Von einem der wegging, um sich einen Namen zu machen

Interview mit Frank-Jürgen Weise anlässlich seines 65. Geburtstags am 8. Oktober 2016

Wenn wir in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten in unserem Heft Persönlichkeiten porträtiert oder interviewt haben, dann handelte es sich fast ausschließlich um Menschen, die als Kunst- und Kulturschaffende unser Leben bereichert und Radebeul seinen unverwechselbaren Charakter als Herz und Sinne anregende Stadt verliehen haben. Oft genug waren diese Personen schon lange Bürger unserer Stadt gewesene, weshalb wir vom Redaktionskollegium – und auch unsere Leserschaft – sie bereits mehr oder weniger gut kannten. Wir hatten sie schon bei Ausstellungen gesehen, in Konzerten und Theatervorführungen erlebt, ihren Reden und Auftritten zu Festen gelauscht, ihre Texte gelesen. Es gibt aber auch die seltenen Momente, wo man ganz unverhofft auf Menschen trifft, deren Biografie zwar mit Radebeul verbunden ist, die aber unsere Stadt schon vor langer Zeit verlassen hatten, weshalb sich heute keiner mehr so recht an sie erinnert bzw. sie mit Radebeul in Verbindung bringt. Mir ist es vor einigen Monaten so mit Frank-Jürgen Weise gegangen. Frank-Jürgen Weise? Vielleicht denken Sie jetzt: „Den Namen habe ich schon einmal gehört.“ Tatsächlich gehört Frank-Jürgen Weise als Vorsitzender des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit und als Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu den hochrangigsten Verwaltungsmanagern unseres Landes. Vor kurzem erst, am 8. Oktober, beging Weise seinen 65. Geburtstag, denn er wurde 1951 geboren, und zwar in Radebeul. Das war für mich Anlass, mich um einen Interviewtermin mit Herrn Weise zu bemühen. Dankenswerter Weise nahm er sich Zeit, meine Fragen zu beantworten, wobei mich natürlich vor allem seine Erinnerungen an die Radebeuler Kinderjahre und seine noch bestehenden Bindungen an unsere Stadt interessierten.  

Frank-Jürgen Weise Foto: Bundesagentur für Arbeit

Frank-Jürgen Weise
Foto: Bundesagentur für Arbeit


Wo genau haben Sie in Radebeul gewohnt? Wir wohnten im Hausbergweg in Radebeul.

Woher stammt Ihre Familie, wann ist sie nach Radebeul gezogen und warum ist sie dann in die Bundesrepublik umgezogen? Mehrere Generationen von Urgroßeltern, Großeltern und Eltern sowohl von Vater als auch Mutter stammen aus dem Raum Dresden, Radebeul, Zitzschewig, Naundorf und Coswig. Meine Eltern hatte nach dem Krieg Sorge, dass es bei einer Besatzung durch die Sowjetunion bleibt, dass der Druck gegen die selbstbestimmte Lebensweise der Menschen in der DDR größer wird. So kam es zur Entscheidung, Radebeul zu verlassen.

Wo haben Ihre Eltern gearbeitet? Haben Sie Geschwister, die mit Ihnen in Radebeul aufgewachsen sind? Wenn ja, wo gingen Sie zur Schule? Mein Vater war Wirtschaftsprüfer und später Direktor in einer Fabrik für Kunststoffe. Meine Mutter hat uns drei Kinder, meine zwei älteren Schwestern und mich, erzogen.

Wie haben Sie Ihre ersten Lebensjahre in Radebeul verbracht? Die Schwestern waren schon in der Grundschule, ich war noch vor der Schule in der Kinderkrippe. Ich habe sehr schöne Erinnerung vor allem an die Natur, ein wenig auch an Freunde im Nachbarhaus im gleichen Alter.

Was ist Ihnen aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben? Ich habe in der Familie eine schöne, behütete Kindheit gehabt. Ich erinnere mich vor allem an Ausflüge, sowohl in die Natur in der Umgebung Radebeuls, aber auch Ausflüge an die Ostsee. Ich erinnere mich an die Tischlerwerkstatt meines Großvaters mütterlicherseits. An Freunde kann ich mich wegen der jungen Jahre leider nur vage, aber sehr positiv erinnern.

Sind Sie in den letzten Jahren besuchsweise nach Radebeul zurückgekommen? Wenn ja: Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt gewonnen? Wenn nein: Planen Sie einen Besuch nach Eintritt in den Ruhestand? In der Zeit der DDR konnte ich als späterer Offizier der Bundeswehr in West-Deutschland nicht nach Radebeul fahren. Nach der Wende war ich mehrmals in Radebeul und Dresden. Ich war Mitglied im Aufsichtsrat der Robotron-Werke in Chemnitz und konnte helfen, Firmenteile zu erhalten und Leiterplattenfertigung für die Firma VDO zu produzieren. Die Technologie war sehr fortgeschritten. Beeindruckt war ich auch von den Fähigkeiten der Menschen. Das waren gute Erfahrungen. Ich habe später auch Professor Biedenkopf besucht, meinen Vorgänger als Vorsitzender des Kuratoriums der Hertie School of Governance. Ich war auch dienstlich zu Veranstaltungen mit der Bundesagentur für Arbeit in Dresden, und dann habe ich oft in Radebeul übernachtet. Und ich habe als Vorsitzender der Europäischen Arbeitsmarkt Services der 28 EU Länder Vertreter der Länder nach Meißen in unser Bildungszentrum und zu Besuchen in Dresden und Radebeul eingeladen. Radebeul ist eine sehr schöne Stadt, der ich sehr verbunden bin. Im Ruhestand werde ich sicher nach Radebeul und Dresden fahren, aber eher in Bayern wohnen bleiben.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zeit des Unruhestandes!

Nach Abschluss der Schulzeit in Schweinfurt/Franken begann Frank-Jürgen Weise 1971 seine Karriere bei der Bundeswehr, wo er neben seiner Offiziersausbildung auch ein Studium der Betriebswirtschaftslehre abschloss. Während seiner 12 Jahre als Soldat bekleidete Weise zahlreiche Funktionen, u.a. als Kompaniechef und Jugendoffizier. Daran schlossen sich Stationen in der Wirtschaft an, bevor er 2002 in den Vorstand der Bundesagentur für Arbeit berufen wurde, dessen Vorsitz er im Februar 2004 übernahm. Nach eigenen Aussagen wird er voraussichtlich zum 1. April 2017 dieses Amt niederlegen und an seinen Nachfolger Detlef Scheele übergeben. Im September 2015 kam Weise der Bitte der Bundesregierung nach und übernahm außerdem ehrenamtlich die Leitung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Darüber hinaus ist Weise mit zahlreichen weiteren Ämtern und Funktionen in Wirtschaft und Öffentlichkeit betraut (u.a. Vorsitzender des Vorstands der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, Frankfurt/Main und Senator der Deutschen Nationalstiftung, Hamburg). Frank-Jürgen Weise ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Frank-Jürgen Weise hat mich ausdrücklich bitten lassen, ihm Exemplare der Dezember-„Vorschau“ nach Nürnberg in die Zentrale der Bundesagentur zu schicken. Dem komme ich natürlich gern nach – vielleicht gewinnen wir so einen neuen Abonnenten?

