Von Stummfilmkino bis Kurzfilmnacht (Teil 2)

Oder: Kino in Radebeul – wen interessiert das noch? (Teil 2)

Neue Außenbeschilderung fürs alte Kino, 1993, Foto: Karin Baum

Nachdem man 1988 in Radebeul-West die „Freundschaft“ geschlossen hatte, war von einstmals vier Lichtspieltheatern in der Stadt nur noch die „Union“ in Radebeul-Ost als schwacher Trost geblieben.
Doch nichts währt ewig. Auch diese Kinoräume waren lediglich angemietet. Mit Kündigung des Mietvertrages durch den privaten Hausbesitzer folgte auch für Gerd Schindler, der im Kreis Dresden-Land für die Wartung der Filmtechnik und nebenberuflich als Filmvorführer im Filmtheater Union sowie während der Saison im Bilz-Bad und Freilichtkino Radebeul-Ost tätig war, am 31. Juli 1991 das Ende seiner Beschäftigung bei der Dresdner Bezirksfilmdirektion. Neuer Arbeitgeber wurde Wolfgang Gerecke, ein ehemaliger Kollege, welcher das Filmtheater als Geschäftsführer bis zum Jahresende auf privater Basis weiter betrieben hat. Doch finanziell ging es zunehmend bergab. 1991 veranstaltete sogar der Radebeuler Gewerbeverein eine Spendensammlung zur Unterstützung der „Flohkiste“ (Filmtheater Union) in Not. Alles Weitere ist schnell erzählt. Im März 1992 wurde der Interessenverein Film gegründet. Neben den mehr oder weniger gängigen „Kassenfüllern“ waren nun auch wieder „gesellschaftskritische und künstlerisch anspruchsvolle“ Filme im Programm. Der Publikumsstamm wuchs allmählig. Die Programmqualität sprach sich in den Insiderkreisen sehr schnell herum. Ab 1. Januar 1993 erfolgte die vollständige Übernahme des Filmtheaters durch den Verein. Gerd Schindler war nun Filmvorführer, Kinoleiter und Vereinsvorsitzender in Personalunion und das alles nach einem langen Arbeitstag als festangestellter Mitarbeiter in der Radebeuler Tourist-Information. Die finanzielle Situation des Kinos begann sich zu stabilisieren. Dann hieß es plötzlich, das Grundstück wird verkauft, das Kino soll abgerissen werden. Die letzte Vorstellung fand in der „Union“ am 4. Dezember 1993 statt. Nicht ohne Hintersinn wurde der deutsch/französische Film „Cinema Paradiso“ (1988) gezeigt. Die Geschichte erzählt von einem kleinen altmodischen Kino in der Provinz und von Menschen, deren Sehnsüchte und Träume mit diesem Ort – der zuletzt nur noch als leere Hülle existiert und abgerissen werden soll – auf eine rührende Weise verbunden sind.

Kinder- und Jugendfilmtheater Union mit Eingangstür (Mitte) und Notausgang (rechts), 14.1.1993, Foto: Karin Baum

Die Parallelen zum Schicksal der „Flohkiste“ lagen auf der Hand. Geblieben sind viele nostalgisch gefärbte Erinnerungen sowie eine Sammlung von Zeitungsberichten, Programmzetteln, Fotos, Ton- und Filmaufnahmen. Quasi in letzter Minute hatte die Medieninitiative noch eine siebzehnminütige Dokumentation gedreht. Den einfühlsamen Film mit dem Titel „Für immer ausverkauft“ kann man sich auf YouTube anschauen. Die in einem Anbau befindliche „Flohkiste“ wurde schließlich im Januar 1994 abgerissen. Das Haupthaus hingegen blieb noch sehr lange stehen.

Sitzbänke des ehemaligen Freilichtkinos in der Gartensparte „Am Waldrand“, links im Bild der Holzbau, in dem sich der Vorführraum befand, 1990, Foto: Sebastian Hennig

Fazit: Das älteste, noch im Betrieb befindliche Kino, hatte 83 Jahre Filmgeschichte miterlebt und bis zum gesellschaftlichen Umbruch in der sogenannten Wendezeit überdauert. Wie sich später herausstellte, hätte es gut und gerne noch einige Jahre bespielt werden können.
Unmittelbar nach der Schließung des Filmtheaters fegte von 1993 bis 1994 ein medialer Sturm durch den Blätterwald. Das Entsetzen war groß. Doch wie nun weiter? Der Verein bemühte sich um Alternativen. Bereits am 27. Juli 1994 erfolgte die Eröffnung der Spielstätte „Union 2“ in den Räumen der Großraumdiskothek Mega-Drome an der Stadtgrenze zu Coswig. Eine weitere Spielstätte wurde durch den Verein im Bahnhof Radebeul-West, genauer gesagt in den Räumen des Seniorentreffs (ehemalige Bahnhofsgaststätte) betrieben, wo es auch Vorstellungen für Kinder gab.
Der Schlagzeile in der SZ vom 10. Mai 1995 „Kinopublikum blieb aus – Ehe mit Großdiskothek ist gescheitert – Radebeuler Interessenverein Film löst sich auf“ gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Die neun Sitzplätze im Palastkino, undatiert, Foto: Palastkino-Archiv

