Thienemänner in der Lößnitz

Familiengeschichtliche Betrachtungen zum 150. Todestag von Wilhelm Thienemann

Der Name Thienemann ist allen an Heimatgeschichte und Weltliteratur interessierten Radebeulern selbstverständlich ein Begriff. Das liegt nicht so sehr an den Thienemännern als an den Thienefrauen oder, besser gesagt, den reichen Thienetöchtern Adele, Marie und Martha aus Zitzschewig – auch bekannt als »die Jungfern vom Bischofsberg« –, die sich zu Anfang der 1880er Jahre die armen Hauptmänner Georg, Gerhart und Carl angelten oder umgekehrt. »Die Goldfüchse müsst ihr holen«, soll Vater Hauptmann seinen Söhnen eingeschärft haben.

Altfriedstein, um 1865
Altfriedstein, um 1865

Drei Hochzeiten und ein Nobelpreis waren die Folge, denn ohne seine vermögende Muse Marie, von der er freilich 1912 schon längst wieder geschieden war, hätte Gerhart Hauptmann den literarischen Olymp – wenn überhaupt – sicher nicht so geradlinig erklommen. Dass drei Schwestern drei Brüder heiraten, lag bei den Thienemanns übrigens, wie wir sehen werden, sozusagen in der Familie.1-tex-ander-thienem
Die Hauptmann-Bräute und ihre früh verstorbenen Eltern waren keineswegs die einzigen und ersten Mitglieder der Familie, die es in die Lößnitz verschlagen hatte. Im Gegenteil ist die Thienemannsche Sippe im 19. Jahrhundert hier derart breit vertreten, dass es selbst eingefleischten Radebeul-Kennern schwer fällt, den Überblick zu behalten. Wenn etwa Dietz Lohse in seinem interessanten Beitrag über das Weingut »Karlshof« in der Juni-Vorschau 2013 schreibt, »1843 erwirbt das Anwesen der Kaufmann Rudolf Thienemann (damals auch Besitzer des ›Hohenhauses‹)«, so hat er sich im Stammbaum um einen Ast vergriffen. Nicht Rudolf August Theodor Thienemann (Rufname August, 1786-1853), dem seit 1832 das Hohenhaus gehörte, sondern sein jüngerer Bruder Carl Gottfried August (kurz Carl, 1788-1873), von Beruf Landwirt, kaufte 1843 den damals noch nicht so genannten Karlshof in Zitzschewig, um ihn schon zwei Jahre später mit der »Karrasburg« in Coswig zu vertauschen, die bis 1919 in Familienbesitz blieb.
Mit unserer Gegend bekannt geworden waren diese beiden Thienemänner vermutlich durch ihren jüngeren Bruder, den Arzt und bedeutenden Zoologen Dr. Friedrich August Ludwig Thienemann (1793-1858), der seit 1825 als zweiter Inspektor des königlichen Naturalienkabinetts in Dresden wirkte und sich 1831 das Weingut mit dem heute so genannten »Spiegler’schen Haus« (Döbelner Str. 24) in den nahen Trachenbergen zugelegt hatte, wo er mit Akribie Weinbau betrieb. (1839 publizierte er seine ausführliche Bibliographie »Die Weinwissenschaft in ihrem ganzen Umfange«.)
Zu diesen drei Brüdern gesellte sich 1856 noch der emeritierte Pfarrer Georg August Wilhelm Thienemann, der am 6. September 1781 – wie seine jüngeren Brüder – im evangelischen Pfarrhaus von Gleina bei Freyburg an der Unstrut geboren war. Dieser Wilhelm Thienemann, der vor genau 150 Jahren, am 8. oder 9. Dezember 1863 in Kötzschenbroda starb, weswegen wir uns bei ihm etwas länger aufhalten, hatte von klein auf eine besondere Leidenschaft für die Vogelwelt, mit der er sowohl seine jüngeren Geschwister wie auch seine Kinder und Kindeskinder ansteckte. Gemeinsam mit seinem bekannteren Arzt-Bruder Ludwig und dem »alten« (Christian Ludwig) Brehm (1787-1864, Pfarrer- und Ornithologenkollege sowie Vater des durch »Brehms Tierleben« unsterblich gewordenen Alfred Brehm) gab er ab 1825 eine »Systematische Darstellung der Fortpflanzungsgeschichte der Vögel Europas« heraus und publizierte auch zahlreiche Aufsätze zu vogelkundlichen Themen. Dass ihm der preußische König zum 50. Dienstjubiläum als Pfarrer (zunächst in Droyßig bei Zeitz, ab 1836 in Sprotta bei Eilenburg) einen roten Adler(-Orden 4. Klasse) verlieh, war demnach nur passend.

