Radebeuler Minaturen

Schwarz-Weiß

Ihr Ruf hat etwas Meckerndes, das ihrem sonst so würdigen Aussehen mit den schönen weißen Federn, die zwischen den blauen und schwarzen hervorblitzen, durchaus widerspricht: Erstaunlicherweise werden die Elstern – wie übrigens auch die Krähen – von Tiervater Brehm unter die Singvögel gezählt. Immerhin läßt sich daraus der Erfolg diverser moderner Musikrichtungen erklären …
Den Elstern wird aber auch – wie abermals den Krähen – eine gewisse Pfiffigkeit nachgesagt, wenn es darum geht, sich in aussichtsloser Situation unzugängliche Nahrungsquellen zu erschließen. Kurz: sie verfügen über ein Maß an Intelligenz, das kein Computer je erreichen wird und das wir uns angewöhnt haben, dem Tierreich abzusprechen.
Zudem wird ihnen eine nicht geringe Vorliebe für Glitzerzeug nachgesagt, die sie nachgerade menschenähnlich macht: Gold und Silber schmücken die Frau, mit der sich im Anschluß der Mann schmückt. So hieß es jedenfalls über Jahrhunderte, und es gibt Gegenden, da ist das heute noch so. Das Wort „Putzsucht“ ist jedenfalls nicht von vornherein mit der Streben nach Reinhaltung der eigenen vier Wände gleichzusetzen.
Während ich mit dem Staubsauger durch die Wohnung fahre, sagt Ulrike, ich weiß gar nicht, wovon du redest.
Ich rede von Elstern.
Wir hatten damals in Hellerau einen privaten Milchmann. Der kam jeden Morgen um neun und hielt unterm Pilz bei den alten Garagen, wo er schon von Rentnerinnen und Kindern erwartet wurde. Das mag jetzt an die sechzig Jahre her sein, doch ich erinnere mich noch gut an den damals brandneuen Barkas mit dem Kastenaufbau, dem gekühlten Tank mit der Milch, die in die mitgebrachten Kannen gefüllt wurde, und dem großen Korb mit den unvergeßlichen frischen Semmeln.
Mein Freund Peter – und damit komme ich wieder auf die Elstern – stand jedenfalls mit Kanne am Arm und Geld in der Faust in der Schlange, über der die Vögel krakeelten. Der schon immer etwas altkluge Junge wollte sich nun einen Spaß machen und hielt sein Zweimarkstück provokativ in die Höhe. Doch ehe er sichs versah, stieß eine Elster zu, griff nach dem Geld und verschwand in den Wipfeln. Von oben war nun triumphierendes Krächzen zu hören, während der Junge unten in Tränen ausbrach: ohne Geld und ohne Milch durfte er sich nicht nach Hause wagen. Schließlich reichte ihm eine mitleidige Oma ein neues Geldstück mit den Worten, diesmal paß aber besser auf!

Die Geschichte fiel mir ein, als ich neulich vom Finanzamt die Aufforderung erhielt, für meine Steuererklärung künftig das Programm „Elster“ zu benutzen.
Wie? Dachte ich, sehen die sich wirklich so?
Wie auch immer, am Ende bleibt die Warnung der Oma von damals: Diesmal paß aber besser auf! Gewarnt bin ich jedenfalls.

Thomas Gerlach

Noch eine Glosse?

Meschugge

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zeiten immer verrückter werden. Dass dieser Zustand aber offensichtlich schon einige hundert Jahre andauert, hat mich allerdings schon überrascht, wo doch immer von der guten alten Zeit gefaselt wird. Bereits im 19. Jahrhundert sah man sich genötigt, extra aus dem Hebräischen/Jiddischen ein spezielles Wort ins Deutsche zu übernehmen. Das Lehnwort „meschugge“, was so viel bedeutet wie „verrückt“, kam in Mode. Und wieder einmal war es Berlin, von wo aus sich diese Masche in den deutschen Landen verbreitete. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Ich weiß ja nicht, wie es gegenwärtig den werten Lesern so geht, mir aber dreht sich das „Rad der Geschichte“ einfach zu schnell. Dabei kann ich mich noch gut an die Zeit erinnern, als kein Handy klingelte, wenn ich von der Altstadtschule nach Haus kam. Auch musste ich nicht im Internet surfen, um meine Schularbeiten zu erledigen. Da dudelten höchstens auf Radio Luxemburg die neuesten Schlager und ich hatte genug Zeit, um mir mit meinen Freunden so manchen Blödsinn auszudenken oder wie man heute sagen würde, abzuhängen. Gegenwärtig müssen ja die Schüler ihre Kindheit überspringen, um möglichst frühzeitig fit für die Wirtschaft zu sein. In dem Zehnparteien-Haus in einer sächsischen Kleinstadt, in dem ich meine Jugend verbrachte, hatten zwei Familien einen Telefonapparat. Bis 1989 verbesserte sich die Lage kaum. Nur 16 Prozent der DDR-Haushalte besaßen einen entsprechenden Anschluss! Da haben wir eben die Oma öfters besucht oder eine Postkarte für 10 Pfennige geschrieben. Hat halt etwas länger gedauert. Ein Notfall war allerdings nicht eingeplant.
Bei Autos sah es deutlich besser aus. Immerhin verfügten 1988, dank der „Gehhilfe“, etwa 55 von 100 Haushalten über einen Personenkraftwagen. Heute besitzt statistisch gesehen jeder zweite Einwohner ein Auto! Mehr Zeit haben wir aber trotzdem nicht. Unsere Wohnungen sind vollgestopft mit gefühlt tausenden technischen Geräten, sogar die Zähne können wir uns nicht mehr selber putzen. Mitunter haben wir schon Schwierigkeiten, die technischen Wunderwerke an- und auszuschalten. Reparatur meist sinnlos. Da kaufen wir uns halt ein neues Gerät. Wir haben es ja – das zumindest glauben die meisten. Wer würde denn heute beim örtlichen Gemüsehändler noch loses Sauerkraut in einer Zeitungspapiertüte kaufen? Dabei enthalten die meisten der heute in Europe hergestellten Bogenoffset-Druckfarben weder Mineralöle noch Schwermetalle! Selbst wenn ein Kleinkind den Leitartikel der Sächsischen Zeitung „verspeisen“ würde, muss niemand in Panik ausbrechen.
Was mich aber wirklich meschugge macht, ist die ständige Hatz nach den Dingen, die Gier nach neuen Amüsements, die permanente Anmache, irgendetwas zu supergünstigen Bedingungen erwerben zu sollen, unbedingt irgendwo dabei sein zu müssen, etwas mitzumachen, ständig seine Meinung kundzutun, die neurotische Angst, zu spät zu kommen, irgendetwas zu verpassen, nicht mehr „in zu sein“. Wir sind technisch hochgerüstet, aber beim Psychologen in Behandlung. Die Supermärkte und Discounter laufen über, aber viele Menschen haben eine Essstörung.
Was ist denn da im Oberstübchen nicht mehr richtig? Insgesamt 33,3 Prozent der weiblichen und 22,0 Prozent der männlichen Bevölkerung leiden an psychischen Erkrankungen! Die Krankschreibungen auf diesem Gebiet sind seit 2006 um 50 Prozent gestiegen! Die „Depressive Episode“ ist zur dritthäufigsten Einzeldiagnose in den letzten 20 Jahren aufgestiegen und die diesbezüglichen Erkrankungen unter den Kindern und Jugendlichen haben um 24 Prozent zugenommen!
Wer dreht denn hier fortwährend am Rad? Woher kommt denn diese Unruhe, diese Hatz, der Leistungsdruck, der Zwang zur permanenten Selbstoptimierung, die Auffassung, ständig erreichbar sein zu müssen, selbst beim Toilettengang?! Mancher Erdenbürger meint gar sein Handy oder iPhone nie mehr weglegen zu können. Da bildet sich dann auch beim allgemeinen Schreibtischarbeiter wieder die typische gekrümmte Arbeiterhand aus. Es gibt Arbeitsstellen, die sich herausnehmen, noch bis 22 Uhr(!) den Dienstplan für den nächsten Tag per Mail durchzugeben! Liegt es vielleicht nicht nur an den abhängigen Angestellten oder den willfährigen Konsumenten? Kann es sein, dass die ganze Gesellschaft, der gierige Neoliberalismus, am Rade dreht?
In meiner Kindheit war kein Schüler beim Psychologen und meschugge hat uns auch keiner gemacht. Da will ich mal hoffen, dass die Sprachwissenschaftler recht behalten und es sich bei dieser bezeichneten Situation „verrückt zu sein“ nur um „einen vorübergehenden Zustand“ handelt. Denn in der Ruhe liegt die Kraft, meint