Danach wurde es still ums Kino in Radebeul. Die einstigen Mahner, zu denen stadtbekannte Filmkenner und Kinoenthusiasten wie Joachim Richter (1926–2015), Lieselotte Schließer (1918–2004) oder Wolfgang Zimmermann gehörten, wurden im Laufe der Jahre müde oder sind durch ihr Ableben endgültig verstummt. Die Zeitzeugen einer lebendigen Radebeuler Kinoszene werden rar. Kommunalpolitische Versprechungen, dass es auch künftig in Radebeul ein Kino geben werde, blieben unerfüllt.
Joachim Richter, der 1964 den Radebeuler Filmclub mit gegründet hatte und diesen über viele Jahre leitete, schrieb 1995, als allerorten 100 Jahre Kino gefeiert wurde, sarkastisch „Das Kino lebt. In Radebeul ist es tot.“ Der ewige Rufer in der nun entstandenen Kinowüste blieb hartnäckig und ließ sich von den stereotypen Antworten, dass der gute Wille ja vorhanden sei, allein es fehle an Geld, nicht abschrecken.
Dem gesellschaftlichen Umbruch folgte eine radikale Neuordnung der Kinolandschaft. Die Verwaltungsstrukturen der Bezirksfilmdirektionen lösten sich auf. Kinogebäude wechselten ihre Besitzer. Die Mieten schnellten in die Höhe. Betonklötze wurden in den größeren Städten aus dem Boden gestampft. Die gewinnorientierte Vermarktung hatte Priorität. Inhalt und Anspruch blieben zunehmend auf der Strecke. Fernsehen und Videotheken ließen die Zahl der Kinobesucher beständig schrumpfen. Multiplexkinos zeigten die aktuellen Blockbuster. Geworben wurde mit 3D-Technik und Supersound. Die Digitalisierung machte vor allem den kleinen privat betriebenen Ein-Raum-Kinos zu schaffen. Umso erstaunlicher erscheint der große Zuspruch, den die Dresdner Programmkinos in zunehmendem Maße erfahren, was nicht zuletzt dem engagierten Filmenthusiasten und Kinobetreiber Frank Apel (1954–2020) zu verdanken ist.
Kino in Radebeul – das ist auch eine Geschichte von vielen kleinen Initiativen, die ohne stabile Strukturen und finanzielle Förderung über kurz oder lang gescheitert sind. Erinnern sollte man hier unbedingt an das „Café Color“, welches Wolfgang Zimmermann zwar in abseitiger Lage am Ende der Gartenstraße (Nr. 75) aber voller Optimismus in der Nachwendezeit eröffnet hatte. Aus der Idee vom kulturellen Szenetreff mit einem alternativen Programmangebot der unterschiedlichsten Genres wie Film, Musik, Literatur oder Bildender Kunst, wurde endlich Realität. Selbstausbeutung stand auf der Tagesordnung. Doch die eigene Kraft, mit der er sich gegen die Marktwirtschaft stemmte, hatte der rührige Kulturorganisator letztlich überschätzt.
Für Experimente immer wieder aufgeschlossen, zeigte sich auch der Jugend- und Kulturverein Noteingang, der sich 1991 gegründete hatte und 1992 im Gemeindehaus der Friedenskirche das „Café Noteingang“ eröffnete. Das Konzept war eine ziemlich schräge Mischung aus Szenetreff und soziokulturellem Zentrum. Der Zuspruch war enorm. Man platzte aus allen Nähten und zog schon bald in das Tonnengewölbe des Familienzentrums um. Der Verein Noteingang glich in seinen besten Zeiten einer sprudelnden Ideenquelle, aus der beständig weitere Vereine und Initiativgruppen hervorgegangen sind. Einen Schwerpunkt bildete dabei u. a. auch das Medium Film. So sind im Eigenauftrag zahlreiche Bild-, Ton- und Filmdokumentationen entstanden. Vor allem Jugendliche wurden ermutigt und unterstützt, eigene Filmideen umzusetzen. Themenabende waren mit Filmaufführungen und Publikumsdiskussionen verbunden. Stummfilmklassiker wurden durch Live-Musik begleitet.
Um den Radebeuler „Kino-Notstand“ ein wenig auszugleichen, wurde an verschiedenen Orten improvisiert. So entwickelte sich von 2000 bis 2006 das „Galeriekino“ in der Radebeuler Stadtgalerie zu einer beliebten Veranstaltungsreihe. Die Auswahl der Filme erfolgte gemeinsam mit dem Publikum. Zum Ehrenmitglied wurde Joachim Richter ernannt, der sich keine Vorstellung entgehen ließ. Die nostalgisch anmutenden Filmmaschinen bediente Gerd Schindler und in die jeweiligen Filme führte Wolfgang Zimmermann ein. Für die Mitarbeiter der Galerie brachte das einen ungeheuren Arbeitsaufwand mit sich, eignete sich die Örtlichkeit doch in keiner Weise für ein derartiges Vorhaben.

Palastkino mit Eingangstür, undatiert, Foto: Palastkino-Archiv

Ebenfalls 2000 startete in der Stadtbibliothek Radebeul-Ost die Veranstaltungsreihe „Literaturkino“. Hier hatte der Kulturverein der Einrichtung die Organisation in der Hand, welcher die Existenz des Kinos bis heute sichert. Trotz des durchgängig anspruchsvollen Programms decken die Einnahmen kaum die Kosten.
Ein spektakuläres Kapitel in der Radebeuler Kinogeschichte stellt sicher das „Palastkino“ dar, welches sich im Erdgeschoß des Bahnhofs Radebeul-West befand. Am 30. Oktober 2006 startete hier Johannes Gerhardt mit dem „Kleinsten Kino der Welt“ und schaffte es bis ins Guinness Buch der Rekorde. Das Team von Außenseiter Spitzenreiter kam nach Radebeul und die Presse berichtete deutschlandweit. Geworben wurde mit dem Slogan „Eine Leinwand, ein Filmvorführer, neun Plätze“. Wie im richtigen Kino ertönte ein Gong, es wurde allmählig dunkel, der Vorhang öffnete sich und die Vorstellung begann. Der Name „Palastkino“ wirkte einerseits (gewollt) paradox, sollte aber andererseits auch an das ehemalige Filmtheater „Palast“ erinnern (s. „Vorschau und Rückblick“, Heft 3/2020). Neben den öffentlichen Vorstellungen konnte das Kino auch privat für einen kleinen Kreis gemietet werden. Das Interesse daran war groß. Gefeiert wurden hier u. a. unzählige Kindergeburtstage. Und selbst der Zigarrenclub fühlte sich in dieser besonderen Atmosphäre recht wohl. 2013 war dann Schluss. Der neue Besitzer des Bahnhofsgebäudes hatte andere Pläne. Sieben Jahre sind seitdem vergangen. Das denkmalgeschützte Gebäude steht leer und der Verfall schreitet voran. Geblieben ist beim ehemaligen Bertreiber, die Liebe zum Kino, eine Sammlung nostalgischer Filmvorführgeräte und der Wunschtraum mit dem Kleinsten Kino der Welt noch einmal in Radebeul neu durchzustarten.

