Zum Titelbild Juni 2014

Mit flottem Strich zeichnete Lieselotte-Finke Poser für unser Juni-Titelbild zwei Frösche. Den einen als Dirigenten, den anderen als Sänger. Vor allem der Sänger – vermutlich ein Tenor – wirkt ziemlich aufgeblasen, was wohl als ironischer Seitenhieb auf die Eitelkeiten in der Welt der Musik zu verstehen ist, zu der die Künstlerin seit jeher eine innige Beziehung pflegt. Der Großvater war Klavierbauer und der Vater führte die Familie jede Woche in die Oper. Obwohl die angehende Künstlerin eigentlich niemals heiraten wollte, war es die Musik, die sie mit dem Musikstudenten Willi Finke, ihrem späteren Mann, zusammenbrachte. Als dieser dann eine Flötisten-Stelle an den Landesbühnen Sachsen angeboten bekam, zog sie mit ihm nach Radebeul. Die Musik begleitet sie bis heute. Vor allem wenn sie malt oder zeichnet, hört sie dazu sehr gern klassische Musik. Als wenig musikalisch gilt hingegen der Frosch, was ihn jedoch kaum zu stören scheint. Völlig uneinsichtig sitzt er in jedem Tümpel, quakt zum Gott erbarmen und hält sich für einen großen Sänger. Sein Gesang indessen ist so schaurig, dass sich der Storch entschloss, dem Gequake ein wirksames Ende zu bereiten. Auch die Mäuse erklärten dem Frosch den Krieg und hätten zu guter Letzt die Götter nicht eingegriffen, so würde längst kein Frosch mehr an Schwarzes Teich den Chören zum alljährlichen Waldparksingen Konkurrenz machen können. Den Göttern sei Dank!

Karin (Gerhardt) Baum

David, 29

schmidtAm 29. April hat David Schmidt seine letzte große Reise angetreten. Mehr als genau 29 Jahre waren ihm hier nicht gegeben. Er war so vieles für viele Menschen in Radebeul und anderswo auf der Welt: Freund, Bruder, Gesinnungsgenosse, Punk, Rebell und Partner. Er hat sich immer wieder zu Wort gemeldet, im Stadtrat, in seiner Partei, unter Bürgern verschiedenster Auffassungen. Auch in dieser Zeitschrift. Schön, gerecht, demokratisch und nazifrei wollte er seine Heimatstadt haben. Wir werden ihn sehr vermissen, doch seine Inspiration wird weiterwirken.

 

David, 29

er war doch gerade noch da
und hat aus seinen augen geblitzt
hat sich für das essen bedankt und das bier
ist vor uns in pose gegangen für ein gartenfoto
hat gelacht über alle schmerzen hinweg

er kam doch gerade noch gelaufen
mühselig und langsam als lässig verpackt
aber lebendig

es ist ja nicht lange her
dass wir spaß mit marmelade gemacht haben
seine klitzige schrift steht noch auf den deckeln von
made in radebeul bio stachelbeer himbeer marmelade und
the stachelbär himbeer monster marmelade und
johannisbeer gelee lecker und bekömmlich

und ganz vor kurzem hat er sich für die massage bedankt
weil er dann seine füße wieder spüren konnte

jetzt schwebt er irgendwo
und wir versuchen seine hand zu fassen
verbunden zu bleiben
für spätere späße
bei denen er zuschauen und kichern kann

schnell noch hat er seiner liebsten eine amsel geschickt
black bird, mit beatles begleitung
und dem tip mit den gebrochenen flügeln weiter zu fliegen
wir haben das lied mitgepfiffen
singen hätten wir nicht gekonnt

so weit kann er einfach nicht weg sein
wenn wir wachsam bleiben
augenblitze gibt es immer wieder

lasst sie uns sammeln
sterntalergleich
und weitersprühen
überallhin

christine ruby

Wulf Kirstens Landschaft

Zum 80. Geburtstag des Schriftstellers

Das Linkselbische liegt zwar in Sichtweite, aber der trennende Fluss hält uns auf Abstand. Grund genug, dem nahen und zugleich fernen Landstrich nachzuspüren – mit einem realen Besuch. Wer einen anderen oder ergänzenden Zugang zur jenseitigen Landschaft sucht, der möge im umfangreichen und nicht nur lyrischen Werk von Wulf Kirsten lesen.

Wulf Kirsten wurde am 21. Juni 1934 in Klipphausen geboren. Nach Tätigkeiten im kaufmännischen Bereich und sogar als Bauarbeiter verließ er erst 1957 den „häuslerwinkel“ seines Heimatdorfs, wobei er selbst den Begriff Heimat eher meidet – trotz aller gedanklichen Verwurzelung im ehemaligen Zuhause, um in Leipzig nach dem Abitur ein Pädagogik-Studium in den Fächern Deutsch und Russisch zu absolvieren.5-wulf-kirsten
Während der Leipziger Studienzeit bot ihm die „Deutsche Bücherei“ die Möglichkeit, sich erstmals umfassend in das gesamte verfügbare literarische Schaffen einzulesen. Sicher ein deutlicher Zugewinn für sein späteres Schreiben. Ein weiterer wichtiger Baustein dafür war das „Wörterbuch der obersächsischen Mundarten“, für das er während der Studienzeit mehr als 1000 Belege sammelte, von denen uns oft Bespiele in seinen Gedichten begegnen.
Nach dem Studium arbeitete er nur kurz als Lehrer. 1965 wurde er Lektor beim Aufbau- Verlag in Weimar und lebt seither dort. In dieser Zeit begann sein eigentliches Schreiben, auch im fruchtbaren Austausch mit schon namhaften Autoren. Seit 1987 ist er freier Schriftsteller und Herausgeber.

Es ist kaum möglich, hier die Fülle seiner Arbeiten – Gedichte, Prosa, Reden, Aufsätze oder Beispiele seiner Herausgebertätigkeit – aufzulisten. Gleiches gilt für die mehr als 20 Literaturpreise und Auszeichnungen, mit denen man sein Werk würdigte.

