Klänge der Hoffnung Eine Gedächtnisausstellung zum 90. Geburtstag des Malers Max Manfred Queißer in der Deutschen Bank

Mit „Inspirationen in Farbe“ begann die Deutsche Bank Radebeul vor nunmehr zehn Jahren die Reihe ihre Ausstellungen regionaler Künstler. Mit diesem Auftakt gratulierte sie damals zugleich dem Maler Max Manfred Queißer zu seinem 80. Geburtstag.
Nun, zehn Jahre später, nahm man den 90. Geburtstag des Malers zum Anlaß für eine Gedächtnisausstellung, die bis weit ins nächste Jahr hinein, voraussichtlich sogar bis Februar 2019 zu sehen sein wird. Zuvor war bereits in Dresden und Gödelitz mit Ausstellungen des Jubiläums gedacht worden.
Unter dem Titel „Klänge der Hoffnung“ sind hier nun vorwiegend musikalisch inspirierte Arbeiten des im Vorjahr verstorbenen Künstlers zu sehen.
In Bilder wie „Ein Maler hört Musik“ nahm er sich selbst dabei gern auch mal ein wenig auf den Arm. Bilder wie „Improvisation am Cello“ oder „“Saitenklänge zeigen, wie er auch das eigene Spiel farblich zu fassen verstand. In „Mazurka“, „Musette“ und anderen Bildern sind zugleich vielfältige Eindrücke seiner Reisen mit seiner Frau Gerlinde verarbeitet. Die Orchestersuite „Die Planeten“ von Gustav Holst hat ihn von Anfang an stark beeindruckt. Nach ihr ist eine ganze Bildserie entstanden:
In beschwingten Farbtönen flattert Merkur, der geflügelte Bote durch den Raum. Neptun, der Mystiker, löst sich auf in den sphärischen Klängen eines, wie Karin Weber es ausdrückte, „transzendenten Blaus mit Untiefen“.
Schließlich erscheint Saturn, der Bringer des Alters, in Gestalt einer vielfarbigen, vielstimmigen Herbstmelodie, mit der er hoffte, sein eigenes Alter begrüßen zu können.
So gerieten Auge und Hand des Malers unversehens zum Kaleidoskop, Töne, Farben und Linien aufnehmend, vermischend und zu neuen Bildern in stets sich erneuernder Farbkraft fügend. Wer ganz still ist, kann die Musik in den Bildern sogar hören.
Nr. 5 Holst – Saturn – II Zyklus

Nr. 5 Holst – Saturn – II Zyklus        Repro: H. Boswan

Der promovierte Soziologe konnte auf mehr als zwanzig Jahre wissenschaftlicher Arbeit zurückblicken, als er nach 1990 begann, sich ganz der Malerei zu widmen.
Ein solch farbmächtiges Leben war ihm freilich nicht an der Wiege gesungen worden. Der Fluch der frühen Geburt wollte, dass er das Schicksal seiner Altersgenossen teilte: gerade siebzehnjährig waren sie von einer Clique von Verbrechern und Idioten in das schwarze Loch des Krieges geworfen worden. Manfred sprach später eher sanft von „gestohlenen Jahren“ und sah weder Anlass noch Gelegenheit darauf etwa „stolz“ zu sein. Im Gegenteil: die traumatischen Ereignisse verfolgten ihn sein langes Leben lang Nacht für Nacht.

Die Hoffnung hatte Schwerstarbeit zu verrichten, all die vom Kriege gezeichneten Seelen in einem Leben zu halten, das mehr war, als bloßes Überleben.
Manfred Queißer jedenfalls wollte danach nur noch malen. Es waren die Maler des Impressionismus, die ihn bewegten. Die in Farbe gegossene lichtvolle Lebensfreude etwa eines Renoir, so stelle ich mir vor, wirkt mit doppelter Wucht auf eine empfindsame aber vom Kriege gezeichnete junge Seele.
Mit der in den Bildern aufblitzenden Farbwut der letzten Jahre wehrte sich der Maler mit aller Macht gegen die Finsternisse seiner Träume. Zugleich spürte er, daß die hinter den Finsternissen tätigen Mächte auch in unserer Wirklichkeit wieder stärker werden. Als einer, „der wohl strebte, dass alle Wein und gute Früchte haben“, wie er als Credo in seinen letzten Tagen niederschrieb, hat Max Manfred Queißer in den reichen Farben purer Lebensfreude diesen Finsternissen die Klänge der Hoffnung entgegengesetzt.
Wir werden diese Hoffnung gut gebrauchen können, denn, wie Brecht sagte, „denn die Güte ist im Lande wieder einmal schwächlich, und die Bosheit nimmt an Kräften wieder einmal zu“.
Thomas Gerlach

 

 

 

Ehre, wem Ehre gebührt

Sächsischer Amateurtheater-Preis 2016 vergeben

Drei Retro-Damen vor einem Mikro. Darunter Robert Richter mit Gitarre, der einen Song intoniert. Im Hintergrund prangt bühnengroß in Leuchtschrift sein Name. Der Versuch von Florian Geißner, Richter zu erschießen misslingt ein weiteres Mal.

Szene aus den preisgekrönten Stück „DER AMATEUR Schauspieler ODER: Are you lonesome tonight“ von der Theatergruppe „die bühne – das Theater der TU Dresden“. Im Vordergrund das Mitglied Robert Richter in der Rolle des Robert Richters.
Foto: K. U. Baum

Diesen und andere Ausschnitte zeigte das Amateurtheater „die bühne – das Theater der TU Dresden“ unter dem Titel „DER AMATEUR Schauspieler ODER: Are you lonesome tonight?“ zur Verleihung des „Sächsischen Amateurtheater-Preises 2016 im Theaterhaus Rudi Dresden am 12. November dieses Jahres. Eine dreiköpfige unabhängige Jury hatte nach eingehender Beratung unter 20 möglichen diese Inszenierung für die Auszeichnung vorgeschlagen.