Bertram Kazmirowski
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Quellen:
Wikipedia-Artikel zu Frank-Jürgen Weise (https://de.wikipedia.org)
Internetauftritt der Bundesagentur für Arbeit (https://www.arbeitsagentur.de)

 

17. Bauherrenpreis der Großen Kreisstadt Radebeul 2016

Am 4. November 2016 wurde durch die Stadt Radebeul und den Verein für Denkmalpflege und Neues Bauen Radebeul e.V. zum nunmehr siebzehnten Mal der Bauherrenpreis der Großen Kreisstadt Radebeul verliehen. Der Drei-Jahres-Rhythmus hat sich wohltuend auf die Einreichungen ausgewirkt. 20 qualitätsvolle Einreichungen in den drei ausgeschriebenen Kategorien Garten- und Freiflächengestaltung, Denkmalpflege und Sanierung sowie Neues Bauen sorgten für die notwendige Spannung und intensive Diskussion in vier Jurysitzungen.

Festzuhalten ist, dass allerdings über die Jahre hinweg immer nur sehr wenig Gärten und Freiflächen eingereicht werden, diesmal nur zwei. Das Selbstbild der Bürger dieser Stadt ist aber gerade (noch??) ein anderes: wir sehen unsere Stadt als Villen- und Gartenstadt; die Villen benötigen geradezu einen angemessenen Garten, sonst wären es keine. Oder wird Radebeul sukzessive eine Stadt der Ein- und Zweifamilienhäuser, der Doppelhaushälften und der sog. Stadtvillen? Auch die Freiflächen, im engeren Sinne die gestalteten Plätze, geben unserer Stadt erst ihr Flair. Hier ist aber erkennbar, dass sich Verwaltung und Bürger gleichermaßen um diese wichtigen Zäsuren bemühen, das öffentliche Bewußtsein dafür sehr ausgeprägt ist – sei es eben der Robert-Werner-Platz, die Anger in Zitzschewig oder Naundorf, der Fontänenplatz, Platanenplatz, Bilzplatz und sicherlich (!) bald der Rosa-Luxemburg- und der Ziller-Platz.

Mit der Kategorie Denkmalpflege und Sanierung, bisher immer Bauen im Bestand, sollte etwas mehr der Denkmalaspekt und fachgerechte Sanierungen betont werden. Dies nahm auch die Jury in ihren Diskussionen auf. Überhaupt greifen die Diskussionen in der Jury naturgemäß immer weiter als nur auf die einzelnen Baulichkeiten. Nicht zuletzt merkt man den Diskussionen ihre Befreiung im Korsett der Jury von den sonstigen rechtlichen Zwängen, die manchmal gleich Denkgrenzen markieren, an. Es wäre ggf. einmal überlegenswert, die inhaltlichen Ideen der Jury für die Stadt bzw. „ihre Baugremien“ nutzbar zu machen.

Auffallend ist zudem, dass diesmal am meisten Neubauten (13) eingereicht wurden. Es ist auch für den Verein unbestritten, dass unsere Stadt sich weiterentwickeln, Neues Bauen auch zu einer Villenstadt gehören muss. Wir tragen diesen Anspruch ja nicht zuletzt auch im Namen. Schwer ist natürlich immer das „richtige“ Maß, für das es auch gar keinen für jedermann gleichermaßen fassbaren Rahmen gibt. Neues Bauen soll nicht Kopie sein. Neues Bauen soll aber auch nicht Selbstzweck sein, sich nicht als alleiniges Maß sehen, sondern sich zwar neu positionieren aber dennoch einfügen, die Umgebung anerkennen und respektieren (nicht zuletzt die Natur und den Nachbarn).

Schwer haben es generell Gebäude in Neubausiedlungen, dies war dieses Jahr nicht anders als zuvor. Positiv war auch der Mut von Firmen, ihre Bauten „in den Ring zu werfen“. Schließlich prägen auch Firmenbauten die Umgebung und die in ihnen arbeitenden Menschen – eigentlich ein uralter Gedanke.

Ein vollständiger Überblick nebst Begründungen über die Gewinner, der dann auch wieder den Sammelordner ergänzen kann, wird erst der Januarausgabe von Vorschau und Rückblick beiliegen.

Zur Preisverleihung konnte der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse, Herr Rolf Schlagloth, wieder knapp 100 Besucher in den Räumen der Sparkasse Radebeul West begrüßen. Die Sparkasse hatte darüber hinaus, wie schon in den letzten Jahren, freundlicherweise dafür gesorgt, dass alle Gäste in angenehmer Atmosphäre bei kleinen Snacks und anregenden Getränken zu ebensolchen Gesprächen über Baukultur und mehr verweilen konnten. Ein Grußwort sprach dann Dr. Jörg Müller, 1. Bürgermeister der Großen Kreisstadt Radebeul, der nicht zuletzt darauf aufmerksam machte, dass schon immer Bauen umstritten war und sich Qualität ggf. erst über Jahrzehnte hin zeigt und druchsetzt.

Innerhalb der zwei Ausstellungswochen erst in Ost dann in West bis zur Preisverleihung hatten diesmal über 200 Bürger (!) wieder von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ihren Publikumsfavoriten zu wählen. Der Entscheidung der Jury (drei Vertreter der Stadtverwaltung, drei Vertreter des Stadtrates und sechs Vertreter des Vereins), die kein reines Fachgremium ist und in einem geheimen Wahlgang entscheidet, wurde damit die öffentliche Meinung gegenüber gestellt.

In der Kategorie „Denkmalpflege und Sanierung“ gab es fünf Vorschläge. Der Bauherrenpreis ging an das Objekt Augustusweg 44 (Bauherr Ursula Amberger-Hagen und Dr. Norbert Hagen), den Publikumspreis hingegen konnte die Weinstube Altnaundorf 20 (Bauherr Familie Handrack) für sich entscheiden.

