Weltklassiker als modernes Kammerspiel

Oberspielleiter Peter Kube verabschiedet sich mit Faust I von den Landesbühnen Sachsen

Punktgenau zum Osterfest wartete das Schauspielensemble der Landesbühnen Sachsen mit einer Neuinszenierung von Goethes Faust I auf. Immerhin wird um die Ostertage herum der eine oder andere den berühmten Osterspaziergang nach besten Kräften und Ermessen bis zur erinnerten Zeile vor sich hin deklamieren.
Mit besonders großer Spannung wurde von Publikum und Presse dem Premierenabend entgegengefiebert, denn einerseits handelt es sich hier um einen der wirkmächtigsten deutschen Klassiker schlechthin und andererseits setzt Oberspielleiter Peter Kube nach zehn Jahren als (fester) Regisseur seinen künstlerischen Schlussakkord an diesem Haus.
Über die Gestalt des suchenden Fausts existieren im kulturellen Gedächtnis überdies derart viele Klischees und vorgefertigte Bilder, dass es wohl unmöglich erscheint, unbefangen in eine Neuinszenierung gehen zu können.
Felix Lydike wird mit seinem Alter um die 30 wohl sicher nicht schlecht geschaut haben, sich als Dr. Faustus besetzt zu sehen. Zudem schlug für Matthias Avemarg an diesem Haus wiederholt eine unerwartet glückliche Stunde. Spielte er bei seinem Erstengagement vor vielen Jahren durch kurzfristige Umbesetzung den Mackie Messer in der Dreigroschenoper, stieg er nun aufgrund der Erkrankung von Tom Hantschel unverhofft in die Rolle des Mephistos.
Es dauert anfangs vielleicht eine Spur zu lang bis das Stück in die Gänge kommt. Gleichwohl, der Text will in seinem Versmaß ja gesprochen und durchdacht sein.

Szene mit Felix Lydike als Dr. Heinrich Faust und Matthias Avemarg als Mephistopheles Foto: H.-L- Böhme

Lydike überzeugt mit seinem jugendlichen Faust überaus und nimmt so schließlich den verjüngenden Pakt mit dem Teufel optisch vorweg. Dem beachtlichen Textkonvolut stellt er sich souverän und ohne großen Pathos. Sein Getriebensein auf der Suche nach des Pudels Kern ist in jeder Faser spürbar.
Avemarg gibt seinem Mephisto als Widerpart von Anbeginn mit größter diabolischer Spielfreude den dankbaren Zucker, welche die Rolle in all seinen Facetten hergibt. Das Bild des „Ver – Führers“ mit Schnürstiefel anstelle der Teufelshufe und angeklatschtem Führerscheitel erscheinen dann aber doch konzeptionell etwas zu schulmeisterlich.
Die Inszenierung in der Ausstattung von Barbara Blaschke (Bühne und Kostüm) beschränkt sich zumeist und kompromisslos wohltuend auf das Wesentlichste. Eine steile Treppe, gedreht in verschiedenen Positionen, bietet Raum für vielgestaltige Bühnenbilder. Es braucht eben keine gotisch gewölbte Studierstube mit zahllosen Büchern und angestaubten Artefakten, die Regie vertraut auf das konzentrierte Zusammenspiel von Worten und Gesten.
Das Volk ist hier in seinem bunten Gewimmel eben nicht nur farbig und korrekt gekleidet, sondern spiegelt mit Jogginghose und Grillwurstoutfit den tatsächlichen Zeitgeist wieder.
In Auerbachs Keller lässt Mephisto die trunkene Personage kopfüber gar in Blecheimern tauchen.
Respekt zudem an Julia Vince, die als Erdgeist mit einem E-board quasi schwerelos und überaus gekonnt über die Bühne rollt. Kleine Mätzchen hier und da, die aber als durchaus vergnüglich anzusehen sind.
Erfrischend ab dem zweiten Teil besonders Tammy Girke als Gretchen, die mit spielerischer Raffinesse den alten Text über dem historischen Kontext hinaus lebendig werden lässt. Während zu Beginn mit Mephisto die intellektuelle Trockenheit des Geists im Vordergrund steht, drängt sich in der Begegnung mit Gretchen die Liebe und das Leben mit all den menschlichen Abgründen auf. Gefangen in den unüberwindlichen Konventionen der Zeit ist das ungleiche Paar zum Scheitern verurteilt. Das erhoffte irdische Glück bleibt unwirkliche Vision und führt schließlich mit dem Tod Gretchens zum tragischen Ende.
Vorzüglich im übrigen die Idee mit der musikalischen Umrahmung. Auf der Vorbühne rechts und links das Bühnenportal flankierend, agieren über weite Strecken zwei Musiker (Hendrik Gläßer und Stefan Köcher) an Marimbaphone, Vibraphone und Percussion. Mal zurückhaltend, mal fordernd malen sie einen stimmungs- wie wirkungsvollen musikalischen Teppich in die Szenerien hinein.

Das Publikum goutierte die kurzweilige Inszenierung am Premierenabend für alle Beteiligten mit langem anhaltenden Applaus und zum Teil stehenden Ovationen.
Großen Dank an Peter Kube der mit langem Atem an diesem Haus das Publikum mit heiteren und ernsten Themen gleichermaßen beglückt hat.

Sascha Graedtke

 

 

Kultur (T)Raum Radebeul (Teil 2)

Vom Leben vor und hinter hohen Mauern

Erst kürzlich wurde mir bei einer Vernissage diskret zugeraunt: Frau Baum, ihre Texte sind zu lang, sowas liest doch heute niemand mehr!

