Titelbild 21-07

Altzitzschewig 7 und 8

Was für eine sommerliche Idylle, was für ein schönes Dorfbild: Straße und Vorgärten bilden harmonische Übergänge, Fassaden mit Fachwerkobergeschossen sind in Stand gesetzt, es gibt dorftypische Dachdeckungen ohne Gleichmacherei und eine Blumenpracht, nur knapp hinter bayrischen Vorbildern. Ja, hier würde man gern wohnen!
Aber auch an schlechtere Zeiten wird, wenn man genau hinschaut, erinnert – 1836 war alles abgebrannt. Ein Herr Grille hat es mit Gottes Hilfe wieder aufgebaut, wie uns eine Sandsteintafel am Haus Altzitzschewig 8 verrät. Und 1890 hat hier schon wieder eine Scheune gebrannt!
Heute wohnt Familie Schumann hier – ein Rest Landwirtschaft ist für den Eigenbedarf.
Nicht im Bilde zu erkennen sind die Bauerngärten in der Mitte des Rundlings, erfreulich anzuschauen auch für die Besucher, die die paar Schritte von der Meißner Straße hierher gegangen sind. Es ist auch gut, daß von den Gärten ein Stück (war das früher mal der Dorfteich?) abgeteilt und als Kinderspielplatz eingerichtet worden ist.

Dietrich Lohse

Mit Bernhard Theilmann poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Fliedermann und Rosenmarie

Nein, lila wäre zu simpel. Es ist ein Blau, das ins Rot hineinspielt, mal dunkler, mal heller, ja, es gibt ihn auch ganz weiß, den Flieder.
Laß nur den April vorübergehn mit seinen Launen, dann wirst du sehen können, wie der Fliedermann durch die Gärten wandert. Er kommt meist gegen Abend. Die Luft ist leichter geworden, und es schwingt etwas in ihr, das du nicht benennen kannst. Da weht noch einmal ein milder Hauch über die Köpfe, streicht dir durchs Haar und du spürst, irgendetwas ist anders geworden. Das war der Fliedermann. Du suchst ihn als Biedermann hinter einem leichten Spazierstock, aber – du wirst ihn nicht finden. Längst ist er viele Gärten weiter und nur die Bäume drehen die Köpfe nach ihm um. Aber wenn du am Morgen aus der Tür trittst, wird dir die Duftglocke die Eile nehmen. Tief atmend stehst du da, staunend über das abermalige Wunder. Nun weißt du genau: er ist da gewesen. Mit seinem Zauberstäbchen hat er all die wahrhaftig süßen Kelche – wer wollte sie zählen?! – erblühen lassen, die nun ihr Aroma in den Morgen senden.
Du wirst dich suchend umblicken, die Straße wird leer sein, aber über allen Zäunen grüßen die blauen Köpfe. So ist er überall und nirgends an diesem Morgen, und der Flieder glänzt in der frühen Sonne, und du weißt, es ist Mai. Mit ihm sind die Bienen unterwegs, solch ein Gewimmel … Sobald sich nur ein Stückchen Sonne zeigt, können sie gar nicht schnell genug von Blüte zu Blüte huschen, vor dem nächsten Regen die süße Fracht einzutragen.
Nicht mehr lang hin, da wird der Weg übersät sein mit all den ehemals blauen, nun aber welken Blütenkelchen, die ihre Zeit gehabt haben, wie du irgendwann deine Zeit gehabt haben wirst. Dann kannst du ihn verändert wiedersehen, den Fliedermann: Er lehnt lässig an der Remise, läßt sein Stöckchen kreisen mit einem Lächeln, wie weiland Johannes Heesters, und wartet auf die Rosenmarie.
So war der Mai.
Inzwischen tanzt Ulrike zwischen Bienen und Faltern durchs hüfthohe Gras der blühenden Wiesen. Wenn wir endlich aufhören, uns mit Rasemähergedöns einzumischen ins Wachstum, könnte es wieder häufiger solche Frühlingstage geben.

