Spektakel mit Makel

Nachlese zu „Irrtümer 1 – Familien-Wahn-Sinn“ an den Landesbühnen

Normalerweise schreibe ich in der „Vorschau“ über Theaterproduktionen der Landesbühnen Sachsen mit der Absicht, den Leserinnen und Lesern vermittels meiner Eindrücke über das Erlebte, Gehörte und Gesehene eine Orientierung zu geben, vielleicht auch selbst die besprochene Aufführung anzuschauen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. An dieser Stelle sehe ich mich heute allerdings ausnahmsweise dazu gezwungen darauf hinzuweisen, dass mein Rückblick auf das Theaterspektakel „Irttümer 1: Familien-Wahn-Sinn“ keine Empfehlung oder Warnung enthalten kann, weil das Projekt, bestehend aus neun (!) verschiedenen Stücken, an fünf Abenden Ende Oktober/Anfang November über die inzwischen fünf verschiedenen Bühnen des Hauses (Großer Saal, Studiobühne P100, Probebühnen P25 und P2010, Theaterkneipe) ging und – wie im Vorfeld per Plakat und Handzettel werbewirksam kundgetan – „dann nie wieder“ kommt.

Seit seinem Amtsantritt vor gut zwei Jahren hat sich Intendant Manuel Schöbel mit Konsequenz und Durchsetzungsstärke daran gemacht, die Landesbühnen inhaltlich und personell neu aufzustellen. Der Aktionsradius wurde erweitert und zahlreiche neue Spielstätten aufgetan (z.B. Schloss Weesenstein, die Gymnasien „Luisenstift“ in Radebeul und jenes in Nossen) und damit gleichzeitig auch die Anzahl der Gastspiele im ländlichen Raum vergrößert (etwa im Erzgebirge und im Leipziger Land); Kooperationen mit externen Partnern wurden eingegangen (jüngst jene mit den Jazztagen Dresden und mit dem britischen York Theatre); neue Formate etabliert („Winterlounge“) und erfreulicherweise die theaterpädagogische Arbeit mit dem Jungen Studio erheblich erweitert. Ganz zu schweigen vom überarbeiteten Internetauftritt, der die vielfältigen Aktivitäten sichtbar macht. Die Landesbühnen sind im Moment so präsent wie selten zuvor, und das ist grundsätzlich auch gut so. Gerade im kulturell gemästeten Dresdner Raum braucht das an der Peripherie gelegene Haus außergewöhnliche Großereignisse und Highlights, die auch das verwöhnte Publikum aus der Landeshauptstadt nach Radebeul locken. Tatsächlich versprach das Konzept der „Irrtümer“ etwas ganz Neues, weil die Zuschauer selbst entscheiden konnten, wie sie den Abend gestalten. Denn alle fünf Sparten waren aufgeboten und präsentierten vom personell aufwändigen Operneinakter Gianni Schicchi (die Elblandphilharmonie musizierte und begleitete 16 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne) bis zum intimen Kammerstück Weizen auf der Autobahn (nur zwei Akteure) viele verschiedene Produktionen mit ihren je eigenen Reizen. Das künstlerische Konzept wurde auf organisatorischer Ebene durch separate Eintrittskarten für die Angebote der drei unterschiedlichen Zeitschienen ergänzt und durch eine originelle Wandgestaltung mit großformatigen Fotos aller in ihren jeweiligen Inszenierungen beteiligten Künstlern im Foyer ästhetisch überformt. Auf den ersten Blick war es also ein stimmiger Ansatz mit schlüssigen Lösungen in der Umsetzung, und ich ging auch durchaus zufrieden und bereichert, wenngleich etwas erschöpft, nach Hause.
