Geburtstagsgruß

Foto: L. Kühne-Kootz


Lieber Herbert Graedtke,

zu Deinem 80. Geburtstag gratulieren wir Dir ganz herzlich.
Wir wünschen vor allem Gesundheit und
Lust und Muße für Kunst, Kultur
und schöne Naturerlebnisse.
Also: Eine tolle Geburtstagsfeier, im Kreise von lieben Gästen,
sicher mit einem köstlichen Radebeuler Wein,
ganz im Sinne und nach Art von Bacchus,

das wünscht im Namen des Vereins Radebeuler Monatsheft e.V. „Vorschau / Rückblick“

Ilona Rau

Laudatio zu „GEZEITEN II – Geformt“

zur aktuellen Ausstellung von Anita Voigt in der Stadtgalerie

Foto: M. Piper


Wir leben in einer Gegenwart, in der alles in Frage gestellt zu sein scheint, in der uns auf einmal bewusst wird, dass wir nur ein Teil des Universums sind, dass die Natur allmächtig ist, nicht nur den ewigen Kreislauf von Werden, Wachsen und Vergehen bestimmt, sondern uns Menschen auch in die Schranken weist. […]

Anita Voigt ist eine ernsthafte, lebenszugewandte Künstlerin, die nicht im luftleeren Raum lebt, sich nicht im sogenannten Elfenbein mumifiziert. Sie steckt voller Empathie, lässt sich berühren, von dem, was sie erlebt und manifestiert ihre Gedanken und tiefgründigen Seherlebnisse in Zeichnungen und Bildwerken, die ohne erhobenen Zeigefinger, in formaler Reduktion, auf die archaische Schönheit und gewaltige Kraft von Naturerscheinungen verweist.
Und sie lässt Fragen zu:

„Rutscht man automatisch in die Schublade der Romantiker, wenn die Einsamkeit, das Ausgegliedert-Sein… zum Thema werden?“; Sehen und fühlen wir nicht nur das, wozu wir ohnehin in Resonanz gehen können? Welche Rolle spielt, was mir unerwartet oder sogar unwillkommen widerfährt?“

Panta rhei – alles fließt. Diese philosophische, antike Sentenz von Heraklit beschreibt, dass alles in unaufhörlicher Bewegung ist. Die Welt steht niemals still. Alles ist unablässig ein Werden und Vergehen. […]

Die Augen von Anita Voigt haben Vieles getrunken, mit Begeisterung und Nachdenklichkeit.

Unverhofft und verwandelt brachen sich elementare Formen Bahn.

Denn auf den Papieren kann man frei atmen, kann man durchatmen, befreit von Draußen und doch gefangen im Innen. Eine wunderbare, beflügelnde Erkenntnis. Kennt man das innere Leben der Linien und Farben, dann vermag man, das mit eigener Selbstentdeckung zu feiern. Dann nimmt die Lust an jeder gelungenen Metamorphose des Sichtbaren zu und es entstehen beeindruckende, neue Zusammenhänge.

Anita Voigt ist auch eine spirituelle Künstlerin, die altes Wissen in sich trägt, die erlebte Landschaftsträume in reduzierter bildlicher Umsetzung mit einer visionär-philosophischen Dimension verbindet. So erwächst aus dem Sichtbaren auch Geistiges für den aufmerksamen Betrachter. So verbindet sich auf geheimnisvolle Weise bewusstes mit Unbewusstem. […]

Gezeiten ist der Titel der Ausstellung. Das Wort imaginiert Veränderung, eine Metamorphose in der zyklischen Ausrichtung des Lebens auf der Erde. Und dieses Wissen hilft, […], mit Gelassenheit und Würde anzunehmen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu gestalten, um dem Leben einen Sinn zu geben.

Im Juni 2020 begab sich Anita Voigt zusammen mit ihrem Mann in einer ausgebauten Feuerwehr auf eine abenteuerliche Reise nach Frankreich, in die nördliche Bretagne. Sie war mit ihrem Skizzenbuch unterwegs, fasziniert von der rauen, unwirtlichen, wild widerspenstigen Küstenlandschaft und von den Gezeiten. Das Kommen und Gegen von Ebbe und Flut widerspiegelt auf unvergleichliche Weise Lebensrhythmen. Für Anita Voigt war das ein Schlüsselerlebnis! […] Sie äußerte sich folgendermaßen dazu:

„Das Thema der Gezeiten ist ein Lebensthema. Unbeschreiblich intensiv und direkt mit allen Sinnen erlebt am Atlantik. Dann gleicht es einer Welle, deren Ausläufer sich an den Hügeln und Felsen meiner Umgebung bis hin zur Sächsischen Schweiz brechen. Weit über gegenwärtige Zeit hinaus. Die brutale Kraft dieser Naturgewalt bringt Gefahr und Schönheit. Das Wechselspiel gegenseitiger Formung. […] Wenn ich zeichne, sortiere ich und ordne. Was auf dem Blatt geschieht, vollzieht sich entsprechend in meinem Inneren, gewinnt Struktur. Mich interessiert, ob diese Veränderungen, die sich während des Arbeitsprozesses in mir vollziehen, auch umgekehrt auf das Geschehene wirken.“
Man muss Mut haben, Schwarz auch zu behaupten auf dem Weiß von Papieren. Aus der Bewegung heraus hat Anita Voigt mit Pinseln, breiten bürstenartigen und schmalen, mit Tuschen gezeichnet, ganz langsam und mit großer Leichtigkeit. Viele Papiere wurden ausprobiert. Japanpapiere, saugfähig und fein – erfordern ein großes Können. Man muss die Technik beherrschen, muss wissen, wie schnell die Pinselbewegung sein sollte und wie die Konsistenz der Tusche beschaffen sein muss. […]

