Radebeuler Vor- und Nachwendeerinnerungen

Aus dem Blickwinkel einer ehemaligen Stadtgaleristin (Teil 1)

9. November 1989: Die Mauer ist offen! / 13. November 1989: „Im Verlauf der Durchführung der OPK (operative Personenkontrolle) konnten keine Erkenntnisse hinsichtlich geplanter Aktivitäten des Ehepaares G. gegen die staatl. Sicherheit und Ordnung herausgearbeitet werden. Die Personen bleiben für die KD (Kreisdienststelle) Dresden-Land KK erfaßt“. (aus einer Akte des Staatssicherheitsdienstes der DDR)

„Erzähl mal, wie das so war, damals in der DDR“, fragte mich neulich meine Stieftochter, geboren 1988. Und ich denke so bei mir, dass es damals wohl ein wenig paranoid gewesen ist. Also auch nicht viel anders als heute. Was soll man als Wähler von Plakaten halten, auf denen steht „Hol Dir einen runter, kleiner Antifant! Abreiß Plakat für hirnlose Linksfaschisten!“ Oder wenn man sich ältere Fotos von der Friedensburg anschaut, als diese noch eine Ausflugsgaststätte war, und sieht, wie viele Menschen auf den Terrassen sitzen und bei Kaffee und Kuchen die Aussicht genießen. Jetzt wohnt dort nur noch eine einzige Person. „Alles alternativlos?“ Um da nicht vom Glauben an die Vorzüge der Demokratie abzufallen, sollte man nicht allzu empfindlich sein. Andererseits bedeutet es mir sehr viel für ein Monatsheft wie „Vorschau und Rückblick“ Beiträge zu schreiben und diese, ohne Zensur, veröffentlichen zu können.

Horst Hille »Klaustrophobie«, 1985, Radierung (mit Selbstbildnis des Künstlers )Repro K. (Gerhardt) Baum

Also was kann ich erzählen von dem Land DDR, in dem ich 37 Jahre gelebt habe? Erinnerungssequenzen blitzen auf und ich staune, wie präsent das alles ist, obwohl doch Jahrzehnte dazwischen liegen. Die Wahrnehmung von Zeiträumen ist relativ. So wurde mir erst viel später bewusst, dass gerade mal acht Jahre vor meiner Geburt noch ein gewisser Adolph Hitler an der Macht war, Menschen in Konzentrationslagern vergast wurden und Bomben auf Dresden fielen. Das Mutter und Großmutter nur das nackte Leben retten konnten und in Radebeul mitfühlende Aufnahme fanden. Was mit Parolen wie „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ begann, endete 1945 in Schutt und Asche mit Millionen Toten.
Was 1949 mit „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ für viele Menschen nach einem hoffnungsvollen Neuanfang klang, mündete nach vier Jahrzehnten wiederum in einer großen Enttäuschung. Das es auf dieses kleine Land DDR – welches nicht losgelöst vom Ostblock betrachtet werden kann und durch die BRD erst 1972 offizielle Anerkennung erfuhr – permanenten Druck von Außen gab, ist unbestritten. Doch wann und wie begann sich das System von Innen heraus selbst zu zerstören? Als ich 1953 in Radebeul geboren wurde, knapp eine Woche nach den Ereignissen am 17. Juni, herrschte gerade Ausgangssperre. Was war da eigentlich passiert: Volksaufstand oder Konterrevolution? Irgendetwas muss schon damals schief gelaufen sein. Politisch einschneidend wirkten sich dann auch solche Ereignisse wie 1961 der „Mauerbau“, 1968 der „Prager Frühling“, 1976 das Wiedereinreiseverbot von Wolf Biermann aus. Chancen für Korrekturen wurden vertan.
1989 war es dann zu spät und ein zufälliger Versprecher vom Politbüromitglied Günter Schabowski genügte, um den „Antifaschistischen Schutzwall“ – für alle völlig unerwartet – zu Fall zu bringen. Wer nicht vor Ort dabei sein konnte, saß vorm Fernseher und staunte über irreale Bilder von Trabis, die an entgeisterten Grenzern vorbeifuhren, Menschen, die auf die „Mauer“ kletterten oder sich spontan und glücklich in die Arme fielen. Oh „Freude schöner Götterfunke“ wie schnell bist du verglommen! Schon wenig später begann das Sortieren nach „Ossis“ und „Wessis“, nach „Tätern“ und „Opfern“. Ordnung muss halt sein in deutschen Landen. Erst jüngst wurde ich mit der Frage konfrontiert „Warst du damals auch im Widerstand?“

Um es gleich vorwegzunehmen, ich war keine Revolutionärin und habe demzufolge auch keine Heldinnengeschichte zu bieten. Wo die Grenzen liegen, war mir – so dachte ich zumindest – bewusst. Schließlich hatte ich Mann und Kind. Mein Leben in der DDR war den Bedingungen angepasst und bestand aus gelebtem Alltag. Nicht weniger und auch nicht mehr.
In Erinnerung geblieben sind mir unter anderem: der Luftroller, Butter auf Marken, Juri Gagarin im Weltraum, Ferienlager, Bleistifte und Schulhefte für Kuba, die Griechische Pionierleiterin, Neumann-Eis, Kuchenränder vom Bäcker Hein, der Kaugummi im Laden um die Ecke …später dann der erste Kuss, der Mal- und Zeichenzirkel von Dieter Beirich, durchdiskutierte Nächte bei billigem Obstwein im Atelier von Horst Hille, die Geburt des Sohnes, Kinderfeste mit Freunden und Nachbarn, Plaste-Ansteckblümchen zum Frauentag, der 1. Mai-Umzug, die Faschingsfeiern im „Haus der Werktätigen…“.
Zu den Erinnerungen gehört aber auch das verunsichernde Gefühl, unter ständiger Beobachtung gestanden zu haben. Der Grund für die Überwachung des Ehepaares G. war, wie später in der „Akte“ nachgelesen werden konnte, die „Verbindung zu Kunst- und Kulturschaffenden sowie Personen, die dem politischen Untergrund zugeordnet werden müssen…“.
Die erste Begegnung mit einem „kreativen Solitär“ aus dem so genannten politischen Untergrund erfolgte in Gestalt von Siegfried Schwab. Lange Haare, gebändigt von einem Transmissionsriemen um die Stirn, barfuss in so genannten „Jesuslatschen“ und eingehüllt in den alten Mantel des Großvaters – das fiel auf im ansonsten recht biederen Radebeul. Meine Neugier auf die subversiven Nischen der Provinz war geweckt. Die Bude von “Sigi“ befand sich in einer alten Villa auf der Meißner Straße. Sie war vollgestopft mit Büchern und überall verstreut, lagen eng beschriebene Schreibmaschinenseiten mit Texten, die zum Nachdenken provozierten und deren Durchschläge im kleinen Kreis Verbreitung fanden. Seine Ausreise aus der DDR erfolgte am 30. April 1975. Gewisse Herren hinter den Kulissen konnten erleichtert aufatmen und auch in seinem Stammlokal, der „Lößnitzperle“, zog endlich wieder Ruhe ein. Ein Tafelbild, gemalt von Horst Hille, erinnert an den Radebeuler Dissidenten Siegfried Schwab. Zu sehen war es jüngst in der Stadtgalerie zur Ausstellung „Radebeul geWENDEt“.