Thomas Gerlach, Mai 2021

Trends

Eine Glosse
Moden sind „heiße Sachen“. Hier spiele ich jetzt nicht auf Hotpants oder so an. Schließlich will ich nicht als „sexistisch“ abgestempelt werden. Eh du dich aber versiehst, ist die aktuelle Mode wieder vorüber. Und dann hast du dich ins gesellschaftlich „Aus“ geschossen, bist gewissermaßen nicht mehr „salonfähig“, um mal einen Begriff von vorvorgestern zu verwenden. Auf alle Fälle gehörst du dann nicht mehr dazu, und das ist heute doch das Allerbeschissenste. Dazugehören ist eben alles! Noch brandgefährlicher aber verhält sich die Sache mit den Trends. Da muss man gewissermaßen erahnen, was künftig Mode werden könnte. Bekanntermaßen drehen sich aber in diesen Breitengraden die Winde besonders schnell. Mitteleuropa ist ja auch rein meteorologisch gesehen bekannt für seine „wechselnden Winde“. Da will ich jetzt nicht auf Almudena Grandes erfolgreichen Familienroman anspielen, der vielleicht noch eine amüsante Sommerlektüre abgeben könnte. Da bilden die spanischen Winde eher eine Klammer.
Mit der Mode ist es aber nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Die lässt sich eben nicht auf alles und jedes übertragen. Einen modischen Fummel kann man schnell wieder ablegen, wenn das Modeinstitut „XXL“ eine neue Kreation herausgebracht hat. Selbstverständlich kann ich mir jedes Jahr neue Weihnachtsbaumkugeln kaufen, weil die Farbe der letzten dieses Jahr „out“ ist – vorausgesetzt, ich will für diesen Schwachsinn Geld ausgeben. Diese „Freiheit“ haben uns die Segnungen der „neuen Zeit“ gottlob gebracht, wobei ich mich immer frage, ob das wirklich sein Wille war? Es soll ja Menschen geben, die sich ständig neue Autos zulegen, nur weil die Farbe der Karosse nicht mehr „in“ ist. Bei meinem Privat-Jet ist das schon schwieriger. Da herrscht selbst bei den neuesten Modellen eher eine gewisse eintönige Farbgestaltung vor. Auch Immobilien sollte man nicht ständig umstreichen, bloß weil sich der Trend gerade gewandelt hat.
Überhaupt ist das ein ganz schwieriges Pflaster, das wusste schon der alte Goethe. Deshalb hat er seine literarischen Ergüssen gegen Ende des Lebens eher als unbedeutend eingestuft. Was wohl die wenigsten wissen, Goethes Hauptwerk ist nicht der „Faust“, sondern sind seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Farbenlehre. Diese besteht aus vier Bänden und ist das umfangreichste Werk, welches der Meister je herausgebracht hat. Da äußert er sich auch zu den psychischen Wirkungen von Farben. Nun war das allerdings auch keine Erfindung des Weimarer Ministers. Bereits die alten Griechen und die Chinesen hatten den Farben gewisse psychische Merkmale zugeordnet. Noch heute reden Volk und Dichter von der „goldenen Sonne“, die uns nach einem heißen Sommer so „golden“ nicht mehr erscheinen mag. Ist halt alles relativ.
Aber diese Seite der Medaille sollte man eben nicht ganz vernachlässigen. Glaubt man den Behauptungen des Lüscher-Farbtestes, so soll man über die Vorlieben für bestimmte Farben und Farbkombinationen auf die Persönlichkeit der jeweiligen Person schließen können. Und wenn ich mir dann die Tafel der verschiedenen Farben und mit den ihnen zugeordneten Assoziationen anschaue, komme ich schon ganz schön ins Grübeln. Da steigen in mir wirklich Zweifel auf, ob das den Farbpanschern in der Endkonsequenz alles ganz bewusst ist. Sollte ihnen aber!
In einer Skala von 28 Assoziationen sind beispielsweise bei der Farbe Rot 46 Prozent mit negativen Eigenschaften belegt. Ganz oben stehen dabei Begriffe wie Wut, Zorn, Aggressivität, Hass und Gefahr. Nun will ich mir überhaupt nicht ausmalen, was das beispielsweise mit den Bewohnern eines Wohngebietes macht, die in ihrer Straße dem ständigen Anblick eines mit roter Farbe angemalten Gebäudes ausgesetzt sind. Als Radebeuler – eigentlich gibt es ja nur wenig Radebeuler, dafür mehr Zitzschewiger, Naundorfer, Serkowitzer oder Oberlößnitzer – komm ich ja in der langgestreckten Stadt nur wenig rum. Neulich aber habe ich mich coronabedingt doch mal auf die Socken gemacht und mich einem Stadtgang ausgesetzt. Da bin ich unter anderem auch in Radebeul-West gelandet. Und ich dachte mich laust der Affe, sehe ich doch in einer Straße mit meist beige gehaltenen Villen ein knallrotes Haus, eher ins bordeauxrot gehend! Nun verbindet sich nach alter Lesart diese Farbe mit den Begriffen der „Würde“ und „Erhabenheit“. Sie war in grauer Vorzeit nur hohen kirchlichen Tieren, also Kardinälen, vorbehalten. Dabei ist die „neue Kathedrale“ in der besagten Straße keinesfalls ein repräsentativer Bau. Aber eine gewissen „Führungsanspruch“ schien das Gebäude mit den erst unlängst erfolgten Farbwechsel wohl schon zu beanspruchen. Wer weiß, vielleicht wird es eines Tages noch zum Pilgerort…? Das wirkt wie eine kalte Übernahme, so ungefähr wie etwa vor 30 Jahren. „Das könn‘se doch mit uns ni machn!“, schoss es mir sofort durch den Kopf. Da kann ich mir gut vorstellen, wie die Anwohner „dumm aus der Wäsche geguggt“ haben. Aber außer „guggn“ war da nichts. Laut der Vorschriften soll man da auch nichts dagegen unternehmen können, obwohl die „Sächsische Bausatzung“ im Paragraph 9 festlegt, dass Bauanlagen auch ein Straßenbild „nicht verunstalten“ dürfen. Viele Gemeinden haben deswegen vorsorglich in ihren Gestaltungssatzungen, teilweise sehr detailliert, rechtsverbindliche Festlegungen getroffen.
Wie ist das eigentlich in Radebeul, wollte man hier nicht auch mal…?

Euer Motzi

Schüler des Radebeuler Lößnitzgymnasiums verabschieden die langjährige Direktorin Frau Angela Hartmann in den Ruhestand

Angela Hartmann: „Immer zum Wohle der Schülerinnen und Schüler!“

Foto: A. Hartmann

RADEBEUL. – Seit 15 Jahren ist Frau Hartmann die Schulleiterin des Radebeuler Lößnitzgymnasiums. Eine Berufung, die mit viel Verantwortung verbunden ist, für die es Mut und Durchsetzungsvermögen braucht. Als Leiterin einer Bildungseinrichtung zählt nicht nur die Fachkompetenz, sondern vor allem das Menschliche. Wir Schülerinnen und Schüler haben gespürt, dass ihr viel an uns lag. Nur einige Beispiele wären, dass sie nach den Ferien oder nach Wiederaufnahme des Schulbetriebes jede Klasse besuchte, um sich nach dem Wohlergehen zu erkundigen: Ein netter Blick um die Ecke und ein freundlicher Gruß: „Hallo, ich freue mich, dass ihr wieder da seid!“, „Ich muss mal Schüler sehen!“… Solche Worte schafften nicht nur eine angenehme Schulatmosphäre, sondern motivierten zugleich. Man war nicht nur Schüler X, Y– jede und jeder einzelne lag ihr am Herzen. Ein weiterer Beweis ihrer Einstellung uns gegenüber war das Verteilen von Rosen zur Zeugnisausgabe an Schülerinnen und Schüler, die besonderen Einsatz gezeigt hatten. Durch Frau Hartmanns Arbeit mit Herzblut und ein engagiertes Lehrerkollegium entwickelte sich unser Gymnasium zu einem der beliebtesten der Umgebung. Die Anzahl der Anmeldungen nahm in den letzten Jahren rekordverdächtig zu, was auch ihr Verdienst ist. Unsere Direktorin handelte stets im Sinne ihrer Schülerinnen und Schüler. Sie wusste die Interessen Jugendlicher wahrzunehmen und ermöglichte eine aktive Teilnahme des Schülerrates. Als ursprünglich Sachsen-Anhalterin liebte sie vor allem unsere sächsischen kulturellen Beiträge bei Weihnachts- und Frühjahrskonzerten sowie Szenen des künstlerischen Profils. Uns ist es wichtig, unsere geschätzte Schulleiterin öffentlich zu würdigen. Wir verbinden mit ihr viele schöne Momente aus dem Schulalltag, die uns immer begleiten werden und uns geprägt haben. Wir werden sie vermissen! Eine Schule ohne Schulleiterin ist wie ein Haus ohne Dach, ein Auto ohne Räder, ein Baum ohne Krone, eine Zelle ohne Zellkern.