Hohenhaus, um 1900

Hohenhaus, um 1900

Kurz nach seiner zum 1. April 1856 erfolgten Emeritierung erschien dann noch seine bis heute als Standardwerk geltende kunsthistorische Fleißarbeit »Leben und Wirken des unvergleichlichen Thiermalers und Kupferstechers Johann Elias Ridinger, mit dem ausführlichen Verzeichniss seiner Kupferstiche, Schwarzkunstblätter und der von ihm hinterlassenen grossen Sammlung von Handzeichnungen« (Leipzig 1856). Wilhelm Thienemann war also ein denkbar vielseitiger Kopf: Theologe, Naturforscher, Kunstkenner, daneben ein begabter Zeichner, und auch als Dichter hatte er sich schon auf der Landesschule Pforta hervorgetan, wofür er 1801 mit einer von Friedrich Gottlieb Klopstock gestifteten Medaille dekoriert worden war. Der Nachruf im Organ der naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis zu Dresden, der er seit 1846 angehört hatte, würdigt ihn 1864 als »classisch und vielseitig gebildete[n] Mann, der die allgemeinste Achtung bei allen, die ihn kannten, genoss […] ein treuer Freund, im Umgange höchst liebenswürdig und freundlich«.
In biographischer Hinsicht gibt dieser Nekrolog freilich auch Rätsel auf, heißt es dort doch, als Emeritus sei Thienemann »zu seinen verheiratheten Kindern auf die Höhe des sogenannten Zechsteines nächst dem Paradiese in der Lössnitz« gezogen, um dort – bis zuletzt »ununterbrochen mit Ornithologie, Entomologie und Botanik beschäftigt« – knapp acht Jahre später »in den Armen der Seinigen sanft und ruhig« zu entschlafen. Zwischen »Zechstein« (Zitzschewig) und »Paradies« (Niederlößnitz) liegen zwar nicht Welten, aber doch ein paar Kilometer; sonst wird als Sterbeort immer Kötzschenbroda genannt; und wer ist mit den Seinigen gemeint? Zwei der oben erwähnten Brüder waren 1863 schon tot und einer lebte in Coswig, während Thienemanns berühmtester Sohn, der spätere Vorsitzende des »Deutschen Vereins zum Schutze der Vogelwelt«, August Wilhelm (1830-1884), damals als Pfarrer in Gangloffsömmern in Thüringen wirkte, wo gerade sein (G. A. Wilhelms) berühmtester Enkel Johannes Thienemann (1863-1938), der spätere Begründer der weltbekannten Vogelwarte Rossitten, geboren worden war.
Die Vermutung, dass noch mehr Sprossen des Thienemannschen Stamms in die Lößnitz gewachsen waren, erhärtet sich bei der Beschäftigung mit der verwirrenden Genealogie der Familie. Der Reihe nach: Wilhelm Thienemann hatte elf Geschwister und – mit seiner 1849 verstorbenen Frau Augustine – 14 Kinder; bei Pfarrers war das so üblich. Sein Bruder August (Hohenhaus), über den man sich hinter vorgehaltener Hand noch lange allerlei schlimme Geschichten erzählte, hatte 1843 seine (Wilhelms) Tochter Ottilie (1810-1885), also die eigene Nichte, geheiratet, was damals anscheinend noch kein Problem darstellte. Sein Bruder Carl (Karrasburg) tat nämlich genau das Gleiche und heiratete 1847 seine (Wilhelms) Tochter Laura (1811-1893). Noch verwirrender wird es, als Ottilie Thienemann geb. Thienemann ein Dreivierteljahr nach dem Tod ihres Gatten 1853 ihren sechs Jahre jüngeren Cousin, den