Aufgang zum Vorführraum des Filmtheaters Union, im Hintergrund übern Hof die Besuchertoiletten, 14.1.1993, Foto: Karin Baum

Der Kinogedanke war den Radebeulern nicht auszutreiben und keimte immer mal wieder auf. So standen die Langen Kultur- und Kneipennächte im Jahr 2010 unter dem Motto „Kneipen, Kunst und Kino“. Die Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda hatte als Veranstalter zum Kurzfilmwettbewerb aufgerufen und dem Sieger als Preis den „Silbernen Kötzschbär“ verliehen. Was in den Jahren danach passierte, ist – sieht man einmal vom regelmäßig stattfindenden „Literaturkino“ ab – nicht allzu viel. Im Bilz-Bad erfuhr das Freilichtkino eine Renaissance und in der Hohlkehle konnte man jüngst die Internationale Kurzfilmnacht erleben.
Ein Kino der herkömmlichen Art wird es in Radebeul wohl vorerst nicht mehr geben. Schon eher denkbar wäre ein kommunalgefördertes Filmclub-Kino, das mit „Abspielringen“ kooperiert. Ob in der „Kulturellen Mitte“ oder an einer der „Kulturellen Randzonen“ verortet, sei vorerst dahingestellt. Wo ein Wille ist, da lassen sich auch Räume finden. Eine große Hoffnung für Filmfreunde verbindet sich mit dem neu gegründeten Radebeuler Kulturverein, einer bunten aufgeschlossenen Truppe, die nicht nur redet, sondern schon mehrfach zur kulturellen Tat geschritten ist.
Womit allerdings keiner gerechnet hatte, ist die Corona Pandemie und deren Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Was die Filmbranche anbelangt, ist die gegenwärtige Lage ernst, sehr ernst sogar – aber, wie man so schön sagt, nicht alternativlos. Und Kino in Radebeul – das wird wohl auch in den Nach-Corona-Zeiten ein spannendes Thema bleiben.
Karin (Gerhardt) Baum

Der Beitrag „Kino in Radebeul…“ (Teil 1) wurde in der März-Ausgabe 2020 veröffentlicht und kann jederzeit als Online-Version unter www. vorschau-rueckblick.de abgerufen werden.

Editorial 7-20

Liebe Leserinnen und Leser,
gut drei Wochen hatte die Wahl zur Bestimmung des neuen Leiters des Kulturamts die Gemüter vieler Radebeuler bewegt und unsere Stadt in die Schlagzeilen gebracht – bundesweit. Nun ist seit dem 2. Wahlgang bzw. der Wahlwiederholung vom 15. Juni klar, dass nicht der umstrittene Schriftsteller Jörg Bernig, sondern die noch voraussichtlich bis Jahresende in Annaberg-Buchholz tätige Kulturmanagerin und promovierte Romanistin Gabriele Lorenz den vakanten Posten ab Januar 2021 bekleiden wird. So weit, so gut? Ja und nein. Ja, denn ich finde, Gabriele Lorenz ist eine geeignete Kandidatin für dieses Amt, nach allem, was ich über sie erfahren konnte. Ich wünsche ihr einen erfolgreichen Start in der für sie neuen Aufgabe. Nein, denn mit etwas Abstand muss ich mir sagen, dass aus den Vorgängen rund um den 1. Wahlgang mit der Wahl Jörg Bernigs Lehren gezogen werden sollten. Von der Stadtverwaltung wünsche ich mir, dass sie Stellenausschreibungen und nachgeordnete Auswahlprozesse so gestaltet, dass die fachliche Eignung der Bewerber für den jeweiligen Posten bzw. deren Berufserfahrung im Vordergrund stehen. Von den Mitgliedern der Fraktionen im Stadtrat wünsche ich mir, dass sie nicht vordergründig eigene (politische) Ziele verfolgen, sondern stets mit Augenmaß und Weitsicht Entscheidungen treffen und deren Folgen für die Stadt realistisch einschätzen. Von Bewerberinnen und Bewerbern wünsche ich mir eine kritische Sicht auf die persönliche Eignung für eine Funktion, für ein Amt. So hätte im aktuellen Fall ein für sein literarisches Werk zu Recht geehrter Individualist zeitig genug erkannt, für ein Verwaltungsamt mit Personalführungsaufgaben nicht ausreichend qualifiziert zu sein, ganz unabhängig von seinen politischen Ansichten. Von der Stadtgesellschaft, also von uns allen, wünsche ich mir, dass wir miteinander Demokratie (aushalten) lernen und akzeptieren, dass sie anstrengend ist. Auch 30 Jahre nach den ersten freien Wahlen ist das offenbar etwas, worin sich viele von uns fortgesetzt üben sollten.

Bertram Kazmirowski

Zur Titelbildserie

Die kleine Aktzeichnung passt wunderbar zum Juni-Heft. Die schöne Jahreszeit macht das Leben leichter. Alles drängt in die Natur. Die Hüllen fallen und man fühlt sich zunehmend frei. Die Offsetlithografie von Bärbel Kuntsche entstand 1993. Sie zeigt einen liegenden weiblichen Akt, ganz ohne Scheu. Der Kopf ruht auf dem linken Arm. Das Gesicht ist im Profil zu sehen. Vor allem das Auge zieht die Blicke der Betrachter an, und es scheint, als schaue es in sich selbst hinein.

Die Figur steht in Beziehung zu verschiedenen Linien von unterschiedlicher Stärke, die der Zeichnung Dynamik und räumliche Tiefe verleihen. Deren Rhythmus umschmeichelt den Akt und besticht durch heitere Musikalität. Nur angedeutet ist der Hintergrund. Ob es sich dabei um eine hügelige Landschaft handelt, bleibt der Fantasie überlassen.

Die Erkundung und Darstellung der menschlichen Gestalt haben auf Künstler aller Gattungen seit jeher eine große Anziehungskraft ausgeübt. Wie damit umgegangen wird, hängt jedoch von den jeweiligen Moralvorstellungen der Gesellschaft ab. Die radikale Befreiung aus zivilisatorischen und akademischen Zwängen fand u. a. bei den ”Brücke Künstlern“ einen Höhepunkt.

Doch vor der Kür kommt selbst bei Künstlern die Pflicht. Für Bärbel Kuntsche hieß das, an der Hochschule für Bildende Künste Dresden eine solide Ausbildung zu absolvieren. Dort erwarb sie auch genaue Kenntnisse von der menschlichen Anatomie. Bis heute vertritt sie die Auffassung: „Erst wenn man die handwerklichen Grundlagen souverän beherrscht, kann man sich als Künstler frei entfalten.“

Karin (Gerhardt) Baum

“Vorschau und Rückblick“ Heft 6/2020

Mit Wolf Biermann poetisch und politisch durch das Jahr

Über den Tellerrand geblickt

Besuch eines technischen Denkmals der sächsischen Eisenbahngeschichte in Oberau

Bild: Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Companie, Transpress-Verlag Berlin, 1981


Der Begriff Tellerrand ist hier bezogen auf den Wirkungskreis unserer Vorschau, also die Orte Moritzburg, Radebeul, Cossebaude und Coswig, gelegentlich noch Radeburg und Weinböhla, Orte, wo die Vorschau ausgelegt und gelesen wird, bzw. wo unsere Themen angesiedelt sind. Wird das über-den-Tellerrand-Schauen eine Ausnahme bleiben, wenn ich Oberau besuche, das drei Dörfer hinter Weinböhla liegt? Vielleicht wäre auch ein Blick auf das Wasserschloss Oberau interessant gewesen, aber dieses Thema kann man besser darstellen, wenn es etwas Neues zur Sanierung desselben zu berichten gibt.

