Eine Glosse

Kritik erlaubt!

Jetzt verrate ich mal mein bestgehütetes Geheimnis: Ich bin verheiratet! Jeden Morgen sitzt mir meine mich hoffentlich liebende Ehefrau am Küchentisch gegenüber und verzehrt ein Marmeladenbrot, welches mit Wurst belegt ist…

Nein, nein, ich will jetzt nicht den alten Kalauer von den zwei jungen Damen im Alter von 85 Jahren neu aufkochen. Aber mal im Ernst: es ist ja überhaupt nicht verkehrt, wenn man an seiner Seite ein Korrektiv hat, welches einem auch hin und wieder mal so richtig die Meinung geigt und an den Kopf wirft: „Alter, jetzt spinnst du aber!“. Natürlich gehe ich dann durch die Decke, sehe das überhaupt nicht ein und krame allerlei Argumente, auch die dümmsten hervor, nur um nicht zugeben zu müssen, dass die Frau in diesem Fall recht hat. Mit Machogehabe hat das überhaupt nichts zu tun. Das sind genaugenommen nur Reflexhandlungen. Insgeheim weiß ich natürlich, dass ich kein „Mister Allwissend“ bin. Die Reaktion freilich ist aber durchaus normal. Zunächst geht ja jeder davon aus, dass stimmt, was er da zum Besten gibt. Wüsste er, dass er nur Unsinn erzählt, würde er es vermutlich lassen. Wer will sich schon blamieren – selbst vor der eigenen Frau nicht.

Aber so einfach ist die Sache nun auch wieder nicht, sonst hätten wir ja auf der ganzen Welt nur noch Friede, Freude, Eierkuchen. Haben wir aber nicht. Und es kracht ja nicht nur zwischen spielenden Kindern, zwischen Frauen und Männern oder den Nachbarn, sondern eben auch zwischen Wirtschaftsblöcken, Finanzunternehmen oder gar zwischen Staaten. Und dann wird es richtig blöd, weil immer welche reingezogen werden, die mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Eben wie bei meinem Opa, der seiner Frau auch gleich Schellen angeboten hatte, nur weil er Zoff mit den Kindern hatte.

Natürlich ist es schwierig, vernünftig zu reagieren, wenn die „geistigen Sektkorken“ hochgehen, wenn man sich verletzt oder missverstanden fühlt. Da kommt man ganz schnell zu der „sicheren“ Annahme, dass der Andere einem etwas „am Zeug flicken“ will. Dabei hat er vielleicht nur eine andere Meinung, was ja sein gutes Recht ist. Hier scheint mir der „Hase im Pfeffer“ zu liegen. „Wie kann er nur?! Er muss doch einsehen, dass ich Recht habe.“ Und so schaukelt man sich hoch, bis die „Kanonen“ glühen. Natürlich sind nicht alle „lockige Lämmchen“, die keiner Fliege etwas zu leide tun wollen. Da sollte man schon etwas genauer hinschauen. Süßholz raspeln und hinterm Rücken die Messer wetzen, das kennt man doch zur Genüge!

Häufig geht es eben nicht mehr um die dialogische Erörterung einer Sachlage, als vielmehr um die Verteidigung eigener Standpunkte. Da ist dann jedes Mittel recht, und wenn es nicht anders geht, wird auch mal dreist gelogen. Das ist in der großen Politik genauso, wie im Privaten. Aber irgendwie muss man ja wieder aus der Konfliktlage herauskommen, wenn nicht alles Porzellan zerschlagen werden soll.

Ein schlauer Philosoph hat 1990 hierfür Strategien entwickelt, die mir jedoch ziemlich konstruiert vorkommen, aber vermutlich in der Praxis regelmäßig angewendet werden. Man könnte sie mit den Begriffen „Flucht“, „Kampf“, „Nachgeben“, „Delegieren“, „Verhandeln“ oder „Einigen“ beschreiben. Da würde sich meine Frau aber wundern, wenn ich jedes Mal, wenn es Knatsch gibt, fluchtartig das Haus verlassen würde. Das funktioniert vielleicht noch bei Personen mit gleichem Status, etwa zwischen Freunden oder Ehepaaren. Aber schon eine sachliche Einigung mit einem Vorgesetzten lässt sich nur schwer erzielen. Der hat einfach Recht, weil er der Boss ist!

Was also tun, wenn man in die Bredouille kommt? Was rät da meine kluge Frau? „Erst mal tief Luft holen und dann eine Nacht drüber schlafen.“ Spätestens hier drängt sich mir aber die Frage auf „Mit wem?“, meint

Euer Motzi.

