Aus eigener Tasche

Advent: Zeit der Vorbereitung auf etwas Niedagewesenes, das zu erkennen nicht immer ganz einfach ist. Das macht es „Trittbrettfahrern“ leicht: Konsumzwang und Kaufrausch führen rasch in die Welt zurück, und das Eigentliche kommt unter die Räder.

Wie Denkmalpfleger wissen, ist nicht nur das Neue, sondern in hohem Maße auch das Bewahrenswerte in ständiger Gefahr. Hier sind nämlich ebenfalls „Trittbrettfahrer“ unterwegs, allerdings, wenn wir so wollen, in entgegengesetzter Richtung: kleinliche Egoismen und kurzfristige pseudoökonomische Tagesinteressen werden unter dem Deckmantel des Fortschritts gegen dauerhafte (Lebens-) Qualität ins Feld geführt. Diesem Trend zu begegnen, wurden eine Hand voll gesetzlicher Schutzmechanismen geschaffen. So gibt es neben geschützten Flächen- und Einzeldenkmalen auch ganze Denkmalschutzgebiete. Besonders wertvolle Ensembles werden als „Weltkulturerbe“ sogar unter die Obhut der ganzen Welt gestellt. Natürlich ist das – wie in Dresden und Umgebung hinreichend bekannt ist – auch kein Allheilmittel. Dennoch möchte ich die Zeit des beschaulichen Jahresausklangs nutzen einen diesbezüglichen Vorschlag zu machen:

Der Verein könnte einen Antrag formulieren, das – in meinen Augen hochgradig gefährdete – Bargeld in das Weltkulturerbe aufzunehmen.

Seit mindestens dreitausend Jahren ist Geld als Mittel des Austausches von Waren und Leistungen im Gebrauch, denn in differenzierten Gesellschaften ist reiner Naturalienhandel (Radeberger gegen Autoreifen oder Fliesen …) nicht uneingeschränkt möglich. Bereits im siebenten vorchristlichen Jahrhundert wurden in Griechenland Münzen geprägt, spätestens seit Cäsar kam von Rom aus die Prägung von Gold- und Silbermünzen in Gebrauch. Hatte das „Geld“ zuvor in Form von Kauri-Muscheln, Stein- oder Keramikscheiben rein ideellen Wert gehabt, waren die Münzen nun für ein reichliches Jahrtausend echter „Gegenwert“: der Nennwert war mit dem Materialwert weitgehend identisch. Dagegen ist das bunt bedruckte Papiergeld der Gegenwart eher mit Kaurimuscheln vergleichbar. Und auch unsere immerhin schwerwiegenden Münzen haben kaum noch Eigenwert. Dennoch erfüllen die einen wie die anderen einen gesellschaftlich bedeutenden Zweck: sie vermitteln zwischen Wert und Leistung und ermöglichen den Austausch.

Der „Arbeiter im Weinberg“ – eine der Symbolfiguren eines für das christliche Abendland grundlegend wichtigen Buches – erhielt zu Schichtschluss seine Münzen, und er konnte den Wert seiner Arbeit in der Tasche getrost nach Hause tragen. Ich selbst erinnere mich an Ferienarbeit in Schülertagen, wo es am Ende der Woche einen Umschlag mit ein paar Scheinen gab, die wir ebenso stolz heimtrugen. Heute ändert sich, wenn wir Glück haben, von uns völlig unbemerkt an geheimer Stelle eine Zahl – der Bezug zwischen Arbeit und Entgelt ist weitgehend verloren gegangen. Bezahlen wir dann auch noch irgendwo „mit Karte“, gerät leicht alles außer Kontrolle.

So sitze ich also in der Gastwirtschaft meines Vertrauens beim Bier und beobachte, dass auch an der Bar die Barzahlung immer mehr aus der Mode kommt. Wege, die Tendenz umzubiegen sehe ich nicht. Allzu bereitwillig vertrauen unsere Menschen unsichtbaren Mächten ihr Innerstes an, wenn diese nur in Gestalt des sogenannten Fortschritts daherkommen. Die Finanzämter freuts, ihnen entgeht kein Trinkgeld mehr. Am Grunde des Glases denke ich, wenn der Bismarckturm betreppt und die Aussicht in Aussicht ist, könnte der Verein – siehe oben – das Bargeld auf die Liste des (inzwischen) immateriellen Kulturgutes stellen lassen. Dann hätte zumindest ich die zusätzliche Aussicht, für den Rest meiner Tage mein Bier oder meinen Wein von den „Gesichtsbüchern“ dieser Welt weitgehend unbemerkt und im wahrsten Sinne des Wortes aus meiner Tasche bezahlen zu können.

Advent: Zeit, etwas Ungewöhnliches zu denken…

Thomas Gerlach

Zur Kunstpreisverleihung 2018

Auszüge aus der Laudatio für Jens Kuhbandner

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Jens Kuhbandner, verehrte Gäste,

in einem an Höhepunkten reichen Jahr ist die Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul stets ein noch weiter herausragendes Ereignis. Mit dem Preis wird erneut ein besonderes Augenmerk auf Künstler und Kunst gelegt. Das scheint mir besonders wichtig in einer Zeit und in einem Land, in denen Kunst und Kultur nicht selbstverständlich sind, sondern – etwa durch Ernennung zum weichen Standortfaktor – einem steten Rechtfertigungsdruck unterliegen. Wichtig ist auch, dass – wie in der Satzung formuliert ist – Kunstförderer oder -organisatoren mit anerkannter Wirkung mit dem Preis gewürdigt werden.

Oberbürgermeister Bert Wendsche überreicht den Kunstpreis an Jens Kuhbandner
Bild: Jörg Kuhbandner


Verse, wie die aus Frank Zappas imaginärem Film Joe’s Garage, haben, so stelle ich mir vor, die jungen Leute um Jens Kuhbandner im Kopf gehabt, als sie vor reichlich fünfundzwanzig Jahren das Café Noteingang schufen. Der Name war Programm. Er bot denen ein Willkomm, die sich seelisch unbehaust fühlten. Andererseits konnten die jungen Leute, wie Jens es ausdrückte, die Anarchie genießen, die in jenen Jahren auf bis dato ungekannte und ungeahnte Weise Dinge möglich machte, die vorher und nachher unmöglich gewesen wären.

