Der „Grundhof“ in Radebeul

eine Nachbetrachtung zur Veranstaltung am 25. Mai 2018

Herrenhaus mit Pavillon Foto: G. Täubert

Es passte wieder einmal alles zusammen, das wundervolle Sommerwetter, das erwartungsfrohe Publikum, der einmalig schöne Ort und die freundlichen Gastgeber, die Familie Dr. Cramer, die das Grundstück seit 1997 besitzen und seitdem umfassend saniert haben. Bei der verheißungsvollen Adresse Paradiesstraße hatte sich jeder schon so seine Gedanken gemacht, aber dass es hinter den hohen Mauern wirklich so paradiesisch ist, konnte man sich kaum vorstellen.
Öffnet man das kleine halbrunde Tor in der hohen Bruchsteinmauer, verstellen zunächst Büsche und Bäume den Blick zum Innenhof und zu den Gebäuden. Nach wenigen Schritten liegen die im Lößnitzgelb (Farbe nach Paul Wilhelms Bildern) gestrichenen herrschaftlichen Gebäude, die den „Grundhof“ bilden, vor einem: zuerst das 1801 im klassizistischen Stil gebaute Turmhaus, das ursprünglich noch einen Gartensaal aufgenommen hatte, dann rechts das 1696 erbaute barocke Herrenhaus mit dem hohen Walmdach, daneben weitere Wohn- und die Wirtschaftsgebäude. Verbunden und akzentuiert werden die Bauten durch zwei weiße Pavillons mit barocken Zeltdächern, die den romantischen Eindruck der Gesamtanlage noch erhöhen und 1980 durch den persönlichen Einsatz von fünf Radebeuler Architekten, den Herren Aust, Kunze, Lohse, Meier-Doberenz und Röhricht, vor dem Verfall gerettet wurden.

Foto: G. Täubert

Einst reichte das hier beschriebene Grundstück bis hinauf zu den Bergen, bis zur ehemaligen „Sängerhöhe“ und hatte schon früh die Blicke von Liebhabern und reichen Dresdner Bürgern auf sich gezogen. Es hieß bis 1906 wohl nicht umsonst „Heiterer Blick“. Von der Heiterkeit der Gegend, dem Licht und der natürlichen Anmut ließen sich nicht nur alle Besitzer, sondern auch viele Künstler betören. Besonders die bildenden Künstler kamen gern hierher, um hier zu leben und zu arbeiten, wie z.B. der aus Breslau stammende, sehr begabte, aber leider in Paris zu früh verstorbene Impressionist Wilhelm Claus (1898- 1932), der aus Thüringen kommende und spätere Professor an der Dresdner Kunstakademie Paul Wilhelm (1886-1965) und der in Zschopau geborene Karl Kröner (1887-1972). Vor allem Kröner malte, trotz seiner schlimmen Erlebnisse in beiden Weltkriegen und mit dem Erlebnis Stalingrad, bis ins hohe Alter immer wieder die mediterrane Radebeuler Landschaft mit ihren Weinbergen, den blumenreichen Gärten und den schönen Anwesen mit ihren hohen Mauern. Seinen inneren Frieden fand er aber auch in seinen Räumlichkeiten, die an ein intimes Museum erinnerten und in denen er auch die benötigte Ruhe und Geborgenheit fand. Eine große Zahl von Künstlern kannte Kröner persönlich, wie z.B. Schmidt-Rottluff, Kokoschka, Hegenbarth, Griebel, Otto Müller etc. und viele kamen in sein Atelier. Er selbst hatte in Dresden bei Gotthard Kühl studiert und sich immer für die Entwicklung des künstlerischen Nachwuchses eingesetzt. So engagiert konnte ich ihn noch im Jahr 1967 persönlich erleben.

Gartensaal Foto: G. Täubert

Die Künstlerfamilie Gunter Herrmann und seine Frau Christiane übernahmen nach Kröners Tod die Wohnung und das Atelier. Mit großer Freundlichkeit öffneten sie für uns an diesem Abend ihre Räume, in denen man noch immer die Spuren der Vergangenheit spüren kann und gaben uns Einblicke in ihr Werk und ihre Art zu leben. Das war sehr liebenswürdig. So vielen Menschen seine privaten Räume zu öffnen, ist nicht jedermanns Sache. Aber auch Herr Dr. Cramer führte uns ganz selbstverständlich durch das privat bewohnte Herrenhaus mit seinen Besonderheiten, dem großen Weinkeller und dem eindrucksvollen Gartensaal, der teils klassizistisch und teils biedermeierlich ausgemalt ist (Restaurierung: Thilo Kempe und Gunter Herrmann). Als wir unseren Rundgang durch den Garten und den Park beendeten, stießen wir noch auf das Wasser der Quelle, die einst von den Wahnsdorfer Bauern für die Bewässerung des Grundstückes gekauft wurde und die noch immer fließt und es erwartete uns ein besonders stimmungsvoller Abendhimmel, zu dem die Beschreibung Kröners, als er über die Malerei von Paul Wilhelm resümierte, passt: „Ein seltsamer Himmel – ein die Dinge verzauberndes Licht“. Damit bin ich mit der Betrachtung dieser Veranstaltung am Ende, die ein Besucher ganz lapidar zusammenfasste: „Schöner gehts nicht!“

Gudrun Täubert

Editorial Juli 2018

Wer schon einmal in Bayern war, dem fiel es gleich auf: Das ‚Grüß Gott‘ kommt von allen Seiten. Es ist dort eine Selbstverständlichkeit im Alltag. Auch wenn ich es mit dem ‚Lieben Gott‘ nicht so habe, ein ‚Hallo‘ kommt dann dennoch gern von meinen Lippen. Ich finde das gut so.
Bin ich in Sachsen zurück, sieht es beim morgendlichen Lauf auf dem Elberadweg meist ganz anders aus. Nur bei den Sportlern untereinander ist Grüßen die Regel. Viele andere rasen mit gesenktem Kopf und starrem Blick auf dem Fahrrad vorbei oder schauen weg. Wenn ich grüße, erhalte ich fast immer eine Antwort, nur einige verweigern sich tapfer. Auch in den Geschäften und öffentlichen Einrichtungen findet das Grüßen seltener statt und im Straßenverkehr sind ein Stinkefinger oder ein Schimpfwort immer häufiger als Gesten des Dankes für Rücksichtnahme oder Nachsicht bei Fehlern zu bemerken. Dabei sind es doch diese Zeichen, die einem schöne Momente des Beachtetwerden, des freundlich – friedlichen Kontaktes bescheren.
Weshalb vergibt man sich das?
Eine wirklich zum Nachdenken anregende Begebenheit erzählte mir eine Bekannte: Ins Mehrfamilienhaus war eine neue Familie eingezogen. Der Sohn ging ohne Gruß an den Mitbewohner vorbei, was Missfallen hervorrief. Die Mutter des Jungen sagte, als man sie darauf ansprach: „Ich habe meinem Sohn gesagt, er braucht im Haus nicht zu grüßen.“ Na, da fällt einem doch nichts mehr ein, außer: Von den Bayern lernen, heißt Grüßen lernen.
In diesem Sinne, es grüßt ganz herzlich.

