Im Gespräch mit der Malerin und Grafikerin Bärbel Kuntsche

Bärbel Kuntsche wurde 1939 in Weißenborn, einem kleinen Dorf bei Freiberg, geboren. Nach Dresden kam die Familie um 1950. Als Vierzehnjährige schaute sie auf die Brühlsche Terrasse zur Kunstakademie und dachte, da möchtest du auch mal sein. Doch zunächst ließ sich Bärbel Kuntsche in Meißen zur „Kunstporzellanmalerin“ ausbilden. „Man sagte uns immer, Porzellanmaler gibt es auf der ganzen Weit, aber “Kunstporzellanmaler” nur in Meißen.“ Die Manufaktur verließ sie 1962, um an der Dresdner Kunsthochschule Malerei und Grafik zu studieren. Zu ihren Lehrern gehörte u.a. Prof. Rudolf Bergander, den sie als Pädagogen sehr schätzte. Arbeiten ihrer Kommilitonen interessierten sie ebenso wie die Werke namhafter Künstler. Die Franzosen Braque, Leger, Picasso, die frühen Arbeiten von Kokoschka, die Nachimpressionisten, die Expressionisten oder Mondrian, Klee und Kandinski wurden für die Studentin zu einer Entdeckung. „Man wollte modern sein ohne diese Künstler nachzuäffen. Bücher besorgte man sich auf Umwegen. Sartre, Hesse, Rolland, das war Pflichtlektüre in der Jugendzeit. „Über Rilke, den worpsweder Künstlerkreis stieß sie auf Paula Modersohn-Becker, die für das weitere Schaffen von Bärbel Kuntsche richtungsweisend werden sollte.
Sehr zeitig lernte sie Claus Weidensdorfer, Peter Kaiser, Max Uhlig, Sybille und Horst Leiter, Christiane und Gunter Herrmann, Ute und Werner Wittig kennen. Man feierte zusammen Feste, man ging gemeinsam in Ausstellungen. Bärbel Kuntsche erinnert sich an Begegnungen mit Hans Theo Richter, Wilhelm Rudolph, Theodor Rosenhauer, Hans Jüchser und Kurt Querner. „Man suchte das Gespräch mit denen, deren Kunst man schätzte und wollte dahintergucken, warum sie so gute Bilder malen …. Mit Künstlerfreunden waren wir sehr oft bei Otto Niemeyer-Holstein auf Usedom. Dort habe ich ihm auch Modell gesessen.“ Zu ihrem Selbstverständnis als Künstlerin äußerte sie: „Die Frage, was Kunst ist, läßt sich nicht beantworten, natürlich gibt es Regeln und Gesetzmäßigkeiten. Aber alles ist im Wandel. Ich bin immer von meiner eigenen Person ausgegangen, das auszudrücken, was man in sich hat. Das war vor 1989 nicht anders als jetzt. Ich arbeite eher aus der Empfindung heraus … Bilder werden selten schnell beendet und oftmals wieder hervorgeholt und übermalt. Es ist sehr kompliziert, Empfindungen in eine Form zu bringen und mit Farben auszudrücken … Trost, Verzweiflung, Liebe, Tod, alles was Leben bedeutet … Bildwerke von anderen Künstlern betrachte ich auch mit diesen Augen.

Toskanische Landschaft, 1995, Offsetlithographie, handcoloriert

Bärbel Kuntsche findet ihre Themen im Bereich der Familie und der näheren Umgebung. Neben den Stillleben, Landschaften, Porträts und figürlichen Darstellungen sind wohl an erster Stelle die Selbstbildnisse zu nennen. „Selbst bin ich das geduldigste Modell.“ Ihre Bilder sind von einer stumpfen und verhaltenen Farbigkeit. Ihre flächige, großzügige Gestaltungsweise steht im Gegensatz zu ihrer Tätigkeit als ehemalige Porzellanmalerin. Auf graphischem Gebiet beschäftigt sie sich hauptsächlich mit dem Holzschnitt und der Lithographie. Radierungen bilden eher die Ausnahme. Technische Perfektion liegt ihr fern. Häufig schafft sie mit der Grafik die Voraussetzung für eine Bildgestaltung. Daß Bärbel Kuntsche in Radebeul lebt, ist kein Zufall – die Eltern wohnten inzwischen hier. Sie suchte sich in der Lößnitzstadt eine Bleibe, damit sie nach dem Studium nicht weg mußte von Dresden, der Kunstmetropole, denn hier sind ihre wichtigen Anlaufpunkte, sind ihre Freunde. Bärbel Kuntsche heiratete 1966 den Bildhauer Wolf-Eike Kuntsche. „Mein Mann ist ein spannender Kritiker. Wir kommen immer wieder miteinander ins Gespräch. Aber manchmal Verstecke ich auch meine Bilder, wenn ich noch nicht genügend Distanz dazu habe.“ Bärbel Kuntsche gehört zu den Mitbegründerinnen der Dresdner Sezession 89, einem Verein von Künstlerinnen, der in diesem Jahr auf sein 10iähriges Bestehen zurückblickt. Als eine Art Quereinsteigerin arbeitete sie von 1991 – 1997 im Dresdner Kulturamt. Zu ihrem Aufgabenbereich gehörten u.a. die

Ohne Titel, 1990, Offsetlithographie

Künstlerförderung und Kunst im öffentlichen Raum. „Während der Zeit im Kulturamt habe ich gelernt, jede freie Minute zu nutzen, um mich mit Kunst zu beschäftigen. Ich habe trainiert, das alles im Kopf zu speichern. Ich machte unentwegt Skizzen und im Urlaub oder am Wochenende habe ich dann alles herausgemalt … Meine ersten Reisen nach der Wende erfüllten, nein übertrafen meine Erwartungen. Besonders die Toskana und die Provence! Da waren die Farben, das Licht, die Architektur. diese Lebensart, dieses Neapelgelb. dieses Grün … Da habe ich noch einiges vor …

Seit 1998 arbeitet Bärbel Kuntsche wieder freischaffend als Malerin und Grafikerin. Aus Anlaß ihres 60. Geburtstages wird in der Stadtgalerie bis zum 30. Dezember eine Personalausstellung gezeigt. Am 3. Dezember bietet sich ab 19.30 Uhr Gelegenheit, dieses Gespräch mit der Künstlerin fortzusetzen.

Karin Gerhardt

Die Geschichte von einem Traum, einer Rockoper und den Sorgen eines Vereins

Immer mal wieder kommt es auch noch heutzutage vor, daß ein süßer Traum nicht nur eine Illusion bleibt, sondern tatsächlich zu einem Stück greifbaren Lebens wird. Freilich: Um diesen Traum von „Hair“, dieser legendären Erfolgsrockoper aus der Schlaghosenzeit amerikanischer Blumenkinder, in der Lößnitz der 1990er Jahre lebendig werden zu lassen, bedurfte es in den letzten zwei Jahren einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein und Unverzagtheit aller Beteiligten, die schließlich mit viel Idealismus und ein bisschen Glück ihre bis zu diesem Zeitpunkt einstudierte Version des „haarigen“ Hippie-Kultspektakels am 23. März 1997 vor über 600 Zuschauern in Coswig präsentieren konnten.