Anita Voigt hat sich intensiv mit japanischer und chinesischer Tuschemalerei beschäftigt. Es geht dort nicht überall um den Zufall, sondern um die Beherrschung des Mediums, um die Verfolgung eines strengen Formenkanons. […] Sie „lässt den Pinsel machen“, wie sie es mir gegenüber bekannte. Bewusst verzichtet sie auf menschliche Figur, die mit der Abwesenheit aber dennoch präsent bleibt.
[…]

In der Bretagne, in der Sächsischen Schweiz, im Wald und mit der Beschäftigung des pflanzlichen Wachstums hat sie bildnerische Analogien gefunden, die ein Nachdenken über die Zeit möglich machen.

Das Werden und Vergehen, das veränderliche in der Natur beschreibt demzufolge auch immer eine biografische Spur – mit Tusche und Kohle oder Tempera umgesetzt.

Großartig, ja überwältigend sind die Kohlezeichnungen, der felsartigen Klippen, umbrandet vom Meer, dass auf den Zeichnungen nicht sichtbar ist, nur in unseren Gedanken durch das Weiß der Papiere fließt. Dieser halluzinatorische Moment im Kommen und Gehen besitzt etwas archaisch Magisches und macht die Faszination der Arbeiten aus.
Anita Voigt erweist sich auch als eine Tagträumerin mit musikalischen Nachklang. […] Mit Hingabe lässt sie das Schwarz erklingen, ermutigt und freudvoll überrascht von dem, was sich vor ihren Augen ereignet.

Es ist eine Realität im Zustand der Schwerelosigkeit, in der alles möglich zu sein scheint. Anita Voigt hat die Zeit des vermeintlichen Stillstands also genutzt, das Glück zu fangen und hat sich neu gefunden.

Der Umgang mit der Kunst lehrte sie, das Leben zu achten und den Sturmwind der Zeit gelassen zu betrachten, sich auf sich selbst zu konzentrieren und um die innere Mitte zu ringen, sich nicht zu verleugnen, sich ganz einfach zu leben… […]

Sie hat den Bezug zur Außenwelt, zu natürlich-naturhaften Gegebenheiten niemals verloren in der virtuellen Welt ihrer künstlerischen Selbsterkenntnis und schafft neue Zusammenhänge.

Ja, sie legt eine Spur, ihrer eigenen Natur gemäß, der wir folgen sollten, denn sie sieht im Einfachen das Besondere. […]

Im Mikrokosmos ihrer Bildwelt offenbart sich hier ein Makrokosmos, das stille Aufeinanderbezogensein der Elemente, der Pulsschlag des Lebendigen, eingebunden in den Kreislauf von Werden und Vergehen und es offenbart sich auch die Macht des Menschen, zu bewahren oder zu zerstören. […] ihr innerer Reichtum ist immer präsent, ihre Sehnsucht nach Harmonie ebenso wie ihr Wissen um das labile Gleichgewicht der Natur.

Eine innere Bewegung ist mit den Arbeiten verbunden, die alles einzuschließen scheint:

den Wind, den Regen, die Sonne, Himmel und Erde, die Metamorphosen des Geformt-Seins.

Es sind großartige Augenerlebnisse, die uns die Trostlosigkeit, der wir mitunter in letzter Zeit erliegen, zu nehmen vermögen.

Karin Weber
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Dies ist eine gekürzte Fassung der Eröffnungsrede vom 5.11.2021. Der Text in voller Länge liegt in der Stadtgalerie Radebeul aus, die Digitalvariante ist über Radebeul.de/stadtgalerie abrufbar.

Die Ausstellung ist bis zum 19.12.21 zu sehen.

Aus Unscheinbarem erwächst Herrlichkeit

Liebe Leserinnen und Leser,

der Kalender zeigt Anfang November. Das Wetter ist nicht, wie aus Kindertagen bekannt, sprichwörtlich grau und nasskalt, sondern die Sonne taucht die Bäume und den Himmel in ein wunderbares Licht. Herbstlich ist mir zumute auf dem Weg zum Supermarkt. Dort fällt mein Blick auf das Regal mit Blumentöpfen, die zwar mit Erde gefüllt sind, aber eine Blume ist nicht zu sehen. Lediglich das Obere einer Blumenzwiebel ist zu erkennen, aus der zaghaft ein Blatt und die Knospe einer Blüte herauslugen. Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits die stolze weiße oder rote Blüte einer Amaryllis oder eines Rittersterns. Ich weiß aus Erfahrung, dieser Stern wird mit etwas Fürsorge, Licht und Wasser in der Adventszeit erblühen. Einen Topf stelle ich in froher Erwartung in meinen Einkaufswagen. Ich bin gewiss, der Blütenstengel und die dicker und größer werdende Knospe werden aus dem Verborgenen der Zwiebel wachsen und dann wird sich eine Blüte nach der anderen entfalten. Dieser Ritterstern wird mich also auch in diesem Jahr begleiten, hinein in die Advents- und Weihnachtszeit. Er wird mir ein sichtbares, lebendiges Zeichen sein, dass aus Unscheinbarem etwas Herrliches erwachsen kann. Auch das Kind in der unscheinbaren Krippe von Bethlehem vor mehr als 2000 Jahren verbreitete Herrlichkeit: sie brachte ein großes Licht in die Welt der Hirten auf dem Feld, sie wies mit dem hellen Stern den Könige aus dem Morgenland den Weg, sie machte das Halleluja der Engel hörbar, sie strahlt hinein in unsere Gegenwart mit all ihren Umbrüchen, mit unseren gefühlten Unsicherheiten und Hoffnungen. Lassen wir uns alle von diesem Wunder und der Herrlichkeit der Weihnacht berühren, seien wir füreinander da und achten wir aufeinander.

