Der schönste aller Himmel

»Die Lößnitz erhält ein neues Wahrzeichen« und »…Dann stiegen wir in den Himmel, in die Projektionskuppel, die einen Durchmesser von acht Metern hat.« So schrieb eine Zeitung am 22. August 1969 über den Umbau des Observatoriums. Über die Jahre hinweg ist die Sternwarte zu einem Teil der Landschaft geworden. Der »Himmel« wurde vielen ein vertrauter Anblick oberhalb der Weinhänge.

Modell 4, Carl-Zeiss-Jena

1959 gegründet und den Launen des Wetters ausgesetzt erhielt die Sternwarte 1969 erstmals die Möglichkeit, den Himmel den Besuchern bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit vorführen zu können. Ein Zeiss Kleinplanetarium Modell 1 wurde in die eigens dafür neu errichtete Kuppel installiert.

Mit Hilfe des Projektors konnte vielen die Weite des Universums näher gebracht werden. Trotzdem war die Darstellung mit einigen Mängeln und Unzulänglichkeiten behaftet. In der Zwischenzeit entwickelte Carl Zeiss in Jena das Nachfolgemodell Zeiss Kleinplanetarium 2. Die Darstellung des Himmels war jetzt umfangreicher, realistischer und auch der südliche Sternhimmel war nun komplett projizierbar. Viele neue Projektoren ermöglichten Erklärungen der am Himmel zu beobachtenden Zusammenhänge. Die Wiedereröffnung und Einweihung des neuen Planetariums nach erfolgten Umbau zum 25- jährigen Bestehen der Einrichtung fand am 1. September statt. Dies war 1984 und bereits weit über eine halbe Million Menschen konnten »in den Himmel steigen« und das Weltall entdecken.

2011, zwei Jahre nach ihrem 50-jährigen Bestehen und erneut im Spätsommer, nach größeren Renovierungs- und Umbauarbeiten, erhält die Sternwarte und das Planetarium oberhalb der Lößnitzhänge ein neues »Sterntheater«. Es wird der weltweit modernste Projektor seiner Art sein, mit dem die Sterne an die acht Meter messende Planetariumskuppel projiziert werden. Das Modell 4 der Firma Carl Zeiss Jena ist eine komplette Neuentwicklung. Bei den bisherigen Geräten waren die Sterne durch eine Art Diaprojektion verwirklicht worden. Hierfür wurde jeder Stern per Hand in eine hauchdünne Kupferfolie gestochen. Verschieden dicke Nadeln ergaben unterschiedliche Sternhelligkeiten am künstlichen Himmel. In dem neuen Projektor kommt nun für jeden Stern eine einzelne Glasfaser zum Einsatz. Hauchdünn und mit entsprechender Optik versehen, ergibt dies eine naturgetreuere Darstellung der Helligkeiten, der Größe und teilweise der Farben des gestirnten Himmels als es bisher realisierbar war. Der künstliche Sternhimmel nähert sich immer mehr dem an, was eigentlich über uns Menschen nachts mit bloßem Auge zu entdecken ist. Die Illusion ist nahezu perfekt. Bei dem neuen Gerät kommt modernste Technik zum Einsatz. Alle Positionen und Bewegungen sämtlicher darstellbarer Himmelskörper werden per Computer gesteuert. Das reicht von Planeten, über Kometen, bis hin zu künstlichen Objekten, wie etwa Satelliten oder der Internationalen Raumstation.

Bisher geschah die Darstellung der Bewegungen mit Hilfe einer äußerst grazilen Feinmechanik. Diese ist in den 27 Jahren in denen das bisherige Gerät im Einsatz war, an ihre Grenzen gelangt und stark verschlissen. Elektrische Teile wurden über einen Schaltschrank bedient, der vollgestopft mit Transformatoren, Spulen und Relais war. Nach den vielen Jahren waren auch hier immer wieder Fehler aufgetreten und Veranstaltungen drohten auf Grund technischer Probleme auszufallen. Allein die Beleuchtung der Projektoren verdiente zum Beispiel eine erhöhe Aufmerksamkeit und war immer schwieriger zu verwirklichen. Mit dem neuen Gerät wird die Beleuchtung von LED’s übernommen. Diese sind in Farbe und Helligkeit so einstellbar, dass ein überwältigender Sternhimmel dem staunenden und faszinierten Publikum präsentiert werden kann. Viele neue Darstellungsmöglichkeiten erlauben es, in Zukunft den Besuchern die Wunder des Universums näher zu bringen, die Zusammenhänge besser zu verstehen und an der spannenden und »Allgegenwärtigen« Wissenschaft Astronomie teilhaben zu lassen.

Michael Funke

Editorial Augustheft 2011

Rückblick: Der 2. Juni 1988 war ein trauriger, ja kaum zu überwindender Tag für mich gewesen. Am Abend gastierte das unübertroffene Idol meiner Jugendzeit in Dresden auf der Güntzwiese zwischen Blüher- und Lennéstraße. Gleichwohl etliche Platten vom Saphir nicht selten strapaziert wurden, so war im Osten an eine physische Präsenz des Meisters kaum zu denken. Und dann doch, ein Kunstkniff machte es wohl möglich, dass er hier erschien. Überzeugt und ergriffen von der Einmaligkeit dieses Ereignisses im sozialistischen Kulturbetrieb, lag ich indessen in diesen Stunden im Doppelstockbett einer »Stube« des sogenannten zentralen Pionierlagers »Grete Walter« in Sebnitz gefangen, als Joe Cocker bezeichnenderweise mit seiner »Unchain my heart – Tour« vor der Haustür war. Während die Mädchen der 9. Klasse an den Radebeuler Schulen in die Kunst der Wundversorgung eingeführt wurden, mussten sich die Jungs in der »Ferne« an soldatischen Übungen erproben. Gewiss, die Tage brachten mit ihrer pseudomilitärischen Hampelei etwas Abwechslung in den grauen Schulalltag. Auch die Tarnübungen in den abgelegenen Wäldern der Sächsischen Schweiz gaben uns womöglich das verwegene Gefühl – es ist wichtig, was wir hier tun-, und heute vielleicht dem der stationierten Truppen in Afghanistan vergleichsweise entspricht.

