Pläne und Entwicklung des Männerchores Radebeul e.V. „Liederkranz 1844“

Aufgrund der Pandemie und des Ausscheidens einiger Sänger sind wir auf eine Teilnehmerstärke gesunken, die Auftritte in der Öffentlichkeit in gewohnter guter Qualität nur noch schwer möglich gemacht hat.

Mit hoher Intensität wurden die Probenabende durchgeführt und die Werbung von Sängern zur existenziellen Aufgabe erklärt.

Auf der Grundlage der seit 2022 stattfindenden Zusammenarbeit mit dem Lößnitzgymnasium war die Gestaltung des ersten gemeinsamen Projektes „Singen an Schwarzes Teich“ am 11.06.2023 ein voller Erfolg. Die Musiklehrerin, Frau Matthes, leitete die Generalprobe und den Auftritt des Männerchores mit Sängern des Lößnitzgymnasiums und weiteren Gastsängern.

Allen, die uns bei unseren Auftritten unterstützten, sei an dieser Stelle herzlichst gedankt.

Mehrere Gespräche zum Fortbestehen des Männerchores einerseits und andererseits die Entwicklung der musikalischen Tätigkeiten des Lößnitzgymnasiums in der Öffentlichkeit führten dazu, dass Frau Matthes für die Übernahme der Funktion als Chorleiterin des Männerchores ab sofort zur Verfügung steht. Damit sind die musikalische Führung und Weiterentwicklung des Männerchores und auch die Werbung von Sängern, z.B. durch Unterstützung des Chores seitens des Gymnasiums im Rahmen der Projektarbeit gewährleistet.

Wir sind uns bewusst, dass dies eine Aufgabe ist, die uns bis in die Zukunft begleiten wird.

An dieser Stelle danken wir Herrn Kruschel für die Chorleitung nach dem Weggang von Herrn Rauschelbach sehr herzlich.

Unser nächstes großes Ziel ist die Ausgestaltung des 180-jährigen Chorjubiläums im kommenden Jahr.

Wir würden uns glücklich schätzen, wenn wir zahlreiche Zuhörer in der nächsten Zeit zu folgenden Veranstaltungen mit unserem Gesang erfreuen könnten.

  • Tag der Vereine am 02.09 2023 am Kulturbahnhof Ost in Radebeul,
  • Teilnahme an einer Chorprobe im Rahmen der „Woche der offenen Chöre“

am Montag, 11.09.2023, 19.00 Uhr im Hotel „Goldener Anker“, Altkötzschenbroda 61, 01445 Radebeul

  • Eröffnung des Herbst- und Weinfestes am Freitag, 22.09.2023, 18.00 Uhr auf der Bühne vor der Friedenskirche in Radebeul

Nun liebe Leser, möchten wir Sie persönlich ansprechen.

Singen Sie gern? Und das am liebsten mit anderen?

Dann kommen Sie zu uns und singen mit uns gemeinsam!

WIR

  • sind einer der ältesten Männerchöre des Sächsischen Chorverbandes e.V.,
  • pflegen unser Motto: „Des Lebens Sonnenschein ist Singen und Fröhlichsein“,
  • sind ein vierstimmiger Männerchor,
  • pflegen das alte Liedgut der Region, aber studieren gern auch Neues ein,
  • treten in sozialen Einrichtungen, bei Stadt- und Stadtteilfesten und zu verschiedensten anderen Festen und Feiern allein oder mit anderen Chören der Stadt auf.

Uns gibt es schon seit 1844 – damit sind wir der älteste Chor der Region und wollen das auch bleiben.

Kommen Sie gern einmal vorbei und singen Sie mit!

Die Proben finden jeweils montags von 19 bis 21 Uhr

Im Hotel „Goldener Anker“ Altkötzschenbroda 61, 01445 Radebeul statt.

Nach einer Schnupper-Probe laden wir Sie recht herzlich zu einem gemeinsamen Gespräch ein. Hier können Sie uns und wir Sie besser kennenlernen und herausfinden, ob und wie wir miteinander singen und das Vereinsleben gestalten wollen.

Was wir bieten:

  • Eine fröhliche und musikalische Gemeinschaft,
  • Regelmäßige Auftritte in Radebeul und Umgebung,
  • Eine langfristige Planungssicherheit für Auftritte,
  • Austausch und Begegnung mit anderen Chören.

Was wir von Ihnen erwarten:

  • Freude am Musizieren,
  • Regelmäßige Teilnahme an unseren Proben und Auftritten,
  • Mitwirkung bei den Aufgaben im Chor.

Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Volkmar Kretzschmar

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Bei Interesse bitten wir Sie sich an folgende Adresse zu wenden:

Männerchor Radebeul e.V. „Liederkranz 1844“

Dr.-Külz-Straße 21

Herrn Volkmar Kretzschmar, 1. Vorsitzender

Tel.: 0351-8365311

Fax.: 0351- 27222484

E-Mail.: vorstand@maennerchor-radebeul.de

https://maennerchor-radebeul.de

AUFBRUCH.IMMER.WIEDER

Zwei Jubiläen in einer Ausstellung

Diese vieldeutige Überschrift ist auch gleichzeitig Titel der Sonderausstellung in der Heimatstube Kötzschenbroda. Den Anlass hierfür bieten zwei nicht unbedeutende Jubiläen. Vor genau 30 Jahren erfolgte die erste Sanierung eines der vielen verfallenden Gebäude im geschichtsträchtigen Altkötzschenbroda. Das war ein großes Ereignis, denn eigentlich hatte keiner mehr daran geglaubt. Doch nun konnte man das Auszugshaus des Dreiseithofes mit der Nummer 21 in neuer Schönheit bewundern.