»Radebeul (be)sitzen« Cornelia Konheiser, bemalter Stuhl, 2016 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Na, dann mal los, dachte ich:  Klarheit und Wahrheit, kurz und direkt, möglichst sachlich und fast ohne Ironie.
Einige erfreuliche Tatsachen gleich vorab: Allen Krisen zum Trotz – das kulturelle Monatsheft gibt es noch! Es ist nicht käuflich. Man kann es nach wie vor unentgeltlich erwerben. Alle Autoren sind hoch motiviert, arbeiten freiwillig und im Ehrenamt. Gefördert wird das Heft auch durch die Stadt Radebeul. Zurzeit mit einem Jahresbetrag von 1.000,00 Euro. Das sind 83,33 Euro pro Monatsausgabe und bei einer Auflage von 3.000 Stück aufgerundet 0,03 Euro je Heft. Das regelmäßige Erscheinen der Publikation wird hauptsächlich durch Anzeigen und Spenden garantiert – bis jetzt.

Dass nichts bleibt, wie es ist, hat wohl jeder schon mehrfach in seinem Leben erfahren müssen. Doch die Zuversicht sollte man niemals verlieren. Auch unser Vorläuferheft „Die Vorschau“ existierte nur von 1954 bis 1963, also keine zehn Jahre, aber der Mythos lebte fort.

Alte Exemplare wurden in Archiven und privaten Haushalten aufbewahrt, sind noch heute begehrt und aus vielerlei Gründen lesenswert. In dieser kulturellen Tradition stehend, erfolgte vor über drei Jahrzehnten ein

Wiederbelebungsversuch. Das erste Exemplar erschien mit dem leicht geänderten Namen „Vorschau & Rückblick“ im Mai 1990. Das inhaltliche Spektrum der Beiträge wurde erweitert und die Printausgabe erfährt seit 2010 durch die Online-Version eine digitale Ergänzung.

Schauen wir uns in der Radebeuler Vereinslandschaft einmal um, so stellen wir fest, dass wir nicht die einzigen sind, die einen langen Atem bewiesen haben. Auch der „verein für denkmalpflege und neues bauen“, zu dem wir seit jeher eine gute Beziehung pflegen, hat Höhen und Tiefen durchlebt, sich immer wieder selbst erneuert und bemerkenswerte Spuren sowohl im Stadtbild als auch im Bewusstsein vieler Bauherren und Bürger hinterlassen. Die Beitragsserie von Grit Heinrich, welche in unserem Monatsheft seit April veröffentlicht wird, bietet eine Übersicht zum 30-jährigen Wirken des Vereins.

Stadtzentrum Kötzschenbroda, Blick in die Moritzburger Straße und auf die Weinberge (noch ohne Wasserturm) Privatarchiv Andreas Gerhardt

Rathaus Niederlößnitz mit Königsplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz), um 1920 Privatarchiv Andreas Gerhardt

Der Einladung in das Foyer der Landesbühnen Sachsen am 26. März aus Anlass des Vereinsjubiläums waren über 200 Gäste gefolgt. Einen Höhepunkt des Abends bildete der Vortrag des renommierten Architekturprofessors Thomas Albrecht, welcher Radebeul mit Paris verglich. Beide Städte haben sich ihre harmonische Schönheit bewahren können und es folgte der dringende Rat: „Um ihre Stadtlandschaft zu schützen, benötigen Sie Regeln“. Doch die städtebaulichen Fehler, vor denen er warnen wollte, die hatte man doch schon längst, sowohl vor als auch nach 1990, in Radebeul gemacht!
Wohl ahnend, welchen Begehrlichkeiten die Lößnitzstadt nach dem gesellschaftlichen Umbruch ausgesetzt sein würde, konstituierte sich bereits 1990 in Radebeul eine Ortsgruppe des Bundes der Architekten, die noch im gleichen Jahr vorsorglich eine Ortsgestaltungssatzung angemahnt hatte. So war es dann auch konsequent und folgerichtig, dass sich 1993 jener Verein mit dem langen Namen gründete, welcher sowohl die Denkmalpflege als auch das neue Bauen einschließt. Die Idee, einen Bauherrenpreis auszuloben, entwickelte sich zur nachhaltigen und maßstabsbildenden Erfolgsgeschichte und stärkte das öffentliche Bewusstsein für Baukultur.

Fassaden von Wohn- und Geschäftshäusern im Zentrum von Paris, 2016 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Fassaden von Wohn- und Geschäftshäusern im Zentrum von Radebeul-West, 2023 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Fassade eines Bürogebäudes in Stahlskelettbauweise aus den 1970-er Jahren, Meißner Straße 50, Wasapark-Areal Radebeul ehemals VEB Kraftwerksanlagenbau, 2023 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Doch ohne verbindliche Regeln, konnten sich die Kräfte des freien Marktes mit ihren knallharten wirtschaftlichen Interessen und guten Anwälten immer wieder durchsetzen. Der Ratlosigkeit folgte die bürgerschaftliche Empörung. Offene Briefe, Petitionen, Banner im Straßenraum mit Aufforderungen wie „Rettet Radebeul“ begannen sich zu häufen.
Nun endlich wurden auch in Radebeul einige verbindliche Regeln beschlossen, darunter 2016 die Erhaltungssatzung zu Altkötzschenbroda sowie 2023 die Erhaltungssatzungen zu den Villengebieten Nieder- und Oberlößnitz.
Als das „Zentrum Radebeul-West“ 2016 zum Sanierungsgebiet erklärt wurde, hatten wir uns als Bürger zunächst sehr gefreut und viele Vorschläge eingebracht. Dann schien einiges aus dem Ruder zu laufen und die Kommunikation brach ab. Auf die Zuschauerbank verbannt, warten wir nun, was noch auf dem zentralen Bahnhofsvorplatz passiert, wie lange das Bahnhofsgebäude dem Verfall widersteht, ob die künstlerisch gestaltete Bahnunterführung eine vandalistische Überformung erfährt, wie eine Baumallee ohne straßenbegleitende Stellplätze den Einzelhandel belebt und wie sich der Schul-Monolith in das Wohngebiet einfügt.
Gespannt sind wir auch, wann der Startschuss für die Erarbeitung der Radebeuler Kulturkonzeption erfolgt. Das überarbeitete Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) aus dem Jahr 2015 ist im Internet abrufbar und bietet eine solide Basis.
Radebeul besteht nicht nur aus Straßen und Gebäuden. Hier leben auch Menschen.
Doch mit denen findet kaum noch ein Austausch statt. Dabei bietet gerade Radebeul ein nahezu unerschöpfliches Potenzial an kreativen und engagierten Alt- und Neubürgern, die sich bestimmt sehr gern an der weiteren Entwicklung und Gestaltung ihrer Stadt beteiligen würden. Dass der Begriff „Kultur“ im Vorfeld der letzten Oberbürgermeisterwahl keine Rolle spielte, hatte nicht nur mich irritiert.