Liebe Frau Hartmann, wir danken Ihnen im Namen der gesamten Schule und wünschen Ihnen alles, alles Gute.

Pascal Meiß

Ein Stück deutsche Politik im Spiegel einer älteren Buchreihe

In meinem Bücherregal ganz oben rechts (das meint keine politische Orientierung) steht die Reihe „Unsere schöne Heimat“, diese Überschrift klingt vielleicht etwas angestaubt und würde heute die Leser kaum in Scharen in die Buchläden locken. In den 50er Jahren aber hatte es einen Klang und die Bücher wurden gern gekauft. Ich kann mir vorstellen, daß sich Hefte dieser Buchreihe durchaus auch noch in anderen Radebeuler Bücherschränken finden ließen. Jetzt schaute ich mir die 37 Hefte von 1955 bis 1965 (ein Band, eine 2. Auflage, ist von 1971) erschienen Broschüren wieder mal an, um zu entscheiden, ob ich mich davon trennen möchte.
Von der im Sachsenverlag Dresden herausgegebenen Bücherreihe erschienen jedes Jahr bis zu 6 Hefte zu einzelnen Themen, die jeweils Teile der deutschen Heimat bildlich vermitteln konnten. Diese Idee ist die sinngemäße Fortsetzung einer ähnlichen Bücherreihe, „Die blauen Bücher“ aus den 20er und 30er Jahren. Einzelthemen der Hefte sind zB. „Romanische Kirchen“, „Rathäuser“ oder „Turm- und Sonnenuhren“. Aber es gibt auch Hefte, die je eine Landschaft wie „Deutsche Alpen“ oder „Insel Usedom“ den Lesern erschließen möchten. Die im Text genannten Titel sind eine willkürliche Auswahl von den 37 Heften – im Anhang will ich alle Titel nennen. Ich glaube, daß mir kaum ein Heft fehlen dürfte. Die im Sachsenverlag erschienene Mehrzahl der Hefte hatte einen helloliven Einband mit einem Schwarz-Weiß-Foto zum Thema und wirken ansprechend aber auch etwas traditioneller als die ab 1961 vom Brockhausverlag Leipzig herausgegebenen Hefte mit größerem Titelfoto und einer pro Heft wechselnden Farbkante, was schon einem moderneren Eindruck des Covers entsprach. Alle Hefte brachten neben einem sachkundigem Einführungstext im Hauptteil die meist chronologische Bildfolge von Gesamtaufnahmen und Details je Objekt. Somit wurde das Grundkonzept von beiden Verlagen konsequent verfolgt, Farbaufnahmen spielten dabei noch keine Rolle. Ob dem Wechsel zum Brockhausverlag eine politische Entscheidung zugrunde lag, kann heute nur vermutet werden. Die Brockhaushefte hatten als Neuerung zT. glänzende Buchhüllen, also einen Folieüberzug über dem Pappeinband, woraus über die Jahre ein Nachteil gegenüber den Sachsenverlagheften eintrat, die Folie löste sich in Teilen und der Glanz verschwand.
Ich erinnere mich an die Zeit Anfang der 50er Jahre in Radebeul, wer sich als Schüler für Denkmalschutz und Heimatpflege interessierte, fand sonst kaum etwas in den Buchläden. In dieser Situation war die Buchreihe schon etwas Besonderes. Hinzu kam, daß die Preise mit 2,40 Mark für ein normales Heft und 4,80 Mark für das Doppelheft moderat waren und ich mir von meinem Taschengeld hin und wieder eins kaufen konnte. Meine Eltern unterstützten das Interesse, das später in meinen Beruf überleitete, und schließlich fand ich ein paar der Hefte auch auf dem Geburtstags-Gabentisch. In den fünfziger Jahren waren die Themen und Bildbeispiele auch noch gesamtdeutsch und nicht einseitig auf die DDR bezogen. So war es auch noch möglich, wenn man zB. das Heft „Burgen“ gerade gelesen hatte, sich die Marxburg am Rhein (hat nichts mit Karl M. zu tun) anzuschauen – man konnte noch reisen, wenn man das Geld hatte. Die Heftinhalte und Bilder beziehen sich zwar in keinem Heft auf Radebeul, aber ich kann insofern eine „Brücke“ zu Radebeul bauen, da Ulrich Pohle (Dichter, Karikaturist und Kulturschaffender) bei den Heften des Sachsenverlages als Herausgeber angegeben wurde. Und eben dieser Herr Pohle taucht in den alten Vorschauheften (von 1954-1963) regelmäßig mit Karikaturen und Gedichten unter der Rubrik „Der Pfeil“ auf.
Werfen wir nun mit dem Abstand von 60 bis 70 Jahren einen kurzen Blick auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung in den beiden deutschen Staaten, wo man anfangs noch von der Möglichkeit einer Wiedervereinigung sprach. Aber die beiden Staaten BRD und DDR begannen sich nicht zuletzt durch ihre unterschiedlichen Bündnispartner zu entfernen. In der BRD ging es mit amerikanischer Hilfe wirtschaftlich rasch aufwärts und bald schon sprach man vom „Wirtschaftswunder“. Während die DDR noch eine Weile an der Wiedergutmachung nach dem verlorenen Krieg gegenüber der UdSSR zu knabbern hatte. Die Unzufriedenheit mit den Lebensverhältnissen hier führte am 17. Juni 1953 zu Protesten, die niedergeschlagen wurden. Hier ging es nur langsam vorwärts. Viele Bürger aus dem Osten beschlossen deshalb vor allem um 1960 dahin zu gehen, wo man glaubte, besser arbeiten und leben zu können – nach dem Westen. Um noch stärkerer Republikflucht zuvorzukommen, wurde schließlich am 13. August 1961, einem Sonntag, begonnen, die Mauer zu bauen. Und damit war die Möglichkeit generell ausgeschlossen, zu allen Orten zu reisen, die bisher in den Heften vorgestellt wurden.
Das wirkte sich auf die betrachtete Heftreihe insofern aus, daß von da ab nur noch Landschaften, Orte und Häuser publiziert wurden, die im Osten lagen. Vielleicht hätte man jetzt die Heftreihe besser beenden sollen. So zeichnete sich als schleichender Prozeß über die Jahre eine deutliche Veränderung von Themen und Inhalte der Hefte ab. Bei den frühen Heften, in denen noch Gesamtdeutschland betrachtet wurde, konnte man eine gewisse Parität zwischen den Länderflächen BRD und DDR bzw. der Einwohnerzahl (grob: BRD = 65 Mill. und DDR = 15 Mill. Einwohner) und den behandelten Orten oder Gebäuden erkennen. Im Heft „Romanische Kirchen“ (1956) zB. wurden 23 Beispiele aus Westdeutschland, darunter der Dom zu Speyer, und nur 5 Beispiele, wie die Magdeburger Liebfrauenkirche, aus der DDR gezeigt. Bei diesem speziellen Thema spielt aber auch eine Rolle, daß diese Stilentwicklung aus Westeuropa kam und sich nach Osten nur langsam ausbreitete, also in Ostdeutschland grundsätzlich weniger romanische Objekte zu finden waren. Schauen wir deshalb noch ein anderes Heft aus dem gleichen Jahr, die „Rathäuser“, an. Da finden wir 25 Rathäuser aus der BRD, zB. das Bremer Rathaus, und demgegenüber 15 Rathäuser aus Städten der DDR, ua. das alte Rathaus in Leipzig – hier ausgewogene Ost-West-Anteile. Das Verhältnis ändert sich weiter, wenn wir das Heft „Museen und Bibliotheken“ aus dem Jahr 1959 durchblättern – da ist die BRD nur mit 5 Orten, darunter das „Deutsche Museum“ in München, vertreten, aber 12 Ortsbeispiele (darunter Orte mit mehreren Einzelobjekten) kommen aus der DDR, ua. mit der „Deutschen Bücherei“ Leipzig. Nehmen wir mit „Marktplätze“ (1965) noch ein Heft nach dem Mauerbau in die Hand, stellen wir fest, Beispiele aus dem Westen = 0 Objekte, Beispiele aus dem Osten = 45 Objekte, darunter die Marktplätze in Gotha, Hoyerswerda oder Wolgast! Ich denke, mit diesen von mir ausgewählten Zahlenbeispielen, wird klar, wie sich eine scheinbar harmlose Heftreihe in Anlehnung an die politische Entwicklung in den beiden deutschen Staaten gestaltet hat. Man kann aber auch sagen, eine Heftreihe, die über 10 Jahre angelegt ist, hat es schwer, das inhaltliche Konzept immer beizubehalten, wenn sich politische Verhältnisse in diesem Zeitraum verändern. Ein bißchen spiegelt sich dieser Trend auch in den Fachtexten wider, wo in den frühen Heften noch von der deutscher Heimat in beiden Staaten die Rede ist, spricht man nach 1961 dagegen nur von unserer sozialistischen Heimat.
Warum hatte ich eigentlich die Hefte aus dem Regal genommen? Ach ja, ich wollte entscheiden, ob ich mich davon trennen kann. Nein, ich werde die Hefte behalten, vielleicht gerade wegen der politischen Brisanz.