Versuch einer Glosse

Licht im Tunnel?

Da sitze ich nun an unserem Küchentisch und versuche mir monatlich eine Glosse abzuquälen, mit der Ungewissheit im Nacken, ob sie überhaupt im neuen Heft erscheint. Diesmal ist das alles noch um einen Zahn schärfer, da ich mich unter die Weissager mischen muss, wenn ich Mitte September über etwas schreiben will, was vermutlich erst im kommenden Monat spruchreif ist. Aber so ist es eben in diesem Metier, man bewegt sich halt immer auch etwas im Spekulativen.

Fangen wir aber mit dem Positiven an, das macht sich immer gut: Es scheint am Ende des Tunnels tatsächlich Licht zu sein – hoffen wir, dass es nicht der Gegenzug ist. Welcher Tunnel…? Richtig, der in dem das Lügenmuseum seit geraumer Zeit verschwunden ist.

An einem Montag mitten im September feierte das Museum trotz aller Probleme mit einer kleinen Schar illustrer Gäste im Saal des ehemaligen Serkowitzer Gasthofes den 10. Jahrestag seiner Existenz in Radebeul mit zwei Ausstellungseröffnungen und einer „Podiumsdiskussion“ über seine Zukunft. Den prominenten Persönlichkeiten, Künstlern und Freunden sah man den Ernst der Stunde nicht an. Im Gegenteil, es herrschte eher eine heitere, gelöste Stimmung, die besonders durch die aufspielenden Musiker beflügelt wurde.

Nun soll dieser Text keine Beschreibung der Veranstaltung werden. Auch hatte ich nicht den Eindruck, dass sich Zweckoptimismus unter den Gäste ausgebreitet hätte oder diese ihre Köpfe in den Elbtalsand gesteckt hätten. Denn alle waren sich einig, dass über Kunst nicht verhandelt werden kann. Freilich hat besonders ein freundlicher Herr aus dem Podium wesentlich dazu beigetragen, dass dieses Licht im Tunnel zu scheinen begann. Er erklärte einfach, den Gasthof erwerben zu wollen, damit das Museum weiter bestehen bleiben könne. Man wird abwarten müssen…

Nun mag dieser überaus freundliche Akt in Zeiten der Geschmacksverfinsterung noch lange keine Garantie dafür sein, dass der „Museumszug“ aus dem Tunnel herausfindet. Wer weiß, wer sich da noch an den Weichen zu schaffen macht. Aber alles andere, als die Erhaltung des Lügenmuseums in Radebeul – wer eigentlich kann sich anmaßen zu wissen, was ein „richtiges“ Museum ist? – würde den Weg in die kulturelle Barbarei öffnen.

Und da bin ich bei dem Grundsätzlichen und Unangenehmen in diesem Land angelangt, von dem es ja nicht wenig gibt. Die Fragen der Preissteigerungen, der Energiekrise, der verkorksten Regierungspolitik sollen ja in diesem Heft nicht angesprochen werden. Es reicht auch so, wenn ich mich nur einem speziellen Trend zuwende, einem kulturellen. Seit geraumer Zeit sind Kräfte aktiv, die für sich die Deutungshoheit beanspruchen oder doch zumindest die Diskussion zu beliebigen Themen an sich reißen wollen. Diese Manie zieht sich durch alle Bereiche der Gesellschaft, löst Thematiken und Begrifflichkeiten aus ihren ursächlichen Zusammenhängen und lenkt die Menschen von den eigentlichen Problemen der kapitalistischen Gesellschaft ab. Die unsäglichen Diskussionen zu Genderfragen, die Streichungsversuche von angeblich „nicht mehr zeitgemäßen“ Namen (Mohrenstraße) oder die aberwitzige Erörterung, ob der Roman Winnetou eine Verunglimpfung indigener Völker darstelle, mögen dafür als Beispiele genügen.

Das Typische, wie Lächerliche, aber eben auch Gefährliche an diesen Diskussionen ist, dass sie mitunter den Realitätsbezug verloren haben. Karl May beschrieb eben keine realen Begebenheiten und er stellte nicht die damalige Situation der indigenen Bevölkerung dar. Seine Romane sind Fiktionen, also etwas Vorgestelltes, Erdachtes, etwa so, wie wenn ich mir am Küchentisch die nächste Glosse auskaspere. Es sind jene Fiktionen, die das künstlerische Schaffen hervorbringen. Wer diese angreift, rüttelt an den Grundlagen der demokratischen Gesellschaft. Die Freiheit der Kunst ist in der Bundesrepublik sogar im Grundgesetz verankert.