Ilona Rau

Radebeuler Häuser und ihre Bauherren – der Grundhof

Mit der am 25. Mai 2018 durchgeführten siebenten Veranstaltung hatten wir wieder Zugang zu einem sehr interessanten Grundstück, dem Grundhof. Meine Aufgabe, über die Besitzer zu sprechen, gestaltete sich etwas schwierig.
Außer einem Telefonat mit einem Nachkommen der Familie Suppes hatte ich keine persönlichen Überlieferungen. Er berichtete, dass die Neitschütz bei den Kinderbesuchen noch spukte. Fast 100 Jahre besaßen sie das alte Weingut und schrieben in vielerlei Hinsicht Jahrhundertgeschichte. So denke ich an die vielen Künstler und Künstlerinnen, und möchte nur eine nennen, Magdalena Kressner, die auch Plastiken von der Familie schuf.
Einst hieß das Gut vom Herrenhaus aus gesehen, „Heiterer Blick“. Mit dem Aufkommen des neuen Gasthausnamens an der Moritzburger Straße gaben Suppes den Namen „Grundhof“. Der Reichsgerichtsrat a. D. Otto Suppes, gestorben 1911, war einst der höchste preußische Beamte in Sachsen.
Anfang des 20. Jahrhunderts kaufte er das Grundstück von der verwitweten Vorbesitzerin Dehne ab. Suppes hatten drei Kinder: Tochter Dr. med. Johanna Suppes, Kinderärztin, Sohn Adolph Suppes, Architekt, der zusammen mit Otto Rometsch ein Architekturbüro führte, sowie der Rechtsanwalt und Notar Dr. jur. Ernst Suppes. Er war verheiratet mit Mathilde geb. Schlosser. Sie stammte aus einer hochbürgerlichen Familie aus Berlin. Ihr Vater, ein Oberjustizrat, korrespondierte mit der ganzen Welt.
Nur dieses Ehepaar hatte Kinder. Insgesamt waren es fünf, drei Söhne und zwei Töchter. Ein Sohn, Ernst, verstarb mit zwei Jahren. Der andere Sohn, Fritz, verstarb mit 14 Jahren bei einem Fahrradunfall auf der Meißner Straße. Der dritte Sohn, Otto, wurde Pfarrer und verließ, wie auch seine Schwester Elisabeth, Richterin, berufsbedingt den Grundhof. So verblieb nur die bekannte Kindergärtnerin Adeline Suppes auf dem Grundstück. Sie verkaufte das Anwesen 1997 an die Familie Dr. Cramer, die es seitdem in ein wahres Kleinod verwandelt.
Das Herrenhaus (in der Substanz nach 1650) mit Wirtschaftsgebäuden, dem Turmhaus (Turm Februar 1944 abgebrannt) und dem anschließenden Gartensaal sowie den zwei Pavillons (um 1800) gehören heute zum Grundhof. Die zwei Häuser, Paradiesstraße 56, ein Landhaus von 1924, gaben die Geschwister Dr. Suppes an Otto Rometsch in Auftrag. Das Haus Nr. 58 gab 1906 noch der Vater, RGR Otto Suppes, an seinen Sohn Adolph Suppes und Otto Rometsch in Auftrag.
Heute sind sie vom Grundhof separat getrennt. Vom Gottesacker kommend sind heute noch auf der rechten Seite die Grabsteine der Familie Ernst Suppes mit den zwei Söhnen vorhanden. Etwas dahinterliegend, ein Bildstock, das Grab, indem die beiden Architekten Suppes und Rometsch zusammen beerdigt sind.
Als Vorbesitzer Suppes sind Dehnes zu nennen. Dr. Joh. Fr. Anton Dehne erwarb 1837 den „Heiteren Blick“. Der Apotheker und Naturforscher war seinerzeit sehr berühmt. Die neogotische Grabstelle des Sohnes, dem Rentier und Hütteningenieur Bernhard Dehne, der Ehefrau, sowie der jung verstorbenen Tochter ist noch ebenfalls auf dem Friedhof an der Ostmauer zur Kötzschenbrodaer Straße ersichtlich.
Dr. phil. Adolph Serrius gründete auf dem Areal 1823 eine Bildungs- und Knabenerziehungsanstalt. Als “Doktor der Weltweisheit“ hatte er 1832 einen wenig rühmlichen Abgang nach Rostock, woher er auch kam.
Von den vielen Besitzern möchte ich nun nur noch den Hofprediger Raschig anführen. Seine Tochter war die Ehefrau des Pastors Flemming. Nach Pastor Flemmings Onkel wurde meines Erachtens die Flemmingstraße benannt. Frau Flemming, geb. Raschig, besaß das Grundstück bis 1824.
Und nun zum Schluss – die „Neitschütz-Sage“. Der Bruder von August dem Starken, Johann Georg IV, sollte einst seiner Favoritin Gräfin Neitschütz das Grundstück geschenkt haben. Es gab skandalöse und mysteriöse Hofgeschichten um sie. Sie starb am 4. April 1694 an den Blattern und riss den Kurfürsten mit ins Grab, der eigentlich zur Machtübernahme bestimmt war.
Nach Curt Reuter, Vorschau Nov. 1962, S.14, handelt es sich um eine Verwechslung in der Neitschützlinie.
Wie sagte mir der Nachkomme Suppes bei unserem Telefongespräch? „Ach, die Neitschütz, die spukte bei unseren Kinderbesuchen immer noch“.