Szenenfoto aus „Hair“ 23. März 1997

Doch zurück zum Traum: Die emsige Musiklehrerin Katharina Kollar hatte ihn seit 1992 beständig geträumt und begann schließlich 1995, Schülern in Radebeul von der in der Tat mitreißenden Musik in „Hair“ vorzuschwärmen. Beflügelt durch große Triumphe mit der „Rocky Horror Show“, die sie ebenfalls initiiert hatte, gelang es ihr und ihrer Coswiger Kollegin Steffi Ellmer, nach und nach interessierte und vor allem in Probenarbeit ausdauernde Schüler von Radebeuler, Coswiger und Meißner Schulen für das anspruchsvolle Projekt zu gewinnen. Die Gerüchteküche unter musik- und kulturbesessenen Jugendlichen der Region arbeitete während des Jahres 1996 auf Hochtouren, weshalb auch einige Schüler aus Dresden, Studenten und Auszubildende in die umfangreichen Musik- und Tanzproben integriert wurden. Dies war u.a. auch deshalb nötig geworden, um abgesprungene Beteiligte zu ersetzen und das Projekt „Hair“ über Motivationskrisen hinweg lebensfähig zu erhalten. Rührige Bemühungen um professionelle künstlerische Betreuung und Unterstützung der engagierten Laienschar waren erfreulicherweise erfolgreich, was beispielsweise durch die Mitwirkung des Radebeuler Komponisten Wolfgang Meyer bei der musikalischen Erarbeitung und dem Arrangement der Instrumente dokumentiert wird. Fanden sich die etwa 30 Mitwirkenden in Musik, Gesang, Ballett und Schauspiel im Herbst/Winter 1996/97 zu den zahlreichen Proben bestenfalls als Interessengruppe zusammen, stellte dann der 5. Februar mit der Gründungsversammlung des „Jugendrocktheater e.V Radebeul“ den Beginn eines nun offiziell vertretenen Zieles der Vereinsarbeit dar: Weit über das Jahresende 1997 hinaus soll zunächst an Schulen, dann aber auch an Theatern und Kulturhäusern der Region die unbezweifelbare Faszination von „Hair“ und seinen Protagonisten – den „Hippies“ – spürbar gemacht und ein unübersehbarer Farbtupfer in der Amateurkunstszene gesetzt werden. In weiteren 4 Aufführungen im April und Mai (u.a. zum 5. Geburtstag des Jugendwerkes Dresden Land e.V. am 6. Mai in Boxdorf) konnten seit der Premiere neu erarbeitete Szenen erstmals aufgeführt und dem überwiegend begeisterten jüngeren Publikum vorgestellt werden. Überhaupt ist eine stetige Entwicklung der Aufführungs- und Organisationsstruktur sowie eine Verbesserung des durch eine leider sehr angespannte finanzielle Lage beeinträchtigten Vereinslebens eine wichtige Voraussetzung für langfristiges Überleben. Deshalb ergeht vom „Jugendrocktheater e. V. Radebeul“ an dieser Stelle eine freundliche Bitte an Gewerbetreibende aus Radebeul und dem Umland, eine mögliche Unterstützung des Vereins – in welcher Form auch immer, oft helfen auch 3 Kisten Getränke, ein für einen Tag ausborgbarer LKW, Verleih von Perücken etc. – zu bedenken! Jede(r) Interessent(in) ist, ebenso wie alle Leser von „Vorschau und Rückblick“, herzlich eingeladen, sich die nächsten Aufführungen (vermutlich 21./22. Juni) anzusehen und sich eventuell zwecks Zusammenarbeit mit dem Vorstand in Verbindung zu setzen. Es wäre doch zu schade, würde dem gerade erst verwirklichten Traum junger Menschen durch den Würgegriff des Geldes das Lebensblut stocken müssen.

Bertram Kazmirowski

Kennen Sie die Schiffchenfabrik?

Sie liegt an der Kötitzer Straße – als „Nähmatag“ wohl eher bekannt. Die1870/71 einsetzende wirtschaftliche Entwicklung bewirkte in vielen Gemeinden strukturelle Veränderungen. auch die Lößnitzgemeinden konnten sich diesen nicht entziehen. Es war jedoch zu entscheiden, welches Gelände für die Ansiedlung der Industrie zur Verfugung gestellt werden könne. Radebeuls Gemeinderat legte 1872 dafür das Gebiet zwischen der Bahnlinie und der Meißner Straße fest. Bald danach erwarb die Fa. Gebrüder Ziller „Fabrikbauplätze“ und errichtete als erstes einen Bau fur die Fa. Thoenes. In Serkowitz entstand eine Farbenfabrik. Naundorf fasste erst 1907 den Beschluß zur Bebauung des südöstlichen Geländes mit Fabriken, Bahnanschlüssen usw. Kötzschenbroda genehmigte die Bebauung zwischen Kötitzer und Fabrikstraße, wo sich die Lehrngruben und Ziegeleien befanden. 1892 entstand an der Fabrikstraße das Gaswerk Kötzschenbroda. Hier befinden sich noch heute das Hochspannungs-Armaturenwerk, die Verzinkerei und die(gewesene) Nähmatag. Was hier gefertigt wurde‘ dürfte allgemein wenig bekannt sein. Schlagen wir einmal in Akten und Zeitungen nach.Sie gehörte früher zu den bedeutendsten Betrieben unserer Stadt. Eine Fabrik für Nähmaschinenteile war 1868 in Dresden gegründet worden. Die Fabrikation von Nähmaschinen war zu dieser Zeit noch recht jung. Erste erfolgreiche Versuche, die mühevolle Handarbeit durch maschinelles Nähen zu ersetzen, gehen auf das Jahr 1800 zurück. Leistungsfähige Maschinen kamen nach 1845 auf, Firnen wie Pfaff und Singer entwickelten sie weiter. Die Anforderungen an die Teilefertigung stiegen rasch. Zur Erweiterung der Dresdner Produktionsstätte erwarb ihr Besitzer, Konsul Schmidt 1896 die ältere Höppner‘sche Ziegelei. Die alten Ziegeleigebäude wurden abgerissen, die Esse durch Pioniere gesprengt. 1898 konnte die neue Fabrik für die Schiffchenproduktion von Dresden nach Kötzschenbroda verlegt werden. Sie war auf das Modernste eingerichtet. In den Haupt- und Nebensälen standen 300 verschiedene Werkzeugmaschinen, zum Teil hochinteressante amerikanische Systeme, auf denen mit eigens dazu hergestellten Spezialvorrichtungen die verschiedensten Arten und Größen von Schiffchen hergestellt werden konnten. Ferner gab es zwei starke Friktionspressen mit einem Druck von 40.000 bis 50.000 kp zum Pressen der genauen Form der Schiffchen. Diese wurden mit Fallhämmern aus Stahlstangen geschmiedet. Zwanzig automatische Revolverdrehbänke dienten sowohl der Fertigung kleinster Schräubchen wie auch der größten Schiffchen. Im ersten Stockwerk befand sich die Federstanzerei und die Sammlung der Stanzeinrichtungen, außerdem die Schleiferei, Zusammensetzung (Montage) und Justiererei. Immerhin waren 1100 verschiedene Schiffchen für die verschiedensten Arten und Größen der Nähmaschinen zu fertigen, für Haushalt- Gewerbe- und Industriemaschinen, für Doppelsteppstich und Kettenstich. 1909 soll die Fabrik das größte industrielle Unternehmen in den Lößnitzgemeinden gewesen sein. 1908 hatte sie der König Friedrich August durch seinen Besuch geehrt. Die allgemein „Schiffchenfabrik“ genannte Firma entwickelte sich bald zu einem weltweit bekannten Spezialbetrieb für höchste Präzisionsteile, die der Nähmaschinenindustrie eng verbunden war. 1936 sollen ca. 1000 Arbeiter hier beschäftigt gewesen sein. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die „Nähmatag“ zum volkseigenen Betrieb, kam nach der Wende in den Besitz der Treuhand und wurde 1990 geschlossen. Nun, fünf Jahre später, sind die Gebäude in einem erschreckenden Zustand. Scheinen sie an der Kötitzer Straße noch ziemlich in Ordnung, an der Fabrikstraße bieten zerschlagene Fensterscheiben, heruntergerissene Gardinen, verrostende Rohre usw. einen traurigen Anblick. Wie lange noch?