Tischler Hermann Thienemann (1816-1891), heiratet, den Sohn ihres Onkels Franz (Wilhelms ältester Bruder, 1778-1834), dem sie knapp neun Monate darauf noch einen Sohn schenkt. Hermanns Bruder Otto (1808-1875) wiederum, der 1841 in Berlin eine gut gehende Wollhandlung gegründet hatte, erwarb 1857 oder 1858 das gerade zum Verkauf stehende Weingut Altfriedstein, wo er später auch starb. (In der Schubertschen Chronik wird als Käufer ein »D. Thienemann« angegeben, zweifellos einer von zahlreichen Druckfehlern, denn die Namensabkürzung »D.« kommt in diesem Werk sonst nicht vor.) Als ob das noch nicht genug wäre, zog 1863 noch Wilhelms jüngster Bruder, der ebenfalls als Ornithologe verdienstvolle Pfarrer emeritus Gustav August Leopold Thienemann (1800-1890), für den Wilhelm nach dem Tod der Eltern die Vaterrolle übernommen hatte, nach Kötzschenbroda. Gustav, der seit 1860 in zweiter Ehe mit einer weiteren von Wilhelms Töchtern, Antonie (1819-1880), verheiratet war, die er, der großen Altersdifferenz zum Trotz, um gut zehn Jahre überleben sollte, galt wegen seiner humorvollen Leutseligkeit später als Kötzschenbrodaer Original.
Als Wilhelm Thienemann vor 150 Jahren starb – vermutlich nicht im Hohenhaus, wo er lange gewohnt zu haben scheint, sondern in der heute unter Denkmalschutz stehenden spätklassizistischen Villa Hermann-Ilgen-Straße 30, die seine Coswiger Tochter Laura 1863 erworben hatte und die später deren Onkel und Schwager Gustav gehörte –, lebten also neben zwei Brüdern (Carl in Coswig und Gustav in Kötzschenbroda), die gleichzeitig seine Schwiegersöhne waren, wenigstens drei seiner Töchter und zwei Neffen, von denen er einen ebenfalls als Schwiegersohn ansprechen konnte, in unmittelbarer Nähe, von deren Nachwuchs und mehreren entfernteren Verwandten gleichen Namens ganz zu schweigen.
Ein weiterer Neffe, Franz Berthold Thienemann (1819-1880), dessen drei jüngste Töchter später von den Hauptmännern »geholt« wurden, – seit 1860 alleiniger Inhaber der von seinem Bruder Otto gegründeten Berliner Firma »Gebr. Thienemann, Woll­, Fonds- und Aktien-Commissionsgeschäft« – kaufte seinem Bruder Hermann dann 1864 das Hohenhaus ab und steckte ordentlich Geld hinein. Dass wir die Geschichte der hiesigen Thienemänner, deren weitere Verästelungen ich den Lesern ersparen möchte, heute noch überblicken können, haben wir schließlich Otto Wilhelm Thienemann (1859-1941, Sohn von Otto, Altfriedstein) zu verdanken, der im Alter in die geliebte Gegend seiner Kindheit zurückkehrte und 1933 in Kötzschenbroda ein Stammregister über »400 Jahre […] der Familie Thienemann, vormals Dienemann und Duhnemann« drucken ließ. Er wohnte zuletzt in Niederlößnitz, Schlageterstraße 7 (heute Horst-Viedt-Str.), zur Miete. Mit seinem Tod 1941 starb der Name Thienemann in der Lößnitz nach drei Generationen bis auf weiteres aus und kommt auch im aktuellen Radebeuler Telefonbuch nicht wieder vor. Nur das Hohenhaus wird zuweilen noch vom Thienemannschen Geist durchweht, sowohl in der Beletage wie im dunklen Keller…
Frank An­­dert

