Ein neuer, stiller Brunnen in Oberlößnitz

»Bilz-Denkmal« an der Kreuzung Augustusweg und Eduard-Bilz-Straße

»Bilz-Denkmal« an der Kreuzung Augustusweg und Eduard-Bilz-Straße Foto: D. Lohse

Der Schnittpunkt der heutigen Straßen Augustusweg und Eduard-Bilz-Straße weitet sich etwas, so dass hier ein kleiner Platz entstanden ist. Die längste Zeit war er namenlos, zwischen 1908 und 1919 nannten ihn die Oberlößnitzer aber Königsplatz (in Erinnerung an den Besuch und festlichen Empfang des sächsischen Königs Friedrich August III 1908 an dieser Stelle) und nun soll der Platz Bilzplatz heißen und an den ehemals hier wirkenden Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz erinnern.
Gestaltungen hatte dieser Platz schon in den verschiedensten Formen. Die Gebr. Ziller erlagen 1871 dem allgemeinen Siegestaumel (Deutschland hatte gerade Frankreich besiegt) und errichteten hier auf einem gemauerten Plateau eine Viktoria, gemeint die Siegesgöttin, also eine Siegessäule. Wie viele um diese Zeit in Radebeul aufgestellte Verschönerungselemente (Figuren, Tiere oder Vasen) soll auch die Viktoria samt Säule aus der Produktion der Charlottenburger (heute Berlin) Manufaktur Otto March gestammt haben. Man darf den Zillers durchaus unterstellen, dass sie sich mit dieser Verschönerung auch bessere Verkäufe der Villen in der Sophienstraße (heute Eduard-Bilz-Straße) erhofften. Die Viktoria wurde beschädigt und baufällig, so dass sie 1907 abgetragen werden musste. Damit liegt der Abbau deutlich vor 1919, als dann das Abkommen von Versailles den Deutschen den Abbau von Siegessäulen zum Krieg von 1870/71 vorschrieb. Nach og. Königsbesuch erfolgte die nächste Platzumgestaltung: ein runder Springbrunnen umgeben von halbhohem Grün durch einen oben mit Bögen verzierten Eisenzaun eingefriedet. Ich gehe davon aus, dass nach 1945 keine Fontäne mehr funktionierte und das Brunnenbecken mit Erde gefüllt und, wenn es die Stadtkasse zuließ, auch mit Blumen bepflanzt wurde. An dieses Bild erinnere ich mich, weil es eine Zeit lang an meinem Schulweg lag. So um das Jahr 2000 hatte dann der Bilz-Bund die spontane Idee den verödeten Platz mit einem Gedenkstein für F. E. Bilz zu bereichern. Leider hatte dieser Stein die Form eines Grabsteins und ich musste mehrmals Radebeulern und interessierten Touristen erklären: nein, hier wurde Bilz nicht begraben! Die Planung der Neugestaltung des Platzes von 2015 verzichtet auf diesen Stein, wofür ich dankbar bin.
Ehe wir die einzelnen Gestaltungselemente betrachten, möchte ich darstellen, dass diese erneute Umgestaltung auf einem „breiten Fundament“ steht. Selbstverständlich ist die Stadtverwaltung als Grundstücksbesitzer zentral beteiligt, hinzu kommt der „Verein für Denkmalpflege und neues Bauen“, der sich auch an anderen Stellen Radebeuls, so zB. am Fontäneplatz (Dr.-Schmincke-Allee), für ältere Platzgestaltungen engagiert hatte, der Bilz-Bund und schließlich auch einige Bürger, die in der Nähe des Platzes wohnen, und sich finanziell beteiligten, so dass sie nun mit Fug und Recht von „ihrem Platz“ sprechen dürfen. Die Gesamtkosten beliefen sich um 100 000 €. Die Anlage wurde Mitte Juni 2017 feierlich eröffnet.
Die neue Gestaltung nun knüpft hier und da an ältere Ideen der wechselvollen Platzgeschichte an ohne das Alte kopieren zu wollen – das ist ein Ballanceakt, der mir aber letzten Endes geglückt zu sein scheint. Da ist die Idee, am Halbrund des Grundrisses des Platzes festzuhalten, hinzu kommt die Höhendominante (Figur auf Säule), die zugleich Blickfang ist, wenn man die Eduard-Bilz-Straße heraufkommt und schließlich die Einbeziehung von Wasser in die Gestaltung. Was ist nun aber anders? Das äußere Halbrund hat mit dem stillen Wasserbecken in der Mitte eine Erwiderung der Form bekommen. Die weibliche Figur auf der glatten, „nicht korinthischen“ Säule will keine Viktoria, die über wen auch immer gesiegt zu haben glaubt, sein, sondern sie will eher an Bilz erinnern, der in seiner Werbung für das Sanatorium eine junge Dame bemüht hatte, die die Bewegung an der frischen Luft (erinnernd an den Bilz’schen Dreiklang. Licht, Luft, Wasser) darstellte. Dass diese nun mehr als zwei Arme hat, ist der künstlerischen Freiheit des Berliner Künstlers Roland Fuhrmann geschuldet, der so und mit Lichtreflexen auf dem glänzenden Metall Bewegung darstellen will. An ein anatomisches Wunder oder eine Missgeburt muss man nicht denken! Die landschaftsgärtnerische Gestaltung stammt von Dr. Grit Heinrich, in Radebeul keine Unbekannte mehr. Und wie ist das Wasser neu eingebunden? Ein von Sandstein gebildetes flaches (kleine Kinder dürften nicht ertrinken) Becken wird von einem oberen Überlauf gespeist und tritt am unteren Rand wieder aus – die Brunnengestaltung entspricht so dem natürlichen Gefälle des Geländes und strahlt Ruhe aus, die eventuell vorbeikommende Wanderer von zwei Sandsteinbänken aus erleben können, wenn sie wollen. Je ein dem Halbrund folgender Heckenstreifen grenzt die Ruhebänke vom mäßigen Verkehr auf der Eduard-Bilz-Straße ab. Der Bilz-Bund hat sich noch mit einer besonderen Idee, einem Trinkbrunnen, eingebracht.