Lieselotte Schließer

 

Denkmalpflege – Denkmalschutz

WEINGUT HAUS KYNAST

Man sollte sich dem „Kynast“ als Wanderer nähern, also mit der Straßenbahn fahren und in Zitzschewig an der Gerhardt-Hauptmann-Straße aussteigen. So kann man sich an der Krapenburg, die in neuem Glanz erstrahlt, erfreuen und läßt sich von der langen Natursteinmauer, die die Reben-Versuchsstation begrenzt, direkt zum „Kynast“ führen. Der Weg ist sozusagen die Ouvertüre für das Erlebnis des ehemaligen Weingutes Haus Kynast. Übrigens empfiehlt sich das Laufen auch deshalb, weil man im engen Kynastweg große Mühe haben wird, sein Auto zu parken.
Man betritt das Grundstück, von Süden her kommend, durch ein zweiflügliges, schmiedeeisernes Tor, eine solide Arbeit aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ginge man den Kynastweg weiter bergauf, käme man zunächst zur kleinen Pforte, ebenfalls mit Eisengittertor, und am Ende der zum Kynast gehörenden Gebäude zur Durchfahrt neben der oberen Linde. Zum Betreten des Grundstücks – es ist Privatbesitz und kein Museum – wäre zu sagen: Man sollte einer oder einem Anwesenden erklären, warum man das Grundstück ansehen möchte, und man sollte die Ruhe, die dem Charakter des Grundstücks entspricht, wahren.
Nach Durchschreiten des großen Eisentores werden wir zunächst vom Park begrüßt. An einem heißen Sommertag mit 30 Grad und mehr, wie er ja vergangenes Jahr keine Seltenheit war, wird man sich im Schatten einer weit ausladenden Blutbuche niederlassen. Dann nimmt man die anderen Bäume des kleinen Parkes wahr: mehrere große Eßkastanien, von denen eine über 300 Jahre alt sein soll, eine Gruppe von Robinien, daneben ein wieder freigelegtes rundes Bassin. Die Wiese wird nördlich von einer Stützmauer begrenzt, der eine wesentliche Funktion der Gliederung von Park, Hof und Weinberg zukommt. Am Rande der Stützmauer, dicht neben Radebeuls ältester Eßkastanie, finden wir eine Grotte, wie sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts häufig in Parks zu finden war. Zwischen Büschen, die die Wiese flankieren, befinden sich eine Sonnenuhr und eine kleine Plastik. Vom Park aus erkennen wir schon das größte Gebäude, das sogenannte Herrenhaus, das von einem stattlichen Walmdach mit z.T. zwei Gaupenreitern abgeschlossen wird.

kynastAuf dem Hauptweg weiterlaufend, erreichen wir den Hof mit einer Linde. Um ihn gruppieren sich etwa in Dreiecksform alle zum ehemaligen Weingut Kynast gehörenden Gebäude: das schon erwähnte Herrenhaus, in dessen nördlichem Teil früher der Preßraum war, das Turmhaus, das Gärtnerhaus, das Winzerhaus mit Scheune und Durchfahrt, ein ein- und ein zweigeschossiger Schuppen mit Lattenwerk sowie das sogenannte Wasch- oder Badehaus. Beim Betrachten des Ensembles von Gebäuden aus unterschiedlichen Bauepochen fällt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Grundhof an der Paradiesstraße auf.
Erwähnungen einzelner Mitglieder der Kynast-Familie seit dem 14. Jahrhundert können wohl mit dem Grundstück, aber kaum mit den Gebäuden in ihrer heutigen Form in Zusammenhang gebracht werden. Selbst ein vom Amtsschösser Andreas Kynast 1578 (auf diese Zahl wird mehrfach im Grundstück Bezug genommen) hier erbautes Gebäude dürfte nur zum Teil mit dem Herrenhaus identisch sein. Seine Architektur deutet eher auf eine Erbauung oder einen Umbau in der 2.Hälfte des 17. Jahrhunderts hin. (Der Chronist Lilie nennt das Jahr 1674 für die Erbauung des Herrenhauses unter Gabriel Voigt, Bergrath und geheimer Kammersekretär). Das zweigeschossige Herrenhaus hat einen bemerkenswert großen Weinkeller, ein Ianggestrecktes Sandstein-Tonnengewölbe. Etwa um die letzte Jahrhundertwende erfolgte im Inneren ein Umbau im “altdeutschen Stil“, insbesondere Diele und Treppenhaus. Auf den Besitzer Bergrat Hilger, der den Kynast 1927 erwarb, weist eine gußeiserne Platte von 1934 hin, die an dem massiven Eingangsvorbau angebracht wurde.
Das zweitälteste Gebäude des Ensembles dürfte nach meiner Auffassung das Winzerhaus mit Durchfahrt und Scheune, ein Fachwerkbau um 1700, sein. Die Familien Muth, die seit 1990 ihre Rechte und Pflichten als Eigentümer wieder wahrnehmen können, begannen 1991 mit Umbau und lnstandsetzung des Winzerhauses zu Wohnzwecken.
Das kleine, an der Stützmauer gelegene Bade- und Waschhaus, stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1724, Es zeigt einfache barocke Formen, hat aber den kritischsten Bauzustand.
Als nächstes Gebäude in der Chronologie folgt das Turmhaus. Es soll als Ruhesitz für Postmeister Blüher aus Tharandt Ende des 18. Jahrhunderts erbaut worden sein. Eine genauere Datierung verspräche ich mir von einer Betrachtung der schüsselförmigen Glocken im Turm, der mir aber noch nicht zugänglich war.
Das daneben befindliche Gärtnerhaus wurde nach Abbruch eines älteren Stalles 1845 erbaut. Außer einer Remise hat es einen Stall mit schönen Kreuzgewölben und im Keller zwei kleine Tonnengewölbe. Das Gärtnerhaus wurde 1993/94 rekonstruiert und dient ebenfalls Wohnzwecken. Die unterschiedlichen Entstehungszeiten beider bisher rekonstruierter Häuser sollen jeweils andere Farbfassungen unterstreichen, Bei fortschreitender Rekonstruktion wird man für die anderen Gebäude stilistisch passende Farben, wenn möglich nach älteren Befunden, festlegen müssen. Die gesamte Anlage umfaßt z.Z. verpachtete Weinberge, Waldstücke und alte Brunnenfassungen am Langenbergweg. Es wäre interessant, das Bergwasser aus diesem Brunnen wieder zum Kynast zu leiten. Es könnte einen Sandsteintrog im Hof oder das erwähnte runde Becken im Park speisen oder als Brauchwasser dienen.gewoelbe
Anders als im Grundhof, wo mehrere Generationen Maler lebten, spielten im Kynast zwei Bewohner der schreibenden Zunft eine gewisse Rolle. Um 1830 ließ sich Oberst Karl August Friedrich von Witzleben (u.a. Schlacht bei Jena 1813) hier nieder und veröffentlichte unter dem Pseudonym A. von Tromlitz verschiedene Novellen und Erzählungen. Er starb aber schon 1839. Nach 1945 lebte die Schriftstellerin Maria Marschall Solbrig (geb. 1897 – gest. 1979) auf dem Kynast Von ihr sind besonders lyrische, aber auch engagierte Gedichte in Erinnerung geblieben. Sie war Bibliothekarin und auch als Kommunalpolitikerin in Radebeul tätig gewesen. Bei all dem Notierenswerten blieben eine Reihe von Ungewißheiten und Annahmen zur Baugeschichte – ein reiches Feld für einen Architektur-Studenten als Baugeschichtsarbeit, will mir scheinen.
Ehe der Wanderer den Kynast verläßt, empfiehlt sich ein Blick vom oder über den Kynast auf das weite Elbtal von Radebeul und Coswig. Mit etwas Glück sind die Türme des Meißner Domes am Horizont zu erkennen. Und diese erinnern den Besucher, daß er doch nicht in Umbrien oder der Toscana, sondern in der Lößnitz weilt.