Manch einer wird sich vielleicht noch daran erinnern, dass von 1997 bis 2006 in Radebeul die Kulturbörse stattgefunden hat. Jeweils zum Jahresbeginn trafen sich die Vertreter der aktiven Kunst- und Kulturszene zwecks Diskussion und Terminabgleich. Interessierte Bürger waren dazu ebenfalls eingeladen.

Der daraus abgeleitete Jahreskulturkalender wurde liebevoll „Das kleine Schwarze“ genannt.

Die zehn Broschüren im Westentaschenformat sind heute ein heiß begehrtes Sammlerobjekt und haben einen festen Platz im Archiv der gelebten Stadtkultur.
Fakt ist: In Radebeul besteht ein gravierendes Kommunikationsdefizit. Aber liegt es nicht an jedem selbst, ob er sich mit seinen Anliegen und Bedürfnissen in der Stadtgesellschaft bemerkbar macht? Also, was sollte uns daran hindern, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen?

Ist es naiv, zu glauben, dass Stadtentwicklung etwas mit Langfristigkeit und Zielorientiertheit zu tun haben könnte? Was wurde nicht schon alles abgerissen, an Externe vermietet oder preisgünstig verkauft, was jetzt dringend benötigt wird?
Geduldig haben wir gehofft, dass jemand die Frage stellt, was denn nun mit dem Stadtarchiv, der Städtischen Kunstsammlung und dem Museumsdepot passieren soll, wenn das Wasapark-Areal eine grundhafte Umgestaltung erfährt? Könnte man nicht gleich dem Vorschlag folgen, die Städtischen Sammlungen und das Archiv künftig in mobilen Umzugswagen einzulagern? Schließlich haben sie schon mehrfach den Ort gewechselt und werden wohl auch künftig nicht so schnell zur Ruhe kommen. Und ganz nebenbei stellt sich die Frage, wie das sensible Gut all diese Tortouren übersteht.
Demnächst zieht die Musikschule in die Alte Post. Und schon wieder ergeben sich daraus einige Fragen: Welche Nachnutzung ist für das geschichtsträchtige Niederlößnitzer Rathaus vorgesehen, in dem einstmals Dr. Wilhelm Brunner, der letzte Bürgermeister von Kötzschenbroda, saß? Ist man sich bewusst, dass der Rosa-Luxemburg-Platz mit dem Rathausgebäude eine funktionale Einheit bildet? Was bedeutet es für die Bewohner, wenn eine Stadt mit 34.000 Einwohnern über kein Kino und kein Stadtmuseum verfügt? Ja nicht mal über einen angemessenen Veranstaltungsraum.

Schaufenster des Radebeuler Bürgertreffs auf der Bahnhofstraße 8, 2016 Foto: Karin (Gerhardt) Baum

Ein Check, welche Räume von Künstlern, Existenzgründern und sonstigen Kreativen zu welchen Konditionen genutzt werden können, ist dringend erforderlich. Zurzeit irren sie ratlos durch die Stadt und haben kaum eine Chance etwas Bezahlbares zu finden. Auch sollte der Festsaal mit der kleinen Bühne im Serkowitzer Gasthof unbedingt für die öffentliche Nutzung erhalten bleiben.
Damit es nicht heißt: Frau Baum, ihre Texte sind nicht nur zu lang, sie sind auch viel zu pessimistisch, folgt jetzt noch ein komprimiert optimistischer Schluss.

Also, was mir in letzter Zeit gefallen hat, ist die neu gestaltete Homepage der Stadt Radebeul. Sie wirkt modern und übersichtlich. Auf verbessernde Hinweise wird schnell und freundlich reagiert. Die Sanierung der Alten Post ist in vollem Gange. Aber auch die Frühjahrsblüher an Straßenrändern, auf öffentlichen Plätzen, in Parkanlagen und Gärten erheitern das Gemüt. Auf der sonnigen Flaniermeile von Altkötzschenbroda mischen sich die Einheimischen mit den auswärtigen Gästen. Der Blick vom Stadtzentrum in Radebeul-West zum Wasserturm ist immer noch unverbaut. Die Schmalspurbahn dampft durch den Lößnitzgrund. Der Elbradweg und die Lehrpfade verschiedenster Art sind stark frequentiert. Die Vorfreude auf die Karl-May-Festtage, die Kasperiade, das Wandertheaterfestival, den Grafikmarkt und die vielen Ausstellungen und Veranstaltungen zwischendurch (mal mit, mal ohne Wein) ist ungebrochen. Aller Kritik zum Trotz – es lebt sich gut in Radebeul!

Karin (Gerhardt) Baum

30 Jahre ! (2. Teil)



Das Pro und Kontra von Gestaltungsregeln wurde 2010 diskutiert. Als Beitrag unseres Vereines zum 75-jährigen Stadtjubiläum konnte der Grabstein von Graf von Wackerbarth aufgestellt werden. Der Tag des offenen Gartens wurde ins Leben gerufen unter reger Teilnahme der Bewohner der mittleren Eduard-Bilz-Straße. Zum Bilzplatz wurde eine Bachelorarbeit betreut als Auftakt einer bürgerschaftlichen Planung. Der Platanenplatz wurde zum Pflanztag aufgewertet.
Der Vortrag „Radebeuler Häuser und ihre Bewohner“ und Besuch der Villa Sommer im Jahr 2011 war Auftakt der gleichnamigen Veranstaltungsreihe. Seit 2011 wirken wir beim Moritz-Ziller-Preis für Stadtgestaltung mit, dafür wurde der Bauherrenpreis nun nicht mehr jährlich ausgelobt.
2012 stand der Bismarckturm im Fokus, im März mit der Eröffnung Ausstellung Bismarckturmideen, im April mit der

Tor Am Goldenen Wagen, Foto: Von Brücke-Osteuropa – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21100690

Präsentation der ersten Ideen, im November mit der Vorstellung des Zwischenstandes „Bismarck“. Gleichzeitig erfolgte die Aufstellung der zwei Schautafeln zur Villenkolonie Altfriedstein. Der Schlussstein des Weinbergtors zur Lage „Goldener Wagen“ und die Toranlage wurde von Schloss Wackerbarth saniert. Unser Beitrag war die anschließende Vergoldung des Schlusssteins.