Da will ich mal hoffen, dass dieses Licht am Ende des Tunnels auch andere sehen, damit mit dem Lügenmuseum nicht noch ein Stück Kunst verloren geht, meint

Euer Motzi.

Vortrag und Lesung zu Michael Rom im Ratssaal der Stadt Radeburg

Vor 65 Jahren wurde der Dichter, Lyriker, Sänger und Museumsmann Michael Rom geboren.

Fotografie Michael Roms von Renate von Mangoldt in der Dauerausstellung des Heimatmuseums Radeburg


Michael Rom war von 1979 bis 1980 Museumsleiter am Heimatmuseum Radeburg und arbeitete davor und danach auch am Schloss Moritzburg. Er galt als unangepasst und künstlerisch aufgeschlossen. Sein Dienstende in Radeburg war eng mit einer vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR aufwändig und aktiv verhinderten Ausstellung junger Dresdner Künstler am Heimatmuseum verbunden. Michael Rom starb im Alter von 33 Jahren, nachdem er Opfer eines Raubüberfalls in einem Berliner Hotel wurde. Einer seiner Wegbegleiter war der heute in Berlin ansässige Schauspieler, Musiker, Journalist und Fotograf Wolfgang Grossmann, der 5 Jahre damit zubrachte, die Werke des jungen Dichters zusammenzutragen. In diesem Jahr wäre Michael Rom 65 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass veranstaltet das Heimatmuseum Radeburg einen Vortrag zu den sogenannten Zersetzungsmaßnahmen, die das MfS gegen Rom seit 1980 einleitete und zusätzlich eine Lesung mit Wolfgang Grossmann, mit spannenden Geschichten und Anekdoten aus dem turbulenten Künstlerleben in Dresden Anfang der 1980er Jahre sowie Eindrücken aus Roms Dichtung.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei!

Donnerstag, den 13.10.2022, 19 Uhr im Ratssaal der Stadt Radeburg, Vortrag mit Robert Rösler
Freitag, den 14.10.2022, 19 Uhr im Ratssaal der Stadt Radeburg, Lesung mit Wolfgang Grossmann

Karla Erlebach – Klasse 10 – Lößnitzgymnasium Radebeul

Gesellschaft

Jeder Schritt, den wir gehen, wurde schon gelebt.

Bestrebt, Neues zu sehen, gehen wir weite Wege.

Und doch enden wir am Rand unseres Geheges, verstehen nicht und bleiben uneinsichtig.

Verkriechen uns, verlieren uns, reden schöne Dinge und lassen Momente ausklingen, während im Verborgenen Menschen mit dem Tod ringen, einander in die Knie zwingen und ihr Leben in Hass verbringen.

Wir sehen Musik und hören Lieder, verpassen Chancen, sie kamen nie wieder. Wir knien nieder vor Gleichheit beim Anderssein und vergessen die Realität. Komisch, denke ich, kehre um und gleichzeitig tanze ich zu den Schreien von Kindern.

Verhindert, was zu tun, weil meine Zeit eilt.

Verkeilt und verpeilt zwischen tausend Möglichkeiten, eine davon, keine zu nutzen.

Jedes Wort, das wir sagen, wurde tausende Male gesprochen, verliert an Bedeutung, zerbrochen und gehäutet. Jeder Satz ist alt, verdreht und mal akzeptiert, mal verschmäht… Von all den Völkern der Erde vergeht und bleibt in Ewigkeit, solange jemand sich seiner bedient. Und damit werden Kriege begonnen, gewonnen oder verloren, Frieden wird geschlossen, gibt Hoffnung und wird beworben als Produkt deiner Gedanken, verwirrt und zerstört.

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Routine

Drei Schritte zur Treppe,
Siebzehn Stufen zum Weg,
zur Straße und schließlich
zur Bushaltestelle.

Rein aus der Kälte in den
viel zu lauten, vollen Bus.
Den Ranzen auf den Sitz,
sich selbst daneben werfen.

Danach etliche Straßen am Fenster,
vorbeiziehend. Häuser und Gärten.
Stopp. Weiterfahren. Anhalten. Los
immer weiter Richtung Ziel.

Letzte Haltestelle vor meiner.
Hektisches Zusammenpacken,
Ranzen schultern, hängengeblieben.
Drücken des Haltewunschtasters.

Vielleicht 50 Schritte bis zur Schule,
Rein aus der Kälte in das
viel zu laute, volle Haus.
Wissend, den Weg immer wieder zu fahren.