Der Ort, den sie entstehen ließen, war nämlich keineswegs dazu gedacht, mit der Bierflasche in der Hand und der Kippe im Mundwinkel einfach nur abzuhängen. Es gab ein zunehmend anspruchsvolles Programm, bei dem selbstverständlich die Musik im Mittelpunkt stand, denn MUSIK, wir hörten es, ist das BESTE! Es war getragen vom Gestaltungswillen seiner Macher, die sich selbst und anderen einfach das Leben auf kulturvolle Weise schön machen wollten. Anregungen dazu hatten sie schon beim Radebeuler Popsommer erhalten, als die Sporthalle an der Elbe für ein paar Jahre zur Tonhalle mutiert war. Musiker mit damals wie heute anerkannten Namen – denken wir an Louisiana Red, Joe Sachse oder Hansi Noack – gaben sich im Noteingang die Klinke in die Hand. Auch der spätere Betroffenheitslyriker Olaf Schubert fehlte nicht. Daneben gab es literarische Veranstaltungen, Lesungen und Buchvorstellungen, bald schon aus dem eigenen Repertoire.

Wie nachhaltig Noteingang wirkte und bis heute weiter wirkt, wird deutlich wenn wir uns klar machen, dass die sprichwörtliche familiäre Freundlichkeit des Kötzschenbrodaer Pubs Die Schmiede dort ihre Wurzeln hat und Michas Leibspeiserei ohne Noteingang nicht gedacht werden kann. Auch dass Eddi Kupfer im neuen Noteingang im Serkowitzer Weißen Haus eine Druckwerkstatt für junge Künstler offen hält und damit ein durch offizielles Desinteresse aufgerissenes Desiderat wenigstens ansatzweise ausgleicht, ist den Erfahrungen jener Jahre zu danken.

Von Anfang an waren der Name Noteingang und sein Programm untrennbar verbunden mit dem Namen Jens Kuhbandner oder Kubbel, wie die Eingeweihten ihn nannten und heute noch nennen.

Wer aber ist der stille Mann, der sich so eindrucksvoll Gehör zu verschaffen versteht? Wer der Zurückhaltende, der vorneweg geht? Der, 1969 in Radebeul geboren (damals ging das noch), an der EOS Juri Gagarin das Abitur ablegte und schließlich im Noteingang vom Zappaianer zum Veranstalter, Initiator und Organisator reifte, dem recht schnell der Beruf als Vereinsvorsitzender und Programmchef vom Noti wichtiger war als das begonnene Studium der Literaturwissenschaft?

Du bist, der du bist, und damit hat sichs, hatte Frank Zappa kategorisch festgelegt und lakonisch hinzugefügt, die Kuh hat keinen Schinken.

Auch Jens ist der, der er ist: unverstellt authentisch er selbst. Daraus zieht er die Kraft und den Mut, mit seinen Büchern und dem Label NOTschriftenverlag nach Frankfurt auf die Buchmesse zu reisen und Suhrkamp ins Gesicht zu lachen: Ich bin, der ich bin.

Es hatte mit zwei Bändchen begonnen, die Cornelia Lindner per Hand in Wellpappe gebunden hatte – mit Liebhaberexemplaren also. Das eine enthielt den schon erwähnten Traum vom Chef selber, das andere Gedichte von Edward Güldner. Vorangegangen war dem ein unbewusster Testballon mit Kuhbandnerschen Gedichten und Bildern von Eddi Kupfer: ein Fragmente dieser Tage genanntes Bändchen, das noch nichts vom späteren Erfolg ahnen ließ.

In weiser Voraussicht hat Peter Koch, unser virtuoser Cellist, ein paar Motive aus Smetanas Moldau in seine Improvisationen einfließen lassen – denn so, wie dort die Quelle zum Bach und der Bach zum Strome sich mausert, in aller Stille, aber unaufhaltsam breiter und fruchtbarer wird, bis er in getragener Ruhe dem Meere zustrebt, so wuchs auch das Verlagsangebot stetig und begeisternd auf bisher ca. 270 Titel von denen rund zwei Drittel noch lieferbar sind. Als Eigenanteil hat Jens sieben Bücher aus eigener Feder eingebracht, das Radebeul-Lesebuch initiiert und herausgegeben und zu drei Bänden die Fotos geliefert. In der Erzählung Konrad folgt der Autor den Spuren des Nibelungendichters, in Tandaradei verliebt sich Walther von der Vogelweide in ein Kötzschenbrodaer Hirtenmädchen. Beide Bände sind eine Reminiszenz an seine Studien der Literaturgeschichte, die ihn bis heute gefangen halten, auch wenn er sie nicht auf übliche Weise vollendete sondern stattdessen nicht nur zwei Blicke ins Leben wagte.

Als Verleger tritt Jens in vielen Fällen vor allem als Wunscherfüller auf, denn der Wille zum Buch ist nicht nur in ihm übermächtig, er grassiert geradezu unter uns, und nichts ist schöner, als den eigenen Band endlich in den Händen zu halten. Demgegenüber sieht er seine Rolle zunehmend auch als Kunstvermittler. Mit der von Günter Gerstmann in Jena angeregten Neuherausgabe der Gedichte und Tagebücher von Hanns Cibulka, der Herausgabe der stimmungsvollen Skizzenbücher von Thilo Hänsel, der Übernahme der Kataloge von Michael Hofmann und der Reihe der, wenigstens in Radebeul viel zu wenig beachteten, Aphorismen von Christian Uri Weber und nicht zuletzt mit der Edition des Lebenswerkes des Puppenspielers Gottfried Reinhard, um nur einige zu nennen, sind ihm wichtige Schritte zur Kunstvermittlung gelungen.

Für die Reihe Lesen in Kötzschenbroda konnte Jens sogar Franz Hohler nach Radebeul locken. Als Gründungsmitglied der IG Jazzgeflüster, die zwischen 2005 und 2007 zu monatlichen Veranstaltungen lud, hatte er zwischenzeitlich wieder seiner alten Liebe gehuldigt – schließlich heißt es nicht umsonst, MUSIK ist das BESTE.

An dieser Stelle aber muss Altmeister Zappa doch widersprochen werden:
Wirklich Das BESTE nämlich ist, dass wir nun den Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul an Jens Kuhbandner überreichen, an einen Mann also, ohne den die Kultur in der Stadt ein gutes Stück ärmer wäre, an einen Mann, dem immer wieder gelingt, was vielerorts nicht mehr für möglich gehalten wird und deshalb nur umso wichtiger ist: in schwierigen Zeiten positive Signale aus dem Elbtal heraus ins weite Land zu senden.

Und nun ganz zum Schluss noch einmal Frank Zappa: Okay. Das wars. Ende. (…) und vergessen Sie nicht, wählen zu gehen.

