Doppelt begabt ist einfach interessant

Ein Besuch beim Schriftsteller und Maler Christian URI Weber

Ich kenne Christian Weber – URI – schon seit etwa 25 Jahren, aber erst eine zufällige (Wieder-)Begegnung im Juni führte uns in einem längeren Gespräch näher zusammen und mündete schließlich sogar in einer Einladung zu ihm nach Hause. Interessanterweise lassen sich die drei Radebeuler Häuser, in denen Weber seit 1984 gewohnt hat bzw. bis heute wohnt, auf einer Gerade anordnen, die den östlichen Rand der Oberlößnitz in Nord-Süd-Richtung schneidet und die sich, weil über die Meißner Straße reichend, bis ins „alte“ Radebeul Richtung Bahnhof Ost erstreckt. Womöglich ist diese beharrliche Verankerung im Osten unserer Stadt auch insgeheim ein Grund dafür, dass Weber seine jüngste und bis in den späten Oktober reichende Ausstellung in der Stadtbibliothek sinnreich mit „Im Osten was Neues“ betitelt hat. Als bildender Künstler ist URI den Radebeulern seit etwa 20 Jahren bekannt, und nicht zuletzt hat auch „Vorschau & Rückblick“ den unterdessen 76 Jahre alt gewordenen studierten Theologen und Psychologen sowie langjährigen Leiter einer kirchlichen Einrichtung in der Oberlausitz vor allem als Maler gewürdigt (vgl. Hefte 8/2008, 12/2008 und 7/2009). Weniger bekannt allerdings sind Webers aktuelle und vor allem auch frühere literarische Ambitionen, die ihn als geistreichen Zeitgenossen und Chronisten der Wendezeit vor 30 Jahren ausweisen. Die Erinnerung an die friedliche Revolution 1989/1990 war für mich auch der eigentliche Anlass gewesen, mich mit dem Künstler zu treffen, aber nicht überraschend streifte unser Gespräch dann doch alle Lebensphasen des einfallsreichen Denkers, der – und das werden wohl die wenigsten vermuten – nach dem Abitur 1962 in Dresden erst einmal eine Lehre als Facharbeiter für Kühlanlagen absolvierte.
Umgeben von eigenen Farbcollagen empfängt mich Christian Weber in seiner Wohnung und heißt mich mit Kaffee und Gebäck im Wohnzimmer willkommen. Ein großes, bodentiefes Fenster gibt den Blick auf den Garten frei und lässt viel Licht herein. „Erleuchtung“ wäre sicherlich ein treffender Begriff, der Webers Motivation für das Schreiben einfängt. Seit seiner Jugendzeit nämlich haben es ihm Aphorismen angetan, also jene pointiert formulierten Gedanken, als deren Vater der Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) gilt. Aphorismen stehen für sich, bedürfen keines Kontextes und sind im besten Falle in einem Satz gebannte Erkenntnisse, verschaffen dem Leser somit ein Aha-Erlebnis. Griffbereit liegt neben dem Lehnstuhl im Wohnzimmer ein Zettelblock, auf dem Weber spontane Einfälle notiert, die er nicht selten in den frühen Stunden des Tages hat. Denn zumeist steht er gegen 4 Uhr auf, genießt die ablenkungsfreie Ruhe im Haus, setzt sich hin und schreibt. „Wann die Muse einen küsst, ist nicht absehbar, man braucht Geduld. Deshalb ist es auch ungünstig, wenn mir während des Autofahrens eine Idee für einen Aphorismus kommt. Denn man muss diese eigentlich sofort notieren, sonst ist sie oftmals gleich wieder weg.“ Seit 1999 hat URI insgesamt zehn von ihm selbst illustrierte Bände mit Aphorismen veröffentlicht, davon die Hälfte im eigenen Galerie-Verlag (bis 2007). Wie kam es eigentlich dazu, frage ich, dass er einen Verlag gründete? Weber lacht verschmitzt und holt zur Erklärung zwei Taschenbücher aus den Jahren 1989 und 1990 hervor. „Ich bleibe! Alltag in der DDR“ heißt das erste, in Stuttgart im Frühling 1989 erschienene Werk. Dieses enthält – so merkwürdig es sich auch für die westdeutschen Leser damals anlassen musste – eine sehr persönliche Begründung dafür, eben nicht, wie so viele andere DDR-Intellektuelle, in jener Zeit einen Ausreiseantrag zu stellen. Mit dem Abstand von 30 Jahren lesen sich die mit nüchternem Blick auf die Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus verfassten Notizen noch immer gut, vor allem, wenn man, wie ich, seine eigene Biografie darin teilweise gespiegelt findet. Dieses Buch war erfolgreich, erschien in mehreren Auflagen und wurde sogar ins Französische übersetzt. Ganz so einfach war es im Sommer 1989 allerdings nicht für französische Journalisten, an den in Radebeul lebenden Autor heranzukommen, denn die Stasi saß Weber da längst schon im Nacken. „Wir mussten uns in Ostberlin treffen, hier wäre das nicht gegangen“, erinnert sich Weber. Im zweiten Buch, „Alltag einer friedlichen Revolution. Notizen aus der DDR“, liest man unter dem Datum 18. Dezember folgende Vermerke: „Von Ende September bis Mitte November erreichte mich keine Post mehr aus der BRD und dem Ausland. Offenbar war das Erscheinen meines Buches […] der Grund dafür. […] Die Postsperre von fast sechs Wochen stellte offensichtlich eine Strafe dar.“ Weber kommentiert diese Passage 30 Jahre später ganz nüchtern: „Wenn die Wende nicht gekommen wäre, dann hätte man mich wohl nach Bautzen ins Gefängnis gesteckt.“ Als dann im Jahr 1990 das Presse- und Verlagswesen die neu gewonnene Freiheit in der DDR für sich zu nutzten begann, war Weber einer der Ersten, der Nägel mit Köpfen machte. „Ich wollte einen Verlag für meine eigenen Bücher gründen und damit unabhängig von anderen sein. Die Behörden in Dresden waren übrigens ziemlich überfordert mit meinem Ansinnen. Aber ich ließ mich nicht beirren und gründete den Galerie-Verlag auf der August-Bebel-Straße.“ In den 1990er Jahren hatte Weber ein gutes Gespür für den steigenden Bedarf an touristischer Literatur für Dresden und das Elbland. Angesichts der heutigen Fülle an Stadtführern und thematischen Publikationen kann man sich kaum vorstellen, dass es Weber damals gelang, diese Nische fast exklusiv zu besetzen und zum Marktführer zu werden. 1994 erweiterte er seine Aktivitäten und gründete eine Ladengalerie am Meißner Dom, in dem er neben touristischen Artikeln auch Bilder befreundeter Maler wie Horst Hille oder Gunter Herrmann verkaufte. Zwischenzeitlich hatte er in seinem Verlag mehr als zehn Mitarbeiter, die sich in Radebeul, Dresden und Meißen um Produktion und Vertrieb kümmerten. Auf jene Jahre datiert Christian Weber auch die Entstehung des Künstlernamens URI, der sich vom Adjektiv „urig“ ableitet, wie er erklärt. Über Jahrzehnte war seine in der Jugendzeit schon einmal sichtbar gewordene Neigung zum Malen (sein Vater war Dresdner Architekt und Maler) unter familiären und beruflichen Pflichten verdeckt geblieben, bis sie sich schließlich wieder zeigte und Christian Weber als Erwachsener zum Malen zurückkehrte. Von seinen Malerfreunden, besonders der unlängst verstorbenen Gunter Herrmann ist da zu nennen, wurde er nachhaltig in seinen Absichten bestärkt. Inzwischen sind in den zurückliegenden gut zweieinhalb Jahrzehnten mehr als 200 Werke entstanden, von denen die meisten mit Alkydharzlack bemalte Sperrholzplatten sind. Einige davon haben den Weg in Privatsammlungen im In- und Ausland und in Galerien gefunden, vieles liegt aber auch noch wohlverwahrt zu Hause und kann von Interessenten z. B. anlässlich des Radebeuler Grafikmarktes und der Kunstmesse „Neue Art“ in Dresden erworben werden, an denen Weber seit Jahren mitwirkt. Das Malen nimmt den überwiegenden Teil seines Tages ein, erwähnt URI. Andere Senioren mögen gärtnern oder wandern, musizieren oder kochen – er malt eben tagsüber. Seine Werkstatt im Dachboden bekomme ich leider nicht zu sehen, wohl aber einen Aphorismus zu lesen, der diese Verweigerung auf hintersinnige Weise erklärt: „Nimmst du ihm sein Chaos, zerstörst du ihm seine Ordnung.“ Nicht ohne Stolz verweist Weber darauf, dass seine Aphorismen inzwischen auch im deutschsprachigen Ausland Anerkennung finden und einige seiner Geistesblitze etwa auf großformatigen Wandkalendern abgedruckt sind und dabei in ehrenvoller Nachbarschaft zu beispielsweise Oscar Wilde und Karl Kraus stehen. Tatsächlich engagiert sich Weber für die Pflege des Aphorismus und ist in dieser Rolle auch als Gründungsmitglied des Deutschen Aphorismus-Archivs in Hattingen/Ruhr bekannt – als einziger Vertreter aus Ostdeutschland übrigens.
Der Kaffee in meiner weißen Porzellantasse ist kalt geworden, so sehr haben mich Christian Webers Einlassungen zu seinem schriftstellerischen und malerischen Schaffen gefesselt. Eine letzte Frage liegt mir nach all dem Gehörten noch auf dem Herzen. Wenn er sich nun aufgrund altersbedingter Umstände einmal entscheiden müsste – Schreiben oder Malen, wofür würde sein Herz mehr schlagen? URI zögert keine Sekunde: „Für das Schreiben“. Auf dem Nachhauseweg fällt mir dazu ein Gedanke ein, vielleicht ist es ja sogar ein Aphorismus? „Doppelbegabung: auf das eine um des anderen Willen verzichten zu können.“
Bertram Kazmirowski