Johannes Thaut »Volkstanzgruppe«, um 1960, Holzschnitt Repro K. (Gerhardt) Baum

Den legendären Biermann-Auftritt erlebte ich in Form einer nächtlichen Wiederholungssendung mit meinem damaligen Mann bei Freunden die Westempfang hatten. Was nach Biermanns Ausbürgerung folgte, ist bekannt. Das Ausmaß der Kettenreaktion war selbst für diejenigen, die sie ausgelöst hatten, kaum vorstellbar. Das DDR-Emblem mit „Hammer, Zirkel, Ährenkranz“ zeigte zwar die gute Absicht. Die Realität sah anders aus. Mit den „Intellektuellen“ wusste man im Staat der Arbeiter- und Bauern nur wenig anzufangen. Allerdings war es wohl dieser politisch verfahrenen Situation geschuldet, dass sich der einst so gefeierte und später geschasste DDR-Star Manfred Krug – der mit einem Teilberufsverbot belegt worden war – kurz vor seiner Ausreise zu einem Konzertauftritt ins Radebeuler Filmtheater „Freundschaft“ verirrte, natürlich zur großen Freude seiner Fangemeinde.
In den 1970er Jahren wanderte ein unscheinbares Taschenbuch von Hand zu Hand. Auf dessen Buchdeckel stand „LTI“ (Lingua Tertii Imperii). Erschienen war es im Reclam-Verlag. Der Autor Victor Klemperer setzte sich darin mit der Sprache des Dritten Reiches auseinander. Wenngleich der Bumerangeffekt bestimmt nicht beabsichtigt war, wirkte es auf uns sehr intensiv. Unmittelbar nach dessen eingehender Lektüre begannen wir damit, das „Neue Deutschland“ (Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) zu sezieren und noch heute erschrecke ich vor Worten wie „unsere Menschen“, „bedingungsloser Respekt“ oder „Humankapital“.
Zu den Besonderheiten im DDR-Alltag gehörte das „Schlangestehen“. Allerdings bildeten sich die berüchtigten Schlangen nicht nur vorm Gemüsegeschäft, wenn es gerade mal Bananen gab. Schlangen bildeten sich auch auf der Brühlschen Terrasse, wenn die DDR-Kunstausstellung lief. Ob heute noch so viele Menschen leidenschaftlich über Kunst diskutieren, wage ich zu bezweifeln. Die Eröffnungsreden und Rezensionen von Ingrid Wenzkat, Dr. Fritz Löffler, Dieter Schmidt und Dieter Hoffmann wurden zum Kult. Das so genannte „Zwischen-den-Zeilen-lesen“ gehörte zu den ausgeprägten Fähigkeiten breiter Bevölkerungsschichten.
Kunst und Kultur waren in der DDR weder Privileg noch Sahnehäubchen. Die „neuen Menschen“ sollten im Sozialismus zu allseitig gebildeten Persönlichkeiten erzogen werden. Das staatlich geförderte Volkskunstschaffen bot ein immer breiter werdendes kreatives Betätigungsfeld. In einer Sonderausgabe des Monatsheftes „Die Vorschau“ ist aufgelistet, dass 1959 in Radebeul 8 Chöre, 10 Musikgruppen, 3 Dramatische Zirkel, 5 Agitpropgruppen, 4 Tanzgruppen, 2 Mal- und Zeichenzirkel, 4 Handarbeitszirkel und 1 Arbeitsgruppe Indianistik existierten. Eine analytische Betrachtung zum Radebeuler Volkskunstschaffen über den gesamten Zeitraum von 40 Jahren wäre wohl sehr interessant, soll aber nicht Gegenstand dieser vierteiligen Beitragsfolge sein. Das die kreative Selbstbetätigung den Lebensalltag vieler Menschen bereichert hat und die Wahrnehmung kultureller Angebote nicht vom Geldbeutel abhängig war, gehört zu den unbestrittenen Tatsachen, die man nicht vergessen darf, wenn man davon erzählt, wie das so war, damals in der DDR.

(Fortsetzung folgt)

Karin (Gerhardt) Baum

Bildunterschriften

Horst Hille „Klaustrophobie“, 1985, Radierung

Johannes Thaut „Volkstanzgruppe“, um 1960, Holzschnitt

Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Art déco an und in Radebeuler Gebäuden

Sie haben den Begriff schon mal irgendwo gehört, sehen aber gerade kein Beispiel vor Ihren Augen, schon gar nicht in Radebeul? Da wollen wir uns diesem Thema mal nähern.

Im Laufe der Geschichte haben sich verschiedene Baustile über eine bestimmte Zeit gehal-ten und wurden dann abgelöst. Mein Eindruck ist der, dass die Standzeiten der Stile immer kürzer wurden – Romanik und Gotik blieben jeweils etwa 200 Jahre bestehen, Renaissance und Barock waren mit ca. 100 Jahren schon kürzer und die Stilrichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts hielten sich nur 20 oder gar 5 Jahre.

