Traurige Braut

Zur Premiere von Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ an den Landesbühnen (16.10.21)

»Der zerbrochene Krug« mit Tammy Girke Foto: R. Jungnickel

Die Figur des Dorfrichters Adam aus Heinrich von Kleists Lustspiel “Der zerbrochene Krug” (1808 Uraufführung/1811 Buchausgabe) gehört zu den wenigen Figuren der deutschsprachigen Theatergeschichte, die ein Stück von Anfang bis Ende dominieren und deren hervorstechende Merkmale (blutig geschlagene Glatze und missgestalteter linker Fuß in entsprechend klobigem Schuh) viele Theaterfreunde aus früheren Begegnungen mit dem Stoff leicht abrufen können. Diese Merkmale dienen ja gleichermaßen auch als Indizien in dem von Adam zu führenden Prozess gegen sich selbst, was den komischen Charakter des Stückes als „Lustspiel“ seit jeher begründet. Insofern setzen die Landesbühnen Sachsen in ihrer jüngsten Premiere ein Ausrufzeichen, wenn sie durch die Gestaltung des Programmheftes, die Entscheidung für eine von Kleist als „Variant“ bezeichnete Schlussfassung und durch mancherlei Anspielungen den Fokus weg von Adam (Matthias Avemarg) hin zu Eve (Tammy Girke) richten. Denn Eve blickt den Leser des Programmheftes ernst und traurig als Braut mit dem Torso eines Kruges um den rechten Unterarm an, was auf den Ansatz der von Peter Kube straff inszenierten Vorlage (80 Minuten sind rekordverdächtig kurz) verweist. Hier wird eigentlich, aber im Text eben nur angedeutet, das Schicksal einer jungen Frau verhandelt, die sich aus Scham und Ohnmacht gegenüber bestehenden Machtverhältnissen nicht traut, Klartext zu reden. Dorfrichter Adam nämlich ist ihr gegenüber zudringlich geworden, hat nach seinem nächtlichen Besuch in Eves Kammer nicht nur den von der Mutter betrauerten Krug auf dem Gewissen, sondern auch die Ehre der jungen Frau, was ihre Zukunft als künftige Braut des einfachen Bauernsohnes Ruprecht (Felix Lydike) gefährdet. Dieser soll zum Militär, was Adam auf Ersuchen von Eve durch ein falsches Gutachten über dessen Untauglichkeit verhindern und somit eine Hochzeit Eves mit Ruprecht befördern könnte. (Das erfährt das Publikum allerdings erst ganz am Ende, als Adam schon geflüchtet ist und sein Richterstuhl symbolträchtig demontiert wurde, gewissermaßen als Rückblende auf das Geschehen, das vor Beginn der Bühnenhandlung lag.) Aber als Gegenleistung zu diesem Gefallen – nun, da ist der alte Stoff in unserer durch die #MeToo-Debatte sensibilisierte(re)n Gegenwart wieder ganz aktuell: Harvey Weinstein, Jeffrey Epstein, Prinz Edward, Dominique Strauss-Kahn und manch andere einflussreiche Männer jenseits der Attraktivitätsgrenze lassen grüßen. Das Bühnenbild (Tom Böhm) veranschaulicht das Macht-Ohnmacht-Problem in der fiktiven dörflichen Beschaulichkeit sehr deutlich. Ein fast die ganze Bühnenbreite einnehmender überhoher Tisch dient als Zufluchts- bzw. Aufenthaltsort für die vier Dorfbewohner, neben Eve und ihrer Mutter Marthe (Julia Vincze) auch für Ruprecht und dessen Vater Veit Tümpel (Alexander Wulke). Darüber thront mittig Adams Richterstuhl, dieser schließlich noch bekrönt durch das Schreibpult des Schreibers Licht (Johannes Krobbach). Außer dieser sehr einfach gehaltenen Ausstattung gehört nur noch ein Stuhl im Kolorit der Zeit zu den Requisiten, auf dem es sich Gerichtsrat Walter (Michael Berndt-Cananá) bequem zu machen versucht. Dieser inspiziert als Vertreter der Landesgerichtsbarkeit die Provinz und nimmt zunehmend selbst das Heft des Handelns in die Hand, weil Adam dessen unfähig zu sein scheint.
Die unter Kubes Leitung einstudierte Interpretation gibt den sieben Hauptdarstellern (Tine Josch hat nur einen kurzen Auftritt als Frau Brigitte) erfreulich viel Raum, ihre jeweiligen Rollen mit Spielwitz auszufüllen. Johannes Krobbach etwa strahlt eine köstliche Dienstbeflissenheit aus, deren Ursache in seinem Wunsch nach Übernahme der Stelle des Dorfrichters liegt. Michael Berndt-Cananá erheitert als übernervöser, unter Zeitdruck stehender, von der Taschenuhr abhängiger Beamter. Julia Vincze besticht durch eine aufgeregt-selbstvergessene Schrillheit, die mich an die Yvonne aus den Olsenbanden-Filmen erinnerte. Felix Lydike und Alexander Wulke bedienen sehr genau das Klischee des einfach gestrickten Bauers, dessen Horizont wenig weiter als bis zum Ende des eigenen Ackers reicht. Matthias Avermarg bringt von Natur aus beste Voraussetzungen mit, den sich windenden Kahlkopf zu verkörpern, ebenso wie Tammy Girke die Zuschauer die Situation Eves erfassen lässt. Wie sie so zusammengerollt unter dem Riesentisch liegt, sich weitgehend zurückzieht, kaum zu Wort kommt oder auch zu Wort kommen will lässt eine ernste Facette des Stückes aufscheinen, die unter der burlesken Fassade erst hervorgeholt werden muss. Dass die Landesbühnen damit ein kanonisches Stück für die Gegenwart aufbereitet haben ist durchaus ein Verdienst, was auch der anerkennende Schlussapplaus verdeutlichte.