Das 20. Vereinjubiläumsjahr war wieder ein sehr intensives, es startete im März mit unserer Festveranstaltung und es folgten neben vielen Fachvorträgen nun schon etablierte Veranstaltungsreihen (Pflanztag, Gartentag, Tag der offenen Aussicht, Tag des offenen Denkmals, Radebeuler Häuser). Am Pflanztag im Frühjahr unterstützte der Verein die Verschönerungsaktionen der kleinen Fußgängerinsel gegenüber der Ziegeninsel von Kötzschenbroda. Hervorzuheben ist das, über das Jahr laufende, Schülerprojekt „Putzschnitte“, dessen Ergebnisse im Oktober vorgestellt wurden. Am 29.5.2013 erhielt unser Verein eine einstimmige Genehmigung durch den Stadtrat, den Bismarckturm für seine neuen Ideen nutzen zu dürfen. Daraufhin startete unsere große Spendenaktion.
Am 01.04. 2014 bot der Vortrag „Bismarck und die deutsche Kultur“ im Rahmen eines Spendenessens die Gelegenheit um Unterstützung für unser Treppenbauvorhaben zu werben. Der „stürmische“ erste Spatenstich erfolgte am 1. April 2015, verbunden mit der Festveranstaltung anlässlich des 200. Geburtstages Bismarcks. Acht Wochen später erreichte das Spendenaufkommen bereits 100.000 Euro. Ein trauriger Einschnitt in jenem Jahr: Tilo Kempe, einer unserer Mitbegründer, verstarb im Herbst. Seine klaren Worte fehlen uns noch immer. Von unserem geliebten, stilvollen Domizil im Winzerhaus „Haus Lotter“ mussten wir uns verabschieden und zogen in unseren neuen, ebenso kulturvollen Vereinssitz im „Haus Helmich“.
Das Jahr 2016 begann mit Sanierungsgebieten und städtischen Bauaktivitäten sowie den Planungen zu den Hochwasserschutzmaßnahmen in Radebeul. Unser Bismarckturmprojekt wurde nun neben der planerischen Tätigkeit jährlich mit einem Bismarck-Herings-Essen aktiviert. Der 1. April 2017: die Spendenzusagen erreichen 247.000 €. Am 16.Juni 2017 weihten wir Brunnen, Skulptur und Freiflächen am Bilzplatz ein, ein Vorhaben, das Stadtplanung, Bewohner und Verein förderten und gemeinsam realisierten.

Bismarckturm Treppeneinbau, Foto: Grit Heinrich, 2018

Bismarckturmeröffnung,Foto: Ingo Drews 2019

Laut Kalkulation waren für den Bismarckturm- Gesamtprojekt inkl. Aussichtsplattform ca. 280.000 € erforderlich. Es fehlten noch ca. 20.000 €. Erneute Spendenaufrufe zur Akquirierung der fehlenden Gelder waren erfolgreich. Im August 2017 erreicht der Spendenstand 268.309 €. Im Herbst war die Vergabe der Bauarbeiten abgeschlossen, im September 2018 begann das Einbringen der Treppenspirale, ein Erfolg im 25. Jahr des Vereins. Der Spendenstandanzeiger hatte die Summe von 295.000,- € erreicht. Am Sonntag, den 8.September 2019 wurde die Treppenspirale und Aussichtsplattform im Bismarckturm eingeweiht. Geschafft! Der Turm hat mehr als 100 Jahre nach seinem Bau, nun eine Treppe und eine Plattform, von der die Radebeuler und ihre Gäste sich im Rundumblick, Weitblick und Überblick üben können. Wieder ein großer Schritt zum „guten Charakter“ unserer Stadt.
2020 sollten die Erhaltungssatzungen Ober- und Nieder-Lößnitz eine Rolle spielen und vieles mehr, bedingt durch Corona-Pandemie mussten zahlreiche Veranstaltungen abgesagt werden, nur unsere 2018 begonnenen Bauherrenpreis-Wanderungen fanden jährlich statt. Und wir konnten unseren Beitrag zur Aufstellung des Wendesteins vor den Landesbühnen leisten.
Im „beruhigten“ Jahr 2021 verlegten wir unseren Vereinssitz in die Villa Walter. 2022 konnten wir aufatmen. Seitdem steht die Untere Denkmalschutzbehörde vor Ort im Familienzentrum in Altkötzschenbroda gemeinsam mit Vereinsmitgliedern zur Beratung Radebeuler Bürger zur Verfügung. Und mit einem Arbeitseinsatz im Pavillon Mohrenhaus begann inhaltlich unser neues Spendenprojekt.
Nicht alles kann hier berücksichtigt werden. All die vielen engagierten Mitglieder und Unterstützer aufzuzählen, sprengt den Rahmen des Beitrages. Über Vieles kann und muss mehr berichtet werden, z.B. die Spielgruppe Hohenhaus, die aktive Mitarbeit/ Auseinandersetzung mit dem ersten Flächennutzungsplan 2006, die umfangreichen Stellungnahmen seit 2007, die wir als Mitglied im „Landesverein Sächsischer Heimatschutz e. V.“ verfassten, der als TöB (Träger öffentlicher Belange) gilt.