Ein erstes Zeichen der Hoffnung, Saniertes Auszugshaus des Dreiseithofes Altkötzschenbroda 21, 1993, Foto: Privatarchiv

Das andere Jubiläum scheint nichts mit dem Gebäude zu tun zu haben. Aber wie so oft liegen die Dinge enger beieinander, als beim flüchtigen Draufblick zu vermuten ist. Es war ebenfalls das Jahr 1993 als sich in Radebeul der Fremdenverkehrsverein gründete. Beider Ereignisse soll nun am 17. September gedacht werden mit einem fröhlichen Festakt, einer kulinarischen Open-Air-Tafelrunde, mit Kurzführungen durch die Heimatstube und Rundgängen über den Dorfanger.
Mit dem intermedialen Heimatprojekt „AUFBRUCH IMMER.WIEDER“ will der Veranstalter, die AG Kötzschenbroda „Heimatabend mit Frühstück“ in Zusammenarbeit mit dem Fremdenverkehrsverein Radebeul, dem Wechselspiel der Geschichte ein Gesicht geben.
Vieles hat sich in den 1990er Jahren parallel ereignet. Bereits im April 1990 wurde in der Stadtgalerie (damals noch in Radebeul-Ost) die provokante Ausstellung „Altkötzschenbroda im Abriss“ eröffnet. Im September 1991 folgte dann schon in Altkötzschenbroda das erste Radebeuler Herbst- und Weinfest. Wiederum im September wurde 1993 das erste sanierte Gebäude (heute Heimatstube) und 1994 das Familienzentrum eingeweiht sowie 1997 die Stadtgalerie am neuen Standort wiedereröffnet.
Der gesellschaftliche Umbruch vor nunmehr über drei Jahrzehnten verbindet sich für viele Menschen mit Abbruch und Aufbruch, mit Verlust und Gewinn, mit Enttäuschung und Zuversicht. Alte Strukturen brachen weg. Neue Strukturen wurden geschaffen. Zum Herbst- und Weinfest gesellte sich das Internationale Wandertheaterfestival und viele andere kulturelle Angebote. Der Dorfanger entwickelte sich zur beliebten Flaniermeile. Autos, Schilder und Biergartenbesucher haben sich vervielfacht. Jede Medaille hat eben zwei Seiten!
Drei Rednerinnen werden zum Festakt aus unterschiedlichem Blickwinkel und aus eigenem Erleben sprechen: Birgit Freund, als Vorsitzende des Radebeuler Fremdenverkehrsvereins, Petra Clausnitzer, die die Sanierung des Dreiseithofes Altkötzschenbroda 21 als Architektin fachlich mit begleitet hat und Karin Baum als ehemalige Stadtgaleristin, Initiatorin der Heimatstube und Sprecherin der AG Kötzschenbroda. Die Dorfrundgänge werden von Ortsansässigen gestaltet.

Karin (Gerhardt) Baum

Führungen durch die Heimatstube am 17.9.2023 ab 13 Uhr non-stop sowie Dorfrundgänge um 14 und 16 Uhr
Reservierungen, Kontakt und Information: AG Kötzschenbroda, 0160-1038663

 

 

 

Als die Läden noch Namen von Leuten trugen

Es war letztes Jahr im Herbst, als sich sechs ältere Herren in der „Alten Apotheke“ trafen. Gemeint ist die Gaststätte in Kötzschenbroda, den Pharmazieladen gleichen Namens in Ost, den gibt es schon lange nicht mehr. Es war schon dunkel, als bei uns ein geradezu feuerzangenbowliger Gemütszustand eintrat, obwohl wir nur bodenständig Bier zum Essen bestellt hatten: Mein Gott, hatten wir eine schöne Kindheit! Wir gingen gedanklich durch Gänge unserer Schulen, wurden altersmild zu unseren Lehrern, rauchten wieder heimlich hinter der Turnhalle, schwammen im Bilz- oder Lößnitzbad und gingen sogar einkaufen in einer fern gewordenen Welt…ja, manchmal gab es sogar ganze Ananasfrüchte gegenüber der Lutherkirche bei Heides, hinten, in der Gemüsebaracke.
Gerade bin ich beim Bilderkriegen in den frühen 1970ern, in den Jahren zuvor ging es aber schon Milch holen zu Burkhardts, unverpackt natürlich, eine Kanne wurde mitgeführt. Einmal hatten Heides sogar Auberginen aus dem Frühgemüsezentrum abgezweigt, die sicher für Berlin gedacht waren. Aber niemand wusste, wie sich die Dinger aussprechen und erst gar nicht, wie sie zubereitet werden. „Sowas kaufen wir nicht mehr!“, verkündete resolut die Großmutter, gerade Kochfisch mit Senfsauce zubereitend. Natürlich schrieben wir „Soße“. Praktisch alle Kunden waren namentlich und mit familiären Hintergrund bekannt. Brot und Milch (es gab nur frische) konnte man vorbestellen. Wollte ich ein abgepacktes Eis, kletterte Frau Heide hoch auf die von oben zu öffnende, gleich neben der Tür im Laden vorne eingebaute Gefriertruhe und musste erst eine Weile umschichten, ehe sie das Gewünschte fand. Meist aß ich das dann vor der Ladentür und schaute dem Treiben an der Tankstelle zu (gerade erst abgerissen, nun also freie Fahrt für Karl May); der Tankwart befüllte damals selbst!