Nach viereinhalb (!) intensiven Stunden, in denen ich Adam und Eva (Peter Hacks), Ein Winter unterm Tisch (Roland Topor) und Puccinis Gianni Schicci konsumiert und damit ein Drittel des Gesamtprogramms gesehen hatte, stellte ich mir mit Blick auf den Saisonspielplan 2014/15 allerdings die Frage, ob denn der Gesamtaufwand angesichts der ohnehin vielen anderen noch immer gezeigten Stücke (Übernahmen und andere Premieren) nicht womöglich etwas zu groß sei. Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele der für das „Spektakel“-Event erarbeiteten Stücke ein Weiterleben im Repertoire haben und von den zahlreichen Gastspielpartnern gebucht werden, wobei das natürlich schwer vorherzusehen ist. Mich beschlich auf der Nachhausefahrt außerdem die Sorge, ob eine solche, das ganze Hause erfassende Mammutveranstaltung die durch den Theateralltag ohnehin beanspruchten personellen Ressourcen nicht überstrapaziert? Denn zu jeder Produktion gehören nicht nur die Akteure auf der Bühne, sondern auch die vielen dahinter: die Choreographen und Dramaturgen, Ausstatter und Techniker usw. Ganz zu schweigen vom materiellen Aufwand, der überwiegend mit unseren Steuergeldern getrieben werden muss, um so ein Projekt zu stemmen. Der enorm personalintensive Ansatz des Theaterspektakels hat aber noch einen weiteren Malus. Vier der fünf angesetzten Abende lagen in den sächsischen Herbstferien. Wenn man voraussetzen kann, dass wie sonst auch die probenintensivste Phase unmittelbar vor der Premiere am 25.10. lag, dann liegt der Schluss nahe, dass nahezu die ganze Belegschaft gerade dann unter Hochdruck arbeitete, als die Kinder der Mitarbeiter Ferien hatten. Ich bin theaterbegeistert genug um zu erwarten, dass ein Haus wie die Landesbühnen auch in den Ferien Aufführungen anbietet, aber müssen darin wirklich alle Mitarbeiter in diesem Ausmaß einbezogen werden? Die Musiker der Elblandphilharmonie beispielsweise spielten nur eine Stunde – für manche von ihnen war allein der Anfahrtsweg nach Radebeul ebenso lang. Insofern bekommt der programmatische Titel „Familien-Wahn-Sinn“ einen ganz neuen Sinn, denn hinter jedem Künstler und Mitarbeiter steckt ja meistens eine Familie, müssen Menschen in den Tagen vor der Premiere und an den Aufführungsabenden selbst ganz oft auf Mutter oder Vater, Partner oder Partnerin verzichten. Fraglich bleibt überdies, ob sich tatsächlich eine nennenswerte Anzahl der Zuschauer vom Angebot locken ließ, gegen einen um die Hälfte reduzierten Eintrittspreis ein zweites oder drittes Mal wiederzukommen, um sich auch die anderen Produktionen anzuschauen. Mein Eindruck ist, dass die Mehrheit des Publikums diesen einen Abend genoss, aber auch zwei Wahlmöglichkeiten für Aufführungen als ausreichend empfunden hätte. Denn es wurde dann doch richtig spät, und auch Zuschauer können nur begrenzt aufnehmen und verarbeiten.
Dem Vernehmen nach soll es eine Fortsetzung des Theaterspektakels (in der nächsten Spielzeit?) geben. Ein reduziertes Angebot müsste nicht zwangsläufig eine Einbuße an Attraktivität haben, denn auch in der Kunst gilt, dass Masse nicht mit Klasse verwechselt werden sollte und mit Ressourcen jeder Art verantwortungsvoll umgegangen werden muss, damit die Akzeptanz aller Beteiligten für solcherart Kraftakte erhalten bleibt.
Bertram Kazmirowski

36. Radebeuler Grafikmarkt wie immer und danach wie weiter?

Bei diesem vielfältigen Angebot fällt die Auswahl nicht leicht

Bei diesem vielfältigen Angebot fällt die Auswahl nicht leicht    Foto: B. Schade