Euer Motzi

Alles über Nischen in Radebeul

Foto: D. Lohse

Etwa zwei Dutzend davon findet man in unserer Stadt und sie führen kein Nischendasein! Man muss nur etwas genauer hinschauen, sagen wir, man findet sie auf den zweiten Blick.

Foto: D. Lohse

Vor allem die Baumeisterfamilie Ziller und auch die Großes haben hin und wieder bei ihren zwischen 1850 und 1900 errichteten Häusern derartige Nischen in die Fassaden integriert. Ganz grob betrachtet ist eine Nische eine konkave Form in eine Außenwand. In dieser Zeitspanne traten sie häufig auf, doch es gibt auch Ausnahmen, wo Nischen stilistisch anderen Zeiten angehören. So finden wir zwei große, jeweils mit Sandsteinbänken besetzte Nischen am Sockelgeschoss

Foto: D. Lohse

des Belvederes bei Schloss Wackerbarths Ruhe, in der Form 1779 entstanden. Es sind die ältesten Nischen, die ich in Radebeul finden konnte. Nischen sind Gestaltungselemente, die die Fensterordnung bereichern oder eine Wand gliedern, d.h., sie sitzen dort, wo ohne die Nische vermutlich eine gestalterische Lücke entstanden wäre. Die hier betrachteten Nischen sind halbrunde oder auch flache Vertiefungen in einer Außenwand, die einen halbrunden oberen Abschluss haben. Eine Sonderform dieser Spezies ist eine kreisförmige, also fast halbkuglige Nische, wie wir sie in der Zillerstraße 4 mit einem „behüteten Frauenkopf“ vorfinden.

Foto: D. Lohse

Hier nun erstmal ein Zitat aus einem älteren „Handbuch für die Denkmalpflege“ von 1911:
„Nische, vom französischen niche, italienisch nichia von nichio = Muschel, eine halbrunde Vertiefung in einer Mauer“.
So eine Nische ist wie eine kleine Bühne auf der sich eine Figur oder Plastik präsentieren kann – eine Nische verlangt geradezu nach einem Schmuckelement, einem Star, um bei dem Begriff Bühne zu bleiben. Solche Ausschmückungen der Nischen fanden

Foto: D. Lohse

üblicherweise in der Entstehungszeit des Hauses, eines Landhauses oder einer Villa statt, dann sind sie ein authentischer Schmuck. Es mag auch vorgekommen sein, dass ein paar der Nischen nicht gefüllt wurden, weil der Hausbau so viel Geld verschlungen hatte und man an dem Punkt sparen musste. Oder eine Figur wurde in der Folgezeit gestohlen oder verbracht. Wenn man heute eine leere Nische wieder schmücken möchte, ist die Bandbreite der

Foto: D. Lohse

Möglichkeiten größer, von, dem ursprünglichen Stil des Hauses möglichst nahekommend, über, was der Baumarkt („Gipsgärten“) gerade bietet, bis zu kontrapunktisch, also selbst gebastelt, was dann manchmal auch eine heitere Note hat.
Mit der Betrachtung von Nischen möchte ich mich insofern abgrenzen, daß ich auf keine Blindfenster, das sind von Anfang an aus gestalterischen Gründen zugemauerte Fenster (was auch in der 2. Hälfte des 19. Jh. vorkam) und auch keine ehemaligen, aber später zugesetzten Fenster, eingehen möchte, weil hier die halbrunde Vertiefung fehlt. Ausnahmen bilden die Nischen der baugleichen Zillerhäuser

Foto: D. Lohse

Schweizerstraße 15, 17 u. 19 und der Zillerhäuser Eduard-Bilz-Str. 17, 20 und 24 mit glattem Abschluss der Rückwand. An den Stellen dieser flacheren Nischen hatte es auch früher keine Fenster gegeben. Alle drei Nischen sind jetzt mit unterschiedlichen Figuren bestückt. Herr Adam, Eigentümer der Schweizerstraße 17, erklärte mir, das seine Nische beim Erwerb des Hauses leer war und er in den frühen 60er Jahren bei der Dresdner Firma Drescher (Marmor, Kunststein und Terrazzo) eine größenmäßig passende, musizierende Kunststeinfigur erworben hatte.

Foto: D. Lohse

Unsere Nischen finden wir sowohl in der EG-Zone, als auch im OG der betrachteten Häuser. Manchmal bilden sie mit benachbarten Fenstern eine Dreiergruppe, wie z.B. im Gradsteg 41. Sie können ein Gewände ähnlich wie bei Fenstern oder nur eine Putzkante haben. Die runde Bodenfläche der Nische hat oft eine auskragende Rundung, die auf einer Konsole ruht. Beide Radien der Bodenfläche vor und hinter der Wandflucht bilden in dem Falle einen Kreis. Manchmal sind Nischen in der Fassadenfarbe gestrichen oder sie wurden farblich kontrastierend zur Fassade behandelt, wenn eine besondere Hervorhebung der Nische beabsichtigt war oder ist.

Foto: D. Lohse

Nischenfiguren oder -plastiken können aus Sandstein oder aus einer steinähnlichen Masse (z.B. von der Firma March u. Söhne, Charlottenburg) bzw. aus Kunststein oder Keramik bestehen.
Die Figuren, zumeist Damen, wollen Charaktere darstellen, bzw. Haltungen rüberbringen: die Schöne, die Frömmelnde, die Kesse oder an eine antike Tugend erinnern, auch eine Figur darstellend, die man aus der Bibel kennen sollte, oder manchmal auch etwas Erotik aufkommen lassen.

Foto: D. Lohse

Bei meinen Fototerminen traf ich Hausbesitzer, die durchaus stolz auf ihre Nische mit Originalfüllung sind und mir gestatteten, näher zu treten, wie in der Wettinstraße 9 und der Weinbergstraße 26 geschehen. Die Nische in der Wettinstraße ziert eine etwa lebensgroße Dame, die vor nicht allzu langer Zeit von der bekannten Dresdner Bildhauerfamilie Hempel restauriert worden ist, so erzählte es mir der Eigentümer Herr Müller. Die prächtige Vase von der

Foto: D. Lohse

Weinbergstraße 26, auch ein Originalstück, wird in der Wirkung dadurch gesteigert, dass das Halbrund in einem Rotton (die Farbe ist hier etwas brüchig geworden, was aber authentisch wirkt) gestrichen ist. Diesen roten Nischenfond finden wir auch bei anderen Radebeuler Nischen, z.B. bei den Zillerhäusern Bennostraße 23 und Zillerstraße 2. Die letztere Adresse ist eigenartigerweise kein ausgewiesenes Kulturdenkmal, dennoch hatte der Eigentümer den Anspruch, die leere Nische mit „etwas Lebendigem“ zu füllen.