Deshalb sollen hier eher die sächsischen Bezüge beleuchtet werden, die sein Schaffen ein ganzes Leben geprägt haben. Während der Kindheits- und Jugendjahre hat er sich in besonderer Einfühlsamkeit seine Heimatregion in all ihren Facetten angeeignet. Diese Eindrücke und Erkenntnisse aus dem Linkselbischen sind – wie er sagt – „pars pro toto“, ein unverrückbares Fundament seiner Landschaftsbetrachtung, und um Landschaft geht es fast immer: Landschaft in ihrer enormen Vielschichtigkeit, um ihrer selbst willen, aber auch als Metapher.
Kirsten hat sich immer wieder mit dem Landschaftsbegriff auseinandergesetzt. So sagt er etwa: „Meine Landschaft baut auf ein dicht verwobenes Geflecht, das auf Landschaftskunde, Landschaftsgeschichte gründet und dabei auch Naturgeschichte einbezieht. Bedeutsamer sind mir die historischen Schichten, die ihr aufliegen. Ebenso die sozialen Strukturen, ausgehend von der Siedlungsgeschichte. Eng damit verknüpft sind Bewohnbarkeit, Architektur, Agrargeschichte im zivilisatorisch-kulturellen Prozess. Davon abgeleitet Flächennutzungsmöglichkeiten Bodenbeschaffenheit und schließlich als moderne wissenschaftliche Errungenschaft das weite Feld der Ökologie, die bewusst gemacht hat, wie leichtfertig die Existenz der menschlichen Spezies zunehmend auf Selbstvernichtung zusteuert.“ Man sollte hinzufügen, dass auch der jeweils vorgefundenen Pflanzenwelt seine besondere Hinwendung gilt.
Aus diesem Verständnis heraus betrachtet und beschreibt er Landschaft, immer geleitet von den Erfahrungen mit seinem Linkselbischen.
Mit großer Detailtreue verdichtet er Landschaft in seiner ganz eigenen lyrischen Sprache, die bewusst „körnig“ und spröde sein soll. Er will Landschaft poetisieren, nicht romantisieren. Das setzt innere Distanz zum Sujet voraus, die aber erst gewonnen werden muss. Wer sich über mehr als 60 Jahre immer wieder mit demselben Gegenstand befasst, muss eine tiefe innere Bindung zu ihm haben. Man könnte auch von ungebrochener Landschaftsliebe reden. Unbeteiligt bleibt er, der „Landschafter“ jedenfalls nie.

Der erstmals 1970 erschienene Lyrikband „erde bei meißen“ umfasst zahlreiche Gedichte, die dem Linkselbischen gelten – so etwa „schloß Scharfenberg“ oder „klosterruine Altzella“, aber ebenso der anderen Elbseite gewidmet sind: „selbdritt durch die Lößnitz“, um nur einige Beispiele zu nennen.
Auch später beschäftigt ihn – längst in Thüringen zu Hause – seine Herkunftsregion. 1999 entstand das „große randseil“ – eine Betrachtung des Linkselbischen von Radebeul aus. Das Gedicht entstand in seiner Zeit als Stadtschreiber von Dresden in Zusammenarbeit mit dem leider zu früh verstorbenen Werner Wittig, und es heißt darin: …kirchtürme von der sonne ins land gestaucht, erinnerungspunkte, überelbisch gesetzt, die mir nachhelfen wollen, hinaufzukommen und hinweg über das große randseil, wenn ich nur wüsste, wer das flußband so benannt hat vorzeiten …
2000 erschienen unter dem Titel „Die Prinzessinnen im Krautgarten“ seine Kindheits-erinnerungen aus den letzten Kriegsjahren, die zugleich ein Stück Heimat- und auch Landschaftsgeschichte von Klipphausen festhalten. Nur wenige Beispiele aus seinem Werk.
Sein für uns wohl wichtigstes Verdienst ist es, einen eher „unberühmten“, aber uns nahen Landstrich zu poetisieren und ihm damit einen besonderen Wert zu verleihen.

Dafür ist ihm zu danken, und es bleibt, ihm zu seinem 80. Geburtstag alles Gute zu wünschen
und noch viele gesunde Jahre – auch für sein weiteres lyrisches Wirken, das sein Fundament im Linkselbischen hat und uns bereichert.

Dr. Ulrike Schaksmeier

Gedanken über die Elbe hinüber – gibt es etwas Verbindendes?