Sidonienstraße, Blick nach Westen, Bildnachweis: © Deutsche Fotothek / Paul Mehlig

Nebenan verkaufte die Bäckerei Pinkert Brot und Kuchen, in der Adventszeit trafen sich die Frauen der Umgebung in der Backstube, um die zu Hause kreierten Stollen ausbacken zu lassen. Jede Hygiene- und Seuchenkommission würde diese Art „Demo“ heute mit allerlei Gesetzestext auflösen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand an Stollen gestorben wäre. Bekam man etwas bei Heides nicht, lief man wenige Schritte zu Zumpes. Das Netz dieser kleinen Läden war engmaschig. Wir hatten stets eines der unendlich dehnbaren Einkaufsnetze – Perlon, Sie erinnern sich? – dabei und jetzt beim Schreiben habe ich, ohne einen Kopfhörer zu brauchen, Udo Jürgens mit seinem Song „Tante Emma“ im Ohr. Fräulein Haubold führte die in unserem Haus befindliche Filiale der stadtbekannten Färberei Märksch. Erwischt, der letzte Satz ist zitiert aus Als ich ein kleiner Junge war von Erich Kästner und Fräulein Haubold leitete den Laden auf der Königsbrücker Straße in Dresden, in Radebeul tat das Frau Klippstein, zu der ich, eine Etage über uns, bereits im Schlafanzug, das Sandmännchen schauen kommen konnte. O Wunder: sie hatte einen Fernseher. Und ich bekam meist noch ein Bonbon mit als Betthupfer. In unserem Haus gab es auch noch die Schneiderei von Herrn Kunath mit fleißigen Mitarbeitern, den Zigarettenladen von Frau Stur und das Gärtnereigeschäft der Albrechts. Man brachte die Reinigungsklamotten auch zu Schrapels oder Wäsche-Müller neben dem Augenoptiker Rosenmüller, heute Papst, auch in die Annahmestelle von Kelling an der Einmündung der Bilz- in die Ernst-Thälmann-Straße, der „Thäli“. Daneben gibt es immer noch die Volksbuchhandlung, die jetzt Thalia heißt und Herr Zeibig, früher Tomann, zog auch bald mit seinem Modelleisenbahnladen in die Einkaufsmeile. Besonders in der Weihnachtszeit drückten wir uns an seinem Schaufenster die Nasen blank, da lief eine liebevoll aufgebaute Anlage bis Ladenschluss. Daneben im Eiscafé der Nizzastraßenfirma Neumann kam die Kugel 15, Schoko 20. Die Rede ist von Pfennigen. Mir wurde ganz taschengeldmulmig, als ich beim ersten schüchternen Versuch, ein Mädchen auszuführen, feststellen musste, dass die Kugel im Becher drinnen ungeheure 10 Pfennig mehr kam und die Schlagsahne obendrauf sowieso schon eine ganze Mark. Jetzt langte das Budget nicht mehr für Herrn Zeibig, Basteldraht für die Eisenbahnplatte musste ja noch mit. Also das nächste Mal zu Frau Teplitz in den Laden „Bonbonniere“ und für 25 Pfennig ein großes Exemplar der Köstlichkeit gekauft, von der ich nicht weiß, wie man die noch politisch korrekt bezeichnen soll. Damals jedenfalls war das Wort Kuss enthalten und der hier war besonders süß.
Das Thema Mädchen streifte mich auch in der Drogerie Schreckenbach. Dort gab es so ziemlich alles und ich hatte beim An-dem-Zopf-Ziehen einer Mittschülerin – Kathrin W., bitte verzeihe mir nachträglich! – (im dritten Schuljahr?) solch einen Zusammenbindegummi zerstört und wurde vom Lehrer Herrn Ramm verdonnert, den schleunigst zu ersetzen. Herr Schreckenbach stand wie immer mit einem Kollegen im blaugrauen Kittel hinter seiner Ladentheke, als ich nachmittags roten Kopfes mit der Frage aufschlug, ob er solche komischen Gummis für Mädchen hätte. Ich habe seinen merkwürdig-forschenden Blick ewig in Erinnerung behalten, um seine Fürsorge erst in einer anderen Ewigkeit zu verstehen.
Der Fleischer neben uns hieß Fischer, der Fischladen Krebs, später Pietzsch. Kamen wir mit dem Roller vorbei und im Laden war gerade mal nichts los, winkte Frau Fischer fix rein und reichte uns Kindern eine Scheibe ihrer berühmten Jagdwurst mit der Gabel über die Vitrine direkt in den Mund. Frühe Kundenbindung. Es folgte bald ein Schuhmacherladen und daneben die Werkstatt eines Mannes, der auf sein Ladenschild „Fachmann für knifflige Angelegenheiten“ gemalt hatte. Außer Fernseher reparierte er alles, kam ggf. ins Haus. Schuhe kauften wir im legendären Schuhhaus Tröger. Das hatte es durch das Führen von Übergrößen (bis 51) zu republikweiter Berühmtheit gebracht und schaffte es in Presse, Funk und Fernsehen, u.a. in die TV-Sendung „Außenseiter – Spitzenreiter“. Der Chef war Onkel Walter. Es hieß, er hätte meine Mutter und mich in seinem schnittigen 311er Wartburg Kombi aus der Geburtsklinik in Dresden abgeholt. Jetzt fuhr er damit Pakete zur Post, er betrieb mit seinen Übergrößen einen privaten Versandhandel. Obwohl meine Oma die Fleischersfrau Fischer duzte, weil sie sich von Jugend auf kannten, ging sie oft die Runde zu -zig anderen privaten Läden, weil ihrer Meinung nach da dies und dort das besser war. Selbst meine betagte Klavierlehrerin Frau Bernhard pilgerte aus der Gutenberg- in die Ernst-Thälmann-Straße, um dort mit der Stimme einer einst gefeierten Operndiva eine Crémeschnitte beim Bäcker Füssel zu ordern. Neben dem erlesenen Laden von Spirituosen-Andrich gab es noch Möbel-Andrich. Der Chef höchstselbst klingelte punkt 9 Uhr an einem Geburtstag meiner Oma und stellte ihr einen Schaukelstuhl in die gute Stube, der ihr als Wunsch von ihrem Mann von den Augen abgelesen war. Opa meinte nur, Herr Andrich hätte sofort gesagt: „Geht klar!“. Lassen wir das 1969 gewesen sein.
1983 hatte sich mal jemand die Mühe gemacht und im Telefonbuch nachgezählt. Geht man davon aus, dass im Gegensatz zu privaten Haushalten wenigstens die Gewerbe alle Telefon hatten, gab es in Radebeul 13 private Fleischer, 22 Bäcker und 36 gastronomische Einrichtungen. Als mich die Tram neulich am Weißen Roß und der Goldenen Weintraube durch die Mitte Radebeuls fuhr, wurde mir bei diesem Gedanken etwas beklommen.
Erinnert sich jemand an den Laden der Kettners, Maxim-Gorki-Straße? Es roch nach Bohnerwachs und Seife, gab Bürsten, Besen, Lappen. Und als Knüller viereckige Bonbons in weiß-blauer Schachtel: Bayrisch Malz. Ab den 1970ern mussten die auf einmal Meißner Malz heißen. Küsschen.
Scheinbar schien in der Kindheit immer die Sonne, der Krieg war in Dresden geblieben, dort, nachdem die Straßenbahn am Palaisplatz, damals über die Rähnitzgasse, in die Ruinenstadt einbog. Aber dann kam doch Kampflärm indirekt nach Radebeul. Heiß war es, neues Stangeneis für den Eisschrank wurde vom LKW gekauft. Da donnerten Tiefflieger von Norden über das Kindheitsidyll. Es war der 21. August 1968 und ich wusste noch nicht, dass das Land knapp südlicher damals Tschechoslowakei hieß. Damals bei uns daheim – so lautet der Titel eines Buches mit literarischen Kindheitserinnerungen von Hans Fallada. Selber bin ich jetzt nur punktuell retrospektiv durch eine Welt gestreift, die mir Kindheit war. Es bedarf hier sicher der Ergänzung und Weiterführung, denn: Das schönste am Gedächtnis sind die Lücken (Buchtitel von Peter Ensikat)! Wer sich also, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Zeitkontinuum wiederentdeckt hat, sage sich bitte, WIR SIND DIE LETZTE GENERATION, die dazu noch etwas dokumentieren kann!
Mit der Redaktion der V&R besteht die Hoffnung auf Ihre Erinnerungen zum Abdruck in loser Form und Folge. Wie wäre es mit verflossenen Gaststätten in Radebeul und Anekdoten drumherum? Gerne bin ich dann Ihr Leser. Und vielleicht ergibt sich sogar ein Dialog. Vor einigen Jahren saß ich mal zufällig 5 Stunden neben einer älteren Radebeuler Dame im Flieger. Bald nach dem Start hatten wir bis Klotzsche nur noch Radebeul im Gespräch. Also, wenn das nicht als Liebeserklärung an die Stadt und unsere Erinnerungen taugt…. Mehr »