Thomas Gerlach

40. Radebeuler Grafikmarkt

Viel Raum für die Kunst und gute Stimmung

Die Vielfalt der Motive und Handschriften ist immer wieder verblüffend und macht die Kaufentscheidung nicht gerade leicht
Bild: B.Schade


Sonntag am 4. November 2018. Es ist noch früh am Morgen. In der Elbsporthalle stehen Tische, Stühle und Bauzäune – akkurat nach Möblierungsplan verteilt. Auch das Künstlercafé und die Jubiläumsausstellung sind bereits gestaltet und lassen den besonderen Anlass erahnen. Nun muss sich nur noch alles mit Leben füllen. Kurz vor 8 Uhr trifft der erste Künstler ein. Er kommt aus dem Vogtland. Dann geht es Schlag auf Schlag. Die Künstler ziehen zuerst ein Los mit der Standnummer. Danach folgt ein kurzer Blick auf den Orientierungsplan. Besonders interessiert sie: Wo stehe ich? Ist es ein Eck- oder Mittelstand? Wer sind meine Nachbarn? Ansonsten haben alle nahezu gleiche Rahmenbedingungen. Die Auflage- und Hängeflächen sind knapp bemessen. Ohne Kompromisse geht gar nichts. Ideen sind gefragt. Die Pfiffigen haben sich schon im Vorfeld etwas einfallen lassen. Für das Einrichten des Standes vor Ort bleibt nicht viel Zeit. Durch die Halle zieht Kaffeeduft. Schnell noch eine Tasse so nebenbei getrunken. Denn bis spätestens um 9.30 Uhr muss alles fertig sein. In Windeseile macht die Organisationsleitung einen Kontrollrundgang. Vor allem die Gänge müssen frei von Kisten, Mappen und sonstigen Stellagen sein. Als die Tür um 10 Uhr geöffnet wird, ergießt sich der Besucherstrom in die 900qm große Halle, welcher bis zum Veranstaltungsende kaum abbricht. Den ersten neugierigen Blicken folgen lebhafte Gespräche. Berührungsangst scheint hier ein Fremdwort zu sein. Wer dabei war, will im nächsten Jahr gern wiederkommen. Viele Künstler schwärmen vom kauf- und diskutierfreudigen Publikum. Visitenkarten, Flyer mit Kursangeboten, Ausstellungs- und Veranstaltungstipps werden ausgetauscht. Acht Stunden mit Kunst und Künstlern vergehen wie im Flug. Zirka 4.000 Besucher wurden geschätzt. Über 100 Künstler hatten mehr als 7.000 Exponate im Angebot. Die Vielfalt der Motive und Handschriften ist immer wieder verblüffend und macht die Kaufentscheidung nicht gerade leicht.

Zahlreiche Extras bereichern den Radebeuler Grafikmarkt. Dicht umlagert sind jene Stände, an denen zu erleben ist, wie eine Grafik gedruckt oder Bilderrahmen vergoldet werden. Im Kreativbereich sind kleine und große „Sonntagsmaler“ selber aktiv. Kunstorientierte Radebeuler Vereine erläutern ihre Anliegen und werben für neue Mitglieder. Das verführerische Kuchenbuffet mit Selbstgebackenem macht Appetit und die Jubiläumsausstellung schwelgt ein wenig in Nostalgie. Der Packstand ist Service- und Prüfstand zugleich. Hier zeigt sich, ob und was gekauft worden ist. Durchgängig hatten an diesem Stand bis zu drei Helferinnen alle Hände voll zu tun. Auch an die Betreuung der Mitwirkenden wurde fürsorglich gedacht.

Ein letztes Mal in Verantwortung: die Organisationsleiterin Karin Baum und ihr mithelfender Ehemann am 4.11. 2018 um 19.38 Uhr. Ende gut, alles gut – der 40. Radebeuler Grafikmarkt ist Geschichte
Bild: C. Latendorf


Die Studenten der Dresdner Kunsthochschule – genauer gesagt, die „Sprösslinge der (Prof. Ralf) Kerbachklasse“ – beteiligten sich erstmals an einem Grafikmarkt und konnten hier praktische Erfahrungen sammeln. Spannend war für sie Folgendes: Wie präsentieren wir unsere Arbeiten? Wie reagieren die Besucher darauf? Werden sich Käufer finden? Was zeigen die gestandenen Künstlerkollegen?

Die Atmosphäre war entspannt und freundlich. Der Radebeuler Oberbürgermeister und zahlreiche Stadträte hatten sich auf unspektakuläre Weise unters Publikum gemischt. Das Besondere des Radebeuler Grafikmarktes besteht in der sensiblen Balance aus Geben und Nehmen. Die Stadtverwaltung als Veranstalter trägt vorab alle Ausgaben für das städtische Personal, die Honorare, Mieten, Materialien und Druckerzeugnisse. Die Refinanzierung erfolgt zu 50 Prozent aus den moderaten Standgeldern, die ganz bewusst erschwinglich bleiben sollen. Der städtische Zuschuss für den Grafikmarkt ist einerseits als Beitrag zur Künstlerförderung und andererseits als ein kulturelles Veranstaltungsangebot für die interessierte Bürgerschaft zu verstehen.

Über all die Jahre wurde der fachliche Austausch zwischen den Organisatoren der Grafikmärkte in Dresden, Meißen und Radebeul voller Empathie gepflegt. Und so herrschte dann auch große Freude, als eine dreiköpfige Delegation vom Dresdner Grafikmarkt Grüße und Glückwünsche zum Jubiläum überbrachte. Im Gegenzug inspizierte in der Folgewoche eine Abordnung aus Radebeul den Dresdner Grafikmarkt, welcher seit 2017 in Räumen des Hygienemuseum sein neues Domizil gefunden hatte. Die kulturpolitische Bedeutung der Grafikmärkte ist nicht zu unterschätzen. Künstler, die Kunst produzieren und Menschen, die sich an Kunst erfreuen bzw. diese käuflich erwerben, bedingen einander. Orte der Präsentation und Kommunikation bilden hierfür eine wichtige Basis.

Schließlich soll in diesem Beitrag noch einmal verschiedenen Partnern gedankt werden. An erster Stelle geht ein Dankeschön an den Designer Matthias Kratschmer, der die Druckerzeugnisse, das Café und die Jubiläumsausstellung gestaltete. Ein weiteres Dankeschön gilt allen Helfern vor und hinter den Kulissen. Gedankt sei auch allen mitwirkenden Künstlern, die auf kleine Pannen mit Humor und Toleranz reagierten. Für die unkompliziert konstruktive Zusammenarbeit geht ein Dankeschön an den Sportstättenbetrieb und die Servicefirma Frenzel für Verkehrsleiteinrichtungen. Postum ist ein besonderer Dank weit zurück in die Vergangenheit gerichtet. Er gilt all jenen, die dazu beigetragen haben, dass genau vor 110 Jahren diese wunderbare Mehrzweckhalle eingeweiht werden konnte, die bis heute ihre Funktion erfüllt und zugleich in ihrer ausgewogen zeitlosen Ästhetik nahezu perfekt für eine Veranstaltung wie den Radebeuler Grafikmarkt geschaffen ist. Stadtmütter und Stadtväter hütet diesen kostbaren Schatz!