Hier soll also eine relativ kurze Stilrichtung in der ersten Hälfte des 20. Jh. betrachtet werden. Art déco ist die Kurzform des französischen Begriffs Art décoratif, also dekorative Kunst, die Deutschland in den zwanziger Jahren berührte. Das Zentrum dieser Bewegung lag in Paris, daher der französische Name, und verbreitete sich über Europa und bis in die USA. International gesehen liegen die Anfänge um 1912, wurden aber in ihrer Verbreitung vom 1. Weltkrieg unterbrochen. Art déco wirkte sich auf alle Kunstformen – Architektur, Plastik, Malerei (hier ist der Begriff Expressionismus üblich), Dichtung (man spricht auch von Dadaismus), Mode, Musik und Gebrauchsgegenstände – aus. Man muß Art déco als Gegenentwurf zum Jugendstil ansehen. Während sich der Jugendstil um 1900 an geschwungenen, organischen Formen der Natur wie Lilien, Schwänen oder Fledermäusen orientierte, wirkte Art déco expressiv, konstruierter auch abstrakter, mit gegen Bögen gestellten Geraden, mit zu Dreiecken aufgefächerten Geraden und Spitzen, die Farben oft kräftig und kaum abgemischt. Während es eine bewusste Unterscheidung des Art déco vom Jugendstil gab, kann man bei einigen Beispielen Annäherungen zum Deutschen Werkbund oder auch dem Bauhaus erkennen. In der modernen Zeit ging Fassadenschmuck immer mehr zurück. Das hatte durchaus gestalterische Gründe, wie am Bauhaus ablesbar, war aber auch dem Wunsch nach preiswerten Wohnbauten in der Nachkriegszeit geschuldet. Man könnte Art déco vielleicht als den letzten, Häuser schmückenden Stil in Europa bezeichnen. Da die Erinnerung an den 1. Weltkrieg noch relativ frisch war, hatte sich im Volksmund für diesen Stil der etwas makabere Begriff „Granatsplitterstil“ eingebürgert – das Bild traf es aber recht gut!


In Radebeul fand diese Stilrichtung keine sehr weite Verbreitung, aber, wenn man sucht, wird man gelegentlich auch hier das Art déco finden. Ich will im Folgenden auf ein paar Beispiele von 1925 bis 30 in unserer Stadt aufmerksam machen. Von den in dieser Zeit in Radebeul tätigen Architekten fällt dabei der Name Max Czopka besonders häufig, er hatte offenbar Gefallen an den Schmuckformen des Art déco gefunden. Die meisten seiner Siedlungshäuser zeigen Art déco nur durch ein gefächertes Blattgebilde (wohl ein vorgefertigtes Element), mal größer, mal kleiner – sein Markenzeichen sozusagen. Dagegen waren seine Kollegen Albert Patitz und Alfred Tischer bei durchaus vergleichbaren Häusern dieser Zeit mit derartigen Schmuckformen etwas zurückhaltender.



Das von Czopka 1927 geplante Wohnhaus Gartenstr. 77 für Familie Kelling (Großwäscherei-betrieb) zeigt an den Fassaden etwas derartigen Schmuck, im Inneren jedoch in mehreren Beispielen: an Türen, Geländern, mit Malerei im Treppenhaus und auch an Schmuckglas-fenstern. Auch an den vielen Mehrfamilienhäusern, die Czopka für die Baugenossenschaft zu Radebeul entwarf, finden wir bei einem Spaziergang durch die Schiller-, und Kantstr. oder in der Gartenstr., Pestalozzistr., Neubrunnstr. und Serkowitzer Str. bescheidenes schmückendes Beiwerk im Stil des Art déco. Stellvertretend für diese Gruppe von Häusern sei die Czopka-Mietvilla Einsteinstr. 20 (1929 errichtet) genannt. Eine ganz andere Anwendung sehen wir bei der kurz nach 1900 gebauten Fabrikantenvilla Spitzhausstr. 28, da gibt es Art-déco-Deckenstuck in der Veranda. Der Brunnen im Garten der Villa zeigt ebenfalls diese Formensprache. Hier wirkte 1928 der Chemnitzer Architekt Friedrich Wagner-Poltrock zwar nur ergänzend, in Chemnitz war er in jener Zeit bekannter, da er dort u.a. mehrere Schulen errichtet hatte. Bei der neuen Friedhofsfeierhalle in Radebeul Ost, wo Max Czopka 1928 / 29 tätig war, sind es weniger die Details, sondern ist es mehr die Gesamtgestaltung, die dem Art déco entspricht. Schließlich kann auch das Pfarrhaus in Kötzschenbroda mit dem Luthersaal durch seine Zollinger-Decke und andere Details im Inneren Merkmale des Art déco aufweisen. Der Entwurf der Gebr. Kießling stammt von 1928 / 29. Ebenfalls auf die Gebr. Kießling geht der Entwurf von 1928 für das Doppelwohnhaus Heinrich-Zille-Str. 34 zurück, hier wurden die oberen Teile der Fenstergewände, also die Stürze, mit spitzem Dreieck aufgebrochen. Etwa 1992 sah ich in einem gründerzeitlichen Mehrfamilienhaus in der Sidonienstr. zwei Öfen (wohl Teichert / Meißen), die mit „gezackeltem Dekor“ auch dem Art déco entsprachen. Hier waren diese Öfen offenbar eine Zweitausstattung, ob sie noch existieren, weiß ich allerdings nicht. Dem hier betrachteten Stil muß auch ein Gipsrelief aus einem unbekannten Radebeuler Haus zugerechnet werden. Es ist ein leicht defektes Sammlerstück, wahrscheinlich aus dem Innenbereich eines Wohnhauses, vielleicht einem Treppenhaus, das bisher noch keiner Adresse zugeordnet werden konnte.



Wir können zum Schluss feststellen, dass es andernorts möglicherweise mehr erhaltene Beispiele gibt und diese Kunstform in Radebeul keine allzu starke Verbreitung erreicht hat (nach 1933 paßte Art déco nicht ins Programm, bzw. wurde ausgegrenzt) und wir Beispiele dafür vorwiegend im östlichen Teil unserer Stadt finden.

Übrigens zeigt das Stadtmuseum Meißen noch bis zum 3. November 2019 eine sehenswerte Art-déco-Ausstellung – ein glücklicher Zufall, wie ich finde!