Detail der Skulptur

Detail der Skulptur Foto: D. Lohse

Hier kann per Knopfdruck an einer kleinen Sandsteinsäule eine bestimmte Menge sauberes Wasser empfangen werden. Wahrscheinlich wollte man „mit der Zeit gehen“ und hat mit der Bilz-Gedenktafel ein elektronische System gekoppelt, wo man sein eigenes Smartphone (so man eins hat) anschließen und die ganze Bilzgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen abhören kann. An der Stelle hätte man vielleicht sparen können. Aber alles andere der Neugestaltung finde ich gut gelungen und soweit ich beim Vorbeigehen oder –fahren feststellen konnte, wird es auch von anderen gern angenommen.
Diese konzertierte Maßnahme hat etwas durchaus Neues, Modernes und Vorzeigbares hervorgebracht, das das Sprichwort – viele Köche verderben den Brei – ad absurdum führt. Und nun kann Radebeul-West wieder fragen: und wann kriegen wir so was Schönes? Ja, es könnte vielleicht einmal der Rosa-Luxemburg-Platz oder auch der Ziller-Platz werden.
Dietrich Lohse

Einblicke: Vom Geben und Nehmen

Kunstspuren Radebeul laden zum Tag des Offenen Ateliers

Am 17. September 2017 laden die Kunstspuren Radebeul von 10 – 18 Uhr zum ersten in eigener Regie veranstalteten Tag der Offenen Ateliers.
Bereits im Jahr 2016 waren Künstler und Künstlerinnen unter diesem Namen mit zwei Gruppenausstellungen (in der Galerie im Kulturbahnhof und in der Galerie mit Weitblick in der Oberen Bergstraße) öffentlich in Erscheinung getreten. Nun also bieten sie die Einblicke in ihre Arbeit direkt vor Ort, im jeweils eigenen Atelier.

Das gemeinsame Anliegen der etwa dreizehn Künstlerinnen und Künstler aus Radebeul und Umgebung ist es, der Kunst mehr Öffentlichkeit zu schaffen. Woran erkennen wir, daß mehr als hundert Künstler in der Stadt, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft also, wohnen und arbeiten? Wie wirkt sich das in der öffentlichen Wahrnehmung aus, wie in der Wertschätzung der Öffentlichkeit für Kunst und Künstler?
Wer neu ist in der Stadt und noch kein Gewohnheitsradebeuler geworden, wird sich diese Fragen hin und wieder stellen. Und so richtig es ist, daß Kunst nur im Verborgenen keimen, in der Stille wachsen kann, so wichtig ist die öffentliche Anteilnahme, ohne die eine Gesellschaft an sich selbst erstickt und Künstler auf Dauer weder arbeiten noch gar leben können.

Und also haben sie sich zusammengefunden auf Initiative einer Ruferin, die nun schon gar nicht mehr alleinig genannt werden möchte, weil viele Anteil haben. Gemeinsam wollen sie Einblick geben in ihr jeweiliges Schaffen, was ja am besten dort möglich ist, wo die Arbeiten entstehen: im Atelier.

Alle sind eingeladen, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und Einblick zu nehmen, auf daß aus dem gegenseitigen Geben und Nehmen etwas wachsen kann: Verständnis vielleicht, Anteilnahme und natürlich auch Kauflust, aber die soll nicht im Mittelpunkt stehen. Es geht vor allem um die gegenseitige Wahrnehmung von Künstlerin und Betrachter (oder umgekehrt), es geht um gegenseitige Wertschätzung – und damit geht es auch um ein kulturvolles Miteinander in dieser Stadt.

Zeitgleich öffnet an den Radebeuler Filialen der Sparkasse Meißen unter dem Titel Einblicke eine weitere Gemeinschaftsausstellung der Kunstspuren, die am Tag der Offenen Ateliers von 10- 18 Uhr und dann bis 26. Januar während der üblichen Öffnungszeiten betrachtet werden kann.

Als Leser von Vorschau und Rückblick, die ja als besonders kulturinteressiert gelten, sind Sie natürlich zu allererst eingeladen, sich die mannigfachen Einblicke nicht entgehen zu lassen. und bald schon werden Sie die Kunstspuren als alte Bekannte im Stadtbild wiederfinden.
Thomas Gerlach

Lageplan der Ateliers

Lageplan der Ateliers

„Reisen, reisen in die weite Ferne…!“

Die aktuelle Ausstellung im Coswiger Museum Karrasburg widmet sich dem Reise-Thema

Gewiss; jeder Besucher der neuen Ausstellung im Coswiger Museum „Karrasburg“ wird ganz persönliche Reiserlebnisse bzw. Eindrücke beisteuern können. Denn das familiäre Verreisen bzw. der Urlaub nimmt einen gewichtigen Platz im Privatleben der deutschen Familien ein. Das ist aber keine Neuigkeit. Die Wertigkeit des Reisens trieb nämlich schon unsere Altvorderen um. Und einige von ihnen formulierten aus diesem allgemeinen Trieb des Menschen besonders kluge Gedanken. Die älteste diesbezügliche Wortmeldung stammt von Augustinus Aurelius (354 – 430) und lautet „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon!“ Wie recht er hatte beweist die Gegenwart mit akribischer Genauigkeit. Wer mitreden möchte im Austausch interessanter Erlebnisse und kluger Erfahrungen, der muss ganz einfach auf Reisen gehen. Das galt schon bei unseren Altvorderen, blieb über die Jahrhunderte stets aktuell und begleitet auch heute noch den „urlaubenden“ Menschen der Gegenwart. Ganz egal, ob der das will oder nicht. Insofern kommt die am 18. August eröffnete Ausstellung im Coswiger Museum „Karrasburg“ durchaus zur rechten Zeit. Ganz egal ob der Besucher der Ausstellung nun ein Reisemuffel oder ein ausgeprägter Weltenbummler ist. Allein schon die Möglichkeit des Besuchers, zahllose Gedanken zum Thema zu sammeln und sie in der Realität auch anzuwenden macht den Sinn der Ausstellung aus. Um diese Suche nun etwas zu erleichtern ist die Ausstellung in zehn Themenkreise geteilt. Darunter findet man bspw. einen Rückblick auf das „Reisen in der DDR“. Man kann lernen, wie und wann der heute sehr gängige Begriff „Pauschalreise“ entstand . Man erfährt vieles über die verschiedenen Reisearten. Wie bspw. über die „Bildungsreise“ bzw. den „Bildungsurlaub“. Auch den etwas ungewöhnlichen Reisearten widmet sich die Ausstellung; dazu gehören bspw. Pilgerreisen oder Wallfahrten aber auch das berufliche Reisen ( bezeichnet als Geschäfts- und Handelsreisen).

