Buchpremiere „Von eytel Raub und Strauchdieberey“ am 20. Januar 2016 in der Stadtgalerie

Nach Dresden und Leipzig werden nun Chemnitz´ wilde Neunziger durch einen Roman beleuchtet

TitelChemnitz in den Neunzigern. Bittere Not für die einen, Goldgräberstimmung für die anderen. Das Werk von Generationen wird verzockt, und zum Zug scheint zu kommen, wer dreist genug ist. Für Heranwachsende ist die Autorität zerbrochen und keine neue in Sicht. Wer mit besserer Ortskenntnis verfolgende Polizeiautos erfolgreich abhängt, verliert den letzten Respekt vor der Ordnung. Den Triumph auf der Straße verlacht aber die magere Barschaft, und Leergutklau ist auf Dauer unergiebig. Da hilft nur noch ein Banküberfall! Spätestens hier erweist sich, dass wir es nicht mit abgebrühten Ganoven, sondern mit Kindsköpfen zu tun haben. Die Härte der Buße wird nicht verschwiegen. Überhaupt zeigt die charmante Räuberpistole Glanz und Dürftigkeit der Jugend auf unsentimentale Weise und setzt dem »Wilden Osten« ein ganz eigenes Denkmal. (aus der Verlagswerbung)

Dieses Buch ist es nun durch Zufall bei mir hängengeblieben und ich musste danach trachten, mich davon zu entlasten, indem ich das mir Übergebene auf dem Wege der Veröffentlichung wieder abgebe. Es stammt von einem, der sehr niedrig zielte aber hoch hinauswollte, der tief niedergedrückt wurde und doch wieder an die Oberfläche gelangte. An der frischen Luft hat er nach einiger Zeit sogar die Sprache wieder gefunden. Im Buch steht nun sein originaler Text im Wortlaut, wie er dem Herausgeber zugespielt wurde. Außer einer behutsamen Rechtschreibkorrektur habe ich daran nichts verändert. Die kunstlose Sprache ist erstaunlich dicht gewebt. Das Geplauder des Unbekannten steht einer mit allen Wassern der Schreibkunst gewaschenen professionellen Erzählweise beinahe in nichts nach. Die besten Romane schreibt immer noch das Leben.
Clemens Meyer schilderte in „Als wir träumten“ (2006) die turbulenten Nachwendejahre in Leipzig. Für Dresden folgt ihm darin zehn Jahre später Peter Richter mit „89/90“. Mit „Von eytel Raub und Strauchdieberey. Ein Schelmengeständnis.“ folgt nun der authentische Bericht aus Chemnitz. Früher hieß es von den drei sächsischen Metropolen: In Chemnitz würde das Geld erwirtschaftet, in Leipzig erhandelt und in Dresden ausgegeben. Nachdem der künstlerisch-publizistische Komplex weitgehend unwidersprochen hat ausreden dürfen haben wir hier also die austehende Schilderung jener Jahre aus Sicht der Arbeiterklasse. Nach Merkur und Jupiter, hämmert nun Vulkan mit glühendem Griffel seine Fassung des Geschehens auf den Schild.
Vom Autor des Erlebnisberichts kennen wir nur seinen Vornamen. Vermutlich hat er keinen Ehrgeiz als Schriftsteller wahrgenommen zu werden. Vielleicht möchte er sich nicht brüsten mit begangenen Untaten. Andererseits dünkt ihm das Niedergeschriebene wieder zu kostbar, um es nur Verwandten und Freunden mitzuteilen.
Sieben Jahre lag das Heft bei mir herum. Wenn die Mappe mir unvermutet in die Finger kam, traf es mich jedesmal wie der Vorwurf eines uneingelösten Versprechens. Freilich hatte ich ein solches nie gegeben. Aber während des Lesens wuchs eine innere Verantwortung für den Text in mir heran, für einen Text, der nicht mir gehörte und doch bislang allein mir bekannt war. Probeweise gab ich ihn dann diesem und jenem zu Gehör. Er fesselte jeden Zuhörer. Schließlich wurde mein geschätzter Dichter-Verleger Uwe Lammla in seinen Bann gezogen und der Entschluß war gefaßt, die Aufzeichnungen als Buch zu veröffentlichen.
Dem Leser empfehlen wir, sich einfach vom Reiz der Geschichte gefangen nehmen, in der Handlung treiben zu lassen. Denn was den vorliegenden Bericht wertvoll und lesenswert macht, ist die Perspektive seines Erzählers. Dem Autor dieser Erinnerungen ist mehrfach der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Daran hat er freilich selber Seinen anteil genommen. Seine Aufzeichnungen sind ein rarer Fund, ein Kassiber aus der Zitadelle des Schicksals. Hier wird nicht nur berichtet, hier spricht sich der Täter in seinen Taten selbst aus und er lässt uns rückblickend an seinen Überlegungen und Plänen teilhaben, als stünden wir gerade neben ihm. Manches klägliche Geschehen in diesem Buch wird vor allem von der Ehrlichkeit seiner Vortragsweise veredelt. Wir müssen die Taten des Autors weder billigen noch verteidigen. Es reizt das Flair eines Grenzbezirks, den wir hier betreten. Es ist immer nur ein kleiner Schritt von der Devianz zur Delinquenz, von wirtschaftlicher Kreativität zu krimineller Energie. Bertolt Brecht läßt den Macheath als Advocatus diaboli in seiner „Dreigroschenoper“ rhetorisch fragen: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ Denn sehr fließend verlaufen die habituellen Übergänge zwischen Wirtschaft und Raub, zwischen Handel und Prostitution. Der Wille, etwas um beinahe jeden Preis verkaufen zu wollen, kann unversehens dazu führen, dass man sich letztlich selbst verkauft. Der Instinkt für diesen Übergang geht zunehmend verloren. Dann lesen sich Insolvenzerklärungen zuweilen wie Gerichtsurteile und Kriminalprozessakten, aber auch Ehescheidungen, klingen wie Berichte gescheiterter Unternehmensgründungen. Die legale Vorteilnahme an anderer Geld und Gut kann so übergriffig und sittenwidrig verlaufen, dass sie an den Bereich des Kriminellen zumindest anstößt, oft genug aber auch weit in ihn übergreift, ihn zuletzt sogar verzweigter ausfüllt als es der eindeutige Gelegenheitsraub tut. Der Erfolg rechtfertigt Vieles, allzu oft viel zu Vieles. Dieses Buch rückt uns die Verhältnisse wieder gerade, indem es eine eindeutige Kontur des Verbrechens nachzeichnet. Dadurch kommt ihm zuletzt sogar noch eine sittliche Dimension zu. Der Räuber ist eine Erscheinungsform des menschlichen Dasein, wie der Bettler, die Hure, der Wucherer oder der Krieger. Sein Handeln hat seinen Preis und damit ist es genug. Der Autor ist sich wohl immer bewußt gewesen, was er tat. Man könnte bei ihm beinahe von einem spezifischen Handwerksstolz des reinen Kriminellen reden.
In seinem ahnungslosen Draufgängertum wird uns der Autor dieser Jugenderinnerungen nahezu sympathisch. Denn nach Abzug der Schuld bleibt zuletzt von der kriminelle Energie immer noch die Energie übrig. Die Freiheit, die jener Thomas und seine Kumpels sich übers Maß genommen hatten, die wurde ihnen damit wieder entzogen. Nach der bezahlten Zeche ist ihm eine einzigartige Erfahrung geblieben. Er verwirft keinen Teil seines Lebens. Wir Leser können uns erfreuen an der tröstlichen Schönheit der unverwüstlichen menschlichen Natur.