Bild: D. Lohse


An Oberau vorbei führen die wichtigen Eisenbahnstrecken Dresden – Leipzig und Dresden – Berlin ein paar Kilometer als parallele Linien mit wenig Abstand bis sie sich dann trennen. Die ältere Leipziger Strecke wurde 1839 fertiggestellt und war damit die erste deutsche Fernbahnstrecke – die allererste Strecke Nürnberg – Fürth (1835) war ja nur wenige Kilometer lang. Ob einen Tunnel zwischen Oberau und Gröbern zu bauen, ein Wunsch des sächsischen Königs Friedrich August II war, oder ob die Ingenieure der Leipziger Strecke einen besonderen technischen Kick verleihen wollten, wage ich nicht zu entscheiden. Der 1838 begonnene Tunnel durch einen eher unspektakulären Hügel wurde schließlich 513m lang. Die wesentliche Arbeit verrichteten über 600 Bergleute aus Freiberg, indem auf der Tunnelachse zunächst vier senkrechte Schächte abgetäuft wurden, von denen dann in der Tiefe waagerechte Strecken vorgetrieben wurden, bis der Tunnel durchgängig war. Anschließend wurde die Tunnelwölbung mit Sandsteinquadern ausgekleidet. Die beiden Tunnelöffnungen erhielten gestaltete Portale, jedes mit zwei auf gesetzten Pylonen. Am 7. April 1839 wurde die zunächst eingleisige Strecke (Platz für das 2. Gleis wurde vorbereitet und 1840 realisiert) der Leipzig-Dresdner-Eisenbahngesellschaft, einem Privatunternehmen, feierlich mit der dampfbetriebenen Lok „Saxonia“ und teils offenen und geschlossenen Wagen eröffnet. Zunächst bestand auf der Ostseite des Tunnels sogar ein Bahnhof, der Bahnhof Oberau. Er lag auf der Böschung und hatte Treppen bis zu den Gleisen. Diese ungünstige Lage führte aber schon bald zur Aufgabe dieses Bahnhofs. Aus heutiger Sicht würde man an der Stelle sicherlich keinen Tunnel bauen, für damalige Verhältnisse aber sollte man im Tunnelbau eine beachtliche technische Leistung, wenn nicht gar eine Sensation erkennen. Die Züge zwischen Dresden und Leipzig und umgekehrt rollten fast 100 Jahre nach Fahrplan durch den Oberauer Tunnel. Dann traten erste Probleme auf, als sich einzelne Steine aus der inneren Ausmauerung lösten, die Loks und Wagen größer geworden waren und deshalb neue Bauvorschriften zum Lichtraumprofil für Eisenbahntunnel beschlossen wurden, nach denen der Oberauer Tunnel nun zu eng wäre. Ab 1933 wurde die Durchfahrt gesperrt und der Tunnel abgebaut, wobei 360 000m³ Gestein zu bewegen waren.

Die Jahreszahl 1933 klingt nach einem politischen Zusammenhang, was aber durch die og. sachlichen Gründe ausgeschlossen werden kann. Ab Oktober 1934 fuhren die Eisenbahnzüge wieder planmäßig, jedoch nun in einem Geländedurchstich unter freiem Himmel. Nach 1945 musste dann eine Spur der Bahnstrecke im Zuge von Reparationsleistungen gegenüber der damaligen Sowjetunion abgebaut werden. Die volle Zweispurigkeit der Strecke konnte erst in den späten 60er Jahren wiederhergestellt werden. Seit 1970 bestand dann die Möglichkeit die Bahnstrecke Dresden-Leipzig mit von Elektro-Loks gezogenen Zügen zu befahren. Immer wenn ich mit einem Zug auf dieser Strecke durch den Einschnitt gefahren war, dachte ich an die Geschichte des verschwundenen Oberauer Tunnels und hatte mir vorgenommen, einmal den ehemaligen Tunnel zu besuchen, also als Fußgänger über die Brücke (Straße von Gröbern nach Radeburg) zu laufen und das Tunneldenkmal genauer anzuschauen. Ja, auf der Nordböschung des Einschnitts steht etwa in der Mitte der Tunnellänge ein beim Abbruch des Tunnels geborgener alter Pylon von einer der Einfahrten. Das Denkmal (in der Denkmalliste des Landkreises Meißen verzeichnet) mit von der Bahn aus sichtbarem großen Sachsenwappen im Sockel, was ich erstmals am Ostersonnabend sah, erinnert sowohl an den ursprünglichen Tunnel als auch an den Abbruch desselben 1933/34. Wer sich für sächsische Eisenbahngeschichte interessiert, kennt die Fakten und Hintergründe des Oberauer Tunnels natürlich, dem Rest der Radebeuler sei der geschilderte Ausflug nach Oberau durchaus empfohlen. Auf der besagten Brücke über dem Einschnitt stehend, wird man aber leider vergebens auf die Durchfahrt der alten Lok „Saxonia“ von Andreas Schubert warten!

Dietrich Lohse

Quellen:
1. Werte unserer Heimat „Lößnitz u. Moritzburger Teichlandschaft“, Bd. 22, Akademie Verlag Berlin, 1973
2. Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Companie, Udo Becher, Transpress-Verlag Berlin, 1981
3. Landkreis Meißen – seine Städte u. Dörfer, Landschaft, Geschichte, Aktuelles, Günter Naumann Kreissparkasse Meißen, 1998

Denkpause vorbei?

