Eine Einladung zum Besuch der Jubiläumsausstellung

„40 Jahre Stadtgalerie Radebeul“
Fotos, Filme, Texte, Dokumente, Modelle, Objekte und auch Kunst

Einige Exponate aus dem Depot der Radebeuler Stadtgalerie für die aktuelle Jubiläumsausstellung Foto: K. (Gerhardt) Baum

Aus dem reichhaltigen „Zitatenschatzkästlein“ des Dichters Thomas Gerlach, welcher die Radebeuler Stadtgalerie seit 25 Jahren wohlwollend und inspirierend begleitet, stammt der sinnige Spruch: „Nur die allerdümmst´n Kälber, dreh´n sich ständig um sich selber“. Dass diese zeitgemäß adaptierte Volksweisheit sowohl bei den alten als auch neuen Galeristen nachhaltige Beherzigung fand, lässt sich noch bis zum 5. Februar 2023 in der Radebeuler Stadtgalerie besichtigen. Allerdings fing die Geschichte der Galerie nicht erst mit ihrem Umzug nach Altkötzschenbroda an. Selbst vor deren Eröffnung vor vier Jahrzehnten in einem ehemaligen Tapetenladen in Radebeul-Ost gab es eine Vorgeschichte und davor wiederum eine VorVorgeschichte. Zahlreiche Unterlagen im Stadtarchiv belegen, dass die Künstler der Lößnitzortschaften bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Wunsch hegten, ihre Werke vor einem größeren Publikum in aller Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenngleich sich in der Festhalle von Kötzschenbroda, im Heimatmuseum Hoflößnitz und im Haus der Kunst temporäre Möglichkeiten für Einzel- und Gruppenausstellungen geboten hatten, existiert in Radebeul ein ständiger Ausstellungsort für die Kunst allerdings erst seit Eröffnung der „Kleinen Galerie“ am 16. Dezember 1982.
Gesellschaftliche, strukturelle, finanzielle und personelle Veränderungen blieben nicht ohne Einfluss auf die konzeptionelle Ausrichtung dieser Kultureinrichtung. Dass sie sich als eine der wenigen Galerien in kommunaler Regie bis heute erhalten hat, ist vor allem auch ihrer Integration in die Radebeuler Stadtgesellschaft zu verdanken. Und so ist die Geschichte der Galerie nicht nur ein Stück Radebeuler Kunst-Geschichte, sondern auch ein Stück gelebte Stadtkultur.
Dass sich die gegenwärtig aktiven Stadtgaleristen mit der ehemaligen Stadtgaleristin als Team zusammengefunden haben, welches seit 2019 bereits mehrere Projekte gemeinschaftlich konzipierte, wird als beidseitige Bereicherung empfunden. Mit einem gattungsübergreifenden Ausstellungsprojekt, welches auf einer chronologischen als auch inhaltlichen Ebene basiert, startete die Radebeuler Stadtgalerie am 16. Dezember 2022 in ihr 41. Ausstellungsjahr. Der offene Werkstattcharakter wurde bewusst gewählt, bieten sich doch dadurch vielfältige Möglichkeiten zur Mitwirkung und Diskussion. Ein reflektierender Beitrag wird in der Februarausgabe unseres kulturellen Monatsheftes erscheinen.
Karin (Gerhardt) Baum

Die Ausstellung ist geöffnet
vom 8. Januar bis 5. Februar 2023, jeweils DI, MI, DO 14 bis 18 Uhr sowie SO 13 bis 17 Uhr.

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung:
Sonnabend, 21. Januar 2023 ab 16 Uhr „offene Galerie“ mit Denkwerkstatt und Diskussionsforum
Sonntag, 5.Februar 2023 um 16 Uhr Doppel-Kuratorenführung mit Alexander Lange und Karin Baum
Montag, 6.Februar 2023 um 18 Uhr Finissage
sowie variable Einzel- und Gruppenführungen (Anmeldungen unter 0351-8311-626, 0160-1038663)

Chorgesang als Friedenswerk

Foto: B. Kazmirowski

Die Kantorei des Kirchspiels in der Lößnitz führte das Weihnachtsoratorium auf

I. Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die TageIn den letzten Jahren wurde zu unterschiedlichen Anlässen, meist aus dem Erleben einer Krise heraus, der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ beschworen, wurde durch die Politik proklamiert, dass wir als Gesellschaft „beieinander“ bleiben müssten. Was damit konkret gemeint war, wurde oft nicht ganz klar, aber meist ging es im Allgemeinen um das Einhalten von Regeln oder die Annahme, wir alle müssten bestimmte politische Entscheidungen mittragen. Erahnen konnte man hinter der politischen Rhetorik immer den richtigen Gedanken, wie wichtig gemeinschaftsstiftende und -erhaltende Vorhaben, Prozesse und Projekte für uns Menschen sind. Ein in diesem Zusammenhang sicherlich noch nicht oft genug gewürdigter gesellschaftlicher Stützpfeiler sind die Chöre landauf, landab. Wenn sie mitgliederstark genug sind – etwa von der Größe der seit kurzem vereinigten Kantoreien aus den beiden Radebeuler Gemeinden Luther und Frieden – dann bekommt man eine sehr genaue Anschauung dessen, was mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt alltagspraktisch gemeint ist. Denn da stehen am 11. Dezember 2022 zur überhaupt ersten gemeinsamen Aufführung des Bachschen Weihnachtsoratoriums mehr als 80 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, von der Schülerin bis zum betagten Senior, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen kommen und die sehr verschiedene Gesangsbiografien haben, die sich aber dennoch hinter einem Vorhaben versammeln, dem gemeinsamen Singen. Die über Monate andauernde Probenarbeit schweißt zusammen, das mitunter über Jahre und Jahrzehnte wachsende Mit- und Nebeneinander als Sopran, Altistin, Tenor und Bass schafft Beziehungen. Wer miteinander singt, kann nicht miteinander streiten. Singen ist Ausdruck von geteilter Lebensfreude und geschenktem Lebensfrieden. Es gibt Chormitglieder, die schauen auf 50 und mehr gemeinsame Jahre zurück!