Bertram Kazmirowski
Nächste Vorstellungen 30.10., 19.30 Uhr, 14.11., 15 Uhr, 11.12., 19 Uhr, jeweils Stammhaus Radebeul

950 Jahre Cossebaude

Foto: Heimat- und Verschönerungsverein Cossebaude e.V.

Das Gebiet der linkselbischen Täler zwischen Meißen und Dresden war schon in grauer Vorzeit von slawischen Stämmen bewohnt. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts drängten deutsche Fürsten mit ihren Gefolgschaften die slawische Bevölkerung zurück und siedelten rechts und links der Elbe.
Eine Urkunde aus dem Jahre 1071 verweist auf Cossebaude und gilt damit als erstes Dokument, in dem der Ort genannt wird. Es gibt allerdings berechtigte Zweifel an der Echtheit dieses Schriftstückes. Nichtsdestotrotz gilt 1071 – das Jahr der Ersterwähnung in der Bischof-Benno-Urkunde – als Grundlage für das 950-jährige Jubiläum.
Cossebaude entstand als Häuslerdorf in einer günstigen Lage. Das Wetter und die Bodenqualität begünstigten Ackerbau und Viehzucht. Die Bevölkerungszahl stieg stetig. Im Verlaufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte wechselte Cossebaude mehrere Male den Besitzer.
Seit mehr als 750 Jahren wird in Cossebaude Wein angebaut, wenn auch nicht so viel wie an den Hängen rechts der Elbe. Bischof Benno soll den Weinanbau nach Cossebaude gebracht haben und lobte den Wein von seiner „Lieben Ecke“.
Der Bau der Eisenbahnlinie Dresden – Berlin etwa um 1875 erwies sich als sehr günstig für die industrielle Entwicklung des Ortes. Es entstanden große Industriebetriebe, zum Beispiel Windschild & Langelott und DYKERHOFF & WYDMANN, die Betonwaren produzierten. Etwas später siedelten sich die Eisenwerke Meurer an.
Etwa um 1880 wurden die Weinberge von der Reblaus befallen und der Weinbau musste eingestellt werden. Ein Wahrzeichen Cossebaudes verschwand für viele Jahre. Als Ausgleich wurden jetzt Obstbäume an die frei gewordenen Hänge gepflanzt. Die Baumblüte zog in den Frühlingsmonaten viele Besucher aus Dresden und Umgebung, auch mit Sonderzügen, in den Ort.
Für das leibliche Wohl der Gäste wurde gesorgt: Um die Wende vom 19.-20. Jahrhundert gab es in Cossebaude etwa 30 Gaststätten!
Das fruchtbare Elbtal begünstigte den Gartenbau. Viele Gärtnereien blühten auf, besonders bedeutsam waren die Baumschule Teschendorff, die übrigens bis 2007 bestand, und der Gohliser Gartenbaubetrieb Willy Benke. Beide Firmen zogen viele Besucher in der Rosen- und Dahlienblütenzeit nach Cossebaude.
Auch noch heute sind Gartenbaubetriebe ein wirtschaftlicher Faktor in der Ortschaft.
Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Cossebaude ein reges gesellschaftliches Leben, so seit 1883 bereits den „Verschönerungsverein für Cossebaude und Umgegend“. Ein Jahr früher wurde der Arbeiterturnverein gegründet. Ein Männergesangverein und ein Kriegerverein durften nicht fehlen. Die Freiwillige Feuerwehr wurde 1923 aufgebaut.
Cossebaude hat auch in der großen Politik einmal eine Rolle gespielt. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete 1645 Deutschland und vor allem auch Sachsen. Im Garten des Gasthofs „Zum schwarzen Bären“ wurden erste Friedensverhandlungen zwischen den Schweden und Sachsen geführt. Daran erinnert heute eine Gedenktafel.
Johann Ludewig (* 25. Februar 1715 – † 12. Januar 1760) – welcher Einwohner Cossebaudes kennt den Namen nicht? „Der gelehrte Bauer von Cossebaude“ hat sich sein Wissen auf mathematischem und astronomischem Gebiet autodidaktisch erworben. So war er in der Lage, eine Sonnenfinsternis recht genau vorauszusagen. Heute gibt es ein Denkmal für ihn in der Talstraße, die Bibliothek trägt seine Namen und erinnert an diese Persönlichkeit mit einer Gedenktafel.
In der Opernwelt bekannt ist die Sopranistin Erna Berger (* 19. Oktober 1900 – † 14. Juni 1990). Sie wurde in Cossebaude geboren. Erna Berger sang viele Rollen an den besten Opernhäusern der Welt. Am Bahnhof, ihrem Geburtshaus, erinnert eine Tafel und in der Hauptstraße ein Denkmal an die herausragende Künstlerin.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die großen Cossebauder Industriebetriebe demontiert und als Reparationsleistungen in die Sowjetunion gebracht. Das betraf auch das Pumpspeicherkraftwerk. Das Ende der zwanziger Jahre gebaute Werk galt als eines der ersten Pumpspeicherwerke der Welt.