Dietrich Lohse

Gartenlauben in Radebeul (1)

Dr. Schmincke- Allee

Eine seltene Gartenlaube in Kunstschmiedeausführung, reich verziert, auf der Dr. Schmincke- Allee

Interessiert schaue ich mir die fotografische Sammlung von Gartenlauben an die Thilo äansel, ein Freund und Kollege, im Jahre 1974 zusammengestellt hatte. In diesen 20 Jahren ist etwa die Hälfte der damals im Bild festgehaltenen Lauben eingefallen, abgerissen und, wenn es Holz war, verheizt worden: Am Jacobstein 3. Gutenbergstr. 2, Ledenweg 32, Pestalozzistr. 16, Rennerbergstr. 7. Wasastr. 49 und Weinbergstr. 26, um nur einige zu nennen.
Man müsste über diese kleinen, aber für Radebeul doch so typischen Bauwerke etwas notieren, solange noch ein paar davon stehen, was ich übrigens schon lange vorhatte: Interesse wecken, Denkanstöße geben und vielleicht ein paar ins 21. Jahrhundert hinüberretten.
Die Idee der Gartenlaube war bereits vor der Zeit des gehäuften Auftretens von Lauben in Radebeul bekannt – die zwei Gartenlauben im Grundhof durften wohl auch im 18. Jahrhundert errichtet worden sein. Im Zeitalter der Empfindsamkeit finden wir in Parkanlagen des Adels, wie z.B, im Seifersdorfer Tal, Rindenhütten und künstliche Grotten. Man kann aber auch an einigen Lauben stilistische Anleihen bei fernöstlicher Kultur erkennen.
Zwischen 1870 und 1910 erlebten die Lößnitzgemeinden einen erheblichen Bevölkerungsschwach. Große Ländereien (nach der Reblauskatastrophe auch Weinberge) wurden parzelliert, Einfamilienhäuser, Villen oder Mietvillen auf Grundstücken um 1000 qm gebaut, So entstanden viele Gärten, kleiner als die Parks der Weingüter oder Herrensitze, aber mit soviel Grün, dass man Radebeul als Gartenstadt bezeichnete, wobei Radebeul einen nur wenig mit der bekannten Gartenstadt Hellerau vergleichbaren Charakter hat.

Eduard-Bilz-Str. 23

Diese Gartenlaube auf der Eduard-Bilz-Str. 23, idyllisch in einem großen Garten gelegen, ist typisch für die Lößnitz

Der „Boom“ der Gartenlauben war also eine Folge des allgemeinen Bau- Booms in den Radebeuler Ortsteilen, besonders in Ober- und Niederlößnitz, Hinzu kommt, dass in der Lößnitz bevorzugt Pensionäre des gehobenen Mittelstandes, der bürgerlichen Oberschicht bzw., des Adels siedelten; Leute also, die außer dem nötigen Geld auch über entsprechende Freizeit verfügten, um solche Gartenlauben zu nutzen, Ähnliche Entwicklerlungen wie in Radebeul lassen sich u a, in Blasewitz oder Klotzsche nachweisen – in Arbeitervorstädten wird man Gartenlauben vergeblich suchen. Die Lauben waren in ihrer Blütezeit und jeweils während des Sommerhalbjahres Orte der Begegnung mit Freunden und Nachbarn – Gelegenheiten zum Feiern, für Unterhaltung, Klatsch und Zweisamkeit (von letzterem leitet sich die Spezies Liebeslaube ab). Einige Grundstücke, wie Paradiesstr, 36, haben sogar zwei Lauben. Häufig gewählter Standort der Lauben waren erhöhte Plätze hinter der Zaunflucht bzw. an den Ecken des Grundstückes – nach dem Motto. Sehen und Gesehen werden! (Es gab schließlich noch kein Fernsehen.) Diese sogenannten Anhöhen, mit oder ohne Laube, waren künstliche Aufschüttungen, Auf angefallenen Bauschutt kamen nicht mehr benötigte Aushubmassen der Villa An den Böschungen wurden gern Steingarten angelegt. Diese Lage einer Laube hat etwas von Ausguck oder Beobachtungsposten – schau mal, die Älteste von Major Maier-Hinkelstein hat schon wieder einen neuen Hut!
(Fortsetzung folgt)