Figur Bilzplatz, Foto: G. Heinrich 2017

Die vergriffenen Veröffentlichungen der Beiträge zur Stadtkultur (Loseblattsammlung) von 2001 bis 2011 sind zu erwähnen, ebenso das Bauherren-Doppel als Merk- und Ratespiel über 10 Jahre Bauherrenpreis Radebeul. Unvergesslich sind die zahlreichen Exkursionen und auch die jährlichen Weihnachtsfeiern im Haus Lotter, Haus Sorgenfrei, in Schwarzes Tonne, im Haus Lorenz, in der Hoflößnitz, in der Grünen Linde, immer wieder in der Diakonie und in der Familieninitiative. Auch diese Aufzählung zeigt unsere Vernetzungen im Stadtgefüge.
Über 100 Bauherrenpreise wurden inzwischen vergeben, 2025 steht das nächste Jubiläum, die 20. Bauherrenpreisverleihung an. Die Berufung in das Gestaltungsforum der Stadt Radebeul seit 2022 und unsere „30 Jahre Festveranstaltung“ am 26.03.2023 hat das Interesse an und die Wertschätzung unserer Arbeit bestätigt. Und oft sind es neben den großen gerade die vielen kleinen Aktivitäten, die den Kitt einer Stadtgemeinschaft ausmachen.
Unsere neue frische Website lädt ein: Erkunden Sie unseren Verein, verblüffen Sie die Pessimisten, treten Sie ein und fördern auch Sie die Erhaltung des tatsächlich besonderen Charakters unserer Stadt Radebeul.
Ganz konkret bietet auch unser Spendenaufruf zur Wiederherstellung des Pavillons am Mohrenhaus dazu Gelegenheit. Der Verein will das Bemühen der Stadtverwaltung, den Pavillon in seiner alten Pracht wieder herzustellen, nach Kräften unterstützen. Dafür werben wir Spendenmittel ein. Näheres erfahren Sie auf unserer Website www.denkmalneuanradebeul.de und in der kommenden Ausgabe.

Grit Heinrich
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Dr. Grit Heinrich, erste Stellvertreterin des vereins für denkmalpflege und neues bauen radebeul e.V

Markus Retzlaff „Das Frühwerk“ Malerei von 1984 – 1991

Selbstbildnis an der Staffelei, Öl auf Platte, 1986, 84 x 60 cm

Markus Retzlaff ist in Radebeul und weit darüber hinaus vor allem bekannt als Grafiker, denn seit vielen Jahren ist für ihn die Grafik das Medium, in dem er sich am besten ausdrücken kann und in der er sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Hause fühlt. Alle Spielarten von Hoch- und Tiefdruck beherrscht er vollendet. Die Radierung und verwandte Techniken bilden die bevorzugte Arbeitsweise für ihn. Schwerpunkt ist die Aquatinta, denn sie lässt ein reiches und differenziertes Arbeiten zu.
Die Ausstellung, zu der auch ein Katalog erschienen ist, beschränkt sich auf Wunsch des Künstlers auf die Malerei der frühen Jahre. Diese Arbeiten sind bis heute nur einem kleineren Kreis bekannt und befinden sich in zahlreichen Privatsammlungen. Von Freunden und Kennern wurde das Werk in seiner Kraft und Originalität jedoch schon früh erkannt. Nach der Porzellanmalerlehre war er von 1983 bis zum Beginn des Studiums freischaffend tätig und wurde 1988 Kandidat im Verband Bildender Künstler der DDR. Als einer der jüngsten Künstler nahm er mit 26 Jahren an der letzten Bezirkskunstausstellung des Bezirkes Dresden 1989 teil.

Fastnacht, Öl auf Leinwand, 1985-86, 153 x 113 cm

Diese Ausstellung fiel genau in den Herbst der Friedlichen Revolution. Die Endzeit der DDR spiegelt sich in den teils düsteren Farben der Gemälde wieder. Markus Retzlaff war und ist ein „realistisch“ arbeitender Künstler und wollte kein Neuerer oder Umstürzler sein. Als bodenständiger und mit seiner Umgebung vertrauter Mensch ist ihm diese Arbeitsweise am Nächsten. Durch das Überarbeiten und Verfremden wird jedes gegenständliche Motiv zur künstlichen Welt – wobei dieser Begriff bereits unscharf ist, denn alles uns Umgebende ist bereits künstlich, vom Menschen formiert, mitunter auch deformiert. Die Malerei von Markus Retzlaff ist im besten Sinne visio (Wahrheitsschau). Diese Art der Kunst ist einerseits vergeistigte Sinnlichkeit und vergeistigte Natur, anderseits geträumte Realität. Sie erlebt die Dinge mit intensiver Sinnlichkeit und stellt sie doch wieder in Frage.
Wir freuen uns, das Frühwerk von Markus Retzlaff nun einem größeren Publikum zugänglich machen zu können und danken dem Künstler und den Leihgebern sehr herzlich.

Alexander Lange

Editorial

Der Reigen der Radebeuler Festjubiläen geht weiter!
In diesem Monat findet coronabedingt nunmehr das 30. Karl-May-Fest statt, wogegen der
Auftakt bereits 1992 war. Es ist von Anbeginn mit seinen zahlreichen Attraktionen ein Anziehungspunkt für ganze Generationen, für jung und alt gewesen. Schließlich hatte ein jeder, insbesondere in Radebeul, irgendwann irgendwo irgendwelche Berührungspunkte mit den fantastischen Geschichten des Abenteuerschriftstellers. Sei es aus der Lektüre seiner zahlreichen Bücher oder als Besuch im Haus des Karl-May-Museums, wo der weltbekannte Schriftsteller tatsächlich auch lebte.
Die Veranstalter des Kulturamts hatten immer ein gutes Händchen den genretypischen Klamauk mit der Vermittlung fremder Kulturen sinnreich zu verbinden. Zahlreiche Völkergruppen und Indianer, heute will man sprachlich geglättet von Indigenen sprechen, aus den weiten des amerikanischen Kontinents berichteten in Gesprächen und Vorführungen von ihren reichen Traditionen und Ritualen.
Am Sonntagvormittag ist das Zusammentreffen der Sternreiter aus allen Teilen Deutschlands am „Weißen Roß“ mit Winnetou und Old Shatterhand von den Landesbühnen Sachsen mit prominenten Gästen wie Pierre Brice und Gojko Miti? seit jeher ein unvergleichbarer Höhepunkt gewesen.
Für das Karl-May-Museum ist seit langem ein ambitionierter Erweiterungsbau im Bereich der abgerissenen Aral-Tankstelle geplant. Ende 2026 soll er vollendet sein. 2028 dann komplett mit der sanierten „Villa Bärenfett“.
Dem Fest und den Plänen eilen ohne finanziellen und ideologischen Zwängen alle guten Wünsche voraus.