Sebastian Hennig

Hennig, Sebastian (Hg.): Von eytel Raub und Strauchdieberey. Ein Schelmengeständnis. 2017. 158 S. 250 gr. ISBN 3-944064-74-7. Gb. 18,– €, Buchpremiere zur Finissage der Ausstellung „Die andere Seite“ am 20. Januar 2017 um 20 Uhr in der Stadtgalerie Radebeul, Altkötzschenbroda

Zeichen und Gestalt

Ausstellung Dresdner Kunst zum Zweiten

Die „Ausstellung Dresdner Kunst“ auf der Hohen Straße 35 in Radebeul hatte im vergangenen Winter mit eindrucksvollen Aquarellen Paul Wilhelms große Aufmerksamkeit erregt und sich, wenn wir so wollen, auf Anhieb als Marke etabliert. Die damals geweckten „Hoffnungen auf mehr“ sind nun ein erstes Mal erfüllt worden: Seit 19. November lädt Herr Gottfried Klitzsch wieder ins Obergeschoss seiner Villa ein, diesmal mit Arbeiten von Hermann Glöckner und Helmut Schmidt-Kirstein.
„Zeichen und Gestalt“ hat er die Ausstellung genannt, die laut Ankündigung wieder ab 7. Januar und bis zum 26. Februar an den Wochenenden jeweils von 11 bis 18 Uhr zu erleben ist.
Gottfried Klitzsch schwärmt von der „Kraft der Linie“. Er sieht „die Zeichnung als klassische Grundlage aller Darstellung“ und zugleich als „Ausdruck und Ausweis künstlerischer Meisterschaft“.
Der gebürtige Radebeuler war glücklich genug, frühzeitig in München nicht nur eine Heimat zu finden, sondern auch einen Beruf, dessen Ertrag ihm nun hilft, eine späte Liebe zum Erblühen zu bringen: die Liebe zur Dresdner Kunst des 20. Jahrhunderts, deren von der Elblandschaft geprägten besonderen Realitätsbezug er auch in Abstraktion und Informell aufleuchten sieht. Indem er nun seine noch junge Sammlung dem heimischen Publikum frei zugänglich macht, erweist er seine Liebe und seine Dankbarkeit.

Abseits der „offiziellen“ Kunst sind sich Hermann Glöckner und Helmut Schmidt-Kirstein seit der Mitte der 1950er Jahre nicht nur räumlich (beide wohnten zuletzt im Künstlerhaus in Dresden-Loschwitz) sondern auch in ihren freien Arbeiten nahe gekommen.
Der jüngere Schmidt-Kirstein (1909 – 1985) hatte schon als Gymnasiast erste Ausstellungen, es aber lange Zeit nicht auf einen künstlerischen Beruf abgesehen. Nach Studien in Dresden und Wien arbeitete er als Fachlehrer für dekorative Berufe. Erst nach der Heimkehr aus dem Krieg ließ er sich in Dresden als freier Künstler nieder. Zuvor hatte eine Begegnung mit der Kunst Picassos dazu geführt, dass er nahezu sein gesamtes Frühwerk vernichtete. Nach der Verarbeitung der Kriegserlebnisse wandte er sich mehr und mehr der Abstraktion zu, wobei die Linie als bestimmendes Element erhalten blieb. Nach 1970 kehrte er zu realistischer Darstellungsweise zurück.
Hermann Glöckner (1889 – 1987) war zwanzig Jahre älter als Schmidt-Kirstein. Geboren in Dresden Cotta, begann er einen langen Weg des Suchens und Lernens in Leipzig, der ihn schließlich auch an die Dresdner Kunstakademie führte.
Wie Schmidt-Kirstein war Glöckner 1945 Mitglied der Künstlergruppe „Der Ruf“, die sich der „befreiten Kunst“ zu widmen begann, jedoch schon 1948 ihre letzte Ausstellung hatte.
Wie auch vor 1945 geriet Hermann Glöckner mit seiner freien Weltsicht und seiner unabhängigen Kunstauffassung bereits in der ersten Hälfte der 1950er Jahre im Zuge der Formalismusdebatte zunehmend in Isolation.
Zahlreiche Sgrafitto-Putzschnitte zeugen auch in Radebeul von Glöckners Brotarbeit – leider werden es ihrer immer weniger.
„Beide Künstler“, schreibt Gottfried Klitzsch im Begleittext zur Ausstellung, „bewegen sich im Spannungsfeld zwischen ‚Zeichen und Gestalt‘ und vermögen unserer Wirklichkeitserfahrung andere Weltsichten hinzuzufügen. Sie sind herausragende Beispiele einer Lebenskunst, die nicht den Vorgaben einer normierenden Gesellschaft, sondern den inneren Sternen ihrer eigenen Existenz mit all ihren Zufälligkeiten und Unvorhersehbarkeiten gefolgt sind“.