Foto: D. Lohse

Die Konfektionsware aus aktuellem Handel trifft es gestalterisch gut, die Figur hätte vielleicht ein klein wenig größer in Bezug auf die vorhandene Nische sein können. Vorübergehende hörte ich sagen, dieses in Etappen sanierte Haus wird immer schöner – gut so! Auf der Eduard-Bilz-Straße 24 hatte eine Lehrerin und Künstlerin die Idee, hier eine selbstgefertigte, stark abstrahierte Sandsteinfigur, man könnte sich einen Engel vorstellen, in die Nische zu stellen. Ich erinnere mich, dass eine der zwei Nischen am Haus Borstraße 14 vor etwa 15 Jahren mit einer von Frau Hoferick geschaffenen, modernen Keramikfigur (für die Nische bißchen zu klein) geschmückt war, ein lustiges Bild. Hier war der Hintergrund, dass die Figur zugleich Werbung für das damals darunter befindliche Keramikstudio war. Ein Verkauf des Hauses über Makler änderte die Verhältnisse, so dass die Nische heute wieder leer steht, schade. Nett geschmückt fand ich auch die Nische am Haus Pestalozzistraße 39, die in Ermangelung einer originalen Figur mit einem Stück Natur, einem Uhu, wohl aus Keramik, gefüllt wurde. Bei dem zum Krankenhausgelände gehörenden Gebäude (Umbau von 1912) Borstraße 28 dient die leere Nische, die wie der Altan vom Vorgängerbau um 1880 stammt, einem eher praktischen Zweck – darin steht ein voller Aschenbecher, merke: hier ist die Raucherinsel. Eine leere Nische der Villa Columbia an der Mohrenstraße zeigt deutlich das oben erwähnte Muschelmotiv. Die beiden kleinen Nischen an der Moritzburger Straße 19 waren bis etwa 2000 mit zwei Originalfiguren besetzt. Über Nacht wurden sie von dreisten Dieben aus der Höhe des OG gestohlen. Der Diebstahl konnte bisher nicht aufgeklärt werden, so dass die Nischen nach wie vor leer stehen. Bei aller Freude über die bewohnten und unbewohnten Nischen sollte man auch einem technischen Nebeneffekt Beachtung schenken. Hier muss nicht immer, kann aber häufig eine kleine Kältebrücke entstehen, wenn die gerundete Wand weniger Mauerwerksdicke hat als die sonstige Außenwand. Rein rechnerisch dürfte der Wärmeverlust aber eher vernachlässigbar gering sein.
Die aufgeführten Häuser mit Nischen sind zum überwiegenden Teil Kulturdenkmale, somit ist der Erhalt der Nischen sowie der originalen Plastiken gesichert. Bei Veräußerung einer der Immobilien muss die Figur beim Haus verbleiben. Anders könnten nur später hinzugefügte Figuren behandelt werden.
Hier sind noch die Häuser mit Nischen zusammengefasst, die Zahl dahinter gibt an wie viele Nischen unter der Adresse zu finden sind. Die Zusammenstellung könnte nicht 100% des Radebeuler Bestandes wiedergeben, aber mindestens 90% dürften es sein:


Liste

Zum Schluss muss ich unumwunden zugeben, dass ich in einem zurückliegenden Lebensabschnitt das Wort Nische mit „ie“ geschrieben habe, so wie man’s spricht eben. Setzen „4“ würde mein Deutschlehrer gesagt haben, aber ich habe mich ja gebessert.

Dietrich Lohse

Droht ein weiterer kultureller Verlust?

Bewegung im Fall „Serkowitzer Gasthof“

Lichtinstallation an der Fassade des ehemaligen Serkowitzer Gasthofs Foto: R. Zabka

Wie von Reinhard Zabka zu erfahren war, hat der Betreiber des Lügenmuseums in Serkowitz vom Radebeuler Oberbürgermeister bereits Anfang dieses Jahres Post erhalten. Neben Hinweisen auf die Erwerbsgeschichte verweist OB Bert Wendsche auf die nach wie vor bestehende Absicht, das Gebäude erneut zur Ausschreibung zu bringen. Gleichzeitig erinnert er an die 2012 abgeschlossene Vereinbarung über eine zeitweilige Nutzung des Objektes durch Herrn Zabka und versichert, nach erfolgter interner Beratung, den Mieter umgehend über die Ergebnisse zu informieren.
Der Oberbürgermeister hatte damit auf ein Ersuchen von Reinhard Zabka nach einer finanziellen Unterstützung zur Absicherung der einmaligen Einrichtung geantwortet, die durch die Corona-Pandemie in existenzielle Not geraten ist. In diesem Zusammenhang verweist OB Bert Wendsche auf die Hilfsprogramme vom Bund und Land und regt gleichzeitige eine Absprache mit der derzeitigen Kulturamtsleiterin Frau Dr. Lorenz an, die allerdings voraussichtlich erst wieder Ende Februar angesprochen werden kann.
Soweit korrekt und auch für alle nachvollziehbar. Nun sind aber seit 2012 fast zehn Jahre ins Land gegangen. Die Lage von damals, als diese Vereinbarung getroffen wurde, entspricht natürlich nicht mehr der Situation von heute. Was als eine Notunterkunft gedacht war, hat sich im Laufe der Jahre zu einer etablierten wie mindestens bundesweit einmaligen Einrichtung entwickelt, auch wenn das der Sächsische Museumsbund so nicht sehen mag. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Dies ist nicht nur an den zahlreichen Bekundungen nationaler und internationaler Experten, Künstler und weiterer Persönlichkeiten sowie auch von Einrichtungen zu erkennen, sondern ebenso am internationalen Wirken des Künstlers Reinhard Zabka selbst, welches bis zur Biennale nach Venedig ausstrahlte. Dieses Lügenmuseum in Radebeul entwickelte sich in den zehn Jahren zu einer international anerkannten Adresse.
Aber auch die Situation in der Stadt hat sich enorm verändert. Die kulturelle Szene musste herbe Verluste hinnehmen. Das Museum Hoflößnitz spezialisierte sich vom Radebeuler Stadtmuseum zum Sächsischen Weinbaumuseum, die Puppentheatersammlung und das DDR-Zeitreisemuseum mit Radebeul-Bezug sind ganz aus der Stadt verschwunden und das Eisenbahnmuseum ist geschlossen, den Chören fehlt es an geeigneten Probenräumen, um nur einiges aufzuzählen.
Wäre es da nicht höchste Zeit, darüber nachzudenken, wie der Künstler Reinhard Zabka und sein Lügenmuseum in der Stadt gehalten werden kann und wie man gemeinsam zu einer tragfähigen Lösung kommt? Hier handelt es sich nicht um die Bevorzugung eines einzelnen Künstlers. Vielmehr geht es um die prinzipielle Haltung zur künstlerischen Arbeit überhaupt. Reinhard Zabka hat über viele Jahre der Stadt, seinen Bürgern und allen Interessierten seine vielfältigen Leistungen zur Verfügung gestellt und die Szene außerordentlich belebt. Wer den Kunstpreisträger Reinhard Zabka aus der Stadt treibt, muss sich fragen lassen, welche Absicht damit verfolgt wird und welches kulturpolitische Konzept dem zugrunde liegt? Im Interesse seiner Bürger kann eine derartige Position nicht toleriert werden. Dabei wurde die kulturhistorische Bedeutung des Gebäudes „Serkowitzer Gasthof“ noch nicht einmal in den Blick genommen. Deshalb scheint es dringend geboten, den Prozess der Ausschreibung des Gasthofes auszusetzen und endlich eine offene Diskussion mit dem Ziel des Erhalts des Lügenmuseums zu beginnen.

Karl Uwe Baum

 

 

(Wieder-)Entdecken lohnt sich!

