Laudatio für Eckhard Kempin

von Jürgen Stegmann

Eckhard Kempin beging unlängst seinen 70. Geburtstag. Ist das jemandem aufgefallen? Wer ist überhaupt Eckhard Kempin? Ach ja, der mit dem Rauschebart, der immer nur Fahrrad fährt, ein Kauz, ein Radebeuler, ein Künstler. Ist das jemandem aufgefallen? Dass er ein Radebeuler Künstler ist? Wie oft warst du, lieber Leser, schon im KunstKabinettKempin auf der Meißner Straße? Ach, das kennst du gar nicht. Und du kennst auch Eckhard Kempin nicht. Woher auch. Selbst die Ausstellung zu seinem eigenen 70. Geburtstag musste er sich in seinem eigenen Kunst-Kabinett selbst gestalten. Bescheidenheit tut not. Gibt es doch sonst kaum Möglichkeiten in Radebeul für einen Radebeuler für Radebeuler auszustellen. In der Stadtgalerie z.B. sollten ja nur Radebeuler Künstler ausstellen und möglichst anlässlich eines runden Geburtstages. Das war zumindest mal ein Credo, oder? Oder haben wir das vergessen? Und den Geburtstag obendrein? Vielleicht hätte das Kulturamt an das Jubiläum des Jubilars erinnern können. Oder hat man es auch da nicht gewusst? Oder auch nur vergessen? Immerhin, ein paar Pflichtgratulationsminuten waren möglich, am arbeitsreichen Montag inmitten der Schulferien. Aber ein paar Minuten sind nicht sehr viel für 70 Jahre gelebtes Leben. Mehr geht eben heutzutage nicht mehr. In diesem schnelllebigen Leben, voller Termine und Verabredungen. Mehr ist eben nicht drin. Oder ist mehr nicht gewollt? Sind die schnellen und lauten und virtuellen Erscheinungen um uns herum wirklich wichtiger als die Menschen, die die wahre Kultur (er)schaffen? In aller Stille und Bescheidenheit. Dieser Tugenden kann sich Eckhard Kempin rühmen. Auch wenn er es genau deswegen nie tun wird. Deswegen wird er auch nie auffallen. Schäm dich, Radebeuler. Du hast die Kunst und Kultur um die Ecke, auf der Straße, vor der Nase. Die Künstler dazu, gratis fast. Darauf bist du doch so stolz. Damit brüstet sich die Wein- und Gartenstadt doch allerorten. Wenn schon von den subventionierten Institutionen nur heiße Luft kommt, sollten doch gerade diese Künstler hofiert werden. Es ist ein groß Ergetzen – sich in den Geist der Zeiten zu versetzen – zu sehen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht – und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

Aber auch ohne Goethes Gedankenanschub ist es ein großes Ergetzen, zu lauschen und zu schauen, was 70 Jahre Leben zu erzählen habe. Das KunstKabinettKempin aber muss um seine Existenz bangen. Radebeuler, sag, können wir es uns leisten, die einheimischen Künstler zu vergessen? Oder ist das so gewollt? Dann müssen wir Alten uns doch ganz schön umstellen und die schnelle, böse, neue Zeit endlich akzeptieren. Zeit ohne Geheimnisse und ohne Zweifel. Zeit ohne Überraschungen und ohne Lachen. Ohne Kultur.

Es lebe Eckhard Kempin!

Aus dem Stadtarchiv

Mauerbau – ein Schicksal in Coswig (Teil 1)

von Petra Hamann

1952 – ein junger Mann, frisch verheiratet, mit einer soliden, jedoch durch den Bombenangriff 1945 auf Dresden vorzeitig beendeten Chemotechniker-Ausbildung, erhält eine Anstellung im Labor des VEB Bremsbelag- und Presswerk Coswig, des späteren VEB Cosid. Dort beginnt er eine vielversprechende Karriere. Vier Jahre später ist er Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung und auch Familienvater. Die junge Familie erhält im Mai 1961 eine AWG-Wohnung im sozialistischen Stadtteil von Coswig, wie in damaligen Schreiben betont wurde – ein Privileg. Alle Voraussetzungen für ein sorgenfreies Leben in der DDR sind geschaffen.

1961 am 13. August wird seine bisherige berufliche Laufbahn gekrönt. Mit seiner Forschungsgruppe erhält er durch seinen Betrieb die Auszeichnung als Aktivist. Da ahnt noch niemand, dass dieser 13. August 1961 sein Leben, wie das so vieler andererauch, von Grund auf verändern sollte.

1989 – der junge Mann von damals lebt noch in seiner AWG-Wohnung und ist inzwischen Großvater geworden. Beruflich konnte er sich mit vielen Mühen als Kunsthandwerker selbstständig machen und nur noch wenige Jahre bleiben ihm bis zum Renteneintritt. Er hat sich mit den bestehenden Verhältnissen in der DDR arrangiert und seine Nische gefunden. Doch hat er auch inneren Frieden gefunden? Plötzlich werden mit dem Mauerfall all die tragischen Ereignisse in seinem Leben, die mit dem Bau der Mauer ihren Lauf nahmen, wieder wach. Am 9. November vor 28 Jahren war er bereits zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. – Was war geschehen?

1961 – die Partei- und Staatsführung ist nach dem 13. August sehr darauf bedacht, sich des Rückhaltes in der Bevölkerung zu dieser einschneidenden Maßnahme zu versichern. Die Wahlen zu den Kreistagen und Stadtverordneten versammlungen am 17. September 1961 stehen unmittelbar bevor und einen 17. Juni 1953 sollte es nicht noch einmal geben. Die Parteileitungen der Betriebe verfassen umgehend Erklärungen, wozu von den Betriebsangehörigen kollektive Zustimmung erwartet wird. Auch die Werktätigen im VEB Cosid sind aufgerufen, eine entsprechende Resolution zu unterschreiben. Das soll auf einer eilends am 14.08. einberufenen Gewerkschaftsversammlung geschehen. Die Angestellten des Labors der Cosid verweigern fast geschlossen die Unterschrift unter diese Resolution. Erst nach massivem Druck und Einschüchterungsversuchen seitens der Betriebs-, Partei-, Gewerkschafts- und SED-Kreisleitung werden die fehlenden Unterschriften erpresst – bis auf die eine des Laborleiters. Daraufhin werden er und zwei seiner Arbeitskollegen am 16.08. zu einer vertraulichen Aussprache in das Zimmer des Werkleiters bestellt, erwartet von einem Genossen der SED-Kreisleitung und dem Kaufmännischen Leiter des Betriebes. Um der Unterredung Konfliktpotenzial zu nehmen, stellt K. als erstes seinen Leitungsposten zur Verfügung. Später sollen sich alle in dieser nichtöffentlichen Zusammenkunft von ihm geäußerten Gründe zur Ablehnung der Resolution als Anklagepunkte in seinem Urteil wiederfinden, u. a:

  • die Gewaltmaßnahmen sind eingeleitet worden, weil die Arbeiter- und Bauern-Macht nicht in der Lage sei, die Menschen ideologisch für sich zu gewinnen
  • die Bevölkerung könne ihre Meinung in der DDR nicht frei äußern, sie würde unter politischen Druck gesetzt
  • wenn wir so weiter arbeiten, können wir den Westen nicht einholen
  • nicht alle Personen, die die DDR illegal verlassen haben, hätten das auf Grund von Abwerbung getan
  • Alle Bürger haben das Recht, innerhalb der Schranken des Gesetzes ihre Meinung frei und öffentlich zu äußern…Diese Freiheit wird durch kein Dienst- oder Arbeitsverhältnis beschränkt; niemand darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht…

    Was dieser Artikel 9 der von 1949 bis 1968 geltenden Verfassung der DDR wert war, zeigt sich schon wenige Tage später. Mit unserem Demokratieverständnis von heute unvorstellbar, setzt sich ein unaufhaltbarer Mechanismus in Gang. Am 17. August erfolgt seine Ablösung als Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung. Als weitere Maßregelung bestätigt die Belegschaftsversammlung des VEB Cosid zwei Tage später den Beschluss der Betriebsgewerkschaftsleitung, ihm die Auszeichnung als Aktivist abzuerkennen.

    Das ist der Sächsischen Zeitung, Organ der Bezirksleitung der SED, am 22. August 1961 folgenden Beitrag wert:



    Am Ende des Artikels heißt es dann: Einstimmig wurde ein Beschluss der Belegschaft des VEB Cosid-Werke Coswig angenommen in dem es heißt: »Nach gründlicher Diskussion wird beschlossen, sich von der Person und dem feindlichen Verhalten des Kollegen K. entschieden und für immer zu distanzieren.« Die Forderungen der Arbeiter gehen weiter dahin, K. von seiner Funktion abzulösen und die staatlichen Organe zu beauftragen, sein feindliches Verhalten zu überprüfen.

    Die betrieblichen »Erziehungsmaßnahmen « gipfeln in der fristlosen Kündigung seines Arbeitsverhältnisses mit dem VEB Cosid-Werke Sein berechtigter Widerspruch gegen diese fristlose Entlassung bei der Konfliktkommission des Betriebes, auch damals schon durfte ohne vorherige Abmahnung keine fristlose Kündigung ausgesprochen werden, bleibt ebenso erfolglos wie seine Klage vor dem Kreisarbeitsgericht Meißen.

    Auch der Rat der Stadt Coswig fühlt sich offenbar bemüßigt, Stellung im Fall K. zu beziehen. In den Akten des Stadtarchivs ist eine Dringlichkeitsvorlage vom 13.09.1961 zur Einberufung einer Sonderratssitzung am gleichen Tag überliefert.

    Doch da ist es offenbar schon von anderer Stelle beschlossene Sache, mit K. ein Exempel statuieren zu wollen.

    Lesen Sie hier die Fortsetzung.

Zwischen verschlungenen Pfaden: Der Boselgarten

Auch wenn Radebeul in Sachen Ausflugsziele zweifelsohne einiges zu bieten hat, lohnt sich ein Blick in den ein oder anderen Nachbarort. Kurz hinter Sörnewitz zum Beispiel, auf dem rechtselbigen Weg nach Meißen, befindet sich der Boselfelsen, der wie ein brauner Steinriese die grüne Elbaue überragt. Einst als Steinbruch genutzt, wuchs der steile Felskoloss über 90 Meter aus der Erde empor. Wer oben steht, sieht die Elbe in breiten Schlangenlinien durchs Tal fließen und bei gutem Wetter auch die Sächsische Schweiz am Horizont. Doch die außergewöhnlich gute Sicht ist nicht die einzige Attraktion. Nur wenige Meter neben dem Aussichtspunkt stößt man auf eine eiserne Gartenpforte, die zum 100 Jahre alten Boselgarten führt: Einem kleinen Gelände am Hang, wo zwischen verschlungenen Pfaden verschiedenste Raritäten der heimischen Pflanzenwelt zu entdecken sind. Über 850 Arten zieren die zahlreichen Beete, wobei fast ein Viertel davon zu sogenannten »Rote-Liste« Arten gehören. Sie sind an ihrem natürlichen Standort selten geworden oder gar vom aussterben bedroht. Um dies zu vermeiden werden im Boselgarten, der aufgrund seines trockenen Bodens und seiner sonnigen Hanglage besonders geeignet für die wärmeliebenden Pflanzen ist, einige bedrohte Pflanzenarten in größerer Anzahl herangezogen. Im Rahmen von Artenschutzprogrammen können diese dann wieder in die wilde Natur umgepflanzt werden.

Auch wenn das Flächenschutzdenkmal in fünf Minuten durchquert werden könnte, halten sich die meisten Besucher länger auf. Denn nicht nur seltene Arten, wie der Blaue Lattisch, der Blutrote Storchschnabel oder die Wiesen-Kuhschelle (allesamt »Rote-Liste«-Arten) fordern zum Verweilen auf. Ebenso locken größere Pflanzen, wie der flauschig-braun blühende Perückenstrauch oder der zarte Blasenstrauch mit ihrem schönen Anblick.

Dass der Boselgarten in seiner heutigen Form existiert, ist nicht selbstverständlich. Um ein Haar wäre die kleine Außenstelle des botanischen Gartens nämlich Anfang des 20. Jahrhunderts dem dortigen Steinbruch zum Opfer gefallen. Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz erwarb jedoch noch rechtzeitig ein kleines Flurstück, welches dem
Steinabbau eine Eigentumsgrenze entgegensetzte. Seine endgültige Form erhielt der Garten durch Prof. Arno Naumann in den Jahren 1928 bis 1930, welche in ihren Grundzügen bis heute erhalten ist.

Editorial Septemberheft

Am letzten Septemberwochenende ist es wieder soweit! Der Dorfanger zu Kötzschenbroda lädt zum nunmehr 21. Herbst- und Weinfest und XVI. Internationalen Wandertheaterfestival ein. 850 Jahre Weinbau in Sachsen bilden einen besonderen Rahmen für das renommierte Wein- und Theaterspektakel. Auftakt des großen Ereignisses bildet am Freitagabend der Einzug von Bacchus und seinem Gefolge mit Anstich des ersten Federweißers auf dem Kirchvorplatz.

Das diesjährige Wandertheaterfestival steht ganz im Zeichen der großen Dichter und Dramatiker des europäischen Theaters. Theatergruppen aus Italien, Deutschland und der Schweiz zeigen Inszenierungen ausgewählter populärer Stücke von Goethe, Goldoni, Cervantes, Shakespeare und Molière, die das Publikum auf eine neue, spannende Art und Weise unterhalten und begeistern werden. Zwischen Hochkultur und Tanzmusik rankt sich ein reiches und vielgestaltiges Programm.