Karin (Gerhardt) Baum

Editorial Dezember 18

Man war versucht den Herbst zu verpassen.
So weit reichten die sommerlichen Temperaturen in das späte Jahr hinein.
Und fast vermisste man schon die „ungemütlich-gemütlichen“ grau kaltnassen Novembertage, hätten da jahreszeitbedingt nicht doch die Blätter in den leuchtendsten Farben tanzend den Weg zum Boden gesucht.
Nun wurde das letzte Laub beflissen von den Gehwegen gefegt, als wolle man für die kommenden betriebsamen Wochen Laufstege schaffen.
Denn da ist sie wieder, die vorweihnachtliche Zeit die so viel schneller läuft.
Mit all ihren Facetten durchdringt sie wieder unentrinnbar Mensch und Gesellschaft. Oder, Gesellschaft und Mensch?
Ja, alle Jahre wieder eben. – Der Spagat zwischen zwanghaftem Konsum und innerer Einkehr. Zwischen Wunsch, Gleichmut und Unvermögen.
Und dann der alljährlich bange Blick in die Welt zwischen Hoffnung und Resignation. Der einst scheinbar so fernen Welt, welche mehr und mehr vor die eigene Haustür zu rücken scheint. Weihnachtsfriede kann wohl nur aus einem selbst kommen.
In der Rückschau bleibt uns die „Vorschau“. In diesem Sinne!

Liebe Leserinnen und Leser, im Namen der Redaktion wünschen wir Ihnen eine schöne wie friedvolle Advents- und Weihnachtszeit und glückvolle Momente im kommenden Jahr.
Bleiben Sie unserem Heft auch künftig gewogen!
Schließlich bleibt still zu hoffen, dass das allzu trockene Jahr für Kinder und Gemüt in winterliches Weiß gehüllt ausklingen möge.

Sascha Graedtke

Büchertreffpunkt Naundorf

Mensch und Buch, Buch und Mensch, die gehören zusammen. So war es jahrhundertelang, so sollte es auch weiter sein, meint man. Doch ganz langsam beginnt diese Freundschaft, also das Verhältnis der beiden o.g., zu zerbröseln. Gut, es soll ja schon immer Menschen gegeben haben, die gar keinen Bücherschrank brauchen, denen ein, zwei oder maximal drei Bücher völlig genügen – ein Sparbuch, das Telefonbuch und vielleicht noch die Bibel. Die müssen sich, anders als ich zB., in reiferen Jahren auch kaum die Fragen stellen: wohin mit den ganzen Büchern? Passen die noch in die kleinere Wohnung, in die man zu ziehen gedenkt? Habe ich dieses Buch in den, sagen wir, letzten zehn Jahren mal wieder in die Hand genommen oder gelesen? Werden sich meine Nachkommen für meine Bücher überhaupt interessieren?

Gartenparzelle, gegenüber von Altnaundorf 14 Foto: D. Lohse

Zu all diesen Fragen kommt ja auch ein eher technischer Aspekt hinzu: brauche ich den 24-bändigen Brockhaus denn noch, wenn ich in der Tasche ein „Kastl“ habe, das mir blitzschnell alle Antworten geben kann, sofern die Kraft der Batterie, respektive des Akkus, reicht? Im gegenwärtigen Zeitalter werden fast alle Antiquare, denen wir unsere Bücher anbieten wollen, die Hände heben und nein danke sagen. Also ganz schlimme Zeiten für Leute, die Bücher lieben, den Werteverfall für Druckerzeugnisse erkennen und sich oft fragen, wie und wo kann ich Bücher, von denen ich mich trennen möchte, los werden ohne sie gleich zum Altpapier zu tragen!
In der Situation hatten ein paar Naundorfer Bürger eine nette Idee, wo man Bücher kostenlos abgeben und für andere zum Mitnehmen bereitstellen könnte. Als erstes beschlossen die Schwestern und Eigentümerinnen, Frau Mehlig und Frau Bäßler, einer Gartenparzelle gegenüber von Altnaundorf 14, ihren Garten in der Mitte von Altnaundorf zu öffnen. Dann wurde 2014 da ein spintartiger Schrank mit Dach aufgestellt, der geschätzte 300 Bücher aufnehmen kann. Und tatsächlich füllte sich der Schrank mit Büchern, ein Tisch mit Stühlen zum Verweilen kam auch dazu. Dieser Platz wurde allmählich bekannter und so funktionierte der Bücherumschlagplatz immer besser – Einer brachte gleich drei Bücher hin, ein Anderer nahm nur eins mit nach Hause, ein Dritter brachte ein Buch mit zum Platz und trug zwei heim (alles ohne Geld!). Heute spricht man in solchen Fällen wohl von einer ´´win-win-situation´´, glaube ich. Ich kann mir vorstellen, dass der Platz auch für Begegnungen am schattigen Platz im Dorf, wie einen Plausch mit oder ohne Buch genutzt wird.
Bei einem Besuch im September 2018 fand ich im Schrank vor allem Belletristik, Krimis, einzelne Sachbücher, Bildbände und auch Kinderbücher vor. An wenige Titel kann ich mich gerade erinnern: J. M. Simmel „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“, Th. Deutschbein „Freiheit von der Eifersucht“, Lingen „Großes Lexikon der Tierwelt“ und ein etwas patiniertes Russisch-Wörterbuch – eine eher zufällige Auswahl. Leider fand ich dort kein Buch von Erich Kästner, von dem ich lange keins in den Händen hielt. Frau Bäßler erklärte mir, dass man sich wünscht, durch Aufstellen eines zweiten, eventuell auch kleineren Schrankes für die Kinderbücher das Auffinden zu verbessern. Ein Schrankspender wird aber noch gesucht!

Foto: D. Lohse

Freilich, man sieht dieser ausgeführten Idee zum Bücherwechsel an, dass sie nicht viel Geld kosten durfte, aber insgesamt macht der Platz einen ordentlichen Eindruck.
Ganz neu ist die Idee nicht, andernorts bei einer Wanderung im Siegerland und auch in Ansbach sah ich mal eine mit Büchern gefüllte Telefonzelle – auch derartige Umschlagplätze für Literatur. An ältere Telefonzellen war bisher in Radebeul aber nicht ranzukommen, leider. Denkbar wäre es, diese Idee des kostenlosen Büchertauschs an anderer Stelle in Radebeul noch ein zweites Mal zu versuchen, dabei sollte aber die Nähe von Bibliotheken und Buchläden respektvoll gemieden werden. Die Naundorfer hätten wohl nichts dagegen, wenn ihre Idee kopiert würde.
Auf den Naundorfer Bücherumschlagplatz hatte mich übrigens eine Kötzschenbrodaer Buchbinderin aufmerksam gemacht, der ich hier für den Hinweis danken möchte. Ich weiß aber gerade nicht, ob Frau Lindner diese „Vorschau“ liest.