Dietrich Lohse

Was uns Archivakten zu sagen haben

Ein Stück Lindenauer Geschichte

In allen meinen bisherigen Berichten zur Stadtgeschichte war von Lindenau noch nie die Rede. – Nun ist es fast 75 Jahre her, daß die kleine Gemeinde ihre Selbständigkeit aufgab. Wie kam es dazu?
Über Jahrhunderte hatten sich die Einwohner zum großen Teil mit ein wenig Landwirtschaft und der Arbeit in den Weinbergen meist auswärtiger Besitzer ernährt. Die Zerstörung des Weinanbaus durch die Reblaus hatte zur Folge, daß das Land zunehmend parzelliert, verkauft und bebaut wurde. Besonders auf den „Kottenbergen“ und längs der Ringstraße, die die Flurgrenze bildete, entstand der Ortsteil ,,Ober-Kötzschenbroda“. Die Lindenau umschließende Flur Kötzschenbrodas war ja seit der 1839 erfolgten Gründung der Gemeinde Niederlößnitz von der Muttergemeinde abgetrennt und gegenüber deren Einwohnern in manchem benachteiligt. Um damit auftretenden Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, wurde Ober-Kötzschenbroda der Gemeinde Lindenau zugeschlagen. Damit wuchs die Zahl der Einwohner, aber auch die Höhe der Gemeindeausgaben, z.B. durch die Straßenbaukosten, Wasserleitungen u. a.
Zwar hoffte man auf stärkeren Ausflügler-Verkehr. Es entstanden um die Jahrhundertwende „Mieths Weinstuben“, die Schankwirtschaft „Zur Alm“, die „Franz-Joseph-Höhe“ (heute „Lößnitzhöhe“), und der alte Gasthof erhielt einen Anbau. Doch wie in anderen Gemeinden, kamen auch hier Überlegungen über einen Zusammenschluß auf. So bat der Einwohnerverein für Kötzschenbroda-Oberort und Lindenau schon 1908 den Lindenauer Gemeinderat, eine Kommission mit den Vorderbereitungen zur Eingemeindung zu betrauen. In Kötzschenbroda war man bereit, dieser Frage näher zu treten. Es bedurfte aber noch mehrerer Eingaben, bis sich Lindenau entschloß, Kötzschenbroda um Einleitung der Verhandlungen zu bitten.
Dazu wurde zunächst eine Vermögensübersicht, der Haushaltplan und eine Übersicht über Steuer-und Schulverhältnisse gefordert. Demnach hatten die 244 steuerpflichtigen L1ndenauer im Jahre 1910 3089 Mark Steuern aufzubringen. Nach dem Haushaltplan war ein Fehlbetrag von 7320 Mark zu decken. An diesem Fehlbetrag war die Gemeindekasse mit 3020 Mark, die Armenkasse mit 870 Mark und die Schulkasse mit 3 400 Mark beteiligt. Wegen der zu erwartenden Schulreform verzögerten sich die Verhandlungen. Durch den Krieg wurden sie schließlich ganz unterbrochen, aber 1919 sofort wieder aufgenommen.
Die für die Verhandlungen gebildete Kommission schrieb am 6. Juni 1919 an die Gemeinde Kötzschenbroda: ,,In Erkenntnis dessen, daß größere Kommunale Gebilde den Ansprüchen der kommenden Zeit mehr als kleinere gewachsen sind, ist der hier gewählte Ausschuß für einen Anschluß der hiesigen Gemeinde (Lindenau) an die dortige. Um eine Gleichberechtigung des oberen Ortsteiles mit der Muttergemeinde herbeizuführen, wird über nachstehende Punkte zu verhandeln sein: – gleiche Rechte und Pflichten für die Einwohner; – ein Gemeindeältester für den oberen Ortsteil und 3 Gemeindevertreter Lindenaus Sitz und Stimme im Kötzschenbrodaer Gemeinderat; – Ruhegehalt oder entsprechende Beschäftigung des bisherigen Gemeindevorstandes; – Übernahme des Nachtschutzmannes und der Lehrer; – Schulbesuch bis zur Beendigung der Schulzeit in der Schule Lindenau; – für die Steuereinhebung eine Geschäftsstelle im oberen Ortsteil; – Schaffung eines Wahlbezirkes für den Ortsteil; – Beleuchtung für die Moritzburger Straße und Ringstraße bis Ende 1921; – Ausbau der Forststraße (Teil auf Lindenauer Flur) bis Ende 1922; – Straßensprengung wie in Kötzschenbroda; – Aussetzen des Anschlußzwanges an das Wasserwerk für die Lindenauer Grundstücke bis 1929.“
Diese Punkte standen bei einer am 6. September 1919 im Lindenauer Gasthof durchgeführten Einwohnerversammlung zur Diskussion. Auch der Gemeinderat beriet darüber und gab am 24. September seine Zustimmung bekannt. Im Oktober wurde nun der Vertrag ausgehandelt, durch den alle Rechte, Pflichten und Verbindlichkeiten Lindenaus auf die Gemeinde Kötzschenbroda übergingen, die im Grundbuch als Eigentümerin der bisherigen Lindenauer Grundstücke eingetragen wurde.
Am 1. Januar 1920 trat dieser Vertrag in Kraft, womit Lindenau aufhörte, eine selbständige Gemeinde zu sein. Doch bis in unsere Zeit hat sich dieser Ortsteil trotz mancher Veränderung seinen ländlichen Charakter weitgehend bewahrt. Erst jetzt geben Um- und Neubauten dem alten Dorf ein neues Gesicht. Und dort, wo einst Rebstöcke standen, wo vor nicht langer Zeit noch Eriken für den Versand in viele Länder der Welt heranwuchsen, entsteht nun auf den „Kottenbergen“ ein modernes Wohngebiet.