Tipp: “Im Osten was Neues“. Bilder von Christian Uri Weber. Stadtbibliothek Radebeul. Galeriegespräch und Lesung am 17. September, 19 Uhr, Ausstellung bis 24. Oktober.

„Tag des Offenen Denkmals 2019“ am 8. September

„Tag des Offenen Denkmals 2019“

am 8. September

Aktuelle Ansicht der Produktionshalle ZERMA

In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“. Auch der „Tag des Offenen Denkmals“ konnte sich mit der Wahl des Mottos nicht dem 100-jährigen Jubiläum der Gründung der Hochschule „Staatliches Bauhaus in Weimar“ 1919 entziehen. Verständlich, denn längst sind unter den Denkmälern zahlreiche Gebäude der „Moderne“ zu finden – zum Unverständnis oder Leid des einen oder anderen Freundes des „Tages des Offenen Denkmals“.
Dabei wünschte man sich heute eine Ausbildung von Architekten, die bildende, darstellende und angewandte Kunst zeitgemäß miteinander verbindet wie es im Bauhaus gelehrt wurde. Eine Ausbildung für Visionen und nicht für die rasche Abarbeitung von Bauherrenwünschen – gerne auch eine Schule „der Gesellschaft“ für Angemessenheit, Maßstäblichkeit, Farbe und Material.
Die Stiftung Deutsche Denkmalpflege zielt mit Ihrem Motto nicht unmittelbar auf Denkmäler der „Moderne“ – vielmehr lässt sie sich vom Begriff inspirieren. Sie möchte anregen am 8. September, bei jeglichem Denkmal nach Elementen zu suchen, die zur Zeit ihrer Errichtung oder bei späteren Umbauten „modern“ waren – also nicht den Traditionen entsprachen.
Dies können neue Stilelemente und Schmuckformen sein wie wir sie an Jugendstil- oder Werkbundhäusern heute bewundern und lieben. Es sind aber auch technische Neuerungen, die wir heute nicht mehr missen möchten – sei es eine Heizungsanlage, das „WC“ oder die heute altmodischen Kastenfenster. Nicht zuletzt sollte die Suche neuen Materialien und Konstruktionen gelten. Hier muss ich unwillkürlich an die Lamellendachkonstruktion des Luthersaales in im Pfarrhaus Altkötzschenbroda denken – ein wahrhaftig konstruktiv-ästhetisches Kleinod!
Wir möchten Sie am 8. September einladen, in der Produktionshalle der ehemaligen Radebeuler Maschinen­fabrik August Koebig & Co sowohl moderne bauliche Konstruktionen und Arbeitsstätten der Jahr­hundertwende zu entdecken, als auch am anstehenden „Umbruch“ für zukünftige Nutzungen teilzuhaben.

Bauernhaus, Radebeul-Naundorf

Im kleinen Bauernhaus in Radebeul-Naundorf ist der „Umbruch“ weitestgehend abgeschlossen. Sehr liebevoll wurde hier mit traditionellem „Lehm“ ökologisch und in individueller „moderner“ Formensprache der Innenausbau gestaltet. Da das Objekt nur eine sehr begrenzte Besucherzahl aufnehmen kann, ist eine vorherige Anmeldung leider zwingend notwendig.
Ebenfalls abgeschlossen ist der „Umbruch“ im Bismarckturm, was unserem Verein besonderen Stolz und Erleichterung verschafft. Der eine oder andere mag bedauern, dass nicht der selbstbewusst moderne Entwurf mit der „Krone“ umgesetzt wurde. Dennoch sind wir auf die neue Treppe und den herrlichen Ausblick gespannt.
Ganz traditionell öffnet das Museum der Hoflößnitz am „Tag des Offenen Denkmals“ kostenfrei seine Türen und lädt zu Kuratoren-Führungen ein.
Ein recht herzlicher Dank gilt an dieser Stelle schon allen Mitstreitern des Tages!

Katja Leiteritz

 

Alles, was möglich war, hat er geschafft

Erinnerungen an den Radebeuler Maler und Grafiker Gunter Herrmann

Gunter Herrmann vor 1990, Nachlass G. Herrmann

Die Stühle in der kleinen Kapelle haben nicht gereicht für alle, die gekommen waren, um am 26. Juli auf dem Friedhof in Radebeul-West von Gunter Herrmann Abschied zu nehmen. Und es schien, als würde die Trauergemeinschaft auch ein wenig Abschied von einem Lebensgefühl nehmen, welches die kulturelle Atmosphäre in der Lößnitz seit Generationen nicht unwesentlich mitgeprägt hat.

Gunter Herrmann wurde am 7. August 1938 in Bitterfeld geboren. Bitterfeld klingt nach „Bitterfelder Weg“. Doch seinen Weg zur Kunst fand der begabte junge Mann über andere Wege. Aufgewachsen in Jessnitz, zog es ihn unmittelbar nach dem Abitur in die Stadt Radebeul. Dort arbeitete er von 1956 bis 1958 als Praktikant im Malsaal der Landesbühnen Sachsen. Das Theater hatte für seine Mitarbeiter in Zitzschewig auf dem Knollenweg 8 im Haus des verstorbenen Landwirtschaftrates Carl Pfeiffer (1872 – 1946) einige Zimmer angemietet. Als die Kostümbildnerin Erika Simmank – Gunter Herrmanns älteste Künstlerfreundschaft – 1957 den angehenden Bildhauer Hellmut Heinze heiratete, durfte er deren frei gewordenes Zimmer beziehen.

Gunter Herrmann »Raucher«
(Wolfgang Opitz),
1984, Sandreservage Repro: K. (Gerhardt) Baum

Das Schicksal nahm seinen glücklichen Lauf. Pfeiffer hatte neben dem Haus auch einen Weinberg angelegt, der nach seinem Ableben von der ehemaligen Wirtschafterin Magdalena Schlegel (1889–1962) betreut wurde. Vor allem Künstler unterstützten sie dabei. Während sich die älteren eher zur Weinlese eingefunden hatten, halfen die jüngeren bei den schwereren Arbeiten. Der „Pfeiffersche Weinberg“ war also ein Ort, wo sich alte und junge Künstler begegneten und so manche „Weiche“ gestellt worden ist. Gunter Herrmann lernte hier u.a. die drei bedeutenden Vertreter der „Dresdner Malkultur“ kennen: Paul Wilhelm (1886–1965), Karl Kröner (1887–1972) und Theodor Rosenhauer (1901–1996).