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und Freunden gesegnete, friedliche und gesunde Weihnachten.

Gertraud Schäfer

Vorsitzende des Kirchenvorstands des Ev.-Luth. Kirchspiels in der Lößnitz

Zum Titelbild

Altnaundorf 29

Die den Hof gegen die Straße abschließende Mauer mit Rundbogen in Sandstein von 1597 hat manchen Brand, so auch den von 1822, überstanden. Dagegen wurde das Wohnhaus und das Auszugshaus auf älteren Grundmauern erst nach 1822 in der heutigen Form errichtet. Die Scheune am Ostende des Hofs stammt von 1877.
Die Gebäude entsprechen in Bauform, Zuordnung und Material dem in Mittelsachsen üblichen Schema, der Torbogen aber ist hier eine Besonderheit – es ist der älteste Radebeuler Torbogen. Der Sandsteinbogen hat ab ca. 1m Höhe eine Phase an der Vorderkante, ein in der Zeit der Renaissance übliches Detail bei Türen und Fenstern. Die Prellsteine dienten zum Spuren der passierenden Fuhrwerke und damit zum Schutz des Bogens vor Beschädigungen.
Das zweiflüglige Holztor kann in ganzer Breite geöffnet werden, hat aber für Personen auch eine Schlupftür. Der obere Abschluss wird hier als Lattenwerk in Form eines halben Sonnenrades gebildet.

Dietrich Lohse

Mit Bernhard Theilmann poetisch durch das Jahr

Radebeuler Miniaturen

Bon Bon Bong

Meine Mutter, nein das glaubst du nicht!
Lachenden Auges halb und halb grollend rufts Ulrike schon in der Tür. Sie hat jetzt immer viel zu erzählen, wenn sie heimkommt.
Sie war also einkaufen, meine Mutter, erzählt Ulrike. Sie hatte ihr aufgetragen, besser auf die Rechnungen zu achten, nachdem sie Unregelmäßigkeiten im Geldtäschel der alten Dame bemerkt hatte. Du weißt doch, was du im Korb hast, hat sie der Mutter gesagt, da kannste im Kopf überschlagen, wie hoch der Gesamtpreis irgendwie sein wird.
Und was macht Mutter?!
Sie läßt sich an der Kasse den Bon geben und beginnt ihn zu studieren, während die Schlange hinter ihr wächst und die Kassiererin schon hektische Flecke bekommt. Sie kommt auch ganz gut durch die Artikel und Summen, vergleicht die im Kopf überschlagene Summe mit dem ausgewiesenen Gesamtpreis – die alten Leute können noch im Kopf rechnen, die haben das noch gelernt! Aber dann – die untere Hälfte des Bons ist angefüllt mit endlosen Buchstaben-Zahlen-Kombinationen, deren Studium selbst zu Hause im sicheren Sessel schlicht unmöglich ist: hier: hör mal: LyJ48Rhn8ADxxdotq007… das ist erst ein Drittel einer von fünf Zeilen. Mutter liest und staunt und fragt dann die Kassiererin, was das zu bedeuten habe. Ihre Tochter, sagt sie, bestehe darauf, daß sie die Rechnung überprüfe, und das könne sie nicht, wenn sie nicht wisse, was sich hinter den mystischen Zeichen verberge.
Das kann ich ihnen auch nicht sagen, sagt die Kassiererin roten Kopfes, aber so höflich sie noch kann, das hänge wohl irgendwie mit EDV und Steuer zusammen. Das muß sie nicht interessieren.
Aber warum drucken sies dann auf meinen Zettel?
Das ist jetzt so, ist die Antwort, und es wäre schön, wenn sie nun endlich die Kasse frei machen könne, es warten nämlich noch mehr Leute.
Folgsam räumt Mutter ihren Kram zusammen und verschwindet. Erst zu Hause bemerkt sie, daß sie in der Aufregung vergessen hat, zu bezahlen – denn natürlich hat sie die Rechnung vor der Zahlung überprüfen wollen…
Ich bin dann noch mal hin, sagt Ulrike, und hab die Summe beglichen, zum Glück hatte Mutter ja den Zettel noch, da war er wenigstens einmal zu etwas nutze.
Wir haben den Rest des Abends mit zwei Flaschen Rotwein verbracht und mit der Frage, wie uns die Information 641EE612BrNxxDFYckw 22 … beim Leben hilft und wie viele Bäume das Finanzamt sparen könnte, wenn auf dem Zettel nur das Erforderliche stünde, nämlich, was wofür zu bezahlen ist – zumal die allermeisten dieser Ausdrucke ungelesen im Papierkorb unter der Kasse verschwinden…
Thomas Gerlach

Eine Glosse?