Vorschau: Am 12. August ist es nun wieder soweit. Joe Cocker, der seit nunmehr über vier Jahrzehnten im Bühnengeschäft mit allen Höhen und Tiefen als Stehaufmännchen agiert, kehrt zurück, und ist diesmal am Elbufer vor der wundervollen Kulisse der Dresdner Altstadt zu erleben. Und wenn bis dahin keine weltumstürzenden Ereignisse bevorstehen – man weiß es ja heute weniger als damals – so werde ich mir den Abend dort und mit ihm nicht entgehen lassen.

Der Zuckerbauer von Niederlößnitz

Mit der Ansiedlung der chemischen Fabrik von Heyden begann 1875 die große Geschichte der pharmazeutischen Industrie Radebeuls, die sich seit der Wende Schlag auf Schlag ihrem Ende entgegenzuneigen scheint. Die Zeit der Großbetriebe – Heyden und Madaus, später AWD – ist vorbei, aber immerhin gibt es noch einige forschende Unternehmen, aus denen sich ja vielleicht wieder etwas Großes entwickeln kann.

Im Schatten der Großbetriebe existierten in der Lößnitz auch in der Kaiserzeit schon eine Reihe kleinerer chemisch-pharmazeutischer Laboratorien, die zum Teil viel Wind um ihre hoch spezialisierten Produkte machten, man denke nur an das des Apothekers Alwin von Herrmann in Radebeul, der damit warb, mit seiner in kostbaren Flakons vertriebenen Spezialität »Radiotherma« das »beste Zahn- und Mundwasser der Gegenwart« herzustellen. In eine ähnliche Kategorie fällt »Bauer’s Spezial-Institut für Diabetiker«, eine Kombination von Laboratorium und Kuranstalt, das seit 1903 in der einstmals prächtigen Jugendstilvilla Grenzstraße 3 (heute Heinrich-Zille-Straße 84) in Niederlößnitz residierte.

Villa ehem. Grenzstr. 3

Zeitgenössische Ansicht der Villa

Die Therapie der seit dem Altertum bekannten Stoffwechselkrankheit Diabetes steckte damals noch in den Kinderschuhen, und die Diag­nose »zuckerkrank« kam, zumindest bei Typ 1, einem Todesurteil gleich. Seit 1889 war immerhin bekannt, dass das Funktionieren des Zuckerstoffwechsels we­sentlich von einem Wirkstoff der Bauchspeicheldrüse ab­hängt, praktischen Nutzen hatte dies aber noch nicht. So blieb eine strenge Diät die wirksamste Behandlungsmethode, je nach Geldbeutel er­gänzt durch Brunnenkuren und homöopathische Mittel. Wenn damals jemand behauptete, die Zuckerkrankheit wirksam heilen zu können, durfte er sich großer Aufmerksamkeit seitens der nach Hoffnung lechzenden Kranken sicher sein. Genau das tat der Chef des Niederlößnitzer Instituts, Ludwig Bauer, ge­nannt »Zuckerbauer«, indem er das 1899 von ihm auf den Markt gebrachte Antidiabetikum »Djoeat« mit großem Reklameaufwand als »das Chinin des Diabetes« an­pries.

Franz Ludwig Bauer, geboren 1857 im thüringischen Dörfchen Lippersdorf, be­zeichnete sich selbst als »physiologischen Chemiker, Bade- und Kurdirektor«. Sein Ausbildungsgang liegt im Dunkeln, Arzt oder Apotheker war er je­denfalls nicht. Als er sein 1899 in Dresden-Plauen gegründetes Institut im folgenden Jahr nach »Schloss Wettinhöhe« in Zitzschewig verlegte, um dort eine Privatklinik zu eröffnen, wurde ihm das denn auch von der Medizinalbehörde wegen mangelnden ärztlichen Sachverstands untersagt. Sein »Djoeat«, dem er eine »absolut sichere Wirkung« attestierte, ging trotzdem weg wie warme Semmeln, die Zweiliterflasche zum da­mals exorbitanten Preis von 30 Mark (da war das Geld für die große Villa schnell beisammen). Über die Rezeptur teilt Bauer selbst mit, dass es »nur aus heilkräftigen Droguen und Extrakten, die im deutschen Arzneimittelbuch enthalten sind, zusammengesetzt und völlig unschädlich für den menschlichen Or­ganismus« sei. Ein wesentlicher Be­standteil war Jambul, ein Extrakt aus dem ostasiatischen Jambulbaum mit erwiesenermaßen leicht blutzuckersenkender Wirkung. »Heilen« ließ sich Diabetes damit aber definitiv nicht.