Seit 2007 lobt der Landesverband Amateurtheater Sachsen e. V. (LATS) den nun mit 2.000 Euro dotierten Preis aus. Damals belächelt, gibt es mittlerweile nicht nur in acht Bundesländer einen derartigen Wettbewerb. Für die Bundesrepublik hat seit 2010 der Bund Deutscher Amateurtheater e.V. den „Deutschen Amateurtheaterpreis“ in mehreren Kategorien geschaffen. Dass bisher allein vier Preise an Inszenierungen von Amateurtheatern des Freistaates gingen, mag das hohe künstlerische Niveau der sächsischen Szene verdeutlichen.

Mit „DER AMATEUR“, erster Teil einer Trilogie, zeichnete die Jury ausgerechnet eine Arbeit aus, die sich durchaus spöttisch bis sarkastisch mit dem Thema „Amateurtheater“ auseinandersetzt. Die von der Gruppe unter der Leitung von Andreas Mihan, freier Regisseur und bis 2016 Leiter der TU-Bühne, selbst entwickelten Stücke, entstanden aus Anlass des 60jährigen Bestehens des Theaters im vergangenen Herbst. Die Teile „Der Amateur Regisseur“ und „Der Amateur Zuschauer“ stehen ebenfalls noch auf dem Spielplan der Gruppe.

Der große Theatersaal im Rudi war voll besetzt und die Stimmung ausgezeichnet, als die Vorsitzende des Landesverbandes, Sophie Renz, mit einleitenden Worten die Preisverleihung eröffnete. Dabei war es durchaus nicht vorhersehbar, dass diese Veranstaltung ein Erfolg werden würde, fanden doch bisher die Ehrungen im Rahmen eines Theatertreffens statt. Das Vorstandsmitglied, der Regisseur und Schauspieler Ulrich Schwarz, informierte die Zuschauer über die Gegebenheiten des Preises und würdigte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Ortes für die sächsische Amateurtheaterszene. Selbst der Bundesverband Deutscher Amateurtheater e.V. hatte durch das Präsidiumsmitglied Sandra Wirth anerkennende Worte übermitteln lassen.

Übergabe des Preises und der Skulptur »Kassandra« durch das Vorstandsmitglied Ulrich Schwarz an Mitglieder der Theatergruppe »die bühne – das Theater der TU Dresden«, unter ihnen der Regisseur, Andreas Mihan (1. v. r.)
Foto: K. U. Baum

Die von dem Leipziger Schauspieler und Regisseur Armin Zarbock über Video gehaltene Laudatio für „die bühne“ würdigte die Produktion, hob neben der Erschaffung der dramatischen Vorlage besonders die schwierige kritisch-selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Stoff hervor, die dieser Inszenierung zwangsläufig vorausgehen musste.

Gewürdigt wurde an diesem Abend aber nicht nur der Empfänger des „Sächsischen Amateurtheater-Preises 2016“. Der LATS vergab auch zwei „Lobende Anerkennungen“. Sie gingen an die Inszenierungen „Heimatabend. Ein Tauchversuch“ von der Theatergruppe Spielbrett e.V. Dresden und an „König Ödipus“ von der Theatergruppe Thea(l)ternativ Stollberg e. V. und wurden durch den Förderverein „Freunde des LATS“ mit je 250 Euro bedacht.

Die Spielbretter zeigten eine Art politische Revue zum Thema „Heimat und deutsche Geschichte“, die von sechs Akteuren in einem wahren Feuerwerk an Spielfreunde geboten wurden. Die Szenen aus über 100 Jahren wurden zusammengehalten von einer Geschichten erzählenden Großmutter.

Die Stollberger, einst aus dem Kinder- und Jugendtheater „Burattino“ hervorgegangen, hatten mit der erfrischenden Inszenierung einer Variante über König Ödipus eine andere Seite aufgeschlagen. Die Neuverdichtung von Bodo Wartke mit Zutaten der Gruppe zeigte eine Sicht auf diesen antiken Stoff aus der Rapper-Szene in moderner Sprache in Gedichtform. Ein ausgeklügeltes Bühnenbild, aufwendige Kostüme und Masken wurden nicht benötigt. Getragen wird die Inszenierung durch einen überaus agilen wie temperamentvoll spielenden Christian Schreier in der Hauptrolle des Ödipus. Der Ödipus-Darsteller gibt gleichzeitig auch den eigenen Vater, König Laios, und bringt sich also selbst um und spielt gleich danach als Ödipus weiter. Die Komik lässt sich hier kaum überbieten.

Insgesamt eine gelunge Veranstaltung, wie es auch die Vertreter des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst einschätzten.

Karl Uwe Baum

Die katholische Gemeinde zeigt „Flagge“

Errichtung eines Kreuzes neben der Kirche

Foto: D. Lohse


Foto: D. Lohse


Foto: D. Lohse

Seit der Neubau einer Kirche für die Christkönig-
Gemeinde 2001 in der Borstraße 11 in Radebeul
fertig geworden ist, fehlten eigentlich noch zwei
Elemente, die üblicherweise zu einer Kirche gehören:
ein Kreuz und Glocken. Mit Ersterem wurde Ende
September begonnen und im Oktober 2017 war
das Kreuz fertig gestellt. Das hohe, den Kirchenbau
überragende, Kreuz aus Stahl wirkt in den Straßen-
raum und ist nicht zu übersehen. Architekt Matthias
Klut vom Büro Klut und Hauswald, Meißen war
für den Entwurf verantwortlich. Die farbigen Gläser
im oberen Teil des Kreuzes kamen aus der bekannten
Dresdner Glaswerkstatt Körner. Ob und wann Glocken
im Grundstück klingen können, steht z.Z. noch nicht fest.
Mit diesem christlichen Symbol, dem Kreuz, werden
nun diejenigen, die ein Problem hatten, den Neubau
als Kirche wahrzunehmen, eines Besseren belehrt.
Jetzt kann die katholische Gemeinde mit einem neuen
Kreuz in die Weihnachtszeit gehen!