Zum Titelbild Dezember 2013

Die diesjährige Titelbildserie geht mit dem Torbogen zur „Villa Elisa“, Borstraße 19, zu Ende. Und weil es auf Weihnachten zugeht, ist vielleicht die Lichtstimmung am frühen Abend recht passend, dachte ich.
Villa und Einfriedung wurden 1878 von den Gebr. Ziller für den Bauherrn Carl Christian Petzold errichtet. In der lang gestreckten Syenitmauer ist für mich die in der Höhe gestaffelte Toranlage mit Pforte unter einem Rundbogen der gestalterische Höhepunkt. Jeweils außen stehen zwei Sandsteinpfeiler mit flacher Abdeckung, höher als die Mauer und mit seitlichen, geschweiften Ziersteinen. Dann folgen nach der Mitte hin kurze, gemauerte und verputzte Halsmauern, in deren linker die Briefkästen eingelassen sind. Den Durchgang rahmend stehen zwei weitere Sandsteinpfeiler, die den vom Steinmetz verzierten Sandsteinbogen tragen, darüber ein Kopfstück mit den eingemeißelten Buchstaben VILLA ELISA und einer etwas auskragenden oberen Sandsteinabdeckung. In der Öffnung sitzt ein einflügliges, filigranes Eisentor. Der Torbogen korrespondiert gestalterisch mit drei Fenstern im Risalit des Dachgeschosses und wurde etwa 2005 teilerneuert. Das Werbeschild für eine im Haus betriebene Praxis fällt etwas groß aus, passt aber so genau auf die rechte Putzfläche.
Damit endet diese Titelbildserie – sie wird ab Januar von Grafiken der Radebeuler Künstlerin Liselotte Finke-Poser abgelöst.
Leider konnte ich in den 12 Monaten nicht alle Radebeuler Torbögen zeigen, es hätte fast für zwei Jahre gereicht. Die Eigentümer von nicht dargestellten Torbögen mögen mir das bitte verzeihen!

Dietrich Lohse

Editorial – Dezember 2013

Es muss kurz nach ’89 gewesen sein. Eine beständige Eiseskälte hielt die Stadt seit einer Woche schon fest im Griff. Am Nachmittag eines Januartages spazierte ich inmitten der Weinberge auf den Höhen des Eggersweges, der hier ganz unmerklich die terrassierte Reblandschaft zerschneidet. Der eisblaue Himmel war von dieser wintereigenen Klarheit, wo selbst das fahle Sonnenlicht jede Wärme versagte. Doch im Hinunterblicken war ich erstaunt, das Häusermeer mehr ahnen, als sehen zu können. Ein dichter Dunst legte einen dicken Schleier über die Niederung des Tales. Die Erscheinung war voller farblicher Nuancen. Unter dem großen grauen Grundton, der wie ein Generalbass die Stimmung beherrschte, mischten sich, nahezu aquarellhaft, alle nur erdenklichen (Farb-) Töne. Nein, es war kein wettertypisches Phänomen – sondern das Produkt der unzähligen Ofenfeuerungen vor meinen Augen.
In den folgenden Jahren verschwanden nach und nach die alten Heizungen. Viel später war dieser dunstüberzogene Himmel fast undenkbar. Es war so einfach geworden, ein Knopfdruck befreite einen von Dreck und Schlepperei. Und heute? Die breite gas- und ölheizende Klientel scheint der gewonnenen Bequemlichkeit, zumindest punktuell, ein wenig überdrüssig zu sein.
Nostalgie? Autonomie? Wie auch immer – eine überaus große Rückkehr der Gemütlichkeit scheint das Gebot der Stunde zu sein. Die Zunft der Ofen- und Kaminbauer erlebt eine erstaunliche Renaissance.
Ich zumindest mag den vertrauten Geruch, der mir fahrradfahrend kürzlich wieder ganz bewusst in die Nase stieg. Ein Stück Vergangenheit? Ein Stück Zukunft? So gesehen war gestern vielleicht doch die gute Zeit von morgen? Aber genug jetzt, ich muss Holz nachlegen…