Alle Jahre wieder … kommt der Radebeuler Grafikmarkt. Das pfeifen die Spatzen seit über drei Jahrzehnten von den Dächern. Doch woher nehmen sie diese Gewissheit, wo doch nicht einmal mehr die Rente sicher ist? Liegt es vielleicht daran, dass es den Spatzen ein wenig an Realitätssinn fehlt, weil sie auch ohne Rente ein glückliches Leben führen können?Verbindlich und sicher ist jedenfalls, dass der 36. Radebeuler Grafikmarkt erfolgreich stattgefunden hat und alles schien wie immer zu sein. Die Künstler trugen wie immer ihre Arbeiten ins Rathaus, verbunden mit der Hoffnung, dass möglichst viele der kunstvollen Blätter einen Käufer finden mögen. Trotz des sonnigen Herbstwetters strömten die interessierten Besucher wie immer am ersten Novemberwochenende nach Radebeul-Ost in die historischen Gemäuer von Rathaus und Schule. Wie (fast) immer präsentierten sich die Radebeuler Bilderrahmungswerkstatt Kruschel, der Meißner Zündblättchenverlag und der Radebeuler Notschriftenverlag. Neu war, dass erstmals der Künstler André Uhlig mit Frau und Sohn im zweitägigen Einsatz druckgrafische Techniken für Kinder und Erwachsene demonstrierte und diese darüber hinaus beim Herstellen von eigenen kleinen Kunstwerken unterstützte. Wie immer waren die Damen und Herren vom Kunstverein beim Kuchenbacken kreativ und gaben großzügig ihre Rezepte preis. (Der Radebeuler Grafikmarkt hat eben etwas bodenständig Familiäres!) Wie immer waren der Förderkreis der Stadtgalerie, zahlreiche Kollegen aus der Stadtverwaltung und viele ehrenamtliche Helfer unermüdlich im Einsatz. Wie immer wieder anders war das Künstlercafé gestaltet. Der Radebeuler Maler Klaus Liebscher schuf einen magischen Kunstraum der besonderen Art. Wer sich darin niederließ, wurde selbst zu Kunst.

Der Radebeuler Maler und Grafiker Klaus Liebscher inmitten seines Künstlerkaffee-Kunstraumes

Der Radebeuler Maler und Grafiker Klaus Liebscher inmitten seines Künstlerkaffee-Kunstraumes     Foto: B. Schade

Und was natürlich die Hauptsache bei einem Grafikmarkt ist – wie immer war das Angebot riesengroß. Von 121 Künstlern aus Radebeul und Dresden sowie der näheren als auch der weiteren Umgebung wie Chemnitz, Berlin, München oder Köln wurden über 3.500 Werke präsentiert. Landschaften, Tierdarstellungen, Vegetatives, Stillleben, Akte, Liebespaare, aber auch abstrakte Arbeiten in der Preislage von 7 bis 400 Euro wechselten die Besitzer. Alles schien also wie immer zu verlaufen, hätte sich da nicht dieses leise Gefühl des Abschiednehmens eingeschlichen, welches permanent daran erinnerte, niemals mehr wird es so sein wie es bisher war. Die aktuellen Brandschutzbestimmungen für öffentliche Gebäude fordern ihren Tribut. Und so stellte sich plötzlich die Frage: Wie weiter? Die Antwort stand auf einem bunt bedruckten Blatt Papier, welches die Organisationsleitung allen Teilnehmern übergeben hatte. Darauf wurde mitgeteilt, dass der nächste Grafikmarkt – bedingt durch Bauarbeiten in Rathaus und Schule – in der Elbsporthalle Radebeul-West stattfinden wird. Die überwiegende Reaktion der Künstler war überraschend positiv. Neunhundert Quadratmeter Ausstellungsfläche auf einer Ebene und ausreichend Parklätze an der vorgelagerten Festwiese sprechen dafür. Die Ortsveränderung betrachten die Organisatoren und Künstler als Herausforderung. Erste Ideen für ein anderes Veranstaltungskonzept wurden bereits ausgetauscht. Alles hat seine Zeit und auf jedes Ende folgt ein neuer Anfang.