In einem Beitrag in der Münchner Zeitschrift für Kur- und Badewesen vom März 1905 heißt es, dass Bauer »durch langjährige Beobachtung und durch ei­ne eigenartige Gewinnung und Verbindung verschiedener Glykoside [Stoffe, die in ihren Molekülen Zuckeranteile enthalten und auch heute vielfach therapeutisch genutzt werden, F.A.] seinem ‚Antidiabeticum’ seine anerkannte vorzügliche Heilwirkung verliehen hat.« Für den Kötzschenbrodaer Arzt Dr. Hermann Rudies, der diesen Artikel 1905 in der örtlichen Zeitung kritisierte, war ein derart nach Bestellung riechendes Lob nichts anderes als »ganz gewöhnliche kurpfuscherische Marktschreierei.« Die Mehrheit der Schulmediziner sah das ähnlich; in der Fachpresse wird Bauer immer wieder als »Kurpfuscher« tituliert, ein Prädikat, gegen das er sich in mehreren Prozessen und Streitschriften zu wehren versuchte. Sein Institut bestand noch bis zum I. Weltkrieg, und seine Spezialarznei, später unter dem Namen »Diamel«, wurde auch nach Bauers Tod 1913 von seinem Sohn weiter vertrieben. Mit der Entdeckung des echten Wundermittels Insulin durch die kanadischen Ärzte Frederick Banting und Charles Best hatte sich das Geschäft Anfang der 20er Jahre dann aber endgültig erledigt.

Frank Andert

[V&R 7/2011, S. 12f.]

Natürlichkeit in jeder Hinsicht

20 Jahre Kosmetik »Jeschke« in Radebeul

Wer auf Naturkosmetik setzt und in einer natürlichen Umgebung Schönheit und Entspannung sucht, kommt an Andrea Jeschke eigentlich nicht vorbei. Sie gehört zu den Kosmetikerinnen der ersten Stunde nach der Wende. 1990 machte sie ihren Meister, und Anfang 1991, vor 20 Jahren, eröffnete sie ihren eigenen Kosmetiksalon in der Paradiesstraße. Wobei die Bezeichnung »Salon« nicht ganz zu den Räumlichkeiten passt, der Straßenname schon eher. In einer unsanierten Villa mit knarrender Holztreppe wurde man damals in die von der Wohnung abgezweigten Räumlichkeiten geführt. Gemütlich, sauber und niedlich mit historischem Puppenwagen und alten Teddybären ausgestattet, empfing die frisch gekürte Kosmetikerin ihre ersten Kundinnen wie zum Beispiel Petra Saaber. »Durch eine Freundin wurde ich von dem in einer Wohnung mit Mann, Tochter und Hund angesiedelten Salon aufmerksam«, erinnert sich die Dame.

Sie interessierte sich wie viele andere für Naturprodukte, die es zur Wendezeit damals nur von Charlotte Meentzen gab. Heute umfasst das Angebot viele Kosmetikreihen, vor allem die Produktlinie von Dr. Belter aus Braunschweig. Das Besondere bei der Behandlung war und ist aber bis heute die Natürlichkeit, das Lachen und die Ausstrahlung der Inhaberin. »Wer sich hier behandeln lässt wird aufgeheitert und das trägt auf jeden Fall zum Wohlbefinden bei«, meint auch die Stammkundin Johanna Schöne. Im dritten Jahr kam Elvira Platz als Helferin dazu und spezialisierte sich neben der Gesichtskosmetik vor allem auf die Fußpflege. Beide verstehen sich als Team und vertreten sich auch gegenseitig. 1999 erfolgte – bedingt durch die umfassende Sanierung des Hauses in der Paradiesstraße – der Umzug in die Hoflößnitzstraße 2, mit Blick auf das Autohaus Gommlich. Hier hat der Kosmetiksalon mehr Räume zur Verfügung und verdient  seinen Namen wirklich. Im Flur steht ein alter Bauernschrank mit der großen Angebotspalette an Kosmetik- und Wellnessprodukten, auf einem Regal werden die Neuheiten präsentiert, u.a. Aloe Vera-Bioprodukte von der Firma Santa Verde aus Andalusien (Spanien).

Das Team von "Kosmetik Jeschke"

Das Team von "Kosmetik Jeschke"

An der Wand hängt noch der alte Meisterbrief im Echtholzrahmen: »Kosmetik-Meister« ist Andrea Jeschke (nicht etwa Meisterin), eingetragen in der Handwerksrolle, so war das nach DDR-Manier. »Damals haben die Kosmetik-Schülerinnen noch einen Teil ihrer Ausbildung im Krankenhaus gemacht, auf der Dermatologie und Hautschäden aller Art kennen gelernt«, sagt die Inhaberin, heute sei das nicht mehr üblich. »Durch mein Grundwissen und die konsequente Anwendung natürlicher Produkte ohne chemische Zusätze kann ich auch Akneprobleme und andere, eher stressbedingte Hautschäden, lindern«, sagt sie selbstbewusst und mit ihrem unverkennbaren verschmitzten Lächeln. Inzwischen bietet Andrea Jeschke ne­ben den Kosmetikbehandlungen bei leiser Meditationsmusik auch Shiatsu-Mas­sagen nach japanischer Art und Kräuterstempel-Behandlungen an. »Traditionelle Kräuter wie Lavendel, exotische ätherische Öle und eine besondere Massagetechnik mit den warmen Kompressen entfalten wunderbare Düfte und haben sich als sehr wirksam erwiesen«, ist dem Flyer zu entnehmen. Vielleicht sollte man es mal ausprobieren, denn: »Denken ist wundervoll, aber noch wundervoller ist das Erlebnis«, sagte schon Oscar Wilde. Der Salon hat nur einen Nachteil: man findet ihn nicht im Internet, dafür wird man umso herzlicher hier persönlich empfangen.