Dietrich Lohse

Bilder: Dietrich Lohse

Werke von Detlef und Gabriele Reinemer in der Hoflößnitz

Noch bis zum 27. Oktober sind in der aktuellen Sonderausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums Hoflößnitz (Knohllweg 37 in Radebeul, geöffnet Di-So 10-18 Uhr) Arbeiten der Radebeuler Künstler Gabriele und Detlef Reinemer zu sehen. Im Folgenden einige kurze Auszüge aus der Laudatio von Dr. Ingrid Koch zur Vernissage am 8. September:

»Detlef Reinemer hat seine Ausstellung ganz lapidar ›Keramische Objekte‹ genannt, Gabriele Reinemer holt poetisch-universell ›Sonne, Mond, Sterne‹ vom Himmel. Wir begegnen wieder einmal diesen zwei ganz unterschiedlichen Handschriften in unmittelbarer Nähe, sich gegenüber. Und schnell wird anhand verschiedener Akzentsetzungen klar, dass sie in der Weltsicht verbunden sind. Vielleicht mehr als in anderen Präsentationen scheint mir diesmal bei beiden das ›Grundrauschen‹ unserer Zeit hörbar. Gleichwohl sind die einzelnen Arbeiten beider Künstler zeitlos, nicht an konkrete Ereignisse gebunden. […]

»Jo-Hannes«, Detlef Reinemer
Bild: Stiftung Hoflößnitz, M. Schroeder


Schaue ich in Detlef Reinemers Raum, auf seine ›Keramischen Objekte‹, so scheint mir von ihnen in dieser Zusammenstellung eine Botschaft – nicht zufällig sind wie auf einem Altar ›Geheime Botschaften‹ ausgelegt – auszugehen, die ich als eine Art Fazit deuten würde, das eher zweifelnd und pessimistisch ausfällt. Da ist der aus weiß glasiertem Porzellan geschaffene, auf Eisen gebettete ›Januskopf‹, dem Fisch aus dem Mund quillt und auf dem Kopf hängt – ein wenig glitschig vielleicht, wie die ständig wechselnden Standpunkte. Diese doppelgesichtige Gestalt ist einer der uralten Mythen, die Reinemer in seinen Arbeiten in die Gegenwart holt, zieht sich doch das Janusköpfige seit ewigen Zeiten durch das Handeln der Menschheit bis in die Gegenwart. […] ›Einer trage des anderen…‹ heißt die große Arbeit, in der zwei männliche Halbfiguren – eine weiß, eine schwarz – sich den Rücken zuwendend, eine Last geschultert haben. Allerdings werden sie auf diese Weise wohl nicht vorankommen, wenn die Verständigung fehlt. […] Die in Detlef Reinemers Plastiken verkörperten personellen Archetypen basieren auf den antiken und christlichen Überlieferungen, in denen im Grunde alles vereint ist, was die Existenz des Menschen immer noch prägt: Liebe und Freundschaft ebenso wie Verrat, Lüge, Hass und Gewalt.

In Gabriele Reinemers Raum scheinen wir eine andere Welt zu betreten. […] Zuvorderst fallen zeichenhafte, in die Höhe ragende, turmartige Objekte ins Auge, vorrangig schwarz-weiß gefasst, sowie klotzartige, ebenfalls – rot und schwarz – bemalte Gebilde, die eine seltsame Fremdartigkeit ausstrahlen. Hintergrund dieser exotisch wirkenden plastischen Arbeiten, die seit mittlerweile fast anderthalb Jahrzehnten das Schaffen der Künstlerin prägen, waren längere Reisen nach Nord- und Schwarzafrika, die tiefe Eindrücke hinterließen.

»Pagode«, Gabriele Reinemer
Bild: Stiftung Hoflößnitz, M. Schroeder


Die ›Stachel‹ an den turmartigen Gebilden sowie die Abgeschlossenheit der häuserartigen Blöcke, die sie hier ›Wehrdörfer‹ nennt, weisen wohl einerseits auf die vielen kriegerischen Konflikte der jüngeren Zeit. Sie weisen wohl aber auch auf die Empfindungen der Künstlerin, die die vorgefundenen Gesellschaften durchaus als schwer durchschaubar und verstehbar erlebte – nicht zuletzt in ihrer Mischung aus deformiert Archaischem bzw. Mittelalterlichem und Moderne.

Es war wohl die Mischung aus Reizvollem, Fremdartigem und Erstaunlichem, aus Verheerung und Stillstand, die Gabriele Reinemer bis heute nicht losgelassen hat. Die Objekte wirken spielerisch, aber ihr Hintergrund ist ein ernster. Nicht zuletzt wird der auch mit der kraftvollen Tuschezeichnung ›Das Boot‹ – einer vom Ozean ziemlich gebeutelten Nussschale – berührt, die daran erinnert, wie nah uns diese Konflikte kommen. So stößt man bei der Auseinandersetzung mit Reinemers Arbeiten diesmal verstärkt auf die ›großen‹ Fragen unserer Tage.

Kunst kann auf diese Fragen keine Antwort geben. Aber sie kann mit ihren Mitteln Dinge auf ungewöhnliche Art ins Bewusstsein rücken.«

Ingrid Koch

Handverlesen

Der Dichter Thomas Rosenlöcher zu Gast im Festsaal von Schloss Hoflößnitz


Gelegentlich tritt im Leben der glückliche Umstand ein, dass aus einer Idee ein Plan und aus diesem ein Ereignis wird. Als besonders glücklich kann ein solcher Umstand dann gelten, wenn das Ereignis die eigenen Erwartungen erfüllt, ja mehr noch, diese sogar übertrifft. Insofern war ich am späten Abend des 13. Septembers sehr glücklich, denn hinter mir lagen anregende, unterhaltsame und gesellige Stunden im und am Schloss Hoflößnitz, wohin unser Verein Radebeuler Monatsheft e.V. – namentlich die Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ – geladen hatte. Den Anlass dafür bot die Tatsache, dass der weit über das Elbtal hinaus bekannte Dichter Thomas Rosenlöcher in diesem Jahr allmonatlich unserem Heft ein Gedicht zum Abdruck zur Verfügung stellt. Sascha Graedtkes bereits im letzten Winter geborene Idee, Thomas Rosenlöcher für eine Lesung zu gewinnen, mündete schließlich in eine Kooperation mit der Stiftung Hoflößnitz, wobei sich vor allem Frank Andert als Leiter des Weinbaumuseums gemeinsam mit Sascha Graedtke sehr um die organisatorische Vorbereitung verdient gemacht hatte. Und wer an jenem Freitagabend wie ich um 18.30 Uhr mit einem Glas Hoflößnitzer Weines auf einer Bank im Außenbereich des Schlosshofes Platz genommen hatte, der konnte anfangen zu genießen. Den Wein, die Wärme, die Atmosphäre. Denn ein laues Lüftchen wehte den Klang des Dresdner Dancla-Steichquartetts hinüber, das sich vor dem Eingang des Schlosses postiert hatte und die gemächlich eintreffenden Besucher der Lesung mit beschwingten Klängen erfreute. Im barock ausgemalten Festsaal im ersten Stock des Schlosses sammelte sich bald darauf eine erwartungsfrohe Menge, um Thomas Rosenlöcher zu erleben. Und wie er dann zu lesen begann! Stehend; in der linken Hand wechselweise Textblatt, Buch oder auch nur einen Zettel haltend, den rechten Arm bisweilen wie einen Dirigierstock schwingend und mit den Fingern dem einzelnen Wort oder der einzelnen Sentenz noch mehr Bedeutung gebend; mit verschmitztem Blick den Kontakt mit dem Publikum suchend; gelegentlich die Abfolge der vorbereiteten Texte wägend und diese kommentierend und reflektierend; sich selbst auch an dem stets durchscheinenden Humor erfreuend. Aus geplanten zwei Programmteilen wurde schließlich ein einziger langer Parforceritt durch das eigene Schaffen: frühe Texte und jüngere, Lyrik und Prosa, schließlich auch literarisch überformte Lebenserinnerungen, etwa an seinen Großvater. Das Publikum im gut gefüllten Saal lauschte andächtig und lachte oft mit Hingabe, bis der Dichter dann schließlich erschöpft das Jackett auszog und nach 90 Minuten in den bereitgestellten Sessel sank. Sehr zur Freude des begeisterten Publikums signierte Thomas Rosenlöcher anschließend noch die zahlreich mitgebrachten oder vor Ort erworbenen Bücher, bevor er für gut zwei Stunden mit einem engeren Kreis an Gästen den Abend bei Mondschein und einem guten Tropfen vom Orte ausklingen ließ. Manche Gäste ließen sich noch am Abend oder in den Tagen danach mit den Worten vernehmen: So etwas müsste es wieder geben! Das ist eine gute Idee, meine ich.