Die Entwicklung Cossebaudes kam in der Nachkriegszeit kaum voran. Die Ortschaft war kein industrieller Schwerpunkt mehr. Das Wärmegerätewerk und die Baumechanisierung waren einzige Objekte. Bis auf die Siedlung „An den Winkelwiesen“ wurden keine Wohnungen gebaut. Das Betonwerk fertigte Teile für das Plattenneubaugebiet Dresden-Gorbitz und verschiedene Industriebauten.
Mit großen Anstrengungen konnten in den 70er Jahren die polytechnische Oberschule und eine Kindereinrichtung gebaut werden.
Die Wende 1989-1990 brachte neue Chancen für unsere Ortschaft. Mit der Wiedervereinigung wehte auch in Cossebaude ein frischer Wind. Und der führte zu vielen Verbesserungen. Was sollte man nennen?
Mit der Sanierung der Bundesstraße 6 ersetzte eine Buslinie die fast 90-jährige Straßenbahnverbindung in das Stadtzentrum von Dresden.
Das Wohngebiet „An den Winkelwiesen“ wurde erweitert und der Ortskern an der Hauptstraße saniert.
Kommunalpolitisch gehört Cossebaude seit 1997 durch einen Eingemeindungsvertrag zur Landeshauptstadt Dresden und bildet für 30 Jahre eine eigenständige Ortschaft.
Der Bauboom bei Ein- und Mehrfamilienhäusern hat einen Mangel an Bauland zur Folge. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Teil der ausgewiesenen Baugebiete durch das Elbehochwasser 2002 aufgegeben werden mussten. Cossebaude ist jetzt durch den neuen Deich und Betonbauwerke vor einem 100-jährigen Elbhochwasser geschützt, aber die alten Deiche, so zeigte es sich 2002 und 2013, reichten nicht aus.
Die Grundschule wurde erweitert und rekonstruiert. Der bisherige Kindergarten und die Kinderkrippe wurden durch den Neubau eines Kinderzentrums mit ca. 240 Plätzen ersetzt.
Für die Seniorinnen und Senioren entstand im Wohngebiet „An den Winkelwiesen“ durch die AWO ein Pflegewohnheim.
Der Heimat- und Verschönerungsverein Cossebaude e.V. wurde in der Tradition des in der Nazi-Zeit verbotenen Verschönerungsvereins Cossebaude und Umgegend 1993 neu gegründet und hat als Zentrum seiner Tätigkeit seit 2008 das Heimathaus in der Talstraße. Das Haus wird durch Arbeitsgruppen, Hobbyzirkel und private Interessen rege genutzt.
Für viele Einwohner wurde das Leben in Cossebaude attraktiver. Doch nicht alles veränderte sich zum Guten. So gibt es dem allgemeinen Trend folgend bis auf drei mittlere Verkaufseinrichtungen nur noch wenige Einzelhandelsgeschäfte. Die Vielzahl der Gaststätten hat stark abgenommen.
Der Verkehr auf der B6 hat auch durch den Neubau der Straßenbrücke der S84 in Niederwartha Ausmaße erreicht, die kaum mehr zu vertreten sind. Die lärmgeplagten Anwohner hoffen auf den Neubau der B6 n südlich der Bahnlinie mit den notwendigen Lärmschutzmaßnahmen.
Im Juli dieses Jahres wollten die Cossebauder Bürgerinnen und Bürger gebührend ihr 950. Jubiläum begehen. Die Corona-Pandemie hat dies ausgebremst. So werden wir, wenn es die dann aktuelle Lage zulässt, das Ortsjubiläum am Wochenende vom
8.-10.Juli 2022 begehen. Der Ortschaftsrat, die Schulen und alle Vereine bereiten dieses Fest gemeinsam mit den Bürgern vor.

Klaus Schroeter und Rudolf Hickmann
Heimat- und Verschönerungsverein Cossebaude e.V.

 

Nachtrag Jahresmitgliederversammlung 2021

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitglieder vom Verein Radebeuler Monatsheft e.V. „Vorschau und Rückblick“,

es ist endlich vollbracht: die Jahresmitgliederversammlung für 2020 ist Vergangenheit.
Diesmal nicht in der Galerie, sondern kurzfristig in den Gewölbekeller der Fami verlegt, gab es wieder eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen. Die Wahl des neuen Vorstandes war einstimmig, brachte aber keine Änderungen. Als Vorsitzende wird weiterhin Ilona Rau die Geschicke des Vereins leiten, als ihr Stellvertreter wurde Bertram Kazmirowski und als Schatzmeister Konrad Oeser bestätigt. Die angekündigten Änderungen der Satzung wurden einstimmig angenommen und bedürfen nun der notariellen Bestätigung. Wie immer sorgten unsere liebevoll gemachten Schnittchen und Wein für eine gute Stimmung. Besonders der zu Beginn ausgereichte Benno-Sekt, eine Spende zu unserem 30. Geburtstag der Familie Köhler aus der Sterndrogerie, schmeckte uns vorzüglich. Dafür nochmals vielen Dank!
Nun sehen Sie selbst!