Blick in die Ausstellung

Blick in die Ausstellung Foto: W. Zimmermann

Die sehenswerte Ausstellung ist von ihren Gestaltern zugleich auch themenübergreifend ausgerichtet worden. Denn die zahllosen Arten des Verreisens bedingen auch unterschiedlichste Herangehensweisen. Während der eine sich nur nach einem erholsamen Urlaub sehnt hofft der andere auf zahlreiche interessante Erlebnisse, die den notwendigen Gesprächsstoff für die heimische Auswertung der Reise.
Heute spricht man vor einer Urlaubsreise oft davon, dass man nun endlich „das Weite suchen will!“. Daraus schließlich leiten sich auch die großen Wunschreiseziele ab. Als da sind; New York, Barcelona, Peking, Stockholm , Neapel etc. Und; bedeutende Weltreisende äußerten sich fast immer sehr wohlwollend zur Reiselust des Menschen. So prägte der Weltumsegler Magellan (1480 – 1521) seinerzeit den Satz „Wer an der Küste bleibt, kann keine neuen Ozeane entdecken!“. Während Mutter Teresa (1910-1997) formulierte „Das wichtigste Gepäck ist ein fröhliches Herz!“. Recht haben sie beide. Die Ausstellung im Museum Karrasburg ist noch bis zum 19. November 2017 zu besichtigen .

Wolfgang Zimmermann

„Tag des Offenen Denkmals 2017“ am 10. September

Der „Tag des offenen Denkmals“ findet in diesem Jahr am Sonntag, dem 10. September, deutschlandweit unter dem Motto „Macht und Pracht“ statt.
Intention der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist es, Themen zu finden, welche möglichst vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zulassen. Im Sonderheft der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zum diesjährigen Tag ist das Motto und seine Möglichkeiten mit folgenden Worten vorgestellt: „Architektur und Kunst drücken seit jeher den Wunsch ihrer Erbauer, Erschaffer und Auftraggeber aus Schönheit, Wohlstand, weltliche und religiöse Machtansprüche abzubilden. Dies geschieht durch Form- und Materialwahl, den Einsatz von Technik und Technologien, die Art der künstlerischen Ausgestaltung mit Farben, Motiven und Ornamentik, den gewählten Bauplatz und die Qualität der eingebundenen Baumeister, Architekten, Künstler und Handwerker.“
Beim Betrachten Radebeuler Denkmale unter diesem Blickwinkel lassen sich vielfältige Formen kleiner und großer „Pracht“ finden. Diese im Kontext der Erbauungszeit und Bauherren richtig zu deuten, ist sicher nicht immer und für jeden einfach.
Leider ist es uns in diesem Jahr, mit Ausnahme der Hoflößnitz, nicht gelungen, Objekte und Mitstreiter zu finden, die ihre Türen und Tore für Denkmalfreunde öffnen. Dabei ist uns bei der Auswahl der Objekte das Jahresmotto stets eine willkommene Anregung, aber nie ein Dogma.
Ein erfolgreicher „Tag des Offenen Denkmals“ hängt insbesondere immer von der Bereitschaft der Denkmaleigentümer ab, sich der Herausforderung des Tages zu stellen. Aus unseren langjährigen Erfahrungen wissen wir, dass die Begegnungen am Tag von einer wundersamen Stimmung des „Besonderen“ geprägt sind. Veranstalter und Besucher sind davon meist geradezu beseelt. Die bisherigen Tage haben stets die vorangegangene Mühsal gerechtfertigt und alle Beteiligten bereichert.
Damit wir Ihnen in den nächsten Jahren wieder interessante Objekte in Radebeul vorstellen können, wenden wir uns heute direkt an alle Denkmalfreunde. Bitte teilen Sie uns Ihre Ideen – gegebenenfalls mit Ansprechpartner – mit. Alle Denkmaleigentümer, die sich vorstellen könnten, auch einmal am Tag teilzunehmen, bitten wir sich ebenfalls an uns unter email@denkmalneuanradebeul.de zu wenden.
Das einzige offene Denkmal in Radebeul wird am 10. 09. 2017 die Hoflößnitz sein. Das Museum ist am Tag kostenfrei zu besichtigen. 11:00 Uhr und 13:00 Uhr werden Sonderführungen durch das Lust- und Berghaus mit dem Museumsleiter Herrn Andert angeboten. Dazu sind alle recht herzlich eingeladen.
Alle weiteren Veranstaltungen in den Umgebungsgemeinden sind unter www.Tag-des-offenen-Denkmals.de zu finden.
Katja Leiteritz