Die 88-jährige Radebeuler Malerin und Grafikerin Lieselotte Finke-Poser war bereits mit ihren Arbeiten beim ersten Grafikmarkt dabei

Die 88-jährige Radebeuler Malerin und Grafikerin Lieselotte Finke-Poser war bereits mit ihren Arbeiten beim ersten Grafikmarkt dabei    Foto: B. Schade

Karin (Gerhardt) Baum

Editorial

Editorial zur Adventszeit

Immer wenn die Adventszeit beginnt, nehme ich mir vor: Diesmal mache ich es ganz anders als in den Jahren zuvor: viel bewusster, mit weniger Stress und mehr innerer Ruhe. Einmal so richtig adventlich leben – in Erwartung und mit etwas Sehnsucht, dass Gott in unsere Welt kommt. Und dann wird es oft ein „Alle-Jahre-Wieder“: viel zu tun, kaum Freiräume, vor allem wenig Raum zum Innehalten. Weniger Menschen besucht, als ich gern wollte, zu selten mit den Kindern gebastelt, vieles in letzter Minute erledigt. In diesem Jahr wird für uns als Familie ganz sicher eine besondere Adventszeit sein. Denn wir erleben den Advent zum ersten Mal hier in Radebeul. Zum ersten Mal den „Budenzauber“ in Altkötzschenbroda, das Weihnachtsmärchen der Landesbühnen und die Weihnachtslotterie des „Bündnisses für Dich“, zum ersten Mal … Es wird also gewiss ein „anderer Advent“ für uns werden. Und für Sie? Wie lange auch immer Sie schon in Radebeul leben – wie wäre es, diesen Advent noch einmal so zu erleben, als wären Sie das erste Mal hier? Noch einmal staunen, sich freuen, wie damals, als Sie neu hier waren – oder als Sie noch ein Kind waren. Oder mit kritischem Blick auf das schauen, was es hier gibt – feststellen, was fehlt und woran man oder frau sich schon gewöhnt hat. Die adventliche Vorbereitungszeit nutzen, um manches, was „schon immer so war“, mal wieder auf den Prüfstein zu legen oder manch schöne Tradition für sich noch einmal ganz neu zu entdecken. Wir haben eine adventliche Tradition mitgebracht: Ein gesungenes Mittagsgebet an den sieben Tagen vor Weihnachten. Vom 17.-23.12.2014 sind Sie eingeladen, um 12.00 Uhr in die Lutherkirche. Eine knappe halbe Stunde zum Innehalten und Sich-Vorbereiten auf das Weihnachtsfest. Schauen Sie gern einmal vorbei. Gesegnete Advents- und Weihnachtstage und Zeit zum Stöbern in dieser Dezemberausgabe wünscht Ihnen

Anja Funke, Pfarrerin in der Lutherkirchgemeinde

Zum Titelbild November 2014

Zur Titelbildserie

Häufig dichtet der Mensch den Tieren Eigenschaften an, mit denen er selbst nur ungern in Verbindung gebracht werden möchte. So wird zum Beispiel am Ziegenbock kein gutes Haar gelassen. Dieser sei störrig, triebhaft, aggressiv und stinkend. Positives kann man in der Literatur über ihn kaum finden. Gerade mal für die Vermehrung ist er gut genug. Lange vorbei sind die Zeiten, als aus seinen Hörnern Nektar und Ambrosia floss.
Der Bock auf unserem November-Titelbild scheint allerdings recht vergnügt in sich hinein zu lächeln. Die turbulenten Weinfeste sind überstanden. Die Straußenwirtschaften haben geschlossen. Für Herrn Bock beginnt die Zeit des Bock: Winterbock, Festbock, Eisbock… Wo sich der Ort seiner Labung befindet, ist nur zu vermuten. Es wird wohl eine Bierstube in Altkötzschenbroda sein. Schließlich haben hier viele seiner Vorfahren gelebt und der eine oder andere Verwandte lässt sich hin und wieder auf den Streuobstwiesen blicken. Wohin jedoch seine Gedanken schweifen, ist nur schwer auszumachen. Vielleicht sinnt er nach über die kontroversen Diskussionen, welche um die Zukunft von „Bismarckturm“ und „Hoflößnitz“ kreisen? Oder er träumt vom Tänzchen mit einer Ziegendame in Lindenau? Auf jeden Fall wirkt er sehr entspannt, woraus sich wohl schließen lässt, dass er sich nicht mehr zum „Gärtner“ für alle möglichen Querelen in der Lößnitzstadt machen lassen will. Da zeigt sich sein wahres Wesen: Bock bleibt Bock – mit und ohne Bock! Die Schöpferin der Titelbildillustration, Lieselotte Finke-Poser, wird sich ihren Teil dabei gedacht haben, denn Ziegenböckchen hat sie schon als Kind gemocht.

