Neue Karikaturenausstellung im Heimatmuseum Radeburg

Sieger des Heinrich-Zille-Karikaturenpreises 2022 zeigt seine besten Arbeiten

Markus Grolik hat viele Talente. Er schreibt Bücher, erfindet Figuren, fährt einen alten Dacia, ein noch älteres Fahrrad – und verliert dabei niemals den Humor. Das macht ihn obendrein zu einem gewitzten Cartoonisten, zu einem der besten Karikaturisten in Deutschland. Soeben hat er mit seinem Werk „Aufladen“ den renommierten Heinrich-Zille-Karikaturenpreis der Stadt Radeburg gewonnen, dotiert mit 1.000 Euro, ausgelobt von dem Ort, in dem der große Maler und Zeichner Zille zur Welt kam. Das Preisgeld stiftet in diesem Jahr das Ingenieurbüro für Verkehrsanlagen und -systeme IVAS. Kuratiert wird der Preis seit Anfang an von der Galerie Komische Meister Dresden.

Cartoon von Markus Grolik


In der exklusiven, am 17. September öffnenden Personalausstellung darf Markus Grolik sich von allen Seiten seines zeichnerischen Könnens zeigen. Vor allen Dingen mit seinen zeitlosen Karikaturen zu allen Lebenslagen, ob es nun um Liebe, Verkehr, Geld oder den ganzen Rest geht. Alles Menschliche und Alltägliche dient als Vorlage für den sympathischen Verdreher der Wirklichkeit – was in diesem Falle heißt: Markus Grolik stellt die Welt vom Kopf auf die Füße. Allein das reicht heute schon, um als gerissener Witzbold zu gelten. Seine Cartoons liefern den Beweis dafür.

Cartoon von Markus Grolik


Auch Illustrationen zu Groliks Kinderbüchern und seine Comiczeichnungen sind Teil der neuen Ausstellung im Heimatmuseum Radeburg. Beim Verlag Rowohlt heißt es über den 1965 in München geborenen Künstler, der nach einem Kunststudium seit 1995 freiberuflich arbeitet: „Neben dem Illustrieren und Schreiben von Kinderbüchern sind Comics seine große Leidenschaft. So erhielt er 2004 auf dem Comicsalon Erlangen bereits zum zweiten Mal nach 1995 den ICOM Independent Comic Preis und 2003 das Atelierstipendium des Bayerischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Für seine Serie um den sympathischen Privatdetektiv Perry Panther wurde er 2003 für den Deutschen Kinderkrimipreis nominiert.“

Erwachsene und Kinder sollten diesmal unbedingt gemeinsam in die Ausstellung mit Werken von Markus Grolik gehen. Denn seine Ideen verbinden Alt und Jung. Ganz im Sinne des großen Zille, dessen Gesellschaftskritik immer mit einem Augenzwinkern einherging, so schwierig die Verhältnisse auch waren, die er mit dem Stift launig und wissend dokumentierte.

Mario Süßenguth
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Heinrich-Zille-Str. 9
01471 Radeburg
Tel.: 035208/96175 oder 035208/96170
Mail: museum@radeburg.de
Web: www.museum.radeburg.de
www.radeburg.de /www.komischemeister.de

Vereint und miteinander

Zum ersten Radebeuler Vereinstag hatte das TEAM RADEBEUL am 3.9. vor den Radebeuler Kultur-Bahnhof eingeladen. Von 10 bis 14 Uhr konnte man hier über den Platz schlendern, sich über die Angebote von 24 Vereinen informieren, dem Chorgesang lauschen, den Vorführungen von Sportvereinen zusehen, vieles ausprobieren und sich mit Kaffee, Kuchen, Getränken und einem Imbiss stärken.

Vereinstag vor dem Kultur-Bahnhof


Das Deutsche Rote Kreuz hatte beispielsweise einen Krankenwagen mitgebracht, den man von innen besichtigen konnte. Beim Astroclub konnte man durch ein Fernrohr die Sonne beobachten, beim Radebeuler Handballverein war man eingeladen zum Büchsenwerfen, beim Yorokobi e.V. zum Schminken. Der Deutsche Kinderschutzbund OV Radebeul füllte Helium in Luftballons, der RBC hatte einen Tischkicker dabei und der Förderverein vom Karl-May-Museum lud zum Lassowerfen ein.