Lutherkirche Radebeul Foto: B. Kazmirowski

II. Großer Herr, und starker König
Am 3. Adventssonntag, der passenderweise auch „Gaudete“ (Freut euch“) genannt wird, konnte man erleben, wie die Radebeuler nach drei Jahren coronabedingter Durststrecke die Aufführung der ersten drei Kantaten des wohlvertrauten Werkes herbeisehnten, und wie dieses Ereignis das Gefühl von Gemeinschaft noch einmal potenzierte. Denn in der fast vollbesetzten Lutherkirche tummelten sich Zuhörer aller Altersgruppen (gleichwohl das Publikum 50+ die Mehrheit bildete), evangelische und katholische Christen wie Konfessionslose. Pfarrerin Funke wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass es in der Lutherkirche eine mittlerweile 130-jährige kirchenmusikalische Tradition gebe, in der natürlich auch das Weihnachtsoratorium einen zentralen Platz einnimmt. Je nach Lebensalter und Vertrautheit mit dem Werk hört sicherlich jeder das WO anders, hat jeder seine spezielle Lieblingsarie oder seinen Lieblingschoral. Ich habe dieses Mal, ob zufällig oder nicht, besonders herausgehört, wie das Weihnachtsoratorium ein Friedenswerk ist, eine in Musik gesetzte Sehnsucht nach Frieden: „Du Hirtenvolk/erschrecke nicht/weil dir die Engel sagen/dass dieses schwache Knäbelein/[…] soll letztlich Friede bringen.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“. Um es auf den Punkt zu bringen: Schon lange nicht mehr konnte man das Weihnachtsoratorium so auf die aktuelle Weltlage beziehen wie in diesem Dezember, hätte das von Pfarrerin Funke auf der Kanzel für alle sichtbar platzierte Friedenslicht aus der Geburtsgrotte in Bethlehem (über den Weg von Wien und Dresden nach Radebeul gekommen) größere Strahlkraft verdient. Aber würde es von denen wahrgenommen, die den Krieg und das Leid unserer Tage zu verantworten haben? Wären die Macht- und Befehlshaber dieser Welt bereit, die biblische Friedensbotschaft anzunehmen? Würden deren Herzen angerührt und erweicht werden angesichts der wunderbaren Musik? Ich fürchte nein. Und dennoch darf man nicht müde werden, Jahr um Jahr dieses Werk und das, wofür es steht, in die Welt hinaus zu singen, so, wie es in der Radebeuler Aufführung unter Leitung von KMD Peter Kubath die vier Solisten (Daniela Haase, Edith-Maria Breuer, Tobias Mäthger und Reinhold Schreyer-Morlock) und der Chor begleitet von einem Kammerorchester mit Können und Engagement taten.

III. Herrscher des Himmels
Langanhaltender, herzlicher Beifall spendete das Publikum, nachdem der letzte Ton verklungen war, und auf vielen Gesichtern von Choristen zeigte sich ein glückliches Lächeln, entspannten sich die Züge. Anders aber als in der Vergangenheit war es Besuchern und Mitwirkenden nicht vergönnt, mit dem Konzerterlebnis im Herzen hinaus auf einen Weihnachtsmarkt wie den in Altkötzschenbroda zu gehen und den 3. Advent stimmungsvoll ausklingen zu lassen – noch dazu, wo es am Abend des 11. Dezembers ja leicht schneite und sich die Welt in einem zarten Weiß zeigte. Wie schön wäre das gewesen! Man hatte sich aus nachvollziehbaren Gründen entschieden, wie auch schon zum Buß- und Bettag den „Messias“ nun auch das WO in der Lutherkirche stattfinden zu lassen, denn aufgrund der schieren Größe des gewachsenen Chores wäre der Altarraum der Friedenskirche zu klein für diese Aufführung gewesen. Andererseits bitte ich die Verantwortlichen für Kirchenmusik im Kirchspiel zu überlegen: Was spräche denn gegen zwei Aufführungen des Weihnachtsoratoriums an zwei Adventswochenenden, eine in Radebeul-Ost und eine in West mit jeweils ca. 50 Sängerinnen und Sängern? Sicherlich müsste man die Stimmgruppen so ausbalancieren, dass etwa die traditionell schwächer besetzten Tenöre und Bässe zweimal gefordert wären. Andererseits würden zwei Aufführungen auch den Probenaufwand besser rechtfertigen und die jahrhundertelange Tradition der Friedenskirche als die bedeutendste Stätte hiesiger Sakralmusik fortsetzen. Ich bin mir sicher, dass die Radebeuler und die Menschen des Umlandes (wozu ja auch z.B. Coswig, Weinböhla und Moritzburg) zwei Kirchen füllen würden, denn sonst bliebe nur der Weg nach Meißen oder Dresden. Sehr zu loben ist allerdings die nun schon seit Jahren immer wieder erneuerte Regelung, Kindern und Jugendlichen freien Eintritt zu gewähren. Nur müsste dies mit mehr Selbstbewusstsein und auf diversen Vermittlungswegen sichtbarer kommuniziert werden, damit die Zielgruppe auch tatsächlich kommt!
Wer in den bevorstehenden Festtagen und nach Neujahr weihnachtliche Musik in Radebeul hören möchte, dem seien drei Aufführungen empfohlen: Am Heiligabend um 22 Uhr in der Lutherkirche eine Mischung aus Liedern zum Hören und Mitsingen; am 1. Weihnachtstag um 10 Uhr in der Friedenskirche ein Weihnachtsliedersingen mit dem Posaunenchor und am 7.1.23, 17 Uhr, eine musikalische Vesper in der Lutherkirche.