In der Kategorie „Neues Bauen“ gab es dreizehn Vorschläge. Die große Dichte von qualitätsvollen Einreichungen und mehreren Vorschlägen für Gewerbebauten hatte die Jury von der Möglichkeit Gebrauch machen lassen, in dieser Kategorie zwei erste Preise zu verleihen. Diesen erhielten das Objekt Thomas-Mann-Straße 17 (Bauherr Familie Marcus Namokel) und das Objekt Friedrich-List-Straße 27 (Bauherr LTB Leitungsbau GmbH). Der Publikumspreis ging ebenso an die Friedrich-List-Straße 27.

In der Kategorie „Freiflächengestaltung“ konnte aus diesmal nur zwei Objekten ausgewählt werden, die zudem ganz unterschiedlich in ihrer Ausdehnung und Anspruch (Garten und Platz) sind. Hier entschied sich die Jury für den Robert-Werner-Platz (Bauherr Stadt Radebeul), der ebenso den Publikumspreis erhielt.

An rund 80 Objekten in Radebeul befindet sich nunmehr die Plakette – vielleicht auch einmal eine Anregung für einen Stadtspaziergang. Wir bedanken uns bei allen Mitwirkenden – ob Bauherr, Einreicher, Jurymitglied, Sponsor oder interessierter Bürger; ebenso bei der Druckerei Krause für die Einladungen und beim Grafiker Matthias Kratschmer, der wie gewohnt für die Urkunden, Plakate und Plaketten verantwortlich zeichnete. Wir gratulieren allen Preisträgern und bedanken uns für die großzügige Unterstützung der Sparkasse Meißen.

Dr. Jens Baumann

Kunst statt Sport an einem Ort

Eindrücke vom 38. Radebeuler Grafikmarkt

Ein Trend der modernen Kulturvermittlung ist die Entkopplung von Veranstaltungsort und Veranstaltungsformat. Nur so funktionieren Klassikkonzerte in Autofabriken, Ausstellungen in Bankhäusern und Performances in Industriebrachen. Inhalte suchen sich ihre Hüllen, auch wenn diese eigentlich anderen Zwecken dienen. Manchmal kommt es vor, dass erst der Kontrast von Inhalt und Form einem bestehenden Angebot zur vollen Blüte verhilft. Genauso verhält es sich seit dem letzten Jahr mit dem traditionellen Radebeuler Grafikmarkt, der am 6. November zum 38. Mal stattfand und – nach Jahrzehnten in engen Räumen erst des Rathauses und dann auch der Pestalozzischule – erneut in die Elbsporthalle nach Kötzschenbroda verlegt wurde. Denn dort, wo sonst der Sportlerschweiß rinnt und der Schiri schrill pfeift tummelten und drängelten sich ab dem Vormittag bis in den Abend hinein feinsinnige Kunstliebhaber auf der Suche nach Druckgrafiken, Zeichnungen, Aquarellen, Collagen, Fotografien, Künstlerbüchern, Kalendern, Katalogen, Plakaten und Kunstpostkarten. Unser Verein „Radebeuler Monatsheft e.V.“ hat zwar von alldem nichts zu bieten, aber dennoch erfuhren auch wir abermals großes Interesse der Besucher, die sich durch unsere farbenfrohe Präsentation mit zahlreichen Exemplaren unseres Heftes aus vergangenen Jahren angezogen fühlten. „Vorschau & Rückblick“ gehört für kulturvolle Radebeuler erfreulicherweise inzwischen ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag, das bestätigten uns viele im persönlichen Gespräch. Auswärtigen konnten wir unser Monatsheft näher bringen, weshalb am Ende des Tages viele Probeexemplare den Weg zu potentiellen neuen Lesern gefunden hatten. Wir waren froh, zusätzlich zu unseren Heften auch durch unsere Grafikerin Antje Herrmann gestaltete Post- und Visitenkarten auslegen zu können, deren frisches Hellgrün gut anzuschauen ist. Wir sind uns angesichts der wiederum sehr positiven Erfahrungen sicher, auch im kommenden Jahr dabei sein zu wollen, denn nirgendwo sonst ist der Kontakt zu den Lesern und solchen, die es werden könnten, so persönlich möglich. Na dann, auf ein Wiedersehen in 2017 und „Sport frei“!

Für die Redaktion
Bertram Kazmirowski

Editorial 12-16

Kurz nach meinem Geburtstag beginnt in den Geschäften die kommerzielle Weihnachtszeit. Dann ist es wieder Anfang September! Selbst das spätsommerliche Weinfest liegt noch in relativer Ferne.

Längst haben wir uns daran gewöhnt in luftiger Sommerbekleidung an Pfefferkuchen und anderen Begehrlichkeiten vorbei zu defilieren. Nein, es ist noch nicht dran, wirft man sich affirmativ entgegen.

Erkläre das mal den Kindern, die in Erwartung eines kühlenden Eises mit einer Armada von Weihnachtsmännern konfrontiert werden.
Weihnachtszeit und Besinnlichkeit – Jedes Jahr die große Sehnsucht nach den aus der Kinderzeit tief eingepflanzten Urbildern und Emotionen. Ein immer wiederkehrendes Wagnis allen und allem gerecht zu werden. Wie kann und soll das gehen?

Erkläre das mal den Kindern…

Und jedes Jahr der Ruf nach Frieden. „Und Friede auf Erden“, heißt es so schön. Ein hehrer Wunsch angesichts der immer unübersichtlichen Weltenlage. Ganze Nationen versinken in Schutt und Asche, ganze Grundsysteme drohen ins Wanken zu geraten und wir zelebrieren im Mikrokosmos Weihnachtsfrieden. Aus Überzeugung oder Resignation?
Die Gebete wurden bisher kaum erhört und mit dem fraglich vernunftbegabten Wesen ist es bisher leidlich schlecht bestellt.