Wie für so viele „Nicht-Arbeiter- und Bauernkinder“ gestaltete sich auch für Gunter Herrmann die Aufnahme an der Kunsthochschule schwierig. Von Leipzig erhielt er eine Ablehnung, in Dresden hat vermutlich Rosenhauer etwas nachgeholfen. Die Immatrikulation erfolgte 1958. Doch aus politischen Gründen brach er das Studium 1961 vorzeitig ab. Statt den Sozialismus zu illustrieren, schlug er sich lieber als Hilfsarbeiter durch. Aus jener Zeit ist folgende Anekdote überliefert: Nach dem Studienabbruch arbeitete Gunter Herrmann in einer Gärtnerei. Deren Besitzer beauftragte den ehemaligen Kunststudenten damit, von seiner Frau ein Porträt zu malen. Stunde um Stunde saß die alte Gärtnersfrau Modell. Schließlich war das Werk fertig. Doch der Auftraggeber meinte: „Ich hätte ihnen 1.000 Mark gegeben aber Sie haben weder die Güte, noch die Schönheit, noch die Vortrefflichkeit meiner Frau erfasst…“
Angemerkt sei hier, dass Gunter Herrmann später viele wunderbare Porträts geschaffen hat wie zum Beispiel von der Tochter Clara oder den Künstlerfreunden Wolfgang Opitz und Klaus Liebscher. Das Entscheidende war wohl für ihn, dass zu den Porträtierten eine innere Beziehung bestand.

Plakat von Gunter Herrmann mit dem Motiv »Weinberg und Steinbruch«, 1981, Materialreservage Repro: K. (Gerhardt) Baum

Auf Anraten seines ehemaligen Dozenten Rudolf Bergander (1909–1970) bewarb sich Gunter Herrmann beim Verband Bildender Künstler. Bürge war kein geringerer als Paul Wilhelm. Die Aufnahme 1962 bedeutete für ihn ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit, konnte er doch Aufträge annehmen und sich an Ausstellungen beteiligen.

Über Vermittlung von Heinrich Magirius, der im Institut für Denkmalpflege arbeitete, eröffnete sich für Gunter Herrmann die Möglichkeit zum Restaurieren. Von 1964 bis 2000 war er vor allem auf dem Gebiet der Wandmalerei tätig und als Fachmann sehr geschätzt. Maßgeblich wirkte er u. a. an Baudenkmälern wie der Schlosskirche Moritzburg, dem Schloss Pillnitz, dem Stallhof des Dresdner Residenzschlosses sowie dem Berg- und Lusthaus Hoflößnitz mit. Durch die Aufträge in der Denkmalpflege war er als Künstler finanziell unabhängig. Die eigenen Arbeiten entstanden fortan parallel. Im Winter im Atelier und im Sommer zumeist vor Ort.

Der Kontakt zu Kröner, Wilhelm und Rosenhauer ist über all die Jahre nie abgerissen. Herrmann schätzte das Geradlinige der älteren Malergeneration, auch kamen ihm deren künstlerische Auffassungen sehr entgegen. In der propagandistisch aufgeladenen Lautheit der damaligen Zeit wirkten sie wie stille Inseln. Vor allem Karl Kröner nahm besonderen Anteil an der Entwicklung des jungen Kollegen. 1972 stellten sie gemeinsam im Köpenicker Pädagogenclub aus. Für Kröner sollte es die letzte Ausstellung sein.

Gunter Herrmann »Abend«, 2003, Sandreservage, limitierte Sonderedition zum 25. Radebeuler Grafikmarkt Repro: K. (Gerhardt) Baum

Seine spätere Frau Christiane lernte Gunter Herrmann im Palastkino von Radebeul-West kennen. Beide waren Mitglieder des dortigen Filmclubs. Sie heirateten 1967. Die Tochter Clara wurde 1968 geboren.
Unmittelbar nach Kröners Ableben bezog die junge Familie das so genannte Turmhaus im Grundhof auf der Paradiesstraße 68. Vor Karl Kröner hatten hier bereits Wilhelm Claus (1882–1914) und Paul Wilhelm gewirkt. Das neue Domizil bot ausreichend Platz zum Wohnen und Arbeiten. Schon bald herrschte wieder ein reges Kommen und Gehen. So blieb der Grundhof ein wichtiger Anlaufpunkt für die unterschiedlichsten Künstler.

Gunter Herrmann lies sich weder politisch vereinnahmen, noch künstlerisch bevormunden. So stellte
er in den 1960er und 1970er Jahren in Dresden auch im Hinterhofatelier von Wolfgang Opitz auf der Hechtstraße 25, dem Leonhardi Museum und der Galerie Nord aus, wohl wissend, dass die dortigen Aktivitäten sehr misstrauisch beargwöhnt wurden.

Die Namen aller befreundeten Künstler aufzuzählen ist kaum möglich. Dass einer aus diesem Kreis der damaligen Freunde – Ralf Winkler – unter dem Künstlernamen A.R. Penck (1939–2017) einmal internationale Bedeutung erlangen würde, hätte sich damals keiner vorstellen können.

Gunter Herrmann »Atelierhaus« (Turmhaus), 2008, Sandreservage-Umdruck Repro: K. (Gerhardt) Baum

Gunter Herrmann nahm sich selbst nicht so wichtig. Er hatte einen feinen Humor. Der Umgang mit ihm war angenehm, weil es ihm immer um die Sache ging. Er war ein aufmerksamer Zuhörer, ließ anderen Menschen Raum und gab sein Fachwissen als Maler, Grafiker und Restaurator ohne Eigennutz großzügig weiter. Er bürgte für den Maurer Horst Hille (1941–2015), so dass dieser eine Chance bekam als Autodidakt, in den Verband Bildender Künstler aufgenommen zu werden. Er war der Mentor von Ralf Kehrbach und Peter PIT Müller. Auch setzte er sich gemeinsam mit anderen Künstlern dafür ein, dass in Radebeul eine städtische Galerie entstehen konnte und arbeitete von 1982–1990 in deren Beirat mit. Nach 1990 engagierte er sich im Vorstand des Sächsischen Künstlerbundes.

Das Besondere an Gunter Herrmanns Kunst wurde bereits in zahlreichen Publikationen treffend beschrieben. So bemerkte der Dresdner Galerist und Kunstkritiker Gunter Ziller 1988 in einem Katalog, dass „Gunter Herrmann durch die Bekanntschaft mit vielen Künstlerfreunden in ständigem Kontakt mit der Avantgarde der Gegenwart gestanden habe, doch folgte sein Werk anderen Gesetzen“ und weiter heißt es dort, dass in Herrmanns Arbeiten noch „die Mystik des Materials und der Natur wohnt aus der wir kommen und in die wir gehen“.

Gunter Herrmanns Experimentierfreudigkeit führte sowohl auf malerischem als auch grafischem Gebiet zur Entwicklung neuer, für sein Schaffen charakteristischer Techniken, die ihm nicht als Selbstzweck sondern zur Steigerung der Ausdruckskraft dienten. So verarbeitete er in seinen Bildern u. a. farbige Sande, die er in den verschiedensten Landschaften vorgefunden hat. Mittels Materialreservage, einer Art Aquatinta-Technik, erzielte er malerische Tonabstufungen bis hin zur Auflösung der Fläche. In der Malerei wiederum setzte er auch zeichnerische Elemente ein.

Die geschundenen Tagebaulandschaften aus Gunter Herrmanns Kinder- und Jugendzeit stehen im starken Kontrast zur lieblichen Kulturlandschaft der Lößnitz. Allerdings gehen seine Landschaftsbilder über das bloße Abbild hinaus. Es sind Metaphern, die sich demjenigen erschließen, der bereit ist, sich darauf einzulassen. Auf das Wesentliche verknappt, kommt die Ambivalenz des Zerstörens und Gestaltens bereits in der Grafik „Weinberg und Steinbruch“ von 1981 sehr deutlich zum Ausdruck. Dass das Bild „Mahnmal einer Landschaft“ aus dem Jahr 1984 für einen umweltpolitischen Eklat gesorgt hat, ist aus heutiger Sicht wohl kaum zu verstehen. Auch die gesellschaftliche Umbruchsituation lässt Gunter Herrmann nicht unkommentiert. Mit der Grafik „Vorwärts – und vergessen“, die im Jahr 1990 entstanden ist, spielt er ironisch darauf an, dass sich alles wiederholt. Es gibt kein Entrinnen.