Unterstützt wird das alljährliche Kulturereignis wiederholt vom Verein zur Erhaltung des Wandertheaterfestivals, das wieder mit einer exklusiven Weinedition aufwartet. In diesem Jahr stammen die Flaschen mit der Rebsorte Bacchus von Schloss Wackerbarth, die kunstvollen Etikette wurden vom Radebeuler Künstler Werner Wittig geschaffen.

Liebe Wein- und Kulturfreunde, bleiben Sie uns gewogen und besuchen Sie das kulturdurchtränkte Bacchanal und feiern Sie mit bis zum „Finale Grande“, was nun doch wie in gewohnter Weise im großen Abschlussfeuer auf den Elbwiesen kulminieren wird.

Sommerabend in der »Villa Sommer« – ein Rückblick

Der Verein Denkmalpflege und Neues Bauen hatte am 24. Juni zu einem Vereinsabend besonderer Art eingeladen. Unter dem Thema »Häuser und ihre Besitzer« stand diesmal nicht nur das denkmalgeschützte Haus im Mittelpunkt der Veranstaltung, sondern vor allem seine Bauherren, die früheren und heutigen.

André Schröder, der umfassende Kenntnisse über wichtige Radebeuler Familien besitzt, hatte sich auf den historischen Teil vorbereitet und der jetzige Hausherr, Dr. Norbert Hagen, berichtete über den heutigen Stand.

Die »Villa Sommer« in den 80er Jahren

Der Termin passte so recht zum Thema »Sommer«. Sommerliches Abendlicht durchflutete bei unserem Ankommen das gesamte Anwesen und ließ das leuchtende Gelb der Villa noch festlicher als sonst erstrahlen. Einige Besucher lustwandelten bereits im Garten. Sie waren früh gekommen, um die barocke Schönheit und Heiterkeit auch recht genießen zu können. 19 Uhr zählten wir dann fast 50 Besucher und mit so viel Zuspruch versprachen wir uns einen schönen Abend. Unter den Gästen war auch Herr Müller, der Enkel des Architekten und Baumeisters Oskar Menzel. Nicht nur er freute sich über die herzlichen Worte des Willkommens, sondern auch alle anderen Gäste und das Glas Wein, gereicht von den Mitarbeitern des Hauses, unterstrich den freundlichen Empfang. Sie und Herr Schröder hatten in Windeseile alle verfügbaren Stühle des Hauses im Musikzimmer aufgestellt, damit jeder sitzend der Geschichte der Bauherren Kuntze/Sommer und deren vielfältigen Beziehungen verfolgen konnte.

Bauherren der repräsentativen und eleganten »Villa Sommer« waren Frieda Sommer, geb. Kuntze und der Gymnasiallehrer Karl Sommer. Da Karl Sommer schon 1899 starb und der Bau erst 1900 fertig wurde, kann man davon ausgehen, dass Karl die Villa nie in Besitz nehmen konnte. Bewohnt hat Frieda Sommer das Haus nur mit ihrem zweiten Sohn. Hier starb sie im Jahr 1945.

Die finanziellen Mittel zum Bau ihres Hauses erwarb ihr Vater, der angesehene Dresdner Kaufmann und Bankier Albert Kuntze. Er besaß schon seit 1862 ein Winzerhaus auf der Oberlößnitzer Flur, das umgebaut heute als »Haus Albertsberg« bekannt ist.

Nach seinem Tod 1892 erbte die Tochter Thekla das »Haus Albertsberg« und ließ es 1898 durch den Dresdner Architekten Oskar Menzel barockisieren. Oskar Menzel war zur damaligen Zeit nicht nur in Dresden ein gefragter Architekt und Baumeister, sondern weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Das belegte auch sein jetzt in Radebeul wohnender Enkel, Herr Hans Christoph Müller. Auf einer Radebeuler Karte zeigte er uns die 24 Standorte der von seinem Großvater erbauten Häuser. Eines der aufwendigsten ist immer noch das Haus Windisch auf dem Augustusweg 90-92, das ehemalige Wohnhaus des Justizrates Bruno Windisch, mit dem die Familie Albert Kuntze eng verbunden war.

Menzels architektonische Konzeption und die palaisartige Repräsentanz seiner Gebäude entsprachen den modischen Vorstellungen seiner Zeit und müssen besonders stark auf alle Nachkommen von Albert Kuntze (senior) gewirkt haben. Jeder von ihnen baute sich ein Haus im neobarocken Stil:

  •   Max Kuntze, 1898, auf dem Jagdweg 6
  •   Albert Kuntze, (junior) 1901, auf der Oberen Bergstraße 14
  •   Frieda, 1900, auf dem Augustusweg 44.

Obwohl sich die Gebäude nicht gleichen, sind doch alle fein gegliedert und schmuckvoll in ihrer Außengestaltung, großzügig und licht im Inneren sowie gut proportioniert im Gesamten.

Der eben gepriesene Gesamtanblick der »Villa Sommer« war, wie viele andere auch, in den 1980iger Jahren sehr beschädigt. Traurig sah sie nach jahrelangem Leerstand ihrem Verfall entgegen. Nach der baulichen Rettung durch die GPG Frühgemüsezentrum bemühten sich verschiedene Besitzer und Firmen um die Hülle und funktionelle Nutzung des Hauses, aber erst dem Ehepaar Ursula Amberger-Hagen und Dr. Norbert Hagen gelang es, das Anwesen grundlegend zu sanieren und es einer geeigneten Nutzung zuzuführen.

In einer Bauzeit von fünf Jahren wurden Gebäude, Garten und Umfriedung nach altem Vorbild wieder hergestellt. Da das übernommene Haus beim Kauf fast keine Anhaltspunkte für eine originale Innenausstattung bot, mussten Türen, Fenster, Treppen, Fußböden, Veranden, Öfen, Stuckdecken möglichst authentisch nachempfunden und nachgebaut werden.

»Villa Sommer« erstrahlt in neuem Glanz

Und darüber sprach Dr. Hagen nicht nur, sondern zeigte auch allen, was sich bis 2007 im Haus bewegt und verändert hatte. Doch nicht nur die Innenausstattung erforderte von den Bauherren Sachkenntnis und Geduld, die größten Schwierigkeiten waren technischer Art, wie z.B. die statische Sicherung des Gebäudes, die Beseitigung der eindringenden Feuchtigkeit in Kellern und Mauern, die Veränderung des Dachabschlusses nach einer Giebelergänzung und die Anpassung der Nordfassade im neobarocken Stil.