André Schröder

Ein Moritzburger Teich im Wandel

Bild: D. Lohse


Teiche gibt’s ja viele in und um Moritzburg, so etwa 30. Welchen wollen wir denn hernehmen und etwas über ihn erfahren? Wir nehmen einen, der vielleicht weniger bekannt war, bis da Bauarbeiten begannen, den Kutschgeteich. Hab ich mir’s doch gedacht, den kennen sie, liebe Leserin, lieber Leser, auch nicht. Das ist nicht so schlimm, denn da sind sie in bester Gesellschaft – Frau Magdalene Magirius (Mitteilg. Sächs. Heimatschutz 3/2007) und Herrn Dr. Andreas Timmler (Ortschronik Moritzburg, 2008) scheint es ebenso zu gehen, sie erwähnen diesen Teich in ihren jeweiligen Texten zu Moritzburger Teichen an keiner Stelle. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass es sich beim Kutschgeteich um ein recht junges Gewässer handelt, er soll erst um 1920 angelegt worden sein. Die o.g. Verfasser haben sich vorrangig mit den älteren Teichen beschäftigt. Ab 1945 begann er zu schrumpfen. Ein anderer Moritzburger, der mich auf das Baugeschehen an diesem Teich aufmerksam machte, nannte ihn Kutscherteich – gut gemeint, aber knapp daneben.

Wahrscheinlich kommt der Name Kutschgeteich von einem früheren Besitzer, also der Teich von einem Herrn Kutschge.

Wo aber finden wir besagten Teich? Eigentlich ist er fast zentral gelegen, östlich des Schlossteiches, da, wo sich heute der große Parkplatz am schwarzen Pferd (Kunstobjekt) befindet, also zwischen Schlossteich und dem Kanal zum Großteich.

Um den Teich, dessen Wasserfläche mal etwa 10,5 ha groß war, auf Land- oder Wanderkarten zu finden, muß man schon weit zurückgehen. Die Karte Moritzburg u. Umgebung von 1965 und die Wanderkarten von 1977 u. 84 (alle 1:30 000) weisen keinen Kutschgeteich aus. Die Wanderkarte von Herrn Böhm (1:20 000) von 2002 nennt ein sumpfiges Waldstück so, er schreibt aber den Namen ein wenig anders, als Kutzschke. Schließlich wurde ich mit dem Kutschgeteich im alten Messtischblatt Nr. 50 (1:25 000) von 1913 (ergänzt 1934) fündig, dieser Schreibweise will ich mich anschließen. Er war keiner der ganz großen Teiche von Moritzburg, aber zum Vergleich etwa acht mal so groß wie der Teich bei Adams Gasthof, den viele kennen werden.

Bild: D. Lohse


Was ist nun in der Zwischenzeit mit dem Kutschgeteich geschehen? Eigentlich nichts, zumindest nicht von Menschenhand! Da der Teich offensichtlich nicht in die in Moritzburg sonst übliche Bewirtschaftung mit Fischen (vor allem Karpfen) eingespannt war, fehlte eine regelmäßige Instandhaltung und eine allmähliche Verlandung setzte ein. Ich erinnere mich, etwa 1956 noch ein kleineres Stück Wasserspiegel gesehen zu haben. Nach der Verlandung folgte durch Aussamung von den umliegenden Wäldern eine Verbuschung (Weide u. Hasel) bis hin zu großwüchsigen Bäumen (Birke, Erle u.ä.). Und nun kamen unterschiedliche Begehrlichkeiten dazu: in den 80-er Jahren entstand ein Parkplatz, der etwa ein Drittel der ehem. Teichfläche einnahm. An einer Ecke entwickelte sich gar eine Mülldeponie. Von Süden her drohte sich die Gartensiedlung in Richtung Teich durch Trockenlegung zu vergrößern – für damals einflussreiche Leute wäre eine „Datsche mit Schlossblick“ sicherlich interessant gewesen. Doch da konnte zum Glück noch Schlimmeres verhindert werden, u.a. weil die Austrocknung nicht ganz erreicht wurde. Auf der Restfläche – „Pfütze mit Bewuchs“ – entwickelten sich Fauna und Flora prächtig, man näherte sich so dem Begriff eines Biotops an. Ab 2001 wird das Gebiet des Kutschgeteiches (14,1 ha – das ist Land- u. Wasserfläche) als Naturschutzgebiet ausgewiesen.
Wenn sich nun hier seit 2017 im Auftrag des Freistaates Sachsen Baumaschinen bewegten (um Ostern herum war noch Betrieb), Bäume gerodet und der Teich entschlammt wurde, ein Deich mit Abfluß neu gestaltet wurde, ist nun das Ziel der Maßnahme, wieder einen Teich zu erhalten, erreicht. Karpfen sollen nicht eingesetzt werden, auch Baden wird nicht gehen, der Teich soll primär dem Naturschutz dienen – grünes Licht also für Molche, Frösche, Ringelnattern und alle Arten von Wasservögeln. Es könnte sogar sein, dass dieses Gebiet auch für den Biber, den man im Raum Moritzburg schon gesichtet hat, interessant werden könnte. Außer einer Umzäunung, glaube ich, sind alle Maßnahmen jetzt abgeschlossen.

Man kann auch hier von einem „Himmelsteich“ sprechen, auch wenn es einen Zulauf und Abfluss gibt. Der Teich wird wie die anderen Moritzburger Teiche hauptsächlich durch Niederschläge, passend zur Jahreszeit Regen oder Schnee, gefüllt. Man wird sich noch etwas gedulden müssen bis man da einen Wasserspiegel erkennt.

Für einen ersten Hinweis danke ich Herrn Andreas Wiesner aus Moritzburg und für ein fachliches Gespräch zu Fragen des Naturschutzes Herrn Dr. Ulrich Zöphel aus Radebeul sehr herzlich.

Dietrich Lohse

Literatur: „Naturschutzgebiete in Sachsen“, Herausg. Sächs. Staatsmin. für Umwelt u. Landwirtschaft, Dresden 2008, S. 366, 367

XJAZZ in Radebeul

Nun ist es doch eine Reihe geworden!

2016 schrieb ich anlässlich des ersten XJAZZ Festivals in Radebeul, “wenn wir 2017 ein zweites Festival durchführen können, dann wird es bestimmt eine Reihe“.

Nun, im dritten Jahr seiner Durchführung kann ich meiner Aufzählung der Sehenswürdigkeiten, die ich damals mit dem Karl May Museum, köstlichen Weinfesten, den Landesbühnen Sachsen der Lößnitz und Kötzschenbroda mit seiner Zugverbindung nach Chattanooga Choo choo begonnen hatte, noch das XJAZZFestival hinzufügen.