Der Männerchor „Liederkranz 1844“ eröffnete den Tag und auch der Lößnitzchor gab einige musikalische Kostproben seines Repertoires zum Besten. Zum krönenden Abschluss wurde die Darbietung der Nablus Circus School, die vom Kinder- und Jugendzirkus Sanro im Rahmen der KinderKulturKarawane nach Radebeul eingeladen worden war. „Being Seen“ ist eine beeindruckende Vorstellung der Zirkusartistinnen und -artisten über ihren Alltag in Palästina.

Viele Familien mit Kindern nutzten die Gelegenheit und verbrachten einen kurzweiligen Vormittag vor dem Kultur-Bahnhof. Auch Senioren kamen, um sich über Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements zu erkundigen.

Der Vereinstag soll auch im kommenden Jahr wieder stattfinden und ein fester Punkt im jährlichen Veranstaltungskalender der Stadt Radebeul werden.

Anja von Bahder

Augusts Afrika – Zu zwei Ausstellungen in Moritzburg

Abbildung: August der Starke als »Chef der Afrikaner«, 1709, Kostümskizze


Noch bis zum 31.10.2022, oder über das kommende Sommerhalbjahr 2023 kann man im Schloss Moritzburg und im Käthe Kollwitz Haus in Moritzburg zwei Sonderausstellungen sehen, die sich mit der Faszination Augusts des Starken für Afrika beschäftigen. Seine Liebe für alles Fremdländische, wie das chinesische Porzellan ist hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist, dass er sich selbst in höfischen Maskeraden und Festlichkeiten mehrfach in die Rolle eines „Chefs der Afrikaner“ begab um seine Gäste zu empfangen. Erstmals wird vorgestellt, was man bisher über das Leben der sogenannten „Hof-und Kammermohren“ in Dresden weiß, deren beachtliche Zahl von 80 Menschen dunkler Hautfarbe im Zeitraum von 1650 bis 1750 erstaunen lässt. Ein weiteres Kapitel berichtet über die Herrnhuter Missionare in Afrika im 18. Jahrhundert. Und es geht um die erste wissenschaftliche Expedition, die August der Starke nach Nordafrika entsandte um Tiere, Pflanzen, Mineralien und ethnografische Gegenstände zurück nach Dresden zu bringen. Einige wenige wilde Tiere, wie Löwen und Leoparden, aber auch Strauße kamen 1733 lebendig in Dresden an. Die Strauße fanden ihr Domizil im „Indianischen Vogelhaus und Straußenzwinger“ in Moritzburg, dem heutigen Käthe Kollwitz Haus auf der Meißner Str. 7. Dort lenkt uns die zweite Ausstellung mit Fotografien der bekannten Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst auf das heutige Nordafrika. 1997 reiste eine Gruppe von Leipziger Wissenschaftlern und Künstlern auf den Spuren von Augusts Expedition durch Tunesien. Karin Wieckhorst war dabei und hielt interessante Aufnahmen mit ihrer Kamera fest.

Margitta Hensel

Informationen zu den Öffnungszeiten unter www.schloss-moritzburg.de und www.kollwitz-moritzburg.de
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Literaturhinweis: Eberhard Görner beschreibt in seinem Buch „Abenteuer Afrika“ anhand umfangreicher Recherchen die abenteuertliche Reise der sieben Männer, an der Spitze der Leipziger Mediziner Johann Ernst Hebenstreit. Allen, die das Wissen um diese Expedition noch vertiefen wollen, sei dieses Buch empfohlen. Erschienen ist es im Chemnitzerverlag, ISBN 978-3-944509-13-6.

Editorial

Wenn unsere geschätzte Leserschaft diese Zeilen liest, wird das 30. Herbst- und Weinfest und XXV. Internationale Wandertheaterfestival in Radebeul leider schon wieder Geschichte sein.

Während diese Zeilen jedoch noch am Vorabend des Festes verfasst wurden, fiebern noch zahllose Menschen in freudiger Erwartung auf ein fulminantes Wochenende mit Kunst, Theater und natürlich Wein hin.

Nach den weitreichenden Entbehrungen der letzten beiden Jahre ist das zu feiernde Doppeljubiläum tatsächlich ein beachtenswerter Meilenstein in der Radebeuler Festkultur. Ein ausdrücklicher Dank sei an dieser Stelle nochmals an alle Verantwortlichen gerichtet, die einst und heute zum Wachsen und Gedeihen dieses nunmehr unverzichtbaren Kulturschatzes beigetragen haben.