Diejenigen, die den Ausbau des Gebäudes verfolgt und beobachtet hatten, wunderten sich nun nicht mehr über die Länge der Bauzeit. Sie freuten sich mit dem Hausherren über die gelungene Instandsetzung und verließen die Veranstaltung voller Hochachtung und mit dem guten Gefühl, dass »ihr« Radebeul wieder um ein Kleinod bereichert wurde.

Gudrun Täubert

Unsere alten Handwerksmeister – hier Karl-Heinz Hänsel

Ein Besuch in der Dr.-Külz-Straße 7 soll mir Klarheit bringen über den Beruf eines Rahmenglasers, eigentlich ein Doppelberuf, den beruflichen Werdegang von Karl-Heinz Hänsel und wie es ihm heute geht.

Karl-Heinz Hänsel, Rahmenglaser

Der lebhafte, am 2. November 1928 geborene Junge interessierte sich schon früh für Fußball. So könnte es doch gewesen sein, dass beim »Bebbeln« durch einen straffen Schuss die eine oder andere Fensterscheibe zu Bruch ging und so die Idee aufkam, Glaser zu werden. Lächelnd sagt er darauf, klingt gut, aber so war es nicht. Seine Schule war die Schule Niederlößnitz auf dem Le­ denweg. Das Interesse für das Glaserhandwerk kam auf ihn über den Großvater Fritz Hermann Zschau, bzw. den Urgroßvater Hermann Fritz Zschau, die vor ihm hier arbeiteten. Die damaligen Berufe weichen von den heutigen z.T. etwas ab. So war ein Rahmenglaser sowohl Tischler als auch Glaser und für alle Fenster und Türen, die das Äußere eines Hauses bildeten, zuständig, aber nicht für Innentüren. Ein Rahmenglaser unterschied sich wiederum vom Kunst- oder Bleiglaser.

Karl-Heinz Hänsel begann seine Lehre 1943 beim Großvater, wurde nach Unterbrechung durch Krieg und Gefangenschaft schließlich 1953 Meister und führte ab 1957 den Betrieb in der Dr.-Külz-Straße 7 selbständig. 1950 heiratete Karl-Heinz Hänsel seine Frau und es kamen zwei Kinder. Er konnte hier Lehrlinge ausbilden – zum Betrieb gehörten meist zwei Mitarbeiter und die teilweise im Geschäft mitarbeitende Ehefrau. Ab 1993 wurden durch ihn nur noch Glaserarbeiten durchgeführt, 2002 beendete er dann offiziell die Arbeit in seiner Werkstatt.

An einige größere Aufträge in Radebeul erinnert sich Karl-Heinz Hänsel gern, so im AWD, im Krankenhaus, in der damaligen EOS (heute Gymnasium Luisenstift), in den Konsumläden Augustusweg (inzwischen abgerissen) und der Ernst-Thälmann-Straße, dem HO-Kaufhaus Thälmann-Straße (heute Hauptstraße) und im ehemaligen Badhotel un­ terhalb der Friedensburg. In der damaligen Mangelwirtschaft musste auch ein Glaser Ideen haben und manchmal improvisieren – geht nicht, gab’s für ihn nicht! Kleinere private Arbeiten, meist Reparaturen, gehörten immer zu seinem Programm. Einige Radebeuler werden sich vielleicht erinnern. Oft hat er Bilder für den damals in der Borstraße wohnenden Maler Günter Schmitz verglast, neue oder solche, die bei Transporten und Ausstellungen zu Bruch gegangen waren.

Über die ELG (Einkaufs- und Liefergenossenschaft des Holzhandwerks Dresden) fand Karl-Heinz Hänsel ein zweites berufliches Standbein, den Messeausbau in Leipzig und später u.a. auch für Messen in Brno, Poznan, Budapest, Moskau und Bagdad. Hier spielte besonders die Entwicklung von speziellen Glasvitrinen und –regalen eine große Rolle, aber auch der Aufbau von Spiegelwänden. Die produktivste Zeit seiner Werkstatt waren wohl die siebziger und achtziger Jahre, meint er zurückblickend.

Werkstatt und Meisterbrief

Der Rahmenglaser erinnert sich heute, welche Materialien er damals, also vor 1989, verarbeitet hatte – am meisten Flachglas unterschiedlicher Dicke, Ornamentglas (ohne große Auswahl), Spiegelglas, seltener Farb- oder Drahtglas und in den Achtzigern schon Isolierglas (hier gab es noch oft Qualitätsmängel, wie Luftziehen). Bei den Hölzern war das Sortiment geringer, neben einheimischer Kiefer und Fichte wurde oft Kiefer verarbeitet, die aus der damaligen Sowjetunion kam, seltener auch Eiche, die dann meist aus Jugoslawien. Schließlich brauchte ein Rahmenglaser auch noch Beschläge, Leim, Firnis und Kitt. Kunststoff kam in seiner Werkstatt nicht vor.

Das änderte sich 1990 als ein Vertrag mit PORTA-Fenster aus Westfalen über den Vertrieb von vorgefertigten Fenstern zustande kam, den dann Andreas Hänsel übernahm. Der Sohn von Karl-Heinz Hänsel ist im Fach Quereinsteiger und führte nicht die alte Werkstatt weiter. Diese sieht immer noch so aus, als wäre der Meister eben nur mal weggegangen. So kommt es hin und wieder vor, dass er für Freunde oder Nachbarn mal eine kleine Gefälligkeitsreparatur ausführt.

Der rüstige Eindruck, den Karl-Heinz Hänsel mit seinen 82 Jahren immer noch macht, hängt sowohl mit der Vielseitigkeit seiner früheren Tätigkeit, als auch mit dem Sport, genauer gesagt, dem Fußball zusammen. Im damaligen RBC (an der Steinbachstraße) ist er vom Knabenalter an im Fußball groß geworden, später spielte er bei Chemie Radebeul (heutige Meißner Straße, der Platz ist inzwischen durch ein Autohaus der Nobelmarken überbaut) weiter bis zu den »alten Herren«. Seine Position war linker Läufer (heute würde man von Mittelfeld sprechen), die Zone, wo die Spielzüge eingeleitet wurden. Sofort fallen ihm ein paar Namen seiner damaligen Sportfreunde ein: Heinz Mickan, Arno Kunze und Horst Fischer. Er hatte sich sogar als Schiedsrichter qualifiziert, aber nur kurze Zeit gepfiffen. Noch heute weiß er Bescheid, wie es um das Wohl und Wehe seines RBC steht. Natürlich schaut er sich einige Spiele der z.Z. laufenden Fußball-WM im Fernsehen an und ist enttäuscht über das vorzeitige Ausscheiden der Deutschen. Ob sein Tipp für die USA als die neuen Weltmeisterinnen richtig ist, können wir bei Drucklegung überprüfen.

Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass Karl-Heinz Hänsel schon immer ein interessierter Vorschau-Leser ist und unser Blatt auch schon gefördert hat.