Erkläre das mal den Kindern…

Sascha Graedtke

Nach 69 Folgen in 17 Jahren mit über 3500 Besuchern

(Nicht nur) Reden in Kötzschenbroda schweigt vorerst

Am Ende des letzten Jahrtausends hatten sie furios im Luthersaal der Friedenskirche begonnen mit alle acht Sekunden von der Orgelempore rollenden Zeitkugeln und einer Dialogrede über Zeitenwenden und Zeitgefühl. Sie wurden ins Leben gerufen von Pfarrer Wolfram Salzmann, Thomas Gerlach und dem Autor, in den ersten Jahren unterstützt und mitgestaltet von einer Gruppe der evangelischen Friedenskirchengemeinde. 17 Jahre später haben sich die Kugeln vorerst ausgerollt. Die Begründer von „(nicht nur) Reden in Kötzschenbroda“ legen den Staffelstab ab, ohne zu wissen, ob, wann und wie er wieder aufgenommen wird.
In jedem Winter zwischen 1999 und 2016 haben zwischen zwei und sieben Reden den Luthersaal in Altkötzschzenbroda oft mit weit über hundert, manchmal aber auch nur mit knapp dreißig Besuchern mehr oder weniger gefüllt. Das Konzept war: aus der Kirchengemeinde heraus sollten für alle Bürger der Stadt aktuelle regionale und überregionale, persönliche und politische, kulturelle-religiöse und soziale Themen aufgegriffen und zur Diskussion gestellt werden. Mit den Reden verbunden waren immer Diskussionen, meistens musikalische Zwischenspiele und anfangs in der Regel auch eine themenspezifische Gestaltung des Vortragsraumes. Die Redner und Rednerinnen kamen überwiegend aus der Region, gelegentlich aber auch aus Hamburg und Stuttgart, Weimar und Berlin.
Aus dem großen Spektrum der Themen sollen hier beispielhaft einige genannt werden. Speziell auf Radebeuler Probleme bezogen sich Reden über Zwangsarbeit in unseren Weinbergen im Dritten Reich, über den Schutz vor dem Elbehochwasser, zu OB- und anderen Wahlen, zu Gewalt in der Schule und zu Courage und Asyl, auch – zwecks Einstimmung auf das jährliche Wandertheaterfestival im Herbst oder zu Inszenierungen der Landesbühnen – zu Mythen und Märchen, historischen Maskenspielen und Medea. Werte unseres Lebens standen im Fokus zum Beispiel bei „Partnerschaft heute“, „Homosexualität“, „Schenkenkönnen und Beschenktwerden“, „Barmherzig- und Gerechtsein“, „Sterben wahrnehmen“. Zur Literatur- und Kunstgeschichte gab es Abende beispielsweise über „drei Weise aus dem Morgenland“ und „die Begegnung der Königin von Saba mit König Salomo“. Im Mittelpunkt von Religionsdialogen standen Judentum, Islam und Buddhismus. Politische Themen waren u.a. – international: – Palästina und der Nahe Osten, die Revolution im Iran und ihre Konsequenzen, Europa und der Euro, die Finanz- und Bankenkrise sowie Begrenzung des Wachstums, – national: – Demokratieverständnis und Verfassung, Datenschutz und Bürgerfreiheit, Arbeitsplätze und Mitbestimmung.
Der Radebeuler Notschriftenverlag veröffentlichte vier der Reden und ihre Diskussion in kleinen Buchausgaben, darunter „Paulus und der verborgene Gott“ in Anton Dietrichs monumentalem Zittauer Historiengemälde, „Märchen und Mythen“ über Geschichten vom Ursprung unserer Kultur, und „es begibt sich aber zu der Zeit“ mit Reden und Trommlers Musik zur Weihnachtszeit. Einen besonderen Höhepunkt bildete die Diskussion über Resozialisierung und Strafvollzug, zu der sich der Luthersaal durch mit Kreide skizzierte Zellen in ein Gefängnis verwandelte und vier Dresdner Gefangene zusammen mit vier ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen auf dem Podium saßen, ohne dass erkennbar wurde, wer zu welcher Gruppe gehörte.
Eine Reihe von Vorträgen fand überregional Beachtung. So erschien die Nikolausrede in polnischer Übersetzung im dem deutschen Spiegel vergleichbaren Warschauer „Forum“, die deutsche Fassung in der „Frankfurter Rundschau“ und in Ost-West-Magazinen. Die Königin von Saba gelangte in fast alle großen deutschsprachigen Tageszeitungen (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung), dazu zweimal in Deutschlandradio Kultur und MDR-Figaro. Sie wurde auch in verschiedenen Fachzeitschriften gewürdigt. Sächsische Zeitung bzw. Frankfurter Rundschau druckten ganzseitig die Reden über „Barmherzigkeit und Gerechtigkeit“, „Buddha und Jesus“ und über Nikolaus von Myra und die Solidarität.
Über Radebeul hinaus wirkten die „Reden in Kötzschenbroda“ auch durch den Radebeuler Courage-Preis. In einer der ersten Reden hatten sich im Jahr 2000 die damals sieben Kandidaten der OB-Wahl vorgestellt. Auf die Frage, was die Kandidaten im Falle ihrer Wahl dafür tun würden, dass Radebeul wieder – wie 1645 durch den Waffenstillstand von Kötzschenbroda, der den 30jährigen Krieg in unserem Raum vorzeitig beendete – als Friedensstadt bekannt würde, hatte der damalige Kandidat Bert Wendsche die Auslobung eines Friedenspreises genannt. Ein halbes Jahr nach seiner Wahl haben ihn die drei Begründer der „Reden“ daran erinnert. Das war die Geburtsstunde des Courage-Preises. Er wurde damals mit der Absicht gegründet, gestützt von einer Bürgerinitiative und unabhängig von Parteipolitik, insbesondere diejenigen Personen und Gruppen aus Osteuropa u.a. mit einem Preisgeld der Stadt zu fördern, die unter schwierigen Bedingungen den Mut haben, einen Beitrag für Frieden und soziale Gerechtigkeit in ihrem Land und in Europa zu leisten.
An dieser Stelle seien abschließend ein paar kritische Bemerkungen gestattet. Der Courage-Preis geriet leider in parteipolitische Kontroversen, und ungewöhnlicherweise übernahm der OB den Vorsitz der Bürgerinitiative. Der große Kreis der Planer der „Reden“ reduzierte sich im Laufe der Zeit auf die drei Impulsgeber. Das lokale mediale Interesse war sehr gering: die Radebeuler Seiten der Tageszeitungen kündigten zwar die Veranstaltungen an, berichteten aber anders als über sonstige kulturelle und politische Ereignisse so gut wie nie darüber; das blieb den überregionalen Medien und Zeitungsseiten vorbehalten. Das Kulturamt der Stadt erklärte zwar sein Interesse an einer Mitgestaltung der „Reden“, konnte dies aber im eigenen Haus nicht umsetzen. Wo nicht unmittelbare persönliche Interessen berührt waren oder ein besonderes kulturelles Erlebnis zu erwarten war oder eine brisante lokalpolitische Frage zur Diskussion stand, war die Resonanz eher verhalten. Der Wunsch der Veranstalter nach einem grundlegenden demokratischen Gesprächsforum auf lokaler Basis, aber im überregionalen Horizont, konnte so nur sehr bedingt erfüllt werden. Spätere werden es besser ausrichten…?
Ulfrid Kleinert