Auch diese „Ausstellung Dresdner Kunst“ ist mehrfachen Besuch wert und erneut Anlass, Dank zu sagen.
Thomas Gerlach

„Grusel wohnt an keinem Ort…!“

Szene mit Felix Lydike und Ensemble Foto: Hagen König

Szene mit Felix Lydike und Ensemble Foto: Hagen König

Premiere an den Landesbühnen Sachsen für ein wahrhaftiges Gruselmärchen

Sich vor etwas zu fürchten ist – wie wir wissen – eigentlich eine ganz alltägliche Geschichte. Der eine fürchtet sich vor Spinnen, ein anderer vor Ratten und ein dritter vor dem ums Haus tobenden Sturmwind. Doch es soll auch jene geben, die sich vor gar nichts fürchten. Zu ihnen zählt der Korbmachersohn Karl, ein Junge, der sich nichts sehnlicher wünscht als sich einmal „…so richtig zu gruseln!“ Was hat er diesbezüglich nicht alles schon ausprobiert? Doch es gruselte ihn einfach nicht. Kein noch so scheußliches Gespenst, keine Hexe, kein Riese und kein Ungeheuer schafften es, das ihm sprichwörtlich die Haare zu Berge stehen. Doch Karl gibt nicht auf, er setzt alles daran, das Gruseln zu erlernen. Und eines Tages bietet sich ihm tatsächlich die Chance dazu. An dieser Stelle nun beginnt dieses Grimmsche Märchen real zu werden. Jedenfalls so real, wie es Schauspieler auf der Radebeuler Theaterbühne aufzuzeigen vermögen. Und auch so wunderbar gespenstisch, wie dieses Märchen nun mal erzählt werden will. Landesbühnen-Intendant Manuel Schöbel hat dabei selbst ganz intensiv Hand angelegt, indem er mit seiner Version das „gruselige“ Grimmsche Märchen neu erzählte und es so auch den Verhältnissen der Radebeuler Bühne anpasste. So lässt Regisseur Steffen Pietsch den Haupthelden Karl (Felix Lydike) an vielen Orten nach dem wahren Gruseln suchen. Dabei bietet auch das Bühnenbild (Tilo Staudte) eine wahrhaft gruselige Szenerie. Eben nur nicht für den mutigen Hans, den überhaupt nichts aus der Ruhe zu bringen scheint. Keine düstere Burg, keine tanzenden Knochengerippe und auch keine Gehenkten (Kostüme: Katharina Lorenz). Dafür aber entwickelt Hans Sinn für das Zwischenmenschliche, indem er sich in die äußerst praktisch denkende und handelnde Gänsemagd Suse (Cordula Hanns) verliebt. Was wiederum dem König (Olaf Hörbe) ganz und gar nicht passt. Denn der möchte auch gar zu gern seine eigene Tochter unter die Haube bringen. Am Ende kommt es auch dazu, nur eben ohne sein direktes Zutun.
Für die Kinder im Publikum – die eigentliche Zielgruppe der Inszenierung – sind die eineinhalb Stunden Gruselunterricht ein wahres Highlight. Von Furcht und Gruseln allerdings kann keine Rede sein. Dafür aber von einem wahren Gaudi, das Groß und Klein gleichermaßen ergreift.
„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ dürfte über die Wintermonate hinweg mit ziemlicher Sicherheit als echter Dauerbrenner für allerhand Publikum im Radebeuler Theater sorgen.

Wolfgang Zimmermann

Mit Hans-Eckardt Wenzel poetisch durch das Jahr 2017

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Hans-Eckardt Wenzel

Foto: S. Graedtke

im Oktoberheft des letzten Jahres erschien mit „Feinslieb, du lachst dazu“ passend zur Jahreszeit bereits ein erstes Gedicht von Wenzel. Ab Januar werden uns nun zwölf ausgewählte Gedichte und Lieder durch das neue Jahr begleiten. Viele werden sich fragen, wer ist denn dieser Wenzel? Wer nicht gerade ein Liedermacher-Freund der alten Schule ist oder nicht in den letzten Jahren gelegentlich MDR-Figaro, wie es so schön hieß, hört, dem könnte der Poet nach wie vor ein Unbekannter sein.
Hans-Eckardt Wenzel wurde am 31. Juli 1955 in Kropstädt bei Wittenberg geboren. Er studierte von 1976 bis 1981 an der Humboldt-Universität in Berlin Kulturwissenschaften und Ästhetik, fand aber schon während seiner Studienzeit seine Berufung als Autor, Sänger, Schauspieler, Regisseur und Komponist. Zwei Jahrzehnte waren neben seinem musikalischen Schaffen von philosophisch-clownesken Bühnenprogrammen mit Steffen Mensching geprägt. Ein Großteil seiner Texte offenbaren die Sehnsucht nach dem Meer und die verkannte Poetik des Alltags.
Wenzel ist seit weit über dreißig Jahren unterwegs, mit Band oder Solo. Seither sind über 40 CDs,   einige Erzählungen und Gedichtbände erschienen. Musikalische Exkurse haben den ostdeutschen „Provinzhasen“ 2003 gar nach New York geführt, wo er Texte von Woody Guthrie übersetzte und vertonte. 2014 folgten Kuba und Nicaragua mit Klängen und Eindrücken von dieser Reise.
Ein Höhepunkt für Wenzelfans bildet seit vielen Jahren um die Mittsommernacht ein Freiluftkonzert im Fischerdorf Kamp südlich von Usedom mit hundert Liedern und tausend Gästen.
Traditionell ist er einmal im Jahr in Dresden im Club Passage in Gorbitz zu Gast und war nun auch schon dreimal in Radebeul zu erleben.
Geneigte Leserschaft, lassen Sie sich nun einspinnen in Wenzels Gedankenwelt, wenn an dieser Stelle leider ohne Vertonung.