Neue Karikaturenausstellung im Heimatmuseum Radeburg

Sieger des Heinrich-Zille-Karikaturenpreises 2022 zeigt seine besten Arbeiten

Markus Grolik hat viele Talente. Er schreibt Bücher, erfindet Figuren, fährt einen alten Dacia, ein noch älteres Fahrrad – und verliert dabei niemals den Humor. Das macht ihn obendrein zu einem gewitzten Cartoonisten, zu einem der besten Karikaturisten in Deutschland. Soeben hat er mit seinem Werk „Aufladen“ den renommierten Heinrich-Zille-Karikaturenpreis der Stadt Radeburg gewonnen, dotiert mit 1.000 Euro, ausgelobt von dem Ort, in dem der große Maler und Zeichner Zille zur Welt kam. Das Preisgeld stiftet in diesem Jahr das Ingenieurbüro für Verkehrsanlagen und -systeme IVAS. Kuratiert wird der Preis seit Anfang an von der Galerie Komische Meister Dresden.

Cartoon von Markus Grolik


In der exklusiven, am 17. September öffnenden Personalausstellung darf Markus Grolik sich von allen Seiten seines zeichnerischen Könnens zeigen. Vor allen Dingen mit seinen zeitlosen Karikaturen zu allen Lebenslagen, ob es nun um Liebe, Verkehr, Geld oder den ganzen Rest geht. Alles Menschliche und Alltägliche dient als Vorlage für den sympathischen Verdreher der Wirklichkeit – was in diesem Falle heißt: Markus Grolik stellt die Welt vom Kopf auf die Füße. Allein das reicht heute schon, um als gerissener Witzbold zu gelten. Seine Cartoons liefern den Beweis dafür.

Cartoon von Markus Grolik


Auch Illustrationen zu Groliks Kinderbüchern und seine Comiczeichnungen sind Teil der neuen Ausstellung im Heimatmuseum Radeburg. Beim Verlag Rowohlt heißt es über den 1965 in München geborenen Künstler, der nach einem Kunststudium seit 1995 freiberuflich arbeitet: „Neben dem Illustrieren und Schreiben von Kinderbüchern sind Comics seine große Leidenschaft. So erhielt er 2004 auf dem Comicsalon Erlangen bereits zum zweiten Mal nach 1995 den ICOM Independent Comic Preis und 2003 das Atelierstipendium des Bayerischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Für seine Serie um den sympathischen Privatdetektiv Perry Panther wurde er 2003 für den Deutschen Kinderkrimipreis nominiert.“

Erwachsene und Kinder sollten diesmal unbedingt gemeinsam in die Ausstellung mit Werken von Markus Grolik gehen. Denn seine Ideen verbinden Alt und Jung. Ganz im Sinne des großen Zille, dessen Gesellschaftskritik immer mit einem Augenzwinkern einherging, so schwierig die Verhältnisse auch waren, die er mit dem Stift launig und wissend dokumentierte.

Mario Süßenguth
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Heinrich-Zille-Str. 9
01471 Radeburg
Tel.: 035208/96175 oder 035208/96170
Mail: museum@radeburg.de
Web: www.museum.radeburg.de
www.radeburg.de /www.komischemeister.de

Augusts Afrika – Zu zwei Ausstellungen in Moritzburg

Abbildung: August der Starke als »Chef der Afrikaner«, 1709, Kostümskizze


Noch bis zum 31.10.2022, oder über das kommende Sommerhalbjahr 2023 kann man im Schloss Moritzburg und im Käthe Kollwitz Haus in Moritzburg zwei Sonderausstellungen sehen, die sich mit der Faszination Augusts des Starken für Afrika beschäftigen. Seine Liebe für alles Fremdländische, wie das chinesische Porzellan ist hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist, dass er sich selbst in höfischen Maskeraden und Festlichkeiten mehrfach in die Rolle eines „Chefs der Afrikaner“ begab um seine Gäste zu empfangen. Erstmals wird vorgestellt, was man bisher über das Leben der sogenannten „Hof-und Kammermohren“ in Dresden weiß, deren beachtliche Zahl von 80 Menschen dunkler Hautfarbe im Zeitraum von 1650 bis 1750 erstaunen lässt. Ein weiteres Kapitel berichtet über die Herrnhuter Missionare in Afrika im 18. Jahrhundert. Und es geht um die erste wissenschaftliche Expedition, die August der Starke nach Nordafrika entsandte um Tiere, Pflanzen, Mineralien und ethnografische Gegenstände zurück nach Dresden zu bringen. Einige wenige wilde Tiere, wie Löwen und Leoparden, aber auch Strauße kamen 1733 lebendig in Dresden an. Die Strauße fanden ihr Domizil im „Indianischen Vogelhaus und Straußenzwinger“ in Moritzburg, dem heutigen Käthe Kollwitz Haus auf der Meißner Str. 7. Dort lenkt uns die zweite Ausstellung mit Fotografien der bekannten Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst auf das heutige Nordafrika. 1997 reiste eine Gruppe von Leipziger Wissenschaftlern und Künstlern auf den Spuren von Augusts Expedition durch Tunesien. Karin Wieckhorst war dabei und hielt interessante Aufnahmen mit ihrer Kamera fest.