Foto: S. Graedtke

War es in der Zeit vor Corona üblich gewesen, dass ich ganz selbstverständlich den Veranstaltungskalender für Bühnen der Stadt Dresden und der Umgebung zur Hand nehme und je nach Lust und Laune spontan ein zumeist passendes Angebot finden konnte, so erfordert die noch immer nicht überwundene Pandemie eine sorgfältigere Planung. Vor jedem abendlichen Theater- oder Konzertbesuch stellen sich viel mehr Fragen als früher: Wo wird überhaupt schon wieder regelmäßig gespielt? Unter welchen Bedingungen? Gibt es eine Abendkasse oder muss ich vorher eine Eintrittskarte kaufen? Dass aber auch gründliche Planung in jüngerer Vergangenheit manchmal nicht zum erhofften Ziel führte widerfuhr mir selbst Anfang Februar, als ich mit einer größeren Gruppe eine Aufführung von „Der zerbrochene Krug“ in den Landesbühnen besuchen wollte, jedoch eine Woche zuvor mich die Nachricht über die Vorstellungsabsage erreichte. Zumeist ertappte ich mich in den letzten Wochen und Monaten dabei, vor allem an den sogenannten großen Bühnen – Staatstheater, Philharmonie, Operette, Landesbühnen – nach Aufführungen zu suchen, bis meine Aufmerksamkeit eher zufällig wieder auf ein auch Radebeuler Theaterfreunden vertrautes, weil nahegelegenes Haus gelenkt wurde, das Theaterhaus Rudi in Dresden-Trachau. Über einige Jahre war dieses von der Stadt Dresden geführte kleine Haus mit Veranstaltungstipps in unserem Heft vertreten und damit auch unseren Lesern präsent gewesen, jedoch machte die Pandemie Inserate dieser Art seit etwa zwei Jahren leider fast durchweg hinfällig. Ein Besuch im „Rudi“ Mitte Februar und ein Blick auf das Programm für den März veranlassten mich zu diesem Beitrag, der durchaus als Ermutigung verstanden werden darf, die im „Rudi“ – und nicht nur dort! – auftretenden freien Theatergruppen mit einem Besuch zu würdigen und zu unterstützen. Denn die Amateurtheater nicht weniger als die professionellen Bühnen brauchen uns Besucher auf dem Weg zurück zur gelebten Angebotsvielfalt! Das Monatsprogramm für März weist dabei schon genau in diese Richtung, denn insgesamt fünf verschiedene kleinere Ensembles präsentieren ihre jüngsten Produktionen. Die Palette reicht dabei von einer Premiere des Musiktheaters Expression am 4. März über die Uraufführung eines englischsprachigen Stückes des in Dresden seit Jahren etablierten Eclectic Theatre am 11. März bis hin zu Aufführungen der Gruppe Spielbrett und des Figurentheaters Jörg Bretschneider. Mit je einer Aufführung sind auch ein Seniorentheater und die Theatermanufaktur Bianka Heuser vertreten. Die Eintrittspreise sind im Rudi durchweg familienfreundlich gehalten, genauso wie die Aufführungszeiten, denn allein im März beginnen fünf Veranstaltungen entweder am Vormittag oder am Nachmittag. Nicht vergessen werden darf auch das angeschlossene Theatercafé, das ein angenehmes Ambiente bietet, um den Abend einläuten oder ausklingen zu lassen. Und wer will, kann mit der Straßenbahn direkt bis vor die Türe fahren, um sich die Parkplatzsuche zu ersparen.
Bertram Kazmirowski
Nähere Informationen finden sich unter www.theaterhaus-rudi.de

Der dreifache Thomas

Persönliche Worte zum Siebzigsten von Thomas Gerlach

Selbst von Anfang an in der Redaktion des Monatsheftes „Vorschau & Rückblick“ mit dabei, erinnere ich mich noch gut an ein kleines Gedicht von Thomas Gerlach in der ersten Ausgabe. Es besteht aus einer kurzen Strophe und endet mit einem Frage- als auch einem Ausrufezeichen. Schon damals überraschte es mich, ob seiner eigenwilligen Form. Seitdem ist Thomas in nahezu jedem Heft mit Beiträgen verschiedenster Art präsent.

Schweigen im Angesicht der Weite Foto: K. (Gerhardt) Baum

Zu unserer letzten Redaktionssitzung des vergangenen Jahres hieß es nun: „Der Thomas Gerlach wird bald siebzig, wer schreibt?“ Dass ich ihn bereits zu einer Zeit kannte, als er noch keinen Bart getragen hat, beeindruckte die anderen in der Runde sehr. „Aber ob das reichen würde, um über ihn zu schreiben…?“ Was Thomas und mich über all die Jahre verbindet sind Humor, Verlässlichkeit und die Liebe zu Radebeul. Vielleicht doch eine gute Grundlage, um über einen Mann zu schreiben, den gefühlt die halbe Stadt zu kennen meint, was wohl eher seinem langen Bart geschuldet ist.
Sowohl im höheren als auch im eigenen Auftrag hatte ich mich nun bei Thomas Gerlach zu abendlicher Stunde eingeladen, denn auch ich wusste nicht alles über ihn. Das Haus „Möbius“, welches er mit seiner Frau Anna bewohnt, gehört zu den ältesten Winzerhäusern in der Niederlößnitz. Eine abenteuerliche Stiege führte mich in die Wohnetage. Die winzige Stube wirkte gemütlich. Ein wärmendes Feuer loderte im Ofen. An den Wänden hing Kunst. Zwei Gemälde mit Thomas Gerlachs Konterfei dominierten den Raum. Und so blickte ich während der ganzen Zeit meines Besuches auf den dreifachen Thomas. Das war in der Tat eine recht eigenwillige Konstellation. Der Rotwein vom Gerlach´schen „Lieblingsitaliener“ löste die Zungen. Aber alles blieb im verträglichen Maße, denn der sechsfache Thomas wäre wohl auch für mich ein wenig zu viel geworden. Manches, worüber wir an diesem Abend sprachen, war mir neu. Die Fakten, Ereignisse und Histörchen häuften sich. Wo also anfangen und wo aufhören?
Natürlich könnte ich über unsere persönlichen Beziehungen schreiben. Mit meiner Familie wohnte ich in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir feierten gemeinsame Kinderfeste und diskutierten heftig über Literatur und Politik. Die Meinungen waren zwar oft kontrovers, doch das Vertrauen wurde nie missbraucht. Auch in den folgenden Jahren sollten wir uns zu unterschiedlichen Anlässen immer wieder in Radebeul begegnen. Da wo in der Stadt etwas in Bewegung war, da wo es um Kultur, Architektur, Denkmalpflege oder Stadtgeschichte ging, da war auch Thomas Gerlach anzutreffen.

Zur Eröffnung des Intermedialen Sommerprojektes »Heimat – die ich meine« 2006 in der Stadtgalerie Radebeul Foto: K. (Gerhardt) Baum

Aufgewachsen ist er in Hellerau. In einen Kindergarten hat er nie gewollt. Was er brauchte, fand sich hinterm Haus. Da waren Wiese, Acker und Bäume, auf denen man sitzen und träumen konnte. Auch was sich unter der Erde befand, zog ihn magisch an. Bereits als Elfjähriger hat er auf dem Heller bronzezeitliche Gräber geborgen. So war er dann auch 1965 als Schüler bei den Ausgrabungen einer früheisenzeitlichen Wallanlage dabei, wie in einschlägigen Fachpublikationen nachzulesen ist. Von da an stand sein Berufswunsch fest: Grabungstechniker. Voraussetzung dafür war eine abgeschlossene Lehrausbildung, die ihn zum Vermessungsfacharbeiter werden ließ. Dann begann seine berufliche Laufbahn beim Landesmuseum für Vorgeschichte.