Sascha Graedtke

Lebenslied

Ich plane die Schmerzen mit ein,
Ich atme den Rauch, der mich aufkratzt und nährt,
Ich schwärze die Lungen mir ein.
Weiß: Leben ist nicht Artigsein.
Ich höre die Warnungen, die man spricht,
ABER VERZICHTEN WILL ICH DRAUF NICHT.

Ich plane das Herzweh mit ein,
Ich schmiege mich, Liebste, fest an deinen Leib.
Weiß, das wird nicht für ewig sein.
Ich höre die Zeit ticken in uns zwein.
Die Schwüre auf Treue, die glaub ich nicht,
ABER VERZICHTEN WILL ICH DRAUF NICHT.

Ich plane den Ärger mit ein.
Ich melde mich unaufgefordert zu Wort.
Mein Herz ist nicht rein, bin nicht klein.
Ich will einfach dagewesen sein!
Wird heiser die Stimm mir auch, bis sie bricht,
ABER VERZICHTEN WILL ICH DRAUF NICHT.

Ich plane den Kummer mit ein.
Ich liebe mir Kinder her auf diese Welt.
Verlieb mich in ihr Lachen und Schrein.
Ich will einfach nochmal Lebendigsein.
Und nehmen sie Platz und Zeit mir, so ists.
ABER VERZICHTEN WILL ICH DRAUF NICHT.

Ich plane den Kater mit ein,
Ich trinke den Boden der Gläser ans Licht.
Weiß: Früh werd ich zerschlagen sein.
Ich tanze, ich singe, ich schenk mir ein,
Und rechne nicht aus, was mich würgt, was mich bricht.
ABER VERZICHTEN WILL ICH DRAUF NICHT.

Ich plane die Sorge mit ein.
Ich greife verlockend weit aus meiner Zeit.
Ich träume mir das Anderssein.
Will leben, eh mich Gewöhnung zuschneit.
Mag sein, dass man später ganz anders anders ist,
ABER VERZICHTEN WILL ICH DRAUF NICHT.

Hans- Eckardt Wenzel

Editorialn 01-17

Wiener Walzer
Zum 1. Januar gehört für viele Leute das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. 50 Millionen Fernsehzuschauer. Sehr feierlich das Ganze, die Lackschuhe blitzen um die Wette. Gegeben wird: Walzer. Einer nach dem anderen. Man lauscht ergriffen.
Warum das? Warum an der Schwelle zum Neuen zwei Stunden volkstümliche Klänge aus den Tagen von Kaiser Franz Joseph?
Vielleicht, weil rückwärts schauen sicherer ist als voraus. Weil die Schwelle zum Neuen nicht allen barrierefrei erscheint. Eher wie ein Startblock, von dem man springen soll, kein Ziel in Sicht. Neues Jahr: Wir wissen nicht, wie es wird. Wer hätte im Januar 2015 an eine Flüchtlingskrise gedacht, im Januar 2007 an eine Finanzkrise, in früheren Januaren an Arbeitslosen-, Atom- oder Ölkrisen. Die Krisen kommen unsortiert. Also erst einmal: Wiener Walzer. Der beruhigt die Nerven, denn offenbar hat die Welt ihre gute Ordnung noch.
Warmer Applaus, Händeschütteln, Zugaben, die Übertragung endet. Und wir müssen springen. Klatsch, 2017. Das Neujahrskonzert ist verklungen. Jetzt müssen wir wieder selber Ziele und Ordnungen suchen.
Haben Sie schon mal bei der Kirche etwas gesucht?
Beistand in Not, Verschwiegenheit für etwas, dass ich loswerden will, oder dass die Pfarrerin für mich betet; wohltuende, hilfreiche oder tröstliche Gedanken am Sonntag in der Predigt?
Sollten Sie es einmal probieren, werden Sie merken: da kann ich etwas finden. Sinn und Orientierung. Ein tröstendes Wort. Das göttliche „Trotz allem“, das den Sprung vom Startblock beflügelt, weil mir mein Ziel klarer wird.
Also, liebe Leserinnen und Leser: Die Welt hat tatsächlich ihre gute Ordnung noch, trotz allem. Da könnte man direkt einen Walzer tanzen.

Pf. Björn Fischer

Relevant oder alles erledigt?

verein für denkmalpflege und neues bauen

Denkmalschutz und Neues Bauen 2017

Der Verein wird 24 Jahre alt, Anfang 2018 werden wir unser 25jähriges Jubiläum feiern. Damit rückt auch langsam der Zeitpunkt heran, wo man sich nicht nur selbst fragt sondern auch gefragt wird: Alles richtig? Noch wichtig? Ehrenvoll aufhören? Mal was Neues oder wenigstens vieles anders machen?

Unser Ziel war und ist es „Die Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul zu fördern“. Eine Definition des „besonderen Charakters“ haben wir auch nach 24 Jahren nicht, aber auch nicht ernsthaft versucht. Eine Stadt, oder Kommune allgemein, ist ein lebendiger Organismus, der von seinen Einwohnern getragen und gestaltet wird. Somit verändert sich natürlich auch der Charakter der Stadt, ihr Erscheinungsbild, ihre Funktionen und ihr Image, was wiederum sich auf Zuzug oder Wegzug auswirkt. Starres Festhalten an einem imaginären historischen Erscheinungsbild darf nicht der Anspruch sein, wohl aber das beständige Ausloten, was baulich der Stadt entspricht (dazu gehören auch Neubauten, die sich in die Umgebung einfügen ohne sie dominieren zu wollen) und was ihr dauerhaft zuwiderläuft (wie die Anfangsplanungen zum Glasinvestgelände). Wir werfen diese Frage, was tut gut und was stört erheblich, regelmäßig auf wenn sie andere vergessen und wir bringen Bürger der Stadt dazu, über dies Frage, gewollt oder ungewollt, nachzudenken. Beispiele sind die Einreichungen zum Bauherrenpreis wie auch die Platzgestaltungen, wo wir den Willen der dortigen Anlieger bündeln, gegenüber der Verwaltung einbringen und gestaltend mitwirken.