Ton in Ton, ausgezeichnet

Mechthild Kießling gewinnt Keramikpreis von Bürgel

Foto: B. Zscheischler

„Ton in Ton“. Als Mechthild Kießling die Ausschreibung für den Walter-Gebauer-Keramikpreis las, fiel ihr sofort die Mehrdeutigkeit ein. Als sie die fünf Ton-Schalen abgab, legte sie zwei Holzlöffel dazu. Kurz dachte sie über einen Motto-Zettel nach. „Vor dem Essen“, wollte sie drauf schreiben. Sie ließ es sein. Die Besucher der Ausstellung im Keramik-Museum Bürgel, östlich von Jena, kommen von selbst drauf, wie bereits die Jury-Mitglieder. Sie nutzen die Holzlöffel als Schlegel. Die Tonschalen klingen wie Glocken. Dabei ist es doch „normales“ Gebrauchsgeschirr, das es seit Jahren im Laden Altkötzschenbroda 21 zu kaufen gibt. Was für eine Überraschung! Frau Kießling gewann im Juni den diesjährigen Keramikpreis. Bürgel steht für hohe Qualität, der Förderkreis Keramik-Museum und der Dornburger Keramik-Werkstatt e.V. sowie der Bürgeler Töpfermarkt e.V. ehren mit dem Preis den verdienstvollen Bürgeler Töpfermeister Walter Gebauer. Sein Lehrbuch dürfte in keinem Bücherschrank von Keramikern und Töpfern fehlen, zumindest in Deutschlands Osten.
Eigentlich wollte Frau Kießling Ärztin werden. Sie begann als Krankenschwester, wollte danach Abitur machen und studieren.