Die Besuche im Grundhof wurden von vielen Menschen als anregend und beglückend empfunden. Sobald man die unscheinbare hölzerne Pforte auf der Paradiesstraße durchschritten hatte, eröffnete sich eine andere Welt, der die Zeit fast nichts anhaben konnte. Architektur, Natur und Kunst waren hier aufs Harmonischste vereint.
Der Radebeuler Künstler Peter PIT Müller sagte einmal sehr schön: „Ich war nie nur bei Gunter, sondern immer auch bei Christiane“. Für Gäste standen die äußeren Türflügel des Turmhauses wie Arme zu einer besonders herzlichen Begrüßung weit offen und beim Betreten der Räume fühlte man sich von einer wunderbaren Atmosphäre umfangen, gespeist aus Tradition und Inspiration.

Damit, dass Gunter Herrmann sein Leben in diesem Refugium beenden konnte, hatte sich für ihn ein oft geäußerter Wunsch erfüllt. Er starb am 26. Juni, wenige Wochen vor seinem 81. Geburtstag. Bleiben wird sein Werk und für alle, die ihn kannten, die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Menschen.

Wie sehr die Stadt Radebeul den Maler, Grafiker und Restaurator Gunter Herrmann schätzt, lässt sich daran ermessen, dass er 1998 gemeinsam mit dem Maler und Grafiker Günter Schmitz (1909–2002) mit dem ersten Radebeuler Kunstpreis, welchen die Lößnitzstadt nach dem gesellschaftlichen Umbruch verliehen hat, ausgezeichnet wurde. Wichtig ist nun, dass Werke von Gunter Herrmann auch weiterhin öffentlich zugängig sind, damit sich möglichst viele Menschen an seiner Kunst erfreuen und diese immer wieder neu entdecken können. Die Radebeuler Stadtgalerie wird ihren Beitrag dazu leisten und 2020 eine umfassende Retrospektive zum Schaffen von Gunter Herrmann zeigen.

Karin (Gerhardt) Baum

Mit Thomas Rosenlöcher poetisch durch das Jahr

Zum 4. Mal X-JAZZ in Radebeul –

ein Stimmungsbericht

Mitten im heißesten Juni der Wetteraufzeichnungsgeschichte konnte man zum nunmehr 4. Mal die heiße X-JAZZ Edition Radebeul erleben.

Dynamite-booking unter Federführung Björn Reinemers organisierte ein wunderbares 3-tägiges Festival mit Künstlern von jüngstem Nachwuchs bis zu berühmten Altmeistern des Jazz.

»Schirmherr« Günter Baby Sommer in der Lutherkirche
Foto: U. Kunze


Es begann am Freitag wie immer in der gastfreundlichen Lutherkirche unter Schirm(in wahrsten Sinne des Wortes)-Herrschaft von Günter Baby Sommer mit einem ungewöhnlichen Quintett der „Quintravers“. 5 Musikerinnen mit 5 Querflöten ließen den Raum auf magische Weise mit viel Witz und Tiefsinn musikalisch erleben.

Der zweite Teil des Abends war der erste Höhepunkt des Festivals mit der Kombination vom dänischen Jazzmusiker Jesper Løvdal und dem Gitarrengenie Uwe Kropinski ( die taz, berlin schreibt über ihn: „Kropinski ist kein Gitarrist, der Mann ist eine Gitarre!“).

Es waren wahre Inszenierungen die da stattfanden und ich wünschte mir an manchem Theaterabend eine ähnliche Spannung! Leider war das wohl zu wenigen Menschen bewusst – es hätte rammelvoll sein müssen!

Schnappschuss
Foto: U. Kunze


Der Sonnabend im Weingut Aust, immer mit bangem Blick auf die Wetterapp erwartet, hatte die Sonne in diesem Jahr die gesamten Hundstage eines Augusts schon im Juni über die Lößnitz geworfen. Und keinem konnte man ein X für ein U vormachen. Es war ein wunderbarer Nachmittag und Abend. Das Konzept mit den zwei Bühnen und den etwa halbstündigen Sessions der verschiedenen Bands bewährte sich und auch die leibliche Versorgung war auch sehr gut organisiert und schmackhaft.

Das Horst Hansen Trio, das Arne Jansen Trio, Kristin Amparo im Duo mit voller bekannter Stimme, aber dieses Mal mit vielen leisen Zwischentönen, Nouk mit der Sängerin Anna-Lucia Rupp mit lautmalerisch-verführerischen Klangwelten, das SKlation Trio—sehr junge dynamische experimentelle Musik – z.T. noch Gymnasiasten – die sich in den Unterricht von GBS geschlichen hatten und die er mit Aufmerksamkeit verfolgt.

Auffallend: es waren alles hinreißende Sängerinnen (nicht mit Gender * ) – dieses Jahr insgesamt eine eher nachdenklich harmonische Grundstimmung – wie ein flirrender Sommertag.

Eine Sängerin ist sie ja auch, aber schon eher ein Gesamtkunstwerk- Anna Mateur & The Beuys hatte am Abend ihre ergänzende „Gegenveranstaltung“ auf der Hauptbühne der Landesbühnen Sachsen.

Hinweisen möchte ich unbedingt auf die Möglichkeit, dem neuen Radebeuler Kultur e.V.

als Mitglied, Förderer oder Sponsor beizutreten. Es wurden beim Festival Flyer verteilt und es wird in einem der nächsten Hefte ein Artikel darüber erscheinen oder ist auf der Webseite zu erkunden.

»Anna Mateur« begeisterte in den Landesbühnen Sachsen
Foto: U. Kunze


Am Ende des Abends im Weingut Aust gab es eine Lesung von Micha Heuser, der als Schauspieler der Landesbühnen Sachsen schon viele Lesungen selbst konzipiert hatte und Tom Wlaschiha (International bekannt durch die Rolle des Jaqen H’ghar in der Fernsehserie Game of Thrones.)

Am Sonntag gab es im Kulturbahnhof ein kostenfreies Nachmittagskonzert des Richard Ebert Quintetts und als Abschluss der Höhepunkt im Weingut Haus Steinbach mit dem Trio Urknall. JAZZ und Wein, auch hier eine hervorragende Kombination!

Die Initiatoren: Hannes Fröhlich, Björn Reinemer, Jean Paul Mendelsohn (v.l.n.r.)
Foto: U. Kunze


Der Schirmherr hatte – und brauchte auch – keinen Schirm, aber an seiner Seite zwei Vollblutmusiker: Micha Winkler bläst und witzelt auf Posaune,Tuba und Didgeridoo und Thomas Morgenstern kann sogar Baby Sommer wehmütig auf die Zeit des ungeliebten „Quetschkommode üben müssen“ blicken lassen: „Ach hätte ich nur weiter geübt.“ sinnierte er in Hochachtung vor seinem Musikerkollegen.

Aber unbestritten können wir alle froh sein, dass er sich „dem Trommeln“ verschrieben hat, denn er bringt wirklich alles zum Klingen und fasziniert schaut und hört man der Intensität, dem Humor und auch der strengen disziplinierten Rhythmusmaschine zu.

Ein herrliches Wochenende, ein großes Dankeschön an das Team und große Vorfreude aufs nächste Jahr vom 5.-7. Juni 2020.

Ulrike Kunze

Fotonachweis:

Foto 1,2,3 Ulrike Kunze
Foto 4 Gabriele Reinemer
Foto 5,6 Richard Ritzkowski

Bacchus TONangebend

Zur Ausstellungseröffnung am 21. Juni in der Hoflößnitz

Er ist jung und schön.

Er trägt Weinlaub um die Schultern und Efeu im Haar.

Er ist trunken von der Liebe schöner Frauen und vom Wein.

Er liebt den Gesang und er liebt das Leben.

Er läßt längst abgestorbene Äste ergrünen.

Er treibt die Blätter auf die Bäume und die Trauben in die Kelter.

Er füllt den Becher Tag um Tag:

Bacchus, der lärmende, efeubekränzte leuchtende Sohn des Zeus und der Semele,

Bacchus, der Gott, der trotz Glyphosat, trotz Flächenversiegelung, trotz Flammenwerfereinsatzes gegen Grashalme und ungezählter anderer menschlicher Unsinnigkeiten dem Leben die Kraft gibt, Jahr um Jahr neu zu erblühen,

Bacchus, der Gott, der den Ton angibt;

Nimmer wird man seiner vergessen, wenn süße Gesänge erklingen.