Dietrich Lohse

„Der hat’s gekonnt“

Sonderausstellung im Käthe Kollwitz Haus Moritzburg anlässlich des 80. Todestages
von ERNST BARLACH

Noch bis zum 9. Dezember 2018 ist diese beeindruckende Ausstellung zu sehen. Deshalb soll hier nochmals darauf hingewiesen werden. Die sehr gut besuchte Eröffnung fand bereits am 9. September statt und war ein großartiges Erlebnis. Zum Einen trugen dazu die einführenden Worte der Leiterin des Hauses, Frau Sabine Hänisch, und die Laudatio von Frau Dr. Petra Kuhlmann-Hodick, der Oberkonservatorin des Dresdner Kupferstich-Kabinetts, bei. Zum Anderen ließ die dargebotene Musik eine ganz besondere Atmosphäre entstehen, wie im Editorial genauer beschrieben.

Selbstbildnis I SKD Kupferstich-Kabinett Dresden, Foto: H. Boswank

Einige Auszüge aus der Laudatio, für deren Freigabe der Autorin herzlich gedankt wird, sollen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf die Exposition neugierig machen, gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation:

„ An diesem Ort, im Käthe Kollwitz Haus, an Ernst Barlach zu erinnern ist sicher naheliegend. Sabine Hänisch hat den Ausspruch der Künstlerin „Der hat’s gekonnt“ als Motto über die Präsentation gestellt und damit auf die Bewunderung, die Käthe Kollwitz für den drei Jahre jüngeren Bildhauer empfand, verwiesen, auf die Anregungen, die Kollwitz aus der Begegnung mit seinem Schaffen für ihre Graphik und ganz besonders für ihre bildhauerische Arbeit gezogen hat…

Vor nunmehr 80 Jahren, am 24. Oktober 1938, starb der aus Wedel bei Hamburg stammende Ernst Barlach …Nur einige Stichpunkte zu seiner Biographie seien erinnert: Barlach hatte die Kindheit mit seinen drei jüngeren Brüdern in Schönberg und Ratzeburg verbracht. Das Verhältnis zu der aus gesundheitlichen Gründen über lange Zeit abwesenden Mutter war durch deren psychische Labilität überschattet. Den als Arzt tätigen Vater begleitete Ernst Barlach häufig in der Kutsche, wenn er zu seinen Patienten fuhr. Als er 14 war starb der Vater mit gerade einmal 45 Jahren. Barlach besuchte zunächst seit 1888 die Kunstgewerbeschule in Hamburg, und schrieb sich 1891 an der Kunstakademie in Dresden ein, wo er Meisterschüler von Robert Dietz wurde. Nach Abschluss des Studiums 1895 führten ihn zwei Aufenthalte 1896 und 1897 nach Paris. In den folgenden Jahren lebte er, neben Aufenthalten in Hamburg, in Friedrichroda in Thüringen und in Höhr im Westerwald, seit 1899 vorwiegend in Berlin. Freundschaftlich war er mit dem Verleger Reinhard Piper verbunden. 1906 unternahm Ernst Barlach gemeinsam mit seinem Bruder Niko eine Reise nach Russland zu dem dort lebenden Bruder Hans. Die Reise vermittelte ihm entscheidende Impulse und wurde vielfach als Schlüsselerlebnis für sein bildkünstlerisches und auch sein dramatisches Werk beschrieben. Im selben Jahr wurde sein Sohn Nikolaus geboren, für den er später das alleinige Sorgerecht erhielt. 1907 befreundete er sich mit Paul Cassirer, der die Alleinvertretung seiner Werke übernahm und bis zu seinem Freitod 1926 den Künstler nach Kräften unterstützte. 1909 führte die Verleihung des Villa Romana-Preises Barlach nach Florenz, wo er sich mit dem Schriftsteller Theodor Däubler anfreundete – auch dies eine Begegnung, die ihn nachhaltig beeinflusste. 1910 zog Barlach zu seiner Mutter und seinem damals bei ihr lebenden Sohn Nikolaus nach Güstrow…
Es ist Barlachs Graphik aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren, die im Fokus der hier gezeigten Ausstellung steht. 1914 entstanden für die bei Paul Cassirer erschienene, zunächst als Zeugnis des patriotischen Aufbruchs angelegte Zeitschrift „Kriegszeit“ mehrere Lithographien Barlachs, die in ihrem ernst bewegten Pathos eine seltsam anmutende Ambivalenz aufweisen. Der mit der todbringenden Sichel gewaltig ausschreitenden Figur des „Heiligen Krieges“ geht alles Triumphale ab. Und die kriegerische Formel „Erst Sieg. Dann Frieden.“ gerät in Barlachs Interpretation zur unbarmherzigen und machtlosen Drohung gegen den über dem Gräberfeld hoffnungslos Verzweifelten, den Barlach zeigt. Deutlicher noch und mit nunmehr klarem Appell sprechen Barlachs Beiträge zu der nachfolgend erschienenen Zeitschrift „Bildermann“ von der Verzweiflung angesichts der Schrecken des Krieges. Einen tief bewegt und machtlos die Hände ringenden Christus, hinter dem der Drei-Kreuze-Hügel von Golgatha aufragt, verweist der biblische Versucher auf die Reiche der Welt: einen endlosen Wald von Grabkreuzen auf den irdischen Feldern. In den Nachkriegsjahren führt Barlach das Thema der Verelendung und menschlichen Verrohung weiter aus, etwa im Bild der Kupplerin, die den Oberkörper einer hilflos ihr ausgelieferten jungen Frau entblößt, um sie einem Freier anzubieten.
In seiner reduzierten, ganz auf den formenden Umriss seiner Figuren konzentrierten Bildsprache zeigt sich gerade in Barlachs Graphik die auf den Gestus gerichtete Ausdruckswelt des Bildhauers, die auf Käthe Kollwitz so eindrücklich gewirkt hat. Paradigmatisch kann hierfür die Gestalt des Blinden in einer Lithographie von 1918 stehen – die gleiche Grundform wird er 1931 einer Bronzeplastik zugrundelegen, dem „Zweifler“, der seine eigenen Züge zu tragen scheint.
Mit dieser Ausstellung gibt das Käthe Kollwitz Haus seinen Besuchern die Möglichkeit, zu neuen nachdenklichen und berührenden Begegnungen mit dem Werk Barlachs.“

Ilona Rau

Das Käthe Kollwitz Haus ist von November bis März geöffnet:
Di -Fr 12 – 16 Uhr,
Sa/So 11 – 16Uhr