Anmerkung zum Beitrag zur Bahnhofstraße vom 23. April

Es sind nun reichliche vierundzwanzig Monate vergangen und somit nicht nur die vorgesehenen sechs, seit die Sächsische Zeitung in ihrer Wochenendausgabe vom 31. März 2018 die „Denkpause zur Bahnhofstraße“ verkündete, welche sich die Stadtverwaltung damals verordnete, nachdem ihre Pläne zur Umgestaltung der Einkaufsstraße auf allgemeines Unverständnis seitens der Bürger gestoßen sind. Vorausgegangen – einige werden sich erinnern – war am 8. Februar eine Versammlung zum Sanierungsgebiet Radebeul West im Bürgertreff, auf der es zu heftigen Kontroversen mit den Vertretern der Stadtverwaltung gekommen war. Das vorgestellte Konzept, insbesondere zur Gestaltung des Bereiches Bahnhofstraße, wurde von ca. 80 Prozent der Anwesenden grundweg abgelehnt.

Seither ist es reichlich still um dieses seit mindestens 2017 heiß diskutierte Sanierungsgebiet geworden. Zwar las man immer wieder mal in dieser Zeitung wie auch in anderen Blättern Beiträge über das Für und Wider dieses Vorhabens, aber so richtig wollte die Sache bisher nicht in Schwung kommen. Nach und nach zogen sich Eigentümer von Grundstücken aus den geplanten Maßnahmen zurück, Entwicklungsvisionen künftiger Leitobjekte (Post, Bahnhof) zerplatzen wie Seifenblasen.

Nun also, so ist zu lesen, geht es endlich los mit der Sanierung! Zwar muss Nina Schirmer, die Autorin des Beitrages vom 23. April in dieser Zeitung und mit ihr vermutlich auch das Bauamt der Stadt Radebeul, eingestehen, dass man nicht so genau weiß, wohin die Reise gehen soll, denn alle Fragen sind noch offen. Dennoch, Baustart wird auf alle Fälle im Herbst sein. Man kann es verstehen, denn die Zeit für die Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen wird langsam knapp.

Und hier sind wir wieder beim Grunddilemma angelangt. Ohne genaue Vorstellungen über den Sinn und die Zielstellung der geplanten Maßnahmen, ohne eine schlüssige Entwicklungskonzeption für das Stadtgebiet verbietet sich eigentlich jede größere bauliche Maßnahme. Alle zur Bürgerversammlung im Februar 2018 aufgeworfenen Sachverhalte konnten bisher noch keiner Lösung zugeführt werden. Wenn wie angekündigt, irgendwann im Sommer den Bürgern vorgestellt werden wird, welche Maßnahmen vier oder acht Wochen später die Bauarbeiter umsetzen werden, reicht wahrlich ein Aushang am Bürgertreff. Dann ist es für jeden Vorschlag, jeden Einwand, jede bürgerliche Mitbestimmung zu spät. Der 8. Februar 2018 soll sich ja nicht wiederholen.

Man kann der Stadtratsfraktion Bürgerforum/Grüne/SPD nur zustimmen, wenn sie den Ausbau der Gehwege von der Gesamtplanung für die Verkehrskonzeption abhängig machen möchte. Die aber ist noch nicht gefunden. Diese Hauruckpolitik, die jede sinnvolle Planung und Einbeziehung aller Betroffenen ausschließt – so muss man vermuten –, scheint System zu haben. Wie anders ist es zu verstehen, wenn Einwohnerversammlungen zu dieser Problematik kurz vor Weihachten oder in der sommerlichen Ferienzeit angesetzt werden, wenn Hinweise von Bürgern in die Pläne nicht eingearbeitet werden (Parkkonzept), wenn in der Planung mit Flächen und Gebäuden operiert wird, auf die die Stadt keinerlei Zugriff hat, wenn auswärtige Unternehmen beauftragt werden, ein Konzept für die Straße zu entwerfen, welches an der eigentlichen Problemstellung vorbeigeht?

Nun also die Sanierung der Gehwege eines Abschnittes der oberen Bahnhof- wie der Güterhofstraße. Natürlich wird sich auch künftig am Zuschnitt dieses Teils der Straße nichts ändern, nichts ändern können, mit oder ohne Verkehrsplanung. Das Profil ist zumindest für diesen Teil der Bahnhofstraße durch das Gelände vorgegeben. Dass die Gehwege saniert werden müssen, steht außer Frage. Sie sollen wahrscheinlich so wie die im unteren Teil der Bahnhofstraße werden. Nur eine durchgängige Pflasterung ist dort nicht zu erkennen und von „Kopfsteinpflaster“ kann schon gar keine Rede sein, wie der Beitrag vom 23.4. suggeriert. Das hatte man sinnigerweise bei der Sanierung der Gehwege des Angers eingesetzt, vermutlich weil typisch für diesen Ort. Die Gehwegplatten in der unteren Bahnhofsstraße aber sind nicht minder glatt als die Seifensteine. Die aber eigenen sich ebenso vorzüglich für Rollatoren wie die Platten. Und die Streupflicht im Winter will doch hoffentlich die Stadt nicht aufheben? Für eine Beseitigung dieses Belages gibt es also keinen hinreichenden Grund. Schadhafte Steine können ohne Probleme wieder ersetzt werden. Warum soll in Radebeul nicht funktionieren, was in anderen Städten offensichtlich kein Problem darstellt? Da existieren eine Unmenge derartiger Bürgersteige. Ganze Plätze sind beispielsweise in Dresden damit belegt. Und so prägen die Seifensteine teils seit über 100 Jahren das Bild dieser Städte mit. Auch für die Bahnhofstraße tragen sie zu deren Charakter bei. Der, so waren sich im Februar 2018 alle in der damaligen Bürgerversammlung einig, soll aber unbedingt erhalten bleiben. Dass das Bauamt nun etwas anders plant, ist somit nicht zu verstehen. Will man sich einfach wieder über die Köpfe der Bürger hinwegsetzen?

Karl Uwe Baum

»Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün…«

Mit dieser, dem Gedicht ›Der Spaziergang‹ (1795) von Friedrich Schiller entlehnten Umstandsbestimmung ist die aktuelle Sonderausstellung des Sächsischen Weinbaumuseums im Kavalierhaus der Hoflößnitz überschrieben. Gezeigt werden künstlerische Arbeiten des den Lesern der ›Vorschau‹ wohlbekannten Radebeuler Architekten Dr.-Ing. Dietmar Kunze, der im vergangenen Sommer plötzlich mitten aus dem vollen Leben gerissen wurde, in Groß Zicker, seinem geliebten, langjährigen Feriendomizil, dessen Bauten und Umgebung auch dem Zeichner Dietmar Kunze vielfach als Motive dienten.