Foto: B. Zscheischler

„Während der Arbeit im Krankenhaus kam mir der Berufswunsch abhanden“, erzählt sie. Sie dachte alternativ an Musik oder Sprachen, schließlich spielte sie viele Jahre Querflöte und singt bis heute in verschiedenen Chören. „Die Musik begleitet mich mein Leben lang.“ Kein Wunder, dass sie die Klangwelt in ihren Beruf holte.
Es war ein Umweg, der sie Bekanntschaft mit der Töpferscheibe machen ließ. Autodiaktisch tastete sie sich an den künftigen Beruf heran. Es folgte eine verkürzte Lehre. Das Abitur machte sie noch, ein Studium war immer noch erreichbar. Doch die drehende Scheibe, der feuchte Ton, aus dem geschickte Hände Teller, Tassen, Becher, Töpfe formen, ja, einen ganzen Hausrat, sollten ihr Lebenszweck werden. 1994 mietete sich Mechthild Kießling in der Familieninitiative ein, im ersten renovierten Dreiseithof am Anger von Altkötzschenbroda. Die vielen Kneipen und das heute bei Touristen wie Einheimischen so beliebte Ambiente wuchsen erst später heran. Tatsächlich lebt sie von beiden, den schlendernden Touristen und den gezielt nach „Kießling-Geschirr“ suchenden Einheimischen. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Irene Kranich schafft Frau Kießling seit mittlerweile gut 30 Jahren Gebrauchsgeschirr.
Ist das Kunst oder Handwerk? Sie mag die Unterscheidung nicht. Wenn sie am Schreibtisch sitzt und eine neue Form zeichnet, was ist das? Und dann, an der Töpferscheibe, was ist das? Hier passt das Bonmot: Kunst ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration. Am Ende ist das Gesamtergebnis entscheidend. Richtig ist: Farbe und Schnörkel sind nicht ihr Ding. Kießling-Geschirr besteht aus einfachen, handhabbaren Formen, es hat eine einfarbige mattglänzende Glasur, entweder ein erdiges Braun oder ein zurückhaltendes Grün, dessen Verlauf man noch erahnt. Man kann nachvollziehen, wie die Handwerkerin das Stück in die feuchte Glasur taucht und dann mit einer geschickten Umdrehung der Hand dafür sorgt, dass sich die Flüssigkeit auf dem trockenen Ton verteilt. Dabei entstehen typische Schlieren und Farbverläufe von Hell zu Dunkel, an denen der Kundige die ureigene „Handschrift“ der Erzeugerin erkennt. Das gilt für Tassen, die schmeichlerisch in der Hand liegen, aus denen sich Tee oder Kaffee bequem trinken lassen, ebenso für tiefe Teller für Suppe und Schalen, Salatschüsseln sowie Kompottschälchen, die, klopft ein Fingerknöchel dran, einen lange nachklingenden Ton haben. Woher der kommt, weiß Frau Kießling nach langem Probieren. „Am besten klingen meine Stücke, wenn sie einen Rand haben.“

Foto: Keramikmuseum Bürgel

1997 krönte Mechthild Kießling ihren beruflichen Werdegang mit dem Meistertitel. Mittlerweile ist sie nur noch wenig im eigenen Laden zu sehen. Der Laden im Erdgeschoß der „Fami“ ist zugleich Arbeits- und Verkaufsraum, ständig kommen und gehen Neugierige, für ein konzentriertes Schaffen und „Wegarbeiten“ ist er nicht geeignet. Daher zieht sich die Keramikerin lieber in ihre zweite Werkstatt schräg gegenüber zurück. Dort ist auch Platz für ein Lager und einen großen Elektro-Ofen.
Sofort sind wir bei einem aktuellen Thema, den Energiepreisen. Strom ist teuer, die Alternative Gas nicht minder. Einen Freibrandofen gibt es auch. Ein jeder Keramiker, der auf sich hält, hat einen, meist irgendwo auf dem Land. Der verbraucht schnell mal ein bis zwei Kubikmeter Brennholz, doch dabei entstehen einzigartige Stücke für Keramikliebhaber mit dem etwas dickeren Geldbeutel. Bis der nasse Ton zum Klingen kommt, muss er in der Regel zweimal gebrannt werden, beim Schrühbrand bei um die 900, beim Glasurbrand bei 1.120 Grad. Da heißt es, die Rohlinge im Ofen gut stapeln und jede Lücke nutzen. Trotzdem: Einer der ältesten Berufe der Menschheit muss sich heute Gedanken über den ökologischen Fußabdruck machen. Doch gute Gebrauchskeramik hält lange, mitunter ein Leben lang. Damit wären wir beim Thema Nachhaltigkeit. Also: den Ton angeben, sich nicht im Ton vergreifen, sondern den richtigen Ton treffen. Das klappt bei Mechthild Kießling. Ton in Ton.

Burkhard Zscheischler

Editorial September 2023

Editorial

Und wieder geht ein wetterdramatischer Sommer seinem Ende entgegen.
Über Wochen Regen, endlos graue Wolkenteppiche und Überflutungen an ungeahnten Orten. Gefolgt von Hitze in bester Manier des Mittelmeerklimas und schließlich gekrönt von einer endlosen Schwüle wie im tagelang ungelüfteten Gewächshaus.
Als der August sich schließlich neigte, war dann erstmal Pumpe – mit der Wärme.
Ein gutes Stichwort für die politischen Kapriolen in Berlin und auf Kommunalebene. Ein Hin und Her über die irrwitzigsten Heizungskonzepte dort, Haushaltssperre hier. Geld ist eben auch keins mehr da, nur für den Krieg dann irgendwie immer seltsamerweise.
Kurz vor Drucklegung wurde im Kabinett zudem ein Gesetz auf den Weg gebracht, dass ein jeder nun jährlich sein Geschlecht und Vornamen ändern kann. Da soll noch einer sagen es werden keine systemrelevanten Entscheidungen getroffen.
Uns Radebeulern kann die Feierlaune zumindest noch nicht ganz genommen werden, im September reiht sich gewohnterweise ein Fest ans andere. Insbesondere das Weinfest mit dem legendären internationalen Wandertheaterfestival lockt schon jetzt wieder mit einem bunten Programm.
Doch aufgepasst! Wie kürzlich beim Küren der neuen Weinkönigin vom säschischen Weinanbau bekannt wurde, reicht der regionale Gesamtertrag rechnerisch nur für eine Flasche pro Sachse!
Na dann, schnell noch mal Prost!