Dietrich Lohse

Dem Frieden auf der Spur

Über Namen, die man ernst(er) nehmen sollte

»Haus Friedeborn«, Weinbergstraße 36
Foto: S. Graedtke

Am Heiligabend werden sie wieder voll sein, die Kirchen. Dieses eine Mal im Jahr zieht es mehr Menschen dahin als zu den anderen Festtagen wie Ostern oder Pfingsten, ganz zu schweigen von den normalen Sonntagen. Warum ist das so? Die einen gehen, weil „das eben zu Weihnachten dazugehört“. Andere, weil sie die besinnliche, stimmungsvolle Atmosphäre schätzen und sich inmitten des Trubels dieses Tages eine Stunde lang in der Kirche Ruhe und Innehalten verschaffen wollen. Und dann gibt es natürlich auch noch die regelmäßigen Gottesdienstbesucher, die aktiven Christen, die gehen zu Weihnachten sowieso. Was auch immer die Beweggründe für einen Kirchbesuch sein mögen, allen wird an diesem Tag durch Wort und Gesang gleichermaßen verkündet, dass die Geburt Jesu die Menschwerdung des „Friedensfürstes“ bedeutete und Gott Jahr um Jahr dieses Heilsversprechen den Menschen gegenüber erneuert. Auch in wenigen Tagen wird es wieder so zu hören sein. Ich kann mir vorstellen, dass das für viele Zeitgenossen ein ziemlich abstrakter Gedanke ist. Denn fragen sich nicht insbesondere viele Erwachsene, wie man die Weihnachtsbotschaft vom „Frieden auf Erden“ mit der Realität unserer Zeit in Einklang bringen kann? Mir ging es jedenfalls in den letzten Jahren auch oft so. Der Friede im Kleinen wie im Großen, an den wir so gern glauben möchten, den wir herbeisehnen, den wir brauchen und ohne den alles nichts ist, scheint – ist er tatsächlich einmal erreicht – uns gleich wieder zu entgleiten, sich aufzulösen, zu vergehen. Man könnte mutlos darüber werden, würde nicht der „Friede“ an vielen Orten heraufbeschworen, in Radebeul etwa an vielen Stellen buchstäblich in Stein gemeißelt sein. Denn einige Straßen und nicht wenige Häuser tragen Namen, die wir womöglich einmal bewusster wahrnehmen sollten. Denn Namen sind eben nicht Schall und Rauch, sondern werden überwiegend sorgsam gewählt und verliehen, denn ihre Bedeutung soll im besten Fall vom Bezeichneten ausstrahlen.

Foto: S. Graedtke

Folgen Sie mir doch einmal in Gedanken von der Straße des Friedens in Serkowitz quer durch die Stadt über Oberlößnitz, Niederlößnitz nach Naundorf zur Friedsteinstraße. Es geht zuerst hinan Richtung Weinberge, dann vom Augustusweg in die Friedlandstraße der Bennostraße zu. Wenige Schritte nur sind es bis zur Nummer 11, dem „Haus Friedland“. Wie sehr wünschte man, dass das „Land“ ein möglichst großes sei, für das dieses Haus den Frieden bezeugt. Und weiter geht es auf die Weinbergstraße. Das Haus Nr. 36 trägt den verheißungsvollen Namen „Friedeborn“. Was für ein Segen müsste allein von diesem Haus ausgehen, wenn es seinem Namen alle Ehre machte! Westwärts schreitend und nach dem Tal wieder hinauf geht es am Krankenhaus vorbei zur Karl-Liebknecht-Straße, auf der unter der Nummer 13 die „Villa Friedheim“ geführt wird. Wie behaglich müsste es dort zugehen, wie gern würde man dort einmal zu Gast sein, um der Wirkung des Namens nachzuspüren! Den Blick nach Norden wendend kommt die „Friedensburg“ ins Blickfeld, die seit einigen Jahren leider für alles andere als für Frieden steht. In ihrem Namen werden zur Zeit zwischen Eigentümer und Stadt Radebeul Gerichtsprozesse geführt, Verfügungen erlassen, Unterlassungsklagen zugestellt. Sollte man sie nicht also, bis zur abschließenden Klärung des Verfahrens, gerechterweise „Streitburg“ nennen? Wie gesagt, es geht ja um die Achtsamkeit im Umgang mit Namen… Um wie viel angenehmer ist es da, auf der Winzerstraße 73 eine sanierte Villa in den Blick zu nehmen, die in Anlehnung an den bekannten Künstler und Architekten Hundertwasser den Namen „Friedensreich“ trägt! Man will ja nicht vermessen sein und zu Großes wünschen, aber ein Friedensreich verspricht eine beträchtlich ausgedehnte befriedete Fläche! Wenn es den Namen nach geht, erreicht man alsbald das friedvolle Zentrum Radebeuls: Rechterhand bergaufwärts am Professor-Wilhelm-Ring das Haus „Altfriedstein“, geradeaus die Straße „Neufriedstein“, schließlich das Berghaus „Neufriedstein“, das allerdings auf der Mohrenstraße liegt, was einen steilen Anstieg erfordert. Von der nebenan gelegenen Sternwarte hat man einen tollen Blick auf die Stadt, aus dem Dächermeer Kötzschenbrodas ragt der Turm der Friedenskirche heraus, deren Namensgebung bekanntlich auf ein historisches Ereignis zurückzuführen ist und die wie kein zweites Bauwerk Radebeuls mit ihrer Geschichte für die Bedeutung des Friedens als Bedingung für das Gedeihen und Wachsen von Gesellschaft steht. Über den Jakobstein hinab geht es nun noch zur Friedsteinstraße, die schließlich auf die Meißner Straße mündet.