Karin (Gerhardt) Baum

Einblicke in die Fotoausstellung „Sta(d)tt Bäume in Radebeul?!“

Zugegeben, der Titel der Ausstellung ist etwas sperrig, man ahnt aber, wie’s gemeint ist und sollte sich dadurch keinesfalls von einem Besuch abschrecken lassen. Seit dem 13. September und noch bis zum 10. Dezember 2014 kann man im Vortragsraum der Stadtbibliothek Radebeul Ost die o.g. Fotoausstellung von Sylvia Preißler anschauen.
Leider hatte ich aus privaten Gründen die feierliche Eröffnung verpasst, so dass ich erst jetzt, dafür aber in aller Ruhe die Bilder von Bäumen betrachten konnte. Mein erster Eindruck: klein aber fein! Mehr »

Ein Baum für die Freiheit

Der Weichenheizungsmonteur Adolf Jeske geht an jenem November-Montag im Jahr 1989 wie gewohnt seiner Arbeit nach. Sein Weichenkontrollweg führt ihn entlang der Schienen vom alten Coswiger Bahnhof in Richtung Radebeul. Seine Gedanken schweifen jedoch dauernd wieder ab zu den unglaublichen Ereignissen des Wochenendes. Er kann immer noch nicht glauben, was er am Abend des 9. November mit eigenen Ohren hörte. Die Worte des SED-Politbüromitglieds Schabowski kreisen in seinem Kopf: „… ohne Vorliegen von Gründen … DDR-Bürger dürfen über Grenzübergangspunkte ausreisen … das gilt ab sofort, unverzüglich …“ Mehr »

Bürgerbahnhof Kötzschenbroda? – eine Wortmeldung zum Thema Stadtentwicklung

Bahnhöfe sind Zwischenstationen. Sie erzählen von Menschen, die ankommen und Abschied nehmen, die sich als Wartende oder eilig aneinander vorbei Hastende flüchtig begegnen. Aber auch die Bahnhöfe selbst haben eine eigene interessante Geschichte. Die vom Bahnhof in Radebeul-West beginnt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Gelegen an der ältesten Fernbahnstrecke Deutschlands, gehörte das Bahnhofsensemble zu den wenigen noch im Originalzustand nahezu vollständig erhaltenen historischen Anlagen in Sachsen. Zwei Weltkriege und 40 Jahre DDR hat der Bahnhof relativ unbeschadet überstanden bis zu jenem Moment, als ihn „clevere“ Strategen von der Deutschen Bahn zum Haltepunkt degradierten. Aus ihrer Sicht war das ein kluger Schachzug, der sich rechnet. Mehr »

Editorial

Seit dem 5. Oktober haben die Radebeuler ihre traditionsreiche Gaststätte „Goldne Weintraube“ wieder zurück. Vieles hat sich im zeitgemäßen Umbau freilich verändert. Nun dient der Gastraum, der im Untertitel den Namen „Die Theaterkneipe“ trägt, auch zur kulinarischen Versorgung der Mitarbeiter der Landesbühnen Sachsen. Eine Treppe für das Personal wurde ebenso geschaffen wie eine Tür vom Foyer, die den Theaterbesuchern nun einen direkten Zugang zum Restaurant ermöglicht. Dieses Mischkonzept soll nach den Vorstellungen der Theaterleitung eine lebendige Begegnungsstätte zwischen Gästen und Künstlern bilden. Mehr »