Prof. Högg

Prof. Högg an seinem 80. Geburtstag 1947

Ein Fluss von der Größe der Elbe bei Dresden kann schon trennend wirken für Städte und Dörfer am linken und rechten Ufer. Die Menschen haben aber über die Jahrhunderte bis heute immer wieder nach Möglichkeiten gesucht, um diese Trennung zu überwinden.
Da wir uns in der Redaktion seit diesem Jahr vorgenommen haben, Vorschau & Rückblick auch „drüben“ anzubieten, wollen wir auch Themen von dort, also über Gohlis, Cossebaude oder Niederwartha, aufgreifen. Mein heutiges Anliegen ist es, ältere Verbindungen über die Elbe im Raum Radebeul skizzenartig darzustellen und ein Thema – das Pumpspeicherwerk Niederwartha und seine Schöpfer – deutlicher herauszuarbeiten.
Eine wichtige historische Verbindung erfolgte 1645: dem Waffenstillstand der Schweden mit den Sachsen im Pfarrhaus von Kötzschenbroda ging eine Vorverhandlung in Cossebaude voraus bis schließlich der Dreißigjährige Krieg 1648 mit dem Westfälischen Frieden endgültig beendet werden konnte.
Die älteste Verbindung zwischen Kötzschenbroda und Cossebaude dürfte eine Furt, eine Stelle am Fluss an der Wagen und Gespanne diesen bei Normalwasser queren konnten, gewesen sein. Das war nicht ungefährlich, aber im Mittelalter auch andernorts durchaus üblich. Ich vermute diese Furt am untersten Ende der Bahnhofstraße, da, wo der Elbradweg in die Streuobstwiesen abbiegt. Genau da steht ein Sandstein-Wegweiserstein aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, leider über die Jahre stark beschädigt und was die Schrift anbetrifft, kaum lesbar. Noch im 18. Jahrhundert waren Kötzschenbrodaer Bauern von den Wettinern als Landesherren verpflichtet worden, etliche Sensen- und Sicheltage im Jahr im Bereich des kurfürstlichen Vorwerks Ostra (Ostragehege) zu erbringen – wie kamen sie über die Elbe? Die nächsten Brücken waren zu der Zeit in Dresden oder in Meißen.
Von alters her gab es natürlich auch Fähren zur Querung der Elbe. An Personenfähren zwischen Serkowitz und Gohlis und im Raum der späteren Berliner Eisenbahnstrecke werden sich einige noch erinnern, eine Wagenfähre gibt es heute noch bei Coswig. Man erkennt, um eine Wagenfähre zu erreichen, musste man schon mal Umwege fahren. Fähren waren auch nicht immer einsetzbar, bei Hochwasser oder Eisgang etwa. Aber schließlich entstand 1875 bei Niederwartha eine Eisenbahnbrücke, die neben den Gleisen auch eine schmale Fahrspur für Fuhrwerke und später auch Autos erhielt. Noch am 8. Mai 1945 wurde diese Brücke gesprengt, sinnlos, denn da war der Krieg längst verloren. Die Reparatur der Brücke hatte zunächst nur das Ziel, den Eisenbahnverkehr wieder zum Laufen zu bringen. Viel später erst wurde eine Spur für Fußgänger und Radfahrer errichtet. Fahrverkehr für PKW und LKW über die Elbe war erst seit Dezember 2011 durch die neue Straßenbrücke wieder möglich.

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PSW Verwaltungsgebäude 1930


Ein Phänomen waren aber auch die „überelbischen“ Besitzungen von Bauern aus Naundorf und Kötzschenbroda. Es waren Streifenfluren am späteren Niederwarthaer Brückenkopf, die seit der frühen Neuzeit (etwa 16. Jahrhundert) bestanden. Bauer Karl Reiche (Altkötzschenbroda 45) erinnert sich, dass er als Kind zusammen mit seinem Vater auf der anderen Elbseite Heu gemacht und es dann mit dem Pferdewagen über die Brücke rübergeholt hatte. Die „überelbischen“ Wiesen (etwas über 50 ha) sollten 1928 den Radebeuler Bauern bis auf eine kleine Restfläche für den Bau eines Pumpspeicherwerkes genommen werden. Da die Bauern damit nicht einverstanden waren, folgte ein Rechtsstreit, der erst 1952 offiziell beendet wurde. Das Werk und vor allem das große Unterbecken wurden trotzdem gebaut.
Ältere Stadtpläne zeigen noch den alten Grenzverlauf mit „unseren“ Wiesen auf der linken Elbseite, spätere Pläne (so 1957) lassen nur einen schmalen, praktisch nicht nutzbaren Streifen direkt an der Elbe erkennen und nach 1989 fehlt dieser dann auch – die Grenze zwischen Dresden und Radebeul verläuft nun sinnvoller Weise in der Flussmitte.
Da fällt mir gerade eine elbübergreifende Kindheitserinnerung ein. Es dürfte 1952 gewesen sein, als ein Klassenausflug von Oberlößnitz zum Osterberg auf dem Plan stand. Damals wurde die Gaststätte auf dem Osterberg noch bewirtschaftet und außer Gaudi gab es grüne Faßbrause.
Eine die Elbe übergreifende Idee, genauer gesagt ein Projekt, war schließlich der Bau des Pumpspeicherwerkes in Ober- und Niederwartha, weil zwei damals in Radebeul lebende Architekten, Prof. Emil Högg und Dr. Friedrich Rötschke, den Auftrag für die Planung der Großbaustelle am linken Elbufer bekamen. In ihrem Dresdner Büro arbeiteten sie daran von 1929 – 30 (Restarbeiten noch bis 1933). Die technischen Möglichkeiten eines Pumpspeicherwerkes unter Ausnutzung der topografischen Verhältnisse, also durch bewusste Steuerung den richtigen Zeitpunkt zu finden, wann das Wasser vom Oberbecken ins Unterbecken fließen muss, damit der Strom aus dem Pumpspeicherwerk dann fließt, wenn die Stadt den größten Strombedarf hat, war im Murgtal in der Schweiz bereits zwischen 1914 und 18 getestet worden. Der Unterschied bestand in der Größenordnung: das Murgwerk lieferte max. 22 MW, das PSW Niederwartha 1930 dagegen 132 MW Strom, das ist mehr als das Fünffache! Das Herz der Anlage waren sechs Turbinen der Fa. AEG, die durch Umschalten auch als Pumpen arbeiten konnten – die Technik ist über die Jahre erneuert, bzw. erweitert worden, ich glaube, zuletzt sah ich noch eine letzte AEG-Turbine. Für das technologische Projekt waren andere Ingenieure zuständig, Högg und Rötschke lieferten die baulichen Hüllen dazu. Ob sie auch für die Einordnung der Gesamtanlage in die Landschaft verantwortlich waren, kann ich nur vermuten. Fest steht aber, dass dieser Industriebau eine der größten Aufgaben im Büro Högg (u.a. Kraftwerk Böhlen oder Fotowerk Ernemann in Dresden) gewesen ist. Professor Högg, über dessen Leben und Wirken ich bereits in Heft 8, 1994, V&R schrieb, näherte sich sehr vorsichtig dem modernen Bauen im 1. Viertel des 20. Jh. an. So wetterte er in einer seiner frühen Publikationen über Häuser mit Flachdächern, die nichts in Deutschland zu suchen hätten, ja, er beschimpfte diese Art zu bauen als Kameltreiberhäuser! Diese starre, wohl auch nationalistische Haltung überwand er jedoch bei den Bauten des Pumpspeicherwerkes und kommt hier der Bauhausarchitektur recht nahe. Vielleicht war das der Einfluss seines jüngeren Partners Rötschke. Dass er hier Klinkersteine für die Fassaden verwendete, hängt wohl mit seiner Schaffensphase in Bremen (1904-11) zusammen – in Norddeutschland haben Klinker eine lange Tradition. Ein besonderer gestalterischer Reiz wird in Niederwartha dadurch erreicht, dass die Klinker abweichend vom klassischen Ziegelverband bildhaft-geometrische Muster zeigen. Technologisch bedingte Bauteile werden in Sichtbeton von den Klinkerflächen abgesetzt. Horizontale Fensterbänder schaffen helle Räume und gliedern zusätzlich die großen Fassaden. Spaziergänger und Vorbeifahrende empfinden das Gebäudeensemble des Pumpspeicherwerkes immer noch als moderne Architektur, und das noch nach mittlerweile über 80 Jahren! Von den Radebeuler Höhen nimmt man dagegen als erstes die spiegelnde Wasserfläche des Unterbeckens wahr.
Eine andere Verbindung über die Elbe hat sich daraus ergeben, dass wir seit Jahrzehnten über eine 110-KV-Freileitung Strom vom an das Pumpspeicherwerk angeschlossenen Umspannwerk beziehen. Welche künftigen Absichten die schwedische Firma Vattenfall mit dem Pumpspeicherwerk hat, ist derzeit in Diskussion. Hier spielen die aktuelle Preispolitik und spezielle Bindungen von erzeugtem Strom eine eher negative Rolle, was wiederum die geniale Erfindung von Pumpspeicherwerken leider in Frage stellt. Ich hoffe, dass die Unterschutzstellung der Anlage als Kulturdenkmal einen Erhalt bei gleichzeitiger Nutzung sichern wird.