Herzlichst Ilona Rau

Entdeckerlust im Grenzgebiet

Oder: Rasselköppe feiern Straßenfest

Foto: Karin Baum

Die Käthe-Kollwitz-Straße, von einigen Anwohnern auch liebevoll KKS oder Kolli genannt, befindet sich in Radebeul-West. Sie beginnt an der Meißner Straße und endet an der Winzerstraße. Die nicht vorhandenen Straßenbäume lassen sie etwas steril erscheinen. Mauern wechseln sich mit Zäunen ab und schaffen Distanz zu den Häusern und ihren Bewohnern. Das Süd-Entree bildet linksseitig ein leerstehendes Geschäftshaus, gefolgt von einer unter Denkmalschutz stehenden Villa, die schon bessere Zeiten gesehen haben muss.
Das erste Haus auf der rechten Seite mit der gefühlten „Nr. 1“ ist das älteste Haus. Es wurde 1869 erbaut. Allerdings gehört es offiziell zur Meißner Straße, der die Hauptansicht des Gebäudes zugewandt ist. Der Eingang des Grundstücks befindet sich jedoch auf der Käthe-Kollwitz-Straße. Von der Bürokratie unbeeindruckt, wurde es auf Beschluss der Kolli-Anwohner liebevoll adoptiert. Als Dank für die Integration sponserten die Hausbewohner für das beabsichtigte Straßenfest eine Grenzanlage und lieferten den Schrankenwärter gleich mit. Doch dazu später im Text.

Eröffnungszeremonie an der Grenze zwischen Kötzschenbroda und Niederlößnitz
Video-Standbild: Privatarchiv Starke

Die Bebauung der Käthe-Kollwitz-Straße erfolgte in einer relativ kurzen Zeitspanne mit freistehenden Landhäusern und Villen. Die Hausnummern beginnen mit der Nr. 2 und enden mit der Nr. 26. Die Hausnummern 1 und 5 sucht man vergebens. Die Senke im Grundstück der Nr. 3 lässt den ursprünglichen Verlauf eines Elb-Armes erkennen.

Unter Denkmalschutz stehen acht Gebäude, davon befinden sich sieben im unteren Straßenabschnitt. Zahlen und Fakten findet man über diese Gebäude in der Denkmaltopographie. Zu bieten hat die Straße aber einiges mehr. Zum Beispiel ein selbsternanntes Kunsthaus, einen Aussichtsturm, eine Gartenbühne, gut platzierte „Neugierden“, eine Tiefgarage, geheimnisvolle Schatzgruben, drei Trampolins, Echt- und Kunstrasen, zwei Dachterrassen, gepflegte Zier- und Nutzgärten sowie Hunde, Katzen, Vögel, Igel, Schnecken, Marder usw., usf. …

Die Hausgemeinschaften als Selbstversorger im Kolli-Straßencafé  Foto: Privatarchiv Herrmann

Die Hausgemeinschaften als Selbstversorger im Kolli-Straßencafé  Foto: Privatarchiv Herrmann

Jan Mixsa und sein Blechtheater mit Rasselköppen auf der Gartenbühne Foto: K. Baum

Kinder der Straße hüpfen in Säcken um die Wette Video-Standbild: Privatarchiv Starke

Recht paradox ist der Umstand, dass sich die Käthe-Kollwitz-Straße in einer innerstädtischen Grenzzone befindet und durch die Straße „Am Bornberg“ eine Teilung erfährt. Der nördliche Teil gehörte zur Niederlößnitzer Flur, wurde 1874 angelegt und hieß Augustusstraße. Der südliche Teil gehörte zur Kötzschenbrodaer Flur, wurde 1880 angelegt und hieß Albertstraße. Nach der Zusammenlegung beider Straßen erfolgte 1934 die Umbenennung in Graf-von-Spee-Straße und 1945 in Käthe-Kollwitz-Straße.