Dank unserer relativ unveränderten Mitgliederzahl von über 100 und ihrem Engagement sind wir auch regelmäßig aufgefordert, im Rahmen von größeren Bauvorhaben auf dem Gebiet unserer Stadt als Träger öffentlicher Belange mitzuwirken. Da doch einige Stadträte auch Mitglied des Vereins sind, gelingt es so oftmals, unsere fachlichen Überlegungen zur Diskussion zu stellen und für wichtige Punkte auch Mehrheiten zu finden – so als es um die Bebauungen auf der Dr. Rudolf-Friedrichs-Straße, der Maxim-Gorki-Straße oder um die Erreichung einer Gestaltungssatzung für Altkötzschenbroda (wenn nicht dort wo dann) ging. Dies ist gerade in einer Zeit wichtig, wo sich die Vorstellung von „Stadtentwicklung“ zu verändern beginnt. Stadtentwicklung kann heute nicht mehr ein Wachsen in den Rändern sein, Stadtentwicklung stößt vielmehr immer öfter auf eine „fertige“ Stadt, die kaum Lücken bietet (und wenn, wo sich alle fragen sollten: sind Lücken, kleine Freiräume nicht auch schön und eine Errungenschaft an sich?), deren Straßen sich nicht verbreitern lassen, und wo jeder Neubau, jede neue infrastrukturelle Planung sofort Nutzungskonflikte auf den Plan ruft, die eben immer weniger in einer Gleichverteilung lösbar sind für Sport, Kultur, ÖPNV, LKW, Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger allgemein und unter Beachtung, dass wir immer älter und damit auch langsamer werden, auf Hilfen zur Fortbewegung angewiesen sind, Behinderte usw. usf. Das Moment Rücksicht dürfte immer wichtiger werden … jeder der eine Forderung aufstellt, muss sich zuallererst fragen, ob er bereit ist, diese woanders ebenso zu erfüllen: Fordere ich Tempo 30 bei mir, fahre ich es dann auch in den anderen Zonen? Will ich den Durchgangsverkehr wegbekommen, bin ich dann ebenso bereit, keine Schleichwege durch Wohngebiete woanders zu fahren? Will ich sichere Schulwege, darf ich dann doch im Halteverbot auf der Pestalozzistraße am Rathaus halten (anstelle die eine Minute auf den Parkplatz nebenan zu fahren; gleiches gilt für den Augustusweg, wo auch nur das Ankommen des eigenen Kindes und eben nicht das aller Kinder zählt) um mein Kind sicher in die Schule zu bekommen aber xandere radfahrende Kinder zugleich zu behindern? Lösungen müssen wir zunehmend nicht im Neubau und technischen Normen, die nur scheinbar von persönlicher Verantwortung entlasten, suchen, sondern sie bestehen viel eher im mehrseitigen Verzicht.

In diesem Sinne wird der Verein auch 2017 wirken, und dies wird auch das Thema des dritten Forums Was macht Radebeul aus im September/Oktober sein. Fertige Lösungen und einseitige Forderungen haben wir nicht. Unsere Stärke ist das Zusammenführen und das Angebot einer Plattform. Sie sind gern gebeten, bereits vorab uns ihre Überlegungen zuzusenden (vv@denkmalneuanradebeul.de), weil wir dann gezielt die Veranstaltung mit Themengruppen vorbereiten können, es soll ja nicht nur dabei bleiben, dass sich jeder seines Unmutes über die Zustände entledigen kann.

Ein weiteres zentrales Vereinsthema ist natürlich der Bismarckturm, für den über 1000 Menschen gespendet haben und wo nun der Treppeneinbau, beginnend ab dem 1. April (Geburtstag von Bismarck) und möglichst beendet am 2. September (110 Jahre Bismarckturm in Radebeul), erfolgen wird. Gleichfalls werden wir im Juni, am 16. oder 23., des 175 . Geburtstages von Eduard Bilz gedenken und den Bilzplatz mit der schon angelieferten Statue (finanziert durch die Anwohner; ein vergleichbares Projekt wie der Brunnen auf der Schmincke-Allee) und dem Brunnen einweihen.

Weitere Themen, mit denen sich der Verein in 2017 befassen möchte, sind am 24. Februar „40 Jahre Restaurierungen der Hoflößnitz und Zwingerbaumeister Ulrich Aust“ sowie am 7. März anläßlich des 100. Todestages von Julius Gräbner der Abend „Zwischen Villenkolonie Altfriedstein und Lutherkirche“, während wir uns dann am 20. Oktober der „Lutherkirche und Neues Gemeindehaus“ widmen.

Gegebenenfalls wird es auch möglich sein, die literarischen Führungen durch den Hohenhauspark wieder auf zu nehmen. Die Besitzer, Familie Schmidt, haben mit der Dachsanierung dem Hohenhaus nunmehr einen langen Bestand gewährt und sich leise, aber großartig um ein zentrales Kulturdenkmal der Stadt, welches bis nach Schlesien hin ausstrahlt, verdient gemacht.

Wie der geneigte Leser sieht, bleibt genug zu tun, auch wenn schon viel erreicht wurde. Die Stimme bei der Stadtentwicklung wird von zunehmender Bedeutung sein. Deshalb: Bleiben Sie uns treu oder ziehen Sie doch mit. Und nicht vergessen: Am 20. Januar 2017, 19.30 Uhr, laden wir wieder herzlich zu unserem mittlerweile traditionellen Neujahrsempfang alle Freunde des Vereins in den Kulturbahnhof Radebeul Ost ein.

Dr. Jens Baumann

Ausblick auf die V+R-Titelbilder im Jahr 2017

Zunächst möchte ich im Namen der Redaktion dem Künstlerpaar Friederike Curling-Aust und Brian Curling herzlich danken für die Gestaltung unserer Titelbilder im zu Ende gehenden Jahr – Grafik leicht und locker, ein Hauch von Tönen meist der Natur entlockt, aber auch kontrastreichere Bilder darunter.