Dietrich Lohse

 

Buchvorstellung

Foto: H. Herzog

„Denn nach einem Schlag ist nichts mehr, wie es war“
Meine Freundin Janine kann es bestätigen. Vor langer Zeit träumten wir gemeinsam einen Traum. Wir träumten den Traum, irgendwann die Zeit zu finden, einen Roman zu schreiben.
12 Jahre ist das her. Und heute? Halte ich ihn in der Hand, meinen eigenen Roman, den Roman meines Lebens. Gut, der Grund für die Verwirklichung meines Traumes hätte ein weitaus erfreulicherer sein können. Doch vielleicht sollte ich mir eingestehen, dass ich ohne das furchtbar Erlebte, es heute nicht in den Händen halten würde. Mein Buch. Ganz unten, am Boden liegend schenkte es mir die Kraft, aufzustehen. Aufzustehen, um weiterzugehen, um weiterzuleben.
„Am Ende ist es ein Anfang“
Das Ende. Es nahte Punkt 6.04 Uhr an einem Donnerstag. Es war der 27. des Monats Oktober im Jahr 2016. Und plötzlich stand die Erde still. Das Leben hörte auf, sich wie Leben anzufühlen. In einem Moment voller Angst, Trauer, Dunkelheit, Kälte und gespürter Endlichkeit ließ er alles mit wahrer Liebe Erschaffene in unzählige Scherben zerspringen. Er, dieser fiese und hinterhältige Schlaganfall zerstörte plötzlich und unvorhersehbar. Mich. Heike Herzog.
Geboren wurde ich 1968 in Görlitz. Seit 1977 lebe ich in Radebeul, besuchte hier die Schule, studierte am Institut für Lehrerbildung, jobbte als freiberufliche Fitnesstrainerin, führte einen Laden auf der Bahnhofstraße, bekam binnen 15 Monaten auf wundervolle Art und Weise zwei mir zu jeder Zeit Hoffnung schenkende Töchter und arbeitete ab 2007 als Erzieherin in einem Kindergarten. Bis es geschah.
Achtzehn Monate nach dem zerstörenden Ereignis setzte ich hinter unzählige Buchstaben, die Wörter zu Sätzen werden ließen, einen allerletzten Punkt. Mag sein, dass ich in meinem Buch gegen mehrere Regeln des Schreibens verstoßen habe. Mag sein, dass sich viele meiner Aussagen widersprechen. Mag sein, dass eine erworbene Hirnschädigung mir in Form von Konzentrationsmangel sowie Störungen im motorischen Sprachzentrum Grenzen setzt. Mag alles sein. Doch es ist egal. Mir egal. Und es ist unwichtig. Für mich. Maßgeblich ist, dass mich all das zu Papier Gebrachte vor dem endgültigen Versinken rettete. Denn das Schreiben dieses Buches schenkte mir die Möglichkeit, mich endlich kennenzulernen. Ich fand Wurzeln, Gründe für das Geschehene, sah mich an Kreuzungen stehen, deren zielgerichtetes oder planloses Überqueren mein Leben entscheidend veränderte. Erst die Auseinandersetzung mit all dem Gewesenen ließ mich spüren, wie wenig es bedarf, Glück zu empfinden. Diese, meine Geschichte verlieh mir die Kraft, aus der Tiefe aufzutauchen.
Und nun bin ich hier, endlich auf dem Weg in ein, wenn auch anderes, aber trotzdem erfülltes Leben.