Ein Panoramabild zeigt Kötzschenbroda mit Teilen der Niederlößnitz im Jahr 1867. Weite Bereiche sind da im Elbtal noch unbebaut. Erst ab 1870 setzte in der Lößnitz ein rasanter Bauboom ein. Ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen (Weinanbau-, Weide- und Ackerland) wurden zur Bebauung freigegeben und parzelliert. Aus alten Hausunterlagen ist ersichtlich, dass hier fast ausschließlich die Baumeister bzw. Architekten Moritz Große, August Große, Adolf Neumann und Felix Sommer ihre Handschriften hinterlassen haben.
Einstmals waren es wohlhabende Bürger, die sich vor und nach 1900 in der Lößnitz ein Landhaus oder eine Villa leisteten. Der Wohnraum war großzügig bemessen. Da gab es Räume, die man als Vorsaal, Empfangssalon, Herrenzimmer, Ankleideraum oder Speisekammer genutzt hat. Mit „Abtritt“ war die Trockentoilette gemeint, scherzhaft auch „Plumpsklo“ genannt. Toiletten mit Wasserspülung und Bäder waren damals noch rar. Das Dienstpersonal lebte in kleinen, sehr sparsam ausgestatteten Räumen. Die Herrschaften hingegen genossen das Leben im „Sächsischen Nizza“ mit Balkon, Veranda, Laube und Gartenteich.
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auch in die Villen und Landhäuser der Käthe-Kollwitz-Straße zunehmend Vertriebene und Ausgebombte „einquartiert“. Erst mit der Schaffung von neuem Wohnraum begann sich die Situation allmählig zu entspannen.
Zu den bekanntesten Bewohnern der Käthe-Kollwitz-Straße gehörten in der Nummer 24 (damals Augustusstraße 7) der Landschaftsmaler und Reiseschriftsteller Wilhelm Heine (1827 – 1885) sowie in der Nummer 15 der Radebeuler Ehrenbürger Hellmuth Rauner (1895 – 1975). Eine Beschäftigung mit deren lebensprallen Biografien ist durchaus lohnenswert.
Soweit – so gut. Aber wer sind nun die Menschen, die heute auf dieser Straße wohnen? Auffällig ist, dass in den letzten Jahren viele junge Familien mit Kindern zugezogen sind, die sich aber untereinander kaum kennen. So lag die Frage förmlich auf der Hand: „Wie wäre es, wenn wir die KKS einfach mal für einen Tag sperren und zur Kultur- und Spielstraße erklären?“ Gedacht, gesagt, getan.

Spannende Lektüre über einen bedeutenden
Bewohner unserer Straße Repro: Privatarchiv Rudolf

Die Resonanz der Anwohner war durchweg positiv, was ein wenig überraschte, hatte man doch bisher nur wenig Kontakt gepflegt. Aber warum sollte in einem Radebeuler Villengebiet nicht gelingen, was in den Dorfkernen schon lange praktiziert wird? Mit dem Stadtteilbudget, welches zur Belebung der Radebeuler Stadtteile vorgesehen ist, bot sich die Möglichkeit, eine derartige Kennenlern- und Mitmachaktion finanziell abzufedern. Die Beantragung der Fördermittel bei der Stadtverwaltung war erfreulich unkompliziert. Allerdings beanspruchte schon allein die Straßensperrung ein Drittel des ausgereichten Betrages. Zwei Drittel standen als Honorar für die auftretenden Künstler zur Verfügung, welche straßentauglich, allwetterresistent und improvisationsfreudig sein sollten. Alles Weitere bestritt die Anwohnergemeinschaft selbst.
Die Kolli wurde zur konsequent kommerzfreien Zone erklärt. Fantasie und Engagement standen hoch im Kurs. Ab Juni traf man sich im Garten des Kunsthauses mehrfach zu vorbereitenden Besprechungen. Und siehe da: Kreativität steckt an. Die Ideen sprudelten reichlich und die Protokolle wurden auch immer länger. Schließlich einigte man sich auf einen Veranstaltungstermin und das Programm. Es wurden verschiedene Arbeitsgruppen gebildet. Jeder machte, was er am besten kann. Bei der ORG-Leitung (Kulturpraktiker im Ruhestand) liefen alle Fäden zusammen. Die Straße war das verbindende Element. Im Mittelpunkt allen Geschehens sollten die Kinder stehen. Altbekannte Spiele wie Sackhüpfen, Eierlaufen, Büchsenwerfen, Tauziehen wurden favorisiert. Papier, Kreide, Scheren, Schminke und Buntstifte genügten für den Kreativbereich. Um das bewusste Sehen zu schärfen, wurde ein Fotoquiz initiiert. Fürs festliche Outfit hatte man sich beim städtischen Kulturamt 375 Meter Wimpelketten ausgeliehen.
Am 26. September war es dann endlich soweit. Bereits am Vormittag wurde die Mitte-Süd-Kolli möbiliert. Von allen Seiten trugen die Hausgemeinschaften Tische, Bänke und Stühle herbei. Auf dem grauen Asphalt wuchs ein wildbuntes Straßencafé – mit und ohne Blumenvasen, Deckchen oder Kissenplatten.

Zaungalerie mit Bauzeichnung von der Villa auf der Käthe-Kollwitz-Straße 6 Foto: Privatarchiv Wilhelm

Punkt 14 Uhr sollte die Grenzzeremonie starten. Der Festredner schwang die Glocke und rief: „Hopp, hopp, hopp, lauft mal etwas schneller, jetzt geht’s los. Und jeder auf die richtige Seite!“ Eine Gießkanne wurde zum eindringlichen Signalhorn umfunktioniert. Doch kaum hatte der Redner die ersten Worte gesprochen, erfolgte der Zwischenruf: „Moment mal, die Kamera läuft noch nicht!“ Fehlstart. Alles retour. Zweiter Versuch. Zuerst die amtliche Mitteilung: „Abstand, Abstand, Abstand!“ Was folgte waren Namen, Zahlen, Fakten und historische Finessen. Dann der erlösende Moment. Der Schrankenwärter waltete seines Amtes. Der Schlagbaum hob sich. Die Niederlößnitzer und Kötzschenbrodaer begannen sich zu mischen – natürlich mit Abstand. Eingeladen waren als Ehrengäste auch ehemalige Bewohner der Käthe-Kollwitz-Straße, Bewohner von Nachbarstraßen, Radebeuls „Mister Wikipedia“, Vertreter des Dorf- und Schulvereins Naundorf sowie verdienstvolle Bürger aus Dresden und Zentral-Niederlößnitz.