»Haus Friedland«, Bennostraße 11
Foto: S. Graedtke

Ich bin mir sicher, dass dieser Spaziergang, der quer durch Radebeul führt und (vielleicht auch für Sie) überraschend viele Frieden verheißende Orte streift, zu jeder Jahreszeit gut tut; nicht nur an den Weihnachtstagen, um nach einem üppigen Mal den Kreislauf in Schwung zu bringen. Und übrigens: Muss man nicht ab und an mit sich selbst Frieden in bestimmten Angelegenheiten schließen? Wie könnte das besser gelingen als in Bewegung an der frischen Luft?! Der biblischen Überlieferung nach waren auch die Hirten auf dem Feld damals zu Fuß unterwegs, ebenso später die Heiligen Drei Könige. Vielleicht hat das ja etwas zu bedeuten: Frieden findet man nicht, indem man eilt. Frieden in sich und in der Welt zu finden braucht Zeit. Nehmen wir uns diese doch, um zum Beispiel ganz bewusst einen Spaziergang zu Weihnachten durch unser dann hoffentlich ganz besonders friedliches Radebeul zu machen.

Bertram Kazmirowski

Wertvolle sachliche Hinweise zu diesem Thema gab mir mein geschätzter Redaktionskollege Dietrich Lohse, der sich wie kein Zweiter mit Baudenkmälern und besonderen Gebäuden in Radebeul auskennt.

Bilz-Denkmal

Foto: W. Hentsch

Es ist vollbracht! Nach fast zehnjähriger Denk- und Vorbereitungszeit konnte das Projekt „Bilzplatz – Neugestaltung“ am 11.11.2017 abgeschlossen werden. Die zwei fehlenden Bäume (Ginkgos) wurden gepflanzt. Anwesend waren der Baubürgermeister Dr. Jörg Müller mit Frau Funke vom Gartenamt.

Natürlich waren die Initiatoren, die Bürger der umliegenden Häuser und Vertreter vom Bilz- und vom „verein für denkmalpflege und neues bauen“ dabei. Frau Dr. Heinrich leitete die Aktion.

Noch eine nette Begebenheit: Ein Mitarbeiter von Nehlsen, Herr Andreas Pellmann aus Lindenau spendete aus eigenem Antrieb 300€. Er ist für die Bewässerung vieler Bäume verantwortlich und wollte mit seiner Spende die Begrünung unserer Stadt unterstützen.

Gudrun Täubert

Ein Weihnachtswunsch


Es wird Zeit, dass Schnee kommt.

Es wird Zeit, dass der Schnee den weißen Mantel des Schweigens über vergessene Denkmäler legt, auf dass wenigstens die Augen Ruhe haben eine Zeit. Freilich sind sie nach dem nächsten Tauwetter unschöner denn je alle wieder da, die Villa Kolbe etwa auf der Zinzendorfstraße oder der schöne alte Bahnhof in West.

Es hat also gar keinen Zweck, etwa das Bahnhofgebäude einschneien zu lassen. Vermutlich ist es sogar schädlich, jedenfalls für Dachstuhl und Mauerwerk, wenn zur Nässe auch noch der Frost reinkommt. Der treibt alles so schön auseinander, der Frost, wie Hefeteig. Dabei hoffen wir doch alle, dass im nächsten Sommer wenigstens die Wanderfalken wieder über den Gleisen einziehen…

Es wird wiederholt beklagt, dass es „die Stadt“ – wer auch immer das ist – versäumt habe, den Bahnhof für sich zu reklamieren. Aber die Besitzverhältnisse sind zweitrangig. Entscheidend ist doch, wie die jeweiligen Eigentümer mit dem Besitz umgehen. Auch die öffentliche Hand bietet keine Gewähr für sachgemäßen Umgang. „Bei uns früher“ galt alles als „Volkseigentum“. Aber das Volk war ganz offensichtlich mit dem vielen Eigentum überfordert. In der Folge ist jedoch auch mancher Frevel aus Unvermögen und Un-Vermögen unterblieben.

Altkötzschenbroda blieb aus diesem Grunde – etwas bröckelig zwar, aber sehr charmant – erhalten und konnte wiederbelebt werden. Zwar war „die Stadt“ mit gutem Beispiel vorangegangen, doch das Ganze konnte nur durch den Einsatz vieler gelingen, vieler Vermögen durchaus auch. Es braucht sie also, die privaten Vermögen.

Wo freilich der ungebremste Verfall auch dort fortschreitet, wo ausreichend Vermögen vermutet werden kann, wird, wie im Falle des Großen Unbekannten vom Bahnhof, leicht Absicht unterstellt. Das kann im Einzelfalle ungerecht sein, ist aber folgerichtig: Bald fehlt nicht mehr viel und die Zeit hat ihr Werk getan: Die Erinnerung an das Denkmal kann dann mit dem Besen beiseite gefegt werden. Wem das zu einfach ist, oder zu leise, der nehme einen Staubsauger, denn Arbeit muss ja immer auch ein bißchen laut sein. Danach ist es nämlich möglich, ungebunden „schön neu“ zu bauen, mit Betonung auf preiswert und neu, und ohne lästige Auflagen der ewig gestrigen „Bewahrer“. Vermögen allein machts eben auch nicht. es gehört deutlich mehr dazu.

Wer also zum demnächst anstehenden Weihnachtsfest bei einer guten Fee einen Wunsch offen hat, könnte sich im Sinne der Bürger dieser Stadt wünschen, dass Ver-mögen, Ver-stand und Ver-antwortung an wichtigen Stellen Hand in Hand gehen mögen.

Oder ist das zu viel gewünscht?

Thomas Gerlach

Coswiger Luther-Stein-Verwirrung

Am 31. Oktober jährte sich nun zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll.