Heike Herzog
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Bis 20.7.2021 finden wöchentlich dienstags 19 Uhr Lesungen zu meinem Buch statt. Bei Interesse sowie zum Übersenden weiterer Informationen bitte ich um Kontaktaufnahme unter: herz.heike68@gmail.com

Die Mutter der Truppe

Gisela Kunick und das Pioniertheater

Gisela Kunick im Klubhaus „Heiterer Blick“ des VEB Druckmaschinenwerk PLANETA Radebeul Foto: Archiv Baum

Sie stand meist im Schatten ihres Mannes, aber vielen Radebeulern war sie dennoch bekannt. In der Neuauflage des Stadtlexikons wird sie nur erwähnt, dabei hatte Gisela Kunick (geb. Krebs) viele Jahre als Leiterin des Pioniertheaters hunderte von Radebeuler Kindern mit den Aufführungen des Ensembles nicht nur viele frohe Stunden bereitet, sondern auch unzähligen Mädchen und Jungen mittels des Theaterspielens die Wege in deren künftiges Leben geebnet. Gisela Kunick war lange Jahre die Leiterin des Pioniertheaters Radebeul. Unter ihrer Regie entstanden in den 1960er und 1970er Jahren Inszenierungen wie „Der kleine Hase Gernegroß“ von Sergej Michalkow, „Der Entschluß“ von Peter Döhnert oder „Hilfe, ich bin ein Kind“ von Juri Sotnik, eine Geschichte, die 1978 auch verfilmt wurde. Sotnik war ein bekannter Jugendbuchautor, dessen Werke häufig auch dramatisiert und viel von Amateurtheatern in der DDR gespielt wurden. Mehrere Aufführungen brachte das Pioniertheater in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendtheater Radebeul heraus wie zum Beispiel 1969 „Timur und sein Trupp“ von Arkadi Gaidar oder 1971 „Die Jagd nach dem Stiefel“ von Hans Albert Pederzani. Das Stück handelt von einer Schlägerei im Jahr 1932 zwischen KPD- und SA-Männern, bei der ein KPD-Mann den Tod findet. Daraus entsteht ein spannender Kriminalfall mit falschen Verdächtigungen, der schließlich von eine Gruppe Kinder aufgeklärt werden kann.

Szene aus Der Entschluß von Peter Döhnert, 1977, mit Ines Andert (l.) Foto: Archiv Baum

Mitunter stand die 1926 Geborene auch selbst auf der Bühne, wie beispielsweise in Emil Rosenows Kater Lampe des Arbeitertheaters vom VEB Plattenwerk „Max Dietel“ Meißen oder in Peter Döhnerts Märchenstück Die Truhe vom Jugendtheater Radebeul des VEB Raschufa Radebeul. Auch später half sie gerne aus, wenn Not an der Frau war. So spielte sie beim Jugendtheater Planeta eine der Frauen von Theben in der großen Erfolgsinszenierung ihres Mannes Klaus Kunick „Antigone“ von Bertolt Brecht. Als Lehrerin Sonja Wladimirowna trat sie in Wladimir Tendrjakows „Die Nacht nach der Abschlußfeier“ auf und in dem Lesetheater „Die Aula“ nach Hermann Kant hatte sie die Sprechrolle der Figur Filter übernommen.

Szene aus Emil Rosenows Kater Lampe mit Gisela Krebs (l.) in der Rolle der Frau Seifert, 1965, gespielt vom Arbeitertheater des VEB Plattenwerk „Max Dietel“ Meißen Foto: Archiv Baum

Das Pioniertheater Radebeul war dem Haus der Jungen Pioniere „Walter Ulbricht“ angeschlossen, welches sich von 1950 bis 1989 auf der Straße der Jungen Pioniere, der heutigen Winzerstraße in einem Objekt befand, was vermutlich unter den Namen „Rosenhof“ bekannter ist. Gisela Kunick hatte mit dem Pionierhaus einen Vertrag abgeschlossen und so war eine kontinuierliche Theaterarbeit mit Kindern gewährleistet. Zahlreiche, der theaterspielenden Mädchen und Jungen wechselten später in das Jugendtheater des VEB Druckmaschinenwerk PLANETA über. Da sich die Räumlichkeiten des Pionierhauses nur bedingt für die Theaterarbeit eigneten, hatte die Einrichtung mit dem Klubhaus „Heiterer Blick“ des VEB Druckmaschinenwerkes PLANETA eine Vereinbarung über die Nutzung von deren Räumlichkeiten für gelegentliche Probenarbeiten und für Auftritte getroffen. Beide Ensembles, das Pioniertheater und das Jugendtheater, arbeiteten wiederholt zusammen und unterstützten sich gegenseitig. Gisela Kunick spielte dabei eine wesentliche Rolle und wirkte, unter anderem mit der Dresdner Dramaturgin und Übersetzerin Dr. Katharina Scheinflug, als die „gute Seele“ beider Theatergruppen.

Szene aus Der kleine Hase Gernegroß von Sergej Michalkow, 1970, Foto: B. Werner

Es war das Jahr 1993, als Gisela Kunick mit ihrem Mann Radebeul verließ und sich in Meersburg am Bodensee ansiedelte, wo sie noch 11 Jahre mit ihren Mann Klaus lebte, der 2004 schließlich in der neuen Heimat verstarb. Mit 91 Jahren zog sie ins Seniorenstift Meersburg ein und engagierte sich als Vorsitzende des Heimbeirates. Nach einem erfüllten Leben ist sie am 13. Mai 2021 im Alter von 95 Jahren dort friedlich verstorben.