Ob er heute, frage ich ihn, wenn er noch mal von Vorne anfangen könnte, den gleichen Beruf wählen würde? Im Prinzip ja, sagt er, aber er brauche sicherlich diese oder jene neue Maschine und ein paar gute Ideen. Vielleicht würde er sich dann mehr dem Denkmalschutz in seiner Branche zuwenden.

Mit einem herzlichen »Glück Auf«, einem alten Bergmanns- und Handwerksgruß verabschiede ich mich von Herrn Hänsel.

Was für ein kreatives Feuerwerk – für ein (bisher) vergessenes Stück Radebeul

Die große Kreisstadt Radebeul lobt den Moritz-Ziller-Preis für Stadtgestaltung zum 1. Mal aus. Die Beteiligung war auf Studenten/-innen der Fachrichtungen Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Architektur sowie ein Alterslimit von 35 Lebensjahren begrenzt.

Preisträger, Juroren und Veranstalter des Wettbewerbes

Obwohl es sich um ein schwierig zu beplanendes Areal handelt, war die Teilnehmerzahl enorm. Für die am Schluss eingereichten 66 Arbeiten galt es, die Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs Radebeul-Ost hinsichtlich Nutzung, Bebaubarkeit und städtebauliche Qualitäten zu untersuchen, um eine »blühende Landschaft« entstehen zu lassen.

Für die Gebrüder Ziller wäre diese Fläche sicherlich wenig attraktiv gewesen, konnte man doch dieses Areal keiner der Nieder- und Oberlößnitz an­ gemessenen Wohnnutzung zuführen.

Aber was letztlich da an Ideen für gewerbliche bzw. landschaftsgärtnerische oder besser landschaftsgestalterische Nutzung auf den großen Schaubildern gezeigt wurden, die anlässlich der Preisverleihung im Güterboden von jedem einzelnen Teilnehmer präsentiert wurden, war großartig.

Es war umso großartiger, als dass das ganze Verfahren völlig ohne Einschränkungen, Vorschriften und Beachtung komplizierter Gesetzlichkeiten durchgeführt werden konnte. (Der Autor, selbst ein etwas in die Jahre gekommener Architekt, weiß, wovon er spricht.)

Während sich ein Teil der Wettbewerbsteilnehmer ganz der gewerblichen Nutzung für diesen Standort verschrieben hatte, versuchte der andere Teil diese Brachzone als Puffer zwischen Bahntrasse und nördlich angrenzender Wohnbebauung intensiv zu begrünen und mit einer Vielzahl von Freizeitaktivitäten aufzuwerten.

Die hochkarätig besetzte Jury kürte den Entwurf von Andreas Rodemann (Semesterarbeit an der Hochschule Zittau/Görlitz) zum Sieger. Vorgeschlagen werden von ihm Brückenkonstruktionen wie man sie von Containerbahnhöfen und Häfen kennt, nur dass diese Container Raum für junge Unternehmen bieten sollen. Das ergibt baulich eine kreative Nutzungsvielfalt, die beliebig erweiterbar ist und sich ständig an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen lässt. Dieser Ansatz verdiente es, weiter untersucht zu werden.
Die gesamte Preisverleihung fand in einer guten und entspannten Atmosphäre statt. Bürgermeister Dr. Müller moderierte ganz im Stil eines guten Conférenciers, swingende Saxophonmusik (Sax-Ensemble der Musikschule
Kreis Meißen) sowie ein Festvortrag über den Umgang großer Städte (New York, Chicago, Paris, Stuttgart, Radebeul) mit für die Stadtentwicklung nicht mehr benötigten oder störenden Gleisanlagen rundeten diesen frühen Abend ab.
Nicht zu vergessen: ein »making of« über die Durchführung eines Wettbe­ werbes zur Kreation einer sog. »Trophäe«, d. h. eines Objektes für die Ehrung des 1. Preisträgers durch die HTW Dresden war mindestens genauso spannend wie der Architekturkontest selbst.

Das Rote Haus in Moritzburg

Geschichte, Wellness, Kulinarisches

»Welches rote Haus meinst du?«, werde ich manchmal gefragt, wenn ich von DEM Roten Haus erzähle. Und dann geht die Verwirrung noch weiter: »in Dippelsdorf, in Friedewald oder in Moritzburg, wo denn nun? Wahrscheinlich hatte ich vorausgesetzt, dass alle Leute, mit denen ich zu tun habe, es eben kennen (müssen). Denn dafür gibt es gute Gründe.

Rotes Haus, Gartenseite mit dem Liedermacher Esteban aus Ecuador

Das Beste ist die Lage: direkt am Dippelsdorfer Teich, idyllisch zwischen Wanderwegen und der Kleinbahn unweit vom Haltepunkt »Friedewald-Bad« gelegen, lädt es zum Verweilen ein, oder auch zum Mieten oder zum Besichtigen, denn im­ mer wieder locken Kunstausstellungen in die oberen Räume. »Ich fühle mich dem Expressionismus verbunden und begeistere mich auch immer wieder an den Farben«, sagt Ulrich Schütte, der Geschäftsführer des Anwesens und erinnert an die Zeit der Brücke-Maler, die sich hier an derselben Stelle vor etwa hundert Jahren im Vorgänger-Gebäude trafen – und nach den Diskussionen genau hier entspannten und hin und wieder ein Bad nahmen.

»Vier Badende«, Ernst-Ludwig Kirchner (1910)

»Im Jahre 1905 wurde das Strandbad am Dippelsdorfer Teich eingerichtet. Ein Bestandteil war ein um 1900 errichtetes rotes Badehaus. Es wurde ebenso wie der markante Höhenzug am Südufer des Teiches zum bestimmenden Element eines ganzen Komplexes von Zeichnungen und Gemälden der Künstlergruppe DIE BRÜCKE. Deren Mitglieder hielten sich in den Sommern von 1909 bis 1911 mehrfach in Dippelsdorf auf.«1 Zur Künstlergruppe zählen Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff.

Nachdem der Ort lange Zeit fast in Vergessenheit geraten war, ist es der Initiative des Moritzburger Bürgermeisters Georg Reitz zu verdanken, dass genau hundert Jahre später an derselben Stelle wieder ein rotes Gebäude steht – größer, schöner und vielseitiger als jemals zuvor. So steht nun seit 2005 anstelle des alten Badehauses eine moderne Neuinterpretation des Gebäudes, das Künstlern, aber auch einfach interessierten Menschen für Feierlichkeiten zur Verfügung steht. Neu interpretiert heißt: nach altem Vorbild neu gebaut hat es der regional bekannte Architekt Stephan Eichler. Er hat auch die Mehrzweckhalle an der Célestin-Freinet-Schule in Dippelsdorf oder das Sportstättengebäude in Weinböhla konzipiert und bauen lassen.