Sascha Graedtke

 

7. Thematischer Filmclubabend

 

 

Zum Sommerausklang erfährt die Veranstaltungsreihe Film Club Mobil am 31. August 2023 (Beginn 19 Uhr) in der Kunstscheune Alt-Naundorf ihre Fortsetzung. Zu Gast ist die Dresdner Schauspielerin Monika Hildebrand, welche in dem Beziehungsfilm „Jahrgang 45“ neben Rolf Römer, der im Jahr 2000 verstarb, in einer Hauptrolle zu erleben ist. Beide standen zu jener Zeit noch am Anfang ihrer künstlerischen Laufbahn, hatten aber auch schon 1963 im DEFA-Klassiker „Die Glatzkopfbande“ mitgewirkt.

Bei dem DEFA-Film „Jahrgang 45“ handelt es sich um den einzigen Spielfilm des international bekannten Dokumentaristen und Malers Jürgen Böttcher (Künstlername Strawalde). In poetischen Bildern wird von der Sehnsucht nach einem anderen Leben erzählt. Die DDR-Kulturadministration sah in dem Film jedoch eine „Heroisierung des Abseitigen“. Dass die Hauptfigur in ihrem Habitus einen nahezu asozialen Eindruck hinterlassen würde, war nur einer der Kritikpunkte. Bereits in der Rohfassung wurde der Film zurückgezogen und gehörte über viele Jahre zu den sogenannten „Kellerfilmen“, die in Folge einer restriktiven Kultur(verhinderungs)politik nicht zur Aufführung gelangten und in Archiven verstaubten. Erst im Jahr 1990 erfolgte seine Uraufführung. Gedreht wurde u. a. an Originalschauplätzen in Berlin, Prenzlauer Berg. Bemerkenswert sind Kameraführung und Schnitt, aber auch das freie Spiel der Darsteller. Der Drehbuchautor Klaus Poche, welcher auch als Schriftsteller und Illustrator tätig war, geriet zunehmend in Konflikt und siedelte 1979, nachdem man ihn aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen hatte, in die BRD über. Auch der beliebte Schauspieler Rolf Römer wurde zusehends ins Abseits gedrängt und erhielt aufgrund seiner gesellschaftskritischen Haltung nach 1978 kaum noch nennenswerte Aufträge.

Jahrgang 45

1966/1990, DDR, DEFA, Gruppe „Roter Kreis“

94 Minuten, FSK 6

Regie: Jürgen Böttcher; Drehbuch: Klaus Poche, Jürgen Böttcher
Musik: Henry Purcell, Wolf Biermann; Kamera: Roland Gräf, Schnitt: Helga Gentz
Besetzung (Auswahl): Monika Hildebrand (Lisa), Rolf Römer (Alfred),Paul Eichbaum (Nachbar Mogul), Ruth Kommerell (Mutter), A. R. Penck (Freund)

Ostberlin im Sommer 1965. Alfred und Lisa leben in Scheidung. Er ist Kfz-Schlosser, sie ist Säuglingsschwester. Beide haben sich auseinandergelebt. Er fühlt sich in seiner früh geschlossenen Ehe gelangweilt und eingeengt. Nun will er seinen Freiheitsdrang ausleben, streunt durch die Stadt und trifft sich mit seiner alten Motorradclique. Schließlich verlässt er die gemeinsame Altbauwohnung im Prenzlauer Berg, zieht wieder zu seiner Mutter. Der Kaderleiter seines Betriebes bittet ihn um eine Unterredung. Doch Alfred meint, dass die Scheidung seine Privatsache sei. Halt und Orientierung findet er bei seinem lebensklugen Freund und Nachbarn, dem alten Mogul. Obwohl Alfred mit anderen Frauen flirtet, behält er Lisa im Auge. Als diese eine Tanzbar besucht, folgt er ihr eifersüchtig. Auch am Arbeitsplatz, einer Geburtenstation im Krankenhaus, erscheint er und beobachtet, wie sie den staunenden überglücklichen Vätern deren Neugeborenen zeigt. Als beide mit dem Motorrad eine Ausfahrt ins Grüne machen, schauen sie aus der Ferne auf ein im Bau befindliches Neubaugebiet. Der Ausgang des Films bleibt zwar offen, wirkt aber nicht hoffnungslos.

Karin Baum und Michael Heuser

Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.

Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen

Zum Titelbild V&R August 23

Hanglandschaft nördlich der Meißner Straße

Als Anregung für die Titelbildserie erhielt ich von Frank Michael, einem guten Bekannten, u.a. eine ältere Postkarte „Blick nach der Wettinhöhe“ (Brück u. Sohn, Meißen). Als erstes fällt auf, wie dünn die Naundorf-Zitzschewiger-Flur damals besiedelt war – die Wettinhöhe, die Johanneskapelle (1908) und das Wohnhaus für Lehrer Richard Nitzschke (Mittlere Bergstraße 12). Dann staunt man, dass die Kirche „so im Freien“ steht und rund um noch Ackerland ist.



