„Rendezvous mit Engeln“

Geflügelte Himmelsboten in der Coswiger Karrasburg

Die Mitarbeit der Besucher ist nicht nur gewünscht, sondern gewissermaßen sogar eine Art Pflicht. Denn es ist eine altbekannte Tatsache; erst die Meinungsäußerung durch die Besucher macht eine Ausstellung lebendig; ganz egal ob gelobt oder kritisiert wird. Mehr »

Kondolenz statt Audienz

Ein Nachtrag zum »Wundermann von Kötzschenbroda«

Im Herbst brachte die ›Vorschau‹ einen zweiteiligen Beitrag über den »Wundermann von Kötzschenbroda« Wiljalba Frikell, den ersten großen Varietékünstler, der sich in der Lößnitz häuslich niederließ. Längst war es an der Zeit, einmal fundiert und ausführlich an ihn zu erinnern. Mehr »

„Marmelade in Essig“ und andere Merkwürdigkeiten

Dario Fo’s brillante Satire „Bezahlt wird nicht!“ hatte an den Landesbühnen Sachsen Premiere

Drehte man den Kalender um – sagen wir mal – 39 Jahre zurück und beamten wir uns dann hinunter ins sonnige Italien des Jahres 1974, dann wären wir in jenem Jahr angekommen, in dem sich der Theaterautor Dario Fo eine seiner schärfsten Satiren überhaupt ausdachte. Mehr »

Ein namenloser Turm in Radebeul Ost – gibt’s so was?

Neulich fragte mich ein ehemaliger Kollege aus dem Energiebau (heute ABB), ob ich einen ruinösen Turm am östlichen Lößnitzhang und vielleicht seinen Namen kennen würde und er beschrieb mir ein paar Einzelheiten. Mehr »

„Ein kühler Morgen zwischen den Jahren“

Werner Wittig und Michael Hofmann stellen in den Räumen der Sparkasse aus

Das gemeinsame und zugleich verbindende Moment der beiden Radebeuler Künstler Werner Wittig und Michael Hofmann ist der Werkstoff Holz. Das Holz bildet von daher auch die Grundlage ihrer beider künstlerischen Arbeit.  Der Unterschied aber liegt im Detail und dabei wiederum in der genauen Bezeichnung der jeweiligen Bearbeitung des Werkstoffs Holz. Mehr »

Editorial 1-14

Auf zu neuen Ufern! Kaum treffender kann man das Unterfangen von „Vorschau & Rückblick“ benennen, was programmatisch für das vor uns liegende Jahr angedacht ist. Unser Monatsheft für Radebeul und Umgebung strahlte in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten fast ausschließlich in umliegende Ortschaften rechtselbischer Gefilde. Mehr »