Bertram Kazmirowski

Editorial Januar 2023

Liebe Radebeulerinnen, liebe Radebeuler,
wenn so ein neues Jahr beginnt und alles noch unverdorben, unverbraucht, unbeschädigt erscheint, drängen sich gute Vorsätze auf. Das Neue soll besser werden!
Und gute Vorsätze braucht unsere Welt, oder? Werden nicht dringend Menschen gebraucht, die sich vornehmen, etwas zu ändern?
Wie sieht es bei Dir aus? Bist Du dabei? Wirst Du nachhaltiger leben und weniger verbrauchen? Wirst Du Dich politisch oder sozial engagieren? Oder Dich für Artenschutz und Artenvielfalt einsetzen?
Als Anwältin des Wortes lenke ich den Blick auf das, was Menschen sagen. Es wird viel gesprochen – tagein, tagaus. Wer auf seine Worte achtet, kann mit wenig Aufwand viel erreichen! Sind Deine Worte gute Worte? Worte, die andere aufbauen, ermutigen, trösten? Sind Deine Worte wertschätzende, wohlwollende Worte? Oder kannst Du eigentlich nur noch klagen und schimpfen?
Im großen Weltlauf und als eine/r von 8 Mrd. Menschen weltweit, erscheint die Bedeutung dessen, was Du sagst oder tust, eher vernachlässigbar. Und dieser Eindruck ist es, der unsere Nachlässigkeit fördert. Was soll’s, es liegt doch nicht an mir!
Mit meinem Glauben rechne ich mit der Kraft Gottes, die die Welt verändern kann. Allerdings nur dann, wenn Menschen sich dieser himmlischen Kraft zur Verfügung stellen: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Gott. Was wäre die Welt, ohne den einen, der sich erbarmt? Der barmherzige Samariter rettet den Verletzten. Und Du?
Es ist doch nicht egal, was Du tust! Es ist nicht egal, was Du sagst! Es ist nicht egal, ob Du den Tag damit beginnst, dankbar auf das zu sehen, was Dir gegeben ist.
Es ist nicht egal, ob Du Deiner Liebsten sagst, was für ein wundervoller Mensch sie ist. Gibt es nicht jeden Tag einen Grund Ihr für etwas zu danken?
Und es ist auch nicht egal, ob Du auf Flugreisen verzichtest und in den Laden Deinen Stoffbeutel mitnimmst.
Es ist nicht egal, was Du sagst und tust. Ergreife Deine Chancen: 365 Tage stehen uns zur Verfügung. Packen wir’s an.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes neues Jahr!

Annegret Fischer, Pfarrerin im Kirchspiel in der Lößnitz, Friedenskirchgemeinde

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… von flüchtigen Momenten …

glowing after shrinkage | EN 1095-6
Installation für eine Szene im Film
»50 Uhr [das DU im ICH]« | 2019

Zu guter Letzt ein grafisches Foto. Ein flüchtiger Moment zwischen dem Aufbau der Installation und dem Dreh jener Filmsequenz. Was blieb, ist ein Bild der scharfen Kontraste: Schwarz-Weiß, Linie-Fläche, Dunkel-Hell, An-Aus, 1-0. Dieses Bild zeigt etwas, das es so nicht gab – eine totale Klarheit, und doch ist nichts klar. Was sehen Sie? Wo gehen die Linien hin? Ist es Raum, ist es kein Raum, gibt es ein Dahinter, gar Unendlichkeit? Existiert diese überhaupt oder ist sie nur ein Denkmodell, und was ist wirklich? Unablässig vergleicht unser Gehirn, verknüpft Erwartungen aus den Erfahrungen, errechnet uns ein Zukunftsbild. Wir sehen Schwarz, und doch verbirgt sich das gesamte Spektrum darin. Das eine wird uns nur durch das andere sichtbar. Und der helle Stern, das Licht?

Nun also verflüchtige ich mich aus den Seiten dieses Heftes und gebe Sie wieder frei – nicht ahnend, welchen Faden Sie aufnehmen, welchem Lichtstrahl Sie folgen und welche Geschichte Sie weiterschreiben werden. Seien Sie mutig, offen und neugierig dabei, und wiegen Sie sich in der freudigen Gewissheit, dass die Wirklichkeit niemals so ist, wie sie scheint …

www.constanze-schuettoff.de

 

Mit Gerhard Schöne poetisch durch das Jahr

Ausblick auf die Titelbilder von V+R für 2023

An dieser Stelle erst mal unser Dank an Constanze Schüttoff für ihre künstlerischen Titelbilder im laufenden Jahr. Sie hatte hohe Ansprüche an die Betrachter gestellt und man musste sich, zugegeben, ein bisschen anstrengen. Wenn man das Fach studiert hat, kennt man z.B. nicht nur ein Grau, sondern kann eine Vielzahl von Grauabstufungen unterscheiden, die der Laie kaum wahrnimmt. Viel Glück mit der „blauen Phase“ und auch für das, was danach kommt!

Normalerweise bringen wir nach einem Jahr Kunst ein Jahr mit Fotos (zuletzt hatte ich 2021 die Bauernhäuser gezeigt). Für 2023 hat mir die Redaktion noch mal das Vertrauen für diese Aufgabe gegeben und meinen Vorschlag, grafische Bilder, also ältere Postkarten, Bauzeichnungen oder auch künstlerische Sichten auf Radebeuler Bauten zu bringen, angenommen. Es wird eine Mischung aus mehr oder weniger bekannten Blickwinkeln auf Radebeuler Häuser sein. Ich hoffe, wir enttäuschen Sie nicht.

Dietrich Lohse

Glosse

Noch zu retten?

In grauer Vorzeit war der Wirkungskreis des Menschen klein und das war gut so! Er kreiste um seine Höhle und der Schaden, den er dabei anrichtete, war ebenso klein. Da es aber damals noch keine Geburtenreglung wie seinerzeit in China gab, vermehrte sich der Mensch bis ins Unanständige, so dass wir heute gar auf unserem schönen Planeten eine Überbevölkerung haben.