Eine etwas kritische Wegebetrachtung

 – oder wo unsere Fußwege zu verbessern wären

Kürzlich erst hatte ich die Stadtverwaltung in unserem Blatt hinsichtlich der Neugestaltung eines Teiles der Finsteren Gasse gelobt. Nun hoffe ich, es geht auch andersrum, ich meine, dass es auch möglich sein sollte, mal einen Missstand aufzuzeigen. Sollten die Verantwortlichen in der Verwaltung das auch so sehen, könnte vielleicht eine Verbesserung der Fußwege an den nachfolgend genannten Stellen früher oder später zustande kommen. In den letzten Jahren ist viel über Autoverkehr und öffentlichen Nahverkehr gesprochen worden, es sind Maßnahmen realisiert worden (Straße im Bereich Weißes Ross / Landesbühnen) und es bestehen weitere Planungen für die Meißner Straße. So weit, so gut, aber was ist mit Fußgängern, die sozusagen auf der untersten Stufe der Verkehrsteilnehmer stehen? Auch da gibt es in Radebeul ein paar Stellen, wo mal etwas investiert werden könnte, bzw. müsste. Und man bedenke, die Stufen der Verkehrsteilnehmer vermischen sich ja auch mal – Autofahrer können auch mal Fußgänger oder Radfahrer sein. Erst neulich musste ich, der zugegeben gern Auto fährt, die Mittlere Bergstraße von der Gerhart-Hauptmann-Straße bis nach Coswig zu Fuß gehen und ja, ich lebe noch! Also, man sollte die Wünsche der Fußgänger nach sichereren Fußwegen bitte mehr berücksichtigen.
Nun glaube ich, dass meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen im Rathaus sicher einen guten Job machen, dass an vielen Stellen wichtige Dinge gelöst werden und manchmal aber auch das Geld nicht reicht – ich will ja auch nur einen kleinen Denkanstoß geben, nehmt’s mir bitte nicht übel.
Doch nun zur Sache: innerhalb des letzten halben Jahres hatte ich unabhängig voneinander an drei Nahtstellen Radebeuls zu benachbarten Kommunen (im Osten, im Norden und Westen) zu tun und das war als Fußgänger nicht ungefährlich. Schaut man an Radebeuls Grenzen vielleicht doch nicht so genau hin?
Da, wo die Kötzschenbrodaer Straße im Osten Radebeuls den alten Elbarm quert und an der Siedlung Dresdner Flur erreicht, fehlt auf beiden Seiten der Fußweg. Die Wohnbebauung hat hier zwar eine Lücke aber es ist eine örtliche Straße – 50 km/h sind möglich. Die Straße ist relativ breit, doch auch stark befahren. Ein Fußweg hätte auf Radebeuler Flur auf der S-Seite Sinn, weil auf Dresdner Seite ein solcher auf der S-Seite bei diversen Autohäusern vorhanden ist.
Den Verlauf der Stadtgrenze im Lößnitzgrund zu verfolgen, ist nicht so einfach. Das kann auch mit einem Ende der 90-er Jahre erfolgten Grundstückstausch (die „Meierei“ sollte unbedingt zu Radebeul kommen) zusammenhängen. Ich glaube, die „Scheffler-Mühle“ gehört nicht mehr zu Radebeul aber genau hier gibt’s mit der Lößnitzgrundstraße ein Problem. Diese ist relativ schmal, hat eine mit hoher Hecke bepflanzte Kurve, die Straßen Am Brand und der Langewiesenweg (Radebeul) münden auf der anderen Seite ein und Fußweg ist Fehlanzeige. Diese Stelle ist für Fußgänger noch gefährlicher als die o.g.. Man muss sich wundern, dass hier noch nichts passiert ist, oder hat man vielleicht einen Unfall in der Zeitung nicht gelesen. Einen Geländestreifen für einen Fußweg von der Mühle zu erwerben, wäre denkbar, sagte man mir vor Ort. Müßte hier vielleicht Moritzburg den Fußweg bauen oder kann man auch mal was gemeinsam machen, wenn die Bürger beider Kommunen davon Nutzen hätten?
Und dann wäre da noch die Mittlere Bergstraße ganz im Westen Radebeuls, da, wo früher der „Karlshof“ gestanden hatte, bzw. dem gegenüber. Hier gibt es zwar auf der N-Seite einen Fußweg zwischen zwei Zaunfluchten (!?), doch der hat grundstücksweise sehr unterschiedliche Qualitäten, dabei auch holprige Strecken mit Pfützen oder Staub (je nach Witterung). Auf Coswiger Seite gibt es dann einen sehr gut ausgebauten Fußweg, der offensichtlich im Zuge der jüngst da errichteten Neubauten entstanden ist. Hier drängt sich der Gedanke auf, ist Coswig die reichere Stadt? – vielleicht stimmt das ja sogar!
Für die Mittlere Bergstraße sollte man nicht „zu kleine Brötchen backen“ und mehr als den Fußweg direkt an der Stadtgrenze in eine längerfristige Planung aufnehmen. Hier gibt es nur wenige kurze Abschnitte von Fußwegen auf beiden Seiten, in unregelmäßigem Wechsel und nicht durchgängig. Die Bebauung auch im Hinterland wurde verdichtet und ist noch nicht abgeschlossen, d.h., das Aufkommen an Kraftfahrzeugen und Fußgängern nimmt zu. Das Gefährdungspotential ist nicht zu übersehen, da hilft m.E. auch die Begrenzung auf 30 km/h wenig. Interessant ist, dass bei ein paar Häusern (u.a. Nr 62 und 64) aus der Kaiserzeit der Zaun bereits so angeordnet wurde, dass da ein Fußweg möglich war, damals hatte man an die Zukunft gedacht!
Sicherlich, es gibt auch innerhalb Radebeuls noch ein paar Stellen ohne Fußweg an der Straße; mir fällt ohne Anspruch auf Vollständigkeit gerade die Borstraße gegenüber der Nr. 57 und vor der Nr. 59 ein. Da und an anderen Stellen wird man langfristig auch Lösungen für das Problem finden. Die geschilderten Fälle an der Stadtgrenze werfen aber zusätzlich eine weitere Frage auf: reden die denn nicht miteinander, die Bürgermeister, Amtsleiter oder Sachbearbeiter, um für ihre Bürger vernünftige und sichere Fußwege gerade an den Übergängen von einer Kommune zur benachbarten hinzukriegen? Nun bin ich sicher, dass die Verwaltungen von Coswig und Radebeul intensiv zusammen arbeiten, miteinander reden und sich Verwaltungsaufgaben teilen. Wie das Miteinanderreden mit Moritzburg klappt, weiß ich gerade nicht so genau, aber mit Dresden hörte und las man schon, dass der Ton etwas rauer geworden ist – etwa wegen einer besseren Autobahnzufahrt von Radebeul nach Dresden Neustadt.
Ich weiß, dass das keine Veranstaltung „Wünsch Dir Was“ ist, aber loswerden wollte ich meine Gedanken zu dem Thema schon mal. Und wer weiß, vielleicht kommt ein Krümel davon über die Zeit auch im richtigen Ohr an.