Sich für andere einsetzen und Haltung zeigen ist wohl bei Thomas ein Wesensmerkmal, egal in welchem gesellschaftlichen System. Ab Mitte der 1980er Jahre engagierte er sich im Radebeuler Friedensarbeitskreis der Friedenskirchgemeinde.
Ab 1990 war er in seiner dann zum Amt mutierten Dienststelle Personalratsvorsitzender, davon die letzten vier Jahre hauptamtlich, bis er 2011 in den Ruhestand eintrat.
In Radebeul hat er familiäre Wurzeln. Die Schwester des Vaters, die Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach, lebte in Radebeul im Hause der Vorfahren. Ein Besuch bei der Verwandtschaft war von Hellerau aus mit einer zweistündigen Fußwanderung verbunden. Schließlich zog Thomas 1977 zu seiner Partnerin, der späteren Ehefrau, und den Kindern in das bereits erwähnte Haus „Möbius“ nach Radebeul.
Leicht wäre es möglich, alle weiteren Lebensstationen in chronologischer Folge aufzuzählen. Vermutlich würde es den Lesern dann aber so ergehen wie mir, dass sie ob der zahlreichen Verästelungen alles nicht mehr so genau zuordnen könnten. Deshalb werde ich mich auf einige wenige Aspekte beschränken, die mir wichtig sind und bei denen sich unsere Wege immer wieder gekreuzt haben; nicht zuletzt dank Vorschau & Rückblick!
Was bei Thomas bereits in frühester Jugend mit hand- oder schreibmaschinegeschriebenen Texten auf A4-Blättern begann, nahm allmählich kompaktere Formen an. Der erste schmale Band „zugefallen“ erschien zur Jahrtausendwende mit Lyrik und Kurzprosa in einer Auflage von 100 Exemplaren in digitalem Druck und Paperback im Notschriftenverlag. Kaum ein Jahr später erfolgte die zweite Auflage.
Die jüngste Publikation „einen Stern spüren“, veröffentlicht 2021, in Hardcover, von feinster Papier- und Druckqualität, ist sorgfältig und anspruchsvoll gestaltet. Die Texte von Thomas Gerlach korrespondieren mit den kraftvollen Farbholzschnitten von Michael Hofmann. Die Freude an beider Zusammenarbeit ist dem heiteren Büchlein anzumerken. In der Kurzvorstellung heißt es: „Thomas Gerlach … lebt und denkt in Radebeul“. Das klingt nach Ankunft und Heimat. Sich Autor zu nennen, ist Thomas Gerlach zunächst recht schwergefallen. Er fürchtete den Vorwurf der Hochstapelei. Doch mit wachsendem Bücherstapel fand er die Bezeichnung schließlich angemessen. Einen Überblick gibt das Verlagsprogramm des Notschriftenverlages, darunter Gedichtbände, Geschichtenbücher, Radebeul-Bücher, häufig auch in Zusammenarbeit mit Künstlern, Architekten und Denkmalpflegern.
Die Zusammenarbeit mit dem Architekten und Zeichner Thilo Hänsel war besonders ergiebig. Es entstanden gemeinsame Schriften zur Stadt- und Baukultur, Publikationen über die Baumeisterfamilie Gebrüder Zilller und die Mühlen im Lößnitzbachtal. Eine gemeinsame Schiffsreise auf der Elbe mündete im Band „Elbigramme“ und eine Wanderung vom Tal übern Berg führte zum Band „Höhenwind“.
Zu den engen Wegbegleitern von Thomas gehörten und gehören, u.a. der Landeskonservator Prof. Heinrich Magirius, die Architekten Tilo Kempe, Thilo Hänsel und Dr. Dietmar Kunze, die Maler und Grafiker Dieter Beirich und Michael Hofmann sowie der Pfarrer Wolfram Salzmann. Schon an dieser Aufzählung ist zu erkennen, dass Thomas Gerlach sich nicht nur einer Sache in seinem bisherigen Leben gewidmet hat.
Vor allem Radebeul und die Baukultur ist ein Kapitel, bei dem der Name Gerlach nicht fehlen darf. Bereits ab Mitte der 1960er Jahre gab es zwar, wie von Dietrich Lohse (V&R 1990/07) beschrieben, ein sehr engagiertes „Aktiv für Denkmalpflege“ in Radebeul. Doch der gesellschaftliche Umbruch bildete vor allem auch auf diesem Gebiet eine gravierende Zäsur. Dessen war man sich durchaus bewusst. Im März 1990 hatte sich in der Stadt eine Ortsgruppe des Bundes der Architekten konstituiert. Noch im gleichen Jahr wurde vorsorglich von diesem eine Ortsgestaltungssatzung angemahnt (V&R 1990/08) und im Mai 1992 rief der Architekt Dr. Dietmar Kunze zur Gründung eines Fördervereins für Denkmalpflege und Baukultur auf (V&R 1992/05). Die Gründung des Vereins mit dem eigentlich viel zu langen Namen „verein für denkmalpflege und neues bauen“ erfolgte am 25. Februar 1993 im „Haus Lotter“. Ab 1997 wurde, angeregt durch den Architekten Tilo Kempe, ein Bauherrenpreis zur Förderung von Architektur und Baukultur in Radebeul ausgelobt. Zehn Jahre später bemerkt Thomas Gerlach dazu mit feiner Ironie: „Vielleicht kann das ja doch eines Tages dazu führen, das allgemeine Unwohlsein innerhalb der Gesellschaft wenigstens beim Anblick eines preisgekrönten Hauses punktuell zu mildern.“
Erklärtes Ziel des Vereines war und ist es, zur Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul als Villen- und Gartenstadt beizutragen. Zum Vorsitzenden des Vereins wurde damals Thomas Gerlach gewählt, der zusammen mit den Mitgliedern eine Vielzahl von Initiativen ausgelöst hat. Wer sich dafür interessiert, kann das alles, sehr gut dokumentiert, in der Vereinschronik nachlesen. Den Vereinsvorsitz gab Thomas Gerlach nach 13 Jahren ab. Ihm folgte 2006 Dr. Jens Baumann nach, welcher die Funktion bis heute innehat. Dass es einen solchen Verein in Radebeul gibt, ist ein großes Glück für unsere Stadt, denn die zerstörerischen Begehrlichkeiten sind immens.
Nun hat sich Thomas Gerlach nicht nur als Autor und Vereinsvorsitzender einen Namen gemacht. Vielmehr kann man ihn auch als Redner zu den verschiedensten Anlässen erleben. So kreuzten sich unsere Wege immer wieder und sei es zu den Modenschauen der Ladengalerie Ulysses, die einstmals auch in der städtischen Galerie stattgefunden haben, deren Leiterin ich war. Die Moderation von Modenschauen durch Thomas Gerlach gehörte wohl zu den köstlichsten Missverständnissen in seinem Leben, denn in „Sachen Mode“ hatte er sich wahrlich nie hervorgetan. Sein Kommentar hierzu war entwaffnend knapp und direkt: „Von schönen Frauen umgeben zu sein, wer kann da was dagegen haben?“ Ja überhaupt, der Thomas und die Frauen! Da wundert sich so manch ein Leser der monatlichen „Miniaturen“ recht besorgt: Was treiben Sonja und Ulrike an des Dichters Frühstückstisch?
Als „Meister der kunstvollen Rede“ war und ist Thomas sehr gefragt. Aufgedrängt aber habe er sich nie und abgelehnt eher selten. Selbst einem Kuhstall vermochte er intellektuellen Glanz zu verleihen. Das Spektrum der Themen ist breit und Thomas fragte sich mitunter selbst: „Wissen die eigentlich, wen sie sich da als Redner eingeladen haben?“.
In schöner Regelmäßigkeit sprach er zu den thematischen Sommerprojekten der Radebeuler Stadtgalerie. Beschränkte er sich zunächst auf eine wortspielerische Rede zur Eröffnungszeremonie, verspürte er zunehmend Lust, sich mit einem eigenen Kunstobjekt an den Gemeinschaftsausstellungen zu beteiligen.
Thomas Gerlach hielt Reden zu Vernissagen, Jubiläen und Bauherrenpreisverleihungen. Es gibt von ihm Wortmeldungen zu Themen des Denkmalschutzes und der Stadtentwicklung sowie unzählige Vor-, Nach-, Geleit- und Grußworte. Den vollständigen Überblick hierüber hat wohl nur er selbst.
Man könnte ihn für einen umtriebigen Zeitgenossen halten, den es drängt, sich zu Vielem äußern zu müssen. Doch, und das lässt sich nicht leugnen, wurde durch dieses sich ständige Einmischen so manches in der Stadt bewegt. Selbst wenn wir beide bis heute nicht immer einer Meinung sind, hat das unserer Beziehung nie geschadet. Einigen doppelsinnigen Erkenntnis-Splittern des „denkenden Dichters“ stimme ich vollumfänglich und lächelnd zu, wie etwa „In Radebeul ist zusammengewachsen, was nie zusammengehört hat“ oder „Um die Kulturlandschaft erhalten zu können, braucht es Leute mit Geld UND Verstand.“.
Vieles wäre wohl noch zu erwähnen, wie etwa Thomas Gerlachs Bemühen um das Denkmal „Hohenhaus“ sowie die vielen kulturellen Aktivitäten, mit denen an dessen einstige Bewohner erinnert werden sollte. Höchst amüsante Anekdoten ließen sich erzählen über die „Spur der Steine“ oder die Gerlach´schen „zweiten Wohnzimmer“, von denen zurzeit nur noch „die schmiede“ existiert. Als Redner hat Thomas Gerlach über Jahrzehnte die wunderbaren Ausstellungen des Architekturbüros „Baarß+Löschner“ im Radebeuler Rietzschkegrund begleitet, wofür sie sich auf ihrer website bei ihm für „Die tiefgründigen, höchst unterhaltsam-heiteren Reden über die Kunst und das Leben …“ herzlich bedanken.
All das und so einiges mehr, gab letztlich den Ausschlag, dass Thomas Gerlach für sein Werk und Wirken im Jahr 2009 mit dem Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul ausgezeichnet wurde.