Das muss man sich mal vorstellen: Auf der Erdenkugel wimmelt es dermaßen von dieser Spezies, dass nichts anderes mehr Platz hat und man jede Minute befürchten muss, einer fällt von der Kugel! Also, mal bildlich gesprochen. Im Sekundentakt kommt ein neuer Fresser dazu. In sechs Monaten haben wir bereits die gesamten Ressourcen verschlungen, die für ein ganzes Jahre gedacht waren. Nun sind die Menschen ja gerissen, zumindest ein Teil davon. Dieser Teil hungert nun nicht etwa in der zweiten Jahreshälfte. Nein, er schöpft weiter aus den Vollen! Damit das aber auch klappt, hungert eben der Teil der Bevölkerung über das ganze Jahr, der halt nicht so gerissen ist wie die anderen. Und damit es immer so weiter geht wie gehabt, halten sich die gerissenen Herden Knüppel schwingende Lakaien.

Da hieß es einmal, der Mensch habe sich wegen seiner größeren Hirnmasse gegenüber anderen Wesen durchgesetzt und so eine höhere Stufe der Entwicklung erklommen. Gern wird er als ein vernunftbegabtes Wesen bezeichnet, welches allen andern Lebewesen überlegen sei. Die Mär kann aber auch nur der glauben, der von seiner Unfehlbarkeit derart besoffen ist, dass er die Realität nicht mehr wahrzunehmen im Stande ist.

Bitte, was soll im Verhalten der Menschheit vernunftbegabt sein?! Jede achte Pflanzen- und Tierart ist vom Aussterben bedroht, die Meere sind mit Plastemüll verseucht, drei Viertel der Naturräume sind erheblich beeinträchtigt! Wenn das Vernunft sein soll, muss ich in der Schule nicht aufgepasst haben oder meine Erziehungsberechtigten haben da was falsch gemacht.

Intakte Häuser werden abgerissen, nur weil einer einen Furz im Kopf hat, den er Kraft seiner Funktion durchzusetzen vermag. Andere Häuser wiederum werden gebaut und stehen jahrelang leer, weil offensichtlich dafür kein Bedarf vorhanden ist, Brücken werden in die Landschaft gesetzt, zu denen nie eine Straße führen wird. Vernunft?! Von dem ganzen produzierten Kriegsgerät will ich gar nicht erst anfangen.

Ich kann mich noch gut entsinnen, als ich in der Schule die ersten Schreibversuche auf einem Stück Papier mittels eines Federhalters und eines Tintenfasses durchführte. Wer aber verfasst heute noch ein Schreiben handschriftlich? Mittlerweile benötige ich dazu einen Rechner, einen Monitor, eine Tastatur, einen Haufen Verbindungskabel und einen Drucker, der idealerweise gleichzeitig noch ein Kopierer sein sollte. Die Kosten der Anschaffung und Wartung seien hier mal beiseite geschoben. Wenn man Glück hat, bekommt man das alles gerade noch in einen Handwagen, der aber auch schon aus der Mode gekommen ist. In einen Ranzen passt das alles freilich nicht mehr.

Dabei sagen die Leute, der Fortschritt sei ein Segen. Wenn das so wäre, müsste ich am Verstand des lieben Herrn zweifeln. Es sei denn, er verfolgt einen ganz andern Plan. Wir Menschen sind auch etwas kleinlich. Wir denken zu kurz! Die Erde soll ja 4,6 Milliarden Jahre alt sein. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Die lächerlichen 100 Jahre, die etwa ein Mensch alt werden kann, spielen da überhaupt keine Rolle. Unsere Spezies gibt es gerade mal annähernd 3 Millionen Jahre. Da muss sich ja in den restlichen 4,597 Milliarden Jahren unser lieber Herr gelangweilt haben. Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass der Herr die Menschen ganz bewusst so weiter wursteln lässt. Wenn sie nämlich auch künftig so leben, schaffen sie sich eines schönen Tages selber ab oder landen bestenfalls wieder in der Höhle. Das aber wäre zur Rettung der Erde ein nahezu genialer Plan vom Herrn, meint, eine schöne Weihnachtszeit wünschend,

Euer Motzi
 
 
 
 
 

Radebeuler Firmengeschichte

Arevipharma GmbH

Ehemaliges Arzneimittelwerk – 25 Jahre TBA

Jährlich im Frühjahr findet man im Radebeuler Amtsblatt den „Öffentlichkeitsbericht der Thermischen Behandlungsanlage (TBA)“. Das ist eine recht unspektakuläre Sache und selbst Interessierte brechen sicher nach dem ersten Satz mit Lesen ab. Der erste Satz vermittelt nämlich stets Stabilität und umweltgerechten Betrieb. Da es diese Anlage seit nunmehr gerade 25 Jahren gibt, hierzu folgenden „historischen“ Hintergrund.

Das Arzneimittelwerk Dresden mit seinem Hauptwerk auf der Meißner 35 war nicht nur ein wichtiger hiesiger Arbeitgeber, sondern als Kombinats-Hauptwerk Kern der Arzneimittelproduktion der DDR. Mit den Wurzeln in den 1870igern ( von Heyden ) machte es in seiner Entwicklung natürlich alle Umweltsünden weltweiter chemisch-pharmazeutischer Produktion mit. Das waren vor allem die unbehandelte Abwasserentsorgung in die Elbe und der freie Ausstoß von Abluft und Abgas in die Atmosphäre. Mit aufkommendem Umweltbewusstsein begann man in der westlichen Welt ab den 60iger Jahren massiv mit der Abstellung solcher Missstände. Man fixierte das auch gesetzgeberisch. Es war ein schlimmes Versäumnis der DDR-Führung, Umweltschäden bis zum Ende 1989 nicht ernst genug zu nehmen. Die Elbe war entsprechend verseucht und Radebeul roch lax gesagt entsprechend herb. Es gab zwar durchaus punktuelle Verbesserungen; mit dem Bau einer großen Mehrzweckanlage (1977-78) auch eine „Abluftentsorgung“ über einen 165m hohen Schornstein – aber auch aus Geldmangel keine umweltgerechte Lösung. Folgerichtig kam es dann nach der Wende Ende April 1990 zur Werksbesetzung durch Greenpeace. Vor allem wurde hier das Abwasserproblem thematisiert und eine sofortige Werksschließung gefordert.