Entdeckungen und Begegnungen links der Elbe

Portal »Gnomenstieg«

Portal »Gnomenstieg«

Was für ein Name: Gnomenstieg! Was für ein Weg, nein: Stieg, denn „steigen“ muss ich, muss auf einem schmalen Pfad das Tal verlassen und Höhe gewinnen, bis ich endlich oben stehe. Ich bin auf der Herrenkuppe, mit immerhin 211m höchste Erhebung des ältesten Cossebauder Weinbergs, der mit seiner urkundlichen Ersterwähnung im Jahre 1311 auch gleichzeitig einer der ältesten Weinberge im ganzen oberelbischen Weinland ist. Verblüfft stelle ich mit einem Blick auf die Karte fest, dass genau nördlich gegenüber, auf der anderen, auf „unserer“ Seite die Weinberge oberhalb von Schloss Wackerbarth sein müssen, die hoch gewachsenen Bäume verwehren jedoch den Blick. Zugegeben: Nur entfernt erinnert es hier noch an Weinbau, weil lediglich Freizeitwinzer kleinere Lagen der historischen, ortsüblich „Vorderberg“ genannten und ehedem immerhin 8,8ha großen Fläche bewirtschaften. Die Reblaus hatte 1890/91 eben auch linkselbisch gewütet, weshalb statt praller Reben an diesem prominentem Platz ein Denkmal dominiert, das sich bei näherem Blick als Bismarckturm entpuppt. Bismarckturm? Nun ja, eher ein Türmchen ohne Spitze, dafür aber liebevoll renoviert durch den Cossebauder Heimatverein, der sich im letzten Jahr darum kümmerte, das 1913 erbaute Denkmal jubiläumsgerecht herzurichten. Also ein Pendant zur Radebeuler Seite, zwar kleiner, aber feiner. Der nach Nordosten hin unbewachsene Berg gibt ungeahnte Perspektiven auf die Landeshauptstadt frei, die sich Cossebaude übrigens erst 1997 einverleibt hat. Apropos „einverleiben“: Zu Urgroßmutters Zeiten pendelten die Städter mit der ab 1906 fahrenden Straßenbahn nach Cossebaude, um besonders zur legendären Obstbaumblüte (Obstbäume waren schließlich vor der Reblaus sicher!) in Restaurationen wie der „Parkschänke“, der „Liebenecke“ oder im gewaltigen, neugotisch anmutenden „Osterberg“ des Sonntags Köstlichkeiten zu genießen. Leider gibt es diese Lokale heute nicht mehr, denn eine Stärkung käme mir jetzt ganz gelegen. Ich beginne zu ahnen, dass Cossebaude viele bezaubernde Ecken hatte und noch immer hat. Weshalb ich weiter gehe und bereits nach wenigen Metern eine eindrucksvolle Toranlage passiere, die allein schon den Aufstieg gelohnt hätte (siehe Bild). Bald schon erreiche ich die Weinbergstraße und schaue mich um, ob sie ihrem Namen noch so gerecht wird wie ihre Schwester in Oberlößnitz. Und tatsächlich, am oberen Ende dehnen sich Zeilen südlich aus, eine kleine Terrassenlage, was ja an sich schon eine Besonderheit ist.