Am Ende des Abends wusste ich, dass – wie im eingangs erwähnten Gedicht – die Kunst im Weglassen besteht.
So gratuliere ich Thomas mit diesem kleinen Beitrag auch im Namen der Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ zum runden Geburtstag am 26. März. Mögen ihn die Musen weiterhin so emsig küssen, was wohl – auch im Sinne unserer Leserschaft – nicht ganz uneigennützig wäre.
Karin (Gerhardt) Baum

Anmerkung: V&R Abkürzung für Vorschau & Rückblick

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Schreibwerkstatt (1.Teil)

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

der Kultur e.V. Radebeul und das Radebeuler Monatsheft e.V. „Vorschau & Rückblick“ initiierten im vergangenen Jahr eine „Schreibwerkstatt“: 10 Schüler und Schülerinnen des Lößnitzgymnasiums und des Gymnasiums Luisenstift aus den Klassen 6-12 werden durch zwei erfahrene Tutoren – Thomas Gerlach aus Radebeul und Volker Strübing aus Berlin – bei dem Schreiben von Texten beraten. Deren Themen kreisen um das Lebensgefühl in und um Radebeul. Mit großer Empathie und sprachlichem Feingefühl führen die Tutoren die Autorinnen und Autoren zu unverwechselbaren Eindrücken und sprachlichem Anspruch. Die Texte werden Sie nun in den nächsten Monaten kennenlernen. Vielleicht wächst hier eine neue Generation von kreativen Köpfen auch für „Vorschau & Rückblick “ heran!

Angela Hintz

Lehrerin am Lößnitzgymnasium Radebeul

Foto: Radebeuler e.V

Zurück und Voraus – meine Erinnerungen an Radebeul und ein Mädchen, das etwas ändern will

Wenn ich durch meine Haustür trete, sehe ich vor mir einen großen Wald und gleichzeitig die Häuser meiner Freunde und Nachbarn. Ich stehe vor einer Hitzewand, wegen der ich nur begrenzt draußen auf meinem Board fahren kann, bevor es zu heiß wird und ich mir von drinnen ein Glas Wasser holen muss.
Ich stehe vor einer matschigen, nur noch zum Teil mit weißem Schnee bedeckten Straße, auf der ich jetzt aber versuchen soll, Fahrrad zu fahren?
Ich stehe vor einem jedes Jahr neu erblühenden Kirschbaum und immer öfter hoffend, dass dieses Jahr ein besseres wird. Ich wusle mit meinen schwarzen Stiefeln durch’s Laub und wünsche mich zurück in die freien Kinderjahre.

Ich sehe meine Vergangenheit, merke, was ich hier plötzlich nicht mehr erkenne, was mir fehlt, merke, dass ich hier nicht mein ganzes Leben lang bleiben will, aber sehe auch die Schönheit, noch so viel Natur um mich zu haben. Im Wald gespielt zu haben, schnitzen mal gekonnt zu haben, Obst von Bäumen gepflückt zu haben, viele Male in meinem Garten zelten gekonnt zu haben, gelacht, geweint, beglückt, trauernd… die Natur hat alles miterlebt. Auch wenn ich sie immer öfter nur aus dem Fenster sehe, ist es schön immer wieder zurück zu ihr gehen zu können und ihr zu danken dafür, dass sie mir das Gefühl gibt, wie wertvoll ein Leben sein kann, wie wertvoll unser aller Leben ist.

Immer noch vor meiner Haustür sehe ich links meinen ehemaligen ersten Schulweg und rechts meinen jetzigen, hoffend, dass ich durch den jetzigen irgendwann auch ein Stück weiter hinausgehen kann. Bei den Nachbarn sehe ich eine Künstlerin, die Yoga-Lehrerin, die Verwandtschaft, die alte Freundschaft, aus der wohl nichts mehr wird, die Alten, die freundlich, aber nicht zu unterschätzen sind, die Reichen und die Stillen, von denen man nichts mitbekommt, aber immer das Gefühl hat, beobachtet zu werden, vielleicht aber auch selbst ab und zu neugierig und beobachtend.
Wer erkennt mich wohl alles und wer sieht mich als Fremde? Nun, vielleicht sehe ich mich ja manchmal selbst als Fremde. Dann hoffe ich, dass die Natur, unbekannt oder bekannt, mich wiedererkennt.

Wie wird es wohl sein, irgendwann hierher zurückzukommen? Werden meine Gefühle mich überrumpeln? Werde ich alles wiedererkennen können? Werde ich sauer oder dankbar sein?
Melancholisch oder enttäuscht?

Wenn sich ein Tourist an Radebeul erinnert, denkt er vielleicht an den Wein oder an Karl May. Für mich wird Radebeul immer voller Erinnerungen an meine Kindheit sein, auch wenn ich nicht jeden Moment hier genieße. Hier bin ich schließlich aufgewachsen. Ich glaube nicht, dass ich auch nur ansatzweise eine typische Radebeulerin bin. Ich will es auch nicht sein. Ich habe in meinem Geist immer mein eigenes Radebeul erschaffen und so auch gelebt. Dafür werde ich immer dieses Haus und ein paar besondere Plätze und Menschen in lebendiger Erinnerung behalten. Es ist immer wichtig zu sehen, was man hat und was man nicht hat und dass es im Moment – so wie es ist – gut ist.