Sascha Graedtke

Mit den Texten der brachialromantischen Hausapotheker Dieter Beckert und Jürgen B. Wolff durchs Jahr

Zum Titelbild V&R April 2023

Radebeuler Wasserturm, Am Wasserturm o.Nr.

Durch seine Höhe (ca. 39m) und die Lage oben auf der Hangkante hat er auch Wahrzeichencharakter, er ist ein Kulturdenkmal, ein technisches Denkmal. Nach Gemeindebeschluss von 1914 und einem Gestaltungswettbewerb begann der Bau 1916 im 1. Weltkrieg nach den Plänen der Architekten Dr. Richard Müller und Richard Schleinitz und wurde dann 1917 eingeweiht. Er trug bald auch den Beinamen Franzosenturm, weil die Dresdner Baufirma J. Odorico durch gefangen genommene französische Soldaten unterstützt worden war. Das Bauwerk wurde in Stahlbeton errichtet, hat einen ca. 350m³ Wasser fassenden Stahlbehälter und ein gestaffeltes, mit roten Biberschwanzziegeln gedecktes Kegeldach. Leitungen und technische Armaturen wurden seither mehrfach erneuert, so bei der Wiederinbetriebnahme nach Kriegsschäden 1947 und auch 1996/97. Das Titelbild „Projekt A“ ist ein Schaubild von R. Schleinitz und sagt aus, dass es noch alternative Gestaltungen gegeben hatte. Wie ein Foto von 2023 zeigt, hat es beim äußeren Bild des Wasserturms seither keine Veränderungen gegeben.

Dietrich Lohse

Sei kreativ im Kollektiv


oder Großes Stadtteil-Frühlingsfest
mit Trödel-, Kreativ- und Kinderflohmarkt
in Kötzschenbroda
vom 21. bis 23. April 2023

Schon Erich Kästner hatte erkannt „Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es“. Zweifellos gehören die Mitglieder der Kultur- und Werbegilde Kötzschenbroda zu den tatkräftigen Machern mit hohem Improvisations- und Kreativpotenzial, die im westlichen Zentrumsbereich der Lößnitzstadt verortet sind.

Als das frisch sanierte Auszugshaus des ehemaligen Dreiseithofes Altkötzschenbroda 21 im Jahr 1993 zur öffentlichen Nutzung (heute Heimatstube) übergeben wurde, ahnte wohl niemand, dass sich der arg gebeutelte Dorfanger einmal zu einer beliebten Flaniermeile mit Kneipen, Kunst und kleinen Läden entwickeln würde.

Allerdings dauerte es dann auch noch einige Jahre, bis man begriff, dass sich Interessen am effektivsten mit einem Verein durchsetzen lassen. Die Gründung der Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda erfolgte im Jahr 2001. Seitdem wurden zahlreiche, sowohl kulturell als auch touristisch, belebende Aktionen initiiert. Alljährlich organisierte die Gilde zum Saisonauftakt die Langen Kultur- und Kneipennächte sowie am 1. Juni das beliebte Kindertagsfest.

Im Jahr 2020 wurde dann die Fusion mit der Händlergemeinschaft von Radebeul-West vollzogen, was zur Umbenennung der Kultur- und Werbegilde führte, indem der lokalisierende Zusatz Altkötzschenbroda durch Kötzschenbroda ersetzt worden ist. Statt der Langen Kultur- und Kneipennächte und der bisherigen Händlerspektakel war ein gemeinsames Stadtteilfest geplant. Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, den Ambitionen von Händlern und Gastronomen mit einer solchen Veranstaltung gleichermaßen gerecht zu werden.

Schließlich hatten die Organisatoren einen guten Kompromiss gefunden. Werbekarten, Poster, Banner und Stopper waren bereits fertiggestellt. Durch den Ausbruch der Corona-Pandemie wurde plötzlich alles zu Makulatur und besitzt nunmehr einen makabren Sammlerwert.

So, wie die Natur im Frühling immer wieder erwacht, so erfolgte auch nach der Corona-Pandemie ein Neubeginn.

Doch nicht an allem ist allein Corona schuld. Dass der Leerstand selbst in den Stadtzentren zusehends um sich greift und die inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte immer weniger werden, hat vielerlei Ursachen. Der Prozess vollzieht sich schleichend und still. Doch das Schwelgen in der Vergangenheit bringt keine Lösung und jeder neue Teilzeit-Stadtteil-Manager ist herzlich willkommen im Team. Statt in Trübsinn zu verfallen will die Kultur- und Werbegilde lieber motivierende Rundum-Start-Signale aussenden: Gebt nicht auf, macht mit, seid kreativ!

Meckern alleine bringt nichts. Also einfach mal lockerlassen, sich an den vielen Ideen und Aktivitäten erfreuen, sich spontan einbringen und damit sich selber und andere überraschen!

DAS PROGRAMM ist ein unkonventioneller Mix von schräg bis schrill für Alt- und Neuradebeuler, für Singles und Familien. Jeder, ob Profi oder Amateur, kann zeigen, wieviel Power und Kreativität in ihm steckt und seine Fotos, Bilder, Sprüche, Karikaturen präsentieren aber auch mit einem kleinen Theaterstück, einer eigenen Kurzgeschichte oder einer musikalischen Darbietung vors Publikum treten.