Editorial 09-17

Wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, sicher schon bemerkt haben, bin ich durch meine Mitarbeit im Kommunikationsteam sehr an den Diskussionen über die Gestaltung des Sanierungsgebietes Radebeul-West interessiert und verfolge auch alle Äußerungen in Tageszeitungen. Der Artikel in der SZ vom 1. August „Baumprotest in der Bahnhofstraße“ gab mir zu denken. Warum? Nach Wunsch der Stadtverwaltung sollen sich die Bürger zahlreich an den Diskussionen durch Ausfüllen eines kleinen Fragebogens zu den drei Varianten beteiligen. Ein Problem dabei: Die Art der Befragung könnte, völlig unpassend, Statistikfreunde auf den Plan rufen, zur Erinnerung, Variante 2 sieht das Fällen der Bäume vor.
Was aber, wenn einigen diese Form der Ausdrucksmöglichkeit nicht genügt, wenn jemandem ein Aspekt in den Gestaltungsvorschlägen so am Herzen liegt, dass er eine größere Aufmerksamkeit dafür erreichen möchte? So wurde eine Meinung auf Schildern für alle lesbar, vorsichtig, ohne Schäden zu verursachen, an den Bäumen angebracht: „Töte mich nicht. Ich filtere die Luft für Dich. Ohne mich atmest Du CO?“. Eine weitgehend sachliche Feststellung! Wie die Autorin der „Auf ein Wort“-Spalte in gleicher SZ, finde auch ich diese Form legitim und sinnvoll, sie schadet nicht und sollte zum Nachdenken anregen. Weshalb wird sich in der Stadtverwaltung darüber geärgert? Ist Öffentlichkeit unerwünscht? Das kann es nicht sein, denn die wurde ja schon mehrfach gesucht. Was ist es dann? Soll ausschließlich der gewünschte Weg der Meinungsäußerung gewählt werden? Wir sind mündige Bürger und die Wahl der Mittel ist jedem selbst überlassen, vorausgesetzt, Anstand und Respekt werden gewahrt.
Also, nicht ärgern, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung, freuen Sie sich über alle engagierten Bürgerinnen und Bürger!
Ilona Rau

Rubrik Leserpost

Es ist schön, dass wir manchmal auch zustimmende Post erhalten, diesmal sind gleich zwei Briefe zu meinem Artikel im Juniheft eingegangen. Einen schrieb uns Frau Ulrike Seifert aus Schöna und etwas später äußerte sich Herr Galle aus Radebeul. Wir möchten beide hier gern auszugsweise abdrucken.

Wie habe ich mich gefreut über diesen Beitrag im Juniheft mit dem Titel: „Ein viel fotografiertes, aber dennoch verschwundenes Haus im Lößnitzgrund“. Ab meinem 6. Lebensjahr wohnte ich mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder für 5 Jahre (1950-55) in diesem Haus. Wir verbrachten dort sehr glückliche und freie Kinderjahre – im Häusel, wie wir es nannten. Man kann sagen, dass der Lößnitzgrund unser Kinderzimmer war. Wir 3 wohnten im kleinen Haus. Der Fußboden des Kellers bestand nur aus Erde. Ja, und es hieß, dies sei ein Winzerhaus. Die „Bimmelbahn“ hatte einen großen Reiz für uns, so dass mein Bruder einmal versuchte, sich an den letzten Wagen zu hängen. Gott sei dank ging das gut! Der Lößnitzbach war im Sommer der Hauptgewinn! Wir hatten Freude ohne Ende, auch wenn mal ein Kleidungsstück davonschwamm. Sehr interessant war es in der Grundmühle. Man konnte zusehen, wie sie arbeitete, in die Bäckerei konnte man schauen und es gab einen Laden, wo man die leckeren Backwaren kaufte. Da waren im Hof Enten, Hühner, Tauben und Schweine im Freien. An das große geschmiedete Tor bei unserm Haus erinnere ich mich gut und sah in dessen Dekor ein großes Spinnennetz. Die Zeit dort hat mich sehr geprägt und heute lebe ich in einem sehr ähnlichen Haus in der Sächsischen Schweiz, an der Elbe und wieder Bahnschienen davor! Mein Dank geht an Herrn Dietrich Lohse!

Herzlichen Dank, Frau Seifert, da wird doch mein Artikel durch Ihre Schilderung viel plastischer und auch lebendiger. Dank auch an Ihre Radebeuler Freundin, die Ihnen den Artikel geschickt hatte. Auf die benachbarte Grundmühle war ich nicht eingegangen, doch für Sie als Kind war da ja so viel los, geradezu spannend! Heute wird sich kaum noch einer erinnern, was sich da gleichzeitig oder auch nacheinander abspielte. Vielleicht widme ich dem Thema Grundmühle auch mal einen Artikel? Auf dem einen Foto von Frau Seifert kann man erkennen, dass zwischen Bach und den Gleisen ein kleiner Garten mit Stangenbohnen angelegt war. Überhaupt wundert man sich, wenn man heute von der Brücke schaut, wo denn da ein Haus gestanden hätte und nun auch noch ein Garten – die Natur hat sich alles zurückgeholt.

Herr Ronald Galle weiß als Nachbar ein paar sachliche Fakten zur jüngeren Geschichte der Lößnitzgrundstraße 38, die mir so noch nicht bekannt waren.

Meine Nachbarin Frau Helmgard Schmatz, die letzte Besitzerin der Lößnitzgrund-straße 38, lernte ich kennen, als sie gerade in den Ruhestand ging. Sie war die Leiterin der Dolmetschergruppe im Hygienemuseum Dresden gewesen und beherrschte mehrere Fremdsprachen, darunter englisch, französisch, russisch und weitere slawische Sprachen, teilweise sogar chinesisch. Im Ruhestand muss sie sehr einsam gewesen sein und wurde dann alkoholkrank. Das Haus verwahrloste in dieser Zeit immer mehr. Ob eine Entmündigung und Einweisung nach Arnsdorf damals die richtige Antwort auf ihre Krankheit war, darf aus heutiger Sicht bezweifelt werden. Genesen blieb sie in Arnsdorf wohnen, wo sie inzwischen wohl auch gestorben sein dürfte. Ab 1983 stand das Haus leer und wurde von Jugendlichen und anderen Personen geplündert und weiter zerstört. Hinweise an die Polizei blieben ohne Wirkung! Am 29. Mai 1984 (nach der Erinnerung von Herrn Galle) brannte das Wohnhaus durch Fahrlässigkeit oder Brandstiftung bis auf die Grundmauern des EG ab. Diese wurden vor dem Besuch von Kim Il Sung mit Planen abgedeckt. Eine Beräumung und Planierung erfolgte erst später, wohl 1985.