Dietrich Lohse

Verleihung des Sächsischen Bürgerpreises

Dies war innerhalb einer Woche die zweite Preisverleihung an der ich teilnahm.
Grund war der Vorschlag der Großen Kreisstadt Radebeul, unseren Verein Radebeuler Monatsheft e.V. „Vorschau & Rückblick“ für den Sächsischen Bürgerpreis, gestiftet vom Freistaat Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank und der Stiftung Frauenkirche vorzuschlagen. Zum sechsten Mal erfolgte dessen Vergabe, mit dem Ziel, ausgewählte herausragende bürgerschaftliche Aktionen für gesellschaftliche Werte in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken, verbunden mit Dank und Anerkennung. Der Preis wurde in fünf Kategorien vergeben: gesellschaftlich-soziales oder kulturell-geistliches Engagement, Engagement in der Schule oder im Sport für Demokratie und Toleranz und erstmalig in der Arbeit mit Flüchtlingen. Dotiert ist er mit jeweils 5000 Euro.
Am 17.10.2016, an dem Tag, an dem sich Dresdner Bürgerinnen und Bürger als Zeichen für Demokratie, Toleranz und Respekt zum Bürgerfest vor der Frauenkirche trafen, versammelten sich in deren Unterkirche 118 Personen und Initiativen aus Sachsen, die nominiert worden waren – darunter auch „Vorschau & Rückblick“, Mitwirkende der feierlichen Verleihung sowie Gäste. Nach der Begrüßung durch den Pfarrer der Frauenkirche Sebastian Feydt und einem Grußwort des Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich, folgte der Festvortrag von Freya Klier. Schwerpunkt war die Darstellung der Situation der vietnamesischen Arbeitskräfte in der DDR. Zum Schluss ihrer Rede bekam der MDR für wiederholt übergewichtige Berichterstattung zu PEGIDA Schelte. Insbesondere galt das für die Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit. Sie vermisste das Vermitteln der von ihr erlebten überwiegend positiven Stimmung.
In unserer Kategorie „kulturell-geistliches Engagement“ warteten 28 auf die Auszeichnung. Nun, wir bekamen sie leider nicht. Die Jury entschied sich für die Initiative „Städtische Bibliotheken Dresden, Ehrenamtlicher Bücherhausdienst“.
Leicht ist es sicher nicht , unter den vielen ehrenamtlich Engagierten in der jeweiligen Kategorie einen Preisträger zu benennen. Gratulation den Gewinnern.
Wir machen selbstverständlich auch ohne Preis weiter. Herzlicher Dank an alle Förderer und Freunde von „Vorschau & Rückblick“!

Ilona Rau

Mit Tom Tagtraum durch das Jahr 2016 – Teil 11

Du musst Träumen ihre Entstehung zulassen, denn nur so kann irgendwann ein Teil davon auch Wirklichkeit werden.

Das viertürmige Schloss zum Märchenfilm

In einem viertürmigen Schloss, das auf einer Insel inmitten eines Teichs steht und nur über eine Brücke von der Straße zu erreichen ist, findet eine Ausstellung statt. Nun, an sich ist das nichts Besonderes, denn in den meisten Schlossmuseen sind alte Möbel, Gemälde, Porzellan, Pferdekutschen und Jagdgeweihe zu bewundern. In unserem viertürmigen Schloss aber gibt es eine Ausstellung über einen Film. Es ist ein wundervoller Märchenfilm, der hier in der Gegend um das Schloss entstand. Das ist schon eine ganze Weile her, aber noch heute läuft dieser Märchenfilm vor allem in der Weihnachtszeit im Fernsehprogramm, ja sogar im Kino, begeistert immer wieder die Kinder von damals, die heute längst Eltern und Großeltern geworden sind. Und das Allerschönste ist, die nachgeborenen Generationen finden auch herzliches Gefallen an diesem Film. Wir können also ruhig annehmen, dass unser Märchenfilm damals vor allem mit viel Liebe und herzlicher Innigkeit entstand. Die Bilder des Filmes zaubern, denn die hastende Jetztzeit hält scheinbar vor ihnen inne. Tom ist, was auch sonst, unterwegs zu dem Ort, in dem das viertürmige Schloss mitten auf einer Insel in einem Fischteich steht. Und natürlich nicht irgendwie. Tom fährt in einem moosdunklen Schmalspurbahnwaggon, gezogen von einer kohlepechschwarzen kleinen Weißwolkendampfbimmeltutlokomotive. Gar nicht weit vom Startbahnhof heißen Häuser „Villa Bärenfett“ und „Villa Shatterhand“, lebte doch einst ein fantasiebegabter Schriftsteller dort unterhalb der Weinberge. Tom kniet auf dem Holzsitz, schaut aus dem Zugfenster, genießt die langsam bimmelnde Fahrt durch Gärten, Wiesen, einen Bach entlang in dunklem Grund. Und als ob das alles nicht genug ist: Bevor der Zug die kleine Stadt mit dem viertürmigen Schloss im Teich erreicht, tutet er in voller Dampffahrt mitten durch einen anderen Teich hindurch, sein Gleis führt nämlich über einen Damm mit drei Brücken. Kann es eine märchenhaftere Reise geben zu einem an sich schon märchenhaften Schloss, nun noch mit einer Ausstellung zu einem Märchenfilm dazu?
Auch der Märchenfilm begann als Traum. Oder als Idee? Was war zuerst da, die Idee oder der Traum? Gut, ein Buch gab es schon, aber die Idee zu einem Film? Der Traum, ein Film könnte aus einem Buch, aus einer Idee entstehen und Wirklichkeit werden? Ideen, Träume, die zu Gedankenfolgen werden, zu Gesprächen. Träume werden Ideen werden Gespräche, ein Anfang, ein Beginnen, ein Gestalten. Ein Werden, das ohne Glück nichts werden lässt und Glück, das nur aus Beginnen und Gestalten entstehen kann. Wie alt war wohl Tom, als er in der quietschgelben Straßenbahn fuhr und wie alt mag Tom jetzt sein, als er durch die Märchenfilmausstellung läuft, einen Moment verharrt, aus einem der Schlossfenster in die Ferne schaut und in seinem Gedankenkino Bilder dieser Zeit Revue passieren lässt?

