Eine Einladung zum Besuch der Jubiläumsausstellung

„40 Jahre Stadtgalerie Radebeul“
Fotos, Filme, Texte, Dokumente, Modelle, Objekte und auch Kunst

Einige Exponate aus dem Depot der Radebeuler Stadtgalerie für die aktuelle Jubiläumsausstellung Foto: K. (Gerhardt) Baum

Aus dem reichhaltigen „Zitatenschatzkästlein“ des Dichters Thomas Gerlach, welcher die Radebeuler Stadtgalerie seit 25 Jahren wohlwollend und inspirierend begleitet, stammt der sinnige Spruch: „Nur die allerdümmst´n Kälber, dreh´n sich ständig um sich selber“. Dass diese zeitgemäß adaptierte Volksweisheit sowohl bei den alten als auch neuen Galeristen nachhaltige Beherzigung fand, lässt sich noch bis zum 5. Februar 2023 in der Radebeuler Stadtgalerie besichtigen. Allerdings fing die Geschichte der Galerie nicht erst mit ihrem Umzug nach Altkötzschenbroda an. Selbst vor deren Eröffnung vor vier Jahrzehnten in einem ehemaligen Tapetenladen in Radebeul-Ost gab es eine Vorgeschichte und davor wiederum eine VorVorgeschichte. Zahlreiche Unterlagen im Stadtarchiv belegen, dass die Künstler der Lößnitzortschaften bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Wunsch hegten, ihre Werke vor einem größeren Publikum in aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenngleich sich in der Festhalle von Kötzschenbroda, im Heimatmuseum Hoflößnitz und im Haus der Kunst temporäre Möglichkeiten für Einzel- und Gruppenausstellungen geboten hatten, existiert in Radebeul ein ständiger Ausstellungsort für die Kunst allerdings erst seit Eröffnung der „Kleinen Galerie“ am 16. Dezember 1982.
Gesellschaftliche, strukturelle, finanzielle und personelle Veränderungen blieben nicht ohne Einfluss auf die konzeptionelle Ausrichtung dieser Kultureinrichtung. Dass sie sich als eine der wenigen Galerien in kommunaler Regie bis heute erhalten hat, ist vor allem auch ihrer Integration in die Radebeuler Stadtgesellschaft zu verdanken. Und so ist die Geschichte der Galerie nicht nur ein Stück Radebeuler Kunst-Geschichte, sondern auch ein Stück gelebte Stadtkultur.
Dass sich die gegenwärtig aktiven Stadtgaleristen mit der ehemaligen Stadtgaleristin als Team zusammengefunden haben, welches seit 2019 bereits mehrere Projekte gemeinschaftlich konzipierte, wird als beidseitige Bereicherung empfunden. Mit einem gattungsübergreifenden Ausstellungsprojekt, welches auf einer chronologischen als auch inhaltlichen Ebene basiert, startete die Radebeuler Stadtgalerie am 16. Dezember 2022 in ihr 41. Ausstellungsjahr. Der offene Werkstattcharakter wurde bewusst gewählt, bieten sich doch dadurch vielfältige Möglichkeiten zur Mitwirkung und Diskussion. Ein reflektierender Beitrag wird in der Februarausgabe unseres kulturellen Monatsheftes erscheinen.
Karin (Gerhardt) Baum

Die Ausstellung ist geöffnet
vom 8. Januar bis 5. Februar 2023, jeweils DI, MI, DO 14 bis 18 Uhr sowie SO 13 bis 17 Uhr.

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:
Sonnabend, 21. Januar 2023 ab 16 Uhr „offene Galerie“ mit Denkwerkstatt und Diskussionsforum
Sonntag, 5.Februar 2023 um 16 Uhr Doppel-Kuratorenführung mit Alexander Lange und Karin Baum
Montag, 6.Februar 2023 um 18 Uhr Finissage
sowie variable Einzel- und Gruppenführungen (Anmeldungen unter 0351-8311-626, 0160-1038663)

Chorgesang als Friedenswerk

Foto: B. Kazmirowski

Die Kantorei des Kirchspiels in der Lößnitz führte das Weihnachtsoratorium auf

I. Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die TageIn den letzten Jahren wurde zu unterschiedlichen Anlässen, meist aus dem Erleben einer Krise heraus, der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ beschworen, wurde durch die Politik proklamiert, dass wir als Gesellschaft „beieinander“ bleiben müssten. Was damit konkret gemeint war, wurde oft nicht ganz klar, aber meist ging es im Allgemeinen um das Einhalten von Regeln oder die Annahme, wir alle müssten bestimmte politische Entscheidungen mittragen. Erahnen konnte man hinter der politischen Rhetorik immer den richtigen Gedanken, wie wichtig gemeinschaftsstiftende und -erhaltende Vorhaben, Prozesse und Projekte für uns Menschen sind. Ein in diesem Zusammenhang sicherlich noch nicht oft genug gewürdigter gesellschaftlicher Stützpfeiler sind die Chöre landauf, landab. Wenn sie mitgliederstark genug sind – etwa von der Größe der seit kurzem vereinigten Kantoreien aus den beiden Radebeuler Gemeinden Luther und Frieden – dann bekommt man eine sehr genaue Anschauung dessen, was mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt alltagspraktisch gemeint ist. Denn da stehen am 11. Dezember 2022 zur überhaupt ersten gemeinsamen Aufführung des Bachschen Weihnachtsoratoriums mehr als 80 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, von der Schülerin bis zum betagten Senior, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen kommen und die sehr verschiedene Gesangsbiografien haben, die sich aber dennoch hinter einem Vorhaben versammeln, dem gemeinsamen Singen. Die über Monate andauernde Probenarbeit schweißt zusammen, das mitunter über Jahre und Jahrzehnte wachsende Mit- und Nebeneinander als Sopran, Altistin, Tenor und Bass schafft Beziehungen. Wer miteinander singt, kann nicht miteinander streiten. Singen ist Ausdruck von geteilter Lebensfreude und geschenktem Lebensfrieden. Es gibt Chormitglieder, die schauen auf 50 und mehr gemeinsame Jahre zurück!