Es liegt Begeisterung in der Luft, Überschwang, wo auch immer von ihm die Rede ist. Auch Ines Hoferick, die Keramikerin, fand ihn tonangebend, als sie begann, sich auf ihre Ausstellung hier im Berg- und Lusthaus Hoflößnitz vorzubereiten.

Das war ein Wagnis.

Ines Hoferick mit »Bacchantin«
Foto: I. Meffert (Rechte Stiftung Hoflößnitz)


Wer sie kennt – und wer kennt sie nicht –, kennt sie selbst als tonangebend. Seit fünfundzwanzig Jahren ist ihr Studio mehrmals in der Woche angefüllt mit lachenden, heiteren Menschen – überwiegend Frauen – die unter den wachen Blicken ihrer großen dunklen Augen mit Begeisterung und beiden Händen in den Ton greifen wie ins Leben und immer wieder neue Möglichkeiten finden, sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes auszudrücken.

Und so also, wie Ines in den vielen Jahren gelernt hat, auf die Menschen zu und mit ihnen umzugehen, so ist sie auch auf der herrlichen Semele Sohn zugegangen, den Augenherrlichen, wie der unsterbliche Homer ihn nannte, und sie hat ihn sich zum Kollegen gemacht:

Dein ist das Leben, hat sie zu ihm gesagt, dein ist der Frühling, das Blühen, alles, was ich liebe, ist dein, aber mein ist die dunkle Erde, aus der alles gemacht ist.

Hier sitz ich, hat sie zu ihm gesagt, forme Figuren nach meinem Bilde, bilde nach, was der Ton mir vorgibt; denn die Form schläft seit langem im Ton, die Keramikerin muß sie nur finden. Es ist begeisternd, mit welcher Sicherheit, Ines dem Ton seine Form ablauscht und mit welchem Feingefühl ihre Hände sie bildend freilegen.

Willst du also, Traubenumrankter, hat sie zu ihm gesagt, tatsächlich tonangebend sein, dann bitte, setz dich zu mir und greife gleich mir hinein in die bildbare Erde.

Und siehe, der Gott nahm die Einladung an.

Und siehe, er hatte seinen Spaß daran, denn er ist überall zu Hause, wo Freude ist.
[…]
So sehe ich den ewig Unfaßbaren bei Ines im Studio sitzen, schön umfliegen die Locken dunkel sein Haupt, inmitten hellklingenden Stimmengewirrs lachender Frauen, und an seinem Bilde formen, denn jede Kunst ist Ausdruck des eigenen Wesens. […]

Mit der Kunst, die sie wählte, gibt nun Ines ihrerseits einen beredten Einblick in ihr Wesen. Es ist eine Kunst, die des Feuers bedarf, eines Feuers freilich, das Bestehendes nicht zerstört, sondern Vergänglichem Dauer verspricht.

»Kühlender Weinkönig«
Foto: I. Meffert (Rechte Stiftung Hoflößnitz)


Bei Temperaturen, die 1000° Celsius weit überschreiten, verändert sich alles. Die Kristalle an den Korngrenzen des Tons öffnen sich und verbinden sich untereinander. Zusätzlich werden sie durch mögliche glasige Anteile verkittet. Der Vorgang ist unumkehrbar: Aus Ton kann jederzeit Keramik werden, aus Keramik wird nie wieder Ton. Dafür besitzt die Keramik nun einen eigenen Ton: Eine Tasse klingt, wenn ein Löffel dagegen schlägt.

So gehören also drei zu einem guten Klang: Ines und Bacchus geben den Ton an, Keramik gibt den Ton ab.

In den fünfundzwanzig Jahren ihres tonangebenden Wirkens im Zusammensein mit kleinen und großen Kursteilnehmern ist Ines von der Anfängerin über die Handwerkerin zur Künstlerin gereift. Lange Zeit hat sie sich gegen die Bezeichnung Künstlerin verwahrt – in erster Linie wollte sie ihr Handwerk gut ausführen und ihr Wissen und Können an andere weitergeben. Der Handwerker unterwirft sich das Werkstück, er zwingt dem Ton, dem Holz oder dem Metall seinen Willen auf. Der Künstler hört auf das Material und lauscht ihm seinen Willen ab. Die Kunst besteht darin, mit dem Material eine Gemeinschaft zu bilden.

Handwerk aber ist die Grundlage jeder Kunst.

Zudem ist Hand-Werk – hier liegt die Betonung auf Hand! – ein ursprünglicher Ausdruck menschlichen Seins. Ines spürt es in ihren Kursen immer deutlicher: je weniger im digitalisierten Alltag die Hände gebraucht werden, um so dankbarer nehmen die Menschen die Gelegenheiten wahr, sie anderweitig zu benutzen. Wenn Hände in Bewegung geraten, wenn sie in Ton greifen können, die Vielfalt ihrer Sinnfälligkeit nutzen, lösen sich Spannungen im Kopf. Diese zwei Stunden in der Woche, in denen Bürofrauen vom zweidimensionalen Bildschirmdasein mit eigenen Händen dreidimensionale Dinge schaffen können, wirken Wunder. Ärzte sollte Handarbeit verschreiben, bevor es zu spät ist. Erzieher sollten Kindern den Wischomaten aus der Hand nehmen und ihnen stattdessen Holz oder eben Ton zum Bearbeiten geben. Pfleger sollten Senioren Aufgaben stellen, die mit den Händen zu bewältigen sind. Denn die Fingerfertigkeit, die Verbindung von Kopf und Hand hat nicht nur eine wichtige Rolle in der Anthropogenese gespielt, sie bildet heute noch ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Menschen und Tieren.
[…]
Homer, der blinde Sänger aus dem felsigen Chios, hatte Freude an den Musen, weil sie ihn schon in der Mitte des achten vorchristlichen Jahrhunderts das Lob singen ließen des traubenumrankten Bacchus und seines Gefolges. So tonangebend dieser auch war und vielleicht immer noch ist, wir alle hier möchten, glaube ich, auf die Keramikerin nicht verzichten, die seit fünfundzwanzig Jahren einen ganz eigenen Umgang mit den Musen pflegt. Was entsteht, wenn klar ist, wer den Ton angibt, zeigt diese Ausstellung.

Thomas Gerlach

Die Ausstellung »Bacchus TONangebend – Keramiken von Ines Hoferick« ist noch bis 25. August 2019 im Sächsischen Weinbaumuseum Hoflößnitz in Radebeul, Knohllweg 37, zu sehen, geöffnet Di-So 10 bis 18 Uhr.

„Häuser und ihre Besitzer“

„Zu Besuch in der Villa der Familie Fuchs – „Villa Annabella“,
Lößnitzgrundstraße 41-43

„Dem Himmel ein Stück näher“ fühlt man sich, wenn man von der Terrasse der „Villa Annabella“ besonders an heiteren Abenden ins Überelbische schaut, dann, wenn das Licht die Einzelteile der Landschaft zusammenzieht und vom Tal nur das Rauschen der Baumwipfel zu spüren ist. Ab und zu erinnert dann ein kurzes Pfeifen der Lößnitzgrundbahn daran, das es da unten noch eine andere Realität geben muss.

Das Licht und die Sicht musste man sich als Besucher aber erst einmal erarbeiten, fast 100 Stufen steigen oder den neu angelegten Serpentinenweg nehmen, der an einem warmen Maientag auch nicht ohne Anstrengung war.

Hausherr Hendrik Fuchs
Foto: G. u. H. Täubert


Der Hausherr und Bauunternehmer Hendrik Fuchs, war uns als Gastgeber pünktlich leichtfüßig entgegengekommen und bereitete uns freundlich auf die kommende Anstrengung vor. Diesen Weg war er schon hunderte Male gegangen, ihm machte das Hinauf- oder Hinuntersteigen nichts mehr aus.

Er selbst hatte in den letzten zwanzig Jahren ganz andere Hürden nehmen müssen. Die größte stellte sich ihm gleich im Jahre 1997, als ihm, dem jungen Bauunternehmer, das verfallene und zugewachsene Grundstück, das sich über den ganzen Hang bis hinauf zum Spitzhausweg zog, zum Kauf angeboten wurde.

Frau Gay, die letzte Besitzerin und Erbin war 96-jährig gestorben und das Grundstück stand zum Verkauf. Alle Bekannten und Verwandten rieten ihm von dieser Unternehmung ab. Tilo Kempe, der Architekt und Freund, war der einzige, der nicht fassen wollte, dass man bei so einem Angebot noch zögern konnte.