All die bisher gelesenen Geschichten sind Episoden aus Träumen.
Träume, die ein Leben begleiten.
Ohne Träume ist jeder Mensch ärmer als der ärmste Bettler, der aber, träumen könnend, reicher als der reichste Mensch sein kann. Und ohne Träume und Märchen sollte kein Menschenkind groß werden müssen.

Das stolzweiße Ozeanschiff
Tom ist an einem Punkt seines Lebens angelangt, wo er flügge, also richtig erwachsen werden muss. Träume werden ihn bestimmt immer weiter begleiten, aber ein ganzes Leben nur als Tagträumer, als Traumtänzer…, das hieße, am Leben vorbei geträumt zu haben. Es begann eine Zeit, in der sich die Nachrichten überschlugen und die Welt sich in ihrem Inneren scheinbar mal nach da und dann wieder nach dort drehte. Zeit fließt eben, hüpft, springt, lässt sich nicht halten und ist sowieso unbegreiflich, wenn jemand daraus nichts machen kann. Und alles ändert sich ständig. Tom war fern aller Träume und genau an jenem Punkt angekommen, an dem es galt, für sich selbst Weichen zu stellen. Dunkelrote Züge fuhren jetzt überall und der Himmel war voller Flugzeuge in allen Größen und Farben. Reisebusse standen mehr denn je in Staus und viele der wundersamen Verkehrsmittel aus Toms Geschichten waren so einfach nicht mehr auffindbar. Tom musste selbst entscheiden und mit ein bisschen Glück fand er sich auf seinem Kurs ins Leben an Bord eines stolzweißen Ozeanschiffes wieder. Freilich, die Fahrt begann da erst und Klippen, Sandbänke, Untiefen, Stürme, Wellen, Strudel, Gewitter…, wer weiß das schon vornweg, wo und wann. Nur eines ist sicher: Bestimmt. Also durchstarten. Tom hat seinen Kurs festgelegt. Der lautet – geradeaus! Und zwar mit allen Träumen im Gepäck. Viel Glück auf dem Weg, Tom!

Tobias Märksch

 

„Gräfe trifft Reinemer“

Zur aktuellen Ausstellung bei „GRÄFES WEIN & fein“

Foto: K: KunzeWieder einmal trifft Gräfe einen Radebeuler Künstler-, nein eine Künstlerin! Die Bildhauerin Gabriele Reinemer begibt sich hier auf fremde Wege – allerdings nicht zum ersten Mal – es waren schon Fotoarbeiten von ihr in der Stadtgalerie Radebeul zu sehen. Ihr Interesse gilt dabei der Struktur, die sich bei der Reihung von fotografierten Motiven ergibt, das Einzelbild wird so in der Addition (nicht der seriellen Aufnahme) zu einem eigenständigen Werk. So sehen wir eine Reihung von bröckelnden Fenstern, Blicke in verlassene Industrieareale, Steinmauern, aber auch Blicke in eine Frühlingslandschaft, die alle durch die Vervielfältigung zum mindestens (!) zweiten Blick auffordern. Ein Haiku in der Einführung: „Der klare helle Mond- viel dunkler erscheint nun der Schatten des Gebüschs“. Am Ende einer einladenden Tafel, an der man sicher kulinarische Künste genießen kann, hängt in kräftigem Rosa eine Impression „Die satte Gesellschaft“- Hingehen und Ansehen!

Foto: G. Reinemer

Gabriele Reinemer ist geborene Dresdnerin und lebt seit 1983 in Radebeul. Sie studierte erst in Dresden an der HfBK Maskenbild und legte dann in Berlin-Weißensee ihr Diplom als Bildhauerin ab. Seit 1989 ist sie als Mitbegründerin der Dresdner Sezession aktiv, hatte auch Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen vielerorts in Deutschland, in Straßburg, Salzburg, Wroclaw und Finnland. Ihre plastischen Arbeiten wurden in der Stadtgalerie Radebeul – sich wunderbar ergänzend mit Objekten von Else Gold – gezeigt und zu den Sommerprojekten ist sie seit Jahren mit hintersinnigen Werken – z.T. auch schon Fotomontagen – beteiligt.
Die Ausstellung ist bereits am 13.09.2016 mit heiterlieben Worten von Kurator Prof. Detlef Reinemer und expressiver Percussion von Björn Reinemer vor zahlreichen Besuchern eröffnet worden ( 100% Reinemer!) und läuft bis Januar 2017 bei „GRÄFES WEIN &fein“ auf der Hauptstrasse 19 in Radebeul-Ost.
Auch bei den nun beginnenden Weihnachtseinkäufen lohnt sich eine „Belohnungspause“ für Auge und Zunge.

Ulrike Kunze

Laudatio zur Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka

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Reinhard Zabka erhält den Kuinstpreis von OB Wendsche Foto: M. Förster

Sehr geehrter Herr Wendsche, lieber Herr Zabka, liebe Frau Zabka,
sehr geehrte Festgäste, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

ich danke für die Ehre, anlässlich der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka eine Laudatio sprechen zu dürfen. Meine kurze Rede besteht aus drei Teilen.
1. Das Museum
1980 kauft Zabka eine alte Landarbeiterkate in Babe, einem Dorf im abgeschiedenen brandenburgischen Rhinluch. In diesem Künstlerhaus „erträumt“ er das Lügenmuseum als eine Wunderkammer mit skurrilen Objekten, die wie ein kleiner Wanderzirkus auf Wagen und Schlitten umherziehen.
1990 ist das Lügenmuseum dann tatsächlich in der Welt. Und heute ist es hier in Radebeul- Serkowitz.
Das Lügenmuseum spielt mit Wahrheit und Täuschung in einer Welt der Illusion. Eine Besucherin hat das Lügenmuseum einmal als „Wunderhaus“ bezeichnet. Die Kunst- und Wunderkammer des 17./18. Jahrhunderts mit Gefundenem aus aller Welt und aller Zeit ersteht hier immer wieder neu. Alles ist zum Staunen: Ungesehenes, Unerhörtes, Nie Gekanntes. Menschengemachtes und Naturalien werden zu hintersinnig-sinnigen oder auch sinnfreien Objekten, die sich bewegen, die Geräusche und Klänge von sich geben, die leuchten, blinken und funkeln, die rattern, ruckeln, zuckeln oder leise klingeln, wie eigensinnige Wesen oder von solchen bewohnte Gehäuse.
Das ist schon außergewöhnlich und vor allem: erfrischend und inspirierend. Insofern war der brandenburgische Museumsverband immer stolz auf „sein“ Lügenmuseum in Gantikow: Als 1995 dem Verbandsvorstand der Aufnahmeantrag vorgelegt wurde, in dem es hieß: Emma von Hohenbüssow, 122 Jahre alt – ein Abbild zeigte ein italienisches Zwerghuhn – beantragt die Mitgliedschaft für das von ihr 1884 gegründete Lügenmuseum. Da sprang der Leiter des Potsdamer Naturkundemuseums auf: „Hühner können keine 122 Jahre alt werden!“ Schallendes Gelächter, die Aufnahme in die Museumscommunity war besiegelt. Wir haben es nie bereut, sondern im Gegenteil immer Freude an unserem Mitglied Lügenmuseum gehabt. Denn wir brauchen solche Museen, die mit Leichtigkeit Gedanken und Gefühle freisetzen und Neugier wecken.