Bertram Kazmirowski

Schüler entdecken Zukunft und Vergangenheit II

Mit großer Freude kann ich hier berichten, dass es auch in diesem Jahr eine Fortsetzung der Zusammenarbeit des Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul e.V. und des Luisenstifts gibt.

Die Motivation des Vereins, das bewusste Erleben und das Begleiten von Baukultur in Radebeul an junge Leute weiterzugeben, habe ich in V&R Heft 10/18 beschrieben.

Die Veranstaltung im Oktober 2018 im Weinberghaus des Luisenstifts, zu der wir damals einluden, wurde für alle Beteiligten ein informativer und inspirierender Abend. Der Einladung zur öffentlichen Veranstaltung waren neben Vereinsmitgliedern auch andere interessierte Radebeuler und zu unserer Freude auch Schülereltern (auch wenn es hätten mehr sein können) gefolgt.

In einem großzügigen hellen Raum der Schule stellten verschiedene Schülergruppen ihre Arbeiten mit einer Präsentation vor. Besonders Themen, bei denen es etwas zu erforschen galt, wo scheinbar ein kleines Geheimnis gelüftet werden konnte, schienen besonders Freude gemacht zu haben. Es wurde Literatur, Bilder und Zeitzeugen gesucht und gefunden. Teilaufgaben wurden an verschiedene Mitglieder der Arbeitsgruppen verteilt, Exkursionen unternommen und die Ergebnisse dann in der Gruppe zusammengetragen und diskutiert. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Thema einer ehemaligen Laube im Gelände des Luisenstifts, wo sogar an die Wiedererrichtung gedacht wurde oder die Beschäftigung mit der Villa Annabella, die sich so den Blicken entzog.

»Villa Annabella«
Bild: Quelle Wikipedia


Gleichzeitig gab die Veranstaltung auch dem Verein die Gelegenheit, den Schülern seine Anliegen und Aktivitäten aus erster Hand zu erläutern. Dabei zog sich das Zitat „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“ als roter Faden durch die Gedanken.

Im Zuge der von den Schülern geleisteten Materialsammlungen waren diese nun schon auf das Wirken des Vereins gestoßen und einige Publikationen oder der Radebeuler Bauherrenpreis waren Ihnen keine Unbekannten mehr.

In der sich nach der Präsentation sehr offen und angenehm entwickelnden Gesprächsrunde konnten wir hinterfragen, wie man den Schüler auch über den Kurs hinaus das Anliegen „Denkmalpflege und neues Bauen“ näher bringen könne. Im Ergebnis gehen jetzt das Jahresprogramm des Vereins oder Einladungen z.B. für die Bauherrenpreiswanderungen oder zur Verleihung des Bauherrenpreises als Information an die Schule, wobei wir uns auch über die Annahme dieser Einladungen freuen würden.
Ganz spontan bot die Familie von Minckwitz an diesem Abend an, dass doch die Schülergruppe sich mal ihr Baudenkmal inklusive Lusthaus auf der Bergkante in der nächsten Zeit ansehen könne. Diese Einladung wurde freudig angenommen und wurde zu einem schönen Erlebnis.

»Minckwitzsches Gut«
Bild: Quelle Wikipedia


In diesem Schuljahr wurde zusammen mit dem Kunstunterricht das Thema „Radebeuler Villen“ aufgelegt. Im Ergebnis soll dazu ein Kalender entstehen. Wir sind schon gespannt, welche Objekte und welche Mittel die diesjährigen Schülergruppen dazu ausgewählt hat.

Um diesen Blick auf die schönen Radebeuler Villen durch Schüleraugen, vielleicht sogar mit künstlerischer Umsetzung, mitzuerleben, laden wir alle Interessierten herzlich zu unserer öffentlichen Veranstaltung am Freitag, 01. November 2019, 19.30 Uhr ins Weinberghaus des Luisenstifts ein.

Wir hoffen, dass auch noch mehr Eltern und Klassenkameraden den Mut haben, die Arbeitsergebnisse ihrer Kinder und Freunde mitzuerleben und sich für die Baukultur Radebeuls begeistern zu lassen.

Katrin Wysujak
Michael Mitzschke

Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Von der Glashütte in den Reichstag

Georg Horn Reichstagsabgeordneter

Zum Gedenken an den 100. Todestag von Georg Horn

Wer von der Kottenleite in Lindenau die Ringstraße aufwärts geht, findet am Fuße der verfallenden Lößnitzburg zwei Häuser aus der Zeit um 1900 einträchtig beieinander stehen, die Villen „ Mathilde“ (Namensschild leider nicht mehr vorhanden) und „Margarethe“. Hier starb vor 100 Jahren ein streitbarer Kämpfer gegen menschenverachtende Arbeits- und Lebensbedingungen in der deutschen Glasindustrie. Aufgewachsen im fränkischen Steigerwald musste er frühzeitig in einer Glashütte für seinen Lebensunterhalt sorgen. Später engagierte er sich im Dresdner Raum als Gewerkschafter für die Interessen der Glasarbeiter und wurde Kommunal- und Landespolitiker. Krönung seines Wirkens war eine über zwei Jahrzehnte währende Mitgliedschaft im Deutschen Reichstag als Abgeordneter der sozialdemokratischen Fraktion. Mit der folgenden Würdigung möchten wir sein Andenken wieder wachrufen; vielleicht findet die Stadt Radebeul auch eine Möglichkeit, ihm so wie bereits seinem Freund August Kaden eine Straße zu widmen.