Nichts bleibt

Es ist eine Binsenweisheit. Wir alle wissen das. Trotzdem bin ich immer wieder völlig überrascht, ja regelrecht schockiert, wenn das Unvermeidliche eintritt. Klar war die Schlappe der CDU zur Bundestagswahl eine mit Ansage. Auch vom befürchteten Linksruck und den überall drohenden „Roten Socken“ war nach dem Wahlgang kaum noch was zu hören. Und trotz der Unkenrufe werden wohl die „Durchgefallenen“ das Desaster überleben. Mancher muss vielleicht wieder zurück in die Produktion, wie man früher zu sagen pflegte… Aber, die Gefahr ist heutzutage klein. Und wo gibt es denn im Osten noch Produktion? Die Plätze sind rar.
Einige sind natürlich auch nach „Oben“ gefallen. Manche davon hatten es bitter nötig. Ein Bundestagsmandat ist allemal besser als Arbeitslosigkeit, auch wenn dafür der angeblich drohende „links-grüne Mainstream“ im Land herhalten musste.

Das blöde an der heutigen Zeit ist, dass man selbst nachdenken muss, was hinten oder vorn, was falsch oder richtig ist. Meine Frau Mutter hatte da offensichtlich Zweifel an meinen diesbezüglichen Fähigkeiten und verkündete mir deshalb immer ihre Weisheiten. Und wenn ich dann maulte, erwiderte sie nachsichtig oder auch schon einmal gereizt: „Junge, ich meine es doch nur gut mit dir!“.

Mal vom Coronawahnsinn abgesehen, gibt es gegenwärtig nicht nur im Bundestag einen großen Verschiebebahnhof. Ich habe gar den Eindruck, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist. Da hatte sich „Deutschlands Mutti“ vor Jahren gegen eine weitere Senkung der Emissionsgrenzwerte in Europa ausgesprochen und wie dankt es ihr die deutsche Autoindustrie? Etwa mit der Schließung des Opel-Werkes in Eisenach bis Jahresende?!

Der Tourismus im Elbtalland erholt sich trotz steigender Inzidenzzahlen gerade auch wieder. Mit dem Meißner Weinfest am ersten Wochenende im Oktober versuchten die dortigen Veranstalter gewissermaßen einen Spagat zwischen Pandemie und Normalität. Wenngleich es in der Burgstraße mitunter schon recht eng zuging, hatte man Winzerbuden als auch Kulturangebote klug auf 15 Standorte verteilt und dabei den historischen Markt ausgespart. So gelang es mir bei meinem Besuch, größeren Menschenansammlungen geschickt ausweichen zu können. Meine Mutter hätte ihre wahre Freude daran gehabt. Auf abgegrenzte Bereiche und Einlasskontrollen hatte man gleich ganz verzichtet und stattdessen auch Veranstaltungsbereichen auf der rechten Elbseite der Stadt eingerichtet. „Verhungern“ und „verdursten“ musste in Meißen niemand, sorgte doch auch ein zusätzlich eingerichteter Busverkehr für den reibungslosen Austausch zwischen den weiter auseinanderliegenden Stationen. Die Atmosphäre war gelassen bis heiter.

Auch in Radebeul, wo traditionell zeitgleich das Weinfest durchgeführt wurde, setzte man ebenso auf die Insellösung. Einschränkungen waren auch hier nicht zu vermeiden. Die Einzäunungen aber wirkten befremdend. Vor ihnen sah ich lange Besucherschlangen, Menschen, die auf Einlass warteten. Die bildeten sich ebenfalls vor den wenigen Versorgungsständen in und außerhalb der „Reservaten“. Es war wohl das erste Mal, dass ich reichlich frustriert von einem Weinfest durstig und hungrig nach Haus ging. Wie ich hier die „drei Tage voller Genuss, Spaß und Unbeschwertheit“ hätte genießen können, wie Radebeuls Oberbürgermeister im Programmheft versprach, will mir nicht in den Kopf. Nun muss ich zugeben, dass in Pandemiezeiten eben nicht alles möglich ist. Warum allerdings nicht eine weitere Entzerrung der Veranstaltung versucht wurde, ist sicher nicht nur mir schleierhaft. Auch das Kulturangebot war eher mager. Vom Wandertheater auf dem Fest konnte nun wahrlich keine Rede sein. Selbst auf die sonst so phantasiereiche Ausgestaltung wurde verzichtet. Klar, die Finanzen waren knapp. Fehlten doch die Stand- und Eintrittsgelder.
Einzig im Skulpturengarten des Richard von Gigantikow auf den Elbwiesen konnte ich eine entspannte Atmosphäre genießen, aber auch nur, weil ich mir am nächsten Tag meinen Wein gleich von zu Hause mitgebracht hatte. Laut Veranstalter war das Mitführen von alkoholischen Getränken und „splitterndem […] Material“ zwar verboten. Kontrolliert hat das aber keiner. Zumindest in einem Punkt hatte ich mich an die „Hygiene- und Sicherheitshinweise“ gehalten und den Rebensaft in eine Plasteflasche umgefüllt. Nur die Winzer hatten das vergessen.

Viele Gäste waren jedenfalls stinksauer und haben das Fest vorzeitig verlassen. Schließlich gab es ja an diesem Wochenende an Festen keinen Mangel. Eine Besucherin brachte auf Facebook dann auch ihre Kritik auf den Punkt: „Das Konzept war völlig für die Katz!“.