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Fertiggestellte Turbinenhalle 1930

Ich hoffe weiterhin, dass die neue Straßenbrücke weitere gute nachbarschaftliche Beziehungen über die Elbe hinweg befördern kann und dass die Probleme von fehlenden Folgemaßnahmen zur Anbindung des südlichen Brückenkopfes an die Autobahn bzw. an Dresden (es hängt, glaube ich, am Geld) bald gelöst werden.
Fazit: Trotz breiter Elbe gibt es m.E. mehr Verbindendes als Trennendes!
Ich bedanke mich herzlich für Unterstützung und Information bei Frau Moosche (Tochter von Dr. Rötschke, Radebeul), Frau Butze aus Cossebaude, Herrn Karl Reiche (in Kötzschenbroda nur als „Bauer Reiche“ bekannt), Herrn Andert, Radebeul und Herrn Lange (Leiter des Radebeuler Kulturamtes).

Dietrich Lohse

Die Malerin Renate Zürner ist tot

„Sie malte die karge Natur: Blumen, Landschaften und Waldstücke“
Der ganz alltägliche Blick aus dem Fenster war ihr sehr wichtig. Denn er lieferte ihr jede Menge Motive für ihre Malerei.2-portrait-2 So wie bspw. das Warten einer Versammlung ausgedienter alter Möbel auf den Sperrmüllabstransport. Darunter das Gitter eines Kinderbettes, ein ausgedienter Lampenschirm, ein Lattenrost, der zusammengerollte Teppich…! Was für ein Motiv für eine Malerin! Ein Berg Wohlstandsmüll; diszipliniert aufgetürmt und wartend auf die endgültige Zerstörung. Für die am 25. Januar 1930 in Meißen gebürtige Renate Müller war solch ein Motiv ganz alltäglich. Die Alternative zu dieser Tristesse aber lieferten ihr die Blumen; die stolzen Rosen, der violett gefärbte Flieder, die einfältig lächelnden Stiefmütterchen…!
Die Grundlagen für diese Naturverehrung aber waren schon immer in ihr; doch qualifiziert wurden sie erst während ihrer Ausbildunge zur Porzellanmalerin an der Meißner Manufaktur in den Jahren 1946 bis 1951. Von dort führte ihr Weg an die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst; u.a. zu einer Lehrerin vom Range einer Elisabeth Voigt. 1957 heiratete Renate Müller ihren einstigen Kommilitonen Klaus H. Zürner; zwei Kinder (Gisela – 1960 und Kai – 1963) gingen aus dieser Ehe hervor. 1993 zog die Familie Zürner nach Radebeul; er hatte dort einstigen Zürner’schen Familienbesitz zurückbekommen. Renate Zürner stellte u.a. in der Stadtgalerie Radebeul aus und brachte in ihrer interessant strukturierten Bildsprache eine etwas andere Note in die durch eine reiche Anzahl von hier lebenden Bildenden Künstlern verwöhnte Stadt. Es wäre für Renate Zürner nun ausreichend Gelegenheit gewesen, sich selbst intensiv in diese üppige Kunstlandschaft einzubringen. Doch eine in Ansätzen schon vorhandene Demenz bremste ihren Willen wohl aus. Den Tod ihes Mannes registrierte sie kaum. Sie malte noch, doch nun eher sporadisch.

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»Fensterblick«

In den selten gewordenen Momenten, in denen sie ihre Umwelt wieder einmal wahr nahm. Vor wenigen Tagen nun, am 18. April 2014, starb Renate Zürner. In aller Stille, so wie sie immer auch gelebt hatte.

Wolfgang Zimmermann

„Tag der offenen Gärten“ – zum dritten Mal in Radebeul – am 14. Juni 2014 von 11 – 15 Uhr

verein für denkmalpflege und neues bauen

„Welch großes Glück, im Garten zu sein! Stauden, Gräser und Farne schenken dem Garten eine wundervolle Atmosphäre und geben ihm eine Seele. Beim Gärtnern geht es um Grundgedanken des Lebens: die eigene Vision vom Leben in und mit der Natur.“
Anja Maubach, 2008

Die Idee zur „Offenen Gartenpforte“ hat ihren Ursprung in England Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Lauf der folgenden Jahrzehnte entwickelten sich in einigen Staaten Europas und auch in Deutschland Initiativen, bei denen private Gartenbesitzer an einem bestimmten Tag im Jahr für Besucher ihren Garten öffnen. Dies ermöglicht es vielen Menschen, die Vielfalt und Schönheit von Gärten kennen zu lernen sowie Gedanken und Erfahrungen auszutauschen oder sich einfach nur umzuschauen.