Karl Uwe Baum

„Da steckt viel Herzblut drin.“

Ein Gespräch mit Herbert Graedtke als Rückblick und Vorschau

Worte und Blumen vor der Premiere Foto: B. Kazmirowski

Endlich, endlich wurde in Radebeul wieder Theater gespielt! Die neugeschaffene Interimsspielstätte der Landesbühnen im Lößnitzgrund war am 29. Mai ausverkauft, als sich an die 40 Akteure daran machten, „Winnetou I“ (Regie: Manuel Schöbel) zur Premiere zu verhelfen. Der Abend begann aber anders als es die Zuschauer erwartet hatten: Landesbühnenintendant Schöbel begrüßte im Beisein vom Radebeuler Oberbürgermeister Bert Wendsche besonders herzlich Herbert Graedtke. Dessen öffentliche Würdigung nahm ich zum Anlass, mit dem langjährigen Ensemblemitglied der Landesbühnen Sachsen über seine Beziehung zu Karl May und der Umsetzung seiner Stoffe auf der Felsenbühne Rathen ins Gespräch zu kommen.
Sie wurden vor der Premiere der Neuinszenierung von „Winnetou I“ von Landesbühnenintendant Manuel Schöbel vor dem Publikum für Ihre Verdienste als Akteur bei Karl-May-Inszenierungen gewürdigt. Welche Gefühle bewegten sie in diesem Moment?
Über die herzlichen Worte meines Intendanten und über den herrlichen Blumenstrauß, überreicht von meiner lieben Kollegin Christin Rettig, habe ich mich sehr gefreut – so wie über den Applaus der Anwesenden, die mit mir die Wiederaufführung von „Winnetou I“ genossen haben. Und wenn mir von der Bühne die vertrauten Kollegen aus ihrer Rolle heraus zuwinken, das wärmt natürlich mein Herz.
Als Sie 1984 die Rolle des Old Shatterhand übernahmen, war gerade die Karl-May-Renaissance in der DDR angebrochen. Welche Erinnerungen haben Sie an den „Schatz im Silbersee“, an diese allererste May-Inszenierung auf der Felsenbühne?
Ich muss daran denken, dass die Premiere beinahe ohne mich gelaufen wäre, weil ich meine rechte Hand beim Fangen eines Theatergewehrs schwer verletzt hatte. Nach einer schnellen OP spielte ich schließlich mit Binde – und alles mit Links. Eigentlich hat die Renaissance, wie Sie es nennen, mit dem Sternritt angefangen. Diese landesweite Veranstaltung mit dem Ziel der Landesbühnen brachte viel Aufmerksamkeit für indianische Themen und unsere Felsenbühne, wo sie aufgeführt wurden. Zu erleben, dass kleine und große Leute die Straßen säumten und ihre Freude daran hatten, dass „echte Menschen“ die Personen der Karl-May-Bücher lebendig machten, hat uns sehr beflügelt. Angefangen haben wir mit dreißig Pferden, zuletzt waren es an die dreihundert. Mit jeder neuen Inszenierung wuchsen die Besucherströme auf die Felsenbühne Rathen. Eine große Schar von Theaterleuten hat im Laufe der Jahre dazu beigetragen, dass Karl-May-Aufführungen hierzulande Kultstatus erlangt haben. Da steckt viel Herzblut drin und es hat das ganze Karl-May-Völkchen nah zusammengebracht.
Wie kam es, dass Sie nach drei erfolgreichen Spielzeiten als Old Shatterhand für die Produktion des „Winnetou“ 1987 die Regie übernahmen? Waren Sie der Rolle des tapferen Deutschen im Wilden Westen überdrüssig geworden?
Überdruss gibt für einen Schauspieler eigentlich nie. Man kann auch einen Shatterhand immer wieder anders sehen und interpretieren. Zur Glorifizierung der Figur war nicht die Zeit. Besetzungen wechseln, und das ist auch gut. Die große Verantwortung zu übernehmen, ein so großes Ensemble dann als Regisseur zu führen, macht auch viel Freude. Es geht darum, alle Beteiligten zur besten Wirkung zu bringen. Ich sage immer: Es gibt keine kleinen Rollen, es gibt nur kleine Schauspieler.
Zu den legendären Ereignissen rund um Ihr Engagement für Karl May und die Verbreitung von dessen Werk gehört sicherlich der 21. Juli 1988, als Sie DEN Winnetou-Darsteller, den auch in der DDR hochgeschätzten Pierre Brice nach Radebeul holten. Brachten Sie damit die örtlichen Funktionäre zum Schwitzen?
Weniger als um die Person Karl May geht es wohl um die Gedanken von Respekt und Anerkennung verschiedener Kulturen, die er formuliert hat und die es zu verbreiten gilt. Das verbindet die vielen Darstellerinnen und Darsteller der gesamten Karl-May-Szene, und darin war ich mir mit Pierre Brice und auch mit Gojko Mitic immer einig. Ich habe Pierre nicht lange bitten müssen, er ist sehr gerne von Bad Segeberg zu uns gekommen. Dass die Verantwortlichen damals bei seinem Besuch in Radebeul und Rathen ins Schwitzen kamen, war zu erwarten. So waren dann einige Plätze in den ersten Reihen von Trenchcoatträgern mit sehr ernsten Gesichtern besetzt und ich bekam die Anweisung, keine Interviews zu geben. Aber all das blieb für das Publikum verborgen. Es war ein wunderschöner Nachmittag mit einer Friedenskette auf der Bühne, mit enthusiasmierten Menschen, die ihre Begeisterung sicherlich weitergetragen haben.
Auf welche Weise gelang es Ihnen, den Kontakt zu Pierre Brice zu halten? Schließlich kam Ihr französischer Kollege ja 2011 zu den Karl-May-Festtagen als Schirmherr zurück …