Meine Jahre in der Heimburg

von Ursula Martin

Meine Bekanntschaft mit diesem Haus, Borstasse 15, erfolgte völlig unerwartet und abrupt. Bis zum Mai 1947 hatten wir, mit Ausnahme von sechs Wochen unmittelbar nach Kriegsende, zusammen mit Angehörigen der Sowjetarmee in unserem Haus in der Rennerbergstraße wohnen können. Obwohl es in einem Gebiet lag das die Sieger beschlagnahmt hatten, wurde doch in einigen Häusern ein Zusammenleben geduldet. Im Mai 1947 kam plötzlich der Befehl, das ganze Viertel innerhalb von zwei Tagen von allen Deutschen zu räumen und diesen anderen Wohnraum zuzuweisen. Von uns wurde darüber hinaus verlangt, alle Möbel im Haus zurückzulassen. Wir bekamen deshalb im Haus Heimburg drei Zimmer sowie eine sogenannte An­richte zugewiesen, die zum Teil möbliert, jedoch ohne Betten waren. Mit einem Tafelwagen transportierten die Eltern deshalb die Einrichtung ihres Schlafzimmers zur Borstraße, hatten die Rechnung allerdings ohne die neuen Mieter gemacht. Sie mussten alles wieder zurückbringen, er­reichten aber, dass sie die Einrichtung unseres sogenannten Fremdenzimmers mit­nehmen konnten. Die zugewiesenen Zimmer, die im Erdgeschoss lagen, waren sehr groß und sehr hoch, die Höhe betrug 3.85 m, das größte Zimmer war 36 Quadratmeter groß. Eigentlich sehr komfortabel für diese Zeit, aber die ganze Pracht war, mit Ausnahme eines kleinen Zimmers, in dem sich ein Kachelofen befand, nicht heizbar. Zum Glück lag der Sommer vor uns und damit die warme Jahreszeit.

Heimburg, Borstr. 15

Die Villa "Heimburg", Borstr. 15

Das Haus war damals von Frau Rosenmüller gepachtet, in meiner Erinnerung war sie Kriegerwitwe und lebte mit ihrem Sohn von etwa acht Jahren und ihrer etwas älteren Tochter in der ersten Etage. Nach uns zog in die noch verbliebenen zwei Zimmer des Erdgeschosses Familie Jünger mit zwei Söhnen ein, im Souterrain lebte Familie Müller mit einem Sohn. Herr Müller betrieb in Radebeul-Ost eine Fahrradwerkstatt. Im Souterrain befand sich die Küche des Hauses und die Zentralheizung. Beides war nicht in Betrieb, die Küche war sehr groß und lag weitab von den Wohnräumen, für die Benutzung der Heizung fehlte der Brennstoff. Vor dem Krieg waren die Speisen in der Küche zubereitet worden, in die Wohnräume gelangten sie mittels eines Aufzugs, der in einer sogenannten Anrichte mündete. Dieser kleine Raum besaß einen großen Kohleherd sowie einen Gas- und einen Wasseranschluss. Für uns war das ein glücklicher Umstand, da dort gekocht werden konnte und wir eine Wasserstelle in der Wohnung hatten. Die Toilette lag außerhalb der Wohnung, besaß aber auch ein Waschbecken.

Das kleinste Zimmer war 18 qm groß, hatte vier Türen und ein großes Fenster. Sein wertvollstes Einrichtungsstück war der Kachelofen. Neben ihm konnte noch ein Kohleherd aufgestellt werden. So hatten wir im Winter ein warmes Zimmer und Mutter musste nicht in der eiskalten An­richte kochen. Das dritte Zimmer war das Musikzimmer der Villa gewesen. Es war zum Teil mit Holz getäfelt und besaß eine sogenannte Weinnische, die etwas erhöht lag. Dieser Raum diente uns als Schlafzimmer. Zum Waschen mussten wir uns mit einem Waschtisch mit Porzellanschüsseln und Wasserkannen behelfen. Das einzige Bad der Villa lag in der ersten Etage und gehörte unserer Vermieterin. Ab und zu durften wir es benutzen. Jedoch zeigte sich Frau Rosenmüller so wenig erfreut darüber, dass wir es später vorzogen, ein öffentliches Wannenbad aufzusuchen. Die Möbel, die in der Wohnung vorhanden waren, waren sehr massiv und voller Schnörkel. Familie Rosenmüller hatte vor dem Krieg in Dresden ein Pfandleihgeschäft betrieben, wahrscheinlich stammten sie aus dieser Quelle. Eine Besonderheit der Erdgeschossräume bestand darin, dass die Fenster alle mit sogenannten Scherengittern versehen waren. Man musste sich davor hüten, sie zuzumachen, da die Schlösser, waren sie einmal zugeschnappt, nur schwer wieder aufzubringen waren. Das Waschhaus und die Abstellräume waren in einem Nebengebäude untergebracht. Zu unserer Wohnung gehörten noch eine Veranda und eine Terrasse. Von dieser führten Stufen in den Garten, der damals noch fast bis an die Meißner Straße ging und der große Bäume, vor allem Buchen, enthielt. Die Wege waren mit kleinen Buchsbaumhecken begrenzt. Ein Teil des Gartens war natürlich dem Mangel an Gemüse und Obst zum Opfer gebracht und in Beete umgewandelt worden. Auch an einen Hühnerstall kann ich mich erinnern.

Was mich an dem Anwesen besonders faszinierte war die Tatsache, dass es einer Schriftstellerin gehörte. Ich hatte mit meinen neun Jahren noch keinen richtigen Begriff von der Bedeutung einer solchen, geschweige, dass ich Werke von Wilhelmine Heimburg gelesen hatte. Viele Jahre später habe ich dann in Erinnerung an den Aufenthalt in ihrem Haus, »Lumpenmüllers Lieschen« und »Kloster Wendhusen« gelesen.