Margarethe und Georg Horn 1892

Geboren wird Georg Horn am 30. August 1841 in Fabrikschleichach als unehelicher Sohn der Barbara Horn. Bereits Großvater und Urgroßvater arbeiteten als Glasmacher im Steigerwald. Von 1847 – 1854 besucht er die nur recht mangelhafte örtliche Volksschule. Trotzdem beschreibt Georg Horn seinen Schulbesuch als Vergnügen. Sein Empfinden für Gerechtigkeit ist schon frühzeitig ausgebildet. Er vermerkt in seinen Lebenserinnerungen: „Ein in meinem Innern schlummernder Gerechtigkeitssinn erstarkte immer mehr und kam manchmal recht impulsiv zum Ausdruck.“ Georg Horn ist kaum 13 Jahre alt, da muss er als Schürer in der Glashütte arbeiten („…ebenso schwere wie ungesunde Arbeit“). Eine Lehrzeit als Glasmacher schließt sich an. Seine große Liebe Margaretha Bickel kennt Georg Horn schon aus der Volksschule. Bereits vor ihrer Eheschließung 1867 stellt sich Nachwuchs ein. Dem jungen Paar fehlt in Fabrikschleichach jedoch die Existenzgrundlage. So begibt sich der Familienvater auf Arbeitssuche in die Schweiz und arbeitet später u.a. in Biebrich am Rhein und in der Glashütte Korbetha, wo er sich zum Meister qualifiziert.
1869 zieht Georg Horn mit seiner Frau und nunmehr zwei Kindern nach Dresden. Die Familie wohnt bis etwa 1889/90 in der damaligen Dresdner Vorstadt Löbtau in der Wilsdruffer Straße (heute Kesselsdorfer Straße), wo sich noch weitere Kinder einstellen. In Löbtau findet Georg Horn eine Anstellung in der nahegelegenen Dresdner Glasfabrik Friedr. Siemens. Die Glasfabrik wird als Zentrum organisierter Arbeiterbewegung beschrieben, woran Georg Horn, der auch hier verbesserte Arbeitsbedingungen der Glasarbeiter einfordert, maßgeblichen Anteil hat. Von ihm wird 1873 der erste Streik der Glasarbeiter in Löbtau organisiert. Auf Betreiben von Georg Horn wird im September 1875 der Erste Kongress der Glasarbeiter Deutschlands im Dresdner „Waldschlößchen“ einberufen, auf dem die Gründung einer Glasarbeiter-Gewerkschaft mit dem Namen „Allgemeiner Glaskünstler-Bund Deutschland“ (später „Bund der Glasarbeiter Deutschlands“) beschlossen und Horn als Vorsitzender gewählt wird. Gleichzeitig ist er jetzt auch Vorstand einer neu gegründeten Glasarbeiterkranken- und Sterbekasse, eine Funktion, die er viele Jahre ausübt. Sein gewerkschaftliches Engagement führt ihn als deutschen Vertreter auf die internationalen Glasarbeiterkongresse in Paris 1889 und London 1892.
In der Flaschenfabrik Kreuznacher Glashütte (Rheinland-Pfalz) war Georg Horn bereits 1867 mit 27 Jahren in den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“ (ADAV) eingetreten. Dieser und die 1869 gegründete Sozialdemokratische Arbei terpartei(SDAP) schließen sich im Mai 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammen (SAP). So kommt Georg Horn im Herbst 1890 zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Dort ist er Mitglied bis zum März 1916.

Glashütte Fabrikschleichach, Rekonstruktion

Das Jahr 1878 wird für die Sozialdemokratie zum Schicksalsjahr. Unter den neuen Bedingungen des „Sozialistengesetzes“ 1878-1890 fühlen sich nun auch die Glashüttenbesitzer darin bestärkt, konsequent gegen „sozialdemokratische Umtriebe“ in ihren Unternehmen vorzugehen. So kündigt die Firma Siemens das Arbeitsverhältnis mit Georg Horn zum Jahresende. Der Familienvater verliert nach etwa zehnjähriger Tätigkeit seinen Arbeitsplatz. Für ihn gibt es keine Chance, in einer anderen Glasfabrik eine neue Anstellung zu finden. Längst ist er als unliebsamer Agitator und „Hetzer“ bei den Hüttenbesitzern bekannt und gefürchtet. Nun gilt es den Lebensunterhalt für die Familie anderweitig zu sichern. Georg Horn wird 1879 Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes. Später wird er im Reichstagshandbuch und in Adressbüchern als Redakteur und Schriftsteller geführt.
Am 30.Juni 1877 erscheint die erste Nummer der „Neuen Glashütte“, ein von Georg Horn herausgegebenes Fachorgan der deutschen Glasarbeiter, dessen Herausgabe schon bald durch das Sozialistengesetz abgebrochen wird und das 1885 als „Der Fachgenosse“ neu ersteht. Im gleichen Verlag erscheint 1897 eine 91seitige Broschüre zu den Rechten und Pflichten der Glasarbeiter, verfasst von Georg Horn. „Die Geschichte der Glasindustrie und ihrer Arbeiter“ (1903) von Georg Horn wird in aktuellen Publikationen zur Geschichte der Glasindustrie auch gegenwärtig noch erwähnt. Seine als Manuskript erhaltenen „Lebenserinnerungen“ beginnt er vor seinem 75. Lebensjahr, sie bleiben aber leider unvollendet.
Von 1885 bis 1896 vertritt er seine Partei im Gemeinderat Löbtau und ficht schwere Kämpfe mit dem Vorstand und den konservativen Mitgliedern aus. Im November 1891 wird Georg Horn als Vertreter des 16. Wahlkreises Tharandt in den sächsischen Landtag (II. Kammer) gewählt. Von seinen Parteigenossen gehören die „Urgesteine der Sozialdemokratie“ August Bebel (1881-1890) und Wilhelm Liebknecht (1879 bis 1892) dazu. Auch seine Freunde Friedrich Geyer (1885-1896) und August Wilhelm Kaden (1885 bis 1896) gehören zeitgleich mit ihm zur II. Kammer. Bürgerliche Parteien setzen 1896 eine Wahlrechtsänderung vom Zensus- zum Dreiklassenwahlrecht durch. Das führt dazu, dass die Sozialdemokraten aus der II. Kammer verdrängt werden. Georg Horn und weitere Genossen sind nach 1896 nicht mehr vertreten..
„Das größte Vertrauen überbrachten mir aber die Genossen des 6. sächsischen Reichstagswahlkreises, indem sie mich im Jahre 1895 bei einer Ersatzwahl in den Reichstag wählten, dem ich bis zu seiner Auflösung während der wahnsinnigen Kriegsperiode angehörte“.
In vielen seiner Reden im Reichstag geht es ihm während seiner gesamten Zeit als Abgeordneter um eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen ausgewählter Berufsklassen und um das Problem der gewissenlosen Ausbeutung von Kindern in der deutschen Glasindustrie. Schon im frühen Verlauf des Ersten Weltkrieges spricht sich ein immer größerer Teil der SPD-Abgeordneten im Reichstag gegen die Unterstützung des Krieges aus. Im Dezember 1915 votieren 19 Abgeordnete, unter ihnen Georg Horn, zusammen mit Karl Liebknecht gegen die Bewilligung weiterer Kriegskredite. Der Streit über die Haltung zum Ersten Weltkrieg führt zur Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Die Abweichler bilden zunächst die Fraktionsgemeinschaft Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG) innerhalb des Reichstages. Die SAG beschließt im April 1917 in Gotha die Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Dieser Partei gehört Georg Horn bis zu seinem Tod an.