Margitta Hensel

Informationen zu den Öffnungszeiten unter www.schloss-moritzburg.de und www.kollwitz-moritzburg.de
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Literaturhinweis: Eberhard Görner beschreibt in seinem Buch „Abenteuer Afrika“ anhand umfangreicher Recherchen die abenteuertliche Reise der sieben Männer, an der Spitze der Leipziger Mediziner Johann Ernst Hebenstreit. Allen, die das Wissen um diese Expedition noch vertiefen wollen, sei dieses Buch empfohlen. Erschienen ist es im Chemnitzerverlag, ISBN 978-3-944509-13-6.

Editorial

Wenn unsere geschätzte Leserschaft diese Zeilen liest, wird das 30. Herbst- und Weinfest und XXV. Internationale Wandertheaterfestival in Radebeul leider schon wieder Geschichte sein.

Während diese Zeilen jedoch noch am Vorabend des Festes verfasst wurden, fiebern noch zahllose Menschen in freudiger Erwartung auf ein fulminantes Wochenende mit Kunst, Theater und natürlich Wein hin.

Nach den weitreichenden Entbehrungen der letzten beiden Jahre ist das zu feiernde Doppeljubiläum tatsächlich ein beachtenswerter Meilenstein in der Radebeuler Festkultur. Ein ausdrücklicher Dank sei an dieser Stelle nochmals an alle Verantwortlichen gerichtet, die einst und heute zum Wachsen und Gedeihen dieses nunmehr unverzichtbaren Kulturschatzes beigetragen haben.

Nun endlich werden auch wieder zahlreiche Künstler aus aller Welt den Weg nach Radebeul gefunden haben, um ihre Künste und Attraktionen dem staunenden Publikum zu präsentieren.

Und was wäre schließlich das Fest ohne das unvergleichliche „Finale Grande“ mit seinem magischen Feuerrausch auf den Elbwiesen? Immer wieder werden hier tausende Wünsche auf kleinen Zetteln mit dem Feuer hoch in den Nachthimmel getragen, die vielleicht hier unten ein kleines Stück für eine bessere und friedlichere Welt beitragen können.

Und so soll das Fest seinem diesjährigen Motto folgen: »VIVAT!«

Sascha Graedtke

Filmclub mobil präsentiert

3. Thematischer Filmclubabend
Donnerstag, 15.9.2022, Einlass 19.00 Uhr
Beginn 19.30 Uhr
in der Kunstscheune Altnaundorf 6
01445 Radebeul

Gezeigt wird
„Karbid und Sauerampfer“
1963, DDR, DEFA-Lustspielklassiker, P 16

Zum Inhalt: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegt Dresden in Schutt und Asche, darunter auch die Zigarettenfabrik. Die soll wieder aufgebaut werden. Doch beim Wiederaufbau muss man schweißen und zum Schweißen benötigt man Karbid. Also wird der Arbeiter Kalle, von seinen Kollegen nach Wittenberg geschickt, wo er sieben Fässer Karbid erhält. Allerdings gestaltet sich der Rückweg ohne eigenes Fahrzeug und nur mit Zigaretten als einzigem Zahlungsmittel ausgestattet, schwieriger als gedacht. Unterwegs lernt Kalle die junge Bäuerin Karla kennen. Gern wäre er bei ihr geblieben, doch in Dresden wartet man auf die Fässer mit dem Karbid. Mehrfach zwischen sowjetischen und amerikanischen Sektoren wechselnd, heißt es für Kalle sehr trickreich zu agieren. Hinzu kommt, dass er sich einer lüsternen Witwe erwehren muss und es zwei Diebe auf seine Fässer abgesehen haben. Trotz aller Turbulenzen bringt Kalle schließlich zwei Fässer Karbid ans Ziel und auch mit seiner Karla gibt es ein Happy End. Unter welchen Umständen die restlichen fünf Fässer abhandengekommen sind, das alles zeigt auf vergnügliche Weise der Film.