Mit dem XJAZZ Festival kamen neue Töne ins Elbtal, die etwas Unruhe in die Selbstgefälligkeit und Beschaulichkeit des Radebeuler Bildungsbürgertum brachten. Aber eine Konfrontation blieb aus, denn wer sich erfolgreich gegen das Eindringen von McDonalds, Kentucky Fried Chicken und die Errichtung einer Sommerrodelbahn in den Weinbergen erwehren konnte, hat eine Sensibilität für Qualität in der Kunst und der Musik entwickelt.

Das Weingut Aust mit seinen zwei Bühnen hat sich als ein Ort der Symbiose von Kultur und Genuss bewährt. Die Lutherkirche in Ost bietet den idealen Raum für das Eröffnungskonzert. So wird der diesjährige Opener mit einem ungewöhnlichen Gast aus Frankreich, dem Tubisten und Serpentspieler Michel Godard am Freitag, den 8.6.2018 wieder in der Lutherkirche stattfinden.

Die Attraktionen am 9.6. im Weingut Aust kann man beizeiten im Programm oder auf der Webseite des XJAZZ Festivals in Erfahrung bringen.

Ich würde mich freuen, wenn die Radebeuler und ihre Gäste bereit sind, neben den Dinos ihrer Festlichkeiten – nämlich dem Karl-May-Fest und dem herbstlichen Weinfest – den Neuankömmling XJAZZ Festival als Dritten in ihre Runde aufzunehmen und am 8. und 9.Juni 2018 den “Jüngling“ Jazz wieder in Radebeul Willkommen zu heißen.

Viel Vergnügen bei offenen Ohren wünscht

Günter Baby Sommer

Zwei Einladungen

„Tag der offenen Gärten“ – am Samstag 09.06.2018, 11 – 15 Uhr

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen kann der Seele eine ähnliche Entlastung und Ruhe geben wie die Meditation.“ Hermann Hesse

Die Idee zur „Offenen Gartenpforte“ hat ihren Ursprung in England Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte entwickelten sich in einigen Staaten Europas und auch in Deutschland Initiativen, bei denen private Gartenbesitzer an einem bestimmten Tag im Jahr für Besucher ihren Garten öffnen. Dies ermöglicht es vielen Menschen, die Vielfalt und Schönheit von Gärten kennen zu lernen sowie Gedanken und Erfahrungen auszutauschen oder sich einfach umzuschauen.

In diesem Jahr findet zum fünften Mal der „Tag der offenen Gärten“ in Radebeul statt.

Der Hauptanteil der beteiligten Gärten befindet sich dieses Mal im Elbraum. Drei Gärten im elbnahen Bereich, ein Villengarten an Radebeuls Hauptachse, der Meißner Straße, sowie zwei Gärten am Weinberg. Die drei in der Elbaue gelegenen Gärten sind eher ländlich geprägt, mit Obstbäumen, Nutz- und Wirtschaftsgartenflächen, aber natürlich auch mit zierenden Strauch- und Staudenpflanzungen sowie Bereichen zum Ausspannen und Genießen.

Der Villengarten ist dagegen eher repräsentativ und parkartig mit alten Bäumen. Dichte Hecken schirmen den Garten etwas vor der Geräuschkulisse der Meißner Straße ab. Der ehemalige Wirtschaftsteil befindet sich separat an der Südseite der Villa.

Die beiden Gärten in Radebeul-West sind durch ihre Lage am Hang ganz anderer Art. Das Erklimmen der Höhe über schmale Weinbergstreppen belohnt die Besucher, zusätzlich zum Gartengenuss, mit einem Ausblick übers Elbtal.

Es ist also wieder ein weites Spektrum der Gartennutzung und -gestaltung vertreten und es ist sicher für jeden Geschmack etwas dabei

Bitte beachten Sie, dass die Gärten an überwiegend schmalen Straßen liegen und die Parkmöglichkeiten deshalb begrenzt sind. Das Organisationsteam hat den Schwerpunkt in diesem Jahr auf den Elbraum gelegt. Vielleicht nutzen sie ja zum Besuch einfach das Fahrrad und entdecken die Schönheiten des Elbtals neu. Lassen Sie also nach Möglichkeit das Auto zu Hause und kommen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Fahrrad und genießen den Tag bei hoffentlich schönem Wetter.

Wir wünschen allen Besuchern und Garteneigentümern einen angenehmen und anregenden Tag und danken im Namen des vereins für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.v. allen für das Gelingen des Tages beteiligten Garteneigentümern und Mitstreitern für ihre Unterstützung.

Wenn Sie auch gerne Ihren Garten für Besucher öffnen möchten, melden Sie sich einfach per Email unter email@denkmalneuanradebeul.de . Wir würden uns freuen.
Die Informationen zum Gartentag finden Sie auch auf der Internetseite des Vereins www.denkmalneuanradebeul.de

Iris Wilhelm

(Nächste Seite Übersichtskarte zum Tag des offenen Gartens)

„Bauherrenpreiswanderung durch die Niederlößnitz“

Sicher kennen Sie den Radebeuler Bauherrenpreis. In Zeiten des sich schnell entwickelnden, pulsierenden Baugeschehens in Radebeul wurde dieser vom verein für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.v. gemeinsam mit der Stadt Radebeul ins Leben gerufen. Von 1997 bis 2011 wurde der Preis jährlich für Neubau, Denkmalpflege und Außenanlagen vergeben. Mittlerweile ist die Intensität des Bauens in der Stadt zurückgegangen und der Preis wird alle 3 Jahre vergeben.

Dieser Preis ist ein Element, um die Diskussion um Auffassungen zur Baukultur in Radebeul zu fördern und öffentlichkeitswirksam zu machen. Er ist auch von der Hoffnung getragen, Bauherren und Investoren zu erreichen und anzuregen, im Vorfeld über die Wirkung ihrer geplanten Bauwerke in der Stadt nachzudenken. Im Programm unseres Vereins geht es um den Erhalt des „besonderen Charakters von Radebeul“. Was das ist, diese Diskussion soll in der Öffentlichkeit stets neu mit Leben erfüllt werden.

Stadt und Verein machen Werbung, dass sich Bauherren mit Ihren fertigen Vorhaben der öffentlichen Diskussion stellen. Dank an alle, die den Mut dazu hatten und haben.

Vielleicht geht es in der Hauptsache dabei aber gar nicht um den Sieger. Vielleicht ist der Wettbewerb nur der Aufhänger, um die Diskussion und die damit einhergehende Aufmerksamkeit und „Bildung“ von Auffassungen zu initiieren? Auf der anderen Seite gäbe es dann auch keine Verlierer, weil man den Preis nicht bekommen hat. Das Bemühen aller Beteiligten hat seit vielen Jahren zu einem Erfolg für das Stadtbild und dessen Erleben geführt.