In unser Haus auf der Rennerbergstraße war nun Familie Adalchanjan eingezogen. Herr Adalchanjan war Oberst und stammte aus der damaligen armenischen Unionsrepublik, seine Frau kam aus Moskau. Als sie 1947 einzogen, brachten sie einen kleinen Sohn, Wowa, mit, der zweite Sohn, Igor, wurde in Radebeul geboren. Um wenigstens immer mal nach unserem Haus und den Möbeln sehen zu können, besorgte meine Mutter ein- oder zweimal pro Woche für diese Familie den Haushalt und kümmerte sich um die Kinder. Adalchanjans erwiesen sich als recht zugänglich und wir durften, was damals eine wichtige Ernährungsgrundlage war, unseren Garten weiter bebauen und abernten. Das Viertel, es lag zwischen Meißner und Paradiesstraße, Schweizer- und Schuchstraße, war durch Barrieren abgeriegelt. An der Schuchstraße stand ein Posten, der einen Ausweis, »Propusk« sehen wollte. Konnte man ihn nicht vorweisen, hatte man in gehörigem Abstand um das Viertel herumzulaufen oder mit der Straßenbahn zu fahren. Zum Glück war diese Prozedur auch den Russen zu umständlich und es dauerte nicht lange und vor den Barrieren lagen große Steine, die das Übersteigen erleichterten. Für unsere Besuche hatte Familie Adalchanjan dafür gesorgt, dass wir einen »Propusk« bekamen. Meine Schule auf dem Augustusweg erreichte ich mit der Straßenbahn, fuhr diese nicht, so musste ich am Posten vorbei etwa 45 Mi­nuten laufen.

Heimburg

Heimburg

Zweimal in dieser Zeit durften wir wieder für sechs Wochen in unserem Haus schlafen. Obwohl sie von ihren Landsleuten umgeben waren, fürchtete sich Glawa Adalchanjan davor mit den Kindern allein im Haus zu bleiben, während ihr Mann längere Zeit abwesend war. So zogen wir abends, mit Nachthemd und Zahnbürste bewaffnet, wieder in die Rennerbergstraße. Wir unterhielten uns mit Glawa, die gegenseitigen Sprachkenntnisse hatten sich im Lauf der Zeit beträchtlich erweitert, Mutti brachte ihr das Nähen mit der Maschine bei und allerlei Kochkünste, sogar Karten haben wir abends zusammen gespielt. Wowa war häufig bei uns, wir gingen mit ihm in den Zoo, fuhren mit dem Dampfer und brachten ihm deutsche Volkslieder bei. So pendelte unser Leben einige Jahre zwischen der Heimburg und der Rennerbergstraße hin und her, immer in der Hoffnung, dass wir bald wieder in unser Haus zurückziehen könnten.

Am Silvesterabend 1949 hatten wir Wowa und Igor bei uns, da deren Eltern mit Freunden das Jahresende feiern wollten. Gegen Mitternacht brachte Mutter sie wieder nach Hause und wartete bis ihre Eltern heimkehrten. Sie kamen, leicht angeheitert und luden sie noch zu einem Glas Sekt ein. Dabei eröffneten sie ihr, dass sie noch im Januar alle nach Dresden in das sogenannte Waldschlösschenviertel ziehen würden und wir alle wieder in unsere Häuser kommen könnten. Da sie nicht wollten, dass das Haus leer stünde, sollten wir ab sofort nachts wieder darin schlafen. Die Eltern hatten am Neujahrstag nichts Eiligeres zu tun, als allen Nachbarn die freudige Nachricht zu überbringen. Um den 20. Januar 1950 wurde das Viertel wieder an die Deutschen zurückgegeben. Wir haben Familie Adalchanjan noch einmal auf der Jägerstraße in Dresden besucht, dann war sie in Richtung Sowjetunion verschwunden und wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört. Auch bei späteren Aufenthalten in Moskau konnte ich sie nicht ausfindig ma­chen.

Und das Haus Heimburg? Es steht seit vielen Jahren leer und bietet einen traurigen Anblick. Jedes Mal, wenn ich daran vorübergehe, hängt die Dachrinne über der Haustür etwas weiter herunter. Es ist ein Jammer, die einst so prächtige Villa in diesem Zustand zu sehen.

Zwanzig Jahre Baarß + Löschner FREIE ARCHITEKTEN

Ein Grund zum Feiern

Drei Häuser stehn im Rietzschkegrund,
wer wohnt darinnen nur?
Viel liebenswerte Menschen und
Die Architektur –

Ab 1995, seit die Architekten Jörg Baarß und Dr. Klaus Löschner ihr Büro dort haben, ist der Rietzschkegrund mehr und mehr ein Grund zum Feiern geworden. Am 1. Juni gab es nun einen ganz besonderen Anlaß: das 20jährige Bestehen der GbR Baarß + Löschner FREIE ARCHITEKTEN.

Manchmal tut es in solchen Zusammenhängen gut, sich seiner Herkunft zu versichern:

Gleich nach seinem Machtantritt 1973 hatte Honecker ein Gesetz erlassen lassen, das Architekten und Ingenieuren die freie Berufsausübung untersagte. Dies mußte – mit Erstaunen zwar, aber zunächst ziemlich hilflos – auch Jörg Baarß zur Kenntnis nehmen, als er es zu Beginn der 1980iger Jahre nach erfolgreichem Abschluss des Studiums auf eine selbstständige Tätigkeit abgesehen hatte. Umso schneller ging es dann ein paar Jahre später: Gemeinsam mit dem bis dahin bei der HO (erinnert Euch: HO hieß Handelsorganisation und war alles, was nicht Konsum war und hatte keine Rabattmarken zu vertei-
len) unter Vertrag stehenden Dr. Klaus Löschner konnte er die Bürogemeinschaft Baarß + Löschner FREIE ARCHITEKTEN am 1. Juni 1991 aus der Taufe heben.