Die Frage, kannst Du Dir das leisten, stellte er nicht. Er wusste, dass es 26 Erben, die weit und nicht nur über Deutschland verstreut waren, gab, und er nicht über ein großes Vermögen oder über Erbschaften verfügte. Er wusste aber auch, dass er den Mut, die Fähigkeiten und die Möglichkeiten besaß, das weitläufige Landgrundstück zu beherrschen, es komplex zu sanieren und ihm wieder zu altem Glanz zu verhelfen – ein Traum, den schon in ähnlicher Weise Karl Helmer, der Erbauer der Villa, vor hundert Jahren in Dresden geträumt haben musste.

Zu Besuch in der »Villa Annabella«
Foto: G. u. H. Täubert


André Schröder, mit dem ich diese Veranstaltung vorbereitete, schrieb mir zu diesem Sachverhalt:

„Der Bauherr, der Schlossermeister Karl Helmer und später sein Sohn, besaßen in Dresden auf der Carolastraße 10, ein großes Mehrfamilienhaus mit einer Werkstatt im Hintergebäude. Im Firmenverzeichnis des Adressbuches von 1896 zeichnet er sich noch mit anderen Gewerken aus. So dürften viele Arbeiten aus seiner Hand und in Eigenregie in den Bau eingeflossen sein.

Der Baumeister Hans Wallbaum aus Neukaditz wird in den Adressbüchern als Zeichner und dann als Bautechniker beim Städtischen Tiefbauamt angegeben. Trotzdem bleibt mir immer ein Rätsel, wie solche Vermögen in den Gründerjahren erwirtschaftet wurden. Die Villa kam in den dreißiger Jahren des 20. Jh. in den Besitz des Bücherrevisors Max Gay. Seine Tochter wohnte und lebte bis in die neunziger Jahre hochbetagt auf diesem Grundstück.“

Foto: G. u. H. Täubert


Ich kannte den Vater und die Tochter Gay auch. Sie waren oft bei meiner ehemaligen Hauswirtin, Frau Kohls, auf der Lößnitzgrundstraße 9 zu Gast.

Den Gays schrieb ich aber immer nur das Bedienstetenhaus über der großen Mauer als Wohnstätte zu. Eine Villa mit Turm vermutete ich in ihrem unübersichtlichen Gelände nie. Fräulein Gay wohnte tatsächlich bis zuletzt in ihrem Haus. Wie viele Male mag die kleine, zierliche Frau in ihrem Leben den steilen Weg zur Villa hinaufgegangen sein, immer den großen spitzen Turm als Ziel vor sich und jedesmal noch ein paar Kohlen im Gepäck.

Jetzt ist das Grundstück noch immer etwas verwunschen, aber es gibt gepflegte malerische Kies-, Sand- oder Steinwege und sogar mit Beleuchtung, eine Fahrstraße, einen Brunnen, Blumenrabatten und schöne Rasenflächen.

Mit der Übernahme durch die Familie Fuchs nach 1998 wurden alle Außenanlagen nach historischen Plänen saniert und technisch modernisiert und vor allem auch die Villa wieder bewohnbar gemacht.
Diese Aufgabe übernahm 1998 Tilo Kempe, der inzwischen verstorbene Radebeuler Architekt und Freund des Gastgebers. Ihm lag bei allen seinen Werken immer die Erhaltung der originalen Bausubstanz und die Wiederverwendung vorhandener Materialien am Herzen. Unter seiner Leitung wurde nicht nur der Hausschwamm beseitigt, sondern auch die Turm- und Dachdeckung aufwendig restauriert, die alten Wand-, Türen- und Glasmalereien im Innenraum freigelegt und die Fußböden restauriert. So viel an besonderer Dekoration und künstlerischer Ausstattung in diesem Haus hatte keiner von uns erwartet und auch nicht so ein nett dekoriertes Abendessen. Das lud natürlich zum Bleiben ein und wir genossen das Essen, den Wein, das Wetter, die anfangs beschriebene freie Sicht und das Gefühl, hier dem Himmel wirklich ein Stück näher zu sein.

Gudrun Täubert

Käthe-Kuntze-Gedenkausstellung

Auf den Spuren einer fast vergessenen Künstlerin aus der Niederlößnitz

Bereits 1998 hatte die Stadtgalerie unter dem Motto „Spurensuche“ eine neue Ausstellungsreihe ins Leben gerufen. Zum Auftakt wurde an die Radebeuler Künstler Käthe Kuntze (1878–1969) und Gustav Neuhaus (1876–1949) erinnert. Allerdings lagen zum damaligen Zeitpunkt nur wenige Informationen über Werdegang und Lebensumstände beider Künstler vor. Die Hoffnung, Hinweise von kunstinteressierten Bürgern zu erhalten, sollte sich auf indirektem Wege in Bezug auf Käthe Kuntze schließlich mehr als erfüllen.

Käthe Kuntze »Villa Hohenberg«, 1908, Farbholzschnitt / Sammlung Protzen

Doch wie kam es nun zu dieser Personalausstellung mit den vielen erstmalig in Radebeul präsentierten Werken von Käthe Kuntze?

Alles begann damit, dass Dr. Maren Protzen, welche im Raum Hamburg lebt, im Monatsheft „Vorschau und Rückblick“ (Ausgabe 10/2017) den Beitrag „Das Wissen wächst mit der Sammlung“ über die Jubiläumsausstellung zum 25jährigen Bestehen der Städtischen Kunstsammlung Radebeul gelesen hatte, auf den Namen Käthe Kuntze stieß. Daraufhin nahm sie 2017 Kontakt zur Radebeuler Stadtgalerie auf, stellte sich als Mitglied des weit verzweigten Familienverbandes Kuntze vor und erklärte, dass die Malerin und Grafikerin Käthe Kuntze die Schwester der bereits im Jahr 1966 verstorbenen Urgroßmutter ihres Mannes war und man vor geraumer Zeit damit begonnen habe, alles zu sammeln bzw. zu recherchieren, was mit Käthe Kuntze in Beziehung stand. Auch hatte der Schwiegervater eine Mappe mit Arbeiten von Käthe Kuntze über mehrere Jahrzehnte sorgsam aufbewahrt.

Käthe Kuntze »Selbstbildnis«, o.J., Aquarell / Sammlung Protzen

Bereits während des ersten Gesprächs wurde die Möglichkeit angedacht, im 50. Todesjahr der Künstlerin eine Gedenkausstellung zu zeigen, doch der Weg bis dahin war noch weit.

Eine wichtige Spur führte nach Chemnitz. Die Chemnitzer Kunstsammlung besitzt ein Bildnis von Käthe Kuntze, welches die befreundete Karl-Marx-Städter (heute Chemnitzer) Künstlerin Martha Schrag (1870–1957), im Jahr 1906 von ihr gemalt hatte. In der Monografie „Gemalte Sehnsucht“ über die Chemnitzer Malerin und Grafikerin Marta Schrag geht der Autor Ralf W. Müller auch auf deren Beziehungen zu verschiedenen Künstlern ein. Die Freundschaft mit Käthe Kuntze ist in einem Briefwechsel beider Frauen belegt. Sowohl die Monografie als auch die Briefe ermöglichten viele interessante Rückschlüsse auf die Biografie von Käthe Kuntze. Nach gegenwärtigem Erkenntnisstand lässt sich das Leben und Wirken dieser fast vergessenen Künstlerin wie folgt beschreiben:

Als Käthe Kuntze, die einer angesehenen Bankiersfamilie entstammte, am 3. August 1878 in Dresden geboren wurde, war noch nicht abzusehen dass sie einmal vier Gesellschaftssysteme und zwei Weltkriege durchleben würde. Im Jahr 1900 ließ der Vater Albert (Friedrich Arthur) Kuntze (1842–1933) in der Niederlößnitz auf dem Grundstück Hohenzollerstraße 14, der späteren Rolf-Helm-Straße bzw. heutigen Oberen Bergstraße – also in bester Hanglage – eine Villa im neobarocken Stil erbauen. Die Bezugsfreigabe erfolgte 1901 und die Familie Kuntze zog aus der Großstadt Dresden in die ländlich geprägte Lößnitz. Beide Töchter – Helene, geboren 1877, und Käthe, geboren 1878, – waren damals bereits über 20 Jahre alt. Während Helene einen Apotheker aus Leipzig heiratete und drei Kinder gebar, blieb Käthe ledig und lebte bis zu ihrem Tode mit der Haushälterin Amanda Grakowsky (1891–1973) im Elternhaus, wo sich auch ihr Atelier befand.