Nun endlich werden auch wieder zahlreiche Künstler aus aller Welt den Weg nach Radebeul gefunden haben, um ihre Künste und Attraktionen dem staunenden Publikum zu präsentieren.

Und was wäre schließlich das Fest ohne das unvergleichliche „Finale Grande“ mit seinem magischen Feuerrausch auf den Elbwiesen? Immer wieder werden hier tausende Wünsche auf kleinen Zetteln mit dem Feuer hoch in den Nachthimmel getragen, die vielleicht hier unten ein kleines Stück für eine bessere und friedlichere Welt beitragen können.

Und so soll das Fest seinem diesjährigen Motto folgen: »VIVAT!«

Sascha Graedtke

Serkowitz.Neubau


Filmclub mobil präsentiert

3. Thematischer Filmclubabend
Donnerstag, 15.9.2022, Einlass 19.00 Uhr
Beginn 19.30 Uhr
in der Kunstscheune Altnaundorf 6
01445 Radebeul

Gezeigt wird
„Karbid und Sauerampfer“
1963, DDR, DEFA-Lustspielklassiker, P 16

Zum Inhalt: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegt Dresden in Schutt und Asche, darunter auch die Zigarettenfabrik. Die soll wieder aufgebaut werden. Doch beim Wiederaufbau muss man schweißen und zum Schweißen benötigt man Karbid. Also wird der Arbeiter Kalle, von seinen Kollegen nach Wittenberg geschickt, wo er sieben Fässer Karbid erhält. Allerdings gestaltet sich der Rückweg ohne eigenes Fahrzeug und nur mit Zigaretten als einzigem Zahlungsmittel ausgestattet, schwieriger als gedacht. Unterwegs lernt Kalle die junge Bäuerin Karla kennen. Gern wäre er bei ihr geblieben, doch in Dresden wartet man auf die Fässer mit dem Karbid. Mehrfach zwischen sowjetischen und amerikanischen Sektoren wechselnd, heißt es für Kalle sehr trickreich zu agieren. Hinzu kommt, dass er sich einer lüsternen Witwe erwehren muss und es zwei Diebe auf seine Fässer abgesehen haben. Trotz aller Turbulenzen bringt Kalle schließlich zwei Fässer Karbid ans Ziel und auch mit seiner Karla gibt es ein Happy End. Unter welchen Umständen die restlichen fünf Fässer abhandengekommen sind, das alles zeigt auf vergnügliche Weise der Film.

Erwin Geschoneck, der die Rolle des Kalle spielt, wirkt als Arbeiter sehr authentisch und beweist sein großartiges komödiantisches Talent. Als Karla ist die junge Dresdner Schauspielerin Marita Böhme zu erleben und in der Rolle eines schlitzohrigen Sängers der bekannte Sänger Rudolf Asmus. Sehr erfrischend werden die Lebensumstände und Alltagsschwierigkeiten unmittelbar nach Kriegsende aus einer heiteren Perspektive dargestellt. Das mit vielen Pointen gespickte Drehbuch von Hans Oliva-Hagen und Frank Beyer überzeugt durch soziale Genauigkeit und ironisch politische Untertöne.

Karin Baum und Michael Heuser, Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.

Reservierungen erbeten!
Kontakt: 0160-1038663
info@radebeuler-kultur.de

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… von flüchtigen Momenten …

tabula rasa | in wandlungsfreiheit
begehbare Installation
Hofgeismar in Nordhessen | 2021

April 2020. Damals, als das C sich wie eine große Ungewisse über uns legte, empfand ich jene Frühlingstage als unheimlich kraftvoll und energiegeladen. Nie zuvor erlebte ich solch einen Moment des Stillstandes so flächendeckend, weltweit, zugleich. Und genau in diesem Zur-Ruhe-Kommen loderte so viel Energie für Veränderung, die Chance für einen Neuanfang. Es entstand der Entwurf zur tabula rasa – ein frei wandelbarer, begehbarer Raum:

Alles ist ungeahnt, anders, neu. Das Blatt wieder weiß und unbeschrieben – ursprünglich und leer, frei aller Erfahrungen und Erwartungen. Es ist an uns, es neu zu beschreiben. Wir haben die Chance, die Wandlungsfreiheit, die Streifen des Blattes neu zu ordnen, den Raum neu zu formen, einen neuen Weg zu eröffnen … und ihn zu gehen.