Liselotte Schließer

Zum 75. Geburtstag von Liselotte Schließer

Ein Leben für die Heimatgeschichte

Man sagt ihr nach, in Radebeul sei sie bekannter als der Bürgermeister, Solcherart Beurteilung verdient schon Beachtung. Und es scheint auch an dem was zu sein. Wo man ihren Namen erwähnt, wen man nach ihr tragt und vor allem, wenn es irgendwo um die Heimatgeschichte, um die Geschichte unserer Region geht – mit dem Namen Liselotte Schließer weiß nahezu leder Radebeuler etwas anzufangen. Und wenn es auch nur heißt „das ist doch die mit den „Wanderungen durch die Lößnitz” oder „Ja, die kenne ich, die leitet doch das Stadtarchiv.“ Es ist alles richtig, und es ist doch viel zu wenig, wenn man ihr Engagement für Radebeul nur auf diese Dinge beschränken wollte.
Kürzlich, am 1. Dezember, wurde Liselotte Schließer 75 Jahre. Die Schar der Gratulanten war groß, ja riesig, Eine Art Barometer dafür, wie sehr sie mit ihrem Sachverstand, ihrem kulturgeschichtlichen Wissen noch gebraucht wird. Das macht sie stolz, es macht sie glücklich, es hält sie jung. Ich habe mich mit ihr in ihrer Wohnung in der Horst-\/ieth-Straße verabredet. in dem kleinen Zimmer, in dem unsere Unterhaltung stattfindet und das sie als ihr „Arbeitszimmer“ deklariert, steht startbereit die Schreibmaschine auf dem Tisch. Ein Bogen Papier ist eingespannt und wartet darauf, beschrieben zu werden. Mein entsprechender Blick veranlaßt sie zu der Bemerkung: „Ich hatte da so eine Idee und die mußte ich gleich mal aufschreiben.“ Liselotte Schließer ist mitten in der Arbeit und daß sie nun 75 Jahre ist, könnte man höchstens an den grauen Haaren ablesen. Äußerlich wirkt sie agil wie eh und je und wäre in dieser Hinsicht so manchem Jungen ein Beispiel für Lebenstüchtigkeit.
„Ich gehe jetzt nur noch ein paar Stunden ins Archiv“, sagt sie. „Immer Dienstagnachmittag, wenn Benutzerzeit ist, und meist auch am Donnerstagvormittag oder wenn eben Not am Mann ist.“ Sie muß ja nicht, aber sie tut es. Und sie tut es mit Leidenschaft. Die Arbeit im Radebeuler Stadtarchiv ist so etwas wie ihr zweites Leben. Als sie nach 32 Jahren in der Planeta Radebeul aus dem Betrieb ausschied. fühlte sie sich einfach noch nicht als Rentner, sondern wollte noch ein wenig weiterarbeiten. Die Erforschung ihrer Familiengeschichte, die Liselotte Schließer seit längerem betrieb, brachte sie auf den Gedanken, im Archiv einzusteigen. Die damalige Stadtverwaltung hatte keine „Bedenken“ trotz „Westverwandtschaft“, und so wurde sie für 12 lange Jahre die „Stadtarchivarin“ Radebeuls, Der Publizist Ernst Günther, der damals in der Familiengeschichte des Zirkus Sarrasani recherchierte, machte einen Luftsprung, weil er nun endlich im Radebeuler Archiv fündig wurde.
Ich frage sie, ob sie denn in dieser Zeit mal eine ganz aufsehenerregende Entdeckung gemacht habe, „Sensationen in dem Sinne gibt es in der Arbeit eines Archivars nicht, aber interessante Entdeckungen allemal. Beispielsweise habe ich nachweisen können, daß eine Aussage über die Größe des Gebietes ,Wackerbarths Ruh‘ in der Chronik von Herrn Stechow so nicht stimmt. Man hatte sich durch einen Stein mit einer Jahreszahl irreführen lassen.“
Im geschichtsträchtigen Jahr 1918 geboren, wuchs Liselotte Schließer in Radebeul in recht gesicherten Verhältnissen auf, bis die Arbeitslosigkeit jener Jahre der Weimarer Republik auch an ihrer Familie halt machte. Der Vater mußte sich zeitweilig von der Familie trennen, weil er eine Arbeit in Thüringen bekam. Liselotte Schließer wuchs mit drei Geschwistern auf und erlebte sehr bewußt die Zeit des Faschismus als junge Frau mit Arbeitsdienstverpflichtungen und einer Lehre als Postangestellte. Dafür interessierte sie sich überhaupt nicht, dann schon eher für einen technischen Beruf, doch das war für Mädchen damals nicht machbar. Sie wollte eigentlich nach Afrika, in eine andere Welt. Die Entdeckerlust kam da frühzeitig durch. Den Zusammenbruch des tausendjährigen Reiches erlebte sie in der Lausitz und war in Bautzen, als die Stadt bombardiert wurde. lm Bombenhagel half sie, das Krankenhaus zu evakuieren. Der Neuanfang war für sie, wie für alle Menschen, schwer. Man mußte etwas tun, man mußte ja zu Lebensmittelkarten kommen. In den Postdienst wollte sie auf keinen Fall mehr, also suchte sie sich andere Arbeit. In der Radebeuler „Grundschänke“ arbeitete sie erst als Scheuerfrau, bevor sie dann im gastronomischen Bereich aushalf. Anschließend arbeitete sie bei einem Gärtner, doch der konnte sie im Winter nicht mehr beschäftigen. Nun nähte Liselotte Schließer Puppen für ein Geschäft, was gerade eröffnet hatte. Und 1949 begann sie in der Planeta, hatte vorher autodidaktisch Schreibmaschine und Steno gelernt.
Das Thema Familienforschung interessiert mich besonders. Ich frage, wie weit sie in die Vergangenheit sehen konnte. „Bis ins 16. Jahrhundert konnte ich alles ziemlich genau zurückverfolgen. Aber ich weiß auch, daß der Name Schließer erstmalig um 1366 hier auftauchte.“ Zu ihren direkten Vorfahren gehörte der Erbauer des „Carolaschlößchens“, jener traditionsreichen Gaststätte Radebeuls, die jetzt, wie so vieles andere, einem Bürohaus weichen mußte. Oder ihr Großvater, der war Hofbeamter am Sächsischen Königshof bis zu dessen Auflösung. Heute hat sich Liselotte Schließer so manchen Wunsch schon erfüllen können – sie war in Afrika, zumindest an der Nordspitze in Kairo und Alexandria, war am Nordkap, in Murmansk und hatte zu DDR-Zeiten sich Reisen nach Mittelasien, nach Moskau und Leningrad geleistet – Ziele, die mittlerweile fast unerreichbar scheinen. Als Rentner war sie schon lange vor dem Fall der Grenzen im anderen Deutschland unterwegs, und sie hat die Massenflucht über Ungarn aus der Sicht westlicher Berichterstatter am Bildschirm in Frankfurt/Main erlebt. Und sie bekennt: Als sie das erlebte und das, was danach kam, hatte sie Angst vor der Zukunft. Den Versprechungen der Politiker konnte sie nichts abgewinnen. Ihre Meinung zu der damaligen Situation ist klar und unmissverständlich: „Für den Kapitalismus kam der Zusammenbruch gerade recht. Die neuen Märkte waren seine einzige Überlebenschance.“ Ganz allergisch reagiert sie auf den Bauboom in Ostdeutschland und die Dinge, die damit automatisch einhergehen. „Der Charakter dieser Stadt muß erhalten werden. Es sollen nicht die gleichen Fehler wieder gemacht werden, wie sie in vielen westdeutschen Kommunen gemacht wurden.“ So ist auch ihre politische Haltung zu verstehen. Obwohl sie nie einer Partei angehört hat, war sie doch immer ein politisch handelnder und denkender Mensch. „Ganz unbewußt manchmal“, wie sie sagt. „Für manche historischen Bauwerke war es ganz gut, daß der Sozialismus oftmals an akutem Geldmangel litt.“ Mitte der 80er Jahre entwickelte sich aus der damaligen Volkshochschule die „Interessengemeinschaft Heimatgeschichte“, deren Leiterin Liselotte Schließer seit langem ist. Unzählige Wanderungen in die nähere Umgebung organisierte diese Interessengemeinschaft. Und Liselotte Schließer immer mittendrin. Sie war und ist der Motor des Ganzen. „Warum kommen Sie nicht einfach mal mit auf eine Wanderung?“, fragt sie mich und lächelt hintergründig. Ich werd# es mir wohl überlegen müssen.
Wolfgang Zimmermann

Denkmalpflege – Denkmalschutz Villa Zinzendorfstraße 16

Unter den vielen Radebeuler Gründerzeitvillen nimmt die Zinzendorfstraße 16 eine besondere Stellung ein; hier überlagern sich die Ideen der Gründerzeitarchitektur mit Neostilelementen und es wurde ein sehr hoher gestalterischer Aufwand getrieben.

Der im Grund- und Aufriß sehr aufwendige und kaum als „Einfamilienhaus“ zu bezeichnende Bau präsentiert sich als spätes Beispiel der deutschen Neorenaissance. Villa und Park mit bedeutendem Baumbestand und fast vollständig erhaltener Einfriedung bilden eine gestalterische Einheit, die auch von der Meißner Straße aus zu erkennen ist. Zweifellos handelt es sich um einen Bau, der einen potenten Bauherrn mit höherem Repräsentationsbedürfnis voraussetzt. Wirft sich also die Frage auf: Wer war der Bauherr?

Hofrat Dr. Carl Kolbe, Sohn des Wissenschaftlers und Chemikers Prof, Dr. Hermann Kolbe, leitete am Ende des vorigen Jahrhunderts als erster Generaldirektor die Geschicke der Chemischen Fabrik von Heyden. einem prosperierenden Unternehmen in Dresden und Radebeul. Er beauftragte 1890 den Charlottenburger Architekten Otto March mit der Planung, und man kann trotz unvollständiger Aktenlage davon ausgehen, daß der komplizierte Bau 1891, spätestens jedoch 1892, fertig war, eine beachtliche Leistung, Aber warum holte er seinen Architekten aus Berlin?

Es war eine schloßähnliche Villa entstanden mit Klinkerfassaden, Sandsteinelementen, Ziegel- und Schieferdächern, mit Giebeln, Türmen, Terrasse, Balkon und Wintergarten und etwas abseits eine Remise mit Kegelbahn. Die damalige Adresse lautete Carolastraße 16. Zeitweilig gehörten auch ein Gärtnerhaus und Ländereien jenseits der Meißner Straße zum Besitz. Bereits 1891 wurde in der Villa eine elektrische Installation eingebaut. Die Abbildung stellt einen Zustand um 1900 dar.

Interessant ist sicherlich eine Übersicht zu Räumen und Funktionen in den einzelnen Etagen: Im Kellergeschoß befanden sich eine kleine Gärtnerwohnung, Heizung und Kohlebevorratung, Waschküche und Plättstube, ein großer Wirtschaftskeller, zwei Weinkeller, getrennt nach Rot- und Weißweinen, und ein Billardraum. lm Erdgeschoß finden wir eine geräumige Halle mit Treppe und Kamin, Küche und Anrichte, das ehemalige Speisezimmer, Wohnzimmer, Zimmer der Dame und Zimmer des Herrn und zwischen beiden war der Wintergarten Die Wohnräume sind mit Parkett, Stuck, Holzverkleidungen, Tapeten, Bemalung und Bleiglasfenstern (z. T.) sehr prächtig ausgestattet, wovon sich trotz wechselnder Nutzungen noch viel erhalten hat. Das Obergeschoß hatte ein Bad, ein Schrank- und Ankleidezimmer, ein Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer und zwei kleinere Kammern. lm Dachgeschoß befanden sich mehrere Kammern und Mädchenzimmer. Das Ganze erscheint uns wie eine Kulisse für rauschende Feste und große Empfänge, ist aber für heutige Verhältnisse und „Daheimgebliebene“ kaum nachvollziehbar. Hier könnte, eben vor dieser Kulisse, sofort ein Stück von Thomas Mann verfilmt werden.