Unsere alten Handwerksmeister – Hermann Claus

Als ich dem Radebeuler Hermann Claus gegenübersitze, fordere ich ihn mit der Frage „hat Handwerk wirklich goldenen Boden?“ etwas heraus. Ein kurzes Nachdenken und er sagt: „Ja, wenn man sein Fach gut gelernt hat, täglich fleißig ist und sich theoretisch und technisch auf dem Laufenden hält, kann man zu Wohlstand gelangen“. Ich bin neugierig geworden, wie sich diese Antwort in Leben und Beruf widerspiegelt.Herrmann Claus
Am 21. Januar 1926 wurde in der Familie des Installateurs und Klempners Johannes Claus der Sohn Hermann in der Leipziger Straße 50, heute Meißner Straße 118, in Radebeul geboren. An gleicher Stelle war auch der Großvater Herrmann Clauss (die Schreibweise hatte sich dann geändert), der das Handwerk 1882 begann und 1887/88 das zweigeschossige Wohnhaus durch die Gebr. Ziller ließ, tätig gewesen. So überrascht es kaum, dass Hermann nach Besuch der Rosegger- und Schillerschule von 1932 – 40 den Wunsch hatte, auch Installateur und Klempner zu werden.
Acht Jahre Schulbesuch waren damals üblich, nur wenige Schüler wollten oder konnten mit Mittlerer Reife oder Abitur abschließen. Im Gespräch erinnert sich Herr Claus, dass ihm besonders der Lehrer Robert Schaale ein gutes Rüstzeug mit auf den Weg gegeben hatte. In seine Kindheit fällt auch das Interesse für Musik – die Mutter wollte, dass er Flöte spielen solle, er hat aber schon bald auf Akkordeon „umgesattelt“, besitzt bzw. besaß zwei entsprechende Hohner-Instrumente. So spielte er als junger Mann im Orchester, aber auch solistisch und trat zur Unterhaltungsmusik u.a. in der „Goldenen Weintraube“ auf.
Eine geplante Lehre bei einer Dresdner Firma zerschlug sich, weil bereits Krieg war und der Geselle in Vaters Geschäft eingezogen war, so lernte er doch beim Vater seinen Beruf. Dazu gehörte natürlich auch der Besuch der Berufsschule in der Criegernstraße, der heutigen Straße des Friedens. Unter den Kriegsbedingungen wurde die Lehrzeit von vier auf dreieinhalb Jahre verkürzt. Im Herbst 1943 hielt er den Facharbeiterbrief in den Händen, musste aber zunächst zum Arbeitsdienst, der mit seinem Beruf wenig zu tun hatte. Es folgte eine kurze Zeit der Arbeit beim Vater in Radebeul, die schließlich mit der Einberufung zum Militärdienst endete. Er wurde, vielleicht auch wegen seiner Fingerfertigkeiten als Musiker, als Funker eingesetzt. Nach schwerer Verletzung eines Beines durch Granatsplitter an der Ostfront fand Hermann Claus bei polnischen, katholischen Schwestern Unterschlupf, wo er gut gepflegt wurde und dadurch einer Gefangenschaft entging. Auf abenteuerlichen Wegen und ohne Ausweispapiere kam er am 12. Juli 1946 heim, musste aber dann doch noch mal unters Messer eines Chirurgen. Die wieder aufgenommene Arbeit in Vaters Geschäft führte 1949 zum Erhalt des Meisterbriefes in seinem Fach (1999 konnte er dann den „Goldenen Meisterbrief“ feiern).

Wohn- und Geschäftshaus, um 1900

Wohn- und Geschäftshaus, um 1900

Die Geschäftsübernahme des väterlichen Betriebes erfolgte per 1. Januar 1954, woran sich eine kontinuierliche Tätigkeit in seinem Beruf, besser gesagt in seinen zwei Berufen, bis 1994 anschloss. Zusammen mit seiner Frau – kürzlich erst wurde die Diamantene Hochzeit gefeiert – zog er zwei Töchter auf. Siegfried Kebschull, der Ehemann seiner Tochter Christina, übernahm in den neunziger Jahren die Werkstatt und eröffnete in der Meißner Straße 113 ein Geschäft für Sanitärtechnik, er hatte nun den Schwerpunkt auf den Installateur gelegt.
Was versteckt sich aber hinter dem Doppelberuf von Hermann Claus? Grob formuliert kümmert sich der Installateur um Gas-, Wasser- und Abwasserleitungen für Küchen, Bäder und Toiletten sowie Heizung einschließlich entsprechender Geräte. Der Klempner ist zuständig für Blecheindeckungen an Dächern und Türmen, Dachkehlen, Dachrinnen und Regenfallrohre sowie Teilverblechungen an Fassaden und arbeitet somit mehr im Freien als der Installateur. Er bearbeitet vorwiegend Metalle (Fertigteile oder Meterware) arbeitet aber auch mit Kunststoffen. Nun hat Hermann Claus in Zeiten gelebt, wo klassische Materialien wie zB. Kupfer und Zink erst kriegsbedingt, dann in der DDR aus anderen Gründen nicht verfügbar waren, da blieb nur verzinktes Blech, Aluminium oder eben Plaste. Aber geht nicht, gab’s nicht, eine Lösung fand sich immer! Erst in den letzten vier Jahren bekam er auch Kupfer auf die Werkbank.