Eineinhalb Jahre später fand es dann schließlich statt, das Windkunstfestival, und ich ließ die Arbeit in einem lichten Kiefernwald entstehen. Die Menschen bahnten sich ihre eigenen Wege durch die Papiere und konnten dabei erspüren, wie ihre Entscheidungen den weiteren Bewegungsraum beeinflussen. Eines Septembermorgens erwachte ich inmitten jener mystischen Stimmung, während die tabula rasa ganz licht aus dem Nebel hervortrat. Keine Ablenkung. Keine Orientierung. Alles ist möglich … in diesem flüchtigen Moment.

Constanze Schüttoff

Eine Gruppe von Radebeuler Häusern im Doppelpack – Winzerhaus und Villa

Foto: D. Lohse

Wenn man die beiden Baugruppen von typisch Radebeuler Häusern einzeln betrachtet, glaubt man nicht, daß sie als Zusammenbau, quasi „Zwitterhäuser“, eine Daseinsberechtigung haben könnten, also „ein Bild“ ergeben könnten. Es ist ein Kontrastprogramm. Ich dachte, wo heute alle Welt „gendert“ und über mehr als zwei Geschlechter nachdenkt, passen „Zwitterhäuser“ ganz gut dazu. Die nähere Betrachtung soll zeigen, daß aber so unterschiedliche Formen zusammengefügt eine interessante Wirkung erreichen können. Die drei von mir gefundenen und im Folgenden beschriebenen Beispiele lassen bald erkennen, daß es sich um eine spezielle Radebeuler Bauform handelt, die bisher von keinem hiesigen Bauforscher bearbeitet worden sein dürfte. Zunächst möchte ich ein paar Merkmale für jede der beiden Bautypen herausarbeiten und gegenüberstellen, um die Unterschiede zu zeigen.
Winzerhäuser wurden in einer größeren Zeitspanne etwa vom16. bis 19. Jh., im Kern im 17. u. 18. Jh., errichtet. Sie sind an den Weinbau gebundene Zweckbauten von meist einfacher Bauart, klarer Geometrie und unter Verwendung örtlicher Baumaterialien. Städtebaulich sind sie „Einzelgänger“, jeweils bezogen auf einen Weinberg. In den seltensten Fällen wird man einen Baumeister oder Architekten für ein Winzerhaus ermitteln können.

Villen dagegen sind bürgerliche, bzw. auch großbürgerliche Einfamilienhäuser, zT. mit aufwändigen Fassaden und luxuriöser Ausstattung. Sie treten in Radebeul in einer überschaubaren Zeitspanne etwa von der Mitte des 19. Jh. bis 1920 auf. Villen bilden oft einen städtebaulichen Zusammenhang, straßenbegleitend oder um einen Platz gruppiert. Hier gibt es aufwändige Gestaltungen in Grund- und Aufriß mit Türmen, Veranden und Balkonen. Villen haben immer Einfriedungen und Gärten als Umfeld, manchmal auch Parkanlagen. Die Planer von Villen lassen sich in den meisten Fällen über die Bauakten ermitteln, weil es in der Bauzeit bereits üblich geworden war, Planunterlagen einzureichen und diese zu archivieren.
Welche Gründe könnte es aber für eine eher seltene, baulich enge Kombination dieser beiden so verschiedenen Bautypen gegeben haben? Diese Kombination setzt erst einmal das Vorhandensein von Winzerhäusern voraus, wo dann nach Niedergang des Weinbaus (u.a. wegen der Reblaus) eine Verdichtung mit Villen stattfinden konnte – also in den Ortsteilen Ober- und Niederlößnitz. Der Normalfall beim Hausbau, so auch bei einer Villa, ist der Erwerb eines freien, bebaubaren Grundstücks. Dann gäbe es noch die Situation, daß auf dem Grundstück schon ein älteres, vielleicht baufälliges Haus steht – hier wäre ein Abbruch nötig, ehe mit dem Bau der Villa begonnen werden könnte. Ein Sonderfall ist dann der Erwerb eines mit einem zu erhaltenden Winzerhaus bebauten Grundstücks, wo noch eine Villa Platz finden mußte, der Grundstückszuschnitt aber zum Zusammenbau nötigte, oder, wenn eine Großfamilie unterzubringen war, das Winzerhaus als Altenteil, die Villa für die Jüngeren – so oder ähnlich sind die baulichen „Zwitter“ in Radebeul entstanden. Für eine solche Bauaufgabe, eine spezielle Form der Raumerweiterung, braucht der Architekt schon ein gewisses Gespür! Nun will ich in knappen Zeilen die Baugeschichte der drei Standorte, alle drei Häuser sind Kulturdenkmale, chronologisch vorstellen:

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

1. Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße 27 (Jägerhof)
Die Errichtung des zweigeschossigen, massiven Winzerhauses schätze ich um 1680, etwas älter als in der Denkmaltopografie genannt, ein. Das hohe Walmdach würde m.E. in diese Zeit passen. Karl Gottlieb Münch beantragte für sein Winzerhaus 1851 die Konzession zum Weinausschank, ab 1864 durfte er die Bezeichnung „Münchs Restaurant“ führen. Unter dem Eigentümer Adolf Louis Eberhardt wird dann 1892 der Bau einer Villa mit Turm als Erweiterung neben dem Winzerhaus beantragt und genehmigt. Den Entwurf und auch die Ausführung dieses großen Schweizerhauses besorgte Baumeister Adolf Neumann (u.a. bekannt durch das Rathaus für Niederlößnitz). Eberhardt eröffnet in dem Neubau seine Gaststätte „Jägerhof“. Geweihe an den Fassaden erinnern noch heute an den Namen der Gaststätte, obwohl sie schon lange geschlossen ist. Von 1907 bis 1931 erfolgten unter verschiedenen Eigentümern bzw. Betreibern bei schlecht laufendem Betrieb vier Zwangsversteigerungen – es war die Zeit des 1. Weltkrieges, der Inflation und der Weltwirtschaftskrise! Ab 1933 beginnt dann die reine Wohnnutzung an Stelle der Gastwirtschaft. Als prominente Mieter sind die Professoren Walter Howard (Bildhauer u. Hochschullehrer) und Fritz Jürgen Obst (Naturkundemuseum DD) zu nennen. Die Nebengebäude im Hof wurden auch gewerblich genutzt, haben aber zu dem Thema meiner Betrachtung keinen Bezug. Hier war es schwer, ein besseres Foto der Gebäudegruppe zu erhalten, weil der Garten inzwischen zugewachsen ist. Deshalb mußte ich auf eine Postkarte von um 1900 zurückgreifen. Hier erscheint das Winzerhaus fast eingeschossig, was aber an einer perspektivischen Täuschung liegt. Zuletzt hatte es wohl einer Familie Häse gehört. 2021 wird u.a. in V&R ein erneuter Verkauf angezeigt, der noch nicht abgeschlossen ist.

Foto: Radebeuler Stadtarchiv

2. Paradiesstraße 48

Das schlichte Winzerhaus aus der 2. Hälfte des 18. Jh. konnte auch keinem Baumeister zugeordnet werden. Durch die Fa. Gebr. Ziller wurde 1875 östlich des Winzerhauses ein flacher Bau mit Verbinder hinzugefügt, der 1908 teilweise in der Villa aufging.

Foto: D. Lohse

Foto: D. Lohse

Der Generalmajor A. Mehlhorn beauftragte den namhaften Dresdner Architekten Georg von Mayenburg (er hat später den Rückumbau von Schloß Wackerbarths Ruhe in der heutigen Form als Entwurf betreut) seinen Altersruhesitz zu planen. Der Bau wurde durch die Firma von Paul Ziller errichtet. Die Nahtstelle zwischen Winzerhaus und Villa ist hier die Längsseite des Winzerhauses. Stilistisch wäre diese, wie auch die unter 3. vorgestellte Villa, der Reformbaukunst, bzw. dem Heimatstil zuzurechnen. Die Frau des Offiziers lebte hier noch bis nach 1945, später verwaltete die Gebäudewirtschaft das Grundstück. Familie Dr. Tobias Plessing erwarb das Anwesen 2006 von Herrn Armin Hoch, der das Haus unsaniert genutzt hatte. Jetzt konnte das Grundstück neu geordnet und Villa und Winzerhaus mit eigenen Wünschen und denkmalpflegerischen Auflagen in Stand gesetzt werden. Freilich ist die Kombination zweier Häuser in dieser Weise städtebaulich nicht optimal, man sieht hier die Villa von der Straße aus nicht, sondern nur das Winzerhaus. Daß sich die Villa ganz dem Garten zuwendet, ist zum Wohnen allerdings ideal.