Ehe das Luther-Jahr 2017 ganz zu Ende ist, möchte ich noch etwas Coswiger Lokalkolorit zum Thema beisteuern.

Die Sächsische Zeitung veröffentlichte in diesem Sommer einen interessanten Artikel zu Luther-Bäumen in Sachsen. Er war für mich sozusagen der Stein des Anstoßes, eine Recherche aus meiner früheren Stadtarchivarbeit zu vollenden und zu veröffentlichen.

Auf den ersten Blick kann Coswig gleich mit zwei Linden aufwarten, die zu Ehren Martin Luthers gepflanzt wurden. Die meisten Luther-Bäume Sachsens (überwiegend Eichen und Linden) wurden aus Anlass des 400. Geburtstages des bedeutenden Reformators gepflanzt, so auch ein Baum auf dem Friedhof an der Brockwitzer Kirche. Eine Marmortafel trägt die Inschrift: Dr. Martin Luther 1483 ? 1883. Außerdem ist sie mit stilisiertem Eichenlaub verziert. Da die Gedenktafel bisher an einer mächtigen Linde stand, die jedoch viel älter erscheint, kommt gleich doppelter Zweifel auf. Gehören Baum und Tafel wirklich zusammen?

Die Luther-Tafel auf dem Brockwitzer Friedhof 2017

Meine Betrachtung soll aber der Linde gelten, die in Sörnewitz vor dem Handwerkerhof in einer kleinen Grünanlage steht. Auf einem großen Gedenkstein ist zu lesen, dass diese Luther-Linde 1917 gepflanzt wurde. Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerten somit die Sörnewitzer an das 400. Jubiläum der Reformation! Das Denkmal aus Sandstein wurde allerdings erst 1956 anlässlich der 750-Jahr-Feier des Ortes neu gesetzt und feierlich eingeweiht. Und genau damit begann offensichtlich die Coswiger Luther-Stein-Verwirrung.

Einweihung des neuen Gedenksteines in Sörnewitz 1956
Foto: Archiv Museum Coswig

Durch Zufall erfuhr ich, dass vor der Grundschule Mitte bei deren Generalsanierung 2005/2006 ein Stein gefunden wurde, auf dem etwas von Luther und 1917 stand. Für den Stein, der erkennbar nichts mit der Schule zu tun haben konnte, wurde ein neuer Standort gesucht. Respekt vor dem Namen Luther und ein gutes Auge hatten die aufmerksamen Bauarbeiter anscheinend, denn sie bewahrten ihn vorm Bauschuttcontainer. Da Luther ja etwas mit Kirche zu tun hatte, fragte man den damaligen Pfarrer, ob er sich einen Platz für den Luther-Stein vorstellen könne. Er schlug den ehemaligen Friedhof an der Alten Kirche in Coswig vor. Da steht er noch heute – unscheinbar und seiner einstigen Funktion beraubt.

Der Luther-Stein auf dem ehemaligen Friedhof an der Alten Kirche 2008

Wie aber geriet ein Stein von 1917 zu Ehren Martin Luthers an eine erst Ende der 1970er Jahre erbaute ehemals sozialistische Schule, die auch nicht Luthers Namen trug, sondern den des ersten Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl? Das interessierte mich schon sehr. Aufklärung darüber konnte der ehemalige Hausmeister der Schule geben, der eine ziemlich abenteuerliche Geschichte zu berichten wusste.

1980 sollte die 8. Oberschule Coswig Grotewohls Namen verliehen bekommen. Der damalige Direktor hatte die Idee, auf einem Stein eine Tafel mit dem neuen Schulnamen anzubringen. Dieser könnte dann feierlich enthüllt werden. Immerhin würde bei der Namensgebung der Sohn Otto Grotewohls anwesend sein. Man beschloss, einen passenden Stein zu organisieren – aber woher nehmen? Die Gedankenkette Stein – Steinbruch – Bosel wurde in die Tat umgesetzt, ein Auto und kräftige Männer organisiert. Bei Dämmerung machte man sich auf, um in besagtem Steinbruch nach einem geeigneten Stein Ausschau zu halten. Nach kurzer Zeit schien er schon gefunden, als brauchbar erachtet und an die Schule transportiert. Bei Tage besehen, entdeckte man jedoch eine dünne Inschrift im Granit: Luther-Linde gepfl. 1917. Nun war guter Rat teuer. Da sich der Stein außerdem als zu klein für den langen Namen des Namengebers erwies, wurde die Stein-Idee ganz verworfen.

Fazit der Aktion: Der mühsam beschaffte Stein wurde, um sich den Rücktransport zu sparen, neben den Haupteingang der Schule gestellt – mit der verräterischen Inschrift nach hinten. Dort blieb er quasi als unfreiwilliges Gestaltungselement unbeachtet bis zur Sanierung der Schule stehen.

Der Luther-Stein vor der damaligen Otto-Grotewohl-Oberschule um 1980
Foto: Archiv Museum Coswig

Blieb nur noch die Frage zu klären, wie der Stein mit solch einer Beschriftung in den Steinbruch gelangte? Die Vermutung liegt nahe, dass er bis zum Jahr 1956 auf die Luther-Linde in Sörnewitz aufmerksam machte. Die Aufstellung des größeren Gedenksteines mit der besser lesbaren Inschrift machte ihn überflüssig. Und so wurde er wohl ganz pragmatisch entsorgt: Stein zu Stein, also in den nahegelegenen Bosel-Steinbruch gebracht. Höchstwahrscheinlich kam er einst auch daher. Dort würde er noch heute vergessen liegen und von Grün überwuchert sein, wenn nicht vor 37 Jahren eine Coswiger Schule einen Namen erhalten sollte …

Eine Frage habe ich dann doch noch: Wäre es nicht schön, den alten Brauch wieder aufzunehmen, und anlässlich des nun 500. Reformationsjubiläums eine Linde in Coswig zu pflanzen? Ein Stein mit Tradition wäre ja bereits da!