Bei meinen Bemühungen, die Karte zu datieren, bin ich auf das Jahr 1912 gekommen. Das Haus des Lehrers war 1911 bezogen worden und die Villa Mittlere Bergstraße 14 (links von der Nr. 12) fehlt noch, sie sollte erst 1913 gebaut werden. Bis heute wurden die Straßen Bischofsweg, Winterkehle, Mittlere Bergstraße und Knollenweg mit vielen weiteren Häusern bebaut und Kirche und Friedhof sind hinter Bäumen fast verschwunden. Diesmal wollte ich Veränderungen nicht an einem Gebäude sondern an einer Teillandschaft Radebeuls demonstrieren. Das aktuelle Foto durfte ich aus der oberen Etage eines privaten Wohnhauses machen, nochmals Dankeschön an Frau Merkel, die viel Geduld für meine Fotowünsche gebraucht hat.

Dietrich Lohse

Mit den Texten der brachialromantischen Hausapotheker Dieter Beckert und Jürgen B. Wolff durchs Jahr

Radebeuler Miniaturen

400 Jahre Haus Möbius

VIII Haus und Welt

Mit mal eben reichlich 1.8m Scheitelhöhe gehört unser Gewölbekeller eher zu den kleineren im Ort. Dennoch hat er bei guter Vorsorge Platz genug für ausreichend Getränk. Der Gedanke, der mich eben umtreibt, macht es nun nötig, etwas ausgiebiger davon Gebrauch zu machen:

wie mehrfach angeklungen, ist es in diesem Land nicht möglich, eine längere Geschichte zu erzählen, ohne auf einen Krieg zu sprechen zu kommen.

Unser Haus, wir erinnern uns, entstand im fünften Jahr eines Krieges, der noch nicht wußte, daß er einst der Dreißigjährige genannt werden würde. Und auch von der Rolle, die der Ort Kötzschenbroda und seine Kirche darin spielen würden, ahnte zu dieser Zeit noch keiner etwas. Wir aber gedenken heute immer wieder mit Dankbarkeit, daß einmal ein Funken Vernunft von hier aus in die Welt ging.

Immerhin ist es mir gelungen, beim Gang durch die Jahrhunderte die immer wiederkehrenden Unerfreulichkeiten, die in dutzenden Schulbüchern glorifiziert wurden, zu umschiffen. An einem aber kommen wir nicht vorbei:

im fünften Jahr des bis dahin bestialischsten aller Kriege, im Jahr 1944 also, begann Alfred Möbius in weiser Voraussicht, im Obergeschoß des alten Winzerhauses zwei Wohnungen mit WC auszustatten. Leider mußte dem Umbau allerdings die alte Treppe weichen, die auf die ehemalige Galerie geführt hatte. Das Verdienst, damit ausreichend nutzbaren Wohnraum geschaffen zu haben, bleibt davon unberührt.

Der Umbau wurde von der Stadt unter dem Vorbehalt genehmigt, daß diese Aufwendungen bei einem später vorgesehenen Abriß nicht mit entschädigt würden. Aus meiner Sicht ist es bezeichnend, daß eine Administration, die vordergründig alles „Völkische“ in den Himmel zu heben vorgibt, nicht zögert, gut erhaltene Zeugnisse traditioneller Bauweise dem Straßenbau zu opfern. Wer Augen hat, der sehe!

Auch wenn die unmittelbaren Auswirkungen von Krieg und Nachkrieg derartige Vorhaben verhinderten, wurden doch bis in die 1980er Jahre immer wieder maßgebende Stimmen laut, „diese alten Buden“ endlich abzureißen.

Damals jedenfalls wurde zu allererst Wohnraum gebraucht. Zwar wurde dem Märchen vom Endsieg überall wenigstens nach außen hin pflichtschuldigst geglaubt, doch die täglich wachsenden Flüchtlingszüge aus dem Osten waren nicht mehr zu übersehen. Diese Menschen brauchten alle ein Dach über dem Kopf! Noch bis nach 1990 hat eine alte Dame hier im Grundstück ihr zu Hause gehabt, die ursprünglich aus dem ehemaligen Ostpreußen stammte …

Erneut fülle ich die Gläser.

Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt werden, fahre ich nach ein paar kräftigen Schlucken fort, daß inzwischen, von allen Urkunden unbemerkt, ein Bedeutungswechsel stattgefunden hatte: das einstige Nebenhaus, stolze 235 Jahre jünger als das alte, war zum Haupthaus geworden. Noch in den Adressbüchern von 1918 und 1931 sind jeweils fünf Personen als Bewohner des Anwesens benannt (herzlichen Dank an Familie Stock, die mir die Information zugänglich machte!). Leider ist hier nicht differenziert, wer wo genau gewohnt hat.

Die Möbius`sche Modernisierung dürfte jedenfalls zu einer spürbaren Verbesserung – und vielleicht sogar Erweiterung – des Wohnungsbestandes geführt haben. Dies umsomehr, als gleichzeitig ein Waschhaus errichtet wurde, indem eine Badewanne stand, die noch lange von allen Bewohnern genutzt wurde …

Freilich gab es Rückschläge: in dem sprichwörtlichen kalten Winter 47 ist das Fallrohr der Toilettenspülung eingefroren – gedampft hat da jedenfalls nichts mehr …

Ulrike schüttelt sich, puh, das möchte ich auch nicht erlebt haben, sagt sie dann, und nach einer erneuten Trinkpause, sagt sie, ganz schön mutig, diese Bauerei – in so ’ner Zeit …

Mutig, stimme ich ein, und vor allem klarsichtig: Rechts und links fielen ganze Städte in sich zusammen, überall suchten Menschen eine Bleibe … Heute würde kaum noch einer solch ein Risiko auf sich nehmen, schon gar nicht um anderen, Fremden am Ende, zu helfen …

Wo haben, das wieder Ulrike, die beiden Möbiusse nur damals den Optimismus hergenommen? Ulrike fragts ins leere Glas hinein.