Käthe Kuntze im hohen Alter / Stadtarchiv Radebeul

Die Kindheit und frühe Jugend verbrachte Käthe Kuntze in Liebe und Geborgenheit. Ihr künstlerisches Talent wurde schon frühzeitig erkannt. Mit sieben oder acht Jahren verlor sie jedoch durch eine Krankheit das Gehör, so dass sie zwar sprechen konnte aber durch die Gehörlosigkeit Zeit ihres Lebens sehr eingeschränkt war. Vom Elterhaus erfuhr sie in jeder Hinsicht Förderung. Was es heißt, einer Arbeit nachgehen zu müssen, die nicht den eigenen Neigungen entspricht, wusste ihr Vater nur allzu gut. Sein wissenschaftliches Interesse an der Fliegenkunde konnte er erst ungestört ausleben, nachdem er sich ab 1911 ganz vom Bankgeschäft zurückgezogen hatte.

Käthe Kuntze wiederum betrieb ihre künstlerische Ausbildung sehr konsequent. Doch als Frau und darüber hinaus mit einer Behinderung, die eine mündliche Kommunikation erschwerte, hatte sie sich für keinen leichten Weg entschieden. Der reguläre Zugang zu Kunstakademien blieb den Frauen bis Ende 1918 verwehrt. Die immer selbstbewußter werdenden Künstlerinnen blieben nicht tatenlos und gründeten eigene Vereine. Vorwiegend in größeren Städten entstanden spezielle Malklassen für Damen. Eine private Ausbildung musste man sich allerdings leisten können, was im speziellen Falle von Käthe Kuntze wohl kein Problem gewesen sein dürfte.

Dem anfänglichen Selbststudium folgte Privatunterricht. Zu den Lehrern der angehenden Künstlerin gehörten Wilhelm Claudius (1854–1942) und Anton Pepino (1863–1921), die heute kaum noch jemand kennt. Nachhaltig prägender war Robert Sterl (1867–1932), der in seinem Dresdner Atelier als Zubrot eine private Malschule für Damen betrieb, wo Käthe Kuntze die acht Jahre ältere Martha Schrag kennen lernte. Die jungen Frauen blieben sich ein Leben lang freundschaftlich verbunden. Zur weiteren künstlerischen Vervollkommnung besuchten sie im Jahr 1908 in der Damen-Akademie des Münchner Künstlerinnen Vereins die Malklasse von Albert Weisgerber, einem bedeutenden Vertreter des deutschen Impressionismus und beginnenden Expressionismus. Sowohl Dresden als auch München galten in jenen Jahren als pulsierende Zentren mit spektakuläre Ausstellungen moderner und internationaler Kunst.

Käthe Kuntze (3.v.l., obere Reihe) mit den Eltern sowie Schwester Helene und deren Kindern Walther, Albert und Käte / Sammlung Protzen

Gemeinsam gingen die Freundinnen mehrmals auf Reisen ins In- und Ausland, was von Käthes Vater Albert Kuntze finanziell unterstützt wurde. Martha Schrag, welche sich das Studium in München und die Reisen hätte nicht leisten können, war für die Tochter eine unentbehrliche Hilfe. Die gegenseitige Anteilnahme erhielt sich bis ins hohe Alter. Und als sich Käthe Kuntze in den 1950er Jahren in wirtschaftlich prekärer Situation befand, verhielt es sich genau umgekehrt und Martha Schrag war nun diejenige, die finanzielle Unterstützung gewährte. Eine großzügige Ehrenpension, die an die Verleihung der Karl-Marx-Städter Ehrenbürgerschaft gekoppelt war, machte es möglich.

Käthe Kuntze war es wohl durch die gesundheitliche Einschränkung, ihre persönliche Veranlagung bzw. gutbürgerliche Verwurzelung nicht möglich, so radikal auszubrechen wie Martha Schrag. Während diese in der rauen Industrie- und Arbeiterstadt Chemnitz lebte, fehlte es in der beschaulichen Lößnitz an sozialer und künstlerischer Reibung. Auch der Austausch mit jüngeren Künstlern, wie ihn Martha Schrag bis ins hohe Alter pflegte, blieb Käthe Kuntze nicht nur wegen ihrer Gehörlosigkeit versagt. Die Lößnitz war eine Kolonie von Einzelnen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Es ist durchaus denkbar, dass Käthe Kuntze verstärkt durch Martha Schrag angeregt wurde, neue Techniken auszuprobieren, sich mit den aktuellen Strömungen der Kunst oder dem Schaffen von sozialkritischen Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz (1867–1945) auseinander zu setzen. Zumindest gibt es in verschiedenen Schaffensperioden beider Künstlerinnen recht eindeutige Überschneidungen. Allerdings wäre Käthe Kuntze wohl niemals so weit gegangen wie Martha Schrag, die das Milieu des Proletariats, die Tristesse der Großstadt, Industrieanlagen und Ruinen für darstellenswert befand.
Käthe Kuntze war eine feinfühlige Porträtmalerin. Darin lag eine ihrer großen Stärken. Die frühen als auch späten Selbstbildnisse, Porträts von Vater und Mutter, der Schwester Helene und der Nichte Käte als Kleinkind lassen sich eindeutig zuordnen. Doch leider sind die meisten, der erhalten gebliebenen Porträtdarstellungen nicht näher bezeichnet.

Die Künstlerin verfügte über einen ausgeprägten Sinn für Realität, gepaart mit einem sensiblen Gespür für ihr soziales Umfeld. Mit abstrakten, konstruktivistischen, surrealistischen Strömungen konnte sie nichts anfangen. Einflüsse aus dem Impressionismus, Jugendstil und Expressionismus lassen sich jedoch nicht leugnen. Im Grafischen als auch Malerischen zeigte sich Käthe Kuntze gleichermaßen versiert. Es entstanden Radierungen, Zeichnungen, Holz- und Linolschnitte, Lithografien, Ölbilder und Aquarelle. Dass sie eine aufmerksame Beobachterin und sichere Zeichnerin gewesen ist, belegen zahlreiche Skizzen und Studienblätter. Ihre Motive fand sie vorwiegend im näheren Umfeld: der Garten, der Blick ins Elbtal, das bürgerliche Interieur, Stillleben, Blumen und immer wieder die Villa, die Familie, Kinder und Tiere…, in verschiedenen Variationen, Jahreszeiten und Techniken der Weihnachts- bzw. Blumenmarkt auf dem Altmarkt in Dresden, der Jahrmarkt in Kötzschenbroda, Ausflugslokale, Landschaften… Als ein schönes Beispiel für Darstellungen aus dem Arbeitsalltag sei das kleinformatige Aquarell „Wäscherinnen an der Elbe“ genannt, dass zu einem umfangreichen Schenkungskonvolut von Dr. Maria Hoffmann aus München gehörte.

Käthe Kuntze »Kriegsopfer« (Erster Weltkrieg), o.J. , Lithografie / Sammlung Protzen

Vor allem die Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges scheinen Käthe Kuntzes produktivste Zeit gewesen zu sein. So beteiligte sie sich an mehreren Ausstellungen des Kunstvereins der Lößnitzortschaften, welcher sich 1907 gegründet hatte und in Ermangelung von Geld und Mitgliedern 1914 schon wieder auflöste. Auch der unmittelbare Einfluss von Sterl und später Weisgerber wirkten sich auf ihre Schaffensintensität aus.

Der Ersten Weltkrieges stellte eine gravierende Zäsur dar. Auch die eigene Familie war betroffen. Ein Sohn der Schwester, Neffe Albert, fand den frühen Tod. Bereits 1915 entstehen die grafischen Blätter „Abschied“, „Soldaten spielende Kinder“, „Kriegsstrumpfstricken“ und „Trauernde“ sowie die undatierte Lithografie „Kriegsopfer“. Das unfassbar Schreckliche schien die Künstlerin im auf ihre Weise auch mit dem Holzschnittzyklus „Vater Unser“ verarbeiten zu wollen, der im Jahr 1918 entstanden ist.