Zaungalerie vor der landhausartigen Villa, Käthe-Kollwitz-Straße 26 Foto: K. Baum

Unmittelbar nach der Eröffnung erfolgte ein Rundgang mit Besichtigung der temporären Zaungalerien. An fast allen Grundstücken hingen Schilder mit dem Entstehungsjahr des Hauses. Zu sehen waren Fotos von Kaffeekränzchen und Familienfeiern, Fassadenentwürfe, Grundrisse, Besitzurkunden, Handwerkerrechnungen, Dokumentationen verschiedener Bauzustände und der Schriftwechsel mit Behörden. Aber auch Kopien von Resten alter Zeitungen, die man unter Dielenbrettern gefunden hatte bzw. Fotos von originalen baulichen Elementen, die bis heute noch funktionstüchtig sind, wurden voller Stolz gezeigt. Schade, fürs Schauen und Lesen war die Zeit eigentlich viel zu kurz.
Verlockende Akkordeonklänge wehten über die Straße. Auf der Gartenbühne tönte es rassel, rassel, rassel. Das interaktive Blechtheater sorgte mit Gießkannen, Kochtöpfen, Trichtern, Eimern und einer Badewanne für Aufmerksamkeit. Und es dauerte nicht lange, bis sich die Zuschauer in bekennende Rasselköppe verwandelt hatten. Danach ging es weiter mit Kaffee, Kuchen, Keksen, Limonade und Musik. Kein Auto störte die Straßen-, Wett- und Wiesenspiele der ausgelassenen Kinderschar. Den offiziellen Abschluss bildete die Preisauslosung vom Fotoquizz. Und weil die Erwachsenen einfach noch nicht nach Hause gehen wollten, bildeten sie auf „ihrer Straße“ einen nächtlichen Stuhlkreis und redeten und redeten und redeten…
Auch zur gemeinsamen 3G-Open-Air-Nachlese am 11. Oktober waren noch einmal viele Anwohner in den Garten des Kunsthauses gekommen, um sich bei Glühwein und Zwiebelkuchen auf einer Großleinwand stehende und lebende Bilder von der gemeinsamen Straßenaktion anzuschauen. Und immer wieder hieß es: „Ach, war das ein schönes Fest!“ Ob es eine Fortsetzung geben wird, bleibt vorerst offen. Rasselköppe rasseln halt spontan.
PS: Für die finanzielle und logistische Unterstützung sei der Radebeuler Stadtverwaltung an dieser Stelle herzlich gedankt.

Karin (Gerhardt) Baum

Editorial 11-21

Ordnung muss sein!
Es geschah am 17.9. gegen 15 Uhr auf der Hauptstraße in Radebeul-Ost. Da tat ich aus ordnungsamtlicher Sicht etwas Ungeheuerliches. Was geschah? Es war wie jeden Freitag Markttag, jedoch zu dieser vorgerückten Stunde war von den Händlern allerdings fast gar nichts mehr zu sehen. Trotz der gähnenden Leere verhinderte meine Weiterfahrt in Höhe Buchhandlung die tagesübliche Absperrung in Form der rotweißen Kegel.
In Abwägung der Gesamtsituation und in Hinblick auf die Interessen der ortsansässigen Händler, erlaubte ich mir kühn, einen Kegel etwas zur Seite zu rücken, um mich dann direkt hinter einem Fahrzeug der Radebeuler Stadtverwaltung im offiziellen Parkbereich vor der Buchhandlung, vorbildlich mit Parkuhr, zu stellen.
Kaum waren meine Mutter, die an jenem Tag ihren Geburtstag feierte, und ich bei „Wein & fein“ zu Tisch gekommen, gab mir rufend eine Draußensitzende zu verstehen, dass das Ordnungsamt sich meines Autos annahm. Ich suchte sofort freundlichen Kontakt zu Frau M., die von behördlicher Gewissenhaftigkeit beseelt und Kraft Ihres Amtes den Vorgang bereits fotografisch festhielt. „Wie es denn sein könne hier zu stehen, weil ich doch den Abbau des Marktes behindere u.s.w.“, waren ihre vorgebrachten Argumente. Für das Auto der Stadtverwaltung an gleicher Stelle traf das seltsamerweise nicht zu. Mein Intervenieren blieb vergeblich und ein Knöllchen prangte bereits an meiner Windschutzscheibe.
Kurz darauf waren jedoch Kegel wie auch Frau M. plötzlich verschwunden. Denn es frohlockte ihr pünktlicher Feierabend und so hatte sie ihre Requisiten alsbald eingesammelt.
Nun denn, das Bußgeld wurde längst entrichtet.
Aber eines weiß ich, wenn es mit dem Klein-Klein so weitergeht, dann wird das mit den anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen wohl eher nüscht.