Wie groß die Erleichterung war, endlich richtig arbeiten zu können, ist schon an dem winzigen Detail zu erkennen, dass sie bei den Worten FREIE ARCHITEKTEN bis heute jeden einzelnen Buchstaben groß schreiben.

Die Euphorie jener Aufbruchsjahre trägt sie noch heute. Sie erinnern sich gern und inzwischen ein wenig wehmütig, wie einfach damals der Umgang mit der Bürokratie war. Ein paar Jahre lang gings wirklich nur um Architektur.

Architektur, höre ich sie sagen, muß funktionieren und schön aussehen. Dann macht sie auch Spaß. Diesen Spaß hatten sie sich in den Gesellschaftsvertrag geschrieben, denn wie es ausgeht, wenn die Lebensumwelt blutleer und lustlos einfach nur administriert wird, hatten sie erlebt. In ihren Häusern, so hatten sie sich vorgenommen, sollten Menschen gerne leben und arbeiten können. Ihre eigenen Häuser in der Rietzschke sind dafür exemplarisch. Trotz großer Baumassen wirken sie heiter und leicht. Es fasziniert immer wieder, wie es hier gelungen ist, die Gliederung des Hangs mit seinen Terrassenmauern in die Ar­chitektur einfließen zu lassen. Nicht umsonst konnte das Ensemble mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet werden, und der Festredner durfte zu Recht betonen, dass dort die Architektur selbst nicht nur wohnt, sondern auch zu Hause ist.

Wenn es gut geht, sagt Klaus Löschner, entsteht ein Bauwerk mit dem Bauherrn im Dialog. Für das eigene Haus muß der Architekt ein Selbstgespräch führen. Und: er ist ihm ausgeliefert, wie keinem Zweiten, denn er muß jeden Tag dahin zurückkehren, und er muß dies gern tun können, betont Jörg Baarß.

Auf die Frage hin, was sie gern noch bauen möchten, kamen Brücken zur Sprache, oder noch ein richtig schöner großer Neubau. Der dürfte nur nicht am Dresdner Neumarkt entstehen, dort glauben zu viele Leute, reinreden zu müssen. Aber sonst lieben sie dieses Eintauchen in historische Tiefen, wie sie das beim Rathaus in Meißen konnten oder auf Schloss Siebeneichen. Denn natürlich ist ihre Architektur immer eigen und heutig…

Dass es im Verlaufe der 20 Jahre auch Durststrecken für die Gemeinschaft gab, davon spürten die über hundert Jubiläumsgäste, Geschäftspartner, Bauherrn, Freunde allesamt, nur ganz zu An–fang etwas, als sie bis nach der Begrüßung aufs erste Bier warten mussten. Doch dann wurden sie von den beiden eigens aus Jena angereisten Musikern Gunnar Nilson und Josa, dem Radebeuler Publikum nicht zuletzt durch die Hoffeste der SCHMIEDE bestens bekannt, so stimmungsvoll unterhalten, dass die Kühle des Frühsommerabends weitgehend unbemerkt blieb.

Unter den Gratulanten war auch der Baubürgermeister Dr. Jörg Müller zu finden, der damit zeigte, dass die Stadt Radebeul durchaus zu schätzen weiß, wen sie mit Baarß + Löschner zu ihren Einwohnern zählen darf.

Schließlich bleibt müßig zu betonen, dass mit Bettina Löschner, die zugleich Mitarbeiterin ist, und Dr. Angelika Baarß die Ehefrauen im Mittelpunkt des Festes und der vergangenen zwanzig Jahre gestanden haben.

Thomas Gerlach

»Die Ausbreitung des Glücks«

Das Künstlerduo Doreen Wolff und Thomas Reichstein stellt in der Bilderrahmenwerkstatt Kruschel aus

Einer Faunin, einer Nixe, einer Mondfrau und selbst einer Venus kann man unter den Plastiken von Thomas Reichstein begegnen. In Kombination mit den in ihrer Farbgebung sehr intensiven Ölbildern von Doreen Wolff offenbart sich so ein nahezu unendlich scheinender Kosmos der Bildenden Kunst, den zu ergründen es nicht nur Zeit, sondern auch jede Menge sinnlicher Gefühle bedarf. Seit dem 21. Mai ist eine Auswahl von insgesamt 49 Arbeiten des Dresdner Künstlerduos in der Radebeuler Bilderrahmenwerkstatt von Martina und An­dreas Kruschel zu sehen. Es ist eine Ausstellung, die – hat man sich erst einmal mit den Bildern und Plastiken angefreundet – geradezu süchtig machen kann. Sowohl, was die großen und kleinen Fa­belwesen in der Plastik als auch die ausgesprochen ungewöhnliche Art der Malerei in den Ölbildern betrifft. Betrachtet man diese Bilder nämlich aus der Ferne, glaubt man, Perlenstickerei o.ä. zu sehen. Erst aus der Nähe of­fenbart sich das Geheimnis um diese be­sondere Art des Malens. Doreen Wolff nimmt auf die Spitze eines feinen Pinsels einen einzigen Tropfen Farbe. Den drückt sie auf das Blatt und zieht den Pinsel dann nach oben ab. Auf dem Papier bleiben winzige Erhöhungen zurück. Diese summieren sich und am Ende des Prozesses ist aus all diesen Punkten ein Bild entstanden. Eines mit einer faszinierenden optischen Wirkung.