Paradiesberg, Pastell, ohne Jahr
Bild: F. Andert

Architekten zeichnen, sie müssen es von Berufs wegen, und sie sollten es deswegen auch können, und nicht nur mit dem Reißzeug. Gerade an der TU Dresden, wo Dietmar Kunze von 1968 bis 1975 studierte, wurde das freihändige Zeichnen nach der Natur seinerzeit großgeschrieben. 1969, also gleich zu Beginn seines Studiums, begann Dietmar Kunze, Skizzenbücher zu führen. Im folgenden, an großen beruflichen Herausforderungen reichen halben Jahrhundert nahm er sie in den oft nur rar bemessenen Stunden der Muße mit und zur Hand, auf Reisen und bei Spaziergängen durch Dresden oder seine geliebte Lößnitz. Am Ende waren 40 Bücher gefüllt mit über 1.300 Skizzen und Zeichnungen, zunächst nur zum Privatvergnügen, um typische und besondere Situationen, Stimmungen, Perspektiven in Stadt und Land einzufangen und festzuhalten.

Blick in die Ausstellung
Bild: F. Andert

Vor 20 Jahren begann er, durch Künstlerfreunde ermutigt, die kleinformatigen Skizzen, in denen Farbe eine immer größere Rolle spielte, als Vorlagen für größere Arbeiten auf Papier zu benutzen, und arbeitete dabei versiert in verschiedenen Techniken: Tusche, Kohle, Pastell, Aquarell. Die Öffentlichkeit lernte den Künstler Dietmar Kunze erst 2009 mit der u.a. gemeinsam mit seinem Kollegen und Nachbarn Thilo Hänsel bestrittenen Ausstellung »frei hand – Architekten zeichnen« in der Radebeuler Stadtgalerie kennen. Für ihn war die allgemein in guter Erinnerung gebliebene Schau zusätzliche Ermunterung zur kreativen Arbeit.

Die gut 40 nun in der Hoflößnitz ausgestellten Blätter, großenteils Lößnitz- und Rügenmotive, fassen dieses letzte Schaffensjahrzehnt eindrucksvoll zusammen. Daneben sind über 30 von Kunzes Skizzenbüchern zu sehen, in denen der Betrachter dem Künstler bei der Arbeit der Motivfindung und Komposition quasi über die Schulter schauen kann. Die Auswahl der aufzuschlagenden Seiten war schwer, in der Zusammenschau werden aber viele Facetten eines großen Talents zumindest angerissen. Nicht nur angesichts der filigranen, aus oft reizvoll ungewohnter Perspektive kitschfrei hingeworfenen Lößnitzpanoramen ist zu bedauern, dass diese Skizzen Skizzen bleiben müssen.

Als Retrospektive zu Dietmar Kunzes 70. Geburtstag am 10. April geplant, hat die durch großzügige Leihgaben der Familie ermöglichte Ausstellung pandemiebedingt erst mit siebenwöchiger Verspätung und leider ohne Vernissage eröffnet werden können. Sie ist noch bis zum 12. Juli 2020 täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr in der Hoflößnitz, Knohllweg 37, in Radebeul zu besichtigen und soll, wenn der Virus will, Anfang Juli noch eine würdige Finissage erhalten.

Frank Andert

Ein Archivar, wie er im Buche steht

Wer ihn je kannte, wird ihn nicht vergessen und auf jeweils eigene Weise in Erinnerung behalten: die imposante Gestalt in der blauen Walkjacke, der wohlwollend-kritisch fragende Blick, die bedachtsame Rede, denn „leichtfertig ist (nur) die Jugend mit dem Wort“, die zunehmend bedachtsamer werdenden Schritte: Gottfried Sauermann war eine feste Größe im Stadtbild und unter den Liebhabern und Sammlern guter Bücher und wertvoller Stiche weit über die Grenzen Sachsens hinaus eine Instanz.

Bild: U. Langer

Gesunde Bodenständigkeit zeichnete ihn aus, die freilich weit entfernt war von jeglichem Provinzialismus. Die Liebe zum Buch, zum „gediegenen“ Buch, zur bibliophilen Kostbarkeit ging einher mit der Liebe zum Wein, der, natürlich bedachtsam genossen, nicht unbedingt aus dem eigenen Weinberg stammen, aber unbedingt trocken sein mußte. Darin speziell, aber auch mit dem charakteristischen Klang seiner wohltönenden Rede, gab er sich als waschechter Radebeuler zu erkennen.

Hier nämlich, in Radebeul, war er, ganz frisch auf der Welt, 1942 in sein Elternhaus in der Winzerstraße eingezogen, das ihm zum Lebensmittelpunkt bestimmt war, zum Basislager für seine lebenslange Reise durch die Welt der Bücher. Als Spätgeborener hat er seine älteren Geschwister, von denen zwei sehr früh verstorben sind, kaum mehr zu Hause erlebt. So war er als fünftes seiner Eltern doch wieder ein Einzelkind. Wie nach ihm auch Tochter Ute und die Enkel hatte er einen denkbar kurzen Schulweg. Wenn er zum ersten Klingeln loslief, kam er immer noch zurecht. Ute bekam dann sogar noch die gleiche Lehrerin, die zwar die Tochter des angesehenen Buchhändlers hofierte (gute Bücher waren damals „Bückware“), dem einstmals in ihren Augen „nichtsnutzigen Bengel bürgerlicher Eltern“ jedoch das Leben ordentlich schwer gemacht hatte. Haus und Garten hat er hier gepflegt, und unter tätiger Hilfe seiner mit „grünen Daumen“ gesegneten Frau Inge in ein Paradies verwandelt. Das bietet heute nicht nur den Enkeln bestmöglichen Spiel-Raum, sondern auch den Augen stillen Trost und diversen Vogelpaaren beste Nistgelegenheiten. In einer kleinen alten Blechgießkanne, er hatte sie auf einem Flohmarkt erworben und über seinen Gartensessel gehängt, brütet schon im zweiten Jahr ein Blaumeisenpaar – Sauermanns Garten ist Lebensraum im besten Sinne.

Die von Vater Heinrich Sauermann 1922 in Leipzig gegründete und 1928 in Radebeul etablierte Versand-Buchhandlung war zunächst auf Gärtnerisches spezialisiert. Dementsprechend begann Gottfried eine Gärtnerlehre, denn es wird von einem Buchhändler erwartet, daß er weiß, worum es in seinen Büchern geht. Er konnte die Lehre nicht abschließen, da er nach dem frühen Tod des Vaters im Geschäft gebraucht wurde. Er absolvierte eine Buchhändlerlehre und machte einen Abschluß als Archivar. In der DDR war das erstaunlicherweise noch ein anerkannter Beruf.