Daraus ist im Verein die Idee entstanden, mit einer Bauherrenpreiswanderung, sich die Preisträger vergangener Jahre wieder mal ins Bewusstsein zu rufen und diese erneut mit offenem Blick zu betrachten und darüber zu reden.

Nun gibt es mittlerweile über 70 Preisträger. Die Menge zeigt schon, dass es vielleicht einer ganzen Reihe Wanderungen bedarf, um diese Perlen in unserer Stadt angemessen aufzusuchen.

Den Anfang soll eine Bauherrenpreis – Wanderung am Freitag den 29. Juni 2018 durch einen Teil der Niederlößnitz machen.

Wir treffen uns 18.30 Uhr vor dem Grundstück Obere Bergstraße 84

Alle sind herzlich eingeladen (besonders auch Leute, die Bauherren sind oder werden wollen). Schon um des Erlebens und des Austauschs willen, wird die ca. 1 ½ stündige Wanderung eher gemächlich verlaufen und nicht sehr weit sein.

P.S. Anregung: Über die Losen-Blatt-Sammlung oder die Internetseite des Vereins findet man die Bauherren-Preisträger und kann sich, wenn man Lust hat auch mal selbst eine Bauherrenpreiswanderung zusammenstellen.

Michael Mitzschke

Sprösslinge Mit Spass

Kunststudenten und Meisterschüler in der Radebeuler Stadtgalerie

„Es war eine der interessantesten Ausstellungseröffnungen, die wir hier bisher erlebt haben…“ schrieb ein Radebeuler Ehepaar ins Besucherbuch.

Noch nie hat man so viele junge Menschen zu einer Ausstellungseröffnung in der Stadtgalerie gesehen. Sie mischten sich mit den Älteren, saßen in Grüppchen auf der Wiese und diskutierten bis spät in die vorsommerlich laue Nacht. Selbst der Rektor der Dresdner Kunsthochschule Matthias Flügge war gekommen und sehr angetan.

Prof. Ralf Kerbach (3.v.l.) mit Kunststudenten beim Ausstellungsaufbau
Bild: K. Baum

Die Gastredner, locker aufgelegt, erhielten viel Beifall. Das Repertoire der Studentenband „Pfürsichkompott“ beinhaltete Freejazzavantgardistisches sowie dadaistische Klangperformationsmomente und liedermacherische Werke.

Ein Gemälde wurde sogar in den Nußbaum gehängt. Die kleinen Flügel am Kopf des Porträtierten spielen auf Hermes an, den Schutzpatron der Gaukler, Diebe und (Kunst)Händler. Mit einer Bierflasche in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand, schaut er schelmisch auf das Geschehen im den Hof herab. Ein Banner an der Hauswand sollte mit dem Spruch „Nur der Provinzielle hat Angst vor der Provinz“ provozieren, doch von Berührungsängsten war weit und breit nichts zu spüren.

Der Gedanke, über die Dresdner Hochschule für Bildende Künste (HfBK) auf den künstlerischen Nachwuchs zuzugehen, war nicht neu. Doch wie stellt man das an? Der Umstand, dass Prof. Ralf Kerbach, Jahrgang 1956, an der Dresdner Kunsthochschule Malerei und Grafik lehrt, kam unserer Absicht sehr entgegen. Radebeul ist ihm vertraut. Allerdings sind seine Beziehungen zur Lößnitzstadt sehr ambivalent. Hier besuchte Kerbach die Schule, bezog er sein erstes Atelier, erregte er mit einer Gruppe von Künstlern politisches Aufsehen und hier lernte er Künstler wie Theodor Rosenhauer, Werner Wittig, Claus Weidensdorfer und Gunter Herrmann kennen. Mit Cornelia Schleime und dem Radebeuler Peter PIT Müller präsentierte er sich 1991 in der Stadtgalerie in Radebeul-Ost.

Eine, der zwei Bandformationen von »Pfürsichkompott«
am Eröffnungsabend
Bild: K. Baum

Mit unserem Anliegen rannten wir bei Kerbach gewissermaßen offene Türen ein. Der administrativen Form musste allerdings entsprochen werden. Kerbach vermittelte zur Hochschulleitung und motivierte seine Studenten in der Radebeuler Stadtgalerie auszustellen, denn Gemeinschaftsprojekte stärken den Zusammenhalt der Gruppe. Zwischen der HfBK und der Stadtgalerie wurde eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Alles Weitere ergab sich wie von selbst und entwickelte eine mitreißende Dynamik. Für beide Partner eine neue Erfahrung.

Die „Kerbachklasse“ ist wohl eine der größten an der Dresdner Kunsthochschule. Dass letztlich 23 Studenten unterschiedlicher Jahrgänge und 4 Meisterschüler ihre Teilnahmebereitschaft signalisierten, hatte uns dann doch überrascht.

Der „Praxis-Stress-Test“ umfasste einen sehr komplexen Aufgabenbereich. Vom Finden eines Ausstellungstitels, über die Gestaltung der Druckerzeugnisse, die Vorauswahl der Exponate und deren Hängung im Innen- und Außenraum bis zum Eröffnungsprogramm. An zwei Tagen flutete die „Kerbachklasse“ unsere kleine städtische Galerie. Eine längere Vorbereitungsphase war dem vorausgegangen.

Der Ausstellungstitel „SMS – Sprösslinge Mit Spass“ zeugt von lebenspraktischer Selbstironie, was durch die Abbildung auf Einladung und Plakat anschaulich illustriert wird. Aus der fruchtbaren Scholle keimen viele Sprösslinge, doch nur einem Pflänzchen gelingt es, nach oben zu wachsen, während die anderen im Untergrund verschwinden.

Bild: K. Baum

Was macht die „Kerbachklasse“ aus? Kerbach, der sich selbst nie anpassen wollte, ermuntert seine Studenten eigene Wege zu beschreiten, lässt ihnen viel Freiraum, wohl auch bedingt durch seine eigene Biografie. Es ist schon paradox, dass Kerbach seit 1992 an jener Hochschule lehrt, die ihn 1979 zur Exmatrikulation gedrängt hatte. Die Schüler der „Kerbachklasse“ empfinden sich nicht als Epigonen, schon eher als eine Gruppe aus Individualisten. Die Hochschule ist für sie ein Schutzraum, der die Möglichkeit bietet, sich zu orientieren, auszuprobieren, mit Kommilitonen auszutauschen und alles kritisch zu hinterfragen. Behutsam werden sie dabei von Dozenten flankiert. Selbst wenn es immer wieder Situationen gibt, wo ihnen der Spass vergehen könnte, wollen sie sich den Spass am Leben, den Spass am künstlerischen Tun nicht nehmen lassen.