Das dreitägige Fest beginnt am FREITAG gegen 18 Uhr in Altkötzschenbroda auf dem Dorfanger mit Livemusik und Einweihung der Sommerbühne. In der Heimatstube startet die AG Kötzschenbroda mit einer neuen Sonderausstellung über Kötzschenbrodaer DORFgeschichte(n). Zeitgleich ist die Stadtgalerie von 18 bis 20 Uhr geöffnet. Gezeigt werden dort Frühwerke des Malers und Grafikers Markus Retzlaff, dessen eigentliche Wirkungsstätte sich nebenan im Atelier Oberlicht befindet, wo man ihn beim Schaudrucken erleben kann. Auch einige Läden und Werkstätten haben etwas länger geöffnet. Fest steht schon jetzt, dass die Nachtschwärmer und Musikfreunde in den Kneipen auf ihre Kosten kommen werden.

Am SAMSTAG öffnen die ersten Geschäfte bereits um 9 Uhr. Ab 10 Uhr wird sich dann der Trödel-, Kreativ- und Kinderflohmarkt füllen. Die bunt bestückte Meile verbindet das Stadtzentrum in Radebeul-West mit dem Dorfanger in Altkötzschenbroda. Das Jugendblasorchester spielt auf dem Bahnhofsvorplatz und wird wohl nicht zu überhören sein. Verschiedenste Aktivitäten finden vor und in den Geschäften statt. Viele Ideen sind noch im Kopf oder bereits auf dem Weg. Was in den Wochen vorm Fest gebastelt, gemalt, fotografiert und geschrieben wurde, kann man in einem Kunstschaufenster begutachten.

Einige Termine sollte man sich allerdings schon immer vormerken. So startet um 10 Uhr im Kreuzungsbereich von Radebeul-West vorm Bettenhaus Hennl eine Kennenlerntour, angeführt durch zwei einheimische Kunst-, Kultur- und Stadterklärerinnen. Erzählt werden STADTgeschichte(n) von Häusern und ihren Bewohnern, von Handel und Wandel, von Kunst und Kultur… Zwischendurch stellen sich Händler vor und gewähren einen Blick hinter die Kulissen. Auch das Museum im Rucksack wandert mit.

Ganztägig präsentieren sich bei Doktor Akustik zwei junge Fotografinnen. In der Galerie Gisbert wird um 15 Uhr eine digitale Fotogalerie eröffnet. Vielfältige Angebote bieten auf dem weitläufigen Festgelände Anregung und laden zum Verweilen ein. Und wenn die Läden am Samstag schließen, geht es in den Kneipen erstmal richtig los.

Jene, die am SONNTAG voller Lust und Laune noch bei Kräften sind, können ab 10 Uhr mit Freunden und Nachbarn oder der ganzen Familie zum musikalischen Frühschoppen kommen und dann bis in die Nachmittagsstunden über den Frühlingsbauernmarkt bummeln, dabei Schauen, Kosten und zur Freude der Händler auch etwas kaufen.

Karin (Gerhardt) Baum

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Anmeldungen für den Trödel,- Kreativ- und Kinder-
flohmarkt sind noch bis zum 20. April 2023 möglich.
Veranstalter ist die Kultur- und Werbegilde
Kötzschenbroda e.V. in Zusammenarbeit mit dem
Stadtteilmanagement Radebeul-Kötzschenbroda
Kontakt und Information:
Mandy Hähnel, Vereinsvorsitzende
0351-6563760, info@altkoetzschenbroda
Flyer sind erhältlich bei allen Mitwirkenden.
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Radebeuler Miniaturen

1623 – 2023: 400 Jahre Haus Möbius
IV
Haus und Herrschaft

Viel hat sich nicht geändert in den ganzen Jahren, sag ich in das beredte Schweigen hinein und stelle mein Glas ab. Ein Haus in der Lößnitz muß sich eins leisten können und wollen.

Während Ulrike hörbar seufzt, ziehe ich ein dicht beschriebenes und schon etwas gelbes Papier aus einem Stapel Unterlagen. Hier, sag ich, und schlage mit dem Handrücken auf die Buchstaben, erinnere dich, das hat uns Frau Schließer damals verehrt. (Die sehr verdienstvolle Radebeuer Stadt-Archivarin Lieselotte Schließer hat damals noch in der Lößnitzgrundstraße residiert und sehr lebhaft Anteil genommen, als wir die Wohnung hier im Haus bezogen.)

Foto: T. Gerlach

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, lese ich nun, sind Häuser und Weinberge im Besitz der Strauch’schen Erben geblieben – offenbar war nähere Kenntnis der Heiligen Schrift manchmal auch ein einträgliches Geschäft (siehe Heft 1).

Für das Jahr 1715 ist dann Johanna Gertraude Küffner als Besitzerin überliefert. Sie war ebenfalls eine geborene Strauch und hatte noch vor der Jahrhundertwende den Dresdner Ratsbaumeister Johann Siegmund Küffner geehelicht, der unter anderem am Bau der von George Bähr geplanten Loschwitzer Kirche beteiligt war. Küffner hatte den Besitz um 1700 aus einer anderen Linie der Familie Strauch erworben und mit seinem Tod 1709 seiner Witwe hinterlassen.

Möglicherweise ist mit dem Jahr 1715 ein größerer Erweiterungsbau verbunden. Jedenfalls hat sich ein Johann Christian Große, Maurermeister in Kötzschenbroda unterm Dach verewigt. Um 1990 war die Signatur noch deutlich zu erkennen. Das damals entstandene Foto zeigt noch eine ferne Erinnerung daran. Leider ist sie aber, wie ich jetzt erst entsetzt feststellte, 1994 anstehenden Dacharbeiten offenbar unbemerkt zum Opfer gefallen.