Villa Margarethe, Haus von Georg Horn

Als Herausgeber und Redakteur einer gesellschaftskritischen Zeitschrift („Der Fachgenosse“) und als Agitator sieht sich Georg Horn zunehmenden Strafverfolgungen ausgesetzt. Zwar genießen die Reichstagsabgeordneten Immunität, allerdings nur während der Sitzungsperiode. „Mein rücksichtsloses Eintreten für die Kollegenschaft in Wort und Schrift hatte natürlich zur Folge, dass sich der ganze Hass und Zorn der Unternehmer über mich ergoss und ich wegen fortgesetzter Kritik der Unterdrückung und Ausbeutung 25 Monate ins Gefängnis wandern musste; auch Geldstrafen blieben mir nicht erspart“. Im Landesgefängnis Zwickau arbeitet er am Konzept zu einer Geschichte der Glasindustrie und verfasst Gedichte, in denen sich seine Trauer über die verlorene Freiheit widerspiegelt. Beispielhaft ist hier der erste Teil von „Des alten Jahres Abschied 1896“

„Das Jahr ist um, ein Jahr fängt an!“
So ruft herab von Turmes Höh‘n
der Glocken reiner eherner Mund,
den Scheidegruß zur zwölften Stund‘
dem alten Jahr „kein Aufersteh‘n!“
„Kein Wiederseh‘n!“ Ruf ich ihm zu,
„Du hast geraubt mir Glück und Ruh‘.“
Und mit den Glocken stimm‘ ich an:
„Das Jahr ist um! Ein Jahr fängt an.“

Auch die Sehnsucht nach seiner Familie bringt er darin zum Ausdruck. 1897 bezieht die Familie Horn eine Villa in Kötzschenbroda/Oberort (Ringstr. 36d, jetzt Nr. 12). Etwa ab 1900 bewohnen auch Tochter und Schwiegersohn Mathilde und Hermann Schneider die benachbarte Villa Mathilde.
Das Jahr 1919 beginnt mit inneren Unruhen – Spartakusaufstand, Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die innenpolitischen Verwerfungen im Deutschen Reich, die Ungewissheit über künftige Machtverhältnisse und der Tod seiner Frau im Jahr zuvor haben bei Georg Horn gesundheitliche Spuren hinterlassen. Doch kann er noch feststellen, dass sich sein unermüdlicher Kampf zur Durchsetzung von Arbeiterrechten letztendlich gelohnt hat. Wohl in diesem Bewusstsein verstirbt er am 18. August 1919 in Lindenau. Angehörige und ehemalige Parteifreunde sorgen für eine angemessene Bestattung auf dem Friedhof in Kötzschenbroda.

Rainer Horn, Rolf Haußig

Offene Ateliers in Radebeul und Umgebung

Fast auf den Tag genau nach der Premiere vor zwei Jahren veranstalten die KunstSpuren am 15. September 2019 die Offenen Ateliers 2019 in Radebeul und Umgebung.
14 Mitglieder der KunstSpuren laden alle Interessierten an den Ort ein, an dem normalerweise im Verborgenen gearbeitet wird. Von 10 bis 18 Uhr erwarten die Besucher ganz persönliche Einblicke in die Welt der Farben, Formen und unterschiedlichsten Techniken: von Druckgrafik über Malerei und Zeichnung bis zur Fotokunst sind vielfältige Genres vertreten.
Den Besuchern bietet sich somit die seltene Gelegenheit, „hinter die Kulisse“ zu schauen, den Kunstschaffenden ganz privat zu begegnen, ins Gespräch zu kommen – und sein Lieblingsbild zubentdecken und zu erwerben.
Weitere Informationen über die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler und einen Lageplan der geöffneten Ateliers sind zu finden unter www.kunstspuren-radebeul.de sowie in den in vielen Geschäften und Institutionen der Region ausliegenden Broschüren. Es öffnen sich die Ateliers von Uwe Beyer, Sophie Cau, Christa Günther, Silvia Ibach, Cornelia Konheiser, Gabriele Kreibich, Klaus Liebscher, Peter PIT Müller, Anita Rempe, Gabriele Seitz, André Uhlig, Ralf Uhlig, Irene Wieland, Bettina Zimmermann.
Die KunstSpuren Radebeul ist eine Gemeinschaft bestehend aus 15 Kunstschaffenden, die seit 2015 gemeinsam agieren. Ziel ist es, einen Ausschnitt zu zeigen aus der Vielfalt der künstlerischen Positionen, die hier im Elbland entstehen.
Genauso wichtig ist der Gedanke, dass es gemeinsam besser geht!