Nächstes Jahr werde ich wohl gleich zum Weinfest nach Meißen ziehen, meint

Euer Motzi

 

Die schönste und wohl auch größte Sgraffitoarbeit von Hermann Glöckner in Radebeul (1. Teil)

1. Teil Entstehung und Verfall des Wandbildes

Originalsgraffito Turnerweg von Glöckner 1992. Foto: D. Lohse

Älteren Vorschaulesern dürfte es bekannt sein, dass ich bereits ein paar Mal über Glöckners handwerklich-künstlerische Sgraffitoarbeiten in Radebeul und Umgebung etwas geschrieben habe (sh. V&R 05/92, 06/12, 02/15 u.12/18). Die Kratzputztechnik, wie man Sgraffito noch bezeichnen kann, ist eine uralte künstlerische Technik, die in der Renaissance ihren Höhepunkt hatte und u.a. von Glöckner wieder angewendet wurde. Ich schätze auch die künstlerische Hauptarbeit von Hermann Glöckner – die Grafik, Faltungen und Montagen und seine Tafelwerke – durchaus, aber seine Sgraffitos als Ladenwerbung und Fassadenschmuck, seltener auch in Innenräumen, liegen mir besonders am Herzen. Zumal, wenn man die Umstände kennt, unter welchen er sich diesen eher handwerklichen Arbeiten zuwendete, nein, zuwenden musste, weil er sonst vielleicht verhungert wäre. Es gibt Auskünfte, dass er sich solche Auftragsarbeiten bezahlen ließ, aber Teile der Summe gelegentlich auch mit Naturalien abgelten ließ, wenn es sich in der Nachkriegszeit z.B. um eine Werbeschrift für einen Gärtner, Bäcker oder Fleischer handelte.

Portrait von H. Glöckner. Foto: © SLUB / Deutsche Fotothek / Borchert, Christian

Aber ich möchte an dieser Stelle zunächst mal eine Kurzbiografie von Glöckner einfügen:
Am 21. Januar 1889 wurde Hermann Glöckner als Sohn des Schlossers Albert Glöckner und seiner Frau Luise Agnes Glöckner in Dresden Cotta geboren. Nach der Volksschule besuchte er ab 1903 die Gewerbeschule in Leipzig und begann 1904 eine Lehre als Musterzeichner. Nebenbei war er in der Abendklasse der Kunstgewerbeschule eingeschrieben. 1907 schloß er die Lehre ab und arbeitete als Musterzeichner. Seine Einberufung zum Militär erfolgte 1915. 1921 heiratete er Frieda Paetz. Ab 1923 besuchte er die Kunstakademie in Dresden, musste aber bereits 1924 aus finanziellen Gründen die Akademie wieder verlassen – Glöckner hatte also kein abgeschlossenes Studium. 1927 bezogen Glöckners in Dresden eine Wohnung mit Atelier. Er war als Künstler eher ein Einzelgänger und widmete sich zunächst der gegenständlichen Malerei. Aus dieser Zeit gibt es z.B. eine Darstellung der Boxdorfer Windmühle. Etwa ab 1932 finden wir in seinen Bildern eine Reduzierung der natürlichen Formen und eine Hinwendung zu geometrischen Formen. Diese Art wurde nach 1933 nicht anerkannt, es gab keine Ausstellungsbeteiligung und wenig Verkäufe. Ab Mitte der 30er Jahre wendete er sich so den Sgraffitoarbeiten zu. 1945 wurden die Glöckners ausgebombt und zogen später ins Künstlerhaus. Auf der „Allgemeinen deutschen Kunstausstellung“ 1946 war Glöckner mit zwei Arbeiten vertreten, jedoch ab 1952 bereits wieder wegen Formalismus ausgegrenzt. Nun wendete er sich verstärkt den baugebundenen Arbeiten, also den Sgraffitos, häufig auch in Radebeul zu. Etwa ab 1980 erfuhr er in der DDR allmählich Anerkennung als Künstler. 1984 stellte Glöckner seine große Stahlfaltung vor der Mensa der TU Dresden auf und bekam im gleichen Jahr den Nationalpreis III. Klasse. Er starb am 10. Mai 1987 in BerlinWest und ist auf dem Friedhof in Loschwitz begraben worden. Anlässlich seines 100. Geburtstages fand eine große Ausstellung seines künstlerischen Schaffens in Dresden und danach in Halle/ Saale statt.
Aus der Biografie geht hervor, dass es für Hermann Glöckner lebenswichtig war, sich neben seiner Kunst, die in zwei politischen Systemen zeitweilig nicht anerkannt war, mit den Sgraffitos ein „zweites Standbein“ zu schaffen, üppig war sein Leben aber nie! An der handwerklichen Kunst war seine Frau beteiligt, sie suchte neue Aufträge und arbeitete oft mit auf dem Gerüst. Eine der frühesten derartigen Arbeiten war 1933 eine Firmenwerbung nahe des Bahnhofs Radebeul Ost für die Chemische Fabrik Madaus in der Gartenstraße. Familie Madaus war der neuen Kunst gegenüber aufgeschlossen, was heute noch an den beiden puttenartigen Ebe-Figuren vorm Haupteingang ersichtlich ist. 1945 wurden die beiden chemischen Betriebe von Heyden und Madaus enteignet und firmierten dann unter VEB Arzneimittelwerk Dresden. 1955 erging an Glöckner der Auftrag, über dem Eingang des AWD-Klubhauses Turnerweg 1 (früher Gasthof „Goldene Krone“) ein dekoratives Bildfeld in Sgraffitotechnik herzustellen – die Familie Madaus in Köln hatte damit nichts mehr zu tun. Die Ausführung dieser Gestaltung erfolgte vom 16. bis 24. September 1955.