Petra Hamann

Ein herzliches Dankeschön an alle, die zur Coswiger Luther-Stein-Entwirrung beitrugen. Besonders sei dem Coswiger Stadtarchiv, dem Karrasburg Museum Coswig und vor allem Herrn Rath mit seinem Insiderwissen gedankt.

Quellen
Sächsische Zeitung vom 8./9. Juli 2017, Schulgeschichte von Coswig, herausgegeben von Karrasburg Museum Coswig, 2005, Coswig in Sachsen, Sutton-Verlag, 2000

Editorial

Der Radebeuler Grafikmarkt hat sich seit seiner Premiere vor 39 Jahren zu einer Institution entwickelt, haben sich Kunstfreunde aus Nähe und Ferne den ersten Sonntag im November in ihrem Kalender dick angestrichen. Stetig steigende Besucherzahlen und eine unverwechselbar entspannte, gleichzeitig aber auch konzentriert die eigentliche Sache – in diesem Fall die grafische Kunst – in den Blick nehmende Atmosphäre zeugen davon, dass wohl nur wenige Termine im Kunstkalender der Stadt und der Region eine solche Bindekraft entfalten und Begegnungen zwischen Ausstellern und Publikum ermöglichen. Auch wir profitierten zum wiederholten Mal davon und bekamen einen lebendigen Eindruck davon, wie vielen Menschen unser Heft etwas bedeutet oder sie sich zu ihm in einer Beziehung sehen. Es kam – ich erkannte ihn wieder – der gutmütig grummelnde Erzgebirgler aus Collmnitz, der wie im letzten Jahr gezielt nach Heften suchte, die er (noch) nicht hatte. Es tauchte eine ältere Dame auf, die sich nach einem Heft aus den 1950er Jahren erkundigte, sie sei damals als Kind auf einem Titelbild abgelichtet gewesen. Es trat Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow vom Lügenmuseum ebenso an unseren Stand wie Gottfried Klitzsch, der auf der Hohen Straße 35 eine Galerie unterhält und eine neue Ausstellung ankündigte, über die er im Februarheft 2018 Näheres verlauten lassen will. Ich wechselte sehr freundliche Worte mit jener Familie, über deren neues Zuhause auf der Meißner Straße 172 Dietrich Lohse und ich zu Beginn des Jahres aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschrieben hatten. Es kamen auch zwei junge Männer, die in ihrer naiven Fröhlichkeit Unbefangenheit ausstrahlten und eine Mitgliedschaft in unserem Verein ganz entschieden anstreben, einen entsprechenden Antrag nahmen sie also mit. Ich schüttelte schließlich Hände und tauschte Erinnerungen mit einem Schulfreund, den ich seit 27 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Alle diese Begegnungen – und noch viele mehr! – taten gut, machten froh, waren bereichernd. Im Namen der Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ wünsche ich allen Lesern eine begegnungsreiche Adventszeit!

Bertram Kazmirowski

„Wie und warum überhaupt Menschen verreisen?“ –

Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ hatte am Theater Meißen in einer Bühnenfassung der Landesbühnen Sachsen Premiere

Szene mit Michael Berndt-Cananá, Johannes Krobbach und Grian Duesberg Foto: H. König

Es ist schon ein wagemutiger Rückgriff in die Zeitgeschichte, wenn man solch namhafte Wissenschaftler und Forscher – wie es Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt zweifelsfrei waren – auf der Theaterbühne wieder auferstehen lässt. Denn immerhin führt uns die Geschichte um diese beiden zeitgeschichtlich ausgesprochen wichtigen Menschen fast zweihundert Jahre in die Vergangenheit zurück. Heute wissen wir von beiden Forschern wesentlich mehr, als es die Menschen jener Zeit wussten. Und wenn damals überhaupt etwas nach außen gelangte, dann erfolgte das über meist unausgegorene und oftmals auch völlig falsche Informationen.
Gauß und Humboldt waren anerkannte Wissenschaftler, die mit ihrer Forschungsarbeit zwar nicht gerade die Welt veränderten, die Menschen aber vor allem neugierig machten. So gesehen schließt Daniel Kehlmanns Buch mit dem neugierig machenden Titel „Die Vermessung der Welt“ durchaus eine Wissenslücke. Und darüber hinaus ist Kehlmann ein ausgesprochen unterhaltender Buchautor. Davon zeugen letztendlich auch die hohen Verkaufszahlen seines Romans. Die vor allem wohl auch die Begehrlichkeiten von Theaterautoren wecken können. Die Bühnenfassung stammt von Dirk Engler. Für die Aufführung der Landesbühnen Sachsen wurde diese Bühnenfassung etwas modifiziert. Der Bautzener Theaterdirektor Lutz Hillmann konnte für die Regie gewonnen werden; die Ausstattung besorgte Miroslaw Nowotny. Premiere war am 14. Oktober 2017 im Theater Meißen.
Man brauchte ein wenig Geduld und auch Zeit, um sich als Zuschauer in das ziemlich komplizierte Geflecht der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse hinein zu denken. Gauß wurde 1777 in Braunschweig geboren; Alexander von Humboldt wurde acht Jahre zuvor – im Jahr 1769 – geboren. Die große Lust am Reisen war bei Humboldt weit intensiver ausgeprägt als bei Gauß. Mit gerade mal 22 Jahren – anno 1799 – kam er dank einer Erbschaft von seiner Mutter in den Besitz einer beachtlichen Summe Geldes. Und machte sich auf nach Südamerika um dort in Venezuela wissenschaftlich zu forschen. Von Humboldt stammt auch die folgende Erkenntnis „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben!“ .
Von Carl Friedrich Gauß wiederum stammt die sogenannte „Gauß‘sche Normalverteilung“. Mit der Vermessung der Erde – ergo mit der Geodäsie – beschäftigt sich Gauß erst in seinen letzten Lebensjahren.
Daniel Kehlmanns Roman nun bringt jene beiden wissenschaftlichen Giganten zum gemeinsamen Forschen und Handeln zusammen.
Und nach dem brachialen Erfolg des Romans von Daniel Kehlmann war es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Stoff für die Theaterbühne entdeckt wurde. Dirk Egler schuf die Bühnenfassung. Die Schauspieler Grian Duesberg (Carl Friedrich Gauß) und Michael Berndt Canana (Alexander von Humboldt) dachten sich ganz intensiv in die Welt der Protagonisten von einst hinein. So entstand eine überaus stimmige Inszenierung, die aus der Feder von Dirk Engler stammt. Die Theatermacher Lutz Hillmann und Miroslaw Nowotny mussten darin nur sehr wenig Striche machen; die Inszenierung ging in Meißen so über die Bühne, wie es in der Absicht der Macher lag.