Sascha Graedtke

Zum Titelbild November 2013

Zum Titelbild
Etwa am Kulminationspunkt dieser Straße finden wir die Adresse Hoflößnitzstraße 56 mit einem in der Stützmauer (das Gelände steigt an) befindlichen Torbogen. Dieses Landhaus einschließlich der Einfriedung wurde 1912 von der Kötzschenbrodaer Baufirma Felix Sommer (vormals A. Neumann) fertig gestellt. In der Syenitmauer mit oberem Holzzaun steht der gemauerte und verputzte Torbogen in Form eines Korbbogens. Die Gestaltung einschließlich des zweiflügligen Holztores ist ausgewogen, innere Flanken und der Bogen werden wie auch der Schlussstein durch Staffelung der Kanten betont und die Verdachung folgt dem Bogen, hat jedoch an den Enden leicht gegenläufige Aufschwünge. Besonders gefällig wirkt hier die konkave Wölbung der Torflügeloberkanten, die mit dem Korbbogen ein liegendes Oval, quasi ein Auge, bilden. Die Torflügel sind im Spritzwasserbereich geschlossen, wirken aber im größeren Oberteil durch senkrechte, gedrechselte Stäbe transparent. Ein kräftiger Farbdreiklang betont die Gestaltung zusätzlich: Putz Gelbocker mit weißen Akzenten, alle Holzteile Opalgrün (etwa RAL 6026). In Nähe von Haus Hoflößnitz und Spitzhaustreppe gelegen, kommen auch viele Radebeulbesucher hier vorbei und können so diese Toranlage wahrnehmen.

Dietrich Lohse

Zum Titelbild März 2013

Zum Titelbild März 2013

Der Grundhof, ein ehemaliges Weingut, Paradiesstraße 66/68, hat mehrere Zugänge. Einer befindet sich als etwas höhere Pforte in einer langen Bruchsteinmauer an der Paradiesstraße und wirkt bogenähnlich durch eine geschweifte Verdachung mit Biberschwanzziegeln, darunter eine ebenfalls geschweifte, doppelte Putzkante. Torflanken und Sturz bestehen wohl aus glatt verputztem Ziegelmauerwerk, das gegenüber der Syenitmauer leicht vorspringt. Die einflüglige Holztür ist an ein Sandsteingewände angeschlagen. Diese lößnitzblau (eine Mischung aus Blau und etwas Grün) gestrichene Tür wurde nach 2000 erneuert, wobei der Bauherr leider auf das ursprünglich vorhandene Lattenwerk in der oberen Hälfte des Türblattes verzichtete. Dadurch wirkte die Pforte früher transparenter und einladender. Durch diese Pforte gingen im Laufe der Zeit viele Menschen, auch die Maler, die hier wohnten, bzw. noch wohnen – Wilhelm Claus, Karl Kröner und Gunter Herrmann – oder die, die hier malen wollten wie Paul Wilhelm. Wann diese Pforte entstanden ist, lässt sich nicht genau sagen, ich würde annehmen noch im 18. Jahrhundert. Mauer und Pforte haben für den Spaziergänger eine ländliche, ja südländische Anmutung, man denkt Bilder von Cézanne und an den oft gebrauchten Vergleich Radebeuls mit der Mittelmeerregion – „Sächsisches Nizza“!