Das Rote Haus ist inzwischen ein Ort der Entspannung, der Kunst, Kultur und gesunden Lebensart. Es baut symbolhaft Brücken zwischen allen diesen Welten, die sonst separat angeboten werden. So ist es auch nicht ungewöhnlich, dass sich im Bereich des Roten Hauses der neu errichtete Bilzpark (Bilz-Lehrpfad) sowie ein Kräutergarten befinden. An dem im Übrigen die Brücke-Künstler wohl Ihre Freude gehabt hätten. Denn aus einiger Entfernung betrachtet scheint man die Konturen eines, in leuchtend expressionistischen Farben gemalten, Bildes zu erkennen. Doch das Ganze ist nicht nur zum Anschauen da: finden doch die Kräuter bei den Kursen rund um das Thema Kochen und zur gesunden Ernährung gleich nützliche Verwendung. Ob es nun Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Weiterbildungsveranstaltungen oder therapeutische Kurse sind: Das Rote Haus am See ist aus seinem Schlaf erwacht und verspricht für die Zukunft zu einer richtig interessanten Adresse für Kultur und gesunde Lebensweise zu werden.

»Kulinarische Genüsse sind wichtig für alle Sinne«, sagt der Geschäftsführer Ulrich Schütte, »ich selbst koche leidenschaftlich und bin immer offen für Neues.« So präsentierte er, mit Hilfe seiner Assistentin, beispielweise Ende Mai typisch afrikanisches Essen aus Namibia – in Verbindung mit einer beeindruckenden Diaschau aus dem westafrikanischen Land. Im August ist das Angebot natürlich dünner als sonst, aber am 9. August soll es hier um Rosen gehen, um frische essbare Rosenblüten – für den Genuss wie auch zur Entspannung. Ergänzt wird der Abend mit Entspannungsübungen und verspricht »sinnliche Erlebnisse für Genießer.«

Am 7. September soll es ebenfalls um Genuss gehen, diesmal rund um den Apfel. Versprochen wird ein dreistündiger Genussabend »mit einer einzigartigen Menüfolge aus Sinneshäppchen zum Erleben, Nachdenken und Verspeisen.« Apfelweisheit soll die Phantasie beflügeln und Apfelgenuss die Vernunft berühren, heißt es im Ankündigungstext. Mein Tipp: Wer weder das Rote Haus noch die Vorträge kennen gelernt hat, sollte dies unbedingt bald nachholen.

Übrigens: alle drei Ortsbezeichnungen sind richtig. Die Gemeinde »Dippelsdorf mit Buchholz« wurde 1940 in Friedewald umbenannt. Friedewald gehörte Mitte der 90er Jahre für kurze Zeit zu Reichenberg, wurde aber (wie Reichenberg auch) 1999 nach Moritzburg eingemeindet. Aber: Wer das Rote Haus einmal besucht hat, wird sowieso wiederkommen und braucht dann keine Ortsbezeichnung mehr.

  1. Wikipedia

»Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen«

Zur neuen Sonderausstellung der Hoflößnitz

Mit der Eröffnung der Sonderausstellung »850 Jahre Weinbau in Sachsen« ist am 3. Juli auch das »Sächsische Weinbaumuseum« Hoflößnitz ins Weinbaujubiläumsjahr 2011 gestartet. Um es vorwegzunehmen: Die Ausstellung ist unbedingt sehenswert, auch wenn der etwas phantasielos auf den Anlass bezügliche Titel einmal mehr eine Nummer zu groß geraten ist, scheint er doch eine umfassende weinbaugeschichtliche Schau zum Jubiläum zu versprechen. Stattdessen erwartet den Besucher eine kleine und großenteils feine Exposition von kunst- und kulturgeschichtlichen Zeugnissen rund um den sächsischen Wein aus den letzten (Pi mal Daumen) 500 Jahren.

Blick in die Ausstellung

Gezeigt wird sie im Erdgeschoss des ehemals kurfürstlichen Berg- und Lusthauses und ersetzt damit den Kern der bisherigen Dauerausstellung. Neben der Eingangshalle, in der einzig ein frisch restauriertes koloriertes Exemplar des »Winzerzugs« von Moritz Retzsch als Blickfang zur Geltung kommt, werden sogar nur die drei kleineren, nach Süden gelegenen Räume benutzt. Dort freilich präsentiert die Hoflößnitz, was sie zu bieten vermag.

Das in zartem Blau gehaltene erste Kabinett soll die Anfänge des sächsischen Weinbaus beleuchten. Dieses Kapitel stellte die Kuratoren vor die größten Probleme, denn bekanntlich liegen diese Anfänge im Dunkeln und präsentable Zeugnisse gibt es einfach nicht, zumindest nicht im Depot der Hoflößnitz. Gezeigt werden deshalb neben zwei Urkundenfaksimiles (auf die von 1161 wurde absichtlich verzichtet) einige schöne Bruchstücke aus dem Depot des Landesamts für Archäologie, darunter Werkzeuge, Trinkgefäße und Haushaltsgegenstände mit Weinmotiven, die bei Ausgrabungen in Dresden in den letzten Jahren zum Vorschein kamen und belegen, dass sich der Rebensaft auch in der frühen Neuzeit schon großer Beliebtheit erfreute.

Bei der Gestaltung der beiden übrigen Räume konnte dagegen aus dem Vollen geschöpft werden. Der mittlere Saal ist der Blütezeit des sächsischen Weinbaus vom 17. bis zum 19. Jahrhundert gewidmet und bietet einige besondere Schätze der hauseigenen Sammlungen, wobei die in Petersburger Hängung präsentierten Gemälde und Graphiken sicher die größte Aufmerksamkeit beanspruchen, darunter Retzschs eigens für die Ausstellung vom alten Firnis befreiter »Blick zur Hoflößnitz«. Der Eindruck, den diese Schatzkammer – der Farbe des Ausstellungsmobiliars nach könnte man auch vom »(gift)grünen Gewölbe« sprechen – von der Epoche vermittelt, ist vielleicht etwas zu rosig. Aber so war sie halt, die gute alte Zeit, oder, um mit Brecht zu spielen: Wer baute den sächsischen Wein? In den Büchern stehen die Namen von Königen…

Im abschließenden Saal soll der Bogen über das lange 20. Jahrhundert bis zum Weinbau der Gegenwart gespannt werden – ein wahrhaft faustisches Unterfangen. Wohl deshalb haben sich die Ausstellungsmacher an ein Erfolgsrezept erinnert, das Goethe im »Vorspiel auf dem Theater« dem Direktor in den Mund legt: »Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,/ Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus./ Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;/Und jeder geht zufrieden aus dem Haus«. Präsentiert wird ein buntes Allerlei von Kunst und Kitsch, Fotos und Etiketten, Flaschen und Gläsern, Werbeartikeln und Korkenziehern, Maschinen und ein Brigadetagebuch, kurz: ein (nach rein ästhetischen Kriterien sortierter) Schaufensterblick in fast alle Einzelsammlungen des überquellenden Museumsdepots.