Ab diesem Zeitpunkt bekamen Ab-Wasser und –Luft die gebührende Aufmerksamkeit. Mit der nachfolgenden Werksübernahme durch Asta-Medica, Pharmasparte der DEGUSSA, mit höchster Priorität. Im Rahmen der umfassenden Umstrukturierung dieses Konzerns war es damals Zielstellung, Radebeul zum einzigen Wirkstoffhersteller des Konzerns auszubauen. Dabei war unbedingt zu beachten, dass für eine weiter Betriebserlaubnis alle geltenden Umweltgesetze der BRD ab dem 1.1.1995 einzuhalten waren.

Als Sofortmaßnahme wurde daher eine Abwasserleitung, sehr teuer, doppelwandig mit Leckageüberwachung, zum Klärwerk Kaditz gebaut. Hier ließen sich die chemietypischen in Mischung mit den kommunalen Abwässern Dresdens gut und umweltgerecht abbauen.

Mit Abluft und Abgasen war das völlig anders . Bis auf eine gewisse Entsorgung, nicht Behandlung, über den Schornstein, lagen sie völlig konfus vor; an hunderten Stellen in den Produktions- und Technikbereichen des Werkes verteilt. In Summe handelte es sich um etwa 100.000m³/Stunde.

Relativ schnell war klar, dass hier nur eine gebündelte Erfassung und angepasste Verbrennung zielführend war. Der Mehrzweckcharakter der Anlagen sowie der ständige Produktwechsel hätten eine eher populäre biologische Abgasreinigung absolut überfordert. Also Verbrennung, welch Teufelszeug! In der Bevölkerung gärte es. Im AWD soll eine Abfall-Verbrennungsanlage gebaut werden! Hier musste zum Vorantreiben des Projektes diplomatisch vorgegangen werden. Da in der Flamme, bei hoher Temperatur, alle Schadstoffe unschädlich gemacht werden können, kann man von einer thermischen Behandlung sprechen. Von nun an wurde nur noch von thermischer Behandlung gesprochen. Das verbleibende Kürzel TBA führte letztlich zur nötigen Ruhe bei der Weiterbearbeitung. Zur damals vorliegenden undefiniert großen Abluftmenge muss gesagt werden, dass alle üblichen in großem Maßstab in der pharmazeutischen Produktion eingesetzten Lösemittel mit Luft explosive Gemische bilden. Nur mit großen Luftmengen umging man dauerhaft der Explosionsgefahr. Mit so großen Luftmengen konnte man aber keine wirtschaftliche Entsorgung betreiben.

Die ingenieurtechnische Aufgabe war daher folgendermaßen zu umreißen:

1. Konzeption des Aufbaus und Dimensionierung der Behandlungsanlage/ 2. Erfassung und Fortleitung sämtlicher Abluft bzw. Abgas/ 3. Gleichzeitige Lösung des Explosionsproblems/ 4. Absolute Minimierung Abluft/ Abgas.

Die Leistung der TBA wurde damals, das war ingenieurtechnisch fortschrittlich, mit 1500m³/h Abluft / Abgas und gleichzeitiger Verbrennung von 350 kg/h flüssiger Abfallstoffe der eigenen Produktion festgelegt und bei den zuständigen Behörden beantragt.

Projektierung und Bauausführung erfolgte durch das Ingenieurwesen der DEGUSSA. Dem technischen und verfahrenstechnischen Team AWD verblieben neben der Projektbetreuung und dann parallel zum Anlagenaufbau eine wahre Mammutaufgabe. Das gesamte Werk musste entsorgungsgerecht umgebaut und anschlussbereit gemacht werden. In erfreulicher Zusammenarbeit gab man uns im Rahmen eines sogenannten „Öffentlich rechtlichen Vertrages“ behördenvertraglich dafür Zeit bis Mitte 1997.

Die Bearbeitung erfolgte von diesem Zeitpunkt an durch ein Trio. Zum Umbau des Werkes soll nur soviel gesagt sein, dass es seitdem auf dem Gebiet der Abgasentsorgung ein völlig anderes Werk gibt. Auch die Belegschaft musste an eine neue, geänderte Bedienung herangeführt werden. Der Umbau erfolgte „auf Sicht“ mit täglichen Abstimmungen zwischen Projektteam, Produktion und einer sehr kreativ flexiblen Rohrbaufirma. Nur so konnte ein „flotter“ Baufortschritt ohne Produktionsstillstand und damit Umsatzausfall gewährleistet werden. Ein Teil der Technik (Reaktoren, Trockner, Trenntechnik, Vakuumtechnik… ) wurden auf entsorgungstechnisch neuen Stand gebracht. So manches wurde ausgesondert und durch neue Apparate ersetzt. Ansonsten erfolgte eine konsequente Kapselung der Ausrüstungen bei gleichzeitiger Dauerinertisierung (Hinzufügung) mit Stickstoff. Die sichere Anwesenheit von Stickstoff verhindert eine explosive Atmosphäre innerhalb der Apparate. Allein schon diese Voraussetzung erforderte den Aufbau einer eigenen Infrastruktur mit weitverzweigten Rohrleitungsnetzen.