Vielen Dank auch Ihnen, Herr Galle. Sie haben durch Ihre Detailkenntnis meine Recherche in ein paar Punkten präzisieren können.

Dietrich Lohse

Willkommen zur Vor-und Rückschau der Landesbühnen Sachsen

mit Theaterfest zur Spielzeiteröffnung und fünf Uraufführungen in der kommenden Spielzeit

Intendant Manuel Schöbel präsentierte die sechste Spielzeit Ende Juni und zeigte einiges Neue auf: Sebastian Ritschel wird ab 1. August neuer Operndirektor der Landesbühnen Sachsen. Sein Vorgänger, Jan Michael Horstmann war zwischen 2004 und 2013 GMD des Mittelsächsischen Theaters Freiberg und „möchte in Zukunft mehr als Dirigent in Erscheinung treten“. Er gehört in Görlitz bei der Neuen Lausitzer Philharmonie zu den favoritisierten Kanditaten. Sebastian Ritschel bestreitet von den vier Premieren im Musiktheater zwei davon. Der gebürtige Düsseldorfer studierte in Leipzig u.a. Musikdramaturgie. Die erste Musikinszenierung mit „Company“, ein Musical von Stephan Sondheim & Georg Furth hat am 27.10.17 Premiere. Danach wird er noch im Januar nächsten Jahres „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf, als Road opera in der Version von Ludger Vollmer, inszenieren. Der Spielplan 2017/18 der Landesbühnen Sachsen bietet 26 Premieren, also für jeden Geschmack auf hohem Niveau und für eine breite Altersstufe etwas: 13 Premieren betreffen das Schauspiel und vier das Tanztheater. Von den fünf Uraufführungen inszeniert das Tanztheater drei davon, u.a. für ganz kleine Menschen „Schwanensee“.

Operndirektor Sebastian Ritschel und Intendant Manuel Schöbel, Foto: M. Reißmann


Die spektakulärste Uraufführung wird: „Das Geheimnis der Hebamme“ sein. Inszenieren wird es Manuel Schöbel selbst,nach der Theaterfassung von Odette Bereska. Die Premiere wird auf der Felsenbühne Rathen im nächsten Jahr stattfinden. Die Idee eines „Radebeuler Bilderbogens“ fünf Mal an geschichtsträchtigen Orten stammt von der Chefdramaturgin Gisela Kahl für (April/Mai 2018).

Die kleinste Sparte, das Ein-Frau-Figurentheater von Franziska Merkel, bietet mit „Einmal Weltraum und zurück“ ein Science-Fiction-Schattenspiel für junge Menschen ab 9 Jahre an. Der größte Verlust für das Schauspielensemble ist „mit Sicherheit der Wechsel von Cordula Hanns an ein anderes Theater.“ (DNN) Der vielbeachtete Schauspieler Olaf Hörbe wird im Sommer in den wohlverdienten Unruhestand versetzt. Aber wohl die eine oder andere Partie als Gast gestalten. Ein neuer lyrischer Sopran für die scheidende Miriam Sabba ist schon verpflichtet: Kirsten Labonte.

Nein, das ist noch nicht alles: am 23. September wird es ein Theaterfest zur Eröffnung der Saison geben im Haupthaus der Landesbühnen in Radebeul. Als besonderes Bonbon ist ein clowneskes Puppenspiel: „Ladsch und Bommel gehen ins Theater“ von Hepakri van der Mulde in der Studiobühne, zu sehen (ab 4 Jahre).

Angelika Guetter

Zwischen dem „Blauen Wunder“ und „Schloss Pillnitz“

Die Malerin Ursula Schlechter stellt in der Stadtbibliothek im Kulturbahnhof Radebeul-Ost aus

Geboren wurde sie in Naumburg, ihre Kindheit verbrachte sie im Erzgebirge und als Malerin ist sie nun seit längerem schon in der Stadt Dresden und deren Umgebung unterwegs. Die Rede ist von Ursula Schlechter, die gerade in der Stadtbibliothek im Radebeuler „Kulturbahnhof“ ausstellt. Die Vernissage zur Ausstellung fand am Spätnachmittag des 8. Juli in der Stadtbibliothek von Radebeul-Ost statt. Die Ausstellung selbst wird dominiert von einer Auswahl an Dresden Bildern der Malerin. Darunter findet man Ansichten von Dresdens berühmtester Elbbrücke, dem sogenannten „Blauen Wunder“. Viel Zeit nahm sich die Künstlerin auch für ihre Arbeiten zum Schloss Pillnitz, zu den imposanten Bauten der Dresdner Altstadt und natürlich auch zu dem Thema „Leben am Fluss“. Denn die Elbe ist nicht nur ein dominantes Detail der sächsischen Landeshauptstadt. Sie war es schon immer und ist es auch noch heute; eine stimmige Lebensader der sächsischen Landeshauptstadt. Denn sie praktiziert mit ihrem Lauf auch das uralte Sprichwort, dass man an einem Strom unbedingt Städte bauen sollte.