Frieda Wenzel
(Klasse 10 – Lößnitzgymnasium Radebeul)

Sich neu erfinden

Ullis Blumenladen jetzt in der Moritzburger

Arrangement im hinteren Verkaufsraum mit »Petersburger Hängung« Foto: K. (Gerhardt) Baum

Es war ein trauriger Anblick, als Hans-Ulrich Belau und seine Mitarbeiterin letzten Heiligabend nach Ladenschluss an einem kleinen Tischchen mit einer Flasche Sekt saßen, umgeben von Utensilien, die nun einmal in einem derartigen Geschäft so anfallen. Nobel sah der Laden ohnehin nicht mehr aus, hatte doch der „Zahn der Zeit“ überdeutlich für jedermann seine Spuren hinterlassen. Den abgewirtschafteten Zustand der Räume wusste Ulli durch geschickte wie geschmackvolle Arrangements von Pflanzen, Möbeln und Accessoires wohl zu verdecken, wenngleich die vielen Behälter, die bei Regen das von der Decke tropfende Wasser auffingen, nicht zu übersehen waren. „Ein Ende mit Schrecken“, so dachten wir damals. „Wieder geht etwas Besonderes unwiederbringlich verloren!“ Wem ist es schon zu verdenken, wenn einer sein Grundstück gewinnbringend verkaufen kann, in welchem sich Belau nur zur Miete befand?
Eigentlich wollte Ulli hinschmeißen. Er schien mit seiner Kraft am Ende. Aber Radebeul ist ihm in den inzwischen elf Jahren doch sehr ans Herz gewachsen. Er fühlt sich hier wohl und angenommen. Da erfreute natürlich sicher nicht nur uns die Nachricht über einen eventuellen Neustart in der Moritzburger Straße. Eine zweite „Alte Gärtnerei“ würde es vermutlich nicht werden, aber immerhin sollte es weitergehen.
Anfang Februar war es dann soweit! In der Moritzburger Straße Nr. 11 eröffnete pünktlich am „2.2.22“ Ullis Blumenladen! Wochen zuvor hatten beide mit Unterstützung von Freunden entsorgt, transportiert, geräumt, gemalert, gepinselt, gehämmert, geschraubt, verlegt und besonders arrangiert. Herausgekommen ist ein kleines Schmuckstück, welches in Radebeul seinesgleichen sucht. Glücklich standen beide im übervollen Laden und konnten sich vor lauter Arbeit kaum um ihre Gäste kümmern, die „nur“ zum gratulieren gekommen waren. Alle hatten eine Kleinigkeit mitgebracht, sogar eine „Blumentorte“ mit der Aufschrift „Viel Erfolg! Ullis Blumen-Laden“.

Außenansicht des Ladens zur Eröffnung am 2. Februar in der Moritzburger Straße Foto: K. U. Baum

Wir fanden uns erst gegen Nachmittag ein und blieben verwundert an der Tür stehen. Was wir sahen hatte uns völlig überrascht. Den morbiden Charme der „Alten Gärtnerei“ noch im Hinterkopf, fanden wir uns nun in einem Etablissement der nobelsten Art wieder. Auf antiken Möbeln, abgearbeiteten Tischplatten, auf Gartenstühlen und Obststiegen waren kunstvoll getriebene Metallgefäße, Vasen, Glasschalen, kleine Porzellanfiguren und sonstiger Nippes arrangiert, zwischen denen blühende Blumenstöcke, Sträuße und Zweige platziert waren. Eine Bilderwand in

Außengestaltung zu Ullis Blumen-Werkstatt in der Moritzburger Straße Foto: K. (Gerhardt) Baum

„Petersburger Hängung“ über einer Anrichte ergänzte die geschmackvolle Einrichtung. Dominiert wurde der vordere Raum allerdings von einem fast wandhohen, expressiven, Ölgemälde, welches wie ein Kontrapunkt zum Übrigen wirkte. Wir waren überwältigt, blieben staunend stehen und konnten uns nicht sattsehen. So wie uns ging es auch Anderen. Obwohl geöffnete Sektflaschen bereitstanden, fand sich wegen der vielen Kunden keine Gelegenheit, um mit Ulli und seiner Mitarbeiterin anzustoßen. So haben wir ohne die Beiden auf ihr Wohl und ein gutes Gelingen am neuen Standort getrunken und versprochen wiederzukommen. Was uns bemerkenswert schien, ist, wie Hans-Ulrich Belau und seine Mitarbeiterin eine Niederlage durch kreative Energie in einen positiven Gewinn für sich und andere umzumünzen verstanden.
Unsere Hochachtung!

Karin und Karl Uwe Baum

 

 