Aber die Zeiten und die Bedürfnisse änderten sich. Und noch 1980 stritt man in Fachkreisen, ob solch ein Neostil nicht doch Kitsch wäre und ob sich die Denkmalpfleger besser mit „echten“ Baustilen befassen sollten. Heute muß ich sagen, man hat sich damals zurecht für die Einstufung der Villa als Denkmal entschieden, woran sich selbstverständlich auch heute nichts geändert hat. Ab 1908, in jenem Jahr erfolgte eine Zwangsversteigerung des Grundstückes, wechselten die Besitzer in rascher Folge, so u. a. Exzellenz Frau Generalleutnant Freifrau von Milkau, Architekt und Baumeister Oswin Krauspe, Fabrikbesltzer Ernst Louis Paul und schließlich Dr. med. Johannes Kohlmann, der hier eine Privatklinik einrichtete und mit seiner Familie wohnte. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß 1922 die Gemeinde über einen 10-Jahresvertrag die zu Kleinstwohnungen umgebaute Kegelbahn nutzen konnte, um die Wohnungsnot nach dem Kriege zu lindern. Notwohnungen und die Luxusvilla so dicht beieinander, was für ein Kontrast! Nach dem 2. Weltkrieg richteten sich verschiedene Ärzte in der Klinik ein. 1981 dachte man über die Unterbringung einer Kinderkrippe nach, schließlich zog dann aber eine soziale Einrichtung, die Behindertenwerkstatt, ein, die sich auch noch da befindet. Diese nützliche Einrichtung konnte den Verfall des Hauses und Parkes aufhalten.

Wie zu erfahren war, bestehen aber Besitzansprüche der Familie Kohlmann, so daß zur Zeit keine Aussage über die weitere Nutzung möglich ist. Besonders durch die Kliniken erfolgten einige Umbauten, die jedoch den Charakter der Villa nie völlig veränderten. So wurde u.a. der Wintergarten abgebaut, dafür ein OP-Raum mit Klinkern aufgemauert, das Dachgeschoß wurde durch vergrößerte Dachgaupen (Arch. Max Czopka) belichtet, ein Schornstein wurde vor die Südfassade gestellt und auf der Nordseite kam eine Rampe an die Terrasse, von inneren Veränderungen einmal abgesehen. Im Interesse des Denkmalobjektes sollten diese Veränderungen möglichst vollständig rückgängig gemacht werden, sofern dies mit der Nutzung in Einklang gebracht werden kann und Konsens mit den Eigentümern hergestellt ist. Soweit der Exkurs durch die reichlich 100jährige Geschichte eines der Radebeuler Kulturdenkmale.
Dietrich Lohse
PS: ich danke Herrn Arch. Hellmut Leckscheid, dessen Ausarbeitung zu diesem Haus mir als Quelle vorgelegen hat.

Der Kindermaler Oskar Pletsch

Was uns Archivakten zu sagen haben
Am 12. Januar des Jahres 1888 verstarb der damals allgemein beliebte und geachtete Maier, Professor Oskar Pletsch in seinem Heim an der Borstraße. Heute erinnert nur noch die nach ihm benannte Straße in unserer Stadt an ihn.

Seit 1872 lebte er hier, Als Sohn des Zeichenlehrers Heinrich Oskar Pletsch war er am 26 Marz 1830 in Berlin zur Weit gekommen. Schon früh zeigte er Talent zum Zeichnen, seine künstlerische Ausbildung verdankte er dem an der Dresdner Kunstakademie wirkenden Eduard Bendemann, Hier lernte er Ludwig Richter und Schnorr von Carolsfeid kennen, die beide seine Stilrichtung beeinflussten. Ganz besonders Ludwig Richter, von dem er einmal schreibt: „Ich war dem Meister vielfach behilflich durch weitere Ausführung flüchtig von ihm angegebener Entwürfe und beidem Übertragen kleinerer und größerer Zeichnungen auf Holz.“ Durch diese Arbeiten gewöhnte er sich an die Art des großen Künstlers, so daß sich seine frühen Zeichnungen oft kaum von denen Richters unterscheiden lassen. Nur, daß eben dern Meister alles sonniger, leichter, freier gelang als dem Schüler. Oskar Pletsch arbeitete aber auch auf anderen Gebieten, so warer an einer Bilderbibel beteiligt, die er unter Schnorrs Oberaufsicht zeichnete, berichtet Karl Josef Friedrich in seinem Buch „Liebenswerte Künstlergestalten urn Ludwig Richter“.

1859 war er wieder in Berlin, und als Preußen Truppen zu Hilfe für Österreich gegen Frankreich und Sardinien mobilisierte, wurde auch Oskar Pletsch eingezogen. Er jedoch – gerade Vater geworden – hatte dazu wohl wenig Lust, packte einige Zeichnungen zusammen und sandte sie mit den Worten „Ihrer Königlichen Hoheiten dem Prinzen und Prinzessin Friedrich Wilhelm von Preußen für höchstdero Sohn Friedrich Wilhelm Victor Albert in tiefer Ehrfurcht gewidmet“ an den Hof. Sie fanden wohlgefallen – und inzwischen war auch der Friede wieder hergestellt. Im Jahre darauf wurde daraus sein erstes Buch „Die Kinderstube“, dem dann Jahr für Jahr weitere folgten. „Gute Freundschaft“, „Kleines Volk“, „Was willst Du werden“ usw. Hatte er anfangs Not gehabt, für Frau und Kind zu sorgen, wurde er nun sehr bald der beliebteste Kinderbuch-Illustrator der Zeit, die Reime sind nur zum Teil von ihm. Nun konnte er daran denken, wieder in die Dresdner Gegend zu ziehen. 1872 erwarb er das Haus Borstraße 57, an das er einen Querflügel für sein Atelier anbauen ließ.

Steinmetzen bei der Arbeit. Ein Holzschnitt von Oskar Pletsch, 1862

Die Kötzschenbrodaer Zeitung veröffentlichte anläßlich seines 100. Geburtstages die folgende Schilderung eines unbekannten Autors, der zu Oskar Pletsch`s Zeit noch ein Kind war und ihn persönlich erlebte. „Allmittäglich konnte man die hohe, stolze Gestalt des Künstlers, das Haupt mit dem langen, leicht gelockten Haar von dem breitkrempigen Hut bedeckt, sehen, wie er in Begleitung seines schönen, großen Hundes ausging. Meist wählte er den Weg durch die Vorwerkstraße; dort spielte sich ein gut Teil Kinderleben – der Teufel hatte noch nicht das Automobil erfunden – unter Gottes freiem Himmel ab, und es mochte dem Maler etwa das sein, was den Künstlern in Rom die Spanische Treppe war: hier suchte und fand er seine Modelle, wertvoller als alle die Photographien vornehmer Kinder, die eitle Mütter erwartungsvoll oder siegessicher sandten. Seiten oder nie fanden sie Gegenliebe. Was aber ohne Strümpfe und Schuhe, und – ohne Taschentücher, im zerschlissenen Höslein umherlief, das war sein Fall“ – Denn die Kinder waren es, die er liebte, die ersuchte, die sein Zeichenstift in seinen Bilderbüchern festhielt. – Seine letzten Lebensjahre waren überschattet Er mußte erleben, daß sich der Geschmack der Käufer von ihm abwandte. Nach 1881 wagte es sein Verleger nicht mehr ein Bilderbuch von ihm herauszubringen. Dazu kamen zunehmende Augenschwäche und Krankheit, Schließlich mußte er gefahren werden Da begegnete ihm einmal ein kleines Mädchen und als man dem Kind sagte, daß der arme Mann im Fahrstuhl der Herr Professor Oskar Pletsch sei, kam das Kind zutraulich heran und sagte ihm einen Vers aus dem sehr beliebten Buch „Wie es im Hause geht nach dem Alphabet“ auf: „Oskar Pletsch, sag hast Du schon Was auf X und Ypsilon? – Nein, auf Ypsilon und X weiß ich, Kinder, wahrlich nix.“ Oskar Pletsch wurde unter großer Anteilnahme der Einwohner der Lößnitzgemeinden, der Dresdner und Berliner Künstlerschaft auf dem Friedhof von Kötzschenbroda beigesetzt.
Liselotte Schließer