In diesem Jahr findet bereits zum dritten Mal der „Tag der offenen Gärten“ in Radebeul statt. Garten – der umgrenzte Raum, ein Stück Erde, für das die Besitzer verantwortlich sind. Was daraus entsteht und wie er genutzt wird, ist meistens auch Ausdruck des gerade herrschenden Zeitgeistes. Heute sind Gärten vor allem Rückzugsorte zum Entspannen, ob bei der Garten“arbeit“ oder in der Hängematte, aber auch Orte des Kinderspiels oder für Treffen mit Familie und Freunden. Bei vielen Menschen spielt heute auch wieder der kulinarische Aspekt eine große Rolle: frische Kräuter, Obst und Gemüse für die eigene Küche, für eine gesunde Ernährung und weil es Freude macht, die Pflanzen beim Wachsen und Reifen zu begleiten und eine reiche Ernte zu erwarten.
Das Organisationsteam hat sich dieses Mal auf Radebeul-West konzentriert, um die Wege kurz zu halten und somit Verkehr zu vermeiden. Lassen Sie also nach Möglichkeit das Auto zu Hause und kommen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuß oder mit dem Fahrrad und genießen den Tag bei hoffentlich schönem Wetter.
An der Kreuzung der Winzerstraße mit der Ludwig-Richter-Allee und der Straße Am Bornberge wird es 11 Uhr einen Auftakt zum Gartentag geben. In der Mitte des Platzes befindet sich eine Tafel zur Villenkolonie Altfriedstein. Anschließend stehen Ihnen bis 15 Uhr folgende Gärten offen:

Am Jacobstein 40
Hinter der sanierten Grundstücksmauer erstreckt sich am Fuße des dazugehörigen Weinbergs der weiträumige Garten der Familie Hößelbarth: Vor und neben dem barocken Wohnhaus als repräsentativer Blumen- und Rosengarten mit Rasenflächen, Buchsbaumhecken, Kübelpflanzen und Kieswegen. Hinter dem Haus als Nutzgarten für Gemüse, Kräuter, Kartoffeln und Erdbeeren. Beerensträucher und Obstbäume schaffen den Übergang zum Weinberg.

Käthe-Kollwitz-Straße 25
Das von Familie Schöbel in verwahrlostem Zustand übernommene Grundstück wurde innerhalb von etwa zehn Jahren neu gestaltet. Schwerpunkt der Umgestaltung war eine klare Strukturierung der Funktionsbereiche wie Eingang/Einfahrtsbereich, Vorgarten (Schauseite) an der Käthe-Kollwitz-Straße, Reaktivierung des Steingartens, Spielwiese, Obstgarten, Wohngarten und ein Gartenteil zur Erzeugung von Gemüse und Beerenobst.
Obere Bergstraße 57
Von der Straße aus gesehen, mit herrlichem Blick übers Elbtal, liegt der von Frau Nowotnik nach einem historischen Foto liebevoll rekonstruierte Garten wie ein Teppich vor dem Betrachter. Schmale Sandwege führen durch den garten, begleitet von Buchsbaumhecken, die die reichhaltig bepflanzten Beete säumen. Bäume und Sträucher an den Rändern grenzen den Garten ab und beherbergen kleine Sitzbereiche.

Winzerstraße 67
Durch das blaue Tor kommend gelangt man in den vom Haupthaus und einem Ferienhaus mit Wintergarten gerahmten Garten von Frau Osterkamp. Die Bepflanzung der Beete ist üppig mit Stauden, Kräutern und weiteren Ziersträuchern. Zwei stattliche Bäume, ein Weinstock und Glyzinien überspannen Teile des Gartens und der Terrasse und spenden Schatten. Reich bepflanzte Terrakottatöpfe schmücken die Terrasse und vermitteln ein mediterranes Flair.

Winzerstraße 43
Familie Rudloff verfolgte bei der Neugestaltung des Gartens der denkmalgeschützten Villa das Ziel, das Landhausflair zu erhalten. Behutsam wurden Relikte der alten Gartenanlage herausgearbeitet. Der von einer Syenitmauer umgebene Garten lebt durch seinen Gehölzbestand, die Verwendung von alten Wegematerialien und die höhergestuften Stauden- und Strauchpflanzungen um zwei raumbindende Rasenflächen.

Lageplan

Thomas Gerlach

Interview mit Karen Koschnick und Dieter Beirich

Zur Ausstellung „Begegnung“ in der Radebeuler Stadtgalerie

Karen, Dieter, fangen wir mit einer provokanten Frage an. Was veranlasst einen 79-jährigen und eine 34-jährige gemeinsam auszustellen?

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Dieter Beirich und Karen Koschnick, zwei Maler

Karen Koschnick: Die Idee kam von der Radebeuler Galerie. Per Mail wurde angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, gemeinsam mit Dieter Beirich auszustellen. Das fand ich ganz spannend, denn ich war ja acht Jahre lang in seinem Mal- und Zeichenzirkel.
Dieter Beirich: Wir waren mal Nachbarn in Radebeul-Ost. Dort konnte ich manchmal ein kleines Schulmädchen die Gellertstraße herunterlaufen sehen, wenn ich auf unserer Terrasse saß. Später kam dieses Mädchen auf Empfehlung ihrer Kunsterzieherin zu mir in den Zirkel. Das Erstaunliche war, dass sie sofort von sich aus anfing zu zeichnen. Als der Vorschlag kam, gemeinsam mit ihr auszustellen, war ich sofort dafür. Ich war gespannt, wie das zusammengeht, ein Alter mit einer Jungen. Einen künstlerischen Gegensatz gibt es nicht, wenn es um Grundsätzliches geht.