Dietrich Lohse

Zum Titelbild Oktober 2013

Zum Titelbild Oktober 2013

Vor einem durch seine Schlichtheit und Eleganz erst auf den zweiten Blick auffallenden Torbogen steht man in der Weintraubenstraße 7. Leider wissen wir zZ. nicht, wie er um 1920 ausgesehen haben mag, mit passendem, einflügligem Tor und Zaun. Heute irritiert uns der wohl in den 70- oder 80-er Jahren über einem sehr grob strukturierten Sockel aus Großpflaster errichtete sogen. Gewi-Zaun (das Grundstück wurde offenbar damals, vielleicht auch heute von der Stadt, bzw. deren Tochter der Gebäudewirtschaft verwaltet) mit schlecht modifiziertem Tor. Das geht heute besser! Aber vielleicht tritt dadurch die Eleganz des gemauerten und verputzten weißen Bogens mit exaktem Halbkreis und den diesem folgenden oberen Abschluss, der an den Enden gegenläufig ausschwingt, mit Kupferblech abgedeckt ist und eine seitliche Mauer in dreiviertelster Höhe hat, umso deutlicher hervor? In der Mitte fällt uns ein Stuckoval mit seitlichen Girlanden (der linken fehlt ein Glied) und den Buchstaben „M S“ auf – die sich auf den Bauherrn Max Schneider beziehen. Der ließ die Villa 1918 in schwieriger Zeit von den Architekten und Baumeistern Luther & Scholz entwerfen und von der benachbarten Baufirma F. W. Eisold bauen. Es wäre ein Gewinn, wenn hier einmal ein schöner Holzzaun und ein in Höhe und Gestaltung besseres Tor den Gewi-Zaun ablösen könnten … .

Dietrich Lohse

Zum Titelbild September 2013

Zum Titelbild September 2013

Im mittleren Abschnitt der früheren Sophienstraße finden wir bergan auf der rechten Seite die Villa Eduard-Bilz-Straße 23 mit einer besonderen Torgestaltung. Besonders insofern, da hier das Tor in Grund- und Aufriss Schweifungen aufweist. So wird durch die Toranlage neben dem Fußweg ein Raum gebildet, wenn man so will, eine intime Situation. Villa und Einfriedung wurden 1905/06 wohl durch die Fa. Gebr. Ziller/ Nachfolger in „einem Guss“ errichtet. Die Materialauswahl und Gestaltung möchte ich als reichhaltig bezeichnen: an den linken, mit Kugel bekrönten Sandsteinpfeiler schließt sich eine ortsübliche Syenitmauer an, während dem rechten Pfeiler, auch mit Sandsteinkugel drauf, ein weißer Holzlattenzaun auf Sandsteinsockel folgt. Der eigentliche, geschweifte Torbereich hat einen Sockel aus Sandsteinzyklopen, an den Flanken der Toröffnung dagegen finden wir bis zur halben Höhe regelmäßiges Sandstein-Quadermauerwerk. Das hellbeige verputzte Mauerwerk mit Korbbogenabschluss ist auf beiden Seiten in der Höhe abgesetzt und durch drei geschweifte Sandsteinabdeckungen gegen Witterungseinflüsse geschützt. Ein zweiflügliges, weißes Holztor besteht in der oberen Hälfte bis zum Bogen aus senkrechten und in der unteren Hälfte aus diagonal gekreuzten Latten. Die am Tor sitzenden Metallteile, darunter auch ein filigraner Griff, wirken mit anthrazitfarbenem Anstrich bewusst als Kontrast zum Weiß. Leider beginnt sich der rechte Pfeiler vom Mauerwerk abzusetzen – mit einer baldigen Reparatur könnte der Schaden wohl noch in Grenzen gehalten werden.

Dietrich Lohse

Zum Titelbild August 2013

Zum Titelbild August 2013

Die Pforte der Mietvilla Roseggerstraße 8 hat eine so straffe Gliederung, dass man hier fast nicht von Torbogen sprechen möchte. Wir werden nicht fehl gehen, diese Pforte mit der Errichtung der Mietvilla von 1903/04 gleichzusetzen – Entwurf Oskar Menzel, Ausführung Fa. F.W. Eisold. Die roten Klinkerpfeiler, -sockel und –flankenmauer stehen in Kontrast zum Putzbau dahinter, was aber hier die Gestaltung eher bereichert. Am oberen Ende der Pfeiler wird jeweils mit einer Lage leicht vorstehender Klinker ein Kapitell angedeutet. Darüber ruht auf einem Holzgebälk ein kleines Walmdach aus roten Turmbibern. Entfernt an einen Bogen erinnert der geschweifte obere Abschluss des Lattentores, auch das gebogene Diagonalbrett der Tür mildert die bereits genannte straffe Gestaltung. Holzteile von Tor und Zaun tragen einen ansprechenden lindgrünen Anstrich. Leider macht offenbar aufsteigende Feuchte den Klinkersteinen Probleme.