»Brühlsche Terrasse im Winter«, Foto: Repro W. Zimmermann


Öl- und Acrylfarben dominieren das künstlerische Oeuvre der Arbeiten von Ursula Schlechter. So taucht sie bspw. den Schlosspark Pillnitz in die Pracht dieser Farben. So entführt sie den Betrachter ihrer Bilder in eine verzauberte Winterlandschaft, in die sich das Zentrum der Stadt verwandelt hat. Doch nicht nur den berühmten und bekannten historischen Bauwerken Dresdens widmet Ursula Schlechter ihre Aufmerksamkeit; sie lenkt den Blick u.a. auch auf den sonnenbeschienen Pillnitzer Elbhang, wo die Winzer zu Hause sind. Auch die Dresdner Altstadt ist für die Malerin ein fesselndes Motiv. Ist doch hier – sozusagen auf Tuchfühlung – die Baukunst unserer Vorfahren zu bewundern. Über den Sommer 2017 hinweg sind ihre Bilder im „Kulturbahnhof“ von Radebeul-Ost noch zu besichtigen.

Wolfgang Zimmermann

Die Radebeuler SPD feiert ihr 125-jähriges Jubliäum

Der SPD-Ortsverein Radebeul gedenkt seiner Geschichte

und lädt Interessierte zur Historien-Radtour ein

Seit November 2016 trifft sich regelmäßig die AG Geschichte der SPD in Radebeul, um die Geschichte der Sozialdemokratie in Radebeul zu erforschen. Anlass dafür ist das 125. Jubiläum des Sozialdemokratischen Vereins für Lindenau und Umgebung, der am 29. Oktober 1892 im Gasthof Lindenau (heute Landhotel Lindenau) gegründet worden war. Den Anstoß zur Erforschung unserer eigenen Geschichte hatte der Historiker Frank Andert bereits zum 150jährigen Jubiläum der SPD im Jahr 2013 gegeben.
Die SPD in Radebeul war seit der Gründung des Ortsvereines Lindenau in den verschiedenen Ortsteilen, die 1935 zur Stadt Radebeul zusammengeführt wurden, aktiv. Beeindruckend sind dabei die Mitgliederzahlen: So gab es im Ortsverein Kötzschenbroda ca. 250 Mitglieder, davon waren 20 bis 30 aktiv. Im Ortsverein Radebeul waren es ca. 350 Mitglieder, von denen 50 bis 60 aktiv waren. Der Ortsverein Lindenau war bis 1932 selbstständig, die Ortsvereine in Zitzschewig und Naundorf bis 1924. Diese gingen dann in den Ortsverein Kötzschenbroda über.

Zur Vorbereitung eines Festtages, den wir am 19. August 2017 begehen möchten, hat die AG Geschichte im Stadtarchiv recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen. Zu diesen Zeitzeugen gehört auch Manfred Arthur Fellisch, der Sohn des früheren sächsischen Ministerpräsidenten Alfred Fellisch. Alfred Fellisch ist auf dem Hauptfriedhof in Radebeul-West beigesetzt. Seine Grabstätte werden wir gemeinsam besuchen. Und wir haben auch mit Gründungsmitgliedern der SDP Radebeul gesprochen, die nach der politischen Wende in der DDR am 29. November 1989 im Luthersaal der Friedenskirche in Radebeul zusammenkamen. Den Saal hatte der damalige Pfarrer Eberhard Gehrt zur Verfügung gestellt. Er war einer der Mitwirkenden am Runden Tisch sowie Mitglied des Stadtrates.

Paul Brüll (1892-1983), Foto: Stadtarchiv Radebeul


Weitere prominente Sozialdemokraten, die in Radebeul gelebt haben, sind Paul Brüll (1892-1983), der 1. Stadtarchivar von Radebeul war, und Wilhelm August Kaden (1850-1913), der Nachfolger von Wilhelm Liebknecht als Reichstagsabgeordneter und Herausgeber der Sächsischen Arbeiter-Zeitung (Vorläufer der heutigen sächsischen Zeitung). Nicht vergessen werden darf auch Hellmuth Rauner (1895-1975), der ab 1945 einer der führenden Köpfe der Sozialdemokratie in Radebeul war. Er hatte sich unter anderem für einen festen Sitz der Landesbühnen sowie für den Bau der Volkssternwarte eingesetzt, die sich noch heute großer Beliebtheit erfreut.

Hellmuth Rauner (1895-1975), Foto: Stadtarchiv Radebeul


In der jüngeren Geschichte sei an David Schmidt (1985-2014) erinnert, engagierter Stadtrat, der maßgeblich für die Etablierung des „Noteingang e.V.“ gewirkt und das Bündnis Bunte Radebeul mit ins Leben gerufen hatte. Er war jüngstes Mitglied des Radebeuler Stadtrats, ist aber leider viel zu früh an seinem 29. Geburtstag 2014 verstorben. Auch der frühere Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, Karlheinz Kunckel (1944-2012), lebte mit seiner Familie in Radebeul.

An das Wirken eben dieser Sozialdemokraten möchten wir am 19. August erinnern. Nicht mit langen Reden, sondern mit einer Radtour, zu der wir alle Radebeuler*innen hiermit herzlich einladen. Die Tour wird zu den Orten führen, die mit der Geschichte der Sozialdemokratie in Radebeul verbunden sind. Mitglieder unseres Ortsvereins werden an den einzelnen Stationen kurz erläutern, was die Stätten mit unserer Geschichte zu tun haben.

Grabstein von Alfred Fellisch (1884-1973), Foto: Stadtarchiv Radebeul


Die Tour startet um 13.00 Uhr am Heiteren Blick (gegenüber Bäckerei Münch Moritzburger Straße). Das Gebäude, in dem sich das Gasthaus Heiterer Blick befunden hat, wurde leider 2005 abgerissen. Dort befindet sich jetzt ein Parkplatz. Im Heiteren Blick traf sich einst der Ortsverein Niederlößnitz.