Nachdenklich steige ich in den Keller hinab …

Thomas Gerlach

Glosse

Wo steht das Klavier?

Hin und wieder kommt aus dem Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Leipzig auch mal was Vernünftiges. So unter anderem die „Warnung! Geschichte schützt nicht vor Erkenntnissen.“ – gedruckt auf einer Postkarte. Beim Betrachten dieser weißen Sprüche – man hatte mehrere Varianten aufgelegt – kam ich auf jüngste kulturpolitische Kapriolen aus der Region bei denen ich mich an meine Kinderzeit erinnert fühlte.

Nun zählte unsere Familie wahrlich nicht zu den gehobenen Bevölkerungsschichten. Mein Vater war Stehgeiger und Mutter arbeitete in der Weberei. Wenn wir auch nichts hatten oder fast nichts, achteten meine Eltern doch immer auf ein gewisses Niveau im Umgang in der Familie und mit Anderen. Nicht wegen der Leut‘, nein, weil es uns ein Bedürfnis war. Sonntags sind wir immer gut angezogen auf die Straße gegangen und die Trainingshosen blieben im Schrank. Auch achtete Mutter stets darauf, dass ich die Bekannten und Verwandten schön grüße.

Wir hatten eine große Drei-Zimmer-Wohnung in einer kleinen Stadt. Die Wohnstube konnte man nur von der Küche aus betreten. Ob es deshalb immer so ordentlich bei uns aussah, kann ich heute nur noch vermuten. An den Sonnabenden aber konnten wir keinen Besuch empfangen, da die Küche auch als Bad fungieren musste.

Die Wohnstube aber war für mich ein ganz besonderer Ort. Die Eltern hatten viel unternommen, um diesen Raum besonders schön aussehen zu lassen. Die dicken Baumwollgardienen verdunkelten zwar den sieben Meter langen Schlauch, dafür bot er für uns Kinder viel Platz. Die Stube war das Zentrum der Wohnung, quasi der kulturelle Mittelpunkt! Nicht wie bei meinen Großeltern, die das ganze Jahr in der Wohnküche verbrachten und das Wohnzimmer nur zu den „hohen Feiertagen“ aufsuchten.

Da kann ich mich an ganz besondere Möbelstücke erinnern. Stolz war ich als 10-jähriger auf den schwarzen Flügel. Spielen konnte ich darauf nicht, aber wer hatte schon so ein Instrument zu Hause?! Oder der Schachtisch, der später mit der selbstgebastelten Stehlampe an Stelle des Flügels stand. Und erst die Hausbar mit den vielen Spiegeln, das große Aquarium…!

Ganz besonders geliebt habe ich den schmalen hohen Bierglasschrank aus einem Wirtshaus, der die Funktion des Wohnzimmerschrankes erfüllten musste. Natürlich gingen auch die Eltern mit der Mode und kauften sich, als etwas Geld angespart war einen modernen mit hellem Furnier versehenen Wohnzimmerschrank auf vier dünnen Beinen, dessen Türschlösser beizeiten „ausgenuddelt“ waren. Der wirkte wie ein Fremdkörper in der hohen, dunklen Stube.

Die anderen Zimmer konnte man vergessen. Mein Kinderzimmer war zusammengestoppelt mit zufällig irgendwo aufgesammelten Möbeln. Das Schlafzimmer der Eltern interessierte mich bestenfalls im Dezember, da dort die Weihnachtgeschenke deponiert wurden. Sonst war es ein unwirklicher Ort.

Nicht im Traum aber wäre meinen Eltern eingefallen, den Schachtisch ins Kinderzimmer zu stellen oder gar den Flügel ins Schlafzimmer zu verfrachten. Schon deshalb nicht, weil diese beiden Räume für unsere Gäste tabu waren! Und wer ist schon so dumm und versteckt seine Prunkstücke?!

Aber diese Erfahrungen – wie die meisten anderen auch – zählen heute nicht mehr. Wer Macht hat, glaubt, die vermeintlichen Schachfiguren auf dem imaginären Brett nach Belieben hin und her schieben zu können. Da werden Behörden aus dem Zentrum an den Stadtrand wegen eines marginalen Vorteils verlegt, um sie dann Jahre später doch wieder im Zentrum anzusiedeln, werden Immobilien verhökert, um sich letztendlich in fremden einmieten zu müssen. Und schließlich schlägt man allen Ernstes vor, einen Jahrzehnte lang bewährten, von der Bevölkerung und den Touristen angenommenen, kulturellen Standort aufzugeben und hofft, ihn an einem ungünstigeren Ort wieder etablieren zu können. Und wenn es nicht funktioniert, will man es nicht gewesen sein. Ist das nun Schizophrenie, Dummheit oder doch eher Arroganz der Macht?

Nun habe ich hier nicht rumgesponnen. Alles real! Der aufmerksame Leser wird wissen, worum es geht. So richtig will einem dabei das Wort „Glosse“ nicht über die Lippen kommen, eher schon die Bezeichnung „Realsatire“, meint

Euer Motzi!

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