Wie ist das nach 16 Jahren wieder zusammenzutreffen?

Karen Koschnick: Es hat sich nichts verändert. So ganz haben wir uns ja auch nie aus den Augen verloren. Besonders wichtig war mir, dass man noch mal eine gemeinsame Zeit hat, um miteinander an etwas zu arbeiten.

Mit welchen drei Worten würdet ihr beschreiben, was euch als Künstler wichtig ist?

Karen Koschnick: Farbe – Form – Raum
Dieter Beirich: Malen – Malen – Malen

Beim flüchtigen Blick auf die Ausstellung könnte man auf den Gedanken kommen, dass die Natur ein verbindendes Element zwischen euch Beiden ist. Deine Berg- und Waldbilder, Dieter, drücken Naturstimmungen mit einem hohen Grad der Abstraktion aus.

Dieter Beirich: Was ich ausdrücken will, sind eher innere Stimmungen, die bis in die Kindheit zurückgehen. Entscheidend ist, was ich über die Natur denke und fühle. Die Darstellung des Raumes ist keine Frage der Darstellung von Perspektive, sondern immer der Versuch gefühlsmäßige, persönliche und philosophische Sichten auszudrücken. Ich weiß vorher nicht wie ein Bild aussehen wird. Im Vorfeld entstehen viele kleine Skizzen. Die Skizzen ahnen voraus, was ich später machen werde. Der alte Maler Fraaß sagte immer: Werft nicht alle Skizzen weg, nur weil sie euch nicht gefallen!

Deine Bilder, Karen, haben einen relativ strengen Aufbau. Verspürst du in deinem Schaffen eine gewisse Affinität zur Architektur?

Karen Koschnick: Ja, ich baue meine Bilder. Aber Stimmungen sind für mich der Ausgangspunkt und damit auch sehr wichtig. Viele der Arbeiten entstehen vor Ort. Ich warte mitunter längere Zeit, bis sich eine bestimmte Stimmung einstellt. 2007 bin ich jeden Morgen immer zur selben Zeit an eine bestimmte Stelle gegangen. Das Landschaftsbild „Orange“ ist so eine Stimmung, die ich 2013 in Korea am Meer erlebt habe. Dabei kommt mir die Siebdrucktechnik sehr entgegen. Ich kann sowohl ganz feine Linien zeichnen als auch intensive Farbakzente setzen.

 

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Karen Koschnick: »Zypressen in Griechenland«, 2014, Öl auf Leinwand

Was ist es, was euch zur Auseinandersetzung mit bestimmten Themen zwingt – oder anders gefragt, was treibt euch künstlerisch an?

Dieter Beirich: Ich war in den letzten Jahrzehnten viel in den Bergen. Auf der Höhe ist man frei. Es gibt Dinge, die sind religiös, obwohl ich nicht religiös bin. Ab 1980 hat mich der Zerfall der DDR sehr bewegt. Das Malen in der Natur war so etwas wie Flucht.
Karen Koschnick: Es geht mir darum, etwas zu begreifen, etwas mit den Händen zu tun, um über das Tun etwas zu verstehen. Es ist eine ständige Auseinandersetzung mit dem, was mich umgibt.

Wie muss man sich eigentlich den künstlerischen Schaffensprozess vorstellen? Früher haftete dem häufig ein romantisch verklärter Mythos an.

Dieter Beirich: Diese Frage möchte ich mit einem tibetischen Spruch beantworten, der auch auf unserer Einladungskarte steht: „Der Weg ist das Salz deiner Reise – nicht das Ziel.“ Zu DDR-Zeiten war das Ziel wichtiger als der Weg. Da gab es diese Losung von Lenin „Die Kunst gehört dem Volke“. Ich erschrecke manchmal vor meinen eigenen Arbeiten aus dieser Zeit. Zum Beispiel dachte ich bei einem Bild, auf dem ein Wismutkumpel dargestellt war, ziemlich empört, dass hat doch jemand übermalt, dann habe ich es mit einem alten Foto verglichen und tatsächlich, es war von mir.
Karen Koschnick: Meine Generation denkt sehr pragmatisch. Zur Wende war ich zehn Jahre alt. Alles veränderte sich, viele Menschen haben sich innerhalb kürzester Zeit um 180 Grad gedreht, die Eltern waren mit sich beschäftigt, die Mitschüler fehlten plötzlich samstags in der Schule, alles begann sich aufzulösen. Meine Generation hat keine starren Ideale, keine gesellschaftlichen Visionen. Jeder kämpft für sich. Möglichkeiten bzw. Chancen, die sich bieten werden genutzt.

Wenn man deine Vita anschaut, Karen, hat man den Eindruck, du bist permanent in Ausbildung.

Karen Koschnick: Ich wollte nie nur bei einer Person studieren. Nach Dieter Beirich gehörten an der Dresdner Kunsthochschule Günther Hornig, Siegfried Klotz, Elke Hopfe, Wolfram Hänsch und Hans Peter Adamski zu meinen Lehrern. Zwischendurch war ich Gaststudentin an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee bei Manfred Zoller und Hanns Schimansky. Nach dem Diplom machte ich ein Begleitstudium zu Regionalwissenschaften Lateinamerikas, studierte zwei Semester Biologie, war zum Studienaufenthalt in den USA und an der Staatsoper Hamburg Bühnen- und Regieassistentin. Als ich nach vier Jahren wieder an die Dresdner Hochschule zum Meisterstudium bei Elke Hopfe zurückkehrte, war alles ganz anders, die „Malschweine“ waren plötzlich weg. Schade eigentlich, dass gehörte doch zur Tradition dieser Schule. Was meine Ausbildung anbelangt, habe ich in diesem Jahr mit einem Promotionsstudium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg begonnen.

Dieter, bei dir hat man den Eindruck dass du in das Innere eindringen willst und davon wiederum nur das Wesentliche wiedergibst. Dazu braucht es den Blick nach außen nicht. Ist dir der Austausch dennoch wichtig?