Erwin Geschoneck, der die Rolle des Kalle spielt, wirkt als Arbeiter sehr authentisch und beweist sein großartiges komödiantisches Talent. Als Karla ist die junge Dresdner Schauspielerin Marita Böhme zu erleben und in der Rolle eines schlitzohrigen Sängers der bekannte Sänger Rudolf Asmus. Sehr erfrischend werden die Lebensumstände und Alltagsschwierigkeiten unmittelbar nach Kriegsende aus einer heiteren Perspektive dargestellt. Das mit vielen Pointen gespickte Drehbuch von Hans Oliva-Hagen und Frank Beyer überzeugt durch soziale Genauigkeit und ironisch politische Untertöne.

Karin Baum und Michael Heuser, Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.

Reservierungen erbeten!
Kontakt: 0160-1038663
info@radebeuler-kultur.de

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… von flüchtigen Momenten …

tabula rasa | in wandlungsfreiheit
begehbare Installation
Hofgeismar in Nordhessen | 2021

April 2020. Damals, als das C sich wie eine große Ungewisse über uns legte, empfand ich jene Frühlingstage als unheimlich kraftvoll und energiegeladen. Nie zuvor erlebte ich solch einen Moment des Stillstandes so flächendeckend, weltweit, zugleich. Und genau in diesem Zur-Ruhe-Kommen loderte so viel Energie für Veränderung, die Chance für einen Neuanfang. Es entstand der Entwurf zur tabula rasa – ein frei wandelbarer, begehbarer Raum:

Alles ist ungeahnt, anders, neu. Das Blatt wieder weiß und unbeschrieben – ursprünglich und leer, frei aller Erfahrungen und Erwartungen. Es ist an uns, es neu zu beschreiben. Wir haben die Chance, die Wandlungsfreiheit, die Streifen des Blattes neu zu ordnen, den Raum neu zu formen, einen neuen Weg zu eröffnen … und ihn zu gehen.

Eineinhalb Jahre später fand es dann schließlich statt, das Windkunstfestival, und ich ließ die Arbeit in einem lichten Kiefernwald entstehen. Die Menschen bahnten sich ihre eigenen Wege durch die Papiere und konnten dabei erspüren, wie ihre Entscheidungen den weiteren Bewegungsraum beeinflussen. Eines Septembermorgens erwachte ich inmitten jener mystischen Stimmung, während die tabula rasa ganz licht aus dem Nebel hervortrat. Keine Ablenkung. Keine Orientierung. Alles ist möglich … in diesem flüchtigen Moment.

Constanze Schüttoff

Eine Gruppe von Radebeuler Häusern im Doppelpack – Winzerhaus und Villa

Foto: D. Lohse

Wenn man die beiden Baugruppen von typisch Radebeuler Häusern einzeln betrachtet, glaubt man nicht, daß sie als Zusammenbau, quasi „Zwitterhäuser“, eine Daseinsberechtigung haben könnten, also „ein Bild“ ergeben könnten. Es ist ein Kontrastprogramm. Ich dachte, wo heute alle Welt „gendert“ und über mehr als zwei Geschlechter nachdenkt, passen „Zwitterhäuser“ ganz gut dazu. Die nähere Betrachtung soll zeigen, daß aber so unterschiedliche Formen zusammengefügt eine interessante Wirkung erreichen können. Die drei von mir gefundenen und im Folgenden beschriebenen Beispiele lassen bald erkennen, daß es sich um eine spezielle Radebeuler Bauform handelt, die bisher von keinem hiesigen Bauforscher bearbeitet worden sein dürfte. Zunächst möchte ich ein paar Merkmale für jede der beiden Bautypen herausarbeiten und gegenüberstellen, um die Unterschiede zu zeigen.
Winzerhäuser wurden in einer größeren Zeitspanne etwa vom16. bis 19. Jh., im Kern im 17. u. 18. Jh., errichtet. Sie sind an den Weinbau gebundene Zweckbauten von meist einfacher Bauart, klarer Geometrie und unter Verwendung örtlicher Baumaterialien. Städtebaulich sind sie „Einzelgänger“, jeweils bezogen auf einen Weinberg. In den seltensten Fällen wird man einen Baumeister oder Architekten für ein Winzerhaus ermitteln können.