Lutherkirche Radebeul Foto: B. Kazmirowski

II. Großer Herr, und starker König
Am 3. Adventssonntag, der passenderweise auch „Gaudete“ (Freut euch“) genannt wird, konnte man erleben, wie die Radebeuler nach drei Jahren coronabedingter Durststrecke die Aufführung der ersten drei Kantaten des wohlvertrauten Werkes herbeisehnten, und wie dieses Ereignis das Gefühl von Gemeinschaft noch einmal potenzierte. Denn in der fast vollbesetzten Lutherkirche tummelten sich Zuhörer aller Altersgruppen (gleichwohl das Publikum 50+ die Mehrheit bildete), evangelische und katholische Christen wie Konfessionslose. Pfarrerin Funke wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass es in der Lutherkirche eine mittlerweile 130-jährige kirchenmusikalische Tradition gebe, in der natürlich auch das Weihnachtsoratorium einen zentralen Platz einnimmt. Je nach Lebensalter und Vertrautheit mit dem Werk hört sicherlich jeder das WO anders, hat jeder seine spezielle Lieblingsarie oder seinen Lieblingschoral. Ich habe dieses Mal, ob zufällig oder nicht, besonders herausgehört, wie das Weihnachtsoratorium ein Friedenswerk ist, eine in Musik gesetzte Sehnsucht nach Frieden: „Du Hirtenvolk/erschrecke nicht/weil dir die Engel sagen/dass dieses schwache Knäbelein/[…] soll letztlich Friede bringen.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“. Um es auf den Punkt zu bringen: Schon lange nicht mehr konnte man das Weihnachtsoratorium so auf die aktuelle Weltlage beziehen wie in diesem Dezember, hätte das von Pfarrerin Funke auf der Kanzel für alle sichtbar platzierte Friedenslicht aus der Geburtsgrotte in Bethlehem (über den Weg von Wien und Dresden nach Radebeul gekommen) größere Strahlkraft verdient. Aber würde es von denen wahrgenommen, die den Krieg und das Leid unserer Tage zu verantworten haben? Wären die Macht- und Befehlshaber dieser Welt bereit, die biblische Friedensbotschaft anzunehmen? Würden deren Herzen angerührt und erweicht werden angesichts der wunderbaren Musik? Ich fürchte nein. Und dennoch darf man nicht müde werden, Jahr um Jahr dieses Werk und das, wofür es steht, in die Welt hinaus zu singen, so, wie es in der Radebeuler Aufführung unter Leitung von KMD Peter Kubath die vier Solisten (Daniela Haase, Edith-Maria Breuer, Tobias Mäthger und Reinhold Schreyer-Morlock) und der Chor begleitet von einem Kammerorchester mit Können und Engagement taten.

III. Herrscher des Himmels
Langanhaltender, herzlicher Beifall spendete das Publikum, nachdem der letzte Ton verklungen war, und auf vielen Gesichtern von Choristen zeigte sich ein glückliches Lächeln, entspannten sich die Züge. Anders aber als in der Vergangenheit war es Besuchern und Mitwirkenden nicht vergönnt, mit dem Konzerterlebnis im Herzen hinaus auf einen Weihnachtsmarkt wie den in Altkötzschenbroda zu gehen und den 3. Advent stimmungsvoll ausklingen zu lassen – noch dazu, wo es am Abend des 11. Dezembers ja leicht schneite und sich die Welt in einem zarten Weiß zeigte. Wie schön wäre das gewesen! Man hatte sich aus nachvollziehbaren Gründen entschieden, wie auch schon zum Buß- und Bettag den „Messias“ nun auch das WO in der Lutherkirche stattfinden zu lassen, denn aufgrund der schieren Größe des gewachsenen Chores wäre der Altarraum der Friedenskirche zu klein für diese Aufführung gewesen. Andererseits bitte ich die Verantwortlichen für Kirchenmusik im Kirchspiel zu überlegen: Was spräche denn gegen zwei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums an zwei Adventswochenenden, eine in Radebeul-Ost und eine in West mit jeweils ca. 50 Sängerinnen und Sängern? Sicherlich müsste man die Stimmgruppen so ausbalancieren, dass etwa die traditionell schwächer besetzten Tenöre und Bässe zweimal gefordert wären. Andererseits würden zwei Aufführungen auch den Probenaufwand besser rechtfertigen und die jahrhundertelange Tradition der Friedenskirche als die bedeutendste Stätte hiesiger Sakralmusik fortsetzen. Ich bin mir sicher, dass die Radebeuler und die Menschen des Umlandes (wozu ja auch z.B. Coswig, Weinböhla und Moritzburg) zwei Kirchen füllen würden, denn sonst bliebe nur der Weg nach Meißen oder Dresden. Sehr zu loben ist allerdings die nun schon seit Jahren immer wieder erneuerte Regelung, Kindern und Jugendlichen freien Eintritt zu gewähren. Nur müsste dies mit mehr Selbstbewusstsein und auf diversen Vermittlungswegen sichtbarer kommuniziert werden, damit die Zielgruppe auch tatsächlich kommt!
Wer in den bevorstehenden Festtagen und nach Neujahr weihnachtliche Musik in Radebeul hören möchte, dem seien drei Aufführungen empfohlen: Am Heiligabend um 22 Uhr in der Lutherkirche eine Mischung aus Liedern zum Hören und Mitsingen; am 1. Weihnachtstag um 10 Uhr in der Friedenskirche ein Weihnachtsliedersingen mit dem Posaunenchor und am 7.1.23, 17 Uhr, eine musikalische Vesper in der Lutherkirche.