Seit 1989 war es möglich, telefonisch Kontakt zu halten. Pierre hat mich zu Premieren eingeladen, einmal konnten wir eine Busfahrt mit dem Schauspielensemble nach Bad Segeberg organisieren. Schauspieler beobachten sich aber auch aus der Ferne sehr aufmerksam. So kommt es, dass sie dann, wenn sie sich tatsächlich begegnen, eine große Verbundenheit verspüren können. Pierre Brice war besonders warmherzig und achtungsvoll seinen Berufskollegen gegenüber. Mit Lex Barker verband ihn eine innige Freundschaft und er erzählte uns, wie schmerzlich er ihn vermisste. Ich habe ihn als aufmerksamen Gesprächspartner geschätzt und ihn sehr gern gehabt. Es war gut zu wissen, dass er mit Hella eine so fürsorgliche, liebevolle Frau an seiner Seite hatte.
Sie haben einen Papagei, den Sie auf den Namen „Gojko“ getauft haben. Ein Name, der Ihnen viel bedeutet?
Gojko der Papagei lebt bei uns und spricht seinen Namen aus – weil wir ihn so nennen. Leider hat der echte Gojko ihn noch nie auf die Hand nehmen können. Die Zeit ist ja immer total ausgeplant, wenn er hier ist. Aber wir haben uns gesehen, konnten über vieles reden, und es war sehr schön, mit ihm durch den Lößnitzgrund zu reiten. Gojko Miti? ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Verbundenheit in der Szene gepflegt wird: Er hat der Spielgemeinschaft in Bischofswerda seinen Namen gegeben. Dort gibt es nun Deutschlands kleinste Karl-May-Spiele mit den jüngsten Darstellern auf einer Waldbühne und er kümmert sich um sie. Gojko hat dieser Tage einen runden Geburtstag – ich möchte ihm von hier aus ganz herzlich gratulieren!
Sie gehörten Anfang der 1990er Jahre zu den Initiatoren der Radebeuler Karl-May-Festtage, die nun bereits das zweite Jahr in Folge pandemiebedingt nicht stattfinden konnten. Wie optimistisch sind sie, dass ab nächstem Jahr der Funke wieder zündet und die Besucher wie gewohnt strömen?
Ich bin sehr optimistisch, dass wir – angepasst an die jeweiligen Bedingungen – immer wieder neue Formen einer lebendigen Kultur im Sinne von Karl May zelebrieren können. Die Landesbühnen sind da sehr erfinderisch, wie die neue Aufführungsserie im Lößnitzgrund beweist. Und die Funken sind in den Herzen der Theaterleute wie der Zuschauenden. Da kann es auch mal kalt und nass sein, das hält niemanden auf.

Lassen Sie uns zum Schluss noch über etwas anderes sprechen. Sie sind seit 2006 Kunstpreisträger der Stadt Radebeul und waren auch kommunalpolitisch für die SPD als Stadtrat aktiv. Wie blicken Sie heute auf Radebeul und die Entwicklung, die es genommen hat? Sind Sie zufrieden?
Es gibt hier zahlreiche gute Initiativen und Anstrengungen, reichhaltige Kultur und Kunst. Jedoch muss ich beobachten, dass viele Mühen, gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen, vergeblich bleiben. Weil unter dem Mantel des Konservatismus Unzufriedene schädliches Gedankengut aufrufen, verbreiten und leider zu viele das dulden. Damit kann ich nicht zufrieden sein. Ich wünsche inständig, dass weniger getäuscht und mehr wirklich aufeinander eingegangen wird. Das würde die Arbeit im Stadtrat zu einer erfüllenden Tätigkeit machen.
Im Dezember vollenden Sie Ihr achtes Lebensjahrzehnt. Welche Wünsche haben Sie, was würden Sie gern noch erleben?
Dass die Welt gerechter und friedvoller wird – und dass wir in Radebeul damit anfangen!
Vielen Dank und alles Gute!

Bertram Kazmirowski

Erfüllte Zeit

Autobiografische Betrachtungen von Gert Claußnitzer

Wer sich hierzulande vor dem Zusammenbruch der DDR, wenn auch nur am Rande für bildende Kunst interessierte, der hatte damit zwangsläufig mindestens eines der Bücher aus dem VEB Verlag der Kunst Dresden im Regal stehen. Wer nun denkt, dass es sich bei diesen nur um Ersatzstoffe handelte, mit denen man sich in Ermangelung der Erzeugnisse von Dumont, Prestel und Hirmer zufriedengeben musste, der täuscht sich sehr. Denn in Dresden erschienen mit den durch den künstlerischen und technischen Leiter des Verlags, Horst Schuster (1930-2013), großzügig ausgestatteten Bildbänden beispielsweise zu Matthias Grünewald, Hieronymus Bosch und Jörg Ratgeb, einige Klassiker der Kunstgeschichte, deren fremdsprachige Ausgaben auch im Ausland ihre Leser fanden. In der fundus-Reihe, die noch heute bei Philo Fine Arts fortgeführt wird, erscheinen seit 1959 Abhandlungen zur Kulturtheorie. Vom exklusiven Handpressendruck der eikon-Presse bis zu den Volksausgaben der Reihe „Welt der Kunst“ beackerte der Verlag innerhalb der Mangelwirtschaft der DDR ein weites Feld. Lang bevor Taschen und Könnemann ihre preisgünstigen Reihen auf den Markt brachten, machten die Dresdner unter dem Titel „Maler & Werk“ ebenso anschauliche wie informative Hefte für Jedermann. (Seit kurzem zeigt eine nahezu vollständige Liste der erschienenen Titel in der Netz-Enzyklopädie Wikipedia die erstaunliche Spannweite dieses Programms.) Im Unterschied zu den vorgenannten Verlagen kam dabei auch das Werk zeitgenössischer Künstler in Betracht, die nicht der Generallinie entsprachen und denen auf diese Weise erst Geltung verschafft wurde. In einem geschickten Abwägen von soliden Prestigeprojekten gegen gewagte Experimente, gelang es den Verantwortlichen im Verlagshaus in Striesen einiges gegen und mit der Kulturbürokratie durchzusetzen, was heute auf dem angeblich freien Markt undenkbar wäre. So beschreibt der letzte Kulturminister der DDR, Herbert Schirmer, in seinem Vorwort zu Gert Claußnitzers soeben erschienenen Erinnerungsband „Gesichter und Zeiten“, wie die Lektoren des Verlags in den siebziger Jahren eine kritische Betrachtung zur Kunst des Nationalsozialismus ins Auge fassten, die sich allerdings nie realisieren ließ. (Noch heute sind wir da nicht viel weiter gekommen, einmal von den spärlichen Versuchen Bazon Brocks in den 90er Jahren abgesehen.)