Dietrich Lohse

Zum Titelbild Juli 2013

Zum Titelbild Juli 2013

In eine ältere Weinbergsmauer aus Syenit wurde hier beim Bau der Villa Weinbergstraße 40 durch den Architekten Oswald Haenel, der selbst einige Jahre darin wohnte, diese noch dem Historismus verpflichtete, im Halbrund geschlossene, repräsentative Pforte eingefügt. Um 1980 hatte ein früherer Mieter eigenmächtig versucht, sie für seinen Trabant(?) passend zu machen – einen Stahlträger in Kämpferhöhe eingefügt und die Flanken mit Hammer und Meisel deutlich aufgeweitet. Es gleicht einem Wunder, dass das Tor dabei nicht eingestürzt war! Das Verdienst des heutigen Eigentümers ist es nun, dass diese Veränderungen zurückgebaut und das detailreiche Tor wieder ein Hingucker für die zahlreichen Spaziergänger auf der Weinbergstraße werden konnte. Unter dem geschweiften Ziegeldach mit Putzgesims sitzt mittig im Bogen ein Sandstein-Schlussstein. Die Symbole in der Front des Schlusssteins beziehen sich gleichermaßen auf den Beruf des Architekten wie auch auf die Freimaurer, denen er angehörte – vergleichen Sie bitte V+R 07/10 und 04/12. Bemerkenswert ist auch der hölzerne Strahlenkranz in der lichten Öffnung, wie auch die Gucklöcher in den ansonsten geschlossenen Türblättern. Die helle Putzfarbe entspricht der Farbe der Fassaden der Villa, die Holzteile sind wieder Lößnitzgrün gestrichen. Ich würde mich freuen, wenn von Zeit zu Zeit der Efeuwuchs kurz gehalten werden könnte, damit die Torgestaltung wahrnehmbar bleibt.

Dietrich Lohse

Berichtigung zum Titeltext des Juniheftes: „gephast“ im Sinne einer abgeschrägten Ecke ist falsch und muss laut Duden richtig gefast geschrieben werden, Phase dagegen meint einen Zeitabschnitt (danke Andrea).

Zum Titelbild Juni 2013

Zum Titelbild Juni 2013

Für die Titelseite unseres Juniheftes habe ich mit der Rosenstraße 18 ein kleineres, aber auch zweiflügliges Tor mit rechteckigem oberen Abschluss gewählt. Es dient ausschließlich dem Fußgängerverkehr zu einer Villa von 1904/05. Der Entwurf der Villa und wohl auch der Einfriedung stammt von Architekt Max Steinmetz, der in der Firma Gebr. Ziller arbeitete – seine Gestaltungen entsprechen dem Jugendstil bis zur Reformbaukunst. Auf die gephasten Sandsteinpfosten sind sich einseitig verjüngende, vertikale Verlängerungen aufgesetzt, auf denen ein horizontaler Sandsteinbalken ruht. Die Unterseite des Balkens ist als Gerade ausgebildet, während die Oberseite eine dezente Schweifung zeigt, die jeweils links und rechts in einer stilisierten Schnecke endet. Wer in der Mittelachse des Balkens die Hausnummer einmeißelte, muss gehofft haben, dass sich diese nie ändern wird!
Über den beiden Holzflügeln wurde ein feststehendes Lattenwerk, ähnlich einem Oberlicht, angeordnet. Die Torflügel sind im oberen Teil mit filigranem Stabwerk gefüllt und gewähren so Durchblicke. Bemerkenswert sind hier auch die Türklinken in Jugendstilmanier. Die Holzteile der Einfriedung, wie auch die Klappläden an der Villa, tragen einen Anstrich im so genannten Lößnitzblau (in der Mischung von Blau und Grün dominiert hier Blau). Im Hinblick auf längere Haltbarkeit von Sandstein und Holz erhielt der Balken eine Kupferblechabdeckung und die Flügel am unteren Ende Kupferblech als Spritzschutz.
Spaziergänger in der Rosenstraße nehmen das Tor als zierlich und heiter wahr.

Dietrich Lohse

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