Bertram Kazmirowski

Editorial Januar 2023

Liebe Radebeulerinnen, liebe Radebeuler,
wenn so ein neues Jahr beginnt und alles noch unverdorben, unverbraucht, unbeschädigt erscheint, drängen sich gute Vorsätze auf. Das Neue soll besser werden!
Und gute Vorsätze braucht unsere Welt, oder? Werden nicht dringend Menschen gebraucht, die sich vornehmen, etwas zu ändern?
Wie sieht es bei Dir aus? Bist Du dabei? Wirst Du nachhaltiger leben und weniger verbrauchen? Wirst Du Dich politisch oder sozial engagieren? Oder Dich für Artenschutz und Artenvielfalt einsetzen?
Als Anwältin des Wortes lenke ich den Blick auf das, was Menschen sagen. Es wird viel gesprochen – tagein, tagaus. Wer auf seine Worte achtet, kann mit wenig Aufwand viel erreichen! Sind Deine Worte gute Worte? Worte, die andere aufbauen, ermutigen, trösten? Sind Deine Worte wertschätzende, wohlwollende Worte? Oder kannst Du eigentlich nur noch klagen und schimpfen?
Im großen Weltlauf und als eine/r von 8 Mrd. Menschen weltweit, erscheint die Bedeutung dessen, was Du sagst oder tust, eher vernachlässigbar. Und dieser Eindruck ist es, der unsere Nachlässigkeit fördert. Was soll’s, es liegt doch nicht an mir!
Mit meinem Glauben rechne ich mit der Kraft Gottes, die die Welt verändern kann. Allerdings nur dann, wenn Menschen sich dieser himmlischen Kraft zur Verfügung stellen: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Gott. Was wäre die Welt, ohne den einen, der sich erbarmt? Der barmherzige Samariter rettet den Verletzten. Und Du?
Es ist doch nicht egal, was Du tust! Es ist nicht egal, was Du sagst! Es ist nicht egal, ob Du den Tag damit beginnst, dankbar auf das zu sehen, was Dir gegeben ist.
Es ist nicht egal, ob Du Deiner Liebsten sagst, was für ein wundervoller Mensch sie ist. Gibt es nicht jeden Tag einen Grund Ihr für etwas zu danken?
Und es ist auch nicht egal, ob Du auf Flugreisen verzichtest und in den Laden Deinen Stoffbeutel mitnimmst.
Es ist nicht egal, was Du sagst und tust. Ergreife Deine Chancen: 365 Tage stehen uns zur Verfügung. Packen wir’s an.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes neues Jahr!

Annegret Fischer, Pfarrerin im Kirchspiel in der Lößnitz, Friedenskirchgemeinde

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… von flüchtigen Momenten …

glowing after shrinkage | EN 1095-6
Installation für eine Szene im Film
»50 Uhr [das DU im ICH]« | 2019

Zu guter Letzt ein grafisches Foto. Ein flüchtiger Moment zwischen dem Aufbau der Installation und dem Dreh jener Filmsequenz. Was blieb, ist ein Bild der scharfen Kontraste: Schwarz-Weiß, Linie-Fläche, Dunkel-Hell, An-Aus, 1-0. Dieses Bild zeigt etwas, das es so nicht gab – eine totale Klarheit, und doch ist nichts klar. Was sehen Sie? Wo gehen die Linien hin? Ist es Raum, ist es kein Raum, gibt es ein Dahinter, gar Unendlichkeit? Existiert diese überhaupt oder ist sie nur ein Denkmodell, und was ist wirklich? Unablässig vergleicht unser Gehirn, verknüpft Erwartungen aus den Erfahrungen, errechnet uns ein Zukunftsbild. Wir sehen Schwarz, und doch verbirgt sich das gesamte Spektrum darin. Das eine wird uns nur durch das andere sichtbar. Und der helle Stern, das Licht?

Nun also verflüchtige ich mich aus den Seiten dieses Heftes und gebe Sie wieder frei – nicht ahnend, welchen Faden Sie aufnehmen, welchem Lichtstrahl Sie folgen und welche Geschichte Sie weiterschreiben werden. Seien Sie mutig, offen und neugierig dabei, und wiegen Sie sich in der freudigen Gewissheit, dass die Wirklichkeit niemals so ist, wie sie scheint …

www.constanze-schuettoff.de

 

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Ausblick auf die Titelbilder von V+R für 2023

An dieser Stelle erst mal unser Dank an Constanze Schüttoff für ihre künstlerischen Titelbilder im laufenden Jahr. Sie hatte hohe Ansprüche an die Betrachter gestellt und man musste sich, zugegeben, ein bisschen anstrengen. Wenn man das Fach studiert hat, kennt man z.B. nicht nur ein Grau, sondern kann eine Vielzahl von Grauabstufungen unterscheiden, die der Laie kaum wahrnimmt. Viel Glück mit der „blauen Phase“ und auch für das, was danach kommt!

Normalerweise bringen wir nach einem Jahr Kunst ein Jahr mit Fotos (zuletzt hatte ich 2021 die Bauernhäuser gezeigt). Für 2023 hat mir die Redaktion noch mal das Vertrauen für diese Aufgabe gegeben und meinen Vorschlag, grafische Bilder, also ältere Postkarten, Bauzeichnungen oder auch künstlerische Sichten auf Radebeuler Bauten zu bringen, angenommen. Es wird eine Mischung aus mehr oder weniger bekannten Blickwinkeln auf Radebeuler Häuser sein. Ich hoffe, wir enttäuschen Sie nicht.

Dietrich Lohse

Radebeuler Miniaturen

Wunscheinkauf

„Es begab sich aber zu der Zeit,“ da ist auch bei uns mit leisem Knacken, das freilich kaum jemand beachtet hatte, der September angebrochen.

Ist es, wird die aufmerksame Leserin, jetzt fragen, ist es nicht völlig unzeitgemäß, jetzt, kurz vor Weihnachten, vom September zu reden?

Ist es, lieber Leser, ist es! Es ist ebenso unzeitgemäß, wie im September das Weihnachtsgebäck.