Warum es keine Werke aus den 1930er Jahren und bis 1945 gibt, bleibt offen. Die zunehmende politische Reglementierung des Ausstellungswesens und die existenziellen Nöte durch den Zweiten Weltkrieg könnten Gründe hierfür gewesen sein. Auch die Pflege der Eltern forderte ihren Tribut.

Es gehört zweifellos zu den Verdiensten des Radebeuler Malers Karl Kröner (1887–1972), dass er sich im Zusammenwirken mit engagierten Kommunalpolitikern und Museumsleuten darum bemühte, die Künstler, welche sich nach 1945 in einer äußerst bedrängten Lage befanden, aus ihrer Isolation zu holen. Mit dem Radebeuler „Haus der Kunst“ wurde eine Möglichkeit geschaffen, endlich wieder Kunst zeigen und auch verkaufen zu können. Erstaunlich ist, dass bereits im Juni (!) 1945 die erste Kunstausstellung in Radebeul eröffnet wurde, zu der die Besucher in Scharen, sogar zu Fuß aus Dresden, gekommen sind. Ein unbefangener Neuanfang schien in der Kunst zunächst möglich. Doch die Korrespondenz zwischen Käthe Kuntze und Martha Schrag lässt den kulturpolitischen Konfliktstoff der 1950er Jahre in der DDR erahnen.

Es ist vorstellbar, dass Käthe Kuntze die Haus-, Garten- und Stallarbeiten mit zunehmendem Alter immer mehr Kraft kosteten und für die künstlerische Arbeit nur noch wenig Zeit blieb.

Sie wendete sich wieder christlichen Themen zu. Außerdem entstanden – wie bereits erwähnt – zahlreiche Blätter mit detailreich verspielten Illustrationen zu allseits bekannten Märchen wie „Frau Holle“, „Schneewittchen“ oder „Rotkäppchen“.

Im Kontrast zum filigranen Spätwerk stehen zwei nahezu monumental wirkenden kraftvolle Aktdarstellungen, die einen Eindruck von Käthe Kuntzes künstlerischem Potenzial der frühen Jahre vermitteln. Der Weitsicht des Radebeuler Malers und Grafikers Horst Hille (1941–2015) ist es zu verdanken, dass zahlreiche großformatigen Leinwände aus der frühen Schaffenszeit, wenn auch in einem arg restaurierungsbedürftigem Zustand, bis heute erhalten geblieben sind.

Die Briefe von Martha Schrag aus dem Zeitraum von 1952 bis 1956 beschreiben die soziale und gesundheitliche Situation der hoch betagten Künstlerinnen. Da werden Ratschläge erteilt, man freut sich miteinander über neu Entstandenes, über Anerkennung, Ausstellungen und Verkäufe. Das Bedürfnis sich einander mitzuteilen, bestand auf beiden Seiten. Nur blieben die Briefe von Käthe Kuntze leider nicht erhalten. Von Menschen, die sie persönlich erlebt haben, wird sie als warmherzig und hochintelligent geschildert. Eine Nachbarin erinnerte sich, dass sie von ihrer Mutter als Kind zu Käthe Kuntze mit Essen geschickt wurde. Dass die alte gebrechliche Frau trotz der großen schönen Villa, in der sie wohnte, so arm war, darüber habe sie sich immer ein wenig gewundert.

Käthe Kuntze war stets von Ziegen und Katzen umgeben, die auch in ihrem Schaffen eine nicht unwichtige Rolle spielten. Ein kleines, unscheinbar wirkendes grafisches Blatt aus dem Jahr 1954 zeigt den Kopf einer alten Frau und den einer Ziege. Beide, Mensch und Tier, sind in zärtlicher Verbundenheit einander zugewandt. Und vielleicht liegt hierin ein Schlüssel wie es der Künstlerin gelang, mit zunehmender Isolation und Einsamkeit umzugehen.

Käthe Kuntze starb 1969 im Alter von 90 Jahren in Radebeul. Die Trauerfeier fand in der Friedhofskapelle Radebeul-West statt. Die Urnenbeisetzung erfolgte in der Familiengruft in Reichenberg. Bereits zwölf Jahre zuvor war die Freundin Martha Schrag gestorben. Die Haushälterin Amanda Grakowsky hielt ihr die Treue bis zuletzt. Die in Hamburg lebende Nichte Käte Protzen (1907–1977) veranlasste, dass Briefe, Fotos und Dokumente an die Städtische Kunstsammlung Karl-Marx-Stadt und das Radebeuler Stadtarchiv übergeben wurden. Ein Glück, denn darauf konnte nun in Vorbereitung der Gedenkausstellung zurückgegriffen werden.

Wenngleich es noch viele Wissenslücken zu schließen gilt, begann sich – so viele Jahre nach ihrem Tode – aus vielen Einzelteilen ein Bild über das Leben und Wirken der Künstlerin Käthe Kuntze wie ein Puzzle zusammen zu fügen. Dafür sei allen, ob aus Hamburg, München, Dresden, Chemnitz oder Radebeul, die hierzu beigetragen haben, ganz herzlich mit dieser schönen Ausstellung gedankt.

Karin (Gerhardt) Baum

Die Gedenkausstellung „Käthe Kuntze zum 50. Todestag“ wird bis zum 18. August 2019 in der Stadtgalerie Radebeul gezeigt. Eine Sonderführung mit dem Stadtgaleristen Alexander Lange und der Co-Kuratorin Karin Baum findet am 18. August um 16 Uhr statt.

 

 

 

Editorial August 2019

Im Editorial des Juliheftes berichtete Sascha Graedtke über die Vielzahl kultureller Veranstaltungen im Juni in Radebeul.

Nur wer selbst ehrenamtlich oder auch beruflich in die Vorbereitung und Durchführung solcher Ereignisse, wie beispielsweise des Karl-May-Festes oder des Dorffestes in Naundorf eingebunden ist, weiß wie viel Mühe und Zeit und Schweiß es kostet, alles zum rechten Zeitpunkt fertig am rechten Ort zu haben.

Die meisten Zuschauer wissen oder ahnen es sicher und viele wollen möglichst alles mit dem Handy aufnehmen. Dabei halten sie auch einen Mangel in der heutigen Zeit fest: Kaum eine Darbietung, kaum ein noch so originelles Bild im Umzug wurde durch entsprechenden Beifall gewürdigt!

Da kommen zum Beispiel die Sternreiter zu den Karl-May-Festtagen zum Teil aus mehreren hundert Kilometern Entfernung zum Treffpunkt, aber nur wenige Zuschauer beklatschen diesen bemerkenswerten Einsatz. Ich finde das sehr schade. Solche Mühen sind es wirklich wert, auch auf diese Art Anerkennung zu finden.

Früher habe ich das als selbstverständlich dazugehörend erlebt. Beifall ist doch Dank und Ansporn zum Weitermachen.

Also, beim nächsten Mal: Das Handy mal unter den Arm geklemmt, geklatscht, gejubelt, Bravo gerufen – das macht einem selbst und den Protagonisten Spaß. Letztere werden es Ihnen zumindest mit einem Lächeln oder sogar mit einer extra Darbietung danken.

Und darüber freuen sich dann alle.

Ilona Rau

Kindertag in Altkö

Die Kultur- und Werbegilde sorgte wieder für Stimmung auf dem Anger
Seit langem richtet die Kultur- und Werbegilde zum Internationalen Kindertag ein Fest für die Kleinsten aus. Auch wenn diesmal keine Bühne zur Verfügung stand, da zeitgleich das „Karl-May-Fest“ stattfand, vollzog Annette Richter ihr Bühnenprogramm eben auf dem gepflasterten Rondell des Mittelstreifens auf dem Anger. Als Gruß an das große Fest im Lößnitzgrund und als Anregung hatte die Gilde die Losung „die Indianer toben weiter“ ausgegeben und Richter führte den jungen Indianer-Nachwuchs in mehreren Runden spielerisch in die Gebräuche, Sitten und Sprache dieser vielgestaltigen Völker ein. Auch andere Programmpunkte nahmen auf dieses Motto Bezug, etwa die „Nugget-Suche“ oder der Tipibau. Für Hungrige gab es Handfestes und für Kinder die viel geliebte Zuckerwatte.
Danke den vielen Akteuren und Vereinen. Danke Gilde!

KUB

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