„Entschuldigung, darf ich hier durchgehen?“, frage ich einen Mann mit Weste und Hut, dem man ansieht, dass er wind- und wetterfest, sich für Arbeit im Freien nicht zu schade ist. Wie es der Zufall will, begegne ich Rolf Fehrmann, dem einzigen hauptberuflichen Winzer in Cossebaude, der hier seit 1998 eine bis dahin zum Staatsweingut Wackerbarth gehörige Fläche bewirtschaftet. Ob er ein paar Minuten Zeit für mich hat? Er nimmt mich mit auf einen Gang durch seinen Weinberg, was für ein Glück! „Auf knapp 4 Hektar, davon überwiegend in Steillage, wird vor allem Weißburgunder und Blauer Spätburgunder angebaut, aber auch Dornfelder, Traminer und Pinotin.“ Nun würde ich mich zwar nicht als Fachmann bezeichnen, aber die gängigen Rebsorten kenne ich dem Namen nach. Doch „Pinotin“ sagt mir gar nichts. „Pinotin ist eine recht neue, auf dem Blauen Spätburgunder basierende Rebsorte, die sehr resistent gegen Mehltau und auch widerstandsfähig gegen Spätfröste ist“, erklärt mir der Winzer. Während wir durch den Weinberg gehen, erfahre ich, dass Rolf Fehrmann das Gut überwiegend allein bewirtschaftet, nur im Sommerhalbjahr unterstützt durch einen Angestellten. Kein Wunder, dass zur Lese dann Familie und Freunde mithelfen müssen, um die Reben einzubringen. Von oben schweift mein Blick talwärts und bleibt am Winzerhof hängen. „Den haben wir völlig marode übernommen und mussten 2 Jahre bauen, ehe wir ihn 2002 als Wohnhaus beziehen konnten.“ Und darin wird auch der Wein gekeltert, nehme ich an? „Nein, wir sind klassischer Traubenerzeuger. Ausgebaut wird unser Wein bisher fast ausschließlich im Meißner Weinhaus von Georg Prinz zur Lippe, dessen Etikett die Flaschen dann auch tragen.“ Schade, ich hätte doch gern mal etwas von dem probiert, was hier sonnenverwöhnt reifte. „Kommen Sie mal, ich hätte da etwas für Sie.“ Neugierig folge ich dem Winzer die steilen Treppen hinunter, bis er mir im kleinen Gastraum eine Auswahl an Flaschen zeigt, die alle das Etikett „Weinbau Fehrmann“ tragen. „Das sind meine Hausweine, die Sie nirgendwo kaufen oder bestellen können, die gibt es nur bei mir! Denn eine kleine Menge lasse ich in der Nachbarschaft so keltern, wie ich es mir vorstelle!“ Dem ersten Schluck folgt ein zweiter, diesem ein dritter, bis ich mich danach erkundige, wann man denn offiziell und in größerer Runde einkehren könnte, denn eine Straußenwirtschaft wird ja offensichtlich nicht betrieben. „Kommen Sie zu den Adventssonntagen, oder nächstes Jahr zu Ostern oder Pfingsten. Oder Sie mieten sich einmal für eine Feier bei mir ein, das geht auch.“