Sascha Graedtke

Mit Bernhard Theilmann poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Hoffnung 2.1

Ulrike weint.

Patenkind Tobias hat zur Schuleinführung einen lange gehegten Wunsch erfüllt bekommen: Er hält nun eine dieser nervigen grellbunten Kalaschnikows aus Kunststoff in seinen immer noch zarten Händen, die bezeichnender Weise auf den schönen Namen „nerv“ (was, damits nicht so auffällt, „nörf“ gesprochen wird) hören und für die seelische Gesundheit der Heranwachsenden angeblich so unerläßlich sind.

Wie bitte? frage ich staunend, was hat denn ein Schießeisen mit „seelischer“ Gesundheit zu tun?!

Der Besitz eines solchen Gerätes, erklärt die plötzlich geduldige Ulrike und wischt sich die Tränen aus den Augen, schützt vor psychischen Schäden. Hast du noch nichts davon gelesen? Die Zeitungen – sie wühlt im Altpapier – sind voll von tiefgründigen Forschungsergebnissen profunder Kinderpsychologen, die eindeutig nachweisen, daß die Verweigerung derartiger Dinge durch „Erziehungsberechtigte“ zu bleibenden und schwerwiegenden seelischen Beeinträchtigungen führt. Die Hochrüstung in unseren Kinderzimmern dient demnach der Persönlichkeitsbildung!

Sind auch Frauen unter den „Experten“? frage ich lachend.

Experten sind immer Männer, sagt sie schnippisch, aber bestimmt gibt’s auch infizierte Expertinnen. Es gibt ja auch Soldatinnen – manchmal sind eben Frauen auch nur Männer, fügt sie lachend hinzu.

Zurück zu dir, wende ich ein, worin siehst du nun den konkreten Grund für deine Tränen, wenn das alles so gesund ist?

Tränen brauchen keinen Grund, sie drängen von selbst ans Licht, wenns an der Zeit ist. Bis jetzt ist das alles ja tatsächlich noch harmlos: Er schießt nur seine bisher so heißgeliebten Playmobilmänneln vom Fensterbrett, wobei er glücklicherweise meistens nicht mal trifft. Ich stelle mir nur vor, wie das weitergeht … ich sehe da schon Blutspuren im Kinderzimmer…

Ich weiß schon, sage ich solidarisch, wenn eins erstmal in die Fänge der Waffenlobby geraten ist, ist der Weg zum Amoklauf nur noch kurz – Amerika läßt grüßen.

Ulrike blickt mich dankbar an: Es ist so selten, daß wir in einem Feindbild übereinstimmen. Dennoch wage ich einen Einwand: Siehs doch einfach mal so: Wenn der Junge auf die Weise seelisch gestärkt und tatsächlich erwachsen werden kann, ist er später vielleicht erhaben über die infantilen Waffenspielereien der Uniformträger. Wer sein Mütchen am Spielzeug kühlt, braucht dann (was freilich eine wirtschaftspolitische Katastrophe wäre) möglicherweise keine Rüstungsindustrie mehr…

Ulrike schließt die Augen und läßt die langersehnte Septembersonne auf sich wirken. Das klingt viel zu schön, um wahr werden zu können, sagt sie dann …

Thomas Gerlach

Titelbilder Bauernhäuser in Radebeul Oktober 2021

Altwahnsdorf 62

Heute möchte ich einen der größeren Wahnsdorfer Bauernhöfe, den Behrischhof, vorstellen. Eine Sandsteintafel an der Scheune verrät uns, daß Ernst Herman Kuntzsch zumindest die Scheune 1811 errichtet hat, seitdem ist der Hof in derselben Familie auch wenn sich der Name geändert hat. Ich schätze aber ein, daß die Gebäude großes Wohnhaus und Stall sowie Auszugshaus mit Stallanbau ebenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jh. gebaut worden sind. Der Dreiseithof ist zwar kein Denkmal, gibt mir aber die Gelegenheit, hier auf ein paar selten gewordene technische Dinge aufmerksam zu machen, die die Arbeit auf dem Bauernhof erleichterten. Da finden wir zwei Lukarnen, das sind große, in der Trauffront stehende Gaupen mit Türen und Seilzugvorrichtungen, die sich auf der Hofseite des Wohnhaus- und Stalldaches befinden. Damit konnten zB. Heuballen zur Bevorratung eingelagert werden. Mitten auf dem zT. terrassierten Hof steht ein eher moderner Mistkran mit dem der schwere Mist aus den Ställen zu Haufen aufgesetzt und dann später auf die Felder gefahren werden konnte. Interessant ist eine rundbogige Tür mit kleinem Dach neben dem Scheunentor. Durch diese Tür gelangt man in den großen Keller unter der Scheune, wo ganz früher der Wein und heute die Kartoffeln eingelagert werden. All diese Elemente haben sich hier erhalten, weil Familie Behrisch noch Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt und wir seit Jahren unsere Einkellerungskartoffeln von hier beziehen.

Dietrich Lohse

Die Glosse

Toll im Trend?