Doreen Wolff: Ausbreitung des Glücks

Ausbreitung des Glücks

Thomas Reichstein dagegen hat die Motive für seine plastischen Arbeiten meist auf seinen zahlreichen Reisen (vor allem) nach Asien gefunden. Seine Hauptthemen sind zum einen die Frauen und zum anderen verschiedene Fabelwesen, die oftmals der Mythenwelt asiatischer Länder entstammen.

Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Juli zu besichtigen. Und auch diesmal wird es wieder »des Künstlers Lieblingsessen« geben. Konkret am 3. Juli um 11 Uhr.

Notiz zur Jahresversammlung

Am 01. April fand in bewährter Weise die Jahresversammlung unseres Vereins „Radebeuler Monatshefte e.V.“ in den Räumen der Stadtgalerie statt. Neben Mitgliedern und Freunden hatten sich erfreulicherweise wieder auch neue interessierte Gesichter in die Runde gemischt.

Der Tagesordnung folgend, wurde der Vorstand aus seinen Pflichten entlassen und, in diesmal geheimer Wahl, neu gewählt. Durch eine kleine Panne musste die mühselige „zettelfaltende Prozedur“ gar wiederholt werden. Dennoch gelang uns damit ein kleiner Vorsprung in Hinblick auf die Wahl des derzeitigen Bundespräsidenten. Der aus drei Mitgliedern bestehende Vorstand wurde mit Ilona Rau als Vereinsvorsitzende, Bertram Kazmirowski als Stellvertreter und Wolfgang Zimmermann als Schatzmeister wieder bestätigt. Frank Andert wurde nochmals für seine Arbeit als Redakteur in den vorangegangen zwei Jahren gedankt und Sascha Graedtke als neuer Redakteur in der Runde vorgestellt.

Hörspiel im sakralen Raum

Premiere von »Nathan der Weise«

Radebeul ist nicht gerade als ein Ort bekannt, in dem sich weise Weltläufigkeit und religiöse Toleranz im Alltag zu bewähren bräuchten. Dazu sind die Menschen, die in Radebeul wohnen – bei aller individuellen Verschiedenheit – viel zu ho­mogen. Zwar gibt es einige christliche Ge­meinden und Gemeinschaften, die im Ganzen wohl eine respektable vierstellige Mitgliederzahl auf sich vereinen. Aber anders als in vielen (vor allem westdeutschen) Großstädten fehlen in Radebeul sichtbare Zeichen religiösen Lebens anderer Be­kenntnisse, was nicht nur an der Größe unserer Stadt liegt. Denn die meisten Ra­debeuler werden beim Zensus angegeben haben, dass sie konfessionslos sind. Vor diesem Hintergrund ist die jüngste und mit ungewöhnlichen Partnern initiierte Schauspielproduktion der Landesbühnen ein mu­tiger Schritt aus der Enge des Elbtals: Lessings »Nathan der Weise« wird als ein Beitrag zum Evangelischen Kirchentag (Aufführung am 2. Juni um 20 Uhr in der Himmelfahrtskirche Dresden-Leuben) auf ein gesamtdeutsches Publikum treffen und im September anlässlich der Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen der Neuen Synagoge Dresden auch Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde zu Dresden in deren Räumlichkeiten zugänglich ge­macht. Konsequenterweise hatte sich das Theater frühzeitig entschieden, auch die Radebeuler Premiere (Inszenierung: Arne Retzlaff) in einem sakralen Raum (Lutherkirche) zur Aufführung zu bringen und mit einer weiteren Tradition zu brechen, indem die Premiere an einem Freitag und nicht wie sonst an einem Sonnabend stattfand.

Nathan der Weise (Szenenfoto)

Lessings bekanntes und manchem durch Schullektüre verleidetes Stück in einer Kirche aufzuführen ist keine neue Idee, sondern wurde vor Jahren beispielsweise in Koserow auf Usedom (mit Jürgen Zartmann als Nathan) sehr erfolgreich über mehrere Sommer hinweg praktiziert. Allerdings erfordert die Entscheidung, das Stück nicht auf einer theatergerechten Bühne, sondern in einem auch für gottesdienstliche Zwecke genutzten Altarraum aufzuführen, einen grundsätzlichen Verzicht auf Regietheaterkonzepte und Entertainment à la Klassik light. Vielmehr als sonst muss sich nämlich die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf das gesprochene Wort und auch darauf konzentrieren, ob und wie die Akteure auf der kleinen spartanischen Bühne (Ausstattung: Stefan Wiel) körpersprachliche Signale senden und miteinander ohne die Hilfe von Requisiten umgehen können. Wenn man sich in dieser Weise auf die Darbietung einlässt, dann kann man spüren, dass der Radebeuler »Nathan« ein Eigenleben als Hörspiel zu entwickeln vermag, denn das Erlebnis wird nicht kleiner, wenn man mit geschlossenen Augen nur zuhört und sich ablen­­kungsfrei der Qualität des berühmten Textes hingibt. Retzlaff verdichtet das Schauspiel auf zwei Stunden ohne Pause und kann es dadurch auf einen zutiefst menschlichen Grundkonflikt zuspitzen, der überraschend viel Spannung hervorbringt. Liebendes Begehren (eine Spur zu aggressiv und wild: Marc Schützenhofer als junger Tempelherr; Franziska Hoffmann als Recha) droht erst an religiösen Mauern
zu scheitern, schließlich aber wird durch wundersam zu nennende Fügungen familiäre Eintracht hergestellt und erweist sich Nathan (Matthias Henkel stattet seine Figur mit großer Herzenswärme und sprachlicher Überzeugungskraft aus) als eine gemeinsame Vaterfigur für Recha, Sitta (Sandra Maria Huimann) und den Tempelherrn. Befragte man Lessings Text auf die Plausibilität der Figurenkonstellation, dann stünde es um seine Be-
deutung vermutlich weit weniger gut. Zu unglaublich sind die Biografien von Figuren wie der Daja (Anke Teickner liegt der Kirchenraum weniger, ihre oftmals in starken Am­plituden ausschlagende Stimme trägt nicht gut) und des Klosterbruders (Olaf Hörbe entledigt sich seiner Aufgabe souverän). Aber weil es Lessing nicht um Plausibilität, sondern um »Aufklärung« eines anscheinend unlösbaren Falles ging (Welche Religion ist die wahre?), bedurfte es eines Szenarios, welches dieses Problem auf eine menschliche und damit fassbare Ebene bringt. Die beiden hohen Vertreter des Christentums (Tom Hantschel ist für meinen Geschmack ein wenig zuviel Ideologe und zu wenig Geistlicher) bzw. des Islam (Michael Heuser als Saladin) sind im unterschiedlichen Maße sympathische Fi­guren, verkörpern aber das grundsätzliche Dilemma im Dialog der Religionen: An der Basis ist die gegenseitige Verständigung oft schon viel weiter als es die hohen Repräsentanten wahr haben wollen.