3. Weinbergstraße 32 / 32a
Auch hier stand das weit vor 1800 errichtete Winzerhaus mit einer Weinbergslage am Berg zuerst da. Anfang des 20. Jh. war es baufällig geworden und sollte eigentlich durch Sanierung erhalten werden. Als dann 1908 der damalige Firmeninhaber, Richard Adolf Lange, der Glashütter Uhrenfabrik Lange & Söhne auf dem westlichen Teil des Grundstücks eine Villa für einen Teil seiner Kinder bauen wollte, fand man bei einer Untersuchung der Bausubstanz des Winzerhauses, das in Kubatur und Gestaltung dem benachbarten Haus Lorenz ähnlich gewesen sein muß, daß es nicht mehr zu erhalten sei. Arch. Paul Ziller (eigene Firma, – nicht Gebr. Ziller) wollte es nach dem Abriß wieder in gleicher Größe und mit gleichen Ansichten neu aufbauen. Dem stimmte die Baubehörde aber nicht zu. Es gibt auch eine künstlerische Ansicht mit freistehender Villa und Winzerhaus vor den Lößnitzbergen, doch diese Idee mußte dann nicht weiterverfolgt worden sein. Nach Hinweisen des Sächsischen Heimatschutzes erarbeitete daraufhin Architekt Steinmetz (angestellt bei der Fa. Gebr. Ziller) das Projekt für die Villa mit Turm, so wie wir sie heute als eine der „Perlen“ der Weinbergstraße sehen können. Das alte Winzerhaus existiert seit 1908 nicht mehr, der Neubau ist einem Winzerhaus ähnlich, jedoch etwas kleiner und in den Zeichnungen gelegentlich auch als „Pförtnerhaus“ der Villa bezeichnet.

Foto: D. Lohse

Die Bauausführung lag in den Händen der Fa. Gebr. Ziller, 1910 war das Haus endlich bezugsfertig. Im Laufe der Geschichte wurde das Grundstück mehrmals geteilt, so daß das einem Winzerhaus ähnliche Gebäude die Weinbergstraße 32a wurde und auch der Weinbergpavillon in halber Hanghöhe, einst wohl Zubehör zur Villa, in andere Hände kam. Ein gehörloses Mitglied der Familie Lange und Sohn des o.g. Lange, Paul Alfred Lange (von Beruf Gärtner) wohnte, wie mir ein ehemaliger Bewohner vom OG des Winzerhauses aus den 50er Jahren sagte, hier noch nach 1945. Die Villa wurde durch Familie Schubert mit wenigen Veränderungen als Kulturdenkmal saniert. Der heutige Eigentümer, der Arzt Dr. Felix Schubert, wohnt seit längerem hier und übernahm den Besitz 1999 von seinem Vater. Der Zusammenbau von Winzerhaus und Villa ist an diesem Standort am besten erlebbar. Einen guten, höher gelegenen Fotostandort fand ich durch freundliche Bereitschaft im gegenüberliegenden Haus.
Ich bedanke mich bei allen Personen sehr herzlich, die mich bei meinen aufwändigen Recherche- und Fotoarbeiten unterstützt haben.

Dietrich Lohse

 

 

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Ein Jahr »Arbeitsgemeinschaft Geschichte Radebeul«