Weingut Fehrmann

Weingut Fehrmann

Nun wird es aber Zeit, dass ich mich wieder auf den Weg mache. Beschwingten Schrittes geht es die Talstraße hinab, immer entlang des Lotzebachs, bis ich wieder am Ausgangspunkt in der Nähe der Bahngleise lande. Gnomenstieg. Was für ein Nachmittag!
Bertram Kazmirowski

Kontakt: Weinbau Fehrmann, Talstraße 62, 01156 Dresden, info@weinbau-fehrmann.de oder
http://www.weinbau-fehrmann.de

„Herzlich willkommen zur Kleinbürger Hochzeit!“

Die Landesbühnen punkten in der neuen Spielzeit mit dem Thema Familie

Puppenspieler Jonathan Strotbeck lässt seine Geschöpfe agieren

Puppenspieler Jonathan Strotbeck lässt seine Geschöpfe agieren

Es ist die enorme Fülle innerhalb des Spielplans der Landesbühnen Sachsen 2014/2015, die den Beobachter verblüfft und zugleich etwas erschreckt. Und die ihn fragen lässt „Wie will man das alles denn überhaupt schaffen?“ Zudem gesellt sich zu den vier traditionellen Sparten des Hauses (Ballett, Musiktheater, Schauspiel und Konzert) als fünfte und jüngste nun noch das Puppentheater als Teil des von Steffen Pietsch geleiteten „Jungen Studios“. Dieser Puppenspielbereich wird vor allem durch Jonathan Strotbeck verkörpert, der am Vormittag des 4. Septembers auch gleich zwei seiner Geschöpfe bemühte, um die herbeigeeilte Journaille im Glaskasten des Radebeuler Theaters standesgemäß zu begrüßen. Die beiden lassen sich auch nicht lange lumpen und produzieren sofort einen echten Fauxpas, indem sie ein „Herzlich willkommen zur Kleinbürger Hochzeit!“ in den Raum schmettern. Es sei ihnen an dieser Stelle noch einmal verziehen, denn sie sind neu auf dem Radebeuler Theaterparkett. Und schließlich lässt sich ja sowieso nicht alles mit einem ersten Blick überschauen. Vor allem der prall gefüllte Spielplan der neuen Spielzeit nicht. Der wartet dieses Mal mit einem ganz besonderen Highlight auf. Mit der Neueröffnung der einstigen Traditionsgaststätte „Goldene Weintraube“ nämlich. Die wird derzeit zu einer zünftigen Theaterkneipe umgestaltet. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz werkelten dort noch die Handwerker, im Oktober wird es dann einen direkten Zugang vom Foyer zur Gaststätte geben. So ensteht ein Ort zur Vor- und Nachbereitung für das jeweilige Theatererlebnis, aber auch ein Ort für Kontakte bzw. der Begegnung zwischen Künstlern und Publikum. Auch für eine theatergemäße Nutzung dieser Räume hält Intendant Manuel Schöbel schon einige Ideen bereit. Die Tragendste darunter ist wohl die Kombination von Gaststätte, Kantine und Theaterpodium. Man darf darauf genauso gespannt sein wie auf die dort stattfindende Puppenspielpremiere von Jonathan Strotbeck, der sich immerhin an dem anspruchsvollen Brechtschen Theaterstück „Die Kleinbürgerhochzeit“ versucht. Premiere ist am 25. Oktober 2014.
Schauspieldirektor Peter Kube, Musiktheaterchef Jan Michael Horstmann, Ballettchef Carlos Matos, Steffen Pietsch als Chef der Sparte Kinder- und Jugendtheater sowie Chefdramaturgin Gisela Kahl verwoben innerhalb der Pressekonferenz die verschiedenen einzelnen Bänder der Kunstsparten zu einem überschaubaren Ganzen. Das aber endet natürlich nicht mit dem Jahreswechsel 2014/15 sondern gestattet schon heute einen weiten Blick voraus; in die Freiluftsaison 2015 nämlich und damit vor allem auf die Felsenbühne Rathen. Die wartet mit einem sehr besonderen Highlight auf. Mit der Premiere des „Glöckner von Notre Dame“ im romantischen Felskessel. Verlockend ist aber nicht nur der Stücktitel selbst, sondern vor allem die Tatsache, dass Tom Pauls in die Rolle des Quasimodo schlüpfen wird. Winnetou reitet ebenfalls wieder im Wehlgrund. Es ist eine neu bearbeitete Inszenierung, die Olaf Hörbe einst für die Felsenbühne inszenierte. Die Regie für 2015 wird Manuel Schöbel selbst übernehmen.
Und natürlich hält auch das Musiktheater im Stammhaus wie immer allerhand Neues bereit. Insgesamt acht Premieren bietet die Sparte an, darunter Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“ (17.1.2015) und Paul Burkhards „Feuerwerk“ (4.4.2015).
Die Sparte Schauspiel hat insgesamt 12 neue Produktioen auf ihrer Agenda, darunter Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ (13.03.2015) und „Wie im Himmel“, die erfolgreich verfilmte Geschichte eines schwedischen Chores (am 1.5.2015). Carlos Matos bringt mit seiner Compagnie u.a. mit „Dido und Aeneas“, eine Tanztheaterversion der Oper Henry Purcells auf die Bühne (18.04.2015).
Garantiert aber ist für nahezu jeden Geschmack etwas dabei.

Wolfgang Zimmermann

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