Wolfgang Zimmermann

Markt 1 in Moritzburg – ein interessantes Haus mit vielen Fragezeichen

Ansicht von der Straße, 2009

Ansicht von der Straße, 2009 Foto: D. Lohse

Während meiner Zeit als Artikelschreiber für Vorschau + Rückblick gab es hin und wieder mal ein Thema, das in der Ablage schmorte. Erst hatte ich einen interessanten Ansatz zu einem historischen Gebäude, sammelte ein paar Stichworte, aber fand schließlich, dass es an einer bestimmten Stelle nicht weiterging. Also erst mal in die Ablage!

Alte Eisengussplatte über dem Eingang Foto: D. Lohse

So geschehen im Falle des Hauses in Moritzburg, Markt 1, das mir schon lange im Vorbeigehen trotz oder eben wegen seiner Schlichtheit gefallen hatte. Ich glaubte, alle Quellen außer den elektronischen sowie Personen befragt zu haben, doch es blieben noch allzu viele Fragen offen. Die Stichwortzettel lagen in diesem Fall vier oder fünf Jahre im Stau. Wenn ich mir das etwa dreihundert Jahre alte Gebäude jetzt noch mal vornehme, riskiere ich, dass ich zeigen werde, was ich alles nicht weiß. Zwangsläufig muss ich Zusammenhänge herstellen und meine Phantasie bemühen.
Der Markt (so die Straßenbezeichnung) in der Mitte von Moritzburg ist eine breitere Straße, parallel und westlich von der Schlossallee. Vom Schlossteich den Markt in südlicher Richtung an „Adams Gasthof“ vorbeilaufend und die Auerstraße querend, finden wir auf der rechten Seite das stattliche Anwesen Markt 1. Es unterscheidet sich von den Eisenberger (so hieß Moritzburg früher) Bauernhöfen insofern, dass ein dominantes, zweigeschossiges, von der Straße zurückgesetztes Hauptgebäude, von zwei einen Hof mit Brunnen bildenden, eingeschossigen Nebengebäuden flankiert und durch eine Mauer mit Tor abgeschlossen wird. Das Hinterland ist ein großer Garten, der in weitläufige Weide- und Wiesenflächen überleitet; sozusagen ein unverbauter Sonnenuntergangsblick! Früher war hier anstelle der Wiese der inzwischen trocken gelegte Pressenteich.