Die Vielfalt der Themen, Handschriften und Techniken fällt auf. Man spürt die Lust am Experimentieren. Was allerdings dominiert, ist die Malerei. Die menschliche Figur steht dabei häufig im Mittelpunkt. Nicht ohne Grund ist man in der „Kerbachklasse“. Da wird gerungen um Farbe, Form, Struktur und Raum. Ihres spannungsgeladenen Umfeldes sind sich die Kunststudenten durchaus bewusst. Der Traum von der Kunst um der Kunst willen scheint ausgeträumt. Es geht ihnen um Inhalte und es geht ihnen darum, den Betrachter zu berühren.

So wurde an zentraler Stelle im Untergeschoss der Galerie das Gemälde „under the trees“ (unter den Bäumen) platziert. Der Betrachter ist fassungslos. An den Bäumen hängen zwei Menschen, darunter völlig teilnahmslos die gleichgültige Menge, als wäre das alles ganz normal. Oder das Bild im Eingangsbereich, auf dem die Köpfe bekannter Staatsmänner zu sehen sind, verbunden mit der simplen Botschaft „vertragt euch“, was sich weiterdenken ließe: Wir wollen auch noch eine Zukunft haben.

Es hat sich gelohnt, aufeinander zuzugehen. Die kleine provinzielle Stadtgalerie auf den künstlerischen Nachwuchs aus der „Kerbachklasse“ mit Wurzeln in Bulgarien, Polen, Südkorea, Türkei, Iran, China, den alten und neuen Bundesländern. Aus Vorurteilen wurde Zuversicht. Miteinander reden und arbeiten, das könnte schon ein guter Ansatz sein.

Bild: K. Baum

Der Dresdner Künstler und Galerist Holger John mailte uns: „Eine wunderbare Vernissage und Ausstellung. Der Schritt ist nur zu begrüßen! Bravo. … einmal junge Sprossen, die wohl gut keimen, wachsen erst wollen, auszustellen … herrliche abendliche Atmosphäre, und für den inneren älteren Zirkel, die schon gereiften Zweige auch ergötzlich, die Mischung tats dann, Jung und Alt, geht doch zusammen … Schluss mit Monokultur … und sie können voneinander lernen, diese Gewächse … weiter so. Glückwunsch!“

Zur Finissage mit den Sprösslingen der Kerbachklasse und einer Portion „Pfürsichkompott“ sind am 25. Juni um 19 Uhr alle, die sich für den Spass am Spass Interessieren herzlich eingeladen.

Karin (Gerhardt) Baum

Aus der Kerbachklasse in der Stadtgalerie Radebeul: Swantje Ahlrichs, Petar Bocin, Anne-Cathrin Brenner, Michael Broschmann, Robert Czolkoß, Anna Ditscherlein, Lena Dobner, Marcus Eck, Michaela Fenzl, Albert Gouthier, Merlin Grund, Danny Hermann, Carlotta van der Heyden-Rynsch, Teresa Hilliger, Lion Hoffmann, Gene Hünniger, Julia Johansson, Joo Young Kim, Sina Neuberger, Murat Önen, So Young Park, Ana Pireva, Mona Pourebrahim, Hamidreza Yaraghchi, Tillmann Ziola, Shengjie Zong, Helena Zubler

Editorial 6-18

Einige Gedanken zur Nachbarschaft.

Wir alle haben Nachbarn. Manche kennt man, manche nicht. Manchmal ein Hallo über den Gartenzaun, manchmal ein Gruß bei einer Begegnung.

Aber manchmal ist Nachbarschaft etwas ganz Besonderes.

Es klinkt zunächst nach einer Banalität des Alltags, aber manchmal wird aus Alltag Tradition.

Auf Initiative in meinem Haus, also wo ich wohne, hat sich über die Jahre ein überaus interessantes Umfeld gestaltet. Wir leben an einer Kreuzung, und es wurde schon vom „Kreuzungschor“ gesprochen, da sich einige Anwohner an musikalischen Begebenheiten beteiligten.

Das Zentrum der Begegnung ist unser Garten geworden. Zumeist wurden auch viele Weihnachtsbäume „entsorgt“, sodass für eine Feuerstätte eigentlich immer gesorgt ist.

Da kommen viele Familien aus Nachbarhäusern und es wird geschwatzt über dies und das. Ein reger Austausch von Gedanken und Eindrücken.

Ein schöner Ort der Begegnung mit Menschen im Umfeld. So soll es bleiben!

Sascha Graedtke

Denkpause?

„Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken!“
Diese sarkastischen Worte zirkulierten vor einiger Zeit unter den Satirikern in diesem Land, nichts ahnend, dass eben jener Spruch – in sein Gegenteil verkehrt – eines Tages behördliche Handlungsanweisung werden könnte. Die in der „Sächsischen Zeitung“ (SZ) vom 31. März/1. April dieses Jahres angekündigte „Denkpause zur Bahnhofstraße“ für das Radebeuler Rathaus verwunderte schon etwas. In wieweit der Satz der Autorin Nina Schirmer in diesem Artikel „Die Stadt gönne sich eine kreative Denkpause, um noch einmal neu zu überlegen, was durch den Umbau eigentlich erreicht werden soll.“ autorisiert ist, war nicht zu erfahren.