Bismarcks Treppe

Foto: J. Baumann

„Die nationale Einigung aber wäre nicht möglich gewesen, wenn die Kohle unter der Asche nicht glimmend gewesen wäre. Wer hat dieses Feuer gepflegt? Die deutsche Kunst, die deutsche Wissenschaft, die deutsche Musik: das deutsche Lied nicht zum wenigsten. Wir haben keine sächsische und keine preußische Musik gehabt, wir kennen keine partikularistische Musik in Deutschland. Wenn ein Lied gedichtet war, so war es einerlei wo, es war ein deutsches, und es ist das deutsche Lied und die Pflege der Musik eine Macht gewesen. Auch die Universitäten und mit ihnen die deutsche Literatur haben merklich mitgeholfen, das Nationalitätsgefühl wach zu halten. Die Wissenschaft appelliert an den Verstand, die Musik ans Gefühl, und das Gefühl ist, wenn es zur Entscheidung kommt, stärker und standhafter als der Verstand des Verständigen“ soweit Bismarck, zitiert aus einer Ansprache an die Dresdner Liedertafel im Mai 1892 und entnommen einem Vortrag von Dr. Ulf Morgenstern am 1. April 2013 im Spitzhaus.
Immer wieder hatte der Verein in den letzten Jahren in „Vorschau & Rückblick“ und im Amtsblatt auf sein Vorhaben des Einbaus einer Treppe in den Bismarckturm aufmerksam gemacht und zu Spenden aufgerufen. Idee war, dass allein aus dem Engagement der Bürger diese Treppe entsteht und sich die Stadtverwaltung im Gegenzug um die äußere Sanierung des Turmes und eine ansprechende Gestaltung des Umfeldes kümmert. Also eine Win-Win-Situation für Bürger und Verwaltung und den Turm sowieso, der, als ungenutztes Denkmal Wetter und anderen Grobheiten ausgesetzt, eine bzw. seine vollendete Nutzung erfahren soll und damit die Lücke zwischen Hoflößnitz, Spitzhaustreppe, Pavillon und Spitzhaus schließt. Nutzung schafft Pflege und Sicherheit für unser kulturelles Erbe, so die Idee. Und diese Idee lehnt eben auch an das Eingangszitat an, weil Kunst und Kultur, wozu wie selbstverständlich auch das gebaute Erbe zählt (wie auch Wissenschaft), als gemeinsames Fundament unserer Gesellschaft empfunden werden. Die Kultur kommt vor den Finanzen; Sinn und Zweck einer gesellschaftlichen Vereinbarung sind etwas anderes als Mittel, dieses zu erreichen.

Foto: J. Baumann

Auf die Bedeutung der Werteorientierung anhand von Bismarck, gerade auch in unseren heutigen politischen Zeiten von Anfeindungen und Herabwürdigung von Menschen, wies auch Falk Drechsel, Lehrer am Gymnasium Klotzsche, in seiner Rede vom 1. April 2017 im Spitzhaus wie folgt hin: „Wenn ich bei Bismarck eben nicht aufhöre nach dem ´Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt‘, sondern fortsetze mit seinem und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt‘, dann bin ich bei Werteorientierung. Wenn ich darstelle, dass zu Otto von Bismarck eben auch seine Frau Johanna gehörte und beide eine wohl sehr innige Liebe verband, werden auch Obrigkeitspolitiker menschlich. Das muss nicht in Voyeurismus, Anekdotismus oder Kitsch ausarten. Und somit hege ich die Hoffnung, dass Bismarck im Geschichtsunterricht nicht nur gut ist, zur Erhellung der Vergangenheit beizutragen, sondern auch unser Verhalten in der Gegenwart ein wenig zum Positiven zu beeinflussen. Und dann hört es vielleicht endlich auf, dass Politiker als „Birne“ bezeichnet oder mit Farbbeuteln beworfen werden, dass ihnen entmenschte Praktiken unterstellt oder verächtlichmachende Sexualattribute zugestanden werden, dass wir ihren Gang durch eine Kunst- und Kulturstadt unter nachgemachte Tiergeräusche stellen oder sie auf Demonstrationsplakaten mal schnell an einen Galgen hängen. Und dass diejenigen, die sich selbst als Hüter und Kontrolleure der sozialen Ordnung akzeptiert sehen wollen, das, je nach eigenem politischen Wahrheitsanspruch, schließlich unter das Postulat „Meinungsfreiheit“, „Kunst“ oder „Satire“, welche vermeintlich alles dürften, stellen.“
Und jetzt kommt sein entscheidender Satz, den wir uns immer wieder verinnerlichen sollten: Unter unserem politisch unstrittigen Grundkonsens der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gibt es noch einen. Einfacheren. Sowas macht man nicht.
Dass unsere Treppen-Idee als Nutzungskonzept funktioniert, zeigte schon der provisorische Treppeneinbau 2007. Damals kamen in nur vier Wochen über 1.000 Besucher, um einen Blick von der Turmkrone in das Elbtal zu werfen. 2013 begann dann unsere konkrete Werbeaktion, die wir nun am 26. September 2018 vorerst mit dem Einschweben der Treppe krönen konnten. Die Treppe basiert auf einem Entwurf der Architekten Baarß & Löschner und wurde von der Metallbaufirma Göpel aus Glashütte gefertigt. Bauherr ist die Stadt Radebeul, an die der Verein die Spenden per Vertrag zweckgebunden übergibt; denn die Stadt ist besser als der Verein in der Lage, die Leistungen auszuschreiben, zu überwachen und den Bauablauf zu koordinieren. Zudem ist der Turm ja sowieso städtisches Eigentum und damit dann auch die mit ihm verbundene Treppe.
Wir haben seit 2013 nunmehr deutlich über 200.000 € Dank von etwa 900 Spendern hierfür gesammelt, wovon bisher rund 200.000 € für Werbung und folgende Gewerke ausgegeben wurden:
1. Gerüstbau, Radebeuler Dachdecker
2. Bodenplatte und Maurerarbeiten, Baugeschäft Bialek
3. Schlosserarbeiten, Metallbau Anders OHG
4. Stahlbauarbeiten, Metallbau Göbel GmbH
5. Baustrom, Elektro Schröter
6. Anschluss Baustrom, Stadtwerke Elbtal
7. Blitzschutz, Blitzschutzanlagenbau Müller
8. Statik, Ingenieurbüro Simon und Ingenieurbüro Liebau
9. Elektroplanung, Ingenieurbüro Kießling
10. Bauplanung, Baarß und Löschner Architekten