Silvia Ibach

Kasperklatsche wechselte

Auszug vom Titelblatt des Programmheftes, Gestaltung Stefan Voigt

Nachbetrachtung zur 32. Radebeuler Kasperiade
Seit der Kasper im hohen Bogen aus dem Hohenhaus rausgeworfen wurde – man erinnere sich: Land und Stadt wollten das traditions- und kulturträchtige Anwesen in der Radebeuler Barkengasse nicht erwerben – wechselte die Kasperklatsche bereits zum dritten Mal in andere Hände. Nun muss das ja nichts Schlechtes bedeuten, und mit 32 Jahren auf dem Kasperbuckel kann ja ein personeller Wechsel der Macher geradezu wie ein Jungbrunnen wirken, wenngleich der Kasper auf den neuen Werbeträgern etwas erschreckt ins „Nirgendwo“ starrt, als wolle er fragen: „Eh, was macht ihr denn da mit mir?!“
Aus dem beschaulichen Altkötzschenbroda auf oberste Anweisung hin 2013 in den Osten (Radebeuls) zur „Aufbauhilfe“ geschickt, versucht der Kasper seither dort das städtische Flair und den Handel zu beleben – so zumindest lautete damals der höhere Auftrag. Dabei ist es für den kleinen Kasper schon eine echte Herausforderung, sich auf dem riesigen Bahnhofsvorplatz überhaupt bemerkbar zu machen. Kaum aber war er dort angekommen, hat die Händlerschaft von ihm keine Notiz mehr genommen.
Mit dem Standort wechselte auch ein Großteil des Personals und die Kasperklatsche wanderte 2013 in die Hände des damaligen Kulturamtsleiters Alexander Lange (Gesamtleitung) und des Puppenspielers Detlef-A. Heinichen (Künstlerische Leitung). Alleiniger Ausrichter war nun das Amt für Kultur und Tourismus der Großen Kreisstadt Radebeul. Man startete groß durch, und dank eines höheren Budgets führte man auch die eine und andere Neuerung ein. So gab es zum Beispiel ein/zwei Abendvorstellungen für Erwachsene und ein neues Erscheinungsbild.
Durch eine Umstrukturierung innerhalb des Amtes wanderte schließlich 2019 die Kasperklatsche in die Hände der Sachgebietsleiterin für Feste und Märkte Cornelia Bielig und damit in die des künstlerischen Leiters aller Großfeste der Großen Kreisstadt Radebeul Helmut Raeder (2019 unter Mitwirkung von Detlef-A. Heinichen). Jetzt war das Fest endlich dort angekommen, wo es seit 2004 hätte hingehört.
Ganz langsam änderte sich natürlich dabei auch der Charakter dieses Festes für Figurenspielfreunde und Familien. Aus einem Unternehmen von vier gemeinschaftlich agierenden Veranstaltern wurde die Kasperiade zu einem ausschließlichen Vorhaben der Stadtverwaltung Radebeul. Von einer anerkannten Veranstaltung innerhalb der Figurentheater-Szene mit Reflexion in der entsprechenden Fachzeitschrift mutierte die Kasperiade zu einem qualifizierten Stadtteilfest mit Ausstrahlung ins Umland. Das Anliegen der Retter dieses Festes von 2004, die Vielfalt und Breite dieser Kunstgattung sichtbar werden zu lassen, scheint vorerst vorbei. Diesen Eindruck verstärkte auch jener Eingangstext im Programmheft. Statt eines einführenden Textes zum Anliegen der 32. Radebeuler Kasperiade und dem Inhalt des Programms druckte der Veranstalter ein Gedicht von Joachim Ringelnatz ab, welches mit den Worten schließt:

„Wer hier stört und wer nicht gut

Aufpasst, kriegt eins auf den Hut.“

In diesem „pädagogisch wertvolle[n] Angebot“ (SZ, 24.6.2019) scheint sich auch das Fest zu erschöpfen.
Zugegeben, die Örtlichkeiten haben ihre Tücken, dies musste selbst der vormalige künstlerische Leiter Heinichen eingestehen. Und so versuchte der Veranstalter, das Festgelände mit allerlei Angeboten und ungewöhnlichen Gestaltungselementen zu füllen. Wirken die von Muriel Cornejo und César Olhagaray installierten großen transparenten, über den ganzen Platz gespannten, phantastischen Figuren anlassbezogen und verzückend, empfindet man hingegen den Kinderflohmarkt als inhaltlich deplatziert. Nicht immer passt es so vorzüglich, dass man mit dem gerade erworbenen gebrauchten Tretroller zur nächsten Vorstellung fahren kann. Ein Figurentheaterfest mit themenfremden Angeboten aufzufüllen scheint zumindest ein fragwürdiges Konzept.
Freilich hatte der Ausrichter kaum Zeit dieses Fest vorzubereiten. Im vergangenen Jahr wusste er noch nichts von seinem Glück. Dafür wartete das Programm durchaus mit der einen oder anderen anspruchsvollen Inszenierung auf, wenngleich der Spielplan mit „sommerheiß & erdbeereis“ auch eine Wiederholung bereithielt (zu Vorstellungen siehe zweiter Beitrag zur Kasperiade in diesem Heft).

Der Kulturbahnhof, Veranstaltungszentrum der 32. Radebeuler Kasperiade mit vier Spielstätten Fotos: Karin (Gerhardt) Baum

Die Medien scheinen in der Kasperiade immer noch eine Art Kinderbelustigung zu sehen. Geändert hat sich da in der Berichterstattung kaum etwas. Schon 2013 tanzten die Puppen in Radebeul-Ost und am 18. Juni 2019 betitelte die Sächsische Zeitung ihren Beitrag über die Kasperiade mit „Die Puppen tanzen wieder“. Gleichwohl schob das Blatt sechs Tage später eine mehrspaltige Nachbetrachtung hinterher, welche allerdings eher ein Stimmungsbild vermittelte, als dass der Leser etwas über die zehn gezeigten Inszenierungen erfahren hätte.
Liest man auf der Rückseite des Programmheftes die vielen Namen aller an der Organisation beteiligten Mitarbeiter der Stadtverwaltung und der Honorarkräfte, ist man schon etwas verblüfft ob der unterschiedlichen Kasper-Ellen, mit der die bisherigen Veranstaltungen gemessen wurden. Andererseits kann man daran aber auch erkennen, welch hohen Stellenwert die Stadtverwaltung diesem Fest zumisst.
Anstehen mussten offensichtlich die Zuschauer diesmal nicht. Wenn es stimmt, was in der Zeitung stand, dann dürften dieses Jahr etwa 1.000 Besucher zur Kasperiade gekommen sein. Dies mag die Schwierigkeiten aufzeigen, die sich mit einem Neustart selbst von gestandenen Kulturprojekten verbinden können. Die über 1.800 zahlenden Gäste von 2008 mögen für den Veranstalter ein erstrebenswertes Ziel sein. Für die 33. Kasperiade 2020 sollte man jedenfalls schon mal alle Kasperdaumen drücken, damit der Kasper allen kleinen und großen Besuchern wieder ein Lächeln schenken kann.

Karl Uwe Baum

 

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