In den zurückliegenden Jahren konnte man bei den Titelbildern beobachten, dass einem Jahr mit Malerei und Grafik meist ein Jahr mit fotografischen Motiven folgte. An dem Prinzip wollen wir festhalten und haben zur letzten Redaktionssitzung beschlossen, 2017 Fotos von Gartenlauben und Pavillons (die Grenzen sind oft fließend) aus Radebeul und Umgebung auf die Titelseiten der Vorschau zu bringen. Es war zwar nicht meine Idee, doch ich gebe gern zu, dass dieses Thema eine Steilvorlage für mich ist. Ältere Leser werden sich vielleicht erinnern, dass ich 1995 (Heft 4, 5 u. 7) das Thema schon mal behandelt hatte, da waren es aber Textbeiträge und nun geht es um die Titelbilder. Ich denke, das ergänzt sich ganz gut.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Januarheft in den Händen halten, könnte der Gedanke an „Die Gartenlaube“ (ein bekanntes Familien- und Freizeitjournal aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) aufkommen und wir sollten unser Heft gleich so nennen – nein, so weit wollten wir dann doch nicht gehen.

Freuen Sie sich auf eine neue Titelbildserie und bleiben Sie uns gewogen.

Dietrich Lohse

Mit Tom Tagtraum durch das Jahr 2016 – Teil 12

Du musst Träumen ihre Entstehung zulassen, denn nur so kann irgendwann ein Teil davon auch Wirklichkeit werden.

EPILOG – Herr Tagtraum und das allweis(s)e Sternenschiff

Viele, sehr viele Jahre sind vorüber. Stell dir vor, wir schreiben das Jahr, na, sagen wir, Zweitausendännafännuffzig. Aus Kindern sind Eltern, Groß- und sogar Urgroßeltern geworden. Aus Träumen sind neue Träume entstanden, weil, tja, eben nicht alle sich erfüllt haben. Manche sind auch komplett schief gegangen oder von der Wirklichkeit in eine ganz andere Richtung gedrängelt worden. Aus dem Heute heraus weiß keiner so genau, was bis zum Jahr Zweitausendännafännuffzig so alles erfunden sein wird und in welcher Verfassung sich dann unsere gute, alte Erde und die gesamte Menschheit befinden wird, denn, das einzige, auf das Verlass ist, ist, dass sich alles ändert. Gestern – heute – morgen, einen Halt, ein Festhalten gibt es immer nur im Augenblick und in der Hoffnung, der Gewissheit, weiter gehen zu müssen. Aber stellen wir uns mal einen schönen, spätwarmen Herbsttag im Oktober des Jahres Zweitausendännafännuffzig vor. An einem grünen, dreieckigen Haus werden tatsächlich Straßenbahnen vorbeifahren, eine Haltestelle befindet sich unmittelbar vor der Eingangstür. Vielleicht ist die Straßenbahn dann auch noch gelb, quietscht aber kein bisschen mehr, weil sie tatsächlich weder Schienen noch Oberleitung braucht, sondern auf einem Luftkissen angeschwebt kommt. Der Traum, dass eine S-Bahn vom Hauptbahnhof hier stoppt, um als nächste Station das Haus auf dem Weinberg anzusteuern, der hat sich natürlich auch erfüllt, nur nicht hier, sondern in Prag, Paris und Sao Paolo. Leider haben Unwetter, Vulkanausbrüche, Brände und Beben die Erde immer wieder heimgesucht, aber alle großen Kometen und Asteroiden sind immer nur knapp, also einige zehntausend Kilometer entfernt, an der Erde vorbeigesaust, die ganz große Katastrophe ist also ausgeblieben. Trotz allem, was immer wieder „Fortschritt“ genannt wird, ist die Menschheit nicht von Krankheiten verschont geblieben und auch nicht so vernünftig geworden, dass Kriege ausbleiben konnten. Und Wohlstand für alle Menschen? Die Erde hätte schließlich genug Ressourcen dazu, diesen mit dem Vernunftteil des menschlichen Gehirns zu ermöglichen, und es wäre schön zu sagen –

„Stelle dir das einfach mal vor!“ Aber mit dem Teil des Gehirns, in dem Gier, Hass und Neid wohnen…, nein, auch in vielen Jahren scheint das alles nicht so recht vorstellbar.

Ach, würde ich mich nur täuschen! Würde im Jahre Zweitausendännafännuffzig jemand diesen Text lesen und sagen: „Wie konnte der sich bloß so irren!“ Alle Welt lebte friedlich miteinander und die Menschheit hätte einen bleibenden Wohlstandsausgleich geschaffen. Magst du daran glauben oder davon träumen?

Um die Erde kreist ein allweis(s)es Sternenschiff. Das Sternenschiff scheint verlassen und leer, aber das täuscht, denn es ist voller Gedanken, Ideen und Erinnerungen. Seine Fenster geben den Blick auf die Erde frei, auf viele Sonnenauf- und -untergänge in ganz kurzer Zeit. Noch mag es sich von dem faszinierenden Blick auf die Erde nicht lösen. Für einen Weiterflug in die Tiefen des Alls bedürfte es eines gewaltigen Schubes…