Villen dagegen sind bürgerliche, bzw. auch großbürgerliche Einfamilienhäuser, zT. mit aufwändigen Fassaden und luxuriöser Ausstattung. Sie treten in Radebeul in einer überschaubaren Zeitspanne etwa von der Mitte des 19. Jh. bis 1920 auf. Villen bilden oft einen städtebaulichen Zusammenhang, straßenbegleitend oder um einen Platz gruppiert. Hier gibt es aufwändige Gestaltungen in Grund- und Aufriß mit Türmen, Veranden und Balkonen. Villen haben immer Einfriedungen und Gärten als Umfeld, manchmal auch Parkanlagen. Die Planer von Villen lassen sich in den meisten Fällen über die Bauakten ermitteln, weil es in der Bauzeit bereits üblich geworden war, Planunterlagen einzureichen und diese zu archivieren.
Welche Gründe könnte es aber für eine eher seltene, baulich enge Kombination dieser beiden so verschiedenen Bautypen gegeben haben? Diese Kombination setzt erst einmal das Vorhandensein von Winzerhäusern voraus, wo dann nach Niedergang des Weinbaus (u.a. wegen der Reblaus) eine Verdichtung mit Villen stattfinden konnte – also in den Ortsteilen Ober- und Niederlößnitz. Der Normalfall beim Hausbau, so auch bei einer Villa, ist der Erwerb eines freien, bebaubaren Grundstücks. Dann gäbe es noch die Situation, daß auf dem Grundstück schon ein älteres, vielleicht baufälliges Haus steht – hier wäre ein Abbruch nötig, ehe mit dem Bau der Villa begonnen werden könnte. Ein Sonderfall ist dann der Erwerb eines mit einem zu erhaltenden Winzerhaus bebauten Grundstücks, wo noch eine Villa Platz finden mußte, der Grundstückszuschnitt aber zum Zusammenbau nötigte, oder, wenn eine Großfamilie unterzubringen war, das Winzerhaus als Altenteil, die Villa für die Jüngeren – so oder ähnlich sind die baulichen „Zwitter“ in Radebeul entstanden. Für eine solche Bauaufgabe, eine spezielle Form der Raumerweiterung, braucht der Architekt schon ein gewisses Gespür! Nun will ich in knappen Zeilen die Baugeschichte der drei Standorte, alle drei Häuser sind Kulturdenkmale, chronologisch vorstellen:

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

1. Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße 27 (Jägerhof)
Die Errichtung des zweigeschossigen, massiven Winzerhauses schätze ich um 1680, etwas älter als in der Denkmaltopografie genannt, ein. Das hohe Walmdach würde m.E. in diese Zeit passen. Karl Gottlieb Münch beantragte für sein Winzerhaus 1851 die Konzession zum Weinausschank, ab 1864 durfte er die Bezeichnung „Münchs Restaurant“ führen. Unter dem Eigentümer Adolf Louis Eberhardt wird dann 1892 der Bau einer Villa mit Turm als Erweiterung neben dem Winzerhaus beantragt und genehmigt. Den Entwurf und auch die Ausführung dieses großen Schweizerhauses besorgte Baumeister Adolf Neumann (u.a. bekannt durch das Rathaus für Niederlößnitz). Eberhardt eröffnet in dem Neubau seine Gaststätte „Jägerhof“. Geweihe an den Fassaden erinnern noch heute an den Namen der Gaststätte, obwohl sie schon lange geschlossen ist. Von 1907 bis 1931 erfolgten unter verschiedenen Eigentümern bzw. Betreibern bei schlecht laufendem Betrieb vier Zwangsversteigerungen – es war die Zeit des 1. Weltkrieges, der Inflation und der Weltwirtschaftskrise! Ab 1933 beginnt dann die reine Wohnnutzung an Stelle der Gastwirtschaft. Als prominente Mieter sind die Professoren Walter Howard (Bildhauer u. Hochschullehrer) und Fritz Jürgen Obst (Naturkundemuseum DD) zu nennen. Die Nebengebäude im Hof wurden auch gewerblich genutzt, haben aber zu dem Thema meiner Betrachtung keinen Bezug. Hier war es schwer, ein besseres Foto der Gebäudegruppe zu erhalten, weil der Garten inzwischen zugewachsen ist. Deshalb mußte ich auf eine Postkarte von um 1900 zurückgreifen. Hier erscheint das Winzerhaus fast eingeschossig, was aber an einer perspektivischen Täuschung liegt. Zuletzt hatte es wohl einer Familie Häse gehört. 2021 wird u.a. in V&R ein erneuter Verkauf angezeigt, der noch nicht abgeschlossen ist.

Foto: Radebeuler Stadtarchiv

2. Paradiesstraße 48

Das schlichte Winzerhaus aus der 2. Hälfte des 18. Jh. konnte auch keinem Baumeister zugeordnet werden. Durch die Fa. Gebr. Ziller wurde 1875 östlich des Winzerhauses ein flacher Bau mit Verbinder hinzugefügt, der 1908 teilweise in der Villa aufging.