Ausgang leider nicht offen

Arthur Millers „Ein Blick von der Brücke“ feierte am 12. Februar Premiere

Szene mit Alexander Wulke Foto: R. Jungnickel

Der US-amerikanische Dramatiker Arthur Miller (1915 – 2005) gehört mit seinen beiden Stücken „Tod eines Handlungsreisenden“ und „Hexenjagd“ längst zum Kanon des sozialkritischen Theaters des 20. Jahrhunderts. Ein weiteres, dem Publikum allerdings weniger bekanntes Werk gelangte jüngst auf der Hauptbühne im Radebeuler Stammhaus vor zwar noch immer nicht vollen Rängen, aber dennoch vor ausverkauftem Saal zur Aufführung, „Ein Blick von der Brücke“ (1955). Miller verarbeitet in diesem als Kurzdrama bezeichneten Zweiakter eine Geschichte, die in ihrer örtlichen und sprachlichen Verankerung zwar auf konkrete Lebensumstände italienischer Einwanderer im New York der 1950er Jahre bezogen ist, die aber ebenso auch als Stück über Flucht und Migration in unserer Gegenwart durchgehen könnte. Erfreulicherweise enthalten sich Regisseur Manuel Schöbel und Ausstatterin Barbara Blaschke der Versuchung, explizit darauf anzuspielen und damit die Aussagekraft des auf reale Vorkommnisse basierenden Stoffes pädagogisch zu instrumentalisieren und politisch aufzuladen. Das wäre umso unpassender gewesen, als dass Miller selbst den Handlungskern einem griechischen Mythos vergleichbar auffasste und daraus eine überzeitliche Allgemeingültigkeit ableitete. Stattdessen also belässt das Regieteam die Inszenierung in ihrer Bild- und Tonsprache dort, wohin sie gehört: In ein ärmliches, dem Hafen von Brooklyn nahe gelegenes Häuschen, in welches das jazzig-lockere Lebensgefühl des besser gestellten Teils der Bevölkerung der 1950er Jahre per Radio als Sehnsuchtsmelodie aus Manhattan hineinweht, wie etwa Gene Kelly mit „I’m singing in the rain“. Davon ist vor allem die 17-jährige Catherine (Maria Sommer) ergriffen, die als (über-) behütete Waise bei ihrer Tante Beatrice (Julia Vincze) und deren Mann Eddie (Alexander Wulke) aufwächst und sich nun anschickt, unsicheren Schrittes erwachsen und selbstständig werden zu wollen. Marias Emanzipationsstreben erhält unerwartet Vorschub durch das Eintreffen von Marco (Steffen Pietsch) und vor allem dessen jüngerem Bruder Rodolpho (Felix Lydike), die als Beatrices Cousins aus der italienischen Heimat illegal eingewandert sind und Unterschlupf in Eddies Haus finden. Die Aufnahme illegaler Einwanderer ist in italienischen Hafenarbeiterkreisen Ehrensache, man hält und rückt buchstäblich zusammen, um den Neuen das Einleben zu erleichtern. Es könnte also alles gut werden und sich vielleicht sogar für die beiden jungen Männer der American Dream vom Aufstieg erfüllen. Doch schon wenige Minuten nach Ankunft der beiden Brüder liegt dem Zuschauer das konfliktträchtige Tableau vor Augen, wird ihm klar, dass es kein Happy End geben wird. Denn Maria und Rodolpho finden Gefallen aneinander, weshalb Maria mehr und mehr schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Ziehvater Eddie befällt, der insgeheim in Catherine mehr sieht als nur seine Ziehtochter und deshalb Rodolpho seine Ablehnung spüren lässt. Dazwischen steht Beatrice, deren Ehe mit Eddie auch nicht mehr auf das Beste bestellt ist und die Catherine das Glück wünscht, das ihr versagt geblieben zu sein scheint. Das Stück bezieht seinen Reiz vor allem daraus, dass Millers Text es dem Zuschauer möglich macht, grundsätzlich Sympathien für alle Figuren und deren Handlungen und Überzeugungen zu entwickeln, gleichzeitig aber auch drängende Fragen nach Schuld und Verantwortung für die sich anbahnende Katastrophe aufwirft. An dieser Stelle bedient sich Miller in der Tradition des epischen Theaters mit der Figur des Anwaltes Alfieris eines Kommentators (Matthias Avemarg), der das Publikum nicht nur zu Beginn sowohl in das Bühnengeschehen einführt und es am Ende in den Abend entlässt, sondern zwischendurch auch das Geschehen einordnet und reflektiert. Daher rührt auch der Titel des Stückes, denn Alfieri steht etwas abseits des Geschehens und schaut – wie von einer Brücke – auf die Szenerie herab, wodurch sich ein objektiveres Bild der Lage einstellt.
Der Premiere, die vom 5. Februar um eine Woche verschoben werden musste, merkte man den gewiss komplizierten Probenprozess unter Pandemiebedingungen an. Obwohl das Stück grundsätzlich eine stringente Dialogführung aufweist und es also keine Nebenhandlungen gibt, verliert es phasenweise an Tempo, scheinen Abläufe noch nicht bis ins Letzte „zu sitzen“, stellen sich ungewollte Pausen ein, scheinen Akteure überrascht zu sein von dem, was sich gerade abspielt. Möglicherweise saß den Beteiligten auch noch der Schreck des Bühnenbrandes vom Mittag des Premierentages in den Gliedern, der allerdings rechtzeitig unter Kontrolle gebracht werden konnte. Wenn man von diesen Punkten absieht, so bleibt viel Gelungenes von diesem Abend in Erinnerung. Dazu gehören etwa das ausgesprochen sinnstiftende und praktische Bühnenbild, Alexander Wulkes Interpretation des Eddie in ihrer kraftvollen Gebrochenheit und Maria Sommer und Felix Lydike als jugendliche Protagonisten, die sich einer besseren Zukunft entgegenträumen. Dazu zählt weiterhin Matthias Avemarg in seiner überzeugenden Wandlungsfähigkeit zwischen seiner großen Rolle als Anwalt und den vier anderen Nebenrollen sowie die passende Musikauswahl mit dem Gassenhauer „Paper Dolls“ als zentraler Sing- und Tanznummer. Das Publikum dankte mit langem, sehr freundlichem Applaus für eine geschlossene Ensembleleistung, die eines spüren ließ: Nämlich die Erleichterung darüber, dass jenseits von FFP2-Maskenpflicht und strenger Einlasskontrolle einfach nur Theater gespielt wurde.
Bertram Kazmirowski

Nächste Aufführungen: 4./5. März jeweils 19.30 Uhr, 13. März 15 Uhr, 24. März 19 Uhr, jeweils im Stammhaus Radebeul

Künstler im Weinberg

Pleinair und Ausstellung im Erlebnisweingut Schloss Wackerbarth

Franziska Kunath „Jacobstein“, Repro M. Kratschmer

Reisende, die mit der Bahn von Berlin oder Leipzig her oberhalb Meißens ins Elbtal biegen, erleben staunenden Auges, dass und wie der hiesige Weinbau die Landschaft prägt. Rebschnitt geht hier Hand in Hand mit Landschaftspflege; und keiner mag sich vorstellen, die Lößnitzhänge verbuscht und bestockt oder gar bis zur Hauskrause bebaut zu sehen. Doch die über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft pflegt sich nicht zum Nulltarif. Es bedarf immer wieder gemeinsamen Mühens aller, sie zu erhalten und zu entwickeln.

Franziska Kunath „Jacobstein“, Repro M. Kratschmer

Nicht zuletzt der damit verbundenen vorwiegend finanziellen Probleme wegen hat der Freistaat Sachsen noch vor der Jahrtausendwende einen bedeutsamen Entschluss gefasst, der nicht nur dem Finanzminister schlaflose Nächte bereitet haben dürfte: Das in Wackerbarths Ruhe angesiedelte „Staatsweingut“ sollte nicht verkauft, sondern in Eigenregie zum „Erlebnisweingut Schloss Wackerbarth“ umgestaltet werden: Ein Entschluss, der im wahrsten Sinnen „Früchte“ trägt.
Zu Beginn des dritten Jahrtausends hatte sich nun auch der Rotary Club Radebeul gegründet. Hier haben sich Menschen zusammengefunden in dem Bestreben, dort Gutes zu tun, wo andere es unterlassen. Nach eigenem Bekunden fühlen sie sich dabei „unter dem Motto ´Selbstloses Dienen` (…) den Idealen von Rotary International verpflichtet“.
In ihrem Jahresprogramm 2020/21 hatten sie sich zum Ziel gesetzt, Kunst- und Kulturschaffende in den Blick zu nehmen, deren manchmal prekäre Lage nicht nur durch die gegenwärtigen Einschränkungen bedingt ist. Ein erstes sehenswertes Ergebnis dessen war die „KünstlerKartenBox“ mit 34 Künstlerportraits auf Faltkarten.
Im Zusammenwirken mit Schloss Wackerbarth kam es dann im Sommer 2021 zu einer Premiere: Gemeinsam wurde zum Pleinair in die grünenden Weinberge und den barocken Park eingeladen. So bevölkerten dann ein Wochenende lang (17. /18. Juli) acht Künstlerinnen und sieben Künstler beinahe aller Generationen das weitläufige Gelände, ihre Erlebnisse im Weingut auf je eigene Weise zu Papier oder auf die Leinwand zu bringen. Die Aktion war eingebettet in das radebeulweite Projekt „Kunst geht in Gärten“. So hatten die Besucherinnen und Besucher des Weinguts die zusätzliche Gelegenheit, bei einem Glas Wein „echten“ Künstlern über die Schulter schauen zu können und so ihren Besuch mit einem besonderen Erlebnis zu krönen.

Mechthild Mansel „Flaschenhebermaschine“, Repro M. Kratschmer

Aus den Ergebnissen dieses Wochenendes wuchs eine Ausstellung, die noch bis 30. April im Gutsmarkt von Schloss Wackerbarth zu erleben ist. Sie erscheint so heterogen wie die Beteiligten im besten Sinne jeweils eigene Menschen sind:
Anna Gorsleben, Roland Gräfe, Sebastian Hennig, Karen Koschnik, Franziska Kunath, Klaus Liebscher, Mechthild Mansel, ORLANDO, Stefan Pautze, Joachim Rauch, Ralf Uhlig, Irene Wieland, Renate Winkler und Susan Wittwer geben Einblicke in ihre Erlebnisse. Sie zeigen zugleich mit Malerei, Zeichnung, Grafik und sogar Skulptur und Plastik wie abwechslungsreich und lebendig die Kunstszene im Meißner Elbland immer noch und immer wieder ist. Selbstverständlich können die Arbeiten auch erworben werden, wobei der Erlös ausschließlich den Künstlerinnen und Künstlern selbst zu Gute kommt.

Thomas Gerlach

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