Beide Glöckners arbeiten an einer Sgraffito-Sonnenuhr in Radebeul auf dem Gerüst, 1939. Foto: Heinrich Wentzel, privat

Der Entwurf Glöckners für das große Bildfeld darf sicherlich als sehr gelungen bezeichnet werden. Technisch handelte es sich hier um einen dreilagigen (=dreifarbigen) Putz, naß-in-naß aufgetragen, wo jeweils Teile des Putzes von der oberen Lage nach Vorlage ausgeschnitten und so nacheinander Teilflächen der jeweils unteren Putzlage sichtbar werden – hier ist handwerkliches Geschick, Schnelligkeit und Genauigkeit gefragt. Die Bildmotive nehmen Bezug auf Kultur und Lebensfreude und lassen eine Lyra und eine Laute sowie die bekannten Theatermasken „Freud und Leid“ erkennen. Die Räume zwischen diesen Elementen füllte Glöckner mit Weinlaub und Weintrauben. Diese Elemente zeigten den Besuchern an, was sie beim Eintritt in das Kulturhaus erwarten durften: Veranstaltungen mit Musik und Theater sowie Freude und Entspannung bei Wein und anderen Genüssen. Hermann Glöckner gelang hier eine gezielte und freundliche Werbung für ein Kulturhaus ganz ohne politische Attribute, wie das sonst in der DDR meist üblich war.
Zwischen 1955 und 1990 sind viele Menschen unter Glöckners Sgraffito ins Kulturhaus zu Betriebsfeiern, Tanz- und Musikveranstaltungen, Schuleinführungen und Jugendweihe-feiern sowie auch zu privaten Feiern gegangen, manche werden sich daran noch gern erinnern.
Dann, nach 1990 wurde es hier stiller, das AWD sollte in Etappen aufgespalten und verkleinert werden, Betriebe konnten sich keine Klubhäuser mehr leisten und bald hatte die Treuhandgesellschaft hier alles übernommen, aber fast 20 Jahre nichts zustande gebracht – Leerstand ging in Verfall und fast in Ruine über. Und auch die Entscheidung des Landesamtes für Denkmalpflege hier nicht alles, sondern nur das Sgraffito unter Schutz zu stellen, war letzten Endes nicht förderlich. Als schließlich 2008 die Familie Madaus ihre Immobilien an Gartenstraße und Turnerweg zugesprochen bekam, hatte sie mit dem Verkauf der Gebäude – heute gibt es in den Gebäuden viele Wohnungen – zu tun, aber kein Interesse an Glöckners Arbeit, die Stadt könne das Bild abnehmen und woanders anbringen war der Kommentar. Mit diesem Eigentümer, der sich für das Sgraffito als nicht zuständig erklärte, fehlte der Unteren Denkmalschutzbehörde Radebeul ein Verhandlungspartner. Man dachte einen Moment darüber nach, doch die zerstörungsfreie Abnahme eines Putzbildes von dieser Größe (3,70m x 1,00m) hatte noch Niemand realisiert und die Kosten schienen der Stadt zu gigantisch. Der bekannte Dresdner Kunstwissenschaftler Prof. Werner Schmidt sagte im Februar 2009 der Stadtverwaltung Radebeul, welche hohe kunstgeschichtliche Wertigkeit gerade dieses Putzbild hat und dass es unbedingt abgenommen und gerettet werden müsse, leider ohne Erfolg.
Doch was war geschehen: Der Herbst 2008 war regenreich und viel Wasser drang durch das kaputte Dach von oben in das Mauerwerk ein, der sehr kalte Monat Januar 2009 bewirkte mit Frost ein unvorhersehbares Abplatzen von Putzstücken des Bildes. In den Folgemonaten krümelte der Rest herunter, der durch einen Hausmeister sichergestellt wurde. Doch die Rekonstruktion der Glöcknerschen Originalteile, ein Riesenpuzzle mit Fehlstellen, erwies sich als nicht durchführbar. Über all die Jahre kam das Putzbild mit Regen und Wind von außen gut zurecht, aber Wasser von oben und innen führte zur Durchnässung des gesamten Mauerwerks und den geschilderten Schaden und somit den Tod des schönen Sgraffitobildes. Radebeul hatte somit den Verlust des größten Glöcknerschen Sgraffitos zu beklagen.

Dietrich Lohse

 

Quellen: 1. „Hermann Glöckner ein Patriarch der Moderne“, herausgegeben von John Erpenbeck,
Verlag Der Morgen, Berlin 1983
2. „Glöckner“, Katalog zur Ausstellung zu Glöckners 100. Geburtstag, Staatliche
Kunstsammlungen Dresden, 1989