Unter seiner Regie erwarb sich das „Antiquariat Sauermann“ rasch einen klangvollen Namen weit über Radebeul hinaus. Bestens bewandert in Regionalgeschichte war der Antiquar Gottfried Sauermann auch in der Pirckheimer Gesellschaft gern gesehen. Hier kamen die Spezialisten zusammen, die wirklichen Kenner und Liebhaber. Hier gab es tiefgründigen Austausch, der allen gut tat, auch dem Geschäft. So gelang es ihm sehr leicht, den guten Ruf selbst dann noch zu wahren, als er nach dem „sozialistischen Frühling“ nur noch Kommissionshändler des Volksbuchhandels sein durfte.

Bedachtsam aber mutig und mit gehörigem Unternehmergeist trat er gemeinsam mit seiner Frau nach 1990 in die alten Rechte wieder ein. Es gelang ihm, das Haus an der Meißner Straße zu erwerben, wo er seine Vorstellungen von Verkaufskultur und Lebensstil mit Buchhandlung im Erdgeschoß, Antiquariat im Obergeschoß und Vinothek im Gewölbekeller umsetzen konnte. Die Liebe zum Buch ergänzt sich mit der Liebe zum Wein, beides braucht die geeignete Umgebung.

Nach der Übergabe des Geschäftes an Tochter Ute blieb Gottfried Sauermann im Laden präsent und immer ansprechbar. Er wußte nun sein Lebenswerk in guten Händen, und konnte sich nach und nach aus dem „aktiven Dienst“ zurückziehen. Am liebsten stieg er die Wendeltreppe hinauf in sein Antiquariat. Dort fühlte er sich stets am wohlsten – es sei denn, über seinem Sessel brüteten Meisen. Oder aber – und das geschah in den letzten Jahren immer öfter – er ließ sich von Frau Inge zu einer Kaffeefahrt durch das schöne Elbtal einladen, das rechtselbisch besonders zwischen Meißen und Seußlitz unvergleichlich reizvoll ist. Er hat es verstanden, das zu genießen, auch und besonders, als die eigene Beweglichkeit nachzulassen begann. Am 15. April 2020 hat der Archivar Gottfried Sauermann, einer der letzten seiner Gilde, das Buch für immer zugeschlagen. Im Beisein seiner Lieben hat sich sein Lebenskreis in dem Haus vollendet, in dem er vor 78 Jahren hoffnungsvoll begonnen hatte.

Thomas Gerlach

3. Bauherrenpreiswanderung

Von den Landesbühnen bis zum Fuß der Weinberge an der Winzerstraße

Nun schon das dritte Jahr in Folge lädt Sie der Verein für Denkmalpflege und neues Bauen zur einer Bauherrenpreiswanderung ein (siehe V&R 06/18, 06/19). 2018 spazierten wir am Stadtpark beginnend an über 10 Bauherren-Preisträgern in der Niederlößnitz vorbei. 2019 starteten wir am Alvslebenplatz in der Oberlößnitz, der übrigens dieses Jahr in Aufwertung eine schöne Frühjahrsbeplanzung erhalten hat. Dann verweilten wir später, weil es sehr interessant und gastfreundlich war, länger als gedacht im Garten der Eduard-Bilz-Straße 35 bei Familie Hentsch und im Grundstück der Bennostraße 29 bei Familie Bolza-Schünemann und endeten nach ungeplanten zwei und einer halben Stunde nach acht Bauherrenpreisträgern am Haus Jordan auf der Weinbergstraße. Dabei hatte ich eigentlich noch am Retzschgut (Bauherrenpreisträger 2009), dem Meinholdschen Turmhaus (Bauherrenpreisträger 2007), dem Wohngebäude Weinbergstraße 1a/b (Bauherrenpreisträger 2002) und dem ehemalige Armenhaus am Lößnitzbach (Bauherrenpreisträger 1998) vorbeigehen wollen. Aber man sieht wieder einmal, den Genuss steigert oft nicht die Menge des Besonderen, sondern die Intensität der Begegnung damit. Hat man erst einmal angefangen die Atmosphäre aufzunehmen, sich Details zu betrachten, intensiv zu schauen und sich darüber auszutauschen, fällt das Weitergehen schwer und die Zeit vergeht im Fluge.

Bennostraße 29
Bild: Archiv – Verein für Denkmalpflege und neues Bauen

Die zahlreichen Teilnehmer der Wanderungen der vergangenen Jahre, das positive Echo, aber auch die Sorge um Verunstaltungen unserer Stadt, die aus unangemessener Proportionierung und Gestaltung von Bauten aus jüngster Vergangenheit herrühren, bewogen uns, die Idee der Bauherrenpreiswanderung 2020 auch ein drittes Mal fortzuführen.

Keiner ahnte in den Planungsrunden des Vereins, dass uns jetzt die Frage bewegen würde, ob es möglich sein wird, Ende Juni mit ca. 30 Leuten so eine gemeinsame Stadtwanderung durchzuführen. Aber wir denken, Leute mit Interesse für das baulich Schöne in unserer Stadt sind Optimisten. Darum wollen wir die Wanderung so vorbereiten, dass diese stattfinden könnte. Ob dies zum angedachten Zeitpunkt möglich sein wird, wissen wir jetzt noch nicht. Darum laden wir heute herzlich ein und bitten Sie, sich kurz vorher auf unserer Vereinsseite (www.denkmalneuanradebeul.de) oder in der Presse zu informieren, ob doch abgesagt werden muss.

Für alle, die von unserer Bauherrenpreiswanderung noch nichts gehört haben, sei die Idee nochmals kurz umrissen:
In Zeiten des sich schnell entwickelnden, pulsierenden Baugeschehens in Radebeul wurde der Radebeuler Bauherrenpreis vom Verein für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul e.V. gemeinsam mit der Stadt Radebeul ins Leben gerufen. Von 1997 bis 2011 wurde der Preis jährlich für Neubau, Denkmalpflege und Außenanlagen verliehen. Mittlerweile ist die Intensität des Bauens in der Stadt zurückgegangen und der Preis wird alle 3 Jahre vergeben, u.a. auch wieder 2019 (siehe V&R 12/19).

Dieser Preis soll ein Element sein, um die Diskussion zu Auffassungen zur Baukultur in Radebeul zu fördern und öffentlichkeitswirksam zu machen. Er ist auch von der Hoffnung getragen, Bauherren und Investoren zu erreichen und anzuregen, im Vorfeld über die Wirkung ihrer geplanten Bauwerke in der Stadt nachzudenken. In der Satzung unseres Vereins geht es um den Erhalt des „besonderen Charakters von Radebeul“. Was das ist, diese Diskussion ist nie abgeschlossen. Nur die aktive, stetige Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Stadtgesellschaft wird uns diesen ahnen, bewahren und gestalten lassen.

