Foto: Archiv Buchhandlung Sauermann

Es spricht für tiefwurzelnde Zuversicht, daß sie kurz vor Kriegsende im Faberhaus auf der Meißner Straße zusätzlich noch ein Ladengeschäft eröffneten. In das nun deutlich erweitere Sortiment wurde auch eine kleine antiquarische Abteilung eingefügt. Das Geschäft hatte sich sehr bald unter Bücherfreuden einen Namen gemacht.

Als Heinrich Sauermann 1961 überraschend starb, führte seine Witwe das Geschäft weiter bis Sohn Gottfried seine Ausbildung beendet hatte und in seines Vaters Nachfolge treten konnte.

Gottfried hatte zunächst eine Gärtnerlehre begonnen, diese aber zugunsten einer Buchhändlerausbildung abgebrochen. Immerhin konnte er in fachlichen Belangen mitreden. Eigenen Ambitionen folgend absolvierte er noch eine Ausbildung zum Antiquar. Nicht zuletzt durch seine Mitgliedschaft in der Pirckheimergesellschaft errang er mit seinem profunden Wissen unter Sammlern hohe Achtung.

Historische Postkarte Kötzschenbroda, Buchhandlung und Schreibwarenhandlung Carl Finster um 1920
Foto: Archiv Buchhandlung Sauermann

Seit dem „sozialistischen Frühling“ 1974 führte Gottfried Sauermann sein Geschäft als Kommissär des Volksbuchhandels weiter, bis er sich gleich 1990 wieder freikaufen konnte.

1993 ging er gemeinsam mit Frau Inge, die ihm schon seit Jahren als, wie es damals hieß, „mithelfende Ehefrau“ zur Seite gestanden hatte, ein neuerliches Wagnis ein. Mit der bekannten und erprobten Sauermannschen Zuversicht erwarb er das Haus auf der Meißner Straße 264 und verwirklichte hier seinen Traum von einem großen Antiquariat im Obergeschoß, einem modernen Buchladen im Erdgeschoß und einer Vinothek im Kellergewölbe. Es entstand ein Ensemble hoher Verkaufskultur – bei Sauermanns herrscht die unter Bücherfreunden übliche beinahe sakrale Stille, die nur von gelegentlichem Blättern unterbrochen wird.

Naturgemäß ging mit dem Sterben der Gartenbaubetriebe, auch der Bedarf an einschlägiger Literatur deutlich zurück. Bezeichnenderweise bot sich hier die Schaffung einer Spezialabteilung für juristische Literatur als neues Geschäftsfeld an.

Mit der 2008 erfolgten Übergabe des Geschäftes in die Hände von Tochter Ute Sauermann wird die Buchhandlung nun schon in der dritten Generation als Familienunternehmen betrieben. Freilich blieb der Seniorchef bis zuletzt als gute Seele im Geschäft präsent: mit Vorliebe hielt er sich dann „oben“ unter den guten alten Büchern auf. Als er 2020 starb, wußte er sein Vermächtnis in guten Händen.

Blick in die Buchhandlung
Foto: Archiv Buchhandlung Sauermann

Die Buchhandlung Sauermann möchte das Jubiläum mit ihren Partnern und Kunden feiern:

Am Donnerstag, 30. Juni. 2022 18.30 Uhr liest Ralf Günther aus seinem soeben erschienenen Buch „Goethe in Karlsbad“.

Am Freitag, 1. Juli 2022 heißt es 15-18 Uhr: Wir feiern mit allen Kindern unserer Kunden die „100“. Es gibt kleine Spiele mit Preisen und einen kleinen Imbiß. Für alle Kinder und alle Junggebliebenen, welche die Buchhandlung kostümiert als Kinderbuchheld besuchen, gibt es ein Buchgeschenk!

Am Sonnabend 2. Juli 2022 sind von 9-12 Uhr alle Kunden eingeladen, mit einem Glas Sekt oder Kindersekt auf die „100“ anzustoßen.
Vorschau & Rückblick und der Unterzeichnete gratulieren schon mal vorab.

Thomas Gerlach

Editorial 6-22

Nach sieben Jahren ist es nun wieder soweit und OB-Kandidaten an den Laternenpfählen hängen – also sprichwörtlich gemeint!

Diesmal lächeln uns gleich drei Gesichter entlang der Straßen Radebeuls entgegen, teils so gedrängt, dass man sich den zugewandten Blicken „Wählt mich, wählt mich, wählt mich!“ nur schwer entziehen kann.

Neben dem langgedienten OB Bert Wendsche (parteilos) werben mit Jörg Hüsken (SPD) und Oliver von Gregory (Bündnis 90/ Die Grünen) zwei weitere Aspiranten um die Gunst der Wählerschaft.

Der interessierte Bürger fragt sich nun, wofür die einzelnen Kandidaten wohl stehen mögen?

Hierfür fand zur Klärung am 16.5. im Luthersaal der Friedenskirche unter Moderation der SZ-Lokalredaktion ein Triell statt. Wenn man dem nachgereichten ausführlichen Beitrag Glauben schenken darf, so hat Radebeul im Grunde nur zwei nennenswerte Probleme: miserable Gehwege und mangelhaft ausgebaute Fahrradstrecken. Dies mag als Baustein wohl stimmen, klammert in Zeiten großer Umbrüche wesentliche Aspekte wohl aber aus. Zudem dürften aufgrund der derzeitigen finanziellen wie wirtschaftlichen Verwerfungen Gestaltungsspielräume künftig eher kleiner werden.

So könnte dies für das neue Stadtoberhaupt vorerst bedeuten, sich glücklich schätzen zu können, den in den letzten Jahren mühsam errungenen Status quo überhaupt aufrechtzuerhalten.

Im Spagat zwischen dem Wollen und Können ist ihm bereits an dieser Stelle ein glückliches Händchen zu wünschen!

Sascha Graedtke

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