Foto: J. Baumann

Aus stehen noch die Podestfläche und das Schiebedach, die Stufenbeläge, die Zugangskontrolle mit Drehkreuz und die Eingangstür, die Elektroinstallation und einige Kleinigkeiten. Auch hierfür haben wir bereits einiges an Mitteln beisammen, aber es fehlen uns noch rund 20.000 €. Wir rufen daher nochmals alle diejenigen auf, die dann gern den Rundumblick über Dresden, Cossebaude, Meißen und Moritzburg genießen wollen, dieses Vorhaben zu unterstützen. Ab 500.- € wird man Podestpate; ein ganzes Podest (es gibt acht) ist für 6.000 € auch für sich oder eine Interessensgruppe zu erwerben. Alle diese Unterstützer werden dann gut sichtbar namentlich verewigt – wenn sie es wollen.
Abgesprochenes Ziel mit der Stadtverwaltung ist es dann, den Turm ab dem 1. April 2019, Bismarcks 204tem Geburtstag, zu eröffnen. Wenn der Turm fertig ist, gilt es noch, einen weiteren Mehrwert zu schaffen: Mittels einer Computersimulation soll es dann möglich werden, sich zu den heutigen Sichtbeziehungen die Sichtbeziehungen zu bestimmten zurückliegenden Jahren anzusehen, z.B. Radebeul um 1900 oder um 1800. Wir erhoffen uns damit eine Dokumentation der Stadtentwicklung mit all ihren Vorzügen und Nachteilen. Dies wird aber nicht möglich sein ohne die Einbindung von Schulen und entsprechend heimatkundlich dort orientierten Projekten.
Bitte helfen Sie mit, werden Sie Stifter, recherchiert zur Geschichte!

Jens Baumann

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Kontakt: Dr. Jens Baumann, Hohe Straße 26b, kanu2@gmx.de oder 0162-4060444; Spendenkonto: Sparkasse Meißen, Empfänger: Spende Bismarckturm, IBAN: DE42 8505 5000 0500 1197 83

Voll der Osten

Leben in der DDR – Fotoausstellung von Harald Hauswald mit Texten von Stefan Wolle

Foto: M. Reißmann

Zwar ist zur Ausstellungseröffnung am 17. September schon in anderen Printmedien berichtet worden, trotzdem soll hier im Novemberheft ausdrücklich auf die noch bis 29. November 2018 zu sehende Fotoausstellung im Foyer der Landesbühnen erinnert werden.
Harald Hauswald ist 1954 in Radebeul geboren. Sein Vater hatte ein Fotoatelier, zuletzt in Coswig. So ist es nicht verwunderlich, dass Harald Hauswald zumindest Grundlagen der Fotografie zu Hause erlernte. Allerdings war ihm das Fotogeschäft auf Dauer zu langweilig. Er zog dann 1978 nach Berlin und begann als „Straßenfotograf“. Eine Auswahl seiner Arbeiten wurde jetzt für die Ausstellung verwendet.
Auf 20 Tafeln sind Fotos von ihm zu finden, die Szenen aus dem Alltagsleben von DDR-Bürgern wiedergeben, ohne Pathos, ohne negative Seiten hervorzuheben, einfach nur liebevoll und mit Respekt festgehaltene Momente.
Der Historiker Dr. Stefan Wolle ist 1950 in Halle/Saale geboren. Nach Abitur und Buchhändlerlehre studiert er in Berlin an der Humboldt-Universität Geschichte und Germanistik.und promoviert 1984 über die deutsch-russischen Wissenschaftsbeziehungen
um 1800. Nach dem Mauerfall wird Stefan Wolle Sachverständiger für die Stasi-Akten am Runden Tisch.
Stefan Wolle ordnete die Fotos zur Ausstellung thematisch. Von A wie Abschied über H wie Heiterkeit, N wie Neugier bis Z wie Zärtlichkeit sind seine prägnanten Texte treffende
Kommentare zu den Fotos.
Überzeugen Sie sich selbst. Zu betrachten ist die Schau immer an Theaterabenden eine Stunde vor Beginn. Wenn Sie beides koppeln, haben Sie doppeltes Vergnügen.
Für im Bereich Bildung Tätige sei darauf hingewiesen, dass diese Ausstellung kostenlos bei der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen erhältlich ist.

Ilona Rau

Editorial 11-18

Ich weiß nicht, wie viele Ausstellungseröffnungen ich schon erlebt habe. Häufig sind die Eröffnungsreden und Laudationes in Musikstücke eingebettet. Oftmals sind es Freunde der ausstellenden Künstler oder der Organisatoren, die mit ihren musikalischen Auftritten die Eröffnungen abrunden oder auch nur füllen.
Zur Eröffnung der Ernst Barlach-Ausstellung „Der hat’s gekonnt“ im Käthe Kollwitz Haus in Moritzburg erlebten die Gäste eine Sternstunde. Der Pianist Michael Hein hatte nach Betrachten der grafischen Arbeiten von Ernst Barlach mit großartigem Gespür für die emotionale Wirkung der Bilder und Parallelen in der Musik Stücke von Claude Debussy ausgesucht. Schon das einleitende Prélude zog die Zuhörer in Verbindung mit den ausgestellten Werken ganz in den Bann. Das setzte sich mit den folgenden Stücken fort und weckte auch Assoziationen in Hinblick auf den bekannten schweren Weg des Menschen und Künstlers Barlach – wie auch von Käthe Kollwitz – in Zeiten des Nationalsozialismus. Schon ein Blick auf das Selbstporträt Barlachs, während die impressionistischen Klänge vom Klavier aus den Raum erfüllten, wühlte ungemein auf.
Das gesamte Eröffnungsprogramm wirkte so komplex und dicht, dass von einem denkwürdigen Vormittag im Käthe Kollwitz Haus gesprochen werden kann.
Eine sorgfältige Musikauswahl für die genannten Anlässe ist sicher nicht immer möglich,
lohnt sich jedoch sehr.
Mehr zur Ausstellung an anderer Stelle in diesem Heft.

Ilona Rau

Kommune, Kunst und Grafikmarkt

Zum 40. Geburtstag – Ideen statt Blumen

Zum 20., 25., 30., 35. und 40. Grafikmarkt – immer wieder das gleiche Ritual: Innehalten, reflektieren, fabulieren über das Woher und Wohin.

Die Anregung in Radebeul einen Grafikmarkt zu etablieren, stammte von Fritz Treu (1908 – 2009), dem damaligen Vorsitzenden der Pirckheimer-Gesellschaft. In der Kreissekretärin des Kulturbundes, Erika Claus (1928 – 2013), hatte er über viele Jahre eine aktive Verbündete gefunden. Nicht zuletzt waren natürlich auch die Künstler an einer Präsentations- und Verkaufsmöglichkeit sehr interessiert. Der erste Grafikmarkt startete am 20. und 21. Oktober 1979 im Festsaal des Radebeuler Rathauses, welchen die Stadtverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. Zu den 24 Künstlern, die sich an jenem Grafikmarkt beteiligten, gehörte die heute 92jährige Malerin und Grafikerin Lieselotte Finke-Poser. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie die Grafiken auf Holztischen lagen und an Wäscheleinen hingen, wie die Kunstfreunde, darunter viele fachkundige Sammler, bereits im Treppenhaus Schlange standen, um eine der heiß begehrten Originalgrafiken zu ergattern.