Nach dem der »E-markt« auf der Bahnhofstraße durch tragische Umstände 2016 geschlossen werden mußte, steht der Laden nach kurzem Intermezzo eines Antikhändlers aus Hamburg seit
Anfang dieses Jahres wieder leer.    Foto: K.U. Baum

Der Satz brachte denn auch mehr Verwirrung als Aufklärung, will doch die Stadt in der „Denkpause“ doch noch „überlegen“. Also, doch keine „Denkpause“? Nun versteht der brave Bürger überhaupt nichts mehr. Dabei schien doch eigentlich alles klar: Bäume absägen, Bahnhofstraße „umpflügen“, Schulneubau einfügen. Fertig ist das Sanierungsgebiet. Alles wohl durchdacht! Jedenfalls ließen die zuständigen Verantwortlichen bei allen öffentlichen Auftritten lange Zeit keinerlei Zweifel aufkommen. Und das „Innovative“, was bei geförderten Sanierungsgebieten ja immer eingefordert wird, schien hinlänglich durch Einbeziehung der Objekte „Bahnhof“ und „Post“ gesichert. Noch 2015 hielt OB Bert Wendsche den Bahnhof für unverzichtbar „für den Erfolg des Gesamtprojektes“. Aber Pustekuchen, wie sich mittlerweile herausstellte. Die einen wollen nicht verkaufen und die anderen nicht ins Sanierungsgebiet aufgenommen werden. Und zu allem Unglück stellte sich unlängst noch heraus, daß auch die Bahn-AG den Geländestreifen an der Güterhofstraße, vorgesehen für Parkplätze und Spielanlage (?!), vorerst nicht veräußern möchte. Hatte man evtl. schon in der Planungsphase eine Denkpause eingelegt? Wie kann man als Träger des Sanierungsgebietes auf Objekte als Eckpfeiler der Planung setzen, die man weder besitzt noch ausreichend beeinflussen kann? War vielleicht nur Gedankenlosigkeit im Spiel? Oder sollte die Sache gar wie im SZ-Beitrag „Gegenwind für Stadtverwaltung“ vom 27. März 2018 beschrieben, „durchgepeitscht“ werden?

Auch wenn der untere Teil der Moritzburger Straße nicht mehr zum Sanierungsgebiet gehört, offenbart er ebenfalls das Grundproblem des Einkaufsbereiches in Radebeul-West.  Foto: K.U. Baum

Die große Preisfrage, die nicht erst mit den zuletzt „teils hitzige[n] Diskussionen“ ansteht, ist doch die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Warum dieses Sanierungsgebiet? Die Verbesserung der Parkmöglichkeiten und das fehlende schnelle Internet können es nicht gewesen sein. Der Charakter der Bahnhofstraße, dies hat sich nun doch durchgesetzt, sollte sich nicht ändern. Das Gründerzeitflair möchte keiner missen und die Bäume schon gar nicht. Das Händlersterben aber ist doch nicht eine Frage der fehlenden Sanierung, als vielmehr eine der Umstrukturierung des Handels überhaupt. „Veränderte Konsumgewohnheiten und der Druck der Online-Konkurrenz zwingen immer mehr Händler, sich neu zu erfinden“, schätzt eine Betrachtung aus dem Jahre 2016 ein und charakterisiert in acht Trends wohin sich der Einzelhandel künftig entwickeln wird. Auch wenn letztlich der Onlinehandel bis 2020 „nur“ auf etwa 20 Prozent steigen wird, werden die Städte „leerer“. Über sinkende Kundenzahlen klagen 60 Prozent der Händler, besonders in kleinen und mittleren Städten. Die wirklichen Konkurrenten sind die Einkaufsparks, wo der Kunde etwas „erleben“ kann. Einkaufen ist heute ein Event. Selbst die Supermärkte „hübschen“ sich auf, wie beispielsweise Aldi, Lidl und neulich Kaufhof.
Nicht eine bauliche Sanierung wird dem Handel auf die Sprünge helfen, sondern eine gezielte Wirtschaftsförderung. Gleichwohl besteht das Sanierungsgebiet ja nicht nur aus Handelseinrichtungen. Von den Baumaßnahmen sind ebenso die Hausbesitzer und die 290 Einwohner des Gebietes betroffen. Zugleich ist Radebeul-West das gefühlte Stadtteilzentrum dieses Wohngebietes. Mit den Ideen zur Nutzung von den Gebäuden der ehemaligen Post und des Bahnhofes hätte möglicherweise ein derartiges attraktives Zentrum entstehen können. Aber so? Denkpausen werden da keine Lösung bringen. Auch der zwischen Harmoniestraße und Hermann-Ilgen-Straße gezwängte künftige dreigeschossige Schulneubau wird die Lage hinsichtlich des Verkehrsaufkommens nicht gerade vereinfachen. Auch mag zweifelhaft sein, ob der dadurch entstehende Schulcampus tatsächlich zu Erhöhung der Attraktivität des Sanierungsgebietes beiträgt.
Neue innovative Ansätze sind deshalb notwendig. Es ist die Frage zu beantworten, welche Funktion soll Radebeul-West in der Stadt künftig erfüllen? Mit einer 12-monatigen Denkpause ist das Problem sicher nicht zu lösen.

Karl Uwe Baum

Denkmalpflege / Denkmalschutz

Umnutzung alter Gebäude, hier von Kulturdenkmalen

Foto: D. Lohse

Irgendwann und irgendwo hat man schon mal davon gehört oder gelesen: Kirche als Konzertsaal (Frankfurt / Oder), Kirche als Gaststätte (ich glaube das war im Hessischen?) sogar Kirche als Schwimmhalle (Leningrad hieß das damals noch). Das zeigt, Umnutzung, bzw. Nutzungsänderung kommt doch recht oft vor und ist ein weites Feld von „gut möglich“ bis „nein, das geht gar nicht“!
Architekten, Bauingenieure und Denkmalpfleger stehen im Dienst öfter vor so einer Frage, Bauherrinnen und Bauherren bringen sich mit Ideen ein, wenn eine planmäßige Nutzung eines Bauwerks, also der Zweck, wofür das Gebäude früher einmal errichtet wurde, nicht mehr da ist, es leer steht, aber doch erhalten werden soll, weil es ja ein Denkmal ist und nicht abgerissen werden darf. Dazu braucht man schon Fingerspitzengefühl und Erfahrung! Ein simples Beispiel, eine alte Schule ist zu klein und wird nicht mehr genutzt, hat aber eine noch brauchbare Substanz. Mit vor allem inneren Umbauten könnte hier z.B. eine Senioreneinrichtung, die gebraucht wird, hergestellt werden. So ein Beispiel gibts in Radebeul, die alte Schule Lindenau-Oberort in der Neuländerstraße 34 – so weit, so gut, wenn dabei nicht der Turm mit Uhr dem Denkmal geklaut worden wäre.