An jenem spätwarmen Herbsttag im Oktober Zweitausendännafännuffzig sitzt im kleinen Park beim Theater ein alter Herr mit Hut und Mantel tagträumend auf einer Bank. Mit einer quietschgelben Straßenbahn begannen unsere Geschichten und – wie gesagt – eine Straßenbahn gibt es hier ja wirklich. Der alte Herr aber ist die zwei Haltestellen von seiner Wohnung zum Park gelaufen, sogar über Umwege. All diese Umwege stecken für ihn voller Erinnerungen, denn es sind von ihm oft begangene Wege. Herr Tagtraum beobachtet die Leute von seiner Parkbank aus, freut sich besonders über die Kinder, die jetzt aus der Schule kommen, erinnert sich wieder an den Geruch der Pausenbrote, damals, in einem schweren Schulranzen aus Leder, voller Bücher und Hefte. Mitunter ist Herrn Tagtraum etwas schläfrig und er nickt auf der Bank im kleinen Park ein wenig in den Schlummer. Dann träumt ihm von weiten Wegen, Wiesen, einem Flug über die Alpen, den Wellen am Meer und von einem Sternenschiff, das direkt über der Stadt schwebt und vielleicht sogar ihn und all die Menschen ringsum beobachten kann. Tatsächlich steht in der Zeitung etwas vom Kometen Singflurhallytour, der dieser Tage an der Erde vorbeizieht, leicht mit bloßem Auge zu erkennen. Astronomen haben nicht nur seine Masse und die Länge seines Schweifs berechnet, nein, auch seine Bahn. In genau 3 Millionen Jahren käme er hier an gleicher Stelle wieder vorbei… Es ist schon später Nachmittag geworden. Herr Tagtraum schaut auf seine alte Armbanduhr aus rötlichem Gold. Die hat schon viele Kratzer und auch nicht mehr das richtige, ursprüngliche Armband. Herr Tagtraum hat es durch ein einfaches, praktisches, mit weißen und roten Streifen und vielen Sternen ersetzen lassen. Der Sekundenzeiger der Uhr ist irgendwann hängen geblieben und steht ständig auf „zehn nach“, aber das stört Herrn Tagtraum nicht. Das Besondere an der Uhr ist nämlich das Zifferblatt. Da reichen sich zwei Männer in sehr altmodischen Sternenschifffahreranzügen die Hand. Der eine lächelt geradezu bezaubernd. Er soll der erste Mensch gewesen sein, der vor vielen Jahrzehnten die Erde für einen Flug ins All verlassen hat. Der andere Herr schaut etwas bedächtiger und blickt dabei auf seine Füße. Er soll auch der erste Mensch gewesen sein, jener, der den Mond betrat. Beide haben sich in Wirklichkeit nie getroffen. Nur auf dem Zifferblatt der alten Uhr von Herrn Tagtraum stehen sie sich Hand in Hand und von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Es ist Zeit für den alten Herrn in Hut und Mantel, Herr Tagtraum nimmt seinen Gehstock, stützt sich von der Bank und begibt sich auf den Weg nach Hause. Wiederum nimmt er nicht die Straßenbahn, wieder läuft er Umwege durch seine Erinnerungen. Und: Er wird bald DA sein. Wer ihn beobachtet wird feststellen, dass sein Gesicht, ja seine ganze Gestalt vor Zufriedenheit strahlt. Der Nachhauseweg fällt ihm leicht.

Und für den Autor dieser Geschichten wird es jetzt auch Zeit, nämlich sich an dieser Stelle von dir zu verabschieden. Du weißt ja – was immer geschieht, du darfst nie aufhören zu träumen und zu sagen „stelle dir vor…“. Und vielleicht stellst du dir ja vor, was man in Zukunft so vieles noch berge-, ja weltenversetzend besser machen muss. Deshalb mein inniger Wunsch mit auf DEINEN eigenen und einzigartigen Weg: Viel Glück und gute Begegnungen.

Solltest du Tom treffen, nun, mitunter bedarf es einer praktischen Handreichung aus den Träumen heraus in die Wirklichkeit. Meistens aber reicht schon ein wissendes Augenzwinkern…!

Tobias Märksch

In eigener Sache

Weihnachtswunsch

Liebe Leserinnen und Leser,

nein, um eine Spende bitte ich Sie jetzt nicht, auch wenn wir, wie im Novemberheft berichtet, den sächsischen Bürgerpreis nicht erhielten. Immerhin gab es zur Anerkennung unten gezeigte Urkunde. Wir machen weiter, habe ich versprochen und deshalb möchte ich heute noch einmal auf eine andere naheliegende und beständige Unterstützung für unser Monatsheft hinweisen. Immer zum Monatsende machen sich die Redaktionsmitglieder und deren Freunde auf den Weg, um „Vorschau & Rückblick“ zu verteilen. Viele Stunden, oft über Tage verteilt, laufen und fahren sie durch Radebeul und Umgebung, um pünktlich bis zum Ersten des Monats die Hefte in die Briefkästen bzw. zu den Auslagestellen zu bringen. Viele von Ihnen bekommen auf diesem Weg direkt das Heft, ohne im Verein Mitglied zu sein. Dieser Service hat sich über die Zeit entwickelt und soll auch nicht abgeschafft werden. Dennoch stellen wir die Frage in den Raum, ob es nicht den Vereinsmitgliedern gegenüber fair wäre, dass die bequeme Frei-Haus-Lieferung durch eine formelle Mitgliedschaft gedeckt wird. Die 25 €, die dafür pro Jahr zu entrichten sind, würden uns helfen, das monatliche Erstellen des Heftes auch zukünftig zu sichern. Zusätzlich wollen wir gern die Internetpräsenz durch die Aufnahme zeitloser, interessanter Artikel aus den vergangenen fünfundzwanzig Jahren erhöhen. Dies wäre mit einem hohen Aufwand verbunden. Auch dafür könnte das Geld in Form von kleinen Aufwandsentschädigungen verwendet werden.
9-Saechsischer-Buergerpreis
Sollten also auch Sie zu denen gehören, die diese Dezemberausgabe kostenlos und ohne eigenen Aufwand erhalten haben, dann überlegen Sie doch bitte, ob Sie nicht ab 2017 Vereinsmitglied werden möchten. Einen Aufnahmeantrag finden Sie auf unserer Homepage im Internet unter dem Stichwort „Verein“.

Vielen Dank schon jetzt an alle, die sich dafür entscheiden.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich nun eine frohe Adventszeit und ein fröhliches, besinnliches Weihnachtsfest – und lassen Sie sich nicht vom Vorweihnachtsstress einfangen!

Ilona Rau
Vereinsvorsitzende

Zeichen und Gestalt

DIE KRAFT DER LINIE
Hermann Glöckner & Helmut Schmidt-Kirstein

Sowohl der Glasperlenspielmeister Hermann Glöckner (1889 – 1987), als auch der sinnliche Helmut Schmidt-Kirstein (1909 –?1985) setzen in ihrem Werk in besonderem Maße auf die Sensation der Linie, die Raum und Welt aus dem Nichts der leeren Fläche ins Leben ruft.