Und das begegnete mir, als ich damals, der täglichen Besorgungen wegen, die heimische Kaufhalle frequentierte: Die ohnehin engen Gänge waren vollgestellt mit Paletten voller Spekulatius, Pfefferkuchenherzen und was der gleichen Köstlichkeiten mehr sind. Wer vorbei wollte, mußte schon eine gewisse Sicherheit im Navigieren der drahtigen Einkaufswagen erworben haben, um größere Zusammenstöße zu vermeiden.

Ich war zunächst völlig verunsichert, holte mir aber am Zeitungsstand Gewißheit: Es war tatsächlich erst September (Was das Datum angeht sind unsere Tageszeitungen meist sehr aktuell).

Leise grantelnd legte ich meine „Einkäufe auf das Kassenband“, wie es im Fachjargon so schön heißt. Dabei überlegte ich, wie ich meinen Unmut ob des unzeitgemäßen Angebots vorbringen könnte, ohne die Kassiererin gar zu sehr zu bedrängen – die kann schließlich auch nix dafür. Plötzlich aber, ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, geschah eine Erscheinung: Wie aus einem Nebel auftauchend saß ein in strahlendes Weiß gehüllter, mit einer Aureole umgebener und durch große weiße Flügel gezeichneter Engel an der Kasse und fragte die Kunden, ob sie nicht drei Wünsche hätten.

Oh, lieber Himmel, was sagst du da? Als erstes fiel mir das Angebot ein: Hasen in der Osterzeit, Erdbeeren im Juni und Spekulatius im Dezember. Richtig wichtig wäre natürlich ein europaweit geltendes Recht auf Kriegsdienstverweigerung – aber da ist der Engel sicher überfordert, das hat ja nicht mal das Kind in der Krippe geschafft.

Und für dich selber wünschst du nichts?

Das wäre durchaus auch was für mich selber, wollte ich antworten, da wiederholte die Kassiererin etwas lauter: „24,80 bitte“…

Was`n los, fragte Ulrike, als sie mich mit meinen Einkaufsbeuteln einfliegen sah.

Stell dir bloß mal vor, jetzt gibt’s schon wieder Lebkuchen!!

Und, fiel mir Ulrike ins Wort, haste Spekulatius mitgebracht?! Wir sind doch als Kunden selbst für die Lagerhaltung verantwortlich! Das ist wie weiland mit dem Klopapier: Was wir zu Hause haben, nimmt im Laden keinen Platz mehr weg!

Na dann, fröhliche Weihnachten, und vergeßt die Osterhasen nicht …

Thomas Gerlach

Glosse

Noch zu retten?

In grauer Vorzeit war der Wirkungskreis des Menschen klein und das war gut so! Er kreiste um seine Höhle und der Schaden, den er dabei anrichtete, war ebenso klein. Da es aber damals noch keine Geburtenreglung wie seinerzeit in China gab, vermehrte sich der Mensch bis ins Unanständige, so dass wir heute gar auf unserem schönen Planeten eine Überbevölkerung haben.

Das muss man sich mal vorstellen: Auf der Erdenkugel wimmelt es dermaßen von dieser Spezies, dass nichts anderes mehr Platz hat und man jede Minute befürchten muss, einer fällt von der Kugel! Also, mal bildlich gesprochen. Im Sekundentakt kommt ein neuer Fresser dazu. In sechs Monaten haben wir bereits die gesamten Ressourcen verschlungen, die für ein ganzes Jahre gedacht waren. Nun sind die Menschen ja gerissen, zumindest ein Teil davon. Dieser Teil hungert nun nicht etwa in der zweiten Jahreshälfte. Nein, er schöpft weiter aus den Vollen! Damit das aber auch klappt, hungert eben der Teil der Bevölkerung über das ganze Jahr, der halt nicht so gerissen ist wie die anderen. Und damit es immer so weiter geht wie gehabt, halten sich die gerissenen Herden Knüppel schwingende Lakaien.

Da hieß es einmal, der Mensch habe sich wegen seiner größeren Hirnmasse gegenüber anderen Wesen durchgesetzt und so eine höhere Stufe der Entwicklung erklommen. Gern wird er als ein vernunftbegabtes Wesen bezeichnet, welches allen andern Lebewesen überlegen sei. Die Mär kann aber auch nur der glauben, der von seiner Unfehlbarkeit derart besoffen ist, dass er die Realität nicht mehr wahrzunehmen im Stande ist.

Bitte, was soll im Verhalten der Menschheit vernunftbegabt sein?! Jede achte Pflanzen- und Tierart ist vom Aussterben bedroht, die Meere sind mit Plastemüll verseucht, drei Viertel der Naturräume sind erheblich beeinträchtigt! Wenn das Vernunft sein soll, muss ich in der Schule nicht aufgepasst haben oder meine Erziehungsberechtigten haben da was falsch gemacht.

Intakte Häuser werden abgerissen, nur weil einer einen Furz im Kopf hat, den er Kraft seiner Funktion durchzusetzen vermag. Andere Häuser wiederum werden gebaut und stehen jahrelang leer, weil offensichtlich dafür kein Bedarf vorhanden ist, Brücken werden in die Landschaft gesetzt, zu denen nie eine Straße führen wird. Vernunft?! Von dem ganzen produzierten Kriegsgerät will ich gar nicht erst anfangen.

Ich kann mich noch gut entsinnen, als ich in der Schule die ersten Schreibversuche auf einem Stück Papier mittels eines Federhalters und eines Tintenfasses durchführte. Wer aber verfasst heute noch ein Schreiben handschriftlich? Mittlerweile benötige ich dazu einen Rechner, einen Monitor, eine Tastatur, einen Haufen Verbindungskabel und einen Drucker, der idealerweise gleichzeitig noch ein Kopierer sein sollte. Die Kosten der Anschaffung und Wartung seien hier mal beiseite geschoben. Wenn man Glück hat, bekommt man das alles gerade noch in einen Handwagen, der aber auch schon aus der Mode gekommen ist. In einen Ranzen passt das alles freilich nicht mehr.