Praktikum im Lügenmuseum

Foto: Archiv Lügenmuseum

Mein Name ist Marie Seifert und ich möchte heute über meine ersten Tage im Lügenmuseum berichten. Zuerst noch ein paar Dinge über mich: ich besuche eine Fachoberschule und bin deswegen dieses Schuljahr, alle zwei Wochen als Praktikantin bei Reinhard und Dorota.
Meinen Probetag hatte ich an einem Samstag im Juni, so konnte ich mir die Freie Kunsthalle ansehen und auch ein paar Künstler die mit dem Lügenmuseum zusammenarbeiten kennenlernen. An diesem Tag ging ich auch zum ersten Mal überhaupt durch das Lügenmuseum und ich fühlte mich überrollt von all den verschiedenen Dingen die es zu sehen, hören und zu fühlen gab. Ja ich fühlte mich etwas überfordert, weil ich nicht erwartet hatte, dass ein Ort eine solche Kreativität und Fantasie ausstrahlen kann, aber vor diesem Tag wusste ich auch nicht was ich erwarten sollte. Auch aus meinem Umfeld kannte niemand das Museum. Und jetzt, wenn ich Leuten von diesem Museum erzähle und versuche es für sie greifbarer zu machen, sage ich ihnen, dass sie dort u.a. das Ohr von van Gogh und ganz viel Fantasie finden. Die Wertschätzung von Kreativität im Lügenmuseum ist der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe mein Praktikum hier zu absolvieren.
Meine erste Praktikumswoche war die letzte Woche vor dem Radebeuler Weinherbst und somit definitiv keine ruhige und entspannte Eingewöhnungszeit. Aber das empfand ich als nicht weiter schlimm, denn ich konnte erneut neue Künstler kennenlernen und interessante Gespräche führen. Es wurde ein Raum geschaffen, in dem regionale und internationale Künstler mit Kunstbegeisterten und Kunstneuentdeckern in Austausch treten können. Und trotz der diesjährigen Bedingungen mit der wiederholten Absage des labyrinthischen Rundganges und feurigen Finales war das Labyversum ein großer Publikumserfolg.

Bei einem Erfolg gibt es jedoch immer viele verschiedenen Sichtweisen und Emotionen. So war bei den Besuchern geradezu eingebrannt, das es immer ein Finale mit Feuer gab. Ein Feuer bei dem etwas niedergebrannt wird, ist gewissermaßen eine Art mit etwas abzuschließen, Frust und Druck abzulassen. Um diese Erwartung bestmöglich mit den Bedingungen zu vereinbaren, entschied man sich für mehrere kleiner Feuer. Diese wurden in den Skulpturengarten mit eingeflochten und da nicht alles verbrannt werden sollte, flossen schon bestehende Skulpturen aus älteren Ausstellung mit hinein. Die Strohballen die eigentlich als Sitzplätze am Lagerfeuer gedacht waren, eigneten sich ganz zur Freude der Kinder, aber auch perfekt für eine Strohschlacht. Wiederum andere erfreuten sich so sehr an der gesamten Ausstellung, das es sie zu Tränen rührte. Was jedoch die meisten Besucher wahrscheinlich erfreut hat, das sie bei uns an keiner Schlange anstehen musste, um die Ausstellungen, Musik, eine Tanzstunde und Rundgänge mit Regenschirmen zu erleben. Höchstens für einen kurzen Moment, um ein selbst gezogenes Orakel von Chady Seubert vorgelesen zu bekommen.

Foto: Archiv Lügenmuseum

Enttäuscht und sauer waren Sonntagabend wahrscheinlich nur die Künstler vom Lügenmuseum, als sie bemerkten, dass Skulpturen verbrannt worden waren, die eigentlich wieder mit ins Museum sollten, und vielleicht noch die Leute, die nicht verstanden, warum der Abend dann so abrupt endete.
Aber alles im allem war es wieder ein gelungenes Kunstereignis, welches auch der Stadt Radebeul zu verdanken ist. Denn ohne den Rahmen des Weinfestes und des umfangreichen Kultur und Theaterprogramms wäre es nicht möglich gewesen eine derart zauberhafte Form der Bildenden Kunst zu einem eigenständigen Kunstereignis zu entwickeln. Mit einer solchen Anziehungskraft, dass Besucher wieder weit angereist waren um diesen sächsischen Freigeist erleben zu dürfen.

Marie Seifert

Von der Lößnitzbahn über die Hechtwagen zum modernen Niederflur-Gelenkwagen (1. Teil)

Triebwagen der Lößnitzbahn, Baujahr 1899 Foto: W. Heinrich

Dresdener Straßenbahnfahrzeuge in Radebeul im Wandel der Zeiten

Nach recht kurzer Planungs- und Bauzeit konnte 1899 im jetzigen Radebeul eine elektrische Straßenbahn mit einer Spurweite von 1000 mm eröffnet werden. Sie führte entlang der Meißner Straße vorerst von Kötzschenbroda in west-östlicher Richtung analog der heutigen Linie 4 nach Dresden-Mickten, dort dann allerdings mit Umstieg zur Weiterfahrt in das Dresdener Liniennetz.
Die Versorgung mit dem erforderlichen Gleichstrom von 500 Volt besorgte das im Lößnitzgrund befindliche Elektrizitätswerk Niederlößnitz (EWN) mit eigens dafür installierten Dampf-Generatoren. Die dafür erforderliche Kohle fuhr die 750 mm-spurige Lößnitzgrundbahn auf speziellen Güterzügen heran.