Nach von atemloser Spannung begleiteter Zuschaltung des neuen als ASA bezeichnetem Gesamtsystems an die TBA im Juni 1997 konnte folgende erfolgreiche Bilanz gezogen werden:

  • – restloser Anschluss sämtlicher Abluft- und Abgasquellen bei gleichzeitiger Mengenreduzierung auf etwa 1% der früheren Werte
  • – enorme Einsparungen bei der Beheizung der Produktionsstätten
  • – drastische Reduzierung der Abwassermenge soweit, dass heute das Werk deutlich abwasserärmer arbeitet (das waren ursprünglich 60-70 m³ pro Stunde !)
  • – Ertüchtigung der TBA zwecks zusätzlicher Entsorgung beladenen Wasserstoffs einschl. spez. Erfassungs- und Fortleitungssystem
  • – Entschärfung evtl. Sicherheitsentspannungen im Havariefall über Dach; dabei Anschluss einer solchen mit besonderer Brisanz an die TBA mit spez. Anschlusssystem

Seit Mitte 1997 läuft nun die TBA erfolgreich. In ihr werden in einer Brennkammer bei über 1000° C Abluft ,Abgas und flüssige Abfallstoffe unter Erdgaszufuhr sicher verbrannt. Anschließend werden diese Rauchgase mit Wasser extrem schnell abgeschreckt, nun erst unter Verwendung von verdünnter Natronlauge, dann mit vollentsalztem Wasser gewaschen, erneut erwärmt, mit Ammoniak versetzt über einem Katalysator denoxiert ( vgl. Dieselmotoren-Adblue), abgekühlt und nach Messung aller relevanten Emissionskennwerte über Dach ausgestoßen. Die Überwachung erfolgt hinsichtlich evtl. Ausfallzeiten, der Einhaltung der Verbrennungstemperatur, des Ausbrandes , Schwefeldioxid- , Stickoxid- , Salzsäure- und Staubgehalt kontinuierlich. Dioxine sind einer kontinuierlichen Messung nicht zugänglich. Hier erfolgt turnusmäßige Probenahme und Auswertung durch ein unabhängiges Prüflabor. In der TBA wird Abwärme zur Dampferzeugung genutzt. Allerdings nicht umfassend, da ansonsten mit Dioxinbildung gerechnet werden musste.

Aus heutiger Sicht ist der Betrieb der TBA eine Erfolgsgeschichte. Ohne sie wäre das Werk nicht betriebsfähig. Abweichungen in Verfügbarkeit und Nichteinhaltung von Emissionsgrenzwerten waren kaum erwähnenswert. Nach der anlagentechnischen Erneuerung des Prozessleitsystems 2021, in die auch die gebündelte Betreibererfahrung zweier Jahrzehnte einfloss, kann fast von einem Idealbetrieb gesprochen werden. Das konzipierte Entsorgungskonzept war gut gewählt. Auch zwischenzeitliche Verschärfungen der Emissionsgesetzgebung waren unproblematisch erreichbar. Jährlich zulässige Schadstofffrachten nach der 17. Bundes-Immissionsschutzverordnung werden nur zwischen 0 und 34% ausgeschöpft!

Durch Abwanderung der Wirkstoffproduktion im Rahmen der Globalisierung, konnte das Potential der TBA bisher nicht wirksam werden; sie war für eine Erweiterung des Produktionsstandortes vorbereitet. Allerdings ist der hohe Gasbedarf der TBA (einige 100.000 m³ pro Jahr ) gerade jetzt Anlass zu großer Sorge – denn ohne TBA keine Produktion. Hier kann man nur hoffen und der TBA mit dem traditionsreichen Werk eine weitere erfolgreiche Zukunft wünschen.

Am 2. Januar 1874 nahm der Firmengründer am Standort die „Salicylsäurefabrik F.v.Heyden“ in Betrieb. Also vor fast 150 Jahren! – Auch sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass vor 80 Jahren in den Laboren dieses Werkes Epochales entwickelt wurde. Der Chemiker Richard Müller erfand die Grundsynthese der Silikonchemie, bekannt als Müller – Rochow –Synthese – was wären wir heute z.B. ohne Mikro-Chips!

Der Autor wagte einen sehr persönlichen Rückblick auf einen wichtigen Teil Werksentwicklung der jetzigen Arevipharma in Radebeul Ost, an dem er im letzten Jahrzehnt seiner Berufstätigkeit teilnahm. Prägend waren dabei Konzipierung und Dimensionierung der TBA und daraus folgernd die Projektverantwortung bei entsorgungsgerechtem, mengenreduziertem Werksumbau. Unbedingt müssen aber dabei die Herren Peter Dethloff, Radebeul sowie Jürgen Müller ,Meißen genannt werden.

Peter Gühne

Zeugnisse namhafter Architekten in Moritzburg

Auch die Ortschaft Moritzburg hat eine beachtliche Vielfalt von Bauten namhafter Architekten aufzuweisen. Diese Männer können mit Fug und Recht als wesentliche Mitgestalter unserer einzigartigen Kulturlandschaft über einen Zeitraum von nahezu 500 Jahren angesehen werden. Die meisten ihrer entworfenen Bauten prägen noch heute das Ortsbild. Im Folgenden sollen in zeitlicher Reihenfolge die hiesigen und andere wesentliche Zeugnisse ihres umfangreichen Schaffens dargestellt werden.