Zur Paradoxie der DDR gehörte es, dass kaum glaubliche Abweichungen toleriert wurden, während Bagatellen zu Fallstricken werden konnten. So geschehen, als nach dem Prager Frühling der Cheflektor Ehrhard Frommhold abgesetzt und von seiner Partei gemaßregelt wurde. Der 1. Sekretär der Bezirksleitung Dresden, ZK-Mitglied Werner Krolikowski, beliebte damals vom „Krebsgeschwür Verlag der Kunst“ zu reden, welches ausgebrannt werden müsse. Was den Betonköpfen damals nicht gelungen ist, dass erledigte sich zwanzig Jahre später wie von selbst. Die Freiheit war gewonnen, wie der Einfluss verronnen. Immerhin existiert der Verlag noch als Imprint der Husum-Gruppe. Von den wichtigen Protagonisten der großen Zeit sind unterdessen fast alle verstorben; Cheflektor Erhard Frommhold im Jahr 2007, im Jahr darauf der Chefredakteur der Bildabteilung und Initiator der eikon-Presse Rudolf Mayer und 2013 der künstlerische und technische Leiter Horst Schuster.

Gert Claußnitzer war als Lektor von 1959 und bis 1991 dabei. Er gab 1961 als 26jähriger seinen Einstand mit einem grafischen Bändchen der Zwinger-Bücher über den Dresdner Expressionisten Peter August Böckstiegel. Als er sein Kunstgeschichtsstudium in Leipzig beendet hatte, musste er zunächst die Wahl treffen zwischen einem Engagement als Schauspieler am Theater Putbus und der Anstellung im Verlag der Kunst. Zwei Fotos von 1958 zeigen ihn in einer Aufführung von Georg Büchners „Leonce und Lena“ durch die Germanistenbühne der Uni.

Das Buch ist ein Dokument aus einer fernen Zeit, die ganz anders war als heute, wo sich einander völlig unbekannte Kulturvolontäre mit einer projektbezogenen Innigkeit herzen, die sich nach getaner Arbeit so total auflöst, dass man sich schon ein halbes Jahr nach dem letzten Rechenschaftsbericht einander wieder neu vorstellen lassen muss. Claußnitzers zugewandte Art versicherte ihn der lebenslangen Freundschaft der vom ihm geschätzten Künstler und Autoren. Auf diese Weise blieb er mit der Künstlerwitwe Hanna Böckstiegel ebenso verbunden wie mit Curt Querner, über den er 1979 in der Reihe „Welt der Kunst“ die erste Monografie veröffentlichte, dem Wiener Maler Georg Eisler, Sohn des Komponisten Hanns Eisler, sowie dem 1904 geborenen jugoslawischen Schriftsteller Oto Bihalji-Merin, der in den frühen 30er Jahren einer der Redakteure der Zeitschrift des Bundes der proletarisch-revolutionären Schriftsteller „Die Linkskurve“ war und den Claußnitzer als „väterlichen Freund“ bezeichnet. In dem schönen Bildband tritt die Person des Autors einen Schritt hinter die Künstler und Kollegen zurück und gerade durch diese innere Vornehmheit wird das Naturell Gert Claußnitzers umso deutlicher sichtbar. Er sucht und findet in seinem Gegenüber die Resonanz für die eigene musische Konditionierung. Kunst ist für ihn kein Thema sondern eine notwendige Bedingung seines Daseins. Im privaten Gespräch beklagt er zuweilen und sehr zu Recht die hektische Unverbindlichkeit, die sich nach 1989 hierzulande in Künstlerkreisen verbreitete. Dem Buch hält er solche Misstöne fern. „Erfüllte Zeit. Die Rätsel meines Lebens“ ist das erste Kapitel überschrieben. Die Familie des 1935 in Dortmund geborenen verschlägt es von 1936-1939 nach Schwarzenberg im Erzgebirge. Die daran anschließenden vier Jahre werden in Radebeul verbracht. Dann leben die Claußnitzers bis zur Ausweisung im Jahr 1946 in Hadersdorf-Weidlingen im Wienerwald, der Naturheimat der Kindertage, in die es ihn bis heute immer wieder zieht. Nach einem schwäbischen Intermezzo wird ab 1949 abermals Radebeul zur Heimat. Sie wohnen auf der Wichernstraße. Zu den Schulkameraden im Luisenstift zählen Claus Weidensdorfer und der Bruder des Komponisten Siegfried Kurz. Im Mittelpunkt des Erinnerungsbandes stehen die Freundschaften und Begegnungen mit Künstlern und Autoren. Erstaunlich, wie wenig langweilig solche Erinnerungen auch ohne despektierlichen Tratsch zu lesen sind. Neben Betrachtungen über die Klassiker der Moderne wie Munch, Picasso, Rodin, Soutine, Klimt und Schiele finden sich hierzulande weniger bekannte Künstler aus Kroatien (Hegeduši?), Serbien (Raši?), Ungarn (Derkovits, Kunt), Bulgarien (Bojadshiew, Sachariew) Weißrussen (Bjalynitzki-Birulja, Kupala, Saborow). Die Autorenfreunde komplettieren eine marginalisierte osteuropäische Internationale der Kunstwissenschaft mit dem vorgenannten Bihalji-Merin, dem Slowaken Tomaš Štraus und den Russen Michail W. Alpatow, Dmitri Lichatschow und Wiktor N. Lasarew. Selbstverständlich sind die Dresdner Maler Querner, Tröger, Jüchser, Fraaß und Rudolph vertreten und die Radebeuler beinahe überdurchschnittlich mit Claus Weidensdorfer, Bärbel Kuntsche, Werner Wittig und Fred Walther. Die großzügige Typografie und vielen farbigen Reproduktionen machen dem Verlag der Kunst alle Ehre.

Sebastian Hennig

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Gert Claußnitzer: Gesichter und Zeiten. Autobiografische Betrachtungen eines Lektors aus dem Verlag der Kunst Dresden, Hrsg. von Thomas Walther, 224 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, gebunden, Verlag der Kunst Dresden 2021, ISBN 978-3-86530-263-2, Euro 34,95

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