Weiter geht die Tour über den Ortsteil Naundorf (Niederwarthaer Str. 1, ehemals Gasthof Naundorf und Treffpunkt der SPD Naundorf), den Bürgergarten (Treffpunkt der SPD Kötzschenbroda/Niederlößnitz in 20er und 30er Jahren, hin zur Friedenskirche. Dort werden wir Beiträge unserer Zeitzeugen zur Neugründung der SPD in Sachsen hören. Auf dem Hauptfriedhof ehren wir Alfred Fellisch mit einem Blumengebinde und hören Erinnerungen seines Sohnes Manfred Arthur. Weitere Stationen sind das Rathaus und die „Scharfe Ecke“, die in den 20er und 30er Jahren Sitz des Ortsvereines der SPD war und eine Arbeiterbibliothek beherbergt hat.

Adolf Füssel (1893-1968), Foto: Stadtarchiv Radebeul


Ziel der Radtour ist der Gasthof Serkowitz, in dem es ab November 1892 wiederholt sozialdemokratische und gewerkschaftliche Vortragsreihen gab. Erste Referenten waren prominente SPD-Funktionäre wie Reinhold Postelt (Mitglied des sächsischen Landtages), Julius Fräßdorf und Edmund Fischer (Mitglieder des Reichstages). Zu einem Vortrag von Fräßdorf am 10. Dezember 1892, der unter dem nach wie vor aktuellen Thema „Muß es immer Arme und Reiche geben?“ stattfand, kamen damals 160 bis 180 Zuhörer.

Wir danken Frau Karnatz vom Stadtarchiv für Rat und Tat bei der Entdeckung unserer Geschichte, Herrn Manfred Arthur Fellisch, sowie Herrn Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut, die uns mit Ihrem Wissen unterstützt haben.

Wenn Sie mehr über unsere Geschichte erfahren möchten oder Informationen für uns haben – besuchen Sie uns! Sie können am 19. August direkt mit uns ins Gespräch kommen, bei der Radtour dabeisein oder am Abend ab 18.00 Uhr im Gasthof Serkowitz mit uns feiern (bitte dazu anmelden). Kontaktieren Sie uns: SPD-Ortsverein Radebeul, Christine Ruby, c/o Bürgerbüro Martin Dulig, Meißner Straße 273 in 01445 Radebeul oder über spd-radebeul@email.de

Geliebte Wesen erwachen und musizieren

Bilder, Scherenschnitte, Collagen und Objekte von Christiane Latendorf in der Radebeuler Stadtgalerie

 

Christiane Latendorf zur Vernissage, Foto: K. U. Baum

Das Publikum, welches zur Eröffnung der Ausstellung „Geliebtes Wesen“ erschienen war, darunter viele kundige Sammler, die mit dem Schaffen der Dresdner Künstlerin Christiane Latendorf seit vielen Jahren vertraut sind, zeigte sich am 14. Juli sehr überrascht von der heiteren Exposition, die allerlei Neues bzw. noch nie Ausgestelltes zu bieten hat.

Das ursprüngliche Konzept, hauptsächlich Scherenschnitte und Collagen zu präsentieren, wurde spontan verworfen, ausgelöst durch einen Atelierbesuch. Dort standen und lagen dicht gedrängt – Bilder, Bilder, Bilder… Es war einfach zu verführerisch, aus dieser Fülle schöpfen zu dürfen. Auf Scherenschnitte und Collagen wurde bei der Ausstellung nicht gänzlich verzichtet, schon allein um die Vielseitigkeit von Christiane Latendorfs Schaffen anzudeuten. Zu sehen sind in der Radebeuler Stadtgalerie auch bemalte Objekte aus Pappe, Ton und Holz. Insgesamt werden über 80 Exponate präsentiert, darunter allein 48 Öl- und Acrylmalereien. Schade, dass die Räume der Galerie so klein sind – wir hätten gern noch mehr gezeigt!

Engelmorgen, 2012, Acryl, auf Leinwand, Foto: Archiv Stadtgalerie

Die Beziehungen von Christiane Latendorf zur Lößnitzstadt sind vielgestaltig. So war sie mit ihren Papierarbeiten häufig auf den Radebeuler Grafikmärkten vertreten. Seit 2006 beteiligte sie sich in loser Folge an den Sommerprojekten der Stadtgalerie zu Themen wie „Heimat, die ich meine“ oder „Paradiesvögel, so wie wir“. Ihre Teilnahme an den Radebeuler Gemeinschaftsausstellungen begründete sie auch damit, dass sie es gut findet, wie hier Künstler unterschiedlichen Alters zusammen arbeiten und sich füreinander interessieren.

Kollegiale und freundschaftliche Kontakte pflegte und pflegt Christiane Latendorf zu vielen Radebeuler Künstlern, darunter zu Ute und Werner Wittig, Karen und Peter Graf, Gabriele und Detlef Reinemer, Claus Weidensdorfer, Klaus Liebscher oder Bärbel Kuntsche.

Hand über mir, 2010, Öl auf Leinwand, Foto: Archiv Stadtgalerie

Besonders schätzt sie die Arbeiten von Ingo Kuczera, der bereits 2004 wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag verstorben ist und den sie noch persönlich kennen gelernt hat. Mit dem Bild „Zerbrochene Welt“ will sie an ihn erinnern. Es ist unmittelbar nach seinem Tod entstanden und zeigt den Künstler, wie er sich verliert, gleichzeitig nach oben strebend und nach unten fallend.

In Vorbereitung der Ausstellung boten sich immer wieder Gelegenheiten zum Gespräch. Christiane Latendorf, die 1968 als Tochter eines Pharmazierates in Anklam geboren wurde, erzählte von ihrer Kindheit, von der alten und neuen Heimat, dem Künstleralltag, von Reisen in ferne Länder. Sie erzählte von lebenden und verstorbenen „geliebten Wesen“, die ihr begegnet und ans Herz gewachsen sind. Wundersame Geschichten, angesiedelt zwischen Traum und Realität, die wie ein sprudelnder Quell bei ihr niemals zu versiegen scheinen. Die Offenheit für Begegnungen mit Menschen, Tieren, der Natur und dem Unsichtbaren hat sie sich bis heute bewahrt.