Dabei sagen die Leute, der Fortschritt sei ein Segen. Wenn das so wäre, müsste ich am Verstand des lieben Herrn zweifeln. Es sei denn, er verfolgt einen ganz andern Plan. Wir Menschen sind auch etwas kleinlich. Wir denken zu kurz! Die Erde soll ja 4,6 Milliarden Jahre alt sein. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die lächerlichen 100 Jahre, die etwa ein Mensch alt werden kann, spielen da überhaupt keine Rolle. Unsere Spezies gibt es gerade mal annähernd 3 Millionen Jahre. Da muss sich ja in den restlichen 4,597 Milliarden Jahren unser lieber Herr gelangweilt haben. Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass der Herr die Menschen ganz bewusst so weiter wursteln lässt. Wenn sie nämlich auch künftig so leben, schaffen sie sich eines schönen Tages selber ab oder landen bestenfalls wieder in der Höhle. Das aber wäre zur Rettung der Erde ein nahezu genialer Plan vom Herrn, meint, eine schöne Weihnachtszeit wünschend,

Euer Motzi
 
 
 
 
 

Können Umspannstationen Denkmale sein?

Ein etwas nüchternes Thema, meinen Sie, sind die im Volksmund Trafohäuschen genannten kleinen, technischen Bauwerke. Wir finden noch ein paar in Radebeul und in den umgebenden Gemeinden, aber sie verschwinden langsam. Ja, ein paar sind auch als Kulturdenkmale in die Denkmallisten eingetragen, die so an die Technikgeschichte erinnern können. In Radebeul sind 4 von 7 ausgewählten Objekten Denkmale, zumindest die äußere Hülle. Seit etwa Beginn des 20. Jh. und z.T. bis heute versorgen diese Bauwerke der Stromversorgung Wohnhäuser, Gesellschaftsbauten und Betriebe mit Strom. Wie ich in der Prinzipskizze darstellen möchte, sind Trafohäuschen ein wichtiges Glied in der Strecke vom oft weit entfernt liegenden Kraftwerk über ein Umspannwerk bis zum Verbraucher.

Bild: D. Lohse


Radebeul, Meißner Str. Zu den Linden
Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse


Radebeul, Altwahnsdorf
Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse

Boxdorf, am Gasthof
Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse


Wilschdorf, am Gasthof
Bild: D. Lohse


Reichenberg, Dorfmitte
Bild: D. Lohse


Moritzburg, Kötzschenbrodaer Str.
Bild: D. Lohse


Weistropp, Ortsmitte
Bild: D. Lohse


Dippelsdorf, am ehem. Gasthof
Bild: D. Lohse


Radebeul, Kötitzer Str.
Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse


Radebeul, unterh. Hoflößnitz
Bild: D. Lohse


Die Verbindungen der vier Objekte der Stromversorgung erfolgten zunächst durch Freileitungen unterschiedlicher Spannungsebenen, wurden und werden aber im Laufe der Zeit durch erdverlegte Kabel ersetzt. Soweit zur elektrischen Notwendigkeit vorweg, ich möchte mich aber langsam der äußeren Form, dem städtebaulichen Einfügen und der Frage, ob es auch Nachnutzungen gibt, zuwenden, das fällt mehr in mein Fach. Aus der früheren Zeit, als es nur Freileitungen gab, stammen die hohen, turmartigen Umspannstationen (ca. 10m hoch), weil man ja unter den Freileitungen sich bewegen und auch mit Fahrzeugen durchfahren musste, ohne dass Mensch und Material zu Schaden kommen durften. So wurden vor und auch nach dem 1. Weltkrieg diese turmartigen Gebäude errichtet, wie wir sie in Radebeul noch an der Meißner Straße, der Kötitzer Straße und in Altwahnsdorf finden. An derartigen Trafohäuschen kann man den Baugrundsatz Form folgt der Funktion ablesen – Länge und Breite am Fuß des Turms musste den Trafo aufnehmen können und etwas Bewegungsfreiheit für das technische Personal des E-Werks zulassen. Länge und Breite im oberen Bereich dagegen waren nur für Freileitungsansprung, innere Kabelverbindungen und Leitungsabgänge nötig, hatte also geringere Abmessungen als am Fuß. So kamen die sich nach oben verjüngenden, bzw. nach oben hin abgestuften Bauwerke zustande, was zu den charakteristischen Bauten führte (Beisp. Boxdorf). Zwischen den beiden Kriegen und auch noch nach dem 2. Weltkrieg wurden bei gleicher Höhe die Formen vereinfacht (Beisp. Dippelsdorf). Nach 1945 kamen dann auch ein paar eingeschossige Umspannstationen hinzu (Beisp. Hoflößnitz, 1950 u. Nizzastr.). Zu den älteren, eingeschossigen Trafohäusern gehört das in angepasster Bauweise neben dem Winzerhaus Augustusweg 76 wohl auch um 1950 errichtete. In der 2. Hälfte der 90-er Jahre wurde auf dem Altkötzschenbrodaer Dorfanger ein neues, chices Trafohaus mit Toilette (Büro Atelier 2) gebaut. Heute sind diese Anlagen so verbessert und dadurch geschrumpft, dass sie in einen Betonkubus von etwa 3x2x2m (zB. neben Meißner Str. 285) passen und relativ unauffällig sind. An anderen Stellen, so in Hessen, NRW und Niedersachsen, wurde das Verstecken der Technik auch übertrieben: Trafos erhielten Einhausungen in Form von Litfaßsäulen, neu gebauten Wehrtürmen oder gar kleinen Burgen.