Für die Stärkung von Erinnerungskultur und Vermittlung regionaler Geschichte des 20. Jahrhunderts
Im Herbst 2022 jährt sich zum ersten Mal die Gründung der »Arbeitsgemeinschaft (AG) Geschichte Radebeul«. Engagierte Bürger der Stadt und aus der Stadtverwaltung haben sich 2021 zu dieser AG zusammengeschlossen, um im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur sowohl Forschung und Wissensvermittlung zu regionalen oder lokalen Ereignissen und Epochen des letzten Jahrhunderts zu unterstützen wie auch Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an Opfer aus Radebeul und der Region zu organisieren. Im Mittelpunkt stehen dabei die Zeit des Nationalsozialismus und seine Opfer in und um Radebeul sowie der Einbezug von Schülern Radebeuler Schulen in die Auseinandersetzung mit diesem Themenkreis.
Die AG Geschichte hat sich aus zwei Gruppen gebildet, die hinsichtlich ihrer engagierten Mitglieder und thematischen Schwerpunkte eine große Schnittmenge aufwiesen, einmal einer Arbeitsgruppe zur Organisation des Gendenkens an den 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945, zum anderen einer Gruppe von Bürgern, die sich bereits 2009 zusammengefunden hatten, um jährlich an zentralen Gedenktagen wie dem 9. November (Novemberpogrome 1938) und dem Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945) Veranstaltungen durchzuführen.
Im Jahr 2020 beging die Bundesrepublik Deutschland den 75. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Ende 2019/Anfang 2020 trafen sich mehrere Aktive mit dem Oberbürgermeister und entwarfen ein Veranstaltungsprogramm zu diesem Anlass (Themen: Gedenktag 27. Januar 2020, Schulmann-Gedenken an die kampflose Übergabe Radebeuls an die Rote Armee am 7. Mai 1945, Erinnerung an die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Zeithain am 23. April, Friedensgebet zum 8. Mai, Erinnerung an die Novemberpogrome an den Stolpersteinen in der Moritzburger Straße und weitere). Die Corona-Pandemie führte jedoch zur Streichung vieler geplanter öffentlichen Veranstaltungen. Erst im Mai 2020 konnte sich die Gruppe wieder treffen und beschloss, bis zum September 2020, anlässlich der 81. Wiederkehr des Kriegsbeginns vom 1. September 1939, eine Ausstellung zu einem zentralen Verbrechenskomplex der NS-Herrschaft zu erarbeiten und zu präsentieren, dem Einsatz ausländische Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft, der auch in Radebeul stattfand. Auf der Grundlage bereits längerer Forschungen von Klaus-Dieter Müller zum Thema Zwangsarbeit (das Buch dazu ist im Herbst 2021 erschienen, Amtsblatt Radebeul, Mai 2022, S. 35) und zusätzlichen Archivrecherchen wurde von diesem und Frank Andert eine Ausstellung zum Thema »Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich – Sachsen – Radebeul« erarbeitet und mit einer Vortragsveranstaltung am 18. September 2020 im Gymnasium Luisenstift eröffnet. Da im Herbst 2020 die Pandemie wiederum zu verstärkten Einschränkungen des öffentlichen Lebens führte, blieb dies unsere einzige öffentliche Veranstaltung in geschlossenen Räumen. 2021 wurde die Ausstellung vom 23. Juli bis 5. September im Weinbaumuseum Hoflößnitz in erweiterter Form erneut gezeigt; am 1. September 2021 gab es dazu in der Hoflößnitz zwei Vorträge zum Thema. Schon am 15. Juli 2021 hatte die AG an den 80. Jahrestag des am 22. Juni 1941 erfolgten deutschen Überfalls auf die UdSSR mit der Vorführung des Films »Das Wunder von Leningrad« erinnert, der die dreijährige Blockade von Leningrad thematisiert.
Das andere »Standbein« der AG Geschichte bilden Mitunterzeichner eines 2009 von Thomas Berndt entworfenen offenen Briefes, in dem die mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Radebeuler Einwohnerschaft für Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus beklagt und eine breitere gesellschaftliche Basis hierfür eingefordert wurde. Aus den 25 Ernstunterzeichnern des offenen Briefes kristallisierte sich ein Arbeitskreis heraus, dem u.a. die Radebeuler Courage-Preisträger Ingrid Lewek und Thomas Berndt sowie Ingrid Claußnitzer und Roland Hering angehörten und der von einigen Stadträten unterstützt wurde. In den folgenden Jahren organisierte dieser Arbeitskreis jeweils am 27. Januar Gedenkveranstaltungen an verschiedenen Orten sowie zu verschiedenen Opfergruppen und Verbrechenskomplexen des Nationalsozialismus (Vernichtungslager Auschwitz, »Euthanasie«-Verbrechen, Kriegsgefangenenlager Zeithain, »Judenlager« Hellerberg, Ghetto Theresienstadt, frühes KZ Hohnstein, um nur