Das Zunftzeichen der Architekten
Bild: Archiv Ortsgruppe Moritzburg


An erster Stelle ist der Architekt Caspar Voigt von Wierandt (gest. 1560) zu nennen. Als Festungsbaumeister erhielt er von Kurfürst Moritz den Auftrag, für diesen im Friedewald ein Jagdhaus zu entwerfen. Er leitete auch zunächst diesen Bau. Wegen seiner umfangreichen Arbeiten im Zuge der Errichtung von Festungsbauwerken in Dresden und bei der Erweiterung des Dresdner Schlosses zu einer repräsentativen Residenz hat dann der Architekt Hans Dehn-Rothfelser (1500–1561) für Kurfürst Moritz von Sachsen das erste Jagdhaus im Friedewald auf einer flachen Felskuppe am damaligen Mosebruchteich vollendet. Das Holzmodell dieser etwas später von Paul Buchner umgestalteten ursprünglichen Anlage ist noch heute im Schloss Moritzburg ausgestellt. Die Grundform mit den vier markanten Ecktürmen ist teilweise auch in der jetzigen Gestalt des Schlosses noch ablesbar. Zunächst war Dehn-Rothfelser mit dem Umbau des Dresdner Schlosses nach dessen Brand im Jahre 1530 und mit der Erneuerung des Dresdner Elbtores zum Georgenbau am Schloss befasst. Ab dem Jahre 1542 bis 1546 erfolgte der Bau des hiesigen Jagdhauses, das schon bald den Namen „Moritzburch“ trug. Auch die Entwürfe zum Bau des Schlosses Klippenstein als Verwaltungssitz des Amtes Radeberg und für die erste Erweiterung der Dresdner Stadtbefestigung stammen von ihm.

Es sollten über 100 Jahre vergehen, bis ein weiterer namhafter Architekt sein Markenzeichen hier setzte. Es war der Oberlandbaumeister Wolf Caspar Klengel (1630–1691), welcher im Jahre 1656 von Kurfürst Johann Georg II. nach Dresden berufen worden ist. Dieser Kurfürst beauftragte Klengel, das Moritzburger Jagdhaus an dessen Westseite durch eine Kapelle zu ergänzen. Dieser Bau wurde 1661 bis 1672 ausgeführt und am 24. Juni 1672 als evangelisch-lutherische Kirche geweiht. Viele von Klengel für Dresden entworfene Bauten sind nicht mehr erhalten. Heute erinnern lediglich noch die heutige Gestalt des Dresdner Schlossturmes, Teile des Reithauses am Zwinger sowie die von ihm nach dem Brand von 1685 entworfene großzügige Straßenanlage der inneren Dresdner Neustadt an diesen genialen Baumeister, der auch August den Starken in Architekturfragen unterrichtete.

Späterer Nachfolger Klengels war der den meisten wohlbekannte Oberlandbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann (1662–1736), der zunächst noch unter Klengels Leitung im Dresdner Bauamt tätig war. Im Auftrag Augusts des Starken arbeitete Pöppelmann an der großzügigen Umgestaltung des Moritzburger Jagdhauses in eine vielgliedrige barocke Schlossanlage mit reicher Innenausstattung unter Einbeziehung der umgebenden Teiche und deren Umformung zum Schlossteich. Auch die Anlage der Schlossallee als neuem Verkehrsweg nach Dresden mit ihren noch erhaltenen damaligen Handwerkerhäusern (heute die Gasstätten Dreispitz und Forsthaus, die Apotheke und das Haus Schlossallee 17) sowie das ursprüngliche Gebäude des Gasthofes „Goldne Brezel“ entstammen seiner Feder. Ein Bild von der früheren Gestalt der „Goldnen Brezel“ befindet sich noch heute im Gastraum. Viele der von Pöppelmann entworfenen Bauten in Dresden und Umgebung können heute noch besichtigt werden: der Zwinger, das Berg- und das Wasserpalais in Pillnitz, das Taschenbergpalais, die obere Orangerie in Großsedlitz, die Pillnitzer Weinbergkirche oder die Matthäuskirche in Dresden-Friedrichstadt.

Teilweise zeitgleich mit Pöppelmann wirkte am Dresdner Hof der Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel (1686-1752) – ein gebürtiger Dresdner. Verdienste um Schloss Moritzburg hat er sich insbesondere als Architekt der Innenausstattung erworben. Ursprünglich sollte Pöppelmann diesen Auftrag erhalten, aber dieser nahm ihn 1733 unter Verweis auf sein hohes Alter von 71 Jahren nicht an. Auch am Moritzburger Schlossumbau hat Knöffel mitgewirkt. Die Gestaltung der Schlossparkanlage erfolgte ebenfalls weitgehend nach seinen Plänen. Knöffel entwarf außerdem den Vorgängerbau des heutigen Fasanenschlösschens. Sein Hauptauftraggeber war indessen Graf Heinrich von Brühl. Nachdem diesem die Festungsterrasse von seinem König geschenkt worden war, hat Brühl den Baumeister mit den Entwürfen für alle damals darauf stehenden Bauten beauftragt: das Palais, eine Gemäldegalerie, eine Bibliothek sowie ein Belvedere. Sein architektonisches Hauptwerk war indessen das große Jagdschloss Hubertusburg in Wermsdorf.

Der Architekt französischer Herkunft Zacharias Longuelune (1669–1748) soll ebenfalls kurz erwähnt werden. Er hat sich insbesondere um die äußere Fassadengestaltung von Schloss Moritzburg verdient gemacht, die heute wieder erlebbar ist. Ebenso entwarf er die untere Orangerie in Großsedlitz sowie das Japanische Palais in Dresden.

Dem Architekten Johann Daniel Schade (1730-1798) verdankt die Ortschaft Moritzburg zwei Bauten im Rokokostil. Im Jahre 1782 wurde nach seinen Plänen das Fasanenschlösschen an der Stelle des Knöffelschen Vorgängerbaus errichtet. Als kleines „Paradies in der Nussschale“ wird es von vielen Besuchern bewundert. Auch das nördlich vom Schloss gelegene Hellhaus entstand im Jahre 1776 nach seinen Plänen anstelle eines vorher dort existierenden hölzernen Pirschhäuschens. In Dresden wirkte Schade u. a. als Architekt beim Um- und Erweiterungsbau des Marcolinipalais in Friedrichstadt (heute Stadtkrankenhaus), als Schöpfer des Dresdner Waldschlösschens sowie der Pillnitzer künstlichen Ruine. Außerdem leitete er ab 1783 die erste Wiederherstellung des im Siebenjährigen Krieg durch Beschuss beschädigten Dresdner Zwingers.