Im Flyer wird diese Konzeption selbstbewusst vertreten: »Das Sächsische Weinbaumuseum Hoflößnitz, als Gedächtnis des sächsischen Weinbaus, gewährt mit dieser interdisziplinären Ausstellung zum ersten Mal einen umfassenden Einblick in seine seit über 90 Jahren aufgebauten musealen Sammlungen.« Das hochgestochene Attribut »interdisziplinär« irritiert, handelt es sich doch ganz offensichtlich nicht um eine wissenschaftliche Ausstellung im strengen Sinne, und auch das scheinbar unvermeidliche Verkaufsargument »zum ersten Mal« wirkt übertrieben; dafür begegnet man zum Glück doch zu vielen alten Bekannten. Keine Frage: Die Schau unterscheidet sich in mancherlei Beziehung vorteilhaft von früheren, aber eine neue Qualität kommt noch nicht dadurch zustande, dass man statt drei Weingläsern dreißig zeigt. (An der parallel weiterlaufenden Sonderausstellung »Erinnerung + Verantwortung« war vor Jahresfrist kritisiert worden, dass der historisch Interessierte so herzlich wenig zum Thema erfährt. Setzte man den etwa identischen Umfang der erläuternden Texte in beiden Ausstellungen zur Zahl der Exponate – damals knapp 50, aktuell gut 500 – in Relation, würde man diese Kritik vielleicht sogar noch deutlicher wiederholen müssen.)

Statt die großenteils objektiv bedingten Schwächen der sehenswerten kleinen Ausstellung zu beschönigen, wie es im Flyer und ähnlich auch in der Einführungsrede von Dr. Ulrich Reusch, seit kurzem Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung Weingutmuseum Hoflößnitz, versucht wurde (Zitat: »Die Vielzahl der gezeigten archäologischen Grabungsfunde, Gemälde, Graphiken, Skulpturen, gebrauchsgraphischen Arbeiten und historischen Archivalien beschreiben dieses wichtige Kapitel sächsischer Landesgeschichte. Der Ausstellungsbesucher durchschreitet so bei seinem Rundgang durch die Ausstellungsräume die 850jährige Weinbaugeschichte Sachsens.«), hätte man den Ball ohne Gesichtsverlust flach halten und Tacheles reden können: Schaut her, das haben wir als Beitrag zum Festjahr zu bieten; mehr geht angesichts der bescheidenen personellen und finanziellen Ausstattung und der Raumnot nicht.

Bei der Eröffnungsveranstaltung stellte Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler mit seinem launigen Loblied auf den sächsischen Weinbau in Geschichte und Gegenwart alle anderen Redner deutlich in den Schatten. Dr. Reusch hielt, wie erwähnt, die Einführung und dankte anschließend seinem Vorgänger im Kuratoriumsvorsitz, Peter Jung, in warmen Worten für sein langjähriges und beherztes Engagement im Förderverein und der Stiftung. Museumsleiterin Dr. Bettina Giersberg blieben nur noch die Dankesformeln, dabei hätte sie einiges zu berichten gehabt, denn in der Hoflößnitz tut sich auch neben der Ausstellungsarbeit so manches: Die Neuinventarisierung der Sammlungen kommt in kleinen Schritten voran, bei der Bestandserhaltung sind erste Erfolge zu vermelden, in den kurfürstlichen Gemächern wird kräftig gewerkelt, und die Konzeption für eine nach höchsten konservatorischen Standards auszuführende Neugestaltung der Erdgeschossräume des Berghauses, das in den Zustand der Erbauungszeit zurückversetzt werden und dereinst in Gänze als Museumsschloss dienen soll, beginnt Gestalt anzunehmen.

Solch rosige Vision vor den geistigen Augen wäre es den trotz widrigen Wetters zahlreich zur Eröffnung erschienenen Gästen sicher leichter gefallen, über den derzeit wenig erfreulichen Zustand der Marschallstube hinwegzusehen, durch die der Rundgang notgedrungen führt. Die unverputzten Dübellöcher in den kahlen Wänden sollen, erfährt man auf Nachfrage, den ehemals zu sorglosen Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz brandmarken; doch ohne Erklärung erschließt sich eben auch diese (ein klein wenig maliziöse?) Vorführung nicht auf den ersten Blick. Und warum die vor gerade einmal gut zwei Jahren mit bedeutendem Aufwand (in der Presse war von 20.000, in Worten: zwanzigtausend Euro die Rede) installierte »gläserne Rebe« – eines der wenigen auf den Nachwuchs unter den Besuchern zielenden Ausstellungsstücke zum Anfassen – jetzt ohne Not sang- und klanglos in den Orkus verbannt wurde (die Bohrungen für die damals so teure Verankerung sind übrigens akkurat zubetoniert), bleibt selbst dann rätselhaft, wenn man verschiedene Begründungsversuche gehört hat. War wirklich alles schlecht? Oder, anders gefragt, muss man alles anders machen, um vieles zu verbessern?

Abschließend sei nochmals allen Leserinnen und Lesern der »Vorschau« ein Besuch der schönen Ausstellung warm empfohlen, speziell den Radebeulern, denen die Hoflößnitz gehört, »Sächsisches Weinbaumuseum« hin oder her. Laut Flyer ist die Schau im Sommer dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet; wer sich auf die Homepage der Hoflößnitz (Stand 16. 7. 2011) beruft, darf wochentags zwar lediglich von 12 bis 16 Uhr in die heili-
gen Hallen, muss aber auch nur zwei (statt neuerdings, laut Flyer, drei) Euro Eintritt bezahlen und kann dafür sogar noch die zweite Sonderausstellung »inklusive mit anschauen«. Den Autoren der minimalistischen Ausstellungs- und Flyertexte ganz zum Schluss noch eine goldene Regel ins Stammbuch: In einfachen deutschen Sätzen und speziell zwischen Subjekt und Prädikat haben Kommas nichts verloren.

Trotz Regen ein schönes Fest

24. Radebeuler Kasperiade

»Da steht ein Haus auf
freiem Feld, ein Häuschen,
kein großes Haus, doch auch kein Zelt, ein Häuschen.«

So beginnt Steffi Lampe, die Puppenspielerin aus Leipzig, in der Märchenstube zur 24. Radebeuler Kasperiade ihre Geschichte zu erzählen. Das vom russisch/sowjetischen Schriftsteller Samuil Marschak als Verserzählung verfasste Stück »Das Tierhäuschen« avancierte zu einem Klassiker der Kinderliteratur. Mit seinen einfachen wie knappen Dialogen und übersichtlichen Handlungen ist es auch für ein jüngeres Publikum gut verständlich. Erzählt wird von der Inbesitznahme eines leerstehenden Hauses durch bedürftige Tiere und vom missglückten Raubzug von Fuchs, Wolf und Bär. Dieser liebevollen, einfühlsamen wie erfrischenden Tischvariante mit schönen Figuren und phantasievollem Bühnenbild sowie dem Charme der Spielerin konnte man sich nicht entziehen.