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Dieter Beirich: »Weisser Abendberg«, 2012, Mischtechnik

Dieter Beirich: Sonst würde ich nicht mit Freude diese Ausstellung mit Karen Koschnick machen. In letzter Zeit habe ich u.a. gemeinsam mit Sophie Cau und Peter Graf ausgestellt. Kunstreisen sind auch sehr anregend, liefern Malerinformationen. Originale von Rembrandt, Goya oder Cezannes zu sehen, das ist mir wichtig.

Karen, du stellst u.a. in Strasbourg, Ohio und Hamburg aus. Ist die Ausstellung in der Radebeuler Stadtgalerie als Abstieg in die Drittklassigkeit zu verstehen?

Karen Koschnick: Jede Ausstellung hat ihren Wert für sich. Seit 2006 beteilige ich mich an den Gemeinschaftsausstellungen der Stadtgalerie. Die Verbundenheit mit Radebeul ist mir wichtig. Hier bin ich aufgewachsen und hier habe ich eine Siebdruckwerkstatt. Die Lößnitz ist eine natursatte Gegend und für Maler sehr anregend. Mein Malatelier befindet sich in Berlin. Diese Stadt ist ein wenig chaotisch und hat wiederum einen ganz anderen Reiz. Es gibt mir größere gesellschaftliche Freiheiten. Angenehm finde ich auch, dass es vielen Berlinern wirtschaftlich zwar nicht so besonders gut geht, aber sie kaum jammern.
Dieter Beirich: Die Radebeuler Galerie ist nicht drittklassig. Wir Künstler haben damals sehr darum gekämpft, dass es diese Galerie überhaupt gibt und ich bin glücklich darüber, dass sie immer noch existiert.

Karen, das Thema „Tod“ hat dich viele Jahre beschäftigt, insbesondere die Gräberarchitektur. Ein großes Gemälde ist in der Ausstellung zu sehen.

Karen Koschnick: Dass ich Friedhofsbilder male, ist dem Umstand geschuldet, dass ich einen Ort gesucht habe, an dem ich ungestört im Freien arbeiten kann. Der jüdische Friedhof in Berlin war damals noch sehr still und verwunschen. Er wirkte auf mich wie eine Stadt mit Straßen und Häusern. Was zunächst ganz pragmatische Gründe hatte, wurde später zu einer intensiven Auseinandersetzung. Mit meiner Doktorarbeit „Totenstätte und Städteleben“ greife ich diese Thematik noch einmal auf und vertiefe sie. Da die Entwicklung von Stadt und Friedhof Parallelen aufweist. Wir kopieren unser Weltbild und projizieren es aufs Totenreich. In Deutschland wird mir häufig die Frage gestellt, wie können sie sich als junge Frau mit Friedhöfen beschäftigen? In Amerika hat das niemand gefragt. Obwohl es sich dabei doch um ein klassisches, immer gültiges Thema handelt. Aber als Künstler ist man sich schon im Klaren, dass man nur einen kleinen Kreis anspricht.
2013 habe ich ein Friedhofsbild an eine Sammlerin verkauft. Es hängt in ihrem Wohnzimmer und ich hatte den Eindruck, dass sich die Besitzerin sehr stark damit identifiziert.

Dieter, es fällt auf, dass du häufig mit der Farbe schwarz arbeitest. In der Ausstellung gibt es sogar ein komplett schwarzes Bild. Steckt dahinter eine bestimmte Absicht?

Dieter Beirich: Es gab eine Zeit, da wurden meine Bilder immer dunkler. Man fragte mich: Warum malst du so dunkle Bilder, der Sozialismus ist doch nicht so?! Ich sagte darauf, dass es mein innerer Zustand ist. Der Zerfall einer scheinbar idealen Gesellschaft fand auch in mir statt. Aber auch die Erinnerungen an die Kindheit verbinden sich für mich mit Dunkelheit aus der einzelne Gegenstände wie Symbole farbig aufleuchten. Die Installation mit dem Rinderschädel, der von zwei quadratischen Bildern flankiert wird, habe ich „Langenhennersdorfer Stilleben oder das karge Jahr 46“ genannt. Und dann ist da noch jenes schwarze Bild, welches ich in dieser Ausstellung hängt. Es entstand 2007 in Erinnerung an eine Irlandreise. Dort hatte ich die Burren (Irischer Nationalpark) gesehen als gerade die Sonne schien und die zerklüftete Steinlandschaft wirkte schwarz. Das Bild mit dem reliefartigen Farbauftrag drückt Schwermut aus, was mit dem Wissen um die irische Geschichte zusammenhängt. Die goldfarbene Fassung soll die Kostbarkeit unterstreichen.

Wie haltet ihr euch als Berufskünstler über Wasser?

Dieter Beirich: Zu DDR-Zeiten hatte ich das Bedürfnis sowohl als Künstler als auch als Pädagoge zu arbeiten, was sich natürlich nicht immer miteinander vereinbaren ließ. Künstlerisch frei und unbeschwert arbeiten kann ich erst, seitdem ich Rentner bin. Ich male nicht, um zu verkaufen!
Karen Koschnick: Um das notwendige Geld für meinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeite ich auf Messen und in der Gastronomie. Ich bin zuversichtlich, dass sich immer wieder etwas ergibt, dass es immer irgendwie weitergeht. Aber viele Künstler verlieren sich auch im Geldverdienen und es fehlt dann an der notwendigen Energie für die künstlerische Arbeit. Im Vergleich mit Gleichaltrigen, die in Festanstellungen Karriere machen, fühlt man sich als freischaffender Künstler sozial manchmal schon ziemlich ausgeschlossen.

Was sind eure aktuellen Pläne?

Karen Koschnick: Ab 20. Mai bin ich für zwei Monate in Gangneung in Korea. Ich hatte mich dort um ein Privatstipendium beworben. Für einen Skulpturenpark werde ich zum Thema „Die Berge im Meer und das Meer in den Bergen“ Objekte gestalten. Erste Tests wurden bereits gestartet.
Dieter Beirich: Malen! Malen! Malen!

Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit sich Künstler in einer Stadt ansiedeln?

Dieter Beirich: Die Vertreter aus Politik und Verwaltung als auch unsere Mitmenschen sollten sich aufgeschlossen dafür interessieren, was in den Bereichen Kunst und Kultur passiert.
Karen Koschnick: Junge Künstler gehen dorthin, wo es Möglichkeiten zur künstlerischen Betätigung und zum Austausch gibt. Dafür muss es erschwingliche Atelier-, Werkstatt-, Wohn- und Ausstellungsräume geben. Vor allem unsanierte Räume, die gerade für Künstler von großem Reiz sind, werden knapp. Stadtplaner sollten Mut zur Brache zeigen und für kommende Generationen Gestaltungsspielräume offen lassen.

Das Interview führten Karin (Gerhardt) Baum und Karl Uwe Baum.

Die Ausstellung wird bis zum 29. Juni 2014 gezeigt. Die Eröffnungsrede der Meißner Künstlerin Else Gold liegt in der Galerie aus. Ein Galeriegespräch mit Dieter Beirich findet am 13. Juni um 19.30 Uhr statt.

Editorial Juni 2014

Zwischen Bahnhofskultur und Kulturbahnhof
Vieles hat sich in den letzten Jahren an den Radebeuler Bahnhöfen getan. Der westliche Haltepunkt nennt sich in traditionsreicher Anknüpfung gar wieder »Radebeul-Kötzschenbroda«. Deutschlandweite Berühmtheit erlangte er nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges bei all jenen Reisenden, die nach Dresden fuhren und im Großraum Dresden hier ihre letzte Ausstiegsstelle fanden. Heute hingegen hält, abgesehen vom Regionalverkehr der S1, kein Zug mehr hier.  Nunmehr »bahnsteiglos« rauschen die Fernzüge durch die Lößnitzstadt. Noch bleibt die große Frage an die Radebeuler Bürgerschaft, welcher sinnstiftenden Nutzung man dem seiner ürsprünglichen Bestimmung enthobenen Gebäudes künftig zuführen kann.
Im östlichen Stadtteil ist mit der Sanierung des Bahnhofsgebäudes im Dreigestirn von Bibliothek, Volkshochschule und Kulturbahnhof eine sinnvolle und tragfähige Lösung gefunden worden. Hält hier zwar auch kein Fernzug mehr, so verströmt der Bahnhof  in Anbindung an die historische Traditionsbahn (Bimmelbahn) in Ansätzen noch den Nimbus der »guten alten Zeit«. Der streng gefasste Rasen der Kulturterrassen lädt derzeit nur bedingt  zum Verweilen ein. Neuerlich wird die Mitteltreppe von übermannshohen, kronleuchterähnlichen Blumenschalen flankiert. Mit diesen grünenden Inseln sollte nicht die Hoffnung verloren gehen, dass nach vielen Monaten nun auch der Fahrstuhl endlich in Betrieb kommt. Denn solange ist für reisungswillige Rollstuhlfahrer hier Endstation. Schließlich soll der kleine Haltepunkt »Radebeul-Weintraube« in der »Stadtmitte« nicht unerwähnt bleiben. Ein kreativer Heimatfreund hat am Zugangsschild zum Bahnhof vor längerer Zeit (inzwischen entfernt) die geklebte Buchstabenfolge »Weintraube« in »ein Traum« verwandelt. Dieses zweifellos ordnungsamtliche Vergehen hat sicher bei nicht wenigen Vorüberfahrenden für ein zustimmendes Schmunzeln gesorgt.

Sascha Graedtke

Zum Titelbild Mai 2014

„Hol`s der Geier“ – Dieses gesellige Kartenspiel vom Ravensburger Spieleverlag hatte Lieselotte Finke-Poser, die Schöpferin der Zeichnung des Titelbildes, zu jener Zeit noch nicht gekannt. Welche Bedrohung von einem Redner ausgehen kann, wusste sie allerdings nur allzu gut. Die Zeichnung mit dem Geier am Rednerpult gehört zu einer Serie von Skizzenblättern, welche von Ende der 1940er bis Anfang der 1950er Jahre entstanden sind als die Ideologien regelrecht aufeinander prallten. Kaum war das „tausendjährige Reich“ zusammengebrochen, machten sich schon wieder neue Demagogen ans Werk, um die Meinung der Andersdenkenden zu unterdrücken. Für die junge Kunststudentin, die sich in der Jungen Gemeinde engagierte, bedeutete das Exmatrikulation. Ihren eigenen Weg ging sie trotzdem unbeirrt. Die Skepsis gegenüber Rednern, die keine Gegenrede dulden, hat sie bis heute beibehalten. Vor allem von einem Geier, der fast freundlich, aber scharfen Auges in sein Publikum schaut, sollte man sich nicht täuschen lassen. Selbst wenn er mit „geölter Zunge“ spricht, bleibt er ein Raubtier auf Beutezug. Hol`s der Geier!

Karin (Gerhardt) Baum

Bismarck und die deutsche Kultur

Unter diesem Thema stand am 1. April, dem Geburtstag des ersten Reichskanzlers, ein Festvortrag von Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Professor für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Technischen Universität Chemnitz (Kroll ist Präsident der Werner-Bergengruen-Gesellschaft, Vorsitzender der Preußischen Historischen Kommission sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beraterkreises der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Integration und zudem Beiratsmitglied renommierter historischer Forschungseinrichtungen wie dem Institut für Zeitgeschichte München und dem Deutschen Historischen Institut Warschau). Der mit großem Interesse aufgenommene und diskutierte Vortrag wurde im Rahmen des zweiten öffentlichen Spendenessens (im Vorjahr sprach Dr. Ulf Morgenstern) des Vereins zugunsten des Treppenbauvorhabens im Bismarckturm gehalten Mehr »

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