Die Lust und Freude am Fabulieren, am spielerischen Umgang mit Farbe, Form und Material ist ungebrochen.

Katka zu Hause, 2013, Acryl auf Leinwand, Foto: Archiv Stadtgalerie

Unentwegt zeichnet sie, macht sich Notizen, schreibt Gedichte, manchmal bis zu zehn hintereinander. Der Drang sich zu veräußern, ist in ihr angelegt. Erste Muster ritzte sie bereits als Kleinstkind in die Tapete der elterlichen Wohnung. Die Kreativität wurde früh bemerkt. Doch Umwege blieben ihr nicht erspart. Apothekenfacharbeiterin erlernte sie als Brotberuf und absolvierte danach noch ein Studium zur Pharmazieingenieurin. Parallel besuchte sie die Abendschule an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Dass dort ein Dozent meinte, sie habe sowieso kein Talent, hatte sie zwar schwer erschüttert, jedoch nicht von ihrem Weg abgehalten.

Ein Selbstbildnis von 1992 unterschrieb sie mit „Endlich malen“. Es ist das Jahr, in dem sie das heiß ersehnte Studium an der Kunsthochschule begann. Warum Dresden? Zum einen wegen der Tradition, zum anderen gefiel ihr der offene Umgang zwischen Lehrern und Studenten.

Sie war bei all ihren Lehrern im Atelier, wollte wissen, was sie machen, wie sie arbeiten. Auch ältere Künstler wie Gerhard Kettner (1928-1993), der schon längst nicht mehr an der Hochschule unterrichtete, hat sie aufgesucht. Es hat sie berührt zu erleben, wie die Künstler bis ins hohe Alter um Form und Ausdruck ringen. Orientierung boten auch Künstler wie Willi Baumeister (1889-1955), Hermann Glöckner (1889-1987) und Max Ackermann (1887-1975). Ihr war klar, Zeichnen ist für alles Weitere die Grundlage und das Bemühen um Abstraktion, schult den Sinn für Farbe und Form. Immer wieder hat sie sich selber Aufgaben gestellt, das macht sie noch heute. Jeden Tag muss etwas fertig werden.

Unterhaltung, 2017, Mischtechnik, Foto: Stadtgalerie

Ihr wichtigster Lehrer und Förderer war der Maler Horst Leifer (1939-2002), mit dem sie bis zu dessen Tode eine Künstlerfreundschaft verband. Das Studium schloss sie in der Meisterklasse von Ralf Kerbach 1997 mit Auszeichnung ab. Der Übergang vom Studium in die Selbständigkeit fiel ihr nicht leicht. Umso wichtiger war die kontinuierliche Unterstützung durch Galerien, Kunstvereine und private Sammler.

Über Horst Leifer lernte sie Sabine Schubert, die Vorsitzende des Ernst-Rietschel-Kulturringes e. V., kennen. Der Verein, welcher seinen Sitz in Pulsnitz hat, unterstützte die Künstlerin bei Ausstellungen und der Herausgabe von Publikationen. Zur Ausstellungseröffnung in der Radebeuler Galerie hielt Sabine Schubert eine sehr emotionale Rede, der das begeisterte Publikum lang anhaltenden Beifall spendete.

Als freischaffende Malerin und Grafikerin lebt Christiane Latendorf in Dresden mit dem Maler Michael Schwill zusammen. Zum Künstlerhaushalt gehören die Nebelkrähe Merry, der Papagei Coco, die Katze Katka und der Kater Kito, die sich auf ihren Bildern wieder finden.

Bereicherung erfährt ihr künstlerisches Schaffen durch Reisen in ferne Länder. Fremde werden zu Freunden. Ohne Arg geht sie auf Menschen zu, interessiert sich für deren Kultur, Tradition, Mentalität, erspürt traurige, dramatische und glückliche Momente. Doch vieles bleibt Geheimnis. Köpfe stellt sie oftmals vielgesichtig dar. Tiere und Menschen stehen sich gleichberechtigt gegenüber oder verschmelzen miteinander zu neuer Gestalt. Das Repertoire an Symbolen scheint unerschöpflich. Die Magie von Farben entdeckte sie in Indien, so dass ihre Palette seitdem an Intensität gewonnen hat.

Hand über mir, 2010, Öl auf Leinwand, Foto: Archiv StadtgalerieChristiane Latendorf hat ihre eigene Bildsprache gefunden. Mit großer Klarheit erklärt sie das Unerklärliche. Nichts ist Zufall, alles ist miteinander verwoben. Ihre poetischen Bildtitel sind wie Schlüssel, die es dem Betrachter erleichtern, einen Zugang zu finden: „Die Stille bricht aus“, „Der Beschützer der Wahrheit“, „Die Zeit meldet sich“ oder „Hand über mir“. Sie freut sich, wenn sie Menschen mit ihrer Kunst berührt. Deshalb ist es ihr auch wichtig zu wissen, wer ihre Bilder kauft.

Obwohl Christiane Latendorf schon längst zu den bemerkenswertesten Künstlerinnen – die im Dresdner Raum wirksam sind – gezählt werden kann, ist ihr der kommerzielle Kunstmarkt völlig egal. Sie ist eins mit sich und ihrer Kunst. Sie verschenkt sich immer wieder selbst in reichem Maße und die „Früchte des Tages“ sind ihr Lohn.

Karin (Gerhardt) Baum

Zur Finissage am 25. August soll das schon seit längerer Zeit geplante Büchlein „Geliebtes Wesen“ mit Bildern von Christiane Latendorf und Gedichten von Dieter Hoffmann vorgestellt werden. Die Ausstellung ist bis zum 27. August geöffnet.

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