Festlicher Auftakt zum 30. Grafikmarkt 2008 vor dem Rathaus in Radebeul-Ost Foto: K. (Gerhardt) Baum

Wenngleich der Radebeuler Grafikmarkt der älteste sächsische Grafikmarkt in lückenloser Folge ist, bestand und besteht kein Grund, sich auf dieser Tatsache auszuruhen. So ist das Ringen um den künstlerischen Anspruch bis heute ein zäher Kampf geblieben. Aber auch gesellschaftliche, personelle und räumliche Veränderungen forderten die Organisatoren immer wieder aufs Neue heraus.

Als sich die Radebeuler Ortsgruppe des Kulturbundes 1990 auflöste, übernahm die Stadtgalerie – zugegebenermaßen recht zögerlich – im gleichen Jahr die Veranstaltungsorganisation. Das Kaufinteresse an Kunst tendierte in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs gegen Null. Aber ein Versuch konnte ja nicht schaden. Die Beharrlichkeit zahlte sich schließlich aus. So nach und nach kehrte die Kauffreude zurück. Bereits 1995 sinnierte der damalige Amtsleiter für Bildung und Kultur, Dr. Dieter Schubert (1940 – 2012), dass der Grafikmarkt wieder aus der Obhut der Stadtverwaltung in die Freiheit entlassen und an einen künftigen „Kunst- und Kulturverein“ übergeben werden könnte. Tatsächlich gründete sich 1996 der Radebeuler Kunstverein, welcher bis zu seiner Auflösung im Februar 2017 dem kleinen hauptamtlichen Organisationsteam der Stadtverwaltung – später auch im Verbund mit dem 1999 gegründeten Förderkreis der Stadtgalerie – zuverlässig zur Seite stand.

Reges Interesse zum 39. Grafikmarkt 2017 in der Elbsporthalle Radebeul-West Foto: K. (Gerhardt) Baum

Bedingt durch Umbaumaßnahmen im Rathaus und der gegenüberliegenden Schule, deren Räume ab 2001 für den expandierenden Grafikmarkt mit genutzt wurden, galt es ab 2015 eine dauerhafte und bezahlbare räumliche Alternative zu finden. Allen Bedenkenträgern zum Trotz stellte sich die Elbsporthalle in Radebeul-West als eine sehr gute Wahl heraus. Der neue Veranstaltungsort bietet 900 qm barrierefreie Ausstellungsfläche. Seitdem hat der Radebeuler Grafikmarkt vor allem an sozialer Qualität gewonnen. So ist es immer wieder sehr berührend zu erleben, wie junge Familien mit Kinderwagen und Menschen, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, an diesem kulturellen Höhepunkt unserer Stadt teilhaben können. Die Raumsituation ermöglicht es, dass die Künstler ihren eigenen Stand betreuen. Fragen zu speziellen Drucktechniken, künstlerischen Intentionen oder neuen Ausstellungsprojekten finden auf direktem Wege eine fundierte Antwort.

Zum diesjährigen Jubiläumsgrafikmarkt haben über 100 Künstler ihre Teilnahme zugesagt. Sie kommen aus Radebeul, dem näheren Umland, aber auch aus ferner gelegenen Städten und freuen sich schon auf den Austausch mit ihrem Publikum sowie auf das Fachsimpeln im Kollegenkreis. Darüber hinaus werden Arbeiten aus den Nachlässen verstorbener Künstler angeboten. Erhältlich sind Druckgrafiken, Collagen, Zeichnungen, Aquarelle, Scherenschnitte, Fotografien, Plakate, Kalender, Künstlerbücher und Kunstpostkarten. Die Auswahl an Motiven, Techniken und Handschriften ist groß. Die Preise sind moderat. Gekauft wird, was gefällt. Nicht nur Sammler, vor allem auch Familien gehören zum festen Besucherstamm. Speziell für Kinder gibt es eine Mitmach-Kreativstation. Bei Schauvorführungen kann man erleben, wie eine Grafik entsteht oder Bilderrahmen vergoldet werden. Erstmals präsentiert sich zum Radebeuler Grafikmarkt eine Studentengruppe von der Dresdner Kunsthochschule. Ein wichtiger Kontakt, der auch künftig gepflegt werden soll. Aus dem spannenden Kontrast zwischen klassischen Drucktechniken und „Neuen Medien“ könnte sich ein weiterer konzeptioneller Ansatz ergeben.

Zahlreiche Service- und Informationsstände bereichern das Programmangebot des Grafikmarktes. Eine Ausstellung mit Fotos und Dokumenten aus vier Jahrzehnten erinnert an die bewegte Geschichte des Radebeuler Grafikmarktes sowie an verstorbene Künstler, die mit ihren Werken vertreten waren. Auf interessante Gespräche freuen sich auch die Redaktion des kulturellen Monatsheftes „Vorschau und Rückblick“ sowie der frisch gekürte Radebeuler Kunstpreisträger und Leiter des „NOTschriftenverlages“ Jens Kuhbandner. Das originell gestaltete Künstlercafé lädt zum Plaudern und Verweilen ein. Der Flyer mit einer Auflistung aller Grafikmarktteilnehmer ist in den Radebeuler Kultureinrichtungen, Buchhandlungen, der Touristinformation und dem Rathaus erhältlich sowie als Online-Version auf der städtischen Homepage.

Kunstproduktion und Kunstreflektion bedingen einander. Grafikmärkte befördern die Freude am aufgeschlossenen Disput und tragen zum Kennenlernen und Verstehen bei. Im heiter gelassenen Umgang mit Kunst, zeigt sich die Radebeuler Lebensart von ihrer besten Seite: Toleranz statt Ignoranz, Empathie statt Dauerfrust.

Damit die Standgebühr für alle Künstler erschwinglich bleibt, steuert die Radebeuler Stadtverwaltung alljährlich einen finanziellen Zuschuss bei. Die Mitarbeiter der Stadtgalerie werden unterstützt durch Kollegen aus anderen Ämtern, den Förderkreis der Stadtgalerie, zahlreiche ehrenamtliche Helfer und natürlich durch die Künstlerschaft. Alljährlich formieren sich die städtischen Hausmeister zur temporären Eingreiftruppe und meistern souverän das Umrüsten und die Grobmöbilierung der großen Veranstaltungshalle. Jeder Handgriff sitzt. Das Zusammenspiel funktioniert auf wunderbar anachronistische Weise. Dafür ein Dankeschön an alle, die dazu beitragen, dass am 4. November 2018 der 40. Radebeuler Grafikmarkt Genuss und kreative Anregung bietet. Den Künstlern ist zu wünschen, dass viele der hier gezeigten Werke beglückte Käufer finden mögen.

Karin (Gerhardt) Baum

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