Die Bandbreite der Angebote zur 24. Radebeuler Kasperiade war vielfältig. Vom einfachen Animieren bis zur Bühnenshow spannten sich die Inszenierungen der 14 Figurentheater, welche 37 Aufführungen in acht Stunden auf sieben Bühnen zeigten. Zu sehen waren sowohl traditionelle Kasperletheaterstücke, wie auch Inszenierungen mit Stabmarionetten, Tisch- und Handpuppen.

Die Eröffnung mit dem Festivalkasper und den Spielern fand diesmal nicht auf dem Anger statt, sondern situativ auf dem Hof Altkötzschenborda 21, denn die historische Drehorgel des Altmeisters Dr. Klimt und seiner Frau ist leider nicht wetterfest. Die Stimmung war trotzdem ausgezeichnet, glänzte doch das Programm mit national wie international agierenden Theatern, darunter sieben Erstteilnehmern.

»Zirkus Gockelini«, Pororielova und Anton Dusa

Nach über 20jähriger Pause war auch das Fundus-Marionettentheater mit Dr. Olaf Bernstengel wieder mit dabei. Auf nahezu allen wichtigen Festivals dieser Erde zu Hause, zeigte der Dresdner Puppenspieler im Theaterschuppen mit seinem berühmten »Zirkus Gockelini« eine traditionelle Spieltechnik mit Fadenmarionetten aus vergangenen Tagen: eine auf dem Seil laufende Henne, ein mit Eiern jonglierender Hase oder Zirkusdirektor Gockelini, der einen Hasen aus seinem Zylinder zauberte. Die prächtigen Marionetten aus Holz von Jana Pogorielova und Anton Dusa begeisterten die Zuschauer ein aufs andere Mal.

»sommerHeiß & erdbeerEis«, Susanne Olbrich

Eine bezaubernde Geschichte ganz anderer Art erzählte die Berliner Spielerin Susanne Olbrich vom Theater Fusion. Aus ihrem Jahreszeitenzyklus brachte sie für Zuschauer ab 2 Jahre das Stück »sommerHeiß& erdbeerEis« mit nach Radebeul. In einfacher Form, wie auch mit Wortspielen und Reimen, näherte sie sich dem Thema »Sommer«. Dabei wurde keine geschlossene Geschichte vorgetragen. Vielmehr vermittelte sie Wahrnehmungen, Gefühle sowie Empfindlichkeiten und ging sehr einfühlsam auf die kleinen Zuschauer ein. Am Ende der 35 Minuten sangen alle gemeinsam begeistert das Eingangslied.

Das »Weite Theater« aus Berlin hatte das traditionelle Stück »Die Bremer Stadtmusikanten« im Gepäck. Nichts Aufregendes könnte man denken. Diese meisterhaft, bis in die feinsten Verästelungen durchgearbeitete Inszenierung, vermochte dem Stoff viele neue Seiten abzugewinnen. Christine Müller und Martin Karl spielten ihre Figuren so empfindsam, dass deren Beweggründe, anders als in der literarischen Vorlage, sehr gut nachempfunden werden konnten. Zusätzlichen Genuss brachten sowohl das Spiel auf zwei Ebenen (Mensch/Figur), deren Übergänge fließend waren, als auch der Einsatz einer Ukulele und eines Akkordeons, welches auch als Tierkörper Verwendung fand.

»Rotbällchen«, Eva Kaufmann

Mit einem minimalen Aufwand, aber dafür reichlich Platz, zeigte Eva Kaufmann aus Berlin, eine gebürtige Österreicherin, was sich alles mit einem roten und einem weißen Schaumgummibällchen anstellen lässt. Die Inszenierung erinnerte einen an die Anfänge des legendären sowjetischen Puppenspielers Sergej Obraszow. Kaufmann agierte vor einer leeren Wand, einziges, fast einziges Requisit – ihre Hände. Ein Spiel des Entdeckens, Verschwindens und Ergründens begann. Schauplätze hierbei bildeten ein kleines Podest, eine Glasschüssel und oft auch der Körper der Spielerin. Erst tauchte ein, dann ein zweites Bällchen auf. Schließlich kamen Nasen und Augen dazu. Aus den Bällchen wurden kleine eigenständige Wesen, mit denen sich das Publikum schnell anfreundete. Man fühlte mit, wenn eines dieser Wesen durch die mit Wasser gefüllte Glasschüssel tauchend, die Zuschauer herausfordernd ansah. Ein hoch poetisches, leises Spiel, welches streng im vorgegebenen Rahmen blieb.

»Der große Zauberer und der kleine Hase«, Christine Müller und Björn Langhans

Viele der dargebotenen Inszenierungen müssten noch angesprochen werden, wie etwa die Bühnenshow »Der große Zauberer und der kleine Hase« (»Theater des Lachens«/Frankfurt), »Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam« (Märchentheater Fingerhut/Leipzig) oder »Balthasars große Reise« (die exen/Leipzig), um nur einige zu nennen. Erstmals hatten die vier Veranstalter einen Leipzigschwerpunkt gesetzt. Neben den bereits aufgeführten Theatern, trat noch das Theater im Globus mit »Der Wolf und die sieben Geißlein« auf.

Für die Veranstalter war die 24. Radebeuler Kasperiade ein noch größerer Kraftakt als in den vergangenen Jahren. Dies lag nicht nur daran, dass die Anforderungen der Theater zugenommen haben und die Mittel vom Kulturraum gekürzt wurden. Sondern es lag auch daran, dass eine erzwungene Verschiebung des traditionellen Kasperiade-Termins zu weiteren Belastungen führte. Ob das bisher Erreichte zum Jubiläum im kommenden Jahr noch zu überbieten sein wird, bleibt deshalb fraglich.

Die 24. Radebeuler Kasperiade bot jedenfalls trotz des ungewöhnlich kalten und nassen Juli-Anfangs das bisher beste Programm seit ihrer Neuauflage in Altkötzschenbroda. Obwohl es teilweise in Strömen goss, war in und an den Spielstätten nicht nur der Teufel los. Selbst die Vorstellungen im Freien verfolgten die Zuschauer sehr aufmerksam, beschützt von Schirmen und Regencapes. Alle Vorstellungen fanden statt! Die 900 Zuschauer als auch die Spieler haben die ungewohnt »entspannte« Lage überaus genossen, musste doch keiner wegen überfüllten Spielstätten draußen bleiben. Wie auch, bei dem Regen.

Karl Uwe Baum

Copyright © 2007-2026 Vorschau und Rückblick. Alle Rechte vorbehalten.