Auf dem Dach des Meinholdschen Turmhauses

Auf dem Dach des
Meinholdschen Turmhauses

Wo waren nun die Baustellen von Herrn Claus gewesen, frage ich ihn. Nicht ohne Stolz erzählt er mir, dass der Großvater, der Vater und auch er zu verschiedenen Zeiten für Friedrich Eduard Bilz bzw. seine Familie im Bilzbad, im Sanatorium und der Villa arbeiten konnten. Ähnlich war es auch bei Karl und Clara May, dem Indianer- bzw. Karl-May-Museum. Bei Arbeiten für die Berufsschule schließt sich ein Kreis – wo er einst lernte, durfte er später Reparaturen ausführen. Tragisch war aber ein Fall in der Ahornstraße 2, die 1942/43 errichtet wurde, da hatte er mit seinem Vater gearbeitet. Im Februar 1945, also nach kaum zwei Jahren, wurde das Haus durch einen Bombentreffer zerstört, wobei 31 Menschen den Tod fanden. Mehrmals waren auch an der seinem Haus gegenüber stehenden Lutherkirche durch ihn Klempnerarbeiten ausgeführt worden. Natürlich arbeitete die Firma Claus auch für eine Vielzahl anderer privater Haushalte. Für einen Klempner ist die Errichtung oder die Reparatur von Wetterfahnen bzw. Turmkugeln in doppeltem Sinne ein Höhepunkt, leider gab es davon in DDR-Tagen wenige. An zwei aber erinnert er sich gern: am Meinhold’schen Turmhaus (damals Dr. Thenius) und an der Moritzburger Straße 1. Mit mehreren Radebeuler Firmen aus dem Baugewerbe, so der Fliesenlegerfirma Häse, den Dachdeckern Bock und Schneider, der PGH Empor (heute Radebeuler Dachdecker GmbH) oder dem Kreisbaubetrieb, gab es wiederholt Zusammenarbeit auf Baustellen. Auch bei den berühmt-berüchtigten Taktstraßen zur Gebäudesanierung in den 70-er und 80-er Jahren war die Firma Claus ein verlässlicher Partner.
Zur Lutherkirche hatte Herr Claus immer gute Beziehungen, so wirkte er auch eine Zeit lang im Kirchenvorstand mit. In der Innung der Installateure und Klempner hatte er später die Position des Obermeisters inne. Man kann Hermann Claus bescheinigen, dass er in Radebeul wirklich kein Unbekannter ist. Viel hat er im Laufe seines Berufslebens für die Radebeuler Häuser und deren Bewohner getan – die Summe der Details, ob Wasserhahn oder Regenfallrohr, und die Bereitschaft in Notfällen zu helfen, machen es aus! Ich konnte mich überzeugen, dass es ihm auch in seinem 88. Jahr gut geht, dass er am Geschehen in Radebeul unverändert interessiert ist und auf ein reiches Berufsleben zurückblicken darf. Zum Schluss möchte ich noch wissen, wie er den in den letzten 20 Jahren stark zugenommenen Verkehrslärm der Meißner Straße verkraftet und ob er nicht mal wegziehen wollte. Nein, daran hat er nicht gedacht und der Lärm hat sich ja über längere Zeit entwickelt, so dass er sich daran gewöhnen konnte. Und eine gut bekannte Adresse ist für einen Handwerker auch wegen der Tradition und Präsenz wichtig, seine Kunden sollen ihn finden.
Vielleicht, wenn nicht die Kriegsverletzung gewesen wäre, hätte er den vom Vater vorgelebten Klettersport in der Sächsischen Schweiz weiter betreiben können, so bleibt als Hobby das Musizieren auf „der Hohner“ mit ihren 120 Bässen.