Daraus ist im Verein auch die Idee entstanden, mit einer Bauherrenpreiswanderung, sich die Preisträger vergangener Jahre wieder mal ins Bewusstsein zu rufen und diese erneut zu Fuß in Ruhe und mit offenem Blick zu betrachten und sich darüber auszutauschen.

Obwohl auch die Gebiete westlich der Moritzburger Straße, oder östlich des Stadtzentrums von Radebeul Ost bezüglich Bauherrenpreisen auch noch lohnende Ziele bieten, soll es diesmal durch die Mitte Radebeuls gehen.

Damit es nicht zu lang wird, bleibt der 1997 prämierte Schulergänzungsbau Ecke Steinbachstraße/ Pestalozzistraße in der Wanderung leider ausgespart. Darum soll dieser hier eine schriftliche Referenz erhalten. Schauen Sie sich diesen Bau gelungener Leichtigkeit einfach mal fakultativ an. Dem Bauherren Berufliches Schulzentrum Radebeul ist es mit dem Architekten Ulf Zimmermann aus Dresden an einer Nahtstelle zwischen Villenbauten und einer freien Blick gewährenden Kleingartenanlage bestens gelungen, einen einer Gartenstadt angemessenen Baukörper einzufügen. Man kann sich vorstellen, dass die Leichtigkeit des Gebäudes, der Blick und das Licht auch die Lernenden beflügeln müssten. Im Gegensatz zu manch anderen Neubauten sieht man hier, dass Gebäude, deren Nutzung die Errichtung größerer baulicher Flächen erfordern, in ihrer Umgebung kein Ungleichgewicht erzeugen müssen.

Radebeul, Berufsschulzentrum Neubau
Bild: Archiv – Verein für Denkmalpflege und neues Bauen

Wir beginnen unsere Bauherrenpreiswanderung am Haupteingang der Landesbühnen Sachsen, um von außen zu sehen, mit welchen Gestaltungsmitteln aus einem alten Gasthof ein modernes ansprechendes Theater wurde. Von hier, nach der Wende als drittes Zentrum der Stadt angedacht, sieht man beim Blick nach Süden auch offene Fragen zukünftiger Stadtentwicklung. Soll das einmal eine angedachte grüne Achse werden oder welche Bebauung ergäbe ein stimmiges Pendant für diesen Ort?

Radebeul Mitte hat einige Bauherrenpreisträger aufzuweisen, die wir gar nicht alle aufsuchen können. Sind Sie dort zu Fuß schon einmal auf der Suche nach diesen unterwegs gewesen?

An welchen wir vorbeiwandern, möchte ich jetzt noch nicht verraten.

Wie bei den letzten Wanderungen gibt es auch diesmal wieder sonst aus dem öffentlichen Straßenraum nicht mögliche Einblicke. Ich erinnere mich noch gern daran, zu welcher Überraschung und Freude 2018 der durch Frau Osterkamp ermöglichte Einblick in ihr Grundstück Winzerstraße 67 bei den Teilnehmern führte. Seien Sie also gespannt!

Endpunkt wird die Winzerstraße 46 sein, wo wir bei schönem Wetter nach der Wanderung auch noch etwas im Grundstück verweilen und uns austauschen können.

Wir treffen uns am Freitag 26. Juni 2020, 18.00 Uhr an den Landesbühnen.

Alle sind herzlich eingeladen (besonders auch Leute, die Bauherren sind oder werden wollen). Schon um des Erlebens und des Austauschs willen wird die ca. zwei stündige Wanderung eher gemächlich verlaufen und ist von der Strecke nicht weit.

P.S. Anregung: Über die Losen-Blatt-Sammlung oder die Internetseite des Vereins (www.denkmalneuanradebeul.de) findet man die Bauherren-Preisträger und kann sich, wenn man Lust hat, auch mal selbst eine Bauherrenpreiswanderung für einen Sonntagsspaziergang zusammenstellen.

Michael Mitzschke

Editorial 6-20

Nach den wochenlangen zehrenden Lähmungen im Rahmen der Allgemeinverfügung, kehrt nun behutsam das Leben in die Stadt zurück. Wie ein verspäteter Osterspaziergang drangen nach den erlassenen Lockerungsmaßnahmen die Menschen in Heerscharen aus allen Winkeln der Gemeinde. Geradezu „coronavergessen“ wimmelte es in den Stadtteilzentren und insbesondere auf dem Dorfanger zu Altkötzschenbroda. Und doch, irgendwas ist anders. Ein neues und seit Wochen doch nun wohlvertrautes Accessoires ist mit dem Mund- und Nasenschutz zum festen Bestandteil der Mode geworden. Im Freien lässig herunterhängend, entfaltet sich die Kreativität der SchneiderInnen erst in abgeschlossenen Räumen zur ungeahnten Zierde der gegenüberstehenden Maskierten.

Während sich die Wogen hinsichtlich der Einschränkungen des Gemeinwesens nun wohltuend glätten, tun sich in kulturellen Institutionen wohl kurz- und mittelfristig schwere Fahrwasser auf.

Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, kündigte Christian Wacker nach nur zwei Jahren seinen Posten als ambitionierter Direktor des Karl-May-Museums auf. Die Gründe und das Für und Wider sollen hier nicht dargestellt werden, aber die Tatsache an sich wirft kein gutes Licht auf die überregionale Strahlkraft dieser bedeutsamen Einrichtung, die immer noch den meistgelesenen deutschen Schriftsteller vertritt.

Kurz vor Drucklegung wurde überdies bekannt, dass der Radebeuler Stadtrat über die viele Monate vakante Position des Kulturamtsleiters schlussendlich abstimmte. Nach Mehrheitswillen von CDU und AFD soll nun der Schriftsteller Jörg Bernig künftig als Kulturamtsleiter die kulturellen Geschicke der Stadt lenken und für die konzeptionelle Neuausrichtung verantwortlich zeichnen.

Man darf gespannt sein, wie diese Personalie, die umgehend und ungewohnt heftig von unterschiedlichsten Medien deutschlandweit kommentiert wurde, gegenüber dem überaus liberalen Geist der Radebeuler Bürger- und Künstlerschaft bestehen will.

Sascha Graedtke

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