Es spricht viel dafür, daß die Witwe Küffner sich mit diesem Anbau – wie es damals üblich war, denk nur an Wackerbarths Ruhe – einen Alterssitz geschaffen hat. Ob sie wirklich dauerhaft hier wohnte, ist nicht überliefert.

Schade, sagt Ulrike, ich stelle mir grade vor, wie das war, so als Witwe in den Weinbergen zu leben …

Ohne weiter auf diese Bemerkung einzugehen, fahre ich fort: Die Küffnerin stirbt 1729, sie hinterläßt das Gut ihrem Vetter, dem Senator Carl August Strauch. Der Wert des Ganzen wird dabei auf rund 770 Thaler geschätzt, der Ratsbaumeister hatte es noch für 500 Gulden (1 Gulden entsprach etwa 2/3 Thaler) erworben. Diese „Wertsteigerung“ hing ganz sicher nicht ausschließlich mit dem Neubau zusammen. Die Teuerung dürfte auch den nicht enden wollenden Kriegen geschuldet gewesen sein – es ist eben immer das Gleiche…

Im Jahr 1762 wird der Name Strauch zum letzten Mal genannt.

Ich halte inne, blicke auf und schenke uns nach.

Thomas Gerlach

Eine Glosse

Qualität…?

„Qualität liegt im Auge des Beschauers?“ Oder so ähnlich…? Oder war es die Schönheit…? Kann auch sein! Aber ist eigentlich nicht so wichtig. Letztendlich bestimmt jeder selbst, was er unter Qualität, Schönheit und solcherlei Dingen verstehen will. Gott sei‘s gelobt und ge…! Wo kämen wir denn da hin, wenn mir einer sagen würde, was ich unter Dies oder Das zu verstehen hätte! Dem würde ich aber…!

Bekanntermaßen gehen hier die Meinungen extrem auseinander. Früher, ja früher, zu Kaisers Zeiten oder in der Diktatur, war das natürlich eine ganz andere Sache. Da gab es ein strenges Regime und gedacht wurde nur in offiziellen Memoranden. Die sollten einen erinnern ordentlich zu arbeiten, ordentlich zu leben und nie unordentlich aus der Reihe zu tanzen. Da waren die Regeln ein für allemal festgelegt und hatten für alle Zeit zu gelten. So war das im Kaiserreich Deutscher Nation, im Tausendjährigen Reich und im Reich „Immer scheine die Sonne“.

Da kann ich mich noch gut an die Normer und Gütekontrolleure erinnern, wie die immer um meine Bohrmaschine herumgeschlichen sind. Oh Gott, was man mit denen für Ärger hatte! Aber freilich ist das alles Schnee von gestern.

Heute kann sich jeder alles selber denken und auch machen wie er‘s will. Bist du allerdings in der dummen Lage ein lumpiger Arbeitnehmer zu sein, kann es vorkommen, dass du eines schönen Tages einfach vor die Tür gesetzt wirst. Pech gehabt! Früher, da wäre dann der Meister gekommen oder der BGeller und hätten mit dir ellenlange Gespräche geführt und die Konfliktkommission hätte tröstende Worte gesäuselt. Das selbständige Denken fällt ja noch heute so manchem Bürger schwer.

Natürlich ist das so eine Sache mit der Qualität. Keiner will doch mehr, dass sich beim Suppeauslöffeln der Alu-Löffel verbiegt. Also aufpassen beim „Pferdekauf“ – eben selber denken! Zugegeben so einfach ist das nun auch wieder nicht. Der Handel mit Waren ist schon seit Alters her ein windiges Geschäft. Da will ich jetzt nicht auf den Schacher mit Wundersteinen und Glücksamuletts verweisen. Auch an der sogenannten Wertpapierbörse soll es ja so manche faulen Papiere geben. Aber wie gesagt, für Träumer ist in der heutigen Zeit kein Platz, weder im harten Alltagsgeschäft noch in der Wirtschaft. Minderwertige Ware muss man ja nicht kaufen. Es gibt schließlich genug Anderes. Und langt das Geld nicht, muss man sich halt anstrengen…

Die Träumer sollten sich lieber in den weichen Sektoren des gesellschaftlichen Lebens austoben. Und wie ich erst unlängst gesehen habe, nutzen sie ihre Chance reichlich. Aber bedenken sollten sie, dass das Grundprinzip „Jeden Seins“, auch auf dieser „Spielwiese“ gilt. Erst neulich hatte mir so ein Träumer erklärt, dass man eine Theatervorstellung nicht beurteilen sollte, da es hier ja um Geschmacksfragen gehe. Nun verstehe ich vom Theater eigentlich nichts. Wann habe ich denn das letzte Mal ein Stück auf der Bühne gesehen…? Kann mich nicht erinnern. Aber das sich hier was verschoben haben muss, sollte wohl auch dem Dümmsten aufgefallen sein, wenn die Zuschauer immer weniger werden. Vielleicht hat das doch was mit Qualität zu tun? Und um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Mit einem Schauspieler ist noch kein Theater zu machen.

Und überhaupt, was man heutzutage so alles als Kunst vorgesetzt bekommt! Ehrlich gesagt, da komme ich nicht mehr ganz mit. Da meine ich nicht mal die Bilder, bei denen man nicht weiß, wie rum man sie aufhängen soll. Nicht, dass ich was gegen Volkskunst hätte, aber wie sagte schon meine Mutter: „Schuster bleib bei deinem Leisten.“. Immer schön bescheiden bleiben. Ich muss nicht bei Allem und Jedem mitreden können. Das ist wie bei der Erziehung, da sollte auch nicht jeder X-Beliebige seinen Senf dazugeben. Denn man weiß ja, am Ende sind es die Lehrerkinder, die am meisten verzogen sind.

Nun ja, das Feld ist weit. Und Sprüche gibt’s mehr als genug… Einer meiner ehemaligen Kollegen erklärte mir einst im felsenfesten Brustton seiner Überzeugung: „Kunst ist nur das, was ich verstehe!“. Ein allzu wahrer Spruch, meint

Euer Motzi

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