Dietrich Lohse

Ein Kalendertipp für 2014

Buchankündigungen hatten wir in Vorschau & Rückblick schon – gibt’s auch Kalenderrezensionen? Auch wenn das hier Neuland und die Auswahl an bebilderten Wandkalendern in den einschlägigen Läden groß ist, möchte ich es versuchen.9-kalender-klitzsch
Der Kalender mit 12 künstlerischen Arbeiten von Hartmut Klitzsch (1923 -1995), der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag gehabt hätte, beruht auf einer privaten Initiative seines Neffen Gottfried Klitzsch, der in München und Radebeul lebt. Hartmut Klitzsch war nach dem Kriege bis in die 70er Jahre als Lehrer in Gohlis tätig gewesen, auf jeden Fall dürfte er Kunsterziehung unterrichtet haben. Obwohl er kein akademischer Künstler ist, hat er uns eine große Zahl von Zeichnungen und Aquarellen hinterlassen, die sich alle durch flotten Strich und sichere Farbwahl auszeichnen. Seine Themen fand er bei einzelnen Gebäuden (z.B. Gohliser Windmühle), Stadtansichten (Prag) und freien Landschaften (Waldstück I und II) in seiner näheren und weiteren Heimat. Die Bildauswahl für diesen Kalender, den es in der Buchhandlung Sauermann in zwei Größen (kleines Format 8,-€, großes 18,-€) gibt, hat zwar kein eigentliches Radebeuler Motiv dabei, auf dem Januarblatt erkennt man aber hinter der Gohliser Schule die Lößnitzer Weinberge.
Man sollte den Begriff „Heimat“ vielleicht nicht zu eng sehen, wenn man sich für diesen schönen Kalender interessiert und außerdem wäre er doch auch ein passendes Geschenk zum Weihnachtsfest. Ich kann ihn empfehlen.

Dietrich Lohse

Annerose Schulze zeigt „paperwork“ in der Stadtgalerie Radebeul

Textilgestalterin Annerose Schulze

Textilgestalterin Annerose Schulze

Obwohl die Textilgestalterin Annerose Schulze nun schon seit über zwei Jahrzehnten in Radebeul ansässig ist, präsentiert sie sich mit einer umfassenden Personalausstellung im Jahr 2013 in der Lößnitzstadt zum ersten Mal. Geboren 1947 in Walthersdorf im Erzgebirge, studierte Annerose Schulze in Schneeberg an der Fachhochschule für Angewandte Kunst Textil-Design. Nach dem Studium folgten Jahrzehnte der freiberuflichen Tätigkeit. Entstanden sind in dieser Zeit Assemblagen, Collagen, Applikationen, Materialmontagen, Objekte und Installationen, später auch komplexe baugebundene Kunstwerke.
In der Dresdner Sezession 89, einer Vereinigung von Künstlerinnen, engagiert sich deren einstige Mitbegründerin bis heute. Die Gruppe betreibt in Dresden u.a. eine eigene Galerie, pflegt internationale Kontakte, konzipiert und realisiert zahlreiche Ausstellungen sowie temporäre Kunstprojekte im Außenraum.
Es ist wohl unbestritten, dass Annerose Schulze den vordersten Reihen der Sächsischen Kunstszene zugeordnet werden kann. Besondere fachliche Anerkennung erfuhr sie im Jahr 2000 mit der Berufung zur Professorin an die Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Angewandte Kunst in Schneeberg.
Erwähnt sei die Vorliebe der Künstlerin für minimalistisch-serielle Musik. Bereits ab Mitte der 80er Jahre begann sie medienübergreifend mit Musikern und Tänzern zusammenzuarbeiten. Ihre Lust am Experimentieren ist bis heute ungebrochen. Und so verwundert es kaum, dass zur Vernissage der „Nachjubiläumsausstellung“ am 15. November als eine Art Hommage die Uraufführung der Komposition „66 Töne“ zu erleben war. Die Dresdner Komponistin, Musikerin, Sängerin und Performerin Agnes Ponizil wurde hierzu von Annerose Schulzes Kunst angeregt und machte ihr diese am Eröffnungsabend zum Geschenk.