Bei keiner der Bauarten wurde hier Holz, abgesehen von Sparren und Dachlatten, verwendet, weil die Möglichkeit eines Trafobrandes nicht restlos ausgeschlossen werden kann. Die älteren Modelle haben durch Gestaltung, Materialwahl und Standort eine gewisse Ästhetik und Wirkung im Stadtgebiet (Beisp. Moritzburg) und können als interessante Bauwerke wahrgenommen werden oder haben eine Orientierungsfunktion (Beisp. Meißner Str., um 1910). Eine gute gestalterische Einbindung muss auch den drei eingeschossigen, in den frühen 50-er Jahren entstandenen Umspannstationen an der Hoflößnitz, an der Nizzastr. und am Augustusweg attestiert werden, die nachweislich von Architekten (Gottfried Kinzer u. Otto Röder) entworfen wurden, wo im Falle unterhalb der Hoflößnitz die Einbindung des Trafohäuschens mit Natursteinwänden in eine ältere Natursteinmauer gelang und in der Nizzastr. ein Künstler (Reinhold Langner, zwei Holzfiguren) mitwirkte und wo eine kleine Grünanlage mit Sitzgelegenheiten entstanden ist. An allen anderen Trafohäuschen ließ sich kein Entwerfer mehr ermitteln.

Die Standorte sind in den Ortschaften jeweils so zentral gewählt, dass ein Wohngebiet mit möglichst kurzen Leitungen oder Kabeln versorgt werden kann. Das kann an Plätzen, Straßenkreuzungen oder in der Nähe des Gasthofs sein (Beisp. Wilschdorf). Bei ein paar Umspannstationen muss es wohl ein Wiederverwendungsprojekt gegeben haben (Beisp. Wahnsdorf, Reichenberg, Boxdorf u. Wilschdorf), weil diese Bauwerke sich sehr ähneln.

Irgendwann haben die Umspannstationen dann ausgedient, was zuständigkeitshalber durch die örtliche Energieversorgung festgelegt wird. Üblich ist dann der Abriss des Trafohäuschens, sofern es nicht als Kulturdenkmal erfaßt ist. Ein solcher Abriss erfolgte in Radebeul um 2000 an der Kötitzer Str. / Tännichtweg, da, wo heute nur noch eine dreieckige Wiese zu sehen ist. Bei solchen Trafohäuschen ohne elektrische Funktion kann man eventuell über eine neue Nutzung nachdenken, es bieten sich aber leider nur wenige Möglichkeiten an. Auf Grund der geringen Abmessungen dürfte Wohnen schon mal ausscheiden. An den Standorten Wahnsdorf und Boxdorf hat die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt versucht, die Türme als Schlafplätze für Fledermäuse herzurichten. Mit welchem Erfolg konnte mir in Wahnsdorf bisher niemand sagen. Hier finden wir Schilder, die auf die mögliche Anwesenheit von Fledermäusen hinweisen. Das nicht mehr am Netz befindliche Wahnsdorfer Trafohäuschen ist so sehr von Efeu umsponnen, dass die Fledermäuse kaum noch Einflugstellen finden würden. In der Gemeinde Wilschdorf hatte man das graue Gebäude wohl satt und gewann einen Künstler dafür, die Umspannstation zu bemalen. Das sieht ganz lustig aus, wenn eine nette Oma aus einem nicht existierenden Fenster schaut, ist aber nach meinem Geschmack etwas zu viel des Guten. Im linkselbischen Weistropp steht z.Z. ein Trafohäuschen, das fast die gleiche Bauart hat wie das Moritzburger, ohne Putz da. Vielleicht ist hier mit einer neuen Nutzung zu rechnen? Man erkennt hier, dass sie üblicherweise in Ziegelbauweise errichtet wurden. Angedachte Nutzungen als Umbau zum Kiosk sind aber bisher daran gescheitert, dass die Fußböden durch geringe Mengen Tropföl von den Trafos über die Jahre kontaminiert sind und auch die Wände noch lange den herben Ölgeruch verströmen. Daran scheiterte vor ca. 12 Jahren der Versuch, Speiseeis im Trafohäuschen neben der Gaststätte „Zu den Linden“ zu verkaufen. Schade, denn dieses Objekt liegt zentral und hat eine besonders charakteristische Form, die mit den Jugendstilbauten Karl-Marx-Str. 1 und 2 korrespondiert und den Platz vor der Gaststätte beherrscht. Hier wird jetzt aber ein von der Stadtverwaltung ausgelöstes Projekt zu Sanierung und neuer Nutzung im Architekturbüro ASI erarbeitet. Das Ziel ist es, dass im ehem. Trafohaus Schaltschränke anderer Rechtsträger einen sicheren Platz finden und damit im Stadtbild nicht mehr stören sollten. An diesem Objekt ist ersichtlich, dass um 1910 schon versucht wurde, die Außenwände aus dem modernen Baustoff Beton herzustellen.

Danken möchte ich meinem ehemaligen Kollegen Ingenieur Karlfried Müller für Gespräche über Elektrotechnik und damit in Zusammenhang stehende Gebäude. Architekt Scharrer danke ich für den Einblick in ein neues Radebeuler Projekt.

In Betrieb befindliche Umspannstationen erkennt man in der Regel an den amtlichen Blechschildern „Vorsicht Hochspannung“ oder salopp ausgedrückt daran, dass sie selten von Spraychaoten auf ihre Art farblich gestaltet wurden. Aber verlässlich ist letzteres auch nicht, denn das Beispiel Nizzastr., offenbar am Netz, wurde trotzdem besprüht.

Mit dem heutigen Thema nun habe ich die meisten Trafohäuschen in Radebeul und Umgebung Revue passieren lassen und so etwas Interesse für ein eher trockenes, dennoch wichtiges Thema wecken können, das würde mich freuen.

Der Aufsatz ist dem Kunsthistoriker Dr. Volker Helas (gest. 12.08.22) gewidmet, der bereits in den 80-er Jahren in Hessen einige dieser technischen Bauwerke als Kulturdenkmale erkannt hatte.