einige zu nennen). Das Neue an diesen Veranstaltungen war, dass der Arbeitskreis bei der Vorbereitung ganz bewusst auf die Radebeuler Oberschulen und Gymnasien zuging, die im jährlichen Wechsel eigene Projekte entwickeln sollten, was dank des Engagements der Geschichtslehrerinnen und -lehrer auch gelang. Zum Teil konnten zu den Themen beeindruckende Recherchearbeiten von Schülern der Klassenstufen 9 bis 11 präsentiert werden. Die Kreismusikschule unterstützte diese Veranstaltungen. Als weiteres Thema kamen Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Novemberpogrome jeweils am 9. November hinzu. Gleichwohl war die Basis für eine gelingende Gedenkarbeit nicht stabil (Belastung der wenigen Aktiven, Aufwand für die Motivation und Betreuung von Schülerprojekten, finanzielle Unterstützung), so dass die Gruppe um Thomas Berndt 2018 dem Ältestenrat des Stadtrates eine kritische Bestandsaufnahme ihrer bisherigen Bemühungen vortrug und Änderungen anmahnte.
In dieser problematischen Lage entwickelte sich dann die schon beschriebene Initiative zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, die ebenfalls nur einen kleinen Teil ihres Programmes verwirklichen konnte. Im Herbst 2021 gab es daher erste konkrete Überlegungen, das Nebeneinanderbestehen zweier Initiativgruppen zu beenden und eine auf Dauer und Stabilität ausgerichtete neue »AG Geschichte Radebeul« unter Beteiligung von Mitarbeitern der Stadtverwaltung zu gründen. Eine erste gemeinsame Veranstaltung konnte am 11. November 2021 im Kulturbahnhof mit einem Vortrag des Radebeuler Historikers Daniel Ristau (inzwischen Mitglied der AG) »Pogrom / Gewalt. Die Novemberpogrome in und um Radebeul 1938« durchgeführt werden; eine umfassende, von ihm konzipierte Ausstellung zu den sächsischen Novemberpogromen war gleichzeitig im Kulturbahnhof zu sehen. Zum traditionellen Gedenken am Rosa-Luxemburg-Platz trugen Schüler Radebeuler Schulen Textpassagen aus einer Publikation über die verfolgte Dresdner Jüdin Henny Brenner vor, umrahmt von Musik.
Eine weitere Veranstaltung fand im März 2022 statt. In Erinnerung an die Entstehung wilder und früher Konzentrationslager im März 1933, wo auch Radebeuler Bürger inhaftiert und umgekommen waren, wurde am 11. März 2022 der aktuelle Film unter dem Titel »Folterkeller in Wohnquartier« gezeigt, der auch die Radebeuler Opfer im Konzentrationslager Hohnstein/Sächsische Schweiz beleuchtet. Im Anschluss gab es eine lebhafte Diskussion unter Beteiligung der beiden Regisseure des Filmes, des Oberbürgermeisters und der Besucher. Die Veranstaltung konnte am 24. Mai 2022 im Riesaer Stadtmuseum wiederholt werden. Im weiteren Jahresverlauf wird es wie gewohnt am 17. September eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Sturz Salvador Allendes am 11. September 1973 geben; am 9. November 2022 folgt noch eine Vortragsveranstaltung im Kulturbahnhof, wo die von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erarbeitete Ausstellung »Lichter im Dunkel: Frauen während des Holocaust« zu sehen sein wird. Gleichzeitig blicken wir schon auf das Jahr 2023 voraus (27. Januar, 23. April, 7./8. Mai, 9. November) und wollen uns für die Verlegung weiterer Stolpersteine in Radebeul einsetzen. In der Diskussion sind auch Veranstaltungen zu geschichtlichen Ereignissen der Zeit ab 1945.
Die AG Geschichte Radebeul versteht sich ausdrücklich nicht als unpolitisch, aber als strikt überparteilich. Weil sie nicht als Verein organisiert ist, bestehen auch keine inneren Hierarchien. Einzelne oder mehrere sind jeweils für bestimmte Veranstaltungen verantwortlich und führen sie federführend durch. Die AG umfasst inzwischen rund ein Dutzend Mitwirkende, unter ihnen auch Frau Dr. Gabriele Lorenz und Alexander Lange vom Kulturamt der Stadt Radebeul sowie Romy Leidhold vom Stadtarchiv. Informationen zu den Veranstaltungen werden regelmäßig im Amtsblatt veröffentlicht, zudem nach Möglichkeit auch in der regionalen Presse. Weitere Informationen zur AG Geschichte können in Kürze über die Website des Stadtarchivs Radebeul abgerufen werden.

Für die AG Geschichte Radebeul: Dr. Klaus-Dieter Müller

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Wir würden uns sehr freuen, wenn noch andere an diesen Themen und diesen Anliegen Interessierte zu uns stoßen könnten; insbesondere wollen wir die Kooperation mit interessierten Lehrern und ihren Schülern verstärken (Kontakt: Stadtarchiv Radebeul, Romy Leidhold, Tel. 0351-8305252).

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