Glöckner, »Formen in der Landschaft«, um 1958 Foto: G. Klitzsch

Glöckner, »Formen in der Landschaft«, um 1958
Foto: G. Klitzsch


Die Zeichnung als die klassische Grundlage aller Darstellung ist zugleich Ausdruck und Ausweis der künstlerischen Meisterschaft beider Künstler. Kohlezeichnungen stehen am Beginn der künstlerischen Entwicklung Hermann Glöckners und nicht zufällig klingt in den »Schwüngen« – vollendet fließenden, farbigen Kurvenlinien – sein Lebenswerk aus. Im Tafelwerk der 30er Jahre erlangt die Linie systemhafte und gestaltschaffende Bedeutung.
Schmidt-Kirstein, »Liegender Herbststrauß«, 1980 Foto: g. Klitzsch

Schmidt-Kirstein, »Liegender Herbststrauß«, 1980
Foto: g. Klitzsch


Helmut Schmidt-Kirstein begleitet nicht nur seine späten, flächigen Gestaltungen mit einem Liniennetz sprechender und raumschaffender Konstruktivität, sondern gibt in den Porträtzeichnungen seinen Frauengestalten mit wenigen Linien körperliche Präsenz. Die Linie gibt bei Schmidt-Kirstein auch in seinen frühen Nachkriegs-Lithographien, den italienischen Mädchen und Frauen und ihren lebensfrohen Arbeiten stets eine unmittelbare Authentizität. In den in der Ausstellung nur mit einem Werk vertretenen »Vergitterten Gärten« aus dem Jahre 1959/1960 bestimmt neben glühenden Farben ein dichtes Liniengeflecht den Bildcharakter.

Glöckner und Kirstein kommen sich Mitte der 50er Jahre in ihrem gegenstandsfreien Arbeiten nahe, auch in Hinblick auf internationale Tendenzen (Hartung) der Kunstentwicklung nach dem Krieg. Die Ausstellung versucht hierfür den Beweis anzutreten.

Es ist eine der stupenden Stärken der Dresdner Kunst, auch in der Abstraktion oder im Informellen stets einen Rückbezug auf die realistische Wahrnehmung der Welt fortzuführen, diese aufzuheben und damit die Gründung der Abstraktion im Gegenstand der Welt zu bewirken. Dies erscheint als eine spürbare, vielleicht aus der Flusslandschaft der Kontinuität des Kunstraumes von Dresden sich nährende Besonderheit.

Lineare Strukturen findet Glöckner in den 20er und 30er Jahren in Schornsteinen und Strommasten, in Flächenteilungen der Felder, an Hausdächern und Giebeln seiner näheren Umgebung. Die Entstehung seines »Konstruktivismus«, auf den er zu Unrecht oft schlagwortartig reduziert wird, schildert er wie folgt:

»Um 1930 sind Bilder wieder hervorgeholt worden, die bis 1927 entstanden sind. Wesentlich war mir vor allem der »Kleine Dampfer«. Es fiel mir auf, dass in dem Bild bestimmte Maßverhältnisse herrschten, die sich gewisser Maßen unbewusst formiert hatten. Ich untersuchte dann auch andere Bilder daraufhin und es stellte sich heraus, dass es auch dort der Fall war. Die Bilder wurden fotografiert und die Fotos von mir mit Maßlinien überzeichnet, so dass entsprechende Teilungen und Unterteilung aufzufinden waren. Es stellte sich heraus, dass immer eine Mittelachse vorhanden war und außerdem sowohl in horizontaler wie in vertikaler Richtung die Halbe-, die Viertel-, die Achtelunterteilungen und so weiter sich deutlich durch Bildelemente akzentuieren, und zwar so scharf, dass ich mir bewusst wurde, dass das nicht zufällig sein konnte. Ich besann mich meiner jugendlichen Erfahrungen und Leidenschaften für die Geometrie. Es war zweifellos so, dass meine damaligen Erfahrungen in meine Arbeiten eingegangen sind, ohne dass ich das bemerkte.«

Helmut Schmidt-Kirstein kehrt nach 1970 zu einer gegenständlichen Darstellung zurück (»Herbststräuße«). Allerdings bleiben die Erfahrungen der vorangegangenen beiden Jahrzehnte lebendig in Gestalt einer flirrenden explosiven Lineatur, die die Früchtestillleben und die Mädchen, die Bischofswerdaer Gartenlandschaften und die italienischen Erinnerungen in einer nervösen Kalligraphie begleiten. Eine kraftvolle Farbigkeit zeichnet die nach den Monotypien allmählich in verstärktem Maße entstehenden Aquarelle aus.

Hermann Glöckner zog 1945 in den ersten Stock des Loschwitzer Künstlerhauses, Helmut Schmidt-Kirstein folgte im Erdgeschoss 1955 und beide behielten diese Ateliers, die zugleich bescheidene Wohnungen waren, bis zu ihrem Tode.

Der Pietzsch-Bau beherbergte mit Glöckner und Schmidt-Kirstein nicht nur sehr unterschiedliche Künstler, die gleichwohl von der Unbedingtheit ihres Schaffens geleitet, zum Freiheitlichsten gehören, was die Dresdner Kunst auch nach dem Krieg als neuen Beitrag zur Moderne dieser hinzugefügt hatte.
Beide Künstler bewegten sich im Spannungsfeld zwischen »Zeichen und Gestalt« und vermögen unserer Wirklichkeitserfahrung andere Weltsichten hinzuzufügen. Sie sind herausragende Beispiele einer Lebenskunst, die nicht den Vorgaben einer normierenden Gesellschaft, sondern den inneren Sternen ihrer eigenen Existenz mit all ihren Zufälligkeiten und Unvorhersehbarkeiten gefolgt sind. Gerade in unseren Tagen von erneut vorgeprägter Gedanken- und Sprachwelten, gewinnt das Lebens-Zeugnis der beiden »Künstlerhäusler« Glöckner und Schmidt-Kirstein eine besondere, heiter stimmende Bedeutung.

Lassen Sie sich von diesem freien Spiel zu einem Augenblick zwischen Lebenslust und Kontemplation herzlich einladen!

Gottfried Klitzsch

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