Dietrich Lohse

Literaturhinweis: „Zwischen Kraftwerk und Steckdose“, Michael Neumann, Jonas Verlag Marburg, 1987

Radebeuler Firmengeschichte

Arevipharma GmbH

Ehemaliges Arzneimittelwerk – 25 Jahre TBA

Jährlich im Frühjahr findet man im Radebeuler Amtsblatt den „Öffentlichkeitsbericht der Thermischen Behandlungsanlage (TBA)“. Das ist eine recht unspektakuläre Sache und selbst Interessierte brechen sicher nach dem ersten Satz mit Lesen ab. Der erste Satz vermittelt nämlich stets Stabilität und umweltgerechten Betrieb. Da es diese Anlage seit nunmehr gerade 25 Jahren gibt, hierzu folgenden „historischen“ Hintergrund.

Das Arzneimittelwerk Dresden mit seinem Hauptwerk auf der Meißner 35 war nicht nur ein wichtiger hiesiger Arbeitgeber, sondern als Kombinats-Hauptwerk Kern der Arzneimittelproduktion der DDR. Mit den Wurzeln in den 1870igern ( von Heyden ) machte es in seiner Entwicklung natürlich alle Umweltsünden weltweiter chemisch-pharmazeutischer Produktion mit. Das waren vor allem die unbehandelte Abwasserentsorgung in die Elbe und der freie Ausstoß von Abluft und Abgas in die Atmosphäre. Mit aufkommendem Umweltbewusstsein begann man in der westlichen Welt ab den 60iger Jahren massiv mit der Abstellung solcher Missstände. Man fixierte das auch gesetzgeberisch. Es war ein schlimmes Versäumnis der DDR-Führung, Umweltschäden bis zum Ende 1989 nicht ernst genug zu nehmen. Die Elbe war entsprechend verseucht und Radebeul roch lax gesagt entsprechend herb. Es gab zwar durchaus punktuelle Verbesserungen; mit dem Bau einer großen Mehrzweckanlage (1977-78) auch eine „Abluftentsorgung“ über einen 165m hohen Schornstein – aber auch aus Geldmangel keine umweltgerechte Lösung. Folgerichtig kam es dann nach der Wende Ende April 1990 zur Werksbesetzung durch Greenpeace. Vor allem wurde hier das Abwasserproblem thematisiert und eine sofortige Werksschließung gefordert.

Ab diesem Zeitpunkt bekamen Ab-Wasser und –Luft die gebührende Aufmerksamkeit. Mit der nachfolgenden Werksübernahme durch Asta-Medica, Pharmasparte der DEGUSSA, mit höchster Priorität. Im Rahmen der umfassenden Umstrukturierung dieses Konzerns war es damals Zielstellung, Radebeul zum einzigen Wirkstoffhersteller des Konzerns auszubauen. Dabei war unbedingt zu beachten, dass für eine weiter Betriebserlaubnis alle geltenden Umweltgesetze der BRD ab dem 1.1.1995 einzuhalten waren.

Als Sofortmaßnahme wurde daher eine Abwasserleitung, sehr teuer, doppelwandig mit Leckageüberwachung, zum Klärwerk Kaditz gebaut. Hier ließen sich die chemietypischen in Mischung mit den kommunalen Abwässern Dresdens gut und umweltgerecht abbauen.

Mit Abluft und Abgasen war das völlig anders . Bis auf eine gewisse Entsorgung, nicht Behandlung, über den Schornstein, lagen sie völlig konfus vor; an hunderten Stellen in den Produktions- und Technikbereichen des Werkes verteilt. In Summe handelte es sich um etwa 100.000m³/Stunde.

Relativ schnell war klar, dass hier nur eine gebündelte Erfassung und angepasste Verbrennung zielführend war. Der Mehrzweckcharakter der Anlagen sowie der ständige Produktwechsel hätten eine eher populäre biologische Abgasreinigung absolut überfordert. Also Verbrennung, welch Teufelszeug! In der Bevölkerung gärte es. Im AWD soll eine Abfall-Verbrennungsanlage gebaut werden! Hier musste zum Vorantreiben des Projektes diplomatisch vorgegangen werden. Da in der Flamme, bei hoher Temperatur, alle Schadstoffe unschädlich gemacht werden können, kann man von einer thermischen Behandlung sprechen. Von nun an wurde nur noch von thermischer Behandlung gesprochen. Das verbleibende Kürzel TBA führte letztlich zur nötigen Ruhe bei der Weiterbearbeitung. Zur damals vorliegenden undefiniert großen Abluftmenge muss gesagt werden, dass alle üblichen in großem Maßstab in der pharmazeutischen Produktion eingesetzten Lösemittel mit Luft explosive Gemische bilden. Nur mit großen Luftmengen umging man dauerhaft der Explosionsgefahr. Mit so großen Luftmengen konnte man aber keine wirtschaftliche Entsorgung betreiben.

Die ingenieurtechnische Aufgabe war daher folgendermaßen zu umreißen:

1. Konzeption des Aufbaus und Dimensionierung der Behandlungsanlage/ 2. Erfassung und Fortleitung sämtlicher Abluft bzw. Abgas/ 3. Gleichzeitige Lösung des Explosionsproblems/ 4. Absolute Minimierung Abluft/ Abgas.

Die Leistung der TBA wurde damals, das war ingenieurtechnisch fortschrittlich, mit 1500m³/h Abluft / Abgas und gleichzeitiger Verbrennung von 350 kg/h flüssiger Abfallstoffe der eigenen Produktion festgelegt und bei den zuständigen Behörden beantragt.

Projektierung und Bauausführung erfolgte durch das Ingenieurwesen der DEGUSSA. Dem technischen und verfahrenstechnischen Team AWD verblieben neben der Projektbetreuung und dann parallel zum Anlagenaufbau eine wahre Mammutaufgabe. Das gesamte Werk musste entsorgungsgerecht umgebaut und anschlussbereit gemacht werden. In erfreulicher Zusammenarbeit gab man uns im Rahmen eines sogenannten „Öffentlich rechtlichen Vertrages“ behördenvertraglich dafür Zeit bis Mitte 1997.