Neulich ist mir doch wieder mal das peinliche Wort aus der Jugendsprache der 1980er Jahre „mega-super-galaktisch“ eingefallen. Es stammte aus jener Zeit, in der es anfing, dass jeder jeden auch sprachlich übertreffen wollte. Also, nicht mit klugen Worten, sondern eher mit einer überzogenen sprachlichen Ausgestaltung der beschriebenen Ereignisse. Da war es üblich, wenn einem etwas ganz besonders gut gelungen schien, dafür dann immer das Wort „mega-super-galaktisch“ anzufügen. Bei diesem Wort sträubte sich mir regelmäßig das „Gefieder“. Diese Bezeichnung war so albern, dass sie sich schon nach kurzer Zeit wieder erledigt hatte.

Wie ich darauf komme? Bei einer Bekannten erlebte ich unlängst, wie sie in jedem zweiten Satz das Wort „toll“ einfügte, um ihr Entzücken über einen Vorgang zu beschreiben. – Na toll!

Nun sind Modeworte natürlich nichts Außergewöhnliches. Derartiges hat es vermutlich zu allen Zeiten gegeben. Früher waren solche Worte wahrscheinlich keine Neologismen (Wortneuschöpfungen), sondern Begriffe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt häufiger gebraucht wurden. Im Barock benutzte man beispielsweise besonders das Wort „Empfindsamkeit“, was für eine Zeit, die von Dekadenz, moralischer Krise und Krieg gekennzeichnet war, einigermaßen verblüfft, aber andererseits möglicherweise gerade deswegen auch erklärlich erscheint. Natürlich ist auch „toll“ keine Neuschöpfung, erhält aber aktuell eine bestimmte umgangssprachliche Ausdeutung.

An umgangssprachliche Floskeln wie „geil“, „ups!“ oder etwa „echt mal“ kann ich mich noch gut erinnern. Jeder kennt vermutlich noch weitere solche Begriffe, und wenn man mal in sich hinein hört, findet man bestimmte Wörter, die man gerne und öfters benutzt, als es notwendig wäre. Zugegeben, auch ich bin davor nicht ganz gefeit. Wer kann schon ständig auf sich selber aufpassen? Meine Bekannte findet eben immer alles „toll“. Damit liegt sie ja auch voll im Trend, wird doch gerade „Der große Neustart“ (The Great Reset) in der Gesellschaft und besonders der Wirtschaft beschworen, der vermutlich aber nur für einige wenige günstig ausfällt.

Gern auch wird statt des Begriffs „Modewörter“ die Bezeichnung „Trendwörter“ verwendet. Damit möchte der Benutzer suggerieren, mit der neusten Entwicklung Schritt halten zu können, im Trend zu liegen oder einfach dazuzugehören. Und wer will sich denn schon selbst ins Abseits stellen? Schließlich wollen wir doch alle geliebt werden. Aber Vorsicht mit den neuen „Sternen“! Die meisten sind nach kurzer Zeit schon wieder verglüht. Wer erinnert sich noch an das Modewort „Kids“ oder „Slow-Food“? Ist ja auch schon eine Ewigkeit her, glatte sechs Jahre! Die „Moden“ wechseln halt heutzutage schneller. Da lohnt es sich nicht, jeden Gaul hinterher zu rennen und mag er noch so „toll“ aussehen.

Mit diesem Wort „toll“ verbinden sich aber auch eine ganze Reihe von Begriffen wie „einfältig“, „töricht“ oder gar „tollwütig“. Hier stand sicher das verrückte Nachtschattengewächs „Tollkirsche“ Pate, welches nach dem Genuss seiner Früchte delirante, halluzinogene Effekte hervorbringt. Bekanntermaßen aber liegen Wahnsinn und Genie dicht beieinander. Umgangssprachlich wird das Wort „toll“ auch gern mit „cool“, „großartig“, „klasse“ oder „spitzenmäßig“ assoziiert. „Toll aussehen“ oder eben ein „toller Hecht sein“, ist in heutigen Zeiten für viele erstrebenswert. Schon weil sich Modewörter in gefährlicher Nähe zu Imponierwörtern befinden, muss ich höllisch aufpassen, nicht am Ende als aufgeblasener Gockel in irgendeiner „literarischen Pfanne“ zu landen. Eh man sich ja versehen hat, schleichen sich die Modewörter in den eigenen Sprachgebrauch ein. So habe ich bei mir beobachtet, dass ich das Wort „geil“ öfters benutzte, was natürlich die ältere Generation verstört hat. Vor der Benutzung solcher unspezifischen Zeitwörter muss ich mich natürlich künftig in acht nehmen, könnten mir doch schnell fachliche Unkenntnisse untergeschoben werden, wenn mir zu dem Vorgang außer „toll“ keine andere Beschreibung einfallen will. Modewörter sind halt auch ein Spiegel vom Geist und Ungeist einer Zeit. Sprachforscher stehen der Sache sowieso kritisch gegenüber. Aber wer hört schon auf die? Meint

Euer Motzi

Seit Mitte des Jahres ist die Sgraffitoarbeit Glöckners im Turnerweg 1 wieder zu sehen



Wir berichten darüber im Novemberheft.

Dietrich Lohse

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