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

Der Generalmajor A. Mehlhorn beauftragte den namhaften Dresdner Architekten Georg von Mayenburg (er hat später den Rückumbau von Schloß Wackerbarths Ruhe in der heutigen Form als Entwurf betreut) seinen Altersruhesitz zu planen. Der Bau wurde durch die Firma von Paul Ziller errichtet. Die Nahtstelle zwischen Winzerhaus und Villa ist hier die Längsseite des Winzerhauses. Stilistisch wäre diese, wie auch die unter 3. vorgestellte Villa, der Reformbaukunst, bzw. dem Heimatstil zuzurechnen. Die Frau des Offiziers lebte hier noch bis nach 1945, später verwaltete die Gebäudewirtschaft das Grundstück. Familie Dr. Tobias Plessing erwarb das Anwesen 2006 von Herrn Armin Hoch, der das Haus unsaniert genutzt hatte. Jetzt konnte das Grundstück neu geordnet und Villa und Winzerhaus mit eigenen Wünschen und denkmalpflegerischen Auflagen in Stand gesetzt werden. Freilich ist die Kombination zweier Häuser in dieser Weise städtebaulich nicht optimal, man sieht hier die Villa von der Straße aus nicht, sondern nur das Winzerhaus. Daß sich die Villa ganz dem Garten zuwendet, ist zum Wohnen allerdings ideal.

3. Weinbergstraße 32 / 32a
Auch hier stand das weit vor 1800 errichtete Winzerhaus mit einer Weinbergslage am Berg zuerst da. Anfang des 20. Jh. war es baufällig geworden und sollte eigentlich durch Sanierung erhalten werden. Als dann 1908 der damalige Firmeninhaber, Richard Adolf Lange, der Glashütter Uhrenfabrik Lange & Söhne auf dem westlichen Teil des Grundstücks eine Villa für einen Teil seiner Kinder bauen wollte, fand man bei einer Untersuchung der Bausubstanz des Winzerhauses, das in Kubatur und Gestaltung dem benachbarten Haus Lorenz ähnlich gewesen sein muß, daß es nicht mehr zu erhalten sei. Arch. Paul Ziller (eigene Firma, – nicht Gebr. Ziller) wollte es nach dem Abriß wieder in gleicher Größe und mit gleichen Ansichten neu aufbauen. Dem stimmte die Baubehörde aber nicht zu. Es gibt auch eine künstlerische Ansicht mit freistehender Villa und Winzerhaus vor den Lößnitzbergen, doch diese Idee mußte dann nicht weiterverfolgt worden sein. Nach Hinweisen des Sächsischen Heimatschutzes erarbeitete daraufhin Architekt Steinmetz (angestellt bei der Fa. Gebr. Ziller) das Projekt für die Villa mit Turm, so wie wir sie heute als eine der „Perlen“ der Weinbergstraße sehen können. Das alte Winzerhaus existiert seit 1908 nicht mehr, der Neubau ist einem Winzerhaus ähnlich, jedoch etwas kleiner und in den Zeichnungen gelegentlich auch als „Pförtnerhaus“ der Villa bezeichnet.

Foto: D. Lohse

Die Bauausführung lag in den Händen der Fa. Gebr. Ziller, 1910 war das Haus endlich bezugsfertig. Im Laufe der Geschichte wurde das Grundstück mehrmals geteilt, so daß das einem Winzerhaus ähnliche Gebäude die Weinbergstraße 32a wurde und auch der Weinbergpavillon in halber Hanghöhe, einst wohl Zubehör zur Villa, in andere Hände kam. Ein gehörloses Mitglied der Familie Lange und Sohn des o.g. Lange, Paul Alfred Lange (von Beruf Gärtner) wohnte, wie mir ein ehemaliger Bewohner vom OG des Winzerhauses aus den 50er Jahren sagte, hier noch nach 1945. Die Villa wurde durch Familie Schubert mit wenigen Veränderungen als Kulturdenkmal saniert. Der heutige Eigentümer, der Arzt Dr. Felix Schubert, wohnt seit längerem hier und übernahm den Besitz 1999 von seinem Vater. Der Zusammenbau von Winzerhaus und Villa ist an diesem Standort am besten erlebbar. Einen guten, höher gelegenen Fotostandort fand ich durch freundliche Bereitschaft im gegenüberliegenden Haus.
Ich bedanke mich bei allen Personen sehr herzlich, die mich bei meinen aufwändigen Recherche- und Fotoarbeiten unterstützt haben.

Dietrich Lohse

 

 

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