Die Bearbeitung erfolgte von diesem Zeitpunkt an durch ein Trio. Zum Umbau des Werkes soll nur soviel gesagt sein, dass es seitdem auf dem Gebiet der Abgasentsorgung ein völlig anderes Werk gibt. Auch die Belegschaft musste an eine neue, geänderte Bedienung herangeführt werden. Der Umbau erfolgte „auf Sicht“ mit täglichen Abstimmungen zwischen Projektteam, Produktion und einer sehr kreativ flexiblen Rohrbaufirma. Nur so konnte ein „flotter“ Baufortschritt ohne Produktionsstillstand und damit Umsatzausfall gewährleistet werden. Ein Teil der Technik (Reaktoren, Trockner, Trenntechnik, Vakuumtechnik… ) wurden auf entsorgungstechnisch neuen Stand gebracht. So manches wurde ausgesondert und durch neue Apparate ersetzt. Ansonsten erfolgte eine konsequente Kapselung der Ausrüstungen bei gleichzeitiger Dauerinertisierung (Hinzufügung) mit Stickstoff. Die sichere Anwesenheit von Stickstoff verhindert eine explosive Atmosphäre innerhalb der Apparate. Allein schon diese Voraussetzung erforderte den Aufbau einer eigenen Infrastruktur mit weitverzweigten Rohrleitungsnetzen.

Nach von atemloser Spannung begleiteter Zuschaltung des neuen als ASA bezeichnetem Gesamtsystems an die TBA im Juni 1997 konnte folgende erfolgreiche Bilanz gezogen werden:

  • – restloser Anschluss sämtlicher Abluft- und Abgasquellen bei gleichzeitiger Mengenreduzierung auf etwa 1% der früheren Werte
  • – enorme Einsparungen bei der Beheizung der Produktionsstätten
  • – drastische Reduzierung der Abwassermenge soweit, dass heute das Werk deutlich abwasserärmer arbeitet (das waren ursprünglich 60-70 m³ pro Stunde !)
  • – Ertüchtigung der TBA zwecks zusätzlicher Entsorgung beladenen Wasserstoffs einschl. spez. Erfassungs- und Fortleitungssystem
  • – Entschärfung evtl. Sicherheitsentspannungen im Havariefall über Dach; dabei Anschluss einer solchen mit besonderer Brisanz an die TBA mit spez. Anschlusssystem

Seit Mitte 1997 läuft nun die TBA erfolgreich. In ihr werden in einer Brennkammer bei über 1000° C Abluft ,Abgas und flüssige Abfallstoffe unter Erdgaszufuhr sicher verbrannt. Anschließend werden diese Rauchgase mit Wasser extrem schnell abgeschreckt, nun erst unter Verwendung von verdünnter Natronlauge, dann mit vollentsalztem Wasser gewaschen, erneut erwärmt, mit Ammoniak versetzt über einem Katalysator denoxiert ( vgl. Dieselmotoren-Adblue), abgekühlt und nach Messung aller relevanten Emissionskennwerte über Dach ausgestoßen. Die Überwachung erfolgt hinsichtlich evtl. Ausfallzeiten, der Einhaltung der Verbrennungstemperatur, des Ausbrandes , Schwefeldioxid- , Stickoxid- , Salzsäure- und Staubgehalt kontinuierlich. Dioxine sind einer kontinuierlichen Messung nicht zugänglich. Hier erfolgt turnusmäßige Probenahme und Auswertung durch ein unabhängiges Prüflabor. In der TBA wird Abwärme zur Dampferzeugung genutzt. Allerdings nicht umfassend, da ansonsten mit Dioxinbildung gerechnet werden musste.

Aus heutiger Sicht ist der Betrieb der TBA eine Erfolgsgeschichte. Ohne sie wäre das Werk nicht betriebsfähig. Abweichungen in Verfügbarkeit und Nichteinhaltung von Emissionsgrenzwerten waren kaum erwähnenswert. Nach der anlagentechnischen Erneuerung des Prozessleitsystems 2021, in die auch die gebündelte Betreibererfahrung zweier Jahrzehnte einfloss, kann fast von einem Idealbetrieb gesprochen werden. Das konzipierte Entsorgungskonzept war gut gewählt. Auch zwischenzeitliche Verschärfungen der Emissionsgesetzgebung waren unproblematisch erreichbar. Jährlich zulässige Schadstofffrachten nach der 17. Bundes-Immissionsschutzverordnung werden nur zwischen 0 und 34% ausgeschöpft!

Durch Abwanderung der Wirkstoffproduktion im Rahmen der Globalisierung, konnte das Potential der TBA bisher nicht wirksam werden; sie war für eine Erweiterung des Produktionsstandortes vorbereitet. Allerdings ist der hohe Gasbedarf der TBA (einige 100.000 m³ pro Jahr ) gerade jetzt Anlass zu großer Sorge – denn ohne TBA keine Produktion. Hier kann man nur hoffen und der TBA mit dem traditionsreichen Werk eine weitere erfolgreiche Zukunft wünschen.

Am 2. Januar 1874 nahm der Firmengründer am Standort die „Salicylsäurefabrik F.v.Heyden“ in Betrieb. Also vor fast 150 Jahren! – Auch sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass vor 80 Jahren in den Laboren dieses Werkes Epochales entwickelt wurde. Der Chemiker Richard Müller erfand die Grundsynthese der Silikonchemie, bekannt als Müller – Rochow –Synthese – was wären wir heute z.B. ohne Mikro-Chips!

Der Autor wagte einen sehr persönlichen Rückblick auf einen wichtigen Teil Werksentwicklung der jetzigen Arevipharma in Radebeul Ost, an dem er im letzten Jahrzehnt seiner Berufstätigkeit teilnahm. Prägend waren dabei Konzipierung und Dimensionierung der TBA und daraus folgernd die Projektverantwortung bei entsorgungsgerechtem, mengenreduziertem Werksumbau. Unbedingt müssen aber dabei die Herren Peter Dethloff, Radebeul sowie Jürgen Müller ,Meißen genannt werden.

Peter Gühne

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