Nach über hundertjähriger Pause brachte ein weiterer Architekt ein markantes Bauwerk in unseren Ort: Richard Schleinitz (1861–1916). Von Ihm stammt der Plan für die Moritzburger evangelische Kirche an der Schlossallee. Sie wurde ab dem Jahre 1902 erbaut und am 7. November 1904 eingeweiht. Mit monumentalem Anspruch auf einem ehemaligen Weinberg errichtet, zeigt die Kirche an ihren Schauseiten reiche neubarocke Architekturformen – wie auch manche Dresdner Bauten aus dieser Zeit. Schleinitz schuf u. a. auch die Entwürfe für das Rathaus in Dresden-Coschütz sowie für einige herrschaftliche Mietshäuser und Villen in der Landeshauptstadt, vor allem im Stadtteil Blasewitz.

Als Vertreter der Reformbaukunst hat der Architekt Richard Riemerschmidt (1868–1957) ein interessantes Bauwerk im Landhausstil auf dem Grundstück Bahnhofstraße 17 entworfen. Es wurde im Jahre 1902 als Wohn- und Atelierhaus für den Moritzburger Tiermaler und Postkartengestalter Alfred Mailick gebaut. Nach 1945 befand sich darin ein Kindergarten. Gegenwärtig ist es wieder Wohnhaus. Riemerschmidt hat sich mit dem Bebauungsplan für die Gartenstadt Dresden-Hellerau, mit Entwürfen für die dortigen Reihenhäuser sowie für die Deutschen Werkstätten in Hellerau bleibende Verdienste in der Architekturgeschichte erworben.

Mit Peter Kulka (geb. 1937) hat Ende des vorigen Jahrhunderts ein in ganz Deutschland bekannter und geschätzter Dresdner Architekt für die Ortschaft Moritzburg ein baukünstlerisches Kleinod geschaffen: das Haus des Gastes an der Schlossallee. Sein Stil knüpft trotz seiner modernen Gestaltung mit dem konisch zulaufenden Dach an die Zeltdächer der Handwerkerhäuser aus Pöppelmannscher Zeit an, ohne diese nachahmen zu wollen. In der Landeshauptstadt Dresden schuf Kulka die Entwürfe für den Sächsischen Landtag sowie für die kunstvolle transparente Überdachung des kleinen Schlosshofes. Auch das wieder aufgebaute Potsdamer Stadtschloss (Sitz des Brandenburger Landtages) sowie weitere Bauten in anderen Bundesländern zählen zu seinen Architekturleistungen. Peter Kulka war zeitweise selbst Einwohner von Moritzburg.

Schließlich soll ergänzend noch der Moritzburger Baumeister und Architekt Hermann Ziller (1869– 1938) erwähnt werden. Sein überregionaler Bekanntheitsgrad reicht zwar nicht an denjenigen der vorgenannten Architekten heran. Seine Entwürfe und die von ihm errichteten ca. 40 Bauten in der Gemeinde Moritzburg rechtfertigen jedoch, dass dieser verdienstvolle Mann in unserem Beitrag erwähnt wird. Das erste Haus baute er Am Bahnhof Nr. 2, gefolgt vom Haus Zillerstraße Nr. 3. Sein Architekturbüro besorgte Entwürfe, Bauzeichnungen, statische Berechnungen Kostenvoranschläge und eine Bauberatung. Im Ortsteil Moritzburg ist eine Straße in der Nachbarschaft des hiesigen Bahnhofs nach ihm benannt.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass auch in der Ortschaft Moritzburg interessante Mosaiksteine deutscher Architekturgeschichte zu finden sind, an deren wesentliche Schöpfer sich zu erinnern lohnt.

Die Gruppe Ortschronik Moritzburg

Das ewig Weibliche in Mythos und Historie

Der Radebeuler Not-Schriftenverlag brachte ein Kunstband mit Werken von Enrico Scotta heraus

Mit der druckfrischen Herausgabe von „Pandora – Mythologische und historische Frauengestalten in einem anderen Licht“ ist dem Radebeuler Notschriften-Verlag ein veritabler Kunstband gelungen. Das großformatige Buch entführt den Betrachter und Leser mit großer Sogkraft in die ästhetische und mythologische Sinnwelt des Malers und Bildhauers Enrico Scotta.

Bild: PR Notschriftenverlag


Zeigt das Titelbild mit Dreieck noch ein abstraktes Urbild für das Weibliche, durchstreift das Innere eine Vielzahl von mythologischen und historischen Frauengestalten aus ägyptischer, hellenistischer und römischer Zeit.

Federführend für die umfangreichen literarischen Bebilderungen sind hier Kunstprofessorin Gudrun Jägersberg und Frau des Künstlers sowie Schriftsteller Thomas Gerlach. Nahezu paritätisch nähern sich beide in ihren Texten den vielschichtigen Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Frauengestalten, die tief im kulturellen Gedächtnis verankert sind. Verzweigte Erinnerungsräume werden geschaffen, narrative Netzwerke aufgedeckt, um vor allem verbindende Elemente in den teils komplexen Strukturen von Liebe, Begierde und Macht auszuloten. Die Geschichten sind kenntnis- und faktenreich und frischen auf amüsante Weise die historischen Stoffe auf.

Die Werke des Künstlers können nicht nur auf dem Papier betrachtet werden. Scotta und Jägersberg laden geradezu in ihre „Villa Fenice“ mit Atelier auf der Heinrich-Zille-Straße (Höhe Horst-Viedt Str./ Gradsteg) ein. Das Künstlerpaar ist zudem des Öfteren fußläufig mit ihrer großen weißen Huskyhündin auf dem Weg nach Kötzschenbroda und dem dortigen italienische Feinkostladen „Terra Mia“ anzutreffen.

Sascha Graedtke

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„Pandora“: Kunst, Essays, literarische Texte 2022, Hardcover, 120 Seiten, 30 x 24 cm, durchgehend farbig mit zahlreichen Abbildungen von Bildern und Skulpturen von Enrico Scotta, 39,80€

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