Der Charakter der Inszenierung als Hörspiel wird noch dadurch verstärkt, weil drei Musiker (André Obermüller ist Christ, Gennadiy Nepomnyashchiy Jude und Amir Kalhor Moslem) auf einem Podest hinter der Bühne auf je kulturspezifischen Instrumenten die einzelnen Szenen in Intermezzi illustrieren. Sie tun dies am Anfang zaghaft, am Ende kraftvoller, was sinnreich das Näherrücken und Ineinanderaufgehen der Religionen im Stück illustriert. Dagegen verblassen die Bildeinblendungen von Gesichtern und Landschaften auf einer Leinwand hinter den Musikern und senden missverständliche Botschaften, weshalb auch hier das visuelle Erleben hinter dem akustischen zurückbleibt. Ob die Inszenierung in dieser Form zu einem Publikumserfolg wird, bleibt abzuwarten. Dass sie Radebeul zur Ehre gereicht, daran dürfte allerdings kein Zweifel bestehen. Diese Einschätzung teilte wohl auch das Publikum am Premierenabend, welches anerkennenden Beifall spendete, der angesichts des Ortes etwas weniger euphorisch ausfiel als im Stammhaus zu erwarten gewesen wäre.

Radebeuler Landschaften in warmen Tönen

Der Maler und Grafiker André Uhlig stellt im »Weinmosaik« aus

Am 06. Mai lud der im November 2010 eröffnete Weinladen »Weinmosaik« (Meißner Str. 112) in seinen Räumen zur Vernissage seiner nunmehr zweiten Ausstellung ein. Zum Geschäftskonzept des Inhabers Ronald Schlüter gehören neben dem Weinverkauf von vorwiegend einheimischen Winzern die Präsentation regionaler Künst­ler in einem separaten Ausstellungsraum. Blickt man hier hinaus, so fällt der unverstellte Blick un­weigerlich auf die sanften Lößnitzhänge. Ein guter Ort also, um die Arbeiten des 1973 geborenen Radebeuler Künstlers zu zeigen. Denn für André Uhlig sind es nicht selten auch die heimatlichen Landschaften und eher unscheinbaren Blickfänge, die er in seinen Bildern einzufangen sucht. Neben seiner Heimatverbundenheit sind zahlreiche Arbeiten u.a. auf Reisen nach Indien, Italien und im Böhmi­schen entstanden. Sein langjähriger »Künstlervater« Dieter Beirich hielt eine warmherzige Laudatio in der er seine künstlerischen Phasen, aber auch eigenwilligen, wohl produktiven Widerstände eindrucksvoll umschrieb. Als gelernter Drucker arbeitete er jahrelang als Druckinstrukteur bei der Planeta und betrieb seine Malleidenschaft nebenberuflich, bis ihn schließlich seine gefühlte Berufung 2010 zur offiziellen Selbständigkeit führte.

Ein Werk von André Uhlig

Seit letztem Herbst hat er in Ateliergemeinschaft mit der Theatermalerin Birgit Köhler im »Atelier Köhler« (Neue Str. 18) eine wichtige Wirkungsstätte ge­funden. Dort steht auch seine raumgreifende Druckpresse, welche die Grundlage vieler seiner druckgraphischen Arbeiten bildet. Zu seinen be­vorzugten Techniken gehören u.a. Farbaquatinta, Sandreservage, Kaltnadelradierung, Strichätzung, Aquarell, Öl und Kohle. Als Spezialität kann sicher die maltechnische Verwendung von Kaffee angeführt werden, den er zuweilen als farbliches Ausdrucksmittel verwendet. Er gibt den Bildern Wärme und Tiefe. Ohnehin sind es zumeist die irdenen Töne die seine Bilderlandschaften beherrschen. Die ausgestellten Arbeiten, die mit ihrer ruhigen Ausstrahlung einen romantischen Anstrich nicht verbergen können, scheinen so oft wie ein Fenster in eine vergangene Welt. Bis zum 07. August lädt das »Weinmosaik« dazu in seine Räume ein.

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