Performerin Agnes Ponizil

Performerin Agnes Ponizil

Das eigenwillige Original-Büchlein mit der Komposition übergab sie der Galerieleitung mit dem Hinweis, dass es während des Ausstellungszeitraumes von jedem Besucher eingesehen werden kann.
Reisen, die Annerose Schulze gemeinsam mit ihrem Mann, dem Holzbildhauer Fritz Peter Schulze, nach China führten, wirkten sich ebenfalls auf ihr Schaffen aus. Dabei ist für sie vor allem das Medium Papier von großem Interesse. Denn „die Sprache des Papiers ist eine Vielfältige… man kann es bemalen, knittern, falten, prägen, zerreißen, knüllen, bekleben, bezeichnen und besticken…“.
Facetten dieser künstlerischen Auseinandersetzung zeigt Annerose Schulze nun in der Ausstellung „paperwork“. Zu sehen sind Stickereien mit Seidengarnen auf tibetischen LOKTA-Papieren oder selbst hergestellten Papieren aus Pflanzenfasern, Blindprägungen und Collagen. Augenscheinlich ist aber auch, dass Buchstaben, Zahlen, Zeichen den Raum füllen, die wie eine Wolke zwischen beiden Etagen der Stadtgalerie zu schweben scheinen. Schon ein Lufthauch bringt die einzelnen Gebilde in Bewegung, was die Künstlerin mit folgenden Worten kommentiert: „Zwischen A und O gibt es viele Zeichen… Schon allein die Schönheit eines Buchstabens inspiriert und wandelt sich zu einer neuen eigenständigen abstrakten Form. Das Spiel mit Symbol und Zeichen wird zum Bildinhalt und Sentenzen aus Texten finden eine neue künstlerische Ordnung“.

Die Ausstellung ist bis zum 22. Dezember jeweils von Dienstag bis Donnerstag und am Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Am letzten Ausstellungstag findet um 16 Uhr eine abschließende Sonderführung statt.