Foto: D. Lohse

In den 90er Jahren wurde versammelten Denkmalschützern bei einem Lehrgang vom Referenten die Frage gestellt: könnte die untere Denkmalschutzbehörde den Antrag eines Eigentümers die Umnutzung seiner Villa (Denkmal) als ein Bordell ablehnen? Es folgte Raunen und Tuscheln im Saal und es herrschte Ratlosigkeit. Dann die Antwort: nein, wenn dabei die Villa erhalten und die denkmalpflegerischen Belange erfüllt würden. Da gibt es andere Zuständigkeiten; dem Denkmalschützer stehen normalerweise keine moralischen Gründe zu, eine derartige Ablehnung zu formulieren. Das ist schon etwas pikant, aber so in Radebeul, glaube ich, noch nicht vorgekommen.
Hier nun noch ein anderes Beispiel einer im Laufen befindlichen Umnutzung von einem recht kleinen Gebäude in unserer Stadt. Diese Entscheidung der Stadtplaner und Denkmalschützer hat auf den ersten Blick schon ein „Gschmäckle“, wie ich meine. Es ist die Schildenstraße 13 (diese Nr. wurde in jüngerer Zeit vergeben), ein kleines, anderthalbgeschossiges und unterkellertes, um 1899 mit zweifarbigen Klinkern erbautes Gebäude. Es gab auch farbige Bleiglasfenster noch bis 2009, leider sind sie verschwunden. Ursprünglich, also von 1900 wohl bis zum 1. Weltkrieg bestand ein Zusammenhang zu dem großen Wohn- und Geschäftshaus Schildenstraße 17, das der Böttchermeister und Weinhändler Hermann Knötzsch 1898 / 99 errichten ließ, um darin Weinverkauf und –ausschank zu betreiben. Das o.g. kleinere Haus, wofür der Begriff Winzerhaus wohl nicht die richtige Beschreibung wäre, das später auch als Gartenhaus eines Kleingärtners genutzt wurde und etwa ab 2000 leer stand, beherbergte ursprünglich einen kleinen Erlebnisbereich, wo Gäste des Weinhändlers im noch ungeteilten Grundstück gelegentlich in engem Rahmen feiern und Wein trinken konnten und dabei im Kleinen gezeigt bekamen, wie Wein hergestellt und gekeltert wird. Im EG müsste es eine kleine Weinpresse gegeben haben, der Saft wurde durch ein Loch in den Keller geleitet, wo ein paar kleine Weinfässer standen. Die Einrichtung habe ich nicht mehr gesehen, aber das Loch im Fußboden war 2009 noch da. Solch ein dem Wein im weitesten Sinne dienendes Haus ist meines Erachtens einmalig in Radebeul! Dass im Bereich des „Weinhauses“ auch einige Weinstöcke (es müssten zu dem Zeitpunkt aber schon reblausresistente gewesen sein) gestanden haben, erkennt man aus älteren Fotos. Am Hauptgebäude Schildenstraße 17 finden wir in Höhe des 1. OG ein Relief aus der Bauzeit, was sehr anschaulich und lustig die Weinherstellung durch Putten zeigt. Der Weinhändler Knötzsch hatte sich kurz nach der Reblaus große Mühe gegeben, seine Gäste auf verschiedene Weise wieder an das Thema Wein heranzuführen.
Im Sinne einer Spende zum Aufbau der Dresdner Frauenkirche wurde das Grundstück Schildenstr. 13 samt dem massiven Pavillon von einer Nachkommin des Erbauers des Wohn- und Geschäftshauses Schildenstr. 17, Frau Liese-Lotte Nitzsche, geb. Schadewitz (1910 – 2000) aus Kiel geschenkt.
Noch als Dienstaufgabe in der unteren Denkmalschutzbehörde in Radebeul hatte ich Vorgespräche mit Dr. Hans-Joachim Jäger, dem Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche Dresden e.V. und damaligen Eigentümer geführt, mit dem Ziel, dieses Grundstück an die Stadt Radebeul zu verkaufen, um es später mit dem angrenzenden Karl-May-Park zu verbinden. Dieses „später“ ist nun eingetreten und es wird gebaut, auch an dem kleinen Haus. Dass es hier eine Nutzungsänderung geben wird, überraschte mich kaum, dass es künftig als Toilettenhäuschen fungieren soll, dagegen schon! Man darf auch fragen, was hätte die o.g. Spenderin, die inzwischen gestorben ist, zu dieser neuen Nutzung gesagt, zum Park sicher ja, aber auch zur Toilette? Für einen Ausschank von Kaffee und Erfrischungen hätte sich kein Betreiber gefunden, sagte man mir im Rathaus. Auch ein Kiosk zum Verkauf von Postkarten und Souvenirs im Zusammenhang mit dem Museum wäre eine anständige Lösung gewesen. Doch nein, jetzt wird es eine Bedürfnisanstalt im Inneren und außen ein ordentlich gepflegtes Denkmal, wie ich hoffe, entstehen (Anfang April erkannte ich im Vorbeifahren, dass zZ. das Dach mit Schiefer gedeckt wird!). Laut Stadtverwaltung gäbe es für derartige Anstalten immer einen Bedarf.
Nun könnte man ja mal eine Gegenrechnung aufmachen – wie viele Toiletten gibt es im derzeitigen Museum und wie viele werden im neuen Museumsbau an der Ecke Meißner / Schildenstraße (wurde kürzlich in der Tagespresse vorgestellt) dazu kommen? Vielleicht würde das ja in Zukunft reiche

Foto: D. Lohse

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Wenn die Beteiligten noch ein bisschen länger überlegt hätten, wäre für das Häuschen vielleicht noch eine andere Nutzung gefunden worden – so sieht es nach „Schnellschuss“ aus, schade.
Jedenfalls sieht man auch an dem kleinen Beispiel aus der Schildenstraße, wie breit gefächert das Feld bei Umnutzungen sein kann und jedem Denkmalschützer steht innerhalb des gesetzlichen Rahmens (SächsDschG) wohl eine eigene Entscheidung zu, man spricht dann von Ermessensspielraum. Ich hätte in der Situation vielleicht anders entschieden, glaube ich. So weit das ernsthafte Nachdenken zu dem Thema.

Man könnte es ja aber auch mal ganz anders betrachten: wo Wein getrunken wird und es wird ja nicht bei einem Schoppen bleiben, man sitzt, trinkt und trinkt noch einen, da entsteht mit der Zeit auch ein Bedürfnis. Und wenn man in unserem Falle den Zeitfaktor „etwas großzügiger“ ansetzt, sagen wir knappe 120 Jahre, dann passt doch alles zusammen! Was will denn der Lohse da?

Dietrich Lohse

Quellen:
1. „Denkmaltopografie Stadt Radebeul“, Volker Helas, Sax-Verlag Beucha, 2007
2. Die Reihe Archivbilder „Radebeul“, Gottfried Thiele, Sutton Verlag Erfurt, 1997

 

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