Was uns Archivakten zu sagen haben

Aus der Vergangenheit der „Auszugshäuser“

Es macht schon länger von sich reden, das kleine Haus des ehemaligen Gutes Nr. 21 in Kötzschenbroda, das nun wieder ganz schmuck aussieht. Das Anwesen ist eines von den sogenannten „Dreiseiten-Höfen“, d. h. der eigentliche Hofraum ist mit Wohnhaus, Scheune und Auszugshaus umbaut und nach der Straße mit einem großen Einfahrtstor abgeschlossen. Wie traurig sah das kleine Häuschen noch vor einem Jahr aus. Kaum glaubte man, daß es dem völligen Abriß entgehen könnte – trotz Denkmalschutz. Denn leere Fensterhöhlen, unter dem kaputten Dach morsche Fachwerkbalken und dazwischen Reste der aus Holz und Lehm bestehenden Ausfachung ließen erkennen, daß seit dem Wiederaufbau nach dem Brande von 1805. bei dem die Häuser der Sommerseite Nr. 11 bis 28 abbrannten, baulich nichts daran geschah. Die damals noch angewendete Bauweise war schon seit alter Zeit üblich und im Verhältnis zur Ausfachung mit Ziegeln vor allem billiger. Hatte der Zimmermann aus Pfosten und Riegeln das Fachwerk errichtet, benötigte man zum Füllen der Zwischenraume nur Holz und Lehm. Die Hölzer, meist aus nicht zu starken Ästen, wurden auf entsprechende Länge gesägt, in die Fachwerkbalken e?ngezapft und das ganze sogenannte Gefache von innen und außen mit Lehm ausgefüllt und glattgestrichen. Ob man in unserer Gegend statt der Hölzer auch Flechtwerk aus biegsamen Ästen einfügte und ob man den Lehm zunächst mit Häcksel vermischte, ließe sich eventuell noch an anderen Häusern Kötzschenbrodas feststellen. Was hatte es nun aber mit dem Begriff „Auszugshaus“ auf sich? Wuchsen auf einem Bauernhof mehrere Kinder auf, konnte doch nur eines mit seiner Familie darauf leben. Das Erbrecht stand dem jüngsten Sohn der Familie zu, der aber auch darauf verzichten konnte. Der Erbe übernahm den Besitz „mit allen Gerechtigkeiten und Beschwerungen“, und damit auch, sofern die Eltern noch lebten, deren Versorgung bis zum Tode. Mitunter waren auch noch ein Großelternteil und unversorgte Geschwister da, dann wurde es zu eng im Wohnhaus. Den Eltern, die ein Recht auf Herberge hatten, bot dann das „Auszugshaus“ Stube und Kammer, in denen sie „ihre Bequemlichkeit“ hatten. Sie blieben im Familienverband, und konnten noch etwas bei der Arbeit helfen. Zum „Auszug“ gehörte aber nicht nur der Wohnraum, sondern neben dem Anteil am Kaufgeld auch die Versorgung mit Lebensmitteln und was die Eltern sonst beanspruchten. In den Kaufverträgen findet man darüber die verschiedensten Festlegungen, z, B. die Eltern erhalten die Hauskammer und eine darüber. Holz und Kochgelegenheit, 4 Kannen Butter, 1/2 Schock Käse und eine Mandel Eier jährlich. Außerdem 4 Fuder Mist für die Weinberge, die der Vater behält.“ Der Vater war Tischler und sicher noch arbeitsfähig. ln einem anderen Vertrag liest man: „Verkäufer hat das Recht frei kochen und backen an Käufers Feuer, einen Platz am Ofen und bei Krankheit ein Bett in die Stube zu stellen…“ Oder: „Verkäufer behält für sich und seine Frau das Preßhäuschen samt Presse und ein ungarisches Pflaumenbäumchen hinter der Scheune…“, neben vielen anderen Posten. Oftmals fehlte ein Hoferbe oder er war noch zu jung, dann traten andere als Käufer auf, Aber den Verkäufern blieb auch dann das Recht auf freie Herberge und Naturalien im bisher von ihnen besessenen Gut. Als 1728 Samuel Schier. Gartennahrungsbesitzer in Kötzschenbroda, das von den Eltern erworbene Haus in Zitzschewig samt Weinbergen an George Born verkaufte, mußte dieser den Eltern den Auszug geben. Da diese aber mit nach Kötzschenbroda zogen, „leisten sie Herbergsverzicht und erhalten als Auszug 1/4 der erwachsenen Baumfrüchte, 2 Eßteller voller schöner Weintrauben und 1/16 von jedem erbauten Faß Most.“ Sie mußten aber die Naturalien selbst in Zitzschewig abholen. Nicht selten kam es vor, daß noch zu Lebzeiten der „Auszügler“ das Gut an einen Dritten weiterverkauft wurde. Doch auch das war kein „Kündigungsgrund“ für die Altbesitzer. Der neue Käufer war verpflichtet, den einmal festgelegten Auszug zu übernehmen, Ein Beispiel: Als der alte Gottlieb Talckenberger 1811 sein Haus mit Branntweinbrennerei und Materialladen verkaufte, da zeigte sich der Käufer gegen seinen Vorbesitzer sehr großzügig. Talckenberger erhielt „freie Wohnung und Aufenthalt in Käufers Stube, freie Kost, Wäsche, Kleidung und Schuhe auf Lebenszeit. Ferner wöchentlich 6 Groschen für kleine Bedürfnisse.“

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Das ehemalige Gut Nr. 21, Altkötzschenbroda

Der Käufer versprach „bei Krankheit gute Abwartung, ärztliche Hilfe und Medizinkosten frei, auch wenn Verkäufer verstorben, denselben wie es in Kötzschenbroda gebührlich mit Sterbepredigt und Abdankung zur Erde bestatten zu lassen.“ Verkäufer versprach dafür, „solange seine Kräfte reichen, bei Weinbergsarbeiten oder Branntweinbrennen zu helfen.“ Und für den Fall, daß das Anwesen verpachtet oder verkauft werde, wird festgelegt: soll der neue Besitzer schuldig sein, Talckenberger Wohnung im Haus oben einzuräumen, ihm das nötige Holz zu geben, statt Kleidung und Kost aber wöchentlich 1 Thaler 12 Groschen zu zahlen.“ Diese gut funktionierende „Altersversorgung“ bestand noch in jüngster Zeit, bis die „Auszugshäuschen“ zu Werkstätten und anderem verwendet wurden.

Liselotte Schließer

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