2. Wanderschaft
Die Wanderschaft zieht sich wie ein Roter Faden durch die Biografie des Lügenmuseums.
In Babe 1990 gegründet, zog es sieben Jahre später nach Gantikow und wiederum 14 Jahre später nach Radebeul. Traut man der mathematischen Reihe, wird es hier wohl 28 Jahre lang bleiben und dann weiterwandern.
Die Wanderschaft wohnt auch den Kunstwerken selbst inne: Oftmals sind es mobile Objekte, auch Reiseattribute wie Koffer, Wanderapotheken oder Wanderschuhe (Fontane!). Sie erzählen Geschichten von glücklichen Überfahrten oder Schiffbrüchen, wie Märchenerzähler unserer Lebensreise. Eine wundersame Form nehmen sie als begehbare Labyrinthe an. Labyrinthe leiten durch Irrungen und Wirrungen zur Mitte. Als ich 2009 das „Labyrinth der Wende“ in der St.-Marien-Kirche in Frankfurt/Oder sah, das Zabka zusammen mit anderen Künstlern gebaut hatte, war ich wie bezaubert. Aus banalen Obstkistenbrettern und Palettenholz (rosa angestrichen, Brandschutzfarbe!) hatte er ein fragiles Gebilde geschaffen, das wie selbstverständlich durch das Kirchenschiff mäanderte und den Fluss der flanierenden Menschen begleitete. Auch den Dachboden des kleinen Stadtmuseums in Eberswalde verwandelte er 1989 zeitweise in ein Labyrinth der Erinnerung: Die Menschen waren fasziniert. Diese Labyrinthe existieren nur für kurze Zeit. Unter offenem Himmel gehen sie schließlich furios in Flammen auf. Werden und Vergehen.
Die Wanderschaft prägt auch das Leben des Künstlers Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow: geboren 1950 in Erfurt als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen, entwickelt er sich ab 1968 schnell zum Oppositionellen. Seine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt: Er darf Erfurt nicht verlassen, muss sich wöchentlich bei der Polizei melden. Die Bewegung der evangelischen Kirche von unten bietet zeitweise Heimat, auch Freunde, mit denen er eine fiktive Kommune gründet. Er will ausreisen, aber sein Ausreiseantrag wird abgelehnt. Er verlegt seinen Wandertrieb in Kopf und Hand und beginnt zu malen. Zieht 1976 nach Berlin und teilt sich mit seinem künstlerischen Freund Albrecht Hillemann ein Atelier, sie experimentieren mit Siebdruck und bauen Skulpturen aus Fundsachen. Seit Mitte der 80er Jahre geht es los mit Straßenfesten, Straßenkunstaktionen, illegalen Veranstaltungen. Zabka hat nun sein eigenes Atelier, er macht mit beim Bödikerclub im Friedrichshain, gründet den „Club ohne Raum“, entwickelt sich zum subversiven Kunstjudoka. Während einer kurzen Zeit als Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR beteiligt er sich – mit anderen randständigen Künstlern – an einer Bezirkskunstausstellung am Alexanderplatz, und an weiteren Ausstellungen in Berlin, Dresden und Frankfurt/Oder. 1985 nimmt er an einer Personalausstellung  teil, die vom Evangelischen Kunstdienst organisiert wird, und stellt im Treppenhaus des Berliner Doms seine Installation „Götzen – Ismen – Fetische“ auf. 35.000 Besucher sehen das. Wenn er sich am Ende der DDR an Ausstellungen beteiligen durfte, dann nicht, weil die Staatsvertreter liberaler wurden, sondern weil sie die Übersicht verloren hatten,  wie ein Beobachter einmal feststellte. Sie merkten, dass seine Kunst subversiv war, konnten aber das Subversive darin nicht richtig dingfest machen.
Nach 1989 kann er endlich zum Weltkünstler werden, der er eigentlich immer schon war.
Die lange erträumte Reise nach Bali ist die Initialzündung für seine nunmehr globalen Aktivitäten. Von seinem Basislager Lügenmuseum aus zieht er durch die Welt. Er stellt in Indonesien, Thailand, Burma, Italien, Frankreich und auf den Philippinen aus und veranstaltet dort gemeinsam mit lokalen Künstlern soziale Kunstaktionen im öffentlichen Raum. Inspirationen aus anderen Weltgegenden bringt er nach Deutschland zurück, zum Beispiel auf den Neumarkt in Dresden, wo sich im vergangenen Sommer zum ersten Mal die „WuKaMenta“ niederließ, eine künstlerische Interaktion mit Menschen im öffentlichen Raum.

3. Das Ziel der Reise
Zabkas Kunst kreist um Menschheitsthemen: das Rätsel, das Geheimnis, die Erinnerung, die Illusionen des Lebens und die Beseeltheit der Welt, und nicht zuletzt die Heiterkeit, die Freude.
Kürzlich konnte ich das live verfolgen. Zabkas Installationen waren zu Besuch im Berliner Martin-Gropius-Bau (Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“). Ich habe die Besucher im Gropius-Bau beobachtet. Sie bildeten in der betreffenden Raumecke einen kleinen Pulk, schauten, staunten, lächelten, hielten inne. Hielten lange inne. Hielten sehr lange inne. Sie zeigten alle Merkmale konzentrierter Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit der Betrachter als das Ziel des Museums.
Die künstlerische Reise führt am Ende in den Geist und in das Herz der Betrachtenden.
Und da kommen Sie an. Dafür danke ich Ihnen, Herr Zabka, und ich gratuliere Ihnen herzlich zu  Ihrer heutigen Ehrung.  (gekürzte Fassung)

Susanne Köstering
Radebeul, am 15. 10. 2016

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