Karin Gerhardt

Familientaugliches Adventsvergnügen

Für den Rezensenten, der seit fast 20 Jahren regelmäßig in der „Vorschau“ über Aufführungen des Schauspiels an den Landesbühnen berichten darf, war der Besuch der Radebeuler Premiere von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ am Reformationstag aus zwei Gründen ungewöhnlich. Erstmalig fühlte ich, dass es nicht vorteilhaft sei, die anstehende Besprechung nur aus meinen Eindrücken zu speisen – weshalb ich mir zur Verstärkung meine 8-jährige Tochter mitgenommen hatte. Denn was als Familienstück durchgehen soll, muss schließlich vor allem den Kindern gefallen. Und ebenso zum ersten Mal ging ich nicht unvoreingenommen zu einer Premiere, denn das Stück wurde schon während der letzten Sommersaison auf der Felsenbühne gegeben und dort u.a. auch schon von erwähnter Tochter gesehen, die mir natürlich darüber berichtet hatte. Außerdem kenne ich die filmische Vorlage und habe die dazugehörige Ausstellung in Schloss Moritzburg gesehen – die Macht der Bilder im Kopf erweist sich dann im Verlauf des Stückes auch als recht stark und verleitet zu Vergleichen.
Die Radebeuler Hausfassung (Regie: Manuel Schöbel) hält sich fast ausnahmslos an die erfolgreich in Rathen gezeigte Produktion und geht in Doppelbesetzung (alle Hauptrollen werden sowohl von Mitgliedern des Schauspiel- als auch des Musiktheaterensembles gespielt, weil das Stück als Musical konzipiert ist) im Dezember auf Tour durch Sachsen (Radebeul, Torgau, Bad Elster, Großenhain, Neustadt, Meißen). Die Anzahl der allein in diesem Monat bis Weihnachten geplanten Aufführungen (16!) verrät den Anspruch, mit dem diese Produktion in den Spielplan aufgenommen wurde: Man rechnet mit Zulauf, auch von ansonsten theaterferneren Kreisen. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ soll eben ein Stück für die ganze Familie sein, weshalb weder in die bekannte Handlung, noch nachhaltig in die vertraute Personenkonstellationen eingegriffen wurde, und selbst das beliebte Thema der Filmmusik durfte in der Bühnenmusik (Thomas Zaufke) verarbeitet werden. Lediglich die Rollen des Prinzipals und der Prinzipalin (Tom Hantschel und Anke Teickner, beide ebenso auch als König und Königin) sind ein Zugeständnis an eventuell mit der Handlung nicht vertraute Besucher, denn durch diese beiden wird an Gelenkstellen der Inszenierung der Fortgang der Ereignisse erläutert und z.B. auch in die Pause gebeten. Alles in allem bedient also das Stück die Erwartungshaltung des von Kindern dominierten Publikums und hat es deshalb nicht schwer, die Herzen der Zuschauer zu gewinnen. Die Sympathien fliegen vor allem Aschenbrödel (Sandra Maria Huimann verkörpert eine selbstbewusste, fast schon modern zu nennende junge Frau) und der Eule/dem Küchenjungen zu (Julia Ranis Augenspiel als in Aschenbrödel unglücklich verliebter Küchenjunge ist faszinierend!). Stiefmutter (Julia Vincze) und Dorchen (Cordula Hanns) werden absichtsvoll überzeichnet und ziehen als lebende Karikaturen ganz automatisch den Spott auf sich. Johannes Krobbach und Grian Duesberg vervollständigen die Reihe der in mehreren Rollen eingesetzten Akteure und machen insbesondere als Diener am Hofe und Gefährten des Prinzen eine prima Figur. Für die erwachsenen Zuschauer hält die Textfassung (Katrin Lange) dennoch einige Überraschungen parat, denn der Prinz (Michael Berndt) wird als Figur durch dezent gesetzte Signale in die Nähe der Protagonisten des Sturm und Drang – Karl Moor und Werther – gerückt: Im Aufbegehren gegen die dröge, in Konventionen denkende Welt seiner Eltern (er verteilt Flugblätter im Saal mit der Aufschrift „Kratzfüße und Knickse regieren am Königshof“), im Wunsch, sein Freiheitsstreben als Räuberhauptmann zu leben, im Selbstverständnis, dass die eigenen Bedürfnisse zuoberst stehen, im Hang zu Übertreibung und Stimmungsschwankung. Dieser Ansatz hat Charme und würzt das Theatererlebnis für den Literaturkenner auf unverhoffte Weise. Freilich hätte es davon gern auch mehr sein dürfen, aber womöglich wäre dann die Identifikation der jüngeren Besucher mit dem Prinz nicht so leicht gefallen. Die Ausstattung (Barbara und Klaus Noack) trägt dem märchenhaften Sujet Rechnung und bietet in Pferd, Tauben, Waldtieren, überdimensionierten Pilzen und Pflanzen sowie Schloss, Ballkleider etc. alles auf, was Film und einschlägige Bilderbücher an optischen Eindrücken zum Märchen von „Aschenputtel/Aschenbrödel“ seit Generationen nahe legen. In diese Reihe bewährter Zutaten gehört Klein Röschens (Thomas Strangfeld) Oberarmtätowierung jedoch sicherlich nicht. Bestimmt könnte ohne Einbuße an darstellerischer Kraft hier eine andere Lösung für das Kostüm gefunden werden.
Eine andere Lösung als die oben erwähnte Doppelbesetzung der Rollen scheint aufgrund organisatorischer und personeller Sachzwänge offenbar nicht auf der Hand zu liegen. Denn ohne Zweifel stellt ein Musical mit seinen Anforderungen an Stimmkraft, Gestaltungsvermögen und Intonationssicherheit für Schauspieler eine besondere Herausforderung dar. Insofern kann vermutet werden, dass das musikalische Vergnügen in der Besetzung mit ausgebildeten Sängern größer wäre. Dennoch sparte das Publikum nicht mit Beifall für alle Akteure.
Bertram Kazmirowski

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