Gartenansicht

Gartenansicht Foto: D. Lohse

Über der Haustür finden wir eine Eisengusstafel mit Grafenkrone, verschlungenen sechs Buchstaben und der Jahreszahl 1700. Man möchte glauben, dass diese Kartusche immer schon zum Haus gehört hat und der Schlüssel sein könnte, mit der Krone und den Buchstaben – JHV SGR – den Erbauer des Hauses benennen zu können. Aber da auch die Jahreszahl 1700 geringfügig von der in Akten genannten Jahreszahl 1706 für die Errichtung des Anwesens abweicht, die Buchstaben bisher nicht zuordenbar waren und Kartuschen in der Barockzeit üblicherweise aus Sandstein oder Stuck bestanden, kann die Sache auch ganz anders gewesen sein. Ich biete mal eine Theorie an: könnte es sein, dass es sich vielleicht um eine gusseiserne Ofenplatte handelt, die mit dem Gebäude und seiner Geschichte nichts gemein hat, von einem aufgegebenen Ofen oder gar aus einem anderen Ort stammt und durch einen Liebhaber solch antiker Dinge etwa im 19. Jh. hier als schmückendes Beiwerk (ich glaube, Spolien nennt man das) angebracht wurde? Dann wäre es kein Wunder, dass sich die Geschichte des Hauses mit seinen unterschiedlichen Eigentümern und Nutzungen bisher so schwer entschlüsseln lässt! Die ehem. schwarze Tafel wurde neuerdings farbig gefasst.
Was erkennen wir am Hauptgebäude noch? Es ist massiv zweigeschossig (Naturstein und / oder Ziegel verputzt) mit zwei x sieben Fensterachsen (Süd- und Westseite davon abweichend) und einem Walmdach darüber ausgestattet – ein stattliches, gut proportioniertes Haus; durchaus als Adelssitz denkbar. Als Vergleich ist das etwas kleinere „Goethes Gartenhaus“ in Weimar vielleicht zu weit hergeholt, aber die Kubatur entspricht zB. auch „Adams Gasthof“ in Moritzburg oder dem „Haus Breitig“ in Radebeul, beide 17. Jahrhundert. Durch die Tatsache, dass das Haus teilunterkellert ist und dass knapp 500m südwestlich vom hier vorgestellten Haus es bis ins späte 19. Jh. auf einem Hügel einen Weinberg gab, könnte man noch eine Parallele zur Lößnitz aufzeigen. Gehörte der Weinberg vielleicht zum Haus Markt 1 und war es zeitweilig auch ein Winzerhaus? Wieder eine Theorie, die noch zu beweisen wäre!
Dass es im Laufe der 300-jährigen Geschichte verschiedene Nutzungen in den Gebäuden gegeben hat, sollte uns nicht wundern, das ist anderen Häusern ähnlich ergangen. Die erste Nutzung war sicher der Wohnsitz einer adligen Familie, ein Herren- und Winzerhaus vielleicht. Da werden Beziehungen zu den benachbarten Wettinern, die ja hier in Moritzburg besonders Jagd betrieben und Feste gefeiert hatten, bestanden haben. Daraus könnte sich eine bestimmte Abhängigkeit und Nutzung für das Schloss ergeben haben – die eine Hälfte der in Moritzburg Befragten, meinen, das Haus sei eine Zeit lang Kadettenschule gewesen, die andere Hälfte spricht vom Pagenhaus. Dr. Andreas Timmler, einer der Moritzburger Ortschronisten, zählt zur ersten Gruppe, ich würde mich eher der Gruppe anschließen, die vom Pagenhaus spricht. Kadetten, also Knaben bzw. junge Männer, die eine höhere Militärlaufbahn anstreben, hätten wohl eine Kaserne für diese Ausbildung gebraucht und eine Kaserne sehe ich in besagtem Haus nicht. Bei bestimmter Betrachtung dieses Streites könnte man sogar beiden Parteien ein bisschen Recht geben. Ein belesener Bekannter erklärte mir neulich, dass die beiden „Berufe“ zusammen gehangen haben. An einer Kadettenschule (eine solche steht in der Dresdner Albertstadt) erfolgte die Grundausbildung für alle, je nach Neigung oder Bedarf wurde ein Teil der Kadetten dann Offizier, ein anderer Teil wurde Page. Das Moritzburger Pagenhaus müssen wir uns also als Unterkunft für im Schloss Dienst tuende Pagen und nicht als Schule vorstellen. Und wem gehörte das Haus zu dem Zeitpunkt und wer betreute diese jungen Leute und bis wann genau? Auch das ist zZ. leider nicht bekannt. Im späten 19. Jahrhundert diente es dann normalen Wohnzwecken, möglicherweise mit etwas Landwirtschaft, denn zumindest in einem der Nebengebäude dürfte ein Stall gewesen sein und auf einem Gemälde von Karl Timmler von 1952 erkennen wir hüttenartige Schweineställe im Garten des ehemaligen Pagenhauses. In Notzeiten, wie eben nach 1945, dürfte das Haus auch durch Umsiedler oder Ausgebombte aus Dresden überbelegt gewesen sein. Namen von wechselnden Eigentümern oder Mietern sind Portmann, Schottin, Noack und Künzelmann (hat den südlichen Teil des Grundstücks erworben und bebaut) bis es um 2000 zum Verkauf des gesamten Anwesens an die Familie des Bildhauers Peter Fiedler kam. In jüngerer Zeit wurde nordwestlich ein weiterer Teil des großen Grundstücks abgetrennt und mit einem Neubau an der Auerstraße bebaut.

Historische Ausmalung im Obergeschoss (Reste) Foto: D. Lohse

Das hier ist das richtige Ambiente für eine Künstlerfamilie, aber infolge eines größeren Sanierungsstaus und wegen eigener Wünsche musste erst mal gebaut werden und hat noch nicht aufgehört. Im Zusammenwirken mit dem Denkmalschutz wurden Abrisse von nicht mehr benötigten Anbauten und Zwischenwänden, die im Laufe der Zeit große Räume geteilt hatten, festgelegt. Schwerpunkte der Sanierung waren Dachdeckung mit Biberschwanzziegeln, Freilegen von zugesetzten alten Fensteröffnungen, Aufarbeitung von historischen Fenstern und Neubau von entsprechenden Holzfenstern sowie Abstimmung eines Farbkonzeptes für die Fassaden. Auf besonderen Wunsch von Fiedlers durften die EG-Fenster auf der Gartenseite in der Höhe zu sogenannten französichen Fensten vergrößert werden. Einige Abstimmungspunkte betrafen auch das Innere des Hauses. Im OG wurden Reste einer barocken Ausmalung – Sockelfelder- und Wandfelder mit Girlanden (etwa 1820), auch Deckenstuck und breite

Fiedlers Plastik am Brunnen Foto: D. Lohse

Dielenböden festgestellt, die erhalten werden sollten. Das gleiche traf für wenige überkommene Innentüren zu, verbunden mit dem Wunsch der Denkmalpflege, die festliche Raumfolge der drei großen Räume im OG durch Verbindungstüren (man nennt so eine Abfolge von Räumen „Enfilade“) möglichst wieder erlebbar zu machen. Das Ergebnis dieser Arbeiten am und im Haus ist eine Annäherung an die historische Erscheinung des im Ortsbild des Marktes wichtigen Gebäudes bei gleichzeitigem Erreichen eines neuzeitlichen Komforts für eine junge Familie. Mir scheint, hier wurde ein wirklich passendes Konzept gefunden und baulich umgesetzt, auch für das Ortsbild von Moritzburg sicherlich ein Gewinn!
Und weil oben von mir ein Vergleich zu einem Goethehaus gesucht wurde, hier noch ein zweiter: Im Hof steht ein schöner Ginkgobaum, das hätte auch den „Herrn Rat“ gefreut.
Natürlich würde ich mich freuen, wenn sich Leser fänden, die mir eine oder mehrere mit dem Haus zusammenhängende Fragen oder Theorien beantworten, bestätigen oder widerlegen könnten, ja es sind wirklich viele Fragen offen geblieben.

Dietrich Lohse

Literatur:
„Moritzburg“, H.-G. Hartmann, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar, 1989
„Landkreis Meißen“, G. Naumann, Kreissparkasse Meißen, 1998
„Ortschronik Moritzburg“, Dr. A. Timmler, Gemeindeverwaltung Moritzburg, 2008

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