Großer Hechtwagen in Radebeul, Baujahr 1931, Niesky und Bautzen Foto: W. Heinrich

1920 erfolgte noch eine eingleisige Verlängerung der Lößnitzbahn von Kötzschenbroda/Bahnhofstraße nach Alt-Zitzschewig – an den Fahrzeugen war aber „Coswig“ angeschrieben.
Die 1899 beschafften Fahrzeuge in der damals üblichen Spurweite (Bild 1) waren relativ klein, genügten aber anfangs durchaus den Erfordernissen.
Der Gleisunterbau war im Straßenbereich recht einfach und bewirkte im Fahrbetrieb durch Unebenheiten gelegentliches Schaukeln, daher wohl auch der nette Name „Lößnitzschaukel“.
In den Jahren 1929 und 1930 erfolgte eine Modernisierung der gesamten Strecke mit gleichzeitigem Umbau auf das in Dresden noch aus der Pferdebahnzeit stammende Spurmaß von 1450 mm. Die große Eisenbahn hatte schon 1835 eine Spurweite von 1435 mm.
Durch den Umbau gab es nun einen durchgehenden Linienbetrieb ins Dresdner Zentrum, der unbequeme Umstieg in Dresden-Mickten entfiel.

Gelenkwagen, Baujahr 1923, Görlitz Foto: W. Heinrich

 

Im Anschluss und während dieser Baumaßnahmen wurde die Strecke von Kötzschenbroda nach Coswig und danach noch bis Weinböhla, vornehmlich auf eigenem Bahnkörper verlängert. Dabei entstand in Coswig ein neuer Betriebshof mit Werkstatt und Wagenhalle sowie eine Gleisschleife, ein Gleichrichterunterwerk und ein Verwaltungs- und Wohngebäude.
Der zweigleisige Ausbau des Streckenabschnittes nach Weinböhla war auch geplant, deren Realisierung aber nie vollzogen.

MAN-Triebwagen, Baujahr 1925, Bautzen Foto: W. Heinrich

1930 konstruierte der bei der Dresdener Straßenbahn angestellte junge Ingenieur Alfred Bockemühl, ohne dienstlichem Auftrag gemeinsam mit dem Sachsenwerk Dresden-Niedersedlitz einen völlig neuartigen Großraum-Straßenbahnwagen mit fast 15 m Länge und gänzlich veränderter Technik. So gab es am Fahrerstand keinen Fahrschalter mehr, der Fahrer saß vorn und steuerte den unter dem Fahrzeugboden angeordneten Fahrschalter mit einer Druckknopf-Fernsteuerung.
Auch war der Fahrzeug-Innenraum mit Ledersitzen völlig neu und modern gestaltet.
Damit das Fahrzeug in Kurven sich nicht mit anderen Straßenbahnen im Gegenverkehr behindert, waren die Wagenenden sehr schmal gehalten. Diese Lösung brachte dem Wagen den Zusatznamen „Hecht“ ein.
Sein erster Einsatz in Dresden und auch in Radebeul löste weltweite Beachtung aus und führte sogleich zur Bestellung weiterer 32 Exemplare (Bild 2)
1931/32 kamen dann diese Fahrzeuge in Dresden nach Bühlau und auf der neu geschaffenen Linie 15 zwischen Weinböhla, Radebeul und Dresden-Niedersedlitz zum Einsatz. Diese Linie war dadurch 30,4 km lang.
Verkehrsplaner der damaligen Zeit entwickelten sogar Pläne für einen durchgehenden Schnell-Straßenbahnbetrieb von Pirna über Dresden nach Meißen, der aber nie in die Realität umgesetzt wurde. Lediglich Versuche dazu wurden unternommen, so gab es einmal eine Eil-Linie 115 mit 3 neu konstruierten Gelenk-Wagen auf einem Teilstück dieses Projektes, so auch in Radebeul (Bild 3).
Die Zerstörung Dresdens im Februar und April 1945 durch Bombenangriffe hatte auch den erheblichen Verlust von 175 Straßenbahnfahrzeugen zur Folge. So gingen u. a. auch 8 große Hechtwagen verloren. Eine 1937 noch ausgelöste Nachbestellung über weitere 22 Exemplare wurde nicht mehr ausgeführt. Lediglich ein aus vorhandenen Ersatzteilen entstandener Nachbau 1954 von 2 Fahrzeugen linderte den ohnehin großen Fahrzeugmangel etwas.
Für die Strecke der Linie 15 jedoch konnten diese Fahrzeuge nun nicht mehr zum Einsatz kommen, die bergigen Abschnitte in Dresden nach Bühlau und Coschütz erforderten den konzentrierten Einsatz der verbliebenen Fahrzeuge und das bei weiterem Mangel.
So wurde die bisherige Linie 15 verkürzt, sie fuhr seit 1945 nun nur noch zwischen Weinböhla über Radebeul in die Dresdener Südvorstadt.

Kriegsstraßenbahnwagen ET44, Baujahr 1944, Heidelberg Foto: W. Heinrich

 

Als Fahrzeuge bediente man sich dann der relativ jungen MAN-Fahrzeuge aus den Baujahren 1925/26 (Bild 4).
Als Ergänzung und Ausgleich für den Linienbetrieb von Radebeul nach Dresden-Niedersedlitz wurde am 1. 9. 1949 eine neue Linie 14 eingerichtet. Diese konnte allerdings nur mit sehr alten Fahrzeugen, zum Teil noch aus der Zeit vor 1900 ausgestattet werden.

Lowa ET50, Baujahr 1951, Werdau Foto: W. Heinrich

Ein gewisser Lichtblick, aber nur einer war der zeitweilig begrenzte Einsatz neuer Fahrzeuge, wie dem Kriegsstraßenbahnwagen ET 44 (Bild 5) aus Heidelberg oder dem Lowa-Wagen ET 50 (Bild 6) aus Werdau.

(Fortsetzung folgt)

Wilfried Heinrich, seit 1966 in Dresden

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